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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 18:13:09 -0700
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+The Project Gutenberg eBook of Die Brüder Schellenberg, by Bernhard
+Kellermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Die Brüder Schellenberg
+
+Author: Bernhard Kellermann
+
+Release Date: January 6, 2022 [eBook #67112]
+
+Language: German
+
+Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
+ at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER
+SCHELLENBERG ***
+
+
+
+
+
+ Die Brüder Schellenberg
+
+
+ Roman von
+ Bernhard Kellermann
+
+
+ 1925
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+ Erste bis zwanzigste Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
+ Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
+
+
+
+
+ Die Brüder Schellenberg
+
+
+
+
+ Erstes Buch
+
+
+ 1
+
+Das Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach ins Schloß. Er
+hüstelte, als er die rauhe Straßenluft einatmete, und stülpte den
+Mantelkragen in die Höhe. Und schon schlug er, fast automatisch, jenen
+Weg ein, den er in tausend Träumen und Phantasien während seines
+Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel jener
+endlosen Straßenzüge, die quer durch die Stadt nach dem Alexanderplatz
+führen. Hier, am Alexanderplatz, war in einem Warenhaus seine Geliebte
+als Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit den Augen
+eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky sie genannt hatte.
+Seine Geliebte, und wenn man wollte, seine Frau. Oder durfte er sie
+nicht so nennen? Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte?
+Und das war, bei Gott, nicht alltäglich!
+
+Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster Sparsamkeit
+mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische nehmen können, aber er empfand
+es als eine Art Wollust, diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem
+Krankenhaus und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die letzte Minute
+und Sekunde auszukosten.
+
+Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und
+jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er,
+Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er
+lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln,
+aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine
+Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen
+auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm.
+
+Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen,
+Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach
+Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie
+zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte
+seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches
+verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast
+überkam ihn eine Beklemmung.
+
+Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu
+werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der
+Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern,
+blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit
+Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl,
+schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab
+stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und
+schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig,
+es war wie in einer Schlacht.
+
+Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel
+fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab.
+Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren,
+auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der
+Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte
+er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen.
+
+Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
+
+Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in
+die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer,
+angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der
+Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts
+...
+
+Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten
+Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal
+ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er
+alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –?
+Sein geschwächter Körper bebte.
+
+Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er
+hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in
+der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen,
+bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war
+ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum
+betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten,
+keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
+
+Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt
+dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch
+über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen
+Wangen.
+
+Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe
+stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im
+Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte
+einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange
+entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder,
+Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der
+Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten
+blitzschnell ins Bodenlose.
+
+Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so aus, als gäbe es auf
+dieser Erde weder Hunger noch Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude
+mit seinen hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit Waren. Die
+Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, sie überschwemmten die Säle,
+sprengten die Wände, überströmten die Wandelhallen und Treppenhäuser.
+Aber, war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren
+Warenmassen war die Zahl der Käufer nur gering. Man drängte sich nicht
+wie früher, stieß einander nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die
+Verkäuferinnen saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel,
+färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren gingen in den
+Gängen hin und her und blieben ab und zu stehen, um eine abgeschabte
+Stelle des Läufers zu untersuchen. Eine auffallende, fast bedrückende
+Stille herrschte in dem Warenpalast.
+
+Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion zu durchqueren,
+an einigen gespreizten Wachspuppen vorbei, und man war in Christines
+Reich: Wäsche, Linnen, Spitzen für Damen.
+
+Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, die heiter
+glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch anstrahlte. Von hier aus
+vermochte er die Abteilung „Damenwäsche – Spitzen“ unauffällig zu
+überblicken. Auch hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den
+Waren wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. Eine dicke
+Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker Hamster, einige
+halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten Strümpfen.
+
+Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie eine Vision vor
+seinen Augen, während er in schlaflosen Nächten in die Ampel des
+Krankensaals starrte!
+
+Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in der Brust, als
+sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand Christine!
+
+Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an dem dünnen Kimono,
+das sie über den nackten, lackierten Beinen trug: an der Kasse lehnte,
+in einem blau-weiß gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in
+der Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas dünn, der
+Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über dem Nacken ein Gewirr von
+Locken, schwarz, blauschwarz, lebendig bei jeder kleinen Bewegung,
+fliegend, und immer in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die
+Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich über den
+Zettel.
+
+Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die Kassiererin über den
+Zettel beugen? Die Wachspuppe, die er mit den Fingern berührte, begann
+zu schwanken und drohte über ihn zu stürzen.
+
+Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Locken ab und
+kam geradewegs auf ihn zu ...
+
+Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie Insulaner sie aus
+Kokosnüssen schneiden, die Augen flach wie Kürbiskerne, leer,
+ausdruckslos. Er blieb betäubt stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer
+näher, wurde größer und ging vorüber.
+
+Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit einer Hoffnung
+betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja in einer andern Abteilung
+tätig sein, nicht wahr? Langsam, leise zitternd in den Knien, wanderte
+er durch alle Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern,
+Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen schrien, elektrische
+Sonnen glühten ihn an. Er spähte, forschte. Nirgends.
+
+Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. Es regnete noch
+immer. Die Häuser schienen geborsten, und das Licht brach aus allen
+Fugen und zerrann in den Asphaltseen.
+
+Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um sich mit einem
+Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er auf, bezahlte und eilte zu
+dem Warenhaus zurück. Es war geschlossen.
+
+„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die Stirn. „Du hättest
+doch ihre Kolleginnen fragen können. Sie hätten dir gewiß Auskunft
+gegeben. Einen ganzen Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu
+spät.“
+
+
+ 2
+
+In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel,
+das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief,
+völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war
+und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich
+knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am
+ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die
+mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen
+ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.
+
+Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes
+Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag.
+Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren:
+seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also
+wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen.
+Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde
+Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung,
+niemand konnte sich hier verbergen.
+
+Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der
+er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für
+ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab
+es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er
+war nicht verlegen, oh, keineswegs.
+
+Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten
+und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der
+Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie
+ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren
+eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.
+
+Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose
+Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf
+den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten.
+Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die
+Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der
+Straßendämme.
+
+Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es
+wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren
+gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung
+wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.
+
+„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.
+
+„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele
+Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie
+kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich
+glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn
+ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie
+hatte etwas Besseres gefunden.“
+
+„Besseres?“
+
+„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“
+
+Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf
+dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben.
+Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.
+
+Gut, also am Nachmittag.
+
+Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit
+Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den
+Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte
+ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und
+erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen
+sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr
+Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein
+Lächeln, eine Verbeugung.
+
+Georg empfahl sich.
+
+Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es
+war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie
+baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er
+beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht
+mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es
+von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter
+den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte
+Erscheinung.
+
+Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“
+
+Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen
+Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier
+ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“
+
+„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“
+
+Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
+
+Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin
+gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser,
+Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström
+war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins.
+Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.
+
+Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer
+saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.
+
+„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen
+mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei
+Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie
+Beschäftigung für mich haben.“
+
+Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte
+hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich
+aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet.
+„Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben
+wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie
+hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob
+die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs
+Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott
+gemacht hat?“
+
+„Hegelström – bankerott?“
+
+„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist
+meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe
+haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber
+Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade
+die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten
+Sie, daß Sie das nicht wissen?“
+
+Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
+
+Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege
+auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström
+geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“
+
+„Nein, wie sollte ich es wissen?“
+
+„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts
+anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind
+miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie
+viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße.
+Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr
+Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die
+Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
+
+„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
+
+„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist
+mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie
+etwas in den Zeitungen gelesen?“
+
+Georg wurde blutrot.
+
+Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse
+nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr
+Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten
+Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat
+geben, ich wüßte nichts.“
+
+Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend
+nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch
+einmal bei ihm!“
+
+„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
+
+„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig
+Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf
+dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen –
+hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
+
+Bestürzt verließ Georg das Haus.
+
+Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu
+versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach
+Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.
+
+
+ 3
+
+Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider.
+Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas
+schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der
+Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war –
+hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die
+Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei
+Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen
+Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur
+geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine
+Holzplastiken hingewiesen.
+
+Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger
+Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine
+Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein
+wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen
+finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.
+
+Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme
+antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten,
+halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken
+einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das
+einzige, was Georg klar erkennen konnte.
+
+„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel
+dampfte aus seinem Munde.
+
+„Ich bin es, Georg.“
+
+Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine
+spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und
+vermochte kein Wort hervorzubringen.
+
+„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
+
+„Georg!“
+
+„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du?
+Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es
+nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
+
+„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren
+Lachen.
+
+Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“
+rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian?
+Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht
+wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei,
+wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer
+Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im
+Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen!
+Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für
+Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun,
+Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem
+Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer
+lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine
+Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß
+dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude
+hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und
+manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar
+ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“
+
+Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte
+er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser
+stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen,
+Kakadus, Mäusen.
+
+„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere?
+Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine
+barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin
+ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze
+dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf
+dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib
+mir das Glas.“
+
+Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost
+geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht
+einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“
+
+„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
+
+Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und
+versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht
+fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du
+fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach
+durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem
+nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die
+Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der
+Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen
+Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen
+Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann
+verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur
+eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
+Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie
+können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt
+horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun
+bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der
+Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte.
+„Das Sprechen strengt mich an.“
+
+„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.
+
+Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu
+erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben
+ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar
+geworden.“
+
+„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg
+verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
+
+„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte
+den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute!
+Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und
+Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch
+ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt
+Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt:
+‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das
+nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte
+noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch,
+Weidenbach, weshalb hast du es getan?“
+
+Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.
+
+Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend
+streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte
+dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst
+seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns
+unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune,
+damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer
+hustete.
+
+„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
+
+„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm
+eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur
+Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft
+wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine
+Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn
+nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und
+vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich
+weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich
+daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
+
+„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“
+
+„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in
+allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen.
+Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall
+unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg,
+wie geht es Christine?“
+
+Pause. Stille.
+
+„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr
+dort beschäftigt zu sein.“
+
+Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst
+du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
+
+Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine
+Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem
+Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
+
+Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff.
+„Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen
+Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich
+gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden
+Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist
+doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast
+dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen,
+Weidenbach?“
+
+Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg,
+blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn
+kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte
+dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene
+zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und
+schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
+
+Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch
+ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach,
+und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie
+holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese
+periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen
+nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie,
+Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
+
+Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“
+entgegnete er.
+
+Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also –
+trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein
+wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches
+Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe
+jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust
+schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter
+Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch
+bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier
+hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm
+geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu
+gehen, er weiß stets Rat.“
+
+Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall
+schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg
+kläglich nachmeckerte.
+
+
+ 4
+
+„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu.
+Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles
+von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre
+letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen
+Jungen vergafft.
+
+Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während
+er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von
+Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und
+hell in seinem Zimmer.
+
+„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner
+immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will
+Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser
+Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab,
+macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige
+Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
+
+„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein.
+
+„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt
+den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik
+zurückgeschickt.“
+
+„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“
+
+„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“
+
+Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt
+hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton
+gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien
+es Georg wenigstens.
+
+Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung
+empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen
+Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der
+Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein
+Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte.
+
+Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und
+trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er
+tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das
+etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er
+war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig
+für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und
+es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen
+Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese
+beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant
+zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie.
+
+„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er
+sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das
+Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten,
+liebenswürdigsten Lächeln zulächelte.
+
+„Fragen Sie ruhig.“
+
+„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer
+zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie
+verstehen mich?“
+
+Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen.
+
+Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse
+sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich
+hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber
+Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel.
+Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde.
+Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
+
+Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über
+die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den
+Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky
+Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer
+schwerer Seide.
+
+„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und
+er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht
+aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg
+aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier.
+
+„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über
+die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
+
+„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“
+
+Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß
+von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön,
+regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist
+eine sonderbare Art von Erfolgen!“
+
+„Haben Sie viel gearbeitet?“
+
+Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte
+sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns
+nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine
+ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach,
+aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich
+nicht die geringste Begabung.“
+
+„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus
+und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
+
+Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein
+Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner
+Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er,
+„ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein
+Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich
+müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
+
+„Was tun Sie also?“
+
+Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge,
+Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist
+möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so
+einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine
+Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ,
+verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das
+nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste
+war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß
+es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant
+gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß
+nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre
+Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch
+nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und
+trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben
+all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht
+verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so
+kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre
+Geheimnisse einzudringen.“
+
+„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und
+sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
+
+„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches
+Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt.
+Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen,
+Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um
+fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird
+Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie
+besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden
+erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen
+Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz
+umsonst zu Abend speisen kann.“
+
+„Ist es möglich?“ fragte Georg.
+
+„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses
+armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen
+bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am
+Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen,
+und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose
+Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette
+bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen
+Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft
+Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame,
+die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl
+sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge
+von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen
+zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es
+versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch
+Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen
+Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand,
+so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man
+also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen?
+Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer
+versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“
+Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg
+nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld
+verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert,
+aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“
+
+In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
+
+„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind
+Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky
+hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um
+Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte
+lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres,
+als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen.
+Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
+
+„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
+
+Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen
+wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie
+versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain
+haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge
+ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich.
+
+„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche
+Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“
+
+Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen
+Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß
+Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für
+solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit
+geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen
+von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
+
+„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“
+antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte
+ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie
+besuchte?“
+
+„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte
+auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt
+wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
+
+„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand.
+„Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“
+
+Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen
+schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich
+hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war
+hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys
+freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war.
+
+„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky
+Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den
+Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er
+versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer
+Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich
+erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden.
+Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren
+Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie
+mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so
+nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines
+verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist
+die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt.
+Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie
+versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt.
+Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben
+aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt
+nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen,
+wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der
+letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen
+bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz.
+
+In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
+
+„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach
+flüchtig die kühle Hand.
+
+„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte
+an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand.
+
+
+ 5
+
+Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen
+gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des
+Malers.
+
+Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während
+er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn
+er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am
+Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich
+seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und
+diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein
+Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky
+geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie
+erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort
+beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen,
+lebe wohl!
+
+Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die
+Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten
+Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der
+Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon
+Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog
+die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
+
+„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus,
+„aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März,
+Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte
+damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit
+den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene
+Straße.
+
+Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den
+Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen
+sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses
+die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte
+er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an.
+Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf.
+
+Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht
+gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr
+in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft
+geben können.
+
+Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten
+ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten:
+Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie
+Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie
+gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in
+irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war
+es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht
+Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als
+das, was Christine getan hatte?
+
+Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso
+verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem
+Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine
+Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der
+Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten
+Hof, parterre.
+
+Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten
+winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da
+und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem
+gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine
+Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter
+das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren
+Frau, die still und lautlos weinte.
+
+Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser
+plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof
+herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen
+fleckigen Vorhängen mattes Licht.
+
+Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an
+der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch
+einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen.
+
+Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte
+durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich
+gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es –
+was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der
+Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er,
+daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken,
+behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig
+lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein
+gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte
+sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist
+jemand hier?“
+
+„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon
+näherte sich die Gestalt der Türe.
+
+Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren
+verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen
+ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine
+phantastische Brille.
+
+„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf
+und funkelnd auf Georg.
+
+„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses
+Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob
+Christine März noch hier wohne?
+
+Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“
+knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was
+wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen,
+die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete
+schuldig.“
+
+Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
+
+Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch
+eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht
+wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
+
+„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte.
+
+„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch.
+Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“
+
+Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der
+Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem
+beschmutzten Gesicht betrunken war.
+
+„Sie wollten nach Christine fragen?“
+
+„Ja.“
+
+„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
+
+„Sie wollten?“
+
+„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen
+in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg
+auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen.
+Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja,
+Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“
+
+„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte
+er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war
+nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot
+liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so
+außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte
+Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen.
+He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken.
+Sie war garnicht so zimperlich.“
+
+„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.
+
+„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen,
+Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem
+Daumen hinter sich.
+
+„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du
+nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir
+lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere
+Schwächen.“
+
+„Christine fiel aus der Droschke?“
+
+„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten
+liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir
+nichts nachtragen.“
+
+Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne?
+
+Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen.
+„Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann?
+He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die
+soviel lachen konnte.“
+
+„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein
+Erstaunen zu verbergen.
+
+„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte
+Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen.
+Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär
+zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder
+zum Kino.“
+
+Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie
+wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.
+
+Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich
+zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich
+nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages
+verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“
+
+Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.
+
+„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind
+Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre.
+Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den
+Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür
+steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause
+lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser
+Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten
+Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein,
+und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt.
+Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen
+Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.
+
+Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht
+fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören
+Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie
+sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in
+der Zeitung.
+
+Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor
+zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller
+Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie
+ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß,
+sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so
+sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit
+grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann
+wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie
+es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete
+damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus,
+alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich
+wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem
+andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.
+
+Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie
+werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein
+einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie
+glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er
+hieß Roth.
+
+Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du
+viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag
+war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche.
+Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so
+schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr
+tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie
+nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz
+erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es
+ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene
+Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir
+arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren
+vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber
+nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus
+und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir,
+wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist,
+bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich
+sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth
+zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und
+wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte
+Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.
+
+Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher
+verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du
+nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt
+zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und
+ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“
+
+„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es
+wissen?“
+
+Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar
+wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die
+Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“
+
+„Also hatte Roth Sie verraten?“
+
+„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen.
+Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich
+hochgehen.
+
+Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.
+
+Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und
+als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer
+und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich
+euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am
+Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun
+hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein
+neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines
+Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr
+voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie
+zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte
+den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß
+sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel
+in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen
+schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben
+Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich
+geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was
+gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich
+beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde
+jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen
+Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es
+auf der Welt.“
+
+Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte:
+„Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot!
+Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.
+
+„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon
+verwinden.“
+
+„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.
+
+Georg erhob sich, um zu gehen.
+
+„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei
+mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie
+nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer
+Christine sprechen.“
+
+Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau
+ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber
+habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei
+öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie
+ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht
+ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise
+...
+
+Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser
+ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.
+
+
+ 6
+
+Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf
+gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er
+die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in
+aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten
+ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.
+
+Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter
+seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten
+Kräfte ab. Er wehrte sich.
+
+Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf,
+treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie
+andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch
+nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung
+entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit
+neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat
+vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde
+tapfer.
+
+Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man
+ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und
+ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am
+Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren
+plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten
+Deutschlands.
+
+Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls
+zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem
+Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten
+Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien
+nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte
+Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt
+und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du,
+dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man
+wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik
+mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer,
+glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen,
+abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den
+Kopf. So war es also nichts.
+
+Nun, wenn nicht hier, so anderswo.
+
+Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine
+Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen
+Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.
+
+Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee
+und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und
+Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und
+schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer
+Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten
+die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen.
+Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde
+sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?
+
+Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel
+zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der
+Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo
+man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag
+Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die
+erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen
+dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den
+Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit
+offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche
+schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder
+durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges
+Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser
+Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.
+
+Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem
+Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter
+Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden
+lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran,
+so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen
+Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er
+regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.
+
+Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von
+einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein
+Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt
+grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das
+Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große
+Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang,
+Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude,
+Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke
+hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und
+lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und
+Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und
+überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.
+
+Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos
+dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen
+Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster
+und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten
+Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer
+Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so
+geschah es in jeder Nacht.
+
+Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die
+ganze Nacht aufrecht.
+
+
+ 7
+
+An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig
+finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der
+Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen
+überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren
+dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre
+Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten
+Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem
+Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte
+der Husten bis zum Boden.
+
+Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den
+Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig.
+Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und
+Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften,
+die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise
+schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.
+
+Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der
+Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend
+Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen,
+durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden
+Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?
+
+Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen.
+Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt
+mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis
+tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die
+Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker.
+Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese
+ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine
+Besserung erwartet werden.
+
+Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die
+Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das
+Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.
+
+Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war
+Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne
+den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten
+sich. Oft schwankte er beim Gehen.
+
+Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die
+Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen
+kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte
+er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken
+kauerten andere Schatten.
+
+Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen
+durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in
+der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine
+Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun
+kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem
+schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald
+der langsame Schritt in der Ferne verklang.
+
+Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der
+Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur
+feinklingend in der stillen Nacht.
+
+In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der
+kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen
+fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt
+der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier
+würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem
+überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen,
+die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und
+gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht
+war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie
+Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.
+
+Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine
+fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in
+der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch,
+fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten
+Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.
+
+Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er
+im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit
+umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei
+Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot
+ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen
+Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden.
+Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein
+Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die
+Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend
+unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden
+und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es,
+zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser,
+Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter
+baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein
+schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die
+Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten,
+Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause
+bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag
+hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum
+kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen,
+Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber.
+Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an
+Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche
+Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf
+bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg
+Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen,
+welche Ausschweifungen der Phantasie!
+
+Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah
+seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der
+kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen
+Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen
+Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von
+seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen,
+wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in
+Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen
+müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.
+
+Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes,
+während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz
+erbebte.
+
+
+ 8
+
+Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er
+runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben
+durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
+
+Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
+
+Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im
+„Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht
+aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer
+angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen
+Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der
+eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte
+er ihm zur Last fallen.
+
+Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und
+er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere
+Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis
+er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem
+Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf
+aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er
+drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es
+war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn,
+als habe er ein Verbrechen begehen wollen.
+
+Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
+
+Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener
+Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl
+haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend
+aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht
+mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und
+Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu
+bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn
+hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die
+sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben
+sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler
+verschont.
+
+Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er
+sich, ein Rückfall!
+
+Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging.
+Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und
+Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.
+
+In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer
+müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn
+übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit
+einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die
+Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu
+steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen
+Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.
+
+Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt?
+Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös
+in den Wagen kroch.
+
+In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches,
+etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich
+sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die
+Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.
+
+Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging
+es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!
+
+Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da
+aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon
+früher auf diesen Gedanken gekommen?
+
+Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er
+zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte,
+der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte.
+Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im
+Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem
+Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte
+sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen,
+da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.
+
+„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber
+für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach
+einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging
+also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr
+Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe
+herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl
+seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine
+Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da
+und da.“
+
+„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.
+
+„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich
+bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die
+Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“
+
+Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für
+eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem
+Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich:
+Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg
+wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen,
+wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim
+Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur
+Lindenstraße.
+
+Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde
+noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war,
+vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.
+
+Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und
+in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder
+jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.
+
+Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das
+ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das
+Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf
+stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet
+sofort ein! Jede Auskunft!“
+
+Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.
+
+Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet:
+„Bedaure, es ist geschlossen.“
+
+In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel,
+wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor
+und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im
+Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und
+sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die
+Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und
+Gedanken.
+
+„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der
+junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach
+und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was
+ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner
+zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu
+Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend
+Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig
+Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie
+ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun
+kann.“
+
+Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch
+schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.
+
+„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.
+
+Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen
+Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er
+leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere
+persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“
+
+„Nein, nein,“ stotterte Georg.
+
+Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu
+sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am
+Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede
+Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins
+Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man
+wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles
+Gute!“
+
+Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt,
+Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig
+gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man
+informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und
+wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.
+
+Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich
+zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht
+träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende?
+Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.
+
+Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer
+auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des
+Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand,
+mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt
+in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.
+
+Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er
+sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er
+wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.
+
+Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus
+der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.
+
+„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit
+durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken
+die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“
+
+Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen
+Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte:
+„Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“
+
+Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich
+Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht
+mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er
+glücklich. Trotz allem.
+
+
+ 9
+
+Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten
+mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten
+Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut
+Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen
+hatte.
+
+Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die
+immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh
+ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein
+leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des
+Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der
+Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich
+ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der
+vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es
+fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde.
+Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und
+schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein
+Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren
+war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren
+Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine
+Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder
+durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal
+mit der Hundepeitsche nahezu tot.
+
+Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert
+Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen
+gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte,
+der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und
+Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine
+Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu
+gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.
+
+Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er
+wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit
+zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände
+und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen
+Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein
+Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich
+den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur
+interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch,
+aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.
+
+Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken
+Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein
+einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche
+zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging
+er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war
+eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.
+
+Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er
+verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein
+Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er
+nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er
+schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der
+Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht
+verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück
+und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des
+Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man
+hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war
+ein Laut, als falle ein Baum.
+
+Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein
+verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war
+die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte
+augenblicklich, was geschehen war.
+
+Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig
+verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die
+Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und
+Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg
+hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch
+zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber
+tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten
+Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren
+hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu
+werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß.
+Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof
+verfiel.
+
+
+ 10
+
+Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres
+Vaters.
+
+Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen
+Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren
+etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln,
+oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die
+stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die
+sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen
+Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war,
+und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel.
+Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der
+Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter,
+verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie
+zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit
+finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem
+Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug –
+ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der
+Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die
+Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken
+sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie
+jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen.
+Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak –
+groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem
+Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht
+auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen
+gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige
+Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich
+gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere
+Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben
+können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.
+
+Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die
+Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie
+auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer
+Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur
+Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei
+einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie
+Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf
+einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren
+richtige Teufel.
+
+Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt
+und Chemiker.
+
+Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den
+Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten
+einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der
+wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war
+noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur
+Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war
+als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die
+Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und
+auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von
+beträchtlicher Höhe in den Schoß.
+
+Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen
+Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden.
+Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen.
+Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große
+Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es
+flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft,
+vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa
+fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem
+Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige
+Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.
+
+Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben
+davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen
+Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus
+dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und
+zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet,
+erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um
+Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber
+schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert
+sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub
+verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und
+Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der
+Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige
+Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd,
+schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten
+kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines
+Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
+
+Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich
+heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin
+eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann
+sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte.
+Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der
+mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor
+ihnen stand, seine Anordnungen gab.
+
+„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens
+müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom
+Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir
+alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu
+verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts,
+schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“
+
+Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in
+seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn,
+darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und
+erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.
+
+Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion
+über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell
+zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige
+schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.
+
+Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der
+Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine
+Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die
+die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin
+erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es,
+daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er
+diesem Institut den Rücken zu.
+
+Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und
+erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin –
+Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges
+umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg
+taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde,
+den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen
+Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch
+schon Tausende von Jahren bebauten.
+
+Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die
+Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine,
+die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden,
+Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber
+etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war
+schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag
+Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten,
+disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines
+Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn
+monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine
+Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies,
+daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren
+Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten.
+Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise
+die Probleme des Landbaus vernachlässigt.
+
+Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten
+sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der
+Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen
+Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein
+ganzes Leben werden sollten.
+
+Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe
+erblickte!
+
+Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im
+Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und
+Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen
+Tischen.
+
+Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel
+nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel
+Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende
+zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in
+seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.
+
+Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete
+Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des
+Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein
+deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen
+achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine
+Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich
+irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen
+sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im
+letzten Winter nur zweimal.
+
+
+ 11
+
+In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof
+zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne
+reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war
+kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen,
+eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe
+Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und
+Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.
+
+Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel
+umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen.
+Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.
+
+Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen
+umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift
+und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da
+erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war,
+einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame,
+der er am liebsten aus dem Wege ging.
+
+Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich.
+Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres
+letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und
+Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt
+hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich
+volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe
+bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie
+ihn verdamme.
+
+Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts
+gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen
+Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat
+nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete
+Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne
+Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat
+gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt
+sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne
+mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz
+Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder
+einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel
+niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.
+
+„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen
+Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst
+am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant
+einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an
+Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?
+
+Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse
+Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er
+sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das?
+Wenzel?
+
+Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute
+Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute
+Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine
+boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie,
+Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht
+noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich
+bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche
+Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)
+
+„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem
+sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig,
+ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen
+diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was
+könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in
+meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und
+einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten
+Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius
+sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich
+verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine
+Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach
+geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael
+laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat
+hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des
+Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)
+
+Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der
+Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre
+schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise
+schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr
+besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen,
+von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte
+Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle
+seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie
+hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten,
+Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und
+Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein
+Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief
+unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber
+Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im
+Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte
+Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen
+Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und
+ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir
+Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte
+ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch
+mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin
+gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort
+aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend
+bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter
+habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz,
+sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß
+Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß
+nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir,
+daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit
+ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen
+Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften
+abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung
+befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“
+
+Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem
+leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu
+gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch,
+ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine
+Nachricht.
+
+Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt
+verließ er das Restaurant.
+
+Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.
+
+Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg
+zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich
+alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle
+verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift
+stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie
+eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.
+
+Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem
+Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor
+Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit
+als es möglich war.
+
+„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
+
+Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal
+die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.
+
+„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören.
+Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“
+
+„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.
+
+Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und
+freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge
+Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf
+einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon
+jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der
+Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht
+aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen!
+Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser
+Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der
+Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an
+den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer
+Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der
+Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.
+
+„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.
+
+„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“
+erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete,
+das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und
+tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich
+ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“
+
+Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft
+an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In
+ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran,
+in Tränen auszubrechen.
+
+„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser
+fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“
+
+„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“
+
+„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.
+
+„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.
+
+Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf
+einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf
+Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel
+in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.
+
+„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“
+
+Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut
+geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so
+selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael
+mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die
+Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während
+sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.
+
+„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte,
+daß der Knabe ihm nicht glaubte.
+
+Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und
+zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte
+arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“
+
+„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich.
+Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben
+sitzt?“
+
+„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.
+
+Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine
+Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis
+sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen
+spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde,
+sobald die Gesangsstunde zu Ende war.
+
+„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den
+Mont Blanc besteigen, willst du?“
+
+„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das:
+den Mont Blanc besteigen?“
+
+Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß
+auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“
+
+„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und
+stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“
+
+Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe
+bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand
+führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was
+schadet es, so fällst du in meine Arme.“
+
+Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch
+wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An
+den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit
+einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock
+bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das
+Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing.
+Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.
+
+In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie
+in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie
+sofort der gnädigen Frau melden.“
+
+
+ 12
+
+Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte.
+Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich
+in die Diele.
+
+Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte
+Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit
+bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine
+Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung
+und blickte Michael mit zornigen Augen an.
+
+„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde
+Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen
+sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“
+
+Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit
+einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl,
+Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht
+aufdrängen.“
+
+In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und
+riefen: „Michel! Michel!“
+
+Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie
+die Kinder an.
+
+Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß
+Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung
+stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises
+ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.
+
+Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden
+Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht
+nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß
+das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!
+
+Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der
+weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt
+kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet
+vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon
+wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie
+entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich.
+Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“
+
+Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die
+Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie
+aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir
+doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und
+verstehst alles.“
+
+„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.
+
+„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie
+schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.
+
+Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und
+Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften
+Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die
+Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von
+zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas
+unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.
+
+Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht
+neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und
+Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer
+lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in
+grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen
+schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.
+
+„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu
+sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den
+Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in
+bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das
+Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den
+Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“
+
+Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen,
+glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.
+
+Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach
+Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel
+gesehen?“
+
+„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe
+ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas
+unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief
+von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der
+Welt, ist mit Wenzel?“
+
+Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte,
+während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel
+ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“
+
+„Du weißt es nicht?“
+
+„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist
+alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du
+wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“
+
+„Entlassen?“
+
+Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls
+ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl
+vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die
+bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann
+gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
+Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte.
+Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei
+Raucheisen aus.“
+
+Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen.
+„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er.
+„Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“
+
+Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer
+erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der
+Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose
+Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei
+Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne
+jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“
+
+„Er hat dein Haus verlassen?“
+
+Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das
+alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu
+lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr
+nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht
+glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine
+Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und
+Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas
+einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“
+
+„Ich verstehe nicht –“
+
+„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab,
+sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu,
+Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor
+sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf,
+und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte
+dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und
+neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte,
+Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr
+hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die
+Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht
+leicht gewesen.“
+
+„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“
+
+„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer
+Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu
+mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den
+Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in
+Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er
+schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht
+sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant
+der Fliegertruppe?“
+
+„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“
+
+„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte.
+Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen.
+Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und
+plauderten.“
+
+„Spielten sie?“ fragte Michael.
+
+„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte
+seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“
+
+„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem
+breiten Lächeln.
+
+„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte.
+Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach
+Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab
+Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich
+dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels
+Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit
+Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“
+
+„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht
+spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen
+diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“
+
+„Du verteidigst ihn?“
+
+„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein
+Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“
+
+Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher
+Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch
+Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast
+du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn
+zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste
+auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“
+
+Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir
+lieber als Geizhälse, Lise.“
+
+„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise
+ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach
+allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel
+ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus
+schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe.
+Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn
+ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war.
+Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei
+Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein.
+Verstehst du nicht, Lise?“
+
+Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam
+nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist
+alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht!
+Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und
+mich ins Wasser stürzen.“
+
+„Lise!“ Michael lächelte.
+
+Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle
+meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“
+
+Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte
+er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir
+Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht
+lächerlich –“
+
+„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein
+Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt,
+feindselig.
+
+Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und
+sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich
+jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“
+
+Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß
+nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur
+Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben.
+Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den
+andern.“
+
+Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir
+doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch
+den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“
+
+Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine
+Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit.
+Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute
+in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten
+Namen.“
+
+„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
+
+Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht,
+nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen
+irgendwelche Geschäfte.“
+
+„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“
+
+Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar
+nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier
+hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht
+seine Wohnung angibt.“
+
+„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er
+immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und
+wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“
+
+„Drei Monate.“
+
+„Wie?“
+
+„Drei Monate.“
+
+Michael sprang auf.
+
+„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt
+ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.
+
+„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
+
+Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie
+dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke
+erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du
+wirst gehen und Wenzel suchen.“
+
+„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
+
+„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von
+ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden
+wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen
+... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind
+einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele
+Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren.
+Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er
+aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle
+ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich
+auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
+
+Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
+
+„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage
+ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich
+einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise
+schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner
+Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir
+auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage
+ihm das.“
+
+Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus.
+„Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir
+Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“
+
+Michael schwor.
+
+
+ 13
+
+Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen
+Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es
+Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den
+ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon
+durchgegangen.
+
+Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das
+veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger
+Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte.
+Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch
+befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle
+Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal
+nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um
+die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den
+Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht
+schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig
+gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel
+trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.
+
+Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war
+der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der
+Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel
+in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch
+glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel.
+Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse
+stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte.
+„Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“
+
+Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder
+Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder
+im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er?
+Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher
+verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt,
+wirklich schlecht ging.
+
+Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung
+bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld –
+aber mied Lises Haus. Was war das?
+
+Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte
+er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner
+Schwägerin lächeln müssen.
+
+„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich
+könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem
+tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann
+solch einen Einfall haben.“
+
+Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben
+und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.
+
+Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung
+auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden
+wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten
+entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
+
+Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der
+Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit
+sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr
+Hauptmann selbst trete ein.“
+
+Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?
+
+Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er
+sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar,
+wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp.
+Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der
+Börse.“
+
+Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch,
+angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.
+
+
+ 14
+
+In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des
+Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf
+das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war
+leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel
+faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten,
+deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht
+konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er
+imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis
+nachzuspielen.
+
+Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und
+grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im
+Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung
+der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen
+schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in
+Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und
+verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch
+saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein
+junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich
+roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.
+
+Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich
+dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die
+Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten
+Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die
+Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.
+
+Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und
+biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen
+Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden
+Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein
+kleines Lachen hören.
+
+„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die
+Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie
+wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen,
+wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“
+
+Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen
+Verbeugung sein Einverständnis.
+
+Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan
+saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs
+Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist
+eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache.
+Was meinen Sie, Mackentin?“
+
+„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von
+der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben
+würden.“
+
+„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie
+groß, sagten Sie?“
+
+Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner,
+knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der
+Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die
+Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain
+unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die
+vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des
+Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber
+seien alle Unterhandlungen gescheitert.
+
+„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der
+Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.
+
+„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam
+nicht zum Ziel?“
+
+„Nein, er hat zu wenig geboten.“
+
+Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne
+ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein
+Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert
+Hektar, sagten Sie?“
+
+„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht
+schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein:
+Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken
+verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen
+wiederum zugute kommen.“
+
+„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen.
+„Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“
+
+„Ich werde morgen zurückfahren.“
+
+„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den
+Wald an.“
+
+„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.
+
+„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und
+klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien
+das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen
+auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der
+Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte,
+sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“
+
+„Ausgezeichnet, sehr wohl.“
+
+„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf
+dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen
+soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige
+Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was
+wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate
+Ziel.“
+
+„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.
+
+„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit
+den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die
+Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was
+fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“
+
+Der junge Mann wurde tiefrot.
+
+Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen.
+Geschäft ist Geschäft!“
+
+Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine
+Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich,
+wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“
+
+„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von
+Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“
+
+Die beiden Herren erhoben sich.
+
+„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und
+noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“
+wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des
+Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden,
+als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn
+verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war.
+Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle.
+Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in
+den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften,
+stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren
+immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit,
+arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in
+irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es
+bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf
+auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der
+Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.
+
+Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte
+ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine
+Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer
+gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur
+dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden
+Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art
+seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und
+plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren
+um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und
+Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat,
+es war sein Bruder.
+
+„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.
+
+In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln
+auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte
+Wenzels Hand.
+
+„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles
+Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen
+von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die
+Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht
+geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres
+Landes.“
+
+„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas
+steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte
+häufig von Ihnen.“
+
+„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.
+
+„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter
+Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor
+Schellenberg.“
+
+„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich
+verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses
+Zusammentreffens aufzufallen.
+
+„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“
+
+Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich
+verstehe.“
+
+Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael
+erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels
+Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt.
+Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick
+kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige,
+spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes
+Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.
+
+„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns
+lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen
+verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde
+dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war
+früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen
+Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das
+Kaffeehaus verließen.
+
+
+ 15
+
+Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem
+Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael.
+Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
+
+„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus,
+nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz
+genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht
+für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner,
+wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast
+mitgebracht habe?“
+
+Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig,
+den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen
+Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte
+der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.
+
+„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
+
+„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael
+ein.
+
+„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse,
+sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der
+Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du?
+Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden
+Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz
+besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“
+
+„Ein halbes Dutzend?“
+
+Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend
+natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören
+Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du
+mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines
+bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten!
+Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen
+bist du einverstanden?“
+
+„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine
+Krebse mehr gegessen.“
+
+„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können
+einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der
+mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel
+fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur,
+herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen,
+Bachforellen. Wie wäre es damit?“
+
+„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
+
+„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen
+die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um
+den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen
+Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael.
+Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse.
+Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich
+ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das
+wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du
+lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“
+
+„Ich lebe wie ein Bauer.“
+
+„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt!
+Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem
+leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es
+langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts
+mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah,
+da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die
+Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen.
+Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen
+Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel
+zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.
+
+„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“
+erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den
+Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte
+Zustimmung –“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und
+zerriß knackend einen Krebs.
+
+„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“
+
+„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine
+Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen
+derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an –
+aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du –
+über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen
+und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“
+
+Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche,
+sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das
+Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“
+sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.
+
+Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien.
+„Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.
+
+Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in
+den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“
+
+„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere.
+Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“
+fragte er dann spöttisch.
+
+„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen
+mag.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber
+sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich
+auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf
+mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“
+
+Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig
+Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden
+rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom
+Pfluge gar nicht zu sprechen.
+
+„Sehr interessant!“
+
+Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die
+landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich
+habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich
+beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich
+bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“
+
+Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du
+läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das
+Gras zu stehen?“
+
+„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“
+
+Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter
+Wirtschafter!“ rief er aus.
+
+„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“
+
+„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all
+diesen Dingen nicht das geringste.“
+
+„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest
+es ja versprochen.“
+
+Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er.
+„Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und
+Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich
+von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“
+
+„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles
+würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und
+Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich
+habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische
+Vegetation.“
+
+Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser
+fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“
+
+„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage.
+Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“
+
+Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese
+von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An
+Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft
+für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der
+Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder
+brachliegender Arbeitskräfte ...
+
+Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.
+
+Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er
+erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach
+er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich
+trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr
+interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael,
+und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu,
+daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in
+diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für
+Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“
+
+„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein
+Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für
+eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich
+bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem
+es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die
+Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier
+ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel
+wurde dunkel vor Zorn.
+
+„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“
+Michael lächelte.
+
+„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus,
+und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus,
+nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein
+materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“
+
+„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so
+ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein,
+diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“
+
+Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem
+mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte
+ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns
+nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen
+Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich
+fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich
+dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen
+herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete
+sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die
+Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen
+hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld!
+Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und
+Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie
+selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“
+Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So
+sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle
+diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und
+Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch
+Rettung.“
+
+Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil
+der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen
+Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren
+Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“
+
+„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen.
+Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“
+
+„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft,
+wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen,
+sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und
+eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“
+
+Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“
+rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen
+schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte
+gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen
+gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da,
+jetzt kommen die Schnäpse.“
+
+Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel,
+die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort
+werde Wenzel begreifen –
+
+Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer
+Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen
+Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen,
+nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube,
+was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme
+gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“
+
+„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte
+Michael voll Überzeugung und Eifer.
+
+Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht
+diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.
+
+„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu
+werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“
+
+Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder
+in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte.
+Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und
+sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja
+nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas,
+was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe
+diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das
+Glas zum Munde führte.
+
+In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer
+Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den
+Leistungen des Etablissements zufrieden seien.
+
+Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das
+er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte
+er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen,
+Wenzel?“
+
+
+ 16
+
+Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die
+Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber
+gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen
+Augen blinkten.
+
+Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt
+dich bitten, sie anzurufen.“
+
+„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten.
+„Sie hat ja Zeit!“
+
+Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu:
+„Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich,
+Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“
+
+Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich
+werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit
+in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir
+erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen,
+und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir
+berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns
+nicht.“
+
+„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“
+
+Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache
+anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich
+achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal
+habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich
+nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich
+werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege?
+Lise?“
+
+„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem
+feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das
+nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau
+wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und
+bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“
+unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast
+ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“
+
+Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei
+den Bruder anzusehen.
+
+Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du
+verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie
+nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest
+du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt
+hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen
+ehrlos?“
+
+„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“
+
+Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie
+sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den
+Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den
+Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan
+hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da
+vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich
+gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt,
+daß ich ein Defraudant sei.“
+
+„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.
+
+Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir
+das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen
+die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir
+völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich
+Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich
+auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“
+
+Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel
+vorgegangen sein?
+
+„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung
+beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung.
+Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die
+Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du
+weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür
+geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“
+
+„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.
+
+„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir
+vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann
+urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich
+habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet.
+Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause.
+Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen.
+Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein.
+Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen,
+hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete
+Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld
+zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht
+zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen
+lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine
+sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter
+Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von
+Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben
+unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau
+einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles
+dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich
+auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge
+gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den
+Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das
+Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu
+die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor
+dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich
+steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen,
+aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir
+einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie
+eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin.
+Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja
+nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du
+heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.
+
+Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen,
+aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie
+mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es
+waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne
+Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die
+auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu
+diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“
+
+Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann
+nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß
+nicht, da sind auch deine Kinder.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe
+ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch
+Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln
+abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht
+befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich
+ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft
+eines Mannes braucht.“
+
+Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist
+das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.
+
+„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche
+bestellen. He, Kellner!“
+
+
+ 17
+
+Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab
+und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm
+Michaels.
+
+„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit
+Raucheisen erzählen.
+
+Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal
+geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten
+Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady
+Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet
+hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem
+Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen.
+Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der
+Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu
+erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht
+gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen
+entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände,
+wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen
+Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen
+für immer verpflichtet‘. Schön, schön.
+
+Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte
+ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es
+so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte
+und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises
+Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie
+kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie
+ja, diese eingebildete Närrin!
+
+Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem
+Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl
+Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und
+überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte
+nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen.
+Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen?
+Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen
+und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie
+anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes
+willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese
+Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich
+schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum
+Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der
+Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden
+Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber
+Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!
+
+Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und
+konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem
+Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich
+tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das
+Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den
+alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht
+gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür
+sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich
+auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in
+allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.
+
+Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen
+antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem
+glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine
+Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens
+Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein.
+Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur,
+der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor
+sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben
+trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das
+Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir
+sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den
+einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten
+Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.
+
+So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber
+Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was
+ich begriff –?“
+
+Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir
+nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich
+begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und
+Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen
+Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“
+
+„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.
+
+Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem
+er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war
+ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner
+Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und
+sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem
+etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen
+Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist
+natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch,
+dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und
+ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode
+hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen
+ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an
+kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach
+nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der
+Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas
+zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe,
+mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie
+gesehen?“
+
+„Nein.“
+
+„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe
+Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die
+Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist
+das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei
+in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man
+kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne
+Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist
+jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt
+du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann
+Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und
+ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das
+horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er
+zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle.
+Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und
+heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der
+Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen
+Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute
+noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten
+Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“
+
+„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“
+
+„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog
+sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu
+hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich
+zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine
+menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte
+Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große
+Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und
+langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk
+ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er
+aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten
+Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich
+begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu
+verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld
+zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen
+hatte, haßte ich ihn noch mehr!
+
+Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein
+Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem
+Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast
+umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil
+seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren
+einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich
+steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte
+nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann
+sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird
+sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine
+Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun
+höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln
+sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine
+Finanzpolitik eingerichtet.‘“
+
+„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“
+
+„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und
+dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das
+Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag,
+während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte
+Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu
+machen.
+
+So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß
+ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne
+mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der
+Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses
+Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem
+Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins.
+Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar
+selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben
+scheint.
+
+Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich
+recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte
+es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat
+mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er
+beachtete mich ja gar nicht.
+
+Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu
+spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen
+war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte
+Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am
+nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein
+Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte
+allen Kränkungen die Krone auf.
+
+Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung
+hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen
+Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir
+Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“
+
+Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte
+zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der
+Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und,
+schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.
+
+„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied
+berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich
+unterwegs bin.“
+
+Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise
+versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst
+du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat
+Michael den Bruder.
+
+Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der
+Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb
+halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am
+Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste
+erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben
+würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem
+Fenster zu stürzen.
+
+Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein
+Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster
+stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch
+alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen
+Drohungen quälen!“
+
+Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu
+beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“
+
+„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.
+
+
+ 18
+
+Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts
+Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel,
+was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also
+erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel
+versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr
+über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu
+Hause.
+
+„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.
+
+„Sie ist nicht zu Hause?“
+
+„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr
+zurück.“
+
+Michael atmete auf.
+
+Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und
+trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.
+
+„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende
+Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“
+
+Die Kapelle spielte das Lied abermals.
+
+„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle
+geendet hatte.
+
+Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen!
+Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue
+Flasche bestellen. He, Kellner!“
+
+„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner
+die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge
+in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das?
+Ein merkwürdiger Ausdruck!“
+
+Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt
+nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“
+
+„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“
+
+„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“
+Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs,
+ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.
+
+Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“
+
+„Ja, ein Raucheisen!“
+
+Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es
+wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu
+werden?“
+
+„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen
+Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen.
+Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser
+Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“
+
+Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für
+einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht
+selbst –“
+
+Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet?
+Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um
+es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf
+drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor.
+Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern
+Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge,
+Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann
+dies einen Lebensinhalt bilden?“
+
+„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer
+Pharao.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“
+
+„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist
+einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide
+werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot
+bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges
+Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles
+vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher
+unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese
+fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael,
+dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit,
+Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist
+Unsinn.“
+
+Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie
+töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du
+nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“
+
+„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn
+es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist
+meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht,
+das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu
+begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die
+Menschen mehr.“
+
+„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
+
+„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich
+verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren
+Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur
+Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale.
+Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und
+diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft,
+alles.“
+
+„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist
+der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer
+Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist
+bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche
+eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
+
+„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich
+nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich
+höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der
+einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich
+sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht
+nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
+
+Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte,
+es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun
+bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land
+besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“
+
+„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich
+ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr
+widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst
+du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In
+die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel
+ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es?
+Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“
+
+Hastig brach Wenzel auf.
+
+Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine.
+„Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über
+Michaels verblüfftes Gesicht.
+
+„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
+
+„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
+
+Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge
+mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür
+stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und
+Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller
+Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch
+Lack und Farbe.
+
+„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen
+Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher
+hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen,
+sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr
+bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle
+stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine
+Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir
+wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich
+bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken,
+bevor die große Reise weitergeht.“
+
+Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den
+Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
+
+Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht
+gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich
+tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab.
+„Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines
+viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war
+Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht
+abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung.
+Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu
+haben. So fing es an.“
+
+„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
+
+Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals
+war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine
+Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige
+Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“
+
+„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
+
+„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern
+benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht
+vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese
+feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines
+Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen
+Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige
+Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig
+Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael,
+und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen
+angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das
+Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen
+nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen,
+ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich
+lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie
+Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf
+Papierfabriken.“
+
+Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“
+
+„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig
+etwas trennen, so fürchte ich.“
+
+„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.
+
+„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir
+etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine
+Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist
+noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen
+ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen
+mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust
+mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
+
+Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
+
+„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das
+Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“
+
+Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es
+hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter
+zurück.
+
+„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
+
+„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“
+
+Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.
+
+
+ 19
+
+Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin
+da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie
+das sonderbare Haus in der Lindenstraße.
+
+Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und
+hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde
+entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg,
+erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den
+ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger,
+breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn
+heran und blickte ihm unter den Hut.
+
+„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme,
+die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir
+zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter
+und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen,
+aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er
+sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus.
+„Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet.
+Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine
+fünfhundert an. Da hast du es!“
+
+„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der
+Munterkeit des Gefährten ermutigt.
+
+Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur
+Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser,
+als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen
+einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes
+Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –?
+Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er
+von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er
+bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in
+Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem
+Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
+
+Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit,
+nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein
+matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab.
+Georg roch den Rauch von Tabak.
+
+„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
+
+„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den
+Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine
+Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur
+einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer
+Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie
+holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen.
+Tretet ein!“
+
+Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze,
+die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von
+Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer
+breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie
+mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine
+Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte
+mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches
+Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten
+die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden
+hatte?
+
+Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein
+Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es
+aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun
+gute Nacht, Kameraden!“
+
+Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die
+Arbeiter zu verpflegen.
+
+„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das
+Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser
+füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“
+
+Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.
+
+Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen
+Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das
+Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg
+sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie
+ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.
+
+Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft
+und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die
+ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es
+als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen
+auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.
+
+
+ 20
+
+„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des
+Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich,
+Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter,
+Kinder!“
+
+Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
+
+„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg
+an.
+
+Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem
+schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und
+allerlei Gerät.
+
+„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen
+saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
+
+Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von
+Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der
+langsam hinter ihnen herging, dreizehn.
+
+Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien
+dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war
+ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo
+hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.
+
+Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene
+Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel.
+Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man
+ihnen zuweisen würde.
+
+Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute
+Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein
+Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde
+hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde
+schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen
+wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
+
+„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen
+sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid
+ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen
+abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen
+Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.
+
+„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme
+zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an
+seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die
+Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten
+Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend
+Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle.
+„Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er.
+„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich
+blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu
+ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und
+wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg:
+„Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet,
+damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“
+
+Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
+
+Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab,
+zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur
+zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er
+klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein,
+dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das
+Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.
+
+Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke
+hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines
+Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
+
+„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner
+Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und
+blickte Georg hilflos an.
+
+„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was
+kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“
+
+Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt
+in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der
+erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden
+sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa
+dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen
+Größe.
+
+„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser
+hartnäckig.
+
+„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.
+
+Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen
+Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.
+
+Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern
+Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen
+lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der
+Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –,
+lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos
+mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen.
+„Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das
+Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern,
+„siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine
+Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner
+laufen.“
+
+Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“
+rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine
+Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der
+Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige
+Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der
+Arbeit.
+
+Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren
+Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne
+blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne
+würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war
+nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren.
+Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien.
+Im Augenblick war der Wald weiß.
+
+Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den
+Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man
+fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte
+Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen!
+Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog.
+Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser?
+Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
+
+„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“
+
+„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier
+krepieren!“
+
+„Und wie steht es mit dem Futter?“
+
+Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus.
+„Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden
+Schritten davon. Bald war er außer Sicht.
+
+„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die
+Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“
+
+Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der
+Schuppen kommt!“ schrie er laut.
+
+Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen
+zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen
+Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der
+Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen
+schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich
+Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
+
+„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit
+triumphierendem Lächeln.
+
+Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen,
+und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.
+
+„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen
+nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der
+Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in
+Bewegung.
+
+„Wohin fahrt ihr?“
+
+„Nach Glücksbrücke!“
+
+„Geht es dort vorwärts?“
+
+„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“
+
+Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
+
+„Grüßt den Chef!“
+
+Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens
+in Angriff genommen.
+
+„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten
+schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der
+Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine
+Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
+
+Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig
+seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und
+brauchte nur aufgestellt zu werden.
+
+Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war
+verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn
+und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.
+
+In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine
+krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin
+und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er
+es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den
+Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.
+
+„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir
+Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“
+
+Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste
+nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um
+wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen
+kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
+
+„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den
+andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach
+zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind
+Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein
+Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr
+friert!“
+
+Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken
+gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau
+gefroren.
+
+Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der
+Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen
+der Bäume empor.
+
+„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm
+hierher und wärme dich!“
+
+Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die
+bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft,
+und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden,
+starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden
+unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es
+erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.
+
+
+ 21
+
+Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende
+Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte
+plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger,
+glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit
+Stroh und Proviant.
+
+„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.
+
+Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein
+Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern
+Dienst gemacht habe.
+
+„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
+
+Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer
+Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst.
+Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die
+Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die
+Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die
+Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.
+
+Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und
+Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die
+Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die
+Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren
+löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne
+Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen,
+entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren
+Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle
+starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes
+furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte
+Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß
+dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch
+und ohne Hoffnung.
+
+Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da
+war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig
+sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er
+lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles
+Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne
+Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen
+mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf.
+Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe
+Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der
+bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden
+Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige
+Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht
+eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um
+Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der
+alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen
+tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut
+gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte.
+Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die
+einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.
+
+Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten
+Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“.
+Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war
+völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust.
+Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu
+eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her.
+Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen
+Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein
+zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans
+Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren
+noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem
+Glotzauge.
+
+Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte.
+Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht
+hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die
+Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht
+mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen
+Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr
+Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.
+
+„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine
+alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.
+
+Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
+Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen
+werden soll.“
+
+„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“
+
+„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz
+dazwischen.
+
+Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier
+mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im
+Walde!“
+
+Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte
+Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er
+erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg.
+Aber niemand hörte zu.
+
+Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde
+gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er
+schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen,
+in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und
+herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz,
+hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und
+faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder
+geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese
+wunderbare große Stille da draußen.
+
+Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er
+eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort
+wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah
+er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem
+Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete,
+und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein
+Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die
+Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten
+und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit
+offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.
+
+
+ 22
+
+Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die
+helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann
+schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen
+Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.
+
+„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch
+wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen.
+Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also
+nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die
+vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“
+
+Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um
+sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er
+hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen
+Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken
+wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte
+er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“
+
+Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee
+schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle
+Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine
+dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der
+fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger
+Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg
+aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar
+dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.
+
+Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.
+
+„Spute dich: er meint uns.“
+
+Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er
+befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte
+schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo,
+nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht
+niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren
+frisch gerötet.
+
+Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.
+
+Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der
+kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine
+Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und
+versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten,
+dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle
+eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.
+
+Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet
+langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und
+schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem
+langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“
+
+Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und
+knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein
+zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und
+eine alte an den Knien zerschlissene Hose.
+
+„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der
+Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge
+tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich
+organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns
+in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird
+alles in Ordnung kommen.“
+
+Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den
+halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.
+
+„Ob wir es heute noch schaffen?“
+
+Kopfschütteln. Zweifel.
+
+„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus
+demselben Kessel aß.
+
+Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem
+eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er
+hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und
+einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine
+solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen
+gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr.
+Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen
+Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die
+Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich.
+Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine
+Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es
+waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann
+sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren
+Notizbücher, Rollen, Pläne.
+
+Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein
+junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf
+dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von
+der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.
+
+„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak
+besorgen?“
+
+„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“
+
+„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt,
+mein Junge, am Tage?“
+
+„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“
+
+Wir? Wer waren diese „Wir“?
+
+Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit
+gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack
+ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas
+veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging,
+während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke
+herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz
+behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit
+einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und
+einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das
+finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.
+
+„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen
+Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer
+kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.
+
+Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte
+sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er
+sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte
+von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst
+gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von
+einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China
+Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen –
+lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte
+von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren.
+Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war.
+Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der
+Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry.
+Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene
+Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.
+
+„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“
+Gelächter.
+
+Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein
+vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner,
+Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und
+erntete großen Beifall.
+
+Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art
+befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er
+steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in
+Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er
+hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle,
+die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.
+
+Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken
+alle in tiefen Schlaf.
+
+Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife
+rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.
+
+
+ 23
+
+Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die
+Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der
+Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das
+Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den
+hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem
+Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er
+sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen
+verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.
+
+Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts,
+immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk
+nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht
+sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt
+mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“
+
+„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen,
+bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“
+
+Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten.
+„Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich
+gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich
+nicht in ein Krankenhaus.“
+
+Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte
+verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab
+gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister
+sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit
+seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er
+erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel.
+Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was
+man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah
+man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er
+früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er
+schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen
+wollte.
+
+„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.
+
+Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher
+Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der
+Arbeit auf.
+
+„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon
+Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden
+sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“
+
+Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten.
+Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer
+der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt
+eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.
+
+Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen
+wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren
+waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre
+Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er
+eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.
+
+„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt
+erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der
+Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die
+Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“
+rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir
+kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen
+Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der
+Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“
+
+Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie
+davon, Lehmann mit ihnen.
+
+Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend
+alle Gemüter.
+
+„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja
+alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr
+Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“
+
+„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“
+
+„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß
+zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie
+uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste
+bekommen.“
+
+„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz
+soll auch dahinterstecken.“
+
+„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun,
+sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“
+
+„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und
+schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“
+
+„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast
+auf deine alten Tage.“
+
+„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein
+großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich
+hat?“
+
+Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können.
+„Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut
+werden.“
+
+„Eine Stadt?“
+
+„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.
+
+„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.
+
+„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“
+
+Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten.
+„Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte
+er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“
+
+„Gärtnereien!“
+
+„Gärtnereien, sagst du?“
+
+„Jawohl, Gärtnereien!“
+
+Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts
+als Sand!
+
+Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber
+lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick
+sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden
+nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten,
+von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen
+geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so
+sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die
+Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den
+kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die
+Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und
+begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein
+Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“
+
+Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung.
+Er wußte es besser als alle.
+
+„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier
+machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja
+alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht
+werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe
+der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land
+und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles
+Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg
+und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und
+Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg
+gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen
+haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat
+sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon
+gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle,
+und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein
+Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne,
+und alles aus weißen Kacheln!
+
+Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser
+fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in
+seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine
+Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und
+manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur
+gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den
+letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie
+reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn
+Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den
+Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle
+unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen
+beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht
+auslachen.“
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern
+und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch
+lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau.
+„Ist das die Station Lehmann?“
+
+„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.
+
+„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“
+
+„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“
+
+Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in
+lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen
+waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie
+drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr
+seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am
+liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus.
+
+Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen
+schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre
+Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand.
+Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein
+kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte
+sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg
+hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.
+
+Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer
+derben Späße.
+
+Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich
+gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr
+herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns,
+Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf
+der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es
+warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und
+wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.
+
+„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie
+lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken
+waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem
+Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige.
+
+„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war
+geschlossen.
+
+„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“
+
+„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.
+
+Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die
+Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry,
+zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“
+
+Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter
+den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand
+balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von
+der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel
+sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf
+den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und
+schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem
+Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht
+einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben
+komischen Schritten wieder in die Küche zurück.
+
+Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese
+Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen
+über die Wangen liefen.
+
+In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er
+ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte
+wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien.
+
+„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.
+
+„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab
+ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht
+fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“
+
+
+ 24
+
+Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu
+ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück.
+Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte
+sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber
+sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz
+davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am
+ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.
+
+„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier
+Wochen vielleicht.“
+
+Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.
+
+Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein
+entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des
+Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum
+möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße
+trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte
+langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er
+seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie
+Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen
+Mann.
+
+Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem
+Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in
+den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif
+bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.
+
+Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte
+das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in
+aller Stille zu beschäftigen.
+
+Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer
+Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft
+geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken
+bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage
+tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten
+sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag
+besucht.
+
+Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein
+Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des
+Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte
+sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals,
+der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis
+stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.
+
+Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch,
+kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der
+Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste
+und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.
+
+In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt
+blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.
+
+Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine
+und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die
+Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht
+verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn
+ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.
+
+Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.
+
+Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim
+Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde
+war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser
+indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er
+aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit
+hatte er nichts mehr gehört.
+
+Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin
+bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld
+in der Tasche.
+
+„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene
+Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht
+so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt,
+nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt,
+Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen
+zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses
+leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie
+auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte.
+Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich
+warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin,
+ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er
+durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war
+es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit
+ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und
+folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte
+über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde,
+seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny
+Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte
+sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal
+hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten,
+wenn es sein mußte ...
+
+„Und nun?“
+
+„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten
+der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf
+mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle
+Maßen.“
+
+ * * * * *
+
+In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von
+Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine
+Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen
+strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die
+Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen,
+glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie
+lautete:
+
+ Gesellschaft Neu-Deutschland!
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.
+
+„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei
+wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“
+
+„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die
+Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch
+die Luft trieben.
+
+
+ 25
+
+Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch
+angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom
+Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem
+Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten
+Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste
+zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der
+gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.
+
+Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und
+trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der
+zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab
+Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der
+Arbeit und vom Frost.
+
+Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte,
+war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf
+der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an
+der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die
+Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber
+war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.
+
+Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große
+Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe
+stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer
+Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große
+Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen
+die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der
+Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und
+elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren
+noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der
+Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle
+und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen
+Maße und Größen.
+
+In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust
+hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den
+Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem
+Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie
+schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede
+Pause ging ihr rasches Mundwerk.
+
+Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine
+Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und
+einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch
+stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau
+war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann,
+die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war
+zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in
+Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine
+große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war
+früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine
+Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er
+nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.
+
+An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der
+Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich
+für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du
+bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau
+und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht
+entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge
+vor, warte nur, bald sollst du es hören.“
+
+Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot
+über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere
+Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal
+mehr.
+
+Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es
+gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf
+leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte
+es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der
+einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten,
+und schon ging es an die Arbeit.
+
+Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen.
+Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen
+Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem
+düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der
+Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und
+wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich.
+Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte
+kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch
+hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.
+
+Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von
+Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen
+sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es
+Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin,
+jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor
+mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten.
+Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in
+Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.
+
+So hieß es, sich gedulden.
+
+Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die
+Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder
+freier.
+
+
+ 26
+
+Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte
+unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht
+heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft,
+völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber
+gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am
+Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken.
+Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.
+
+Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine
+besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt
+waten mußten.
+
+Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die
+Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die
+Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst
+mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert.
+Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig
+Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder
+reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen
+an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!
+
+Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie
+bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So
+sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
+
+Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße
+frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.
+
+„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn
+die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“
+
+Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.
+
+Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte.
+Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor
+wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde,
+verhielten sich noch still und stumpf.
+
+An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der
+Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und
+verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene
+Fröhlichkeit.
+
+Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.
+
+Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft.
+Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter
+Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen
+und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“
+
+„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten,
+du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr
+habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende
+Ohrfeige.
+
+Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten
+beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb,
+aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte
+sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu
+machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
+
+An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die
+Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
+
+Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in
+die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich
+die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann
+seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen
+steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell
+gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu
+stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache,
+die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber
+er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer
+war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten
+vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen
+hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein
+Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort
+öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz
+nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er
+empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so
+unverschämt renommierte.
+
+„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
+
+„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
+
+„Ah, ein Boxkampf!“
+
+Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie
+dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner
+gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde
+Georg zum Schiedsrichter erwählt.
+
+„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
+
+Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei
+Minuten.“ Alle Teufel!
+
+Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten
+Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
+
+„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure
+Erregung.
+
+Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend
+zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war
+dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
+
+Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in
+Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke
+verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der
+Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
+
+„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine
+Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt
+augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser
+Beziehung keinen Spaß!“
+
+An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel
+empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer,
+die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele,
+Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und
+waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den
+Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten:
+Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo
+die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen,
+Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft
+Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die
+Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue
+Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...
+
+
+ 27
+
+Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager
+interessierten.
+
+Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto
+an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder
+heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen
+in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die
+Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu
+interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit
+raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf,
+dem Kellner.
+
+Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“
+
+Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht
+Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich?
+
+„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen
+Sie mit uns!“
+
+Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie
+der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“
+
+Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“
+
+Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden
+strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.
+
+Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie
+ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“
+
+Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber
+nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren
+zustecken.
+
+„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken
+Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“
+
+Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis
+zum Auto das Geleit.
+
+„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist
+ja nicht so schlimm!“
+
+„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es
+verschwand.
+
+Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der
+Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden
+hatten!
+
+An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer
+wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der
+eigentlich Bollmann hieß.
+
+„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie
+Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“
+
+„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie
+für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein
+Pech!“
+
+Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem
+kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am
+Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den
+linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer
+fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er
+im Kittchen.
+
+Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam
+aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.
+
+So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten,
+um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in
+die Decken.
+
+Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum
+Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen
+Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er
+war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit,
+und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte
+Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum
+Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall
+nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht.
+Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen
+fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die
+sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der
+Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich!
+Viele Wochen war er schon da.
+
+Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald
+hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er.
+Der Alte hatte sich erhängt.
+
+Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich
+erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von
+vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“
+
+Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im
+Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend
+mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.
+
+„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im
+Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine
+Nachtigall zu ihm.“
+
+„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.
+
+„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz
+an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar
+in Berlin Nachtigallen gibt.“
+
+„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte
+Georg.
+
+So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr
+kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“
+
+Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige
+Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr
+schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende
+sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht
+mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen,
+hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den
+Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die
+Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen,
+aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist
+ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General
+oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln,
+als er einer war.“
+
+Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die
+Feierlichkeit war beendet.
+
+Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert.
+Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der
+Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl
+er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich
+auskommen ließ.
+
+So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein
+warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen.
+In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien,
+und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke
+aus, er schwitzte.
+
+Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden
+vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.
+
+Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der
+Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde
+surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag
+für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten
+sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die
+Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie
+Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es.
+Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide
+kriechen.
+
+„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern,
+dann haben wir sie hier!“
+
+Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig
+besprochen wurde.
+
+Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto,
+das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck
+stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen,
+denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren
+ausrangierte alte Kasten.
+
+Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener,
+breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas
+schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.
+
+Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie
+zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war
+bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit
+zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor
+dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte
+sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld
+geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit
+weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich
+aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die
+Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der
+gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in
+Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem
+Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.
+
+„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es
+Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann,
+sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser
+Große mit dem braunen Gesicht!“
+
+„Wer sind die Herren gewesen?“
+
+„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und
+eifrig die Pfeife paffte.
+
+„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht
+interessiert hatte.
+
+„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der
+Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein
+ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“
+
+„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen
+Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei
+Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser
+Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“
+
+Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins
+Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg,
+bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich
+aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam
+mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht
+Schellenberg.“
+
+„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“
+drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande,
+und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+
+
+ 1
+
+Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die
+berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung
+war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell,
+früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in
+den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren,
+so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit
+den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen,
+Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener
+Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten,
+ausgeboten.
+
+Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger
+Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern,
+ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen
+verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen
+Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter,
+die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber
+nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend,
+darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.
+
+Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten,
+verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal
+schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.
+
+In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der
+alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine
+graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte,
+das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener
+Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein
+herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand
+zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell.
+Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die
+beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg
+davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den
+Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um
+das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit
+einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender –
+seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm.
+Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf
+um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der
+Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in
+den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie
+hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde
+dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern
+niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen
+Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte
+noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn
+vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war
+man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben
+mußte.
+
+Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und
+wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom
+Gesicht.
+
+Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß?
+Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter
+Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine
+phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?
+
+Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es
+ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener
+große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“
+
+„Unmöglich!“
+
+„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“
+
+Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter
+Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich
+seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.
+
+Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe,
+jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei
+Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in
+den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe
+kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht.
+Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe
+unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler
+mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.
+
+Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie
+Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf
+zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern
+bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal
+unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben.
+Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der
+Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen
+hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf,
+blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers
+und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät.
+
+An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er
+blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der
+Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian
+wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig
+vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar,
+das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im
+Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch
+schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes,
+forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht,
+fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine
+der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde
+unruhig.
+
+„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt.
+
+„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß
+sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“
+
+„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.
+
+
+ 2
+
+Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem
+jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf
+der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas
+trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“
+
+Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf,
+wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte
+Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart,
+aber sehr hell.
+
+Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren,
+noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den
+letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien
+auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den
+geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe
+leider Ihren Namen nicht behalten.“
+
+„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.
+
+Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die
+Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war
+nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das
+konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg
+ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die
+Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne
+weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade
+unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny
+plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im
+Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht
+Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben,
+es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne
+Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und
+stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen
+Reichtums umstrahlte ihn.
+
+Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys
+Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr
+Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun
+genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm
+dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an
+Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls,
+das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin
+Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer
+Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin
+eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft,
+ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden,
+ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte
+ihm nicht zu.
+
+Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr
+eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen
+Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit
+Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß
+Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm
+austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.
+
+An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben
+Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“
+
+Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie
+aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal.
+
+Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn
+gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum
+Verzweifeln!
+
+„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung
+des jungen Mädchens entzückte ihn.
+
+„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß
+diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“
+
+Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese
+kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat
+er sicherlich nicht den Geschmack.“
+
+Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um
+etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch
+von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil
+einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei
+Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky
+schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben.
+
+„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny.
+„Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie
+viel gekauft, Herr Schellenberg?“
+
+Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten
+vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er
+ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.
+
+„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich
+kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten
+zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr,
+weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in
+zweifelhaften Effekten.“
+
+Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit
+verblüfft.
+
+„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel.
+
+Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief.
+„Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen
+Direktoren wollen mich nicht haben.“
+
+„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe.
+
+„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort,
+„sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film
+interessieren?“
+
+Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie.
+
+„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf
+ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich
+unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge
+sind noch völlig in der Schwebe.“
+
+Die Auktion ging weiter.
+
+„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel
+Stolpe ins Ohr.
+
+„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen,
+unterwürfigen Verbeugung.
+
+Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf.
+Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und
+Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.
+
+Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil.
+Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das
+Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk
+plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten
+Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen
+still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der
+Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“
+
+Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen.
+Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal
+saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.
+
+Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte
+wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene
+Stimme des Maklers siegte abermals.
+
+Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die
+alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in
+verschämter Haltung den Saal.
+
+Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem
+Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert
+mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr
+steht.“
+
+„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige
+Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau
+zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.
+
+„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe
+eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten
+Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich
+geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“
+
+„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von
+Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir
+uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns
+das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch
+von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg
+hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich
+krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen
+Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“
+
+Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei
+Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male,
+da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel
+hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so
+fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in
+diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende
+Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto
+unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein
+hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.
+
+Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei
+Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig,
+dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein
+Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit
+der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als
+Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht
+stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein
+Butterbrot erhalten hatte.
+
+Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen,
+schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe
+Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde
+er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den
+Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers
+Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche
+Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer.
+
+Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine
+auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten
+Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren.
+Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine
+gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes.
+
+Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein
+Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem
+Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie
+tief verletzt zu haben.
+
+„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen
+Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen,
+um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder
+reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“
+
+„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme.
+
+Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um
+keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen.
+
+Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel
+Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn
+völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu
+rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über
+so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige
+Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem
+Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die
+Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom
+König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs
+Großmut.
+
+„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg
+kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“
+
+Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank
+auszudrücken. Anders tat sie es nicht.
+
+Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes
+Gelächter aus.
+
+Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes
+Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte.
+
+
+ 3
+
+Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im
+Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft
+und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er
+dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu
+geben.
+
+Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.
+
+Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der
+edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von
+dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in
+Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig,
+da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen
+Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier
+baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß
+sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden
+war.
+
+Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm
+gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst,
+daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer
+in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine
+Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in
+Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter,
+Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte
+er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe
+in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas
+ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war.
+Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die
+verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen
+Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die
+Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere
+Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die
+die Mieter gegen Wenzel führten.
+
+Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er
+wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das
+Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger
+Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten,
+der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch
+nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte.
+
+Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen.
+In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt
+kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine
+ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er
+engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt
+nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese
+Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die
+zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die
+ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein
+erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen
+Büchern.
+
+Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn
+er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten
+hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das
+nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten
+zermalmte.
+
+Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf
+er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von
+Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er
+noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des
+Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die
+chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag.
+In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm
+manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für
+seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten
+Angebote zurück.
+
+Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine
+unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete
+sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am
+Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf,
+bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei
+Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je
+bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es
+war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er
+spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein
+fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in
+diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier
+ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
+
+Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen,
+die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und
+Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...
+
+Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl
+ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten
+sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In
+allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das
+Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses
+elenden Geldes willen.
+
+Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures
+Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte
+und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf
+Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige
+Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen
+flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen.
+Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von
+einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel.
+Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt,
+saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber
+entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich
+endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
+
+Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte
+die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene
+Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke
+Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen
+alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.
+
+Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel
+lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch
+damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das
+Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten
+die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse
+aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte
+Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig,
+er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige
+Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen,
+wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn
+Minuten zu spät kam, wie?
+
+Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während
+Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand
+Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.
+
+
+ 4
+
+Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland.
+Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die
+Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren
+nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie
+Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.
+
+Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm
+gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich
+an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die
+Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene
+Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war.
+Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man
+wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten
+Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote
+gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf
+ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente,
+wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie.
+Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt
+waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie
+alle seine Mitarbeiter.
+
+Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte,
+forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen
+Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf
+der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen
+Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit
+welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen
+Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche
+Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese
+Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß
+diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die
+Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er
+sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich
+günstig, daß sie ohne Engagement war.
+
+Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu
+sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu
+beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand
+zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht
+strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen
+Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen
+Nase.
+
+„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die
+Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein
+stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie
+zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den
+Herren haben können.“
+
+„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte
+Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.
+
+„Ich habe meine Gründe.“
+
+Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön,
+schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen
+Vormittags stattfinden.“
+
+Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der
+Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der
+Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft
+vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große
+Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“
+
+„Herr Wenzel Schellenberg!“
+
+Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand
+eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren
+Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu
+Katschinsky.
+
+„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“
+
+Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr
+erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff
+die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch
+lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.
+
+„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft
+ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden
+war.
+
+Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine
+Protektion,“ sagte er gekränkt.
+
+„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel.
+„Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie
+wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine
+Szene soll ich spielen? Rate mir!“
+
+Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir
+wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus
+Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“
+
+„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und
+her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser
+gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“
+
+Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier,
+umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und
+modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was
+die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in
+seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache,
+Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“
+
+„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel
+gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.
+
+Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht
+gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei,
+aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine
+Eifersucht nicht verbergen konnte.
+
+Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja,
+was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit,
+daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur
+Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns
+nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze
+Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“
+
+Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst
+einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen,
+die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung
+ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?
+
+Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene
+spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem
+Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe.
+Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben.
+Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie
+plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt
+wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle
+erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament
+zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt
+euch dies?“
+
+Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.
+
+Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“
+rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht
+engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“
+
+„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit.
+
+„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton.
+
+Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut
+durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“
+
+Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde
+nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie.
+
+Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu
+bemerken.
+
+
+ 5
+
+Jenny hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ bis in die
+letzten Einzelheiten ausgearbeitet und hundertmal vor dem Spiegel
+eingeübt.
+
+Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit äußerster
+Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde zu warten. Die Türen
+öffneten sich von selbst, und über lange Korridore wurde sie direkt in
+das Heiligtum des Direktoriums geleitet.
+
+Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr mit geheimnisvoller
+Miene einen Brief. Es war ein kurzes Schreiben Schellenbergs, der sie
+ermahnte, keinerlei Vertrag zu unterschreiben, bevor er ihn nicht
+gesehen habe. Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu
+besprechen und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper mit ihm
+besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute habe.
+
+Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht fieberrot.
+
+Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, beleibte
+Herren, höflich, ja fast unterwürfig.
+
+„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie uns überraschen
+werden, Fräulein Florian?“ fragte einer der Direktoren.
+
+Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor Angst doppelt so
+groß geworden.
+
+Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann sie, aber sie
+spielte verwirrt und schlecht.
+
+„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie.
+
+„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Erregung.“ Die
+Herren verschwanden tief in ihren Sesseln, um sie ja nicht zu stören.
+
+Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt hatte, drückten
+ihr die Direktoren anerkennend die Hand. „Wir werden sehen, Fräulein
+Florian. Es wird nötig sein, Sie in einer ganz besonderen Sache
+herauszubringen. Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der
+Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. Sie können ihn
+morgen unterzeichnen.“ Unter vielen Bücklingen komplimentierten die
+Direktoren Jenny hinaus. Als sich aber die Polstertür hinter Jenny
+geschlossen hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an.
+
+„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten Direktoren.
+„Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“
+
+„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist hübsch, ja schön.
+Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen sind ungekünstelt, reizvoll,
+bezaubernd, rührend, voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher.
+Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht wiederzuerkennen.“
+
+„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“
+
+Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs Brief
+zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte er, indem er die grauen Augen
+streng auf sie heftete.
+
+„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht meinen Ruf, wenn ich
+mit einem Herrn eine Opernvorstellung besuche, der guten Kreisen
+angehört?“
+
+„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? Gute Kreise?
+Zugegeben, er war früher Offizier – sein Ruf ist jetzt nicht der beste.
+Du weißt, daß er einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute
+in Deutschland leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger
+Berlins. Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie man Ware
+kauft!“ Katschinskys Stimme bebte.
+
+Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige dich,“ versuchte sie ihn
+zu besänftigen, bebend unter seinen versteckten Beschimpfungen. „Ich
+habe dir nie Anlaß gegeben, mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht
+ist deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, um nicht
+ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“
+
+„Also du gehst?“
+
+„Ja, ich gehe.“
+
+Krachend flog die Türe ins Schloß.
+
+Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen
+Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die
+Wangen mit Kölnischem Wasser.
+
+„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete.
+„Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es
+zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den
+Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich?
+Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist
+Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe
+gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich
+tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin-
+und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen.
+Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa
+schreiben.“
+
+Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte
+als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht,
+wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren
+hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit
+vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte
+Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße,
+zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte
+und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine
+Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben
+anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian
+beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen
+Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man
+prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer
+Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine
+berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht
+Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war
+bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der
+Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um.
+
+Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys
+große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf
+seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg.
+Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen.
+
+In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt,
+und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky
+hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter
+brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er
+anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky
+begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr
+Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch.
+Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene
+Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern
+vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer
+Mentor. Mehr als das: er liebte sie.
+
+Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen
+Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu
+Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von
+ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war
+rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des
+Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und
+Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in
+Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen
+Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr
+aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines
+Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand
+sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch
+vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es
+gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß
+Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an
+nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie
+belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit,
+er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin,
+in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den
+er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit
+Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er
+einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde
+beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und
+Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt
+hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch
+Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei
+mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm.
+Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen
+Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er
+fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen
+Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in
+Zukunft diese Kreise zu meiden.
+
+„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften
+und Ambitionen.“
+
+Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst
+Vergötterten gesehen hatte.
+
+An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater
+schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen
+dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften
+abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die
+Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb –
+ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft,
+nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb,
+quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit
+Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun
+sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß –
+
+Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt,
+es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß
+ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war
+unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr
+der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit
+einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe
+über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie
+sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas
+derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich,
+überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie
+wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld
+liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie
+wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen.
+Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er
+protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren?
+Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine
+Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein.
+Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich
+gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie
+Erfolg hatte.
+
+Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war,
+auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr
+sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“
+
+„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund
+war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden
+Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse
+Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund,
+morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es,
+daß ich glücklich sein werde!“
+
+Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie
+zerriß. Mochte es stehen bleiben.
+
+Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam
+durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße
+Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und
+wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es
+mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde
+abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen?
+Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig
+Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen
+sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie
+ein Quadrat aus.
+
+Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich
+über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.
+
+Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin.
+Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut.
+Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den
+Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die
+dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da
+zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht,
+gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine,
+breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.
+
+„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“
+fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der
+Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate
+ausstreichen.
+
+An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen
+gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes
+willen?“ fragte sie bestürzt.
+
+Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen
+Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach
+Hamburg fahren.“
+
+Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer
+Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“
+
+Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er.
+
+„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte,
+daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe
+vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie
+weit weg war sie schon von ihm.
+
+
+ 6
+
+Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es
+nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen,
+ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein
+verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann
+mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war
+armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren
+geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte
+Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar
+gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu
+schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um
+ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel
+nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu
+ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen
+Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.
+
+Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem
+Menschen so wahnsinnig sehnen!
+
+Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in
+einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu
+seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt,
+ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.
+
+Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer
+leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste
+Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder.
+Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe
+mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein
+Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ
+und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde
+im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg
+nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach
+Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um
+fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und
+Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn
+Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am
+Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was
+gibt man eigentlich in der Oper?“
+
+Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte
+sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“
+antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“
+
+„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es
+wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings
+sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie
+übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut.
+Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier –
+ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat
+sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie
+mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen
+sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr
+ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“
+
+Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr
+Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie
+entlasten?“
+
+„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe.
+„Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich.
+Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine
+Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus.
+Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit
+gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater,
+Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht
+es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in
+prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer
+Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen
+Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich
+ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat
+Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß,
+schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe
+von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn.
+
+Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses
+rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie
+früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.
+
+In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der
+steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach
+ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas
+Sekt?“
+
+Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat
+in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel
+begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz
+genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.
+
+Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu
+beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede
+Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört
+hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über
+ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem
+Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen?
+Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem
+ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und
+sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und
+in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit
+Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg
+still in seinem Sessel.
+
+Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr
+Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte
+Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht,
+und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie
+versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er
+schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte.
+
+Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im
+Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren.
+„Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich
+schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und
+dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“
+
+Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre
+schönen Augen lächelten Verzeihung.
+
+Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, feierlichen
+Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen Restaurant, wo er vor
+Jahren mit Michael soupierte.
+
+Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die man nie kennenlernt,
+die sich verhüllen, verschleiern, mit ihrem Willen oder gegen ihre
+Absicht. Dumme, eingebildete, überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum
+gibt es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, und es
+gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man in der ersten Minute
+vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, Einfachen, Reichen, die sich nicht
+scheuen, die Türe weit aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es
+Jenny, gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten,
+versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, vorzutäuschen, er
+posierte nicht, er war schlicht und einfach und gerade. Nach einer
+kurzen Befangenheit hatte Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon
+jahrelang kenne.
+
+Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, zum erstenmal sah
+sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war breit, derb, fast etwas bäurisch,
+aber fest und groß. Die Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen
+hingen wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, es schien
+Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick zum erstenmal wirklich ein
+menschliches Gesicht. Alles, was sie sich früher über das menschliche
+Antlitz gedacht hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also
+begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht des
+Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung.
+
+„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, die grauen Augen,
+deren Blick etwas kalt schien, fest auf sie gerichtet.
+
+Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? Wozu Mut, Herr
+Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen Kopf verlegen zur Seite geneigt.
+
+„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“
+
+„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht –?“
+
+„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten geworden ist.
+Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe haben die Menschen im
+allgemeinen zu einem erbärmlichen Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die
+Angst davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das Urteil
+ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, gelegentlich,
+wegen irgendeiner Sache, ein paar Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so
+lächerlich sind diese Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und
+ekelhaft – ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: Mut zu
+haben, dem Leben in die Augen zu sehen? Es bedeutet den Mut zu haben,
+unter Umständen auch zugrunde zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben,
+Fräulein Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie eine
+Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur Mut hat.“
+
+„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“
+
+„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja
+im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist
+gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte
+noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß
+mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu
+schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher
+ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine
+Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für
+seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den
+Sinn käme.“
+
+„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“
+
+„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig
+zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden
+diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“
+
+Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem
+zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es
+Ziegelsteine abfärben, dachte er.
+
+„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige
+sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle
+Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente,
+erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe
+es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere.
+Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung
+nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von
+Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder
+und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit
+Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die
+eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später
+brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die
+Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es
+ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen
+filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre
+zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich
+weiß es.“
+
+Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?
+
+Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir,
+Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit
+werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden
+Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach
+einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden
+täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die
+Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten
+Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind
+nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht
+ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren.
+Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies,
+dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung
+anvertrauen?“
+
+Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft
+des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu
+begreifen.
+
+„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich
+änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der
+Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie
+vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut
+so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein
+besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit
+zweitausend Mark im Monat reichen?“
+
+„Aber gewiß.“
+
+„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter
+hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht
+an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und
+schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute
+Kameraden werden.“
+
+
+ 7
+
+Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau
+von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen
+Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam
+sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte
+der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten
+gerade über den Bahnsteig.
+
+Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und
+Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen
+Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant
+zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin.
+Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.
+
+Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise
+ungnädig und ungeduldig.
+
+„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der
+Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine
+Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.
+
+„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer
+Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero
+zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht,
+Lise.“
+
+„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in
+dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem
+Pflaster.
+
+Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.
+
+„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und
+ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das
+Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen,
+um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“
+
+„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist,
+Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im
+Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche.
+
+„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma.
+Der Winter war sehr schlecht.“
+
+Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie
+bleiben wollen?
+
+Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im
+Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür
+gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes,
+freudiges Geheul aus.
+
+„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem
+Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und
+küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte
+glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder,
+und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“
+
+Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie
+schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre
+herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten.
+
+Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so
+gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter.
+Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte,
+entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen
+Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige
+dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand
+beachtete.
+
+„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“
+
+Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie
+abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder.
+
+„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat
+genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein
+Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes
+Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber
+ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem
+argwöhnischen Blick an.
+
+Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du,
+wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen.
+
+„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. Das Mädchen lachte
+nur, weil Frau von dem Busch sie duzte.
+
+„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es sich einfallen lassen,
+so zu lachen. Bringe eine Nadel und einen Faden, siehst du nicht, daß
+eine Masche von Marions Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben
+keine Augen im Kopf.“
+
+Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik bringen und ihr
+zeigen, wie weit er bereits in den Lektionen gekommen war. „Und, wie
+sagt man: Hier bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie
+man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm alberne Fragen in
+dieser herrischen Form vortrug, und so antwortete er nicht. Seine grauen
+Augen glänzten abweisend, es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die
+Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie versprach Gerhard, ihm
+morgen zu zeigen, wie man ein Buch einbindet.
+
+„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. „Aber
+schon ist die große Begabung des Vaters unverkennbar.“
+
+Lise staunte.
+
+Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem Busch hatte die
+Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, sah ihr lange und zärtlich in
+die Augen, und dann begaben sich die beiden Frauen in das Speisezimmer.
+
+„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“
+
+„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war höchste Zeit, daß
+ich wieder einmal nach Berlin kam, um mit dir über all die Dinge zu
+sprechen.“
+
+„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und zerknitterte die
+Stirne.
+
+Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden waren – gab
+es für Frau von dem Busch kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte
+sich in den Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr von
+dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. „Also,“ begann Frau von
+dem Busch, „ihr zankt euch noch immer?“
+
+„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an.
+
+„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, was für ein Kind
+er ist, ein wilder Junge, der dumme Streiche macht. Aber man muß zugeben
+– und ich habe es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute
+Eigenschaften hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das
+ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, haben.
+Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“
+
+Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die Mutter, sofort erregt.
+„Du scheinst die Situation, die du ja zur Genüge kennst, absichtlich
+verkennen zu wollen.“
+
+„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“
+
+„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen mir und
+Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“
+
+Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind nur Worte, Lise,“
+entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, die dreimal geschieden
+wurden und sich immer wieder heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose
+Natur, er mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon
+anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den Versuch machen –“
+
+Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal wiederholt,
+Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter Stirn. „An eine
+Aussöhnung ist nicht zu denken. Wenigstens was meine Person betrifft,
+nie, niemals. Und auch Schellenberg –“
+
+Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. „Ich meine es ja nur
+gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir können doch über all diese Dinge ruhig
+und offen sprechen. Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so
+viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei mir. Was er alles
+erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es gedacht, soll ja eine ganz
+fabelhafte Karriere gemacht haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst
+von Carlowitz sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von
+Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen Fähigkeiten
+habe ich ja nie gezweifelt.“
+
+Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ sagte sie.
+
+„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? Man muß über
+all diese Dinge ruhig sprechen können. Der Zeitpunkt einer Aussöhnung
+scheint dir also noch nicht gekommen zu sein? Das ist schade, sehr
+schade. Ich hätte es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich
+in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach von ungeheuren
+Reichtümern.“
+
+Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, Mama, ich will
+nichts von diesen Reichtümern. Ich will nichts von diesem
+zusammengescharrten Geld!“
+
+Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie töricht du bist!“
+rief sie aus. „Du bist ja immer noch seine gesetzmäßige Frau! Wie gut
+ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin,
+eine Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen
+wahrzunehmen.“
+
+„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte Lise gelangweilt.
+
+„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, vielleicht
+übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht einer Großherzogin
+gekauft habe!“ Frau von dem Busch wollte alles, jede Einzelheit wissen,
+sie war ja nur zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen.
+
+Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. Sie hatte ja
+über alles bereits hundertfach schriftlich und mündlich berichtet. Das
+war die Wahrheit. Bis auf jene Dinge, die Lise absichtlich verschwieg,
+war Frau von dem Busch in alles eingeweiht.
+
+Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall mehr zu ihr
+zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch unter Qualen, damit
+abgefunden. Sie spielte zuerst die Rolle der verkannten, verlassenen
+Frau. Sie war auch in der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah
+plötzlich alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte
+erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften verblaßten, und
+die schlechten Eigenschaften traten hervor. Nunmehr sah sie nur noch die
+schlechten Eigenschaften Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er
+„nicht zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie nicht ab,
+ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten Formen fortzuführen. In
+ihrem Salon gingen Damen und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann
+man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg immer kommen, immer
+gab es Umarmungen und Küsse. Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht
+drei, vier Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte ein
+Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, Theater,
+Einladungen aller Art. Als es mehr und mehr bekannt wurde, daß Wenzel
+Reichtümer erwarb, beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person
+sich wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und ihre
+Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. „Lise, man hört
+Dinge –“ Aber Lise richtete sich sofort überempfindlich auf und machte
+weiteren Ausführungen mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht
+davon, kein Wort mehr.“
+
+Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte kein Arg gegen
+Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, daß er sie tief verletzt hatte.
+Da waren ja auch seine beiden Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine
+vorzügliche Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von Monat
+zu Monat.
+
+Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen dem Bruder
+und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse liebte, hatte ihr durch Michael
+und den Anwalt mehr als einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr
+glänzende Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise nahe
+daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum notorisch geworden
+war, setzte sie allen Vorschlägen ein eigensinniges Nein entgegen.
+
+Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie kaufte Hüte und
+Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle Wenzel zustellen. Er befahl,
+daß sie bezahlt werden sollten, daß man aber den Firmen mitteilte, daß
+er nicht mehr für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit
+einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen Firmen, und
+wieder kamen Stöße von Rechnungen.
+
+„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten zwingt,“ sagte
+Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab die Angelegenheit einem
+seiner Anwälte. Und die Richter, die beim Anblick dieser Rechnungen kaum
+die Sprache zurückfanden, entmündigten Lise.
+
+Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde Lise zum erstenmal
+in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. Drei Tage lang schwankte sie
+kreidebleich durch die Wohnung. „Ich hätte nicht gedacht, daß er ein
+Schuft ist,“ sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich
+hielt ihn nur für leichtfertig.“
+
+Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache mit der
+Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur angedeutet, daß sie mit
+Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen – Schuhe, Kleider, Wäsche für
+die Kinder – beanstande.
+
+Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung noch immer nicht
+beendet war, geriet Frau von dem Busch an diesem Abend abermals in helle
+Erregung.
+
+„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, um nach dem Rechten
+zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die Anwälte machen mit dir natürlich,
+was sie wollen. Morgen werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist
+ein alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, Lise, wozu ich
+mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ Frau von dem Busch
+hatte sich vor Erregung erhoben und blickte Lise mit einem kühnen Blick
+an.
+
+„Wozu, Mama?“ fragte Lise.
+
+„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es tun!“
+
+„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete Lise mit einem
+spöttischen Lächeln.
+
+Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. „Oh, er wird es nicht
+wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie und ballte die kleine, bleiche Faust.
+
+
+ 8
+
+Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm
+wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in
+Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben.
+Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren
+angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch
+nicht ganz erholt.
+
+Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung
+wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein
+Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch
+saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und
+strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen,
+über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine
+noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre
+gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas
+gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte.
+Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und
+geheimnisvoller Verschwiegenheit.
+
+Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht
+die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte
+sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre
+Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer.
+
+„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch
+und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen
+„arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen.
+Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die
+Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden
+gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte
+am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle
+fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand
+zu widersprechen wagte.
+
+An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort,
+was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den
+Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung
+nicht schaden würde.
+
+Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen
+ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu
+Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und
+Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin
+gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine
+phantastische Färbung angenommen.
+
+Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein
+Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften
+hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte
+höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen,
+luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte
+Lise lernen.
+
+Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise
+entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen
+Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun
+allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie
+bereute.
+
+Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort
+die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte
+sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert
+aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem
+unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute
+gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine
+Sünden zu vergeben.
+
+Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das
+über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten
+Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen.
+Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck.
+
+„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in
+einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des
+Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“
+
+Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu
+sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei,
+außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand.
+
+Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist
+natürlich manches wahr daran.
+
+Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und
+führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.
+
+Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu
+dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm
+zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich
+hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß
+bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei.
+
+Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von
+ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede,
+dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte.
+
+„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich
+sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du
+aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses
+Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber
+wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“
+
+„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins
+Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er
+sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt,
+hart und ohne jede Gnade.
+
+„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er
+hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht
+seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“
+
+Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war,
+nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig,
+sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte.
+
+„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre
+Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen
+Angelegenheiten Lises zu ordnen.“
+
+„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau
+von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier
+sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre
+Tochter bezahlt habe.“
+
+Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es
+seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu
+unterhalten.
+
+„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß
+es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu
+arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch
+keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie
+Ihrer Tochter angedeihen ließen.“
+
+Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind
+herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor
+Erregung so weiß geworden wie ihr Haar.
+
+„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“
+erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er
+erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank,
+der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern
+vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“
+
+Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die
+Interessen Wenzels vertrat.
+
+„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig
+Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch
+immerhin –“
+
+Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit
+meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“
+
+„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“
+
+Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch
+das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn,
+einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte
+Vertrauen hatte.
+
+„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich.
+
+Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall
+auseinanderzusetzen.
+
+„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den
+Anwalt.
+
+„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt
+zwei Schellenberg.“
+
+„Wenzel Schellenberg.“
+
+„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt
+noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“
+
+Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor.
+Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit
+halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß
+Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und
+wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.
+
+„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“
+
+„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte
+es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine
+Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu
+sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“
+
+„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte
+Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich
+gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund
+dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in
+meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter
+Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu
+wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele
+Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen
+herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor
+Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte
+große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während
+er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor
+zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.
+
+Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts.
+
+Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand
+genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg.
+Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es
+wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden
+Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen.
+
+Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von
+Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in
+Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das
+ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.
+
+
+ 9
+
+Jenny speiste mit Wenzel im Hotel Eden.
+
+„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein Florian?“ fragte
+Wenzel.
+
+„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien ihr, als klänge
+Wenzels Stimme streng und rügend. Du mein Gott, sie konnte solch rasche
+Entschlüsse nicht fassen. „Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe
+zu tun. Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“
+
+„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut fort. „Ich war
+vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen Geschäftsfreund. Er
+hatte hier zwei Zimmer und ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich
+reizende Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der Schwede ist
+abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung für Sie gemietet.“
+
+Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte sie den Kopf.
+„Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, das ist mir viel zu teuer.“
+
+„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein Florian,“ entgegnete
+Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium gut bekannt. Aber nun kommen Sie
+gleich mit, ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß Sie
+davon entzückt sein werden.“
+
+In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das Bad entzückte Jenny.
+In alle Räume hatte Wenzel große Blütensträuße stellen lassen. Jenny
+sagte kein Wort, sie errötete tief. Das war ihr Dank.
+
+Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, daß Jenny ins Eden
+gezogen war, wurde er blaß wie ein Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm
+mehr zu verraten als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf,
+Jenny zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man mußte sich bei
+ihr anmelden lassen, bevor man empfangen wurde.
+
+Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete und Jenny erblickte,
+erschrak er, so schön war sie. Nie hatte er sie so schön gesehen. Sie
+trug ein Kleid, das er nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig,
+voll natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh.
+
+Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam den sanft schimmernden
+Blick zu, mit einem leichten, etwas verlegenen Lächeln in den
+Mundwinkeln, als ob sie sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du
+hättest noch länger wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön
+gewesen. Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in
+diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, den Glanz ihrer
+Augen und den unbegreiflichen Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war
+sie viel, viel schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte.
+
+Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen sah, war ihr erster
+Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht zu zart, zu unmännlich, zu
+weichlich, ja weibisch war.
+
+Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander und stützte das
+Kinn in die Hand.
+
+Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, dachte Jenny. Früher
+hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar gebauter und trainierter Körper
+zeigt immer schöne Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen.
+
+„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny.
+
+Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam von der Beerdigung
+seiner Mutter, und sie fragte: Wie war es in Hamburg? Offenbar hatte sie
+vollkommen vergessen, daß seine Mutter gestorben war.
+
+Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen Frage kam ihr zum
+Bewußtsein.
+
+Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den Gleichgültigen und
+Unbeteiligten, den Freund, der tief gekränkt, aber zu stolz und
+großmütig ist, um sich diese Kränkung merken zu lassen.
+
+Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet hatte. Strümpfe,
+Schuhe, alles war völlig neu und modern. Es fiel ihr ein, daß seine
+Mutter ein kleines Vermögen besessen hatte.
+
+„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ fragte Katschinsky.
+„Hast du abgeschlossen?“
+
+„Ja, ich habe abgeschlossen.“
+
+„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer Gleichgültigkeit
+fort.
+
+„Ja.“
+
+Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch ein Recht gehabt
+hätte, Näheres über die Bedingungen zu erfahren. Er ging.
+
+Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny sah es sofort seinen
+Augen an, daß er heute nicht die Rolle des Gleichgültigen spielen werde.
+
+„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ sagte er in
+munterem Tone, als habe es nie eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben.
+„Wir wollen etwas gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser
+besuchen.“
+
+Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete sie. „Willst du
+Tee haben? Um sechs Uhr kommt der Regisseur zu mir. Ich habe zu
+arbeiten.“
+
+„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig etwas warten. Mache
+mir die Freude, Jenny.“ Er haschte nach ihrer Hand und versuchte sie zu
+berühren. Er wußte wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte.
+Sobald er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war ohne jeden
+Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und wiederholte nur, daß sie zu
+arbeiten habe, daß sie aber gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee
+plaudern wolle.
+
+Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn Herr Doktor
+Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.“
+
+Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden bin, dachte
+Katschinsky.
+
+Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken Körper leicht
+zurückneigte, während sie mit einem Finger den Deckel der Teekanne
+festhielt, wurde Katschinsky von einer Art Raserei ergriffen. Seine
+Vorsätze, sich zu beherrschen, waren wie weggeblasen. Er erhob sich
+bleich. Sein Atem ging hörbar vor Erregung.
+
+Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge groß und abwehrend zu
+ihm auf. Aber dieser Blick, der ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch
+seine Erregung. Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen
+den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, die Zigarette
+anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn
+du aufrichtiger wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine Brauen
+flogen auf und ab.
+
+Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte sie leise und
+erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie bleich wurde.
+
+Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe nie gedacht, daß du
+so feige bist, Jenny!“ rief er.
+
+„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte Jenny, und ihr
+Auge glühte auf.
+
+„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider ist!“ schrie
+Katschinsky rasend.
+
+Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! Ich will es
+nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf.
+
+„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky brachte erregt
+einige Fälle vor, die man sich von Wenzel Schellenberg erzählte.
+
+Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. „Du bist
+ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so sprichst.“
+
+Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine Frage zu beantworten,
+und ich gehe – für immer,“ sagte er, und sein Blick grub verzweifelt in
+ihren Zügen. Seine grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß.
+Ja, er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber mehr als
+sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese Frau mit seinem Gelde
+gekauft hatte, er haßte ihn um so mehr, je weniger er die Möglichkeit
+hatte, ihm irgendwie beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines
+Tages, oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. Tag und Nacht
+würde es für ihn, Katschinsky, keinen anderen Gedanken mehr geben.
+
+In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, der Regisseur,
+trat ein.
+
+Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine Sekunde lang hatte
+er geglaubt, Schellenberg werde kommen.
+
+Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. Sie begrüßte Dr.
+Brinkmann und machte die Herren bekannt. Während sie den Tee servierte,
+plauderte und klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon.
+
+„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, aber er fand nicht
+die richtige Anerkennung. Ich glaube aber, daß er sehr große Begabung
+hat. Sie sollten ihn sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“
+
+Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete Katschinsky
+aufmerksam, wie ein Händler, der ein Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“
+sagte er, „das Äußere ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine
+Verabredung.
+
+Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber nur um rasch ein
+Gesprächsthema zu finden, war sie auf diesen Gedanken verfallen.
+Katschinsky küßte ihr artig die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging.
+
+
+ 10
+
+Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen.
+Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich
+unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den
+Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch
+Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die
+leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die
+ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge
+verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr
+die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle,
+wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen
+Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh,
+er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo
+haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine
+rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte
+bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß
+er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man
+spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe
+nicht!“
+
+Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo
+in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer,
+irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein
+Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.
+
+„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr
+umtun.“
+
+Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten,
+wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im
+Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken,
+etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas
+außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die
+Schellenberg interessieren konnte.
+
+Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen,
+bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen
+erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese
+Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde,
+bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften
+währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.
+
+Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein
+Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel,
+den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe
+schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die
+Vorbereitungen zu treffen.
+
+Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis.
+Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei
+einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier
+gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg,
+der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel
+kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die
+Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.
+
+Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten
+Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen.
+Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge,
+Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine
+kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen
+spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln
+hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der
+Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander
+verbunden.
+
+Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten
+Kaufherr instandsetzen lassen.
+
+Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch
+keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine
+Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus
+dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“,
+das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See.
+Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.
+
+Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden,
+nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen
+verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon
+empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.
+
+Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes
+Schloß,“ sagte sie.
+
+„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele
+Umstände unter dem Arm und führte sie fort.
+
+Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all
+diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik
+und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und
+Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen
+Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen,
+eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne
+Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich
+einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel
+angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und
+langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus
+dutzendmal gehört hatte. Welche Leere.
+
+Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und
+selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den
+Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß.
+Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny
+dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem
+Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der
+Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke,
+die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein
+Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte
+sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört.
+Er lachte ausgelassen wie ein Knabe.
+
+Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei
+einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen
+lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in
+dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man
+beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee.
+
+„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht
+anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“
+
+In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik
+davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man
+ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er
+legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder
+litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu
+Ende.
+
+In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen
+fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und
+sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“
+
+„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“
+
+„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“
+
+„Ihr werdet schon sehen!“
+
+Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg
+unternehmen werde.
+
+In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden
+Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her.
+Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt
+ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel,
+der aus dem Wasser steigt.
+
+Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran,
+berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten,
+kleiden Sie sich sofort um.“
+
+Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in
+die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen
+gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand
+schnell im Hause.
+
+Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie
+wieder in Berlin war.
+
+
+ 11
+
+Jenny hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. Es war
+eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß sie voller Fleiß, Hingabe
+und Ausdauer arbeitete. Die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war
+ungeheuer selten, ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr
+lag, sie zu nützen.
+
+Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen gegeben, und sie
+folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei einem Tanzmeister und begann ganz
+von vorn mit der alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann
+machte sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden.
+
+Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm
+Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich
+leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten
+Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die
+völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung,
+jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß,
+sie empfand es fast als Wollust.
+
+Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine
+schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und
+Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte,
+ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu
+gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem
+Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt
+ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor
+Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun
+begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede
+Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte
+ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war
+keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge
+glänzte und flammte leidenschaftlich.
+
+„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte
+nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit
+erhielt.)
+
+Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in
+Italien aufnehmen lassen.
+
+Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie
+fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein
+Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr
+auch diese schwierige Kunst zu erschließen.
+
+Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden
+und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern,
+Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner
+Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche
+Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er
+allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn
+sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit
+schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat
+sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie
+stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich
+Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.
+
+Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit
+Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum
+erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe
+keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust
+wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie
+schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie
+fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr
+als Sentimentalität.
+
+In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre
+Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen
+Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine
+Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger,
+brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf,
+aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer
+Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie
+eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte,
+der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte.
+Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang,
+und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der
+herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.
+
+Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte
+ihn zu ergründen, vergebens.
+
+Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen
+wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte
+sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür
+hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf
+zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie
+sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann?
+Aber Wenzel hatte nie Zeit.
+
+
+ 12
+
+Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die
+Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er
+selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten,
+abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es
+genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar,
+wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und
+unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen
+konnte.
+
+Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug
+das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen
+zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im
+luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um
+hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel
+ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig
+gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch
+seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war
+ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich
+finden.
+
+War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der
+Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er
+Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es
+wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese
+funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die
+in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm
+entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor
+Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen
+herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer
+erloschen.
+
+Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine
+Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen
+Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken.
+Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr
+berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die
+finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So
+ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht
+war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im
+trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß
+er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön,
+und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit
+allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen
+weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.
+
+Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
+
+Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen.
+Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer
+Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
+
+Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener
+Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es
+versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen
+verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts
+mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen
+keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen
+Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
+
+„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz
+offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind
+ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer
+Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der
+Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst.
+Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“
+
+Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar.
+Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden
+jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade
+die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen
+Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.
+
+Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten,
+zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen
+etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich
+außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ
+schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die
+Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte
+Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand
+wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig
+versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht
+mehr, er erbleichte nicht mehr.
+
+Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die
+Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie
+hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen
+Augen.
+
+Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe,
+dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.
+
+„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten
+Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine
+solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife,
+Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als
+Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon
+lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute
+Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“
+
+„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand.
+„Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und
+plauderten wie gute Freunde.
+
+Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr
+Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine
+Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann
+und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den
+Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer
+gleichmäßig kameradschaftlich.
+
+Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen –
+änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle,
+menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn
+zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu
+verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir
+alles zu gestehen, was geschehen ist.“
+
+Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck
+seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur
+aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und
+nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
+
+Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er
+sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte
+von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.
+
+Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich
+bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß
+auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach,
+hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm.
+Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu
+laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie
+wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches
+Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und
+beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so
+maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe
+mich doch, fühle es doch!“
+
+Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab
+es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie
+für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich
+kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein
+schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht
+gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung
+vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
+
+„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus,
+„sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn
+nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn
+erhalte.
+
+Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit
+einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen
+andern.“
+
+„Liebst du ihn wahrhaftig?“
+
+„Dreimal wahrhaftig!“
+
+Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann
+ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
+
+Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des
+Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden
+Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es
+gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein
+Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers
+geworden.“ Jenny heischte Antwort.
+
+Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine
+immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.
+
+„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich
+habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken
+hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh,
+wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage
+nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“
+
+Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich
+dir noch verzeihen.“
+
+Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
+
+Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
+
+„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg
+einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn
+K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du
+machst dich nur lächerlich!“
+
+In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen
+Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten,
+sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet
+nicht, bis das Licht erlischt.
+
+
+ 13
+
+Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des
+Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den
+halbdunkeln Raum.
+
+Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen,
+daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines
+Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu
+schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie
+sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne
+Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus
+diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie
+etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es,
+geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten
+sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der
+Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch
+sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle
+Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
+
+Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die
+eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen
+und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht
+Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie
+allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er
+sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
+
+Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie
+saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren
+sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit
+sollte drei Tage dauern.
+
+„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie
+sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie
+sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein
+Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer
+Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter,
+als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“
+
+Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände
+kletterten eilige Funken.
+
+Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf
+schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas
+zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man
+ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind
+verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in
+gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir
+allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr
+kannte. Lieben Sie Gedichte?“
+
+Jenny sah erstaunt auf.
+
+Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch
+nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele
+Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist
+schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust
+auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen
+doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
+
+Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
+
+„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein
+Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme
+dabei klingt.“
+
+Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie
+dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der
+Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz
+monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:
+
+ „O gib, vom weichen Pfühle
+ Träumend, ein halb Gehör!
+ Bei meinem Saitenspiele
+ Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände
+sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.
+
+„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte
+ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und
+unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein.
+Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch
+das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und
+selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses
+Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache
+gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf
+dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist.
+Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich
+dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf
+dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um
+zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine
+in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich
+oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme
+mich jetzt schon dieser Trivialität.“
+
+Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und
+schwieg.
+
+Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich
+mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die
+hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als
+Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir,
+ertränken.“
+
+Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus;
+aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure
+Verachtung klang aus Wenzels Stimme.
+
+„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die
+zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen
+Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte
+nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu
+haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu
+sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in
+den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen,
+daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen
+banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht
+Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem
+Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale
+Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob
+ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht
+einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als
+sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den
+Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch
+analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny
+Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne.
+Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“
+
+Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“
+fügte sie noch leiser hinzu.
+
+„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da
+ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine
+Bedingungen nicht verschweigen.“
+
+Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter
+ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf
+Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später
+nie mehr diese Klarheit des Wassers?
+
+Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich
+brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin
+ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich
+weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau
+sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in
+ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind
+Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich
+bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und
+keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei
+bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr
+dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du
+mir antworten.“
+
+Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich
+kapituliere.“
+
+„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist,
+diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst
+zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß
+aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle
+bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“
+
+Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr
+Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich
+liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“
+
+Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht
+tun?“
+
+So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
+
+Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.
+
+Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein
+Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete.
+Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen,
+sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr
+Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende,
+liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny
+selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein
+Diamant funkelt, in den das Licht fällt.
+
+Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa,
+die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er
+baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die
+„Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem
+modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten
+Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es
+roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern
+waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In
+einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus
+rosigem Marmor entzückte Jenny.
+
+„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.
+
+Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen.
+
+„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“
+
+Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht
+schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich
+nachdenklich.
+
+„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig
+sein, bis du aus Italien zurückkommst.“
+
+In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem
+Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder
+zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden
+Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war
+unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf.
+
+
+ 14
+
+Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon
+war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm
+brauste seit einigen Tagen dahin.
+
+Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont
+verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst
+erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen
+von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont
+hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.
+
+Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo
+früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt.
+Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den
+neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren
+Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf
+diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten
+entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und
+quer über das Gelände.
+
+Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß
+die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin,
+Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum
+Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt,
+nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann
+schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich
+ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und
+her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.
+
+Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen
+Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen
+Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab,
+seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben.
+Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen
+Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und
+beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten,
+Glückshorst zu vermessen.
+
+„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den
+Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In
+drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie
+dazu. Es ist einfach verrückt!“
+
+An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen
+Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern
+vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und
+erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte
+Georg einen Brief.
+
+Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt.
+
+Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht
+die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster,
+daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines
+verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines
+Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn
+Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine
+sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian,
+unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich
+Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war
+also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche
+Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter.
+
+Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich
+raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau
+war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein
+und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend
+wollte er nach Berlin.
+
+„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden?
+Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs
+Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme.
+„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“
+
+„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das
+Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas
+Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz
+sicher.“
+
+„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen
+Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage
+Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde
+unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu
+mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat
+ja keinen Sinn.“
+
+Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser
+Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam
+zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war
+gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und
+endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu
+lesen.
+
+„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung
+hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die
+wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache
+Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky
+hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu
+haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von
+bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den
+andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine
+junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte
+jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer
+zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten
+Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll
+werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um
+uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande
+zugrunde gehen –?“
+
+
+ 15
+
+Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er,
+in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem
+Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in
+ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der
+Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von
+Fräulein Florian.
+
+Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die
+Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch
+Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon
+er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.
+
+„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend.
+Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun,
+hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte
+hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie
+Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“
+
+Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und
+bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er
+dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender,
+bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
+
+Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links
+ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg
+wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern.
+Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von
+Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem
+Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte,
+kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von
+Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und
+schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf
+dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das
+fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von
+Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von
+Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit
+sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen
+Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb
+an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.
+
+Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit
+hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in
+dieser Höhle des Elends zu zittern.
+
+„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
+
+Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür
+angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal,
+zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und
+während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.
+
+Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein
+junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen
+erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß
+bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.
+
+„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte
+argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren
+Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange
+Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.
+
+Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er
+verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und
+Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.
+
+„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir
+sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“
+
+„Ja, ich bringe Geld.“
+
+Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden
+Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an
+Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:
+
+Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche
+Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein
+fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem
+niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte,
+blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine
+Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen
+Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel
+hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte
+ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.
+
+Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde,
+regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die
+Knie fiel: es war doch Christine.
+
+Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du
+krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine
+Stimme.
+
+Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an,
+ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er
+stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff
+nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie
+in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar,
+daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein
+Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.
+
+Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb
+gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große
+gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle
+Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu
+unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür
+zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg
+ihren entsetzlichen Klang im Ohr.
+
+Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich
+Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür,
+gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der
+Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede
+Einzelheit.
+
+Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den
+Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr
+Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar
+zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die
+Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen
+Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen
+das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.
+
+„Hier ist es,“ flüsterte sie.
+
+„Was ist das?“ stammelte Georg.
+
+„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu
+lächeln.
+
+„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles
+verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines
+Händen und drückte es gegen die Brust.
+
+Das Gesicht an der Türe lachte schallend.
+
+Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er
+beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick
+irrte voller Angst zur Türe.
+
+„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte
+könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die
+Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu.
+
+„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet
+das alles?“
+
+Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie
+beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts
+dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –,
+aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine
+Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!
+
+Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem
+Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben.
+
+
+ 16
+
+In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.
+
+Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch
+auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und
+prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa.
+Stobwasser stand und modellierte eifrig.
+
+„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen
+mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr,
+atemlos, unzusammenhängend.
+
+Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und
+Stobwasser verstand sofort alles.
+
+Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte
+nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß
+du dich beruhigst, Weidenbach.“
+
+„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln.
+Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine
+Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.
+
+Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu
+dem Modell, und sie gingen.
+
+„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann.
+„Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut
+verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet
+es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“
+
+Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film
+wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte
+er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden
+keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug
+einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus
+Lackleder.
+
+„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele
+nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig
+Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“
+
+„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.
+
+Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem
+spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“
+fragte er. „Sagt doch selbst.“
+
+„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es
+verpfänden!“
+
+Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe
+leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“
+
+„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon
+geschlossen hatte.
+
+Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.
+
+„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und
+stürzte die Treppe hinab.
+
+Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und
+Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und
+Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.
+
+Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf
+aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist
+soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.
+
+„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte
+Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach
+geraumer Weile verschwand er.
+
+Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie
+hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten,
+tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.
+
+„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das?
+Sind Sie es, Weidenbach?“
+
+„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.
+
+Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf,
+blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist
+fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“
+
+Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer
+zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend
+drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus.
+„Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können!
+Grüßen Sie Christine.“
+
+Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.
+
+„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.
+
+Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon
+wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit
+der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn
+wischte.
+
+Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur
+zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“
+keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der
+Dank!“
+
+Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und
+machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so
+gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist
+alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde.
+Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen
+könne.
+
+Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe
+hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter.
+Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen
+gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen
+Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.
+
+Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.
+
+„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt
+aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“
+
+Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die
+Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus
+dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar
+ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.
+
+„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen
+Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß
+ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon
+zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er,
+während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige
+Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.
+
+Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt,
+sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und
+still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer
+Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine
+Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie
+berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.
+
+Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel
+sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und
+streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen
+Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf
+dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich
+auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte
+ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches
+Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das
+Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre
+gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und
+sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.
+
+Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife,
+und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.
+
+„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.
+
+„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“
+
+„Nun, es wird alles gut werden.“
+
+„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen
+glänzten. „Mein Kind!“
+
+„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller
+Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“
+
+Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.
+
+
+ 17
+
+Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus
+„Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine
+und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.
+
+Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein.
+Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den
+Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit
+suchten.
+
+Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist
+unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja
+gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein
+Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle?
+Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend
+strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir
+bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen
+seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.
+
+Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte
+wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent
+eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“
+
+Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er
+schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm
+in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging
+rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und
+blieb eine Sekunde stehen.
+
+„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
+
+„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“
+
+Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und
+runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie
+können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob
+er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.
+
+Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren
+prüfenden Augen anblickte.
+
+„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie
+Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie
+recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er
+klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
+
+Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten
+Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
+
+Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß
+er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst
+alles erzählen.
+
+Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie
+verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine
+Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht
+und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was
+für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe,
+um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“
+
+„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
+
+„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu
+Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“
+
+Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann
+überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich
+nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter
+dabei?
+
+„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann.
+„Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“
+
+
+ 18
+
+Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert
+Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die
+Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe.
+Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.
+
+Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke
+gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es
+schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den
+Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig
+Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden.
+Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn
+Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug
+besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß
+des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob
+die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten
+Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen
+sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die
+Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die
+Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern
+sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau
+begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs
+der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die
+Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon
+rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den
+Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die
+Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von
+Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt
+waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die
+Grundmauern gestampft.
+
+Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch
+eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen
+Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit
+und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über
+das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der
+geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.
+
+Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in
+diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich,
+mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab
+ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun
+hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts
+ging ihm schnell genug.
+
+Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn
+heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen
+die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des
+früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch
+und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für
+die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.
+
+Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die
+Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise
+fabriziert.
+
+Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das
+Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand,
+die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze
+Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das
+Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie
+leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen
+konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an
+Ort und Stelle vorfand.
+
+Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter.
+Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen.
+Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen,
+Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.
+
+Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und
+es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur
+Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die
+Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden
+hob.
+
+Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den
+Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
+
+„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines
+Tages.
+
+Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er
+sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein
+Geld, ich habe kein Kapital.“
+
+„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache
+abgemacht.“
+
+Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein
+würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.
+
+Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von
+Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen,
+wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die
+riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam
+heraus.
+
+Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich
+rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine
+Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.
+
+„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte
+fröhlich.
+
+„Welcher Brief?“
+
+„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen.
+Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und
+interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie:
+Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“
+
+Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“
+
+Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine
+Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre
+verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering,
+aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“
+
+„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.
+
+„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte
+Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft
+braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine
+ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann
+und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also
+schlagen Sie ein?“
+
+„Ich schlage ein!“
+
+„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach,
+mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem
+Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie
+haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu,
+Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen
+Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank
+gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin,
+ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort
+nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und
+da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir.
+Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.
+
+Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich
+arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse,
+aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die
+Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für
+einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die
+Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole
+hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der
+Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu
+schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft
+rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und
+mutlose Land wieder zu brausen beginnen.
+
+Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie
+werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie
+sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter
+Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit
+großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen
+ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht,
+Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich
+euch allen Lebewohl sagen.“
+
+In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den
+neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte
+ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.
+
+Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.
+
+„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“
+
+
+ 19
+
+„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station
+geworden.“
+
+Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich
+für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt
+Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ.
+Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch
+und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.
+
+In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm
+und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder
+irgendein andrer.
+
+„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit
+zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da
+bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“
+
+Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.
+
+Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da
+Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den
+eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das
+kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er
+befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten
+Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter
+Karsten war seiner Meinung.
+
+„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so
+fürchterlich in der Nacht.“
+
+Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er
+dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer
+seltener.
+
+„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände.
+„Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“
+
+Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.
+
+Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen
+verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei
+ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt.
+Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.
+
+Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für
+die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.
+
+„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.
+
+„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte
+Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt
+entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch
+dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch
+dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“
+
+Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und
+geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An
+den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in
+den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich
+nicht weit von der Straße.
+
+„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“
+
+Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie
+mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen
+kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen
+und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und
+plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge
+wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.
+
+Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?
+
+Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von
+Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und
+zärtlich lag die Sonne darauf.
+
+„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben
+Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“
+
+Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs
+Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem
+Blick.
+
+Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde
+ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich
+wohl gehen müssen.“
+
+„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.
+
+„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –
+
+Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch
+beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren
+Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von
+Glückshorst.
+
+Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.
+
+
+ 20
+
+Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der
+Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von
+Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen
+schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe
+Gesichter.
+
+Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem
+Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle
+vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war,
+konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen
+passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr
+Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die
+Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in
+denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael
+Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen
+erdenklichen Mitteln vor.
+
+In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen
+gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft:
+
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein
+Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden
+von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte
+dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.
+
+Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es
+sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch
+nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In
+Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft
+werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es
+möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen
+Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte
+versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.
+
+In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation
+geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die
+Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne
+Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen,
+Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der
+Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer
+Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.
+
+Worum aber ging es?
+
+Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu
+entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und
+Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und
+des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien
+Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle
+in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem
+großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.
+
+Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte
+besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt,
+der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien
+beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen
+Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen
+eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem
+Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand
+der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte
+schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne
+Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden!
+Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft
+besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre
+ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.
+
+Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und
+zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten
+Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf
+Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen
+ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch
+angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen
+Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den
+Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und
+demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg
+organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort
+geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut,
+gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten
+müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein
+erschien ihm die Wahrheit.
+
+Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die
+Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher
+wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut
+verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich
+um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten.
+Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte
+sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes
+Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war,
+strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von
+jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern,
+Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff
+freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das
+Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die
+mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die,
+zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele
+verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre
+Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!
+
+Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein
+großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht
+zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die
+Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom
+Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren
+Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die
+ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die
+Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der
+Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen
+Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten
+wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen
+umzuwandeln.
+
+Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte
+sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und
+deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden
+heraus schuf sie neue ungeheuere Werte.
+
+Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke,
+Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie
+besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen
+konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.
+
+Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein
+Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke.
+
+Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht
+verständlich in seinen Elementen.
+
+Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die
+Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die
+Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel,
+die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser
+Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.
+
+Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen,
+Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte
+zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke,
+Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für
+ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden
+Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des
+Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ...
+
+Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits
+geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art
+und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber
+sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte
+Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr.
+Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst
+beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des
+Herzens geben.
+
+
+ 21
+
+Die Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte Christine, nach
+langem Stillschweigen, ganz plötzlich: „Und nun will ich sprechen! Nun
+will ich dir alles beichten! Aber versprich mir, mich nicht zu
+unterbrechen. Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles
+gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will ich – Gott sei
+meiner Seele gnädig ...“
+
+Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann:
+
+„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich
+erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr
+meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur
+Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die
+Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht
+wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun,
+es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich
+verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die
+Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch
+wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz
+dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es.
+
+Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich
+weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand
+hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen
+fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich
+unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging
+oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich,
+daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer
+ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich
+schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.
+
+Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr
+bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis
+dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz
+kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun
+atmete ich wieder.
+
+Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr
+viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am
+Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet
+erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.
+
+So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich
+ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und
+so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten
+und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das
+Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß
+harmlos, aber so begann es.
+
+Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen,
+ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An
+Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen,
+um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war,
+während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte
+nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei
+früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner
+Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante
+Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er
+warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme,
+wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich
+wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine
+Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch
+besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die
+Hand reichte. Ich verachtete mich.
+
+Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer
+Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich
+fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er
+hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich
+über diese Züchtigung.
+
+Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als
+alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der
+Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich
+ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich
+häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen
+Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses
+Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht
+gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich
+zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine
+Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem
+besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.
+
+Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief,
+den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe
+ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr
+existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen.
+Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst
+dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.
+
+Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem
+Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an,
+ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich
+schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich
+verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst,
+sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große
+Genugtuung.
+
+Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War
+mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel
+mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich
+mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um
+darin umzukommen.
+
+In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das
+kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es
+war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm
+einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen
+letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun.
+Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen
+lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem
+Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem
+bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich
+verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was
+beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte?
+Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich
+verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr
+lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
+
+Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den
+Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny
+Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war
+düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht
+sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich
+erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde
+ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt
+schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es
+nicht an.
+
+In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich
+untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies
+als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende
+noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt
+bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie
+nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen
+gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß
+es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu
+helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im
+vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich
+erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!
+
+Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste
+Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so
+schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur
+das eine übrig, mich selbst zu vernichten.
+
+Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst
+ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter?
+Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich
+war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an
+Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich
+sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen.
+Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie,
+niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
+
+Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der
+Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein
+Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun
+würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte,
+daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.
+
+Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und
+immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen
+mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste
+Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht
+einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen
+Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich
+hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In
+der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich
+wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen
+war – und da kamst du!“
+
+Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden.
+Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide.
+„Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich
+nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre
+nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“
+
+„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen
+alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht
+zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog
+sie leise an sich.
+
+Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein
+Tier.
+
+
+ 22
+
+In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das
+Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände.
+Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da.
+Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der
+Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer
+Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große
+Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller
+Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren
+innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
+
+Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
+
+Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald,
+das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein
+Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde.
+Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer
+früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des
+Konzerns gaben noch weiter nach.
+
+Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so
+heiterer Laune gesehen.
+
+Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht
+zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht
+gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny
+Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt,
+Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.
+
+Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem
+Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so
+stürzt alles in einer Nacht zusammen.“
+
+Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was
+war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und
+kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der
+nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in
+einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren
+alten Kurs.
+
+Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem
+breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch
+Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im
+Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts
+geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
+
+Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst
+eingeleitet hatte?
+
+In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne.
+Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen
+früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.
+
+Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte
+sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel
+rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen
+Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
+
+Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte,
+sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber
+plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten
+den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu
+verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg
+allein.
+
+Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als
+Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit,
+plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die
+Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In
+verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook
+als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der
+Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern.
+Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb
+aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im
+Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.
+
+Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald,
+um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so
+fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“
+ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die
+Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker
+grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen
+Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch,
+sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
+
+Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das
+kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu
+Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die
+Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen
+hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze,
+Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß
+und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen
+Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für
+Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer,
+jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am
+meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die
+Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die
+männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem
+letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das
+Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit.
+Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu
+erreichen.
+
+Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir
+etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“
+
+„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
+
+Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie,
+„sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und
+räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch
+nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß
+es nicht so unordentlich aussieht.“
+
+„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die
+Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“
+
+„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“
+
+Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien,
+Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er
+brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten
+Ofen, der in der Ecke stand.
+
+Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten
+Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen,
+zusammenzuholen.
+
+Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
+
+Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch
+und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen
+Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen,
+und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor
+Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über
+seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und
+her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will
+unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
+
+„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
+
+„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“
+sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er
+ist direkt schlecht.“
+
+Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu
+empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“
+erklärte sie.
+
+Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in
+einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der
+Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“
+
+Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des
+Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten
+schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu
+interessieren.
+
+„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen
+uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
+
+Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
+
+„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die
+beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du,
+wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und
+noch dazu ein früherer Hauptmann.“
+
+Er war völlig verzweifelt.
+
+Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor:
+Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken
+Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen,
+vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze
+zu machen.
+
+„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel
+mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem
+Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen
+Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser
+diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“
+
+Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am
+nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste
+voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel,
+krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig.
+Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren
+und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht
+gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen
+Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.
+
+Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig
+Aufträge.
+
+„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
+
+„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit
+und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
+
+Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser
+immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür
+gestreckt.
+
+„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm
+zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar
+nicht fassen.
+
+„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu
+Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind
+so selten bei uns.“
+
+
+ 23
+
+Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war,
+wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in
+diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber
+es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz
+zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr
+krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der
+Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne
+schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe
+Klasse.
+
+„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut
+auf.
+
+In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in
+einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die
+Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny
+klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat
+hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.
+
+Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird
+Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich,
+Schellenberg?“ fragte er.
+
+„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.
+
+Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie
+vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr
+ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast
+sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in
+die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem
+Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im
+Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.
+
+In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie
+am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie
+fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte
+sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel
+heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum.
+Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine
+unverwüstliche Laune.
+
+Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß.
+Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei
+Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte.
+Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich
+die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles
+mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen
+daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem
+kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich
+ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug.
+Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das
+kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses
+Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er
+habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die
+Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der
+Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe
+auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit
+einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.
+
+Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch,
+wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er
+aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in
+große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar
+mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte,
+woran sie war.
+
+Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch
+wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem
+Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny
+nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel
+Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté
+im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen
+wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit
+einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das
+Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und
+sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann
+trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr
+Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag
+kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß
+und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen
+Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß.
+
+„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren
+Augen.
+
+Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie
+schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut
+stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person
+haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!
+
+In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels
+Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler
+geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder
+bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen
+Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er
+trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.
+
+„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um
+seinen Hals.
+
+„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts,
+beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin
+überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im
+ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht
+gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht
+Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt
+ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur,
+bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“
+
+Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen
+für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf
+der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und
+Stobwasser einladen.
+
+„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst
+dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“
+
+Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann
+bleibe ich zu Hause.“
+
+„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich
+diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“
+
+Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin
+Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte.
+Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese
+Frau Mackentin war ganz ungefährlich.
+
+Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte,
+und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm.
+Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in
+sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte
+August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck
+vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen
+Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.
+
+Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen
+bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog
+der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.
+
+Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo
+dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde
+eintrafen.
+
+
+ 24
+
+Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide.
+Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän
+begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie
+hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und
+wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte
+sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur
+eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe,
+der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das
+Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt,
+Blumen, kostbares altes Silber.
+
+„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg
+abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel
+lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier
+haben!“
+
+Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das
+Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag.
+Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und
+die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.
+
+Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont.
+
+„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“
+
+„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist Langeland, Kiels Nor.“
+
+Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen Windstille in der
+Nähe einer dänischen Insel. Das Meer floß wie geschmolzenes Blei dahin.
+Am Horizont stand violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein
+Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. Deutlich hörte
+man die Stimmen von der Insel herüber zur Jacht klingen, den Laut einer
+Glocke.
+
+„Was ist das, Wenzel?“
+
+„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“
+
+„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“
+
+In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. Sie spähten hinaus in
+die Dunkelheit, allein nichts war zu sehen. Die ohne jede Bewegung
+ruhende See verstärkte zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche
+Membrane. Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich gezackt, am
+Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im Lichte glänzte. Aber es war
+der Mond, der groß und feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament
+emporblickte, so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende
+lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet.
+
+„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an Wenzel.
+
+„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in der Stille des
+Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des großen Knaben, die sie an
+ihm so sehr liebte – wie damals in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind
+alle Heuchler!“ fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt Freude,
+Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das Schönste auf der Erde ist
+Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben!
+Und all das ist gekommen, weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat
+behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter Mann mich
+rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. Das ist meine Rache!“
+
+Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und das Wasser gegen die
+Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ war wieder unterwegs.
+
+Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen sie in ein furchtbares
+Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Eine
+mächtige, schiefergraue Wetterwand stand senkrecht über dem Meer,
+zerrissen von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner dröhnte
+wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von Blitzen zerfetzte
+Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam hinein, einem kleinen
+Fischereihafen entgegen. Auf dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz
+entzündet hatte.
+
+Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam und gespannt in das
+Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, seine Augen glänzten, und
+sein Mund war halb geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte
+Kraft. Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit dem
+Gegner vor.
+
+Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, Erregung und
+Angst.
+
+„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte sie. „Ich ängstige
+mich.“
+
+Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff eingeschlagen
+oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst haben und umkehren.“
+
+„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“
+
+„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen erzählen.“
+
+Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre Stimme fort.
+
+Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die Stirn gerunzelt, zum
+Angriff bereit.
+
+„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete vereinzelt große
+Tropfen, die wie harte Taler auf das Deck prasselten.
+
+„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste „Es ist schade,
+daß man nicht ewig leben kann! Alles besitzen – und ewig leben! Kraft,
+Gesundheit! Und dich!“
+
+Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck hinunter in die
+Kajüte. Sie zitterte.
+
+„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, ob sie Kavaliere
+sind!“
+
+
+ 25
+
+So kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie einige Tage bei einem
+Seebad liegen. Farbig der Strand, ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen
+an Bord, und es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh,
+wenn sie die Küste mieden.
+
+Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn die See es erlaubte.
+Das Schiff lag bei. Eine der Jollen wurde herabgelassen, und sie
+schwammen um die Jacht herum.
+
+Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer Schwimmer. Sonst sah
+man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, nur selten. Immer schlief er,
+irgendwo zusammengerollt wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach,
+in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel aufgesetzt hatte, genoß er
+auf dieser Reise die ersten Tage des Ausruhens, der Erholung und
+Sorglosigkeit.
+
+„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. Sie lief bestimmte
+Häfen an, um die Post abzuholen. Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde
+zurück. Goldbaum wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner
+Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord bleiben.
+
+Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung zu Michael
+gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht.
+
+Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. Der dicke
+Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor und betrachtete argwöhnisch
+das Schiff. Er mißtraute dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“
+pflegte er zu sagen.
+
+Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, mit einem
+sehr schlichten, offenen Gesicht und großen dunkelblauen Augen. Sie war
+sehr scheu und bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste
+Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten zu können wie
+Michael selbst.
+
+„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als die Jacht wieder die
+offene See gewonnen hatte und das Land versank.
+
+Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es ist schön.“
+
+In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz unmöglich, mit ihr in ein
+Gespräch zu kommen, was man auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als
+es kühler wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern.
+
+Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie mit einem langen und
+erstaunten, dankbaren Blick an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte
+nichts.
+
+Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie Freundinnen geworden
+waren.
+
+Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. Die Herren besprachen
+Geschäfte. Michael war nach Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in
+Ruhe sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin ganz unmöglich
+war. Er wollte ihn für ein großes Projekt interessieren, für eine
+Industriesiedlung größten Ausmaßes, die zurzeit am Mittelland-Kanal
+vermessen wurde. Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu
+überlegen.
+
+Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der Abend war gekommen, und
+die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges brannte braun und gewaltig
+wie der Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem Knarren. Das
+Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise Knarren und gleichmäßige
+Zischen schläferte fast alle ein. Man sprach leise, oder man schwieg.
+Stobwasser war schon tief eingeschlafen.
+
+Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er war mit Michael in
+ein Gespräch geraten, das gedämpft, aber mit großer Leidenschaftlichkeit
+geführt wurde. Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs.
+
+„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, mit leicht näselnder
+Stimme, „Sie werden doch zugeben, daß wir Getreide billiger importieren
+können, als wir es selbst zu produzieren vermögen?“
+
+„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden unsere Methoden
+verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. Ich leugne nicht, daß es heute
+wirtschaftlicher ist, Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös
+Getreide einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen
+verkaufen können.“
+
+„Aber das kann ich doch jederzeit?“
+
+„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese Probleme gar nicht zur
+Diskussion.“
+
+Pause.
+
+Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: „Nehmen wir an, daß es
+Ihnen tatsächlich möglich sein wird, mit Hilfe einer ungeahnten
+Bodenverbesserung und völlig neuer Methoden die Produktion so zu
+steigern, daß Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt,
+was dann?“
+
+„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken zuführen und
+zum Beispiel die Geflügelzucht um ein bedeutendes heben, sodaß
+Deutschland keine Eier mehr einzuführen braucht.“
+
+„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme fort. „Gestatten
+Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren noch mehr Getreide und
+Nahrungsmittel, mehr als Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch
+immer nicht geschlagen.
+
+„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. Dann würde ich einen
+Teil des Bodens zur Anpflanzung von Hanf, Flachs und Ölfrüchten
+verwenden.“
+
+„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich Sie recht
+verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland durch Motorkraft
+ersetzen. Ist das Ihr Programm? Und wenn das Ihre Absicht ist, werden
+Sie das Geld haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, die
+für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“
+
+„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen Pferde, die nur
+einige Monate im Jahr arbeiten, fressen Deutschland arm. Sie sind der
+unerhörteste Luxus, die unerhörteste Verschwendung, die vorstellbar ist.
+Anstatt des Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff
+für die Motore in meinen Brennereien herstellen, wenn es sein muß. Im
+übrigen werde ich ja ganz andere Kraftquellen verwenden. Der Wind und
+das Wasser werden billige Kraft liefern!“
+
+„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr Mackentin fort. „Sie
+beliebten zu sagen –“
+
+Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus und sagte, während er
+aufstand: „Strecken Sie die Waffen, Mackentin, Sie werden mit ihm nie in
+Ihrem Leben fertig.“
+
+Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und ab. Er schob seine Hand
+unter ihren Arm und sagte: „Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie
+Wenzel betreuen. Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. Er
+braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. Seien Sie
+nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts als ein großer Knabe.“
+
+Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? Er ist einer der
+reizendsten und sympathischsten Menschen, die es gibt. Wäre ich eine
+Frau, so würde ich mich tödlich in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne
+alle Grenzen, aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn für
+einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen machen. Schon
+jetzt greift ihn die Presse heftig an.“
+
+Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz in sich zu ruhen,
+ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, sich selbst zu genügen.
+Fast wie ein edles, scheues Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren
+Blick in die Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie
+zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit und Freude war Evas
+glänzendes Auge auf sie gerichtet.
+
+Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. „Zum ersten Male habe
+ich mich in eine Frau verliebt,“ sagte sie lächelnd zu Wenzel.
+
+Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny war glücklich und
+ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie Unruhe in Wenzels Gesicht.
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+
+
+ 1
+
+Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika.
+Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In
+Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder
+schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.
+
+Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte
+Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches
+gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England
+und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern
+riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf
+Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater,
+Frauen. Die Wochen flogen dahin.
+
+In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft
+Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel
+gekleidet.
+
+Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken
+holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich
+vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle
+Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot
+glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß,
+ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr
+Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei
+hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner.
+Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit
+und Arroganz ihrer Kaste umgab sie.
+
+Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er
+kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm
+ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.
+
+Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.
+
+„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus.
+
+„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging.
+(Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem
+Augenblick befiel.)
+
+Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast hätte ich sie nicht
+wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt rötliches Haar, früher war sie
+brünett. Es ist die Tochter des alten Raucheisen, Esther Raucheisen,
+jetzt Lady Weatherleigh.“
+
+Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, auf dem Schloß des
+alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, nicht als Gast, keineswegs. Als
+Automat, als Sekretär Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu
+verrichten, Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er war
+nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte Sir John
+Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh in London, geheiratet und
+war seit etwa einem Jahre geschieden. Die Ehe war nicht glücklich. Sir
+John, ein hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter,
+nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts aus Frauen.
+Also war Lady Weatherleigh, war Esther Raucheisen wieder in Deutschland.
+
+Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und ihrer Extravaganzen,
+beschäftigte ihn von diesem Augenblick an. Er hatte an diesem Abend noch
+eine sehr wichtige geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde
+und bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel Schellenberg
+müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es war das erstemal, daß Wenzel
+etwas verschob. Er, der sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte,
+sollten sie auch bis zum frühen Morgen dauern.
+
+Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein?
+
+Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er konnte nicht mehr
+vergessen, wie diese Frau durch den Speisesaal _ging_. Welch ein Gang
+war das doch!
+
+Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war eigentlich nicht
+schön, wenn man es genau überlegte. Aber sie hatte Rasse, ihre Mutter
+war Engländerin alten Adels. Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu
+denken. Sah man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich
+nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große graue Augen und
+einen schönen, etwas herrischen Mund. Ihre Backenknochen waren betont,
+die Wangen kantig geschnitten – so wenigstens hatte er sie in der
+Erinnerung. Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf
+ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, launenhafte
+Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er sich nachdenklich, ist gewiß
+eine Frau, wert, sie zu erobern. Es war eine Sache, wie? Nicht ihr
+Reichtum würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung.
+Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig besäße! Und wie
+amüsant wäre es, der alte Raucheisen würde Gift und Galle speien!
+
+Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. Am nächsten Abend
+ging er mit Jenny in den Zirkus, und nach der Vorstellung speisten sie
+zusammen in Jennys Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so
+prachtvoller Laune gesehen.
+
+
+ 2
+
+In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich
+erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit
+hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn
+arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu
+erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie.
+Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal.
+
+Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war
+abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest.
+
+Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster,
+grübelte.
+
+Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er
+mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt
+Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.
+
+Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel
+Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in
+der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten
+Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.
+
+Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen.
+
+Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine
+Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die
+Angelegenheit gediehen sei.
+
+Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts
+gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen.
+Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr
+eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache.
+
+„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins Telephon. Seine
+Stimme klang nicht gerade höflich.
+
+Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein
+hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser
+Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm
+seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze
+Fragen gegen ihn ab.
+
+„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond hierauf in seiner
+hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir
+werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir
+werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau
+Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu
+beeinflussen.“
+
+Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht
+einschlagen.“
+
+„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ entgegnete der
+Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch.
+Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht
+übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit
+einverstanden?“
+
+„Auch das möchte ich gern vermeiden.“
+
+„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir
+werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe
+ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert
+derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr
+Schellenberg.“
+
+Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. „Es
+ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,“ sagte er
+lachend.
+
+„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“
+
+Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf
+jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre
+hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen.
+
+Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die
+Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die
+Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die
+Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser
+und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen,
+als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände.
+Endlich einmal eine ruhige Partie!
+
+Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.
+
+Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen ist untersagt.“
+
+Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß
+sie nicht brennen können!“
+
+Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht
+hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort
+begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein
+Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren,
+schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den
+Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und
+verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch,
+und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte
+verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch,
+während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge
+dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die
+Partie remis zu geben.
+
+„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon
+gewonnen!“
+
+„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier
+ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes
+Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen
+lag. „Die Berninagruppe.“
+
+Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden
+Sonnenschein hinab.
+
+„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die
+Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend
+Fenster in der Sonne funkelten.
+
+„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit
+komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
+
+Sie waren angekommen.
+
+
+ 3
+
+Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot
+gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.
+
+„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
+
+„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers
+mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und
+hier kommt der Schlitten!“
+
+Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter
+den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann
+aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf
+dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes
+Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder
+frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle
+zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er,
+wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen
+schließen.
+
+Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt,
+fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden
+Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und
+gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen
+Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in
+bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die
+Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine
+versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen
+hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine
+Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter
+Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz
+gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit.
+Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
+
+Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit
+zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine
+ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die
+nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte
+man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr
+aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich,
+gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte
+Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels
+Geschmack.
+
+„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und
+führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
+
+Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon
+Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu
+Tisch führten.
+
+Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr
+funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern,
+Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte
+und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu
+siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen
+Mund.
+
+„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein
+Zeichen.
+
+Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die
+Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er
+stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg
+hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch
+den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel
+der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen
+erobern, koste es was es wolle.
+
+
+ 4
+
+Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und
+keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn
+sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des
+Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang
+auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.
+
+Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu
+sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London
+und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
+
+„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“
+fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick
+musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im
+Bruchteil einer Sekunde.
+
+„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine
+Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich
+anstrengen.“
+
+Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren
+Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert.
+Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der
+reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht
+hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der
+Golfmeisterschaft von England.
+
+„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet,
+Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau.
+
+„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“
+antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden,
+melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf
+Wenzel richtete.
+
+Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon
+etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein
+Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden
+Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war
+hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel
+erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die
+Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu
+strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien
+ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu
+empfinden.
+
+Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um
+Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde
+Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf
+der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene
+seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine
+Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen.
+Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug
+schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden
+himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag
+spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich,
+in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach
+einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die
+diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten
+das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des
+Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von
+Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze
+Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber
+ging er als letzter schlafen.
+
+Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch
+etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen.
+Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig
+schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote
+Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in
+eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute
+Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.
+
+Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem
+Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung
+über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er
+hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus
+er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war
+seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt.
+Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er
+ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die
+Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte
+für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf
+ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer.
+Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente
+die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem
+Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern
+hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
+
+Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese
+beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide,
+so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre
+Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine
+Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr
+seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine
+Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus
+Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur
+Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall
+nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen
+Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
+
+„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“
+wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert
+gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele
+tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note,
+gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der
+sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
+
+Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
+
+„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“
+fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr
+Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den
+Frieden unter den Nationen tätig ist?“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen,
+Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen.
+Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien
+nicht hin.“
+
+„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau
+enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
+
+„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und
+fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
+
+Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten
+Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten
+Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in
+Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus
+welchem Grunde.
+
+„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern
+möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen
+hochgezogen.
+
+„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
+
+„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“
+
+„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten
+dürfen und sterben können.“
+
+Baron Blau prallte zurück.
+
+Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine
+andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
+
+Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die
+knochige Hand hin. „_Right you are! Right you are!_“ schrie er.
+
+In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie
+eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“
+
+Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das
+knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.
+
+„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
+
+Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um
+drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines
+rivalisierenden Bobs.
+
+„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht
+ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie:
+„Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird
+ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
+
+Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen
+Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die
+schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen
+beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
+
+Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die
+Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine
+leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese
+Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen
+Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in
+den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah
+zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel
+wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie
+liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft
+einzureihen.
+
+Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch
+verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf,
+manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war
+schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß,
+aber ...
+
+
+ 5
+
+Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen
+– es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt
+eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort
+auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf
+verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken
+in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock
+mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf
+dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem,
+lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte
+nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock
+auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig
+weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am
+Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes
+erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener
+Person!
+
+Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des
+Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und
+horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte
+ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er
+zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge
+getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen
+ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr
+die Blicke der Menschen.
+
+Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine
+Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im
+Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen.
+Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu
+Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
+
+„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu
+sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die
+zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich
+auf dem Bob zurecht.
+
+„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos
+in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren,
+schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde
+Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen
+Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu,
+als sie vorüberglitten.
+
+Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später
+verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.
+
+Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte
+sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen
+Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen
+Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden,
+zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben
+Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen
+lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand,
+die beim Gruß nie einen Druck gab.
+
+„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem
+Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche,
+Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel
+Jahre ist es schon her? Ich aber –?“
+
+Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und
+schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat
+es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
+
+Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen
+Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen
+Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten
+und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen
+suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht
+hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
+
+„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch
+mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer
+nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen
+schicken würde.“
+
+Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz
+allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles
+Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne
+abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs
+geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem
+Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen:
+nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch
+wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
+
+Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem
+Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen
+gemacht hat, dachte er.
+
+Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten
+Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land,
+Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es
+unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“
+
+„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte
+Raucheisen.
+
+Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach
+Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert
+aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
+
+Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er.
+„Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht
+überwunden.“
+
+Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.
+Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein
+Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den
+Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah
+Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht
+dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar
+schienen.
+
+„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er.
+„Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen.
+In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue
+Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem
+Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich
+die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir
+müssen Mut haben.“
+
+Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit
+hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
+
+„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre
+Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen
+uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete.
+„Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
+
+Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht
+mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
+
+
+ 6
+
+Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und
+Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in
+ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der
+Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband
+lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin.
+Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach
+sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und
+sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig
+auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten
+selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein
+gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf
+umgeworfen.
+
+Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel
+wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei
+ihr Tee zu trinken.
+
+„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr
+eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas
+frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war
+nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine
+Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch
+aussprechen.“
+
+„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte
+ihr in die Augen.
+
+„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie
+einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir
+gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben
+ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge.
+Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
+
+Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben.
+„Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
+
+„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles
+ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine
+scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir
+dies?“
+
+„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
+
+Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von
+dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen
+Armen verblutete.
+
+„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen
+breitete.
+
+„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen
+Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
+
+Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die
+Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die
+Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten
+Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es
+Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
+
+
+ 7
+
+Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen,
+am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen
+früh nach Paris abreisen werde.
+
+Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter
+Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen
+hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren
+Triumph.
+
+Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer
+Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der
+es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten.
+Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt
+Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen
+standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein
+zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.
+
+„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu
+Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
+
+Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen
+lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.
+
+„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines
+erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel
+Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“
+
+Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute
+keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle
+hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller
+Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen,
+fand ihren Beifall.
+
+Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan
+zurechtgelegt hatte.
+
+Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren
+natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser
+Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt
+Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten,
+war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen,
+Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.
+
+Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht
+an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils
+völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.
+
+Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
+
+„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie
+wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas
+an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte
+natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler
+bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau
+bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?
+
+Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im
+Hotel abgegeben worden.
+
+Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die
+hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte.
+Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der
+drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er
+unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.
+
+Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen
+Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand
+da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des
+weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß
+die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
+
+Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel
+wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei
+Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei.
+Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er
+hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses
+Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er
+schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu
+Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die
+Ohren stopfen.
+
+„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus,
+überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.
+
+„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend
+und schüttelte ihr die Hand.
+
+Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von
+Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem
+Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
+
+Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine
+Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage
+allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen
+Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers
+Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu
+spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und
+diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
+
+„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
+
+Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum
+ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und
+wie gefällt Ihnen Paris?“
+
+Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris
+förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“
+rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da
+eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann
+erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine
+Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht,
+glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist
+_Sacré coeur_, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich,
+man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke
+gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden
+Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
+
+Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen
+Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein
+geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des
+Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe
+von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron
+nichts ahnte.
+
+„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
+
+„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt
+eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das
+echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
+
+„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine
+Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit
+verletzter Miene.
+
+„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird
+ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden,
+manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris
+führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
+
+„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
+
+Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung
+Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines
+Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
+
+„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
+
+„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
+
+„Nun gut, dann heute.“
+
+Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen
+Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene
+daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun
+war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach
+Paris getragen hatte.
+
+Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden,
+frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große,
+unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der
+Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten
+Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer
+mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten
+Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort
+ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da
+Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den
+Dolmetscher.
+
+„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
+
+„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und
+phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
+
+Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo
+kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie
+streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und
+Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die
+Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl
+gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien
+angefüllt!
+
+Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in
+jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick
+glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum
+sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem
+hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein
+Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese
+Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole,
+leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf
+ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in
+seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über
+ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn
+mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen
+standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es
+fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß
+seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und
+undurchdringlich.
+
+Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine
+Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der
+großen Theater sie nie erlaubt hätten.
+
+„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte
+Wenzel.
+
+Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten,
+solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie
+über Ihre Entdeckungen sprechen.“
+
+Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu
+küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half,
+ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
+
+Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an
+und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche
+Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen
+Scheiben der Nachtportier starrte.
+
+„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und
+zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
+
+
+ 8
+
+Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber
+wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm
+verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris
+zu stürzen.
+
+So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es
+auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur
+Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau
+verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne
+Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize
+entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser
+Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das
+Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen
+Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther
+Weatherleigh, und da war Paris.
+
+Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den
+Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau
+und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten
+jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch,
+als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
+
+„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein
+früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“
+
+Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen
+Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts
+geschehen.
+
+Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war
+er schon wieder in Paris.
+
+
+ 9
+
+Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm,
+stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen
+befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde
+stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der
+Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im
+Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche
+in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem
+Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.
+
+„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.
+
+Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und
+während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.
+
+Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie
+nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier
+Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich
+halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem
+Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst
+heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.
+
+„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.
+
+„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um
+Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben,
+und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus
+Berlin zurückgekommen.“
+
+„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
+
+„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“
+
+Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der
+Straße.
+
+„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen
+anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir
+erzählen.“
+
+Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit
+auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der
+Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken
+leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das
+Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd
+von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein
+kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch
+arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines
+pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen
+verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren
+Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine
+Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf
+vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender
+Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die
+Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte.
+Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.
+
+Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon
+geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre
+zukünftige Gestalt.
+
+Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der
+Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
+
+Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte
+einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte
+ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen
+aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte
+sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und
+frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine
+Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große,
+fehlerlose Früchte.
+
+„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch
+setzten.
+
+„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.
+
+Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den
+Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
+
+Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was
+er alles gesehen hatte!
+
+„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist
+unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde
+von allen Seiten beglückwünscht.“
+
+Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael
+Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte.
+„Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu
+geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger
+Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von
+Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom
+Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer
+Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen
+sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von
+Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von
+Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von
+Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und
+fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien,
+Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen
+sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
+
+Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen,
+Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit
+verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung
+kein Ende.
+
+„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er
+ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
+
+Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte
+den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch
+geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach
+seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von
+Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der
+Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten
+durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der
+Siedlung mußte vorgesehen werden.
+
+Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen
+die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere
+Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf
+Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur
+Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein
+Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines
+Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den
+Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu
+ernähren.
+
+„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg
+erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
+
+Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu
+lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete
+Stadt vor sich.
+
+„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
+
+„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte
+Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
+
+Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig
+das Kind schlief!
+
+
+ 10
+
+Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera
+verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung
+ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar
+machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte
+sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder
+nach Berlin zurück.
+
+Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für
+die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand.
+Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie
+telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post
+der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts
+von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer
+Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und
+hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter
+Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin
+und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte
+Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht
+Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber,
+der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie
+auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre
+Zeit verfügen konnten.
+
+Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so
+fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre
+blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand
+und qualmte auf einem Stück Papier weiter.
+
+Was war das?
+
+Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine
+Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf
+Scheidung eingereicht.
+
+Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem
+Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war
+all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein
+Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften
+bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende
+Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung
+willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten
+zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und
+einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß
+die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen
+zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die
+Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.
+
+Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns
+wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.
+
+„Nun, Papa!“
+
+Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es
+war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr
+sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie
+erwarte.
+
+Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als
+sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch,
+müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.
+
+„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden
+Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das
+Zimmer.
+
+„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises
+außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die
+Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden
+trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.
+
+Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch.
+„Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein
+vollendeter Schurke!“
+
+„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich
+die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des
+Gerichts.
+
+Nun begann Lise leise zu wimmern.
+
+„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht
+länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder
+nicht anvertrauen kann?“
+
+Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“
+sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich
+nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne
+dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten
+sprechen und zu vermitteln suchen.“
+
+„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris.
+Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.
+
+Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein.
+Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn
+ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.
+
+Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber
+studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob
+nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit
+den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit
+gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra
+Schellenberg zu erinnern.
+
+„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede
+Vorbereitung.
+
+„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.
+
+„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang
+unter genauer Beobachtung standen.“
+
+„Das ist eine Infamie!“
+
+„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte
+den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel
+zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf
+Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera.
+Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu
+Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen
+Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu,
+gnädige Frau?“
+
+Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte
+sie.
+
+Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie
+getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber
+erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser
+Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst
+am Morgen verlassen.“
+
+„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise.
+
+Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht
+erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den
+Eindruck. Es sind Daten genannt.“
+
+Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie
+entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem
+strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie
+noch in der gleichen Stunde hinaus.)
+
+„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja
+nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder
+eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht
+sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“
+
+„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose
+Lüge!“
+
+„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so
+schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser
+Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier,
+einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt
+des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund
+Fleisch, und wie häßlich!“
+
+Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und
+Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie.
+
+Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit
+einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht
+zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung
+gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie
+unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen
+sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht
+sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen
+Teil erklären.“
+
+„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen,
+daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“
+
+Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht,
+gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls
+damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr
+Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“
+
+„Wie?“
+
+„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich
+dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“
+
+„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“
+
+In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die
+Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum
+Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu
+erzielen.
+
+Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich
+wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese
+Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode
+nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es
+genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben.
+Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung
+gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und
+eine Dummheit aus?
+
+Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn
+seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht
+gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu
+lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den
+Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.
+
+„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel
+Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel
+Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht
+kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung
+aussprechen wird.“
+
+„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will
+ja die Scheidung nicht!“
+
+Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte
+Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit
+großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben.
+Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit
+herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich
+bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege
+Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer
+Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in
+Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine
+Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu
+zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine
+Sache Ledermann _contra_ Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen,
+und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.
+
+Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine
+Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der
+Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er
+eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.
+
+Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe!
+Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die
+Angelegenheit mit allen Mitteln!“
+
+
+ 11
+
+Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die
+Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt
+überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und
+betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn
+Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern,
+es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der
+Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die
+verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles
+brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von
+Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin
+besteht, schönen Frauen nachzusehen.
+
+An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden
+Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.
+
+Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum
+jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte,
+freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller
+Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins
+Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte
+er.
+
+Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat,
+die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist
+gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“
+
+Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen,
+das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und
+Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte
+das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.
+
+Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von
+Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen,
+Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen
+umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen
+gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den
+verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes
+leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden.
+Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster,
+große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb
+in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie
+speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten,
+und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther
+blieb stehen und sog langsam die Luft ein.
+
+„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten
+Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.
+
+Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen
+Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther,
+obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den
+Rückweg fanden.
+
+Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte
+sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.
+
+Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war.
+Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den
+Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.
+
+„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte
+sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der
+Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften
+mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.
+
+Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß
+sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit
+ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“
+
+Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.
+
+„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine
+Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich
+schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.
+
+„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.
+
+Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über
+Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so
+ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das
+Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur
+beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“
+
+Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor
+Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie
+wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und
+steifer zu werden.
+
+Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die
+gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott
+sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht,
+länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich
+mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem
+Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen,
+befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan,
+Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu
+verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“
+
+Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“
+fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um
+welche Dinge es sich handeln könnte.
+
+„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und
+tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und
+...“
+
+„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.
+
+Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.
+
+„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die
+lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen,
+Esther Weatherleigh!“
+
+Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer
+schmalen, steifen Statue.
+
+„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist
+vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich
+entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“
+
+Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend.
+Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er
+sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht
+gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.
+
+„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für
+einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den
+Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen,
+wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher
+Aufrichtigkeit gerichtet.“
+
+„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh,
+wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche
+Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind,
+Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube
+nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“
+
+Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich
+verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“
+
+„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.
+
+„Dann werden Sie meine Geliebte!“
+
+„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr
+sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel
+Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die
+Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine
+Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so
+versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt
+das?“
+
+„Es gilt!“
+
+Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament
+gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein
+leuchtendes Meteor über das Firmament zog.
+
+Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie
+haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.
+
+
+ 12
+
+„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und
+schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten
+von einer tiefen und milden Freude.
+
+Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen
+Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne
+Stimme nicht mehr vernommen.
+
+„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas
+gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen
+hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe
+herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen.
+Er küßte sie herzhaft auf den Mund.
+
+Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß
+sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.
+
+Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als
+habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles
+bleiben wie früher.
+
+Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan
+hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber
+speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für
+alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete
+jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie
+bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im
+Zimmer hin- und herzugehen.
+
+„Woran denkst du?“ fragte sie.
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.
+
+Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört,
+natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte,
+aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau
+zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.
+
+„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich
+verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über
+Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man
+sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation
+erlitten hast.“
+
+Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein
+ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen
+tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten
+erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug,
+auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt
+werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe
+ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später
+aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal
+handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als
+wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“
+
+Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny
+Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück.
+Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel
+fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London,
+Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten,
+desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu
+Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt
+häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur
+dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher
+ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine
+Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen
+früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem
+Gesicht und schwieg.
+
+Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie
+arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie
+übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der
+Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging
+um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon
+hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur
+noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und
+als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum
+ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg
+zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.
+
+Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit
+ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender
+Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er
+brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war
+buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.
+
+„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem
+übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen
+tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende
+gefunden.“
+
+Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.
+
+In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am
+Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle
+Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden
+dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in
+Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das
+Telephon, fangen Sie an.“
+
+Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon.
+Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem
+finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen
+Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.
+
+Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung,
+daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch
+weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises
+Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen
+liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß
+Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines
+Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.
+
+„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon
+wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht
+ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den
+schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch
+auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als
+letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt.
+Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise
+Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde
+sich das Schicksal erfüllen.
+
+Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann
+versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen
+die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von
+fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in
+einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte
+Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen
+roten Heller.“
+
+Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer
+geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten
+Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen.
+Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr
+Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
+
+Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme
+im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich
+sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich
+sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu
+Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin
+nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird,
+aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in
+meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.
+
+Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte
+sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem
+Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen
+durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten
+Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.
+
+
+ 13
+
+Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen
+Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen
+Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für
+Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck
+nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der
+selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus
+Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war
+kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
+
+Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie
+beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich
+und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen,
+Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen
+Augen in den Abgrund versinken.
+
+„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen,
+das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die
+totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein
+Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer
+Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses,
+Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen
+keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig
+auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache
+mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung
+überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung
+der beiden Ehegatten bestehe.
+
+Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen,
+sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber
+den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen
+„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.
+
+
+ 14
+
+„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny
+Stobwasser an.
+
+Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser
+berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald
+gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten
+Beschlag fertig zu machen.
+
+„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny
+Wenzel zu entschuldigen.
+
+Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb
+kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von
+Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie,
+dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte
+sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten.
+Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb,
+der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.
+
+Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm.
+Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine
+Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung
+aushändigen durfte.
+
+Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie
+war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins
+Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht
+Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
+
+Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief.
+„Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben.
+Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur
+Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und
+ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen
+Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann
+in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei
+Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie
+unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte
+von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die
+Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um
+„alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit
+der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.
+
+Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen
+war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre
+Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich
+auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und
+wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah
+sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte
+sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber
+sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung
+wieder auf.
+
+Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon
+klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu
+sprechen, das Theater rief an.
+
+„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten.
+Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
+
+Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine
+Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr
+fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen –
+einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen,
+Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie
+sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All
+diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das
+Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige
+Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann
+sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von
+ihm.
+
+Dieser Brief!
+
+Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr
+als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen,
+um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser
+fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und
+zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er
+„sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn?
+„Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
+
+Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie
+zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte
+vergiften können.
+
+Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt,
+überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte
+Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser
+Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu
+hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat
+noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete
+Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
+
+„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm
+Wenzels Schreiben.
+
+Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen
+Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine
+Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er
+schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
+
+„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine
+solche Roheit niemals zugetraut.“
+
+„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn
+zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne
+verwirrt.“
+
+Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte
+ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum
+Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber
+Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei
+nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein
+Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in
+Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
+
+Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem
+Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr
+verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.
+
+Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva
+konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.
+
+„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
+
+Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie
+eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich
+ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das
+Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
+
+Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht
+arbeiten.
+
+Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe
+Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung
+auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.
+
+Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich
+ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn
+Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin
+bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er
+begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete
+ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung,
+die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich
+Mackentin zurück.
+
+
+ 15
+
+Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang,
+und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand
+so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los
+wäre.
+
+Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich
+war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der
+Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich
+um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder
+über die Gesellschaft herfallen würden!
+
+Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige
+Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in
+enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete,
+endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche
+Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und
+der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der
+Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen
+verpraßt!
+
+„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht
+einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen
+Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars.
+Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“
+
+Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte
+Vertrauen entgegengebracht.
+
+„Wie kann ein Gesicht so lügen?“
+
+Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig
+mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft
+schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in
+Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten.
+Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine
+Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang
+Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden
+zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch
+diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit
+argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der
+Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen
+Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht
+gönnten, Neidische, die alles besser wußten.
+
+„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas
+peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub
+aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck.
+Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich
+für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen
+Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der
+Gesellschaft Neu-Deutschland machte.
+
+Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die
+Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der
+Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß
+Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein
+würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.
+
+Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und
+überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er
+alle Angriffe ruhiger.
+
+Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller
+Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft
+Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine
+Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele
+der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands
+Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor:
+die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die
+Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher
+bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die
+Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn,
+zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und
+allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes
+begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu.
+Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die
+Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt.
+Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten,
+keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge
+der Frauen.
+
+Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem
+Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene
+Gefühl der Kameradschaft.
+
+Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen
+Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen
+kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.
+
+Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“
+gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen
+der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten
+reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne
+jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte
+des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue
+Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht
+einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute
+nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden
+fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen
+Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder
+später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa
+einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals
+werden.
+
+War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei,
+drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen,
+morgen, übermorgen ...
+
+Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte
+Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.
+
+„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.
+
+Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen
+von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen
+hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen
+Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen
+aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen
+Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer
+Tag würde über Europa emporsteigen.
+
+Der Tag war nahe!
+
+„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb
+mit fliegenden Händen.
+
+Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit
+rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch
+die Schar seiner Feinde.
+
+
+ 16
+
+Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein
+Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der
+Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf
+der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender
+älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die
+Treppe herab zum Wagen.
+
+Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete
+aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf
+dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen
+gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais
+etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber
+enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet,
+wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich,
+unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue
+Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten
+das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen
+Eindruck machten.
+
+Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre
+kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack,
+Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht
+überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie –
+ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen.
+Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen.
+Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit,
+welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden
+von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in
+Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten
+lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in
+Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels
+Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt.
+Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in
+Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe
+hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber
+sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen
+Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß
+die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie
+es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und
+Steinpflanzen in den Ritzen.
+
+Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
+
+Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber
+lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine
+Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.
+
+Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er
+warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die
+gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf
+aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit
+aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das
+Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft
+war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack.
+Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft
+angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug
+zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es
+der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur
+eines Blickes zu würdigen.
+
+Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels
+schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen,
+leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes.
+Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht
+lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren.
+Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit
+ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft
+in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von
+Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn
+er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks
+und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren
+Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht
+mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen
+Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs
+mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.
+
+Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er
+sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem
+Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.
+
+„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.
+
+Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und
+geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“
+
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember
+sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie
+wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen
+hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In
+Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin
+stattfand.
+
+Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten
+Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in
+See.
+
+
+ 17
+
+Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen
+klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle
+Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah,
+zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern
+hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
+
+Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann
+Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur
+Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es
+geschehen.
+
+„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das
+Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht
+mehr hier sein.“
+
+Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch
+die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war
+vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat
+entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus
+verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus
+nebenan.
+
+Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein
+gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit
+einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie
+stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell
+geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und
+jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen
+Lippen.
+
+Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte:
+„Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen
+Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
+
+Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau
+heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob
+du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine
+Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles
+sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben
+würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“
+
+Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit
+etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine
+Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig.
+Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter
+Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen,
+harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen
+immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
+
+Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im
+Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch?
+„Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange
+völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand.
+Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich?
+Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und
+wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny
+lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
+
+„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
+
+Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es
+war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten
+darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran
+lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener
+Menschen, die morden konnten?
+
+Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als
+sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du
+dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief
+dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er
+tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum
+erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene
+Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt.
+Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
+
+„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte
+Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht
+bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich
+zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton
+deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte
+waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie
+gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen
+liebst.“
+
+Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die
+Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen
+Zimmers auf.
+
+„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn,
+nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten
+Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem
+sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne,
+schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was
+tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich
+des Traumes nicht mehr entsann.
+
+„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du
+mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die
+Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als
+ob sie im Theater spräche:
+
+ „O gib, vom weichen Pfühle,
+ Träumend, ein halb Gehör!
+ Bei meinem Saitenspiele
+ Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen,
+wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“
+und ging in das Badezimmer.
+
+Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das
+Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen
+Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
+
+Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und
+blickte zur Nische.
+
+„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er!
+Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im
+Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er
+am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen.
+Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter
+einer Rose.
+
+Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu,
+Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und
+wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
+
+„Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich
+schlafen gehe, Wenzel.“
+
+Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es
+Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und
+schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken
+Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm
+triumphierend.
+
+„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und
+ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins
+Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im
+Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote
+Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun
+genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange
+still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war
+plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
+
+„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein,
+ich will es nicht tun.“
+
+Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand
+im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor
+der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal
+fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich
+gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den
+verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte
+furchtbar.
+
+„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf
+mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
+
+Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf
+den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff
+fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael,
+der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
+
+Da schwand ihr das Bewußtsein.
+
+
+ 18
+
+Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und
+nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz
+mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für
+Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken
+verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm
+natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
+
+Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin
+den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von
+bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
+
+Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur
+Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am
+nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer
+stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel
+und wurde augenblicklich vorgelassen.
+
+Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in
+einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ
+sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine
+Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein
+feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels
+Kopf gebunden.
+
+Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum
+Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu
+geben.
+
+Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich
+habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich
+aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
+
+„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und
+nahm Platz.
+
+Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
+
+Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um
+Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins
+Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen
+sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als
+gewöhnlich.
+
+„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“
+fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
+
+„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er
+berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen
+militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
+
+Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine
+blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf
+Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die
+Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder.
+Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die
+Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin
+rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er
+tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren
+Blick zu Boden geheftet.
+
+Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah
+aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere
+Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer
+Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein.
+Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört.
+Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn
+gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in
+die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem
+neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine
+Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so
+grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
+
+Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und
+Zylinder.
+
+Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck,
+wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte
+Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
+
+„Sehr wohl.“
+
+Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred
+Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft.
+Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner
+Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus,
+als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine
+halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine
+natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb
+starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen
+sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
+
+Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte
+sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
+
+„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier
+Uhr morgens Briefe.
+
+„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen
+Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin.
+„Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste
+Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen
+seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld,
+Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr.
+Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte
+zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
+
+
+ 19
+
+Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft
+wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die
+Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag
+gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande,
+ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie
+in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther
+ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging
+nicht anders.
+
+Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar
+keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in
+jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie
+jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren
+Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel
+konsequent bleiben, aber –.
+
+Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit
+eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte
+Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte
+er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
+
+Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und
+immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren
+können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine
+Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau
+und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter
+langweilten ihn.
+
+Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug
+nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza
+lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die
+„Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot,
+das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso
+das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten
+Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und
+heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles
+entgegennimmt, was man ihm bietet.
+
+Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in
+die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den
+Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las,
+stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit
+entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
+
+Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und
+Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach
+Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm
+sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die
+griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es
+schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen
+setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben
+die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen
+Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der
+Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
+
+Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den
+Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am
+Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in
+Deutschland.
+
+In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus
+Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen
+hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in
+ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich
+von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel
+entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
+
+Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in
+ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre.
+Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres
+etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
+
+
+ 20
+
+Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas
+voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem
+Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der
+Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten.
+Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er
+dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen
+von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor
+Lebensfreude und Glücksgefühl.
+
+„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher
+und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er
+ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner
+Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“
+
+Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem
+spöttischen Lächeln.
+
+„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er
+kurz.
+
+„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf
+dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich
+viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den
+breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
+
+Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“
+sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der
+breitesten Schichten an?“
+
+„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich
+geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.
+
+„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer
+unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des
+Parlaments und nicht die meinige!“
+
+Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch
+das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch
+tausend Widerstände gehemmt zu werden.“
+
+„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine
+andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an,
+wenn sie zu indolent dazu sind?“
+
+Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er
+erwiderte nichts.
+
+Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in
+die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im
+Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die
+Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die
+Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
+
+„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe
+auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“
+
+Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb
+greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich
+will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich
+Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen
+kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug
+eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein
+Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht
+ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf
+Wenzel gerichtet.
+
+„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man
+doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine
+Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden.
+Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie
+sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr
+abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die
+unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“
+
+Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“
+schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie
+schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es
+sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich
+aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese
+Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie
+Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem
+Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele
+Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und
+meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso
+gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
+
+Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche
+Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen
+Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.
+
+„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich
+wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz
+anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du
+willst uns das Darlehn also nicht geben?“
+
+Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
+
+„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch
+den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek
+schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während
+Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot
+haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“
+
+Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du
+derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles
+beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen
+für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der
+Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden
+anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese
+Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich
+für diese Gesellschaftsordnung.“
+
+Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du
+dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die
+gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den
+tiefen Sinn des indischen Wortes ‚_Tat tvam asi_ ...‘ Das bist du! Das
+heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“
+
+Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen.
+Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch,
+aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und
+wie sie alle heißen –“
+
+Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick.
+„Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem
+Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“
+
+Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige
+Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.
+
+„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür,
+schüttelte den Kopf und ging.
+
+
+ 21
+
+Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre
+Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und
+Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der
+Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der
+Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun.
+Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele
+ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus
+Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage.
+Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur
+sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen
+wollte.
+
+Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu
+verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein
+paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im
+Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder
+beleben sollte.
+
+Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung
+geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen
+Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas
+machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten,
+eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf
+Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante
+alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem
+Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu
+werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte
+zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich
+auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von
+der man überall sprach.
+
+„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. „Willst du mir
+Hellbronnen schenken?“
+
+„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel.
+
+Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. „Du
+kannst fordern,“ erwiderte sie.
+
+„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“
+
+„Ich kann damit anfangen, was ich will?“
+
+„Natürlich.“
+
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und
+Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche
+vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die
+Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem
+Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken.
+Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die
+man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus
+sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie
+bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner
+Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden!
+Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ
+sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine
+Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen
+Teich baden konnte.
+
+Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde
+ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin
+zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das
+sie geben wollte. –
+
+In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die
+Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb
+fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an
+der Ruhr.
+
+Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende
+Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest
+und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die
+Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu
+wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
+
+Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz
+vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig
+aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines
+blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen
+seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie
+ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln
+Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig
+vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten
+mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines
+Toten.
+
+Und er lauschte.
+
+Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte
+Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen
+flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch,
+wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen
+quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel,
+als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen
+Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
+
+Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das
+waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte.
+Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese
+Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als
+vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen
+Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor
+erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge
+schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger
+Raucheisen.“
+
+Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren
+Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie
+früher.
+
+Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen
+Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten
+waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die
+Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und
+kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann
+sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett,
+in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer
+Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses
+Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche
+Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er
+praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier
+unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War
+das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die
+Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den
+Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der
+Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.
+
+Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun
+klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von
+Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte
+verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie
+arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und
+sie arbeiteten alle für ihn.
+
+Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du
+nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: „Herein“.
+
+Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer
+lag ganz still, bis der Morgen kam.
+
+Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie
+eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. „Den alten Raucheisen hat heute
+nacht der Teufel geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der
+klirrend in die Tiefe fegte.
+
+Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom
+Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein
+ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen.
+
+
+ 22
+
+Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes
+Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten,
+kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen,
+luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die
+bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.
+
+Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.
+
+Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach
+Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin.
+Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte,
+verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die
+Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen,
+bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb
+sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man
+mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches
+Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach
+ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der
+Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten,
+heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.
+
+Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr,
+keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz,
+Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den
+Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten
+genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber
+leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers
+Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch
+sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
+
+Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach
+Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war
+in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu
+war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel
+aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den
+es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles
+schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte
+eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn.
+Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine
+Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen
+Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah
+ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die
+Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel
+einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
+
+Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen
+empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er
+ganz erfüllt von Befriedigung.
+
+„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal,
+wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies
+erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume
+berauschten ihn –.
+
+Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich
+ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen
+niemand voraussehen konnte.
+
+An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in
+Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten.
+Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit
+gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu
+bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten
+wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich –
+beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe
+des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel
+freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend
+vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken.
+Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst
+reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte
+sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des
+Tieres nicht zu erwehren.
+
+„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“
+rief sie wieder und wieder aus.
+
+Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von
+Menschen.
+
+Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das
+Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.
+
+„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
+
+„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und
+widmete sich wieder den jungen Bären.
+
+Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und
+Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.
+
+Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht
+einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach
+Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich
+wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und
+ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an
+diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser
+Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und
+seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der
+irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die
+Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.
+
+„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich.
+„Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels!
+Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther
+sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier
+nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser
+Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach,
+es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen
+Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den
+Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig.
+Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem
+Bärenzwinger zu?“
+
+Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war
+lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine
+Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
+
+Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte
+sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht
+hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um
+urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer
+Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser
+Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu
+beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
+
+Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser
+Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels
+auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine
+doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.
+
+Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der
+Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul.
+Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem
+Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den
+Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde
+er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und
+nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.
+
+Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel
+besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen,
+er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste
+brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht
+war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich,
+nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer
+Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich
+hatte er das Windspiel vergessen.
+
+
+ 23
+
+Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund
+dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger
+Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier
+augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur
+gekommen, um Esther abzuholen.
+
+Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine
+Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen
+Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten
+Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem
+Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und
+Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.
+
+Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte,
+wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in
+einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt
+spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte
+diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er
+sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein.
+Katschinsky hieß der junge Mann.
+
+Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?
+
+Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne
+weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem
+Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
+
+Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung
+erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen
+zu lachen.
+
+„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf
+die See gehen!“
+
+Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging
+nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht
+mehr.
+
+Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten
+anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten
+seine Aufträge.
+
+Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen
+Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz
+besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und
+gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die
+Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der
+Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien,
+rätselhafter.
+
+Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm.
+Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie
+ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem
+Hause.
+
+Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther
+im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich
+verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von
+diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas
+gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch
+war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden
+Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr
+im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes
+Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig
+gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über
+alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
+
+Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren
+mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war
+klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission
+besonders zu eignen.
+
+Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel
+verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu
+tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
+
+Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe
+erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte
+nicht das geringste.
+
+Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig,
+eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der
+gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther
+gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.
+
+„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er.
+„Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen
+sehen und manches mißdeuten könnten.“
+
+Esther warf die Lippe in die Höhe.
+
+„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes.
+„Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die
+Menschen.“
+
+Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.
+
+Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel
+empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden
+vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen
+Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde
+dunkelrot, da er sich schämte.
+
+Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz
+und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts
+Positives, keine einzige positive Tatsache.
+
+Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch
+das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.
+
+Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe
+Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so
+glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So
+erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt
+habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel
+gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von
+anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch,
+wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
+
+Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte
+bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich
+natürlich nicht im geringsten.“
+
+Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er
+erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über
+Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum
+des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß
+Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig
+auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht
+lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an
+der Tafel saß.
+
+Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ
+einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.
+
+Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives.
+Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also
+hieß es sich gedulden.
+
+Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein
+Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen
+abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in
+Erfahrung gebracht hatte.
+
+Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit
+Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh
+als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu
+vermeiden.
+
+Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der
+Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen
+zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
+
+Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther
+war.
+
+Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung
+geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig,
+keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther
+hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie
+heuchelte nicht.
+
+Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt
+haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.
+
+Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem
+Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war
+seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder
+so.
+
+Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die
+Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus
+der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz
+auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus
+betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus
+betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das
+Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
+
+Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr
+bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn
+Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch
+keineswegs sicher. –
+
+Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.
+
+„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig
+unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der
+Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie
+mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich
+überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
+
+Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich
+überzeugen.“
+
+
+ 24
+
+Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro
+nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des
+Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel
+vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie
+die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen
+erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto
+stand an der Ecke.
+
+Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des
+Vertrauensmannes.
+
+Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das
+Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich
+Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt
+es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu
+sein.
+
+Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen,
+die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine
+kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der
+Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden,
+dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken
+jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine
+Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine
+Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur
+noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte?
+Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu
+können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke
+stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er
+verabscheute ihn.
+
+Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie
+trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches
+Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt
+hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins
+Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so
+wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser
+Stunde verlassen.
+
+Aber diese Dame trug seinen Namen.
+
+Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein
+Mietsauto und fuhr davon.
+
+Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent
+ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er
+dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.
+
+Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine
+Zeugenschaft.
+
+Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch
+unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald
+zurück.
+
+Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt.
+Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.
+
+„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“
+
+Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs
+chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt,
+ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen
+Raum zur Dämmerstunde.
+
+Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und
+französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen.
+Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft
+frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige
+pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei
+Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest
+in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man
+wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah
+Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter
+der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.
+
+In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich
+danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte
+Katschinskys Stimme.
+
+„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast
+gleichgültig, fast gelangweilt.
+
+„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit
+einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“
+
+„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc
+aus Paris.“
+
+Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+
+„Oh, welch schamlose Komödie!“
+
+Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.
+
+Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem
+Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen,
+daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte
+zu erledigen.
+
+Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär
+bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen
+Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer
+von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein
+ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+
+Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm
+rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten
+herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr
+Gäste gekommen zu sein.
+
+Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird
+mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!
+
+Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen,
+die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und
+sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht
+ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die
+Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen
+Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als
+säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in
+den Augen an.
+
+Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich
+schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was
+weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich
+dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese
+Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen
+über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle
+wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.
+
+„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“
+knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar
+rächen!“
+
+Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er
+hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken
+gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber
+vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie
+ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher
+Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau,
+unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.
+
+Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten
+herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.
+
+„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus,
+mit verzerrten Zügen.
+
+Es war eine furchtbare Nacht.
+
+
+ 25
+
+Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich
+unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei
+erfüllte die Straße.
+
+„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“
+
+Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.
+
+Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er
+erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende
+eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel
+verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat
+vorsprechen.
+
+Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften
+sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits
+ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken.
+Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.
+
+Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit!
+Komm heraus, Schellenberg!“
+
+Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen.
+Die Polizei schritt ein.
+
+Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster
+eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu
+bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger
+gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war
+aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu
+gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder
+er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und
+vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem
+Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger,
+ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und
+schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und
+an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!
+
+Und in der Tat, er kam wieder.
+
+An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und
+Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er
+sollte seine Pläne vortragen.
+
+Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab,
+so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen
+vermochte.
+
+Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen
+Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste
+Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die
+linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem
+schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter
+gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße
+waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem
+Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen
+gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf.
+Sofort sammelten sich Menschen an.
+
+„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete
+auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden
+geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der
+gestern Rache geschworen hatte.
+
+Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der
+Straße verhallt.
+
+Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und
+begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der
+Schulter.
+
+„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und
+Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er
+vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer
+stärker spürbar.
+
+„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch
+und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder
+ins Gebäude zurückzudrängen.
+
+Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was
+kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich
+um den Steinträger ballte.
+
+Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.
+
+Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den
+feuchten Blättern durch die Straßen rannten.
+
+„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf
+Schellenberg!“
+
+Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe
+auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den
+Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein
+Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu
+lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand
+des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen
+keinen Anlaß.
+
+Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein
+Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon
+wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen
+waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig
+minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.
+
+Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand
+gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht
+und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers
+und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten
+Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal
+erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe
+bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen
+Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze
+Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und
+einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine
+tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den
+Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und
+Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!
+
+Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und
+dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er
+habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die
+Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch
+nicht finden konnte.
+
+Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.
+
+Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten,
+lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war
+noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen
+Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten,
+wiederhergestellt sein.
+
+Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem
+Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war
+vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen
+zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber
+widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den
+Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik
+bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.
+
+„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer
+der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines
+einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand
+darin ihren Ausdruck.“
+
+Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so
+befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang
+die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich
+sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.
+
+Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.
+
+Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein
+Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur
+in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und
+finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick.
+Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel
+Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß
+man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte
+schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge
+hatten.
+
+Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten.
+Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug
+einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her,
+Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“
+Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und
+ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen
+zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln.
+„Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit
+Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah
+Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.
+
+Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und
+Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei
+Dank!“
+
+Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.
+
+Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten.
+Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu
+sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich
+eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge
+hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal
+telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu
+leiden.
+
+Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige
+Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der
+Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt
+hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich
+keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.
+
+Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.
+
+„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen
+mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden
+Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst
+du schreiben, Eva?“
+
+Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann,
+daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.
+
+Auch damit war Michael einverstanden.
+
+Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben
+veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der
+Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte
+hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur
+selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl
+seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten
+erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß
+einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig
+unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg
+Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe
+von Berlin.
+
+Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein
+schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und
+strahlenden Augen trat in sein Zimmer.
+
+„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und
+schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung
+übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus
+der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg
+aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann.
+
+Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit
+nach Glückshorst nehmen zu dürfen.
+
+„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich.
+Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus
+als damals.“
+
+Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten,
+rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die
+Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.
+
+„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu.
+
+Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin
+zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein
+Hund, der seinen Herrn verlor.
+
+Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin
+gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft
+überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden
+Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den
+Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest
+konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner
+Küche.
+
+Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in
+Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit.
+Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei,
+berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst.
+Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er
+brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte.
+Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.
+
+„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die
+Freunde.
+
+
+ 26
+
+Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur
+zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte
+in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er
+arbeitete.
+
+Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das
+Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche
+dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen
+aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden
+Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther
+hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war
+vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern,
+Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte
+sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei,
+drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu
+Gesicht bekam.
+
+Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther
+ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in
+ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz
+allem, Unrecht tun?
+
+Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und
+unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht
+der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er
+wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu
+verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
+
+„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier
+vor?“ drang er in ihn.
+
+Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh,
+nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts,
+gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es
+Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer
+großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von
+Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“
+Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei
+Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender
+Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele
+Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran
+hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit
+damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es
+ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
+
+Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das
+lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu
+Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine
+längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als
+er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.
+
+An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein
+Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück,
+das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“,
+hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm
+fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von
+Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei
+Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in
+einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes
+Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky,
+dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest.
+Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt,
+debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz
+einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit
+beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte
+ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich
+schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
+
+Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich,
+wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny
+Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten
+Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny
+Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen
+Brief geschrieben.
+
+Seht an! Seht an!
+
+Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben,
+und der Wagen hielt.
+
+„Wohin fahren Sie?“
+
+„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der
+Chauffeur.
+
+Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien
+mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und
+Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig.
+In Warnemünde lag die Jacht.
+
+Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind
+fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie
+schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk,
+gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie
+verlassen.
+
+Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte,
+wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht
+hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich
+fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und
+endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes
+Gesicht.
+
+„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde
+die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war
+nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht
+segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in
+das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den
+Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich
+freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn
+verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
+
+Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann
+zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine
+ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach
+einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den
+Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
+
+„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren
+U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es
+ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen.
+Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin
+nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen
+Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“
+
+Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe,
+es werde wohl eine geraume Weile vergehen.
+
+„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir
+werden essen und trinken.“
+
+Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich
+bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus.
+„Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See.
+Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes
+Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem
+eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“
+
+Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht
+klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen,
+was möglich war, es war schweres Wetter.
+
+„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
+
+„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“
+
+Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in
+Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.
+
+„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur
+nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein,
+und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht
+war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.
+
+Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“
+schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See
+brach zischend über das Deck.
+
+„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“
+
+„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“
+
+Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie,
+Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn
+wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach
+Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte
+Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter
+aus.
+
+Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so
+wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und
+nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.
+
+Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der
+schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie
+steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um
+sich augenblicklich zu Bett zu legen.
+
+
+ 27
+
+Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
+
+Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas
+Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin.
+Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den
+Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig
+war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte
+durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem
+Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er
+hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er
+ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges
+bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in
+der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender
+Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer,
+der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die
+Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen,
+schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel
+noch, an Bord zu kommen.
+
+Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und
+tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit,
+Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.
+
+Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein
+kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon
+blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend,
+schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da
+waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen
+Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.
+
+Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das
+Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser.
+Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der
+seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine
+Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.
+
+„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als
+er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches
+Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit
+prüfenden Blicken.
+
+„Sie sind seekrank.“
+
+Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein
+sonderbarer Name.
+
+Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer
+auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der
+Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.
+
+„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der
+Brücke empor.
+
+Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der
+Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten
+aus den drei Schornsteinen.
+
+Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der
+Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an
+Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein
+Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar
+raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel
+stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine
+unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen
+des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen
+suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe.
+Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene
+des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar
+zu tuten.
+
+Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen:
+„Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
+
+In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe
+geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine
+Hände. Was war es doch mit meinen Händen?
+
+Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen.
+Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er
+war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß
+ein Kellner vor ihm stand.
+
+„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
+
+Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er
+sich in Warnemünde befand.
+
+
+ 28
+
+Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof
+gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin
+wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit
+gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die
+Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren
+indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war,
+oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging
+auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung
+einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen.
+Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief
+augenblicklich die Ärzte.
+
+Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte
+Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben.
+Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten
+Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese
+Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb
+bestehen.
+
+Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen
+des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.
+
+Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und
+Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht,
+denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte,
+legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.
+
+Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten
+Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.
+
+Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da
+jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige,
+gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.
+
+Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!
+
+Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte
+überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu
+beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern
+ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden,
+vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten
+jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil
+die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei
+einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.
+
+„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf
+die Stirn.
+
+Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an.
+„Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er.
+
+Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten?
+Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte
+besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in
+Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das
+Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport
+des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in
+der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen
+vergessen.
+
+Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde
+zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die
+Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er
+Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch
+immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in
+Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit
+vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals
+Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das
+Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am
+Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in
+Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte
+der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin
+genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den
+Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen,
+welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen
+im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.
+
+„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.
+
+„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“
+antwortete Michael und schüttelte den Kopf.
+
+
+ 29
+
+„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die
+in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt
+und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.
+
+Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in
+Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem
+sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte
+sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte.
+Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher
+näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn
+umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich
+und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut
+und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender
+Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete
+er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß
+etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.
+
+Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den
+Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er
+vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.
+
+Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor,
+daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang
+auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?
+
+Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel
+schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts
+geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache.
+Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung
+heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels
+Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen!
+Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein
+Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.
+
+Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten.
+Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste
+ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein
+kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte
+wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war.
+Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.
+
+Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin
+zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um
+die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.
+
+Worüber grübelte er?
+
+Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen
+Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel,
+der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie
+mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er
+fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die
+Achseln und lächelte.
+
+„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als
+wir.“
+
+Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft
+laut vor sich hinsprach.
+
+„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine Lösung.“
+
+Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm
+diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten
+Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn
+Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den
+Schmutz trat?
+
+„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut zu sich, während er
+unter dunklen Bäumen dahinging. „Es gibt nur diese eine Lösung! Das
+Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen
+Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird
+mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung
+nicht gab.“
+
+Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen
+trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“
+
+Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen
+Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern,
+Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden
+Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte
+nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte ...
+
+
+ 30
+
+Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es
+sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas
+anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein
+Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es
+gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten
+durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.
+
+Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er
+ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern
+diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm
+einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in
+die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte,
+aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm
+folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch
+nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und
+Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab
+keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.
+
+Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war
+wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr
+atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können –
+und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist
+völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man
+andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte
+Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.
+
+Nein, es gab keine andere Lösung!
+
+Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen
+Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht,
+aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die
+Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in
+Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem
+Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens
+zu sehen.
+
+Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England
+Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen.
+Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer
+weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.
+
+Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch
+erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer
+Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer
+preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das
+Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen,
+höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.
+
+„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
+
+Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die
+Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine
+Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.
+
+Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das
+freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.
+
+
+ 31
+
+Das Fest kam heran.
+
+Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben,
+Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und
+Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die
+neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die
+Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das
+Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und
+berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und
+vom Film.
+
+Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht
+gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die
+Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber
+er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht.
+Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor
+Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle
+fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin
+Esther wie eine Fürstin, die empfängt.
+
+Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre
+Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz
+dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen
+Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen
+Blicken preisgab.
+
+Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so
+würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt
+voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig
+wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.
+
+Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.
+
+Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee.
+Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja,
+vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten
+über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem
+Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten
+ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer
+Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein
+stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch
+den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der
+muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der
+einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in
+Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann
+unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen
+Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich
+diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz
+konfuse Pläne.
+
+Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und
+über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah
+Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte
+er.
+
+Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener.
+Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es
+war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.
+
+„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm
+beruhigend die Hand auf die Schulter.
+
+„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der
+Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“
+
+Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein
+ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers
+Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello.
+Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber
+der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er
+fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz
+zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg
+irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte
+er sich und verließ das Haus, ihm graute.
+
+Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden,
+Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen
+durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast
+ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.
+
+Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu
+Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.
+
+Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik
+verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener
+hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg
+ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei
+Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die
+im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die
+Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der
+graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach,
+wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer
+nur durch den Korridor getrennt.
+
+
+ 32
+
+Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen
+Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern,
+lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem
+Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.
+
+Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch
+das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich
+umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu
+Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts
+regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und
+gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden
+Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit
+eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem
+Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren
+riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben
+stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte,
+Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand
+ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber,
+männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen
+Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte
+er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser
+mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen
+Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein
+Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür
+zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht
+den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In
+Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte,
+daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
+
+Nun war es also so weit ...
+
+Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt
+war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten.
+Das Bett war silbern bemalt.
+
+Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr
+einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher,
+Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete
+gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und
+betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen
+schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
+
+Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die
+Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein
+kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz
+erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder
+lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
+
+Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und
+verließ das Zimmer.
+
+Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen.
+Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich
+einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
+
+Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen
+Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo
+er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß
+er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
+
+Was war geschehen?
+
+
+ 33
+
+Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war
+geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas
+Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es
+nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück.
+Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die
+Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch
+nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel.
+Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der
+Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht
+war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er
+erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in
+der Hand gehalten zu haben.
+
+„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen,
+Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.
+
+Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden.
+Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“
+
+Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze
+er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu
+schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der
+Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“
+
+Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines
+Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.
+
+„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen
+unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in
+seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit
+dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette
+gerissen – sonst wußte er nichts mehr.
+
+Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem
+herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die
+Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige
+Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein
+Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen
+Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther
+Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen,
+er hörte gar nicht zu.
+
+Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah
+nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick
+suchte etwas.
+
+In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung.
+Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag
+sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber
+verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen.
+Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die
+sichere Favoritin war geschlagen.
+
+„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde
+angehalten!“
+
+Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte,
+und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er
+tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von
+Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die
+englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes.
+Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt
+war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund.
+Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler
+Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich
+nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen
+innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in
+den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der
+leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die
+Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt,
+plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.
+
+In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine
+Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.
+
+Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren
+Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame
+eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“
+Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden.
+Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne
+jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.
+
+Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?
+
+Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.
+
+
+ 34
+
+Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen
+Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich
+hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz
+verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft,
+durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.
+
+Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.
+
+Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er
+wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht
+veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer
+Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das
+Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein
+berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und
+saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in
+diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals
+flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden
+Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der
+Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man
+tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die
+Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein
+leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich
+gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten
+Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich
+nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell
+und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn
+unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?
+
+Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser
+Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das
+eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der
+gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch
+weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich
+Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie
+lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf
+einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war
+geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den
+Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller
+Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris
+reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und
+neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben,
+und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war
+eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.
+
+Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr.
+Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin.
+Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch
+existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte
+ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?
+
+Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben,
+furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt
+zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte
+ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn
+ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach
+versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend
+verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach
+hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.
+
+Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten
+Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn
+besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt
+hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und
+Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen,
+wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner
+lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht
+schlug wie ein Fuhrknecht.
+
+Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag
+graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken,
+Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte
+den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach
+Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes
+Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See.
+Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein
+fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck.
+Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab
+er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und
+quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die
+Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden
+getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen
+konnte, ohne daß er sich wehrte.
+
+„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu
+dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles
+ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken,
+so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken,
+sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie
+doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit
+einem gequälten Lächeln.
+
+Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.
+
+Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut
+in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners
+zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei
+Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter.
+Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich,
+als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und
+voller Entschlußkraft.
+
+„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt
+gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben
+war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin
+ich wieder, ich kehre um.“
+
+Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man
+auch kommen sollte.
+
+Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte
+Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn
+wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte
+Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.
+
+„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg
+werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie
+kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich
+zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.
+
+Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte
+den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo
+Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er
+wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase
+lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller
+Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach
+Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß,
+Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die
+Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken
+wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.
+
+Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und
+gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit
+bestürzter Miene.
+
+„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte
+er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“
+
+„Krank? Er ist wieder krank?“
+
+„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“
+
+Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt
+an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man
+ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in
+der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur
+höchste Eile.
+
+Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen
+matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu
+gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.
+
+„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt.
+„Seien Sie ganz leise.“
+
+Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit
+einem Blick alles.
+
+
+ 35
+
+Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch
+die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war
+Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger
+mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von
+hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.
+
+Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch
+die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen
+andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er
+Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah
+Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor
+Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende
+zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die
+Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den
+Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles
+sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den
+Pflegern rang.
+
+Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete
+leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten
+ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt
+höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das
+Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen
+auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten
+des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte
+durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah
+die Saat sprießen und wachsen.
+
+Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde
+wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen,
+er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der
+Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer,
+die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte,
+die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit
+Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in
+Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn
+Glückseligkeit.
+
+Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand
+vor die Augen.
+
+Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die
+Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem
+Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber
+jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und
+blendeten hinaus in die Nacht:
+
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+
+ 36
+
+Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu
+verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den
+Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende.
+Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war,
+um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ...
+
+Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er
+geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder
+war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog.
+Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem
+Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel
+dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal
+niederschlug.
+
+Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er
+schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des
+Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um
+fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne
+jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und
+endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.
+
+Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das
+niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast
+nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war
+seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.
+
+Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ.
+Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt
+tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte.
+Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr
+der Kopf eines alten Weibes.
+
+„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.
+
+„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.
+
+Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in
+eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!
+
+„Ich bin der Besitzer des Gutes.“
+
+Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom
+Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor
+Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos
+stand der Knecht.
+
+„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“
+
+Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte
+Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen
+entdecken. Man roch noch den Brand.
+
+„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.
+
+Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn,
+einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres
+Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.
+
+„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.
+
+„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie,
+und stören Sie mich nicht.“
+
+So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die
+Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall,
+ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib
+nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse
+der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.
+
+Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier
+würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und
+daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.
+
+
+ 37
+
+Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des
+Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine
+Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.
+
+So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras
+wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft.
+Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern
+durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und
+zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine,
+langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem,
+verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk
+lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.
+
+Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen,
+primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er
+bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus.
+Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten
+beide die Ruine.
+
+Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel
+schüttelte den Kopf.
+
+„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“
+
+Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses
+aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte
+er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom
+Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht
+hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den
+Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof
+von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten
+unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über
+ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.
+
+Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach
+Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette
+Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter
+Gesundheit wiedersah.
+
+„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte
+er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen
+waren eine höllische Arbeit.“
+
+Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht
+zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten
+Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende
+und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen
+Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum
+ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es
+sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.
+
+„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien
+übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“
+
+Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und
+steht.
+
+Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster,
+gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen
+anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts
+für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren
+Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft
+Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann
+lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack
+in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen
+Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die
+sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von
+Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen
+Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer
+Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis
+in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher,
+Straßen. Ein Kanal.
+
+„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich
+werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin
+zurückkehre.“
+
+„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte
+Wenzel.
+
+Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der
+Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt
+werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan
+von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo
+heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den
+Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber
+hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis
+zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht
+seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.
+
+Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den
+Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und
+ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster
+in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam
+die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen
+Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem
+letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.
+
+„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe
+die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich
+habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“
+
+Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen,
+Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm
+Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.
+
+„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner
+Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich
+schlief.“
+
+Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie
+waren nur für Eva lesbar.
+
+„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.
+
+Und Eva las:
+
+„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht
+anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.
+
+So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle
+Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die
+weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des
+Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden
+jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick
+des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.
+
+Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu
+Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde
+wehen.
+
+So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch,
+gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf
+dieser Erde, wo er will.
+
+So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und
+nach Bedarf verteilt werden.
+
+So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die
+Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern
+die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes
+und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden
+die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.
+
+So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern,
+keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und
+keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird
+die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der
+die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche
+Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen
+gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft,
+zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst
+werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum
+und Geburt.
+
+Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies
+wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und
+tausendjährigen Verirrungen.
+
+Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird
+keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die
+Religion aller Menschen sein.
+
+So wird es sein und nicht anders!“
+
+ * * * * *
+
+Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken,
+und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der
+Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten
+zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht
+lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte
+Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels
+Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels
+Gesicht.
+
+Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr
+Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.“
+
+„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier viel Arbeit, auch
+für Sie.“
+
+Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund
+zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus.
+
+Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva
+abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte.
+
+„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht
+war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und
+die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“
+
+Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die
+Morgenröte eines neuen Tages empor.
+
+
+ Ende
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 29]:
+ ... „Ich freue mich, daß es ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...
+ ... „Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...
+
+ [S. 41]:
+ ... Gesindel, daß vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...
+ ... Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...
+
+ [S. 174]:
+ ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Aktion gar nicht ...
+ ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht ...
+
+ [S. 249]:
+ ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und sie bat, ...
+ ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ...
+
+ [S. 392]:
+ ... werden. Er ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...
+ ... werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...
+
+ [S. 453]:
+ ... Schwarzlake. Er hatte das Gute nie gesehen. Es war seine ...
+ ... Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER SCHELLENBERG ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
+United States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
+do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
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+license, especially commercial redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
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+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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+The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation's website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This website includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+<div lang='en' xml:lang='en'>
+<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Die Brüder Schellenberg</span>, by Bernhard Kellermann</p>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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+</div>
+</div>
+
+<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Die Brüder Schellenberg</span></p>
+<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Bernhard Kellermann</p>
+<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 6, 2022 [eBook #67112]</p>
+<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
+ <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE BRÜDER SCHELLENBERG</span> ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+Die Brüder
+Schellenberg
+</h1>
+
+<p class="aut">
+<span class="line1">Roman von</span><br />
+<span class="line2">Bernhard Kellermann</span>
+</p>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1">1925</span><br />
+<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="cop">
+Erste bis zwanzigste Auflage<br />
+Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br />
+Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="tit">
+Die Brüder Schellenberg
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="book" id="chapter-0-1">
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Erstes Buch
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="chapter1" id="subchap-0-1-1">
+1
+</h3>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach
+ins Schloß. Er hüstelte, als er die rauhe Straßenluft
+einatmete, und stülpte den Mantelkragen in die Höhe.
+Und schon schlug er, fast automatisch, jenen Weg ein, den
+er in tausend Träumen und Phantasien während seines
+Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel
+jener endlosen Straßenzüge, die quer durch die
+Stadt nach dem Alexanderplatz führen. Hier, am Alexanderplatz,
+war in einem Warenhaus seine Geliebte als
+Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit
+den Augen eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky
+sie genannt hatte. Seine Geliebte, und wenn man
+wollte, seine Frau. Oder durfte er sie nicht so nennen?
+Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte?
+Und das war, bei Gott, nicht alltäglich!
+</p>
+
+<p>
+Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster
+Sparsamkeit mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische
+nehmen können, aber er empfand es als eine Art Wollust,
+diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem Krankenhaus
+und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die
+letzte Minute und Sekunde auszukosten.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender
+Menschen und jagender Wagen, und sie sah ihn nicht!
+Sie ahnte es nicht, daß er, Schritt für Schritt, immer
+näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er lächelte mit
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln,
+aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein
+Lächeln wie eine Grimasse des Schmerzes aussah. Er
+keuchte leise. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die
+Knie zitterten ihm.
+</p>
+
+<p>
+Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet.
+Menschen, Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen
+ihm fremd, als sei er nach Jahrzehnten in diese
+Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie zurückgekehrt.
+Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes
+hatte seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und
+Lärm um vielfaches verstärkt empfand. Die Straße jagte,
+die Straße donnerte, und fast überkam ihn eine Beklemmung.
+</p>
+
+<p>
+Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom
+fortgerissen zu werden, sie glitten und schossen vorüber,
+um in den Wirbel der Seitenstraßen geschleudert zu werden.
+Funken stoben aus den Rädern, blaues Feuer spritzte
+durch die nasse Luft. Omnibusse, mit Menschenleibern
+dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, schwankten
+wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und
+ab stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden
+zitterte und schwankte, die Luft gellte, es knallte wie
+von Explosionen. Wahrhaftig, es war wie in einer Schlacht.
+</p>
+
+<p>
+Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden
+lehmfarbenen Himmel fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen
+wie durch ein dünnes Sieb herab. Der Regen lag in
+Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren,
+auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten
+der Trambahnführer, und wenn man das Gesicht
+etwas schräg hielt, so netzte er, angenehm kühlend, Augenlider
+und Wangen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
+</p>
+
+<p>
+Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde
+sie die Arme in die Luft werfen und an seine Brust stürzen,
+angesichts der Käufer, angesichts der Kolleginnen, angesichts
+der strengen Augen der Aufsichtsdame? Oh,
+Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts ...
+</p>
+
+<p>
+Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen
+schwankten Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug:
+Die Stunde war da, tausendmal ersehnt und erträumt.
+In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er alles
+erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche.
+Oder –? Sein geschwächter Körper bebte.
+</p>
+
+<p>
+Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so
+einfach war. Er hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen.
+Wie oft war er mitten in der Nacht aus dem
+Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen,
+bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es
+an, auch das war ja möglich – wenn sie nicht mehr hier
+sein sollte? Seit Wochen – warum betrügst du dich? –,
+seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, keine
+Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
+</p>
+
+<p>
+Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche,
+die den Schritt dämpften. Eine Art von Wohlbehagen,
+ein Gefühl des Geborgenseins kroch über seinen durchfrorenen
+Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen
+Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter
+Seidenstoffe stürzte aus einem hohen Brunnenbecken
+herunter in den Saal, funkelnd im Licht. Das Silber in
+den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte einen Ballen
+Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange
+entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Leder, Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten.
+Die Türen der Aufzüge klirrten, Menschenbündel
+flogen in die Höhe, stürzten blitzschnell ins Bodenlose.
+</p>
+
+<p>
+Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so
+aus, als gäbe es auf dieser Erde weder Hunger noch
+Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude mit seinen
+hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit
+Waren. Die Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet,
+sie überschwemmten die Säle, sprengten die Wände, überströmten
+die Wandelhallen und Treppenhäuser. Aber,
+war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren
+Warenmassen war die Zahl der Käufer nur
+gering. Man drängte sich nicht wie früher, stieß einander
+nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die Verkäuferinnen
+saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel,
+färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren
+gingen in den Gängen hin und her und blieben ab und zu
+stehen, um eine abgeschabte Stelle des Läufers zu untersuchen.
+Eine auffallende, fast bedrückende Stille herrschte
+in dem Warenpalast.
+</p>
+
+<p>
+Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion
+zu durchqueren, an einigen gespreizten Wachspuppen
+vorbei, und man war in Christines Reich: Wäsche,
+Linnen, Spitzen für Damen.
+</p>
+
+<p>
+Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen,
+die heiter glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch
+anstrahlte. Von hier aus vermochte er die Abteilung „Damenwäsche
+– Spitzen“ unauffällig zu überblicken. Auch
+hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den Waren
+wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen.
+Eine dicke Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Hamster, einige halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten
+Strümpfen.
+</p>
+
+<p>
+Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie
+eine Vision vor seinen Augen, während er in schlaflosen
+Nächten in die Ampel des Krankensaals starrte!
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in
+der Brust, als sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand
+Christine!
+</p>
+
+<p>
+Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an
+dem dünnen Kimono, das sie über den nackten, lackierten
+Beinen trug: an der Kasse lehnte, in einem blau-weiß
+gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in der
+Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas
+dünn, der Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über
+dem Nacken ein Gewirr von Locken, schwarz, blauschwarz,
+lebendig bei jeder kleinen Bewegung, fliegend, und immer
+in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die
+Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich
+über den Zettel.
+</p>
+
+<p>
+Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die
+Kassiererin über den Zettel beugen? Die Wachspuppe,
+die er mit den Fingern berührte, begann zu schwanken und
+drohte über ihn zu stürzen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen
+Locken ab und kam geradewegs auf ihn zu ...
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie
+Insulaner sie aus Kokosnüssen schneiden, die Augen flach
+wie Kürbiskerne, leer, ausdruckslos. Er blieb betäubt
+stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer näher, wurde
+größer und ging vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit
+einer Hoffnung betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+in einer andern Abteilung tätig sein, nicht wahr? Langsam,
+leise zitternd in den Knien, wanderte er durch alle
+Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern,
+Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen
+schrien, elektrische Sonnen glühten ihn an. Er spähte,
+forschte. Nirgends.
+</p>
+
+<p>
+Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden.
+Es regnete noch immer. Die Häuser schienen geborsten,
+und das Licht brach aus allen Fugen und zerrann in
+den Asphaltseen.
+</p>
+
+<p>
+Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um
+sich mit einem Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er
+auf, bezahlte und eilte zu dem Warenhaus zurück. Es war
+geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die
+Stirn. „Du hättest doch ihre Kolleginnen fragen können.
+Sie hätten dir gewiß Auskunft gegeben. Einen ganzen
+Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu spät.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-2">
+2
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen
+ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch
+unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich
+ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen
+und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich
+knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am
+Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und
+in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen
+der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht
+verderben.
+</p>
+
+<p>
+Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein
+bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen
+Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln,
+nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging
+zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals
+das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu
+fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe
+mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen.
+Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich
+hier verbergen.
+</p>
+
+<p>
+Zweitens wollte er bei Winter &amp; Co. vorsprechen, jener
+Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war,
+und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei
+Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere
+Firmen, Hausmann &amp; Brune oder Hegelström oder Feinhardt.
+Er war nicht verlegen, oh, keineswegs.
+</p>
+
+<p>
+Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die
+wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin
+besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser
+und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm
+raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs
+Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn
+anfangen.
+</p>
+
+<p>
+Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten
+auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen
+auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der
+Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die
+Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen
+in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen
+wuschen den Asphalt der Straßendämme.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer
+wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden
+gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den
+Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung
+wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.
+</p>
+
+<p>
+„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie
+nicht.
+</p>
+
+<p>
+„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen
+im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“
+Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte
+Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber
+ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es
+scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor
+einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“
+</p>
+
+<p>
+„Besseres?“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung
+nach.“
+</p>
+
+<p>
+Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung
+bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen
+wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef
+aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.
+</p>
+
+<p>
+Gut, also am Nachmittag.
+</p>
+
+<p>
+Bei Winter &amp; Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet
+hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte
+sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern
+erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm
+zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist
+kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur
+Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht.
+Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach.
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein
+Lächeln, eine Verbeugung.
+</p>
+
+<p>
+Georg empfahl sich.
+</p>
+
+<p>
+Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann
+&amp; Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht
+immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus,
+Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen,
+er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann
+&amp; Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren
+Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen
+und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter
+den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte
+Erscheinung.
+</p>
+
+<p>
+Georg klopfte. „Ist hier Hausmann &amp; Brune?“
+</p>
+
+<p>
+Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein,
+erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und
+putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne,
+Öfen und Heizungsanlagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann &amp; Brune
+verzogen sind?“
+</p>
+
+<p>
+Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren,
+als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen.
+Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen,
+Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte.
+Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten
+Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen
+zwanzig Zeichner sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen
+dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist.
+Georg erkannte ihn wieder.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher
+trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate
+lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung
+für mich haben.“
+</p>
+
+<p>
+Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu
+und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah
+verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter
+zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“
+keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben
+wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr
+Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich
+einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände
+in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs
+Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström
+bankerott gemacht hat?“
+</p>
+
+<p>
+„Hegelström – bankerott?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die
+Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen.
+Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert.
+Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström
+hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne
+Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht?
+Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“
+</p>
+
+<p>
+Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten.
+Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also
+nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin
+sprach wochenlang von nichts anderem.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wie sollte ich es wissen?“
+</p>
+
+<p>
+„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird
+schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen.
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler
+geworden, wie viele Architekten. Er hat
+einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn.
+– Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach.
+Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen,
+die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
+</p>
+
+<p>
+„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten
+Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas
+von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den
+Zeitungen gelesen?“
+</p>
+
+<p>
+Georg wurde blutrot.
+</p>
+
+<p>
+Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem
+Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für
+das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es
+gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden
+eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben,
+ich wüßte nichts.“
+</p>
+
+<p>
+Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist
+hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg!
+Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“
+</p>
+
+<p>
+„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
+</p>
+
+<p>
+„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen
+zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu
+verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe
+schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen –
+hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
+</p>
+
+<p>
+Bestürzt verließ Georg das Haus.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen
+sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf
+eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo
+sein Freund Stobwasser wohnte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-3">
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+3
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">arl</span> Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher
+wie ein Schneider. Es war ein kleiner schmächtiger Bursche
+mit einem schmalen Kopf, etwas schiefem Mund und
+auffallend spitzer, langer Nase. Auf der Baugewerbeschule
+in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler
+war – hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und
+Holzschnitzereien die Bewunderung der Mitschüler und
+selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei Jahren war Stobwasser
+nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen Weg
+als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge,
+wenn auch nur geringe. Ein angesehener Kunstkritiker
+hatte lobend auf seine Holzplastiken hingewiesen.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger
+Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall
+aufgeschlagen. Dieses kleine Loch nannte er sein Atelier.
+Neben der Werkstatt befand sich ein wirklicher Stall, aus
+dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen finsteren Hof
+hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen
+ließ.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere,
+krächzende Stimme antwortete auf Georgs Klopfen. Als
+er in den kleinen, eisigkalten, halbdunklen Raum eintrat,
+fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken einer kleinen
+Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das
+einzige, was Georg klar erkennen konnte.
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers,
+und Nebel dampfte aus seinem Munde.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin es, Georg.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor
+und richtete seine spitze Nase auf Georg. Er bewegte den
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+wilden Haarschopf hin und her und vermochte kein Wort
+hervorzubringen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
+</p>
+
+<p>
+„Georg!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die
+Arme in die Luft. „Du? Weidenbach? Ist es denkbar?
+Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es nicht fassen
+kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem
+leisen, bitteren Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie
+ist es denkbar?“ rief er aus. „Wer erzählte es denn nur?
+Katschinsky? Die Jenny Florian? Ich verstehe es nicht,
+wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht wahr
+war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken!
+Nun, einerlei, wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie
+Stobwasser mit heiserer Stimme. „Du lebst also noch!
+Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im Krankenhaus,
+um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen!
+Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber
+Himmel, was für Dinge geschehen können!“ Er streckte
+Georg beide Hände entgegen. „Nun, Gott sei gelobt!
+Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem
+Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten?
+Wie?“ Der Bildhauer lachte und hustete. Glühendheiß
+brannten seine Hände. Er schwieg eine Weile, während er
+Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß
+dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich
+vor Freude hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich
+trauerte schon um dich. Und manchmal, es ist wahr, da
+habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar ist es doch!
+Und da kommt er also plötzlich herein –!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind
+deine Tiere?“ fragte er, um von dem Thema abzulenken,
+das ihn peinigte. Früher war Stobwasser stets von einer
+Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen,
+Kakadus, Mäusen.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken.
+„Meine lieben Tiere? Ach, es war zu kalt für sie hier, ich
+habe keine Kohlen. Eine Dame, eine barmherzige Seele,
+hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin
+ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch
+krank werden. Setze dich doch, Georg. Ich war eben
+aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf dem Wandbrett
+dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und
+gib mir das Glas.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und
+wurde von Frost geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts
+kann ich dir anbieten, nicht einmal einen Kognak. Es ist zu
+ärgerlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen
+zum Munde und versuchte, den heißen Tee zu schlürfen.
+„Ich kann es immer noch nicht fassen, liebster Kamerad
+– aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du fragst,
+wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach
+durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den
+Mut trotz allem nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei
+Figuren zu modellieren für die Villa eines Seifenfabrikanten.
+Nun, die Figuren mißfielen leider der Madame
+und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam
+keinen Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie,
+die reichen Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Anwalt bezahlen. Dann verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei,
+aber der Käufer zahlte nur eine geringe Summe
+an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die
+Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen.
+Sie können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf
+jeden Schritt horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich
+nie verwirklichten. Und nun bin ich krank und liege hier.
+Aber nun erzähle du,“ schloß der Bildhauer, indem er das
+Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. „Das Sprechen
+strengt mich an.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen
+an. „Nichts zu erzählen, sagst du? Man sollte doch
+meinen! Höre, Weidenbach, wir haben ja stundenlang
+über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach
+ihn Georg verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer
+und streckte den Kopf so nahe wie möglich an Georg
+heran. „Es ist mir noch wie heute! Zwei Tage vorher
+waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und
+Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren
+ja in solch ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und
+zwei Tage später, da kommt Katschinsky zu mir hereingestürzt,
+hier herein in mein Atelier und sagt: ‚Weißt du
+schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie
+soll das nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte
+sich vor und fragte noch leiser, während seine Augen doppelt
+so groß wurden: „Sage mir doch, Weidenbach, weshalb
+hast du es getan?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend
+etwas.
+</p>
+
+<p>
+Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen.
+Beschwörend streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder,
+Weidenbach, ich bitte dich! Ich will nicht mehr davon
+sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst seinen Freunden
+nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns unerklärlich,
+denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune,
+damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später
+–“ Der Bildhauer hustete.
+</p>
+
+<p>
+„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
+</p>
+
+<p>
+„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas
+Lustiges war ihm eingefallen beim Klang dieses Namens.
+Er streckte die spitze Nase zur Decke. „Ich weiß es nicht.
+Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft wochenlang
+nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine Holzplastik
+abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem
+habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht
+gehen. Er ist elegant und vornehm geworden, verkehrt in
+Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich weiß, ist er beim
+Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich
+daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort
+an.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat
+ja Verbindungen in allen Kreisen, und ohne Verbindungen
+ist heute schwer etwas zu machen. Vielleicht kannst du
+auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall unterbrach
+Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine,
+Georg, wie geht es Christine?“
+</p>
+
+<p>
+Pause. Stille.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie
+scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint?
+Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit
+Christine?“ schrie er vor Erregung.
+</p>
+
+<p>
+Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht
+mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er
+ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar
+zurück.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein
+Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann,
+mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar.
+Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort,
+während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen
+aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen
+– es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich
+–, du hast dir doch Christines wegen eine
+Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“
+</p>
+
+<p>
+Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt
+zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz
+leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte:
+„Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich.
+Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene
+zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und
+immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was
+ich tat.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem
+Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine!
+Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte
+auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie
+holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube,
+diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine
+hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt
+hundert Christinen!“
+</p>
+
+<p>
+Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt
+nur eine,“ entgegnete er.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg
+lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht
+aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese
+Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf,
+gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber
+gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut
+mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich,
+daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme
+bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei
+mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu
+zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag
+bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach,
+und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß
+stets Rat.“
+</p>
+
+<p>
+Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten.
+Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf
+der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-4">
+4
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">eißes</span> Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig
+der Wirtin zu. Noch immer tyrannisierte er die alte
+gutmütige Frau. Sie ließ sich alles von ihm gefallen.
+Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre letzten
+Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den
+hübschen Jungen vergafft.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig
+zu machen. Während er sich mit dem Apparat den weichen,
+kaum sichtbaren blonden Flaum von Wangen und
+Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm
+und hell in seinem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“
+sagte er mit seiner immer etwas spöttisch und hochmütig
+klingenden Stimme. „Aber ich will Ihnen etwas sagen,
+Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser Bursche.
+Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik
+ab, macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige
+Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
+</p>
+
+<p>
+„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf
+Georg ein.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas
+nicht, es verstimmt den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt,
+so hätte er Karl die Plastik zurückgeschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um
+zu heizen.“
+</p>
+
+<p>
+„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach
+–“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich
+früher geduzt hatten. Er hatte augenblicklich einen um
+eine Nuance förmlicheren Ton gewählt, als sein Blick
+Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien es Georg
+wenigstens.
+</p>
+
+<p>
+Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er
+immer Bewunderung empfunden und sich ihm ganz von
+selbst untergeordnet. Einige Karikaturen Katschinskys
+waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der
+Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Georg kein Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm
+betreten hatte.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger
+Mann. Er war blond und trug das Haar peinlich genau
+gescheitelt. Er wirkte größer, als er tatsächlich war, und
+auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das
+etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten
+Muttersöhnchens. Er war der Sohn einer Beamtenwitwe
+in Hamburg, die ihren letzten Pfennig für ihn
+opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld
+hatte und es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund
+zu sein, einer jungen Schauspielerin, die zu den schönsten
+Frauen Berlins zählte. Wenn diese beiden jungen Menschen
+sich auf der Straße oder in einem Restaurant zeigten,
+so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung
+auf sie.
+</p>
+
+<p>
+„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky,
+während er sich mit einem heißen Tuch, das die
+alte Wirtin gebracht hatte, das Gesicht abtrocknete und
+Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten, liebenswürdigsten
+Lächeln zulächelte.
+</p>
+
+<p>
+„Fragen Sie ruhig.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen
+und Kinn mit einer zarten flockigen Quaste – „es
+interessiert mich: tut es weh – das, Sie verstehen mich?“
+</p>
+
+<p>
+Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die
+Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch,
+daß Sie mir böse sind, lieber Freund. Es interessierte
+mich. Ich werde es ja nie tun, ich hätte gar nicht den
+Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber Himmel!“
+Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+den Scheitel. Dann legte er den Kragen an und knüpfte
+mit großer Sorgfalt die Binde. Er schien für eine Weile
+die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch
+staunte Georg über die Eleganz des modischen Anzugs, den
+er heute trug. Die Hosen, an den Hüften weit geschnitten,
+waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky Seidenstrümpfe
+und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer
+schwerer Seide.
+</p>
+
+<p>
+„Ich freue mich, daß es <a id="corr-2"></a>Ihnen gut geht, Katschinsky,“
+sagte Georg – und er schämte sich des heimlichen Gedankens,
+daß Katschinsky ihm vielleicht aus der Verlegenheit
+helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg
+aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen
+freier.
+</p>
+
+<p>
+„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er
+kokett den Kopf über die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es
+an.“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne,
+wobei er das Gebiß von den Lippen entblößte. Seine
+Zähne waren vorbildlich schön, regelmäßig, schneeweiß.
+„Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist eine
+sonderbare Art von Erfolgen!“
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie viel gearbeitet?“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte
+er und polierte sorgfältig die Nägel, „ich habe fast
+nichts gearbeitet, seitdem wir uns nicht mehr gesehen
+haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine
+ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen,
+Weidenbach, aber ich hatte nie eine große Energie.
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+Wozu auch? Im übrigen habe ich nicht die geringste Begabung.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief
+Georg erstaunt aus und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose
+Glaube an sein Können, der so deutlich aus Weidenbachs
+Lachen klang, hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt.
+Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, „ich habe es einmal
+geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein Talent
+habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht
+haben. Ich müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt
+mir die Energie.“
+</p>
+
+<p>
+„Was tun Sie also?“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher
+Junge, Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände
+mit Puder einrieb. „Es ist möglich, daß Sie einmal ein
+großer Künstler werden, gerade weil Sie so einfach und
+aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen.
+Meine Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die
+sie mir hinterließ, verkauft. Für den Erlös habe ich mir
+Garderobe angeschafft. Ich tat das nur aus Eitelkeit, aber
+es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste war, was
+ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach,
+daß es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern
+gibt, die elegant gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel,
+elegante Schuhe –, und man weiß nicht, wovon sie leben.
+Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre Gesichtsfarbe
+ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern
+auch nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm
+spazieren und trinken in den Hallen der vornehmen
+Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben all diese jungen
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht verraten.
+Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn
+Sie sich so kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie
+die Möglichkeit, in ihre Geheimnisse einzudringen.“
+</p>
+
+<p>
+„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den
+Maler ungeduldig und sah ihn mit einem neugierigen
+Blick an.
+</p>
+
+<p>
+„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein
+eitles, zynisches Lächeln umspielte seinen schönen Mund.
+„Das ist nicht so leicht gesagt. Nun, wir leben, und wir
+leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, Weidenbach, gut
+tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele,
+um fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar
+Schritte, man wird Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und
+Liköre servieren, und wenn Sie besonders gute Figur
+machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden erfahren,
+daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit
+einer hübschen Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden
+Tadel gekleidet ist, ganz umsonst zu Abend speisen kann.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist es möglich?“ fragte Georg.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die
+Verblüffung dieses armen, abgehetzten, bleichen, vom
+Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen bereitete. Er
+schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am
+Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf
+und ab zu gehen, und in seinem Gang drückten sich Befriedigung
+über die tadellose Kleidung und jenes Wohlbehagen
+aus, das eine sorgfältige Toilette bereitet. Sein
+schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen Lächeln,
+während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften,
+knüpft Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und
+dort eine hübsche Dame, die einen in ihr Haus einlädt.
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl sein. Und dann,
+das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge von
+Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen
+zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen,
+wenn man es versteht. Aber, um ehrlich zu sein,
+Weidenbach, darin bin ich noch Dilettant. Ich habe einen
+Freund, früherer Offizier der russischen Garde. Oh, der
+versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die
+Hand, so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach,
+so lebt man also. Und wenn man so leben kann,
+weshalb soll man sich anstrengen? Kunst – wer will
+heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer versteht
+etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“
+Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen
+und blickte Georg nachdenklich an. „Es gibt übrigens
+noch etwas, womit man mühelos Geld verdienen kann!“
+rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, aus.
+„Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für
+Sie!“
+</p>
+
+<p>
+In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden!
+Am Ende sind Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld
+brauchen und sich sagten, Katschinsky hat vielleicht etwas.
+Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um Himmelswillen.
+Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky
+zeigte lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt
+nichts Törichteres, als vor einem Katschinsky zu erröten.
+Aber, um es nicht zu vergessen. Diese eine Sache, die
+vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
+</p>
+
+<p>
+„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus.
+„Sie scheinen wenig begeistert zu sein, und die Sache ist
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+doch so einfach. Sie versuchen Kokain aufzutreiben. Sie
+werden schon Leute finden, die Kokain haben, und wir
+könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge
+ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und
+fröhlich.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin
+nicht für solche Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die
+geringste Begabung.“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern
+in den grauen Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er
+dann leise. „Ich befürchte, daß Sie es nicht leicht haben
+werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für solche
+Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit
+geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern
+werden den Nutzen von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich
+nur Arbeit habe,“ antwortete Georg, indem er sich erhob.
+Der Zynismus Katschinskys widerte ihn plötzlich an. „Sie
+sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie besuchte?“
+</p>
+
+<p>
+„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier
+auf und ab und warte auf einen telephonischen Anruf.
+Ich muß wissen, wo heute abend gespielt wird, und dann,
+sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den
+Hut in der Hand. „Wie geht es Jenny Florian? Ist sie
+noch in Berlin?“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen.
+Seine Augen schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter
+Mund wurde plötzlich hart und herrisch. Dieses
+Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war hochmütig und
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys freundliches
+und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung
+war.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“
+herrschte Katschinsky Georg an, und wie ein eigensinniges
+Kind stieß er mit dem Schuh auf den Boden. Sofort
+aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er versuchte
+es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er
+mit ruhigerer Stimme, obwohl die Worte noch zitterten.
+„Vergeben Sie mir, daß ich erregt wurde. Aber sooft ich
+an Jenny denke, könnte ich rasend werden. Sie hat Karriere
+gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren
+Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie
+sie lächelt, wenn sie mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal
+auf einer Gesellschaft so nebenbei vorgestellt worden.
+Jenny Florian, ich will Ihnen eines verraten, Weidenbach,
+ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist
+die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens,
+die es gibt. Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß
+sie es versuchte. Sie versucht es jetzt mit dem Film, wir
+werden ja sehen, wie weit sie kommt. Allerdings – in
+diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben
+aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar!
+Sie spielt nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird
+jedes Engagement sofort brechen, wenn Sie ihr mehr bieten
+können.“ Katschinskys Gesicht war während der letzten
+Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht.
+Seine Lippen bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte
+ein kalter böser Glanz.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und
+reichte Weidenbach flüchtig die kühle Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg
+anzusehen, und eilte an den kleinen Schreibtisch, wo das
+Telephon stand.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-5">
+5
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">eorg</span> stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja
+sogar die Lippen gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen,
+Puder und Zahnwasser des Malers.
+</p>
+
+<p>
+Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte
+Georg, während er, verwirrt von dem Besuch, zur Station
+der Untergrundbahn eilte. Wenn er mit den Zügen
+Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am
+Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten
+sich seiner. Was war aus Katschinsky geworden?
+Was machte diese Zeit und diese Stadt mit den
+Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein Schamloser.
+Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky
+geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine
+Freundschaft warb. Und wie erregt er wurde, als er
+Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort beschimpfte.
+Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen,
+lebe wohl!
+</p>
+
+<p>
+Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus.
+Die Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft
+von der trockenen verbrauchten Luft, warfen schon Blicke
+auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der Personalabteilung
+aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon
+Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen
+Miene. Er zog die Brauen zusammen und sah
+nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger
+Mann,“ rief er aus, „aber immerhin – Christine März,
+sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März, Christine –
+sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte
+damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte
+Georg den Zettel mit den Fingerspitzen, als klebe Schmutz
+daran. Es war eine etwas verrufene Straße.
+</p>
+
+<p>
+Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er
+sich auf den Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem
+die Verfolger auf den Fersen sind, schoß er durch die
+Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses die Straßen
+überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt
+erreichte er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah
+sich dieses Haus an. Sofort schüttelte er, enttäuscht und
+niedergeschlagen, den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Die Adresse war vom August, und jetzt war man im
+November. Es war recht gut möglich – ja es war sicher,
+er fühlte es – daß Christine nicht mehr in diesem Hause
+wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft
+geben können.
+</p>
+
+<p>
+Und während er langsam und etwas zaghaft auf das
+Haus zuging, quälten ihn wiederum die alten Gedanken,
+die ihn seit drei Monaten marterten: Weshalb hatte sie
+plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie Berlin
+verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war!
+War sie gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War
+sie krank? Lag sie in irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht.
+Unmöglich, gänzlich unmöglich war es ja, daß sie ihn
+verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht
+Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere
+Beweise als das, was Christine getan hatte?
+</p>
+
+<p>
+Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Haus aus, ebenso verwahrlost, dunkel und finster wie die
+Häuser ringsum. Neben dem Toreingang war eine
+Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine
+Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und
+fragte nach der Adresse des Schlossers Rusch. Rusch?
+Das sei richtig hier. Im dritten Hof, parterre.
+</p>
+
+<p>
+Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte.
+Es brannten winzige Laternen, und die Wände
+sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da und dort glomm
+ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem gekocht
+wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof
+kam eine kleine Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen.
+Georg beugte sich vor, um unter das Tuch blicken zu
+können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren Frau, die
+still und lautlos weinte.
+</p>
+
+<p>
+Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel,
+und das Regenwasser plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten
+Rinne mitten auf den Hof herab. Zwei Parterrefenster
+des Hofes zeigten hinter herabgelassenen fleckigen
+Vorhängen mattes Licht.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort
+roch er, daß er an der rechten Stelle war. Er roch die
+Werkstatt eines Schlossers. Noch einen anderen Geruch
+unterschied er – den Geruch von Kerzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt,
+und Georg lugte durch den Spalt. Sein Herz
+schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich gewesen wäre,
+jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es –
+was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum.
+Er hatte in der Erregung die Tür berührt, so daß der
+Spalt sich vergrößerte. Da sah er, daß in der Stube,
+der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken,
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen,
+gutmütig lächelnden Gesichts standen zwei flackernde
+Kerzen. Er hörte ein gurgelndes Schluchzen und dann
+ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte sich über Wände
+und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist
+jemand hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte
+Georg, und schon näherte sich die Gestalt der Türe.
+</p>
+
+<p>
+Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg.
+Seine Augen waren verweint. Er hatte sich offenbar mit
+den schmutzigen Fäusten die Augen ausgerieben, so daß
+dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine phantastische
+Brille.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und
+heftete den Blick scharf und funkelnd auf Georg.
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise.
+Der Blick dieses Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine
+Auskunft haben.“ Er fragte, ob Christine März noch hier
+wohne?
+</p>
+
+<p>
+Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen
+Ausdruck an. „Die!“ knurrte er. Oh, die sei schon lange,
+lange nicht mehr hier. „Aber was wollen Sie von ihr,
+junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen,
+die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate
+Miete schuldig.“
+</p>
+
+<p>
+Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm
+nach: „Es ist noch eine Pappschachtel von dieser Person
+hier, mit alten Lumpen! Vielleicht wollen Sie die Pappschachtel
+haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den
+Torweg eilte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb
+gehen Sie so rasch. Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht
+so schlimm gemeint. He, Sie!“
+</p>
+
+<p>
+Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur
+Straße lag, holte ihn der Schlosser ein. Nun erst bemerkte
+Georg, daß der Schlosser mit dem beschmutzten
+Gesicht betrunken war.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollten nach Christine fragen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollten?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn
+eines Betrunkenen in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“
+fuhr er fort, indem er Georg auf einen Stuhl
+schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen. Bringe
+zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt
+zu. „Ja, Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes
+Kerlchen, aber –“
+</p>
+
+<p>
+„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein
+Herr,“ wandte er sich wieder an Georg und schob ihm ein
+Glas Branntwein hin. „Es war nicht meine Absicht. Sie
+haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot liegt, und aus
+diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so außer
+Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle
+und nötigte Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger
+Mann, damit Sie Farbe bekommen. He Anton! Auch
+Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken. Sie
+war garnicht so zimperlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein
+Gläschen zusammen, Ihre Christine und sie, die nun dahinten
+liegt.“ Rusch deutete mit dem Daumen hinter sich.
+</p>
+
+<p>
+„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein
+– und hast du nicht gesehen – auf der andern Seite fiel
+sie wieder hinaus. Und wir lachten, hahaha! Alles lachte.
+Was ist dabei, wir haben alle unsere Schwächen.“
+</p>
+
+<p>
+„Christine fiel aus der Droschke?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun
+dahinten liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit
+ich sehe, daß Sie mir nichts nachtragen.“
+</p>
+
+<p>
+Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht
+mehr bei ihm wohne?
+</p>
+
+<p>
+Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte
+Gesicht zusammen. „Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen
+Sie mich nachdenken? Ja, seit wann? He, Anton, erinnerst
+du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die
+soviel lachen konnte.“
+</p>
+
+<p>
+„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg,
+bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte,
+scherzte, erzählte Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen.
+Sie wollte ja zum Theater gehen. Sie erzählte immer
+Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär
+zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum
+Theater gehen. Oder zum Kino.“
+</p>
+
+<p>
+Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken.
+„Auch Sie wissen nicht, wo Christine hingezogen
+ist?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich
+zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen.
+„Lassen Sie mich nachdenken, mein Herr,“ antwortete er.
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+„Mir scheint – eines Tages verschwand sie – ich weiß
+es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“
+</p>
+
+<p>
+Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.
+</p>
+
+<p>
+„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser
+in Georg. „Sind Sie Künstler? Christine erzählte
+immer, daß sie mit Künstlern verkehre. Auf Ihre Gesundheit!
+He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an
+den Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt
+da hinten, und die Tür steht offen. Sie trägt noch den
+Ring an der Hand. Hier in diesem Hause lebt solch ein
+Gesindel, <a id="corr-4"></a>das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser
+Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal
+einen verflixten Burschen, der erzählte mir, er brach in
+einer Villa im Grunewald ein, und plötzlich, was sieht er:
+einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. Aber das hat ihn
+nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen
+Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.
+</p>
+
+<p>
+Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“
+fuhr er berauscht fort, rückte näher und legte die
+schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören Sie, noch eine
+Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie
+sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie
+nicht einmal in der Zeitung.
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der
+jüngste, aber vor zwanzig Jahren, da hätten Sie mich
+kennen sollen. Da war ich ein toller Kerl. Ich hatte da
+ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie
+ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank,
+nur so groß, sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin.
+Aber wie die Frauen so sind, sie wollte Schuhe
+aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit grauem
+Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+hatte, dann wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so
+ging es immer fort. Und wie es mit den Schuhen war, so
+war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete damals in einer
+Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, alle
+die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen
+sich wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann
+ging Mariechen zu einem andern, denn die Männer liefen
+alle hinter ihr her.
+</p>
+
+<p>
+Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören
+Sie weiter, und Sie werden staunen. In der Fabrik arbeitete
+ein Kollege. Er war ein einfacher Schlosser, aber
+wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie glauben,
+er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich.
+Er hieß Roth.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte:
+Höre, Rusch, willst du viel Geld verdienen? Ich sagte,
+warum nicht, denn Mariechens Geburtstag war nahe, und
+ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. Mariechen
+hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen
+waren so schön, und wenn sie sprach, diese schöne
+Stimme, und wenn man mit ihr tanzte, und alle verdrehten
+die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie nicht dreimal
+im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen
+kurz erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es
+ist lange her, und es ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser
+Roth ging durch verschlossene Türen, genau so wie der
+Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir arbeiteten also
+zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren
+vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine
+lange Weile. Aber nun hören Sie, nun kommt das Interessante.
+Wir gingen ja nun viel aus und tanzten, Roth,
+Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir,
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler
+ist verreist, bei dem ich das elektrische Licht repariert
+habe. Hast du Courage? Ich sagte, weshalb nicht. Wir
+gingen tags vorher um das Haus, und Roth zeigte mir
+ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen,
+und wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein.
+Morgen abend, sagte Roth, morgen abend ist Neumond,
+da wollen wir die Sache machen.
+</p>
+
+<p>
+Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante.
+Eine Straße vorher verließ mich Roth und sagte
+mir, in genau einer Viertelstunde wirst du nachkommen.
+Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt
+zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam
+aufgemacht, und ich steige ein. Wissen Sie, mein
+Herr, was nun passierte?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte.
+„Wie sollte ich es wissen?“
+</p>
+
+<p>
+Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln
+sichtbar wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar
+Arme. Ich war der Polizei in die Hände gefallen. Haben
+Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“
+</p>
+
+<p>
+„Also hatte Roth Sie verraten?“
+</p>
+
+<p>
+„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese
+Falle gegangen. Er und Mariechen wollten mich loshaben,
+und so ließen sie mich hochgehen.
+</p>
+
+<p>
+Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr
+beide verloren. Und als ich herauskam, sehen Sie, mein
+Herr, da kaufte ich mir ein Messer und einen Revolver,
+und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich euch auch
+finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+am Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von
+Tanzlokalen. Und nun hören Sie, Herr, nun kommt das
+Interessanteste.“ Rusch goß sich ein neues Glas hinunter.
+„Nun kommt das Interessanteste, mein Herr.
+Eines Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow.
+Es war nicht sehr voll, und plötzlich, wen sehe ich?
+Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie zu, und was glauben
+Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte
+den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf
+sie zu. Roth riß sofort aus. Aber Mariechen, was glauben
+Sie, was sie tat? Mariechen fiel in die Knie und schrie
+so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen schreien hörte.
+Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben
+Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und
+alle Eide, die ich geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf
+und sagte, aber Mariechen, was gibt es denn zu brüllen?
+Und sie weinte und schluchzte, und ich beruhigte sie. Da
+wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde jetzt wieder
+bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen
+Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie,
+solche Dinge gibt es auf der Welt.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die
+Luft und brüllte: „Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun
+liegt sie da hinten und ist tot! Mariechen! Mariechen!“
+Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du
+wirst es schon verwinden.“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.
+</p>
+
+<p>
+Georg erhob sich, um zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser,
+„bleiben Sie bei mir. Ich muß einen Menschen haben, mit
+dem ich reden kann. Ich werde Sie nicht mehr mit meinen
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer Christine
+sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit
+seiner Frau ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen
+gebacken – ah, fein! Dann aber habe sie ihre
+Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei
+öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer
+und habe sie ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer,
+dunkler gekommen, vielleicht ein Russe. Er kam immer
+in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise ...
+</p>
+
+<p>
+Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden,
+daß der Schlosser ins Leere griff, als er mit den beiden
+Fäusten nach ihm langte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-6">
+6
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg
+Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon
+nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr
+bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe
+aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten
+ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht
+kamen.
+</p>
+
+<p>
+Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß
+der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem
+erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich.
+</p>
+
+<p>
+Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er
+unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere
+hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose
+las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch
+nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner
+blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf.
+Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor,
+fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick
+wurde tapfer.
+</p>
+
+<p>
+Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters
+denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser
+Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig
+in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am
+Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister
+waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der
+ersten Operndirigenten Deutschlands.
+</p>
+
+<p>
+Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück
+nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt,
+so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er
+sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu
+dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien
+nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte
+Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten.
+Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich
+wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg,
+und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man
+wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte.
+Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit
+er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins
+Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel
+mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den
+Kopf. So war es also nichts.
+</p>
+
+<p>
+Nun, wenn nicht hier, so anderswo.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine
+Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen.
+Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche
+Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen
+der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen
+Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern,
+elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe
+an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man
+einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war
+doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal
+kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen.
+Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky
+auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen
+Diele den Tee schlürfte?
+</p>
+
+<p>
+Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot
+lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein
+Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg
+hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für
+ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte.
+Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den
+Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie
+wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten,
+mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den
+Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf.
+Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten,
+röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im
+Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder
+durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein
+wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten
+knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am
+Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem
+jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen
+Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie
+lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe
+an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und
+flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam
+am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht,
+seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.
+</p>
+
+<p>
+Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos
+warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte
+er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber.
+Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte
+zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn
+das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch
+schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm,
+reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch:
+Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude,
+Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner
+dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er
+sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub
+sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete.
+Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter
+Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.
+</p>
+
+<p>
+Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken
+Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen,
+ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war
+es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich.
+Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten
+Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die
+Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen
+Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte.
+Dann saß er die ganze Nacht aufrecht.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-7">
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+7
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen
+war es noch völlig finster – erschienen die Massen der
+Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es
+waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen
+überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend
+auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in
+den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht
+und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht
+vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem
+Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und
+manche krümmte der Husten bis zum Boden.
+</p>
+
+<p>
+Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten
+Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und
+warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt,
+redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern,
+fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften,
+die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde
+waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so
+gering war die Zahl der offenen Stellen.
+</p>
+
+<p>
+Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone
+der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten
+sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde,
+stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten
+sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden
+Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu
+schleppen?
+</p>
+
+<p>
+Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt
+hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher
+waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die
+Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die
+Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente
+der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren
+Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager
+der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung
+erwartet werden.
+</p>
+
+<p>
+Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still
+in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu
+Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen
+mehr und mehr an.
+</p>
+
+<p>
+Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei
+Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor
+den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten
+Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten
+sich. Oft schwankte er beim Gehen.
+</p>
+
+<p>
+Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu
+verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt,
+gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der
+auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner
+Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken
+kauerten andere Schatten.
+</p>
+
+<p>
+Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare
+huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei
+den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene,
+die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde
+kam die Stadt während der ganzen langen Nacht
+zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende
+Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte.
+Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald
+der langsame Schritt in der Ferne verklang.
+</p>
+
+<p>
+Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der
+schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in
+der stillen Nacht.
+</p>
+
+<p>
+In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei
+Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach
+Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das
+Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit
+und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs.
+Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf
+dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit
+blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und
+mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend
+und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen.
+Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert,
+seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag
+in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.
+</p>
+
+<p>
+Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war
+eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand
+als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei
+ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte
+und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde
+abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.
+</p>
+
+<p>
+Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln
+aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends
+die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete
+er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger
+war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte
+er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten,
+zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein
+Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um
+sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war
+ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte
+und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte.
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler,
+die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in
+den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum
+war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und
+Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken
+und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute
+er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war
+sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen!
+Während die Mitschüler in den Straßen spazieren
+gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten,
+Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei
+der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den
+Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen,
+das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der
+Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische.
+Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese
+Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand
+an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen.
+Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still,
+ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre,
+und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach
+war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen
+Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!
+</p>
+
+<p>
+Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen
+Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit
+Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte
+und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen
+Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie
+die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff.
+Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus
+geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm
+ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen
+begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider
+nichts schicken könne.
+</p>
+
+<p>
+Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen
+des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht
+auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-8">
+8
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">itten</span> im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg
+plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach.
+Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf
+geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
+</p>
+
+<p>
+Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als
+Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten.
+Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen,
+hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann
+Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten
+blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser
+in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel.
+Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die
+Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger
+widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei
+Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er
+endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in
+dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte
+die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er
+an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine
+Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon,
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß
+bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen
+wollen.
+</p>
+
+<p>
+Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen
+jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten,
+die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen.
+Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden
+Menschen, denen man auf Schritt und Tritt
+begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die
+Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden
+hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit
+eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch,
+ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos
+vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren
+Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden
+und den hündischen Blicken der Bettler verschont.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah,
+seht an, sagte er sich, ein Rückfall!
+</p>
+
+<p>
+Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige,
+dem es so erging. Es waren viele, viele, da draußen im
+Osten, unter den Arbeitslosen und Armen litt jeder zehnte
+Mensch an diesem Übel.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und
+sein Schritt immer müder, sah er einmal ganz plötzlich
+Katschinsky. Fast hätte er ihn übersehen. Es war in der
+Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit einem
+jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt
+schnell die Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen,
+um in ein Auto zu steigen. Er trug einen herrlichen
+mausgrauen Mantel und einen grauen Plüschhut. Der
+Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte
+er ihn erkannt? Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg
+beobachtete, wie er nervös in den Wagen kroch.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz
+Unverständliches, etwas, was Georg, wenn er sich dessen
+erinnerte, nie begriff. Plötzlich sprang er mit zwei, drei
+wilden Schritten auf das Auto zu, um an die Scheibe
+zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab.
+Gottlob.
+</p>
+
+<p>
+Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die
+Lippe: so ging es nicht weiter, nicht einen Tag länger.
+Ein Entschluß, ein Entschluß!
+</p>
+
+<p>
+Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch
+die Straßen auf. Da aber erwachte ein Gedanke in seinem
+Kopf. Weshalb war er nicht schon früher auf diesen Gedanken
+gekommen?
+</p>
+
+<p>
+Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für
+Obdachlose, wo er zuweilen übernachtete, einen kleinen,
+alten Bettler kennengelernt hatte, der, in eine Wolke von
+Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. Dieser
+Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen
+sogar im Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften
+Firma, einem Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose
+beschäftige. Diese Firma sollte sich in der Lindenstraße
+befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, da es
+in ein großes Gerüst eingehüllt sei.
+</p>
+
+<p>
+„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist
+es nichts, aber für Sie ist es vielleicht etwas, junger
+Mann. Fragen Sie getrost nach einem Herrn Schellenberg.
+Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging also
+in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser
+Herr Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben,
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+kam zufällig die Treppe herunter. Was glauben Sie? Er
+schenkte mir sofort fünf Mark und befahl seinen jungen
+Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine
+Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin
+und meldest dich da und da.“
+</p>
+
+<p>
+„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.
+</p>
+
+<p>
+„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist
+nichts für mich, ich bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen.
+Ich habe ganz einfach die Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“
+</p>
+
+<p>
+Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig,
+daß Georg sie für eine Phantasie des Schnapses
+halten mußte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da er
+der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: Und
+doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg
+wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er
+konnte ja nachsehen, wie? Es kostete ja kein Geld! Er
+befand sich in dieser Minute beim Wittenbergplatz, und
+es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur Lindenstraße.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in
+dieser Sekunde noch, auf den Weg zu machen. Wenn es
+auch schon spät am Tage war, vorwärts. Und sofort
+begann er auszuschreiten.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er,
+keuchend und in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte.
+Ja, nun hatte ihn wieder jegliche Hoffnung verlassen.
+Das Geschwätz eines Säufers.
+</p>
+
+<p>
+Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich
+ein Haus, das ganz in Gerüststangen eingehüllt war.
+Es roch nach Kalk und Nässe. Das Erdgeschoß war mit
+einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf stand
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit!
+Tretet sofort ein! Jede Auskunft!“
+</p>
+
+<p>
+Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war
+hell erleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und
+übermüdet: „Bedaure, es ist geschlossen.“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem
+langen Arbeitskittel, wie ihn Architekten und Maler bei der
+Arbeit tragen, über den Korridor und warf einen Blick
+auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im Begriff,
+in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen
+und sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war
+schneeweiß, die Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen
+darin fieberten ohne Blick und Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein
+Herr,“ sagte der junge Mann und lächelte liebenswürdig.
+Er blickte zu Boden, dachte nach und winkte dann mit dem
+Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was ich
+für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem
+Pförtner zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand,
+hören Sie!“ Und zu Georg gewandt, fuhr er fort:
+„Wir haben in den letzten Tagen fünftausend Leute angenommen
+und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen
+Pfennig Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann
+zu bezahlen. Aber treten Sie ein. Ich sehe, Sie sind leidend,
+und ich will sehen, was ich für Sie tun kann.“
+</p>
+
+<p>
+Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm
+mit einer solch schlichten Freundlichkeit gesprochen wie
+dieser junge Mann.
+</p>
+
+<p>
+„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“
+wagte Georg zu fragen.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+einen kleinen Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen
+Sie sprechen?“ sagte er leise, mit dem Ausdruck äußersten
+Erstaunens. „Haben Sie besondere persönliche Empfehlungen
+an Herrn Schellenberg?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein,“ stotterte Georg.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich,
+Herrn Schellenberg zu sprechen, ganz unmöglich. Herr
+Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am Tag, und ich
+selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede
+Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah
+Georg prüfend ins Gesicht und sagte nach einer Weile:
+„Gehen Sie in dieses Zimmer. Man wird Ihnen unsere
+Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles
+Gute!“
+</p>
+
+<p>
+Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen.
+Er war geneigt, Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen,
+und es konnte ihm völlig gleichgültig sein, was dieser
+Unternehmer Schellenberg bot. Man informierte ihn, daß
+er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und wies
+ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.
+</p>
+
+<p>
+Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als
+er sich zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte.
+Vielleicht träume ich, vielleicht ist es das Fieber?
+Vielleicht ist es das Ende? Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem
+Erstaunen noch immer auf der gleichen Pritsche. Es war
+also kein Traum, keine Gaukelei des Fiebers gewesen.
+Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand,
+mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer
+kleinen Stadt in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle
+zu melden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle
+fuhr, beugte er sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals
+zu sehen, durch die er wochenlang wie ein Hund, der seinen
+Herrn verlor, geirrt war.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken
+von Dampf stiegen aus der Stadt empor und hüllten
+ganze Viertel in dichten Dunst.
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu,
+um in Wirklichkeit durch eine Geste seine Erregung zu
+verraten – breitete er in Gedanken die Arme gegen die
+Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“
+</p>
+
+<p>
+Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen
+Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm
+die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich.
+Komm! Ich liebe dich noch immer!“
+</p>
+
+<p>
+Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich
+ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und
+eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte,
+erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich.
+Trotz allem.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-9">
+9
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg.
+Hier auf dem fetten mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen,
+stillen, dünnbesiedelten Landschaft hatte sich vor
+zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut Klein-Lücke
+gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment
+genommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen,
+schweren Händen, die immer etwas rot waren, und einem
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+kantigen, massiven Schädel. Er war früh ergraut und
+wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein leichtlebiger
+Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst
+des Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz
+plötzlich von der Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog.
+Irgend etwas hatte sich ereignet, er sprach nie darüber.
+Eine Frau? Das Schicksal einer der vielen? Wer
+weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und
+es fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr
+schweigsamer wurde. Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien,
+dann überhörte er sie, und schließlich ließ man
+ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein Lebenswandel
+ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren
+Jahren war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und
+war furchtbaren Zornesausbrüchen unterworfen, unter
+denen er mehr noch als seine Umgebung litt. Die Maßlosigkeit
+der Jugendjahre schien wieder durchzubrechen.
+Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal
+mit der Hundepeitsche nahezu tot.
+</p>
+
+<p>
+Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß,
+kaum vierhundert Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet.
+Die Felder stachen gegen die Äcker der Nachbargüter
+derartig ab, daß man glauben konnte, der Boden
+sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’
+und Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft.
+Wenn nur eine Schaufel am unrechten Ort stand, so begann
+die Stimme des Majors zu gellen. Die Ställe!
+Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst
+im Schelten war er wortkarg. Er redete in einer Art
+von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit zog er sich in
+seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er
+langsam seinen Rotwein schlürfte und drei Zigarren
+rauchte. Nie mehr. Sein Spezialgebiet waren Werke über
+Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich den Großen,
+kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur interessierte
+ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht
+durch, aber in früher Morgenstunde war er wieder auf
+dem Hof.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten
+Lähmung des linken Armes und der linken Schulter. Der
+Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein einreiben, und
+als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche
+zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“
+Schließlich ging er an einem Stock. Es war nicht Rheuma,
+wie er angenommen hatte, es war eine Lähmung, die langsam
+aber stetig fortschritt.
+</p>
+
+<p>
+Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen.
+Er verwünschte sein Dasein; ohne mit der
+Wimper zu zucken hätte er sein Leben für sein Land hingegeben.
+Während der Kriegsjahre war er nachsichtig
+gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er
+schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den
+Tischen in der Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des
+Krieges konnte er nicht verwinden. Er sprach nun überhaupt
+nicht mehr, zog sich völlig zurück und vernachlässigte
+sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens
+von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den
+Kopf. Man hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek,
+mitten in der Nacht. Es war ein Laut, als falle ein Baum.
+</p>
+
+<p>
+Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert
+durch ein verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein
+entsetztes Kind. Das war die Gattin des Majors. Sie
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+hatte den dumpfen Fall gehört und wußte augenblicklich,
+was geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im
+Wesen völlig verschieden von ihrem Gatten. Sie war
+verträumt und ging durch die Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin.
+Sie zitierte Verse von Goethe und Heine und
+las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg
+hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang
+auch jetzt noch zuweilen, mit einer kleinen, rührenden,
+etwas zittrigen Stimme. Das aber tat sie nur, wenn sie
+sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten Hände
+und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten
+Jahren hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von
+ihm noch beachtet zu werden. Er sah sie kaum mehr, auch
+wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. Nach dem Tode des
+Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof
+verfiel.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-10">
+10
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten
+die Statur ihres Vaters.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben
+massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich,
+daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten
+Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln,
+oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel
+hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des
+Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der
+Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton,
+der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht
+tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie
+junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte
+sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter,
+verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen.
+Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben,
+die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit,
+ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst
+niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug
+– ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn
+einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten
+Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn
+sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von
+zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten,
+was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen,
+Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund
+– genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein
+bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen
+Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der
+Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die
+Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei
+Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige
+Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig,
+und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael
+einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen
+hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit
+hinkte Michael ein wenig.
+</p>
+
+<p>
+Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester
+der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer
+kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten
+reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle,
+mächtige Prügel schwingend, durch die ganze
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum
+Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich
+das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über
+das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf
+einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu
+treiben. Es waren richtige Teufel.
+</p>
+
+<p>
+Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael,
+wurde Landwirt und Chemiker.
+</p>
+
+<p>
+Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael
+einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke.
+Diese Laboratorien bildeten einen Komplex
+wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der
+wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese.
+Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt,
+als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand,
+das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten
+Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt
+bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die
+Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem
+jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe
+in den Schoß.
+</p>
+
+<p>
+Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff
+sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst
+praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen
+würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen.
+Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan,
+als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in
+aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert
+Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert
+Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa
+fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört.
+Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit
+hätte unterbringen können.
+</p>
+
+<p>
+Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe
+mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des
+Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete
+sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett
+geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus
+und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug
+bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine
+von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war
+geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß
+ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager
+explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen!
+Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die
+durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die
+unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der
+Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine
+rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten
+stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit
+dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere
+Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines
+Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes
+erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich
+handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete,
+die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein
+Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und
+es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge
+Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt
+in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen
+gab.
+</p>
+
+<p>
+„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+befreien. Zweitens müssen wir die Toten bergen. Drittens
+müssen wir sofort die Straße vom Schutt räumen, um
+sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir
+alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres
+Unglück zu verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder
+aufbauen. Vorwärts, schafft Leute! Und sofort eine
+Telephonverbindung!“
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine
+Anweisungen, immer in seinem verknitterten Schlafanzug.
+Aber niemand kam es in den Sinn, darüber auch nur zu
+lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und
+erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die
+Schallwelle der Explosion über ihn hinweggesprungen sein
+mußte, da sie ihm anders das Trommelfell zerrissen hätte.
+Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige schlaflose
+Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.
+</p>
+
+<p>
+Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen
+Versuchsgut der Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er
+veröffentlichte in dieser Zeit eine Reihe von Aufsätzen über
+Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die die Aufmerksamkeit
+der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin
+erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an,
+und so geschah es, daß Michael nach Berlin kam. Aber
+schon nach einem Jahre drehte er diesem Institut den
+Rücken zu.
+</p>
+
+<p>
+Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken
+und erwarb ein dreihundert Morgen großes
+Gut in der Nähe von Berlin – Sperlingshof –, das er
+zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges umwandelte.
+Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die
+Schellenberg taten alles leidenschaftlich – richtete er
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+seine Energie auf die Erde, den Boden, der, fast unbekannt,
+unerforschter als die chemischen Elemente, seine
+Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch schon
+Tausende von Jahren bebauten.
+</p>
+
+<p>
+Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und
+Gartenbaus, die Michael auf Sperlingshof nicht versucht
+hätte. Es gab keine Maschine, die er nicht ausprobiert
+hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, Regenanlagen,
+Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen,
+sauber etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen.
+Der Boden war schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder.
+Wie eine Oase lag Sperlingshof in der kargen Landschaft.
+Fachleute kamen, staunten, disputierten, kritisierten.
+Michael arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Die
+chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn monatelang.
+Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel
+eine Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte.
+Michael bewies, daß die Großstädte jährlich Hunderte
+von Millionen an kostbaren Nährstoffen in ihren
+falsch behandelten Abwässern verschwendeten. Europa, behauptete
+er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter
+Weise die Probleme des Landbaus vernachlässigt.
+</p>
+
+<p>
+Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael.
+Plötzlich taten sich – im Zusammenhang mit ihnen –
+ganz ungeheure Horizonte auf. In der Einöde von Sperlingshof
+wurde Michael von sozialen und soziologischen
+Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend
+für sein ganzes Leben werden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine
+Lebensaufgabe erblickte!
+</p>
+
+<p>
+Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen.
+Er hatte im Osten der Stadt ein paar Zimmer
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+gemietet. Hier arbeitete er Tag und Nacht, und Bücher,
+Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen Tischen.
+</p>
+
+<p>
+Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im
+ersten Winter kam Wenzel nach Berlin, um sich eine
+passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel Arbeit
+und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast
+alle Abende zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft
+zugetan, obschon Michael in seiner Entwickelung eine
+ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete
+Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten
+Raucheisen, dem Chef des Raucheisen-Konzerns, dem ein
+großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein deutsches
+Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der
+gegen achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel
+ließ seine Familie nachkommen, Lise und die beiden
+Kinder, und richtete sich irgendwo im Westen eine luxuriöse
+Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen sich die Brüder –
+ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im letzten
+Winter nur zweimal.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-11">
+11
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von
+Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen.
+Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in
+der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter
+wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft
+der besten und verantwortungsvollsten Köpfe
+Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz,
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden
+am Tag und mehr.
+</p>
+
+<p>
+Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich
+nach Wenzel umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor,
+ihn aufzusuchen. Merkwürdigerweise dachte er in diesen
+Wochen häufig an den Bruder.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post
+einen umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt
+vorkam. Die Schrift und die grünlichschillernde
+Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da erinnerte er
+sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels
+war, einer Frau von dem Busch, einer arroganten und
+herrschsüchtigen Dame, der er am liebsten aus dem Wege
+ging.
+</p>
+
+<p>
+Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon
+etwas ärgerlich. Ich habe gehofft, sie würde mir für
+immer böse sein, wegen unseres letzten Disputs. Sie hatten
+damals über Sozialismus debattiert, und Michael,
+den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt
+hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und
+Faulpelze, die sich volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten
+mit ziemlicher Schärfe bewiesen, daß sie nicht einmal
+wisse, was Sozialismus sei, obschon sie ihn verdamme.
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in
+ihrem Leben nichts gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten
+Deckchen abgesehen. Vom frühen Morgen bis zum
+späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie
+tat nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten,
+sie verbreitete Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen,
+Nizza, Italien, Marienbad. Ohne Unterbrechung hatte sie
+es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat gewesen
+und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen.
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Wovon bestritt sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand
+wußte es. Sie hatte große Pläne mit ihrer einzigen
+Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz Außergewöhnliches
+hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt
+oder einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen.
+Sie konnte es Wenzel niemals verzeihen, daß er ihre Pläne
+zunichte machte.
+</p>
+
+<p>
+„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich,
+nachdem er einen Blick in den Brief geworfen hatte,
+und steckte ihn in die Tasche. Erst am Abend, als er
+seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant einnahm,
+machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht
+an Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu
+schaffen?
+</p>
+
+<p>
+Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in
+schlechte, nervöse Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen,
+zuweilen aber amüsierte er sich und mußte laut
+auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? Wenzel?
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß
+sie an Michaels gute Eigenschaften glaube, während sie
+bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute Eigenschaften entdecken
+konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine
+boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe
+an Sie, Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn
+Sie auch heute vielleicht noch Weltanschauungen huldigen,
+die ich nicht billigen kann, ja, die ich bekämpfen muß.
+Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche Unverschämtheit!“
+sagte Michael laut vor sich hin.)
+</p>
+
+<p>
+„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem
+Busch fort, nachdem sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt
+hatte. „Sie schreibt wenig, ausweichend und unaufrichtig.
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen diese Ehe eingenommen
+war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt.
+Was könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie
+verkehrten nie in meinem Hause, Sie können also nicht
+wissen, wer bei mir aus- und einging, der höchste Adel und
+sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten Lise und prophezeiten
+ihr eine große Karriere, und Professor Livonius
+sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper
+sein. Ich verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all
+das denke. Ich habe meine Tochter Ihrem Bruder nicht
+gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach geraubt, geraubt
+wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael
+laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten.
+In der Tat hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt,
+es war am Anfang des Krieges, und Wenzel hatte
+nur fünf Tage Urlaub.)
+</p>
+
+<p>
+Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über
+den Verfall der Sitten kam Frau von dem Busch wieder
+zu ihrem Thema zurück. Ihre schlimmsten Befürchtungen,
+schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise schreibt mir,
+daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr
+besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast
+alle Menschen, von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt
+ist diese Alte, dachte Michael zornig.) „Denn,
+wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle seine
+Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus,
+und sie hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten,
+Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere.
+Aus Freundschaft und Achtung zu unserer Familie
+verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein Wunder, daß einer
+nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief
+unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen,
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+lieber Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht
+mehr im Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was
+ist mit Wenzel? dachte Michael erschrocken über diese unerwartete
+Nachricht.) „Weshalb? Wissen Sie den Grund?
+Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und ausgezeichnet
+bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie
+mir Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner
+Bekannten konnte ich Positives nicht erfahren, sie
+machten nur Andeutungen, die mich noch mehr beunruhigten.
+Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach
+Berlin gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach
+Bremen reisen und von dort aus nach Frankfurt am
+Main, wohin mich eine alte Freundin dringend bittet. Ich
+hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter
+habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe!
+Welch törichter Stolz, sich vor seiner Mutter zu schämen.
+Aber ich kann mir vorstellen, daß Lise nicht gerne über
+diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß nicht, ob
+Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir,
+daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen
+Ruhelosigkeit ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht
+nach Hause. In ihrem heutigen Briefe nun gesteht mir
+Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften abwesend
+ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten
+Erregung befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“
+</p>
+
+<p>
+Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen
+und mit einem leichten Erschrecken gelesen. Der
+Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu gehen, sie auszuforschen
+und sodann ihr, Frau von dem Busch, ausführlichen
+Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine
+Nachricht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt
+und beunruhigt verließ er das Restaurant.
+</p>
+
+<p>
+Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich
+Michael auf den Weg zu Lise. Sie wohnte draußen im
+Westen, in einer jener Straßen, die sich alle gleichen, in
+einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle verschieden
+sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor.
+Neben dem Lift stand eine Bank aus weißem Marmor,
+auf die sich niemand setzte, weil sie eisigkalt war. Lise
+aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem
+Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter
+Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“
+rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es
+möglich war.
+</p>
+
+<p>
+„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
+</p>
+
+<p>
+Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel.
+Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen
+hohen, etwas spitzen Sopran.
+</p>
+
+<p>
+„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen.
+„Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu
+Ende sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat
+Michael.
+</p>
+
+<p>
+Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte,
+erscholl lautes und freudiges Geschrei der beiden Kinder.
+Marion, das Mädchen, das die Züge Lises trug, wollte sich
+augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf einem
+Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber,
+Gerhard – schon jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas
+derben Züge der Schellenberg –, schrie die Schwester
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+in erregtem Tone an. „Steige nicht aus, Marion! Du
+wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen!
+Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht,
+daß dieser Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben
+auf dem Kleiderschrank. In der Hand hielt er eine Tute
+aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an den
+Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in
+großer Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und
+etwas vernachlässigt. In der Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.
+</p>
+
+<p>
+„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.
+</p>
+
+<p>
+„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert
+ist, Onkel,“ erklärte Gerhard hastig und erregt vom
+Schrank herab, denn er fürchtete, das Spiel könnte gestört
+werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und tute um
+Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich
+ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der
+Wind bläst – huh!“
+</p>
+
+<p>
+Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während
+sie sich krampfhaft an ihrem Schemel festhielt, als fürchte
+sie fortgeweht zu werden. In ihrer Angst hatte sie sich
+das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, in Tränen
+auszubrechen.
+</p>
+
+<p>
+„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael,
+„wenn du ins Wasser fällst, so ziehe ich dich sofort wieder
+heraus!“
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm
+du bist!“
+</p>
+
+<p>
+„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.
+</p>
+
+<p>
+„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.
+</p>
+
+<p>
+Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und
+rutschte auf einem Stuhl über den Fußboden langsam
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+heran an Marions Schemel. Er warf Marion unter vielen
+Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel in
+eine Ecke. Nun waren sie angekommen.
+</p>
+
+<p>
+„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind
+auf der Pfaueninsel.“
+</p>
+
+<p>
+Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt,
+wild und laut geschrien hatte, war plötzlich sanft und
+weich. „Weshalb kommst du so selten, Onkel? Man sieht
+dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael mit einem
+langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in
+die Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange
+mit Küssen, während sie die dünnen Arme um seinen Hals
+legte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen,
+denn er fühlte, daß der Knabe ihm nicht glaubte.
+</p>
+
+<p>
+Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer
+Arbeit!“ sagte er und zuckte geringschätzig die Achsel.
+„Auch Papa behauptet immer, er müßte arbeiten, und dabei
+sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel.
+„Pfui, wie häßlich. Was sagst du da? Wer sagt dir, daß
+Papa Tag und Nacht in den Weinstuben sitzt?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die
+Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit
+Marion zusammen eine Schokoladenstange verspeisen. Sie
+aß an einem Ende und er am andern, bis sie mit den
+Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie
+zusammen spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael
+ihnen entrissen wurde, sobald die Gesangsstunde zu
+Ende war.
+</p>
+
+<p>
+„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+spielen? Wir wollen den Mont Blanc besteigen, willst
+du?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd
+zu. „Wie geht das: den Mont Blanc besteigen?“
+</p>
+
+<p>
+Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont
+Blanc. Onkel, man muß auf den Schrank klettern, und
+ich fürchte mich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief
+der Knabe und stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend
+Meter, was ist schon dabei?“
+</p>
+
+<p>
+Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn
+ich in deiner Nähe bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh
+zu, ich werde dich an der Hand führen, und es wird dir
+nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was schadet
+es, so fällst du in meine Arme.“
+</p>
+
+<p>
+Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen.
+Ein Tisch wurde an den Schrank geschoben und
+auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An den Tisch wiederum
+wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit
+einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit
+einem Stock bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug
+mit dem Stock Stufen in das Eis, er ließ Warnungen ertönen,
+so daß Marion zu zittern anfing. Schließlich aber
+ging alles gut ab, und alle drei waren oben.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür
+und sagte, während sie in lautes Lachen ausbrach: „Die
+Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie sofort der gnädigen
+Frau melden.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-12">
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+12
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den
+Korridor eilte. Michael stieg mit Marion auf dem Arm
+vom Mont Blaue herab und begab sich in die Diele.
+</p>
+
+<p>
+Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen
+hörte er die erregte Stimme seiner Schwägerin. Sie
+zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit bestürzter Miene
+durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine
+Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster
+Erregung und blickte Michael mit zornigen Augen an.
+</p>
+
+<p>
+„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob
+das zögernde Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie
+dem Herrn, was ich Ihnen sagte: Ich will nichts mehr
+mit den Schellenberg zu tun haben!“
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts.
+Er griff mit einer bedauernden Geste nach Hut
+und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, Lise,“ sagte er und
+zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen.“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in
+die Diele und riefen: „Michel! Michel!“
+</p>
+
+<p>
+Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“
+herrschte sie die Kinder an.
+</p>
+
+<p>
+Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte
+er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so
+außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe
+hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne
+jede Erwiderung eingesteckt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie
+mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein:
+„Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen!
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß
+das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!
+</p>
+
+<p>
+Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen
+und der weißen Marmorbank erreicht, als das
+junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige
+Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals,
+sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen
+Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg,
+fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu:
+„Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat
+schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“
+</p>
+
+<p>
+Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie
+streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll
+Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin
+in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch
+nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl
+gewesen und verstehst alles.“
+</p>
+
+<p>
+„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael
+mit gerunzelter Stirn.
+</p>
+
+<p>
+„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen
+Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um
+ihre Beschämtheit zu verbergen.
+</p>
+
+<p>
+Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit
+neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen
+Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll
+und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen,
+die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen,
+waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein
+heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte
+über der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den
+Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher
+Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten
+Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in
+grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm
+und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.
+</p>
+
+<p>
+„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte
+Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte
+sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach
+dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester
+Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie.
+„Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer
+in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann
+und seiner Frau.“
+</p>
+
+<p>
+Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem
+kleinen, glucksenden Lachen, solange das Mädchen im
+Zimmer war.
+</p>
+
+<p>
+Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen,
+als sie erregt nach Michaels Hand tastete und mit hilflosem
+Blick fragte: „Hast du Wenzel gesehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte
+Michael. „Ich habe ihn nicht gesehen und wollte euch
+heute besuchen.“ Er sprach etwas unsicher und stockend,
+es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief von Lises
+Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in
+der Welt, ist mit Wenzel?“
+</p>
+
+<p>
+Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging
+ein paar Schritte, während sie die Zigarette zwischen den
+Lippen zernagte. „Was mit Wenzel ist?“ fragte sie. Sie
+blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Du weißt es nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr
+von Wenzel. Es ist alles merkwürdig. Daß er nicht mehr
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+bei Raucheisen tätig ist, weißt du wohl? Der alte Raucheisen
+hat ihn entlassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Entlassen?“
+</p>
+
+<p>
+Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen,
+jedenfalls ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und
+irgend etwas muß ja wohl vorgefallen sein. Ich habe mit
+einigen Freunden Wenzels gesprochen, die bei Raucheisen
+arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann
+gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den
+Grund zu gehen. Denn es gehen Gerüchte, Michael!
+Aber die Herren machten nur Ausflüchte. Sie sagten
+nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei
+Raucheisen aus.“
+</p>
+
+<p>
+Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen.
+„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen
+gefallen,“ sagte er. „Laß dich doch von den Leuten
+nicht beschwätzen, Lise.“
+</p>
+
+<p>
+Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und
+wurde immer erregter und geriet nahezu wiederum in den
+früheren Zustand der Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich
+bin doch nicht irgendeine kritiklose Person, Michael. Es
+ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei Raucheisen
+vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel
+ohne jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem
+Hause gegangen ist!“
+</p>
+
+<p>
+„Er hat dein Haus verlassen?“
+</p>
+
+<p>
+Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe
+nicht, wie ich das alles ertragen habe. Oh, diese Schmach
+und Schande, mich hier sitzen zu lassen mit den Kindern.
+Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr nur
+anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen
+sie nicht glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+hätte irgendeine Liebschaft angefangen? Meine Verwandten,
+die alle hohe Beamte und Militärs sind, korrekt bis
+in die Fingerspitzen – für die es so etwas einfach nicht
+gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe nicht –“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie
+sich Mühe gab, sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf
+dem Diwan Platz. „Höre zu, Michael. Über ein Jahr
+war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor sieben,
+jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand
+er auf, und er machte sich selbst das Frühstück in der
+Küche, denn ich konnte dem Mädchen doch nicht zumuten,
+so früh aufzustehen. Zwischen sieben und neun Uhr abends
+kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, Gesellschaften.
+Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem
+Vierteljahr hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt.
+Ich atmete auf, denn die Jahre während des Krieges, die
+ich bei Mama zubrachte, waren nicht leicht gewesen.“
+</p>
+
+<p>
+„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem
+Eifer und einer Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt.
+Er war lieb und reizend zu mir. Obwohl er den ganzen
+Tag arbeitete, war er abends in den Gesellschaften noch
+in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in Falten.
+„Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig,
+er schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins
+Haus, die mir nicht sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin,
+einen früheren Oberleutnant der Fliegertruppe?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich
+hörte seinen Namen.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen.
+Wie eine Ratte. Dann kam noch ein früherer Leutnant.
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Seinen Namen habe ich vergessen. Sie schlossen sich in
+Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und plauderten.“
+</p>
+
+<p>
+„Spielten sie?“ fragte Michael.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut,
+und Wenzel hatte seine Periode. Du weißt, daß er Perioden
+hat, wo er trinken muß.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte
+Michael mit einem breiten Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte,
+Geschäfte. Davon verstehst du nichts. Warte!‘
+Dann kam er oft nach Mitternacht nach Hause und noch
+später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab
+Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms.
+Das sage ich dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt
+die verkrampfte Hand vor Michaels Gesicht. „Wenn ich
+herausbekomme, daß er mich schon damals mit Frauenzimmern
+hintergangen hat, dann soll es ihm leid
+tun!“
+</p>
+
+<p>
+„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter.
+Vielleicht spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er
+hatte ja früher zuweilen diese Leidenschaft. Urteile doch
+nicht so hart.“
+</p>
+
+<p>
+„Du verteidigst ihn?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften.
+Kann ein Mensch denn nicht Leidenschaften
+haben?“
+</p>
+
+<p>
+Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb?
+Mit welcher Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie
+sich – „meinetwegen auch Leidenschaften – solange
+andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast du recht,
+Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte.
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+Denn zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit
+jener unangenehmen Geste auf den Tisch, die er hat, wenn
+er viel Geld besitzt.“
+</p>
+
+<p>
+Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender
+sind mir lieber als Geizhälse, Lise.“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“
+lenkte Lise ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch
+nachsichtig urteile – nach allem, was geschehen ist? Nun
+höre weiter. Schließlich blieb Wenzel ganze Nächte weg.
+Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus
+schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich
+machte ihm Vorwürfe. Er erwiderte nur, er habe zu
+arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn ich wußte,
+daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung
+war. Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er
+gar nicht mehr bei Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie
+ein Wort darüber gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich
+peinlich sein. Verstehst du nicht, Lise?“
+</p>
+
+<p>
+Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren.
+Er kam nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er
+einen Boten mit Geld. Das ist alles, was ich von ihm
+höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! Wenn
+es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder
+nehmen und mich ins Wasser stürzen.“
+</p>
+
+<p>
+„Lise!“ Michael lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke,
+Michael, daß alle meine Verwandten hohe Beamte und
+Militärs sind!“
+</p>
+
+<p>
+Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht
+böse, Lise,“ sagte er, „es langweilt mich, immerzu von
+deinen Verwandten zu hören. Wir Schellenberg sind auch
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht lächerlich
+–“
+</p>
+
+<p>
+„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt.
+„Ah, ein Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“
+Sie stand auf, erregt, feindselig.
+</p>
+
+<p>
+Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“
+sagte er. Und sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken.
+„Höre, Lise, sprich jetzt offen: Was, in Teufels
+Namen, ist vorgefallen?“
+</p>
+
+<p>
+Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte:
+„Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte.
+Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir
+zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen
+wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem
+Tag auf den andern.“
+</p>
+
+<p>
+Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung!
+Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher
+würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen.
+Ich kenne ihn ja.“
+</p>
+
+<p>
+Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch
+nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war
+es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm
+und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland
+obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten
+Namen.“
+</p>
+
+<p>
+„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
+</p>
+
+<p>
+Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich
+weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem
+Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen,
+wo wohnt er?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich
+nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das
+Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht,
+ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung
+angibt.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du,
+Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen
+theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht
+mehr gesehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Drei Monate.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie?“
+</p>
+
+<p>
+„Drei Monate.“
+</p>
+
+<p>
+Michael sprang auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie
+Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte
+sie.
+</p>
+
+<p>
+„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
+</p>
+
+<p>
+Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos.
+Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob
+sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre
+Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du
+wirst gehen und Wenzel suchen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt,
+begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst
+du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen
+einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ...
+Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts,
+da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige
+kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute
+verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe
+nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel,
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und
+wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt
+habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den
+Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
+</p>
+
+<p>
+Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn
+gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren
+soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft
+denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang
+ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf
+an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz
+allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat.
+Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“
+</p>
+
+<p>
+Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet,
+geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael,
+sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich
+an. Schwöre es mir!“
+</p>
+
+<p>
+Michael schwor.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-13">
+13
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> verließ Lises Haus in großer Beunruhigung.
+Die ehelichen Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In
+allen Ehen gab es Differenzen, und in der Ehe seines Bruders
+hatten sich schon in den ersten Jahren schwere Verstimmungen
+eingestellt. Zweimal war Lise schon durchgegangen.
+</p>
+
+<p>
+Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen
+über das veränderte Wesen seines Bruders.
+Wenzel war nie ein leichtsinniger Mensch gewesen, wenn
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. Er
+machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation
+er sich auch befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus
+trug ihn über alle Schwierigkeiten des Daseins
+hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal nicht
+aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging
+immer, um die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus
+hatte Wenzel den Krieg durchgemacht. „Was
+soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht schießen sie mir
+einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig gleichgültig.
+Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat,
+Wenzel trug kaum einige Schrammen in all den vier
+Jahren davon.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen
+pflegte. Der eine war der große Teufel Kohol, der Alkohol,
+der zweite war der Teufel Karo, der Karobube. Unter
+den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel
+in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol
+verfuhr noch glimpflich mit ihm. Schlimmer war es,
+wenn er dem Spielteufel verfiel. Er spielte dann Wochen
+hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse
+stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht
+hatte. „Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue
+Augen!“
+</p>
+
+<p>
+Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine
+„zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er
+schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen
+oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was
+tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und
+Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels,
+Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich
+schlecht ging.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er
+verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit
+einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus.
+Was war das?
+</p>
+
+<p>
+Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“,
+und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über
+die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln
+müssen.
+</p>
+
+<p>
+„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch
+dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem
+Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins
+steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch
+einen Einfall haben.“
+</p>
+
+<p>
+Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu
+sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des
+Gendarmenmarktes zu fahren.
+</p>
+
+<p>
+Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten
+Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der
+Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch,
+mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr
+Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
+</p>
+
+<p>
+Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte.
+Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die
+frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte
+im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete
+ein.“
+</p>
+
+<p>
+Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten
+könne?
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne,
+so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn
+Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht
+täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt
+bei der Börse.“
+</p>
+
+<p>
+Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael
+und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-14">
+14
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde
+im Spielsaal des Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen
+Gesicht da und starrte auf das Schachbrett, eine
+tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war leidenschaftlicher
+Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel faszinierte
+ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von
+Gewalten, deren Stärke mit jeder Änderung der Position
+wechselte. Tag und Nacht konnte er vor dem Schachbrett
+sitzen, und noch nach Wochen war er imstande, besonders
+interessante Partien aus dem Gedächtnis nachzuspielen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit
+schmalem, hohem Kopf und grauen Schläfen. Die Nase
+dieses Herrn stand auffallend schräg im Gesicht. Im
+Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung
+der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im
+Gesicht zu stehen schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen
+mit einem leisen Lächeln in Wenzels steinernes Gesicht.
+Er hatte dunkle, rasche, kluge und verschlagene Augen.
+(Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch saß in
+respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett
+ein junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem
+Scheitel und jugendlich roten Bäckchen, wie ein kleiner
+Leutnant in Zivil.
+</p>
+
+<p>
+Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+noch ziemlich dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg
+dicker Zigarrenrauch empor. Die Börse war heute außerordentlich
+lebhaft und fest gewesen. Die meisten Effekten
+waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte.
+Die Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen
+nach.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen
+Wermut und biß die Spitze einer großen Zigarre ab,
+ohne die Augen auch nur einen Moment vom Schachbrett
+zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden Nase hob
+zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ
+ein kleines Lachen hören.
+</p>
+
+<p>
+„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie
+überschätzen die Stellung dieses Springers, und ich werde
+es Ihnen beweisen. Die Partie wird aber noch zwei Stunden
+dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, wenn Sie
+nichts dagegen haben, Mackentin.“
+</p>
+
+<p>
+Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer
+kleinen Verbeugung sein Einverständnis.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der
+bescheiden nebenan saß und sich augenblicklich etwas steifer
+aufrichtete, als Schellenbergs Blick auf ihn fiel. „Und
+nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist eine
+Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante
+Sache. Was meinen Sie, Mackentin?“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin
+und erzählte mir von der Angelegenheit. Ich dachte sofort,
+daß Sie Interesse dafür haben würden.“
+</p>
+
+<p>
+„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu
+kaufen wäre? Wie groß, sagten Sie?“
+</p>
+
+<p>
+Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit
+etwas dünner, knabenhafter Stimme über den Wald zu
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+berichten: es war ein Wald in der Nähe der Oder, soundso
+groß, der Wald gehörte dem Staat. Die Forstverwaltung
+hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain
+unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen,
+die vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein
+Vertreter des Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen
+geführt, zuletzt aber seien alle Unterhandlungen gescheitert.
+</p>
+
+<p>
+„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche
+Stellung in der Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.
+</p>
+
+<p>
+„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also
+Raucheisen kam nicht zum Ziel?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, er hat zu wenig geboten.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu
+wenig. Ich kenne ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald
+an die Oder grenzt?“ Er nahm ein Notizbuch aus der
+Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert
+Hektar, sagten Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin
+mit leicht schnarrender Stimme ein, „der springende
+Punkt scheint mir der zu sein: Die Forstverwaltung will
+das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken verwandt
+wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen
+wiederum zugute kommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem
+leisen Lachen. „Wann kehren Sie zurück, Herr von
+Stolpe?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde morgen zurückfahren.“
+</p>
+
+<p>
+„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin,
+und sehen Sie sich den Wald an.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+eignet, und klopfen Sie dann bei den hohen Herren
+an. Sagen Sie“ – wieder erschien das leise Lächeln
+auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen
+auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die
+den Handel der Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn
+man den Wunsch haben sollte, sich zu beteiligen, so sei
+dagegen natürlich nichts einzuwenden.“
+</p>
+
+<p>
+„Ausgezeichnet, sehr wohl.“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein
+Stickstoffwerk auf dem Gelände errichten, das den ganzen
+Osten mit Stickstoff versorgen soll. Machen Sie ein
+ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige Vorschläge
+unterbreiten können. Wir können später ja immer noch
+tun, was wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft,
+drei bis sechs Monate Ziel.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.
+</p>
+
+<p>
+„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an
+den jungen Mann mit den roten Bäckchen und sah ihm
+mit einem klaren, festen Blick in die Augen. Sein Gesicht
+erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was fordern
+Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft
+perfekt wird?“
+</p>
+
+<p>
+Der junge Mann wurde tiefrot.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus
+der Provinz kommen. Geschäft ist Geschäft!“
+</p>
+
+<p>
+Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich
+keine Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er
+wäre dagegen glücklich, wenn er eine Anstellung hier in
+Berlin bekäme.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich
+bitte Sie, Herr von Stolpe. Worte kann man vergessen.
+Die Welt schwankt in diesen Tagen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+Die beiden Herren erhoben sich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas
+spät werden. Und noch etwas – einen Augenblick – es
+fiel mir etwas ein – noch etwas,“ wiederholte Wenzel
+zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des Kaffeehauses.
+Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher
+geworden, als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen.
+Irgend etwas hatte ihn verwirrt, und doch wäre er nicht
+imstande gewesen zu sagen, was es war. Diese Gesichter,
+die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. Seit
+zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie
+saßen in den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken,
+der Filmgesellschaften, stürzten sich mit ihren Aktentaschen
+in ihre Autos hinein. Sie waren immer auf der
+Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit,
+arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der
+Nacht in irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen
+von ihnen sah man es bereits deutlich an, daß sie nicht
+mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf auskamen. Die
+trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch
+der Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut,
+jede, er kannte ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich
+aber war unter ihnen eine Gestalt von völlig verschiedener
+Haltung aufgetaucht. Von einer gelassenen, ruhigen,
+sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur dann
+und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin
+und her eilenden Kellnern undeutlich sah, absorbierte
+auf eine völlig rätselhafte Art seine Aufmerksamkeit so
+vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und plötzlich
+stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei
+Jahren um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+der Ruhe und Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen
+und feinen Lächeln. In der Tat, es war sein Bruder.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich
+freudig erschreckt.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit
+einem frohen Lächeln auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“
+rief Michael erfreut aus und drückte Wenzels Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel,
+und sein dunkles Gesicht wurde vor Erregung um eine
+Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen von ihm erzählt.
+Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die Luft
+geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist,
+weiter nicht geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen
+Leuchten unseres Landes.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin
+mit einer etwas steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl
+informiert. Ihr Bruder erzählte häufig von Ihnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.
+</p>
+
+<p>
+„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man
+selten findet unter Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft
+zu machen, Herr Doktor Schellenberg.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem
+die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Erst jetzt schien
+ihm das Merkwürdige dieses Zusammentreffens aufzufallen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte
+er. „Ich verstehe.“
+</p>
+
+<p>
+Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders
+hatte Michael erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung
+vorgegangen war. Wenzels Gesicht hatte früher
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. Dieses
+Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen,
+der Blick kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht
+das leichte, gutmütige, spöttische Lächeln von früher, es
+war ein flüchtiges, zerstreutes Lächeln, das urplötzlich wieder
+erstarrte.
+</p>
+
+<p>
+„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig.
+Höre, wir haben uns lange nicht gesehen, wir werden
+einen herrlichen Abend zusammen verbringen und einander
+ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde dich
+in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der
+Koch war früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“
+Mit einer scheuen Zärtlichkeit legte er Michael den
+Arm um die Schulter, während sie das Kaffeehaus verließen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-15">
+15
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> war offenbar hocherfreut über das unerwartete
+Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte
+er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes
+Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“
+rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen,
+feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was
+für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die
+schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He,
+Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich
+einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte
+er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte.
+Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef
+mit seiner hohen weißen Mütze.
+</p>
+
+<p>
+„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
+</p>
+
+<p>
+„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“
+warf Michael ein.
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen.
+Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas
+aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte
+eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du?
+Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich
+mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte,
+von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit.
+Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“
+</p>
+
+<p>
+„Ein halbes Dutzend?“
+</p>
+
+<p>
+Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein
+Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe
+gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten
+Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt
+wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller
+eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft.
+Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner,
+das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“
+</p>
+
+<p>
+„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich
+allerdings keine Krebse mehr gegessen.“
+</p>
+
+<p>
+„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter.
+Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte
+er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand.
+„Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort.
+„Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh
+hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“
+</p>
+
+<p>
+„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
+</p>
+
+<p>
+„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt
+ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige
+war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu
+reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen
+Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch,
+Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse.
+Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee –
+aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein
+Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt?
+So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich
+in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden
+auf Sperlingshof, Michael?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich lebe wie ein Bauer.“
+</p>
+
+<p>
+„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus
+dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer
+zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort.
+„Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig,
+sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es
+nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe,
+Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon!
+Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines
+Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen.
+Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von
+Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch
+die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte
+sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein
+Auge zu.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich
+dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche
+Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“
+sagte er und zerriß knackend einen Krebs.
+</p>
+
+<p>
+„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten,
+Michael. Du hast deine Ansichten – ich die meinen. Ich
+bin zur Zeit etwas skeptisch allen derartigen Dingen gegenüber.
+Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – aber
+nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen.
+Hörst du – über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute
+zehn Stunden lang gesprochen und bin etwas abgespannt.
+Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“
+</p>
+
+<p>
+Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit,
+seine Versuche, sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten,
+und die Röte färbte ihm das Gesicht. Er konnte nicht
+von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ sprechen,
+ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören
+schien. „Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir
+gesagt, daß du in den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes
+zu verkehren pflegst.“
+</p>
+
+<p>
+„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig
+an einer Krebsschere. Er schwieg eine Weile. „Und so hast
+du dich also auf den Weg gemacht?“ fragte er dann spöttisch.
+</p>
+
+<p>
+„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich
+es auch scheinen mag.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+fertigbekommen. Aber sprich weiter. Ich interessiere
+mich für all diese Versuche, wenn ich auch wenig oder
+nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf mechanische
+Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“
+</p>
+
+<p>
+Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den
+Boden auf fünfzig Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen
+zerschnitt, so daß der Boden rigolt wurde, besser als
+es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom Pfluge
+gar nicht zu sprechen.
+</p>
+
+<p>
+„Sehr interessant!“
+</p>
+
+<p>
+Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet
+waren, die landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen,
+zu verfünffachen. „Ich habe zum Beispiel
+eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich beregnet
+wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine
+gewöhnlich bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen
+hervorbringt.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“
+sagte er. „Du läßt den Weizen auf der flachen
+Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das Gras zu
+stehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein
+ausgezeichneter Wirtschafter!“ rief er aus.
+</p>
+
+<p>
+„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe
+von all diesen Dingen nicht das geringste.“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht,
+Wenzel? Du hattest es ja versprochen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen,
+ja,“ sagte er. „Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+versprochen im Frühjahr und Sommer? Aber siehst du,
+ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich von Berlin
+weggewesen, es sei denn in Geschäften.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten
+konntest. Vieles würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder,
+meine Kalt- und Warmhäuser. Es ist eine ungeheure
+Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich habe die überraschendsten
+Erfolge erzielt, eine fast tropische Vegetation.“
+</p>
+
+<p>
+Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch?
+In dieser fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste!
+Ah, seht an!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht
+auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben
+sein. Höre weiter.“
+</p>
+
+<p>
+Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu
+sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft.
+Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen
+Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft
+für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung
+aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung
+freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte
+...
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große
+Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch.
+„Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der
+immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen
+Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr
+interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir
+geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit
+bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem
+Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden
+für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort
+bezahlt machen!“
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es
+dort besser sein?“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß
+irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte,
+plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast
+du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den
+Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es
+keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie
+die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir,
+Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und
+in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn.
+</p>
+
+<p>
+„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa
+zu setzen!“ Michael lächelte.
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“
+rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals
+ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer
+Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein
+materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir
+das.“
+</p>
+
+<p>
+„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener
+Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst,
+müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen
+Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“
+</p>
+
+<p>
+Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die
+in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte
+den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten
+Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael.
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben.
+Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben.
+Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese
+Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich
+habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen,
+und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete
+sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er
+fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund
+schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten
+Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz!
+Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag
+und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es,
+ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der
+Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig
+auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie
+in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich.
+Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways,
+Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere.
+Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur
+einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte
+er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte,
+die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien
+und Bibliotheken arbeiten.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch
+solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich
+noch nie einen kennengelernt.“
+</p>
+
+<p>
+„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für
+diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so
+müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu
+retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine
+neue Volksgemeinschaft anstrebt.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet
+werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß
+der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen
+Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du
+doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen
+gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung!
+Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“
+</p>
+
+<p>
+Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er
+werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich
+diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen
+–
+</p>
+
+<p>
+Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen.
+Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden
+gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann
+betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen
+Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube,
+was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß
+diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer,
+zu groß, zu verworren.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz
+alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst
+du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte
+mit den Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an
+ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein
+Bruder!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als
+wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen,
+das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg
+eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön,
+Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn
+du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast
+noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst
+nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas
+zum Munde führte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants
+mit einer Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen,
+ob die Herren mit den Leistungen des Etablissements
+zufrieden seien.
+</p>
+
+<p>
+Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen
+einzulösen, das er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen
+zu telephonieren,“ sagte er, indem er sich erhob.
+„Wirst du mich eine Minute entschuldigen, Wenzel?“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-16">
+16
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt,
+die Zigarre im Munde, und betrachtete ihn
+mit einem spöttischen, aber gutmütigen Lächeln. „Nun,
+was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen Augen
+blinkten.
+</p>
+
+<p>
+Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete
+er. „Und sie läßt dich bitten, sie anzurufen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“
+Wenzels Brauen zuckten. „Sie hat ja Zeit!“
+</p>
+
+<p>
+Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und
+fügte leiser hinzu: „Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren.
+Sie quält sich, Wenzel! Was in aller Welt ist
+zwischen euch vorgefallen?“
+</p>
+
+<p>
+Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+sich. „Ich werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“
+sagte er mit großer Bitterkeit in der Stimme. Er
+schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir erzählen,
+Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange
+nicht gesehen, und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles!
+Ich werde dir berichten, wie alles gekommen ist. Lange,
+viel zu lange sprachen wir uns nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit
+der einen Sache anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise,
+hörst du? Ich schätze sie, ich achte sie. Ich habe sogar
+etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal habe ich
+sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem
+werde ich nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und
+weißt du weshalb, Michael? Ich werde es dir offen bekennen:
+weil sie mir im Wege ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist
+dir im Wege? Lise?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr
+Wenzel mit einem feindseligen Klang in der Stimme fort.
+„Sie ist mir im Wege! Sagt das nicht genug? Auch ich
+habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau wie
+du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz
+anderer. Und bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege.
+Das ist alles! Übrigens,“ unterbrach er sich, „von diesen
+Plänen wirst du später erfahren. Du hast ja mit Lise gesprochen.
+Was hat sie dir über mich gesagt?“
+</p>
+
+<p>
+Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er
+vermied es, dabei den Bruder anzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet.
+„Und? Und du verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht
+Vorwürfe gemacht? Hat sie nicht diese Geschichte mit
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest du! Hat
+sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt
+hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen
+wir es offen: ein bißchen ehrlos?“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich
+kennen, und sie sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche
+– mich decken, für den Fall, daß irgend etwas
+vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den Gedanken
+gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes
+getan hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen.
+Irgend etwas müsse da vorgefallen sein! Nun,
+du hast ja gehört, wie weit sie schließlich gegangen ist.
+Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, daß
+ich ein Defraudant sei.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins
+Wort.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur
+Seite. „Nun, lassen wir das, es ist nicht wesentlich. Soll
+sie behaupten, was sie will. Sollen die Leute glauben, was
+sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir völlig
+einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß
+ich Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so
+weit gekommen, daß ich auf das Urteil meiner Mitmenschen
+keinen Wert mehr lege.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß
+mit Wenzel vorgegangen sein?
+</p>
+
+<p>
+„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel,
+seine Erregung beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege.
+Das ist die ganze Erklärung. Ich kann sie nicht brauchen.
+Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen,
+Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du weißt,
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür
+geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder
+zurückzubringen!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.
+</p>
+
+<p>
+„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und
+ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig
+zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich
+dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom
+frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet.
+Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam
+erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben
+und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich
+kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein.
+Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen,
+hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte.
+Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich
+schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises
+Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu
+wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen
+lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin.
+Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja
+auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit
+hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand
+werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer
+haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon.
+Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser
+Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt,
+Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten.
+Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige
+Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte
+den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße,
+mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die
+Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank.
+Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser.
+Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf
+dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen,
+aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen!
+Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten
+solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und
+vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt
+nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest
+ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft,
+du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster,
+alles.
+</p>
+
+<p>
+Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts
+gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag
+an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen
+und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine
+Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne
+Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben
+Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen
+Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du
+jetzt, Brüderchen?“
+</p>
+
+<p>
+Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann
+er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg
+finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine
+Kinder.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental.
+Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden
+Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind
+solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln
+abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner
+Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen
+einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines
+Mannes braucht.“
+</p>
+
+<p>
+Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an.
+„Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt
+eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-17">
+17
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze
+einer Zigarre ab und steckte sie umständlich in Brand.
+Dann legte er die Hand auf den Arm Michaels.
+</p>
+
+<p>
+„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber
+meine Geschichte mit Raucheisen erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich
+habe es dir einmal geschildert. Raucheisens Sohn – er
+war der einzige Sohn des alten Raucheisen, Otto, und da
+ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady Weatherleigh,
+die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet hat –,
+also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr
+in einem Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und
+starb in meinen Armen. Der alte Raucheisen wünschte
+Näheres zu hören, und da er einer der Gewaltigen Deutschlands
+war, so schickte man mich hin, um Bericht zu erstatten.
+Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht
+gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne.
+Nun, Raucheisen entließ mich mit den Worten, daß er
+mir jederzeit zur Verfügung stände, wenn ich einmal
+irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er,
+‚ich bin Ihnen für immer verpflichtet‘. Schön, schön.
+</p>
+
+<p>
+Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße.
+Vier Jahre lang hatte ich den Buckel hingehalten, die
+Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es so schön hieß,
+und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte
+und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten.
+Aber Lises Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
+‚Um Himmels willen, wie kannst du, nie, niemals!‘
+Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie ja,
+diese eingebildete Närrin!
+</p>
+
+<p>
+Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau,
+die mit ihrem Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert.
+Irgendwo würde sich ja wohl Beschäftigung für mich
+finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und überall
+war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich
+hörte nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in
+herrlichen Stellungen. Ja, zum Teufel, wie waren sie zu
+diesen herrlichen Stellungen gekommen? Sie saßen die
+letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen
+und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen
+zur Industrie anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen
+sagen, kein Wort, um Gottes willen, mißverstehe mich
+nicht, aber sie haben eben diese Beziehungen anknüpfen
+können, und diese Beziehungen haben sich schließlich prachtvoll
+verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum Beispiel
+Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung
+der Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie
+sind heute in leitenden Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften.
+Das sind, mein lieber Freund, die guten
+Beziehungen. Auf deine Gesundheit!
+</p>
+
+<p>
+Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+wußte und konnte wie die andern, so kam ich nirgends
+an. Schließlich, nachdem Lises Briefe immer jämmerlicher
+wurden und immer flehender, schließlich tat ich
+das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als
+das Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich
+wandte mich an den alten Raucheisen. Du kannst meine
+Gründe verstehen, weshalb ich es nicht gerne tat. Sein
+Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür
+sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich
+gab ich auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten,
+daß ich bisher in allen Punkten nachgegeben habe
+– nun, das ist jetzt zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten
+Erstaunen antwortete er mit wendender Post. Drei Tage
+später war ich mit einem glänzenden Gehalt engagiert.
+Ich sage offen: glänzend, denn meine Leistungen waren
+anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens
+Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr
+mußte ich anwesend sein. Um sechs Uhr steht Raucheisen
+auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, der Bademeister.
+Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor sieben
+sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach
+sieben trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre
+harren auf das Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben
+zu erinnern, zu notieren, wir sind lebendige Terminkalender.
+Wir führen Unterhandlungen mit den einzelnen
+Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten
+Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem
+Wort.
+</p>
+
+<p>
+So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So
+lange, mein lieber Michael, dauerte es also, bis ich begriff
+– kannst du dir denken, was ich begriff –?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort:
+„Du kannst es dir nicht denken, Michael, also will ich es
+dir offen sagen – bis ich begriff, daß ich ein vollendeter
+Narr war! Wie alle andern Sekretäre und Direktoren, die
+sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen
+Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden
+es nie begreifen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte
+Michael.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“
+erwiderte er, indem er die Gläser auffüllte. „Das sollst
+du gleich erfahren. Ein Narr war ich und dazu noch ein
+unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner Vorstellung
+hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert
+und sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu
+plaudern, mit einem etwas geheuchelten Interesse zwar,
+aber immerhin mit einem menschlichen Ton in der Stimme.
+Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist natürlicher?
+–, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte.
+Und doch, dieser Otto Raucheisen hat mich durch und
+durch mit Blut getränkt, und ich mußte ihm Mut zubrüllen,
+weil er so schreckliche Angst vor dem Tode hatte.
+Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für
+Raucheisen ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er
+sah mich von dieser Zeit an kaum noch an. Er hatte eine
+leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach nur so leise,
+um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der
+Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte
+Mann, etwas zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem
+Leberleiden, eine gelbe, mattglänzende Glatze mit Wölbungen
+und Buckeln. Du hast ihn nie gesehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen.
+Tiefe Augengruben, eine Hakennase, breite, satte
+Lippen mit tiefen Rissen. Die Unterlippe ist besonders
+breit und besonders satt. Aber vielleicht ist das mit dem
+Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein
+Kopf sei in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen
+öffnet, so sieht man kleine Zähne, Puppenzähne, und
+seine Augen sind wie kleine grüne Glaskugeln, scharf
+und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist jemand,
+glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile,
+so mußt du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn!
+Das war er also: Johann Karl Eberhard Raucheisen,
+dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und ein Fürstentum
+über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er
+das horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit
+zehn Jahren war er zum vertikalen Prinzip übergegangen.
+Erst hatte er nur Eisen und Kohle. Dann produzierte er
+alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und heute
+hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern.
+Der Konzern ist so groß, daß niemand imstande
+ist, ihn mit allen seinen Verzweigungen zu überblicken –
+aber Raucheisen tut es! Ich habe heute noch die größte
+Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten
+Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“
+</p>
+
+<p>
+„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und
+unser Verkehr vollzog sich ohne jede Reibung. Langsam
+aber begann ich den alten Mann zu hassen. Ich haßte
+seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich zusammengezogen,
+ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine
+menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete
+dieser alte Mann vom frühen Morgen bis in die
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+späte Nacht? Es galt, dieses große Werk zu verwalten.
+Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und
+langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte,
+sondern das Werk ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen
+Maschinerie geworden, die er aufgebaut hatte. Ich
+fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten Dingen.
+Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier.
+Und ich begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente,
+dieses Werk zu verwalten, sondern daß es sein einziges
+und wahres Ziel war, Geld zusammenzuraffen. Und das
+ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen hatte, haßte
+ich ihn noch mehr!
+</p>
+
+<p>
+Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen,
+daß er wie ein Rasender aufkaufte, mit Krediten der
+Reichsbank, die er mit entwertetem Gelde zurückzahlte.
+Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast umsonst.
+Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen
+Teil seines Vermögens einsetzte, wagte einer der
+Finanzdirektoren einzuwerfen, daß doch der Tag kommen
+könne, da die Mark plötzlich steigen werde. Raucheisen
+schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte nur sehr selten
+und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und
+dann sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse.
+‚Die Mark wird sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘
+sagte er. ‚Es gibt keine Macht der Welt, sie aufzuhalten,
+ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun höre, Michael, seit
+wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln
+sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe
+danach meine Finanzpolitik eingerichtet.‘“
+</p>
+
+<p>
+„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff
+ich es, und dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+spekulierte er auf das Fallen der Mark. Während
+ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, während
+wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser
+alte Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren
+Untergang Geld zu machen.
+</p>
+
+<p>
+So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte.
+Einmal geschah es, daß ich zehn Minuten zu spät kam. Er
+blickte auf die Uhr und sagte, ohne mich anzusehen: ‚Sie
+sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der Wagen
+wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr,
+und dieses Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche
+Vorwürfe. In diesem Augenblick fühlte ich ganz
+das Entwürdigende meines Automatendaseins. Ich fühlte
+die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar
+selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben
+scheint.
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals
+– verstehe mich recht –, schon damals begann ich meine
+Maßnahmen zu treffen. Ich hatte es satt, mich täglich beleidigen
+und demütigen zu lassen. Der Haß trat mir in
+die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber
+siehst du, er beachtete mich ja gar nicht.
+</p>
+
+<p>
+Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam
+fünfzehn Minuten zu spät. Nun mußt du wissen, daß ich
+fast anderthalb Jahre bei Raucheisen war und im ganzen
+acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte
+Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er
+ausströmte. Am nächsten Tage wurde ich in eine andere
+Abteilung versetzt. Er hatte kein Wort gesprochen, er hatte
+sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte allen Kränkungen
+die Krone auf.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück.
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+In dieser Abteilung hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr
+Sammlung, und ich konnte meinen Schlachtplan ausarbeiten.
+Nun sollst du weiter hören, und es wird dir
+Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern
+ein Glas schicken!“
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant
+gekommen und hatte zu konzertieren begonnen. Wenzel
+beorderte den Kellner und ließ der Kapelle Erfrischungen
+schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, schon
+spielten und sangen die Russen das Wolgalied.
+</p>
+
+<p>
+„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre
+zu, dieses Lied berauscht mich, und ich höre es immer
+in meinen Ohren, seitdem ich unterwegs bin.“
+</p>
+
+<p>
+Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen,
+daß er Lise versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch
+Nachricht zu geben. „Willst du ihr nicht irgendein
+gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat
+Michael den Bruder.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht
+mehr auf, der Wein hatte ihn schon versöhnlicher und
+milder gestimmt. Aber er blieb halsstarrig. Michael wagte
+einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am Apparat so außerordentlich
+erregt gewesen, daß er aufs äußerste erschrocken
+sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben
+würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe
+gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen.
+</p>
+
+<p>
+Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte
+sich jedoch, sein Atem ging schwer. „So soll sie sich
+meinetwegen aus dem Fenster stürzen!“ sagte er, und sein
+Mund war hart und brutal. „Möchten doch alle Menschen
+in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen
+feigen Drohungen quälen!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort
+sagen, um sie zu beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie
+morgen anrufen wirst.“
+</p>
+
+<p>
+„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder
+etwas ruhiger.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-18">
+18
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chweren</span> Herzens forderte Michael die Verbindung.
+Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen
+zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen
+Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen,
+daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher
+gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen
+werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber,
+siehe da, Lise war gar nicht zu Hause.
+</p>
+
+<p>
+„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist nicht zu Hause?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst
+gegen zwölf Uhr zurück.“
+</p>
+
+<p>
+Michael atmete auf.
+</p>
+
+<p>
+Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war
+aufgestanden und trank der russischen Kapelle mit einer
+begeisterten Geste zu.
+</p>
+
+<p>
+„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu.
+Er hatte leuchtende Augen. „Welch ein Lied, Michael!
+Höre doch.“
+</p>
+
+<p>
+Die Kapelle spielte das Lied abermals.
+</p>
+
+<p>
+„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael,
+als die Kapelle geendet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So
+sind die Frauen! Man darf sie nicht zu ernst nehmen.
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Ach, wir wollen sofort eine neue Flasche bestellen. He,
+Kellner!“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael,
+nachdem der Kellner die neue Flasche gebracht hatte.
+„Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge in deinen Ohren,
+seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das?
+Ein merkwürdiger Ausdruck!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs
+bin. Du mußt nämlich wissen, daß ich schon seit
+Monaten unterwegs bin!“
+</p>
+
+<p>
+„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du?
+Was hast du vor?“
+</p>
+
+<p>
+„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit
+einem Worte sagen!“ Wenzel sah Michael mit starren,
+glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, ein Raucheisen
+zu werden,“ sagte er dann.
+</p>
+
+<p>
+Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ein Raucheisen!“
+</p>
+
+<p>
+Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos
+an. „Ist es wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was
+heißt das, ein Raucheisen zu werden?“
+</p>
+
+<p>
+„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer
+von jenen kleinen Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern
+ein wirklicher Raucheisen. Wenn er es vermocht hat,
+weshalb soll ich es nicht können? In dieser Zeit des wirtschaftlichen
+Chaos ist alles möglich.“
+</p>
+
+<p>
+Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe
+nicht, was für einen Sinn soll es haben, was
+für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht selbst –“
+</p>
+
+<p>
+Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt
+du, was das bedeutet? Es bedeutet absolute und letzte
+Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um es kurz zu sagen,
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf
+drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und
+die Autos fahren vor. Ich habe keine Lust mehr, als Automat
+behandelt zu werden und andern Leuten den Narren
+zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge,
+Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“
+fragte er. „Kann dies einen Lebensinhalt bilden?“
+</p>
+
+<p>
+„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin
+kein ägyptischer Pharao.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie soll ich das verstehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir
+sagen: Es ist einerlei, wie lange und auf welche Weise ich
+lebe – in meiner Pyramide werde ich ewig leben. Aber
+ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot bin, ist
+alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein
+ewiges Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in
+dieser Zeit muß alles vollendet sein. Alle denken so, heute,
+mehr oder weniger bewußt. Daher unsere Eile –
+Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese
+fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum
+Rand, Michael, dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich
+Geld, so habe ich alles: Freiheit, Gesundheit, die Erde, die
+Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist Unsinn.“
+</p>
+
+<p>
+Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den
+Kopf. „Wie töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig.
+„Wenzel! Sprachst du nicht selbst vorhin voller Verachtung
+–?“
+</p>
+
+<p>
+„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der
+Mensch haben, und wenn es auch nicht gerade ein erhabenes
+Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist meine Philosophie,
+und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, das
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für
+eine Idee zu begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden,
+keinen Glauben an die Menschen mehr.“
+</p>
+
+<p>
+„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
+</p>
+
+<p>
+„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir
+blieb. Oh, ich verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit,
+Grausamkeit, Eitelkeit, ihren Geiz, ihre Habsucht, Albernheit
+und ihren schmutzigen Egoismus zur Genüge kennengelernt.
+Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale.
+Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie
+diese Zeit und diese Welt, in der alles bankerott geworden
+ist, Glaube, Wissenschaft, alles.“
+</p>
+
+<p>
+„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein.
+„Keineswegs ist der Glaube bankerott. Fühlst du nicht,
+daß in allen Herzen ein neuer Mystizismus erwacht? Und
+die Wissenschaft? Der Materialismus ist bankerott, nicht
+sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche eingetreten,
+die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben.
+Aber du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst rufen,
+so laut und so lange du willst, ich höre und verstehe dich
+nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der einzige
+Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was
+ich sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein
+Toter. Er steht nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das
+Michael erschütterte, es war der verzweifelte, zynische
+Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun bedaure ich es noch
+mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land besucht
+hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken
+gekommen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke,
+mein Ziel reizt mich ebenso, wie dich das deine reizt. Es
+lockt, und ich kann nicht mehr widerstehen. Es ist zu spät,
+Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst du? Ich bin
+auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen!
+In die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß,
+daß es kein großes Ziel ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre
+und wie ich zurückkehre, wer weiß es? Komm, und nun
+sollst du etwas sehen, Michael!“
+</p>
+
+<p>
+Hastig brach Wenzel auf.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte
+Limousine. „Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer
+fast knabenhaften Freude über Michaels verblüfftes Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße.
+„Folge mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam
+Michael hinterher. An einer Tür stand nichts geschrieben
+als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und Wenzel
+führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume
+voller Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war
+völlig neu. Man roch noch Lack und Farbe.
+</p>
+
+<p>
+„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit
+einem fröhlichen Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor
+einer Woche bezogen. Vorher hauste ich in ein paar Löchern
+in einem Hof, ganz im Geheimen, sozusagen.“ Wenzel
+öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr bescheiden
+eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle
+stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das
+hier sind meine Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig,
+Bruder, vorläufig nur. Wir wollen sehen, ob ein
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich bitte dich
+herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken,
+bevor die große Reise weitergeht.“
+</p>
+
+<p>
+Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“
+fragte er den Bruder. „Was für eine Firma hast
+du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
+</p>
+
+<p>
+Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte
+Michael nicht gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen
+begonnen. „Was ich tue?“ fragte er und ging, die
+Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Ich kaufe, ich
+verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines viertausend
+Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen.
+Es war Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem
+Grunde nicht abgenommen hatte. Ich erfuhr
+es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. Ich
+verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen
+zu haben. So fing es an.“
+</p>
+
+<p>
+„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich
+hatte Kredit. Damals war ich ja noch bei Raucheisen.
+Es gab Bankfirmen, die auf meine Vermittlung,
+Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine
+einzige Information von meiner Seite konnte ein kleines
+Vermögen bedeuten.“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem
+Raucheisenkonzern benutzt, wie andere ihre Verbindungen
+benutzten. Es ist vielleicht nicht vollkommen – wie soll
+ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese feinen
+Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines
+Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum
+an einen Holländer zu verkaufen. Es war ein
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+großes Geschäft, das mir die nötige Anfangsgeschwindigkeit
+gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig Geld
+ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen,
+Michael, und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses
+Bergwerk Raucheisen angeboten war. Raucheisen zögerte.
+Ich kam ihm zuvor und ließ das Bergwerk rasch durch
+meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen nicht
+mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich
+entlassen, ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und
+so ging es weiter. Ich lieh Geld und arbeitete damit, ganz
+wie andere es machen, ganz wie Raucheisen es macht. Zur
+Zeit spezialisiere ich mich auf Papierfabriken.“
+</p>
+
+<p>
+Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß
+du es nicht bereust.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich
+wohl vorläufig etwas trennen, so fürchte ich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu
+Boden.
+</p>
+
+<p>
+„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch.
+„Ich will dir etwas sagen, Michael. Du kannst
+vielleicht Geld brauchen, für deine Pläne, und ich habe
+gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist
+noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute.
+Zuweilen ist es noch ein bißchen beunruhigt.
+Ich möchte mich sozusagen freikaufen mit diesem Scheck,
+von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust mir
+einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
+</p>
+
+<p>
+„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn
+ich gebrauche ja das Geld nicht für mich. Gut, gut, und
+nun lebe wohl!“
+</p>
+
+<p>
+Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+Augen. Oh, es hatte keiner Angst vor dem andern, und
+keiner wich um einen Millimeter zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
+</p>
+
+<p>
+„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß.
+Lebe wohl!“
+</p>
+
+<p>
+Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder
+verloren zu haben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-19">
+19
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach
+seiner Abfahrt von Berlin da draußen auf dem Lande erlebte,
+schien ihm gleich verwunderlich wie das sonderbare
+Haus in der Lindenstraße.
+</p>
+
+<p>
+Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm
+bezeichnet hatte, und hier schickte man ihn in ein Dorf,
+Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde entfernt. Die Nacht
+sank schon über das flache, öde Land, als Georg, erschöpft
+und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei
+den ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt
+ein. Ein junger, breitschultriger Mann in einer gestrickten
+Wolljacke trat dicht an ihn heran und blickte ihm unter den
+Hut.
+</p>
+
+<p>
+„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen
+Stimme, die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann.
+„Nun, so gehen wir zusammen.“ Der breitschultrige
+junge Mann in der Wolljacke war munter und gesprächig.
+Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit
+Vornamen, aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten
+sei er ohne Arbeit, obschon er sich die Beine krumm gelaufen
+habe. „Was willst du?“ rief er aus. „Niemand
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind
+verödet. Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da
+treiben sie heute keine fünfhundert an. Da hast du es!“
+</p>
+
+<p>
+„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“
+fragte Georg, von der Munterkeit des Gefährten ermutigt.
+</p>
+
+<p>
+Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig
+gleichgültig, wenn es nur Arbeit war. Steineklopfen oder
+Erde karren, einerlei, immer noch besser, als auf der Straße
+zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen einen
+Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes
+Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte
+da nicht oder –? Er schob die Mütze ins Genick und
+kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er von diesem Unternehmer
+Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er
+bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen
+drei Viertel in Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was
+solle man tun? Besser als auf dem Pflaster verrecken.
+Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
+</p>
+
+<p>
+Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine
+Seele weit und breit, nicht einmal ein Hund schlug an.
+Das letzte Haus aber zeigte ein matterleuchtetes Fenster.
+Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. Georg roch
+den Rauch von Tabak.
+</p>
+
+<p>
+„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
+</p>
+
+<p>
+„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der
+Schatten trat in den Lichtschein. Es war ein noch ziemlich
+junger schlanker Mann, der eine Pfeife in der Hand hielt.
+Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur einen Arm
+hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer
+Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der
+Teufel soll sie holen! Was soll ich mit euch anfangen?
+Nun, es wird gehen, es muß gehen. Tretet ein!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein
+einer Talgkerze, die auf den Tisch geklebt war, unterschied
+Georg eine Anzahl von Gestalten, die auf dem Stroh
+lagen und offenbar schliefen. Ein großer breitgebauter
+Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte
+sie mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu
+sprechen und ohne eine Miene zu verziehen. Einer drehte
+sich im Stroh herum und erwiderte mürrisch ihren Gruß.
+Woher waren sie alle gekommen, und welches Schicksal
+hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten
+die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach
+Dobenwitz gefunden hatte?
+</p>
+
+<p>
+Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut:
+„Ich habe nur ein Stück Brot heute abend. Ich war auf
+euch nicht eingerichtet. Nehmt es aus dem Tisch! Es ist
+mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun gute
+Nacht, Kameraden!“
+</p>
+
+<p>
+Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete,
+die Arbeiter zu verpflegen.
+</p>
+
+<p>
+„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter
+und schnitt das Brot in zwei Teile. „Hier, nimm!
+Wenn sie uns morgen nicht besser füttern, laufe ich nach
+Berlin zurück.“
+</p>
+
+<p>
+Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald
+schlief er ein.
+</p>
+
+<p>
+Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte
+die zerschlagenen Glieder aus. Hinter der Wand rasselte
+eine Kette, eine Kuh schnob. Das Talglicht erlosch, und
+nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg sehen,
+daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab
+ging, wie ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus
+seiner Pfeife.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt
+von der frischen Luft und ermüdet von der Reise fiel Georg
+in einen unruhigen Schlaf, die ganze Nacht hindurch von
+schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es als
+Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume,
+in denen auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen
+hatte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-20">
+20
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>A</span><span class="postfirstchar">ufstehen</span> und fertig machen zur Arbeit!“ rief die
+helle Stimme des Einarmigen, und die Schläfer fuhren
+aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, Kamerad,“ fügte
+er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter,
+Kinder!“
+</p>
+
+<p>
+Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
+</p>
+
+<p>
+„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter
+und stieß Georg an.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner
+Bauernwagen mit einem schmutzigen Schimmel. Der Wagen
+war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und allerlei
+Gerät.
+</p>
+
+<p>
+„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern
+zu, der auf dem Wagen saß. „Du kennst ja den Weg.“
+Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte
+sich die Rotte von Männern in Bewegung. Sie waren im
+ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der langsam hinter
+ihnen herging, dreizehn.
+</p>
+
+<p>
+Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+dampften. Es schien dürftiger Boden zu sein. In dem
+schiefergrauen, riesenhaften Himmel war ein heller Fleck
+von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo
+hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne
+befinden.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale,
+schlechtgehaltene Landstraße schnurgerade hineinführte.
+Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. Aus den Äxten und
+Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man
+ihnen zuweisen würde.
+</p>
+
+<p>
+Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der
+große breitgebaute Mann mit den fiebernden Augen, der
+Georg am Abend aufgefallen war, ein Zimmermann,
+schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben
+Stunde hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren
+halben Stunde schien es, als ob sie im Herzen eines
+unendlichen Waldes angekommen wären. Der Einarmige
+befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand
+rührte sich. Alle standen sie und starrten den Wagen an.
+Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid ihr denn eine
+Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen
+abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann
+und verstehe keinen Spaß!“ Aber er lachte, als er diese
+Warnung aussprach.
+</p>
+
+<p>
+„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner
+hellen Stimme zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen
+Straße hin und her, sog an seiner kurzen Pfeife und
+lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die Höhe gerichtet,
+Regentropfen auf den Augen und auf den frischen
+roten Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen –
+ging er ein Dutzend Schritte in den Wald und deutete auf
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+einige eingeschlagene weiße Pfähle. „Hier, wo die Pfosten
+stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er.
+„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten,
+Äxte!“ Plötzlich blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie
+das Abholzen,“ sagte er zu ihm. „Das Material für den
+Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und wir kommen
+in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne
+hinweg: „Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf
+zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, damit wir heute Nacht
+unter Dach kommen!“
+</p>
+
+<p>
+Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
+</p>
+
+<p>
+Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße
+auf und ab, zwanzig Schritte vor und zwanzig
+Schritte zurück, und rauchte. Nur zuweilen setzte er sich
+auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er klemmte
+sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen
+hinein, dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen
+die Knie, strich das Streichholz an und setzte die Pfeife
+in Brand.
+</p>
+
+<p>
+Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel
+der Wolljacke hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine
+Fichte an. Die Muskeln seines Nackens schwollen an, und
+schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
+</p>
+
+<p>
+„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte
+ein kleiner Krummbeiniger mit großem Schnauzbart,
+Schlosser seines Zeichens, und blickte Georg hilflos an.
+</p>
+
+<p>
+„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs
+Stelle. „Was kümmerst du dich um Dinge, die dich
+nichts angehen?“
+</p>
+
+<p>
+Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg
+die Arbeit, die Axt in der Hand. An den eingeschlagenen
+Pflöcken konnte er erkennen, daß der erste Schuppen etwa
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden sollte.
+Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen
+von etwa dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein
+dritter von der gleichen Größe.
+</p>
+
+<p>
+„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige
+Schlosser hartnäckig.
+</p>
+
+<p>
+„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete
+Georg.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die
+Kronen der hohen Föhren und Fichten empor und schüttelte
+den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann
+gab dem Bauern Instruktionen. Er möge sofort
+einen Boten ins Depot schicken und sagen lassen, er, Lehmann,
+lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber
+der Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz
+freundlich –, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn
+man nicht sofort die Autos mit dem Material für den
+Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. „Radfahrer
+brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn
+das Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte
+er zu dem Bauern, „siehst zu, daß du möglichst
+schnell den Proviant herbringst. Meine Leute müssen essen.
+Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner
+laufen.“
+</p>
+
+<p>
+Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was
+sagte ich dir!“ rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter!
+Höre nur, wie der kleine Leutnant kommandiert, wir werden
+hier nichts zu lachen haben.“ Der Schlächter arbeitete,
+daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige Gesicht
+lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an
+der Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über
+den finsteren Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen.
+Es waren schon einzelne blendende Flecke sichtbar geworden,
+und Georg hatte gehofft, die Sonne würde
+endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen.
+Es war nicht niedergehender Nebel wie vorher, es
+regnete in dünnen Schnüren. Und plötzlich pfiff der Wind,
+und es begann zu graupeln und zu schneien. Im Augenblick
+war der Wald weiß.
+</p>
+
+<p>
+Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die
+großen Hände auf den Knien, teilnahmlos auf einer
+Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man fluchte und
+schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte
+Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und
+die ganze Bande holen! Georg fühlte, wie sich sein ganzer
+Körper mit einer Eisschicht überzog. Der Schlächter in
+seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser?
+Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
+</p>
+
+<p>
+„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem
+nassen Boden?“
+</p>
+
+<p>
+„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den
+Wald, damit wir hier krepieren!“
+</p>
+
+<p>
+„Und wie steht es mit dem Futter?“
+</p>
+
+<p>
+Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt
+hin und spie aus. „Ich bin kein solcher Narr!“ rief er
+aus und ging mit schnellen wütenden Schritten davon.
+Bald war er außer Sicht.
+</p>
+
+<p>
+„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“
+lachte Moritz. „Die Bauern werden die Hunde auf ihn
+hetzen!“
+</p>
+
+<p>
+Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße
+auf. „Der Schuppen kommt!“ schrie er laut.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des
+Schneegestöbers, kamen zwei mächtige Lastautos mit Balken
+und Brettern angefahren. Auf diesen Balken und
+Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in
+der Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese
+verwegenen Burschen schrien schon, bevor die Autos standen,
+und begannen augenblicklich Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
+</p>
+
+<p>
+„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann
+mit triumphierendem Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen
+Zeichen versehen, und die verwegenen Burschen dirigierten
+das Abladen.
+</p>
+
+<p>
+„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“
+Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Trotz des
+Schneegestöbers lief allen der Schweiß vom Gesicht, und
+schon setzten sich die Autos wieder in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+„Wohin fahrt ihr?“
+</p>
+
+<p>
+„Nach Glücksbrücke!“
+</p>
+
+<p>
+„Geht es dort vorwärts?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost
+kommt!“
+</p>
+
+<p>
+Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
+</p>
+
+<p>
+„Grüßt den Chef!“
+</p>
+
+<p>
+Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde
+der Bau des Schuppens in Angriff genommen.
+</p>
+
+<p>
+„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die
+Stationsbeamten schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust.
+Er balancierte auf der Schulter einen schweren
+Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine
+Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab
+klar und ruhig seine Befehle. Der Schuppen war bis ins
+kleinste vorgearbeitet und brauchte nur aufgestellt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und
+Gleichgültigkeit war verschwunden. Alle griffen eifrig zu.
+Die Arbeit hatte plötzlich Sinn und Ziel. Es galt ein Obdach
+für die Nacht zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem
+das Alter die Beine krummgezogen hatte. Er war in
+großer Erregung. Verzweifelt ging er hin und her und
+suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt
+er es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn
+ruhig anhörte, ohne den Blick von der arbeitenden Kolonne
+zu wenden.
+</p>
+
+<p>
+„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu
+sollen wir Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur
+provisorisch.“
+</p>
+
+<p>
+Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es
+auf seiner Kiste nicht mehr aus. Er kroch heran und
+setzte sich auf einen Baumstamm, um wenigstens zuzusehen.
+Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen
+kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
+</p>
+
+<p>
+„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir
+erst gesund!“ Und den andern schrie er zu: „In einer
+Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach zusammen! Ein
+paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind
+Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für
+heute. Zündet ein Feuer an! Was für Narren seid ihr!
+Hier ist Holz in Fülle, und ihr friert!“
+</p>
+
+<p>
+Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+diesen Gedanken gekommen? Einer blickte den andern an,
+zitternd vor Kälte und blau gefroren.
+</p>
+
+<p>
+Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es
+lohte mächtig in der Dunkelheit, und eine beizende dicke
+Rauchwolke stieg bis in die Kronen der Bäume empor.
+</p>
+
+<p>
+„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige
+Schlosser, „komm hierher und wärme dich!“
+</p>
+
+<p>
+Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten
+sich die bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende
+Äste sprangen durch die Luft, und die brennenden Tannenzweige
+verbreiteten einen erfrischenden, starken Geruch.
+Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden unmöglich
+schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte,
+es erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-21">
+21
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">lötzlich</span> war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende
+Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken
+konnte, tauchte plötzlich ein gespenstisch flammendes
+Pferd, ein scheinbar riesiger, glühender Schimmel,
+im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit
+Stroh und Proviant.
+</p>
+
+<p>
+„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“
+fragte Lehmann.
+</p>
+
+<p>
+Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase,
+trat vor. Ein Kellner, der früher, wie er behauptete,
+auf den großen Ostasiendampfern Dienst gemacht habe.
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+an mit großer Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln,
+Erbsen, geräucherte Wurst. Schon dampfte der Kessel, und
+es dauerte nicht lange, so war die Mahlzeit fertig. Die
+Blechgeschirre in der Hand, hockte die Arbeitskolonne um
+das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die
+Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und
+Mund.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die
+Abgezehrtheit und Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen
+mit den Hungerfurchen, die Lumpen, die den Körper bedeckten.
+Fast alle starrten ins Feuer, die Gedanken weit
+von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren
+löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen
+in die Höhlen, ohne Blick, als scheuten sie sich, noch
+mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, entzündet von
+Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen,
+deren Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und
+Schrecken. Und alle starrten ins Feuer, und jedes Auge
+sah in der Flamme ein anderes furchtbares Bild: bettelnde
+Kinder, hungernde Frauen, frierende alte Leute,
+Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht,
+kaum daß dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war
+müde, verstimmt, argwöhnisch und ohne Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten
+genauer an. Da war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen
+stahlblaue Augen lebenslustig sprühten, breit, mit Muskeln
+bepackt, ein untersetzter Boxer. Er lächelte vor sich hin
+und strich zuweilen sein kleines helles Schnurrbärtchen,
+das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne Sorge
+war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase
+einen mächtigen Schatten über das bläulich-weiße
+hohlwangige Gesicht warf. Unaufhörlich nagte er an der
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Lippe, als quäle ihn ein und derselbe Gedanke. Seine pechschwarzen
+Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der
+bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und
+den glühenden Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen.
+Da war der kleine krummbeinige Schlosser mit dem großen
+Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht eine
+Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich
+wieder, um Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen.
+Neben ihm kauerte der alte Maurer, ein kleiner Mann, mit
+fahlem Greisengesicht. Seine Augen tränten. Er hatte
+über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut gestülpt,
+der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt
+hatte. Rings um die Krempe waren noch Spuren einer
+Pleureuse zu sehen, die einstmals herumgenäht war und
+schlecht abgetrennt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten
+alten Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter
+titulierte ihn „Herr General“. Er hatte mächtige Brauen,
+wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war völlig kahl,
+aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust.
+Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war
+nahezu eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel
+hin und her. Da war ein junger Mann mit
+einem Diebsgesicht und abstehenden großen Ohren, die
+im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und
+ein zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem
+er sich so dicht ans Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen
+Stiefel dampften. Da waren noch ein paar nichtssagende
+Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem Glotzauge.
+</p>
+
+<p>
+Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick
+zugewiesen hatte. Jeder dieser Männer war vom Schicksal
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+getroffen, sonst säße er nicht hier in der Finsternis des
+Waldes. Die einen waren verbraucht, und die Wirtschaft
+hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht mitgekommen
+und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen
+Krisis. So saßen sie also und starrten ins
+Feuer und wälzten ihr Schicksal in ihrem Kopf hin und
+her, ohne es fassen zu können.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“
+fragte der kleine alte Maurer mit dem breitkrempigen
+Hut.
+</p>
+
+<p>
+Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst
+beschäftigt. Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch,
+daß der Wald umgeschlagen werden soll.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas
+hier gebaut werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es
+weißt!“ warf Moritz dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus.
+„Wer wird hier mitten im Walde eine Kirche bauen? Du
+bist ja ein ganz Kluger! Mitten im Walde!“
+</p>
+
+<p>
+Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen
+wieder. Nur der alte Maurer kicherte noch zuweilen:
+„Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er erzählte, daß er
+vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg.
+Aber niemand hörte zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit
+hatten sie alle müde gemacht. Einer nach dem andern
+kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er schlief nicht. Er
+blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, in
+die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein
+wunderbares und herrliches Sausen ging in der Ferne
+durch den Wald. Stark, wie Gewürz, hauchte die Luft
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und faulende
+Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig
+wieder geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche
+aber, das war diese wunderbare große Stille da
+draußen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe,
+und schon war er eingeschlafen. Er erwachte einige Male
+in der Nacht, um immer sofort wieder in tiefen Schlaf
+zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah er plötzlich
+den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf
+einem Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder
+erwachte er. Es regnete, und durch das provisorische Dach
+fielen einzelne Tropfen auf sein Gesicht. Das Feuer
+glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die
+Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund
+offen, schnarchten und röchelten. Nur der große, bleiche
+Zimmermann saß schlaflos mit offenen Augen, die glänzten,
+wie die Augen einer Eule.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-22">
+22
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den
+Gefährten. Die helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt.
+Er hörte, daß Lehmann schalt, ohne ihn jedoch
+zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen Worte
+galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich
+rasch.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann,
+„so gehen Sie doch wieder zurück nach Berlin und lassen
+Sie sich von den Läusen auffressen. Sie haben die Bedingungen
+der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten
+wollen und die vor allem Freude an der Arbeit haben.
+Das ist die Hauptsache für uns.“
+</p>
+
+<p>
+Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe
+vorüberfloß, um sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte
+ihn, gut gelaunt wie immer. Er hatte die Hosen hinaufgestülpt
+und stand bis an die Knie im eisigen Wasser,
+während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und
+Rücken wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh
+munter geworden,“ sagte er lachend. „Plötzlich, siehst
+du, hört er auf zu schmunzeln.“
+</p>
+
+<p>
+Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug,
+der nach Schnee schmeckte, strich durch die Stämme, hoch
+oben glitten mächtige helle Wolken dahin, ganze Gebirge
+von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine dünne Lichtnadel
+durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der
+fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein
+würziger Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie
+auseinanderbricht, stieg aus dem feuchten Boden. Raben
+krächzten über den Bäumen, und ein paar dunkle Fittiche
+schwankten irgendwo gespenstisch.
+</p>
+
+<p>
+Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde.
+Eine helle Stimme schalt.
+</p>
+
+<p>
+„Spute dich: er meint uns.“
+</p>
+
+<p>
+Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen,
+ohne jeden Zweifel. Er befahl, ordnete an, schrie, sprang
+selbst zu, half mit. Riesenkräfte schienen in seinem einen
+Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, nichts
+entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein
+Gesicht niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt,
+seine Wangen waren frisch gerötet.
+</p>
+
+<p>
+Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden
+Bart, und der kleine alte Maurer mit dem Schlapphut
+hatten zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet.
+Sie handhabten zusammen eine Säge und versuchten ein
+dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten,
+dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die
+Bohle eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz
+ab.
+</p>
+
+<p>
+Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“
+sagte er. „Arbeitet langsam, wenn euch der Atem ausgeht,
+aber arbeitet regelmäßig und schwätzt nicht soviel.
+Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem langen
+Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“
+</p>
+
+<p>
+Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen
+Bart vor und knöpfte zur Antwort langsam den langen
+Militärmantel auf. Er trug ein zerrissenes Hemd, das nur
+noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und eine alte an
+den Knien zerschlissene Hose.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer
+gewissen Härte in der Stimme, die seine Beschämung
+verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie
+Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich organisiert.
+Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher,
+daß man uns in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen
+geschickt hat. Es wird alles in Ordnung kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte.
+Alle staunten den halbfertigen Schuppen an, während sie
+aßen.
+</p>
+
+<p>
+„Ob wir es heute noch schaffen?“
+</p>
+
+<p>
+Kopfschütteln. Zweifel.
+</p>
+
+<p>
+„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann,
+der mit ihnen aus demselben Kessel aß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau
+und kalt, mit einem eisigen Wind, war der Schuppen
+bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er hatte zwei Fenster –
+nicht größer als Stallfenster allerdings, und einige
+Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und
+eine solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh
+wurde in den Schuppen gebracht, der Kochherd, schon
+wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. Kisten wurden
+zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen
+Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte
+die Zweige an die Wand. Nun sah es in der Tat schon
+ganz festlich aus. Es war behaglich. Der Wind pfiff
+nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine
+Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt
+und geflickt, aber es waren immerhin Decken, und sie
+waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann sich sein Lager
+eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren Notizbücher,
+Rollen, Pläne.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer!
+Es war ein junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer
+verblaßten Schülermütze auf dem Kopfe. Forsch und keck
+trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von der frischen
+Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.
+</p>
+
+<p>
+„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an.
+„Kannst du Tabak besorgen?“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen
+morgen auch Tabak mit.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst
+du bezahlt, mein Junge, am Tage?“
+</p>
+
+<p>
+„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“
+</p>
+
+<p>
+Wir? Wer waren diese „Wir“?
+</p>
+
+<p>
+Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+hatte sich das alles seit gestern geändert! Es zeigte sich,
+daß der Radfahrer in seinem Rucksack ein Paket Zeitungen
+mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas veraltete
+Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt
+vorging, während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe
+hing von der Decke herab. Das hätte von allen
+keiner erwartet. Man fand es nun ganz behaglich und angenehm
+in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit
+einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf
+dem Stroh, und einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit
+war geschwunden, das finstere Grübeln, der gegenseitige
+Argwohn.
+</p>
+
+<p>
+„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du
+immer? Den ganzen Tag spintisierst du! Nimm es nicht
+so schwer, es wird noch schlimmer kommen. Der Teufel
+holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.
+</p>
+
+<p>
+Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten
+Rattenaugen, er nannte sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer
+gesammelt. Henry, der, wie er sagte, jahrelang Steward
+auf den großen Passagierdampfern war, erzählte von
+seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China,
+als sei er erst gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so
+groß wie die Hand, und von einer Hitze, daß die Ölfarbe
+der Schornsteine schmolz. Er hatte in China Hinrichtungen
+mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern
+gewesen – lauter kleine Puppen, lauter kleine braune
+nackte Puppen. Er erzählte von reichen Leuten, amerikanischen
+Millionären, sonderbaren Passagieren. Da war zum
+Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war.
+Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie
+war der Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte
+sich in ihn, Henry. Er könnte heute, weiß Gott, ein
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene Frau, etwas
+Schrecklicheres gibt es nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie
+geheiratet!“ Gelächter.
+</p>
+
+<p>
+Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte
+sich als ein vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel,
+Stare, Hühner, Eichelhäher, Katzen und Hunde
+aller Größen und Rassen ahmte er nach und erntete großen
+Beifall.
+</p>
+
+<p>
+Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener
+Art befanden. Selbst der Verstümmelte –
+mit dem Glotzauge –, selbst er steuerte etwas zur Unterhaltung
+bei. Er war in Sibirien in Kriegsgefangenschaft
+gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er hielt
+die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen.
+Und alle, die nie einen Wolf gehört hatten, überlief
+ein Schauer.
+</p>
+
+<p>
+Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast
+augenblicklich sanken alle in tiefen Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend
+ging er, die Pfeife rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke
+auf und ab.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-23">
+23
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend
+stürzten die Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten
+die Arbeit im Walde und in der Baracke nach Befähigung
+angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und
+das Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung
+ab. Den hochgeschossenen jungen Menschen mit den
+abstehenden Ohren und dem Diebsgesicht hatte Lehmann
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er sagte, Tagediebe
+und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen
+verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.
+</p>
+
+<p>
+Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur
+Arbeit. „Vorwärts, immer vorwärts!“ rief er. „Ohne
+zäheste Arbeit können wir das große Werk nicht schaffen.
+Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht
+sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen
+Spaß! Er setzt mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“
+</p>
+
+<p>
+„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann
+zu dem großen, bleichen Zimmermann. „Ich werde
+Sie in ein Krankenhaus schicken.“
+</p>
+
+<p>
+Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns
+flehten. „Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich
+hier im Walde. Hier werde ich gesund werden. Haben
+Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich
+nicht in ein Krankenhaus.“
+</p>
+
+<p>
+Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau
+verunglückt, die Hüfte verrenkt, gar nichts Besonderes,
+aber seitdem war es mit ihm bergab gegangen. Es war
+vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister
+sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei
+Monate lang mit seiner Frau und drei Kindern in einer
+Dachkammer ohne Fenster, bis er erkrankte. Die Kinder
+gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. Nun,
+Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost
+– was man hier im Walde Krankenkost nannte! –,
+und nach einer Woche schon sah man ihn zuweilen langsam
+unter den Bäumen hin und her gehen, während er
+früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei
+Wochen aber nahm er schon die Axt in die Hand, aber er
+schwankte noch, wenn er zuschlagen wollte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten?
+– ein wirklicher Automobilomnibus auf der Landstraße
+heran. Alle sahen staunend von der Arbeit auf.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben
+wir schon Omnibusverbindung bekommen? Es wird
+gar nicht lange dauern, so werden sie uns eine Untergrundbahn
+hierher bauen.“
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in
+grauen Arbeitskutten. Lebhaft schüttelten sie Lehmann die
+Hand. Es zeigte sich bald, daß einer der Herren Arzt war
+und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt eine
+vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie
+benötigen.
+</p>
+
+<p>
+Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen
+klettern. Dem einen wurde dieses geraten und verschrieben
+und dem andern jenes. Die Herren waren außerordentlich
+freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre
+Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem
+General setzte er eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer
+Sorgfalt behandelt.
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg
+erblickte. Erstaunt erkannte Georg jenen Arzt wieder, der
+ihn seinerzeit in dem Haus in der Lindenstraße empfangen
+hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die
+Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben
+Sie sich erholt!“ rief er aus. „Sie haben schon etwas
+Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir kommen zuweilen
+aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen Außendienst
+reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage
+in der Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen
+Sie!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit.
+Dann fuhren sie davon, Lehmann mit ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte
+am Abend alle Gemüter.
+</p>
+
+<p>
+„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten!
+Sie haben ja alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine
+Apotheke ist eingebaut. Ihr Leute – und sie waren nicht
+entfernt so grob wie die Kassenärzte.“
+</p>
+
+<p>
+„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“
+</p>
+
+<p>
+„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber
+man muß zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden,
+Wäsche, Socken haben sie uns gegeben, und der General
+hat sogar eine gestrickte Wollweste bekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und
+das Rote Kreuz soll auch dahinterstecken.“
+</p>
+
+<p>
+„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen
+und Botendienste tun, sie scheinen alles überlegt zu haben
+und alles heranzuziehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer
+wieder an und schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen
+sie eigentlich hier bauen?“
+</p>
+
+<p>
+„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu
+nagen und zu beißen hast auf deine alten Tage.“
+</p>
+
+<p>
+„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas
+hier wollen? Und ein großer Schuppen soll noch kommen?
+Und der Plan, den Lehmann bei sich hat?“
+</p>
+
+<p>
+Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan
+werfen können. „Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll
+hier eine Art Stadt gebaut werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Stadt?“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.
+</p>
+
+<p>
+„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“
+</p>
+
+<p>
+Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart
+wieherten. „Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich
+habe doch den Plan gesehen,“ sagte er. „Eine Stadt oder
+eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“
+</p>
+
+<p>
+„Gärtnereien!“
+</p>
+
+<p>
+„Gärtnereien, sagst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, Gärtnereien!“
+</p>
+
+<p>
+Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf
+diesem Boden – nichts als Sand!
+</p>
+
+<p>
+Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg
+zu Hilfe. „Worüber lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er.
+„Man kann auf den ersten Blick sehen, daß ihr nie aus der
+Stadt herausgekommen seid und vom Boden nichts versteht.“
+Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten,
+von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem
+Sandhaufen geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren
+blieben die Leute stehen, so sah der Garten aus, und schon
+im dritten Jahre blühten darin die Fliederbüsche. Im
+vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den
+kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die
+Hände in die Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten
+aus der Stirn und begann zu pfeifen – tüh
+– tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein Herz
+hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“
+</p>
+
+<p>
+Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche
+Handbewegung. Er wußte es besser als alle.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er.
+„Wie? Was sie hier machen wollen? Geld wollen sie
+machen, aber nicht für uns! Es ist ja alles aufgelegter
+Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht werden,
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast –
+im Laufe der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so
+sollst du einen Morgen Land und eine Behausung bekommen.
+Wer soll das glauben? Es ist ja alles Schwindel
+und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg
+und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns
+schinden, und Schellenberg wird den Profit einstreichen.
+Ich habe ja bei Schellenberg gearbeitet. Er baut sich einen
+Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen haben. Ein
+halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg
+hat sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man
+so etwas schon gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da
+sind fünfzig Zimmer und Säle, und sogar die Diener haben
+Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein Bootshaus
+und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie
+eine Kaserne, und alles aus weißen Kacheln!
+</p>
+
+<p>
+Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr
+der Schlosser fort und fettete sich den Schnauzbart mit
+den Fingern ein. „Wenn er in seinem Auto angefahren
+kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine Bärenmütze
+auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er
+bei sich, und manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken.
+Oh, man muß ihn nur gesehen haben, dann weiß
+man alles. Dieser Schellenberg hat in den letzten Jahren
+das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß,
+wie reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel.
+Er hat zehn Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja
+kein Kunststück bei den Hungerlöhnen, die er uns zahlt.
+Und die Regierung – sie stecken ja alle unter einer
+Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen beschäftigt.
+So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien?
+Laßt euch nicht auslachen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein
+sah schüchtern und scheu das runzlige Gesicht einer
+alten Frau. Auf ihrem Kopftuch lagen einige Schneeflocken.
+„Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau. „Ist
+das die Station Lehmann?“
+</p>
+
+<p>
+„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.
+</p>
+
+<p>
+„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter.
+„Was willst du denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche
+führen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“
+Dann brachen sie in lautes Gelächter aus. Und sie lachten
+so sehr, und ihre Bemerkungen waren so derb, daß
+der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie
+drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten
+Mantel. „Ihr seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte
+heftig die Arme. Am liebsten wäre sie wieder zur
+Türe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre
+runzligen Lippen schienen nicht mehr zur Ruhe kommen
+zu wollen. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte und verlor
+sich in Einzelheiten, die niemand verstand. Sie war Witwe,
+ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein
+kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und
+sechs Kinder hatte sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet.
+Aber durch den Krieg hatte sie alles verloren.
+Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und
+schämten sich ihrer derben Späße.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und
+wußte, was sich gehört. Er sprang auf, ging der Alten
+entgegen und schüttelte ihr herzhaft die Hand. „Nun
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns, Großmutter!
+Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf
+der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken,
+da hast du es warm. Komm, gib den Mantel her. So,
+und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und wirklich wollte der
+Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.
+</p>
+
+<p>
+„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn
+zurück. Sie lachte, während die Tränen auf ihren runzligen
+Wangen noch nicht trocken waren. „Ei, was für ein
+loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem Schlächter eine
+kleine gutgemeinte Ohrfeige.
+</p>
+
+<p>
+„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die
+Bekanntschaft war geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.
+</p>
+
+<p>
+Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug
+sei? „Und die Bedienung, die wir haben, wie in einem
+erstklassigen Hotel. He, Henry, zeige der Großmutter,
+wie es bei uns hergeht.“
+</p>
+
+<p>
+Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges
+Handtuch unter den Arm und tat, als serviere er. Einen
+Teller auf der Hand balancierend, rannte er mit kurzen,
+schnellen, komischen Schritten von der Küche in die Mitte
+des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel sitzenden
+Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die
+Platte auf den Fingern, damit der Gast bequem abheben
+konnte, richtete sich auf und schob sich neben den nächsten
+Gast. Sein Gesicht war von tödlichem Ernst. Zuweilen
+tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht
+einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er
+mit denselben komischen Schritten wieder in die Küche
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat,
+Henry spielte diese Szene mit unglaublicher Komik.
+Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen
+liefen.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser
+seine Kunst hören. Er ahmte einen ganzen Käfig voller
+Hühner nach, und die Alte glaubte wirklich eine Weile,
+daß in der Ecke Hühner seien.
+</p>
+
+<p>
+„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der
+Schlosser und gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter.
+„Wir werden dich nicht fressen. Es wird dir gut bei
+uns gefallen!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-24">
+24
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Männern, die Familie hatten, war es freigestellt,
+jeden Sonnabend zu ihren Angehörigen in die Stadt zu
+fahren. Am Montag kehrten sie zurück. Einzelne kamen
+nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte
+sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten
+aber sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub
+gewährt werden. Es hing ganz davon ab, wie Lehmann
+mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am
+ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem
+Lächeln. „In vier Wochen vielleicht.“
+</p>
+
+<p>
+Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.
+</p>
+
+<p>
+Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang,
+da zitterte sein entkräfteter Körper unter den Anstrengungen
+der schweren Arbeit, und des Morgens, wenn der
+Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß
+gebadet, die Füße trugen ihn kaum. In der zweiten Woche
+aber fühlte er seine Kräfte langsam zurückkehren, und in
+der dritten Woche war es ihm, als ob er seit Jahren diese
+schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie Moritz,
+daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen
+Mann.
+</p>
+
+<p>
+Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr
+unter jedem Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen
+Ostwinde einsetzten und in den Nächten das Wasser in den
+Furchen der Landstraße gefror. Reif bedeckte am Morgen
+den Boden und die Stämme der Bäume.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde
+zu wandern. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und
+sich mit seinen Angelegenheiten in aller Stille zu beschäftigen.
+</p>
+
+<p>
+Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der
+in einer Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der
+Wald an eine sanft geneigte Heidefläche, die nur von dünnem
+Gestrüpp und einigen Birken bestanden war. Auch
+auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage tätig.
+In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort
+hausten sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie
+an einem Sonntag besucht.
+</p>
+
+<p>
+Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen
+Heide. Wie ein Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich
+der Mond aus dem Rauch des Horizonts, bald aber funkelte
+er herrisch hoch am Himmel und spiegelte sich ohne
+Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des
+Kanals, der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei
+und ohne jedes Hindernis stürzte der Wind über die kahle
+riesige Fläche.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem
+Gram. Kein Mensch, kein Tier. Das rote glimmende
+Licht der Arbeiterbaracke am Rande der Heide war das
+einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste
+und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.
+</p>
+
+<p>
+In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im
+Angesicht des kalt blendenden Mondes wanderte Georg dahin,
+seinen Gedanken hingegeben.
+</p>
+
+<p>
+Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine
+Stunde Christine und ihr Schicksal vergessen. In den
+ersten Wochen hatte er versucht, die Erinnerung an sie
+aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht verlassen
+und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde
+hatte ihn ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen,
+nichts wußte er, nichts.
+</p>
+
+<p>
+Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten,
+sich beim Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen.
+(Erst hier im Walde war ihm eingefallen, daß
+es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser indessen hatte
+geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er aufstehen
+könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit
+dieser Zeit hatte er nichts mehr gehört.
+</p>
+
+<p>
+Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub
+nach Berlin bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden.
+Dazu hatte er etwas Geld in der Tasche.
+</p>
+
+<p>
+„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die
+stille verlassene Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses
+Mädchen anfangs gar nicht so sehr. Ich hatte mich
+immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, nicht wahr?
+Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, Tränen
+und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+Mädchen zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner
+Eitelkeit, daß dieses leidenschaftliche, von vielen begehrte
+und umworbene Mädchen – wo sie auch ging, wandten
+sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. Wie
+sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie
+um mich warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als
+etwas Selbstverständliches hin, ihre Leidenschaft, ihre
+Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er durchlebte in der
+Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war
+es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie
+sie ihn mit ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen
+kannte, quälte und folterte. Diese ewigen Szenen! Sie
+lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte über jeden seiner
+Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde,
+seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der
+schönen Jenny Florian, durfte er nicht einmal die Hand
+geben. Welche Qual! Sie drohte sich ins Wasser zu stürzen,
+sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal hatte er
+beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten,
+wenn es sein mußte ...
+</p>
+
+<p>
+„Und nun?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg
+und blieb inmitten der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit
+Christine in ihrer Raserei auf mich geschossen hat, seit
+diesem Augenblick liebe ich sie über alle Maßen.“
+</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p class="noindent">
+In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt,
+die Umrisse von Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die
+Schuppenwand zu zeichnen. Seine Pfeife qualmte, und
+sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen strahlte
+vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags,
+als die Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+Aufschrift, die in großen, glänzend weißen Lettern die
+ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie lautete:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Gesellschaft Neu-Deutschland!</p>
+ <p class="verse">Tod dem Hunger!</p>
+ <p class="verse">Tod der Krankheit!</p>
+ <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der
+seine Malerei wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie
+nicht, wiederzukommen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch
+ging er dahin. Die Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle
+in dem kalten Wind durch die Luft trieben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-25">
+25
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die
+elektrisch angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen
+mit einem schrillen Ton vom Grauen des Tages bis zum
+Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem Gesplitter
+fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten
+Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten
+Bäume, um die Äste zu entfernen. Über die ganze Waldfläche
+zerstreut lagen die Leichen der gefällten Föhren und
+Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.
+</p>
+
+<p>
+Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll
+in der Hand und trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall
+war auch Georg Weidenbach, der zu einer Art Unterführer
+aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab Befehle, nahm
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der
+Arbeit und vom Frost.
+</p>
+
+<p>
+Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die
+an ihn grenzte, war bereits von den Baracken aus sichtbar.
+An klaren Tagen sah man auf der Heide kleinere und größere
+Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an der Arbeit.
+Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten
+die Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide
+gestanden. Meist aber war die Heide in Dunst und Nebel
+eingehüllt, und man sah nichts.
+</p>
+
+<p>
+Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren
+noch zwei große Schuppen dazugekommen, in denen die
+Belegschaft, über hundert Köpfe stark, hauste. Ein wenig
+abseits stand eine mächtige Baracke mit einer Reihe großer
+Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie
+große Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier
+kreischten und sangen die Sägen. Eine Schar von Tischlern
+und Zimmerleuten war hier an der Arbeit, und Martin,
+der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich
+und elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei
+große Schuppen waren noch geplant. Glückshorst sollte
+eine der großen Tischlereien der Gesellschaft werden. Sie
+machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle und
+Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer
+die gleichen Maße und Größen.
+</p>
+
+<p>
+In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller
+anfangs gehaust hatten, befand sich heute nur noch die
+Küche, wo Mutter Karsten mit den Töpfen rasselte. Bei
+ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem Dorf zu
+ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen,
+die sie schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug
+bei ihr sein, ohne jede Pause ging ihr rasches Mundwerk.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er
+hatte dort eine Pritsche mit einem Strohsack und einer
+Pferdedecke, einen Tisch und einen Stuhl, wie sie in der
+Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch stand das
+Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das
+Bureau war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der
+Unordnung saß Lehmann, die Pfeife im Munde, und
+lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war zufrieden.
+Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig
+in Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht
+und ihm eine große Karriere prophezeit. Und
+darüber freute sich Lehmann. Er war früher Offizier gewesen,
+lange ohne Brot und Stellung und hatte eine
+Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst
+brauchte er nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war
+alles.
+</p>
+
+<p>
+An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden
+Morgen die Vakanzen der Berliner Arbeitsnachweise an
+und musterte dann die Leute aus, die sich für die Vakanzen
+meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du
+bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken.
+Er hat Frau und Kind in Berlin sitzen. Und dich,
+Moritz, kann ich hier nicht entbehren, dich brauche ich
+hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge vor, warte
+nur, bald sollst du es hören.“
+</p>
+
+<p>
+Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die
+Brust und wurde rot über das Lob. Täglich gingen Leute
+nach Berlin zurück, und andere Arbeitslose kamen. Manchmal
+waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal mehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen
+Kolonnen einreihen. Es gab leichtere und schwerere Arbeiten,
+Arbeiten, die jeder Dummkopf leisten konnte, und
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte es
+gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten
+der einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung
+dauerte keine fünf Minuten, und schon ging es an die Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt –
+in Berlin gewesen. Aber seine Reise war völlig ergebnislos
+verlaufen. Bei den polizeilichen Meldestellen wußte
+man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem
+düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er
+hoffte, der Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande,
+nähere Auskunft geben. Und wenn nicht er, so vielleicht
+irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. Die Stunden
+vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es
+reichte kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser,
+den er immer noch hustend und frierend in seiner
+kalten Werkstatt vorfand.
+</p>
+
+<p>
+Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich
+einen Brief von Stobwasser erhielt. Seht an, das erste
+Wort, das Georg in die Augen sprang, war der Name
+Christines. So also war es: Katschinsky hatte es
+Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die
+Schauspielerin, jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft
+als Diva engagiert, hatte vor mehreren Wochen eine
+Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. Unglücklicherweise
+aber war die schöne Jenny auf Reisen,
+sie filmte in Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie
+zurückerwartet.
+</p>
+
+<p>
+So hieß es, sich gedulden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg
+stürzte sich in die Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich
+schlug sein Herz wieder freier.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-26">
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+26
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif,
+einige Frostnächte unter dem blitzenden Mond, das war
+alles. Nun aber war in der Nacht heftiger Schneefall
+eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, völlig verändert.
+Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig,
+aber gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom
+Himmel herunter. Am Morgen waren die Baracken fast
+einen Meter tief in den Schnee gesunken. Auf den Bäumen
+hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne
+glitzerte.
+</p>
+
+<p>
+Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute
+forderten eine besondere Kolonne an, da sie
+bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt waten
+mußten.
+</p>
+
+<p>
+Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den
+Briefen? Die Radfahrer können unmöglich durchkommen.
+Aber siehe da, schon kamen die Boten an. Es waren jetzt
+sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst mit Begeisterung
+versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt
+und bewundert. Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen
+jungen Leuten, die freiwillig Dienst taten, nicht grün
+waren – sie hielten sie für Mitglieder reaktionärer Verbände
+–, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen
+an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche
+Teufelskerle!
+</p>
+
+<p>
+Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von
+den Dächern fegen, sie bogen sich unter der Last. Aber die
+Arbeit erfrischte und ermunterte. So sonderbar es war,
+man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn
+er fegte die Straße frei und wehte den Schnee hinunter in
+den Kanal.
+</p>
+
+<p>
+„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist
+dieser Wind, denn die Stubben müssen heraus. Wir müssen
+die Sprenglöcher bohren.“
+</p>
+
+<p>
+Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben
+flogen in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte
+und ermunterte. Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten
+her. Nur jene, die erst vor wenigen Tagen aus
+Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde,
+verhielten sich noch still und stumpf.
+</p>
+
+<p>
+An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker
+Tumult. In der Tat, in keiner der Kneipen der Berliner
+Vorstädte, wo am Abend müde und verbrauchte Menschen
+verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene Fröhlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug,
+Gelächter.
+</p>
+
+<p>
+Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt
+der Gesellschaft. Jeden Abend gab es ein lustiges
+Geplänkel zwischen ihm und Mutter Karsten. Moritz faßte
+die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen und
+sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich
+Hochzeit feiern?“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte
+Frau zu verspotten, du Schlingel! Siehst du nicht meine
+Runzeln und daß ich keine Zähne mehr habe. – Hier
+hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende Ohrfeige.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war
+und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut
+aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen
+folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz
+begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an
+und machte Scherze.
+</p>
+
+<p>
+An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche
+sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden
+ihm zugesteckt.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht
+war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von
+Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika.
+Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann
+seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er
+rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine
+Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße,
+man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu
+stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in
+einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus,
+als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin,
+das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets
+ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten
+vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit
+einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann
+auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein.
+Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort
+öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es,
+auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der
+stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff
+auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt
+renommierte.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als
+ob du weit kämest.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, ein Boxkampf!“
+</p>
+
+<p>
+Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation
+war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock
+aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste.
+Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde
+Georg zum Schiedsrichter erwählt.
+</p>
+
+<p>
+„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
+</p>
+
+<p>
+Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig
+Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel!
+</p>
+
+<p>
+Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf
+nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt
+wird,“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten
+konnte. Ungeheure Erregung.
+</p>
+
+<p>
+Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden,
+elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin
+aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren
+wütende Blicke zu.
+</p>
+
+<p>
+Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander,
+daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische
+Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ
+zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht
+in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu
+treiben.
+</p>
+
+<p>
+„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien
+und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung
+nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten
+Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen
+Spaß!“
+</p>
+
+<p>
+An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto,
+immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im
+Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele,
+Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten
+schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war
+den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer
+Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit
+sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften,
+wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen,
+Gießereien, und am Schluß erschienen stets
+Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen,
+kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen,
+Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen,
+neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-27">
+27
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen
+für das Lager interessierten.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer
+in einem alten Auto an. Sie gingen zu Lehmann
+ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder heraus,
+um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie
+gingen in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder.
+Sie besuchten die Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte,
+und schienen sich für alles zu interessieren, auch für jeden
+einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit raschem Blick
+ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf,
+dem Kellner.
+</p>
+
+<p>
+Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an,
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+er hieß gar nicht Henry Graf. Und weshalb wurde der
+Kellner so bleich?
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite
+der Männer. „Kommen Sie mit uns!“
+</p>
+
+<p>
+Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war
+weiß geworden wie der Schnee im Walde. „Nun wollte
+ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“
+</p>
+
+<p>
+Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre,
+dann sind Sie frei.“
+</p>
+
+<p>
+Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen.
+Die Kameraden strömten herbei und umringten
+die Kommissare und den Verhafteten.
+</p>
+
+<p>
+Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars.
+„Lassen Sie ihn doch hier, Herr Kommissar, er
+ist doch ein wirklich guter Kamerad.“
+</p>
+
+<p>
+Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln.
+Der Schlosser aber nahm ein paar Zigaretten aus der
+Tasche und wollte sie einem der Herren zustecken.
+</p>
+
+<p>
+„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem
+Kommissar zu. „Drücken Sie ein Auge zu, Herr Kommissar.
+Ist denn wirklich nichts zu machen?“
+</p>
+
+<p>
+Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp
+gab dem Kellner bis zum Auto das Geleit.
+</p>
+
+<p>
+„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die
+Zähne zusammen. Es ist ja nicht so schlimm!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem
+Auto nach, bis es verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und
+noch zwei Jahre, sagte der Kommissar? War er ausgerückt?
+Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden hatten!
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der
+Baracke. Immer wieder sprach man von den Kommissaren
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+und dem Auto und Henry Graf, der eigentlich Bollmann
+hieß.
+</p>
+
+<p>
+„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich
+um, als sie Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen
+sollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren?
+Jeder Mensch hielt sie für Bauleute. Natürlich konnte
+Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein Pech!“
+</p>
+
+<p>
+Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem
+Stöckchen und dem kleinen steifen Hut, wie man glaubte,
+daß er umfalle, wie er dicht am Boden kauerte und das
+Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den linken
+und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu
+in einer fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich?
+Und nun also saß er im Kittchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika
+geben. Er kam aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’
+auf!“ klang es von allen Seiten.
+</p>
+
+<p>
+So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte
+verdrießlich Karten, um die paar Abendstunden totzuschlagen,
+und wickelte sich frühzeitig in die Decken.
+</p>
+
+<p>
+Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst.
+Da war zum Beispiel dieser kleine alte Maurer.
+Man erinnert sich, er trug einen Hut, einen großen
+Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er
+war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei
+der Arbeit, und wenn er ging, so wackelte sein hängender
+Hosenboden. Dieser alte Maurer, der eines Abends von
+seinem Gärtchen erzählt hatte und zum Ergötzen der Kameraden
+den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall
+nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man
+bemerkte es nicht. Erst am andern Morgen fiel es seinem
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Nachbar auf, daß das alte Männchen fehlte. Nun gab es
+im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die sich
+mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen
+der Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber
+er, der Alte, ganz unmöglich! Viele Wochen war er schon
+da.
+</p>
+
+<p>
+Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte,
+die in den Wald hineinführten, immer tiefer. Und dort
+also, an jenem Baum, da hing er. Der Alte hatte sich erhängt.
+</p>
+
+<p>
+Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand:
+„Alles, was ich erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren.
+Ich bin zu alt, um von vorn anzufangen. Betet für
+meine Seele!“
+</p>
+
+<p>
+Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst
+wollte man ihn im Friedhof des Dorfes begraben. Aber
+nach einer längeren Debatte am Abend mehrten sich die
+Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.
+</p>
+
+<p>
+„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen
+Bauern im Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe,
+und vielleicht kommt eine Nachtigall zu ihm.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der
+Schlosser.
+</p>
+
+<p>
+„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn
+der Schlächter-Moritz an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen
+hierherkommen, wenn es doch sogar in Berlin Nachtigallen
+gibt.“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen
+kommen,“ erklärte Georg.
+</p>
+
+<p>
+So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt
+zwölf Uhr kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt
+sogar eine richtige Rede, wobei er heftig den einen Arm
+schwang. Alle fanden diese Rede sehr schön. Er sprach davon,
+daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende
+sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es
+einfach nicht mehr ertrugen. Während die Betrüger und
+Spekulanten in die Höhe kamen, hatte man ehrwürdige
+Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den Dreck
+hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren.
+Erst die Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung.
+Sie sei spät gekommen, aber doch nicht zu spät.
+„Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist ebensogut
+ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein
+General oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere
+Menschen wandeln, als er einer war.“
+</p>
+
+<p>
+Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife
+an, und die Feierlichkeit war beendet.
+</p>
+
+<p>
+Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft
+diskutiert. Besonders die Stelle mit dem Minister
+und General fand Anklang, war der Alte doch nur ein
+armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl
+er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei,
+mit dem sich auskommen ließ.
+</p>
+
+<p>
+So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell
+verschwand er. Ein warmer Wind kam vom Süden, und
+es tropfte und rieselte von den Bäumen. In ein paar
+Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne
+schien, und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz
+seine braune Strickjacke aus, er schwitzte.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost
+aus dem Boden vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser
+gierig in sich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann
+es draußen auf der Heide zu knattern und zu prasseln, als
+ob Flugmaschinen über die Erde surrten. Eine Kolonne
+von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag für
+Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst
+schleppten sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige
+Bodenfräsen, die die Erde zertrümmerten und zerschnitten,
+dann schleppten sie Düngerstreumaschinen, dann
+Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. Immer sah
+man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die
+Heide kriechen.
+</p>
+
+<p>
+„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar
+nicht so lange dauern, dann haben wir sie hier!“
+</p>
+
+<p>
+Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den
+Baracken eifrig besprochen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke
+herüber ein Auto, das in einem ganz auffallenden Tempo
+dahinflog und mit einem Ruck stehenblieb. Bisher hatte
+man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, denn die
+Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren
+ausrangierte alte Kasten.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener,
+breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel
+und ein etwas schiefgewachsener blaubleicher Herr
+in einem langen Pelz.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in
+großer Eile auf sie zuging. Er nahm die Pfeife aus dem
+Munde und verbeugte sich! Das war bisher noch nicht beobachtet
+worden, daß Lehmann so große Höflichkeit zeigte.
+Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn,
+dann vor dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen
+Gesicht. Man drückte sich gegenseitig die Hand,
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld geschritten.
+Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit
+weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er
+schien wirklich aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten
+die Baracken, die Küche, die Tischlerei besahen sie, alles.
+Sie sprachen auch mit dem und jenem, der gerade in der
+Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in
+Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen,
+und mit einem Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße
+hinunter.
+</p>
+
+<p>
+„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere
+Leute! Waren es Direktoren der Gesellschaft? Und dieser
+verwachsene, bleiche, alte Mann, sah er nicht aus, als
+sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser Große
+mit dem braunen Gesicht!“
+</p>
+
+<p>
+„Wer sind die Herren gewesen?“
+</p>
+
+<p>
+„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch
+ganz erregt war und eifrig die Pfeife paffte.
+</p>
+
+<p>
+„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das
+ruhige und klare Gesicht interessiert hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und
+der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer
+Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht
+hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den
+krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit
+geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein
+halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg
+hier, und du hast ihn nicht erkannt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen,
+schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem
+Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich
+aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist
+da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und
+es war doch nicht Schellenberg.“
+</p>
+
+<p>
+„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten
+zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust.
+„Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns
+alles vorgeschwindelt!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="book" id="chapter-0-2">
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+Zweites Buch
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="chapter1" id="subchap-0-2-1">
+1
+</h3>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Auktionssaal von Duval &amp; Co. in der Potsdamer
+Straße wurde die berühmte Sammlung des Barons
+Flottwell versteigert. Diese Versteigerung war ein gesellschaftliches
+Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, früherer
+Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich,
+hatte in den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den
+letzten Pfennig verloren, so daß sein ganzer Besitz schließlich
+unter den Hammer kam. Zugleich mit den Herrlichkeiten
+Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen,
+Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener
+Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie
+angehörten, ausgeboten.
+</p>
+
+<p>
+Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten
+Profile einiger Museumsdirektoren, die bekannten
+Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, ganz wie vor dem
+Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen verändert.
+Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen,
+mit mächtigen Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten
+Hüften, völlig neue Gesichter, die niemand kannte. Viele
+Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber nur wenig
+Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend,
+darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.
+</p>
+
+<p>
+Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+Vitrinen glitzerten, verwirrten die Sinne. Die Summen
+und Unsummen, die durch den Saal schwirrten, steigerten
+die Erregung zum Fieber.
+</p>
+
+<p>
+In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter
+Agent, der alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit
+an sich riß. Er trug eine graugrüne schäbige Perücke über
+den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, das Gesicht
+bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener
+Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als
+ein Manet, ein herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten
+wurde, entstand zwischen ihm und einem bekannten
+Museumsdirektor ein erbittertes Duell. Andere Liebhaber
+und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur
+die beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der
+Perücke trug den Sieg davon, und der Museumsdirektor
+verließ bleich und tödlich gekränkt den Saal. Mit der gleichen
+Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um
+das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug
+sich hier mit einigen Händlern und einer Schar von Specknacken
+wie ein Rasender – seine Stimme aber blieb
+gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. Auch hier
+blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der
+Kampf um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells
+stand wie der Silberschatz eines Domes auf dem
+Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in den Pelzen erhoben
+sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten,
+nie hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf
+um das Silber wurde dramatisch. Mit Genugtuung sah
+man, daß ein Specknacken nach dem andern niedergekämpft
+wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen
+herrlichen Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter
+Herrenreiter, kämpfte noch eine Weile um den Flottwellschen
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+Schatz. Ihm hätte man ihn vielleicht gegönnt,
+aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war man
+sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen
+geben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem
+Kopfe zurecht und wischte sich mit einem nicht ganz sauberen
+Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles
+an sich riß? Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke
+ein Objekt bis zu fabelhafter Höhe empor, um plötzlich abzuspringen.
+Aber das Silber? Welch eine phantastische
+Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?
+</p>
+
+<p>
+Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines
+Nachbarn: „Es ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen!
+Sehen Sie, dort steht er, jener große Herr, der sich Notizen
+in den Katalog macht.“
+</p>
+
+<p>
+„Unmöglich!“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer,
+gesammelter Miene und einem leisen gutgelaunten
+Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich seine Augen, wie die
+eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.
+</p>
+
+<p>
+Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt
+Herr von Stolpe, jener kleine Leutnant mit den rosigen
+Kinderwangen, der vor etwa drei Jahren den Waldverkauf
+vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in den
+Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in
+die Höhe kletterten, streifte er mit einem unauffälligen
+Blick Wenzels Gesicht. Rollte Schellenberg den Katalog
+zusammen, so strich sich Stolpe unauffällig übers Haar,
+und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler mit der
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum
+begannen die Zahlen wie Raketen in die Höhe zu schießen.
+Wiederum schien ein rasender Kampf zwischen dem Agenten
+mit der Perücke und einer Schar von Händlern bevorzustehen.
+Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß
+der Saal unruhig wurde und die Frauen sich wiederum
+von den Sitzen erhoben. Stolpe wurde nervös. Er blickte
+auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <a id="corr-12"></a>Auktion gar nicht
+zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen
+hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut
+den Kopf, blickte in den Katalog, hörte die quäkende,
+trockene Stimme des Maklers und rollte den Katalog zusammen.
+Aber es war zu spät.
+</p>
+
+<p>
+An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht
+interessiert. Er blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch:
+Es war hier auf der Auktion der Sammlung Flottwells,
+wo Schellenberg Jenny Florian wiedersah! Vor
+etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig vorgestellt.
+Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar,
+das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren
+Knoten im Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig
+prüfen konnte, war klassisch schön. Eine gewölbte ruhige
+Stirne, darunter ein strahlendes, forschendes, klares Auge,
+das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht, fein, träumerisch,
+in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als
+eine der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den
+Blick und wurde unruhig.
+</p>
+
+<p>
+„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals
+Stolpe gefragt.
+</p>
+
+<p>
+„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin,
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+man sagt, daß sie sehr gut modelliert und zeichnet.
+Sie singt auch.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2">
+2
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ährend</span> einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe
+und noch einem jungen Herrn, den er schon irgendwo
+flüchtig kennengelernt hatte, auf der Treppe plaudern.
+Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas trockene
+Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen,
+Fräulein Florian?“
+</p>
+
+<p>
+Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und
+sie ließ den Kopf, wie sie es stets tat, wenn sie verlegen
+wurde, etwas auf die linke zarte Schulter sinken. „Herr
+Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, aber
+sehr hell.
+</p>
+
+<p>
+Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer
+noch kürzeren, noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung
+hatte sich Wenzel in den letzten Jahren angewöhnt,
+sie war fast geschäftsmäßig und schien auszudrücken,
+daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den
+geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“
+sagte er. „Ich habe leider Ihren Namen nicht behalten.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“
+warf Stolpe ein.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die
+Schultern in die Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger
+Lässigkeit die Hand. Er war nicht gekränkt, daß Schellenberg
+seinen Namen vergessen hatte, das konnte vorkommen.
+Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit,
+die Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen
+wollte, mit der Wenzel ohne weitere Umstände an Jenny
+herantrat, fand er im höchsten Grade unpassend. Wenn
+irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny plauderte,
+so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich
+im Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr.
+Es war nicht Eifersucht, denn über derartige Gefühle war
+Katschinsky längst erhaben, es war die fortwährende
+dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne
+Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß.
+Wenzel war groß und stattlich, und der Glanz eines
+jungen, rasch und kühn erworbenen Reichtums umstrahlte
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um
+Katschinskys Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um
+Verzeihung, Herr Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher.
+„Ich erinnere mich nun genau, wir trafen uns bei
+der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm dies in
+der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder
+an Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen
+Gefühls, das er zuletzt im Salon der Gräfin
+Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin Poppow lebte
+davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer Spielergesellschaft
+öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin
+eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede
+Leidenschaft, ohne Genuß, und sich vorgenommen, den
+Salon der Gräfin Poppow zu meiden, ohne daß er einen
+bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre
+sagte ihm nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich
+ein Russe, ein sehr eleganter junger Mann mit einem großen
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+Brillanten am Finger. Diesen Brillanten hielt Wenzel
+für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit Leuten zu
+spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß
+Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln
+mit ihm austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen,
+er wußte nicht warum.
+</p>
+
+<p>
+An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian
+wandte: „Haben Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“
+</p>
+
+<p>
+Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein
+Geld!“ rief sie aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete
+sie ein zweites Mal.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er,
+muß sie ihm denn gleich sagen, daß sie kein Geld hat?
+Sie wird es nie lernen, es ist zum Verzweifeln!
+</p>
+
+<p>
+„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter.
+Die Verwirrung des jungen Mädchens entzückte ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher
+kommt es, daß diese alten Dinge schöner sind als die
+unserer Zeit?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel
+Geld haben, diese kostbaren Dinge herstellen zu lassen?
+Hat aber jemand die Mittel, so hat er sicherlich nicht den
+Geschmack.“
+</p>
+
+<p>
+Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu
+äußern, und nur um etwas zu sagen, warf er lässig hin:
+„In früheren Zeiten hatte der Mensch von Kultur die
+Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil einzufühlen,
+heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei
+Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu,
+und Katschinsky schämte sich, etwas so Banales gesagt zu
+haben.
+</p>
+
+<p>
+„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+sagte Jenny. „Ich fühle nur, das ist schön, oder
+das gefällt mir nicht. Haben Sie viel gekauft, Herr
+Schellenberg?“
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine
+Augen blendeten vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob
+Schellenberg kaufte oder nicht? Er ahnte nicht, daß Jenny
+nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.
+</p>
+
+<p>
+„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte
+Wenzel. „Ich kaufe weniger, weil ich mir ein
+besonderes Verständnis für Antiquitäten zuspreche, weniger
+aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr,
+weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage
+sehe als in zweifelhaften Effekten.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie
+seine Offenheit verblüfft.
+</p>
+
+<p>
+„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte
+Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Sie errötete einige Male nacheinander und legte den
+Kopf ganz schief. „Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte
+sie hastig. „Die hiesigen Direktoren wollen mich nicht
+haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr
+Katschinsky zu Hilfe.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“
+fuhr Wenzel fort, „sie war höchst eigennützig. Würden
+Sie sich für den Film interessieren?“
+</p>
+
+<p>
+Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“
+rief sie.
+</p>
+
+<p>
+„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete,
+„vielleicht darf ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch
+zurückzukommen. Ich unterhandle zur Zeit mit
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge sind noch
+völlig in der Schwebe.“
+</p>
+
+<p>
+Die Auktion ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“
+raunte Wenzel Stolpe ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit
+einer knappen, unterwürfigen Verbeugung.
+</p>
+
+<p>
+Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst
+heftiger Kampf. Wiederum war es der frühere Herrenreiter,
+der ein Duell auf Leben und Tod mit dem Agenten
+Wenzels ausfocht.
+</p>
+
+<p>
+Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit,
+im Empirestil. Das Besondere an ihr war ein wundervolles
+Schlagwerk, und während das Duell zwischen
+den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk
+plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei
+den ersten Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus,
+und es wurde vollkommen still im Saal. Hell, rein, in
+unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der Choral: „Ein’
+feste Burg ist unser Gott –“
+</p>
+
+<p>
+Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme
+schluchzen. Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen
+Dame zu, die mitten im Saal saß und das Taschentuch
+vors Gesicht preßte.
+</p>
+
+<p>
+Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort.
+Man hörte wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer,
+und die quäkende, trockene Stimme des Maklers siegte
+abermals.
+</p>
+
+<p>
+Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen
+hatte, erhob sich die alte Dame und verließ, den Schleier
+über das Gesicht gezogen, in verschämter Haltung den
+Saal.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“
+sagte er zu seinem Adjutanten, „finden Sie heraus, wer
+diese alte Dame ist! Es interessiert mich zu wissen, ob
+sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr steht.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den
+Hacken. Für derartige Aufträge war er glänzend zu gebrauchen.
+Wenzel war kaum in sein Bureau zurückgekehrt,
+als Stolpe ihm Bericht erstattete.
+</p>
+
+<p>
+„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von
+Griesbach, Witwe eines Landrats. Die Uhr stammt aus
+ihrem Besitz. Sie lebt im alten Westen am Matthäikirchplatz.
+Ihre Verhältnisse sind noch leidlich geordnet, aber
+sie scheint Geld zu brauchen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie
+werden Frau von Griesbach persönlich die Uhr überbringen.
+Sie werden ihr sagen, daß wir uns erlauben, ihr
+die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns das
+Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später
+doch noch von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“
+fügte Schellenberg hinzu, „so schön die Uhr ist,
+dieser sentimentale Choral würde mich krank machen. Ich
+würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen
+Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen
+Tage. Bei Schellenberg mußte alles rasch gehen, und
+Stolpe war schon einige Male, da er zur Nachlässigkeit
+neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel hinausgeworfen zu
+werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so
+fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe,
+die man in diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit,
+keine anstrengende Tätigkeit, keine besondere Verantwortung,
+fast den ganzen Tag im Auto unterwegs, in
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm
+ein hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach
+Stolpes Geschmack.
+</p>
+
+<p>
+Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den
+er vor etwa drei Jahren vermittelt hatte. Allerdings –
+Stolpe war nicht so einfältig, dies zu übersehen – hatte
+Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein Vermögen verdient!
+Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er
+mit der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte
+zwei Jahre, und als Wenzel schließlich bezahlen mußte –
+die Mark war damals noch nicht stabil –, zeigte es sich,
+daß er den ungeheuren Komplex für ein Butterbrot erhalten
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein
+ältliches Mädchen, schüchtern, verblüht, empfing ihn.
+Sonderbar, so unsicher sich Stolpe Wenzel und seinen
+Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde er,
+sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte
+mit den Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den
+Fingerspitzen übers Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein
+sonderbarer Auftrag! Das ältliche Mädchen errötete, stand
+auf und verließ das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte
+sich eine auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken
+an der verblaßten Tapete erkannte man, daß Bilder
+von der Wand entfernt worden waren. Offenbar hatte
+man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine
+gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst
+des Schrankes.
+</p>
+
+<p>
+Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet,
+in ein Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer
+Nase und kalkigem Gesicht. Sie war außerordentlich
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+erregt. Wenzels Anerbieten schien sie tief verletzt zu
+haben.
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen,
+unangenehmen Stimme aus. „Wir sind gezwungen,
+ein Stück um das andere zu verkaufen, um das Leben
+zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns
+jeder reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“
+</p>
+
+<p>
+„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit
+zärtlicher Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –?
+Nein, sie wolle um keinen Preis eine Gefälligkeit von
+einem völlig Unbekannten annehmen.
+</p>
+
+<p>
+Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein
+Chef, Herr Wenzel Schellenberg, bekleide den Rang eines
+Hauptmanns, sie verkenne ihn völlig. Es sei ihm einfach
+unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu rauben.
+Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt
+über so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die
+Uhr wenigstens noch einige Zeit bei sich zu haben. Ihr
+Herz hänge an der Uhr, besonders an dem Glockenspiel,
+das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet
+habe. Die Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater
+habe sie persönlich vom König von Sachsen bekommen.
+Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs Großmut.
+</p>
+
+<p>
+„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe.
+Herr Schellenberg kann die Uhr jederzeit wieder abholen
+lassen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um
+ihren Dank auszudrücken. Anders tat sie es nicht.
+</p>
+
+<p>
+Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte,
+brach er in lautes Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu
+ein großes Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank
+für die Dose sandte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3">
+3
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in
+der Wilhelmstraße im Laufe der Jahre über alle Etagen
+ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft und die Mieter
+langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war
+er dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das
+rechte Gesicht zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.
+</p>
+
+<p>
+Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein
+halbes Dutzend der edelsten Reitpferde. Er hatte die
+Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von dem ersten
+Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in
+Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht
+im Rohbau fertig, da zeigte es sich, daß sie viel zu klein
+für ihn war. Er erwarb einen Bauplatz im Grunewald,
+wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier baute
+Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß
+sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr
+errichtet worden war.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft,
+alles, was ihm gut schien, wo er einen Gewinn witterte.
+Es war nicht sein Verdienst, daß er immer gewann. Es
+war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer in den
+Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen,
+daß keine Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten,
+bevor sie nicht in Atome zersplittert sei. Er kaufte
+Wälder, Schiffe, Terrain, Güter, Bergwerke, Fabriken.
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte er alle
+Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe
+in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze
+Städte aus Glas ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel
+aufkaufen, was nur erreichbar war. Ganze Straßenzüge
+in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die
+verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und
+die geringen Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren.
+Um die Häuser, die Schellenberg gehörten, kümmerte
+er sich nicht. Es war eine besondere Abteilung,
+und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus,
+die die Mieter gegen Wenzel führten.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte,
+so forderte er wenigstens einen Teil der Kaufsumme in
+Devisen. Das war gegen das Gesetz, aber das kümmerte
+ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger Narr war, kümmerte
+sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten,
+der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen,
+daß es auch nicht die kleinste Masche gab, durch die man
+entschlüpfen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich
+schienen. In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft
+hatte er einen Patentanwalt kennengelernt, der dem
+Alkohol völlig verfallen war, aber eine ausgezeichnete Witterung
+für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er
+engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß
+der Patentanwalt nur einen Tag in der Woche wirklich
+brauchbar war. Er opferte für diese Patente viel Geld,
+aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die zehnfache
+Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in
+Holland, die ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser
+Fabrik wußte überhaupt nur sein erster Direktor, Goldbaum,
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen
+Büchern.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die
+Wahrheit zu sagen. Wenn er erfuhr, daß ein Vertrag allzu
+große Nachteile für den Kontrahenten hatte, so machte
+er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das
+nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn
+er den Kontrahenten zermalmte.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke.
+Eine Zeitlang warf er sich auf die Papierfabrikation. Er
+brachte eine große Anzahl von Papier- und Zellulosefabriken
+in seine Hand. Diese Fabriken besaß er noch heute,
+aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des
+Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte
+er sich auf die chemische Produktion geworfen, deren
+Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. In dieser Zeit hatte
+er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm
+manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht,
+Michael für seine Firma zu gewinnen. Aber Michael
+wies auch die phantastischsten Angebote zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte
+große Energie und eine unverwüstliche Gesundheit. Wenzel
+gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete sechzehn Stunden
+und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am
+Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem
+Schlaf, bevor es noch recht Tag war, schon wieder
+im Auto. In all den drei Jahren hatte er noch nicht drei
+Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je bewegter der Tag
+war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es
+war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte,
+er spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes
+für ihn als ein fortwährendes Hasardieren. Wenzel
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+hatte sogar schon seine Grabschrift in diesem Sinne entworfen.
+Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier
+ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
+</p>
+
+<p>
+Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte
+er zu jenen, die „auf den Knopf drückten“. Die
+Türen sprangen auf, die Direktoren und Beamten stürzten
+mit Mappen und Akten über die Korridore ...
+</p>
+
+<p>
+Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine
+größere Anzahl ehemaliger Offiziere, sogar ein General
+war unter ihnen. Alle drängten sich an ihn heran, der
+Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In allen
+Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde,
+das Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle
+demütigten sich um dieses elenden Geldes willen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er
+hatte ein ungeheures Vermögen zusammengerafft, eine
+Masse von Geld, die anschwoll, abebbte und wieder anschwoll.
+Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf
+Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte
+eine völlige Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten.
+Um seine Unternehmungen flüssig zu halten, würde er für
+den Übergang riesige Summen benötigen. Man erinnert
+sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von einer
+Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage
+für Wenzel. Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen
+Spielers, der alles wagt, saß er da und wartete. Zwei,
+drei Börsentage wartete er ab, dann aber entschloß er sich.
+Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich endlos
+fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er
+nie vergessen. Er hatte die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren,
+gewiegte und gerissene Burschen, hatten ihn
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+beschworen, zu warten, besonders der dicke Goldbaum,
+der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen
+alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf
+gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch
+heute mußte Wenzel lachen, wenn er an diese Szene dachte.
+Und es ist wahr: Er lachte auch damals! Denn es war
+ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das Doppelte
+oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage
+hatten die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an
+der nächsten Börse aber krachte das ganze Gebäude zusammen.
+Innerhalb von zwei Tagen hatte Schellenberg
+sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig,
+er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen,
+dieser riesige Konzern, schwankte in diesen Tagen.
+Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der alte Raucheisen
+ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn Minuten zu
+spät kam, wie?
+</p>
+
+<p>
+Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die
+Zinssätze. Während Tausende von Unternehmungen in
+dem Höllenstrudel versanken, stand Schellenberg wie ein
+Leuchtturm in der Brandung.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4">
+4
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie
+lagen im Rheinland. Schon vor längerer Zeit hatte er ein
+Patent erworben, das die Herstellung farbiger Filme in
+großer Vollendung gewährleistete. Es waren nicht jene
+Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont,
+wie Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel
+große Hoffnungen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung
+mit ihm gesucht. Aber Wenzel war bis heute
+nicht dazu zu bewegen gewesen, sich an der Filmproduktion
+auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die Rentabilität
+war nicht sicher und die Filmleute so gerissene
+Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht
+begegnet war. Die Filmindustrie war in den letzten Monaten
+völlig niedergebrochen. Man wandte sich immer
+dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten
+Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende
+Angebote gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum,
+hatte stundenlang auf ihn eingeredet. Aber Wenzel
+zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente, wenn er
+das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er
+sie. Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren
+Quellen nicht bekannt waren. Nun gut, weshalb nicht?
+Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie alle seine Mitarbeiter.
+</p>
+
+<p>
+Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval
+&amp; Co. erblickte, forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit,
+mit der schönen Schauspielerin in Verbindung
+treten zu können. Während er mit ihr auf der Treppe
+sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen
+Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in
+ihm verstärkt. Mit welcher Inbrunst hatte sie, als er sie
+fragte, ob sie diese schönen Dinge liebe, geantwortet: „Ich
+liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche Begierde und Sehnsucht
+strahlten aus ihren Augen, während sie diese Worte
+sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen,
+daß diese Frau ihm näherkommen möchte, und
+da fielen ihm plötzlich die Verhandlungen mit dem Filmkonzern
+ein. Nur aus diesem Grunde hatte er sie gefragt,
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf
+sich günstig, daß sie ohne Engagement war.
+</p>
+
+<p>
+Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin
+und Goldbaum zu sich, um mit ihnen die Frage des
+Kredits an den Filmkonzern erneut zu beraten. Goldbaum
+war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand zurückkam.
+Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes
+Gesicht strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig
+hinter dem schiefen Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig
+das Gesicht mit der schiefen Nase.
+</p>
+
+<p>
+„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen
+und ziehen Sie die Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die
+Daumenschrauben‘, das war ein stehender Begriff im
+Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie
+zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung
+mit den Herren haben können.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran
+setzen?“ fragte Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe meine Gründe.“
+</p>
+
+<p>
+Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung.
+„Schön, schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz
+wird im Laufe des morgigen Vormittags stattfinden.“
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der
+Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief
+mit der Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau
+der Gesellschaft vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg
+hatte die große Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung
+aufmerksam zu machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Wenzel Schellenberg!“
+</p>
+
+<p>
+Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte,
+wie ihre Hand eine leichte Lähmung überkam. Dann
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+aber geriet sie in einen wahren Freudentaumel. Sie kleidete
+sich hastig an und stürzte augenblicklich zu Katschinsky.
+</p>
+
+<p>
+„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar
+nicht so sehr erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei
+Fingerspitzen auf und kniff die Lippen zusammen. „Ah,
+Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch lachend, und
+kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft
+ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie
+sah, daß er blaß geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche
+keine Protektion,“ sagte er gekränkt.
+</p>
+
+<p>
+„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt
+in einen Sessel. „Sie schreiben, ich möchte ihnen
+eine kleine Szene vorspielen, damit sie wissen, wie sie
+mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine
+Szene soll ich spielen? Rate mir!“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für
+eine Szene? Nun, wir wollen darüber nachdenken.
+Strindberg? Willst du eine Szene aus Strindbergs ‚Christine‘
+spielen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie
+berieten hin und her. Endlich sprang Jenny ungeduldig
+auf. „Wir wollen zu Stobwasser gehen, vielleicht fällt
+ihm etwas ein.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in
+seinem Atelier, umgeben von seinen Papageien, Kakadus,
+Staren und seiner Katze, und modellierte an einer kleinen
+Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was die beiden wollten,
+die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in seinen
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche
+Sache, Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie
+herzlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys
+blonden Scheitel gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.
+</p>
+
+<p>
+Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es
+wird dir nicht gelingen, mir die Freude zu verderben!“
+rief sie aus. Sie lachte dabei, aber sie schämte sich für
+Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine Eifersucht
+nicht verbergen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann
+nachzudenken. Ja, was sollte Jenny spielen? Es war
+natürlich von der größten Wichtigkeit, daß das Debüt erfolgreich
+verlief. Schließlich hob er die Hände zur Decke
+empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß
+uns nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten
+kann Jennys ganze Zukunft abhängen. Wir wollen ins
+Café gehen und beraten.“
+</p>
+
+<p>
+Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder
+Strindberg noch sonst einen Dichter spielen sollte. Sie
+sollte eine kleine Szene vorspielen, die ihr schauspielerisches
+Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung ins rechte
+Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde
+folgende Szene spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich
+spiele einen Mannequin in einem Modesalon. Das heißt,
+nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe. Ein
+schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam
+zum Leben. Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun
+wird sie ganz lebendig. Sie plaudert mit dem Herrn. Da
+aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt wieder zu
+einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+Stelle erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem
+Postament zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf
+dem alten Platz. Wie gefällt euch dies?“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine
+wunderbare Szene!“ rief er aus. „Sie werden Augen
+machen. Wenn sie Sie dann nicht engagieren, ist ihnen
+nicht zu helfen!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit
+großer Bestimmtheit.
+</p>
+
+<p>
+„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch
+seinen Ton.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die
+Szene gut durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg
+haben wirst.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob
+sich. „Ich werde nun gehen, um gleich mit der Arbeit
+zu beginnen,“ sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien
+ihn nicht zu bemerken.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5">
+5
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“
+bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet und
+hundertmal vor dem Spiegel eingeübt.
+</p>
+
+<p>
+Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit
+äußerster Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde
+zu warten. Die Türen öffneten sich von selbst,
+und über lange Korridore wurde sie direkt in das Heiligtum
+des Direktoriums geleitet.
+</p>
+
+<p>
+Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Es war ein kurzes
+Schreiben Schellenbergs, der sie ermahnte, keinerlei Vertrag
+zu unterschreiben, bevor er ihn nicht gesehen habe.
+Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu besprechen
+und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper
+mit ihm besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute
+habe.
+</p>
+
+<p>
+Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht
+fieberrot.
+</p>
+
+<p>
+Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete,
+beleibte Herren, höflich, ja fast unterwürfig.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie
+uns überraschen werden, Fräulein Florian?“ fragte einer
+der Direktoren.
+</p>
+
+<p>
+Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor
+Angst doppelt so groß geworden.
+</p>
+
+<p>
+Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann
+sie, aber sie spielte verwirrt und schlecht.
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund
+zur Erregung.“ Die Herren verschwanden tief in ihren
+Sesseln, um sie ja nicht zu stören.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt
+hatte, drückten ihr die Direktoren anerkennend die Hand.
+„Wir werden sehen, Fräulein Florian. Es wird nötig
+sein, Sie in einer ganz besonderen Sache herauszubringen.
+Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der
+Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre.
+Sie können ihn morgen unterzeichnen.“ Unter vielen
+Bücklingen komplimentierten die Direktoren Jenny hinaus.
+Als sich aber die Polstertür hinter Jenny geschlossen
+hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten
+Direktoren. „Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist
+hübsch, ja schön. Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen
+sind ungekünstelt, reizvoll, bezaubernd, rührend,
+voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher.
+Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht
+wiederzuerkennen.“
+</p>
+
+<p>
+„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs
+Brief zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte
+er, indem er die grauen Augen streng auf sie heftete.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht
+meinen Ruf, wenn ich mit einem Herrn eine Opernvorstellung
+besuche, der guten Kreisen angehört?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist?
+Gute Kreise? Zugegeben, er war früher Offizier – sein
+Ruf ist jetzt nicht der beste. Du weißt, daß er einer der
+rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute in Deutschland
+leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger Berlins.
+Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie
+man Ware kauft!“ Katschinskys Stimme bebte.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige
+dich,“ versuchte sie ihn zu besänftigen, bebend unter seinen
+versteckten Beschimpfungen. „Ich habe dir nie Anlaß gegeben,
+mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht ist
+deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen,
+um nicht ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“
+</p>
+
+<p>
+„Also du gehst?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich gehe.“
+</p>
+
+<p>
+Krachend flog die Türe ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane
+ihres bescheidenen Zimmers. Dann aber erhob sie
+sich, wusch sich die Augen, kühlte die Wangen mit Kölnischem
+Wasser.
+</p>
+
+<p>
+„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette
+anzündete. „Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß,
+Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es zu Ende ist!“ Jetzt
+erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den
+Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist
+er schließlich? Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen
+ihn die andern Männer! Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß
+ich diese Verbindung löse! Ich aber habe gefallen,“ fuhr
+sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich
+tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen
+Teppich hin- und herging. „Mein Engagement ist perfekt.
+Ich werde meinen Weg machen. Und Schellenberg
+–“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an
+Papa schreiben.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie
+jedermann. Sie hatte als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen
+und Blumensträuße überreicht, wenn eine hohe
+Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf
+Jahren hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle
+mitgewirkt. Mit vierzehn Jahren bekam sie einen Preis
+bei einem Schwimmfest. Wer sollte Jenny Florian nicht
+kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße, zwischen
+fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn
+Jahren malte und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung
+arrangierte eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten,
+und die Kritiker der Zeitungen schrieben anerkennende
+Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny
+Florian beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+in einigen kleinen Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny
+Florian nicht kennen? Man prophezeite ihr eine große
+Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer Vaterstadt,
+und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine berühmte
+Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin,
+vielleicht Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte
+Sängerin? Denn es war bekannt, daß Jenny eine wunderbare
+Stimme habe. Erschien sie nur auf der Straße,
+so wandten sich alle Leute nach ihr um.
+</p>
+
+<p>
+Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort
+war, wo Jennys große Begabung sich entwickeln konnte.
+Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf seine begabte Tochter,
+sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg. Dann
+aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu
+widmen.
+</p>
+
+<p>
+In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky
+kennengelernt, und in Berlin hatten sie sich natürlich
+wieder getroffen. Katschinsky hatte in dieser Zeit
+einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter brachten
+einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde
+er anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm
+auf. Katschinsky begleitete sie in die Museen, er führte
+sie in die Theater, erzählte ihr Interessantes über diesen
+und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch. Er führte
+sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene
+Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten,
+Schriftstellern vor, führte sie in verschiedenen Ateliers
+ein. Er war ein unschätzbarer Mentor. Mehr als das:
+er liebte sie.
+</p>
+
+<p>
+Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten.
+Schon seit einigen Monaten hatte sie es sich vorgenommen
+und immer gezögert. Von Woche zu Woche.
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich
+von ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken.
+Ihr Urteil war rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß
+sie die Persönlichkeit des Freundes überschätzt hatte. Sie
+sah plötzlich seine Fehler und Schwächen. In den Zeiten,
+da sie ihn zu lieben glaubte – denn in Wahrheit hatte sie
+ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen Zeiten hatte
+sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr
+aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du
+hast den Mund eines Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes,
+blondes Haar geliebt, nun aber fand sie, daß dieses Haar
+zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch vor Monaten
+hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen.
+Es gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr
+aber wußte sie, daß Katschinsky nichts war als ein
+Egoist, der nur an sich dachte und an nichts anderes.
+Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie
+belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war
+in Verlegenheit, er versicherte, kein Geld zu haben, aber
+doch ging er da und dort hin, in dieses Café, in jene Diele.
+Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den er entbehren
+konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie
+mit Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß
+es ihm nicht, daß er einmal Geld von ihr borgte, um,
+wie er sagte, einem kranken Freunde beizuspringen. Sie
+gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und
+Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das
+Geld von ihr geborgt hatte, um auf einen Maskenball zu
+gehen. Sie erfuhr es ganz durch Zufall. Sie erfuhr aber
+auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei mit einer
+Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen
+Geld nahm. Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+seinen Worten nicht vollen Glauben schenken konnte. Oh,
+mehr als das, es wurde ihr klar, daß er fast immer log.
+In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen Freunden
+eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen,
+in Zukunft diese Kreise zu meiden.
+</p>
+
+<p>
+„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen
+Bekanntschaften und Ambitionen.“
+</p>
+
+<p>
+Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den
+einst Vergötterten gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten
+alten Vater schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen,
+daß sie einen dreijährigen Kontrakt mit einer der
+ersten Filmgesellschaften abgeschlossen habe. Der Vertrag
+sei so gut wie perfekt. Über die Bedingungen würde
+sie morgen berichten. Aber während sie schrieb – ausführlich
+schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft,
+nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht
+–, während sie schrieb, quälte sie dieser Konflikt, in dem
+sie sich befand. Ich werde mit Katschinsky brechen, sagte
+sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun sollen. Was
+wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen,
+daß –
+</p>
+
+<p>
+Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie
+nicht so gepeinigt, es kam noch etwas dazu, und das war
+weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß ihr dieser Wenzel
+Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war unzweifelhaft,
+sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke
+ihr der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder,
+als habe man mit einem haarscharfen Messer ihre Brust
+geritzt und ein Tropfen Blut fließe über ihre Brust herunter.
+Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie sehnte
+sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+etwas derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein
+Lächeln? Verächtlich, überheblich? Sie sehnte sich nach
+ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie wußte es, und daß sie
+ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld liebte sie,
+seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile.
+Sie wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde
+sie von ihm annehmen. Sie wollte nicht seine Pferde und
+Automobile, was gingen sie die an? Er protegierte sie.
+Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren? Zugegeben,
+daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft
+ohne seine Vermittlung niemals zustande gekommen wäre.
+Er wollte ihr gefällig sein. Konnte sie es ihm verbieten?
+Katschinsky aber hatte stets nur an sich gedacht, und selbst
+jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie Erfolg
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz
+allein erregt war, auch ihre Sinne. Was würde werden?
+Was würde geschehen? Er würde es ihr sofort ansehen,
+auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny
+den Brief. Seehund war ihr Kosename für den Vater,
+der, mit seiner Glatze, seinen runden Augen und seinem
+hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit
+mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter
+Seehund, morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große
+Dinge vor. Ich fühle es, daß ich glücklich sein werde!“
+</p>
+
+<p>
+Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während
+die Qual sie zerriß. Mochte es stehen bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten.
+Dann ging sie langsam durch die Straßen, um nachzudenken,
+um sich zu sammeln, um das heiße Gesicht zu
+kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen?
+Er wird es mir sofort ansehen! Ich werde nicht
+in die Oper mit ihm gehen. Ich werde abschreiben.“ Sie
+blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen?
+Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also
+sechsundvierzig Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete
+auf einen Briefbogen sechsundvierzig Quadrate, und
+wenn eine Stunde vergangen war, strich sie ein Quadrat
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald
+sie sich über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas
+Gutes darin. Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine
+Stimme ist oft so laut. Immer verschwendet er Kraft,
+auch wenn er spricht. Wenn man in den Sternen lesen
+könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die
+dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war
+das? Was kam da zwischen den Schornsteinen hervor?
+Sie erschrak. Was war das? Licht, gleißendes Licht stieg
+in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine, breitete
+sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.
+</p>
+
+<p>
+„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne
+die Götter zu erzürnen?“ fragte sich Jenny und legte sich
+nieder, den Glanz des Mondes in der Brust. Als sie am
+Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate ausstreichen.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört,
+bleich, die Augen gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam.
+„Was ist geschehen, um Gottes willen?“ fragte sie
+bestürzt.
+</p>
+
+<p>
+Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den
+unverständlichen Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+sagte er. „Ich muß heute nach Hamburg fahren.“
+</p>
+
+<p>
+Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine
+Brust. „Armer, armer Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“
+</p>
+
+<p>
+Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper
+gehen?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“
+Aber sie wußte, daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige
+muß man belügen, um Ruhe vor ihnen zu bekommen.
+Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie
+weit weg war sie schon von ihm.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6">
+6
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">angsam</span> wurde die Überzahl der dunklen Quadrate
+erkennbar. Nun waren es nur noch vierundzwanzig Stunden.
+Nur um einige Stunden totzuschlagen, ging sie in
+ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein
+verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig
+auf und begann mit den Vorbereitungen ihrer Toilette
+für den Abend. Ihre Garderobe war armselig, fast wäre
+sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren geschickten
+Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte
+Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß
+sie ganz annehmbar gekleidet war. Schellenberg brauchte
+sich ihrer ganz gewiß nicht zu schämen. Am Nachmittag
+kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um ein
+Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau
+ein Viertel nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der
+Wagen stand da. Aber zu ihrer Enttäuschung fand sie
+nicht Schellenberg, sondern den kleinen Stolpe vor dem
+Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann
+man sich nach einem Menschen so wahnsinnig sehnen!
+</p>
+
+<p>
+Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr
+Schellenberg sei noch in einer sehr wichtigen, gänzlich
+unerwarteten Konferenz und könne zu seinem Bedauern
+erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt,
+ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.
+</p>
+
+<p>
+Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie
+den Schmerz einer leichten Kränkung zu verwinden suchte.
+Auch nicht die dringendste Konferenz hätte ihn abhalten
+dürfen. Schon aber urteilte sie milder. Augenblicklich, sie
+hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe mit
+einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für
+Tag, Fräulein Florian,“ seufzte er, indem er sich in die
+Ecke des Autos fallen ließ und nach Luft rang. „Von sieben
+bis acht ritten wir schon unsere Stunde im Tiergarten
+ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg
+nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im
+Flugzeug nach Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas,
+einen Mokka, einen Kognak. Um fünf Uhr zurück, geschlafen
+im Flugzeug, wieder Besprechungen und Konferenzen.
+Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis
+siebzehn Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht
+es Tag für Tag, auch am Sonntag. Es ist mir unbegreiflich,
+wie Schellenberg das aushält. Was gibt man eigentlich
+in der Oper?“
+</p>
+
+<p>
+Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört.
+Alles interessierte sie, was Schellenberg betraf, alles.
+„Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“ antwortete sie lächelnd.
+„Sie wissen es nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian,
+woher sollte ich es wissen? Ich wurde ja erst vor einer
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+Viertelstunde zu diesem allerdings sehr, sehr angenehmen
+und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie übrigens
+den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun,
+dann ist es gut. Ich atme auf. Schellenberg befahl mir,
+Sie daran zu erinnern. Und hier – ich bitte um Verzeihung
+– sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat
+sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen.
+Er hat sie mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben
+Sie mich, wenn er fragen sollte, ob Sie mit mir zufrieden
+waren. Er war heute schon sehr ungnädig! Nein, ich habe
+ein schweres Brot, glauben Sie mir.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb
+arbeitet Herr Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie.
+„Kann er sich nicht irgendwie entlasten?“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine
+Herr von Stolpe. „Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen
+Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich. Er macht alles
+selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine
+Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert
+er am Tage hinaus. Am Abend aber, sollte man annehmen,
+sinke er tot um. Aber nein, weit gefehlt, am Abend
+wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater, Gesellschaften,
+Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft.
+So geht es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich.
+Dabei ist er immer in prächtiger Laune. Sie werden ja
+sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer Mensch ist
+Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem
+ganzen Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht
+kennengelernt. Wenn ich ihn auch zuweilen verfluche –
+ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat Format, sehen
+Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß, schrankenlos,
+ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+schwärmte Stolpe von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende
+Stolpe, dieses rotbäckige, mit den Absätzen
+knallende Nichts, bei dessen Anblick sie früher die Brauen
+hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.
+</p>
+
+<p>
+In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen
+Lakai, der steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen
+wagte er leise und devot nach ihren Wünschen zu fragen.
+„Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas
+Sekt?“
+</p>
+
+<p>
+Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet,
+und Wenzel trat in die Loge. Stolpe verschwand
+ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel begrüßte
+Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben
+ihr Platz genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog.
+Sie suchte sich zu beherrschen, vergebens. Sie fühlte
+Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede Hast über sie glitt.
+Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört hätte,
+sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr
+Profil, über ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme,
+und sie begann unter diesem Blick zu zittern. Welche
+Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen? Dann
+aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels
+Atem ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte
+zur Seite und sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt
+hatte, als ob er schlafe. Und in der Tat, während Mozarts
+Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit Zauber,
+Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel
+Schellenberg still in seinem Sessel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden
+noch schmaler, ihr Blick unglücklich und verletzt. War
+es, auch wenn man die größte Nachsicht übte, nicht der
+Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht, und dann
+schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt!
+Sie versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte
+es nicht! Er schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts,
+und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen
+und starrte auf die im Applaussturm sich verneigenden
+Sänger wie auf eine Schar von Narren. „Ich bitte Sie
+tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich
+schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch
+die Musik, und dann schlief ich plötzlich ein. Ich war
+furchtbar müde. Ist es zu Ende?“
+</p>
+
+<p>
+Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm
+aus. Ihre schönen Augen lächelten Verzeihung.
+</p>
+
+<p>
+Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen,
+feierlichen Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen
+Restaurant, wo er vor Jahren mit Michael soupierte.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die
+man nie kennenlernt, die sich verhüllen, verschleiern, mit
+ihrem Willen oder gegen ihre Absicht. Dumme, eingebildete,
+überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum gibt
+es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen,
+und es gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man
+in der ersten Minute vertraut ist. Das sind die Ehrlichen,
+Einfachen, Reichen, die sich nicht scheuen, die Türe weit
+aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es Jenny,
+gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten,
+versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen,
+vorzutäuschen, er posierte nicht, er war schlicht und einfach
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+und gerade. Nach einer kurzen Befangenheit hatte
+Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon jahrelang
+kenne.
+</p>
+
+<p>
+Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen,
+zum erstenmal sah sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war
+breit, derb, fast etwas bäurisch, aber fest und groß. Die
+Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen hingen
+wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar,
+es schien Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick
+zum erstenmal wirklich ein menschliches Gesicht. Alles,
+was sie sich früher über das menschliche Antlitz gedacht
+hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also
+begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht
+des Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel,
+die grauen Augen, deren Blick etwas kalt schien, fest auf
+sie gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut?
+Wozu Mut, Herr Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen
+Kopf verlegen zur Seite geneigt.
+</p>
+
+<p>
+„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht
+–?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten
+geworden ist. Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe
+haben die Menschen im allgemeinen zu einem erbärmlichen
+Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die Angst
+davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das
+Urteil ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern,
+gelegentlich, wegen irgendeiner Sache, ein paar
+Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so lächerlich sind diese
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und ekelhaft
+– ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet:
+Mut zu haben, dem Leben in die Augen zu sehen?
+Es bedeutet den Mut zu haben, unter Umständen auch zugrunde
+zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben, Fräulein
+Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie
+eine Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur
+Mut hat.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“
+</p>
+
+<p>
+„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian.
+Denn Sie haben es ja im Leben nicht mit Tigern zu tun,
+sondern mit Menschen. Der Tiger ist gewiß eine achtunggebietende
+Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte noch
+schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre,
+sein Gebiß mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit
+nach seinem Opfer zu schleudern. Das alles aber kann
+der Mensch, der weitaus schrecklicher ist als der Tiger. Er
+opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine Genußsucht,
+ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen,
+für seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem
+wildesten Tiger nicht in den Sinn käme.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch
+wird sich demütig zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie
+nur Mut haben. Und Sie werden diesen Mut haben. Auf
+Ihre Gesundheit!“
+</p>
+
+<p>
+Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam
+ihre Wangen mit einem zarten Orangehauch, der Wenzel
+entzückte. Es ist ein Rot, wie es Ziegelsteine abfärben,
+dachte er.
+</p>
+
+<p>
+„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er
+fort, „weil sie feige sind! Es wird sich also darum handeln,
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Fräulein Florian, daß Sie alle Ihre Fähigkeiten
+steigern und meistern. Sie haben viele Talente, erwidern
+Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich
+gestehe es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre
+Talente interessiere. Ich selbst bin ohne jede Begabung,
+wenn man es nicht eine Begabung nennen will, daß jemand
+mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von
+Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine
+Kunst für Kinder und Schwachsinnige, nicht mehr. Um
+so mehr ziehen mich Menschen mit Talenten an. Endlich
+also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die eine
+Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens.
+Später brauchen Sie weder mich noch den Teufel!
+Ihr ganzes Dasein muß auf die Pflege und Schulung
+Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es ausartet, mißverstehen
+Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen
+filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen.
+Ein paar Jahre zähester Arbeit – hören Sie! –, und die
+Welt liegt zu Ihren Füßen, ich weiß es.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos
+an sie?
+</p>
+
+<p>
+Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen
+beginnen wir, Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß
+Sie auch tanzen? Schön, damit werden wir anfangen.
+Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden Lehrer für
+Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach
+einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann.
+Sie werden täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht.
+Meine Pferde stehen sich die Beine lahm im Stall. Sie
+werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten Hotel
+oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese
+Dinge sind nicht unwesentlich und spielen eine größere
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+Rolle, als Sie vielleicht ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt
+sein, Sie werden sich disziplinieren. Ohne Disziplin ist
+nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies,
+dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner
+Leitung anvertrauen?“
+</p>
+
+<p>
+Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche
+Kraft des Willens, und sie begann plötzlich
+Wenzel Schellenbergs Erfolge zu begreifen.
+</p>
+
+<p>
+„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu
+sein –“ Plötzlich änderte Wenzel den Ton. „Da fällt
+mir ein,“ sagte er, „wo ist der Vertrag der Filmgesellschaft?
+Darf ich ihn sehen? Man kann nie vorsichtig genug
+sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es
+ist gut so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film,
+den Sie spielen, ein besonderes Honorar erhalten und dazu
+ein Fixum. Werden Sie mit zweitausend Mark im Monat
+reichen?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber gewiß.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde
+als Ihr Wächter hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit
+dem Schwert. Ich glaube nicht an die Liebe, Fräulein
+Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und schätze
+sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute
+Kameraden werden.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7">
+7
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um
+sechs Uhr sollte Frau von dem Busch in Berlin eintreffen.
+Trotzdem Lise sich schon am frühen Nachmittag fertig gemacht
+hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam
+sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+großen Glück mußte der Zug einige Minuten Verspätung
+gehabt haben. Die Reisenden strömten gerade über den
+Bahnsteig.
+</p>
+
+<p>
+Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt
+in Mantel und Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen
+zu breiten Rand. Dazu trug sie einen Schleier. Frau von
+dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant zu
+kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin.
+Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese
+Bewegung erschien Lise ungnädig und ungeduldig.
+</p>
+
+<p>
+„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte
+in die Arme der Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet
+habe, aber das Auto hatte eine Panne.“ Sie log zu
+ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch,
+die mit großer Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge
+behielt. „Hier, Träger Numero zweiundvierzig, nehmen
+Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht, Lise.“
+</p>
+
+<p>
+„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“
+Es schneite in dicken Flocken. Aber die Flocken
+zerrannen sofort wieder auf dem Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.
+</p>
+
+<p>
+„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau
+von dem Busch, und ihre Stimme wurde klar und sicher.
+„Die Ankunft ist immer das Schlimmste. Wie geht es zu
+Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen, um
+deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden
+ist, Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+nicht, daß ihre Mutter schon im Wagen von diesen unerquicklichen
+Dingen spreche.
+</p>
+
+<p>
+„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei
+und dazu das Rheuma. Der Winter war sehr schlecht.“
+</p>
+
+<p>
+Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie
+lange wird sie bleiben wollen?
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die
+Großmutter im Treppenhause. Sie hatten länger als
+eine halbe Stunde vor der Tür gewartet. Als sie die
+Großmama erkannten, stießen sie ein lautes, freudiges
+Geheul aus.
+</p>
+
+<p>
+„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte
+sie Frau von dem Busch. „Was sollen die Leute sagen?
+Kommt erst herein!“ Sie herzte und küßte die
+Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte
+glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch
+endlich wieder, und wie reizend sie euch herausgeputzt
+haben.“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter
+vollkommen hin. Sie schmiegte sich mit ihrem
+ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre herabgestürzt,
+hatte man sie nicht festgehalten.
+</p>
+
+<p>
+Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er
+wand sich abwehrend, so gut es ging, ohne daß es allzusehr
+auffiel, in den Armen der Großmutter. Er liebte es
+nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte, entstand
+ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen
+Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von
+dem Busch hatte einige dünne Härchen auf der Oberlippe,
+die für gewöhnlich aber niemand beachtete.
+</p>
+
+<p>
+„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+Pelzkragen hatte sie abgeworfen. Ihr Hut saß etwas
+schief von den Liebkosungen der Kinder.
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus.
+„Marion hat genau solche hübsche rote Backen, wie du
+sie hattest, Lise. Jede ein Apfel. Gerhard sieht nicht so
+wohl aus. Das ist ein ganz anderes Gesicht,“ sagte sie
+zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber ahnte,
+daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit
+einem argwöhnischen Blick an.
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade
+in den Mund. „Und du, wie heißt du?“ wandte sie sich
+plötzlich an das Zimmermädchen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte.
+Das Mädchen lachte nur, weil Frau von dem Busch sie
+duzte.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es
+sich einfallen lassen, so zu lachen. Bringe eine Nadel und
+einen Faden, siehst du nicht, daß eine Masche von Marions
+Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben
+keine Augen im Kopf.“
+</p>
+
+<p>
+Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik
+bringen und ihr zeigen, wie weit er bereits in den
+Lektionen gekommen war. „Und, wie sagt man: Hier
+bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie
+man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm
+alberne Fragen in dieser herrischen Form vortrug, und
+so antwortete er nicht. Seine grauen Augen glänzten abweisend,
+es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die
+Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie
+versprach Gerhard, ihm morgen zu zeigen, wie man ein
+Buch einbindet.
+</p>
+
+<p>
+„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter.
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+„Aber schon ist die große Begabung des Vaters
+unverkennbar.“
+</p>
+
+<p>
+Lise staunte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem
+Busch hatte die Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise,
+sah ihr lange und zärtlich in die Augen, und dann begaben
+sich die beiden Frauen in das Speisezimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war
+höchste Zeit, daß ich wieder einmal nach Berlin kam, um
+mit dir über all die Dinge zu sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und
+zerknitterte die Stirne.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht
+worden waren – gab es für Frau von dem Busch
+kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte sich in den
+Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr
+von dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war.
+„Also,“ begann Frau von dem Busch, „ihr zankt euch
+noch immer?“
+</p>
+
+<p>
+„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an.
+</p>
+
+<p>
+„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott,
+was für ein Kind er ist, ein wilder Junge, der dumme
+Streiche macht. Aber man muß zugeben – und ich habe
+es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute Eigenschaften
+hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das
+ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten,
+haben. Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“
+</p>
+
+<p>
+Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die
+Mutter, sofort erregt. „Du scheinst die Situation, die du
+ja zur Genüge kennst, absichtlich verkennen zu wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen
+mir und Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind
+nur Worte, Lise,“ entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt,
+die dreimal geschieden wurden und sich immer wieder
+heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose Natur, er
+mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon
+anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den
+Versuch machen –“
+</p>
+
+<p>
+Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal
+wiederholt, Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter
+Stirn. „An eine Aussöhnung ist nicht zu denken.
+Wenigstens was meine Person betrifft, nie, niemals.
+Und auch Schellenberg –“
+</p>
+
+<p>
+Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand.
+„Ich meine es ja nur gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir
+können doch über all diese Dinge ruhig und offen sprechen.
+Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so
+viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei
+mir. Was er alles erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es
+gedacht, soll ja eine ganz fabelhafte Karriere gemacht
+haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst von Carlowitz
+sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von
+Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen
+Fähigkeiten habe ich ja nie gezweifelt.“
+</p>
+
+<p>
+Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“
+sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen?
+Man muß über all diese Dinge ruhig sprechen können.
+Der Zeitpunkt einer Aussöhnung scheint dir also noch nicht
+gekommen zu sein? Das ist schade, sehr schade. Ich hätte
+es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach
+von ungeheuren Reichtümern.“
+</p>
+
+<p>
+Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh,
+Mama, ich will nichts von diesen Reichtümern. Ich will
+nichts von diesem zusammengescharrten Geld!“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie
+töricht du bist!“ rief sie aus. „Du bist ja immer noch
+seine gesetzmäßige Frau! Wie gut ist es, daß ich wieder
+einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin, eine
+Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen
+wahrzunehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte
+Lise gelangweilt.
+</p>
+
+<p>
+„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte,
+vielleicht übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht
+einer Großherzogin gekauft habe!“ Frau von dem Busch
+wollte alles, jede Einzelheit wissen, sie war ja nur zu diesem
+Zwecke nach Berlin gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe.
+Sie hatte ja über alles bereits hundertfach schriftlich und
+mündlich berichtet. Das war die Wahrheit. Bis auf jene
+Dinge, die Lise absichtlich verschwieg, war Frau von dem
+Busch in alles eingeweiht.
+</p>
+
+<p>
+Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall
+mehr zu ihr zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch
+unter Qualen, damit abgefunden. Sie spielte zuerst die
+Rolle der verkannten, verlassenen Frau. Sie war auch in
+der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah plötzlich
+alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte
+erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften
+verblaßten, und die schlechten Eigenschaften traten hervor.
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+Nunmehr sah sie nur noch die schlechten Eigenschaften
+Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er „nicht
+zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie
+nicht ab, ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten
+Formen fortzuführen. In ihrem Salon gingen Damen
+und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann
+man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg
+immer kommen, immer gab es Umarmungen und Küsse.
+Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht drei, vier
+Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte
+ein Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte,
+Theater, Einladungen aller Art. Als es mehr und
+mehr bekannt wurde, daß Wenzel Reichtümer erwarb,
+beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person sich
+wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und
+ihre Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen.
+„Lise, man hört Dinge –“ Aber Lise richtete
+sich sofort überempfindlich auf und machte weiteren Ausführungen
+mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht
+davon, kein Wort mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte
+kein Arg gegen Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte,
+daß er sie tief verletzt hatte. Da waren ja auch seine beiden
+Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine vorzügliche
+Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von
+Monat zu Monat.
+</p>
+
+<p>
+Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen
+dem Bruder und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse
+liebte, hatte ihr durch Michael und den Anwalt mehr als
+einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr glänzende
+Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise
+nahe daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+notorisch geworden war, setzte sie allen Vorschlägen
+ein eigensinniges Nein entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie
+kaufte Hüte und Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle
+Wenzel zustellen. Er befahl, daß sie bezahlt werden sollten,
+daß man aber den Firmen mitteilte, daß er nicht mehr
+für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit
+einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen
+Firmen, und wieder kamen Stöße von Rechnungen.
+</p>
+
+<p>
+„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten
+zwingt,“ sagte Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab
+die Angelegenheit einem seiner Anwälte. Und die Richter,
+die beim Anblick dieser Rechnungen kaum die Sprache
+zurückfanden, entmündigten Lise.
+</p>
+
+<p>
+Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde
+Lise zum erstenmal in ihrem Leben wirklich ohnmächtig.
+Drei Tage lang schwankte sie kreidebleich durch die Wohnung.
+„Ich hätte nicht gedacht, daß er ein Schuft ist,“
+sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich hielt
+ihn nur für leichtfertig.“
+</p>
+
+<p>
+Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache
+mit der Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur
+angedeutet, daß sie mit Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen
+– Schuhe, Kleider, Wäsche für die Kinder –
+beanstande.
+</p>
+
+<p>
+Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung
+noch immer nicht beendet war, geriet Frau von dem Busch
+an diesem Abend abermals in helle Erregung.
+</p>
+
+<p>
+„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin,
+um nach dem Rechten zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die
+Anwälte machen mit dir natürlich, was sie wollen. Morgen
+werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist ein
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du,
+Lise, wozu ich mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“
+Frau von dem Busch hatte sich vor Erregung erhoben
+und blickte Lise mit einem kühnen Blick an.
+</p>
+
+<p>
+„Wozu, Mama?“ fragte Lise.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es
+tun!“
+</p>
+
+<p>
+„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete
+Lise mit einem spöttischen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig.
+„Oh, er wird es nicht wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie
+und ballte die kleine, bleiche Faust.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8">
+8
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in
+Berlin so angenehm wie möglich zu machen. Frau von
+dem Busch wollte nur eine Woche in Berlin zubringen,
+um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben. Wahrscheinlich
+in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven
+waren angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt
+fühlte sie sich noch nicht ganz erholt.
+</p>
+
+<p>
+Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen.
+Die Wohnung wimmelte von Menschen. Das
+berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein Lohndiener mit
+weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch
+saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen
+und Herren, und strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr
+Schmeicheleien über ihr Aussehen, über Lise und Lises
+Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine
+noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren
+ihre gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+linkes Augenlid war etwas gelähmt und bedeckte das Auge
+um eine Kleinigkeit mehr als das rechte. Das gab ihrem
+Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und geheimnisvoller
+Verschwiegenheit.
+</p>
+
+<p>
+Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem
+Busch traf noch nicht die geringsten Anstalten abzureisen.
+Wie lange bleibt sie noch? fragte sich Lise. Sie liebte die
+Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre Gegenwart nach
+einer Reihe von Tagen nur schwer.
+</p>
+
+<p>
+„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte
+Frau von dem Busch und tätschelte Lises volle, weiche
+Wangen. An den Vormittagen „arbeitete“ sie im Haushalt.
+Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen. Die Gardinen
+wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift.
+Die Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann
+wurden die Fußböden gewichst. Frau von dem Busch
+selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte am Schreibtisch
+ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle
+fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so
+klar, daß niemand zu widersprechen wagte.
+</p>
+
+<p>
+An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll.
+Lise wußte sofort, was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu
+Wenzel gegangen! Sie kannte den Eigensinn der Mutter
+und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung nicht
+schaden würde.
+</p>
+
+<p>
+Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht
+nur die Interessen ihres Kindes verteidigen wollte; auch
+ihre Neugierde trieb sie zu Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich
+die verschiedensten Gerüchte und Legenden vernommen
+– sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in
+Berlin gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten
+diese Legenden eine phantastische Färbung angenommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen.
+Ein Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen
+sprangen heraus, schlüpften hinein. Der Lift stieg lautlos
+in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte höflich und
+wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen,
+luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen!
+Hier konnte Lise lernen.
+</p>
+
+<p>
+Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn,
+als er Lise entführte – einen „gemeinen Verbrecher“
+genannt hatte, einen „dummen Jungen, der noch nicht
+trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun allerdings
+viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie
+bereute.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins
+Zimmer, dem man sofort die gute Erziehung anmerkte.
+Er klappte mit den Absätzen, verbeugte sich, bat um eine
+Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert aussehender
+Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit
+einem unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich
+noch eine Minute gedulden zu wollen. Frau von dem
+Busch war nahe daran, Wenzel alle seine Sünden zu vergeben.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges,
+Schwammiges, das über den Kneifer schielte, rot wie
+eine Rübe, einen kleinen roten Scheitel auf der Glatze,
+rote Bartstoppeln auf den feisten Backen. Goldbaum. Er
+verdarb den ganzen guten Eindruck.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die
+rote Rübe und nahm in einem Sessel Platz. „Ich bearbeite
+die privaten Angelegenheiten des Herrn Schellenberg. Ich
+bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+persönlich zu sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich,
+beteuerte, daß es schwer sei, außerhalb der Reihenfolge –
+und der Rothaarige verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau
+von dem Busch. Es ist natürlich manches wahr daran.
+</p>
+
+<p>
+Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten
+Manieren wieder und führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um
+der „Sache ihres Kindes zu dienen“, auf Wenzel einfach
+zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm zu sagen, daß
+zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der
+sich hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte
+sie sofort, daß bei diesem Burschen ein solcher Ton
+ganz und gar nicht am Platze sei.
+</p>
+
+<p>
+Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt
+hatte, von ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein
+harmloser Ton der Anrede, dessen Unverfrorenheit Wenzel
+verblüffte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und
+ich mußte dich sehen, um dir guten Tag zu sagen und
+dich zu beglückwünschen. Wie du aussiehst, prächtig.
+Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses Gesicht,
+Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß
+es. Aber wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug,
+um zu vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr
+Wenzel brüsk ins Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich
+für einen Augenblick. Dann bat er sie mit einer Handbewegung,
+Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt, hart
+und ohne jede Gnade.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+Busch,“ sagte er hierauf, indem er die Augen ruhig und
+leidenschaftslos auf das Gesicht seiner Schwiegermutter
+heftete. „Was wollen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an
+überlegen. Er war, nachdem er sich von der ersten Verblüffung
+erholt hatte, völlig ruhig, sachlich, geschäftsmäßig,
+während sie vor Erregung bebte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem
+Busch, die plötzlich ihre Sicherheit verloren hatte, „um
+mit dir die geschäftlichen Angelegenheiten Lises zu ordnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich.
+Er schob Frau von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen
+und einen Kontoauszug hin. „Hier sind die Abrechnungen,
+und hier sind die Rechnungen, die ich für
+Ihre Tochter bezahlt habe.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten
+auseinander, daß es seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder
+seinem Vermögen gemäß zu unterhalten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie
+werden zugeben, daß es natürlich Grenzen gibt. Ich habe
+keine Lust, sechzehn Stunden zu arbeiten, um die Launen
+Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch keine Lust,
+alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die
+Sie Ihrer Tochter angedeihen ließen.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten
+Blick an. „Sie sind herzlos und grausam!“ schrie sie
+außer sich. Ihr Gesicht war vor Erregung so weiß geworden
+wie ihr Haar.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“
+erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich
+jetzt zu entschuldigen.“ Er erhob sich und wies auf einen
+älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank, der soeben eintrat.
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+„Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern vorstellen,
+der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“
+</p>
+
+<p>
+Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte
+Militär die Interessen Wenzels vertrat.
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General,
+„daß sechzig Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert
+Paar Seidenstrümpfe doch immerhin –“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten,
+ich möchte mit meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“
+</p>
+
+<p>
+Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau
+von dem Busch das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr
+sofort zu Justizrat Davidsohn, einem Anwalt, den sie von
+früher her kannte und zu dem sie das größte Vertrauen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend,
+außer sich.
+</p>
+
+<p>
+Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller
+Ruhe den Fall auseinanderzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“
+ermahnte sie den Anwalt.
+</p>
+
+<p>
+„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg?
+Es gibt zwei Schellenberg.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenzel Schellenberg.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige
+Frau. Es gibt noch Michael Schellenberg, von dem
+die Zeitungen so häufig sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen
+Einzelheiten vor. Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen
+Augen, aber er hörte nur mit halbem Ohre
+hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+Bergenthal &amp; Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte.
+Nur dann und wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“
+</p>
+
+<p>
+„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter,
+er liebte es, ein Haus zu führen und
+legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine Pflicht.
+Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer
+zu sammeln. Damals waren die Beamten ganz
+anderer Art, Sie wissen es.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte
+nur Klarheit. Hätte Ihre Tochter eine Mitgift bekommen,
+so wäre es vielleicht möglich gewesen, zu beweisen,
+daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund dieser
+Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen,
+was in meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß
+Ihre Tochter Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden
+diese Ansprüche und Rechte zu wahren wissen. Schellenbergs
+Vermögen wird heute schon auf viele Millionen geschätzt.
+Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen
+herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich
+flüchtig vor Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und
+her, versprach, erweckte große Hoffnungen, er redete sich
+in Eifer. Und doch dachte er, während er sprach, ausschließlich
+an den Schriftsatz von Bergenthal &amp; Co. Vor zehn
+Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau
+des Anwalts.
+</p>
+
+<p>
+Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit
+in die Hand genommen habe, sagte sich Frau von dem
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+Busch, als sie in das Auto stieg. Lise allein wäre nie zurechtgekommen.
+Millionen, hatte er gesagt. Es wäre
+wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme
+auf jeden Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde
+sie noch segnen.
+</p>
+
+<p>
+Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während
+sie durch die von Menschen überfluteten Straßen
+rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in Ägypten gewesen.
+Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie
+das ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9">
+9
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> speiste mit Wenzel im Hotel Eden.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein
+Florian?“ fragte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien
+ihr, als klänge Wenzels Stimme streng und rügend. Du
+mein Gott, sie konnte solch rasche Entschlüsse nicht fassen.
+„Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe zu tun.
+Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut
+fort. „Ich war vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen
+Geschäftsfreund. Er hatte hier zwei Zimmer und
+ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich reizende
+Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der
+Schwede ist abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung
+für Sie gemietet.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte
+sie den Kopf. „Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel,
+das ist mir viel zu teuer.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein
+Florian,“ entgegnete Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium
+gut bekannt. Aber nun kommen Sie gleich mit,
+ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß
+Sie davon entzückt sein werden.“
+</p>
+
+<p>
+In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das
+Bad entzückte Jenny. In alle Räume hatte Wenzel große
+Blütensträuße stellen lassen. Jenny sagte kein Wort, sie
+errötete tief. Das war ihr Dank.
+</p>
+
+<p>
+Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr,
+daß Jenny ins Eden gezogen war, wurde er blaß wie ein
+Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm mehr zu verraten
+als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf, Jenny
+zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man
+mußte sich bei ihr anmelden lassen, bevor man empfangen
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete
+und Jenny erblickte, erschrak er, so schön war sie. Nie
+hatte er sie so schön gesehen. Sie trug ein Kleid, das er
+nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig, voll
+natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh.
+</p>
+
+<p>
+Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam
+den sanft schimmernden Blick zu, mit einem leichten,
+etwas verlegenen Lächeln in den Mundwinkeln, als ob sie
+sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du hättest noch länger
+wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön gewesen.
+Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in
+diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen,
+den Glanz ihrer Augen und den unbegreiflichen
+Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war sie viel, viel
+schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+sah, war ihr erster Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht
+zu zart, zu unmännlich, zu weichlich, ja weibisch war.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander
+und stützte das Kinn in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren,
+dachte Jenny. Früher hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar
+gebauter und trainierter Körper zeigt immer schöne
+Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny.
+</p>
+
+<p>
+Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam
+von der Beerdigung seiner Mutter, und sie fragte: Wie
+war es in Hamburg? Offenbar hatte sie vollkommen vergessen,
+daß seine Mutter gestorben war.
+</p>
+
+<p>
+Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen
+Frage kam ihr zum Bewußtsein.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den
+Gleichgültigen und Unbeteiligten, den Freund, der tief
+gekränkt, aber zu stolz und großmütig ist, um sich diese
+Kränkung merken zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet
+hatte. Strümpfe, Schuhe, alles war völlig neu und
+modern. Es fiel ihr ein, daß seine Mutter ein kleines
+Vermögen besessen hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“
+fragte Katschinsky. „Hast du abgeschlossen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich habe abgeschlossen.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer
+Gleichgültigkeit fort.
+</p>
+
+<p>
+„Ja.“
+</p>
+
+<p>
+Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch
+ein Recht gehabt hätte, Näheres über die Bedingungen
+zu erfahren. Er ging.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny
+sah es sofort seinen Augen an, daß er heute nicht die Rolle
+des Gleichgültigen spielen werde.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“
+sagte er in munterem Tone, als habe es nie eine
+Verstimmung zwischen ihnen gegeben. „Wir wollen etwas
+gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser besuchen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete
+sie. „Willst du Tee haben? Um sechs Uhr kommt
+der Regisseur zu mir. Ich habe zu arbeiten.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig
+etwas warten. Mache mir die Freude, Jenny.“ Er haschte
+nach ihrer Hand und versuchte sie zu berühren. Er wußte
+wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte. Sobald
+er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war
+ohne jeden Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und
+wiederholte nur, daß sie zu arbeiten habe, daß sie aber
+gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee plaudern
+wolle.
+</p>
+
+<p>
+Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn
+Herr Doktor Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß
+ich ihn erwarte.“
+</p>
+
+<p>
+Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden
+bin, dachte Katschinsky.
+</p>
+
+<p>
+Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken
+Körper leicht zurückneigte, während sie mit einem Finger
+den Deckel der Teekanne festhielt, wurde Katschinsky von
+einer Art Raserei ergriffen. Seine Vorsätze, sich zu beherrschen,
+waren wie weggeblasen. Er erhob sich bleich.
+Sein Atem ging hörbar vor Erregung.
+</p>
+
+<p>
+Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+groß und abwehrend zu ihm auf. Aber dieser Blick, der
+ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch seine Erregung.
+Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen
+den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte,
+die Zigarette anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm,
+Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn du aufrichtiger
+wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine
+Brauen flogen auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte
+sie leise und erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie
+bleich wurde.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe
+nie gedacht, daß du so feige bist, Jenny!“ rief er.
+</p>
+
+<p>
+„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte
+Jenny, und ihr Auge glühte auf.
+</p>
+
+<p>
+„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider
+ist!“ schrie Katschinsky rasend.
+</p>
+
+<p>
+Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui!
+Ich will es nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem
+Fuße auf.
+</p>
+
+<p>
+„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky
+brachte erregt einige Fälle vor, die man sich von
+Wenzel Schellenberg erzählte.
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie.
+„Du bist ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so
+sprichst.“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine
+Frage zu beantworten, und ich gehe – für immer,“ sagte
+er, und sein Blick grub verzweifelt in ihren Zügen. Seine
+grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß. Ja,
+er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber
+mehr als sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+Frau mit seinem Gelde gekauft hatte, er haßte ihn um so
+mehr, je weniger er die Möglichkeit hatte, ihm irgendwie
+beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines Tages,
+oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen.
+Tag und Nacht würde es für ihn, Katschinsky, keinen
+anderen Gedanken mehr geben.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann,
+der Regisseur, trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine
+Sekunde lang hatte er geglaubt, Schellenberg werde kommen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück.
+Sie begrüßte Dr. Brinkmann und machte die Herren
+bekannt. Während sie den Tee servierte, plauderte und
+klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht,
+aber er fand nicht die richtige Anerkennung. Ich glaube
+aber, daß er sehr große Begabung hat. Sie sollten ihn
+sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“
+</p>
+
+<p>
+Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete
+Katschinsky aufmerksam, wie ein Händler, der ein
+Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“ sagte er, „das Äußere
+ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine Verabredung.
+</p>
+
+<p>
+Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber
+nur um rasch ein Gesprächsthema zu finden, war sie
+auf diesen Gedanken verfallen. Katschinsky küßte ihr artig
+die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-10">
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+10
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ür</span> Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit
+und Vergnügen. Dazwischen eingeschoben ein paar
+Stunden Schlaf. Er befand sich unausgesetzt in einer Art
+Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den Abenden
+und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch
+Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber
+er zog die leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge,
+die lachen machten, die ihn sättigten, ein Rausch von
+Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge verschob er auf
+später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht
+mehr die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im
+Rennen zurückfalle, wie alle, und dann habe ich immer
+noch Zeit genug, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen.
+Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, er
+liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches
+Tempo haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren
+Musik dahinfegte. Eine rumänische Zigeunerkapelle, die
+er in einer Bar entdeckt hatte, mußte bei seinen Einladungen
+aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß
+er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese
+Lieder soll man spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben
+– sollte! Denn ich sterbe nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch,
+herauszufinden, wo in Berlin „etwas los war“. Irgendeine
+besondere Varieténummer, irgendeine Tänzerin, die
+gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein Clown, über den
+man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie
+müssen sich mehr umtun.“
+</p>
+
+<p>
+Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+Bällen balancierten, wurde er fast böse. Stolpe klopfte
+die Theater in den Vororten und im Osten ab. Da gab es
+zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, etwas
+Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches,
+etwas außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine
+Tänzerin oder Sängerin, die Schellenberg interessieren
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren
+die offiziellen, bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde
+mit ihren Frauen erschienen. Das war notwendig,
+aber Schellenberg langweilten diese Abende maßlos.
+Dann gab es die intimen Einladungen für seine
+Freunde, bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde.
+Die Gesellschaften währten bis zum frühen Morgen, und
+es ging hoch her.
+</p>
+
+<p>
+Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel
+die Lust an, ein Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu
+geben. Der leuchtende Himmel, den er über den Häuserschluchten
+glühen sah, verlockte ihn. Stolpe schrieb die
+Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die
+Vorbereitungen zu treffen.
+</p>
+
+<p>
+Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz
+besondere Bewandtnis. Es war ein altes Jagdschlößchen,
+und Mackentin hatte vor dem Kriege bei einem Manöver
+einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier
+gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß
+Baron Müncheberg, der Besitzer von Hellbronnen, das
+Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel kaufte es, ohne
+es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die Zeit
+fand, es zu besichtigen, war er entzückt.
+</p>
+
+<p>
+Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten
+eines alten Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+als hundert Jahren geschaffen. Das aber war nicht alles,
+es gab in diesem Park Wandelgänge, Taxushecken, romantische
+Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine
+kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das
+Jagdschlößchen spiegelte sich in einem stillen, kleinen
+See, der drei kleine Inseln hatte. Auf diesen Inselchen
+waren Pavillons errichtet, und zwei der Inseln waren
+durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander
+verbunden.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons
+von seinem Architekten Kaufherr instandsetzen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte
+bis heute noch keiner der Gäste vergessen. Wochenlang
+sprach man davon. Eine Schauspielertruppe hatte auf der
+kleinen Naturbühne einige Szenen aus dem „Sommernachtstraum“
+gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“,
+das wäre ja langweilig gewesen. Ein
+Feuerwerk lohte über dem See. Kurzum, es war unvergleichlich.
+Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.
+</p>
+
+<p>
+Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste
+geladen werden, nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden
+in einigen Automobilen verfrachtet und trafen mit
+dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon empfing
+sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.
+</p>
+
+<p>
+Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie
+ein verwunschenes Schloß,“ sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel,
+nahm sie ohne viele Umstände unter dem Arm und führte
+sie fort.
+</p>
+
+<p>
+Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich
+nicht wohl bei all diesem Lärm, bei all diesem lauten
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+Gelächter, bei dieser rasenden Musik und bei den Scherzen
+der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und
+Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die
+einen leichtsinnigen Ton liebten, die andern zumeist mit
+Freundinnen, eleganten Geschöpfen, eine Kollegin von ihr
+darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne Tänzerin,
+berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden
+sich einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher
+Eltern, ohne Tadel angezogen, ohne Tadel der Scheitel,
+die Hände, aber blasiert und langweilig. Sie erzählten
+Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus dutzendmal
+gehört hatte. Welche Leere.
+</p>
+
+<p>
+Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich
+zu trinken, und selbst die Damen wurden rasch ausgelassen.
+Die Tänzerin stieg auf den Tisch und tanzte zwischen
+den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß. Wenzel
+hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als
+Jenny dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich
+an diesem Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel
+stellte sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft, aber
+doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke, die er
+einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja
+wie ein Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und
+sehr spitz, so fühlte sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie
+hatte sie ihn so lachen gehört. Er lachte ausgelassen wie
+ein Knabe.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich
+hell wie bei einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln
+am Seeufer aufstellen lassen. Sie brannten alle
+zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in dem stillen
+Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man beglückwünschte
+Wenzel zu dieser Idee.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen
+wir mit dieser Nacht anfangen, und wie schauerlich finster
+ist es doch auf dem Lande.“
+</p>
+
+<p>
+In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer
+rasenden Musik davon. Die Gesellschaft verteilte sich in
+vier kleine Boote, und man ruderte zu den Inseln. Wenzel
+half der Tänzerin beim Aussteigen. Er legte seine große
+knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder litt
+Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald
+zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien.
+Die Damen fröstelten, die jungen Bankiers stülpten
+den Rockkragen in die Höhe und sagten: „Es ist kalt,
+Schellenberg!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr werdet schon sehen!“
+</p>
+
+<p>
+Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was
+Schellenberg unternehmen werde.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch
+anmutenden Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser
+und schwamm hinter den Booten her. Er lachte und
+prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt
+ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich
+wie ein Pudel, der aus dem Wasser steigt.
+</p>
+
+<p>
+Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an
+Wenzel heran, berührte seinen nassen Ärmel und sagte:
+„Sie werden sich erkälten, kleiden Sie sich sofort um.“
+</p>
+
+<p>
+Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab
+und sah Jenny in die Augen. Der Ton, in dem sie ihre
+Bitte aussprach, hatte ihn betroffen gemacht. Jenny war
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand
+schnell im Hause.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war
+glücklich, als sie wieder in Berlin war.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-11">
+11
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen.
+Es war eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß
+sie voller Fleiß, Hingabe und Ausdauer arbeitete. Die
+Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war ungeheuer selten,
+ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr lag,
+sie zu nützen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen
+gegeben, und sie folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei
+einem Tanzmeister und begann ganz von vorn mit der
+alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann machte
+sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt,
+und sie nahm Reitunterricht. Jeden Morgen ritt
+sie im Tattersall. Sie fühlte sich leicht und frisch, war
+entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten Augen
+und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung
+die völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte.
+Sie fühlte jede Bewegung, jede kleinste Muskel.
+Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß,
+sie empfand es fast als Wollust.
+</p>
+
+<p>
+Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann
+war eine schlichte, immer begeisterte Seele von
+einer grenzenlosen Geduld und Güte. Wenn er mit ihr
+arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, ließ wiederholen.
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß,
+zu gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann
+sie vor dem Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen
+lernen, wie sie sich gefilmt ausnahm. Die ersten Aufnahmen
+hätten Jenny fast entmutigt. Doktor Brinkmann
+hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen.
+Nun begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder
+Schritt, jede Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein.
+Doktor Brinkmann selbst malte ihr das Gesicht, wie die
+Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war keine Hast
+mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen,
+das Auge glänzte und flammte leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut
+aus. (Sie ahnte nicht, daß er ein besonders hohes Honorar
+von Wenzel für seine Arbeit erhielt.)
+</p>
+
+<p>
+Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen
+Spielfilm in Italien aufnehmen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete,
+sie fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte
+sie irgendein Lichtspieltheater, um zu beobachten,
+zu lernen. Langsam schien sich ihr auch diese schwierige
+Kunst zu erschließen.
+</p>
+
+<p>
+Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen
+–, um die Stunden und Tage zu töten, da sie Wenzel
+nicht sehen konnte. In den Theatern, Bars und Weinstuben,
+die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner
+Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche
+Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war
+glücklich, wenn er allein mit ihr speiste. Dann aber verging
+der Abend so schnell, und wenn sie allein war, überfiel
+sie die Qual der Trennung von neuem mit schrecklicherer
+Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen.
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+Er bat sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei
+Stunden am Apparat, sie stampfte mit den Füßen vor
+Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich Stolpe, Mackentin,
+Goldbaum oder sonst jemand.
+</p>
+
+<p>
+Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft
+mit Katschinsky, was war das gewesen? Nichts.
+Nun aber fühlte sie zum erstenmal in ihrem Leben, was
+Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe keine Freude ist,
+sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust
+wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes
+zu denken. Sie schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte
+diese Briefe nicht ab. Sie fürchtete sein Lächeln, und
+auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr als Sentimentalität.
+</p>
+
+<p>
+In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich
+gegen ihre Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der
+Einsamkeit der schlaflosen Nächte zeichnete sie sich sein
+Bild, und sie übertrieb alle seine Eigenschaften. Sie machte
+ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, brutaler, herzloser,
+sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf,
+aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein
+anderer Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch
+von Wärme auf sie eindrang, ein Freund, der seine
+Freundschaft eher verbarg als zeigte, der fürsorglich war
+und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. Oft
+schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen
+verschlang, und in der gleichen Minute erschien er ihr
+wie ein großer Knabe, der herzlich lachte und dem man
+nicht böse sein konnte.
+</p>
+
+<p>
+Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg?
+Sie versuchte ihn zu ergründen, vergebens.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+man es nennen wollte, war geschehen. Es gab für sie kein
+Zurück mehr. Wie zitterte sie, wenn sie seinen Schritt
+hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür hereinkam! Er
+hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf
+zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein
+wären. Sie sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur
+noch die eine Frage: Wann? Aber Wenzel hatte nie Zeit.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-12">
+12
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky.
+Zu spät kam die Reue über sein Benehmen bei
+seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er selbst war es
+gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, abgebrochen
+hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann,
+er wußte es genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen
+anzugreifen. Wie furchtbar, wie ehrlos, wie erbärmlich
+war all das gewesen. Es war so rasch und unverständlich
+gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht
+peinigten ihn. Er ertrug das Leben nur, wenn er die
+Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen zu sehen.
+Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie.
+Im luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte
+er Jenny auf: um hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen,
+sobald er auch nur einen Ärmel ihres Mantels sah. Wenn
+dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig gebaute Auto
+vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch
+seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+Er war ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und
+wann, das würde sich finden.
+</p>
+
+<p>
+War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige
+Erleichterung. An der Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag
+zugeworfen wurde, erkannte er Schellenberg.
+Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es
+wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar,
+all diese funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen,
+die ihn anfunkelten, die in der Nacht aus der
+Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm entlangflogen.
+Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak
+wie vor Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen
+die beiden bösen Lampen herangeflogen. Nun war sie zu
+Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer erloschen.
+</p>
+
+<p>
+Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub,
+eine Diele, eine Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes
+Lächeln auf seinem schönen Munde, mit einem
+hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken.
+Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts.
+Schnell war er sehr berauscht. Er schritt, wirre Worte
+hervorstoßend, oft weinend durch die finsteren Straßen
+und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So
+ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er
+berauscht war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder
+vorbrachte und an die er im trunkenen Zustande nahezu
+selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß er eine Geliebte
+gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön,
+und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede
+Nacht mit allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit,
+daß er bei den Dirnen weinte, wenn er seine Geschichte
+erzählte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
+</p>
+
+<p>
+Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr
+wollte er sich rächen. Er entwarf Pläne. Vielleicht würde
+er ihr schönes Gesicht mit einer Säure übergießen, aber
+schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
+</p>
+
+<p>
+Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener
+Regisseur, jener Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat
+eine Unterredung, wie er es versprochen hatte, gewährt.
+Er hatte ihn in einigen Statistenrollen verwandt, um
+ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts
+mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter
+mir stehen keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er
+von Doktor Brinkmann einen Brief mit der Bitte, sich
+so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
+</p>
+
+<p>
+„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor
+Brinkmann ganz offen. „Sie haben es auch nie behauptet,
+daß Sie etwas können. Sie sind ja kein Schauspieler.
+Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer Tochtergesellschaften
+dreht einen Film, und Sie sollen darin eine
+der Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich
+selbst. Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu
+denken.“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich
+unverwendbar. Bald aber ging es. Man brauchte
+in diesem Film einen gutaussehenden jungen Mann, der
+sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade
+die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche
+Benehmen Katschinskys waren es, was der Regisseur
+suchte.
+</p>
+
+<p>
+Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die
+Maske gemacht hatten, zeigte es sich, daß Katschinsky mit
+seinem schmalen Gesicht, seinen etwas schrägstehenden
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich außerordentlich
+gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ schöner
+junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte.
+Die Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag.
+Der Erfolg machte Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit
+wurde geschmeichelt, und er fand wieder etwas Halt. Er
+hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig versuchte
+er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht
+mehr, er erbleichte nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er
+Jenny in die Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus
+dem Boden gewachsen. Sie hielt den Schritt an und betrachtete
+ihn mit erschrockenen, hilflosen Augen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte
+die Farbe, dann zog er den Hut und begrüßte Jenny,
+als sei nichts vorgefallen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit
+seinem hübschesten Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren,
+wie konnte ich dir eine solche Szene machen, es
+ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, Jenny, daß ich
+toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als
+Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine
+Ansicht war.“ Schon lächelte er leichtsinnig und fröhlich.
+„Es ist viel besser, daß wir gute Kameraden sind, Jenny.
+Findest du nicht auch?“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny
+und nahm seine Hand. „Du bist ein törichter Junge gewesen.“
+Sie gingen nebeneinander her und plauderten wie
+gute Freunde.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky
+erwies ihr Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen
+und Bücher. Sie sah seine Bemühungen, alles wieder
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann und wann
+besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den Filmateliers
+zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer
+gleichmäßig kameradschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser
+im Café gewesen – änderte er plötzlich den Ton.
+Sie gingen durch eine dunkle, menschenleere Straße.
+Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn zart an
+sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung
+zu verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das
+Bedürfnis, dir alles zu gestehen, was geschehen ist.“
+</p>
+
+<p>
+Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm.
+Dieser leichte Druck seiner Hand verletzte sie –
+obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur aus Nachsicht duldete
+sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und
+nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
+</p>
+
+<p>
+Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er
+trank, bis er sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen
+die Geschichte erzählte von seiner schönen Geliebten,
+die an der Grippe gestorben sei.
+</p>
+
+<p>
+Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie
+ein Tier, das sich bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren
+Arm frei und trug Sorge, daß auch ihr Gewand ihn nicht
+berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, hervorstieß,
+stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von
+ihm. Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie
+hätte Lust gehabt zu laufen, aber sie wußte, daß er ihr
+dann nachgelaufen wäre, und sie wollte vor den wenigen
+Menschen, die diese Straße passierten, jegliches Aufsehen
+vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten
+und beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe
+ich dich, Jenny, so maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+Körper nicht vergessen! Verstehe mich doch, fühle es
+doch!“
+</p>
+
+<p>
+Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in
+ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das
+kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt
+hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig.
+Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher
+Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er
+schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere
+Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich
+aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und
+er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen
+lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte.
+</p>
+
+<p>
+Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte
+leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du
+weißt es, ich liebe einen andern.“
+</p>
+
+<p>
+„Liebst du ihn wahrhaftig?“
+</p>
+
+<p>
+„Dreimal wahrhaftig!“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die
+Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr.
+In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah
+Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht.
+„Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt
+boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben,
+er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte
+eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte
+Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden
+wie die eines Toten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es
+schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der
+Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere
+mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh,
+wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors
+Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies
+zu verzeihen!“
+</p>
+
+<p>
+Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie:
+„Auch dies will ich dir noch verzeihen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
+</p>
+
+<p>
+„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du
+hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben,
+worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von
+wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du
+machst dich nur lächerlich!“
+</p>
+
+<p>
+In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie
+zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu
+machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und
+wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht,
+bis das Licht erlischt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-13">
+13
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> großen Holzscheite flammten und krachten im
+Kamin. Der Schein des Feuers blendete, und gespenstische
+Schatten zuckten durch den halbdunkeln
+Raum.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny
+Florian! Sie wissen, daß ich alle Phrasen und übertriebenen
+Worte hasse. Ich habe mir eines Tages vorgenommen,
+immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu
+schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was
+ich Ihnen sage. Sie sind schön, und Sie wissen es. Aber
+Sie tun nicht, wie andere schöne Frauen, als ob es Ihr
+persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus diesem
+Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre
+Schönheit wie etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie
+sind klug, aber Sie vermeiden es, geistreich erscheinen zu
+wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten sich
+gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks
+wie von der Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf
+Frauen zusammen, und doch sprechen Sie nie mit einer
+Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle Leute,
+die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen
+blendeten wie die eines Tieres, in die ein Lichtschein
+fällt. Auf ihren Wangen und Lippen und Zähnen sprühten
+Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht
+Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so
+selten, auch wenn sie allein waren. In Gegenwart seiner
+Bekannten und Freunde aber verbarg er sich hinter einem
+burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
+</p>
+
+<p>
+Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die
+Knie angezogen. Sie saß dicht am Feuer, das verwegen
+nach ihr züngelte. Heute mittag waren sie in dem kleinen
+Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit
+sollte drei Tage dauern.
+</p>
+
+<p>
+„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte
+Jenny. Wenn sie sprach, funkelten alle Vokale.
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+Ihre Stimme war keusch, als schäme sie sich zu sprechen.
+Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein Freund,
+ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher
+in Ihrer Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine
+Frau? Sie sind viel zarter, als Sie ahnen lassen. Weshalb
+geben Sie sich oft so unempfindlich?“
+</p>
+
+<p>
+Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten
+Kaminwände kletterten eilige Funken.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam
+den Kopf schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast
+hätten Sie mich verführt, etwas zu glauben, nur weil es
+angenehm ist, sich für besser zu halten, als man ist. Nein,
+Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle
+sind verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem
+bestimmten Alter und in gewissen Lebensverhältnissen vergehen.
+In Ihrer Nähe, so scheint es mir allerdings, erwacht
+manche Empfindung wieder, die ich lange nicht
+mehr kannte. Lieben Sie Gedichte?“
+</p>
+
+<p>
+Jenny sah erstaunt auf.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr?
+Ich würde es auch nicht wagen, sie in Berlin zu stellen.
+In meiner Jugend habe ich viele Gedichte gelesen,
+aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist
+schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den
+halben Faust auswendig, er behält alles spielend. Und
+Sie, Jenny Florian? Sie müssen doch den ganzen Kopf
+vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
+</p>
+
+<p>
+„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf?
+Könnten Sie ein Gedicht sprechen, irgendeinen Vers?
+Ich möchte hören, wie Ihre Stimme dabei klingt.“
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+sie aufgerufen. Sie dachte kurz nach, dann faltete
+sie die Hände, indem sie die Spitzen der Finger gegeneinander
+legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz monotoner,
+inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb
+geschlossen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„O gib, vom weichen Pfühle</p>
+ <p class="verse">Träumend, ein halb Gehör!</p>
+ <p class="verse">Bei meinem Saitenspiele</p>
+ <p class="verse">Schlafe! Was willst du mehr?“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ
+sie die Hände sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus
+tiefem Schlaf aufgewacht.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen.
+Diesen Vers hatte ich vergessen. Aber, wie kamen wir
+eigentlich auf dieses merkwürdige und unzeitgemäße
+Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir
+ein. Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich
+behalten habe. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe
+nur einen Vers davon behalten, und selbst ihn könnte ich
+vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses Gedicht ist für
+mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache gibt.
+Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter
+auf dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste
+und wahrste ist. Es ist Heines ‚Du bist wie eine
+Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich dies sage?
+Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch
+darf dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht
+fortfahren. Aber, um zur Hauptsache zu kommen. Ein
+ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine in seinem Gedicht
+ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe
+ich oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+Sie mir, ich schäme mich jetzt schon dieser Trivialität.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel
+tiefer und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht!
+Zwei Dinge hasse ich mehr als alles auf der Welt,
+Hysterie und Sentimentalität. Die hysterischen Menschen
+– es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als
+Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen
+– nun sagen wir, ertränken.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“
+rief sie aus; aber doch war ein versteckter
+Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure Verachtung
+klang aus Wenzels Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose
+Fäuste, die zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind
+der Luxus einer reichen Epoche, einer Epoche ohne Schulden.
+Ich spreche ganz offen. Ich möchte nicht in den
+Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen
+zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <a id="corr-15"></a>Sie bat,
+ein Gedicht zu sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes.
+Ich möchte auch nicht in den Verdacht kommen,
+Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen,
+daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen
+Sie diesen banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘
+mir – aber das ist noch lange nicht Liebe. Vielleicht bin
+ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem Leben
+nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale
+Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben
+kann. Ich weiß nicht, ob ich einen anderen Menschen
+lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht einmal, ob es
+überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+als sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker
+vorliegt – bei den Dichtern. Denn Liebe ist ja keine
+Wissenschaft und kann nicht chemisch analysiert werden.
+Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny
+Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen,
+die ich kenne. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt,
+was man Sympathie nennt?“
+</p>
+
+<p>
+Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es
+wird mehr werden,“ fügte sie noch leiser hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir
+Freunde werden. Aber da ich es nicht liebe, einen Menschen
+zu täuschen, so will ich dir meine Bedingungen nicht
+verschweigen.“
+</p>
+
+<p>
+Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die
+Augen Jennys unter ihm. Er mußte an Bäche denken, die
+er als Knabe gesehen hatte. Auf Klein-Lücke gab es einen
+solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später nie mehr
+diese Klarheit des Wassers?
+</p>
+
+<p>
+Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für
+mich, denn ich brauche die Freiheit. Ich kann in einer
+anderen Luft nicht leben, so bin ich. Aber ich gewähre dir,
+hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich weiß, daß
+es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau
+sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht
+kannten, die in ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei
+Frauen besaßen. Es sind Lügner. Ich gehöre nicht zu
+jener Klasse modern denkender Männer. Ich bin ein ganz
+altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und
+keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu
+lassen. Dabei bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß –
+aber nicht mehr, mehr dulde ich nicht. So also lauten meine
+Bedingungen, Jenny. Nun sollst du mir antworten.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme
+alles an, Wenzel. Ich kapituliere.“
+</p>
+
+<p>
+„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde,
+daß es falsch ist, diese Dinge, die Beziehungen zwischen
+Mann und Frau, so furchtbar ernst zu nehmen. Ich finde,
+der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß aus dem
+Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen
+alle bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß
+wie möglich zu gönnen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie.
+Aber schon fuhr Wenzel fort: „Was also würdest du tun,
+Jenny Florian, wenn du mich liebtest – zuviel gesagt –,
+wenn ich dir sympathisch wäre?“
+</p>
+
+<p>
+Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage,
+was würde ich nicht tun?“
+</p>
+
+<p>
+So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht
+bekommen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie
+pfiff wie ein Vögelchen. Immer schien die Sonne zu
+scheinen, auch wenn es regnete. Wenn die Sonne aber
+schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, sonst
+so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen,
+ihr Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich
+nur reizende, liebenswürdige Menschen, die sie mit
+Freundlichkeiten überhäuften. Jenny selbst war hilfreich,
+gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein Diamant
+funkelt, in den das Licht fällt.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem.
+Er zeigte ihr die Villa, die er hatte bauen lassen und
+die ihm zu klein geworden war, während er baute. Er
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend,
+die „Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten
+fertig, war in einem modernen Barock erbaut von Kaufherr,
+dem begabtesten Architekten Berlins. Maler und
+Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es roch
+nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen
+Zimmern waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort
+standen schon Möbel. In einigen Wochen konnte die Villa
+bezogen werden. Das Badezimmer aus rosigem Marmor
+entzückte Jenny.
+</p>
+
+<p>
+„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches
+nie gesehen.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian
+wohnen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die
+Hände. „Nicht schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht
+schenken!“ Sie wurde plötzlich nachdenklich.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das
+Haus wird fertig sein, bis du aus Italien zurückkommst.“
+</p>
+
+<p>
+In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft
+nach dem Süden. Der Zug fuhr vorwärts,
+aber sie fuhr in Gedanken schon wieder zurück. Bei jedem
+besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden
+Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen
+werde! Sie war unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert
+– es ist dein Beruf.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-14">
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+14
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß
+vom Schnee, aber schon war ein lauer Hauch des Frühlings
+in ihm. Ein heftiger Südweststurm brauste seit
+einigen Tagen dahin.
+</p>
+
+<p>
+Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am
+Horizont verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten
+von Glückshorst erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure
+Fläche, nur unterbrochen von einem windgeschüttelten
+Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont hatte.
+Er sollte später ein „Park“ werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden
+von Glückshorst, wo früher der Wald stand, aufgerissen,
+zermalmt, umgegraben und gewalzt. Tag für Tag zogen
+große Traktoren und Motorwalzen auf den neugeschaffenen
+Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal
+waren Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und
+Schlacke brachten. Auf diesen Straßen waren Scharen
+von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten entluden andere
+Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz
+und quer über das Gelände.
+</p>
+
+<p>
+Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln.
+Ein Glück nur, daß die Tage länger wurden. Er erhielt
+Schreiben über Schreiben aus Berlin, Ingenieure kamen,
+das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum
+Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie
+ihn gelobt, nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze
+Woche zurück war. Lehmann schrie und wetterte, und
+trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich ein Fahrrad
+zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin
+und her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete
+ein kleines Häufchen Männer, das Georg Weidenbach befehligte.
+Der General mit seinem langen Bart war in dieser
+Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab,
+seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet
+zu haben. Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder,
+visierten, maßen und schlugen Pflöcke ein. Georg trug
+einen zerknitterten, zerweichten und beschmutzten Plan
+unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten, Glückshorst
+zu vermessen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann
+durch den Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin
+glauben, wir können hexen! In drei Tagen sollen die
+Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie
+dazu. Es ist einfach verrückt!“
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen
+Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum
+auf ihren Rädern vorwärtskamen. Von dieser Gruppe
+der Radfahrer löste sich einer los und erkämpfte sich durch
+den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte
+Georg einen Brief.
+</p>
+
+<p>
+Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen
+Brief erhielt.
+</p>
+
+<p>
+Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im
+sinkenden Tageslicht die Aufschrift: es war ein Brief von
+Stobwasser. Es war schon so düster, daß Georg kaum
+mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines verstand
+er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über
+Christines Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt,
+daß er gute zehn Schritte zur Seite trat. In dem
+Briefe war die Rede davon, daß Christine sich an Jenny
+Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian,
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich
+Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo
+da draußen, die Spur war also gefunden! Dann
+folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche
+Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe
+und begab sich raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt
+lief er. In Lehmanns Bureau war Licht. Außer
+Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein
+und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen.
+Noch heute abend wollte er nach Berlin.
+</p>
+
+<p>
+„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann.
+„Sind Sie toll geworden? Gerade jetzt?“ Plötzlich aber
+hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs Gesicht gefallen.
+„Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme.
+„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was
+ist passiert?“
+</p>
+
+<p>
+„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach,
+und das Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück.
+„Im Gegenteil, etwas Glückliches oder vielleicht
+etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz sicher.“
+</p>
+
+<p>
+„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich,
+wenn es sein muß, müssen Sie fahren, das sehe ich ein,
+so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage Urlaub haben.
+Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde unterdessen
+Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in
+einer Stunde zu mir, zu einer längeren Besprechung.
+Daß Sie heute abend noch gehen, hat ja keinen Sinn.“
+</p>
+
+<p>
+Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht.
+Unter eines dieser Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers
+Brief nochmals und aufmerksam zu lesen. Ohne
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war gefunden,
+nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine
+Spur! Und endlich fand Georg auch die Sammlung, den
+Brief Stobwassers zu Ende zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du
+eine Beschäftigung hast. Vielleicht komme ich auch bald
+zu dir hinaus. Uns allen hier, die wir die Fahne der
+Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache
+Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem
+Preise! Katschinsky hat sich in den Film gerettet und
+scheint eine Zukunft vor sich zu haben. Allen andern aber
+geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von bekannten
+Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um
+den andern verkauften und verpfändeten, um das nackte
+Leben zu fristen. Eine junge Geigerin, Meisterschülerin
+eines berühmten Virtuosen, spielte jeden Abend für zwei
+Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer zeichnete
+für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern.
+Die guten Theater brechen zusammen, die Filme und
+Revuen triumphieren. „Was soll werden?“ rief Stobwasser
+aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um
+uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst
+in diesem Lande zugrunde gehen –?“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-15">
+15
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz
+nach Mittag sprang er, in äußerster Erregung, aus dem
+Zug, um sich augenblicklich nach dem Norden der Stadt
+zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in
+ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden.
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+Hier sollte der Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline
+wenden und sagen, er käme von Fräulein Florian.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes
+Mädchen, das, die Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen
+Händen hinter dem Schenktisch Gläser spülte. Sie
+gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon
+er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene
+zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte
+Pauline wiederum gähnend. Und nach einigen argwöhnischen
+Blicken fügte sie hinzu: „Nun, hoffentlich bringen
+Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte hat
+ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie.
+Gehen Sie Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel
+drei Treppen, Agent Lederer.“
+</p>
+
+<p>
+Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die
+Straße entlang, und bei Nummer dreiundzwanzig blieb
+er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er dieses Haus in
+seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender,
+bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
+</p>
+
+<p>
+Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei,
+links ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen
+Scheiben. Der Torweg wimmelte von krank
+aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. Verwahrloste
+Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein.
+Halb von Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei,
+gemartert von dem Gedanken, daß Christine
+in einer derartigen Hölle hausen sollte, kletterte Georg
+die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte
+von Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen
+der Ausgüsse und schmutziger Küchenlöcher. Und wieder
+Kinder, krank, verkommen, auf dünnen verkrümmten
+<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
+Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das
+fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das
+ganze Haus bebte von Geschrei, Lärm und zugeschlagenen
+Türen. Es schien von Hunderten von Familien bewohnt
+zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit sie
+hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger
+Klumpen Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber
+und stieß ihn derb an, während sie ihn mit frechen
+verquollenen Augen musterte und lachte.
+</p>
+
+<p>
+Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im
+Freien. Die Arbeit hatte ihn gestählt. Er war an manches
+gewöhnt, und doch begann er in dieser Höhle des Elends
+zu zittern.
+</p>
+
+<p>
+„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
+</p>
+
+<p>
+Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten
+schmutzigen Tür angelangt, nahm er seine ganze
+Kraft zusammen und klopfte einmal, zweimal. Dann
+lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und
+während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu
+verzehnfachen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür
+öffnete sich. Ein junger Mensch, fast noch ein Knabe,
+mit stechenden, frechen Augen erschien. Sein Gesicht
+war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß bedeckt. Er
+trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und
+kurz. Neben ihm tauchte argwöhnisch das Gesicht einer
+aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren Haaren auf.
+Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine
+lange Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das
+Gesicht gespalten.
+</p>
+
+<p>
+Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+verlor. Er verbeugte sich höflich und sagte, daß er von
+Fräulein Florian käme und Fräulein Christine März einen
+Brief zu übergeben habe.
+</p>
+
+<p>
+„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden
+froh sein, wenn wir sie endlich los sind. Bringen Sie
+Geld?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich bringe Geld.“
+</p>
+
+<p>
+Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen,
+übelriechenden Korridor. Georg, fast von Sinnen,
+konnte sich später niemals mehr an Einzelheiten erinnern.
+Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:
+</p>
+
+<p>
+Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne,
+fremde, unwirkliche Stimme sagte: „Herein!“ Es war
+nicht Christines Stimme. Es war ein fremdes, verwahrlostes
+Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf
+einem niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen
+Strumpf stopfte, blaß, schwindsüchtig, mit großen,
+glühenden Augen. Fast wie eine Wahnsinnige sah
+sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen
+Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die
+Strumpf und Nadel hielten, blieben ganz in der gleichen
+Haltung. So saß sie und staunte ihn an, wie eine Wachsfigur.
+Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.
+</p>
+
+<p>
+Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses
+fremde, regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt
+und vor ihr in die Knie fiel: es war doch Christine.
+</p>
+
+<p>
+Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr
+aus. „Bist du krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte
+nicht einmal selbst seine Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden
+Augen an, ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen,
+aber sie regte sich nicht. Er stammelte verwirrte
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff
+nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er
+verzweifelt. Nie in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche
+Minuten. Er war dankbar, daß er sich später nicht
+mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein Entsetzen
+blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für
+immer.
+</p>
+
+<p>
+Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht,
+das ein Axthieb gespalten hatte, mit einem großen und
+einem kleinen Auge, das große gespenstisch, geisterhaft,
+das kleine tierisch und frech. Eine grelle Stimme keifte
+und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu unterhalten
+und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute
+vor die Tür zu setzen. Dies und ähnliches keifte die
+Stimme, noch heute hatte Georg ihren entsetzlichen Klang
+im Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas
+gänzlich Unerwartetes – und gerade diese Überraschung,
+es gibt kein Wort dafür, gab Georg augenblicklich, auch
+das ist merkwürdig, die Klarheit der Sinne zurück. Von
+diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede Einzelheit.
+</p>
+
+<p>
+Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie
+machte den Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete
+sich langsam über ihr Gesicht aus. Dann wandte sie
+sich mit einer ganz langsamen, unsagbar zärtlichen Bewegung
+zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug
+die Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf
+eines kleinen Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung
+nahm Christine mit beiden Händen das in einen Lappen
+gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ist es,“ flüsterte sie.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+„Was ist das?“ stammelte Georg.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte
+sie zu lächeln.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich?
+Wie soll ich das alles verstehen?“ Und er stürzte sich auf
+das Kind, nahm es aus Christines Händen und drückte
+es gegen die Brust.
+</p>
+
+<p>
+Das Gesicht an der Türe lachte schallend.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig
+Herr seiner Sinne. Er beschwor Christine, mit ihm zu
+kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick irrte voller
+Angst zur Türe.
+</p>
+
+<p>
+„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller
+Furcht, die Alte könne es hören. Da wandte sich
+Georg gegen die Türe und trat auf die Alte mit dem gespaltenen
+Gesicht zu.
+</p>
+
+<p>
+„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht
+hier vor? Was bedeutet das alles?“
+</p>
+
+<p>
+Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen,
+sie beschimpfte Christine mit den unflätigsten
+Worten. Sie hätte nichts dagegen, daß er die „Dame“
+mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –, aber erst
+hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert
+Mark, eine Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!
+</p>
+
+<p>
+Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind –
+Georg stürzte aus dem Hause wie von Peitschenhieben
+vorwärts getrieben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-16">
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+16
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor
+Stobwasser noch auf sein Pochen antworten konnte.
+Er stürzte in die Werkstatt und prallte zurück: Ein junges,
+nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. Stobwasser
+stand und modellierte eifrig.
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen
+Hände flogen. „Helfen mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer
+in den Hof hinaus und erzählte wirr, atemlos, unzusammenhängend.
+</p>
+
+<p>
+Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden
+Frau, und Stobwasser verstand sofort alles.
+</p>
+
+<p>
+Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt,
+und dachte nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte
+er. „Die Hauptsache ist nur, daß du dich beruhigst, Weidenbach.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem
+abwesenden Lächeln. Er zitterte am ganzen Körper. Er
+strich sich über das Gesicht, und seine Hand war so naß,
+als habe er sie in Wasser getaucht.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich
+anziehen,“ sagte er zu dem Modell, und sie gingen.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder
+zu laufen begann. „Wir wollen es bei Katschinsky versuchen.
+Oh, wie ich meine Armut verfluche!“ schrie er
+laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet es? Aber
+– oh, wie ich meine Armut verfluche!“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen
+Erfolgen beim Film wohnte er in einer großen Pension
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+im Westen. Unglückseligerweise hatte er Besuch. Er kam
+in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden keuchenden
+Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn
+stand. Er trug einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide
+und schwarze Hausschuhe aus Lackleder.
+</p>
+
+<p>
+„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel
+der Diele nieder. Aber augenblicklich stand er wieder
+auf. „Zweihundertfünfzig Mark!“ rief er aus. „Ich habe
+keinen Pfennig, nur Schulden!“
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die
+Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine
+so große Summe herbeischaffen?“ fragte er. „Sagt doch
+selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir
+werden es verpfänden!“
+</p>
+
+<p>
+Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der
+Tür zu. „Ich habe leider keine Zeit mehr,“ sagte er
+hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“
+</p>
+
+<p>
+„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky
+die Tür schon geschlossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet
+Stobwasser und stürzte die Treppe hinab.
+</p>
+
+<p>
+Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete
+Damen und Herren still in Klubsesseln saßen,
+mißbilligte der Portier ihre Eile und Hast. „Es ist
+dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.
+</p>
+
+<p>
+Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page
+machte sie darauf aufmerksam, daß Fräulein Florian
+Besuch habe. „Herr Schellenberg ist soeben gekommen,“
+verkündete er voller Ehrfurcht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
+„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“
+sagte Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und
+scheu an Jennys Tür. Nach geraumer Weile verschwand
+er.
+</p>
+
+<p>
+Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny
+heraus auf den Flur. Sie hatte eine Zigarette zwischen
+den Lippen und ging mit leichten, tänzelnden Schritten,
+aber ganz langsam, auf die beiden zu.
+</p>
+
+<p>
+„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln.
+„Und wer ist das? Sind Sie es, Weidenbach?“
+</p>
+
+<p>
+„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.
+</p>
+
+<p>
+Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte
+den Kopf, blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie.
+„Ich habe kein Geld. Es ist fast Monatsende. Aber wartet,
+es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“
+</p>
+
+<p>
+Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie
+in ihr Zimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie
+wieder und hob triumphierend drei Geldscheine in die
+Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. „Oh, Weidenbach,
+wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können!
+Grüßen Sie Christine.“
+</p>
+
+<p>
+Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.
+</p>
+
+<p>
+„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.
+</p>
+
+<p>
+Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen
+hatte, war er schon wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“
+rief er dem grauhaarigen Weib mit der gespaltenen Stirn
+zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind
+nur zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr
+als dreihundert Mark!“ keifte sie. „Wir haben uns barmherzig
+erwiesen, und das ist nun der Dank!“
+</p>
+
+<p>
+Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+die Faust und machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen.
+Stobwasser hatte ihn nie so gesehen. „Wir geben
+nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist
+alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit
+drohender Gebärde. Und nun willigte die Alte ein, daß
+Christine die Wohnung verlassen könne.
+</p>
+
+<p>
+Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande
+war, die Treppe hinabzugehen. Georg nahm sie auf den
+Arm und trug sie hinunter. Stobwasser kam hinterher
+mit dem Kinde, das in einen alten Lappen gewickelt war.
+Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen
+Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief
+Stobwasser vergnügt aus und rieb sich die Hände. „Ich
+heize nur, wenn ich Modell habe.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr,
+das durch die Werkstatt führte, zu krachen begann. Er
+kochte Tee. Dann stürzte er aus dem Hause, um das
+Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar ein
+Viertel Schinken besorgte Stobwasser.
+</p>
+
+<p>
+„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt
+aus, und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke vor
+Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß ihr bei mir übernachtet,
+wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon zurechtfinden.
+Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“
+sagte er, während er den Tisch abräumte, einige
+Zeitungen über die schmutzige Tischplatte breitete und das
+Abendbrot servierte.
+</p>
+
+<p>
+Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser
+hatten sie genötigt, sich auf Stobwassers Bett auszustrecken.
+Da also lag sie nun, bleich und still, die
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer
+Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her,
+wenn Georg eine Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten
+verquält, und wenn er sie berühren wollte, so ging
+ein Zittern über ihren ganzen Körper.
+</p>
+
+<p>
+Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht.
+Die Vögel sprangen neugierig in ihren Käfigen
+hin und her. Der Kakadu knarrte und streckte den Kopf
+durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen
+Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze
+Katze aber saß auf dem Bettpfosten und starrte mit ihren
+großen grünen Augen unaufhörlich auf das kleine Kind.
+Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte ihm
+die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches
+Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In
+dieses Gesicht hatte das Schicksal Furchen und Linien
+geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre gealtert
+schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still
+und sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer
+rauchte seine Pfeife, und nur zuweilen flüsterten sie
+einige Worte.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, es wird alles gut werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem
+Kinde?“ Georgs Augen glänzten. „Mein Kind!“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete
+Stobwasser voller Überzeugung. „Ein außerordentlich
+schönes und genial aussehendes Kind!“
+</p>
+
+<p>
+Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine
+eigenen Gedanken.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-17">
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+17
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rüh</span> am nächsten Morgen begab sich Georg in das
+Bürohaus „Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine
+Bitte vorzutragen, Christine und das Kind nach Glückshorst
+mitnehmen zu dürfen.
+</p>
+
+<p>
+Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien
+nahezu beendet zu sein. Es wimmelte von Menschen.
+Boten und Beamte eilten hin und her. In den Vorhallen
+standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die
+Arbeit suchten.
+</p>
+
+<p>
+Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört
+hatte. „Es ist unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung
+ist ja erst im Bau. Ich würde es ja gerne tun, mißverstehen
+Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch
+ein Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich
+oft verzweifle? Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich
+täglich hundertmal. Das Elend strömt zu diesem Hause
+herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir bis an
+die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg
+oder einen seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent
+telephonierte.
+</p>
+
+<p>
+Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen
+und wollte wegfahren. Welch ein Verhängnis!
+„Folgen Sie mir,“ sagte der Referent eilig. „Vielleicht
+treffen wir ihn noch.“
+</p>
+
+<p>
+Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die
+Treppe herab. Er schien es sehr eilig zu haben. Der Referent
+trat auf ihn zu und trug ihm in aller Kürze
+Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging
+rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm
+in die Augen und blieb eine Sekunde stehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst
+bitten –“
+</p>
+
+<p>
+Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“
+sagte er und runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium.
+Kommen Sie mit mir. Sie können mir ja unterwegs
+den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob
+er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen
+fuhr ab.
+</p>
+
+<p>
+Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael
+ihn mit klaren prüfenden Augen anblickte.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte.
+„Nehmen Sie Fräulein März und das Kind getrost mit
+nach Glückshorst. Und werden Sie recht glücklich,“ fügte
+er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er klopfte
+ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
+</p>
+
+<p>
+Rasch machte Georg für Christine und das Kind die
+allernötigsten Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
+</p>
+
+<p>
+Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung
+gestellt, daß er, Georg, nie eine Frage an sie richte.
+Sie selbst werde ihm einst alles erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine
+Weile standen sie verlegen auf der Straße. Der Wind
+blies. Christine hielt das in eine Decke gehüllte Kind auf
+den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht und
+übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter
+Karsten. „Was für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus
+und hob das Kind in die Höhe, um das Geschlecht festzustellen.
+„Ein Knabe! Wie heißt er?“
+</p>
+
+<p>
+„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
+</p>
+
+<p>
+„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+Karsten dann zu Georg. „Aber wir werden sie schon
+herausfuttern.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die
+Tür, dann überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber
+die Männer regten sich nicht im geringsten darüber auf.
+Eine Frau, ein Kind, was war weiter dabei?
+</p>
+
+<p>
+„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“
+sagte Lehmann. „Morgen früh fangen wir mit
+den Häusern an.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-18">
+18
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur
+Arbeit. Fünfhundert Häuser sollten vorläufig in Glückshorst
+errichtet werden, und die Gesellschaft hatte Lehmann
+wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. Kein Wunder,
+daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile
+antrieb.
+</p>
+
+<p>
+Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und
+durch Pflöcke gekennzeichnet. Als die Sonne über dem
+Walde heraufkam, wimmelte es schon von Arbeitergruppen
+im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den
+Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief
+und siebzig Zentimeter breit mußte der Boden für die
+Grundmauern ausgehoben werden. Bis auf wenige Gebäude
+waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn
+Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe
+trug besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe
+bestand darin, den Grundriß des Aushubs mit dem
+Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob die
+Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten
+Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+Gruppen sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen.
+Vom Kanal aus hatte Georg die Arbeit aufgenommen,
+und schon am Nachmittag wurden Geleise für die Karren
+gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern
+sollten, und schon am nächsten Morgen wurde
+mit dem eigentlichen Bau begonnen. Die Arbeit war ganz
+ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs der Erde. Jede
+Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die Betonmischmaschine
+des Schleppkahns begann zu arbeiten, und
+schon rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen
+zu den Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte
+Gehäuse wurden in die Ausschachtungen gesetzt und
+mit Beton vollgeschüttet. So ging es von Haus zu Haus.
+Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt
+waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal
+bereits die Grundmauern gestampft.
+</p>
+
+<p>
+Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung,
+dazu war noch eine Gruppe gelernter Bauarbeiter
+gestoßen, die diese Arbeit in anderen Siedlungen schon
+hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit
+und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns
+Arbeitsgruppen über das Baufeld. Nicht die geringste
+Störung entging ihm, nicht der geringste Aufenthalt.
+Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser
+Berg von Muskeln, in diesen Tagen wahre Wunder verrichtete.
+Es war in der Tat unbegreiflich, mit welcher
+Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab
+ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften,
+und nun hörte man Moritz vom frühen Morgen
+bis zum späten Abend brüllen. Nichts ging ihm
+schnell genug.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer
+eiserner Kahn heran, der weiteres Material brachte. Es
+waren Zementrahmen, aus denen die Hauswände zusammengestellt
+wurden, ganz ähnlich den Abmessungen
+des früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas
+über zwei Meter hoch und einen Meter breit. Eine Type
+von Rahmen enthielt eine Öffnung für die Türe, eine
+andere Type Ausschnitte für die Fenster.
+</p>
+
+<p>
+Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare
+Einzelheit. Die Gesellschaft baute Häuser, wie man
+Fahrräder oder Automobile serienweise fabriziert.
+</p>
+
+<p>
+Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks,
+das Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für
+die Außenwände und die Querwand, die jedes Haus in
+zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze
+Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt.
+Das Ausmauern des Rahmenwerkes aber war
+eine Arbeit, die selbst jeder Laie leicht unter der Anleitung
+eines geschulten Vorarbeiters ausführen konnte.
+Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material,
+das sie an Ort und Stelle vorfand.
+</p>
+
+<p>
+Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte
+Holz, Balken, Bretter. Schon sah man reihenweise die
+Skelette von neuen Gebäuden stehen. Während die Häuser
+aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen,
+Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.
+</p>
+
+<p>
+Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die
+Äxte blitzten, und es dröhnte von allen Seiten. Es kamen
+Ingenieure aus Berlin zur Inspektion und gingen wieder.
+Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die Stadt wuchs
+empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem
+Boden hob.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen
+Kampf mit den Betonmassen vom frühen Morgen
+bis in die späte Nacht.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte
+ihn Lehmann eines Tages.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte
+er, während er sich mit dem bloßen Arm den
+Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein Geld, ich
+habe kein Kapital.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz,
+ist die Sache abgemacht.“
+</p>
+
+<p>
+Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen.
+Es wehte ein würziger, lauer Wind, und die Sonne
+wärmte schon gehörig.
+</p>
+
+<p>
+Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls
+von Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen
+aus dem Boden wuchsen, wenn man etwas schräg
+gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die riesige weite
+Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die
+Saat kam heraus.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit
+zu sich rufen. Georg fand ihn in angeregter
+Laune, mit roten Backen. Seine Pfeife paffte doppelt
+so heftig wie gewöhnlich.
+</p>
+
+<p>
+„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg
+entgegen und lachte fröhlich.
+</p>
+
+<p>
+„Welcher Brief?“
+</p>
+
+<p>
+„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds
+hat geschlagen. Meine Arbeit hier ist zu Ende.
+Ich bin auf einen schönen und interessanten Posten aufgerückt,
+und nun richte ich die Frage an Sie: Weidenbach,
+wollen Sie der Chef dieser Station werden?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie
+meinen, ich?“
+</p>
+
+<p>
+Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach.
+Es ist meine Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen.
+Sie müssen sich auf fünf Jahre verpflichten bei der Gesellschaft,
+das ist alles. Das Gehalt ist gering, aber die
+Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie
+haben auch die größte Begeisterung für die Sache, und
+das ist es, was die Gesellschaft braucht: Männer, die
+sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine ängstlichen,
+verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“
+schrie Lehmann und schlug auf den Tisch, daß die Papiere
+sprangen. „So ist es, also schlagen Sie ein?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich schlage ein!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied
+trinken, Weidenbach, mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann.
+Er nahm eine Flasche aus dem Schrank und goß
+die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und
+Sie haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel
+Takt dazu, Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort
+Strenge. Sie wissen, es kommen Menschen, verbrauchte
+Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank gelaufen
+haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe
+besteht darin, ihnen wieder Lebensmut einzuflößen.
+Deshalb müssen Sie da und dort nachsichtig sein. Ein
+gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und
+da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich:
+hinaus mit dir. Beobachten Sie, und wenn es nicht geht:
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+Sie und ich arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland,
+arm wie die Kirchenmäuse, aber freudig am Werk. Die
+Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die Baumeister,
+Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für
+einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie
+kennen ja die Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘
+Sie wissen ja, diese Parole hat Michael Schellenberg
+erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der
+Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft
+zu schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten
+Sie zwei Jahre, die Gesellschaft rollt wie eine Lawine
+über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und mutlose
+Land wieder zu brausen beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung
+ausbauen, und Sie werden sich aus den Leuten, die Sie
+haben, die besten auswählen, sie sollen den Kern der
+Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter
+Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu.
+Sie werden mit großer Umsicht vorgehen müssen, um den
+Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen ja dann von der
+Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht,
+Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen
+mittag werde ich euch allen Lebewohl sagen.“
+</p>
+
+<p>
+In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann
+Georg als den neuen Chef der Station vor. Dann
+hielt er eine kurze Ansprache, brachte ein Hurra aus auf
+das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand,
+und nun ging er.
+</p>
+
+<p>
+„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-19">
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+19
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">as</span> sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich
+bin Chef der Station geworden.“
+</p>
+
+<p>
+Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise.
+„Ich freue mich für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der
+Küche in der Sonne und schnitt Kartoffeln in Scheiben,
+die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. Ihr zu
+Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt.
+Frisch und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der
+derben Decke.
+</p>
+
+<p>
+In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig
+das Kind auf den Arm und trug es durch das Lager,
+oder auch Moritz nahm das Kind oder irgendein
+andrer.
+</p>
+
+<p>
+„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer
+und nahmen mit zartem Griff der rauhen Arbeitshände
+das kleine Händchen des Kindes. „Da bist du
+ja, und wie er wächst und gedeiht.“
+</p>
+
+<p>
+Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches
+Kind.
+</p>
+
+<p>
+Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß
+wie an dem Tage, da Georg sie ins Lager gebracht hatte.
+Aber dieser bläuliche Glanz in den eingesunkenen Wangen
+und an den Schläfen war verschwunden. Und das kalkige
+Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte,
+denn er befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden
+sei, war einem zarten Elfenbeingelb gewichen. Oder
+sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter Karsten war
+seiner Meinung.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet
+nicht mehr so fürchterlich in der Nacht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen
+Flecken, die er dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet
+hatte, zeigten sich immer seltener.
+</p>
+
+<p>
+„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand
+in seine Hände. „Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“
+</p>
+
+<p>
+Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem
+dankbaren Blick an.
+</p>
+
+<p>
+Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende
+Glanz ihrer Augen verschwunden war. Immer hatte sie
+ihn angesehen, als wäre sie nicht bei ihm, als sei sie in
+einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. Nun
+schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen
+zurückkehre.
+</p>
+
+<p>
+Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie
+fing an, sich für die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum
+beachtet hatte, zu interessieren.
+</p>
+
+<p>
+„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz
+unvermittelt.
+</p>
+
+<p>
+„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und
+Fabriken,“ erwiderte Georg, froh erregt über ihr Interesse.
+„Ganz allmählich wird die Stadt entstehen. Sie
+soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch
+dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und
+hereilen, auch dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen
+errichtet.“
+</p>
+
+<p>
+Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut
+und geistesabwesend; dann stand sie still und blickte
+in die Sonne empor. An den Sonntagen machten sie
+häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in den Wald
+hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich
+nicht weit von der Straße.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte,
+wie sie mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der
+Erde und ließ das Kind, dessen kleinen Körper sie mit den
+Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen und flüsterte
+ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und
+plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere
+Züge wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.
+</p>
+
+<p>
+Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?
+</p>
+
+<p>
+Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem
+Gewimmel von Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün
+geworden, und weich und zärtlich lag die Sonne
+darauf.
+</p>
+
+<p>
+„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor
+einem halben Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“
+</p>
+
+<p>
+Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie?
+Sie fühlte Georgs Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte
+immer die gleiche Frage in seinem Blick.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu
+ihm: „Bald werde ich dir alles sagen,“ und leiser fügte
+sie hinzu: „und dann werde ich wohl gehen müssen.“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.
+</p>
+
+<p>
+„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen
+ist.“ –
+</p>
+
+<p>
+Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt.
+Sie waren hoch beladen, und es sah aus, als brächten sie
+einen ganzen Wald. Das waren Bäume, Obstbäume,
+Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von Glückshorst.
+</p>
+
+<p>
+Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz
+aller Siedlungen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-20">
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+20
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“
+in der Lindenstraße summte wie ein Bienenstock
+im Hochsommer. Tausende von Menschen strömten
+täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen
+schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe
+Gesichter.
+</p>
+
+<p>
+Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden
+vor dem Gebäude und warteten auf das
+Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle vermochten kaum die
+Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war, konnten
+alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen
+passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig
+untersuchten. Ihr Urteil bestimmte die Tätigkeit,
+leichtere oder schwerere Arbeit. An die Zimmer der Ärzte
+stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume,
+in denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt
+wurden. Michael Schellenberg ging gegen Schmutz und
+Krankheitskeime mit allen erdenklichen Mitteln vor.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes
+in riesigen gleißenden Lettern der Wahlspruch der
+Gesellschaft:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Tod dem Hunger!</p>
+ <p class="verse">Tod der Krankheit!</p>
+ <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen
+hinaus, wie ein Leuchtfeuer in die Finsternis des
+Meeres. Tausenden und Abertausenden von erschöpften,
+ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte
+dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.
+</p>
+
+<p>
+Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole:
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+in Wahrheit, es sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden!
+Es war ja unsinnig, daß auch nur ein Mensch hungerte,
+setzte man alle Kräfte richtig ein. In Wahrheit,
+die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft
+werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie
+sollten, soweit es möglich war, völlig von der Erde verschwinden!
+In Wahrheit, über allen Religionen und Bekenntnissen,
+über allen Rassen und Nationen sollte versöhnend
+und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft
+thronen.
+</p>
+
+<p>
+In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure
+Organisation geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland
+umspannte und die Aufmerksamkeit des Auslandes
+und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne Pause war
+er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen,
+Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die
+Widerstände der Bureaukratie zu brechen, den Argwohn
+und die Eifersucht politischer Parteien, steril und ohne
+schöpferische Kraft, zu überwinden.
+</p>
+
+<p>
+Worum aber ging es?
+</p>
+
+<p>
+Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel
+an Nahrung zu entreißen, als es möglich war. Mit allen
+Mitteln, die Wissenschaft und Technik boten. Es ging um
+die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Gartenbaus.
+Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend
+freien Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen.
+Es ging darum, alle in Zeiten industrieller Krisen
+brachliegenden Arbeitskräfte nach einem großen, einheitlichen
+Plan produktiv zu verwenden.
+</p>
+
+<p>
+Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan,
+und er hatte besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem
+Teil des Planes zugewandt, der sich mit der produktiven
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+Verwendung brachliegender Arbeitsenergien beschäftigte.
+Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen Stagnation
+Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen
+und ihnen eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die
+sie gerade vor dem Verhungern schützte. Es schien sinnvoll
+und naheliegend, mit dem Aufwand der gleichen finanziellen
+Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte schöpferisch
+zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es,
+das ohne Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur
+abhing: das war der Boden! Er gab allen Arbeit – selbst
+jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft besaßen, selbst den
+Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre ganze Arbeitskraft
+erreicht hatten, der Jugend.
+</p>
+
+<p>
+Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien
+zusammengefaßt und zur inneren Kolonisation nach einem
+großen Plane verwandt, mußten Wohlstand und Glück
+erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf Millionen
+Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen
+ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und
+systematisch angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten
+jedem Menschen Behausung und Garten. Es schien
+ihm an der Zeit, daß die Menschheit den Kampf gegen
+den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt
+und demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie
+den Krieg organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant
+hatte das Wort geprägt: Wenn wir arbeiten
+müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, gut. Michael
+Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten
+müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten.
+Das allein erschien ihm die Wahrheit.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich
+schwer, die Probleme waren ohne Zahl. Je näher
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+man ihnen kam, desto ungeheuerlicher wuchsen sie in die
+Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut verloren.
+Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter
+Köpfe hatte sich um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden,
+die seine Pläne förderten. Ein Deutschamerikaner,
+der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte sich
+so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein
+ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang
+gemacht war, strömten ihm begeisterte Mitarbeiter
+von allen Seiten zu. Hunderte von jungen Architekten,
+Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern,
+Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit
+an. Er griff freudig zu. Er benutzte alle Organisationen,
+die helfen konnten. Das Rote Kreuz, die Jugendorganisationen,
+alles. Er sammelte die mannigfachen Siedlungsgesellschaften
+und Vereinigungen, die, zersplittert,
+systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche
+Ziele verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte
+die Gesellschaft ihre Niederlassungen. Und die Gesellschaft
+wuchs täglich!
+</p>
+
+<p>
+Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution,
+brauchte ein großes Ziel, und Michael gab ihm dieses
+Ziel! Er blickte nicht zurück, er wies in die Zukunft –
+und schon strömten ihm die Verantwortungsvollen, die
+Begeisterungsfähigen, die vom Kameradschaftsgedanken
+Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren Organisationen.
+Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die
+ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes.
+Selbst die Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge
+strichen Ziegel, an der Nordsee transportierten sie
+Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen Ödländereien.
+Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+hallten wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in
+Arbeitsleistungen umzuwandeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien
+und verbesserte sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten
+Land ihre Arbeitskräfte und deckte damit ihre Verpflichtungen.
+Aus sich selbst heraus, aus dem Boden heraus
+schuf sie neue ungeheuere Werte.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder,
+Sägewerke, Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke,
+Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie besaß ein Arsenal
+von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen konnte.
+Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.
+</p>
+
+<p>
+Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben
+Nächte hindurch. Sein Gesicht war hager und straff geworden.
+Er war glühend von seinem Werke.
+</p>
+
+<p>
+Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach
+und leicht verständlich in seinen Elementen.
+</p>
+
+<p>
+Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur.
+Die Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in
+der Struktur, die Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften
+zogen, die Gärtnereigürtel, die sich an ihre Peripherien
+drängten, die Verwertung der Abfälle dieser
+Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.
+</p>
+
+<p>
+Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen,
+Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die
+Dampfmaschine hatte zentralisiert, der elektrische Strom
+erlaubte Auflösung. Kraftwerke, Kanäle, Schnellbahnen,
+Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für ein
+Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in
+einen blühenden Garten verwandelt war. Die Probleme
+des dünnbesiedelten Ostens, des Rheins, des Ruhrgebietes
+– ja, in Wahrheit unendlich ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft
+bereits geschaffen, etwa zweihundert größere
+und kleinere Siedlungen aller Art und für alle Zwecke
+waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber
+sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das
+alte Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag
+mehr und mehr. Zweihundert Millionen glücklicher und
+gesunder Menschen würde es einst beherbergen, würde es
+einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des Herzens
+geben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-21">
+21
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte
+Christine, nach langem Stillschweigen, ganz plötzlich:
+„Und nun will ich sprechen! Nun will ich dir alles beichten!
+Aber versprich mir, mich nicht zu unterbrechen.
+Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles
+gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will
+ich – Gott sei meiner Seele gnädig ...“
+</p>
+
+<p>
+Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann:
+</p>
+
+<p>
+„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die
+Waffe gegen dich erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht,
+damals war ich gewiß nicht Herr meiner Sinne. Ich
+hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur
+Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich
+wollte die Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die
+Wahrheit. Vielleicht wollte ich, um dich zu ängstigen,
+einen Schuß in die Wand feuern. Nun, es war geschehen.
+Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich verstand
+nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+nahmst die Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war
+ich nicht mehr ein Mensch wie andere Menschen, ich hatte
+keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz dir. Ich war eine
+Leibeigene geworden, so empfand ich es.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen
+verbrachte. Ich weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein,
+ganz automatisch tat. Ich stand hinter dem Verkaufstisch,
+legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen
+fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch
+betete ich unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob
+ich auf der Straße ging oder im Geschäft war oder auf
+meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, daß Gott dich
+dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer
+ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß
+nicht, wann ich schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art
+von Ohnmacht.
+</p>
+
+<p>
+Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun
+keinerlei Gefahr mehr bestände für dein Leben, erst dann
+konnte ich wieder atmen. Denn bis dahin war mir die
+Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz kurze
+Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt.
+Nun atmete ich wieder.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber
+weinte ich sehr viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet
+warst. Und jeden Tag am Morgen und am Abend
+dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet erhört
+hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.
+</p>
+
+<p>
+So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es
+war Sommer, und ich ging viel spazieren. Ich hatte mich
+von allen Bekannten losgesagt, und so kam es, daß ich
+immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten
+und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+mich plötzlich das Verlangen, unter heiteren Menschen zu
+sein. Dieses Verlangen war gewiß harmlos, aber so begann
+es.
+</p>
+
+<p>
+Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete
+ein junges Mädchen, ein lebenslustiges Geschöpf, voller
+Übermut. Sie hieß Susanna. An Susanna schloß ich mich
+an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, um zu
+tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und
+heiter war, während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus
+lagst. Aber ich konnte nicht widerstehen. Hier
+nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei früher russischer
+Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck
+seiner Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er
+erzählte interessante Dinge, war düster und immer etwas
+melancholisch. Das zog mich an. Er warb um mich, aber
+ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, wenn
+ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So
+kämpfte ich wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen.
+Es war oft wie eine Raserei in mir, und so geschah
+es also. Ich habe dich damals noch besucht, aber ich
+sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die
+Hand reichte. Ich verachtete mich.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig
+vor dem Potsdamer Bahnhof verabredet. Er kam nicht.
+Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich fragte in seinem
+Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er
+hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich.
+Ich freute mich über diese Züchtigung.
+</p>
+
+<p>
+Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des
+Blutes, mächtiger als alle Vorsätze, als alle Eide, als
+alle Gebete. Ich zitterte auf der Straße unter den Blicken
+der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich ins
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder
+ging ich häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft
+eines jungen Mannes, eines Schriftstellers.
+Er sagte, er käme nur in dieses Tanzlokal, um Studien
+zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht gut. Aber
+er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er
+lud mich zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter
+erzählen – ich wurde seine Geliebte, und ich verachtete
+mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem besten Wege,
+sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.
+</p>
+
+<p>
+Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht.
+Den ersten Brief, den du in dieser Zeit schriebst, habe ich
+noch gelesen. Die andern habe ich ungelesen verbrannt.
+Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr existieren für dich.
+Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. Und
+doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich
+selbst dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller,
+vor seinem Hause, er kam mit einem Mädchen die
+Treppe herab. Er blickte mich an, ging an mir vorüber
+über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich schämte
+mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl.
+Ich verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie
+du es verdienst, sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand
+ich es als eine große Genugtuung.
+</p>
+
+<p>
+Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war
+in mich gefahren? War mein Blut vergiftet? Ich weiß
+es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel mich, und plötzlich
+kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn
+ich mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel
+stürzen würde, um darin umzukommen.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+entlassen. Das kümmerte mich wenig. Ich suchte mir
+einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es war ein Gutsbesitzer
+aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich
+nahm einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der
+an mir hing und seinen letzten Pfennig für mich opferte.
+Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. Soweit war es
+also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen
+lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und
+verzweifelt. Nie in meinem Leben, noch wenige Wochen
+vorher, hätte ich es mir auch nur in einem bösen Traum
+einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich verstand
+mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen?
+Wie sind sie? Was beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln
+sie? So wie ich log und heuchelte? Die guten Geister, die
+mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich verlassen, und
+ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr
+lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine
+Kraft mehr. Nur den Genuß wollte ich, die Betäubung.
+Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny Florian. Es war auf
+einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war
+düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie
+konnte nicht sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie
+fragte nach dir, und ich erzählte ihr, du seiest gestorben.
+Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde ein, und ich zögerte
+nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt schließlich alles
+einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es
+nicht an.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich
+hatte ich untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden
+sollte. Ich nahm auch dies als Züchtigung des Himmels
+hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende noch rascher
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt
+bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun
+liebe wie nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es
+nach meinem Willen gegangen, nicht leben. Hier muß ich
+dir sagen, daß ich nicht annahm, daß es dein Kind sei.
+Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu helfen.
+Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im
+vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich!
+Und plötzlich erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja
+dein Kind!
+</p>
+
+<p>
+Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick
+die tiefste Finsternis. Nun war ja alles nur um so
+fürchterlicher, um so schrecklicher geworden. Es gab nun
+keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur das eine übrig,
+mich selbst zu vernichten.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich
+wollte es zuerst ermorden, denn was sollte das Kind mit
+einer solch verworfenen Mutter? Dann aber weinte ich
+über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich war
+halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich
+mich an Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß
+du gestorben seiest. Ich sagte ihr, daß ich mich unwürdig
+fühle, noch deine Freundin zu heißen. Ich bat sie um
+Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, niemandem
+etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
+</p>
+
+<p>
+Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank.
+Ich fieberte stark. Der Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen
+und ich müßte sofort in ein Sanatorium. Ich
+lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun
+würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen,
+wenn ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, Jenny
+Florian dein Kind zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde
+nur schwächer und immer schwächer. Meine Freunde
+wandten sich von mir ab und überließen mich der Not.
+So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste
+Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich
+hatte auch nicht einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte
+meine Kleider, das bißchen Schmuck, das ich besaß.
+Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich hingehörte.
+Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir
+nach. In der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet.
+Schließlich schrieb ich wieder an Jenny Florian, da ich
+völlig verzweifelt und ganz von Sinnen war – und da
+kamst du!“
+</p>
+
+<p>
+Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und
+es war dunkel geworden. Furchtbar und erschreckend standen
+schwarze Wolkenhaufen über der Heide. „Das also
+bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin.
+Sprich nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu.
+„Sprich nicht! Erwidre nichts! Nach Worten sollst du
+mir antworten!“
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes.
+„Wir wollen alles vergessen, was gewesen ist.
+Wir wollen vorwärtsblicken und nicht zurück.“ Er wies
+auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog sie
+leise an sich.
+</p>
+
+<p>
+Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie
+laut wie ein Tier.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-22">
+22
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen
+das Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern
+in Schwierigkeiten befände. Niemand wußte, wo
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da.
+Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum,
+der Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken
+wegen größerer Kredite verhandelte. Es war auch eine
+Tatsache, daß plötzlich große Aktienpakete des Konzerns
+angeboten wurden. Die Papiere aller Unternehmungen
+des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren
+innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
+</p>
+
+<p>
+Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
+</p>
+
+<p>
+Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein
+Palais im Grunewald, das noch nicht einmal ganz fertig
+war, zum Verkauf anzubieten – ein Objekt von so enormem
+Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde.
+Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene
+Jacht einer früheren Großherzogin, nach England verkauft
+sei. Die Papiere des Konzerns gaben noch weiter
+nach.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn
+noch nie in so heiterer Laune gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo
+Wenzel nicht zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein
+Rennen, wo man ihn nicht gesehen hätte. Fast immer erschien
+er in der Gesellschaft Jenny Florians. Ihr zarter
+Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, Geschmeide
+funkelte an Händen und Nacken.
+</p>
+
+<p>
+Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten
+sie mit einem Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es
+bei ihm zu krachen beginnt, so stürzt alles in einer Nacht
+zusammen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht
+in die Augen. Was war das? Ein unbekannter Käufer
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+trat plötzlich an der Börse auf und kaufte riesige Pakete
+der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der nächsten
+Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie
+stiegen in einer Woche ohne jede Stockung und kletterten
+schließlich über ihren alten Kurs.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und
+schob sie mit einem breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich,
+war es zu glauben, tauchte auch Goldbaum, der lange
+Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im
+Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als
+sei nichts geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das
+Wenzel selbst eingeleitet hatte?
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des
+Herrn von Kühne. Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz
+hervorragendes Material. Einen früheren bekannten Herrenreiter
+hohen Adels engagierte er als Trainer.
+</p>
+
+<p>
+Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem
+Rennen. Jenny hatte sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen.
+Die Jacke war gelb, die Ärmel rotweiß gestreift.
+Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen Farben
+mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im
+Traum daran dachte, sein im Grunewald neuerbautes
+Palais zu verkaufen. Weshalb er aber plötzlich alle Arbeiten
+eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten den
+Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen
+zu verhandeln und die Rechnungen abzuschließen
+– das wußte nur Schellenberg allein.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies
+sich als Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach
+der Wahrheit, plötzlich nach England gefahren.
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+Der Kapitän hatte den Auftrag, die Jacht nach Hull zu
+bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In verschiedenen
+Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord
+Beaverbrook als Käufer der Jacht genannt werde. Nach
+einigen Wochen aber erhielt der Kapitän in Hull die Order,
+das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern.
+Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen.
+Weshalb aber hatte er sie nach Hull geschickt?
+Und in seinem neuen Palais im Grunewald wimmelte
+es wieder von Handwerkern.
+</p>
+
+<p>
+Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny
+hinaus in den Grunewald, um den Fortgang der Arbeiten
+zu kontrollieren. War er verhindert, so fuhr Jenny allein,
+denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“
+ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd
+durch die Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand.
+Die Maler und Handwerker grüßten freundlich von den
+Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen Menschen, die
+gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch,
+sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter
+Gediegenheit. Das kostbarste Material, die teuersten
+Edelhölzer waren verwendet worden zu Türen, Wandbekleidung
+und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren
+die Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien.
+Zwanzig Arbeiterinnen hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen
+gestickt. Marmor, Bronze, Brokat, die
+Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek,
+in Ausmaß und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen
+Gemächern standen Möbel, Berge von Kisten.
+Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für Antiquitäten,
+Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer,
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell.
+Was Jenny am meisten interessierte, waren die
+Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die Zimmer für
+die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die
+männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller,
+mit dem letzten Raffinement ausgestattet. Und hier
+lag, erst halb fertig, das Schwimmbassin des Hausherrn,
+fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. Es war von
+Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem
+Marmor zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende
+Idee! „Es ist mir etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie.
+„Darf ich Vorschläge machen?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“
+sagte sie, „sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer
+Keramiken zusammenbringen, und räumen Sie ein bißchen
+auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch
+nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber
+sehen Sie zu, daß es nicht so unordentlich aussieht.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die
+spitze Nase in die Luft. „Sie sollen bedient werden,
+Jenny.“
+</p>
+
+<p>
+„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf
+und ein Uhr.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen,
+Kakadus, Papageien, Fasanen, Reiher, Flamingos. Die
+Tiere waren seine Spezialität. Er brannte und glasierte
+seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten Ofen, der
+in der Ecke stand.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten,
+die zum größten Teil verkauft waren, zum
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+größten Teil aber bei den Händlern standen, zusammenzuholen.
+</p>
+
+<p>
+Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
+</p>
+
+<p>
+Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte
+sich linkisch und ungeschickt und viel zu tief. Er
+hatte sich irgendwo einen langen Gehrock ausgeliehen, der
+ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, und
+wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot
+vor Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er
+beim Rückwärtstreten über seine Katze stolperte. Unruhig
+rückten die Tiere in ihren Bauern hin und her, und der
+Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer
+will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
+</p>
+
+<p>
+„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern
+wünschte,“ sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen
+Kakadu nicht anzusehen, er ist direkt schlecht.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art,
+Ihre Werke zu empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser
+brennt die Arbeiten selbst,“ erklärte sie.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser,
+wie ein Führer in einem Museum, auf den verstaubten
+und verräucherten Brennofen in der Ecke. „Ja, ich brenne
+sie selbst, hier in diesem Ofen!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle
+Werke des Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die
+Schnitzereien. Am meisten schienen ihn aber die lebenden
+Tiere, Stobwassers Modelle, zu interessieren.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich.
+„Wir sehen uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+sagte er, als die beiden gegangen waren. Und er drohte
+dem Papagei mit der Faust. „Und du, wie kannst du dein
+dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und
+noch dazu ein früherer Hauptmann.“
+</p>
+
+<p>
+Er war völlig verzweifelt.
+</p>
+
+<p>
+Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen,
+ihren Einfall vor: Sie dachte es sich hübsch, wenn das
+Schwimmbassin mit Keramiken Stobwassers geschmückt
+würde. Es würde lustig und reizend aussehen, vielleicht
+kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine
+Skizze zu machen.
+</p>
+
+<p>
+„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern.
+Sehr gut aber gefiel mir sein Wandleuchter. Erinnerst
+du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem Architekten
+gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen
+Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht.
+Wenn Stobwasser diese Wandleuchter machen könnte?
+Varianten seines Entwurfes?“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft.
+Als Wenzel am nächsten Vormittag mit Jenny
+eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste voller Ton, mitten
+in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel,
+krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war
+fast feindselig. Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny
+nach dem Grunewald zu fahren und sich das Schwimmbassin
+anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht gekachelt.
+Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für
+den oberen Korridor übernehmen könne, in der Art dieses
+Leuchters dort in der Ecke.
+</p>
+
+<p>
+Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht
+für einen Pfennig Aufträge.
+</p>
+
+<p>
+„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich
+bestelle sie hiermit und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten,
+stand Stobwasser immer noch mit offenem Munde da,
+die spitze Nase gegen die Tür gestreckt.
+</p>
+
+<p>
+„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die
+Beine begannen ihm zu zittern. Er mußte sich in den
+Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar nicht fassen.
+</p>
+
+<p>
+„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender
+Mensch,“ sagte Wenzel zu Jenny. „Ich liebe diese einfachen
+Menschen, die etwas können. Sie sind so selten
+bei uns.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-23">
+23
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen
+zu sehen war, wo seine Pferde liefen. Herr von
+Kühne hatte im vorigen Jahre und in diesem Frühjahr
+mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber
+es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in
+Wenzels Besitz zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude
+war. Sie waren nicht mehr krank. Sie husteten nicht mehr.
+Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der Hengst ‚Kardinal‘,
+ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne
+schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes
+Rennen gegen hohe Klasse.
+</p>
+
+<p>
+„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken
+und lachte laut auf.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem
+Rudel und zog in einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe
+Jacke blitzte in der Sonne. Die Tribünen waren stumm
+vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf
+Wenzels Rat hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden
+Siege. „Wird Ihnen bei all diesem Glück
+nicht zuweilen etwas unbehaglich, Schellenberg?“
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“
+erwiderte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen,
+da Wenzel sie vernachlässigte. Kaum daß er einmal
+anklingelte oder die Zeit fand, ihr ein Wort oder eine
+Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast sechs
+Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt,
+in die Maschine diktiert. Und in diesem Brief
+war nur die Rede von einem Kampf, den er mit einem
+Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im Tiergarten gegen
+die Bäume rennen wollte.
+</p>
+
+<p>
+In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren
+schien, wäre sie am liebsten geflohen. Fliehen! Aber
+wohin? Sie wußte, daß sie nie fliehen konnte, es war
+unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte sie,
+daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten
+sich an Wenzel heran, wohin er auch kam. Viele blendete
+sein Erfolg, sein Reichtum. Andere bestach sein Aussehen,
+seine weißen Zähne, seine Kraft und seine unverwüstliche
+Laune.
+</p>
+
+<p>
+Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause
+in Dahlem saß. Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht
+–, daß Wenzel zwei oder drei Wohnungen in verschiedenen
+Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte.
+Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons.
+Obwohl sie sich die Ohren mit beiden Händen zuhielt,
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+unterließ man es nicht, ihr alles mögliche zuzuflüstern.
+Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen daraus, ihr
+derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem
+kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben,
+die täglich ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder
+mit frecher Geste vortrug. Die Musik war von
+einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das
+kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte
+dieses Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte
+die Sängerin nunmehr aus, und er habe dem eifersüchtigen
+Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die Frau
+gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie
+dann der Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister,
+völlig rasend, habe auf Wenzel geschossen, ohne
+ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit einer Ohrfeige
+zu Boden geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft
+war dieser Klatsch, wie unverständlich! Jenny hatte
+den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er aus der Schule
+plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in
+große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und
+stampfte sogar mit dem Fuße, was sie sonst nie tat.
+Stolpe beteuerte, aber sie wußte, woran sie war.
+</p>
+
+<p>
+Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches
+an diesem Klatsch wahr. Ob nun diese Geschichte von der
+Sängerin und ihrem Freund, dem Kapellmeister, sich
+tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny nicht.
+Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel
+Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten
+ein Varieté im Westen, und plötzlich trat eine freche
+kleine Person auf, anzusehen wie ein Straßenmädchen
+aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit einer
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß
+sie das Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten,
+während sie sang und sich frech in den Hüften wiegte.
+Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann trug sie mit
+rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr Revolutionslied
+vor, das mit den Worten begann: „Wartet,
+wenn der Tag kommt, wartet, wenn mein Tag kommt!
+Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß und ihr Fanatismus
+schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen
+Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und
+erschrocken dasaß.
+</p>
+
+<p>
+„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit
+dem Blick in ihren Augen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese
+Frau. Sie schüttelte die kleine Faust, als sie allein war,
+und Tränen der Wut stürzten in großen Tropfen aus
+ihren Augen. Oh, wie sie diese Person haßte! Sie nannte
+sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!
+</p>
+
+<p>
+In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden,
+gefiel ihr Wenzels Aussehen nicht mehr. Sein braunes
+Gesicht schien plötzlich etwas fahler geworden zu
+sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder
+bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen
+Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit
+vermindern“. Er trank in diesen Wochen
+Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.
+</p>
+
+<p>
+„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und
+legte die Hand um seinen Hals.
+</p>
+
+<p>
+„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir
+ja nichts, beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie
+wird vergehen. Ich bin überarbeitet und schlafe zu wenig.
+In der vergangenen Woche habe ich im ganzen – laß
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine
+Nacht gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen.
+Schade, daß es nicht Leute gibt, die für Geld schlafen.
+Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt ist noch recht unvollkommen.
+Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte
+nur, bis der erste August kommt, dann gehen wir an das
+Meer.“
+</p>
+
+<p>
+Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden
+die Vorbereitungen für die Sommerreise getroffen. Man
+wollte drei Wochen mit der Jacht auf der Ostsee segeln.
+Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und
+Stobwasser einladen.
+</p>
+
+<p>
+„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen,
+du erinnerst dich, diese kleine freche Person. Sie
+soll uns vorsingen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie
+sagte leise: „Dann bleibe ich zu Hause.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend,
+„dann werde ich diese Fritzi Frettchen wieder ausladen.
+Sie wird es verwinden.“
+</p>
+
+<p>
+Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene
+Baronin Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame,
+die Jenny bemutterte. Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden.
+Sie lachte in sich hinein. Diese Frau Mackentin
+war ganz ungefährlich.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben.
+Goldbaum erkrankte, und Wenzel konnte nicht reisen,
+bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm. Dieser fürchterliche
+fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen
+in sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben.
+Mitte August endlich fuhren sie ab. Stolpe war
+am Tage vorher mit dem Gepäck vorausgefahren. Am
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen
+Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die
+Tränen aus den Augen bei der scharfen Fahrt, und wenn
+er das Gesicht zur Seite drehte, so bog der Wind seine
+lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem
+Höllentempo dahinzujagen. Jenny aber war froh,
+als sie wohlbehalten in Warnemünde eintrafen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-24">
+24
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">a</span> lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen,
+glatt wie Seide. Zehn Matrosen standen in Reih und
+Glied an Bord, und der Kapitän begrüßte sie. Jenny
+klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie hatte es
+sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und
+wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner
+Dampfer schleppte sie an der Mole und am Leuchtturm
+vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur eine leichte Brise,
+der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe, der
+kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber
+ertönte das Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die
+Tafel war herrlich geschmückt, Blumen, kostbares altes
+Silber.
+</p>
+
+<p>
+„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber
+nicht im Krieg abgeliefert hat, wie es der Patriotismus
+vorschrieb!“ rief Wenzel lachend auf. „Sonst würden
+wir heute nicht dieses schöne Silber hier haben!“
+</p>
+
+<p>
+Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten
+dahin, wie das Schiff durch die See glitt. Tag ging
+<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
+in Nacht über und Nacht in Tag. Unwirklich und unirdisch
+erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und die
+hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist
+Langeland, Kiels Nor.“
+</p>
+
+<p>
+Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen
+Windstille in der Nähe einer dänischen Insel. Das Meer
+floß wie geschmolzenes Blei dahin. Am Horizont stand
+violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein
+Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker.
+Deutlich hörte man die Stimmen von der Insel
+herüber zur Jacht klingen, den Laut einer Glocke.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das, Wenzel?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“
+</p>
+
+<p>
+In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren.
+Sie spähten hinaus in die Dunkelheit, allein nichts war
+zu sehen. Die ohne jede Bewegung ruhende See verstärkte
+zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche Membrane.
+Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich
+gezackt, am Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im
+Lichte glänzte. Aber es war der Mond, der groß und
+feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament emporblickte,
+so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende
+lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an
+Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in
+der Stille des Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des
+großen Knaben, die sie an ihm so sehr liebte – wie damals
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind alle Heuchler!“
+fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt
+Freude, Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das
+Schönste auf der Erde ist Arbeit, Pflichterfüllung. Nun,
+ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben! Und all das ist gekommen,
+weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat
+behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter
+Mann mich rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam.
+Das ist meine Rache!“
+</p>
+
+<p>
+Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und
+das Wasser gegen die Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“
+war wieder unterwegs.
+</p>
+
+<p>
+Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen
+sie in ein furchtbares Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben
+lang nicht vergessen würde. Eine mächtige, schiefergraue
+Wetterwand stand senkrecht über dem Meer, zerrissen
+von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner
+dröhnte wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von
+Blitzen zerfetzte Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam
+hinein, einem kleinen Fischereihafen entgegen. Auf
+dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz entzündet
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam
+und gespannt in das Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt,
+seine Augen glänzten, und sein Mund war halb
+geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte Kraft.
+Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit
+dem Gegner vor.
+</p>
+
+<p>
+Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze,
+Erregung und Angst.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte
+sie. „Ich ängstige mich.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff
+eingeschlagen oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst
+haben und umkehren.“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“
+</p>
+
+<p>
+„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen
+erzählen.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre
+Stimme fort.
+</p>
+
+<p>
+Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die
+Stirn gerunzelt, zum Angriff bereit.
+</p>
+
+<p>
+„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete
+vereinzelt große Tropfen, die wie harte Taler auf das
+Deck prasselten.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste
+„Es ist schade, daß man nicht ewig leben kann! Alles
+besitzen – und ewig leben! Kraft, Gesundheit! Und dich!“
+</p>
+
+<p>
+Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck
+hinunter in die Kajüte. Sie zitterte.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen,
+ob sie Kavaliere sind!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-25">
+25
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie
+einige Tage bei einem Seebad liegen. Farbig der Strand,
+ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen an Bord, und
+es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh,
+wenn sie die Küste mieden.
+</p>
+
+<p>
+Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn
+die See es erlaubte. Das Schiff lag bei. Eine der Jollen
+wurde herabgelassen, und sie schwammen um die
+Jacht herum.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer
+Schwimmer. Sonst sah man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen,
+nur selten. Immer schlief er, irgendwo zusammengerollt
+wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach,
+in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel
+aufgesetzt hatte, genoß er auf dieser Reise die ersten Tage
+des Ausruhens, der Erholung und Sorglosigkeit.
+</p>
+
+<p>
+„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden.
+Sie lief bestimmte Häfen an, um die Post abzuholen.
+Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde zurück. Goldbaum
+wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner
+Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord
+bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung
+zu Michael gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht.
+</p>
+
+<p>
+Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai.
+Der dicke Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor
+und betrachtete argwöhnisch das Schiff. Er mißtraute
+dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“ pflegte
+er zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft,
+mit einem sehr schlichten, offenen Gesicht und
+großen dunkelblauen Augen. Sie war sehr scheu und
+bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste
+Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten
+zu können wie Michael selbst.
+</p>
+
+<p>
+„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als
+die Jacht wieder die offene See gewonnen hatte und das
+Land versank.
+</p>
+
+<p>
+Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es
+ist schön.“
+</p>
+
+<p>
+In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+unmöglich, mit ihr in ein Gespräch zu kommen, was man
+auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als es kühler
+wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie
+mit einem langen und erstaunten, dankbaren Blick an.
+Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte nichts.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie
+Freundinnen geworden waren.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich.
+Die Herren besprachen Geschäfte. Michael war nach
+Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in Ruhe
+sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin
+ganz unmöglich war. Er wollte ihn für ein großes Projekt
+interessieren, für eine Industriesiedlung größten Ausmaßes,
+die zurzeit am Mittelland-Kanal vermessen wurde.
+Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu
+überlegen.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der
+Abend war gekommen, und die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges
+brannte braun und gewaltig wie der
+Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem
+Knarren. Das Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise
+Knarren und gleichmäßige Zischen schläferte fast alle ein.
+Man sprach leise, oder man schwieg. Stobwasser war schon
+tief eingeschlafen.
+</p>
+
+<p>
+Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er
+war mit Michael in ein Gespräch geraten, das gedämpft,
+aber mit großer Leidenschaftlichkeit geführt wurde.
+Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs.
+</p>
+
+<p>
+„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich,
+mit leicht näselnder Stimme, „Sie werden doch zugeben,
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+daß wir Getreide billiger importieren können, als
+wir es selbst zu produzieren vermögen?“
+</p>
+
+<p>
+„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden
+unsere Methoden verbessern, um konkurrenzfähig zu werden.
+Ich leugne nicht, daß es heute wirtschaftlicher ist,
+Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös Getreide
+einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen
+verkaufen können.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber das kann ich doch jederzeit?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese
+Probleme gar nicht zur Diskussion.“
+</p>
+
+<p>
+Pause.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort:
+„Nehmen wir an, daß es Ihnen tatsächlich möglich sein
+wird, mit Hilfe einer ungeahnten Bodenverbesserung und
+völlig neuer Methoden die Produktion so zu steigern, daß
+Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt,
+was dann?“
+</p>
+
+<p>
+„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken
+zuführen und zum Beispiel die Geflügelzucht
+um ein bedeutendes heben, sodaß Deutschland keine Eier
+mehr einzuführen braucht.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme
+fort. „Gestatten Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren
+noch mehr Getreide und Nahrungsmittel, mehr als
+Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch immer
+nicht geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an.
+Dann würde ich einen Teil des Bodens zur Anpflanzung
+von Hanf, Flachs und Ölfrüchten verwenden.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich
+Sie recht verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland
+<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
+durch Motorkraft ersetzen. Ist das Ihr Programm?
+Und wenn das Ihre Absicht ist, werden Sie das Geld
+haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren,
+die für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen
+Pferde, die nur einige Monate im Jahr arbeiten, fressen
+Deutschland arm. Sie sind der unerhörteste Luxus, die unerhörteste
+Verschwendung, die vorstellbar ist. Anstatt des
+Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff
+für die Motore in meinen Brennereien herstellen,
+wenn es sein muß. Im übrigen werde ich ja ganz andere
+Kraftquellen verwenden. Der Wind und das Wasser werden
+billige Kraft liefern!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr
+Mackentin fort. „Sie beliebten zu sagen –“
+</p>
+
+<p>
+Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus
+und sagte, während er aufstand: „Strecken Sie die Waffen,
+Mackentin, Sie werden mit ihm nie in Ihrem Leben
+fertig.“
+</p>
+
+<p>
+Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und
+ab. Er schob seine Hand unter ihren Arm und sagte:
+„Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie Wenzel betreuen.
+Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus.
+Er braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht.
+Seien Sie nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts
+als ein großer Knabe.“
+</p>
+
+<p>
+Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael?
+Er ist einer der reizendsten und sympathischsten Menschen,
+die es gibt. Wäre ich eine Frau, so würde ich mich tödlich
+in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne alle Grenzen,
+aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn
+für einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen
+<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
+machen. Schon jetzt greift ihn die Presse heftig
+an.“
+</p>
+
+<p>
+Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz
+in sich zu ruhen, ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt,
+sich selbst zu genügen. Fast wie ein edles, scheues
+Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren Blick in die
+Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie
+zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit
+und Freude war Evas glänzendes Auge auf sie gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr.
+„Zum ersten Male habe ich mich in eine Frau verliebt,“
+sagte sie lächelnd zu Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny
+war glücklich und ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie
+Unruhe in Wenzels Gesicht.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="book" id="chapter-0-3">
+<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
+Drittes Buch
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="chapter1" id="subchap-0-3-1">
+1
+</h3>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland,
+England und Amerika. Als er zurückkehrte, sah es in
+Deutschland schon winterlich aus. In Kuxhaven schneite
+es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder
+schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.
+</p>
+
+<p>
+Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in
+die Arbeit. Er hatte Pläne mitgebracht, du lieber Himmel.
+Selbst Goldbaum, der an manches gewöhnt war, verschlug
+es die Sprache. Tochtergesellschaften in England
+und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer
+Konzern riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber
+auch in bezug auf Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen.
+Feste, Spiel, Theater, Frauen. Die Wochen flogen
+dahin.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der
+Gesellschaft Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder,
+Umhänge, Mäntel gekleidet.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und
+einem dicken holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten
+und unterhielten sich vorzüglich – plötzlich aber
+rauschte eine Dame durch den Saal, die alle Blicke auf
+sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot
+glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie
+war schlank, groß, ihr fast magerer Körper in eine kühne,
+extravagante Robe eingehüllt. Ihr Profil, hochmütig in
+<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
+die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei hagere
+Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner.
+Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang,
+die ganze Verwöhntheit und Arroganz ihrer Kaste umgab
+sie.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich
+horchte er auf. Er kannte diese Stimme, obschon sie englisch
+sprach. Und plötzlich fiel ihm ein, wer diese Frau
+war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.
+</p>
+
+<p>
+Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.
+</p>
+
+<p>
+„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus.
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung
+nicht entging. (Später erinnerte sie sich deutlich
+der Beklemmung, die sie in diesem Augenblick befiel.)
+</p>
+
+<p>
+Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast
+hätte ich sie nicht wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt
+rötliches Haar, früher war sie brünett. Es ist die Tochter
+des alten Raucheisen, Esther Raucheisen, jetzt Lady Weatherleigh.“
+</p>
+
+<p>
+Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen,
+auf dem Schloß des alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh,
+nicht als Gast, keineswegs. Als Automat, als Sekretär
+Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu verrichten,
+Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er
+war nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte
+Sir John Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh
+in London, geheiratet und war seit etwa einem Jahre geschieden.
+Die Ehe war nicht glücklich. Sir John, ein
+hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter,
+nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts
+aus Frauen. Also war Lady Weatherleigh, war Esther
+Raucheisen wieder in Deutschland.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
+Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und
+ihrer Extravaganzen, beschäftigte ihn von diesem Augenblick
+an. Er hatte an diesem Abend noch eine sehr wichtige
+geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde und
+bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel
+Schellenberg müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es
+war das erstemal, daß Wenzel etwas verschob. Er, der
+sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte, sollten sie auch
+bis zum frühen Morgen dauern.
+</p>
+
+<p>
+Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein?
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er
+konnte nicht mehr vergessen, wie diese Frau durch den
+Speisesaal <em>ging</em>. Welch ein Gang war das doch!
+</p>
+
+<p>
+Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war
+eigentlich nicht schön, wenn man es genau überlegte. Aber
+sie hatte Rasse, ihre Mutter war Engländerin alten Adels.
+Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu denken. Sah
+man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich
+nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große
+graue Augen und einen schönen, etwas herrischen Mund.
+Ihre Backenknochen waren betont, die Wangen kantig geschnitten
+– so wenigstens hatte er sie in der Erinnerung.
+Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf
+ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare,
+launenhafte Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er
+sich nachdenklich, ist gewiß eine Frau, wert, sie zu erobern.
+Es war eine Sache, wie? Nicht ihr Reichtum
+würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung.
+Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig
+besäße! Und wie amüsant wäre es, der alte Raucheisen
+würde Gift und Galle speien!
+</p>
+
+<p>
+Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune.
+<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
+Am nächsten Abend ging er mit Jenny in den Zirkus, und
+nach der Vorstellung speisten sie zusammen in Jennys
+Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so
+prachtvoller Laune gesehen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2">
+2
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und
+Abend im Adlon. Endlich erschien Esther wieder. Sie erwiderte
+seinen Gruß verletzend kühl, mit hochmütig hochschnellenden
+Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn arbeitete
+es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich
+seiner zu erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte.
+Später begrüßte er sie. Sie wechselten sechs Worte, und
+Wenzel verließ den Saal.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im
+Hotel. Sie war abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe
+stellte es fest.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert.
+Er war finster, grübelte.
+</p>
+
+<p>
+Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich
+willkommen war. Er mußte heraus aus Berlin, und so
+nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt Moritz zu
+reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen
+war im Hotel Carlton abgestiegen. Sie trieb viel
+Sport und befand sich meistens in der Gesellschaft eines
+englischen Majors Fairfax und des bekannten Pariser
+Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur
+Reise zu treffen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
+Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt
+zu verbinden, der seine Scheidung bearbeitete. Er erkundigte
+sich bei dem Anwalt, wie weit die Angelegenheit gediehen
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen
+Schritt vorwärts gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar
+nicht das geringste unternommen. Nach wie vor
+sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr
+eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte
+das Sechsfache.
+</p>
+
+<p>
+„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins
+Telephon. Seine Stimme klang nicht gerade höflich.
+</p>
+
+<p>
+Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt,
+der ein hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten
+war. Dieser Anwalt hieß Vollmond. Er
+war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm seine Angelegenheit
+vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole
+kurze Fragen gegen ihn ab.
+</p>
+
+<p>
+„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond
+hierauf in seiner hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen
+den Hebel bei den Kindern an. Wir werden Frau Schellenberg
+drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir
+werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung
+von Frau Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung
+der Kinder günstig zu beeinflussen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht,
+diesen Weg nicht einschlagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“
+entgegnete der Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern,
+man ist doch ein Mensch. Aber solch hartnäckigen Frauen
+gegenüber bleibt etwas anderes nicht übrig. Wir werden
+<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
+Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit einverstanden?“
+</p>
+
+<p>
+„Auch das möchte ich gern vermeiden.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also
+Sie stimmen zu? Wir werden Frau Schellenberg beobachten
+lassen und dann unsere Trümpfe ausspielen. Es
+geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert
+derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden
+halten, Herr Schellenberg.“
+</p>
+
+<p>
+Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes
+bei. „Es ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten
+möchte,“ sagte er lachend.
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen
+Heirat. Aber auf jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen.
+Seit einem vollen Jahre hatte er seine Scheidungsangelegenheit
+völlig außer acht gelassen.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr
+morgens waren die Koffer verstaut, und zehn Minuten
+später hob sich die Maschine in die Luft. Schon begann
+Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die Kabine
+gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry,
+zwei Gläser und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das
+Weichbild von Berlin verlassen, als sie schon eifrig im
+Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. Endlich einmal
+eine ruhige Partie!
+</p>
+
+<p>
+Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.
+</p>
+
+<p>
+Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen
+ist untersagt.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie
+Ihre Kähne so, daß sie nicht brennen können!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
+Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben
+Fehler gemacht hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig
+angelegte Partie auf. Sofort begannen sie ein neues
+Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein Schneetreiben,
+aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg
+waren, schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu
+stehen, aber als sie den Bodensee überquerten, zeigte es
+sich, daß Mackentin listig und verschlagen einen Ausweg
+gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, und
+Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin
+versuchte verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber
+Wenzel kämpfte heroisch, während die Maschine über
+schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge dahinflog. Schließlich
+blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die Partie
+remis zu geben.
+</p>
+
+<p>
+„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte
+die Partie schon gewonnen!“
+</p>
+
+<p>
+„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche
+zusammen. „Und hier ist ja schon Sankt Moritz!“
+sagte er und deutete auf ein gleißendes Gebirgsmassiv,
+das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen
+lag. „Die Berninagruppe.“
+</p>
+
+<p>
+Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft
+in den blendenden Sonnenschein hinab.
+</p>
+
+<p>
+„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief
+Mackentin aus, als die Maschine an den vielstöckigen Hotels
+entlangstrich, deren tausend Fenster in der Sonne
+funkelten.
+</p>
+
+<p>
+„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige
+Gestalt, die mit komischer Hast über das besonnte
+Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
+</p>
+
+<p>
+Sie waren angekommen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3">
+<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
+3
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos,
+strahlend, kupferrot gebrannt von der Sonne. Die Haut
+schälte sich von seiner Nase.
+</p>
+
+<p>
+„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die
+Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und
+glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der
+Schlitten!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt,
+als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das
+Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch
+schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf
+dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an
+Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten
+kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett.
+Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf
+Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen.
+Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte
+er geblendet die Augen schließen.
+</p>
+
+<p>
+Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und
+versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf,
+um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern.
+Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den
+endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen
+Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden
+Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen
+der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten
+durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald,
+die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab.
+Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen,
+<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
+in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten
+engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die
+Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne.
+Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger
+Ort, er gefiel Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die
+schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung
+zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar
+von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige
+Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um
+fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester
+tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber
+in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von
+den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte
+Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz
+nach Wenzels Geschmack.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte
+Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so
+erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren
+beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal.
+Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne,
+Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne
+Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und
+funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die
+gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren
+tiefrot gemalten, hochmütigen Mund.
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen.
+Stolpe machte ihm ein Zeichen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen
+<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
+Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt,
+wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn
+er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg
+hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd
+und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute
+aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war,
+wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern,
+koste es was es wolle.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4">
+4
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ach</span> Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels,
+ungezwungen und keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung,
+die die Herren annahmen, wenn sie vor sie hintraten.
+Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des Hotels von
+der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde
+lang auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu
+sammeln.
+</p>
+
+<p>
+Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich
+vor sich zu sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von
+ihren Bekannten aus Paris, London und Berlin. Wo sie
+hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr
+Schellenberg?“ fragte sie, während sie lächelte und ihn
+mit raschem, gewandtem Blick musterte, sein Gesicht,
+seine Kleidung, seine Haltung, alles im Bruchteil einer
+Sekunde.
+</p>
+
+<p>
+„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel.
+„Ich werde meine Pferde hier laufen lassen, mich persönlich
+aber so wenig wie möglich anstrengen.“
+</p>
+
+<p>
+Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn
+mit ihren Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel
+<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
+bereits genügend informiert. Da war also der bekannte
+Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der reichsten
+Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht
+hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart
+Fairfax aus London, Inhaber der Golfmeisterschaft von
+England.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf
+dem See gemeldet, Baron?“ wandte sich Esther an den
+Baron Blau.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden
+nicht günstig,“ antwortete der Bankier gelangweilt,
+während er seine schwarzen runden, melancholisch glänzenden
+Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf
+Wenzel richtete.
+</p>
+
+<p>
+Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem
+Scheitel und schon etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz
+zu den meisten Gästen war sein Gesicht nicht
+braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden
+Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen.
+Seine Miene war hochmütig und gelangweilt, und
+die nervös eingezogenen Nasenflügel erweckten den Eindruck,
+als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die Angewohnheit,
+zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen
+und sich zu strecken, als versuche er, sich größer zu machen.
+Wenzels Größe schien ihn zu verletzen, er schien sie als
+Anmaßung und Herausforderung zu empfinden.
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt
+Moritz gekommen, um Sport zu treiben. Er lief allerdings
+jeden Vormittag eine Stunde Schlittschuh, und
+zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf der
+spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener
+Miene seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde
+<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
+machte er eine Pause, um den Rauch einer dünnen
+Zigarette durch die Nase zu stoßen. Dabei sah er mißmutig
+den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug schwarzweiß
+karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden
+himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen
+mußte. Am Nachmittag spielte er eine Partie Curling.
+Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, in der Größe von
+Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach
+einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten
+Herren, die diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen.
+Sie schabten und kehrten das Eis mit kleinen Besen,
+fieberhaft, um die Geschwindigkeit des Steines zu
+beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe
+von Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war
+die ganze Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man
+ihn nur wenig, jede Nacht aber ging er als letzter schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann.
+Er war hager, noch etwas größer als Wenzel, Körper und
+Kopf nichts als Haut und Knochen. Auf seiner mächtigen
+Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig schwarz gebrannt
+war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote
+Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare
+standen in eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden
+Schädel. Wo andere Leute Augen haben, hatte der Major
+etwas wie geschmolzenes Silber.
+</p>
+
+<p>
+Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu
+trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten
+liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten
+Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte
+an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren
+Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen
+konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase
+<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
+kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am
+Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“.
+Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer
+in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm
+entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für
+das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden
+sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr
+lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der
+berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die
+Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf
+seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die
+Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord
+Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
+</p>
+
+<p>
+Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert,
+schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer
+Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich,
+hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung.
+Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine
+Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine
+Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines
+Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine
+Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und
+seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte.
+Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten
+Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten,
+nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern.
+Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu
+erklären.
+</p>
+
+<p>
+„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr
+Schellenberg,“ wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem
+er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. „Wir
+sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.“ Er
+<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
+sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer
+Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder
+Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und
+seines Adamsapfels bediente.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen
+korrespondiert,“ fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort.
+„Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für
+die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden
+unter den Nationen tätig ist?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen
+zu müssen, Herr Baron,“ antwortete er. „Es
+ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine
+Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien
+nicht hin.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte
+Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen,
+gelangweilten Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten
+Kreuzes und fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
+</p>
+
+<p>
+Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen,
+verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten
+verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft
+schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen
+ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht
+aus welchem Grunde.
+</p>
+
+<p>
+„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen
+den Völkern möglich ist?“ wandte sich Baron Blau
+wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen
+müssen?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
+„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben,
+für die sie töten dürfen und sterben können.“
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau prallte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der
+Major keine andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er
+Wenzel begeistert die knochige Hand hin. „<span class="antiqua">Right you
+are! Right you are!</span>“ schrie er.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame,
+braun gebrannt wie eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt:
+„Major Fairfax!“
+</p>
+
+<p>
+Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte
+ihm etwas in das knorplige Ohr. Fairfax schien aufs
+äußerste betroffen.
+</p>
+
+<p>
+„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
+</p>
+
+<p>
+Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker
+meine beste Zeit um drei Sekunden unterboten hat.“
+Nutcracker war der Name eines rivalisierenden Bobs.
+</p>
+
+<p>
+„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax,
+Nutcracker geht ganz eng herum,“ erwiderte Esther
+mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: „Ich erwarte
+übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es
+wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
+</p>
+
+<p>
+Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel
+mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht
+die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten.
+Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen
+da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
+</p>
+
+<p>
+Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt
+und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen,
+ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche
+<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
+Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese
+Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung
+für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit
+allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien
+von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife
+im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel
+wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen.
+Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende
+Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet,
+noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal
+waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es
+nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen.
+Eine schöne, verführerische Frau, gewiß,
+aber ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5">
+5
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen
+Schneemassen – es war Neuschnee gefallen –
+erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend
+älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel.
+Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und
+sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen
+Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen.
+In der Hand trug der Herr einen Stock mit
+eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das
+Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von
+Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig
+vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den
+Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock
+auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder
+<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
+vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten
+spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen,
+rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte
+Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener
+Person!
+</p>
+
+<p>
+Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist,
+war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder
+des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems,
+nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte
+ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen
+Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste
+Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand
+das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug
+den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht
+mehr die Blicke der Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen
+Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er
+das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin
+und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter
+zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen
+zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch
+höher wuchs.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft
+zu. „Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht
+ist.“ Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über
+ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob
+zurecht.
+</p>
+
+<p>
+„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich
+weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das
+Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen
+Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet.
+An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck
+<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
+der tödlichen Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie
+geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten.
+</p>
+
+<p>
+Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen
+Augenblick später verschwand er zwischen den von Schnee
+und Reif starrenden Bäumen.
+</p>
+
+<p>
+Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur
+Tafel. Wenzel hatte sich in große Gala geworfen und
+erwartete den Alten, einen stillen Triumph in den Augen.
+Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen Salon
+eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden,
+zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war
+fahl, kreidig, von gelben Flecken bedeckt. Er betrachtete
+Wenzel einen Augenblick mit seinen lebhaften, schnellen
+Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, die beim
+Gruß nie einen Druck gab.
+</p>
+
+<p>
+„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte
+es mit einem Lächeln, das freundlich sein sollte.
+„Sie sind noch ganz der gleiche, Sie sind noch in dem
+Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel Jahre
+ist es schon her? Ich aber –?“
+</p>
+
+<p>
+Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte
+Baron Blau und schritt hastig zur Tafel, als habe er
+keine Minute zu versäumen. Er tat es ja nur seiner Tochter
+zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen,
+etwas hohen Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter
+als gewöhnlich, von besonderen Schiffahrtsplänen
+im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten und
+für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu
+gewinnen suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen
+berührte, schien nicht hinzuhören. Aber nach einer
+Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
+„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat
+seit dem Kriege noch mehr von seiner einstigen Bedeutung
+verloren. Es ist zu einer nebensächlichen Pfütze
+geworden, in die ich keine tausend Tonnen schicken
+würde.“
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht
+wurde ganz allmählich von einer eigentümlich hellen Röte
+überzogen. Sein dunkles Auge brannte. Der geringschätzige
+Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne abgetan hatte,
+hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs geschlagen.
+Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem
+Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten
+zu sagen: nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer
+gekränkt, aus. „Das ist doch wohl etwas übertrieben.
+Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
+</p>
+
+<p>
+Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich
+längst von diesem Thema abgewandt. Wie ist es nur
+möglich, daß dieser Baron ein Vermögen gemacht hat,
+dachte er.
+</p>
+
+<p>
+Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen,
+wo sie den letzten Winter zugebracht hatte. „Welch ein
+wundervolles, märchenhaftes Land, Papa! Und dabei jeglicher
+Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es
+unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten,
+Papa!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein
+Kind,“ erwiderte Raucheisen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in
+wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war
+ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. „Ja, fliegen
+wir, Papa!“ rief sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“
+<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
+erwiderte er. „Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue
+Generation hat diese Furcht überwunden.“
+</p>
+
+<p>
+Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche
+Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der
+Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte,
+der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den
+Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden.
+Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten,
+durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue
+Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael
+konferiert,“ sagte er. „Ihr Bruder hat diese Probleme
+erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten
+hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine
+neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen
+wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden.
+Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme
+derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir
+müssen Mut haben.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands
+mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete
+Raucheisen. „Ihre Augen sind jünger.“ Er erhob sich,
+um sich zurückzuziehen. „Wir sehen uns noch, Herr
+Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. „Ich
+möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel
+sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann
+gekommen war, verschwand er.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6">
+<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
+6
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie
+der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen.
+Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem
+Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube,
+im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband
+lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen,
+wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art
+schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter
+aus über eine seiner witzigen und sarkastischen
+Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig
+auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors
+aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen
+gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte
+in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit
+um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in
+Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als
+er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige,
+manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien
+ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich
+und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen
+meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich
+muß sie doch aussprechen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel
+verwundert und blickte ihr in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören
+Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz
+junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt
+der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist.
+<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
+Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter
+Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit
+sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen
+sie vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich
+bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten
+und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende
+Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann
+zu erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen
+dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde,
+da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.
+</p>
+
+<p>
+„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand
+über die Augen breitete.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb
+rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete
+Wenzel und verabschiedete sich.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken,
+die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte
+auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den
+Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald.
+Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen
+war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7">
+7
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> Morgen hatte Esther noch ein großes Programm
+für die Woche entworfen, am Mittag erklärte sie, einer
+plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen früh nach Paris
+abreisen werde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
+Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und
+Esthers brennendroter Haarschopf sah in der Tat kaum
+eine Handbreit aus den Bergen von Blumen hervor, die
+man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend
+ihren Triumph.
+</p>
+
+<p>
+Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren
+Koffern. Und in einer Ecke türmten sich die eleganten,
+nagelneuen Koffer des Barons Blau, der es sich nicht
+nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten.
+Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine
+Woche in Sankt Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen
+gemeldet hatte. Am Morgen standen die Schlitten
+bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein zweiter für
+die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der
+beiden.
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend
+auf englisch zu Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen
+ins Coupé bringen lassen, einen ungeheuren Strauß,
+der eine ganze Ecke ausfüllte.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit
+der Stimme eines erfreuten Kindes aus und nahm die
+Karte aus dem Bukett „Wenzel Schellenberg!“ sagte sie.
+„Seht an! Wie originell!“
+</p>
+
+<p>
+Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis
+zu dieser Minute keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm
+es als selbstverständlich an. Alle hatten ihr Blumen geschickt,
+natürlich auch Wenzel. Sein origineller Gedanke,
+sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu
+bringen, fand ihren Beifall.
+</p>
+
+<p>
+Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen
+Plan zurechtgelegt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
+Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris
+betrat, waren natürlich auch diese Räume schon angefüllt
+mit Blumen. Die Pariser Freunde hießen Esther willkommen.
+Während die Abschiedssträuße aus Sankt Moritz
+auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs
+verwelkten, war hier schon ein neuer Blütengarten
+aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen wie
+durch Zauberei erstanden.
+</p>
+
+<p>
+Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen,
+erinnerte es nicht an den Strauß Schellenbergs, der in
+Sankt Moritz die Ecke des Abteils völlig ausgefüllt hatte,
+wie? Genau so, die Farben, die Größe.
+</p>
+
+<p>
+Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
+</p>
+
+<p>
+„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise
+und erstaunt. Sie wurde nachdenklich, warf den Blick
+rasch durch das Zimmer. Irgend etwas an dieser Sache
+war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte
+natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler
+bestellen. Er konnte die Art des Straußes und
+die Farbe genau bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die
+Karte hierher kommen?
+</p>
+
+<p>
+Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß
+war mit der Karte im Hotel abgegeben worden.
+</p>
+
+<p>
+Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich
+Esther, die hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das
+sie nicht lösen konnte. Dieser Schellenberg ist gewiß ein
+merkwürdiger Bursche, dachte sie, der drollige Einfälle
+hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er unmöglich
+die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief
+zu senden.
+</p>
+
+<p>
+Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren
+neuen Pariser Robe, eine Stunde später in den
+<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
+Speisesaal rauschte, wer stand da, kupferbraun, fast
+schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des weißen
+Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so
+braun, daß die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete,
+starrte auf Wenzel wie auf eine Erscheinung. Er glaubte
+im ersten Augenblick, es sei Zauberei, eine heimtückische
+und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. Und schlecht
+verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß.
+Er hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar
+nicht, aber dieses Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte
+unaufhörlich seine Nerven. Er schleudert Felsen,
+dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu Gewalttätigkeiten
+bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte
+in die Ohren stopfen.
+</p>
+
+<p>
+„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller
+Stimme aus, überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand
+augenblicklich.
+</p>
+
+<p>
+„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete
+Wenzel lachend und schüttelte ihr die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit
+dem nächsten Zug von Sankt Moritz nach Zürich gefahren
+und von Zürich aus mit dem Postflugzeug nach Paris
+gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau
+zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt.
+Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther
+verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer
+und ohne alle diese andern, die unaufhörlich
+Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben
+Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel
+<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
+erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit,
+zartfühlend war er gewiß nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“
+sagte Esther.
+</p>
+
+<p>
+Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht
+zurückgefunden. „Zum ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter
+Stimme. „Ist es möglich? Und wie gefällt
+Ihnen Paris?“
+</p>
+
+<p>
+Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen,
+daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. „Es
+lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ rief er aus,
+„sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst
+ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein
+Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata
+Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß
+und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht,
+glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße
+Moschee ist <span class="antiqua">Sacré coeur</span>, wie man mir später sagte.
+Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel,
+und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden
+und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden
+Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im
+Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel
+gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser,
+kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten
+des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren.
+Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt,
+von deren Existenz der Baron nichts ahnte.
+</p>
+
+<p>
+„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem
+melancholischen Blick.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte
+<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
+Esther. „Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen
+und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben
+beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen
+habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich
+also?“ entgegnete der Baron mit verletzter Miene.
+</p>
+
+<p>
+„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten.
+Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg.
+Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie
+Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte
+Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er
+haßte diese Neigung Esthers, durch obskure Lokale zu
+ziehen. Die blasse Glasur seines Gesichtes wurde von
+einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
+</p>
+
+<p>
+„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
+</p>
+
+<p>
+„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, dann heute.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein.
+Die melancholischen Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte
+er sie mit gekränkter Miene daran, daß sie den
+ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun
+war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf
+dem Rücken nach Paris getragen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert
+von ihren Freunden, frei machen konnte, durchstreifte sie
+mit Wenzel diese große, unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse
+birgt als irgendeine Stadt der Welt, die großen
+Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten
+Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo
+die Zuschauer mitspielten und Bemerkungen auf die
+<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
+Bühne hinaufriefen. Sie besuchten Varietés, Tingeltangel,
+Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort ging
+es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen.
+Da Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie
+den Dolmetscher.
+</p>
+
+<p>
+„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die
+gesund und phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
+</p>
+
+<p>
+Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten
+Bars, wo kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen
+hatte, auftraten. Sie streiften bei Nacht in den
+Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und Blumen,
+und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe,
+die die Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals
+hatte Wenzel sich so wohl gefühlt. Welch eine
+wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien angefüllt!
+</p>
+
+<p>
+Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau,
+die an jedem Abend, in jeder Stunde anders war, wirkte
+auf ihn wie starker Wein. Sein Blick glitt über ihren
+feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum sichtbare
+hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf
+ihrem hellrot gemalten Mund – den er bald küssen
+würde, das wußte er. Sein Blick lag auf ihren Wangen,
+die sie rot und braun malte, und auch diese Wangen
+würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das
+frivole, leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht!
+Sein Blick lag auf ihren schmalen und wundervoll gepflegten
+Händen. Bald würde er sie in seine Hand nehmen,
+um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über
+ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien.
+Bald würde er ihn mit seinen Küssen verbrennen. Hüte
+<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
+dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen standen Wildheit und
+Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es fühlte.
+Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie
+hörte, daß seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre
+Miene aber blieb kühl und undurchdringlich.
+</p>
+
+<p>
+Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten
+kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels
+und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer
+Frau sah,“ sagte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie
+können mich betrachten, solange Sie wollen,“ antwortete
+sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen
+sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot
+gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er
+Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber
+nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
+</p>
+
+<p>
+Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit
+offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem
+Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt,
+und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen
+Scheiben der Nachtportier starrte.
+</p>
+
+<p>
+„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd
+und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8">
+8
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inige</span> Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther.
+Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie
+sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das
+Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
+So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte,
+so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte,
+ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde.
+So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte,
+so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und
+schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten
+und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel
+sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es
+auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen
+Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen
+Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg,
+da war Esther Weatherleigh, und da war Paris.
+</p>
+
+<p>
+Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther
+mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages
+aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen,
+außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn
+in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den
+Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
+</p>
+
+<p>
+„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und
+hier ist Sir John, mein früherer Gatte. Sie sehen, wir
+sind gute Freunde geblieben.“
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen
+Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal,
+ganz als sei nichts geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber
+nach fünf Tagen war er schon wieder in Paris.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9">
+9
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen
+Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da,
+wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten
+<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
+– und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde
+stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich
+in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren
+schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte
+sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der
+Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau
+mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine
+lief.
+</p>
+
+<p>
+„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das
+Kind entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang
+ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen
+ihr die Tränen über das Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum
+ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren,
+hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren
+Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich
+halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend
+war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen,
+obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte.
+Endlich war er wieder bei ihr.
+</p>
+
+<p>
+„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte
+Georg.
+</p>
+
+<p>
+„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während
+sie den Arm um Georgs Schulter legte. „Ich habe
+alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte
+ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin
+zurückgekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten
+am Rand.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
+Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen
+Freudentanz auf der Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich
+noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in
+diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.“
+</p>
+
+<p>
+Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern.
+Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen
+Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze
+Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung.
+Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus,
+die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und
+plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich
+daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden
+des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig
+schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten
+Lehrers, der die Schule übernommen hatte.
+Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser
+von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst
+gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin,
+Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten.
+Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe
+blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in
+der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik,
+die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre
+Sirene in den stillen Abend.
+</p>
+
+<p>
+Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst
+schon geworden. Weit über die Heide greifend,
+erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt.
+</p>
+
+<p>
+Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte
+Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
+</p>
+
+<p>
+Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet.
+Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert,
+<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
+blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen
+Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen.
+Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen,
+hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine
+Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt,
+alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für
+Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große,
+fehlerlose Früchte.
+</p>
+
+<p>
+„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt,
+als sie sich zu Tisch setzten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“
+lachte Christine.
+</p>
+
+<p>
+Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich
+sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
+</p>
+
+<p>
+Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg
+ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!
+</p>
+
+<p>
+„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine!
+Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht,
+und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“
+</p>
+
+<p>
+Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“
+gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl
+seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war
+ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und
+neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in
+mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt,
+die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach
+Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal
+in Hannover aus einen Kanal begonnen, der,
+mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch
+die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten
+die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen,
+<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
+Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von
+Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem
+Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe
+gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum
+Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen,
+ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen
+sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
+</p>
+
+<p>
+Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren,
+Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts
+als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare
+Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein
+Ende.
+</p>
+
+<p>
+„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich
+aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde
+wollen wir versäumen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand
+offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst
+mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun
+legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen
+neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden
+von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen
+vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis
+in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit
+für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte
+vorgesehen werden.
+</p>
+
+<p>
+Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und
+in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der
+Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude,
+Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren
+konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige
+Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein
+Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen
+<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
+war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der
+die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu
+den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten,
+diese Stadt künftig zu ernähren.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“
+sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte
+noch einmal durchdenken.“
+</p>
+
+<p>
+Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan,
+in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie
+er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“
+wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer
+brannten.
+</p>
+
+<p>
+Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich.
+Und wie ruhig das Kind schlief!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-10">
+10
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen
+Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen,
+sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder
+auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar
+machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen
+auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in
+Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück.
+</p>
+
+<p>
+Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend
+ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine
+unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer
+Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte
+an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie
+<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
+die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt
+worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte
+Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee
+in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke
+schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise
+nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie
+eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie
+liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften,
+fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht
+Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen
+gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen
+hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig,
+daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen,
+als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf
+dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie
+dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und
+qualmte auf einem Stück Papier weiter.
+</p>
+
+<p>
+Was war das?
+</p>
+
+<p>
+Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das
+möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin.
+Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten
+in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das
+Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie
+es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von
+Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften
+bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er
+ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall,
+daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich
+aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken.
+<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
+Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und
+einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer
+und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die
+Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. „Sie wollen
+euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die Kinder,
+verschlafen und verstört, begannen zu weinen.
+</p>
+
+<p>
+Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an.
+„Wer will uns wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in
+Tränen gebadet.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Papa!“
+</p>
+
+<p>
+Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte
+wieder zu denken, es war zuviel gewesen. Sie klingelte
+Michael an, und Michael ließ ihr sagen, daß er noch etwa
+zwei Stunden im Bureau sein werde und sie erwarte.
+</p>
+
+<p>
+Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas
+nach neun Uhr, als sie im Bürogebäude Michaels ankam.
+Michael saß an seinem Schreibtisch, müde und abgespannt,
+und diktierte Eva Dux Briefe.
+</p>
+
+<p>
+„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er
+mit einem müden Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort
+zu sprechen, und verließ das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun
+aber bemerkte er Lises außerordentliche Erregung und
+Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die Tränen. Sein
+Gesicht verfinsterte sich.
+</p>
+
+<p>
+„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch
+nicht in Frieden trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit
+quälte ihn tödlich.
+</p>
+
+<p>
+Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung
+auf den Tisch. „Lies nur, Michael, lies!“ schrie
+sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein vollendeter Schurke!“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und
+<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
+runzelte ärgerlich die Stirn. Er durchflog das Schreiben
+des Anwalts und die Vorladung des Gerichts.
+</p>
+
+<p>
+Nun begann Lise leise zu wimmern.
+</p>
+
+<p>
+„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage
+es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man
+die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?“
+</p>
+
+<p>
+Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will
+nichts fragen,“ sagte er nach einigem Nachdenken. „Es
+sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich
+rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in
+Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren
+Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die
+Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“
+rief Lise aus.
+</p>
+
+<p>
+Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst
+gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts
+weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn
+noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig,
+dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er
+drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas
+stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen
+auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt,
+um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg
+contra Schellenberg zu erinnern.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich,
+ohne jede Vorbereitung.
+</p>
+
+<p>
+„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.
+</p>
+
+<p>
+„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor,
+daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
+„Das ist eine Infamie!“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn
+und schüttelte den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt
+Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt
+sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen.
+Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera.
+Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate
+lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in
+ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr.
+Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu,
+gnädige Frau?“
+</p>
+
+<p>
+Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage
+nicht!“ erwiderte sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt,
+können Sie getrost antworten, gnädige Frau. Sie
+waren etwas unvorsichtig, aber erregen Sie sich bitte
+nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser Freund habe
+Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus
+erst am Morgen verlassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie
+Lise.
+</p>
+
+<p>
+Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen
+sich nicht erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges
+Personal. Ich habe den Eindruck. Es sind Daten genannt.“
+</p>
+
+<p>
+Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu
+entlassen. (Sie entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin,
+die sich unter ihrem strengen Verhör verriet. Sie
+gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie noch in der gleichen
+Stunde hinaus.)
+</p>
+
+<p>
+„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat
+fort, „so ist das ja nicht so ernst zu nehmen. Sie werden
+beweisen können, daß die Kinder eine sorgfältige Erziehung
+<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
+genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht sind, wenn
+die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend
+und eine schamlose Lüge!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das
+ist ja nicht so schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die
+mein Kollege in sehr taktloser Weise in sein Schreiben
+einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, einen
+Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach
+der Geburt des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das
+Kind: Ein paar Pfund Fleisch, und wie häßlich!“
+</p>
+
+<p>
+Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den
+größten Schurken und Schuften der Welt zu tun!“ schrie
+sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches
+und bat sie mit einer beschwörenden Handbewegung,
+wieder Platz zu nehmen und sich nicht zu erregen. „Das
+ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung gemacht
+haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber
+daß Sie unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre
+Position, ich darf offen sprechen, keineswegs verbessert.
+Das Gericht könnte immerhin der Ansicht sein, daß tatsächlich
+ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen
+Teil erklären.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt.
+„Ich werde nachweisen, daß Wenzel die Ehe mit einem
+Dutzend von Frauen gebrochen hat.“
+</p>
+
+<p>
+Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die
+Gesetze nicht, gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich,
+und wir müssen jedenfalls damit rechnen. In diesem
+Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr Schellenberg
+jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
+„Wie?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in
+diesem Falle sich dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder
+nicht weiter zu belassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“
+</p>
+
+<p>
+In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache,
+daß sich die Lage leider verschlechtert habe, unleugbar,
+riet der Justizrat zum Vergleich. Er werde sich bemühen,
+die günstigsten Bedingungen zu erzielen.
+</p>
+
+<p>
+Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von
+einem Vergleich wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“
+abgebrochen, und diese Bemerkung mit den „paar Pfund
+Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode nicht verzeihen.
+Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es genau,
+und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt
+schreiben. Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene
+alberne Bemerkung gemacht hatte, aber spricht nicht jeder
+Mensch einmal eine Roheit und eine Dummheit aus?
+</p>
+
+<p>
+Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich,
+und wenn er ihr zehn seiner erwucherten Millionen auf
+den Tisch legen würde. Sie wisse recht gut, weshalb Wenzel
+es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu lösen, oh,
+recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde
+den Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.
+</p>
+
+<p>
+„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der
+Justizrat. „Wenzel Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben
+und nicht Sie gegen Wenzel Schellenberg. Wir
+können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht kein
+Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung
+aussprechen wird.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt
+aus. „Ich will ja die Scheidung nicht!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
+Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen,
+so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond
+an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit,
+über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben.
+Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit
+herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um
+den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am
+liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen
+Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die
+Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch
+nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine
+Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen
+gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden
+Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann <span class="antiqua">contra</span>
+Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und
+Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem
+Bankerott.
+</p>
+
+<p>
+Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel
+nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg
+gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei
+sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er
+eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie,
+wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin
+vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit
+mit allen Mitteln!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-11">
+11
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in
+Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile,
+die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten,
+<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
+verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und
+betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete
+ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie
+verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft.
+Sie brauchte das Gewimmel der Menschen,
+das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen,
+die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de
+la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden
+Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in
+Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht,
+schönen Frauen nachzusehen.
+</p>
+
+<p>
+An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle
+über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen
+in Schweiß gebadet waren.
+</p>
+
+<p>
+Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei
+Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter
+hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits
+wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller
+Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen
+Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein
+kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem
+Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete
+glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie.
+„Fahren wir.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges
+Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel
+umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt
+geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte
+das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.
+</p>
+
+<p>
+Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine
+Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier
+<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
+Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus
+Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen
+umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten
+Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse,
+die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte.
+An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen
+in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche
+Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster,
+große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament.
+Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein
+betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten
+eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten,
+und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie
+durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die
+Luft ein.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie,
+und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen
+weichen, schwärmerischen Klang.
+</p>
+
+<p>
+Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen,
+die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten
+aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen
+ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und
+Lachen den Rückweg fanden.
+</p>
+
+<p>
+Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die
+Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes.
+Sie drängte zum Aufbruch.
+</p>
+
+<p>
+Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in
+Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter
+dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer
+halben Stunde zu beheben.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und
+<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
+augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den
+Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen
+Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften
+mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren
+würden.
+</p>
+
+<p>
+Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach
+einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen?
+Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem
+Theater die Schokolade zu nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“
+sagte er.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie
+schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park
+hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel
+im Dunkeln lachen höre.
+</p>
+
+<p>
+„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm.
+„Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich
+muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden
+von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich
+völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt,
+diese kleine Komödie zu spielen.“
+</p>
+
+<p>
+Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie
+eine Statue vor Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“
+fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter
+Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer
+zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen
+Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie
+sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als
+ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier
+zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was
+<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
+ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in
+Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben,
+und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir
+uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den
+Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte,
+zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse
+Dinge sprechen zu können.“
+</p>
+
+<p>
+Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn
+mit mir besprechen?“ fragte sie mit gemachtem Erstaunen.
+Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich
+handeln könnte.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort,
+etwas unsicher und tastend. „Da ist dieser Baron Blau,
+und da ist dieser Major Fairfax, und ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß
+ihre Zähne blitzten.
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe
+keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau
+oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!“
+</p>
+
+<p>
+Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde
+zu einer schmalen, steifen Statue.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich
+sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig
+Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh.
+Entweder ich oder einer der andern!“
+</p>
+
+<p>
+Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und
+verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung.
+Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht,
+und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses
+Lachen aber brachte ihn außer sich.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel
+<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
+zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu
+und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten
+sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das
+brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher
+Aufrichtigkeit gerichtet.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den
+Kopf senkte. „Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse.
+Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen
+sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel,
+aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich
+glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie
+mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.
+</p>
+
+<p>
+„Dann werden Sie meine Geliebte!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln.
+„Aber,“ fuhr sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich
+darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen,
+hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung
+überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt
+eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine
+Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf
+diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?“
+</p>
+
+<p>
+„Es gilt!“
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum
+Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte
+gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament
+zog.
+</p>
+
+<p>
+Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach
+Wenzel. „Sie haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-12">
+<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
+12
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">a</span> bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig
+lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels
+Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden
+Freude.
+</p>
+
+<p>
+Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich
+gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit
+langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen.
+</p>
+
+<p>
+„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut,
+mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen,
+die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas
+schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah.
+Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er
+küßte sie herzhaft auf den Mund.
+</p>
+
+<p>
+Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er
+sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah
+ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste
+ereignet und solle alles bleiben wie früher.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er
+früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften,
+Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys
+Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was
+Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete
+jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm,
+die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf,
+um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen.
+</p>
+
+<p>
+„Woran denkst du?“ fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage
+keine Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh
+gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese
+Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl
+nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen.
+„Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny
+weiter. „Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte
+mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht
+hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon,
+daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten
+hast.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie
+lächerlich klein ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe
+in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen
+lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem
+Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug,
+auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc
+würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen
+Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe
+verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete
+dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und
+diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine
+Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache
+meiner Francsspekulation.“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist.
+Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte!
+Drei Tage später kam er wieder zurück. Er
+blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten
+war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und
+<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
+Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende.
+Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten,
+desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich
+von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast
+nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter
+Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme
+Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel
+früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige
+Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige
+Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden.
+Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht
+und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer
+Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast
+immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte,
+beobachtete. Ihr letzter Film, „Der Roman einer Tänzerin“,
+hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging
+um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote,
+aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie
+wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen.
+Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als
+Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst
+sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles,
+um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte
+von den Proben.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit
+ihm großen Verdruß bereite. Eines
+Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem
+er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte
+einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto
+war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.
+</p>
+
+<p>
+„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er,
+<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
+in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher
+her kannte. „Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige
+Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.“
+</p>
+
+<p>
+Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel
+bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und
+erklärte ihm ohne alle Umstände: „Lise Schellenberg ist
+von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer
+nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung
+gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier
+ist das Telephon, fangen Sie an.“
+</p>
+
+<p>
+Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem
+ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst
+beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und
+starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen
+durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.
+</p>
+
+<p>
+Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten
+Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau
+Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der
+Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises
+Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden
+Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion!
+Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine
+Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses
+zur sofortigen Herausgabe der Kinder.
+</p>
+
+<p>
+„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als
+Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte
+ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie
+könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen
+Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal
+Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr
+Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen
+<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
+Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute
+nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend
+reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg,
+und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.
+</p>
+
+<p>
+Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen.
+Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn
+Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei
+Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend
+Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in
+einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf
+ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine
+Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“
+</p>
+
+<p>
+Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war
+immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn.
+Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner
+Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der
+Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde
+Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte
+Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit
+selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat.
+Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte
+er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn
+zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen
+drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg
+diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge
+mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in
+meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben
+Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten,
+daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden
+<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
+habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen
+durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde
+Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten
+Schurken Berlins.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-13">
+13
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden
+herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare
+Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten
+und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten
+hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den
+Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk.
+Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des
+alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte
+an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals
+war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
+</p>
+
+<p>
+Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt,
+daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten,
+saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein
+ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke,
+Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in
+den Abgrund versinken.
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein
+Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt
+hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um
+zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu
+schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach
+einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter
+seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm.
+Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse.
+Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken.
+<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
+Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine
+Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen
+die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel
+Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten
+bestehe.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein,
+zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg,
+und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß
+Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen
+„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können.
+Das fühlte er.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-14">
+14
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und
+ungläubig sah Jenny Stobwasser an.
+</p>
+
+<p>
+Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder
+hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit
+fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde,
+um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag
+fertig zu machen.
+</p>
+
+<p>
+„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“
+versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt:
+Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er
+nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter
+Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke
+bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein,
+wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu
+heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn
+er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen
+war. Mehr wollte sie nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
+Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie
+hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon
+auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief
+von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen
+durfte.
+</p>
+
+<p>
+Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny
+erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen
+wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe
+zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht
+Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
+</p>
+
+<p>
+Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft
+den Brief. „Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie
+sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut
+aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur
+Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage
+zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen
+einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den
+Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen
+auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde
+drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte
+nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um
+sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann
+Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon
+die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei
+ihr vorsprechen werde, um „alles Weitere“ mit ihr zu
+ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand
+ab und setzte ihre Wanderung fort.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht
+auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte
+wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen.
+Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete.
+Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid,
+<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
+und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann
+zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im
+Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf
+einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen.
+Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört
+ihre Wanderung wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das
+Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen
+neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an.
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde
+nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny
+ohne Pause hin und her.
+</p>
+
+<p>
+Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich
+selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie
+geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden
+meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen
+ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von
+Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal,
+vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie
+wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum
+gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus,
+alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur
+noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß
+fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr
+zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Brief!
+</p>
+
+<p>
+Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben?
+Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden?
+Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu
+sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige
+Ton? War sie eine Ware, die man kaufte
+und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn
+<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
+er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis
+stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird
+Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
+</p>
+
+<p>
+Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich
+bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet,
+ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.
+</p>
+
+<p>
+Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich
+zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging,
+hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt
+und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war
+zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu
+hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt.
+Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle
+diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von
+ihrem Schmerz betäubt war.
+</p>
+
+<p>
+„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie
+und reichte ihm Wenzels Schreiben.
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in
+der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig
+aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze
+Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den
+schwarzen, wilden Haarschopf.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich
+hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“
+</p>
+
+<p>
+„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise,
+die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben.
+„Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“
+</p>
+
+<p>
+Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten,
+aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab
+er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der
+<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
+unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny
+rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er
+tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten,
+einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen
+und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt.
+Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
+</p>
+
+<p>
+Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund.
+Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die
+blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser
+das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet
+war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag
+kommen und auch da nur auf eine Stunde.
+</p>
+
+<p>
+„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
+</p>
+
+<p>
+Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den
+Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte
+ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich
+über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny,
+das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
+</p>
+
+<p>
+Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen,
+sie konnte nicht arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie
+schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und
+wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge
+ihrer Zimmer waren zugezogen.
+</p>
+
+<p>
+Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei
+ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu
+sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen
+könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich
+nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen,
+er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber
+<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
+Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer
+Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung
+vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin
+zurück.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-15">
+15
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze
+Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft
+Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen.
+Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los
+wäre.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt,
+und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer
+der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen
+begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine
+halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen
+wieder über die Gesellschaft herfallen würden!
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft
+nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß
+die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung,
+aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die
+Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen
+gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches
+und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden.
+Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden
+Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt!
+</p>
+
+<p>
+„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend.
+„Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir
+unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir
+verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich!
+Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
+Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das
+allergrößte Vertrauen entgegengebracht.
+</p>
+
+<p>
+„Wie kann ein Gesicht so lügen?“
+</p>
+
+<p>
+Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab
+Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel
+denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren
+prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland,
+die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten.
+Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen,
+die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten.
+Und in der Tat zwang Michael sie durch die
+Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern
+und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben.
+Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft
+betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man
+las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft,
+die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften.
+Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge
+nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu
+kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders,
+seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte,
+und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck.
+Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang,
+verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie
+deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil
+aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die
+Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung
+erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden
+würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel,
+<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
+der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig
+sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht
+einmal eine Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet
+und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann.
+Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger.
+</p>
+
+<p>
+Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte
+er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen:
+die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat
+zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine
+große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft
+erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands
+Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten
+ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme
+verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen
+einander näher bringen sollten, die
+Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser-
+und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit
+für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß
+würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig
+und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen.
+Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael
+zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten
+Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten
+ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen
+Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten,
+keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles
+dank der Fürsorge der Frauen.
+</p>
+
+<p>
+Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft
+getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen,
+und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
+Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten
+organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland
+Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende
+Werk zu besichtigen.
+</p>
+
+<p>
+Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft
+„Neu-Europa“ gegründet. Ähnliche Grundsätze,
+angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen
+Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten
+reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen
+aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man
+gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der
+Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen
+und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker
+– war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes
+Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle
+würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen,
+das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen
+Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika
+würde Europa früher oder später gezwungen werden,
+eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es
+nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden.
+</p>
+
+<p>
+War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so
+waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten
+Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen,
+übermorgen ...
+</p>
+
+<p>
+Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen.
+Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das
+Stenogrammheft gebeugt.
+</p>
+
+<p>
+„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.
+</p>
+
+<p>
+Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte,
+wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen
+verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von
+<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
+Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen
+Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute
+für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden,
+so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend
+mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag
+würde über Europa emporsteigen.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag war nahe!
+</p>
+
+<p>
+„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael,
+und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen.
+</p>
+
+<p>
+Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften
+ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger
+er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner
+Feinde.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-16">
+16
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">nirschend</span> hielt das pechschwarzglänzende Auto, das
+neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf
+dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im
+Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten
+Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender
+älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur,
+stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie
+betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte
+deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten
+Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während
+sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais
+etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz.
+Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie
+hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen
+Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend,
+<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
+ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie,
+neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es
+Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen,
+so daß Park und Garten einen etwas kläglichen
+Eindruck machten.
+</p>
+
+<p>
+Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers
+Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich,
+da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der
+Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die
+Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie
+– ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut
+in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen,
+ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte
+den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche
+Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek
+mit den Abertausenden von Bänden und tausend
+alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre
+Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten
+lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer,
+in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes
+Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und
+Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber
+liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in
+Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine
+weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum.
+Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda
+angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln
+und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte,
+daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt
+würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen
+hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den
+Ritzen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
+Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
+</p>
+
+<p>
+Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am
+zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu
+Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin,
+Michael und Eva Dux waren eingeladen.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und
+Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek
+und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals
+nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam
+machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit
+aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack
+eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des
+alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit
+Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack.
+Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich
+nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte
+kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen
+in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied
+es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit,
+Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen.
+</p>
+
+<p>
+Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch
+Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn
+geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr
+und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz
+einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte.
+Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter
+waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends
+fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch –
+und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu
+meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von
+Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde
+<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
+dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln
+und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten,
+vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten
+man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft
+nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie
+erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit,
+und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute,
+die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.
+</p>
+
+<p>
+Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne
+Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig.
+Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit
+ihr glücklich werden.
+</p>
+
+<p>
+„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.
+</p>
+
+<p>
+Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant
+und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles
+Vertrauen schenken.“
+</p>
+
+<p>
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England
+zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London
+stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle
+ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen
+hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen
+Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet:
+wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag,
+ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und
+die „Kleopatra“ stach sofort in See.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-17">
+17
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">elke</span> Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind
+blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden
+kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in
+<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
+Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah,
+zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst
+in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe.
+Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte
+Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus
+vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war
+heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben,
+daß er morgen über das Haus verfügen könne,“ sagte
+Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht mehr hier
+sein.“
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen,
+während sie durch die Zimmer ging oder müde in
+irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den
+Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat
+entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde
+morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter
+wohnte in seinem Gartenhaus nebenan.
+</p>
+
+<p>
+Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da!
+Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte,
+und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen
+Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und
+starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und
+hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte
+ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten,
+mit etwas schiefgezogenen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“
+Oder sie sagte: „Weshalb gehst du schon? Bleibe doch
+noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!“ Und
+sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn
+<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
+du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich
+habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst.
+Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist
+doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir
+alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan
+nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen,
+ich bin doch nicht so töricht.“
+</p>
+
+<p>
+Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte
+Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne,
+seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid
+bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig.
+Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte
+man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst
+waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch
+wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen
+immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
+</p>
+
+<p>
+Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer
+wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie
+es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde
+nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange
+völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden
+Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee,
+das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den
+Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie
+er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere
+sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser
+Schrei um Hilfe.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
+</p>
+
+<p>
+Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es
+zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht,
+das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es
+wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag
+<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
+es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel
+einer jener Menschen, die morden konnten?
+</p>
+
+<p>
+Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen
+Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man
+gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr
+erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief
+dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format,
+in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er
+das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich
+Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene
+Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte
+es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt,
+daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst?
+Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner
+Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne
+dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den
+Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr
+übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du
+nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen,
+daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono
+flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und
+leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter
+Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen
+Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war
+klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem
+sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren
+so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich
+sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“
+<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
+Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des
+Traumes nicht mehr entsann.
+</p>
+
+<p>
+„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit
+einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“
+und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar
+und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie
+im Theater spräche:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„O gib, vom weichen Pfühle,</p>
+ <p class="verse">Träumend, ein halb Gehör!</p>
+ <p class="verse">Bei meinem Saitenspiele</p>
+ <p class="verse">Schlafe! Was willst du mehr?“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit
+einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann
+rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ und ging in das Badezimmer.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem
+Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten
+zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische,
+und in einer Nische stand eine Bank.
+</p>
+
+<p>
+Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte
+sie sich um und blickte zur Nische.
+</p>
+
+<p>
+„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend.
+Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und
+sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man
+konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er
+am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte
+seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke,
+dünn und zart wie die Blätter einer Rose.
+</p>
+
+<p>
+Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin.
+„Sieh nur zu, Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann
+<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
+saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal
+ganz leise.
+</p>
+
+<p>
+„Schlafe! Was willst du mehr?“
+</p>
+
+<p>
+Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun
+sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“
+</p>
+
+<p>
+Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser
+und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie.
+Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich
+mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand
+durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm
+triumphierend.
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie,
+fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die
+Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und
+das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im
+Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun
+verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich,
+und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie
+das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange
+still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte.
+Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren
+gewesen. Sie erwachte.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich
+es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“
+</p>
+
+<p>
+Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber
+es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und
+nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie
+versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf
+die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich
+gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und
+preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen,
+aber sie taumelte furchtbar.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
+„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte
+zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will
+es nicht tun!“
+</p>
+
+<p>
+Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon
+Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon
+wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren.
+Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es
+war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so
+schnell?
+</p>
+
+<p>
+Da schwand ihr das Bewußtsein.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-18">
+18
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin,
+ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei
+Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß
+er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für
+Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber
+nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie
+zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das
+Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
+</p>
+
+<p>
+Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr
+verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde
+später, während er gequält und von bösen
+Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier
+Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen.
+Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner
+Postflugzeug und kam nach einer stürmischen
+Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei
+Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen.
+<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
+Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich
+von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren,
+während ein junges, zartes Mädchen seine Hände
+manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und
+Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der
+Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde
+mich ergebenst zum Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner
+Stimme einen alltäglichen Klang zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den
+Spiegel zu. „Ich habe Sie erst übermorgen erwartet,
+Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie
+Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte
+Mackentin und nahm Platz.
+</p>
+
+<p>
+Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch
+der Friseur.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus
+dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim
+ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich,
+daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.
+Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich.
+</p>
+
+<p>
+„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage
+früher gekommen sind?“ fragte er, seine Unruhe verbergend,
+und seine Haltung wurde straffer.
+</p>
+
+<p>
+„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin.
+Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit
+und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte
+er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
+</p>
+
+<p>
+Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie
+Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer,
+<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
+es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin
+stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die
+Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte
+sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken
+wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien,
+in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde.
+Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er
+tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her,
+langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.
+</p>
+
+<p>
+Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die
+Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick
+das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche.
+Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer
+Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten
+bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte
+Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete
+langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt.
+Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er
+schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den
+Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack
+eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch
+um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so
+grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm
+Handschuhe und Zylinder.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester,
+harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich
+danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht
+um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wohl.“
+</p>
+
+<p>
+Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit
+Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers.
+<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
+Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze
+englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner
+Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels
+immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub
+bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter
+den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine
+natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen
+Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei
+zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne
+daß man es ihm anmerkte.
+</p>
+
+<p>
+Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf
+den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den
+Schreibtisch.
+</p>
+
+<p>
+„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und
+diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen
+diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum
+Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen.
+Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines
+Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen
+seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe
+keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich
+war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen
+für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was
+kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-19">
+19
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">sther</span> war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt
+und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die
+Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei
+einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber
+<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
+nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande,
+ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es
+nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten
+nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die
+Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es
+ging nicht anders.
+</p>
+
+<p>
+Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja
+eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich?
+fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in
+schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht
+mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all
+ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte.
+Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –.
+</p>
+
+<p>
+Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand
+gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen
+Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei
+der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte
+er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche,
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während
+des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke
+wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand
+Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als
+eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese
+Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten,
+gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit
+dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den
+Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der
+hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die „Kleopatra.“
+Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen.
+<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
+Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit
+weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen
+standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel
+der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord,
+fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit
+alles entgegennimmt, was man ihm
+bietet.
+</p>
+
+<p>
+Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem
+Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst
+jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht
+geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“
+las, stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese
+Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem
+Augenblick glücklich.
+</p>
+
+<p>
+Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne.
+In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht
+ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die
+Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie
+wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta
+und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere
+Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten,
+die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben,
+fetten Blütentrauben an, und schon trieben die
+Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen
+Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge
+glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche
+Woche an Bord.
+</p>
+
+<p>
+Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther
+ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm
+direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther
+einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in
+Deutschland.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
+In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde.
+Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen,
+Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im
+Sande. Es kamen englische und französische Freunde in
+ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element.
+Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische
+Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen
+lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
+</p>
+
+<p>
+Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert,
+daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als
+wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer
+Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas
+mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-20">
+20
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> fand den Bruder verändert. Schien es nicht,
+als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht,
+sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen,
+erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen
+war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten.
+Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael.
+Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all
+dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und
+Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude
+und Glücksgefühl.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael
+etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander,
+wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte.
+„Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner
+Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen
+willst.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
+Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund
+zu einem spöttischen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will
+nicht,“ sagte er kurz.
+</p>
+
+<p>
+„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf.
+„Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen
+vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und
+wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den
+breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase.
+„Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten
+Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten
+Schichten an?“
+</p>
+
+<p>
+„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich
+bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war
+in Wenzels Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel
+mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache
+der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“
+</p>
+
+<p>
+Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß
+weder die Regierung noch das Parlament eine derartig
+riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände
+gehemmt zu werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht,
+sich um eine andere Regierung und ein anderes
+Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu
+indolent dazu sind?“
+</p>
+
+<p>
+Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen
+auf den Bruder. Er erwiderte nichts.
+</p>
+
+<p>
+Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb
+<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
+mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen?
+Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir
+nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen
+haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die
+Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
+</p>
+
+<p>
+„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich,
+aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs
+Feuer gehen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht,
+Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar
+obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis
+verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende
+für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen
+kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen
+Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder
+mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie
+zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand
+wird es wagen, dich anzugreifen.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange
+vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift,
+Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte
+Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand,
+deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden.
+Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand
+wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor
+deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit,
+und man hat die unglückliche Jenny
+Florian nicht vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten.
+„Wer ist man?“ schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen
+schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich
+<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
+kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben
+Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als
+ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler,
+ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind
+Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und
+ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach,
+erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende
+im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen
+und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen,
+daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso
+schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
+</p>
+
+<p>
+Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War
+das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit
+in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen
+Sinn, dagegen zu kämpfen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“
+sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen
+Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken
+zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du
+willst uns das Darlehn also nicht geben?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
+</p>
+
+<p>
+„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den
+Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten
+Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es
+nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und
+Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot
+haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“
+</p>
+
+<p>
+Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb
+richtest du derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte
+er, um vieles beherrschter. „Frage doch die Regierung,
+weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige
+in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten
+<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
+der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne
+Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der
+Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage
+doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für
+diese Gesellschaftsordnung.“
+</p>
+
+<p>
+Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig:
+„Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht
+hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten?
+Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des
+indischen Wortes ‚<span class="antiqua">Tat tvam asi</span> ...‘ Das bist du! Das
+heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten
+Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner
+Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit.
+Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und
+wie sie alle heißen –“
+</p>
+
+<p>
+Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit
+entsetztem Blick. „Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er
+zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu:
+„Lebe wohl, Wenzel.“
+</p>
+
+<p>
+Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel
+kam ihm einige Schritte nach. „So höre doch, Michael,“
+versuchte er einzulenken.
+</p>
+
+<p>
+„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael
+unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-21">
+21
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">sther</span> Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen
+und hatte ihre Residenz im Schellenbergschen
+Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und Nacht
+<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
+knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen
+vor der Freitreppe. Tag und Nacht gingen die
+Gäste aus und ein. Der Haushofmeister, der ehemalige
+Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun. Fast ständig
+waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen
+viele ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das
+Haus und sagte aus Höflichkeit einige Schmeicheleien.
+Major Fairfax kam auf vierzehn Tage. Er beachtete das
+Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur sinkenden
+Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm
+spielen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres
+im Auslande zu verbringen und sich in Deutschland so
+wenig wie möglich aufzuhalten. Ein paar Monate im
+Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen
+im Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben
+Berlins sich wieder beleben sollte.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung
+und Zerstreuung geschaffen werden. Für diese Zwecke
+schien ihr das Jagdschlößchen Hellbronnen ganz besonders
+geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen, was
+ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten,
+eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie
+plante auf Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische
+Nächte, sie plante alle möglichen Dinge. Man
+konnte gewiß recht ausgelassen in dem Schlößchen und
+dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu
+werden. <a id="corr-18"></a>Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie
+beabsichtigte zu diesen Festen ihre englischen und französischen
+Freundinnen, die sich auf das Leben verstanden, einzuladen.
+Es sollte eine Sache werden, von der man überall
+sprach.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
+„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel.
+„Willst du mir Hellbronnen schenken?“
+</p>
+
+<p>
+„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten
+schmalen Lippen. „Du kannst fordern,“ erwiderte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann damit anfangen, was ich will?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich.“
+</p>
+
+<p>
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten
+Kaufherr und Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen
+ihre extravaganten Wünsche vorzutragen. Es sollten Pavillons
+errichtet werden, da und dort, für die Gäste, möglichst
+verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem Raffinement
+ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten
+wirken. Phantastische Gondeln sollten auf den
+Teichen fahren, Wasserkünste, die man farbig beleuchten
+konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus
+sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im
+Sommer ins Freie bringen konnte, um den phantastischen
+Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner Teich aber sollte, so wie
+er war, vollständig mit Glas überdacht werden! Der Teich
+war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht
+ließ sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau
+erschien? Eine Heizanlage war vorzusehen, damit
+man auch an kühlen Tagen in dem kleinen Teich baden
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um
+Vorschläge, gewiß würde ihr selbst noch manches einfallen.
+Und Esther eilte wieder nach Berlin zurück, um
+die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen,
+das sie geben wollte. –
+</p>
+
+<p>
+In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von
+<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
+dem die Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in
+dieser gleichen Nacht starb fern von Berlin der alte Raucheisen
+auf seinem Schloß Charlottenruh an der Ruhr.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen,
+eine vorübergehende Schwäche des Herzens. Der Arzt war
+ohne jede Besorgnis. Er schlief fest und tief in seinem
+Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die Nachtwache
+hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich
+zu wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden
+lang ganz vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich
+und setzte sich hastig aufrecht und lauschte. Eine matte
+Ampel erhellte den Raum. Ein kleines blasses Männchen,
+saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen
+seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht
+einmal so groß wie ein Knabe, fast wie ein Kind sah er
+zwischen den schweren dunkeln Vorhängen aus. Dieses
+Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig vor. So
+saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten
+mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es
+waren die Hände eines Toten.
+</p>
+
+<p>
+Und er lauschte.
+</p>
+
+<p>
+Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad
+der Zeche Charlotte Raucheisen in der Luft schwirren. In
+der Nacht sah er die Hochöfen flammen ringsum, es war
+das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, wenn
+er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge
+aus den Öfen quellen, von feurigen Männern umtanzt.
+Er sah Glut und Rauch am Himmel, als lohe eine Feuersbrunst.
+Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen Jahren,
+ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne
+<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
+Ebenen. Das waren die Siedlungen, die er für
+seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. Hunderte von Morgen
+Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte
+diese Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften
+abgebildet als vorbildliche Einrichtungen – aber
+niemand hatte es ihm gedankt. In jenen Tagen, da die
+Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor erschlagen,
+und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand
+im Zuge schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf
+stand: „Ich bin der Blutsauger Raucheisen.“
+</p>
+
+<p>
+Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit.
+Es waren Zeiten der Verwirrung, der Verirrung,
+längst vergangen. Alles war wie früher.
+</p>
+
+<p>
+Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den
+dunkelblauen seidenen Vorhängen, da unten, da liefen die
+Stollen und Querschläge. Da unten waren jetzt sechshundert
+Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die
+Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken
+klingen? Und kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit?
+Oh, der alte, kleine Mann sah die Lämpchen wandern.
+Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, in
+siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II,
+von einer Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten
+im Ruhrgebiet. Dieses Flöz war der Reichtum der Zeche.
+Hier unten hatte der kleine, bleiche Mann vor mehr als
+fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er praktizierte,
+nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier
+unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier
+herauf. War das nicht sonderbar? Wie der Berg heute
+den Schall trug! Und wie die Scharen von Lämpchen
+hin- und herwanderten, wie sie zwischen den Verschlägen
+und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden.
+<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
+Und der Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen
+Männer.
+</p>
+
+<p>
+Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken
+klingen, nun klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben
+ihm. Hunderttausende von Stahlpicken hämmerten ringsum,
+und der kleine, bleiche Mann lächelte verzückt. Da
+waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie arbeiteten,
+immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten
+sie, und sie arbeiteten alle für ihn.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen
+die Tür. Hörst du nicht? Der kleine, bleiche Mann
+lächelte und sagte leise: „Herein“.
+</p>
+
+<p>
+Dann sank er in das Kissen zurück, und das große,
+matterleuchtete Zimmer lag ganz still, bis der Morgen
+kam.
+</p>
+
+<p>
+Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof
+strömten, sahen sie eine schwarze Fahne auf Charlottenruh.
+„Den alten Raucheisen hat heute nacht der Teufel
+geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der
+klirrend in die Tiefe fegte.
+</p>
+
+<p>
+Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die
+Nachricht vom Ableben ihres Vaters erhielt. Während
+sie tanzte und lachte, war ihr ein ungeheures und unübersehbares
+Vermögen in den Schoß gefallen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-22">
+22
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle
+of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern,
+die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen.
+Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner
+<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
+großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord
+Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen
+Sportwelt berühmt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin
+und England unterwegs.
+</p>
+
+<p>
+Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von
+einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen
+ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr
+Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte,
+verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt
+war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger
+berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister
+gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen
+zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“,
+man mußte als Vogel kostümiert erscheinen –
+war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier,
+das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die
+illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger.
+Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky
+erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und
+Bühnenkünstler.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine
+leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast
+jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter.
+Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß
+der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein
+hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten.
+Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure
+Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine
+Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen,
+wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
+</p>
+
+<p>
+Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten,
+<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
+dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und
+Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen
+Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit.
+Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern
+und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich.
+Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte.
+Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles
+schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben.
+Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft.
+Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure,
+Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft.
+Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen
+Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht
+zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und
+Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen
+voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer
+ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs.
+Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art
+Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von
+Befriedigung.
+</p>
+
+<p>
+„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er
+sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel
+betrachtete. „Und doch ist dies erst der Anfang!
+Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige
+Träume berauschten ihn –.
+</p>
+
+<p>
+Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im
+Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender
+Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag,
+wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel
+<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
+Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte
+für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit
+gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und
+kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle
+Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren
+Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe
+hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in
+der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines,
+milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte
+sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an
+Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken.
+Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner
+Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges
+Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen.
+Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres
+nicht zu erwehren.
+</p>
+
+<p>
+„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht
+so närrisch,“ rief sie wieder und wieder aus.
+</p>
+
+<p>
+Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer
+großen Anzahl von Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo,
+das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in
+der Menge.
+</p>
+
+<p>
+„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther
+lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären.
+</p>
+
+<p>
+Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend,
+geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen
+Tagen vollkommen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause
+kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war
+– Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte
+<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
+erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose
+Szene mit dem Windspiel ein. Er ging
+auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte
+sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine
+Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes
+sein? fragte er sich, indem er auf- und abging
+und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau,
+ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber
+nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte,
+wenn er in schlechte Laune geriet.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte
+er plötzlich. „Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche
+Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig
+närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig
+mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe
+dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch
+sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der
+Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war
+auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur
+seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er
+sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht
+schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht
+etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem
+Bärenzwinger zu?“
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend,
+und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen.
+Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
+</p>
+
+<p>
+Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm
+zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major
+Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick
+hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder
+<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
+wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer
+Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur
+ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und
+nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht
+hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich
+ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer
+des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das
+würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver
+und begab sich zur Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem
+er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen
+Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah
+er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis
+malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging
+es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter
+hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden.
+Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem
+Windspiel überall Ausschau zu halten.
+</p>
+
+<p>
+Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden
+zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen
+Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig
+zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten
+oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur.
+Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus
+Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann
+Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach
+einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er
+das Windspiel vergessen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-23">
+<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
+23
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ber</span> plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr
+an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen
+Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem
+Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder.
+Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur
+gekommen, um Esther abzuholen.
+</p>
+
+<p>
+Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange
+gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr
+trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen
+Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet,
+übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem
+Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die
+Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich
+erbleichte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier
+gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er
+kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub,
+er war ein Freund von Jenny Florian gewesen.
+Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und
+beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen
+geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine
+Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky
+hieß der junge Mann.
+</p>
+
+<p>
+Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen
+genannt?
+</p>
+
+<p>
+Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den
+Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ
+ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein
+dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
+</p>
+
+<p>
+Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft,
+<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
+die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über
+seine unsinnigen Kombinationen zu lachen.
+</p>
+
+<p>
+„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir
+werden drei Wochen auf die See gehen!“
+</p>
+
+<p>
+Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über
+Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer
+Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle
+Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen
+gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge.
+</p>
+
+<p>
+Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade
+gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus
+betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte
+in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen.
+Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der
+Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge
+der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie
+es Wenzel schien, rätselhafter.
+</p>
+
+<p>
+Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder
+erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen
+suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der
+Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem
+Hause.
+</p>
+
+<p>
+Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei
+Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels
+führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten,
+daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem
+Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie
+etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit
+gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und
+doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren
+mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es
+<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
+lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe,
+ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis
+trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig
+gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über
+alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
+</p>
+
+<p>
+Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen
+nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine
+vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll
+genug, um sich für eine derartig schwierige Mission
+besonders zu eignen.
+</p>
+
+<p>
+Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken,
+rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach
+aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen
+Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
+</p>
+
+<p>
+Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit
+noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner
+Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste.
+</p>
+
+<p>
+Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll
+und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große
+Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht
+hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um
+mehr Zurückhaltung gebeten.
+</p>
+
+<p>
+„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt,
+Esther,“ sagte er. „Sie sind zum größten Teil Spießbürger,
+die die Dinge mit andern Augen sehen und manches
+mißdeuten könnten.“
+</p>
+
+<p>
+Esther warf die Lippe in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen
+des Kopfes. „Ich tue, was ich will, du weißt
+es, und kümmere mich nicht um die Menschen.“
+</p>
+
+<p>
+Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und
+ausweichend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
+Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine
+Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer
+und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen.
+Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten.
+„Nun, und die andere Sache?“ fragte
+Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte.
+</p>
+
+<p>
+Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte.
+Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde
+zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige
+positive Tatsache.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man
+über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn
+als Freund.
+</p>
+
+<p>
+Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches
+über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele.
+Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen.
+Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte
+man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein
+Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm
+zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten
+die bösen Zungen. Man habe auch die Namen
+von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das
+sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die
+Hand. „Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er.
+„Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.“
+</p>
+
+<p>
+Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders
+aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden
+Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er
+unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels.
+Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß
+<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
+Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit
+in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende
+junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über
+ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß.
+</p>
+
+<p>
+Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten
+Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner
+Flugzeug Berlin.
+</p>
+
+<p>
+Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts
+Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte
+irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück.
+Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten
+seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete
+er ausführlich über alles, was er in Erfahrung
+gebracht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber
+wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch
+in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman
+die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal
+zu vermeiden.
+</p>
+
+<p>
+Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine
+Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund
+eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn
+auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an
+zu ahnen, wer Esther war.
+</p>
+
+<p>
+Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner
+Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war
+ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht
+das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte
+und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte
+nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
+Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre
+Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr
+wollte er nicht sagen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln.
+Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe
+wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer
+Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben,
+so oder so.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden.
+Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog
+ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und
+legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz
+auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf
+Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag
+um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr
+verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um
+elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler
+sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde
+auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es
+befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs
+sicher. –
+</p>
+
+<p>
+Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem
+Stein gehauen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang
+ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten
+so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich
+funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie mich belügen,
+Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich überzeugen,
+ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg
+können sich überzeugen.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-24">
+<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
+24
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen
+sein Büro nicht eine Minute. Er arbeitete an
+einer Neuorganisation des Schellenberg-Konzerns, die die
+Verwaltungskosten um ein Drittel vermindern sollte. Ein
+ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie die
+Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen
+erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu
+werfen: Das Mietsauto stand an der Ecke.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr,
+kam der Anruf des Vertrauensmannes.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die
+Straße, um das Mietsauto an der Ecke zu besteigen.
+Straße, Nummer, warten, bis ich Order gebe, zwanzig
+Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt es
+wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz
+rabiat zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß
+regungslos im Wagen, die Augen auf das bezeichnete
+Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine kleine Villa in
+Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der
+Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich
+vollenden, dachte Wenzel und hielt den Blick auf das
+Haus geheftet. Die Gedanken jagten. Er rauchte eine
+Zigarette nach der andern und wartete. Eine Stunde verging.
+Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel
+in eine Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen
+still, sie bewegten sich nur noch um kleine Nebensächlichkeiten.
+Wer diese Villa wohl gebaut hatte? Welche Gagen
+ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen
+zu können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer
+<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
+Seite? Dort an der Ecke stand der Vertrauensmann,
+las die Zeitung und aß eine Banane. Er verabscheute
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine
+Dame erschien. Sie trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen
+Hut und ein dünnes, weiches Cape der gleichen
+Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt
+hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde
+aber sofort ins Haus zurückgerufen. Die Dame verließ
+das Haus, unauffällig, sorglos, so wie täglich in jeder
+großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser
+Stunde verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Aber diese Dame trug seinen Namen.
+</p>
+
+<p>
+Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang,
+dann nahm sie ein Mietsauto und fuhr davon.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem
+Wagen. Der Agent ging vorüber und wandte das Gesicht
+gegen die Scheibe. Dann befahl er dem Chauffeur,
+ihn in sein Büro zurückzufahren.
+</p>
+
+<p>
+Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein
+Gericht, keine Zeugenschaft.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch
+unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann
+fuhr er nach dem Grunewald zurück.
+</p>
+
+<p>
+Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn
+war böse gerunzelt. Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft
+vor seiner schlechten Laune.
+</p>
+
+<p>
+„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“
+</p>
+
+<p>
+Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem
+Charakter, keineswegs chinesisch, aber es wurde so genannt.
+Es war ganz gekachelt, ultramarinblau, die Decke
+<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
+vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen Raum zur
+Dämmerstunde.
+</p>
+
+<p>
+Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie
+sprachen englisch und französisch. Zwei Freundinnen waren
+seit gestern auf Besuch gekommen. Die Frau eines
+englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft frisiert,
+mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine
+quecksilberige pechschwarze Französin, die ihrem Mann
+durchgebrannt war und sich bei Esther versteckte. Die
+Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest in
+Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte.
+Man wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers
+Empfangssalon aus sah Wenzel in das chinesische Zimmer.
+Der Rauch der Zigaretten hatte unter der Decke
+eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht,
+und gleich danach trat die Gestalt eines jungen
+Mannes ein. Wenzel erkannte Katschinskys Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte
+Esther, fast gleichgültig, fast gelangweilt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky.
+„Ich bin seit einigen Tagen wieder hier, finde
+aber erst heute eine freie Stunde.“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und
+Madame Georgette Leblanc aus Paris.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, welch schamlose Komödie!“
+</p>
+
+<p>
+Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der
+Luft liegt.
+</p>
+
+<p>
+Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte
+unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer
+<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
+zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten
+solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen.
+</p>
+
+<p>
+Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem
+Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in
+seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer
+hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: „Oh,
+welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war
+sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel
+finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem
+Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen
+Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr
+Gäste gekommen zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen
+gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh,
+welche Infamie!
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern
+und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer
+einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt.
+Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz
+zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen,
+die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen,
+gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau,
+und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd
+da und blickten ihn mit kaltem Spott in den
+Augen an.
+</p>
+
+<p>
+Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie
+entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den
+Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war –
+furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott
+und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß,
+diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten
+<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
+sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders,
+er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen
+würde, nur er nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den
+Schmutz tritt!“ knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen,
+ich werde mich furchtbar rächen!“
+</p>
+
+<p>
+Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er
+wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer
+Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und
+die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese
+Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos
+im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher
+Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr?
+Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier,
+dessen Eigenschaften niemand kennt.
+</p>
+
+<p>
+Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein
+Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel.
+Man tanzte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder
+und wieder aus, mit verzerrten Zügen.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine furchtbare Nacht.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-25">
+25
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“
+drängten sich unübersehbare Scharen von Arbeitslosen,
+Kopf an Kopf. Ihr Geschrei erfüllte die Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“
+</p>
+
+<p>
+Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen
+der Entmutigten. Er erklärte, daß die Gesellschaft in
+<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
+den letzten Wochen Abertausende eingestellt habe, daß sie
+aber vorläufig über keine weiteren Mittel verfüge. Er
+werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat vorsprechen.
+</p>
+
+<p>
+Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den
+Zechen häuften sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl
+von Hochöfen war bereits ausgeblasen worden. Der Export
+war auf ein Minimum herabgesunken. Jahrelang
+hatte er tauben Ohren gepredigt.
+</p>
+
+<p>
+Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer:
+„Gib uns Arbeit! Komm heraus, Schellenberg!“
+</p>
+
+<p>
+Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben
+wurden eingeworfen. Die Polizei schritt ein.
+</p>
+
+<p>
+Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch
+die Fenster eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die
+Verzweifelten zur Ruhe zu bringen. Gestern erschien ein
+Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete.
+Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war
+aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt
+nicht zu gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder
+eingestellt zu werden, oder er werde das Gebäude in
+die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und vier
+kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit
+einem Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein.
+Er war Steinträger, ein krummbeiniger, breitschulteriger
+Bursche mit rotem Schnauzbart und schwammigem Trinkergesicht.
+Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und
+an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, er kam wieder.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der
+<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
+Regierung und Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der
+Michael eingeladen war. Er sollte seine Pläne vortragen.
+</p>
+
+<p>
+Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig
+die Treppe hinab, so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung
+begleitete, kaum zu folgen vermochte.
+</p>
+
+<p>
+Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude
+durch einen Nebenausgang zu verlassen. Kaum
+aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe des Nebenausgangs
+gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die
+linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn
+mit einem schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange
+gegen die Schulter gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe
+gefallen. In dieser Seitenstraße waren nur wenige
+Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem
+Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der
+neben dem Wagen gestanden hatte, sich auf einen Mann
+stürzte und ihn zu Boden warf. Sofort sammelten sich
+Menschen an.
+</p>
+
+<p>
+„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur
+und deutete auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht
+des Mannes, den er zu Boden geschlagen hatte. Es
+war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der
+gestern Rache geschworen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der
+Knall war im Lärm der Straße verhallt.
+</p>
+
+<p>
+Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand
+noch immer und begriff nicht. Er spürte immer noch
+den heftigen Schmerz an der Schulter.
+</p>
+
+<p>
+„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet
+in Angst und Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht.
+Michael schüttelte den Kopf, er vermochte kein Wort zu
+<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
+erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer
+stärker spürbar.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr
+kleines Taschentuch und schob es hastig unter seine Weste.
+Erregt versuchte Eva ihn wieder ins Gebäude zurückzudrängen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“
+sagte er. „Was kann es sein? Was wollte er?“ schrie er
+dem Menschenknäuel zu, der sich um den Steinträger
+ballte.
+</p>
+
+<p>
+Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr
+nachmittags.
+</p>
+
+<p>
+Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer,
+die mit den feuchten Blättern durch die Straßen
+rannten.
+</p>
+
+<p>
+„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser
+schießt auf Schellenberg!“
+</p>
+
+<p>
+Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein
+Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker
+Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der
+Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein Revolverattentat verübt.
+Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu
+lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten.
+Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen
+ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß.
+</p>
+
+<p>
+Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der
+Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein
+notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten
+in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren
+verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für
+geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats
+waren höchst unklar.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
+Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die
+Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine
+häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren
+müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers
+und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter
+großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend
+hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an
+Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft
+„Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn
+gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen.
+Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald,
+einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall,
+alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine
+tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter
+hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem
+Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg,
+verwechselt!
+</p>
+
+<p>
+Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam.
+Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich.
+Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus
+zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem
+Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch
+nicht finden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger
+Trinker.
+</p>
+
+<p>
+Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten,
+lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein
+zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt
+worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen,
+wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten,
+wiederhergestellt sein.
+</p>
+
+<p>
+Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am
+<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
+Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein
+allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten
+Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden,
+um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte
+aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß
+auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael
+wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare
+kamen, um ihn zu vernehmen.
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael.
+„Es ist ein Opfer der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte
+Tat ist nicht der Akt eines einzelnen, die Verzweiflung
+von Abertausenden von Arbeitslosen fand darin
+ihren Ausdruck.“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und
+die Temperatur so befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten,
+täglich zwei Stunden lang die Berichte seiner
+Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich sofort
+um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen.
+Wie ein Racheengel erschien er bei einer großen
+Zahl seiner Unternehmungen, nur in Begleitung von Mackentin
+und Stolpe. Seine Miene war kalt und finster,
+und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem
+Blick. Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied.
+Nein, Wenzel Schellenberg war nicht der Mann, der hohe
+Gehälter bezahlte dafür, daß man sich auf die faule Haut
+legte. Sie täuschten sich. Er brauchte schöpferische Köpfe,
+die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael
+Kenntnis erhalten. Er kaufte in Hannover eine Zeitung,
+<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
+bevor er in den Kölner Schnellzug einstieg. Es war am
+Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her, Mackentin!“
+rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“ Augenblicklich
+erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen
+und ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte
+Wenzel alle Zeitungen zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“
+sagte er mit einem verstörten Lächeln. „Eigentlich
+hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas
+mit Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“
+Tagelang sah Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels
+Blicken.
+</p>
+
+<p>
+Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich
+günstiger, und Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging
+noch einmal vorüber, Gott sei Dank!“
+</p>
+
+<p>
+Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs
+zur Klinik.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die
+Michael erregen konnten. Infolgedessen mußte Wenzel
+sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu sprechen. Eva
+fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich eine
+Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter,
+die Züge hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen,
+täglich zweimal telephonischen Bericht zu geben.
+Sie versprach es gern. Wenzel schien zu leiden.
+</p>
+
+<p>
+Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte
+ihm einige Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber
+die Ärzte hielten ihn noch in der Klinik fest, da sich zuweilen
+in der Nacht geringes Fieber eingestellt hatte. Sie
+gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich
+keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.
+</p>
+
+<p>
+Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer
+auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
+„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir
+immer zurückstellen mußten, Eva. Da ist zum Beispiel
+dieser Plan mit den schwimmenden Werkstätten, die überallhin
+leicht transportiert werden können. Willst du schreiben,
+Eva?“
+</p>
+
+<p>
+Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie
+erinnerte dann, daß der Termin des Preisausschreibens
+bereits überschritten war.
+</p>
+
+<p>
+Auch damit war Michael einverstanden.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein
+Preisausschreiben veröffentlicht. „Verbesserungen und
+Vorschläge zum Bebauungsplan der Lüneburger Heide.“
+Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte
+hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und
+es war nur selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern
+eine große Anzahl seiner Mitarbeiter befand.
+Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten erfreute Michael.
+Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte
+sich, daß einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der
+Öffentlichkeit völlig unbekannter Mann, die beste Arbeit
+geliefert hatte. Er hieß Georg Weidenbach und war
+der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe
+von Berlin.
+</p>
+
+<p>
+Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen.
+Ein schmächtiger junger Mann mit blondem
+Haar, gebranntem Gesicht und strahlenden Augen trat
+in sein Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte
+Michael zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Ich werde
+Ihnen die Leitung einer Abteilung übergeben. Halten
+Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus
+der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er
+<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
+betrachtete Georg aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon
+gesehen?“ fragte er dann.
+</p>
+
+<p>
+Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine
+jetzige Frau mit nach Glückshorst nehmen zu dürfen.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere
+mich noch deutlich. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen.
+Sie sehen um vieles besser aus als damals.“
+</p>
+
+<p>
+Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt
+entlassen hatten, rief er Weidenbach nach Berlin. Er
+führte Georg persönlich in die Abteilung ein, deren Chef
+er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.
+</p>
+
+<p>
+„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“
+rief er ihm zu.
+</p>
+
+<p>
+Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder
+nach Berlin zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst
+verstört irrte, wie ein Hund, der seinen Herrn verlor.
+</p>
+
+<p>
+Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem
+kleinen Georg nach Berlin gekommen, um die Wohnung
+einzurichten, die ihnen die Gesellschaft überwiesen hatte.
+Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden
+Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und
+Nacht nähte sie an den Vorhängen. Aber endlich war es
+soweit, und das kleine Einweihungsfest konnte stattfinden.
+Es prasselte und krachte in Christines kleiner Küche.
+</p>
+
+<p>
+Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs
+früherer Chef in Glückshorst, man erinnert sich? Er
+brachte eine Flasche Burgunder mit. Dann kam der
+Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, berstend
+von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten
+seiner Kunst. Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier
+am Nollendorfplatz hatte. Er brachte einen schwarzen
+Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. Er
+<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
+brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die
+Türe ging.
+</p>
+
+<p>
+„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude
+und umarmte die Freunde.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-26">
+26
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> war in dieser Zeit fast immer in Geschäften
+unterwegs. Nur zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage
+nach Berlin zurück. Er wohnte in seinem Hause im Grunewald,
+lebte aber völlig zurückgezogen. Er arbeitete.
+</p>
+
+<p>
+Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren
+Plänen für das Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt.
+Das Fest sollte eine ganze Woche dauern, von Sonntag zu
+Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen aus
+dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden
+Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky
+führte die Regie. Esther hatte vom frühen Morgen
+bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war vollauf
+beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern,
+Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen,
+sie lachte und ereiferte sich – es fiel ihr gar nicht auf,
+daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, drei Tage zurückkam,
+auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu
+Gesicht bekam.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit,
+mit der Esther ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn
+er auf wenige Minuten in ihrem Freundeskreis erschien,
+machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz allem, Unrecht tun?
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen
+Mackentins scheu und unsicher wurde. Ah, kein Zweifel,
+<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
+er täuschte sich nicht, das war nicht der alte Mackentin. Es
+war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er wich
+seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien
+etwas zu verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren?
+Was geht hier vor?“ drang er in ihn.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an
+der Zigarre. „Oh, nichts,“ erwiderte er, während er
+Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts, gar nichts oder fast
+nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es Ihnen als
+Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer
+großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl
+ich doch von Geschäften nichts verstehe und Ihnen
+sogar häufig Schaden zufügte.“ Und endlich fiel Mackentin
+wieder in jenen Ton, den er bei Unannehmlichkeiten
+wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender
+Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und
+gut, ohne viele Umstände erklärte Mackentin, er halte es
+für seine Pflicht, Wenzel daran hinzuweisen, daß der
+Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit damit
+prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe
+habe es ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die
+Farbe von Blei, das lange an der Luft liegt. Er faßte
+sich indessen rasch, es ging nun zu Ende. Er nahm Mackentin
+das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine längere
+Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den
+Augen, als er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer
+verließ.
+</p>
+
+<p>
+An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin
+im Automobil. Ein Narr! Welch ein Narr! Fast wäre
+er an sich irre geworden. Dieses Stück, das man spielen
+<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
+wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“,
+hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit!
+Es traten ihm fast die Tränen in die Augen, aus
+Trauer über ein solches Ausmaß von Naivität und Borniertheit.
+Der Dichter dieses Stückes wohnte bei Katschinsky.
+Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines
+Tages, in einer totalen Verdunkelung seines Gehirns,
+hatte er sich folgendes Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter
+des Stückes wohnt bei Katschinsky, dem Regisseur.
+Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. Vielleicht
+ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, debattierten,
+ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich
+alles ganz einfach, lächerlich einfach erklärte – während er
+sich die Brust mit beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein
+Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte ihn der Keulenschlag
+mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich schlagen,
+wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie?
+Er erinnerte sich, wie lange war es her? Es war damals,
+als er die Geschichte mit Jenny Florian hatte. Am Anfang.
+Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten
+Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen!
+Rache für Jenny Florian!“ Er zeigte diesen
+Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen Brief geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Seht an! Seht an!
+</p>
+
+<p>
+Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel
+klopfte an die Scheiben, und der Wagen hielt.
+</p>
+
+<p>
+„Wohin fahren Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen
+haben,“ antwortete der Chauffeur.
+</p>
+
+<p>
+Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann
+<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
+sich. „Es schien mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte
+der Wagen durch Schmutz und Regen. Es wurde Nacht.
+Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. In
+Warnemünde lag die Jacht.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es
+regnete und der Wind fegte. Die Scheinwerfer des Autos
+blendeten über Glasveranden. Sie schienen in eine Stadt
+von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, gegenüber
+vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien
+wie verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht,
+und Wenzel zuckte, wie geschlagen, zusammen, so oft der
+Chauffeur in die Nacht hineinbrüllte: „Halloh, Esther
+Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich fand der Chauffeur
+einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und endlich
+zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem
+Augenblick wurde die Jacht lebendig. Licht flammte auf,
+Schritte eilten. Der Kapitän war nicht an Bord. Wenzel
+befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht segelfertig zu
+machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen,
+in das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der
+Wind trillerte in den Tauen. Schon saß Wenzel in der
+Kajüte, und plötzlich fühlte er sich freier und stiller.
+Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn
+verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
+</p>
+
+<p>
+Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel
+Kognak goß, dann zündete er sich eine Zigarre an und ging
+auf und ab. Fast hatte er seine ganze Schmach und
+Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach einer
+Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd,
+<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
+in den Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
+</p>
+
+<p>
+„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän,
+einen früheren U-Bootführer, namens Wittgenstein.
+„Wir sind unter uns Kameraden, und es ist doch völlig
+einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen.
+Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es
+plötzlich in Berlin nicht mehr ausgehalten. Ich brauche
+etwas frische Luft. Wir werden einen Schlag in die See
+machen. Sind Sie bereit?“
+</p>
+
+<p>
+Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer
+geschickt habe, es werde wohl eine geraume Weile
+vergehen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt
+aus. „Wir werden essen und trinken.“
+</p>
+
+<p>
+Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das
+andere hinunter. „Ich bin zur Zeit mit den Nerven fertig,
+Wittgenstein!“ rief er lachend aus. „Sehen Sie, wie
+meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die
+See. Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es
+ist schlechtes Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe
+gebracht. Geben Sie jedem eine Flasche von diesem Bordeaux
+und ein paar tüchtige Schnäpse!“
+</p>
+
+<p>
+Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau
+loswarf und die Jacht klatschend gegen die See ankämpfte.
+Wittgenstein hatte wegreffen lassen, was möglich war, es
+war schweres Wetter.
+</p>
+
+<p>
+„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
+</p>
+
+<p>
+„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar
+ist es hier auf der See!“
+</p>
+
+<p>
+Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als
+<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
+die dänische Küste in Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs
+auf Bornholm.
+</p>
+
+<p>
+„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte
+er. „Ich will nur nicht in die Nähe von Menschen kommen.“
+Am Nachmittag schlief er ein, und am Abend begann
+er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht
+war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie
+dahin.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie
+sagen, Wittgenstein,“ schrie er dem Kapitän zu, „wenn
+ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See brach zischend
+über das Deck.
+</p>
+
+<p>
+„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß
+nicht tun.“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es
+eines Tages.“
+</p>
+
+<p>
+Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän.
+„Hören Sie, Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken.
+Wie wäre es, wenn wir zwei eine Schmugglerfirma
+aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach
+Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer
+Beruf für zwei alte Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und
+Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein.
+Er war bemüht, so wenig wie möglich zu trinken, so sehr
+ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und nüchtern blieb er während
+der ganzen Fahrt.
+</p>
+
+<p>
+Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen
+Regenböen in der schweren See dahin. Dann endlich war
+es auch für Wenzel genug. Sie steuerten nach Warnemünde
+zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um sich
+augenblicklich zu Bett zu legen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-27">
+<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
+27
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzels</span> Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas
+war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen.
+In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten,
+schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen.
+Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette
+blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke
+um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein
+Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine
+Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte
+gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich
+wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war
+und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst
+dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er
+ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender
+Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und
+hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte.
+Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben
+waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon
+wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang
+es Wenzel noch, an Bord zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer
+fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender
+Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch
+konnte ihn mehr einholen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem
+Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich
+immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen
+argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch
+in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da
+<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
+waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren
+von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn
+niemand mehr zu beachten.
+</p>
+
+<p>
+Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit
+zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie
+der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel
+besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine
+Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine
+Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche
+Blutspuren zeigte.
+</p>
+
+<p>
+„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester
+Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der
+Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs
+schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden
+Blicken.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind seekrank.“
+</p>
+
+<p>
+Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“
+trug. Ein sonderbarer Name.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und
+mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch
+ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging
+ein einsamer Offizier hin und her.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen
+Offizier auf der Brücke empor.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete
+nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine
+bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei
+Schornsteinen.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er
+öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus,
+niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war
+zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch.
+<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
+Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so
+furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand
+mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum
+hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche
+Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen
+des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er,
+nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er
+allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem
+entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers,
+von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar
+zu tuten.
+</p>
+
+<p>
+Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie
+voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß
+gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“
+Er betrachtete seine Hände. Was war es doch
+mit meinen Händen?
+</p>
+
+<p>
+Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach
+seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff
+nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf
+einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner
+vor ihm stand.
+</p>
+
+<p>
+„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich
+Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-28">
+28
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen
+nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen.
+Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar,
+in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt,
+<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
+sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob
+ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge.
+Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich
+hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen,
+wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging
+auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in
+einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen,
+die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes
+Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte.
+</p>
+
+<p>
+Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der
+längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem
+Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz
+stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage
+war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt.
+Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe
+Fieber aber blieb bestehen.
+</p>
+
+<p>
+Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich
+kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang
+im Bett liegen!“ rief er aus.
+</p>
+
+<p>
+Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein.
+Sie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Wann
+schlief sie? Michael wußte es nicht, denn immer war sie
+gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte,
+legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf
+seiner Haut knisterten Funken, und zuweilen brauste es
+in seinem Hirn.
+</p>
+
+<p>
+Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen
+in einer Zeit, da jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein
+Blut kochte, und ungeduldige, gebieterische, rasche Gedanken
+jagten durch seinen Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
+Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe
+zu übersehen!
+</p>
+
+<p>
+Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit
+mußte überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte
+waren noch mehr zu beachten. Er brauchte
+Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern ließ
+sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden,
+vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele
+verfaulten jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden
+im Jahre nutzlos weggeworfen, weil die Stiele abbrachen.
+Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei einer solch
+ungeheuren Organisation das Wichtigste.
+</p>
+
+<p>
+„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine
+kalte Kompresse auf die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden
+Augen an. „Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“
+sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken
+ihn überrannten? Man mußte die Verpflegung verbessern
+und die Bekleidung. Man mußte besondere Arbeitsschuhe
+und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben
+in Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres
+als Dünger für das Ödland benutzten? Man mußte besondere
+Waggons konstruieren zum Transport des
+Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und
+wie ging es in der Lüneburger Heide? Wer leitete dort
+die Arbeiten? Er hatte den Namen vergessen.
+</p>
+
+<p>
+Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger
+Heide würde zehn Jahre dauern. Weshalb hatte
+ihm die Regierung verweigert, die Strafgefängnisse aus
+Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er Arbeitskräfte
+brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch
+<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
+immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen
+in Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts.
+Er hatte seit vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten
+über die Fortschritte des Kanals Hannover-Elbe.
+Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das Notwendigste
+unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am
+Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen
+in Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren?
+In vierzehn Tagen sollte der Kongreß der Wasserbautechniker
+stattfinden. Würde er bis dahin genesen
+sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel
+an den Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien
+für die Schulen, welch ein wichtiges Thema! Welch ein
+wichtiges Kapitel die Sommerschulen im Freien! Die
+Probleme waren ohne Zahl.
+</p>
+
+<p>
+„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.
+</p>
+
+<p>
+„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen
+Fieber zu heilen,“ antwortete Michael und schüttelte den
+Kopf.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-29">
+29
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>B</span><span class="postfirstchar">ald!“</span> sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte
+Esther nach, die in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt,
+über den Korridor schritt und sich von der Zofe in
+den Abendmantel hüllen ließ.
+</p>
+
+<p>
+Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden,
+seitdem er wieder in Berlin war. In seinem Bürogebäude
+zitterte man, wenn man ihn von weitem sah. Wenzel war
+laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte sich
+daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich
+anhörte. Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken.
+<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
+Die Abteilungsvorsteher näherten sich auf Zehenspitzen
+seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn umwölkt, die
+Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich
+und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört,
+wenn er laut und ärgerlich wie früher gewesen wäre.
+Häufig streifte ein forschender Blick Mackentins Wenzels
+kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete er?
+Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er
+wußte, daß etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.
+</p>
+
+<p>
+Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende
+wieder in den Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes.
+Er saß immer allein. Er vertrug keine Gesellschaft.
+Er spielte auch nicht mehr Schach.
+</p>
+
+<p>
+Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie
+häufig kam es vor, daß Wenzel um zwei, um drei Uhr
+nachts sein Büro betrat, um stundenlang auf- und abzugehen.
+Worüber grübelte er?
+</p>
+
+<p>
+Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet.
+Wie sonderbar, Wenzel schien gut gelaunt wie früher.
+Er plauderte und scherzte, als sei nichts geschehen, als
+brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. Aber
+Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die
+Verstellung heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und
+häufig beobachtete er Wenzels Augen, wenn er Esther
+nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! Sie
+waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden
+war ein Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach,
+Billard und Karten. Sie rauchten, das Weinglas zur
+Seite, als habe sich nicht das mindeste ereignet. Aber
+wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein
+<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
+kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner,
+er spielte wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau,
+daß alles nur Verstellung war. Dieses schlechte
+Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.
+</p>
+
+<p>
+Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte,
+lud er Mackentin zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob
+er ihn brauche, vielleicht um die Ruhe zu bewahren,
+vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.
+</p>
+
+<p>
+Worüber grübelte er?
+</p>
+
+<p>
+Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns
+in einem kleinen Café am Alexanderplatz zufällig
+gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel, der sonst Tag und
+Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie mehr
+seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit
+Mackentin. Er fand Herrn Schellenberg auffallend verändert.
+Mackentin zuckte die Achseln und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat
+mehr Sorgen als wir.“
+</p>
+
+<p>
+Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah
+es, daß er oft laut vor sich hinsprach.
+</p>
+
+<p>
+„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine
+Lösung.“
+</p>
+
+<p>
+Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte,
+war ihm diese Lösung eingefallen. Es gab keine
+andere. Er hatte es dem alten Raucheisen nie vergessen
+können, daß er ihn tadelte, weil er zehn Minuten zu spät
+kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den
+Schmutz trat?
+</p>
+
+<p>
+„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut
+zu sich, während er unter dunklen Bäumen dahinging.
+„Es gibt nur diese eine Lösung! Das Schicksal hat gesprochen.
+So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen Zweck
+<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
+mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes.
+Man wird mich verstehen, und alle werden begreifen, daß
+es eine andere Lösung nicht gab.“
+</p>
+
+<p>
+Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in
+seine Augen trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“
+</p>
+
+<p>
+Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte
+von witzigen Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat,
+in Konzerten, Theatern, Gesellschaften. Ihre Beschäftigung
+bestand darin, das Programm für jeden Tag
+zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts,
+sie wußte nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen
+hatte ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-30">
+30
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er
+wiederholte es sich tausendmal am Tage und tausendmal
+in der Nacht. Er oder sie, etwas anderes gab es nicht.
+Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein Wenzel
+Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt,
+es gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines
+Lebens überschreiten durfte. Was weiter geschah, darum
+kümmerte er sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten
+betrachtete er ihn. Wenn man ihm einen Ausweg
+angeben würde, so wollte er ja gern diesen Ausweg wählen.
+Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm
+einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach
+Südamerika gehen, in die Wälder des Amazonenstromes,
+wo ihn niemand fand, niemand kannte, aber das war keine
+Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm
+folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne.
+<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
+Er würde auch nicht eine Sekunde vergessen können, daß
+diese Frau seine Würde und Selbstachtung, alles, was er
+war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab keinen Ausweg,
+es gab nur diese eine Lösung.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag
+und Nacht. Er war wie ein Mensch, der unter einer
+Felsplatte begraben liegt und nicht mehr atmen kann.
+Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen
+können – und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh
+doch zu, alles andere ist völlig einerlei, sagte er sich. Er
+war wie ein Mensch, dem man andauernd, Tag und
+Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte Besudelung
+würde erst von diesem Moment an aufhören.
+</p>
+
+<p>
+Nein, es gab keine andere Lösung!
+</p>
+
+<p>
+Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe,
+wie er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde
+nicht leugnen, gewiß nicht, aber er war kein gewöhnlicher
+Totschläger. Er konnte Esther auf die Jacht locken und
+ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in
+Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen,
+in ihrem Schlafzimmer, um ihren letzten Blick,
+den Blick des letzten Erschreckens zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet
+aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer
+und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren
+die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers?
+Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen
+Gäste ein großes Fest.
+</p>
+
+<p>
+Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest
+sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit
+in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal
+sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen.
+<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
+Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben
+bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen,
+erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund
+erschlägt.
+</p>
+
+<p>
+„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
+</p>
+
+<p>
+Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert.
+Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen
+färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren
+alten Klang zu bekommen.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin,
+den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er
+ließ sich täuschen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-31">
+31
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Fest kam heran.
+</p>
+
+<p>
+Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt.
+Schultern, Arme, Roben, Lackschuhe und Fräcke quollen
+aus den Autos. Es kamen Minister und Diplomaten,
+Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die
+neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen,
+es kam die Presse. Die Photographen waren schon durch
+einen Seiteneingang in das Haus geschlichen und lauerten.
+Es kamen Leuchten der Wissenschaft und berühmte Namen
+der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und
+vom Film.
+</p>
+
+<p>
+Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel
+hatte ihn recht gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen
+hatte! Vollendet spielte Wenzel die Rolle des Gastgebers.
+Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber er übersah
+Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst
+nicht. Es waren gegen zweihundert Personen geladen.
+<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
+Das ganze Haus strahlte vor Licht. Wie ein gleißender
+Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle fluteten
+die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten
+darin Esther wie eine Fürstin, die empfängt.
+</p>
+
+<p>
+Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot
+gefärbt, um ihre Freunde und Freundinnen zu überraschen.
+Sie trug ein silbergraues, ganz dünnes Kleid,
+das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen
+Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung
+ihrer Schenkel allen Blicken preisgab.
+</p>
+
+<p>
+Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde
+sie es ahnen, so würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen
+fallen, um nur ja diese Welt voller Musik und Glanz,
+voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig wechselnder
+Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt
+und eine Tasse Kaffee. Er betrachtete seine Hände. Sie
+waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, vollendet spielte er
+seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten über
+Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit
+einem Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über
+die Schwierigkeiten ihres Berufes. Und da, in irgendeinem
+Winkel, entdeckte er den Bildhauer Stobwasser.
+Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm
+in ein stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über
+seine Tiere, ob er noch den Papagei habe, der singen
+konnte: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein
+Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser,
+der einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe
+trug, in Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig
+lachte Wenzel. Dann unterhielt Wenzel sich mit ihm über
+<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
+einen Brunnen, den er für seinen Garten gern besäße. Er
+habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich diesen
+Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte
+ganz konfuse Pläne.
+</p>
+
+<p>
+Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor
+einer älteren, über und über bemalten Dame, die eine
+flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah Wenzel mit
+noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig,
+dachte er.
+</p>
+
+<p>
+Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser,
+die Reihen der Diener. Der Haushofmeister, der frühere
+Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es war natürlich
+viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel
+und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“
+stammelte der Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“
+</p>
+
+<p>
+Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen
+auf. Welch ein ungeheurer Lärm! Die Stimmen der
+Damen schwangen, mitten darin Esthers Lachen. Musik
+brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello.
+Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit
+ihm sprechen, aber der Bildhauer war plötzlich verschwunden.
+Er wich Wenzel aus, er fürchtete sich vor ihm.
+Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz zu ergründen,
+war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg
+irrsinnig geworden war. Man wird es morgen
+in den Zeitungen lesen, sagte er sich und verließ das Haus,
+ihm graute.
+</p>
+
+<p>
+Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und
+Fräcke, Vorhemden, Roben, dünnen Seidenstrümpfe,
+<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
+nackten Schultern und Arme flossen durcheinander. Wenzel
+sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast ausschließlich
+mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so
+würde sie mir zu Füßen fallen, nur um diese Welt nicht
+verlassen zu müssen, wo man tanzt.
+</p>
+
+<p>
+Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen
+gewechselt. Die Musik verstummte. Die Photographen
+verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener hielten die
+Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den
+Kiesweg ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen
+in einem Winkel rasch zwei Gläser Sekt, er atmete
+auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die im
+Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe
+empor. Die Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große
+Saal dunkel, und der graue Tag blickte durch die hohen
+Fenster. Wenzel blickte Esther nach, wie sie in ihren
+Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer
+nur durch den Korridor getrennt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-32">
+32
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">un</span> lag das ganze Haus in Finsternis.
+Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte,
+er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern,
+lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin,
+die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde
+es ganz still.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer
+schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe
+<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
+und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen
+Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers
+Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz
+still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete.
+Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er
+jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand,
+alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit
+eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen
+Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch.
+Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in
+einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand
+eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte,
+Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser
+kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter,
+eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und
+weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter
+nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht.
+Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode
+zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen.
+Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte
+ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht.
+Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig
+die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie
+weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar
+war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers
+Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht,
+er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es also so weit ...
+</p>
+
+<p>
+Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine
+Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der
+gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern
+bemalt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
+Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer
+einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund
+stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt.
+Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar
+nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So
+stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich
+zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete
+sich.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an,
+schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im
+Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und
+helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte.
+Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder
+lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen
+Kindes.
+</p>
+
+<p>
+Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig
+rückwärts und verließ das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre
+Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch
+ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips
+gehabt haben müsse.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in
+dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in
+seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn
+er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er
+wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
+</p>
+
+<p>
+Was war geschehen?
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-33">
+33
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden.
+Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf
+war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet
+<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
+haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie
+kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück.
+Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene
+des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie
+an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts
+zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem
+Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich
+langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als
+Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war
+ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch,
+er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas
+aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen,
+Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und
+aufgeräumt.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht
+sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das
+für ein Rennen?“
+</p>
+
+<p>
+Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre
+an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß.
+„Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!“ rief
+er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von
+Brandenburg wird heute gelaufen.“
+</p>
+
+<p>
+Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste
+Pferd seines Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.
+</p>
+
+<p>
+„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und
+mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen.
+Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis
+wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem
+Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame
+die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte
+<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
+von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein
+Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll.
+Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der
+Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein
+Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette
+Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings
+schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu
+haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar
+nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm.
+Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah
+sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine
+ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke
+flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag sicher in Front,
+als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber
+verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich
+stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung
+versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin,
+„Spaßvogel wurde angehalten!“
+</p>
+
+<p>
+Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf.
+Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er
+suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte.
+Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden,
+mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren
+da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des
+gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen,
+die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor,
+mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige
+Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler
+Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel.
+<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
+Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther
+zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn
+mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den
+Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der
+leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte
+Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu.
+Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm.
+Immer noch lächelte der Schauspieler.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky
+und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein
+kleines Eiterbläschen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer
+ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte
+er: „Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger
+Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ Dann
+hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky
+zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen.
+Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig
+seines Wegs.
+</p>
+
+<p>
+Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt.
+Was ging mit ihm vor?
+</p>
+
+<p>
+Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-34">
+34
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">lötzlich</span> hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas
+müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand
+sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur
+diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ
+und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die
+Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
+Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens
+betrat.
+</p>
+
+<p>
+Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen
+Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem
+Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn
+er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde
+meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in
+das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes
+Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte
+er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf
+dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in
+diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen
+hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch
+heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und
+ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke
+an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war
+das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst
+tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau
+mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises
+Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich
+gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat,
+wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen
+Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob.
+Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell
+und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten
+ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?
+</p>
+
+<p>
+Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei,
+ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines
+lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen!
+Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal?
+Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß,
+kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft.
+<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
+Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach
+töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er
+würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige
+Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und
+nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie
+sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben.
+Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt.
+Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen,
+nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen
+und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste
+Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch
+alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität,
+die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.
+</p>
+
+<p>
+Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg
+war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet.
+Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht
+glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch
+existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin.
+Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen
+ihn vernichtet?
+</p>
+
+<p>
+Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er
+mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das
+alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche
+Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht
+eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn
+ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen
+Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche
+Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln
+können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit
+gefügt.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau
+mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert.
+<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
+Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es
+offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte.
+Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit
+und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie
+wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg
+dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem
+Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein
+Fuhrknecht.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen
+kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park.
+Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine
+Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den
+Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er
+fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren?
+Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt
+ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein
+konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder
+Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er
+kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete
+vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr.
+Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden
+und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob
+selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß
+er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz
+gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne
+daß er sich wehrte.
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich
+verabschiedete, zu dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert,
+und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche
+die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so
+wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde
+zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie
+<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
+wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel
+anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit einem
+gequälten Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war
+krank geworden.
+</p>
+
+<p>
+Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er
+besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor
+Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen
+war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb
+er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach
+kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich
+ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er
+einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er
+frisch und voller Entschlußkraft.
+</p>
+
+<p>
+„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich
+bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“
+sagte er. „Dieses ganze Leben war unsinnig.
+Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier
+bin ich wieder, ich kehre um.“
+</p>
+
+<p>
+Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen
+konnte, woher man auch kommen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut
+kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus
+dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten
+Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte
+Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter
+als sonst freilich.
+</p>
+
+<p>
+„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel.
+„Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf
+seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den
+Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael
+sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
+Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf
+Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen,
+der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich
+zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während
+er wartete, ging er auf dem Gut hin und her.
+Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der
+armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die
+er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof
+gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung,
+Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete,
+die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in
+denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in
+Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen
+Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam
+herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in
+Berlin ist?“ fragte er. „Er ist krank, sehr krank, Sie
+wissen es nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Krank? Er ist wieder krank?“
+</p>
+
+<p>
+„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“
+</p>
+
+<p>
+Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend
+kam er in der Stadt an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft
+in der Lindenstraße sagte man ihm den Namen
+des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier,
+in der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot
+dem Chauffeur höchste Eile.
+</p>
+
+<p>
+Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte
+ihn durch einen matterleuchteten Gang und bat ihn, sich
+in einem Wartezimmer zu gedulden. Einen Augenblick
+später trat der Arzt ein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
+„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“
+sagte der Arzt. „Seien Sie ganz leise.“
+</p>
+
+<p>
+Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders
+betrat, übersah er mit einem Blick alles.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-35">
+35
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">iele</span> Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft.
+Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche
+Konstitution. Und nun war Michael schon
+drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die
+Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten,
+er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.
+</p>
+
+<p>
+Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von
+Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne
+einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als
+den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende
+von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig.
+Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der
+Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere,
+in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an
+Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des
+Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den
+Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten
+würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er
+mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang.
+</p>
+
+<p>
+Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede
+Bewegung. Er atmete leise. Er tat keiner Fliege mehr
+etwas zuleide. Die Pfleger konnten ruhig schlafen. Er
+war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt höher
+<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
+gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das
+Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede
+und Glück lagen auf seinen fahlen, lächelnden Lippen.
+Nun sah er nicht mehr die Stätten des Elends, er sah
+gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte durch
+die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden.
+Und er sah die Saat sprießen und wachsen.
+</p>
+
+<p>
+Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das
+Brot, das im Winde wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen,
+die blühende Länder durchzogen, er sah blühende
+Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der
+Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner,
+starker Männer, die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel
+gesunder Kinder. Er sah Städte, die von Arbeit fieberten,
+er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit Gütern. Und
+da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in
+Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte
+ihn Glückseligkeit.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte
+ihre schmale Hand vor die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn
+senkte sich die Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei
+goldenen Ähren – auf dem Verwaltungsgebäude in der
+Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber jagten die
+riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes
+und blendeten hinaus in die Nacht:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse2">Tod dem Hunger!</p>
+ <p class="verse2">Tod der Krankheit!</p>
+ <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-36">
+<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
+36
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">till,</span> ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem
+zu verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium.
+Er schickte den Wagen fort und ging langsam
+durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. Er fühlte
+ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden
+war, um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn
+gerunzelt ...
+</p>
+
+<p>
+Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors
+Gesicht – fast hätte er geschluchzt. Michael – er hatte
+ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder war. Nein, es war
+etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. Der
+Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich
+aus dem Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut
+hatte. Nun eilte Wenzel dahin. Dies war der Keulenschlag,
+mit dem ihn das Schicksal niederschlug.
+</p>
+
+<p>
+Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte
+nicht, er schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof
+und wartete auf einer Bank des Wartesaals geduldig auf
+den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um fünf
+Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg
+ein. Ohne jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und
+den folgenden Tag, und endlich erreichte er die Station,
+wo er aussteigen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft,
+das niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend
+Morgen, das er für fast nichts erwarb. Es hieß
+Schwarzlake. Er hatte das <a id="corr-21"></a>Gut nie gesehen. Es war seine
+Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.
+</p>
+
+<p>
+Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen
+Station verließ. Bald war er einsam in der Dunkelheit
+<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
+auf der Landstraße und schritt tüchtig aus. Gegen Mitternacht
+erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. Er rief.
+Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster
+fuhr der Kopf eines alten Weibes.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie
+wunderbar war es, in eine Gegend zu kommen, wo man
+seinen Namen nicht kannte!
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin der Besitzer des Gutes.“
+</p>
+
+<p>
+Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer
+Weile kam ein vom Alter krummgezogener Knecht aus
+dem Hause, der wußte, daß das Gut vor Jahren an einen
+Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos
+stand der Knecht.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus
+ist ja abgebrannt.“
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen
+Dunkelheit konnte Wenzel etwas wie eine langgestreckte
+Ruine zwischen den Bäumen entdecken. Man roch noch
+den Brand.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an
+und bat ihn, einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute.
+Nebenan lag ein größeres Gebäude, in dem früher
+der Verwalter wohnte.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel.
+„Schlafen Sie, und stören Sie mich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht,
+und groß gingen die Gestirne über ihn dahin. Der Morgen
+<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
+graute. Ketten rasselten im Stall, ein Hahn krähte,
+Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib
+nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen
+deutlich die Umrisse der Gebäude, Stallungen und auch
+der niedergebrannten Ruine des Gutes.
+</p>
+
+<p>
+Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr
+zufrieden. Hier würde er bleiben. Die Alte setzte ihm
+heiße Milch auf den Tisch, und daneben legte sie ein Stück
+Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-37">
+37
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere
+Stube des Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und
+einen wackligen Stuhl. Auf eine Kiste stellte sie ein
+Waschbecken und einen Krug mit Wasser.
+</p>
+
+<p>
+So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig
+verfallen. Das Gras wuchs auf dem Hof, die Äcker
+waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. Nur ein ganz
+geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern
+durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im
+Stall standen vier Kühe und zwei alte Pferde. Das
+Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, langgestreckt,
+mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem,
+verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das
+verbrannte Holzwerk lagen genau noch wie am Tage nach
+der Feuersbrunst.
+</p>
+
+<p>
+Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in
+seinem kleinen, primitiven Zimmer. Am Tage sah man
+ihn wenig, in den Nächten aber saß er bis zum grauenden
+Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus.
+<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
+Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es
+sah aus, als bewachten beide die Ruine.
+</p>
+
+<p>
+Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr
+anordne. Wenzel schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des
+Gutshauses aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel,
+Karre und Axt schaufelte er und schleppte mit mächtigen
+Armen, und bald war sein Gesicht vom Schweiß
+überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die
+Nacht hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd
+angenommen. Aus den Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker,
+und bald wimmelte es auf dem Hof von Zimmerleuten,
+Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel
+mitten unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die
+Handwerker staunten über ihn. Nie hatten sie solch einen
+Arbeiter gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen.
+Er telephonierte nach Berlin. Einige Tage später traf
+Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette Goldbaum
+strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter
+Gesundheit wiedersah.
+</p>
+
+<p>
+„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin,
+Schellenberg,“ sagte er. „Wir vermissen Sie an allen
+Ecken und Enden. Diese letzten Wochen waren eine höllische
+Arbeit.“
+</p>
+
+<p>
+Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf.
+„Ich komme nicht zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum
+den Auftrag, seinen gesamten Besitz allmählich zu
+liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende
+und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders
+hätte er seinen Besitz um jeden Preis unbedenklich
+<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
+losgeschlagen. Und er gab Goldbaum ferner den Auftrag,
+Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne.
+Es sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.
+</p>
+
+<p>
+„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen
+Ländereien übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen
+Sie.“
+</p>
+
+<p>
+Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden,
+wie es liegt und steht.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener
+Mann mit ernster, gesammelter Miene, bescheiden, höflich.
+Einer jener sachlichen anspruchslosen Menschen, wie
+sie mehr und mehr auftauchten, die nichts für sich wollten,
+sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren
+Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel
+die Gesellschaft Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er
+erbeten hatte. Der junge Mann lebte beinahe eine Woche
+auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack in einer
+leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage,
+vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er
+das Gelände, den Boden, die sumpfigen Wiesen, die
+schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von Wasservögeln
+wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen
+großen Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe
+Holz war ein großer Plan des Gutes Schwarzlake genagelt.
+Daran arbeitete der junge Mann bis in die späte
+Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der
+Weiher, Straßen. Ein Kanal.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der
+junge Mann. „Ich werde Ihnen Ingenieure und Landwirte
+schicken, sobald ich nach Berlin zurückkehre.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr
+Weidenbach,“ erwiderte Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
+Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses,
+der Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein
+neuer Stall sollte angelegt werden. Am Abend aber saß er
+beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan von Schwarzlake.
+In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen.
+Wo heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo
+das Wasser in den Wiesen stand, sollten die Herden weiden.
+Eine richtige kleine Stadt aber hatte Wenzel entworfen.
+Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis
+zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg
+tragen. Nicht seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders
+war sie gewidmet.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten,
+die den Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm,
+daß eine Dame angekommen sei und ihn zu sprechen
+wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster
+in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht
+wieder. Da kam die Dame schon. Es war Eva Dux.
+Ruhig und still, mit einem herzlichen Leuchten in den
+Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem letzten
+Wiedersehn nicht das geringste ereignet.
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“
+sagte Eva. „Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht,
+Michaels Papiere zu sichten. Ich habe sie Ihnen
+mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“
+</p>
+
+<p>
+Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe,
+Notizen, Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch
+am gleichen Abend begann Eva ihm Stück für Stück vorzulesen
+und zu erläutern.
+</p>
+
+<p>
+„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten
+Tagen seiner Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß
+es geschrieben haben, wenn ich schlief.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
+Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen
+hingeworfen. Sie waren nur für Eva lesbar.
+</p>
+
+<p>
+„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.
+</p>
+
+<p>
+Und Eva las:
+</p>
+
+<p>
+„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird
+es sein und nicht anders. Der große Tag wird kommen,
+und er ist nicht mehr ferne.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie
+zusammen, alle Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer
+Flotte von Schiffen, die die weiße Flagge zeigen. Und
+man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des Meeres
+versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden
+jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden,
+daß der Augenblick des großen und ewigen Weltfriedens
+gekommen ist.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze
+und Kriegsgerät zu Pyramiden häufen und verbrennen,
+und die weiße Flagge wird im Winde wehen.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben,
+und der Mensch, gleich welcher Farbe und welcher Rasse,
+wird sich bewegen können auf dieser Erde, wo er will.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen
+Völkern gehören und nach Bedarf verteilt werden.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller
+Nationen, die Jünglinge werden hinausziehen in die Welt
+und künftigen Geschlechtern die Wohnstätten bereiten. Sie
+werden die Urwälder des Amazonenstromes und die Urwälder
+des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie
+werden die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten
+mehr geben.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben
+zwischen den Völkern, keinen Egoismus der Nationen wird
+<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
+es mehr geben, keine Bedrücker und keine Unterdrückten,
+welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird die
+Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der
+sein, der die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die
+menschliche Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung
+werden die Maschinen gebaut werden, diese ungeheuren,
+unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, zur Befreiung
+der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft
+und Kunst werden blühen. Und die Weisheit wird höher
+im Range stehen als Reichtum und Geburt.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene
+Paradies wiederum gefunden haben werden, nach
+tausendjährigen Qualen und tausendjährigen Verirrungen.
+</p>
+
+<p>
+Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter
+sein. Es wird keinen Hunger und kein Elend mehr geben,
+und die Kameradschaft wird die Religion aller Menschen
+sein.
+</p>
+
+<p>
+So wird es sein und nicht anders!“
+</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p class="noindent">
+Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen
+Hände auf dem Rücken, und betrachtete mit großen, stillen,
+aufmerksamen Augen die Arbeit der Werkleute. Sie
+blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten zu
+gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein,
+ihm nicht lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in
+seiner Nähe. Sie hörte Michaels Stimme in Wenzels
+Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels Gang. Aus
+Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf
+Schwarzlake, Herr Schellenberg. Haben Sie Arbeit für
+mich, so möchte ich gern bleiben.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
+„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier
+viel Arbeit, auch für Sie.“
+</p>
+
+<p>
+Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der
+Treppe, den Hofhund zur Seite, und blickte in die Dunkelheit
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament,
+das Eva abgeschrieben hatte und das er auswendig
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein
+Träumer, vielleicht war er ein Seher. Vielleicht sind seine
+Gesichte morgen Wahrheit, und die billigen Wahrheiten
+der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“
+</p>
+
+<p>
+Schon graute es im Osten, und über die schwarzen
+Weiher stieg sanft die Morgenröte eines neuen Tages
+empor.
+</p>
+
+<p class="end">
+Ende
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... „Ich freue mich, daß es <span class="underline">ihnen</span> gut geht, Katschinsky,“ ...<br />
+... „Ich freue mich, daß es <a href="#corr-2"><span class="underline">Ihnen</span></a> gut geht, Katschinsky,“ ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Gesindel, <span class="underline">daß</span> vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...<br />
+... Gesindel, <a href="#corr-4"><span class="underline">das</span></a> vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <span class="underline">Aktion</span> gar nicht ...<br />
+... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <a href="#corr-12"><span class="underline">Auktion</span></a> gar nicht ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <span class="underline">sie</span> bat, ...<br />
+... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <a href="#corr-15"><span class="underline">Sie</span></a> bat, ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... werden. <span class="underline">Er</span> ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...<br />
+... werden. <a href="#corr-18"><span class="underline">Es</span></a> ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...<br />
+</li>
+
+<li>
+... Schwarzlake. Er hatte das <span class="underline">Gute</span> nie gesehen. Es war seine ...<br />
+... Schwarzlake. Er hatte das <a href="#corr-21"><span class="underline">Gut</span></a> nie gesehen. Es war seine ...<br />
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div lang='en' xml:lang='en'>
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE BRÜDER SCHELLENBERG</span> ***</div>
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+ </div>
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+ works.
+ </div>
+
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+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
+ </div>
+</div>
+
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+</div>
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+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
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