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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:13:09 -0700 |
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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Die Brüder Schellenberg + +Author: Bernhard Kellermann + +Release Date: January 6, 2022 [eBook #67112] + +Language: German + +Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team + at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER +SCHELLENBERG *** + + + + + + Die Brüder Schellenberg + + + Roman von + Bernhard Kellermann + + + 1925 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + Erste bis zwanzigste Auflage + Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung + Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin + + + + + Die Brüder Schellenberg + + + + + Erstes Buch + + + 1 + +Das Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach ins Schloß. Er +hüstelte, als er die rauhe Straßenluft einatmete, und stülpte den +Mantelkragen in die Höhe. Und schon schlug er, fast automatisch, jenen +Weg ein, den er in tausend Träumen und Phantasien während seines +Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel jener +endlosen Straßenzüge, die quer durch die Stadt nach dem Alexanderplatz +führen. Hier, am Alexanderplatz, war in einem Warenhaus seine Geliebte +als Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit den Augen +eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky sie genannt hatte. +Seine Geliebte, und wenn man wollte, seine Frau. Oder durfte er sie +nicht so nennen? Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte? +Und das war, bei Gott, nicht alltäglich! + +Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster Sparsamkeit +mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische nehmen können, aber er empfand +es als eine Art Wollust, diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem +Krankenhaus und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die letzte Minute +und Sekunde auszukosten. + +Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und +jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er, +Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er +lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln, +aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine +Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen +auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm. + +Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen, +Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach +Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie +zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte +seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches +verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast +überkam ihn eine Beklemmung. + +Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu +werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der +Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern, +blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit +Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, +schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab +stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und +schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig, +es war wie in einer Schlacht. + +Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel +fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab. +Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren, +auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der +Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte +er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen. + +Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht! + +Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in +die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer, +angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der +Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts +... + +Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten +Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal +ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er +alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –? +Sein geschwächter Körper bebte. + +Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er +hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in +der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen, +bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war +ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum +betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, +keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ... + +Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt +dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch +über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen +Wangen. + +Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe +stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im +Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte +einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange +entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder, +Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der +Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten +blitzschnell ins Bodenlose. + +Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so aus, als gäbe es auf +dieser Erde weder Hunger noch Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude +mit seinen hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit Waren. Die +Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, sie überschwemmten die Säle, +sprengten die Wände, überströmten die Wandelhallen und Treppenhäuser. +Aber, war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren +Warenmassen war die Zahl der Käufer nur gering. Man drängte sich nicht +wie früher, stieß einander nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die +Verkäuferinnen saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel, +färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren gingen in den +Gängen hin und her und blieben ab und zu stehen, um eine abgeschabte +Stelle des Läufers zu untersuchen. Eine auffallende, fast bedrückende +Stille herrschte in dem Warenpalast. + +Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion zu durchqueren, +an einigen gespreizten Wachspuppen vorbei, und man war in Christines +Reich: Wäsche, Linnen, Spitzen für Damen. + +Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, die heiter +glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch anstrahlte. Von hier aus +vermochte er die Abteilung „Damenwäsche – Spitzen“ unauffällig zu +überblicken. Auch hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den +Waren wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. Eine dicke +Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker Hamster, einige +halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten Strümpfen. + +Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie eine Vision vor +seinen Augen, während er in schlaflosen Nächten in die Ampel des +Krankensaals starrte! + +Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in der Brust, als +sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand Christine! + +Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an dem dünnen Kimono, +das sie über den nackten, lackierten Beinen trug: an der Kasse lehnte, +in einem blau-weiß gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in +der Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas dünn, der +Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über dem Nacken ein Gewirr von +Locken, schwarz, blauschwarz, lebendig bei jeder kleinen Bewegung, +fliegend, und immer in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die +Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich über den +Zettel. + +Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die Kassiererin über den +Zettel beugen? Die Wachspuppe, die er mit den Fingern berührte, begann +zu schwanken und drohte über ihn zu stürzen. + +Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Locken ab und +kam geradewegs auf ihn zu ... + +Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie Insulaner sie aus +Kokosnüssen schneiden, die Augen flach wie Kürbiskerne, leer, +ausdruckslos. Er blieb betäubt stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer +näher, wurde größer und ging vorüber. + +Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit einer Hoffnung +betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja in einer andern Abteilung +tätig sein, nicht wahr? Langsam, leise zitternd in den Knien, wanderte +er durch alle Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern, +Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen schrien, elektrische +Sonnen glühten ihn an. Er spähte, forschte. Nirgends. + +Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. Es regnete noch +immer. Die Häuser schienen geborsten, und das Licht brach aus allen +Fugen und zerrann in den Asphaltseen. + +Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um sich mit einem +Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er auf, bezahlte und eilte zu +dem Warenhaus zurück. Es war geschlossen. + +„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die Stirn. „Du hättest +doch ihre Kolleginnen fragen können. Sie hätten dir gewiß Auskunft +gegeben. Einen ganzen Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu +spät.“ + + + 2 + +In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel, +das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief, +völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war +und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich +knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am +ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die +mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen +ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben. + +Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes +Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag. +Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren: +seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also +wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen. +Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde +Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung, +niemand konnte sich hier verbergen. + +Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der +er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für +ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab +es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er +war nicht verlegen, oh, keineswegs. + +Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten +und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der +Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie +ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren +eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen. + +Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose +Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf +den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. +Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die +Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der +Straßendämme. + +Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es +wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren +gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung +wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt. + +„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht. + +„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele +Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie +kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich +glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn +ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie +hatte etwas Besseres gefunden.“ + +„Besseres?“ + +„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“ + +Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf +dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben. +Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein. + +Gut, also am Nachmittag. + +Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit +Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den +Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte +ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und +erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen +sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr +Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein +Lächeln, eine Verbeugung. + +Georg empfahl sich. + +Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es +war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie +baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er +beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht +mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es +von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter +den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte +Erscheinung. + +Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“ + +Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen +Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier +ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“ + +„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“ + +Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück. + +Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin +gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser, +Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström +war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins. +Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen. + +Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer +saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder. + +„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen +mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei +Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie +Beschäftigung für mich haben.“ + +Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte +hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich +aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. +„Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben +wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie +hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob +die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs +Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott +gemacht hat?“ + +„Hegelström – bankerott?“ + +„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist +meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe +haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber +Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade +die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten +Sie, daß Sie das nicht wissen?“ + +Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen. + +Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege +auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström +geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“ + +„Nein, wie sollte ich es wissen?“ + +„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts +anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind +miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie +viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße. +Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr +Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die +Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“ + +„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“ + +„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist +mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie +etwas in den Zeitungen gelesen?“ + +Georg wurde blutrot. + +Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse +nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr +Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten +Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat +geben, ich wüßte nichts.“ + +Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend +nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch +einmal bei ihm!“ + +„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“ + +„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig +Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf +dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – +hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“ + +Bestürzt verließ Georg das Haus. + +Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu +versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach +Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte. + + + 3 + +Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider. +Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas +schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der +Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war – +hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die +Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei +Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen +Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur +geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine +Holzplastiken hingewiesen. + +Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger +Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine +Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein +wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen +finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ. + +Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme +antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten, +halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken +einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das +einzige, was Georg klar erkennen konnte. + +„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel +dampfte aus seinem Munde. + +„Ich bin es, Georg.“ + +Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine +spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und +vermochte kein Wort hervorzubringen. + +„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus. + +„Georg!“ + +„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du? +Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es +nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“ + +„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren +Lachen. + +Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“ +rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian? +Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht +wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei, +wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer +Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im +Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen! +Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für +Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun, +Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem +Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer +lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine +Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß +dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude +hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und +manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar +ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“ + +Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte +er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser +stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen, +Kakadus, Mäusen. + +„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere? +Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine +barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin +ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze +dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf +dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib +mir das Glas.“ + +Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost +geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht +einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“ + +„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“ + +Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und +versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht +fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du +fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach +durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem +nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die +Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der +Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen +Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen +Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann +verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur +eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. +Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie +können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt +horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun +bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der +Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. +„Das Sprechen strengt mich an.“ + +„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus. + +Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu +erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben +ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar +geworden.“ + +„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg +verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme. + +„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte +den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute! +Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und +Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch +ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt +Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt: +‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das +nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte +noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch, +Weidenbach, weshalb hast du es getan?“ + +Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas. + +Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend +streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte +dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst +seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns +unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune, +damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer +hustete. + +„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg. + +„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm +eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur +Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft +wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine +Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn +nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und +vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich +weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich +daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“ + +„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“ + +„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in +allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen. +Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall +unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg, +wie geht es Christine?“ + +Pause. Stille. + +„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr +dort beschäftigt zu sein.“ + +Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst +du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung. + +Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine +Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem +Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“ + +Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff. +„Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen +Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich +gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden +Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist +doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast +dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen, +Weidenbach?“ + +Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg, +blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn +kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte +dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene +zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und +schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“ + +Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch +ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, +und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie +holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese +periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen +nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie, +Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“ + +Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“ +entgegnete er. + +Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also – +trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein +wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches +Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe +jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust +schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter +Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch +bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier +hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm +geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu +gehen, er weiß stets Rat.“ + +Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall +schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg +kläglich nachmeckerte. + + + 4 + +„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu. +Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles +von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre +letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen +Jungen vergafft. + +Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während +er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von +Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und +hell in seinem Zimmer. + +„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner +immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will +Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser +Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab, +macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige +Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“ + +„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein. + +„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt +den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik +zurückgeschickt.“ + +„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“ + +„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“ + +Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt +hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton +gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien +es Georg wenigstens. + +Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung +empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen +Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der +Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein +Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte. + +Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und +trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er +tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das +etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er +war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig +für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und +es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen +Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese +beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant +zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie. + +„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er +sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das +Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten, +liebenswürdigsten Lächeln zulächelte. + +„Fragen Sie ruhig.“ + +„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer +zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie +verstehen mich?“ + +Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen. + +Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse +sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich +hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber +Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel. +Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde. +Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben. + +Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über +die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den +Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky +Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer +schwerer Seide. + +„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und +er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht +aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg +aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier. + +„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über +die Schulter drehte und spöttisch lächelte. + +„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“ + +Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß +von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön, +regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist +eine sonderbare Art von Erfolgen!“ + +„Haben Sie viel gearbeitet?“ + +Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte +sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns +nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine +ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach, +aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich +nicht die geringste Begabung.“ + +„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus +und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal. + +Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein +Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner +Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, +„ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein +Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich +müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“ + +„Was tun Sie also?“ + +Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge, +Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist +möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so +einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine +Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ, +verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das +nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste +war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß +es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant +gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß +nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre +Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch +nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und +trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben +all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht +verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so +kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre +Geheimnisse einzudringen.“ + +„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und +sah ihn mit einem neugierigen Blick an. + +„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches +Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt. +Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, +Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um +fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird +Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie +besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden +erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen +Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz +umsonst zu Abend speisen kann.“ + +„Ist es möglich?“ fragte Georg. + +„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses +armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen +bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am +Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen, +und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose +Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette +bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen +Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft +Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame, +die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl +sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge +von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen +zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es +versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch +Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen +Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand, +so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man +also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen? +Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer +versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“ +Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg +nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld +verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, +aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“ + +In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung. + +„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind +Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky +hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um +Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte +lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres, +als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen. +Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“ + +„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht. + +Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen +wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie +versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain +haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge +ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich. + +„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche +Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“ + +Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen +Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß +Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für +solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit +geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen +von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“ + +„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“ +antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte +ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie +besuchte?“ + +„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte +auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt +wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“ + +„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand. +„Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“ + +Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen +schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich +hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war +hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys +freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war. + +„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky +Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den +Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er +versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer +Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich +erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden. +Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren +Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie +mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so +nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines +verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist +die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt. +Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie +versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt. +Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben +aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt +nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen, +wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der +letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen +bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz. + +In diesem Augenblick schrillte das Telephon. + +„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach +flüchtig die kühle Hand. + +„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte +an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand. + + + 5 + +Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen +gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des +Malers. + +Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während +er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn +er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am +Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich +seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und +diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein +Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky +geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie +erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort +beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen, +lebe wohl! + +Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die +Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten +Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der +Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon +Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog +die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus. + +„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus, +„aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März, +Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte +damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit +den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene +Straße. + +Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den +Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen +sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses +die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte +er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an. +Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf. + +Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht +gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr +in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft +geben können. + +Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten +ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten: +Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie +Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie +gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in +irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war +es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht +Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als +das, was Christine getan hatte? + +Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso +verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem +Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine +Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der +Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten +Hof, parterre. + +Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten +winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da +und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem +gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine +Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter +das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren +Frau, die still und lautlos weinte. + +Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser +plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof +herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen +fleckigen Vorhängen mattes Licht. + +Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an +der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch +einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen. + +Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte +durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich +gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es – +was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der +Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er, +daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken, +behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig +lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein +gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte +sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist +jemand hier?“ + +„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon +näherte sich die Gestalt der Türe. + +Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren +verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen +ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine +phantastische Brille. + +„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf +und funkelnd auf Georg. + +„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses +Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob +Christine März noch hier wohne? + +Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“ +knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was +wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen, +die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete +schuldig.“ + +Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück. + +Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch +eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht +wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“ + +„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte. + +„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch. +Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“ + +Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der +Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem +beschmutzten Gesicht betrunken war. + +„Sie wollten nach Christine fragen?“ + +„Ja.“ + +„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“ + +„Sie wollten?“ + +„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen +in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg +auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen. +Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja, +Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“ + +„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte +er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war +nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot +liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so +außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte +Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen. +He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken. +Sie war garnicht so zimperlich.“ + +„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert. + +„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen, +Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem +Daumen hinter sich. + +„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du +nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir +lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere +Schwächen.“ + +„Christine fiel aus der Droschke?“ + +„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten +liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir +nichts nachtragen.“ + +Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne? + +Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen. +„Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann? +He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die +soviel lachen konnte.“ + +„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein +Erstaunen zu verbergen. + +„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte +Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen. +Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär +zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder +zum Kino.“ + +Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie +wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er. + +Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich +zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich +nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages +verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“ + +Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak. + +„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind +Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre. +Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den +Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür +steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause +lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser +Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten +Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein, +und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. +Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen +Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier. + +Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht +fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören +Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie +sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in +der Zeitung. + +Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor +zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller +Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie +ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß, +sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so +sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit +grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann +wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie +es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete +damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, +alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich +wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem +andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her. + +Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie +werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein +einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie +glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er +hieß Roth. + +Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du +viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag +war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. +Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so +schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr +tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie +nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz +erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es +ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene +Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir +arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren +vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber +nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus +und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir, +wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist, +bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich +sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth +zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und +wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte +Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen. + +Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher +verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du +nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt +zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und +ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“ + +„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es +wissen?“ + +Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar +wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die +Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“ + +„Also hatte Roth Sie verraten?“ + +„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen. +Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich +hochgehen. + +Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg. + +Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und +als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer +und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich +euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am +Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun +hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein +neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines +Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr +voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie +zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte +den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß +sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel +in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen +schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben +Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich +geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was +gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich +beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde +jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen +Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es +auf der Welt.“ + +Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte: +„Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot! +Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf. + +„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon +verwinden.“ + +„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals. + +Georg erhob sich, um zu gehen. + +„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei +mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie +nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer +Christine sprechen.“ + +Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau +ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber +habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei +öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie +ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht +ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise +... + +Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser +ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte. + + + 6 + +Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf +gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er +die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in +aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten +ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen. + +Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter +seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten +Kräfte ab. Er wehrte sich. + +Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf, +treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie +andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch +nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung +entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit +neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat +vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde +tapfer. + +Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man +ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und +ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am +Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren +plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten +Deutschlands. + +Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls +zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem +Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten +Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien +nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte +Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt +und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du, +dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man +wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik +mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer, +glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen, +abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den +Kopf. So war es also nichts. + +Nun, wenn nicht hier, so anderswo. + +Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine +Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen +Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte. + +Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee +und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und +Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und +schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer +Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten +die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. +Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde +sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte? + +Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel +zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der +Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo +man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag +Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die +erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen +dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den +Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit +offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche +schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder +durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges +Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser +Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden. + +Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem +Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter +Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden +lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran, +so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen +Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er +regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt. + +Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von +einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein +Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt +grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das +Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große +Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang, +Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, +Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke +hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und +lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und +Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und +überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis. + +Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos +dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen +Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster +und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten +Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer +Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so +geschah es in jeder Nacht. + +Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die +ganze Nacht aufrecht. + + + 7 + +An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig +finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der +Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen +überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren +dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre +Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten +Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem +Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte +der Husten bis zum Boden. + +Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den +Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig. +Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und +Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, +die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise +schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen. + +Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der +Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend +Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen, +durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden +Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen? + +Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen. +Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt +mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis +tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die +Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker. +Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese +ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine +Besserung erwartet werden. + +Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die +Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das +Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an. + +Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war +Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne +den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten +sich. Oft schwankte er beim Gehen. + +Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die +Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen +kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte +er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken +kauerten andere Schatten. + +Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen +durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in +der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine +Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun +kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem +schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald +der langsame Schritt in der Ferne verklang. + +Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der +Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur +feinklingend in der stillen Nacht. + +In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der +kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen +fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt +der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier +würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem +überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen, +die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und +gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht +war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie +Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde. + +Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine +fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in +der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, +fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten +Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten. + +Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er +im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit +umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei +Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot +ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen +Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. +Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein +Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die +Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend +unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden +und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, +zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, +Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter +baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein +schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die +Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, +Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause +bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag +hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum +kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, +Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. +Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an +Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche +Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf +bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg +Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, +welche Ausschweifungen der Phantasie! + +Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah +seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der +kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen +Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen +Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von +seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, +wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in +Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen +müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne. + +Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, +während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz +erbebte. + + + 8 + +Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er +runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben +durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser. + +Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen? + +Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im +„Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht +aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer +angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen +Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der +eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte +er ihm zur Last fallen. + +Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und +er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere +Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis +er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem +Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf +aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er +drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es +war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn, +als habe er ein Verbrechen begehen wollen. + +Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst. + +Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener +Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl +haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend +aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht +mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und +Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu +bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn +hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die +sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben +sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler +verschont. + +Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er +sich, ein Rückfall! + +Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging. +Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und +Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel. + +In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer +müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn +übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit +einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die +Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu +steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen +Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft. + +Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt? +Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös +in den Wagen kroch. + +In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches, +etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich +sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die +Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob. + +Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging +es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß! + +Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da +aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon +früher auf diesen Gedanken gekommen? + +Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er +zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte, +der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. +Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im +Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem +Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte +sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, +da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei. + +„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber +für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach +einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging +also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr +Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe +herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl +seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine +Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da +und da.“ + +„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht. + +„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich +bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die +Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“ + +Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für +eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem +Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: +Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg +wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen, +wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim +Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur +Lindenstraße. + +Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde +noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war, +vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten. + +Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und +in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder +jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers. + +Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das +ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das +Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf +stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet +sofort ein! Jede Auskunft!“ + +Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet. + +Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet: +„Bedaure, es ist geschlossen.“ + +In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel, +wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor +und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im +Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und +sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die +Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und +Gedanken. + +„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der +junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach +und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was +ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner +zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu +Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend +Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig +Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie +ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun +kann.“ + +Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch +schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann. + +„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen. + +Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen +Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er +leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere +persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“ + +„Nein, nein,“ stotterte Georg. + +Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu +sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am +Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede +Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins +Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man +wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles +Gute!“ + +Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt, +Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig +gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man +informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und +wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an. + +Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich +zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht +träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende? +Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein. + +Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer +auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des +Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand, +mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt +in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden. + +Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er +sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er +wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war. + +Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus +der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst. + +„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit +durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken +die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“ + +Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen +Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte: +„Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“ + +Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich +Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht +mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er +glücklich. Trotz allem. + + + 9 + +Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten +mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten +Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut +Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen +hatte. + +Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die +immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh +ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein +leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des +Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der +Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich +ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der +vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es +fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde. +Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und +schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein +Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren +war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren +Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine +Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder +durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal +mit der Hundepeitsche nahezu tot. + +Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert +Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen +gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte, +der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und +Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine +Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu +gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich. + +Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er +wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit +zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände +und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen +Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein +Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich +den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur +interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch, +aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof. + +Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken +Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein +einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche +zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging +er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war +eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt. + +Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er +verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein +Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er +nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er +schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der +Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht +verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück +und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des +Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man +hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war +ein Laut, als falle ein Baum. + +Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein +verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war +die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte +augenblicklich, was geschehen war. + +Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig +verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die +Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und +Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg +hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch +zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber +tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten +Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren +hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu +werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. +Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof +verfiel. + + + 10 + +Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres +Vaters. + +Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen +Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren +etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, +oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die +stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die +sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen +Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war, +und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel. +Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der +Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, +verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie +zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit +finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem +Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug – +ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der +Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die +Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken +sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie +jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen. +Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak – +groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem +Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht +auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen +gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige +Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich +gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere +Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben +können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig. + +Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die +Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie +auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer +Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur +Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei +einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie +Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf +einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren +richtige Teufel. + +Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt +und Chemiker. + +Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den +Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten +einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der +wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war +noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur +Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war +als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die +Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und +auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von +beträchtlicher Höhe in den Schoß. + +Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen +Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden. +Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. +Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große +Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es +flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, +vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa +fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem +Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige +Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können. + +Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben +davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen +Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus +dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und +zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet, +erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um +Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber +schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert +sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub +verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und +Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der +Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige +Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd, +schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten +kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines +Vulkans, surrten heulend durch die Luft. + +Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich +heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin +eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann +sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. +Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der +mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor +ihnen stand, seine Anordnungen gab. + +„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens +müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom +Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir +alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu +verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts, +schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“ + +Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in +seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn, +darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und +erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht. + +Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion +über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell +zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige +schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung. + +Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der +Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine +Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die +die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin +erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es, +daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er +diesem Institut den Rücken zu. + +Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und +erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin – +Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges +umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg +taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde, +den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen +Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch +schon Tausende von Jahren bebauten. + +Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die +Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine, +die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, +Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber +etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war +schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag +Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten, +disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines +Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn +monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine +Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies, +daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren +Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten. +Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise +die Probleme des Landbaus vernachlässigt. + +Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten +sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der +Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen +Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein +ganzes Leben werden sollten. + +Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe +erblickte! + +Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im +Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und +Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen +Tischen. + +Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel +nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel +Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende +zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in +seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte. + +Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete +Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des +Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein +deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen +achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine +Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich +irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen +sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im +letzten Winter nur zweimal. + + + 11 + +In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof +zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne +reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war +kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, +eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe +Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und +Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr. + +Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel +umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen. +Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder. + +Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen +umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift +und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da +erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war, +einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame, +der er am liebsten aus dem Wege ging. + +Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich. +Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres +letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und +Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt +hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich +volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe +bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie +ihn verdamme. + +Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts +gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen +Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat +nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete +Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne +Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat +gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt +sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne +mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz +Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder +einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel +niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte. + +„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen +Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst +am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant +einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an +Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen? + +Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse +Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er +sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? +Wenzel? + +Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute +Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute +Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine +boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie, +Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht +noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich +bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche +Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.) + +„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem +sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig, +ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen +diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was +könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in +meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und +einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten +Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius +sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich +verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine +Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach +geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael +laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat +hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des +Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.) + +Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der +Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre +schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise +schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr +besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen, +von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte +Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle +seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie +hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten, +Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und +Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein +Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief +unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber +Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im +Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte +Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen +Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und +ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir +Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte +ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch +mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin +gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort +aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend +bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter +habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz, +sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß +Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß +nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir, +daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit +ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen +Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften +abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung +befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“ + +Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem +leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu +gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch, +ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine +Nachricht. + +Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt +verließ er das Restaurant. + +Er beschloß, Lise morgen zu besuchen. + +Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg +zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich +alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle +verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift +stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie +eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich. + +Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem +Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor +Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit +als es möglich war. + +„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“ + +Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal +die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran. + +„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören. +Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“ + +„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael. + +Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und +freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge +Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf +einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon +jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der +Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht +aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen! +Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser +Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der +Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an +den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer +Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der +Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr. + +„Was gibt es?“ fragte Michael lachend. + +„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“ +erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete, +das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und +tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich +ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“ + +Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft +an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In +ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, +in Tränen auszubrechen. + +„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser +fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“ + +„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“ + +„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine. + +„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard. + +Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf +einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf +Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel +in eine Ecke. Nun waren sie angekommen. + +„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“ + +Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut +geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so +selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael +mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die +Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während +sie die dünnen Arme um seinen Hals legte. + +„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte, +daß der Knabe ihm nicht glaubte. + +Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und +zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte +arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“ + +„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich. +Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben +sitzt?“ + +„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen. + +Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine +Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis +sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen +spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde, +sobald die Gesangsstunde zu Ende war. + +„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den +Mont Blanc besteigen, willst du?“ + +„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das: +den Mont Blanc besteigen?“ + +Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß +auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“ + +„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und +stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“ + +Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe +bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand +führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was +schadet es, so fällst du in meine Arme.“ + +Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch +wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An +den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit +einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock +bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das +Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing. +Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben. + +In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie +in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie +sofort der gnädigen Frau melden.“ + + + 12 + +Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte. +Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich +in die Diele. + +Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte +Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit +bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine +Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung +und blickte Michael mit zornigen Augen an. + +„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde +Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen +sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“ + +Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit +einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, +Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht +aufdrängen.“ + +In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und +riefen: „Michel! Michel!“ + +Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie +die Kinder an. + +Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß +Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung +stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises +ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte. + +Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden +Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht +nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß +das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war! + +Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der +weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt +kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet +vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon +wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie +entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich. +Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“ + +Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die +Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie +aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir +doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und +verstehst alles.“ + +„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn. + +„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie +schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen. + +Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und +Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften +Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die +Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von +zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas +unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn. + +Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht +neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und +Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer +lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in +grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen +schwarzen Quasten stand neben dem Flügel. + +„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu +sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den +Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in +bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das +Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den +Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“ + +Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen, +glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war. + +Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach +Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel +gesehen?“ + +„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe +ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas +unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief +von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der +Welt, ist mit Wenzel?“ + +Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte, +während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel +ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“ + +„Du weißt es nicht?“ + +„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist +alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du +wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“ + +„Entlassen?“ + +Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls +ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl +vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die +bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann +gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen. +Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte. +Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei +Raucheisen aus.“ + +Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen. +„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er. +„Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“ + +Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer +erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der +Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose +Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei +Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne +jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“ + +„Er hat dein Haus verlassen?“ + +Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das +alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu +lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr +nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht +glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine +Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und +Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas +einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“ + +„Ich verstehe nicht –“ + +„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab, +sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu, +Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor +sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf, +und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte +dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und +neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, +Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr +hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die +Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht +leicht gewesen.“ + +„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“ + +„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer +Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu +mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den +Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in +Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er +schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht +sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant +der Fliegertruppe?“ + +„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“ + +„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte. +Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen. +Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und +plauderten.“ + +„Spielten sie?“ fragte Michael. + +„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte +seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“ + +„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem +breiten Lächeln. + +„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte. +Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach +Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab +Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich +dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels +Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit +Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“ + +„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht +spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen +diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“ + +„Du verteidigst ihn?“ + +„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein +Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“ + +Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher +Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch +Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast +du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn +zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste +auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“ + +Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir +lieber als Geizhälse, Lise.“ + +„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise +ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach +allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel +ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus +schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe. +Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn +ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war. +Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei +Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“ + +Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein. +Verstehst du nicht, Lise?“ + +Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam +nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist +alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! +Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und +mich ins Wasser stürzen.“ + +„Lise!“ Michael lächelte. + +Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle +meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“ + +Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte +er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir +Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht +lächerlich –“ + +„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein +Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt, +feindselig. + +Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und +sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich +jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“ + +Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß +nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur +Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. +Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den +andern.“ + +Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir +doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch +den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“ + +Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine +Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit. +Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute +in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten +Namen.“ + +„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“ + +Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht, +nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen +irgendwelche Geschäfte.“ + +„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“ + +Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar +nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier +hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht +seine Wohnung angibt.“ + +„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er +immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und +wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“ + +„Drei Monate.“ + +„Wie?“ + +„Drei Monate.“ + +Michael sprang auf. + +„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt +ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie. + +„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“ + +Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie +dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke +erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du +wirst gehen und Wenzel suchen.“ + +„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“ + +„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von +ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden +wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen +... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind +einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele +Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. +Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er +aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle +ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich +auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen. + +Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen. + +„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage +ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich +einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise +schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner +Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir +auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage +ihm das.“ + +Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus. +„Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir +Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“ + +Michael schwor. + + + 13 + +Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen +Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es +Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den +ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon +durchgegangen. + +Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das +veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger +Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. +Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch +befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle +Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal +nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um +die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den +Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht +schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig +gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel +trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon. + +Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war +der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der +Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel +in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch +glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel. +Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse +stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte. +„Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“ + +Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder +Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder +im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er? +Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher +verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, +wirklich schlecht ging. + +Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung +bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld – +aber mied Lises Haus. Was war das? + +Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte +er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner +Schwägerin lächeln müssen. + +„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich +könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem +tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann +solch einen Einfall haben.“ + +Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben +und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren. + +Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung +auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden +wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten +entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“ + +Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der +Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit +sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr +Hauptmann selbst trete ein.“ + +Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne? + +Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er +sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar, +wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. +Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der +Börse.“ + +Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch, +angeregt von dem Abenteuer, ins Auto. + + + 14 + +In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des +Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf +das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war +leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel +faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten, +deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht +konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er +imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis +nachzuspielen. + +Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und +grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im +Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung +der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen +schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in +Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und +verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch +saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein +junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich +roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil. + +Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich +dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die +Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten +Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die +Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach. + +Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und +biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen +Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden +Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein +kleines Lachen hören. + +„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die +Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie +wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, +wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“ + +Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen +Verbeugung sein Einverständnis. + +Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan +saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs +Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist +eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache. +Was meinen Sie, Mackentin?“ + +„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von +der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben +würden.“ + +„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie +groß, sagten Sie?“ + +Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner, +knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der +Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die +Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain +unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die +vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des +Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber +seien alle Unterhandlungen gescheitert. + +„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der +Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein. + +„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam +nicht zum Ziel?“ + +„Nein, er hat zu wenig geboten.“ + +Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne +ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein +Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert +Hektar, sagten Sie?“ + +„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht +schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein: +Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken +verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen +wiederum zugute kommen.“ + +„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen. +„Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“ + +„Ich werde morgen zurückfahren.“ + +„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den +Wald an.“ + +„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich. + +„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und +klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien +das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen +auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der +Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte, +sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“ + +„Ausgezeichnet, sehr wohl.“ + +„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf +dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen +soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige +Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was +wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate +Ziel.“ + +„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin. + +„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit +den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die +Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was +fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“ + +Der junge Mann wurde tiefrot. + +Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen. +Geschäft ist Geschäft!“ + +Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine +Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich, +wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“ + +„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von +Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“ + +Die beiden Herren erhoben sich. + +„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und +noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“ +wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des +Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden, +als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn +verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war. +Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. +Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in +den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften, +stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren +immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit, +arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in +irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es +bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf +auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der +Konferenzzimmer hatten sie vernichtet. + +Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte +ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine +Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer +gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur +dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden +Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art +seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und +plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren +um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und +Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat, +es war sein Bruder. + +„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt. + +In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln +auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte +Wenzels Hand. + +„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles +Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen +von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die +Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht +geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres +Landes.“ + +„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas +steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte +häufig von Ihnen.“ + +„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte. + +„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter +Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor +Schellenberg.“ + +„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich +verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses +Zusammentreffens aufzufallen. + +„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“ + +Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich +verstehe.“ + +Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael +erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels +Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. +Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick +kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige, +spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes +Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte. + +„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns +lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen +verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde +dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war +früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen +Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das +Kaffeehaus verließen. + + + 15 + +Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem +Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael. +Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten. + +„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus, +nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz +genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht +für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner, +wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast +mitgebracht habe?“ + +Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig, +den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen +Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte +der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze. + +„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“ + +„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael +ein. + +„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse, +sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der +Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? +Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden +Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz +besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“ + +„Ein halbes Dutzend?“ + +Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend +natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören +Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du +mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines +bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten! +Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen +bist du einverstanden?“ + +„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine +Krebse mehr gegessen.“ + +„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können +einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der +mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel +fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur, +herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen, +Bachforellen. Wie wäre es damit?“ + +„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael. + +„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen +die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um +den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen +Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael. +Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse. +Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich +ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das +wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du +lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“ + +„Ich lebe wie ein Bauer.“ + +„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt! +Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem +leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es +langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts +mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah, +da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die +Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. +Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen +Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel +zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu. + +„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“ +erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den +Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte +Zustimmung –“ + +Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und +zerriß knackend einen Krebs. + +„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“ + +„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine +Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen +derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – +aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du – +über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen +und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“ + +Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche, +sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das +Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ +sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden. + +Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien. +„Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er. + +Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in +den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“ + +„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere. +Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“ +fragte er dann spöttisch. + +„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen +mag.“ + +Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber +sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich +auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf +mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“ + +Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig +Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden +rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom +Pfluge gar nicht zu sprechen. + +„Sehr interessant!“ + +Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die +landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich +habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich +beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich +bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“ + +Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du +läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das +Gras zu stehen?“ + +„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“ + +Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter +Wirtschafter!“ rief er aus. + +„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“ + +„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all +diesen Dingen nicht das geringste.“ + +„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest +es ja versprochen.“ + +Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er. +„Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und +Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich +von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“ + +„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles +würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und +Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich +habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische +Vegetation.“ + +Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser +fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“ + +„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage. +Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“ + +Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese +von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An +Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft +für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der +Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder +brachliegender Arbeitskräfte ... + +Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken. + +Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er +erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach +er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich +trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr +interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael, +und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu, +daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in +diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für +Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“ + +Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“ + +„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein +Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für +eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich +bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem +es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die +Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier +ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel +wurde dunkel vor Zorn. + +„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“ +Michael lächelte. + +„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus, +und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, +nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein +materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“ + +„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so +ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, +diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“ + +Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem +mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte +ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns +nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen +Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich +fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich +dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen +herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete +sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die +Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen +hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! +Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und +Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie +selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“ +Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So +sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle +diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und +Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch +Rettung.“ + +Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil +der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen +Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren +Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“ + +„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen. +Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“ + +„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft, +wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen, +sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und +eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“ + +Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“ +rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen +schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte +gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen +gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da, +jetzt kommen die Schnäpse.“ + +Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel, +die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort +werde Wenzel begreifen – + +Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer +Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen +Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, +nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, +was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme +gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“ + +„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte +Michael voll Überzeugung und Eifer. + +Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht +diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen. + +„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu +werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“ + +Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder +in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte. +Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und +sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja +nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas, +was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe +diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das +Glas zum Munde führte. + +In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer +Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den +Leistungen des Etablissements zufrieden seien. + +Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das +er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte +er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen, +Wenzel?“ + + + 16 + +Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die +Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber +gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen +Augen blinkten. + +Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt +dich bitten, sie anzurufen.“ + +„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten. +„Sie hat ja Zeit!“ + +Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu: +„Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich, +Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“ + +Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich +werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit +in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir +erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen, +und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir +berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns +nicht.“ + +„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“ + +Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache +anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich +achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal +habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich +nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich +werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“ + +„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege? +Lise?“ + +„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem +feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das +nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau +wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und +bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“ +unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast +ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“ + +Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei +den Bruder anzusehen. + +Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du +verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie +nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest +du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt +hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen +ehrlos?“ + +„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“ + +Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie +sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den +Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den +Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan +hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da +vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich +gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, +daß ich ein Defraudant sei.“ + +„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort. + +Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir +das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen +die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir +völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich +Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich +auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“ + +Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel +vorgegangen sein? + +„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung +beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung. +Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die +Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du +weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür +geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“ + +„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus. + +„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir +vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann +urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich +habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. +Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause. +Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. +Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. +Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, +hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete +Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld +zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht +zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen +lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine +sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter +Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von +Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben +unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau +einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles +dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich +auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge +gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den +Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das +Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu +die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor +dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich +steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, +aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir +einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie +eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin. +Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja +nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du +heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles. + +Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen, +aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie +mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es +waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne +Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die +auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu +diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“ + +Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann +nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß +nicht, da sind auch deine Kinder.“ + +Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe +ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch +Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln +abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht +befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich +ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft +eines Mannes braucht.“ + +Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist +das, von dem du immer sprichst?“ fragte er. + +„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche +bestellen. He, Kellner!“ + + + 17 + +Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab +und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm +Michaels. + +„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit +Raucheisen erzählen. + +Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal +geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten +Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady +Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet +hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem +Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen. +Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der +Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu +erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht +gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen +entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände, +wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen +Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen +für immer verpflichtet‘. Schön, schön. + +Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte +ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es +so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte +und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises +Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie +kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie +ja, diese eingebildete Närrin! + +Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem +Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl +Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und +überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte +nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen. +Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen? +Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen +und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie +anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes +willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese +Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich +schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum +Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der +Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden +Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber +Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit! + +Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und +konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem +Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich +tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das +Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den +alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht +gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür +sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich +auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in +allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende. + +Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen +antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem +glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine +Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens +Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein. +Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, +der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor +sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben +trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das +Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir +sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den +einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten +Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort. + +So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber +Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was +ich begriff –?“ + +Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir +nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich +begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und +Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen +Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“ + +„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael. + +Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem +er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war +ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner +Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und +sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem +etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen +Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist +natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch, +dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und +ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode +hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen +ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an +kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach +nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der +Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas +zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe, +mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie +gesehen?“ + +„Nein.“ + +„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe +Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die +Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist +das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei +in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man +kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne +Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist +jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt +du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann +Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und +ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das +horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er +zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle. +Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und +heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der +Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen +Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute +noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten +Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“ + +„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“ + +„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog +sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu +hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich +zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine +menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte +Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große +Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und +langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk +ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er +aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten +Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich +begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu +verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld +zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen +hatte, haßte ich ihn noch mehr! + +Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein +Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem +Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast +umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil +seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren +einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich +steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte +nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann +sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird +sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine +Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun +höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln +sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine +Finanzpolitik eingerichtet.‘“ + +„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“ + +„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und +dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das +Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, +während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte +Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu +machen. + +So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß +ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne +mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der +Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses +Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem +Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins. +Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar +selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben +scheint. + +Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich +recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte +es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat +mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er +beachtete mich ja gar nicht. + +Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu +spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen +war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte +Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am +nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein +Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte +allen Kränkungen die Krone auf. + +Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung +hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen +Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir +Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“ + +Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte +zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der +Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, +schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied. + +„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied +berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich +unterwegs bin.“ + +Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise +versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst +du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat +Michael den Bruder. + +Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der +Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb +halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am +Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste +erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben +würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem +Fenster zu stürzen. + +Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein +Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster +stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch +alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen +Drohungen quälen!“ + +Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu +beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“ + +„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger. + + + 18 + +Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts +Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel, +was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also +erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel +versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr +über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu +Hause. + +„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen. + +„Sie ist nicht zu Hause?“ + +„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr +zurück.“ + +Michael atmete auf. + +Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und +trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu. + +„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende +Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“ + +Die Kapelle spielte das Lied abermals. + +„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle +geendet hatte. + +Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen! +Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue +Flasche bestellen. He, Kellner!“ + +„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner +die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge +in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das? +Ein merkwürdiger Ausdruck!“ + +Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt +nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“ + +„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“ + +„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“ +Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, +ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann. + +Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“ + +„Ja, ein Raucheisen!“ + +Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es +wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu +werden?“ + +„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen +Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen. +Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser +Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“ + +Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für +einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht +selbst –“ + +Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet? +Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um +es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf +drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor. +Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern +Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge, +Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“ + +Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann +dies einen Lebensinhalt bilden?“ + +„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer +Pharao.“ + +„Wie soll ich das verstehen?“ + +„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist +einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide +werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot +bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges +Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles +vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher +unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese +fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael, +dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit, +Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist +Unsinn.“ + +Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie +töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du +nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“ + +„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn +es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist +meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, +das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu +begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die +Menschen mehr.“ + +„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“ + +„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich +verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren +Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur +Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale. +Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und +diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft, +alles.“ + +„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist +der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer +Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist +bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche +eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“ + +„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich +nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich +höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der +einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich +sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht +nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch. + +Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte, +es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun +bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land +besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“ + +„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich +ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr +widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst +du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In +die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel +ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es? +Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“ + +Hastig brach Wenzel auf. + +Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine. +„Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über +Michaels verblüfftes Gesicht. + +„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael. + +„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“ + +Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge +mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür +stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und +Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller +Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch +Lack und Farbe. + +„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen +Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher +hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen, +sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr +bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle +stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine +Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir +wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich +bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken, +bevor die große Reise weitergeht.“ + +Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den +Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“ + +Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht +gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich +tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. +„Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines +viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war +Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht +abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. +Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu +haben. So fing es an.“ + +„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael. + +Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals +war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine +Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige +Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“ + +„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“ + +„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern +benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht +vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese +feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines +Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen +Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige +Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig +Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael, +und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen +angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das +Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen +nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen, +ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich +lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie +Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf +Papierfabriken.“ + +Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“ + +„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig +etwas trennen, so fürchte ich.“ + +„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden. + +„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir +etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine +Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist +noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen +ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen +mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust +mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“ + +Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe. + +„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das +Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“ + +Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es +hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter +zurück. + +„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu. + +„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“ + +Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben. + + + 19 + +Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin +da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie +das sonderbare Haus in der Lindenstraße. + +Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und +hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde +entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg, +erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den +ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger, +breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn +heran und blickte ihm unter den Hut. + +„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme, +die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir +zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter +und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen, +aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er +sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus. +„Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet. +Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine +fünfhundert an. Da hast du es!“ + +„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der +Munterkeit des Gefährten ermutigt. + +Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur +Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser, +als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen +einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes +Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –? +Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er +von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er +bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in +Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem +Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“ + +Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit, +nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein +matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. +Georg roch den Rauch von Tabak. + +„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter. + +„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den +Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine +Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur +einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer +Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie +holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen. +Tretet ein!“ + +Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze, +die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von +Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer +breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie +mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine +Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte +mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches +Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten +die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden +hatte? + +Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein +Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es +aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun +gute Nacht, Kameraden!“ + +Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die +Arbeiter zu verpflegen. + +„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das +Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser +füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“ + +Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein. + +Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen +Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das +Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg +sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie +ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife. + +Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft +und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die +ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es +als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen +auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte. + + + 20 + +„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des +Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, +Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter, +Kinder!“ + +Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot. + +„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg +an. + +Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem +schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und +allerlei Gerät. + +„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen +saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung. + +Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von +Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der +langsam hinter ihnen herging, dreizehn. + +Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien +dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war +ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo +hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden. + +Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene +Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. +Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man +ihnen zuweisen würde. + +Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute +Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein +Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde +hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde +schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen +wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen. + +„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen +sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid +ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen +abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen +Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach. + +„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme +zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an +seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die +Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten +Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend +Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle. +„Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er. +„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich +blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu +ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und +wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg: +„Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, +damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“ + +Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor? + +Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab, +zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur +zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er +klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein, +dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das +Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand. + +Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke +hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines +Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen. + +„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner +Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und +blickte Georg hilflos an. + +„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was +kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“ + +Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt +in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der +erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden +sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa +dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen +Größe. + +„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser +hartnäckig. + +„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg. + +Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen +Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf. + +Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern +Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen +lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der +Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –, +lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos +mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. +„Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das +Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern, +„siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine +Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner +laufen.“ + +Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“ +rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine +Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der +Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige +Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der +Arbeit. + +Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren +Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne +blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne +würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war +nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren. +Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien. +Im Augenblick war der Wald weiß. + +Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den +Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man +fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte +Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen! +Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog. +Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser? +Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“ + +„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“ + +„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier +krepieren!“ + +„Und wie steht es mit dem Futter?“ + +Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus. +„Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden +Schritten davon. Bald war er außer Sicht. + +„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die +Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“ + +Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der +Schuppen kommt!“ schrie er laut. + +Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen +zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen +Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der +Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen +schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich +Balken und Bretter hinunterzuwerfen. + +„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit +triumphierendem Lächeln. + +Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen, +und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen. + +„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen +nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der +Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in +Bewegung. + +„Wohin fahrt ihr?“ + +„Nach Glücksbrücke!“ + +„Geht es dort vorwärts?“ + +„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“ + +Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck! + +„Grüßt den Chef!“ + +Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens +in Angriff genommen. + +„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten +schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der +Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine +Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung. + +Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig +seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und +brauchte nur aufgestellt zu werden. + +Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war +verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn +und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen. + +In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine +krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin +und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er +es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den +Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden. + +„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir +Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“ + +Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste +nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um +wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen +kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken. + +„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den +andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach +zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind +Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein +Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr +friert!“ + +Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken +gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau +gefroren. + +Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der +Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen +der Bäume empor. + +„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm +hierher und wärme dich!“ + +Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die +bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft, +und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden, +starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden +unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es +erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer. + + + 21 + +Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende +Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte +plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger, +glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit +Stroh und Proviant. + +„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann. + +Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein +Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern +Dienst gemacht habe. + +„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“ + +Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer +Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst. +Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die +Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die +Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die +Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund. + +Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und +Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die +Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die +Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren +löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne +Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, +entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren +Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle +starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes +furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte +Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß +dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch +und ohne Hoffnung. + +Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da +war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig +sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er +lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles +Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne +Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen +mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf. +Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe +Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der +bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden +Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige +Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht +eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um +Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der +alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen +tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut +gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte. +Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die +einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde. + +Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten +Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“. +Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war +völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust. +Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu +eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her. +Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen +Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein +zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans +Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren +noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem +Glotzauge. + +Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte. +Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht +hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die +Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht +mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen +Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr +Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können. + +„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine +alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut. + +Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. +Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen +werden soll.“ + +„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“ + +„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz +dazwischen. + +Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier +mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im +Walde!“ + +Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte +Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er +erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg. +Aber niemand hörte zu. + +Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde +gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er +schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, +in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und +herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz, +hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und +faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder +geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese +wunderbare große Stille da draußen. + +Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er +eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort +wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah +er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem +Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete, +und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein +Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die +Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten +und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit +offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule. + + + 22 + +Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die +helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann +schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen +Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch. + +„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch +wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen. +Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also +nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die +vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“ + +Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um +sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er +hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen +Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken +wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte +er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“ + +Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee +schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle +Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine +dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der +fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger +Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg +aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar +dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch. + +Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt. + +„Spute dich: er meint uns.“ + +Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er +befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte +schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, +nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht +niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren +frisch gerötet. + +Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe. + +Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der +kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine +Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und +versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten, +dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle +eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab. + +Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet +langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und +schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem +langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“ + +Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und +knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein +zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und +eine alte an den Knien zerschlissene Hose. + +„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der +Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge +tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich +organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns +in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird +alles in Ordnung kommen.“ + +Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den +halbfertigen Schuppen an, während sie aßen. + +„Ob wir es heute noch schaffen?“ + +Kopfschütteln. Zweifel. + +„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus +demselben Kessel aß. + +Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem +eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er +hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und +einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine +solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen +gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. +Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen +Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die +Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich. +Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine +Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es +waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann +sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren +Notizbücher, Rollen, Pläne. + +Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein +junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf +dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von +der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er. + +„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak +besorgen?“ + +„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“ + +„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt, +mein Junge, am Tage?“ + +„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“ + +Wir? Wer waren diese „Wir“? + +Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit +gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack +ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas +veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging, +während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke +herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz +behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit +einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und +einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das +finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn. + +„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen +Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer +kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte. + +Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte +sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er +sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte +von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst +gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von +einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China +Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen – +lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte +von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren. +Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war. +Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der +Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry. +Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene +Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht. + +„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“ +Gelächter. + +Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein +vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner, +Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und +erntete großen Beifall. + +Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art +befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er +steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in +Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er +hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle, +die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer. + +Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken +alle in tiefen Schlaf. + +Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife +rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab. + + + 23 + +Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die +Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der +Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das +Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den +hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem +Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er +sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen +verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen. + +Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts, +immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk +nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht +sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt +mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“ + +„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen, +bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“ + +Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten. +„Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich +gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich +nicht in ein Krankenhaus.“ + +Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte +verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab +gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister +sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit +seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er +erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. +Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was +man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah +man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er +früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er +schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen +wollte. + +„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm. + +Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher +Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der +Arbeit auf. + +„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon +Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden +sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“ + +Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten. +Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer +der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt +eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen. + +Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen +wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren +waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre +Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er +eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. + +„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt +erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der +Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die +Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“ +rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir +kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen +Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der +Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“ + +Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie +davon, Lehmann mit ihnen. + +Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend +alle Gemüter. + +„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja +alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr +Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“ + +„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“ + +„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß +zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie +uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste +bekommen.“ + +„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz +soll auch dahinterstecken.“ + +„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun, +sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“ + +„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und +schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“ + +„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast +auf deine alten Tage.“ + +„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein +großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich +hat?“ + +Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können. +„Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut +werden.“ + +„Eine Stadt?“ + +„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch. + +„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter. + +„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“ + +Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten. +„Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte +er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“ + +„Gärtnereien!“ + +„Gärtnereien, sagst du?“ + +„Jawohl, Gärtnereien!“ + +Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts +als Sand! + +Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber +lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick +sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden +nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten, +von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen +geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so +sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die +Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den +kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die +Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und +begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein +Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“ + +Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung. +Er wußte es besser als alle. + +„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier +machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja +alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht +werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe +der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land +und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles +Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg +und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und +Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg +gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen +haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat +sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon +gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle, +und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein +Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne, +und alles aus weißen Kacheln! + +Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser +fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in +seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine +Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und +manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur +gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den +letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie +reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn +Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den +Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle +unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen +beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht +auslachen.“ + +In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern +und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch +lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau. +„Ist das die Station Lehmann?“ + +„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner. + +„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“ + +„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“ + +Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in +lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen +waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie +drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr +seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am +liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus. + +Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen +schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre +Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand. +Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein +kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte +sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg +hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten. + +Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer +derben Späße. + +Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich +gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr +herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns, +Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf +der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es +warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und +wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben. + +„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie +lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken +waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem +Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige. + +„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war +geschlossen. + +„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“ + +„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte. + +Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die +Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry, +zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“ + +Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter +den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand +balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von +der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel +sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf +den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und +schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem +Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht +einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben +komischen Schritten wieder in die Küche zurück. + +Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese +Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen +über die Wangen liefen. + +In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er +ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte +wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien. + +„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie. + +„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab +ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht +fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“ + + + 24 + +Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu +ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück. +Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte +sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber +sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz +davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am +ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten. + +„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier +Wochen vielleicht.“ + +Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen. + +Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein +entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des +Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum +möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße +trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte +langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er +seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie +Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen +Mann. + +Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem +Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in +den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif +bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume. + +Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte +das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in +aller Stille zu beschäftigen. + +Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer +Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft +geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken +bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage +tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten +sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag +besucht. + +Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein +Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des +Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte +sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals, +der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis +stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche. + +Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch, +kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der +Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste +und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo. + +In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt +blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben. + +Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine +und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die +Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht +verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn +ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts. + +Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles. + +Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim +Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde +war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser +indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er +aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit +hatte er nichts mehr gehört. + +Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin +bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld +in der Tasche. + +„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene +Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht +so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, +nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, +Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen +zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses +leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie +auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. +Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich +warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin, +ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er +durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war +es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit +ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und +folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte +über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde, +seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny +Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte +sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal +hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten, +wenn es sein mußte ... + +„Und nun?“ + +„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten +der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf +mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle +Maßen.“ + + * * * * * + +In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von +Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine +Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen +strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die +Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen, +glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie +lautete: + + Gesellschaft Neu-Deutschland! + Tod dem Hunger! + Tod der Krankheit! + Es lebe die Kameradschaft! + +Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte. + +„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei +wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“ + +„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die +Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch +die Luft trieben. + + + 25 + +Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch +angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom +Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem +Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten +Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste +zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der +gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz. + +Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und +trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der +zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab +Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der +Arbeit und vom Frost. + +Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte, +war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf +der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an +der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die +Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber +war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts. + +Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große +Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe +stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer +Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große +Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen +die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der +Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und +elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren +noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der +Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle +und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen +Maße und Größen. + +In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust +hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den +Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem +Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie +schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede +Pause ging ihr rasches Mundwerk. + +Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine +Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und +einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch +stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau +war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann, +die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war +zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in +Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine +große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war +früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine +Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er +nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles. + +An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der +Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich +für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du +bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau +und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht +entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge +vor, warte nur, bald sollst du es hören.“ + +Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot +über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere +Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal +mehr. + +Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es +gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf +leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte +es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der +einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten, +und schon ging es an die Arbeit. + +Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen. +Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen +Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem +düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der +Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und +wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. +Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte +kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch +hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand. + +Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von +Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen +sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es +Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin, +jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor +mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. +Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in +Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet. + +So hieß es, sich gedulden. + +Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die +Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder +freier. + + + 26 + +Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte +unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht +heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, +völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber +gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am +Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken. +Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte. + +Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine +besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt +waten mußten. + +Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die +Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die +Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst +mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert. +Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig +Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder +reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen +an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle! + +Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie +bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So +sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter. + +Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße +frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal. + +„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn +die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“ + +Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft. + +Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte. +Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor +wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde, +verhielten sich noch still und stumpf. + +An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der +Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und +verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene +Fröhlichkeit. + +Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter. + +Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft. +Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter +Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen +und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“ + +„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten, +du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr +habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende +Ohrfeige. + +Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten +beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, +aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte +sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu +machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze. + +An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die +Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt. + +Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in +die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich +die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann +seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen +steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell +gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu +stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache, +die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber +er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer +war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten +vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen +hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein +Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort +öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz +nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er +empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so +unverschämt renommierte. + +„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“ + +„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“ + +„Ah, ein Boxkampf!“ + +Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie +dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner +gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde +Georg zum Schiedsrichter erwählt. + +„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“ + +Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei +Minuten.“ Alle Teufel! + +Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten +Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er. + +„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure +Erregung. + +Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend +zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war +dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu. + +Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in +Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke +verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der +Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben. + +„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine +Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt +augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser +Beziehung keinen Spaß!“ + +An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel +empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer, +die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, +Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und +waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den +Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: +Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo +die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, +Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft +Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die +Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue +Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ... + + + 27 + +Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager +interessierten. + +Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto +an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder +heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen +in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die +Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu +interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit +raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf, +dem Kellner. + +Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“ + +Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht +Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich? + +„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen +Sie mit uns!“ + +Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie +der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“ + +Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“ + +Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden +strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten. + +Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie +ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“ + +Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber +nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren +zustecken. + +„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken +Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“ + +Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis +zum Auto das Geleit. + +„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist +ja nicht so schlimm!“ + +„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es +verschwand. + +Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der +Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden +hatten! + +An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer +wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der +eigentlich Bollmann hieß. + +„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie +Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“ + +„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie +für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein +Pech!“ + +Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem +kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am +Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den +linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer +fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er +im Kittchen. + +Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam +aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten. + +So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten, +um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in +die Decken. + +Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum +Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen +Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er +war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit, +und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte +Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum +Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall +nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht. +Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen +fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die +sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der +Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich! +Viele Wochen war er schon da. + +Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald +hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er. +Der Alte hatte sich erhängt. + +Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich +erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von +vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“ + +Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im +Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend +mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren. + +„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im +Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine +Nachtigall zu ihm.“ + +„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser. + +„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz +an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar +in Berlin Nachtigallen gibt.“ + +„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte +Georg. + +So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr +kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“ + +Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige +Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr +schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende +sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht +mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen, +hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den +Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die +Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen, +aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist +ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General +oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln, +als er einer war.“ + +Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die +Feierlichkeit war beendet. + +Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert. +Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der +Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl +er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich +auskommen ließ. + +So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein +warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen. +In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien, +und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke +aus, er schwitzte. + +Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden +vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich. + +Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der +Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde +surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag +für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten +sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die +Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie +Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. +Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide +kriechen. + +„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern, +dann haben wir sie hier!“ + +Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig +besprochen wurde. + +Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto, +das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck +stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, +denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren +ausrangierte alte Kasten. + +Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener, +breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas +schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz. + +Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie +zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war +bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit +zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor +dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte +sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld +geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit +weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich +aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die +Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der +gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in +Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem +Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter. + +„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es +Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann, +sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser +Große mit dem braunen Gesicht!“ + +„Wer sind die Herren gewesen?“ + +„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und +eifrig die Pfeife paffte. + +„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht +interessiert hatte. + +„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der +Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein +ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“ + +„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen +Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei +Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser +Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“ + +Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins +Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, +bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich +aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam +mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht +Schellenberg.“ + +„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“ +drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande, +und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“ + + + + + Zweites Buch + + + 1 + +Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die +berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung +war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, +früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in +den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren, +so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit +den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen, +Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener +Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten, +ausgeboten. + +Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger +Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, +ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen +verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen +Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter, +die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber +nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend, +darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte. + +Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten, +verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal +schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber. + +In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der +alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine +graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, +das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener +Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein +herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand +zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell. +Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die +beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg +davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den +Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um +das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit +einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender – +seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. +Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf +um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der +Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in +den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie +hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde +dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern +niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen +Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte +noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn +vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war +man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben +mußte. + +Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und +wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom +Gesicht. + +Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß? +Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter +Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine +phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter? + +Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es +ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener +große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“ + +„Unmöglich!“ + +„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“ + +Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter +Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich +seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt. + +Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe, +jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei +Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in +den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe +kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht. +Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe +unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler +mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld. + +Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie +Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf +zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern +bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal +unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben. +Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der +Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen +hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf, +blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers +und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät. + +An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er +blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der +Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian +wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig +vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar, +das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im +Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch +schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes, +forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht, +fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine +der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde +unruhig. + +„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt. + +„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß +sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“ + +„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte. + + + 2 + +Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem +jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf +der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas +trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“ + +Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf, +wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte +Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, +aber sehr hell. + +Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren, +noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den +letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien +auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den +geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe +leider Ihren Namen nicht behalten.“ + +„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein. + +Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die +Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war +nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das +konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg +ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die +Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne +weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade +unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny +plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im +Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht +Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben, +es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne +Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und +stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen +Reichtums umstrahlte ihn. + +Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys +Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr +Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun +genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm +dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an +Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls, +das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin +Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer +Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin +eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft, +ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden, +ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte +ihm nicht zu. + +Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr +eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen +Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit +Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß +Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm +austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum. + +An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben +Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“ + +Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie +aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal. + +Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn +gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum +Verzweifeln! + +„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung +des jungen Mädchens entzückte ihn. + +„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß +diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“ + +Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese +kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat +er sicherlich nicht den Geschmack.“ + +Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um +etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch +von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil +einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei +Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky +schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben. + +„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny. +„Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie +viel gekauft, Herr Schellenberg?“ + +Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten +vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er +ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte. + +„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich +kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten +zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr, +weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in +zweifelhaften Effekten.“ + +Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit +verblüfft. + +„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel. + +Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief. +„Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen +Direktoren wollen mich nicht haben.“ + +„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe. + +„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort, +„sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film +interessieren?“ + +Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie. + +„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf +ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich +unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge +sind noch völlig in der Schwebe.“ + +Die Auktion ging weiter. + +„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel +Stolpe ins Ohr. + +„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen, +unterwürfigen Verbeugung. + +Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf. +Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und +Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht. + +Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil. +Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das +Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk +plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten +Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen +still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der +Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“ + +Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen. +Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal +saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte. + +Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte +wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene +Stimme des Maklers siegte abermals. + +Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die +alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in +verschämter Haltung den Saal. + +Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem +Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert +mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr +steht.“ + +„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige +Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau +zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete. + +„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe +eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten +Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich +geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“ + +„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von +Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir +uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns +das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch +von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg +hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich +krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen +Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“ + +Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei +Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male, +da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel +hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so +fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in +diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende +Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto +unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein +hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack. + +Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei +Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig, +dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein +Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit +der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als +Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht +stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein +Butterbrot erhalten hatte. + +Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen, +schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe +Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde +er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den +Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers +Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche +Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer. + +Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine +auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten +Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren. +Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine +gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes. + +Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein +Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem +Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie +tief verletzt zu haben. + +„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen +Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen, +um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder +reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“ + +„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme. + +Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um +keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen. + +Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel +Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn +völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu +rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über +so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige +Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem +Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die +Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom +König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs +Großmut. + +„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg +kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“ + +Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank +auszudrücken. Anders tat sie es nicht. + +Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes +Gelächter aus. + +Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes +Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte. + + + 3 + +Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im +Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft +und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er +dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu +geben. + +Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher. + +Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der +edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von +dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in +Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig, +da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen +Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier +baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß +sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden +war. + +Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm +gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst, +daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer +in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine +Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in +Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter, +Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte +er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe +in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas +ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war. +Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die +verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen +Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die +Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere +Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die +die Mieter gegen Wenzel führten. + +Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er +wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das +Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger +Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten, +der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch +nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte. + +Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen. +In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt +kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine +ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er +engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt +nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese +Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die +zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die +ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein +erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen +Büchern. + +Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn +er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten +hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das +nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten +zermalmte. + +Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf +er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von +Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er +noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des +Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die +chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. +In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm +manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für +seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten +Angebote zurück. + +Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine +unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete +sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am +Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf, +bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei +Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je +bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es +war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er +spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein +fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in +diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier +ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“ + +Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen, +die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und +Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ... + +Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl +ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten +sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In +allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das +Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses +elenden Geldes willen. + +Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures +Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte +und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf +Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige +Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen +flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen. +Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von +einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel. +Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt, +saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber +entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich +endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz. + +Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte +die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene +Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke +Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen +alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben. + +Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel +lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch +damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das +Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten +die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse +aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte +Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig, +er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige +Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, +wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn +Minuten zu spät kam, wie? + +Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während +Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand +Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung. + + + 4 + +Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland. +Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die +Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren +nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie +Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen. + +Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm +gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich +an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die +Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene +Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war. +Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man +wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten +Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote +gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf +ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente, +wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie. +Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt +waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie +alle seine Mitarbeiter. + +Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte, +forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen +Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf +der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen +Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit +welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen +Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche +Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese +Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß +diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die +Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er +sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich +günstig, daß sie ohne Engagement war. + +Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu +sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu +beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand +zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht +strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen +Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen +Nase. + +„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die +Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein +stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie +zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den +Herren haben können.“ + +„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte +Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend. + +„Ich habe meine Gründe.“ + +Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön, +schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen +Vormittags stattfinden.“ + +Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der +Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der +Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft +vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große +Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“ + +„Herr Wenzel Schellenberg!“ + +Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand +eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren +Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu +Katschinsky. + +„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“ + +Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr +erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff +die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch +lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll. + +„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft +ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden +war. + +Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine +Protektion,“ sagte er gekränkt. + +„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel. +„Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie +wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine +Szene soll ich spielen? Rate mir!“ + +Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir +wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus +Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“ + +„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und +her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser +gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“ + +Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier, +umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und +modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was +die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in +seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache, +Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“ + +„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel +gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch. + +Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht +gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei, +aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine +Eifersucht nicht verbergen konnte. + +Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja, +was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit, +daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur +Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns +nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze +Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“ + +Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst +einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen, +die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung +ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene? + +Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene +spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem +Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe. +Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben. +Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie +plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt +wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle +erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament +zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt +euch dies?“ + +Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden. + +Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“ +rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht +engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“ + +„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit. + +„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton. + +Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut +durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“ + +Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde +nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie. + +Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu +bemerken. + + + 5 + +Jenny hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ bis in die +letzten Einzelheiten ausgearbeitet und hundertmal vor dem Spiegel +eingeübt. + +Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit äußerster +Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde zu warten. Die Türen +öffneten sich von selbst, und über lange Korridore wurde sie direkt in +das Heiligtum des Direktoriums geleitet. + +Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr mit geheimnisvoller +Miene einen Brief. Es war ein kurzes Schreiben Schellenbergs, der sie +ermahnte, keinerlei Vertrag zu unterschreiben, bevor er ihn nicht +gesehen habe. Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu +besprechen und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper mit ihm +besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute habe. + +Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht fieberrot. + +Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, beleibte +Herren, höflich, ja fast unterwürfig. + +„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie uns überraschen +werden, Fräulein Florian?“ fragte einer der Direktoren. + +Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor Angst doppelt so +groß geworden. + +Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann sie, aber sie +spielte verwirrt und schlecht. + +„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie. + +„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Erregung.“ Die +Herren verschwanden tief in ihren Sesseln, um sie ja nicht zu stören. + +Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt hatte, drückten +ihr die Direktoren anerkennend die Hand. „Wir werden sehen, Fräulein +Florian. Es wird nötig sein, Sie in einer ganz besonderen Sache +herauszubringen. Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der +Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. Sie können ihn +morgen unterzeichnen.“ Unter vielen Bücklingen komplimentierten die +Direktoren Jenny hinaus. Als sich aber die Polstertür hinter Jenny +geschlossen hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an. + +„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten Direktoren. +„Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“ + +„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist hübsch, ja schön. +Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen sind ungekünstelt, reizvoll, +bezaubernd, rührend, voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher. +Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht wiederzuerkennen.“ + +„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“ + +Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs Brief +zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte er, indem er die grauen Augen +streng auf sie heftete. + +„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht meinen Ruf, wenn ich +mit einem Herrn eine Opernvorstellung besuche, der guten Kreisen +angehört?“ + +„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? Gute Kreise? +Zugegeben, er war früher Offizier – sein Ruf ist jetzt nicht der beste. +Du weißt, daß er einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute +in Deutschland leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger +Berlins. Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie man Ware +kauft!“ Katschinskys Stimme bebte. + +Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige dich,“ versuchte sie ihn +zu besänftigen, bebend unter seinen versteckten Beschimpfungen. „Ich +habe dir nie Anlaß gegeben, mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht +ist deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, um nicht +ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“ + +„Also du gehst?“ + +„Ja, ich gehe.“ + +Krachend flog die Türe ins Schloß. + +Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen +Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die +Wangen mit Kölnischem Wasser. + +„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete. +„Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es +zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den +Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich? +Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist +Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe +gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich +tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin- +und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen. +Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa +schreiben.“ + +Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte +als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht, +wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren +hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit +vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte +Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße, +zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte +und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine +Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben +anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian +beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen +Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man +prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer +Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine +berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht +Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war +bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der +Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um. + +Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys +große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf +seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg. +Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen. + +In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt, +und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky +hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter +brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er +anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky +begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr +Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch. +Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene +Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern +vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer +Mentor. Mehr als das: er liebte sie. + +Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen +Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu +Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von +ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war +rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des +Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und +Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in +Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen +Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr +aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines +Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand +sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch +vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es +gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß +Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an +nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie +belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit, +er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin, +in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den +er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit +Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er +einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde +beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und +Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt +hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch +Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei +mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm. +Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen +Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er +fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen +Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in +Zukunft diese Kreise zu meiden. + +„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften +und Ambitionen.“ + +Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst +Vergötterten gesehen hatte. + +An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater +schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen +dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften +abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die +Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb – +ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft, +nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb, +quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit +Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun +sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß – + +Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt, +es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß +ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war +unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr +der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit +einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe +über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie +sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas +derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich, +überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie +wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld +liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie +wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen. +Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er +protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren? +Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine +Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein. +Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich +gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie +Erfolg hatte. + +Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war, +auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr +sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“ + +„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund +war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden +Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse +Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund, +morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es, +daß ich glücklich sein werde!“ + +Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie +zerriß. Mochte es stehen bleiben. + +Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam +durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße +Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und +wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es +mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde +abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen? +Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig +Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen +sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie +ein Quadrat aus. + +Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich +über das Buch beugte. Sie ging auf und ab. + +Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin. +Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut. +Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den +Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die +dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da +zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht, +gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine, +breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond. + +„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“ +fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der +Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate +ausstreichen. + +An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen +gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes +willen?“ fragte sie bestürzt. + +Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen +Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach +Hamburg fahren.“ + +Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer +Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“ + +Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er. + +„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte, +daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe +vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie +weit weg war sie schon von ihm. + + + 6 + +Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es +nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen, +ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein +verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann +mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war +armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren +geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte +Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar +gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu +schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um +ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel +nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu +ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen +Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung. + +Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem +Menschen so wahnsinnig sehnen! + +Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in +einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu +seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt, +ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten. + +Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer +leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste +Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder. +Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe +mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein +Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ +und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde +im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg +nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach +Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um +fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und +Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn +Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am +Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was +gibt man eigentlich in der Oper?“ + +Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte +sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“ +antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“ + +„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es +wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings +sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie +übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut. +Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier – +ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat +sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie +mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen +sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr +ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“ + +Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr +Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie +entlasten?“ + +„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe. +„Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich. +Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine +Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus. +Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit +gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater, +Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht +es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in +prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer +Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen +Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich +ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat +Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß, +schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe +von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn. + +Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses +rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie +früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden. + +In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der +steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach +ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas +Sekt?“ + +Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat +in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel +begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz +genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte. + +Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu +beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede +Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört +hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über +ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem +Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen? +Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem +ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und +sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und +in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit +Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg +still in seinem Sessel. + +Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr +Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte +Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht, +und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie +versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er +schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte. + +Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im +Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren. +„Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich +schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und +dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“ + +Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre +schönen Augen lächelten Verzeihung. + +Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, feierlichen +Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen Restaurant, wo er vor +Jahren mit Michael soupierte. + +Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die man nie kennenlernt, +die sich verhüllen, verschleiern, mit ihrem Willen oder gegen ihre +Absicht. Dumme, eingebildete, überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum +gibt es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, und es +gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man in der ersten Minute +vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, Einfachen, Reichen, die sich nicht +scheuen, die Türe weit aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es +Jenny, gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten, +versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, vorzutäuschen, er +posierte nicht, er war schlicht und einfach und gerade. Nach einer +kurzen Befangenheit hatte Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon +jahrelang kenne. + +Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, zum erstenmal sah +sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war breit, derb, fast etwas bäurisch, +aber fest und groß. Die Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen +hingen wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, es schien +Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick zum erstenmal wirklich ein +menschliches Gesicht. Alles, was sie sich früher über das menschliche +Antlitz gedacht hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also +begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht des +Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung. + +„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, die grauen Augen, +deren Blick etwas kalt schien, fest auf sie gerichtet. + +Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? Wozu Mut, Herr +Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen Kopf verlegen zur Seite geneigt. + +„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“ + +„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht –?“ + +„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten geworden ist. +Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe haben die Menschen im +allgemeinen zu einem erbärmlichen Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die +Angst davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das Urteil +ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, gelegentlich, +wegen irgendeiner Sache, ein paar Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so +lächerlich sind diese Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und +ekelhaft – ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: Mut zu +haben, dem Leben in die Augen zu sehen? Es bedeutet den Mut zu haben, +unter Umständen auch zugrunde zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben, +Fräulein Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie eine +Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur Mut hat.“ + +„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“ + +„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja +im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist +gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte +noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß +mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu +schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher +ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine +Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für +seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den +Sinn käme.“ + +„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“ + +„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig +zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden +diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“ + +Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem +zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es +Ziegelsteine abfärben, dachte er. + +„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige +sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle +Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente, +erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe +es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere. +Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung +nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von +Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder +und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit +Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die +eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später +brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die +Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es +ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen +filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre +zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich +weiß es.“ + +Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie? + +Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir, +Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit +werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden +Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach +einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden +täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die +Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten +Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind +nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht +ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren. +Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies, +dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung +anvertrauen?“ + +Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft +des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu +begreifen. + +„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich +änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der +Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie +vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut +so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein +besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit +zweitausend Mark im Monat reichen?“ + +„Aber gewiß.“ + +„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter +hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht +an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und +schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute +Kameraden werden.“ + + + 7 + +Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau +von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen +Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam +sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte +der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten +gerade über den Bahnsteig. + +Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und +Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen +Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant +zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin. +Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material. + +Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise +ungnädig und ungeduldig. + +„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der +Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine +Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war. + +„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer +Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero +zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht, +Lise.“ + +„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in +dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem +Pflaster. + +Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt. + +„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und +ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das +Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen, +um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“ + +„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist, +Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im +Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche. + +„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma. +Der Winter war sehr schlecht.“ + +Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie +bleiben wollen? + +Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im +Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür +gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes, +freudiges Geheul aus. + +„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem +Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und +küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte +glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder, +und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“ + +Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie +schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre +herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten. + +Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so +gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter. +Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte, +entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen +Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige +dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand +beachtete. + +„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“ + +Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie +abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder. + +„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat +genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein +Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes +Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber +ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem +argwöhnischen Blick an. + +Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du, +wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen. + +„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. Das Mädchen lachte +nur, weil Frau von dem Busch sie duzte. + +„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es sich einfallen lassen, +so zu lachen. Bringe eine Nadel und einen Faden, siehst du nicht, daß +eine Masche von Marions Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben +keine Augen im Kopf.“ + +Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik bringen und ihr +zeigen, wie weit er bereits in den Lektionen gekommen war. „Und, wie +sagt man: Hier bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie +man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm alberne Fragen in +dieser herrischen Form vortrug, und so antwortete er nicht. Seine grauen +Augen glänzten abweisend, es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die +Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie versprach Gerhard, ihm +morgen zu zeigen, wie man ein Buch einbindet. + +„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. „Aber +schon ist die große Begabung des Vaters unverkennbar.“ + +Lise staunte. + +Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem Busch hatte die +Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, sah ihr lange und zärtlich in +die Augen, und dann begaben sich die beiden Frauen in das Speisezimmer. + +„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“ + +„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war höchste Zeit, daß +ich wieder einmal nach Berlin kam, um mit dir über all die Dinge zu +sprechen.“ + +„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und zerknitterte die +Stirne. + +Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden waren – gab +es für Frau von dem Busch kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte +sich in den Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr von +dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. „Also,“ begann Frau von +dem Busch, „ihr zankt euch noch immer?“ + +„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an. + +„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, was für ein Kind +er ist, ein wilder Junge, der dumme Streiche macht. Aber man muß zugeben +– und ich habe es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute +Eigenschaften hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das +ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, haben. +Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“ + +Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die Mutter, sofort erregt. +„Du scheinst die Situation, die du ja zur Genüge kennst, absichtlich +verkennen zu wollen.“ + +„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“ + +„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen mir und +Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“ + +Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind nur Worte, Lise,“ +entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, die dreimal geschieden +wurden und sich immer wieder heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose +Natur, er mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon +anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den Versuch machen –“ + +Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal wiederholt, +Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter Stirn. „An eine +Aussöhnung ist nicht zu denken. Wenigstens was meine Person betrifft, +nie, niemals. Und auch Schellenberg –“ + +Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. „Ich meine es ja nur +gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir können doch über all diese Dinge ruhig +und offen sprechen. Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so +viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei mir. Was er alles +erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es gedacht, soll ja eine ganz +fabelhafte Karriere gemacht haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst +von Carlowitz sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von +Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen Fähigkeiten +habe ich ja nie gezweifelt.“ + +Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ sagte sie. + +„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? Man muß über +all diese Dinge ruhig sprechen können. Der Zeitpunkt einer Aussöhnung +scheint dir also noch nicht gekommen zu sein? Das ist schade, sehr +schade. Ich hätte es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich +in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach von ungeheuren +Reichtümern.“ + +Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, Mama, ich will +nichts von diesen Reichtümern. Ich will nichts von diesem +zusammengescharrten Geld!“ + +Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie töricht du bist!“ +rief sie aus. „Du bist ja immer noch seine gesetzmäßige Frau! Wie gut +ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin, +eine Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen +wahrzunehmen.“ + +„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte Lise gelangweilt. + +„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, vielleicht +übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht einer Großherzogin +gekauft habe!“ Frau von dem Busch wollte alles, jede Einzelheit wissen, +sie war ja nur zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen. + +Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. Sie hatte ja +über alles bereits hundertfach schriftlich und mündlich berichtet. Das +war die Wahrheit. Bis auf jene Dinge, die Lise absichtlich verschwieg, +war Frau von dem Busch in alles eingeweiht. + +Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall mehr zu ihr +zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch unter Qualen, damit +abgefunden. Sie spielte zuerst die Rolle der verkannten, verlassenen +Frau. Sie war auch in der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah +plötzlich alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte +erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften verblaßten, und +die schlechten Eigenschaften traten hervor. Nunmehr sah sie nur noch die +schlechten Eigenschaften Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er +„nicht zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie nicht ab, +ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten Formen fortzuführen. In +ihrem Salon gingen Damen und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann +man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg immer kommen, immer +gab es Umarmungen und Küsse. Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht +drei, vier Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte ein +Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, Theater, +Einladungen aller Art. Als es mehr und mehr bekannt wurde, daß Wenzel +Reichtümer erwarb, beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person +sich wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und ihre +Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. „Lise, man hört +Dinge –“ Aber Lise richtete sich sofort überempfindlich auf und machte +weiteren Ausführungen mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht +davon, kein Wort mehr.“ + +Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte kein Arg gegen +Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, daß er sie tief verletzt hatte. +Da waren ja auch seine beiden Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine +vorzügliche Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von Monat +zu Monat. + +Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen dem Bruder +und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse liebte, hatte ihr durch Michael +und den Anwalt mehr als einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr +glänzende Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise nahe +daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum notorisch geworden +war, setzte sie allen Vorschlägen ein eigensinniges Nein entgegen. + +Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie kaufte Hüte und +Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle Wenzel zustellen. Er befahl, +daß sie bezahlt werden sollten, daß man aber den Firmen mitteilte, daß +er nicht mehr für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit +einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen Firmen, und +wieder kamen Stöße von Rechnungen. + +„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten zwingt,“ sagte +Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab die Angelegenheit einem +seiner Anwälte. Und die Richter, die beim Anblick dieser Rechnungen kaum +die Sprache zurückfanden, entmündigten Lise. + +Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde Lise zum erstenmal +in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. Drei Tage lang schwankte sie +kreidebleich durch die Wohnung. „Ich hätte nicht gedacht, daß er ein +Schuft ist,“ sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich +hielt ihn nur für leichtfertig.“ + +Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache mit der +Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur angedeutet, daß sie mit +Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen – Schuhe, Kleider, Wäsche für +die Kinder – beanstande. + +Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung noch immer nicht +beendet war, geriet Frau von dem Busch an diesem Abend abermals in helle +Erregung. + +„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, um nach dem Rechten +zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die Anwälte machen mit dir natürlich, +was sie wollen. Morgen werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist +ein alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, Lise, wozu ich +mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ Frau von dem Busch +hatte sich vor Erregung erhoben und blickte Lise mit einem kühnen Blick +an. + +„Wozu, Mama?“ fragte Lise. + +„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es tun!“ + +„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete Lise mit einem +spöttischen Lächeln. + +Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. „Oh, er wird es nicht +wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie und ballte die kleine, bleiche Faust. + + + 8 + +Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm +wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in +Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben. +Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren +angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch +nicht ganz erholt. + +Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung +wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein +Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch +saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und +strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen, +über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine +noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre +gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas +gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte. +Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und +geheimnisvoller Verschwiegenheit. + +Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht +die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte +sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre +Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer. + +„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch +und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen +„arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen. +Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die +Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden +gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte +am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle +fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand +zu widersprechen wagte. + +An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort, +was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den +Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung +nicht schaden würde. + +Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen +ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu +Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und +Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin +gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine +phantastische Färbung angenommen. + +Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein +Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften +hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte +höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen, +luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte +Lise lernen. + +Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise +entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen +Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun +allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie +bereute. + +Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort +die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte +sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert +aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem +unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute +gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine +Sünden zu vergeben. + +Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das +über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten +Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen. +Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck. + +„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in +einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des +Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“ + +Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu +sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei, +außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand. + +Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist +natürlich manches wahr daran. + +Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und +führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer. + +Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu +dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm +zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich +hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß +bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei. + +Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von +ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede, +dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte. + +„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich +sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du +aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses +Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber +wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“ + +„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins +Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er +sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt, +hart und ohne jede Gnade. + +„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er +hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht +seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“ + +Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war, +nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig, +sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte. + +„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre +Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen +Angelegenheiten Lises zu ordnen.“ + +„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau +von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier +sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre +Tochter bezahlt habe.“ + +Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es +seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu +unterhalten. + +„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß +es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu +arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch +keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie +Ihrer Tochter angedeihen ließen.“ + +Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind +herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor +Erregung so weiß geworden wie ihr Haar. + +„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“ +erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er +erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank, +der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern +vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“ + +Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die +Interessen Wenzels vertrat. + +„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig +Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch +immerhin –“ + +Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit +meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“ + +„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“ + +Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch +das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn, +einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte +Vertrauen hatte. + +„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich. + +Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall +auseinanderzusetzen. + +„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den +Anwalt. + +„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt +zwei Schellenberg.“ + +„Wenzel Schellenberg.“ + +„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt +noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“ + +Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor. +Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit +halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß +Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und +wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen. + +„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“ + +„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte +es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine +Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu +sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“ + +„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte +Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich +gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund +dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in +meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter +Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu +wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele +Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen +herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor +Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte +große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während +er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor +zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen. + +Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts. + +Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand +genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg. +Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es +wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden +Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen. + +Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von +Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in +Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das +ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat. + + + 9 + +Jenny speiste mit Wenzel im Hotel Eden. + +„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein Florian?“ fragte +Wenzel. + +„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien ihr, als klänge +Wenzels Stimme streng und rügend. Du mein Gott, sie konnte solch rasche +Entschlüsse nicht fassen. „Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe +zu tun. Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“ + +„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut fort. „Ich war +vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen Geschäftsfreund. Er +hatte hier zwei Zimmer und ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich +reizende Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der Schwede ist +abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung für Sie gemietet.“ + +Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte sie den Kopf. +„Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, das ist mir viel zu teuer.“ + +„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein Florian,“ entgegnete +Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium gut bekannt. Aber nun kommen Sie +gleich mit, ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß Sie +davon entzückt sein werden.“ + +In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das Bad entzückte Jenny. +In alle Räume hatte Wenzel große Blütensträuße stellen lassen. Jenny +sagte kein Wort, sie errötete tief. Das war ihr Dank. + +Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, daß Jenny ins Eden +gezogen war, wurde er blaß wie ein Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm +mehr zu verraten als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf, +Jenny zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man mußte sich bei +ihr anmelden lassen, bevor man empfangen wurde. + +Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete und Jenny erblickte, +erschrak er, so schön war sie. Nie hatte er sie so schön gesehen. Sie +trug ein Kleid, das er nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig, +voll natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh. + +Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam den sanft schimmernden +Blick zu, mit einem leichten, etwas verlegenen Lächeln in den +Mundwinkeln, als ob sie sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du +hättest noch länger wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön +gewesen. Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in +diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, den Glanz ihrer +Augen und den unbegreiflichen Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war +sie viel, viel schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte. + +Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen sah, war ihr erster +Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht zu zart, zu unmännlich, zu +weichlich, ja weibisch war. + +Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander und stützte das +Kinn in die Hand. + +Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, dachte Jenny. Früher +hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar gebauter und trainierter Körper +zeigt immer schöne Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen. + +„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny. + +Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam von der Beerdigung +seiner Mutter, und sie fragte: Wie war es in Hamburg? Offenbar hatte sie +vollkommen vergessen, daß seine Mutter gestorben war. + +Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen Frage kam ihr zum +Bewußtsein. + +Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den Gleichgültigen und +Unbeteiligten, den Freund, der tief gekränkt, aber zu stolz und +großmütig ist, um sich diese Kränkung merken zu lassen. + +Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet hatte. Strümpfe, +Schuhe, alles war völlig neu und modern. Es fiel ihr ein, daß seine +Mutter ein kleines Vermögen besessen hatte. + +„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ fragte Katschinsky. +„Hast du abgeschlossen?“ + +„Ja, ich habe abgeschlossen.“ + +„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer Gleichgültigkeit +fort. + +„Ja.“ + +Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch ein Recht gehabt +hätte, Näheres über die Bedingungen zu erfahren. Er ging. + +Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny sah es sofort seinen +Augen an, daß er heute nicht die Rolle des Gleichgültigen spielen werde. + +„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ sagte er in +munterem Tone, als habe es nie eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben. +„Wir wollen etwas gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser +besuchen.“ + +Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete sie. „Willst du +Tee haben? Um sechs Uhr kommt der Regisseur zu mir. Ich habe zu +arbeiten.“ + +„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig etwas warten. Mache +mir die Freude, Jenny.“ Er haschte nach ihrer Hand und versuchte sie zu +berühren. Er wußte wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte. +Sobald er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war ohne jeden +Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und wiederholte nur, daß sie zu +arbeiten habe, daß sie aber gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee +plaudern wolle. + +Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn Herr Doktor +Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.“ + +Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden bin, dachte +Katschinsky. + +Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken Körper leicht +zurückneigte, während sie mit einem Finger den Deckel der Teekanne +festhielt, wurde Katschinsky von einer Art Raserei ergriffen. Seine +Vorsätze, sich zu beherrschen, waren wie weggeblasen. Er erhob sich +bleich. Sein Atem ging hörbar vor Erregung. + +Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge groß und abwehrend zu +ihm auf. Aber dieser Blick, der ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch +seine Erregung. Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen +den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, die Zigarette +anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn +du aufrichtiger wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine Brauen +flogen auf und ab. + +Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte sie leise und +erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie bleich wurde. + +Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe nie gedacht, daß du +so feige bist, Jenny!“ rief er. + +„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte Jenny, und ihr +Auge glühte auf. + +„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider ist!“ schrie +Katschinsky rasend. + +Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! Ich will es +nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf. + +„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky brachte erregt +einige Fälle vor, die man sich von Wenzel Schellenberg erzählte. + +Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. „Du bist +ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so sprichst.“ + +Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine Frage zu beantworten, +und ich gehe – für immer,“ sagte er, und sein Blick grub verzweifelt in +ihren Zügen. Seine grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß. +Ja, er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber mehr als +sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese Frau mit seinem Gelde +gekauft hatte, er haßte ihn um so mehr, je weniger er die Möglichkeit +hatte, ihm irgendwie beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines +Tages, oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. Tag und Nacht +würde es für ihn, Katschinsky, keinen anderen Gedanken mehr geben. + +In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, der Regisseur, +trat ein. + +Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine Sekunde lang hatte +er geglaubt, Schellenberg werde kommen. + +Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. Sie begrüßte Dr. +Brinkmann und machte die Herren bekannt. Während sie den Tee servierte, +plauderte und klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon. + +„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, aber er fand nicht +die richtige Anerkennung. Ich glaube aber, daß er sehr große Begabung +hat. Sie sollten ihn sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“ + +Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete Katschinsky +aufmerksam, wie ein Händler, der ein Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“ +sagte er, „das Äußere ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine +Verabredung. + +Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber nur um rasch ein +Gesprächsthema zu finden, war sie auf diesen Gedanken verfallen. +Katschinsky küßte ihr artig die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging. + + + 10 + +Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen. +Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich +unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den +Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch +Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die +leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die +ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge +verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr +die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle, +wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen +Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, +er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo +haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine +rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte +bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß +er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man +spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe +nicht!“ + +Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo +in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer, +irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein +Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit. + +„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr +umtun.“ + +Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten, +wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im +Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, +etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas +außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die +Schellenberg interessieren konnte. + +Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen, +bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen +erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese +Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde, +bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften +währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her. + +Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein +Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel, +den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe +schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die +Vorbereitungen zu treffen. + +Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. +Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei +einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier +gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg, +der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel +kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die +Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt. + +Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten +Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen. +Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge, +Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine +kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen +spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln +hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der +Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander +verbunden. + +Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten +Kaufherr instandsetzen lassen. + +Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch +keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine +Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus +dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“, +das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See. +Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend. + +Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden, +nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen +verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon +empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik. + +Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes +Schloß,“ sagte sie. + +„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele +Umstände unter dem Arm und führte sie fort. + +Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all +diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik +und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und +Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen +Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen, +eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne +Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich +einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel +angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und +langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus +dutzendmal gehört hatte. Welche Leere. + +Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und +selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den +Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß. +Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny +dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem +Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der +Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke, +die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein +Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte +sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört. +Er lachte ausgelassen wie ein Knabe. + +Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei +einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen +lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in +dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man +beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee. + +„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht +anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“ + +In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik +davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man +ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er +legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder +litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu +Ende. + +In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen +fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und +sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“ + +„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“ + +„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“ + +„Ihr werdet schon sehen!“ + +Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg +unternehmen werde. + +In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden +Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her. +Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt +ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel, +der aus dem Wasser steigt. + +Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran, +berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten, +kleiden Sie sich sofort um.“ + +Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in +die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen +gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand +schnell im Hause. + +Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie +wieder in Berlin war. + + + 11 + +Jenny hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. Es war +eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß sie voller Fleiß, Hingabe +und Ausdauer arbeitete. Die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war +ungeheuer selten, ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr +lag, sie zu nützen. + +Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen gegeben, und sie +folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei einem Tanzmeister und begann ganz +von vorn mit der alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann +machte sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden. + +Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm +Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich +leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten +Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die +völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung, +jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß, +sie empfand es fast als Wollust. + +Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine +schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und +Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, +ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu +gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem +Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt +ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor +Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun +begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede +Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte +ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war +keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge +glänzte und flammte leidenschaftlich. + +„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte +nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit +erhielt.) + +Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in +Italien aufnehmen lassen. + +Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie +fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein +Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr +auch diese schwierige Kunst zu erschließen. + +Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden +und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern, +Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner +Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche +Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er +allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn +sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit +schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat +sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie +stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich +Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand. + +Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit +Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum +erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe +keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust +wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie +schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie +fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr +als Sentimentalität. + +In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre +Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen +Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine +Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, +brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf, +aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer +Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie +eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte, +der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. +Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang, +und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der +herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte. + +Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte +ihn zu ergründen, vergebens. + +Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen +wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte +sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür +hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf +zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie +sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann? +Aber Wenzel hatte nie Zeit. + + + 12 + +Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die +Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er +selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, +abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es +genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar, +wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und +unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen +konnte. + +Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug +das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen +zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im +luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um +hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel +ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig +gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch +seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war +ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich +finden. + +War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der +Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er +Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es +wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese +funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die +in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm +entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor +Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen +herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer +erloschen. + +Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine +Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen +Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken. +Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr +berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die +finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So +ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht +war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im +trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß +er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön, +und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit +allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen +weinte, wenn er seine Geschichte erzählte. + +Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung. + +Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen. +Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer +Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“ + +Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener +Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es +versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen +verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts +mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen +keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen +Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden. + +„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz +offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind +ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer +Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der +Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst. +Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“ + +Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar. +Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden +jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade +die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen +Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte. + +Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten, +zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen +etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich +außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ +schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die +Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte +Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand +wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig +versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht +mehr, er erbleichte nicht mehr. + +Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die +Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie +hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen +Augen. + +Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe, +dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen. + +„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten +Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine +solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, +Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als +Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon +lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute +Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“ + +„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand. +„Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und +plauderten wie gute Freunde. + +Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr +Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine +Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann +und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den +Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer +gleichmäßig kameradschaftlich. + +Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen – +änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle, +menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn +zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu +verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir +alles zu gestehen, was geschehen ist.“ + +Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck +seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur +aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und +nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte. + +Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er +sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte +von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei. + +Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich +bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß +auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, +hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm. +Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu +laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie +wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches +Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und +beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so +maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe +mich doch, fühle es doch!“ + +Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab +es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie +für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich +kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein +schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht +gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung +vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen. + +„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus, +„sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn +nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn +erhalte. + +Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit +einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen +andern.“ + +„Liebst du ihn wahrhaftig?“ + +„Dreimal wahrhaftig!“ + +Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann +ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er. + +Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des +Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden +Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es +gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein +Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers +geworden.“ Jenny heischte Antwort. + +Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine +immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten. + +„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich +habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken +hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, +wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage +nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“ + +Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich +dir noch verzeihen.“ + +Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“ + +Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen. + +„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg +einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn +K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du +machst dich nur lächerlich!“ + +In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen +Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten, +sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet +nicht, bis das Licht erlischt. + + + 13 + +Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des +Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den +halbdunkeln Raum. + +Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen, +daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines +Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu +schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie +sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne +Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus +diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie +etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es, +geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten +sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der +Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch +sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle +Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“ + +Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die +eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen +und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht +Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie +allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er +sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute. + +Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie +saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren +sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit +sollte drei Tage dauern. + +„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie +sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie +sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein +Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer +Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter, +als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“ + +Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände +kletterten eilige Funken. + +Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf +schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas +zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man +ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind +verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in +gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir +allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr +kannte. Lieben Sie Gedichte?“ + +Jenny sah erstaunt auf. + +Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch +nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele +Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist +schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust +auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen +doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“ + +Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis. + +„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein +Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme +dabei klingt.“ + +Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie +dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der +Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz +monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen: + + „O gib, vom weichen Pfühle + Träumend, ein halb Gehör! + Bei meinem Saitenspiele + Schlafe! Was willst du mehr?“ + +Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände +sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht. + +„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte +ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und +unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein. +Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch +das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und +selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses +Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache +gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf +dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist. +Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich +dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf +dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um +zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine +in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich +oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme +mich jetzt schon dieser Trivialität.“ + +Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und +schwieg. + +Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich +mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die +hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als +Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir, +ertränken.“ + +Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus; +aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure +Verachtung klang aus Wenzels Stimme. + +„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die +zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen +Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte +nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu +haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu +sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in +den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen, +daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen +banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht +Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem +Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale +Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob +ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht +einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als +sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den +Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch +analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny +Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne. +Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“ + +Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“ +fügte sie noch leiser hinzu. + +„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da +ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine +Bedingungen nicht verschweigen.“ + +Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter +ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf +Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später +nie mehr diese Klarheit des Wassers? + +Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich +brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin +ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich +weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau +sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in +ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind +Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich +bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und +keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei +bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr +dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du +mir antworten.“ + +Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich +kapituliere.“ + +„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist, +diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst +zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß +aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle +bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“ + +Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr +Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich +liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“ + +Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht +tun?“ + +So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte. + +Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen. + +Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein +Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete. +Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, +sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr +Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende, +liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny +selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein +Diamant funkelt, in den das Licht fällt. + +Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa, +die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er +baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die +„Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem +modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten +Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es +roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern +waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In +einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus +rosigem Marmor entzückte Jenny. + +„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel. + +Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen. + +„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“ + +Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht +schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich +nachdenklich. + +„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig +sein, bis du aus Italien zurückkommst.“ + +In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem +Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder +zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden +Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war +unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf. + + + 14 + +Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon +war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm +brauste seit einigen Tagen dahin. + +Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont +verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst +erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen +von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont +hatte. Er sollte später ein „Park“ werden. + +Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo +früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt. +Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den +neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren +Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf +diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten +entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und +quer über das Gelände. + +Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß +die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin, +Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum +Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt, +nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann +schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich +ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und +her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug. + +Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen +Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen +Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab, +seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben. +Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen +Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und +beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten, +Glückshorst zu vermessen. + +„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den +Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In +drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie +dazu. Es ist einfach verrückt!“ + +An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen +Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern +vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und +erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte +Georg einen Brief. + +Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt. + +Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht +die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster, +daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines +verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines +Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn +Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine +sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian, +unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich +Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war +also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche +Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter. + +Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich +raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau +war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein +und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend +wollte er nach Berlin. + +„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden? +Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs +Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme. +„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“ + +„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das +Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas +Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz +sicher.“ + +„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen +Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage +Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde +unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu +mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat +ja keinen Sinn.“ + +Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser +Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam +zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war +gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und +endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu +lesen. + +„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung +hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die +wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache +Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky +hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu +haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von +bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den +andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine +junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte +jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer +zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten +Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll +werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um +uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande +zugrunde gehen –?“ + + + 15 + +Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er, +in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem +Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in +ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der +Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von +Fräulein Florian. + +Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die +Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch +Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon +er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen. + +„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend. +Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun, +hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte +hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie +Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“ + +Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und +bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er +dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender, +bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten. + +Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links +ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg +wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. +Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von +Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem +Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte, +kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von +Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und +schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf +dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das +fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von +Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von +Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit +sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen +Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb +an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte. + +Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit +hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in +dieser Höhle des Elends zu zittern. + +„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu. + +Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür +angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal, +zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und +während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen. + +Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein +junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen +erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß +bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig. + +„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte +argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren +Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange +Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten. + +Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er +verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und +Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe. + +„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir +sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“ + +„Ja, ich bringe Geld.“ + +Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden +Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an +Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah: + +Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche +Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein +fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem +niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte, +blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine +Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen +Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel +hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte +ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen. + +Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde, +regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die +Knie fiel: es war doch Christine. + +Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du +krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine +Stimme. + +Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an, +ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er +stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff +nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie +in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar, +daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein +Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer. + +Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb +gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große +gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle +Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu +unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür +zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg +ihren entsetzlichen Klang im Ohr. + +Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich +Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür, +gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der +Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede +Einzelheit. + +Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den +Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr +Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar +zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die +Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen +Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen +das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen. + +„Hier ist es,“ flüsterte sie. + +„Was ist das?“ stammelte Georg. + +„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu +lächeln. + +„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles +verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines +Händen und drückte es gegen die Brust. + +Das Gesicht an der Türe lachte schallend. + +Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er +beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick +irrte voller Angst zur Türe. + +„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte +könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die +Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu. + +„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet +das alles?“ + +Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie +beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts +dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –, +aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine +Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich! + +Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem +Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben. + + + 16 + +In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein. + +Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch +auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und +prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. +Stobwasser stand und modellierte eifrig. + +„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen +mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr, +atemlos, unzusammenhängend. + +Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und +Stobwasser verstand sofort alles. + +Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte +nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß +du dich beruhigst, Weidenbach.“ + +„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln. +Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine +Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht. + +Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu +dem Modell, und sie gingen. + +„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann. +„Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut +verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet +es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“ + +Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film +wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte +er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden +keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug +einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus +Lackleder. + +„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele +nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig +Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“ + +„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser. + +Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem +spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“ +fragte er. „Sagt doch selbst.“ + +„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es +verpfänden!“ + +Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe +leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“ + +„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon +geschlossen hatte. + +Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn. + +„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und +stürzte die Treppe hinab. + +Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und +Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und +Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor. + +Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf +aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist +soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht. + +„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte +Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach +geraumer Weile verschwand er. + +Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie +hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten, +tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu. + +„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das? +Sind Sie es, Weidenbach?“ + +„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig. + +Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf, +blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist +fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“ + +Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer +zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend +drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. +„Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können! +Grüßen Sie Christine.“ + +Schon stürzten die beiden die Treppe hinab. + +„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg. + +Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon +wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit +der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn +wischte. + +Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur +zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“ +keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der +Dank!“ + +Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und +machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so +gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist +alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde. +Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen +könne. + +Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe +hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter. +Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen +gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen +Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab. + +Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt. + +„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt +aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“ + +Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die +Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus +dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar +ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser. + +„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen +Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß +ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon +zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er, +während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige +Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte. + +Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt, +sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und +still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer +Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine +Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie +berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper. + +Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel +sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und +streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen +Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf +dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich +auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte +ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches +Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das +Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre +gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und +sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein. + +Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife, +und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte. + +„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise. + +„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“ + +„Nun, es wird alles gut werden.“ + +„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen +glänzten. „Mein Kind!“ + +„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller +Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“ + +Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken. + + + 17 + +Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus +„Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine +und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen. + +Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein. +Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den +Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit +suchten. + +Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist +unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja +gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein +Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle? +Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend +strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir +bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen +seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte. + +Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte +wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent +eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“ + +Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er +schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm +in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging +rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und +blieb eine Sekunde stehen. + +„Handelt es sich um Sie?“ fragte er. + +„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“ + +Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und +runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie +können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob +er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab. + +Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren +prüfenden Augen anblickte. + +„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie +Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie +recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er +klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus. + +Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten +Einkäufe, und dann fuhren sie ab. + +Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß +er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst +alles erzählen. + +Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie +verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine +Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht +und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was +für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe, +um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“ + +„Er heißt Georg,“ sagte Christine. + +„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu +Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“ + +Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann +überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich +nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter +dabei? + +„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann. +„Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“ + + + 18 + +Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert +Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die +Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. +Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb. + +Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke +gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es +schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den +Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig +Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden. +Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn +Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug +besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß +des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob +die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten +Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen +sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die +Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die +Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern +sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau +begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs +der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die +Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon +rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den +Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die +Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von +Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt +waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die +Grundmauern gestampft. + +Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch +eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen +Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit +und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über +das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der +geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht. + +Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in +diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich, +mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab +ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun +hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts +ging ihm schnell genug. + +Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn +heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen +die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des +früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch +und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für +die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster. + +Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die +Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise +fabriziert. + +Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das +Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand, +die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze +Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das +Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie +leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen +konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an +Ort und Stelle vorfand. + +Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter. +Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen. +Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen, +Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten. + +Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und +es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur +Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die +Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden +hob. + +Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den +Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. + +„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines +Tages. + +Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er +sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein +Geld, ich habe kein Kapital.“ + +„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache +abgemacht.“ + +Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein +würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig. + +Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von +Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen, +wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die +riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam +heraus. + +Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich +rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine +Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich. + +„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte +fröhlich. + +„Welcher Brief?“ + +„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen. +Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und +interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie: +Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“ + +Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“ + +Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine +Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre +verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering, +aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“ + +„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein. + +„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte +Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft +braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine +ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann +und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also +schlagen Sie ein?“ + +„Ich schlage ein!“ + +„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach, +mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem +Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie +haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu, +Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen +Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank +gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin, +ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort +nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und +da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir. +Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus. + +Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich +arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse, +aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die +Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für +einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die +Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole +hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der +Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu +schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft +rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und +mutlose Land wieder zu brausen beginnen. + +Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie +werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie +sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter +Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit +großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen +ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht, +Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich +euch allen Lebewohl sagen.“ + +In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den +neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte +ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut. + +Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er. + +„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“ + + + 19 + +„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station +geworden.“ + +Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich +für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt +Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. +Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch +und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke. + +In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm +und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder +irgendein andrer. + +„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit +zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da +bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“ + +Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind. + +Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da +Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den +eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das +kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er +befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten +Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter +Karsten war seiner Meinung. + +„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so +fürchterlich in der Nacht.“ + +Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er +dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer +seltener. + +„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände. +„Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“ + +Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an. + +Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen +verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei +ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. +Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre. + +Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für +die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren. + +„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt. + +„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte +Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt +entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch +dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch +dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“ + +Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und +geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An +den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in +den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich +nicht weit von der Straße. + +„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“ + +Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie +mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen +kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen +und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und +plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge +wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war. + +Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht? + +Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von +Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und +zärtlich lag die Sonne darauf. + +„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben +Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“ + +Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs +Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem +Blick. + +Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde +ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich +wohl gehen müssen.“ + +„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken. + +„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ – + +Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch +beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren +Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von +Glückshorst. + +Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen. + + + 20 + +Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der +Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von +Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen +schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe +Gesichter. + +Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem +Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle +vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war, +konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen +passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr +Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die +Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in +denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael +Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen +erdenklichen Mitteln vor. + +In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen +gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft: + + Tod dem Hunger! + Tod der Krankheit! + Es lebe die Kameradschaft! + +Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein +Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden +von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte +dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen. + +Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es +sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch +nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In +Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft +werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es +möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen +Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte +versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen. + +In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation +geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die +Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne +Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen, +Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der +Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer +Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden. + +Worum aber ging es? + +Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu +entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und +Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und +des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien +Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle +in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem +großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden. + +Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte +besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt, +der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien +beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen +Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen +eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem +Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand +der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte +schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne +Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden! +Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft +besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre +ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend. + +Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und +zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten +Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf +Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen +ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch +angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen +Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den +Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und +demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg +organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort +geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, +gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten +müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein +erschien ihm die Wahrheit. + +Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die +Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher +wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut +verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich +um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten. +Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte +sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes +Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war, +strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von +jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern, +Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff +freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das +Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die +mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die, +zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele +verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre +Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich! + +Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein +großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht +zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die +Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom +Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren +Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die +ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die +Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der +Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen +Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten +wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen +umzuwandeln. + +Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte +sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und +deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden +heraus schuf sie neue ungeheuere Werte. + +Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke, +Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie +besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen +konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip. + +Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein +Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke. + +Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht +verständlich in seinen Elementen. + +Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die +Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die +Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel, +die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser +Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet. + +Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen, +Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte +zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke, +Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für +ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden +Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des +Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ... + +Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits +geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art +und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber +sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte +Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr. +Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst +beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des +Herzens geben. + + + 21 + +Die Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte Christine, nach +langem Stillschweigen, ganz plötzlich: „Und nun will ich sprechen! Nun +will ich dir alles beichten! Aber versprich mir, mich nicht zu +unterbrechen. Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles +gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will ich – Gott sei +meiner Seele gnädig ...“ + +Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann: + +„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich +erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr +meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur +Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die +Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht +wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun, +es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich +verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die +Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch +wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz +dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es. + +Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich +weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand +hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen +fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich +unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging +oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, +daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer +ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich +schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht. + +Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr +bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis +dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz +kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun +atmete ich wieder. + +Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr +viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am +Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet +erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es. + +So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich +ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und +so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten +und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das +Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß +harmlos, aber so begann es. + +Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen, +ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An +Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, +um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war, +während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte +nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei +früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner +Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante +Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er +warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, +wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich +wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine +Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch +besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die +Hand reichte. Ich verachtete mich. + +Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer +Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich +fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er +hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich +über diese Züchtigung. + +Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als +alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der +Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich +ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich +häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen +Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses +Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht +gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich +zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine +Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem +besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern. + +Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief, +den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe +ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr +existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. +Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst +dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden. + +Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem +Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an, +ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich +schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich +verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst, +sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große +Genugtuung. + +Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War +mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel +mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich +mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um +darin umzukommen. + +In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das +kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es +war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm +einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen +letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. +Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen +lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem +Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem +bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich +verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was +beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte? +Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich +verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr +lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen. + +Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den +Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny +Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war +düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht +sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich +erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde +ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt +schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es +nicht an. + +In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich +untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies +als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende +noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt +bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie +nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen +gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß +es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu +helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im +vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich +erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind! + +Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste +Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so +schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur +das eine übrig, mich selbst zu vernichten. + +Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst +ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter? +Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich +war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an +Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich +sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen. +Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, +niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort. + +Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der +Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein +Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun +würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte, +daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken. + +Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und +immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen +mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste +Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht +einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen +Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich +hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In +der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich +wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen +war – und da kamst du!“ + +Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden. +Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide. +„Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich +nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre +nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“ + +„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen +alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht +zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog +sie leise an sich. + +Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein +Tier. + + + 22 + +In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das +Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände. +Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da. +Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der +Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer +Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große +Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller +Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren +innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes. + +Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera. + +Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald, +das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein +Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde. +Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer +früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des +Konzerns gaben noch weiter nach. + +Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so +heiterer Laune gesehen. + +Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht +zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht +gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny +Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, +Geschmeide funkelte an Händen und Nacken. + +Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem +Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so +stürzt alles in einer Nacht zusammen.“ + +Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was +war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und +kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der +nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in +einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren +alten Kurs. + +Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem +breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch +Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im +Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts +geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände. + +Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst +eingeleitet hatte? + +In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne. +Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen +früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer. + +Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte +sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel +rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen +Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen. + +Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte, +sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber +plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten +den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu +verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg +allein. + +Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als +Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit, +plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die +Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In +verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook +als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der +Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern. +Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb +aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im +Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern. + +Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald, +um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so +fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“ +ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die +Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker +grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen +Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch, +sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte. + +Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das +kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu +Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die +Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen +hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze, +Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß +und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen +Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für +Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer, +jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am +meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die +Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die +männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem +letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das +Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. +Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu +erreichen. + +Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir +etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“ + +„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“ + +Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie, +„sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und +räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch +nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß +es nicht so unordentlich aussieht.“ + +„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die +Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“ + +„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“ + +Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien, +Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er +brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten +Ofen, der in der Ecke stand. + +Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten +Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen, +zusammenzuholen. + +Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an. + +Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch +und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen +Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, +und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor +Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über +seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und +her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will +unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“ + +„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an. + +„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“ +sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er +ist direkt schlecht.“ + +Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu +empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“ +erklärte sie. + +Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in +einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der +Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“ + +Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des +Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten +schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu +interessieren. + +„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen +uns bald wieder, Herr Stobwasser.“ + +Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte. + +„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die +beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du, +wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und +noch dazu ein früherer Hauptmann.“ + +Er war völlig verzweifelt. + +Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor: +Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken +Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen, +vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze +zu machen. + +„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel +mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem +Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen +Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser +diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“ + +Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am +nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste +voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel, +krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig. +Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren +und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht +gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen +Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke. + +Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig +Aufträge. + +„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er. + +„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit +und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“ + +Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser +immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür +gestreckt. + +„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm +zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar +nicht fassen. + +„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu +Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind +so selten bei uns.“ + + + 23 + +Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war, +wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in +diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber +es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz +zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr +krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der +Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne +schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe +Klasse. + +„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut +auf. + +In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in +einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die +Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny +klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat +hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt. + +Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird +Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich, +Schellenberg?“ fragte er. + +„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel. + +Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie +vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr +ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast +sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in +die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem +Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im +Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte. + +In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie +am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie +fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte +sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel +heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum. +Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine +unverwüstliche Laune. + +Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß. +Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei +Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte. +Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich +die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles +mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen +daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem +kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich +ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug. +Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das +kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses +Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er +habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die +Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der +Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe +auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit +einer Ohrfeige zu Boden geschlagen. + +Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch, +wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er +aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in +große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar +mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte, +woran sie war. + +Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch +wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem +Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny +nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel +Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté +im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen +wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit +einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das +Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und +sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann +trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr +Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag +kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß +und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen +Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß. + +„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren +Augen. + +Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie +schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut +stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person +haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen! + +In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels +Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler +geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder +bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen +Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er +trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten. + +„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um +seinen Hals. + +„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts, +beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin +überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im +ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht +gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht +Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt +ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur, +bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“ + +Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen +für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf +der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und +Stobwasser einladen. + +„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst +dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“ + +Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann +bleibe ich zu Hause.“ + +„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich +diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“ + +Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin +Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte. +Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese +Frau Mackentin war ganz ungefährlich. + +Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte, +und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm. +Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in +sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte +August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck +vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen +Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag. + +Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen +bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog +der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie. + +Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo +dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde +eintrafen. + + + 24 + +Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide. +Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän +begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie +hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und +wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte +sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur +eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe, +der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das +Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt, +Blumen, kostbares altes Silber. + +„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg +abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel +lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier +haben!“ + +Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das +Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag. +Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und +die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel. + +Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont. + +„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“ + +„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist Langeland, Kiels Nor.“ + +Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen Windstille in der +Nähe einer dänischen Insel. Das Meer floß wie geschmolzenes Blei dahin. +Am Horizont stand violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein +Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. Deutlich hörte +man die Stimmen von der Insel herüber zur Jacht klingen, den Laut einer +Glocke. + +„Was ist das, Wenzel?“ + +„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“ + +„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“ + +In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. Sie spähten hinaus in +die Dunkelheit, allein nichts war zu sehen. Die ohne jede Bewegung +ruhende See verstärkte zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche +Membrane. Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich gezackt, am +Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im Lichte glänzte. Aber es war +der Mond, der groß und feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament +emporblickte, so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende +lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet. + +„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an Wenzel. + +„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in der Stille des +Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des großen Knaben, die sie an +ihm so sehr liebte – wie damals in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind +alle Heuchler!“ fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt Freude, +Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das Schönste auf der Erde ist +Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben! +Und all das ist gekommen, weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat +behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter Mann mich +rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. Das ist meine Rache!“ + +Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und das Wasser gegen die +Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ war wieder unterwegs. + +Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen sie in ein furchtbares +Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Eine +mächtige, schiefergraue Wetterwand stand senkrecht über dem Meer, +zerrissen von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner dröhnte +wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von Blitzen zerfetzte +Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam hinein, einem kleinen +Fischereihafen entgegen. Auf dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz +entzündet hatte. + +Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam und gespannt in das +Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, seine Augen glänzten, und +sein Mund war halb geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte +Kraft. Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit dem +Gegner vor. + +Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, Erregung und +Angst. + +„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte sie. „Ich ängstige +mich.“ + +Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff eingeschlagen +oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst haben und umkehren.“ + +„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“ + +„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen erzählen.“ + +Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre Stimme fort. + +Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die Stirn gerunzelt, zum +Angriff bereit. + +„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete vereinzelt große +Tropfen, die wie harte Taler auf das Deck prasselten. + +„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste „Es ist schade, +daß man nicht ewig leben kann! Alles besitzen – und ewig leben! Kraft, +Gesundheit! Und dich!“ + +Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck hinunter in die +Kajüte. Sie zitterte. + +„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, ob sie Kavaliere +sind!“ + + + 25 + +So kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie einige Tage bei einem +Seebad liegen. Farbig der Strand, ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen +an Bord, und es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh, +wenn sie die Küste mieden. + +Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn die See es erlaubte. +Das Schiff lag bei. Eine der Jollen wurde herabgelassen, und sie +schwammen um die Jacht herum. + +Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer Schwimmer. Sonst sah +man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, nur selten. Immer schlief er, +irgendwo zusammengerollt wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach, +in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel aufgesetzt hatte, genoß er +auf dieser Reise die ersten Tage des Ausruhens, der Erholung und +Sorglosigkeit. + +„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. Sie lief bestimmte +Häfen an, um die Post abzuholen. Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde +zurück. Goldbaum wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner +Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord bleiben. + +Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung zu Michael +gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht. + +Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. Der dicke +Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor und betrachtete argwöhnisch +das Schiff. Er mißtraute dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“ +pflegte er zu sagen. + +Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, mit einem +sehr schlichten, offenen Gesicht und großen dunkelblauen Augen. Sie war +sehr scheu und bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste +Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten zu können wie +Michael selbst. + +„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als die Jacht wieder die +offene See gewonnen hatte und das Land versank. + +Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es ist schön.“ + +In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz unmöglich, mit ihr in ein +Gespräch zu kommen, was man auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als +es kühler wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern. + +Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie mit einem langen und +erstaunten, dankbaren Blick an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte +nichts. + +Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie Freundinnen geworden +waren. + +Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. Die Herren besprachen +Geschäfte. Michael war nach Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in +Ruhe sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin ganz unmöglich +war. Er wollte ihn für ein großes Projekt interessieren, für eine +Industriesiedlung größten Ausmaßes, die zurzeit am Mittelland-Kanal +vermessen wurde. Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu +überlegen. + +Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der Abend war gekommen, und +die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges brannte braun und gewaltig +wie der Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem Knarren. Das +Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise Knarren und gleichmäßige +Zischen schläferte fast alle ein. Man sprach leise, oder man schwieg. +Stobwasser war schon tief eingeschlafen. + +Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er war mit Michael in +ein Gespräch geraten, das gedämpft, aber mit großer Leidenschaftlichkeit +geführt wurde. Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs. + +„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, mit leicht näselnder +Stimme, „Sie werden doch zugeben, daß wir Getreide billiger importieren +können, als wir es selbst zu produzieren vermögen?“ + +„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden unsere Methoden +verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. Ich leugne nicht, daß es heute +wirtschaftlicher ist, Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös +Getreide einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen +verkaufen können.“ + +„Aber das kann ich doch jederzeit?“ + +„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese Probleme gar nicht zur +Diskussion.“ + +Pause. + +Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: „Nehmen wir an, daß es +Ihnen tatsächlich möglich sein wird, mit Hilfe einer ungeahnten +Bodenverbesserung und völlig neuer Methoden die Produktion so zu +steigern, daß Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt, +was dann?“ + +„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken zuführen und +zum Beispiel die Geflügelzucht um ein bedeutendes heben, sodaß +Deutschland keine Eier mehr einzuführen braucht.“ + +„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme fort. „Gestatten +Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren noch mehr Getreide und +Nahrungsmittel, mehr als Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch +immer nicht geschlagen. + +„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. Dann würde ich einen +Teil des Bodens zur Anpflanzung von Hanf, Flachs und Ölfrüchten +verwenden.“ + +„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich Sie recht +verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland durch Motorkraft +ersetzen. Ist das Ihr Programm? Und wenn das Ihre Absicht ist, werden +Sie das Geld haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, die +für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“ + +„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen Pferde, die nur +einige Monate im Jahr arbeiten, fressen Deutschland arm. Sie sind der +unerhörteste Luxus, die unerhörteste Verschwendung, die vorstellbar ist. +Anstatt des Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff +für die Motore in meinen Brennereien herstellen, wenn es sein muß. Im +übrigen werde ich ja ganz andere Kraftquellen verwenden. Der Wind und +das Wasser werden billige Kraft liefern!“ + +„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr Mackentin fort. „Sie +beliebten zu sagen –“ + +Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus und sagte, während er +aufstand: „Strecken Sie die Waffen, Mackentin, Sie werden mit ihm nie in +Ihrem Leben fertig.“ + +Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und ab. Er schob seine Hand +unter ihren Arm und sagte: „Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie +Wenzel betreuen. Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. Er +braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. Seien Sie +nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts als ein großer Knabe.“ + +Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? Er ist einer der +reizendsten und sympathischsten Menschen, die es gibt. Wäre ich eine +Frau, so würde ich mich tödlich in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne +alle Grenzen, aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn für +einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen machen. Schon +jetzt greift ihn die Presse heftig an.“ + +Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz in sich zu ruhen, +ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, sich selbst zu genügen. +Fast wie ein edles, scheues Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren +Blick in die Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie +zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit und Freude war Evas +glänzendes Auge auf sie gerichtet. + +Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. „Zum ersten Male habe +ich mich in eine Frau verliebt,“ sagte sie lächelnd zu Wenzel. + +Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny war glücklich und +ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie Unruhe in Wenzels Gesicht. + + + + + Drittes Buch + + + 1 + +Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika. +Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In +Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder +schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein. + +Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte +Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches +gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England +und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern +riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf +Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater, +Frauen. Die Wochen flogen dahin. + +In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft +Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel +gekleidet. + +Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken +holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich +vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle +Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot +glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß, +ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr +Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei +hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner. +Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit +und Arroganz ihrer Kaste umgab sie. + +Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er +kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm +ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten. + +Seine Augen begannen sonderbar zu brennen. + +„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus. + +„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging. +(Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem +Augenblick befiel.) + +Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast hätte ich sie nicht +wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt rötliches Haar, früher war sie +brünett. Es ist die Tochter des alten Raucheisen, Esther Raucheisen, +jetzt Lady Weatherleigh.“ + +Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, auf dem Schloß des +alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, nicht als Gast, keineswegs. Als +Automat, als Sekretär Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu +verrichten, Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er war +nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte Sir John +Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh in London, geheiratet und +war seit etwa einem Jahre geschieden. Die Ehe war nicht glücklich. Sir +John, ein hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter, +nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts aus Frauen. +Also war Lady Weatherleigh, war Esther Raucheisen wieder in Deutschland. + +Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und ihrer Extravaganzen, +beschäftigte ihn von diesem Augenblick an. Er hatte an diesem Abend noch +eine sehr wichtige geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde +und bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel Schellenberg +müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es war das erstemal, daß Wenzel +etwas verschob. Er, der sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte, +sollten sie auch bis zum frühen Morgen dauern. + +Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein? + +Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er konnte nicht mehr +vergessen, wie diese Frau durch den Speisesaal _ging_. Welch ein Gang +war das doch! + +Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war eigentlich nicht +schön, wenn man es genau überlegte. Aber sie hatte Rasse, ihre Mutter +war Engländerin alten Adels. Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu +denken. Sah man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich +nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große graue Augen und +einen schönen, etwas herrischen Mund. Ihre Backenknochen waren betont, +die Wangen kantig geschnitten – so wenigstens hatte er sie in der +Erinnerung. Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf +ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, launenhafte +Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er sich nachdenklich, ist gewiß +eine Frau, wert, sie zu erobern. Es war eine Sache, wie? Nicht ihr +Reichtum würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung. +Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig besäße! Und wie +amüsant wäre es, der alte Raucheisen würde Gift und Galle speien! + +Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. Am nächsten Abend +ging er mit Jenny in den Zirkus, und nach der Vorstellung speisten sie +zusammen in Jennys Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so +prachtvoller Laune gesehen. + + + 2 + +In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich +erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit +hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn +arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu +erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie. +Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal. + +Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war +abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest. + +Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster, +grübelte. + +Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er +mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt +Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen. + +Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel +Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in +der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten +Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt. + +Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen. + +Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine +Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die +Angelegenheit gediehen sei. + +Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts +gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen. +Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr +eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache. + +„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins Telephon. Seine +Stimme klang nicht gerade höflich. + +Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein +hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser +Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm +seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze +Fragen gegen ihn ab. + +„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond hierauf in seiner +hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir +werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir +werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau +Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu +beeinflussen.“ + +Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht +einschlagen.“ + +„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ entgegnete der +Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch. +Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht +übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit +einverstanden?“ + +„Auch das möchte ich gern vermeiden.“ + +„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir +werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe +ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert +derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr +Schellenberg.“ + +Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. „Es +ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,“ sagte er +lachend. + +„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“ + +Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf +jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre +hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen. + +Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die +Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die +Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die +Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser +und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen, +als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. +Endlich einmal eine ruhige Partie! + +Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand. + +Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen ist untersagt.“ + +Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß +sie nicht brennen können!“ + +Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht +hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort +begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein +Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren, +schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den +Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und +verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, +und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte +verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch, +während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge +dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die +Partie remis zu geben. + +„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon +gewonnen!“ + +„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier +ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes +Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen +lag. „Die Berninagruppe.“ + +Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden +Sonnenschein hinab. + +„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die +Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend +Fenster in der Sonne funkelten. + +„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit +komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“ + +Sie waren angekommen. + + + 3 + +Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot +gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase. + +„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel. + +„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers +mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und +hier kommt der Schlitten!“ + +Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter +den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann +aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf +dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes +Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder +frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle +zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er, +wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen +schließen. + +Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt, +fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden +Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und +gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen +Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in +bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die +Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine +versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen +hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine +Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter +Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz +gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. +Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel. + +Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit +zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine +ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die +nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte +man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr +aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, +gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte +Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels +Geschmack. + +„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und +führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales. + +Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon +Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu +Tisch führten. + +Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr +funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern, +Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte +und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu +siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen +Mund. + +„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein +Zeichen. + +Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die +Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er +stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg +hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch +den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel +der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen +erobern, koste es was es wolle. + + + 4 + +Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und +keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn +sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des +Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang +auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln. + +Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu +sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London +und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter. + +„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“ +fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick +musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im +Bruchteil einer Sekunde. + +„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine +Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich +anstrengen.“ + +Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren +Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert. +Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der +reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht +hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der +Golfmeisterschaft von England. + +„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet, +Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau. + +„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“ +antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden, +melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf +Wenzel richtete. + +Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon +etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein +Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden +Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war +hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel +erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die +Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu +strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien +ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu +empfinden. + +Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um +Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde +Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf +der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene +seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine +Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen. +Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug +schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden +himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag +spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, +in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach +einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die +diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten +das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des +Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von +Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze +Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber +ging er als letzter schlafen. + +Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch +etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen. +Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig +schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote +Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in +eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute +Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber. + +Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem +Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung +über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er +hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus +er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war +seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. +Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er +ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die +Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte +für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf +ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer. +Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente +die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem +Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern +hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht. + +Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese +beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide, +so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre +Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine +Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr +seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine +Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus +Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur +Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall +nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen +Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären. + +„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“ +wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert +gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele +tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note, +gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der +sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente. + +Wenzel zeigte eine erstaunte Miene. + +„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“ +fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr +Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den +Frieden unter den Nationen tätig ist?“ + +Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen, +Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. +Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien +nicht hin.“ + +„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau +enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme. + +„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und +fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther. + +Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten +Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten +Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in +Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus +welchem Grunde. + +„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern +möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen +hochgezogen. + +„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln. + +„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“ + +„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten +dürfen und sterben können.“ + +Baron Blau prallte zurück. + +Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine +andere Sprache als seine Muttersprache verstand. + +Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die +knochige Hand hin. „_Right you are! Right you are!_“ schrie er. + +In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie +eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“ + +Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das +knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen. + +„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde. + +Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um +drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines +rivalisierenden Bobs. + +„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht +ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: +„Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird +ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“ + +Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen +Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die +schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen +beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts! + +Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die +Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine +leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese +Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen +Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in +den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah +zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel +wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie +liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft +einzureihen. + +Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch +verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf, +manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war +schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, +aber ... + + + 5 + +Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen +– es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt +eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort +auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf +verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken +in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock +mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf +dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem, +lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte +nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock +auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig +weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am +Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes +erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener +Person! + +Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des +Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und +horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte +ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er +zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge +getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen +ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr +die Blicke der Menschen. + +Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine +Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im +Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen. +Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu +Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs. + +„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu +sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die +zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich +auf dem Bob zurecht. + +„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos +in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren, +schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde +Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen +Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, +als sie vorüberglitten. + +Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später +verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen. + +Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte +sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen +Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen +Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden, +zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben +Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen +lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, +die beim Gruß nie einen Druck gab. + +„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem +Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche, +Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel +Jahre ist es schon her? Ich aber –?“ + +Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und +schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat +es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste. + +Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen +Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen +Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten +und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen +suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht +hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf. + +„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch +mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer +nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen +schicken würde.“ + +Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz +allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles +Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne +abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs +geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem +Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen: +nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch +wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“ + +Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem +Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen +gemacht hat, dachte er. + +Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten +Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land, +Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es +unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“ + +„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte +Raucheisen. + +Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach +Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert +aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus. + +Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er. +„Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht +überwunden.“ + +Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. +Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein +Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den +Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah +Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht +dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar +schienen. + +„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er. +„Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen. +In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue +Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem +Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich +die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir +müssen Mut haben.“ + +Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit +hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich. + +„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre +Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen +uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. +„Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“ + +Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht +mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er. + + + 6 + +Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und +Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in +ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der +Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband +lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. +Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach +sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und +sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig +auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten +selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein +gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf +umgeworfen. + +Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel +wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei +ihr Tee zu trinken. + +„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr +eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas +frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war +nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine +Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch +aussprechen.“ + +„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte +ihr in die Augen. + +„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie +einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir +gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben +ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. +Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“ + +Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben. +„Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“ + +„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles +ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine +scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir +dies?“ + +„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen. + +Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von +dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen +Armen verblutete. + +„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen +breitete. + +„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen +Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich. + +Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die +Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die +Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten +Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es +Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide. + + + 7 + +Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen, +am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen +früh nach Paris abreisen werde. + +Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter +Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen +hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren +Triumph. + +Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer +Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der +es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten. +Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt +Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen +standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein +zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden. + +„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu +Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“ + +Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen +lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte. + +„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines +erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel +Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“ + +Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute +keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle +hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller +Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen, +fand ihren Beifall. + +Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan +zurechtgelegt hatte. + +Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren +natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser +Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt +Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten, +war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, +Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden. + +Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht +an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils +völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe. + +Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg! + +„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie +wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas +an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte +natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler +bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau +bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen? + +Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im +Hotel abgegeben worden. + +Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die +hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte. +Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der +drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er +unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden. + +Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen +Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand +da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des +weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß +die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel! + +Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel +wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei +Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. +Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er +hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses +Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er +schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu +Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die +Ohren stopfen. + +„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus, +überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich. + +„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend +und schüttelte ihr die Hand. + +Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von +Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem +Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier. + +Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine +Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage +allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen +Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers +Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu +spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und +diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht. + +„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther. + +Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum +ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und +wie gefällt Ihnen Paris?“ + +Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris +förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ +rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da +eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann +erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine +Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, +glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist +_Sacré coeur_, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich, +man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke +gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden +Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“ + +Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen +Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein +geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des +Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe +von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron +nichts ahnte. + +„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick. + +„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt +eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das +echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“ + +„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine +Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit +verletzter Miene. + +„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird +ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden, +manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris +führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“ + +„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel. + +Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung +Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines +Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen. + +„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune. + +„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther. + +„Nun gut, dann heute.“ + +Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen +Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene +daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun +war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach +Paris getragen hatte. + +Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden, +frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große, +unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der +Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten +Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer +mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten +Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort +ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da +Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den +Dolmetscher. + +„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie. + +„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und +phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“ + +Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo +kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie +streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und +Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die +Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl +gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien +angefüllt! + +Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in +jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick +glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum +sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem +hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein +Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese +Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole, +leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf +ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in +seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über +ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn +mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen +standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es +fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß +seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und +undurchdringlich. + +Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine +Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der +großen Theater sie nie erlaubt hätten. + +„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte +Wenzel. + +Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten, +solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie +über Ihre Entdeckungen sprechen.“ + +Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu +küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half, +ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte. + +Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an +und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche +Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen +Scheiben der Nachtportier starrte. + +„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und +zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat. + + + 8 + +Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber +wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm +verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris +zu stürzen. + +So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es +auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur +Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau +verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne +Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize +entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser +Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das +Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen +Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther +Weatherleigh, und da war Paris. + +Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den +Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau +und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten +jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch, +als ob nicht das geringste vorgefallen wäre. + +„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein +früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“ + +Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen +Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts +geschehen. + +Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war +er schon wieder in Paris. + + + 9 + +Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm, +stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen +befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde +stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der +Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im +Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche +in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem +Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief. + +„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen. + +Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und +während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht. + +Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie +nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier +Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich +halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem +Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst +heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr. + +„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg. + +„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um +Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben, +und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus +Berlin zurückgekommen.“ + +„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen. + +„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“ + +Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der +Straße. + +„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen +anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir +erzählen.“ + +Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit +auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der +Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken +leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das +Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd +von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein +kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch +arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines +pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen +verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren +Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine +Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf +vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender +Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die +Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte. +Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend. + +Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon +geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre +zukünftige Gestalt. + +Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der +Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten. + +Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte +einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte +ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen +aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte +sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und +frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine +Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, +fehlerlose Früchte. + +„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch +setzten. + +„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine. + +Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den +Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“ + +Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was +er alles gesehen hatte! + +„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist +unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde +von allen Seiten beglückwünscht.“ + +Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael +Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. +„Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu +geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger +Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von +Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom +Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer +Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen +sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von +Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von +Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von +Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und +fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, +Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen +sollte in „Neuland“ die Heimat finden. + +Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, +Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit +verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung +kein Ende. + +„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er +ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“ + +Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte +den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch +geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach +seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von +Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der +Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten +durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der +Siedlung mußte vorgesehen werden. + +Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen +die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere +Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf +Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur +Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein +Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines +Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den +Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu +ernähren. + +„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg +erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“ + +Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu +lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete +Stadt vor sich. + +„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“ + +„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte +Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten. + +Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig +das Kind schlief! + + + 10 + +Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera +verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung +ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar +machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte +sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder +nach Berlin zurück. + +Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für +die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand. +Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie +telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post +der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts +von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer +Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und +hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter +Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin +und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte +Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht +Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber, +der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie +auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre +Zeit verfügen konnten. + +Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so +fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre +blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand +und qualmte auf einem Stück Papier weiter. + +Was war das? + +Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine +Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf +Scheidung eingereicht. + +Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem +Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war +all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein +Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften +bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende +Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung +willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten +zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und +einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß +die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen +zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die +Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen. + +Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns +wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet. + +„Nun, Papa!“ + +Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es +war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr +sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie +erwarte. + +Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als +sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch, +müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe. + +„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden +Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das +Zimmer. + +„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises +außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die +Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich. + +„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden +trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich. + +Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch. +„Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein +vollendeter Schurke!“ + +„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich +die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des +Gerichts. + +Nun begann Lise leise zu wimmern. + +„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht +länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder +nicht anvertrauen kann?“ + +Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“ +sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich +nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne +dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten +sprechen und zu vermitteln suchen.“ + +„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris. +Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus. + +Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. +Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn +ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen. + +Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber +studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob +nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit +den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit +gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra +Schellenberg zu erinnern. + +„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede +Vorbereitung. + +„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte. + +„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang +unter genauer Beobachtung standen.“ + +„Das ist eine Infamie!“ + +„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte +den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel +zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf +Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. +Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu +Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen +Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, +gnädige Frau?“ + +Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte +sie. + +Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie +getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber +erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser +Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst +am Morgen verlassen.“ + +„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise. + +Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht +erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den +Eindruck. Es sind Daten genannt.“ + +Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie +entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem +strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie +noch in der gleichen Stunde hinaus.) + +„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja +nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder +eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht +sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“ + +„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose +Lüge!“ + +„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so +schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser +Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, +einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt +des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund +Fleisch, und wie häßlich!“ + +Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und +Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie. + +Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit +einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht +zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung +gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie +unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen +sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht +sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen +Teil erklären.“ + +„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen, +daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“ + +Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht, +gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls +damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr +Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“ + +„Wie?“ + +„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich +dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“ + +„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“ + +In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die +Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum +Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu +erzielen. + +Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich +wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese +Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode +nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es +genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben. +Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung +gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und +eine Dummheit aus? + +Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn +seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht +gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu +lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den +Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei. + +„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel +Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel +Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht +kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung +aussprechen wird.“ + +„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will +ja die Scheidung nicht!“ + +Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte +Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit +großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. +Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit +herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich +bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege +Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer +Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in +Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine +Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu +zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine +Sache Ledermann _contra_ Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, +und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott. + +Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine +Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der +Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er +eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe. + +Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe! +Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die +Angelegenheit mit allen Mitteln!“ + + + 11 + +Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die +Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt +überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und +betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn +Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, +es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der +Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die +verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles +brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von +Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin +besteht, schönen Frauen nachzusehen. + +An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden +Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren. + +Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum +jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, +freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller +Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins +Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte +er. + +Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, +die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist +gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“ + +Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, +das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und +Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte +das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt. + +Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von +Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, +Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen +umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen +gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den +verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes +leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. +Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, +große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb +in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie +speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, +und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther +blieb stehen und sog langsam die Luft ein. + +„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten +Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang. + +Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen +Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther, +obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es +dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den +Rückweg fanden. + +Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte +sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch. + +Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war. +Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den +Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben. + +„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte +sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der +Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften +mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden. + +Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß +sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit +ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“ + +Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er. + +„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine +Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich +schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre. + +„Sie lachen?“ fragte sie verwundert. + +Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über +Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so +ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das +Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur +beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“ + +Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor +Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie +wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und +steifer zu werden. + +Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die +gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott +sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, +länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich +mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem +Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen, +befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan, +Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu +verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“ + +Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“ +fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um +welche Dinge es sich handeln könnte. + +„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und +tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und +...“ + +„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther. + +Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten. + +„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die +lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen, +Esther Weatherleigh!“ + +Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer +schmalen, steifen Statue. + +„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist +vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich +entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“ + +Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend. +Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er +sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht +gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich. + +„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für +einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den +Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen, +wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher +Aufrichtigkeit gerichtet.“ + +„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh, +wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche +Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, +Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube +nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“ + +Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich +verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“ + +„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther. + +„Dann werden Sie meine Geliebte!“ + +„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr +sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel +Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die +Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine +Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so +versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt +das?“ + +„Es gilt!“ + +Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament +gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein +leuchtendes Meteor über das Firmament zog. + +Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie +haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte. + + + 12 + +„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und +schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten +von einer tiefen und milden Freude. + +Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen +Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne +Stimme nicht mehr vernommen. + +„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas +gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen +hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe +herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. +Er küßte sie herzhaft auf den Mund. + +Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß +sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte. + +Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als +habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles +bleiben wie früher. + +Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan +hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber +speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für +alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete +jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie +bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im +Zimmer hin- und herzugehen. + +„Woran denkst du?“ fragte sie. + +Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort. + +Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört, +natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte, +aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau +zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd. + +Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen. + +„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich +verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über +Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man +sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation +erlitten hast.“ + +Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein +ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen +tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten +erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, +auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt +werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe +ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später +aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal +handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als +wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“ + +Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny +Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück. +Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel +fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London, +Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, +desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu +Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt +häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur +dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher +ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine +Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen +früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem +Gesicht und schwieg. + +Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie +arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie +übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der +Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging +um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon +hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur +noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und +als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum +ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg +zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben. + +Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit +ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender +Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er +brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war +buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt. + +„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem +übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen +tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende +gefunden.“ + +Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle. + +In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am +Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle +Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden +dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in +Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das +Telephon, fangen Sie an.“ + +Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon. +Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem +finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen +Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben. + +Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung, +daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch +weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises +Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen +liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß +Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines +Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder. + +„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon +wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht +ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den +schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch +auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als +letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. +Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise +Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde +sich das Schicksal erfüllen. + +Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann +versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen +die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von +fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in +einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte +Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen +roten Heller.“ + +Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer +geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten +Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. +Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr +Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende. + +Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme +im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich +sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich +sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu +Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin +nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, +aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in +meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden. + +Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte +sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem +Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen +durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten +Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins. + + + 13 + +Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen +Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen +Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für +Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck +nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der +selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus +Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war +kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen. + +Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie +beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich +und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen, +Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen +Augen in den Abgrund versinken. + +„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen, +das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die +totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein +Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer +Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses, +Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen +keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig +auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache +mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung +überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung +der beiden Ehegatten bestehe. + +Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen, +sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber +den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen +„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er. + + + 14 + +„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny +Stobwasser an. + +Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser +berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald +gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten +Beschlag fertig zu machen. + +„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny +Wenzel zu entschuldigen. + +Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb +kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von +Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, +dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte +sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten. +Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb, +der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht. + +Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm. +Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine +Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung +aushändigen durfte. + +Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie +war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins +Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht +Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten. + +Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief. +„Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben. +Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur +Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und +ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen +Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann +in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei +Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie +unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte +von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die +Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um +„alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit +der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort. + +Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen +war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre +Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich +auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und +wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah +sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte +sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber +sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung +wieder auf. + +Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon +klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu +sprechen, das Theater rief an. + +„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. +Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her. + +Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine +Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr +fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – +einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, +Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie +sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All +diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das +Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige +Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann +sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von +ihm. + +Dieser Brief! + +Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr +als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, +um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser +fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und +zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er +„sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn? +„Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ... + +Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie +zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte +vergiften können. + +Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, +überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte +Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser +Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu +hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat +noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete +Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war. + +„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm +Wenzels Schreiben. + +Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen +Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine +Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er +schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf. + +„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine +solche Roheit niemals zugetraut.“ + +„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn +zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne +verwirrt.“ + +Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte +ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum +Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber +Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei +nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein +Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in +Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen. + +Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem +Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr +verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf. + +Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva +konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde. + +„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny. + +Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie +eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich +ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das +Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“ + +Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht +arbeiten. + +Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe +Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung +auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen. + +Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich +ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn +Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin +bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er +begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete +ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, +die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich +Mackentin zurück. + + + 15 + +Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, +und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand +so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los +wäre. + +Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich +war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der +Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich +um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder +über die Gesellschaft herfallen würden! + +Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige +Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in +enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete, +endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche +Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und +der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der +Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen +verpraßt! + +„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht +einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen +Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. +Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“ + +Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte +Vertrauen entgegengebracht. + +„Wie kann ein Gesicht so lügen?“ + +Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig +mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft +schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in +Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. +Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine +Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang +Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden +zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch +diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit +argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der +Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen +Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht +gönnten, Neidische, die alles besser wußten. + +„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas +peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub +aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. +Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich +für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen +Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der +Gesellschaft Neu-Deutschland machte. + +Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die +Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der +Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß +Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein +würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort. + +Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und +überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er +alle Angriffe ruhiger. + +Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller +Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft +Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine +Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele +der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands +Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor: +die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die +Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher +bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die +Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn, +zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und +allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes +begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu. +Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die +Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. +Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, +keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge +der Frauen. + +Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem +Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene +Gefühl der Kameradschaft. + +Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen +Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen +kamen, das wachsende Werk zu besichtigen. + +Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“ +gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen +der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten +reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne +jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte +des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue +Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht +einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute +nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden +fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen +Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder +später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa +einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals +werden. + +War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei, +drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen, +morgen, übermorgen ... + +Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte +Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt. + +„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael. + +Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen +von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen +hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen +Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen +aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen +Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer +Tag würde über Europa emporsteigen. + +Der Tag war nahe! + +„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb +mit fliegenden Händen. + +Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit +rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch +die Schar seiner Feinde. + + + 16 + +Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein +Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der +Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf +der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender +älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die +Treppe herab zum Wagen. + +Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete +aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf +dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen +gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais +etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber +enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet, +wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, +unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue +Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten +das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen +Eindruck machten. + +Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre +kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack, +Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht +überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie – +ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen. +Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. +Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit, +welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden +von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in +Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten +lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in +Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels +Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. +Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in +Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe +hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber +sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen +Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß +die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie +es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und +Steinpflanzen in den Ritzen. + +Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen. + +Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber +lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine +Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen. + +Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er +warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die +gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf +aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit +aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das +Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft +war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. +Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft +angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug +zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es +der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur +eines Blickes zu würdigen. + +Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels +schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen, +leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes. +Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht +lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren. +Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit +ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft +in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von +Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn +er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks +und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren +Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht +mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen +Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs +mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte. + +Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er +sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem +Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden. + +„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva. + +Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und +geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“ + +Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember +sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie +wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen +hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In +Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin +stattfand. + +Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten +Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in +See. + + + 17 + +Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen +klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle +Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, +zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern +hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht. + +Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann +Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur +Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es +geschehen. + +„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das +Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht +mehr hier sein.“ + +Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch +die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war +vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat +entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus +verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus +nebenan. + +Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein +gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit +einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie +stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell +geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und +jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen +Lippen. + +Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte: +„Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen +Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne. + +Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau +heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob +du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine +Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles +sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben +würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“ + +Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit +etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine +Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. +Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter +Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, +harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen +immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe. + +Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im +Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? +„Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange +völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. +Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? +Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und +wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny +lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe. + +„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie. + +Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es +war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten +darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran +lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener +Menschen, die morden konnten? + +Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als +sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du +dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief +dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er +tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum +erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene +Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. +Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht. + +„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte +Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht +bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich +zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton +deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte +waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie +gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen +liebst.“ + +Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die +Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen +Zimmers auf. + +„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, +nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten +Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem +sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, +schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was +tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich +des Traumes nicht mehr entsann. + +„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du +mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die +Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als +ob sie im Theater spräche: + + „O gib, vom weichen Pfühle, + Träumend, ein halb Gehör! + Bei meinem Saitenspiele + Schlafe! Was willst du mehr?“ + +Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen, +wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ +und ging in das Badezimmer. + +Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das +Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen +Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank. + +Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und +blickte zur Nische. + +„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er! +Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im +Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er +am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen. +Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter +einer Rose. + +Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu, +Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und +wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise. + +„Schlafe! Was willst du mehr?“ + +Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich +schlafen gehe, Wenzel.“ + +Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es +Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und +schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken +Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm +triumphierend. + +„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und +ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins +Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im +Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote +Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun +genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange +still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war +plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte. + +„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein, +ich will es nicht tun.“ + +Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand +im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor +der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal +fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich +gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den +verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte +furchtbar. + +„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf +mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“ + +Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf +den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff +fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, +der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell? + +Da schwand ihr das Bewußtsein. + + + 18 + +Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und +nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz +mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für +Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken +verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm +natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten. + +Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin +den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von +bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles. + +Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur +Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am +nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer +stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel +und wurde augenblicklich vorgelassen. + +Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in +einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ +sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine +Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein +feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels +Kopf gebunden. + +Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum +Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu +geben. + +Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich +habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich +aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“ + +„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und +nahm Platz. + +Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur. + +Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um +Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins +Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen +sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als +gewöhnlich. + +„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“ +fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer. + +„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er +berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen +militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war. + +Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine +blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf +Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die +Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. +Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die +Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin +rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er +tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren +Blick zu Boden geheftet. + +Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah +aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere +Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer +Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. +Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. +Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn +gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in +die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem +neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine +Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so +grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt. + +Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und +Zylinder. + +Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, +wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte +Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“ + +„Sehr wohl.“ + +Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred +Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. +Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner +Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, +als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine +halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine +natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb +starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen +sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte. + +Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte +sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch. + +„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier +Uhr morgens Briefe. + +„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen +Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin. +„Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste +Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen +seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, +Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. +Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte +zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ – + + + 19 + +Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft +wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die +Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag +gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, +ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie +in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther +ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging +nicht anders. + +Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar +keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in +jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie +jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren +Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel +konsequent bleiben, aber –. + +Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit +eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte +Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte +er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück. + +Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und +immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren +können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine +Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau +und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter +langweilten ihn. + +Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug +nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza +lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die +„Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot, +das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso +das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten +Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und +heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles +entgegennimmt, was man ihm bietet. + +Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in +die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den +Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las, +stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit +entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich. + +Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und +Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach +Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm +sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die +griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es +schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen +setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben +die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen +Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der +Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord. + +Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den +Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am +Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in +Deutschland. + +In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus +Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen +hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in +ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich +von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel +entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten. + +Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in +ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre. +Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres +etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar. + + + 20 + +Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas +voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem +Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der +Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. +Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er +dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen +von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor +Lebensfreude und Glücksgefühl. + +„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher +und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er +ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner +Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“ + +Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem +spöttischen Lächeln. + +„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“ + +Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er +kurz. + +„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf +dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich +viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den +breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“ + +Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“ +sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der +breitesten Schichten an?“ + +„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich +geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme. + +„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer +unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des +Parlaments und nicht die meinige!“ + +Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch +das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch +tausend Widerstände gehemmt zu werden.“ + +„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine +andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an, +wenn sie zu indolent dazu sind?“ + +Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er +erwiderte nichts. + +Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in +die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im +Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die +Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die +Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“ + +„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe +auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“ + +Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb +greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich +will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich +Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen +kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug +eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein +Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht +ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“ + +Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf +Wenzel gerichtet. + +„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man +doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine +Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. +Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie +sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr +abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die +unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“ + +Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“ +schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie +schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es +sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich +aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese +Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie +Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem +Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele +Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und +meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso +gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“ + +Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche +Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen +Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen. + +„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich +wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz +anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du +willst uns das Darlehn also nicht geben?“ + +Wenzel wandte sich ungeduldig ab. + +„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch +den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek +schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während +Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot +haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“ + +Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du +derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles +beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen +für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der +Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden +anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese +Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich +für diese Gesellschaftsordnung.“ + +Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du +dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die +gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den +tiefen Sinn des indischen Wortes ‚_Tat tvam asi_ ...‘ Das bist du! Das +heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“ + +Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen. +Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, +aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und +wie sie alle heißen –“ + +Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick. +„Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem +Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“ + +Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige +Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken. + +„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür, +schüttelte den Kopf und ging. + + + 21 + +Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre +Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und +Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der +Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der +Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun. +Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele +ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus +Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage. +Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur +sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen +wollte. + +Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu +verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein +paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im +Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder +beleben sollte. + +Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung +geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen +Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas +machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten, +eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf +Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante +alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem +Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu +werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte +zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich +auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von +der man überall sprach. + +„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. „Willst du mir +Hellbronnen schenken?“ + +„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel. + +Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. „Du +kannst fordern,“ erwiderte sie. + +„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“ + +„Ich kann damit anfangen, was ich will?“ + +„Natürlich.“ + +Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und +Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche +vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die +Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem +Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken. +Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die +man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus +sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie +bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner +Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden! +Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ +sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine +Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen +Teich baden konnte. + +Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde +ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin +zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das +sie geben wollte. – + +In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die +Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb +fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an +der Ruhr. + +Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende +Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest +und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die +Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu +wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte. + +Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz +vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig +aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines +blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen +seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie +ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln +Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig +vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten +mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines +Toten. + +Und er lauschte. + +Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte +Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen +flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, +wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen +quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel, +als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen +Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn. + +Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das +waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. +Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese +Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als +vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen +Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor +erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge +schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger +Raucheisen.“ + +Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren +Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie +früher. + +Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen +Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten +waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die +Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und +kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann +sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, +in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer +Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses +Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche +Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er +praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier +unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War +das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die +Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den +Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der +Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer. + +Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun +klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von +Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte +verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie +arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und +sie arbeiteten alle für ihn. + +Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du +nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: „Herein“. + +Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer +lag ganz still, bis der Morgen kam. + +Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie +eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. „Den alten Raucheisen hat heute +nacht der Teufel geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der +klirrend in die Tiefe fegte. + +Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom +Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein +ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen. + + + 22 + +Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes +Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten, +kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen, +luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die +bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden. + +Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs. + +Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach +Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin. +Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, +verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die +Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen, +bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb +sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man +mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches +Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach +ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der +Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten, +heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler. + +Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr, +keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, +Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den +Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten +genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber +leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers +Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch +sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte. + +Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach +Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war +in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu +war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel +aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den +es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles +schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte +eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn. +Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine +Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen +Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah +ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die +Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel +einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit! + +Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen +empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er +ganz erfüllt von Befriedigung. + +„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal, +wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies +erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume +berauschten ihn –. + +Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich +ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen +niemand voraussehen konnte. + +An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in +Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten. +Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit +gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu +bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten +wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – +beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe +des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel +freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend +vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. +Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst +reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte +sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des +Tieres nicht zu erwehren. + +„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“ +rief sie wieder und wieder aus. + +Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von +Menschen. + +Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das +Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge. + +„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel. + +„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und +widmete sich wieder den jungen Bären. + +Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und +Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen. + +Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht +einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach +Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich +wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und +ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an +diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser +Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und +seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der +irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die +Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet. + +„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich. +„Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels! +Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther +sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier +nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser +Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, +es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen +Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den +Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig. +Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem +Bärenzwinger zu?“ + +Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war +lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine +Abgespanntheit und seine Gereiztheit. + +Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte +sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht +hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um +urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer +Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser +Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu +beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet. + +Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser +Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels +auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine +doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe. + +Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der +Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul. +Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem +Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den +Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde +er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und +nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten. + +Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel +besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen, +er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste +brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht +war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich, +nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer +Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich +hatte er das Windspiel vergessen. + + + 23 + +Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund +dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger +Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier +augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur +gekommen, um Esther abzuholen. + +Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine +Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen +Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten +Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem +Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und +Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel. + +Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte, +wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in +einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt +spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte +diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er +sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. +Katschinsky hieß der junge Mann. + +Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt? + +Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne +weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem +Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe. + +Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung +erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen +zu lachen. + +„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf +die See gehen!“ + +Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging +nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht +mehr. + +Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten +anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten +seine Aufträge. + +Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen +Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz +besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und +gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die +Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der +Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien, +rätselhafter. + +Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm. +Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie +ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem +Hause. + +Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther +im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich +verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von +diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas +gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch +war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden +Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr +im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes +Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig +gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über +alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug? + +Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren +mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war +klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission +besonders zu eignen. + +Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel +verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu +tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“. + +Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe +erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte +nicht das geringste. + +Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig, +eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der +gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther +gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten. + +„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er. +„Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen +sehen und manches mißdeuten könnten.“ + +Esther warf die Lippe in die Höhe. + +„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes. +„Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die +Menschen.“ + +Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend. + +Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel +empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden +vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen +Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde +dunkelrot, da er sich schämte. + +Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz +und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts +Positives, keine einzige positive Tatsache. + +Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch +das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund. + +Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe +Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so +glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So +erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt +habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel +gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von +anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch, +wie er in jeder Gesellschaft üblich sei. + +Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte +bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich +natürlich nicht im geringsten.“ + +Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er +erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über +Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum +des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß +Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig +auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht +lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an +der Tafel saß. + +Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ +einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin. + +Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives. +Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also +hieß es sich gedulden. + +Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein +Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen +abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in +Erfahrung gebracht hatte. + +Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit +Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh +als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu +vermeiden. + +Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der +Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen +zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien. + +Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther +war. + +Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung +geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig, +keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther +hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie +heuchelte nicht. + +Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt +haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen. + +Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem +Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war +seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder +so. + +Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die +Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus +der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz +auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus +betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus +betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das +Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen. + +Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr +bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn +Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch +keineswegs sicher. – + +Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen. + +„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig +unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der +Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie +mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich +überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“ + +Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich +überzeugen.“ + + + 24 + +Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro +nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des +Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel +vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie +die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen +erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto +stand an der Ecke. + +Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des +Vertrauensmannes. + +Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das +Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich +Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt +es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu +sein. + +Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen, +die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine +kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der +Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden, +dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken +jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine +Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine +Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur +noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte? +Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu +können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke +stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er +verabscheute ihn. + +Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie +trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches +Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt +hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins +Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so +wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser +Stunde verlassen. + +Aber diese Dame trug seinen Namen. + +Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein +Mietsauto und fuhr davon. + +Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent +ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er +dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren. + +Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine +Zeugenschaft. + +Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch +unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald +zurück. + +Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt. +Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune. + +„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“ + +Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs +chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt, +ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen +Raum zur Dämmerstunde. + +Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und +französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen. +Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft +frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige +pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei +Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest +in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man +wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah +Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter +der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet. + +In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich +danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte +Katschinskys Stimme. + +„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast +gleichgültig, fast gelangweilt. + +„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit +einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“ + +„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc +aus Paris.“ + +Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt. + +„Oh, welch schamlose Komödie!“ + +Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt. + +Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem +Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen, +daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte +zu erledigen. + +Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär +bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen +Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer +von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein +ganzer Körper mit Schweiß bedeckt. + +Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm +rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten +herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr +Gäste gekommen zu sein. + +Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird +mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie! + +Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen, +die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und +sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht +ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die +Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen +Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als +säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in +den Augen an. + +Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich +schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was +weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich +dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese +Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen +über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle +wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht. + +„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“ +knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar +rächen!“ + +Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er +hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken +gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber +vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie +ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher +Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau, +unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt. + +Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten +herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte. + +„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus, +mit verzerrten Zügen. + +Es war eine furchtbare Nacht. + + + 25 + +Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich +unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei +erfüllte die Straße. + +„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“ + +Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen. + +Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er +erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende +eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel +verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat +vorsprechen. + +Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften +sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits +ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken. +Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt. + +Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit! +Komm heraus, Schellenberg!“ + +Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen. +Die Polizei schritt ein. + +Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster +eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu +bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger +gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war +aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu +gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder +er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und +vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem +Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger, +ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und +schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und +an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen! + +Und in der Tat, er kam wieder. + +An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und +Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er +sollte seine Pläne vortragen. + +Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab, +so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen +vermochte. + +Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen +Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste +Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die +linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem +schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter +gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße +waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem +Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen +gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf. +Sofort sammelten sich Menschen an. + +„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete +auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden +geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der +gestern Rache geschworen hatte. + +Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der +Straße verhallt. + +Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und +begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der +Schulter. + +„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und +Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er +vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer +stärker spürbar. + +„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch +und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder +ins Gebäude zurückzudrängen. + +Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was +kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich +um den Steinträger ballte. + +Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags. + +Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den +feuchten Blättern durch die Straßen rannten. + +„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf +Schellenberg!“ + +Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe +auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den +Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein +Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu +lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand +des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen +keinen Anlaß. + +Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein +Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon +wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen +waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig +minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar. + +Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand +gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht +und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers +und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten +Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal +erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe +bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen +Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze +Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und +einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine +tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den +Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und +Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt! + +Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und +dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er +habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die +Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch +nicht finden konnte. + +Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker. + +Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, +lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war +noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen +Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, +wiederhergestellt sein. + +Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem +Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war +vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen +zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber +widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den +Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik +bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen. + +„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer +der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines +einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand +darin ihren Ausdruck.“ + +Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so +befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang +die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich +sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer. + +Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden. + +Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein +Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur +in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und +finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick. +Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel +Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß +man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte +schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge +hatten. + +Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten. +Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug +einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her, +Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“ +Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und +ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen +zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln. +„Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit +Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah +Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken. + +Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und +Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei +Dank!“ + +Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik. + +Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten. +Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu +sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich +eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge +hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal +telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu +leiden. + +Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige +Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der +Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt +hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich +keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte. + +Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab. + +„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen +mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden +Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst +du schreiben, Eva?“ + +Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann, +daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war. + +Auch damit war Michael einverstanden. + +Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben +veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der +Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte +hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur +selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl +seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten +erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß +einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig +unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg +Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe +von Berlin. + +Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein +schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und +strahlenden Augen trat in sein Zimmer. + +„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und +schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung +übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus +der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg +aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann. + +Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit +nach Glückshorst nehmen zu dürfen. + +„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich. +Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus +als damals.“ + +Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten, +rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die +Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume. + +„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu. + +Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin +zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein +Hund, der seinen Herrn verlor. + +Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin +gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft +überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden +Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den +Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest +konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner +Küche. + +Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in +Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit. +Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, +berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst. +Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er +brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. +Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging. + +„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die +Freunde. + + + 26 + +Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur +zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte +in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er +arbeitete. + +Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das +Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche +dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen +aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden +Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther +hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war +vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern, +Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte +sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, +drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu +Gesicht bekam. + +Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther +ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in +ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz +allem, Unrecht tun? + +Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und +unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht +der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er +wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu +verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede. + +„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier +vor?“ drang er in ihn. + +Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh, +nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts, +gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es +Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer +großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von +Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“ +Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei +Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender +Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele +Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran +hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit +damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es +ihm vor einigen Tagen mitgeteilt. + +Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das +lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu +Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine +längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als +er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ. + +An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein +Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück, +das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“, +hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm +fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von +Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei +Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in +einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes +Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky, +dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. +Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, +debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz +einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit +beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte +ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich +schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst. + +Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich, +wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny +Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten +Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny +Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen +Brief geschrieben. + +Seht an! Seht an! + +Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben, +und der Wagen hielt. + +„Wohin fahren Sie?“ + +„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der +Chauffeur. + +Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien +mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und +Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. +In Warnemünde lag die Jacht. + +Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind +fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie +schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, +gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie +verlassen. + +Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte, +wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht +hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich +fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und +endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes +Gesicht. + +„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde +die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war +nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht +segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in +das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den +Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich +freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn +verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser! + +Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann +zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine +ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach +einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den +Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht. + +„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren +U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es +ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen. +Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin +nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen +Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“ + +Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe, +es werde wohl eine geraume Weile vergehen. + +„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir +werden essen und trinken.“ + +Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich +bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus. +„Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See. +Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes +Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem +eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“ + +Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht +klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen, +was möglich war, es war schweres Wetter. + +„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“ + +„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“ + +Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in +Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm. + +„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur +nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein, +und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht +war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin. + +Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“ +schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See +brach zischend über das Deck. + +„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“ + +„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“ + +Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie, +Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn +wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach +Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte +Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter +aus. + +Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so +wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und +nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt. + +Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der +schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie +steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um +sich augenblicklich zu Bett zu legen. + + + 27 + +Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf. + +Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas +Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin. +Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den +Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig +war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte +durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem +Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er +hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er +ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges +bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in +der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender +Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer, +der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die +Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, +schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel +noch, an Bord zu kommen. + +Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und +tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit, +Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen. + +Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein +kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon +blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, +schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da +waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen +Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten. + +Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das +Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser. +Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der +seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine +Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte. + +„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als +er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches +Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit +prüfenden Blicken. + +„Sie sind seekrank.“ + +Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein +sonderbarer Name. + +Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer +auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der +Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her. + +„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der +Brücke empor. + +Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der +Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten +aus den drei Schornsteinen. + +Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der +Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an +Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein +Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar +raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel +stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine +unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen +des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen +suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. +Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene +des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar +zu tuten. + +Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: +„Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“ + +In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe +geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine +Hände. Was war es doch mit meinen Händen? + +Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. +Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er +war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß +ein Kellner vor ihm stand. + +„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er. + +Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er +sich in Warnemünde befand. + + + 28 + +Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof +gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin +wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit +gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die +Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren +indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war, +oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging +auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung +einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. +Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief +augenblicklich die Ärzte. + +Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte +Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben. +Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten +Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese +Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb +bestehen. + +Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen +des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus. + +Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und +Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht, +denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte, +legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn. + +Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten +Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn. + +Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da +jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige, +gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf. + +Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen! + +Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte +überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu +beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern +ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden, +vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten +jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil +die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei +einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste. + +„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf +die Stirn. + +Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an. +„Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er. + +Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten? +Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte +besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in +Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das +Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport +des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in +der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen +vergessen. + +Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde +zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die +Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er +Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch +immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in +Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit +vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals +Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das +Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am +Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in +Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte +der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin +genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den +Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen, +welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen +im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl. + +„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva. + +„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“ +antwortete Michael und schüttelte den Kopf. + + + 29 + +„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die +in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt +und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ. + +Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in +Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem +sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte +sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte. +Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher +näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn +umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich +und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut +und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender +Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete +er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß +etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging. + +Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den +Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er +vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach. + +Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor, +daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang +auf- und abzugehen. Worüber grübelte er? + +Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel +schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts +geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. +Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung +heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels +Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! +Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein +Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach. + +Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten. +Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste +ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein +kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte +wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war. +Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere. + +Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin +zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um +die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen. + +Worüber grübelte er? + +Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen +Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel, +der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie +mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er +fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die +Achseln und lächelte. + +„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als +wir.“ + +Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft +laut vor sich hinsprach. + +„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine Lösung.“ + +Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm +diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten +Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn +Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den +Schmutz trat? + +„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut zu sich, während er +unter dunklen Bäumen dahinging. „Es gibt nur diese eine Lösung! Das +Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen +Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird +mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung +nicht gab.“ + +Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen +trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“ + +Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen +Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern, +Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden +Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte +nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte ... + + + 30 + +Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es +sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas +anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein +Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es +gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten +durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht. + +Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er +ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern +diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm +einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in +die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte, +aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm +folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch +nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und +Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab +keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung. + +Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war +wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr +atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können – +und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist +völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man +andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte +Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören. + +Nein, es gab keine andere Lösung! + +Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen +Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht, +aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die +Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in +Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem +Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens +zu sehen. + +Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England +Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen. +Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer +weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest. + +Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch +erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer +Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer +preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das +Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen, +höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt. + +„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“ + +Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die +Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine +Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen. + +Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das +freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen. + + + 31 + +Das Fest kam heran. + +Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben, +Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und +Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die +neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die +Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das +Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und +berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und +vom Film. + +Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht +gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die +Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber +er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht. +Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor +Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle +fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin +Esther wie eine Fürstin, die empfängt. + +Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre +Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz +dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen +Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen +Blicken preisgab. + +Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so +würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt +voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig +wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen. + +Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt. + +Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee. +Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, +vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten +über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem +Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten +ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer +Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein +stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch +den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der +muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der +einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in +Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann +unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen +Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich +diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz +konfuse Pläne. + +Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und +über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah +Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte +er. + +Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener. +Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es +war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren. + +„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm +beruhigend die Hand auf die Schulter. + +„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der +Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“ + +Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein +ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers +Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello. +Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber +der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er +fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz +zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg +irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte +er sich und verließ das Haus, ihm graute. + +Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden, +Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen +durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast +ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren. + +Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu +Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt. + +Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik +verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener +hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg +ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei +Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die +im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die +Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der +graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach, +wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer +nur durch den Korridor getrennt. + + + 32 + +Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen +Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, +lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem +Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still. + +Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch +das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich +umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu +Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts +regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und +gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden +Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit +eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem +Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren +riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben +stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, +Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand +ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber, +männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen +Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte +er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser +mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen +Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein +Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür +zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht +den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In +Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte, +daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte. + +Nun war es also so weit ... + +Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt +war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten. +Das Bett war silbern bemalt. + +Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr +einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, +Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete +gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und +betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen +schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich. + +Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die +Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein +kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz +erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder +lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes. + +Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und +verließ das Zimmer. + +Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. +Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich +einen kleinen Schwips gehabt haben müsse. + +Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen +Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo +er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß +er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken. + +Was war geschehen? + + + 33 + +Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war +geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas +Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es +nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. +Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die +Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch +nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. +Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der +Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht +war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er +erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in +der Hand gehalten zu haben. + +„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, +Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt. + +Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. +Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“ + +Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze +er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu +schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der +Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“ + +Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines +Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet. + +„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen +unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in +seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit +dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette +gerissen – sonst wußte er nichts mehr. + +Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem +herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die +Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige +Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein +Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen +Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther +Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen, +er hörte gar nicht zu. + +Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah +nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick +suchte etwas. + +In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung. +Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag +sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber +verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen. +Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die +sichere Favoritin war geschlagen. + +„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde +angehalten!“ + +Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte, +und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er +tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von +Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die +englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes. +Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt +war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. +Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler +Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich +nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen +innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in +den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der +leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die +Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt, +plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler. + +In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine +Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen. + +Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren +Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame +eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ +Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden. +Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne +jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs. + +Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor? + +Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn. + + + 34 + +Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen +Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich +hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz +verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft, +durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet. + +Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat. + +Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er +wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht +veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer +Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das +Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein +berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und +saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in +diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals +flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden +Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der +Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man +tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die +Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein +leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich +gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten +Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich +nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell +und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn +unwiderstehlich vorwärtsgetrieben? + +Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser +Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das +eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der +gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch +weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich +Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie +lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf +einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war +geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den +Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller +Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris +reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und +neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben, +und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war +eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm. + +Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr. +Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. +Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch +existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte +ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet? + +Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben, +furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt +zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte +ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn +ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach +versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend +verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach +hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt. + +Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten +Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn +besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt +hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und +Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen, +wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner +lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht +schlug wie ein Fuhrknecht. + +Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag +graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken, +Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte +den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach +Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes +Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. +Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein +fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck. +Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab +er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und +quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die +Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden +getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen +konnte, ohne daß er sich wehrte. + +„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu +dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles +ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, +so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken, +sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie +doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit +einem gequälten Lächeln. + +Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden. + +Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut +in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners +zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei +Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter. +Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, +als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und +voller Entschlußkraft. + +„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt +gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben +war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin +ich wieder, ich kehre um.“ + +Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man +auch kommen sollte. + +Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte +Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn +wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte +Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich. + +„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg +werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie +kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich +zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte. + +Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte +den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo +Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er +wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase +lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller +Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach +Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß, +Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die +Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken +wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen. + +Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und +gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit +bestürzter Miene. + +„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte +er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“ + +„Krank? Er ist wieder krank?“ + +„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“ + +Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt +an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man +ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in +der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur +höchste Eile. + +Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen +matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu +gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein. + +„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt. +„Seien Sie ganz leise.“ + +Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit +einem Blick alles. + + + 35 + +Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch +die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war +Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger +mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von +hier. Er habe keine Zeit zu versäumen. + +Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch +die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen +andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er +Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah +Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor +Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende +zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die +Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den +Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles +sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den +Pflegern rang. + +Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete +leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten +ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt +höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das +Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen +auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten +des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte +durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah +die Saat sprießen und wachsen. + +Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde +wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen, +er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der +Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer, +die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte, +die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit +Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in +Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn +Glückseligkeit. + +Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand +vor die Augen. + +Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die +Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem +Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber +jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und +blendeten hinaus in die Nacht: + + Tod dem Hunger! + Tod der Krankheit! + Es lebe die Kameradschaft! + + + 36 + +Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu +verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den +Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. +Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war, +um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ... + +Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er +geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder +war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. +Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem +Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel +dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal +niederschlug. + +Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er +schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des +Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um +fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne +jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und +endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte. + +Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das +niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast +nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war +seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben. + +Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ. +Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt +tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. +Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr +der Kopf eines alten Weibes. + +„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend. + +„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel. + +Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in +eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte! + +„Ich bin der Besitzer des Gutes.“ + +Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom +Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor +Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos +stand der Knecht. + +„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“ + +Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte +Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen +entdecken. Man roch noch den Brand. + +„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel. + +Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn, +einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres +Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte. + +„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht. + +„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie, +und stören Sie mich nicht.“ + +So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die +Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall, +ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib +nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse +der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes. + +Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier +würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und +daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben. + + + 37 + +Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des +Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine +Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser. + +So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras +wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. +Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern +durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und +zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, +langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem, +verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk +lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst. + +Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen, +primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er +bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus. +Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten +beide die Ruine. + +Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel +schüttelte den Kopf. + +„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“ + +Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses +aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte +er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom +Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht +hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den +Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof +von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten +unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über +ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen. + +Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach +Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette +Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter +Gesundheit wiedersah. + +„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte +er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen +waren eine höllische Arbeit.“ + +Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht +zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten +Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende +und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen +Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum +ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es +sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen. + +„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien +übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“ + +Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und +steht. + +Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster, +gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen +anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts +für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren +Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft +Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann +lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack +in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen +Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die +sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von +Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen +Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer +Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis +in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher, +Straßen. Ein Kanal. + +„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich +werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin +zurückkehre.“ + +„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte +Wenzel. + +Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der +Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt +werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan +von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo +heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den +Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber +hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis +zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht +seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet. + +Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den +Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und +ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster +in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam +die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen +Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem +letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet. + +„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe +die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich +habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“ + +Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen, +Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm +Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern. + +„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner +Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich +schlief.“ + +Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie +waren nur für Eva lesbar. + +„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel. + +Und Eva las: + +„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht +anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne. + +So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle +Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die +weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des +Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden +jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick +des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist. + +Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu +Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde +wehen. + +So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch, +gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf +dieser Erde, wo er will. + +So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und +nach Bedarf verteilt werden. + +So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die +Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern +die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes +und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden +die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben. + +So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern, +keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und +keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird +die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der +die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche +Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen +gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, +zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst +werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum +und Geburt. + +Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies +wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und +tausendjährigen Verirrungen. + +Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird +keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die +Religion aller Menschen sein. + +So wird es sein und nicht anders!“ + + * * * * * + +Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken, +und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der +Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten +zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht +lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte +Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels +Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels +Gesicht. + +Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr +Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.“ + +„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier viel Arbeit, auch +für Sie.“ + +Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund +zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus. + +Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva +abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte. + +„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht +war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und +die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“ + +Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die +Morgenröte eines neuen Tages empor. + + + Ende + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 29]: + ... „Ich freue mich, daß es ihnen gut geht, Katschinsky,“ ... + ... „Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ ... + + [S. 41]: + ... Gesindel, daß vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ... + ... Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ... + + [S. 174]: + ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Aktion gar nicht ... + ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht ... + + [S. 249]: + ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und sie bat, ... + ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ... + + [S. 392]: + ... werden. Er ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ... + ... werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ... + + [S. 453]: + ... Schwarzlake. Er hatte das Gute nie gesehen. Es war seine ... + ... Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER SCHELLENBERG *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for an eBook, except by following +the terms of the trademark license, including paying royalties for use +of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for +copies of this eBook, complying with the trademark license is very +easy. 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Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. 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Fischer, Berlin" --> + <!-- DATE="1925" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +.logo { margin-top:1em; margin-bottom:8em; text-align:center; text-indent:0; } +.logo img { max-width:6em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em; } +.aut .line1{ font-size:0.8em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +.pub .line2{ border-top:4px double black; padding-top:0.1em; display:inline-block; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-top:6em; font-size:0.8em; } +.tit { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:4em; + font-size:1.5em; font-weight:bold; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:2em; } +h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:3em; margin-bottom:1em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; } +span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; } +span.prefirstchar { display:none; } +p.noindent { text-indent:0; } +hr.tb { border:0; border-top:1px solid black; margin:1em; width:10%; margin-left:45%; } +p.end { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +.stanza .verse2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } +.antiqua { font-style:italic; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } + em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } + span.firstchar { float:left; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } +} + +</style> +</head> + +<body> +<div lang='en' xml:lang='en'> +<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Die Brüder Schellenberg</span>, by Bernhard Kellermann</p> +<div style='display:block; margin:1em 0'> +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you +are not located in the United States, you will have to check the laws of the +country where you are located before using this eBook. +</div> +</div> + +<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Die Brüder Schellenberg</span></p> +<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Bernhard Kellermann</p> +<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 6, 2022 [eBook #67112]</p> +<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> + <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p> +<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE BRÜDER SCHELLENBERG</span> ***</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +Die Brüder +Schellenberg +</h1> + +<p class="aut"> +<span class="line1">Roman von</span><br /> +<span class="line2">Bernhard Kellermann</span> +</p> + +<p class="pub"> +<span class="line1">1925</span><br /> +<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span> +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="cop"> +Erste bis zwanzigste Auflage<br /> +Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br /> +Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="tit"> +Die Brüder Schellenberg +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="book" id="chapter-0-1"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Erstes Buch +</h2> + +</div> + +<h3 class="chapter1" id="subchap-0-1-1"> +1 +</h3> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach +ins Schloß. Er hüstelte, als er die rauhe Straßenluft +einatmete, und stülpte den Mantelkragen in die Höhe. +Und schon schlug er, fast automatisch, jenen Weg ein, den +er in tausend Träumen und Phantasien während seines +Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel +jener endlosen Straßenzüge, die quer durch die +Stadt nach dem Alexanderplatz führen. Hier, am Alexanderplatz, +war in einem Warenhaus seine Geliebte als +Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit +den Augen eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky +sie genannt hatte. Seine Geliebte, und wenn man +wollte, seine Frau. Oder durfte er sie nicht so nennen? +Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte? +Und das war, bei Gott, nicht alltäglich! +</p> + +<p> +Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster +Sparsamkeit mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische +nehmen können, aber er empfand es als eine Art Wollust, +diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem Krankenhaus +und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die +letzte Minute und Sekunde auszukosten. +</p> + +<p> +Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender +Menschen und jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! +Sie ahnte es nicht, daß er, Schritt für Schritt, immer +näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er lächelte mit +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln, +aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein +Lächeln wie eine Grimasse des Schmerzes aussah. Er +keuchte leise. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die +Knie zitterten ihm. +</p> + +<p> +Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. +Menschen, Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen +ihm fremd, als sei er nach Jahrzehnten in diese +Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie zurückgekehrt. +Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes +hatte seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und +Lärm um vielfaches verstärkt empfand. Die Straße jagte, +die Straße donnerte, und fast überkam ihn eine Beklemmung. +</p> + +<p> +Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom +fortgerissen zu werden, sie glitten und schossen vorüber, +um in den Wirbel der Seitenstraßen geschleudert zu werden. +Funken stoben aus den Rädern, blaues Feuer spritzte +durch die nasse Luft. Omnibusse, mit Menschenleibern +dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, schwankten +wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und +ab stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden +zitterte und schwankte, die Luft gellte, es knallte wie +von Explosionen. Wahrhaftig, es war wie in einer Schlacht. +</p> + +<p> +Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden +lehmfarbenen Himmel fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen +wie durch ein dünnes Sieb herab. Der Regen lag in +Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren, +auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten +der Trambahnführer, und wenn man das Gesicht +etwas schräg hielt, so netzte er, angenehm kühlend, Augenlider +und Wangen. +</p> + +<p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht! +</p> + +<p> +Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde +sie die Arme in die Luft werfen und an seine Brust stürzen, +angesichts der Käufer, angesichts der Kolleginnen, angesichts +der strengen Augen der Aufsichtsdame? Oh, +Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts ... +</p> + +<p> +Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen +schwankten Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: +Die Stunde war da, tausendmal ersehnt und erträumt. +In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er alles +erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. +Oder –? Sein geschwächter Körper bebte. +</p> + +<p> +Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so +einfach war. Er hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. +Wie oft war er mitten in der Nacht aus dem +Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen, +bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es +an, auch das war ja möglich – wenn sie nicht mehr hier +sein sollte? Seit Wochen – warum betrügst du dich? –, +seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, keine +Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ... +</p> + +<p> +Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, +die den Schritt dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, +ein Gefühl des Geborgenseins kroch über seinen durchfrorenen +Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen +Wangen. +</p> + +<p> +Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter +Seidenstoffe stürzte aus einem hohen Brunnenbecken +herunter in den Saal, funkelnd im Licht. Das Silber in +den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte einen Ballen +Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange +entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Leder, Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. +Die Türen der Aufzüge klirrten, Menschenbündel +flogen in die Höhe, stürzten blitzschnell ins Bodenlose. +</p> + +<p> +Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so +aus, als gäbe es auf dieser Erde weder Hunger noch +Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude mit seinen +hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit +Waren. Die Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, +sie überschwemmten die Säle, sprengten die Wände, überströmten +die Wandelhallen und Treppenhäuser. Aber, +war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren +Warenmassen war die Zahl der Käufer nur +gering. Man drängte sich nicht wie früher, stieß einander +nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die Verkäuferinnen +saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel, +färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren +gingen in den Gängen hin und her und blieben ab und zu +stehen, um eine abgeschabte Stelle des Läufers zu untersuchen. +Eine auffallende, fast bedrückende Stille herrschte +in dem Warenpalast. +</p> + +<p> +Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion +zu durchqueren, an einigen gespreizten Wachspuppen +vorbei, und man war in Christines Reich: Wäsche, +Linnen, Spitzen für Damen. +</p> + +<p> +Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, +die heiter glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch +anstrahlte. Von hier aus vermochte er die Abteilung „Damenwäsche +– Spitzen“ unauffällig zu überblicken. Auch +hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den Waren +wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. +Eine dicke Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Hamster, einige halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten +Strümpfen. +</p> + +<p> +Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie +eine Vision vor seinen Augen, während er in schlaflosen +Nächten in die Ampel des Krankensaals starrte! +</p> + +<p> +Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in +der Brust, als sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand +Christine! +</p> + +<p> +Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an +dem dünnen Kimono, das sie über den nackten, lackierten +Beinen trug: an der Kasse lehnte, in einem blau-weiß +gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in der +Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas +dünn, der Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über +dem Nacken ein Gewirr von Locken, schwarz, blauschwarz, +lebendig bei jeder kleinen Bewegung, fliegend, und immer +in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die +Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich +über den Zettel. +</p> + +<p> +Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die +Kassiererin über den Zettel beugen? Die Wachspuppe, +die er mit den Fingern berührte, begann zu schwanken und +drohte über ihn zu stürzen. +</p> + +<p> +Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen +Locken ab und kam geradewegs auf ihn zu ... +</p> + +<p> +Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie +Insulaner sie aus Kokosnüssen schneiden, die Augen flach +wie Kürbiskerne, leer, ausdruckslos. Er blieb betäubt +stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer näher, wurde +größer und ging vorüber. +</p> + +<p> +Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit +einer Hoffnung betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +in einer andern Abteilung tätig sein, nicht wahr? Langsam, +leise zitternd in den Knien, wanderte er durch alle +Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern, +Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen +schrien, elektrische Sonnen glühten ihn an. Er spähte, +forschte. Nirgends. +</p> + +<p> +Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. +Es regnete noch immer. Die Häuser schienen geborsten, +und das Licht brach aus allen Fugen und zerrann in +den Asphaltseen. +</p> + +<p> +Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um +sich mit einem Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er +auf, bezahlte und eilte zu dem Warenhaus zurück. Es war +geschlossen. +</p> + +<p> +„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die +Stirn. „Du hättest doch ihre Kolleginnen fragen können. +Sie hätten dir gewiß Auskunft gegeben. Einen ganzen +Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu spät.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-2"> +2 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen +ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch +unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich +ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen +und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich +knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am +Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und +in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen +der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht +verderben. +</p> + +<p> +Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein +bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen +Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln, +nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging +zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals +das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu +fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe +mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen. +Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich +hier verbergen. +</p> + +<p> +Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener +Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, +und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei +Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere +Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. +Er war nicht verlegen, oh, keineswegs. +</p> + +<p> +Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die +wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin +besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser +und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm +raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs +Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn +anfangen. +</p> + +<p> +Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten +auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen +auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der +Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die +Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen +in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen +wuschen den Asphalt der Straßendämme. +</p> + +<p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer +wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden +gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den +Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung +wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt. +</p> + +<p> +„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie +nicht. +</p> + +<p> +„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen +im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“ +Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte +Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber +ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es +scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor +einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“ +</p> + +<p> +„Besseres?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung +nach.“ +</p> + +<p> +Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung +bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen +wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef +aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein. +</p> + +<p> +Gut, also am Nachmittag. +</p> + +<p> +Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet +hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte +sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern +erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm +zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist +kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur +Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht. +Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach. +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein +Lächeln, eine Verbeugung. +</p> + +<p> +Georg empfahl sich. +</p> + +<p> +Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann +& Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht +immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus, +Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, +er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann +& Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren +Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen +und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter +den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte +Erscheinung. +</p> + +<p> +Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“ +</p> + +<p> +Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, +erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und +putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne, +Öfen und Heizungsanlagen.“ +</p> + +<p> +„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune +verzogen sind?“ +</p> + +<p> +Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück. +</p> + +<p> +Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, +als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen. +Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen, +Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. +Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten +Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen +zwanzig Zeichner sitzen. +</p> + +<p> +Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen +dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist. +Georg erkannte ihn wieder. +</p> + +<p> +„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher +trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate +lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung +für mich haben.“ +</p> + +<p> +Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu +und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah +verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter +zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“ +keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben +wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr +Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich +einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände +in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs +Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström +bankerott gemacht hat?“ +</p> + +<p> +„Hegelström – bankerott?“ +</p> + +<p> +„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die +Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. +Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert. +Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström +hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne +Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? +Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“ +</p> + +<p> +Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen. +</p> + +<p> +Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. +Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also +nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin +sprach wochenlang von nichts anderem.“ +</p> + +<p> +„Nein, wie sollte ich es wissen?“ +</p> + +<p> +„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird +schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler +geworden, wie viele Architekten. Er hat +einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn. +– Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach. +Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, +die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“ +</p> + +<p> +„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten +Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas +von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den +Zeitungen gelesen?“ +</p> + +<p> +Georg wurde blutrot. +</p> + +<p> +Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem +Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für +das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es +gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden +eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben, +ich wüßte nichts.“ +</p> + +<p> +Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist +hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! +Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“ +</p> + +<p> +„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“ +</p> + +<p> +„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen +zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu +verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe +schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – +hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“ +</p> + +<p> +Bestürzt verließ Georg das Haus. +</p> + +<p> +Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen +sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf +eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo +sein Freund Stobwasser wohnte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-3"> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +3 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">arl</span> Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher +wie ein Schneider. Es war ein kleiner schmächtiger Bursche +mit einem schmalen Kopf, etwas schiefem Mund und +auffallend spitzer, langer Nase. Auf der Baugewerbeschule +in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler +war – hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und +Holzschnitzereien die Bewunderung der Mitschüler und +selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei Jahren war Stobwasser +nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen Weg +als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, +wenn auch nur geringe. Ein angesehener Kunstkritiker +hatte lobend auf seine Holzplastiken hingewiesen. +</p> + +<p> +Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger +Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall +aufgeschlagen. Dieses kleine Loch nannte er sein Atelier. +Neben der Werkstatt befand sich ein wirklicher Stall, aus +dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen finsteren Hof +hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen +ließ. +</p> + +<p> +Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, +krächzende Stimme antwortete auf Georgs Klopfen. Als +er in den kleinen, eisigkalten, halbdunklen Raum eintrat, +fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken einer kleinen +Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das +einzige, was Georg klar erkennen konnte. +</p> + +<p> +„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, +und Nebel dampfte aus seinem Munde. +</p> + +<p> +„Ich bin es, Georg.“ +</p> + +<p> +Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor +und richtete seine spitze Nase auf Georg. Er bewegte den +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +wilden Haarschopf hin und her und vermochte kein Wort +hervorzubringen. +</p> + +<p> +„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus. +</p> + +<p> +„Georg!“ +</p> + +<p> +„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die +Arme in die Luft. „Du? Weidenbach? Ist es denkbar? +Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es nicht fassen +kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“ +</p> + +<p> +„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem +leisen, bitteren Lachen. +</p> + +<p> +Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie +ist es denkbar?“ rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? +Katschinsky? Die Jenny Florian? Ich verstehe es nicht, +wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht wahr +war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! +Nun, einerlei, wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie +Stobwasser mit heiserer Stimme. „Du lebst also noch! +Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im Krankenhaus, +um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen! +Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber +Himmel, was für Dinge geschehen können!“ Er streckte +Georg beide Hände entgegen. „Nun, Gott sei gelobt! +Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem +Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? +Wie?“ Der Bildhauer lachte und hustete. Glühendheiß +brannten seine Hände. Er schwieg eine Weile, während er +Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß +dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich +vor Freude hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich +trauerte schon um dich. Und manchmal, es ist wahr, da +habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar ist es doch! +Und da kommt er also plötzlich herein –!“ +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind +deine Tiere?“ fragte er, um von dem Thema abzulenken, +das ihn peinigte. Früher war Stobwasser stets von einer +Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen, +Kakadus, Mäusen. +</p> + +<p> +„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. +„Meine lieben Tiere? Ach, es war zu kalt für sie hier, ich +habe keine Kohlen. Eine Dame, eine barmherzige Seele, +hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin +ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch +krank werden. Setze dich doch, Georg. Ich war eben +aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf dem Wandbrett +dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und +gib mir das Glas.“ +</p> + +<p> +Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und +wurde von Frost geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts +kann ich dir anbieten, nicht einmal einen Kognak. Es ist zu +ärgerlich!“ +</p> + +<p> +„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“ +</p> + +<p> +Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen +zum Munde und versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. +„Ich kann es immer noch nicht fassen, liebster Kamerad +– aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du fragst, +wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach +durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den +Mut trotz allem nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei +Figuren zu modellieren für die Villa eines Seifenfabrikanten. +Nun, die Figuren mißfielen leider der Madame +und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam +keinen Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, +die reichen Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Anwalt bezahlen. Dann verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, +aber der Käufer zahlte nur eine geringe Summe +an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die +Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. +Sie können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf +jeden Schritt horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich +nie verwirklichten. Und nun bin ich krank und liege hier. +Aber nun erzähle du,“ schloß der Bildhauer, indem er das +Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. „Das Sprechen +strengt mich an.“ +</p> + +<p> +„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg +aus. +</p> + +<p> +Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen +an. „Nichts zu erzählen, sagst du? Man sollte doch +meinen! Höre, Weidenbach, wir haben ja stundenlang +über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar geworden.“ +</p> + +<p> +„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach +ihn Georg verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme. +</p> + +<p> +„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer +und streckte den Kopf so nahe wie möglich an Georg +heran. „Es ist mir noch wie heute! Zwei Tage vorher +waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und +Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren +ja in solch ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und +zwei Tage später, da kommt Katschinsky zu mir hereingestürzt, +hier herein in mein Atelier und sagt: ‚Weißt du +schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie +soll das nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte +sich vor und fragte noch leiser, während seine Augen doppelt +so groß wurden: „Sage mir doch, Weidenbach, weshalb +hast du es getan?“ +</p> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend +etwas. +</p> + +<p> +Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. +Beschwörend streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, +Weidenbach, ich bitte dich! Ich will nicht mehr davon +sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst seinen Freunden +nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns unerklärlich, +denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune, +damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später +–“ Der Bildhauer hustete. +</p> + +<p> +„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg. +</p> + +<p> +„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas +Lustiges war ihm eingefallen beim Klang dieses Namens. +Er streckte die spitze Nase zur Decke. „Ich weiß es nicht. +Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft wochenlang +nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine Holzplastik +abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem +habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht +gehen. Er ist elegant und vornehm geworden, verkehrt in +Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich weiß, ist er beim +Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich +daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“ +</p> + +<p> +„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort +an.“ +</p> + +<p> +„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat +ja Verbindungen in allen Kreisen, und ohne Verbindungen +ist heute schwer etwas zu machen. Vielleicht kannst du +auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall unterbrach +Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, +Georg, wie geht es Christine?“ +</p> + +<p> +Pause. Stille. +</p> + +<p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie +scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“ +</p> + +<p> +Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? +Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit +Christine?“ schrie er vor Erregung. +</p> + +<p> +Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht +mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er +ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar +zurück.“ +</p> + +<p> +Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein +Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, +mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. +Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort, +während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen +aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen +– es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich +–, du hast dir doch Christines wegen eine +Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“ +</p> + +<p> +Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt +zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz +leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte: +„Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich. +Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene +zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und +immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was +ich tat.“ +</p> + +<p> +Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem +Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine! +Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte +auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie +holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, +diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine +hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt +hundert Christinen!“ +</p> + +<p> +Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt +nur eine,“ entgegnete er. +</p> + +<p> +Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg +lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht +aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese +Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf, +gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber +gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut +mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich, +daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme +bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei +mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu +zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag +bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, +und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß +stets Rat.“ +</p> + +<p> +Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. +Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf +der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-4"> +4 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">eißes</span> Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig +der Wirtin zu. Noch immer tyrannisierte er die alte +gutmütige Frau. Sie ließ sich alles von ihm gefallen. +Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre letzten +Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den +hübschen Jungen vergafft. +</p> + +<p> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig +zu machen. Während er sich mit dem Apparat den weichen, +kaum sichtbaren blonden Flaum von Wangen und +Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm +und hell in seinem Zimmer. +</p> + +<p> +„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ +sagte er mit seiner immer etwas spöttisch und hochmütig +klingenden Stimme. „Aber ich will Ihnen etwas sagen, +Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser Bursche. +Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik +ab, macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige +Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“ +</p> + +<p> +„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf +Georg ein. +</p> + +<p> +„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas +nicht, es verstimmt den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, +so hätte er Karl die Plastik zurückgeschickt.“ +</p> + +<p> +„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um +zu heizen.“ +</p> + +<p> +„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach +–“ +</p> + +<p> +Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich +früher geduzt hatten. Er hatte augenblicklich einen um +eine Nuance förmlicheren Ton gewählt, als sein Blick +Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien es Georg +wenigstens. +</p> + +<p> +Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er +immer Bewunderung empfunden und sich ihm ganz von +selbst untergeordnet. Einige Karikaturen Katschinskys +waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der +Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Georg kein Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm +betreten hatte. +</p> + +<p> +Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger +Mann. Er war blond und trug das Haar peinlich genau +gescheitelt. Er wirkte größer, als er tatsächlich war, und +auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das +etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten +Muttersöhnchens. Er war der Sohn einer Beamtenwitwe +in Hamburg, die ihren letzten Pfennig für ihn +opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld +hatte und es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund +zu sein, einer jungen Schauspielerin, die zu den schönsten +Frauen Berlins zählte. Wenn diese beiden jungen Menschen +sich auf der Straße oder in einem Restaurant zeigten, +so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung +auf sie. +</p> + +<p> +„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, +während er sich mit einem heißen Tuch, das die +alte Wirtin gebracht hatte, das Gesicht abtrocknete und +Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten, liebenswürdigsten +Lächeln zulächelte. +</p> + +<p> +„Fragen Sie ruhig.“ +</p> + +<p> +„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen +und Kinn mit einer zarten flockigen Quaste – „es +interessiert mich: tut es weh – das, Sie verstehen mich?“ +</p> + +<p> +Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die +Wangen. +</p> + +<p> +Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, +daß Sie mir böse sind, lieber Freund. Es interessierte +mich. Ich werde es ja nie tun, ich hätte gar nicht den +Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber Himmel!“ +Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +den Scheitel. Dann legte er den Kragen an und knüpfte +mit großer Sorgfalt die Binde. Er schien für eine Weile +die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben. +</p> + +<p> +Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch +staunte Georg über die Eleganz des modischen Anzugs, den +er heute trug. Die Hosen, an den Hüften weit geschnitten, +waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky Seidenstrümpfe +und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer +schwerer Seide. +</p> + +<p> +„Ich freue mich, daß es <a id="corr-2"></a>Ihnen gut geht, Katschinsky,“ +sagte Georg – und er schämte sich des heimlichen Gedankens, +daß Katschinsky ihm vielleicht aus der Verlegenheit +helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg +aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen +freier. +</p> + +<p> +„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er +kokett den Kopf über die Schulter drehte und spöttisch lächelte. +</p> + +<p> +„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es +an.“ +</p> + +<p> +Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, +wobei er das Gebiß von den Lippen entblößte. Seine +Zähne waren vorbildlich schön, regelmäßig, schneeweiß. +„Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist eine +sonderbare Art von Erfolgen!“ +</p> + +<p> +„Haben Sie viel gearbeitet?“ +</p> + +<p> +Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte +er und polierte sorgfältig die Nägel, „ich habe fast +nichts gearbeitet, seitdem wir uns nicht mehr gesehen +haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine +ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, +Weidenbach, aber ich hatte nie eine große Energie. +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +Wozu auch? Im übrigen habe ich nicht die geringste Begabung.“ +</p> + +<p> +„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief +Georg erstaunt aus und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal. +</p> + +<p> +Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose +Glaube an sein Können, der so deutlich aus Weidenbachs +Lachen klang, hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt. +Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, „ich habe es einmal +geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein Talent +habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht +haben. Ich müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt +mir die Energie.“ +</p> + +<p> +„Was tun Sie also?“ +</p> + +<p> +Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher +Junge, Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände +mit Puder einrieb. „Es ist möglich, daß Sie einmal ein +großer Künstler werden, gerade weil Sie so einfach und +aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. +Meine Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die +sie mir hinterließ, verkauft. Für den Erlös habe ich mir +Garderobe angeschafft. Ich tat das nur aus Eitelkeit, aber +es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste war, was +ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, +daß es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern +gibt, die elegant gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, +elegante Schuhe –, und man weiß nicht, wovon sie leben. +Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre Gesichtsfarbe +ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern +auch nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm +spazieren und trinken in den Hallen der vornehmen +Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben all diese jungen +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht verraten. +Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn +Sie sich so kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie +die Möglichkeit, in ihre Geheimnisse einzudringen.“ +</p> + +<p> +„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den +Maler ungeduldig und sah ihn mit einem neugierigen +Blick an. +</p> + +<p> +„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein +eitles, zynisches Lächeln umspielte seinen schönen Mund. +„Das ist nicht so leicht gesagt. Nun, wir leben, und wir +leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, Weidenbach, gut +tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, +um fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar +Schritte, man wird Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und +Liköre servieren, und wenn Sie besonders gute Figur +machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden erfahren, +daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit +einer hübschen Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden +Tadel gekleidet ist, ganz umsonst zu Abend speisen kann.“ +</p> + +<p> +„Ist es möglich?“ fragte Georg. +</p> + +<p> +„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die +Verblüffung dieses armen, abgehetzten, bleichen, vom +Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen bereitete. Er +schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am +Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf +und ab zu gehen, und in seinem Gang drückten sich Befriedigung +über die tadellose Kleidung und jenes Wohlbehagen +aus, das eine sorgfältige Toilette bereitet. Sein +schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen Lächeln, +während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, +knüpft Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und +dort eine hübsche Dame, die einen in ihr Haus einlädt. +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl sein. Und dann, +das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge von +Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen +zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, +wenn man es versteht. Aber, um ehrlich zu sein, +Weidenbach, darin bin ich noch Dilettant. Ich habe einen +Freund, früherer Offizier der russischen Garde. Oh, der +versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die +Hand, so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, +so lebt man also. Und wenn man so leben kann, +weshalb soll man sich anstrengen? Kunst – wer will +heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer versteht +etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“ +Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen +und blickte Georg nachdenklich an. „Es gibt übrigens +noch etwas, womit man mühelos Geld verdienen kann!“ +rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, aus. +„Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für +Sie!“ +</p> + +<p> +In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung. +</p> + +<p> +„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! +Am Ende sind Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld +brauchen und sich sagten, Katschinsky hat vielleicht etwas. +Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um Himmelswillen. +Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky +zeigte lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt +nichts Törichteres, als vor einem Katschinsky zu erröten. +Aber, um es nicht zu vergessen. Diese eine Sache, die +vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“ +</p> + +<p> +„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht. +</p> + +<p> +Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. +„Sie scheinen wenig begeistert zu sein, und die Sache ist +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +doch so einfach. Sie versuchen Kokain aufzutreiben. Sie +werden schon Leute finden, die Kokain haben, und wir +könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge +ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und +fröhlich. +</p> + +<p> +„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin +nicht für solche Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die +geringste Begabung.“ +</p> + +<p> +Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern +in den grauen Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er +dann leise. „Ich befürchte, daß Sie es nicht leicht haben +werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für solche +Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit +geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern +werden den Nutzen von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“ +</p> + +<p> +„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich +nur Arbeit habe,“ antwortete Georg, indem er sich erhob. +Der Zynismus Katschinskys widerte ihn plötzlich an. „Sie +sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie besuchte?“ +</p> + +<p> +„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier +auf und ab und warte auf einen telephonischen Anruf. +Ich muß wissen, wo heute abend gespielt wird, und dann, +sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“ +</p> + +<p> +„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den +Hut in der Hand. „Wie geht es Jenny Florian? Ist sie +noch in Berlin?“ +</p> + +<p> +Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. +Seine Augen schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter +Mund wurde plötzlich hart und herrisch. Dieses +Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war hochmütig und +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys freundliches +und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung +war. +</p> + +<p> +„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ +herrschte Katschinsky Georg an, und wie ein eigensinniges +Kind stieß er mit dem Schuh auf den Boden. Sofort +aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er versuchte +es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er +mit ruhigerer Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. +„Vergeben Sie mir, daß ich erregt wurde. Aber sooft ich +an Jenny denke, könnte ich rasend werden. Sie hat Karriere +gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren +Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie +sie lächelt, wenn sie mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal +auf einer Gesellschaft so nebenbei vorgestellt worden. +Jenny Florian, ich will Ihnen eines verraten, Weidenbach, +ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist +die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, +die es gibt. Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß +sie es versuchte. Sie versucht es jetzt mit dem Film, wir +werden ja sehen, wie weit sie kommt. Allerdings – in +diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben +aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! +Sie spielt nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird +jedes Engagement sofort brechen, wenn Sie ihr mehr bieten +können.“ Katschinskys Gesicht war während der letzten +Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. +Seine Lippen bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte +ein kalter böser Glanz. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick schrillte das Telephon. +</p> + +<p> +„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und +reichte Weidenbach flüchtig die kühle Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg +anzusehen, und eilte an den kleinen Schreibtisch, wo das +Telephon stand. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-5"> +5 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">eorg</span> stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja +sogar die Lippen gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, +Puder und Zahnwasser des Malers. +</p> + +<p> +Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte +Georg, während er, verwirrt von dem Besuch, zur Station +der Untergrundbahn eilte. Wenn er mit den Zügen +Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am +Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten +sich seiner. Was war aus Katschinsky geworden? +Was machte diese Zeit und diese Stadt mit den +Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein Schamloser. +Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky +geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine +Freundschaft warb. Und wie erregt er wurde, als er +Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort beschimpfte. +Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen, +lebe wohl! +</p> + +<p> +Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. +Die Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft +von der trockenen verbrauchten Luft, warfen schon Blicke +auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der Personalabteilung +aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon +Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen +Miene. Er zog die Brauen zusammen und sah +nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus. +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger +Mann,“ rief er aus, „aber immerhin – Christine März, +sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März, Christine – +sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte +damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte +Georg den Zettel mit den Fingerspitzen, als klebe Schmutz +daran. Es war eine etwas verrufene Straße. +</p> + +<p> +Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er +sich auf den Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem +die Verfolger auf den Fersen sind, schoß er durch die +Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses die Straßen +überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt +erreichte er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah +sich dieses Haus an. Sofort schüttelte er, enttäuscht und +niedergeschlagen, den Kopf. +</p> + +<p> +Die Adresse war vom August, und jetzt war man im +November. Es war recht gut möglich – ja es war sicher, +er fühlte es – daß Christine nicht mehr in diesem Hause +wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft +geben können. +</p> + +<p> +Und während er langsam und etwas zaghaft auf das +Haus zuging, quälten ihn wiederum die alten Gedanken, +die ihn seit drei Monaten marterten: Weshalb hatte sie +plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie Berlin +verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! +War sie gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War +sie krank? Lag sie in irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. +Unmöglich, gänzlich unmöglich war es ja, daß sie ihn +verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht +Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere +Beweise als das, was Christine getan hatte? +</p> + +<p> +Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Haus aus, ebenso verwahrlost, dunkel und finster wie die +Häuser ringsum. Neben dem Toreingang war eine +Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine +Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und +fragte nach der Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? +Das sei richtig hier. Im dritten Hof, parterre. +</p> + +<p> +Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. +Es brannten winzige Laternen, und die Wände +sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da und dort glomm +ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem gekocht +wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof +kam eine kleine Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. +Georg beugte sich vor, um unter das Tuch blicken zu +können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren Frau, die +still und lautlos weinte. +</p> + +<p> +Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, +und das Regenwasser plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten +Rinne mitten auf den Hof herab. Zwei Parterrefenster +des Hofes zeigten hinter herabgelassenen fleckigen +Vorhängen mattes Licht. +</p> + +<p> +Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort +roch er, daß er an der rechten Stelle war. Er roch die +Werkstatt eines Schlossers. Noch einen anderen Geruch +unterschied er – den Geruch von Kerzen. +</p> + +<p> +Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, +und Georg lugte durch den Spalt. Sein Herz +schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich gewesen wäre, +jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es – +was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. +Er hatte in der Erregung die Tür berührt, so daß der +Spalt sich vergrößerte. Da sah er, daß in der Stube, +der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken, +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, +gutmütig lächelnden Gesichts standen zwei flackernde +Kerzen. Er hörte ein gurgelndes Schluchzen und dann +ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte sich über Wände +und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist +jemand hier?“ +</p> + +<p> +„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte +Georg, und schon näherte sich die Gestalt der Türe. +</p> + +<p> +Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. +Seine Augen waren verweint. Er hatte sich offenbar mit +den schmutzigen Fäusten die Augen ausgerieben, so daß +dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine phantastische +Brille. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und +heftete den Blick scharf und funkelnd auf Georg. +</p> + +<p> +„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. +Der Blick dieses Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine +Auskunft haben.“ Er fragte, ob Christine März noch hier +wohne? +</p> + +<p> +Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen +Ausdruck an. „Die!“ knurrte er. Oh, die sei schon lange, +lange nicht mehr hier. „Aber was wollen Sie von ihr, +junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen, +die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate +Miete schuldig.“ +</p> + +<p> +Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück. +</p> + +<p> +Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm +nach: „Es ist noch eine Pappschachtel von dieser Person +hier, mit alten Lumpen! Vielleicht wollen Sie die Pappschachtel +haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den +Torweg eilte. +</p> + +<p> +„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb +gehen Sie so rasch. Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht +so schlimm gemeint. He, Sie!“ +</p> + +<p> +Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur +Straße lag, holte ihn der Schlosser ein. Nun erst bemerkte +Georg, daß der Schlosser mit dem beschmutzten +Gesicht betrunken war. +</p> + +<p> +„Sie wollten nach Christine fragen?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“ +</p> + +<p> +„Sie wollten?“ +</p> + +<p> +„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn +eines Betrunkenen in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ +fuhr er fort, indem er Georg auf einen Stuhl +schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen. Bringe +zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt +zu. „Ja, Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes +Kerlchen, aber –“ +</p> + +<p> +„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein +Herr,“ wandte er sich wieder an Georg und schob ihm ein +Glas Branntwein hin. „Es war nicht meine Absicht. Sie +haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot liegt, und aus +diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so außer +Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle +und nötigte Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger +Mann, damit Sie Farbe bekommen. He Anton! Auch +Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken. Sie +war garnicht so zimperlich.“ +</p> + +<p> +„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert. +</p> + +<p> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein +Gläschen zusammen, Ihre Christine und sie, die nun dahinten +liegt.“ Rusch deutete mit dem Daumen hinter sich. +</p> + +<p> +„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein +– und hast du nicht gesehen – auf der andern Seite fiel +sie wieder hinaus. Und wir lachten, hahaha! Alles lachte. +Was ist dabei, wir haben alle unsere Schwächen.“ +</p> + +<p> +„Christine fiel aus der Droschke?“ +</p> + +<p> +„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun +dahinten liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit +ich sehe, daß Sie mir nichts nachtragen.“ +</p> + +<p> +Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht +mehr bei ihm wohne? +</p> + +<p> +Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte +Gesicht zusammen. „Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen +Sie mich nachdenken? Ja, seit wann? He, Anton, erinnerst +du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die +soviel lachen konnte.“ +</p> + +<p> +„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, +bemüht, sein Erstaunen zu verbergen. +</p> + +<p> +„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, +scherzte, erzählte Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. +Sie wollte ja zum Theater gehen. Sie erzählte immer +Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär +zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum +Theater gehen. Oder zum Kino.“ +</p> + +<p> +Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. +„Auch Sie wissen nicht, wo Christine hingezogen +ist?“ fragte er. +</p> + +<p> +Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich +zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. +„Lassen Sie mich nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +„Mir scheint – eines Tages verschwand sie – ich weiß +es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“ +</p> + +<p> +Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak. +</p> + +<p> +„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser +in Georg. „Sind Sie Künstler? Christine erzählte +immer, daß sie mit Künstlern verkehre. Auf Ihre Gesundheit! +He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an +den Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt +da hinten, und die Tür steht offen. Sie trägt noch den +Ring an der Hand. Hier in diesem Hause lebt solch ein +Gesindel, <a id="corr-4"></a>das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser +Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal +einen verflixten Burschen, der erzählte mir, er brach in +einer Villa im Grunewald ein, und plötzlich, was sieht er: +einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. Aber das hat ihn +nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen +Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier. +</p> + +<p> +Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ +fuhr er berauscht fort, rückte näher und legte die +schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören Sie, noch eine +Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie +sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie +nicht einmal in der Zeitung. +</p> + +<p> +Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der +jüngste, aber vor zwanzig Jahren, da hätten Sie mich +kennen sollen. Da war ich ein toller Kerl. Ich hatte da +ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie +ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, +nur so groß, sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. +Aber wie die Frauen so sind, sie wollte Schuhe +aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit grauem +Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +hatte, dann wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so +ging es immer fort. Und wie es mit den Schuhen war, so +war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete damals in einer +Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, alle +die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen +sich wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann +ging Mariechen zu einem andern, denn die Männer liefen +alle hinter ihr her. +</p> + +<p> +Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören +Sie weiter, und Sie werden staunen. In der Fabrik arbeitete +ein Kollege. Er war ein einfacher Schlosser, aber +wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie glauben, +er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. +Er hieß Roth. +</p> + +<p> +Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: +Höre, Rusch, willst du viel Geld verdienen? Ich sagte, +warum nicht, denn Mariechens Geburtstag war nahe, und +ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. Mariechen +hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen +waren so schön, und wenn sie sprach, diese schöne +Stimme, und wenn man mit ihr tanzte, und alle verdrehten +die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie nicht dreimal +im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen +kurz erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es +ist lange her, und es ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser +Roth ging durch verschlossene Türen, genau so wie der +Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir arbeiteten also +zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren +vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine +lange Weile. Aber nun hören Sie, nun kommt das Interessante. +Wir gingen ja nun viel aus und tanzten, Roth, +Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir, +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler +ist verreist, bei dem ich das elektrische Licht repariert +habe. Hast du Courage? Ich sagte, weshalb nicht. Wir +gingen tags vorher um das Haus, und Roth zeigte mir +ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, +und wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. +Morgen abend, sagte Roth, morgen abend ist Neumond, +da wollen wir die Sache machen. +</p> + +<p> +Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. +Eine Straße vorher verließ mich Roth und sagte +mir, in genau einer Viertelstunde wirst du nachkommen. +Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt +zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam +aufgemacht, und ich steige ein. Wissen Sie, mein +Herr, was nun passierte?“ +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. +„Wie sollte ich es wissen?“ +</p> + +<p> +Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln +sichtbar wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar +Arme. Ich war der Polizei in die Hände gefallen. Haben +Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“ +</p> + +<p> +„Also hatte Roth Sie verraten?“ +</p> + +<p> +„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese +Falle gegangen. Er und Mariechen wollten mich loshaben, +und so ließen sie mich hochgehen. +</p> + +<p> +Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg. +</p> + +<p> +Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr +beide verloren. Und als ich herauskam, sehen Sie, mein +Herr, da kaufte ich mir ein Messer und einen Revolver, +und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich euch auch +finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +am Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von +Tanzlokalen. Und nun hören Sie, Herr, nun kommt das +Interessanteste.“ Rusch goß sich ein neues Glas hinunter. +„Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. +Eines Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. +Es war nicht sehr voll, und plötzlich, wen sehe ich? +Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie zu, und was glauben +Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte +den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf +sie zu. Roth riß sofort aus. Aber Mariechen, was glauben +Sie, was sie tat? Mariechen fiel in die Knie und schrie +so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen schreien hörte. +Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben +Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und +alle Eide, die ich geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf +und sagte, aber Mariechen, was gibt es denn zu brüllen? +Und sie weinte und schluchzte, und ich beruhigte sie. Da +wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde jetzt wieder +bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen +Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, +solche Dinge gibt es auf der Welt.“ +</p> + +<p> +Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die +Luft und brüllte: „Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun +liegt sie da hinten und ist tot! Mariechen! Mariechen!“ +Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf. +</p> + +<p> +„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du +wirst es schon verwinden.“ +</p> + +<p> +„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals. +</p> + +<p> +Georg erhob sich, um zu gehen. +</p> + +<p> +„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, +„bleiben Sie bei mir. Ich muß einen Menschen haben, mit +dem ich reden kann. Ich werde Sie nicht mehr mit meinen +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer Christine +sprechen.“ +</p> + +<p> +Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit +seiner Frau ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen +gebacken – ah, fein! Dann aber habe sie ihre +Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei +öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer +und habe sie ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, +dunkler gekommen, vielleicht ein Russe. Er kam immer +in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise ... +</p> + +<p> +Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, +daß der Schlosser ins Leere griff, als er mit den beiden +Fäusten nach ihm langte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-6"> +6 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg +Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon +nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr +bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe +aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten +ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht +kamen. +</p> + +<p> +Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß +der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem +erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich. +</p> + +<p> +Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er +unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere +hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose +las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch +nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner +blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf. +Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor, +fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick +wurde tapfer. +</p> + +<p> +Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters +denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser +Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig +in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am +Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister +waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der +ersten Operndirigenten Deutschlands. +</p> + +<p> +Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück +nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, +so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er +sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu +dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien +nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte +Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. +Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich +wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg, +und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man +wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. +Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit +er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins +Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel +mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den +Kopf. So war es also nichts. +</p> + +<p> +Nun, wenn nicht hier, so anderswo. +</p> + +<p> +Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine +Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. +Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche +Beine haben. Die Konkurrenz lauerte. +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen +der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen +Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern, +elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe +an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man +einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war +doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal +kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. +Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky +auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen +Diele den Tee schlürfte? +</p> + +<p> +Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot +lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein +Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg +hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für +ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. +Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den +Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie +wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten, +mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den +Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. +Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, +röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im +Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder +durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein +wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten +knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am +Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden. +</p> + +<p> +Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem +jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen +Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie +lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe +an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und +flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam +am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht, +seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt. +</p> + +<p> +Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos +warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte +er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber. +Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte +zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn +das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch +schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm, +reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch: +Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, +Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner +dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er +sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub +sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete. +Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter +Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis. +</p> + +<p> +Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken +Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, +ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war +es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich. +Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten +Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die +Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen +Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht. +</p> + +<p> +Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. +Dann saß er die ganze Nacht aufrecht. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-7"> +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +7 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen +war es noch völlig finster – erschienen die Massen der +Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es +waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen +überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend +auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in +den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht +und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht +vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem +Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und +manche krümmte der Husten bis zum Boden. +</p> + +<p> +Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten +Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und +warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt, +redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern, +fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, +die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde +waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so +gering war die Zahl der offenen Stellen. +</p> + +<p> +Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone +der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten +sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde, +stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten +sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden +Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu +schleppen? +</p> + +<p> +Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt +hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher +waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die +Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die +Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente +der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren +Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager +der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung +erwartet werden. +</p> + +<p> +Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still +in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu +Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen +mehr und mehr an. +</p> + +<p> +Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei +Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor +den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten +Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten +sich. Oft schwankte er beim Gehen. +</p> + +<p> +Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu +verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, +gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der +auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner +Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken +kauerten andere Schatten. +</p> + +<p> +Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare +huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei +den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene, +die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde +kam die Stadt während der ganzen langen Nacht +zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende +Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte. +Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald +der langsame Schritt in der Ferne verklang. +</p> + +<p> +Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der +schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in +der stillen Nacht. +</p> + +<p> +In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei +Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach +Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das +Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit +und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. +Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf +dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit +blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und +mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend +und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. +Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert, +seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag +in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde. +</p> + +<p> +Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war +eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand +als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei +ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte +und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde +abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten. +</p> + +<p> +Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln +aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends +die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete +er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger +war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte +er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, +zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein +Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um +sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war +ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte +und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, +die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in +den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum +war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und +Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken +und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute +er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war +sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! +Während die Mitschüler in den Straßen spazieren +gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, +Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei +der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den +Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, +das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der +Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. +Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese +Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand +an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. +Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, +ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, +und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach +war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen +Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie! +</p> + +<p> +Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen +Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit +Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte +und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen +Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie +die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. +Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus +geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm +ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen +begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider +nichts schicken könne. +</p> + +<p> +Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen +des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht +auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-8"> +8 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">itten</span> im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg +plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach. +Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf +geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser. +</p> + +<p> +Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen? +</p> + +<p> +Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als +Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. +Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen, +hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann +Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten +blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser +in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. +Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen. +</p> + +<p> +Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die +Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger +widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei +Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er +endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in +dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte +die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er +an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine +Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß +bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen +wollen. +</p> + +<p> +Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst. +</p> + +<p> +Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen +jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, +die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen. +Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden +Menschen, denen man auf Schritt und Tritt +begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die +Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden +hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit +eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch, +ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos +vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren +Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden +und den hündischen Blicken der Bettler verschont. +</p> + +<p> +Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, +seht an, sagte er sich, ein Rückfall! +</p> + +<p> +Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, +dem es so erging. Es waren viele, viele, da draußen im +Osten, unter den Arbeitslosen und Armen litt jeder zehnte +Mensch an diesem Übel. +</p> + +<p> +In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und +sein Schritt immer müder, sah er einmal ganz plötzlich +Katschinsky. Fast hätte er ihn übersehen. Es war in der +Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit einem +jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt +schnell die Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, +um in ein Auto zu steigen. Er trug einen herrlichen +mausgrauen Mantel und einen grauen Plüschhut. Der +Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft. +</p> + +<p> +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte +er ihn erkannt? Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg +beobachtete, wie er nervös in den Wagen kroch. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz +Unverständliches, etwas, was Georg, wenn er sich dessen +erinnerte, nie begriff. Plötzlich sprang er mit zwei, drei +wilden Schritten auf das Auto zu, um an die Scheibe +zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. +Gottlob. +</p> + +<p> +Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die +Lippe: so ging es nicht weiter, nicht einen Tag länger. +Ein Entschluß, ein Entschluß! +</p> + +<p> +Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch +die Straßen auf. Da aber erwachte ein Gedanke in seinem +Kopf. Weshalb war er nicht schon früher auf diesen Gedanken +gekommen? +</p> + +<p> +Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für +Obdachlose, wo er zuweilen übernachtete, einen kleinen, +alten Bettler kennengelernt hatte, der, in eine Wolke von +Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. Dieser +Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen +sogar im Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften +Firma, einem Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose +beschäftige. Diese Firma sollte sich in der Lindenstraße +befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, da es +in ein großes Gerüst eingehüllt sei. +</p> + +<p> +„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist +es nichts, aber für Sie ist es vielleicht etwas, junger +Mann. Fragen Sie getrost nach einem Herrn Schellenberg. +Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging also +in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser +Herr Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +kam zufällig die Treppe herunter. Was glauben Sie? Er +schenkte mir sofort fünf Mark und befahl seinen jungen +Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine +Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin +und meldest dich da und da.“ +</p> + +<p> +„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht. +</p> + +<p> +„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist +nichts für mich, ich bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. +Ich habe ganz einfach die Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“ +</p> + +<p> +Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, +daß Georg sie für eine Phantasie des Schnapses +halten mußte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da er +der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: Und +doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg +wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er +konnte ja nachsehen, wie? Es kostete ja kein Geld! Er +befand sich in dieser Minute beim Wittenbergplatz, und +es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur Lindenstraße. +</p> + +<p> +Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in +dieser Sekunde noch, auf den Weg zu machen. Wenn es +auch schon spät am Tage war, vorwärts. Und sofort +begann er auszuschreiten. +</p> + +<p> +Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, +keuchend und in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. +Ja, nun hatte ihn wieder jegliche Hoffnung verlassen. +Das Geschwätz eines Säufers. +</p> + +<p> +Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich +ein Haus, das ganz in Gerüststangen eingehüllt war. +Es roch nach Kalk und Nässe. Das Erdgeschoß war mit +einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf stand +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! +Tretet sofort ein! Jede Auskunft!“ +</p> + +<p> +Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war +hell erleuchtet. +</p> + +<p> +Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und +übermüdet: „Bedaure, es ist geschlossen.“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem +langen Arbeitskittel, wie ihn Architekten und Maler bei der +Arbeit tragen, über den Korridor und warf einen Blick +auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im Begriff, +in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen +und sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war +schneeweiß, die Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen +darin fieberten ohne Blick und Gedanken. +</p> + +<p> +„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein +Herr,“ sagte der junge Mann und lächelte liebenswürdig. +Er blickte zu Boden, dachte nach und winkte dann mit dem +Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was ich +für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem +Pförtner zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, +hören Sie!“ Und zu Georg gewandt, fuhr er fort: +„Wir haben in den letzten Tagen fünftausend Leute angenommen +und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen +Pfennig Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann +zu bezahlen. Aber treten Sie ein. Ich sehe, Sie sind leidend, +und ich will sehen, was ich für Sie tun kann.“ +</p> + +<p> +Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm +mit einer solch schlichten Freundlichkeit gesprochen wie +dieser junge Mann. +</p> + +<p> +„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ +wagte Georg zu fragen. +</p> + +<p> +Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +einen kleinen Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen +Sie sprechen?“ sagte er leise, mit dem Ausdruck äußersten +Erstaunens. „Haben Sie besondere persönliche Empfehlungen +an Herrn Schellenberg?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein,“ stotterte Georg. +</p> + +<p> +Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, +Herrn Schellenberg zu sprechen, ganz unmöglich. Herr +Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am Tag, und ich +selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede +Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah +Georg prüfend ins Gesicht und sagte nach einer Weile: +„Gehen Sie in dieses Zimmer. Man wird Ihnen unsere +Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles +Gute!“ +</p> + +<p> +Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. +Er war geneigt, Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, +und es konnte ihm völlig gleichgültig sein, was dieser +Unternehmer Schellenberg bot. Man informierte ihn, daß +er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und wies +ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an. +</p> + +<p> +Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als +er sich zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. +Vielleicht träume ich, vielleicht ist es das Fieber? +Vielleicht ist es das Ende? Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung +ein. +</p> + +<p> +Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem +Erstaunen noch immer auf der gleichen Pritsche. Es war +also kein Traum, keine Gaukelei des Fiebers gewesen. +Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand, +mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer +kleinen Stadt in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle +zu melden. +</p> + +<p> +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle +fuhr, beugte er sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals +zu sehen, durch die er wochenlang wie ein Hund, der seinen +Herrn verlor, geirrt war. +</p> + +<p> +Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken +von Dampf stiegen aus der Stadt empor und hüllten +ganze Viertel in dichten Dunst. +</p> + +<p> +„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, +um in Wirklichkeit durch eine Geste seine Erregung zu +verraten – breitete er in Gedanken die Arme gegen die +Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“ +</p> + +<p> +Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen +Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm +die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich. +Komm! Ich liebe dich noch immer!“ +</p> + +<p> +Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich +ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und +eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte, +erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich. +Trotz allem. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-9"> +9 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. +Hier auf dem fetten mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, +stillen, dünnbesiedelten Landschaft hatte sich vor +zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut Klein-Lücke +gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment +genommen hatte. +</p> + +<p> +Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, +schweren Händen, die immer etwas rot waren, und einem +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +kantigen, massiven Schädel. Er war früh ergraut und +wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein leichtlebiger +Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst +des Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz +plötzlich von der Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. +Irgend etwas hatte sich ereignet, er sprach nie darüber. +Eine Frau? Das Schicksal einer der vielen? Wer +weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und +es fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr +schweigsamer wurde. Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, +dann überhörte er sie, und schließlich ließ man +ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein Lebenswandel +ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren +Jahren war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und +war furchtbaren Zornesausbrüchen unterworfen, unter +denen er mehr noch als seine Umgebung litt. Die Maßlosigkeit +der Jugendjahre schien wieder durchzubrechen. +Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal +mit der Hundepeitsche nahezu tot. +</p> + +<p> +Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, +kaum vierhundert Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. +Die Felder stachen gegen die Äcker der Nachbargüter +derartig ab, daß man glauben konnte, der Boden +sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ +und Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. +Wenn nur eine Schaufel am unrechten Ort stand, so begann +die Stimme des Majors zu gellen. Die Ställe! +Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich. +</p> + +<p> +Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst +im Schelten war er wortkarg. Er redete in einer Art +von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit zog er sich in +seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er +langsam seinen Rotwein schlürfte und drei Zigarren +rauchte. Nie mehr. Sein Spezialgebiet waren Werke über +Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich den Großen, +kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur interessierte +ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht +durch, aber in früher Morgenstunde war er wieder auf +dem Hof. +</p> + +<p> +Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten +Lähmung des linken Armes und der linken Schulter. Der +Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein einreiben, und +als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche +zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ +Schließlich ging er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, +wie er angenommen hatte, es war eine Lähmung, die langsam +aber stetig fortschritt. +</p> + +<p> +Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. +Er verwünschte sein Dasein; ohne mit der +Wimper zu zucken hätte er sein Leben für sein Land hingegeben. +Während der Kriegsjahre war er nachsichtig +gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er +schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den +Tischen in der Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des +Krieges konnte er nicht verwinden. Er sprach nun überhaupt +nicht mehr, zog sich völlig zurück und vernachlässigte +sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens +von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den +Kopf. Man hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, +mitten in der Nacht. Es war ein Laut, als falle ein Baum. +</p> + +<p> +Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert +durch ein verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein +entsetztes Kind. Das war die Gattin des Majors. Sie +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +hatte den dumpfen Fall gehört und wußte augenblicklich, +was geschehen war. +</p> + +<p> +Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im +Wesen völlig verschieden von ihrem Gatten. Sie war +verträumt und ging durch die Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. +Sie zitierte Verse von Goethe und Heine und +las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg +hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang +auch jetzt noch zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, +etwas zittrigen Stimme. Das aber tat sie nur, wenn sie +sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten Hände +und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten +Jahren hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von +ihm noch beachtet zu werden. Er sah sie kaum mehr, auch +wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. Nach dem Tode des +Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof +verfiel. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-10"> +10 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten +die Statur ihres Vaters. +</p> + +<p> +Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben +massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich, +daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten +Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, +oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel +hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des +Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der +Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton, +der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht +tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie +junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte +sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, +verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. +Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, +die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit, +ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst +niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug +– ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn +einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten +Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn +sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von +zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten, +was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, +Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund +– genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein +bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen +Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der +Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die +Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei +Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige +Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig, +und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael +einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen +hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit +hinkte Michael ein wenig. +</p> + +<p> +Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester +der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer +kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten +reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle, +mächtige Prügel schwingend, durch die ganze +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum +Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich +das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über +das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf +einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu +treiben. Es waren richtige Teufel. +</p> + +<p> +Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, +wurde Landwirt und Chemiker. +</p> + +<p> +Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael +einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. +Diese Laboratorien bildeten einen Komplex +wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der +wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. +Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, +als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand, +das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten +Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt +bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die +Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem +jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe +in den Schoß. +</p> + +<p> +Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff +sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst +praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen +würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. +Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, +als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in +aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert +Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert +Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa +fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. +Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit +hätte unterbringen können. +</p> + +<p> +Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe +mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des +Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete +sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett +geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus +und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug +bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine +von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war +geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß +ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager +explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! +Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die +durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die +unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der +Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine +rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten +stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit +dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere +Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines +Vulkans, surrten heulend durch die Luft. +</p> + +<p> +Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes +erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich +handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete, +die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein +Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und +es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge +Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt +in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen +gab. +</p> + +<p> +„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +befreien. Zweitens müssen wir die Toten bergen. Drittens +müssen wir sofort die Straße vom Schutt räumen, um +sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir +alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres +Unglück zu verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder +aufbauen. Vorwärts, schafft Leute! Und sofort eine +Telephonverbindung!“ +</p> + +<p> +Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine +Anweisungen, immer in seinem verknitterten Schlafanzug. +Aber niemand kam es in den Sinn, darüber auch nur zu +lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und +erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht. +</p> + +<p> +Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die +Schallwelle der Explosion über ihn hinweggesprungen sein +mußte, da sie ihm anders das Trommelfell zerrissen hätte. +Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige schlaflose +Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung. +</p> + +<p> +Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen +Versuchsgut der Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er +veröffentlichte in dieser Zeit eine Reihe von Aufsätzen über +Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die die Aufmerksamkeit +der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin +erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, +und so geschah es, daß Michael nach Berlin kam. Aber +schon nach einem Jahre drehte er diesem Institut den +Rücken zu. +</p> + +<p> +Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken +und erwarb ein dreihundert Morgen großes +Gut in der Nähe von Berlin – Sperlingshof –, das er +zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges umwandelte. +Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die +Schellenberg taten alles leidenschaftlich – richtete er +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +seine Energie auf die Erde, den Boden, der, fast unbekannt, +unerforschter als die chemischen Elemente, seine +Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch schon +Tausende von Jahren bebauten. +</p> + +<p> +Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und +Gartenbaus, die Michael auf Sperlingshof nicht versucht +hätte. Es gab keine Maschine, die er nicht ausprobiert +hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, Regenanlagen, +Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, +sauber etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. +Der Boden war schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. +Wie eine Oase lag Sperlingshof in der kargen Landschaft. +Fachleute kamen, staunten, disputierten, kritisierten. +Michael arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Die +chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn monatelang. +Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel +eine Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. +Michael bewies, daß die Großstädte jährlich Hunderte +von Millionen an kostbaren Nährstoffen in ihren +falsch behandelten Abwässern verschwendeten. Europa, behauptete +er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter +Weise die Probleme des Landbaus vernachlässigt. +</p> + +<p> +Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. +Plötzlich taten sich – im Zusammenhang mit ihnen – +ganz ungeheure Horizonte auf. In der Einöde von Sperlingshof +wurde Michael von sozialen und soziologischen +Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend +für sein ganzes Leben werden sollten. +</p> + +<p> +Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine +Lebensaufgabe erblickte! +</p> + +<p> +Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. +Er hatte im Osten der Stadt ein paar Zimmer +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +gemietet. Hier arbeitete er Tag und Nacht, und Bücher, +Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen Tischen. +</p> + +<p> +Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im +ersten Winter kam Wenzel nach Berlin, um sich eine +passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel Arbeit +und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast +alle Abende zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft +zugetan, obschon Michael in seiner Entwickelung eine +ganz andere Richtung eingeschlagen hatte. +</p> + +<p> +Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete +Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten +Raucheisen, dem Chef des Raucheisen-Konzerns, dem ein +großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein deutsches +Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der +gegen achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel +ließ seine Familie nachkommen, Lise und die beiden +Kinder, und richtete sich irgendwo im Westen eine luxuriöse +Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen sich die Brüder – +ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im letzten +Winter nur zweimal. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-11"> +11 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von +Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. +Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in +der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter +wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft +der besten und verantwortungsvollsten Köpfe +Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden +am Tag und mehr. +</p> + +<p> +Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich +nach Wenzel umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, +ihn aufzusuchen. Merkwürdigerweise dachte er in diesen +Wochen häufig an den Bruder. +</p> + +<p> +Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post +einen umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt +vorkam. Die Schrift und die grünlichschillernde +Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da erinnerte er +sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels +war, einer Frau von dem Busch, einer arroganten und +herrschsüchtigen Dame, der er am liebsten aus dem Wege +ging. +</p> + +<p> +Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon +etwas ärgerlich. Ich habe gehofft, sie würde mir für +immer böse sein, wegen unseres letzten Disputs. Sie hatten +damals über Sozialismus debattiert, und Michael, +den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt +hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und +Faulpelze, die sich volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten +mit ziemlicher Schärfe bewiesen, daß sie nicht einmal +wisse, was Sozialismus sei, obschon sie ihn verdamme. +</p> + +<p> +Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in +ihrem Leben nichts gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten +Deckchen abgesehen. Vom frühen Morgen bis zum +späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie +tat nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, +sie verbreitete Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, +Nizza, Italien, Marienbad. Ohne Unterbrechung hatte sie +es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat gewesen +und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Wovon bestritt sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand +wußte es. Sie hatte große Pläne mit ihrer einzigen +Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz Außergewöhnliches +hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt +oder einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. +Sie konnte es Wenzel niemals verzeihen, daß er ihre Pläne +zunichte machte. +</p> + +<p> +„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, +nachdem er einen Blick in den Brief geworfen hatte, +und steckte ihn in die Tasche. Erst am Abend, als er +seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant einnahm, +machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht +an Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu +schaffen? +</p> + +<p> +Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in +schlechte, nervöse Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, +zuweilen aber amüsierte er sich und mußte laut +auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? Wenzel? +</p> + +<p> +Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß +sie an Michaels gute Eigenschaften glaube, während sie +bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute Eigenschaften entdecken +konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine +boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe +an Sie, Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn +Sie auch heute vielleicht noch Weltanschauungen huldigen, +die ich nicht billigen kann, ja, die ich bekämpfen muß. +Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche Unverschämtheit!“ +sagte Michael laut vor sich hin.) +</p> + +<p> +„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem +Busch fort, nachdem sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt +hatte. „Sie schreibt wenig, ausweichend und unaufrichtig. +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen diese Ehe eingenommen +war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. +Was könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie +verkehrten nie in meinem Hause, Sie können also nicht +wissen, wer bei mir aus- und einging, der höchste Adel und +sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten Lise und prophezeiten +ihr eine große Karriere, und Professor Livonius +sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper +sein. Ich verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all +das denke. Ich habe meine Tochter Ihrem Bruder nicht +gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach geraubt, geraubt +wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael +laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. +In der Tat hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, +es war am Anfang des Krieges, und Wenzel hatte +nur fünf Tage Urlaub.) +</p> + +<p> +Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über +den Verfall der Sitten kam Frau von dem Busch wieder +zu ihrem Thema zurück. Ihre schlimmsten Befürchtungen, +schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise schreibt mir, +daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr +besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast +alle Menschen, von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt +ist diese Alte, dachte Michael zornig.) „Denn, +wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle seine +Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, +und sie hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten, +Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. +Aus Freundschaft und Achtung zu unserer Familie +verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein Wunder, daß einer +nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief +unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +lieber Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht +mehr im Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was +ist mit Wenzel? dachte Michael erschrocken über diese unerwartete +Nachricht.) „Weshalb? Wissen Sie den Grund? +Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und ausgezeichnet +bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie +mir Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner +Bekannten konnte ich Positives nicht erfahren, sie +machten nur Andeutungen, die mich noch mehr beunruhigten. +Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach +Berlin gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach +Bremen reisen und von dort aus nach Frankfurt am +Main, wohin mich eine alte Freundin dringend bittet. Ich +hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter +habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! +Welch törichter Stolz, sich vor seiner Mutter zu schämen. +Aber ich kann mir vorstellen, daß Lise nicht gerne über +diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß nicht, ob +Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir, +daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen +Ruhelosigkeit ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht +nach Hause. In ihrem heutigen Briefe nun gesteht mir +Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften abwesend +ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten +Erregung befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“ +</p> + +<p> +Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen +und mit einem leichten Erschrecken gelesen. Der +Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu gehen, sie auszuforschen +und sodann ihr, Frau von dem Busch, ausführlichen +Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine +Nachricht. +</p> + +<p> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt +und beunruhigt verließ er das Restaurant. +</p> + +<p> +Er beschloß, Lise morgen zu besuchen. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich +Michael auf den Weg zu Lise. Sie wohnte draußen im +Westen, in einer jener Straßen, die sich alle gleichen, in +einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle verschieden +sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. +Neben dem Lift stand eine Bank aus weißem Marmor, +auf die sich niemand setzte, weil sie eisigkalt war. Lise +aber fand Treppenhaus und Bank herrlich. +</p> + +<p> +Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem +Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter +Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“ +rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es +möglich war. +</p> + +<p> +„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“ +</p> + +<p> +Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. +Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen +hohen, etwas spitzen Sopran. +</p> + +<p> +„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. +„Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu +Ende sein.“ +</p> + +<p> +„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat +Michael. +</p> + +<p> +Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, +erscholl lautes und freudiges Geschrei der beiden Kinder. +Marion, das Mädchen, das die Züge Lises trug, wollte sich +augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf einem +Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, +Gerhard – schon jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas +derben Züge der Schellenberg –, schrie die Schwester +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +in erregtem Tone an. „Steige nicht aus, Marion! Du +wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen! +Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, +daß dieser Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben +auf dem Kleiderschrank. In der Hand hielt er eine Tute +aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an den +Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in +großer Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und +etwas vernachlässigt. In der Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr. +</p> + +<p> +„Was gibt es?“ fragte Michael lachend. +</p> + +<p> +„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert +ist, Onkel,“ erklärte Gerhard hastig und erregt vom +Schrank herab, denn er fürchtete, das Spiel könnte gestört +werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und tute um +Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich +ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der +Wind bläst – huh!“ +</p> + +<p> +Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während +sie sich krampfhaft an ihrem Schemel festhielt, als fürchte +sie fortgeweht zu werden. In ihrer Angst hatte sie sich +das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, in Tränen +auszubrechen. +</p> + +<p> +„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, +„wenn du ins Wasser fällst, so ziehe ich dich sofort wieder +heraus!“ +</p> + +<p> +„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm +du bist!“ +</p> + +<p> +„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine. +</p> + +<p> +„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard. +</p> + +<p> +Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und +rutschte auf einem Stuhl über den Fußboden langsam +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +heran an Marions Schemel. Er warf Marion unter vielen +Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel in +eine Ecke. Nun waren sie angekommen. +</p> + +<p> +„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind +auf der Pfaueninsel.“ +</p> + +<p> +Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, +wild und laut geschrien hatte, war plötzlich sanft und +weich. „Weshalb kommst du so selten, Onkel? Man sieht +dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael mit einem +langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in +die Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange +mit Küssen, während sie die dünnen Arme um seinen Hals +legte. +</p> + +<p> +„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, +denn er fühlte, daß der Knabe ihm nicht glaubte. +</p> + +<p> +Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer +Arbeit!“ sagte er und zuckte geringschätzig die Achsel. +„Auch Papa behauptet immer, er müßte arbeiten, und dabei +sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“ +</p> + +<p> +„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. +„Pfui, wie häßlich. Was sagst du da? Wer sagt dir, daß +Papa Tag und Nacht in den Weinstuben sitzt?“ +</p> + +<p> +„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die +Lippen. +</p> + +<p> +Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit +Marion zusammen eine Schokoladenstange verspeisen. Sie +aß an einem Ende und er am andern, bis sie mit den +Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie +zusammen spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael +ihnen entrissen wurde, sobald die Gesangsstunde zu +Ende war. +</p> + +<p> +„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +spielen? Wir wollen den Mont Blanc besteigen, willst +du?“ +</p> + +<p> +„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd +zu. „Wie geht das: den Mont Blanc besteigen?“ +</p> + +<p> +Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont +Blanc. Onkel, man muß auf den Schrank klettern, und +ich fürchte mich.“ +</p> + +<p> +„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief +der Knabe und stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend +Meter, was ist schon dabei?“ +</p> + +<p> +Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn +ich in deiner Nähe bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh +zu, ich werde dich an der Hand führen, und es wird dir +nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was schadet +es, so fällst du in meine Arme.“ +</p> + +<p> +Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. +Ein Tisch wurde an den Schrank geschoben und +auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An den Tisch wiederum +wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit +einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit +einem Stock bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug +mit dem Stock Stufen in das Eis, er ließ Warnungen ertönen, +so daß Marion zu zittern anfing. Schließlich aber +ging alles gut ab, und alle drei waren oben. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür +und sagte, während sie in lautes Lachen ausbrach: „Die +Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie sofort der gnädigen +Frau melden.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-12"> +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +12 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den +Korridor eilte. Michael stieg mit Marion auf dem Arm +vom Mont Blaue herab und begab sich in die Diele. +</p> + +<p> +Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen +hörte er die erregte Stimme seiner Schwägerin. Sie +zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit bestürzter Miene +durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine +Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster +Erregung und blickte Michael mit zornigen Augen an. +</p> + +<p> +„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob +das zögernde Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie +dem Herrn, was ich Ihnen sagte: Ich will nichts mehr +mit den Schellenberg zu tun haben!“ +</p> + +<p> +Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. +Er griff mit einer bedauernden Geste nach Hut +und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, Lise,“ sagte er und +zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen.“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in +die Diele und riefen: „Michel! Michel!“ +</p> + +<p> +Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ +herrschte sie die Kinder an. +</p> + +<p> +Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte +er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so +außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe +hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne +jede Erwiderung eingesteckt hatte. +</p> + +<p> +Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie +mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein: +„Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen! +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß +das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war! +</p> + +<p> +Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen +und der weißen Marmorbank erreicht, als das +junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige +Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals, +sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen +Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, +fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu: +„Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat +schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“ +</p> + +<p> +Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie +streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll +Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin +in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch +nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl +gewesen und verstehst alles.“ +</p> + +<p> +„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael +mit gerunzelter Stirn. +</p> + +<p> +„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen +Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um +ihre Beschämtheit zu verbergen. +</p> + +<p> +Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit +neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen +Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll +und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen, +die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, +waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein +heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte +über der Stirn. +</p> + +<p> +Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den +Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher +Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten +Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in +grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm +und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel. +</p> + +<p> +„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte +Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte +sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach +dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester +Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. +„Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer +in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann +und seiner Frau.“ +</p> + +<p> +Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem +kleinen, glucksenden Lachen, solange das Mädchen im +Zimmer war. +</p> + +<p> +Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, +als sie erregt nach Michaels Hand tastete und mit hilflosem +Blick fragte: „Hast du Wenzel gesehen?“ +</p> + +<p> +„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte +Michael. „Ich habe ihn nicht gesehen und wollte euch +heute besuchen.“ Er sprach etwas unsicher und stockend, +es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief von Lises +Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in +der Welt, ist mit Wenzel?“ +</p> + +<p> +Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging +ein paar Schritte, während sie die Zigarette zwischen den +Lippen zernagte. „Was mit Wenzel ist?“ fragte sie. Sie +blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“ +</p> + +<p> +„Du weißt es nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr +von Wenzel. Es ist alles merkwürdig. Daß er nicht mehr +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +bei Raucheisen tätig ist, weißt du wohl? Der alte Raucheisen +hat ihn entlassen.“ +</p> + +<p> +„Entlassen?“ +</p> + +<p> +Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, +jedenfalls ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und +irgend etwas muß ja wohl vorgefallen sein. Ich habe mit +einigen Freunden Wenzels gesprochen, die bei Raucheisen +arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann +gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den +Grund zu gehen. Denn es gehen Gerüchte, Michael! +Aber die Herren machten nur Ausflüchte. Sie sagten +nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei +Raucheisen aus.“ +</p> + +<p> +Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen. +„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen +gefallen,“ sagte er. „Laß dich doch von den Leuten +nicht beschwätzen, Lise.“ +</p> + +<p> +Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und +wurde immer erregter und geriet nahezu wiederum in den +früheren Zustand der Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich +bin doch nicht irgendeine kritiklose Person, Michael. Es +ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei Raucheisen +vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel +ohne jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem +Hause gegangen ist!“ +</p> + +<p> +„Er hat dein Haus verlassen?“ +</p> + +<p> +Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe +nicht, wie ich das alles ertragen habe. Oh, diese Schmach +und Schande, mich hier sitzen zu lassen mit den Kindern. +Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr nur +anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen +sie nicht glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +hätte irgendeine Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, +die alle hohe Beamte und Militärs sind, korrekt bis +in die Fingerspitzen – für die es so etwas einfach nicht +gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht –“ +</p> + +<p> +„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie +sich Mühe gab, sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf +dem Diwan Platz. „Höre zu, Michael. Über ein Jahr +war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor sieben, +jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand +er auf, und er machte sich selbst das Frühstück in der +Küche, denn ich konnte dem Mädchen doch nicht zumuten, +so früh aufzustehen. Zwischen sieben und neun Uhr abends +kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, Gesellschaften. +Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem +Vierteljahr hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. +Ich atmete auf, denn die Jahre während des Krieges, die +ich bei Mama zubrachte, waren nicht leicht gewesen.“ +</p> + +<p> +„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“ +</p> + +<p> +„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem +Eifer und einer Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. +Er war lieb und reizend zu mir. Obwohl er den ganzen +Tag arbeitete, war er abends in den Gesellschaften noch +in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in Falten. +„Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, +er schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins +Haus, die mir nicht sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, +einen früheren Oberleutnant der Fliegertruppe?“ +</p> + +<p> +„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich +hörte seinen Namen.“ +</p> + +<p> +„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. +Wie eine Ratte. Dann kam noch ein früherer Leutnant. +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Seinen Namen habe ich vergessen. Sie schlossen sich in +Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und plauderten.“ +</p> + +<p> +„Spielten sie?“ fragte Michael. +</p> + +<p> +„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, +und Wenzel hatte seine Periode. Du weißt, daß er Perioden +hat, wo er trinken muß.“ +</p> + +<p> +„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte +Michael mit einem breiten Lächeln. +</p> + +<p> +„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, +Geschäfte. Davon verstehst du nichts. Warte!‘ +Dann kam er oft nach Mitternacht nach Hause und noch +später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab +Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. +Das sage ich dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt +die verkrampfte Hand vor Michaels Gesicht. „Wenn ich +herausbekomme, daß er mich schon damals mit Frauenzimmern +hintergangen hat, dann soll es ihm leid +tun!“ +</p> + +<p> +„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. +Vielleicht spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er +hatte ja früher zuweilen diese Leidenschaft. Urteile doch +nicht so hart.“ +</p> + +<p> +„Du verteidigst ihn?“ +</p> + +<p> +„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. +Kann ein Mensch denn nicht Leidenschaften +haben?“ +</p> + +<p> +Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? +Mit welcher Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie +sich – „meinetwegen auch Leidenschaften – solange +andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast du recht, +Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +Denn zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit +jener unangenehmen Geste auf den Tisch, die er hat, wenn +er viel Geld besitzt.“ +</p> + +<p> +Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender +sind mir lieber als Geizhälse, Lise.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ +lenkte Lise ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch +nachsichtig urteile – nach allem, was geschehen ist? Nun +höre weiter. Schließlich blieb Wenzel ganze Nächte weg. +Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus +schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich +machte ihm Vorwürfe. Er erwiderte nur, er habe zu +arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn ich wußte, +daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung +war. Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er +gar nicht mehr bei Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie +ein Wort darüber gesagt.“ +</p> + +<p> +Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich +peinlich sein. Verstehst du nicht, Lise?“ +</p> + +<p> +Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. +Er kam nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er +einen Boten mit Geld. Das ist alles, was ich von ihm +höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! Wenn +es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder +nehmen und mich ins Wasser stürzen.“ +</p> + +<p> +„Lise!“ Michael lächelte. +</p> + +<p> +Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, +Michael, daß alle meine Verwandten hohe Beamte und +Militärs sind!“ +</p> + +<p> +Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht +böse, Lise,“ sagte er, „es langweilt mich, immerzu von +deinen Verwandten zu hören. Wir Schellenberg sind auch +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht lächerlich +–“ +</p> + +<p> +„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. +„Ah, ein Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ +Sie stand auf, erregt, feindselig. +</p> + +<p> +Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ +sagte er. Und sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. +„Höre, Lise, sprich jetzt offen: Was, in Teufels +Namen, ist vorgefallen?“ +</p> + +<p> +Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: +„Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. +Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir +zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen +wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem +Tag auf den andern.“ +</p> + +<p> +Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! +Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher +würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen. +Ich kenne ihn ja.“ +</p> + +<p> +Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch +nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war +es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm +und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland +obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten +Namen.“ +</p> + +<p> +„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“ +</p> + +<p> +Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich +weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem +Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“ +</p> + +<p> +„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, +wo wohnt er?“ +</p> + +<p> +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich +nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das +Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht, +ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung +angibt.“ +</p> + +<p> +„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, +Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen +theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht +mehr gesehen?“ +</p> + +<p> +„Drei Monate.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Drei Monate.“ +</p> + +<p> +Michael sprang auf. +</p> + +<p> +„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie +Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte +sie. +</p> + +<p> +„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“ +</p> + +<p> +Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. +Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob +sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre +Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du +wirst gehen und Wenzel suchen.“ +</p> + +<p> +„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“ +</p> + +<p> +„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, +begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst +du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen +einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ... +Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, +da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige +kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute +verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe +nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und +wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt +habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den +Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen. +</p> + +<p> +Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen. +</p> + +<p> +„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn +gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren +soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft +denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang +ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf +an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz +allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat. +Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“ +</p> + +<p> +Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, +geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael, +sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich +an. Schwöre es mir!“ +</p> + +<p> +Michael schwor. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-13"> +13 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. +Die ehelichen Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In +allen Ehen gab es Differenzen, und in der Ehe seines Bruders +hatten sich schon in den ersten Jahren schwere Verstimmungen +eingestellt. Zweimal war Lise schon durchgegangen. +</p> + +<p> +Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen +über das veränderte Wesen seines Bruders. +Wenzel war nie ein leichtsinniger Mensch gewesen, wenn +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. Er +machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation +er sich auch befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus +trug ihn über alle Schwierigkeiten des Daseins +hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal nicht +aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging +immer, um die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus +hatte Wenzel den Krieg durchgemacht. „Was +soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht schießen sie mir +einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig gleichgültig. +Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, +Wenzel trug kaum einige Schrammen in all den vier +Jahren davon. +</p> + +<p> +Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen +pflegte. Der eine war der große Teufel Kohol, der Alkohol, +der zweite war der Teufel Karo, der Karobube. Unter +den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel +in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol +verfuhr noch glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, +wenn er dem Spielteufel verfiel. Er spielte dann Wochen +hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse +stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht +hatte. „Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue +Augen!“ +</p> + +<p> +Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine +„zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er +schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen +oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was +tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und +Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels, +Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich +schlecht ging. +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er +verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit +einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus. +Was war das? +</p> + +<p> +Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, +und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über +die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln +müssen. +</p> + +<p> +„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch +dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem +Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins +steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch +einen Einfall haben.“ +</p> + +<p> +Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu +sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des +Gendarmenmarktes zu fahren. +</p> + +<p> +Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten +Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der +Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch, +mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr +Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“ +</p> + +<p> +Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. +Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die +frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte +im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete +ein.“ +</p> + +<p> +Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten +könne? +</p> + +<p> +Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, +so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn +Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht +täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt +bei der Börse.“ +</p> + +<p> +Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael +und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-14"> +14 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde +im Spielsaal des Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen +Gesicht da und starrte auf das Schachbrett, eine +tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war leidenschaftlicher +Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel faszinierte +ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von +Gewalten, deren Stärke mit jeder Änderung der Position +wechselte. Tag und Nacht konnte er vor dem Schachbrett +sitzen, und noch nach Wochen war er imstande, besonders +interessante Partien aus dem Gedächtnis nachzuspielen. +</p> + +<p> +Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit +schmalem, hohem Kopf und grauen Schläfen. Die Nase +dieses Herrn stand auffallend schräg im Gesicht. Im +Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung +der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im +Gesicht zu stehen schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen +mit einem leisen Lächeln in Wenzels steinernes Gesicht. +Er hatte dunkle, rasche, kluge und verschlagene Augen. +(Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch saß in +respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett +ein junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem +Scheitel und jugendlich roten Bäckchen, wie ein kleiner +Leutnant in Zivil. +</p> + +<p> +Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +noch ziemlich dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg +dicker Zigarrenrauch empor. Die Börse war heute außerordentlich +lebhaft und fest gewesen. Die meisten Effekten +waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. +Die Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen +nach. +</p> + +<p> +Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen +Wermut und biß die Spitze einer großen Zigarre ab, +ohne die Augen auch nur einen Moment vom Schachbrett +zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden Nase hob +zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ +ein kleines Lachen hören. +</p> + +<p> +„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie +überschätzen die Stellung dieses Springers, und ich werde +es Ihnen beweisen. Die Partie wird aber noch zwei Stunden +dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, wenn Sie +nichts dagegen haben, Mackentin.“ +</p> + +<p> +Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer +kleinen Verbeugung sein Einverständnis. +</p> + +<p> +Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der +bescheiden nebenan saß und sich augenblicklich etwas steifer +aufrichtete, als Schellenbergs Blick auf ihn fiel. „Und +nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist eine +Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante +Sache. Was meinen Sie, Mackentin?“ +</p> + +<p> +„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin +und erzählte mir von der Angelegenheit. Ich dachte sofort, +daß Sie Interesse dafür haben würden.“ +</p> + +<p> +„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu +kaufen wäre? Wie groß, sagten Sie?“ +</p> + +<p> +Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit +etwas dünner, knabenhafter Stimme über den Wald zu +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +berichten: es war ein Wald in der Nähe der Oder, soundso +groß, der Wald gehörte dem Staat. Die Forstverwaltung +hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain +unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, +die vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein +Vertreter des Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen +geführt, zuletzt aber seien alle Unterhandlungen gescheitert. +</p> + +<p> +„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche +Stellung in der Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein. +</p> + +<p> +„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also +Raucheisen kam nicht zum Ziel?“ +</p> + +<p> +„Nein, er hat zu wenig geboten.“ +</p> + +<p> +Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu +wenig. Ich kenne ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald +an die Oder grenzt?“ Er nahm ein Notizbuch aus der +Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert +Hektar, sagten Sie?“ +</p> + +<p> +„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin +mit leicht schnarrender Stimme ein, „der springende +Punkt scheint mir der zu sein: Die Forstverwaltung will +das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken verwandt +wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen +wiederum zugute kommen.“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem +leisen Lachen. „Wann kehren Sie zurück, Herr von +Stolpe?“ +</p> + +<p> +„Ich werde morgen zurückfahren.“ +</p> + +<p> +„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, +und sehen Sie sich den Wald an.“ +</p> + +<p> +„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich. +</p> + +<p> +„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +eignet, und klopfen Sie dann bei den hohen Herren +an. Sagen Sie“ – wieder erschien das leise Lächeln +auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen +auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die +den Handel der Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn +man den Wunsch haben sollte, sich zu beteiligen, so sei +dagegen natürlich nichts einzuwenden.“ +</p> + +<p> +„Ausgezeichnet, sehr wohl.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein +Stickstoffwerk auf dem Gelände errichten, das den ganzen +Osten mit Stickstoff versorgen soll. Machen Sie ein +ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige Vorschläge +unterbreiten können. Wir können später ja immer noch +tun, was wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, +drei bis sechs Monate Ziel.“ +</p> + +<p> +„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin. +</p> + +<p> +„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an +den jungen Mann mit den roten Bäckchen und sah ihm +mit einem klaren, festen Blick in die Augen. Sein Gesicht +erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was fordern +Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft +perfekt wird?“ +</p> + +<p> +Der junge Mann wurde tiefrot. +</p> + +<p> +Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus +der Provinz kommen. Geschäft ist Geschäft!“ +</p> + +<p> +Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich +keine Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er +wäre dagegen glücklich, wenn er eine Anstellung hier in +Berlin bekäme.“ +</p> + +<p> +„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich +bitte Sie, Herr von Stolpe. Worte kann man vergessen. +Die Welt schwankt in diesen Tagen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +Die beiden Herren erhoben sich. +</p> + +<p> +„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas +spät werden. Und noch etwas – einen Augenblick – es +fiel mir etwas ein – noch etwas,“ wiederholte Wenzel +zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des Kaffeehauses. +Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher +geworden, als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. +Irgend etwas hatte ihn verwirrt, und doch wäre er nicht +imstande gewesen zu sagen, was es war. Diese Gesichter, +die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. Seit +zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie +saßen in den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, +der Filmgesellschaften, stürzten sich mit ihren Aktentaschen +in ihre Autos hinein. Sie waren immer auf der +Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit, +arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der +Nacht in irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen +von ihnen sah man es bereits deutlich an, daß sie nicht +mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf auskamen. Die +trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch +der Konferenzzimmer hatten sie vernichtet. +</p> + +<p> +Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, +jede, er kannte ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich +aber war unter ihnen eine Gestalt von völlig verschiedener +Haltung aufgetaucht. Von einer gelassenen, ruhigen, +sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur dann +und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin +und her eilenden Kellnern undeutlich sah, absorbierte +auf eine völlig rätselhafte Art seine Aufmerksamkeit so +vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und plötzlich +stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei +Jahren um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +der Ruhe und Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen +und feinen Lächeln. In der Tat, es war sein Bruder. +</p> + +<p> +„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich +freudig erschreckt. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit +einem frohen Lächeln auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ +rief Michael erfreut aus und drückte Wenzels Hand. +</p> + +<p> +„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, +und sein dunkles Gesicht wurde vor Erregung um eine +Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen von ihm erzählt. +Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die Luft +geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, +weiter nicht geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen +Leuchten unseres Landes.“ +</p> + +<p> +„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin +mit einer etwas steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl +informiert. Ihr Bruder erzählte häufig von Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte. +</p> + +<p> +„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man +selten findet unter Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft +zu machen, Herr Doktor Schellenberg.“ +</p> + +<p> +„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem +die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Erst jetzt schien +ihm das Merkwürdige dieses Zusammentreffens aufzufallen. +</p> + +<p> +„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“ +</p> + +<p> +Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte +er. „Ich verstehe.“ +</p> + +<p> +Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders +hatte Michael erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung +vorgegangen war. Wenzels Gesicht hatte früher +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. Dieses +Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, +der Blick kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht +das leichte, gutmütige, spöttische Lächeln von früher, es +war ein flüchtiges, zerstreutes Lächeln, das urplötzlich wieder +erstarrte. +</p> + +<p> +„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. +Höre, wir haben uns lange nicht gesehen, wir werden +einen herrlichen Abend zusammen verbringen und einander +ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde dich +in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der +Koch war früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ +Mit einer scheuen Zärtlichkeit legte er Michael den +Arm um die Schulter, während sie das Kaffeehaus verließen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-15"> +15 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> war offenbar hocherfreut über das unerwartete +Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte +er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes +Gesicht löste sich, seine Augen glänzten. +</p> + +<p> +„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ +rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen, +feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was +für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die +schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, +Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich +einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“ +</p> + +<p> +Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte +er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte. +Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef +mit seiner hohen weißen Mütze. +</p> + +<p> +„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“ +</p> + +<p> +„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ +warf Michael ein. +</p> + +<p> +„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. +Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas +aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte +eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? +Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich +mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, +von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit. +Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“ +</p> + +<p> +„Ein halbes Dutzend?“ +</p> + +<p> +Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein +Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe +gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten +Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt +wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller +eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. +Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner, +das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“ +</p> + +<p> +„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich +allerdings keine Krebse mehr gegessen.“ +</p> + +<p> +„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. +Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte +er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand. +„Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort. +„Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh +hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“ +</p> + +<p> +„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael. +</p> + +<p> +„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt +ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige +war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu +reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen +Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, +Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. +Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee – +aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein +Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? +So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich +in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden +auf Sperlingshof, Michael?“ +</p> + +<p> +„Ich lebe wie ein Bauer.“ +</p> + +<p> +„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus +dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer +zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort. +„Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig, +sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es +nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, +Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon! +Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines +Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. +Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von +Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch +die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte +sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein +Auge zu. +</p> + +<p> +„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich +dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche +Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“ +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ +sagte er und zerriß knackend einen Krebs. +</p> + +<p> +„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“ +</p> + +<p> +„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, +Michael. Du hast deine Ansichten – ich die meinen. Ich +bin zur Zeit etwas skeptisch allen derartigen Dingen gegenüber. +Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – aber +nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. +Hörst du – über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute +zehn Stunden lang gesprochen und bin etwas abgespannt. +Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“ +</p> + +<p> +Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, +seine Versuche, sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, +und die Röte färbte ihm das Gesicht. Er konnte nicht +von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ sprechen, +ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden. +</p> + +<p> +Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören +schien. „Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ +fragte er. +</p> + +<p> +Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir +gesagt, daß du in den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes +zu verkehren pflegst.“ +</p> + +<p> +„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig +an einer Krebsschere. Er schwieg eine Weile. „Und so hast +du dich also auf den Weg gemacht?“ fragte er dann spöttisch. +</p> + +<p> +„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich +es auch scheinen mag.“ +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +fertigbekommen. Aber sprich weiter. Ich interessiere +mich für all diese Versuche, wenn ich auch wenig oder +nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf mechanische +Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“ +</p> + +<p> +Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den +Boden auf fünfzig Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen +zerschnitt, so daß der Boden rigolt wurde, besser als +es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom Pfluge +gar nicht zu sprechen. +</p> + +<p> +„Sehr interessant!“ +</p> + +<p> +Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet +waren, die landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, +zu verfünffachen. „Ich habe zum Beispiel +eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich beregnet +wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine +gewöhnlich bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen +hervorbringt.“ +</p> + +<p> +Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ +sagte er. „Du läßt den Weizen auf der flachen +Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das Gras zu +stehen?“ +</p> + +<p> +„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“ +</p> + +<p> +Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein +ausgezeichneter Wirtschafter!“ rief er aus. +</p> + +<p> +„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“ +</p> + +<p> +„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe +von all diesen Dingen nicht das geringste.“ +</p> + +<p> +„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, +Wenzel? Du hattest es ja versprochen.“ +</p> + +<p> +Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, +ja,“ sagte er. „Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +versprochen im Frühjahr und Sommer? Aber siehst du, +ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich von Berlin +weggewesen, es sei denn in Geschäften.“ +</p> + +<p> +„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten +konntest. Vieles würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, +meine Kalt- und Warmhäuser. Es ist eine ungeheure +Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich habe die überraschendsten +Erfolge erzielt, eine fast tropische Vegetation.“ +</p> + +<p> +Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? +In dieser fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! +Ah, seht an!“ +</p> + +<p> +„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht +auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben +sein. Höre weiter.“ +</p> + +<p> +Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu +sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft. +Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen +Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft +für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung +aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung +freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte +... +</p> + +<p> +Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken. +</p> + +<p> +Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große +Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. +„Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der +immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen +Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr +interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir +geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit +bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem +Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden +für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort +bezahlt machen!“ +</p> + +<p> +Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es +dort besser sein?“ +</p> + +<p> +„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß +irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, +plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast +du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den +Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es +keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie +die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, +Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und +in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn. +</p> + +<p> +„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa +zu setzen!“ Michael lächelte. +</p> + +<p> +„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ +rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals +ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer +Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein +materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir +das.“ +</p> + +<p> +„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener +Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst, +müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen +Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“ +</p> + +<p> +Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die +in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte +den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten +Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael. +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben. +Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. +Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese +Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich +habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen, +und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete +sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er +fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund +schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten +Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz! +Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag +und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, +ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der +Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig +auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie +in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. +Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, +Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere. +Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“ +</p> + +<p> +Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur +einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte +er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte, +die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien +und Bibliotheken arbeiten.“ +</p> + +<p> +„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch +solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich +noch nie einen kennengelernt.“ +</p> + +<p> +„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für +diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so +müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu +retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine +neue Volksgemeinschaft anstrebt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet +werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß +der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen +Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du +doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen +gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! +Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“ +</p> + +<p> +Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er +werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich +diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen +– +</p> + +<p> +Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. +Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden +gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann +betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen +Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, +was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß +diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer, +zu groß, zu verworren.“ +</p> + +<p> +„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz +alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer. +</p> + +<p> +Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst +du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte +mit den Augen. +</p> + +<p> +„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an +ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein +Bruder!“ +</p> + +<p> +Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als +wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, +das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg +eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön, +Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn +du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast +noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst +nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas +zum Munde führte. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants +mit einer Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, +ob die Herren mit den Leistungen des Etablissements +zufrieden seien. +</p> + +<p> +Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen +einzulösen, das er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen +zu telephonieren,“ sagte er, indem er sich erhob. +„Wirst du mich eine Minute entschuldigen, Wenzel?“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-16"> +16 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, +die Zigarre im Munde, und betrachtete ihn +mit einem spöttischen, aber gutmütigen Lächeln. „Nun, +was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen Augen +blinkten. +</p> + +<p> +Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete +er. „Und sie läßt dich bitten, sie anzurufen.“ +</p> + +<p> +„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ +Wenzels Brauen zuckten. „Sie hat ja Zeit!“ +</p> + +<p> +Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und +fügte leiser hinzu: „Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. +Sie quält sich, Wenzel! Was in aller Welt ist +zwischen euch vorgefallen?“ +</p> + +<p> +Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +sich. „Ich werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ +sagte er mit großer Bitterkeit in der Stimme. Er +schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir erzählen, +Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange +nicht gesehen, und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! +Ich werde dir berichten, wie alles gekommen ist. Lange, +viel zu lange sprachen wir uns nicht.“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“ +</p> + +<p> +Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit +der einen Sache anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, +hörst du? Ich schätze sie, ich achte sie. Ich habe sogar +etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal habe ich +sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem +werde ich nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und +weißt du weshalb, Michael? Ich werde es dir offen bekennen: +weil sie mir im Wege ist.“ +</p> + +<p> +„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist +dir im Wege? Lise?“ +</p> + +<p> +„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr +Wenzel mit einem feindseligen Klang in der Stimme fort. +„Sie ist mir im Wege! Sagt das nicht genug? Auch ich +habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau wie +du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz +anderer. Und bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. +Das ist alles! Übrigens,“ unterbrach er sich, „von diesen +Plänen wirst du später erfahren. Du hast ja mit Lise gesprochen. +Was hat sie dir über mich gesagt?“ +</p> + +<p> +Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er +vermied es, dabei den Bruder anzusehen. +</p> + +<p> +Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. +„Und? Und du verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht +Vorwürfe gemacht? Hat sie nicht diese Geschichte mit +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest du! Hat +sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt +hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen +wir es offen: ein bißchen ehrlos?“ +</p> + +<p> +„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“ +</p> + +<p> +Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich +kennen, und sie sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche +– mich decken, für den Fall, daß irgend etwas +vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den Gedanken +gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes +getan hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. +Irgend etwas müsse da vorgefallen sein! Nun, +du hast ja gehört, wie weit sie schließlich gegangen ist. +Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, daß +ich ein Defraudant sei.“ +</p> + +<p> +„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins +Wort. +</p> + +<p> +Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur +Seite. „Nun, lassen wir das, es ist nicht wesentlich. Soll +sie behaupten, was sie will. Sollen die Leute glauben, was +sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir völlig +einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß +ich Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so +weit gekommen, daß ich auf das Urteil meiner Mitmenschen +keinen Wert mehr lege.“ +</p> + +<p> +Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß +mit Wenzel vorgegangen sein? +</p> + +<p> +„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, +seine Erregung beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. +Das ist die ganze Erklärung. Ich kann sie nicht brauchen. +Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen, +Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du weißt, +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür +geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder +zurückzubringen!“ +</p> + +<p> +„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus. +</p> + +<p> +„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und +ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig +zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich +dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom +frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. +Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam +erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben +und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich +kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. +Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, +hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. +Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich +schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises +Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu +wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen +lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. +Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja +auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit +hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand +werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer +haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. +Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser +Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt, +Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten. +Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige +Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte +den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, +mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die +Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. +Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser. +Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf +dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, +aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! +Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten +solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und +vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt +nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest +ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, +du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, +alles. +</p> + +<p> +Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts +gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag +an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen +und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine +Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne +Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben +Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen +Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du +jetzt, Brüderchen?“ +</p> + +<p> +Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann +er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg +finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine +Kinder.“ +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. +Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden +Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind +solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln +abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner +Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen +einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines +Mannes braucht.“ +</p> + +<p> +Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. +„Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“ +fragte er. +</p> + +<p> +„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt +eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-17"> +17 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze +einer Zigarre ab und steckte sie umständlich in Brand. +Dann legte er die Hand auf den Arm Michaels. +</p> + +<p> +„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber +meine Geschichte mit Raucheisen erzählen. +</p> + +<p> +Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich +habe es dir einmal geschildert. Raucheisens Sohn – er +war der einzige Sohn des alten Raucheisen, Otto, und da +ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady Weatherleigh, +die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet hat –, +also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr +in einem Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und +starb in meinen Armen. Der alte Raucheisen wünschte +Näheres zu hören, und da er einer der Gewaltigen Deutschlands +war, so schickte man mich hin, um Bericht zu erstatten. +Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht +gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. +Nun, Raucheisen entließ mich mit den Worten, daß er +mir jederzeit zur Verfügung stände, wenn ich einmal +irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, +‚ich bin Ihnen für immer verpflichtet‘. Schön, schön. +</p> + +<p> +Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. +Vier Jahre lang hatte ich den Buckel hingehalten, die +Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es so schön hieß, +und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte +und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. +Aber Lises Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. +‚Um Himmels willen, wie kannst du, nie, niemals!‘ +Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie ja, +diese eingebildete Närrin! +</p> + +<p> +Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, +die mit ihrem Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. +Irgendwo würde sich ja wohl Beschäftigung für mich +finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und überall +war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich +hörte nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in +herrlichen Stellungen. Ja, zum Teufel, wie waren sie zu +diesen herrlichen Stellungen gekommen? Sie saßen die +letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen +und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen +zur Industrie anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen +sagen, kein Wort, um Gottes willen, mißverstehe mich +nicht, aber sie haben eben diese Beziehungen anknüpfen +können, und diese Beziehungen haben sich schließlich prachtvoll +verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum Beispiel +Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung +der Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie +sind heute in leitenden Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. +Das sind, mein lieber Freund, die guten +Beziehungen. Auf deine Gesundheit! +</p> + +<p> +Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +wußte und konnte wie die andern, so kam ich nirgends +an. Schließlich, nachdem Lises Briefe immer jämmerlicher +wurden und immer flehender, schließlich tat ich +das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als +das Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich +wandte mich an den alten Raucheisen. Du kannst meine +Gründe verstehen, weshalb ich es nicht gerne tat. Sein +Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür +sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich +gab ich auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, +daß ich bisher in allen Punkten nachgegeben habe +– nun, das ist jetzt zu Ende. +</p> + +<p> +Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten +Erstaunen antwortete er mit wendender Post. Drei Tage +später war ich mit einem glänzenden Gehalt engagiert. +Ich sage offen: glänzend, denn meine Leistungen waren +anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens +Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr +mußte ich anwesend sein. Um sechs Uhr steht Raucheisen +auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, der Bademeister. +Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor sieben +sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach +sieben trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre +harren auf das Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben +zu erinnern, zu notieren, wir sind lebendige Terminkalender. +Wir führen Unterhandlungen mit den einzelnen +Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten +Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem +Wort. +</p> + +<p> +So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So +lange, mein lieber Michael, dauerte es also, bis ich begriff +– kannst du dir denken, was ich begriff –?“ +</p> + +<p> +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: +„Du kannst es dir nicht denken, Michael, also will ich es +dir offen sagen – bis ich begriff, daß ich ein vollendeter +Narr war! Wie alle andern Sekretäre und Direktoren, die +sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen +Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden +es nie begreifen.“ +</p> + +<p> +„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte +Michael. +</p> + +<p> +Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ +erwiderte er, indem er die Gläser auffüllte. „Das sollst +du gleich erfahren. Ein Narr war ich und dazu noch ein +unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner Vorstellung +hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert +und sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu +plaudern, mit einem etwas geheuchelten Interesse zwar, +aber immerhin mit einem menschlichen Ton in der Stimme. +Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist natürlicher? +–, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. +Und doch, dieser Otto Raucheisen hat mich durch und +durch mit Blut getränkt, und ich mußte ihm Mut zubrüllen, +weil er so schreckliche Angst vor dem Tode hatte. +Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für +Raucheisen ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er +sah mich von dieser Zeit an kaum noch an. Er hatte eine +leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach nur so leise, +um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der +Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte +Mann, etwas zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem +Leberleiden, eine gelbe, mattglänzende Glatze mit Wölbungen +und Buckeln. Du hast ihn nie gesehen?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. +Tiefe Augengruben, eine Hakennase, breite, satte +Lippen mit tiefen Rissen. Die Unterlippe ist besonders +breit und besonders satt. Aber vielleicht ist das mit dem +Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein +Kopf sei in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen +öffnet, so sieht man kleine Zähne, Puppenzähne, und +seine Augen sind wie kleine grüne Glaskugeln, scharf +und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist jemand, +glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, +so mußt du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! +Das war er also: Johann Karl Eberhard Raucheisen, +dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und ein Fürstentum +über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er +das horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit +zehn Jahren war er zum vertikalen Prinzip übergegangen. +Erst hatte er nur Eisen und Kohle. Dann produzierte er +alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und heute +hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. +Der Konzern ist so groß, daß niemand imstande +ist, ihn mit allen seinen Verzweigungen zu überblicken – +aber Raucheisen tut es! Ich habe heute noch die größte +Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten +Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“ +</p> + +<p> +„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“ +</p> + +<p> +„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und +unser Verkehr vollzog sich ohne jede Reibung. Langsam +aber begann ich den alten Mann zu hassen. Ich haßte +seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich zusammengezogen, +ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine +menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete +dieser alte Mann vom frühen Morgen bis in die +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +späte Nacht? Es galt, dieses große Werk zu verwalten. +Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und +langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, +sondern das Werk ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen +Maschinerie geworden, die er aufgebaut hatte. Ich +fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten Dingen. +Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. +Und ich begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, +dieses Werk zu verwalten, sondern daß es sein einziges +und wahres Ziel war, Geld zusammenzuraffen. Und das +ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen hatte, haßte +ich ihn noch mehr! +</p> + +<p> +Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, +daß er wie ein Rasender aufkaufte, mit Krediten der +Reichsbank, die er mit entwertetem Gelde zurückzahlte. +Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast umsonst. +Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen +Teil seines Vermögens einsetzte, wagte einer der +Finanzdirektoren einzuwerfen, daß doch der Tag kommen +könne, da die Mark plötzlich steigen werde. Raucheisen +schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte nur sehr selten +und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und +dann sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. +‚Die Mark wird sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ +sagte er. ‚Es gibt keine Macht der Welt, sie aufzuhalten, +ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun höre, Michael, seit +wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln +sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe +danach meine Finanzpolitik eingerichtet.‘“ +</p> + +<p> +„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“ +</p> + +<p> +„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff +ich es, und dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +spekulierte er auf das Fallen der Mark. Während +ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, während +wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser +alte Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren +Untergang Geld zu machen. +</p> + +<p> +So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. +Einmal geschah es, daß ich zehn Minuten zu spät kam. Er +blickte auf die Uhr und sagte, ohne mich anzusehen: ‚Sie +sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der Wagen +wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, +und dieses Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche +Vorwürfe. In diesem Augenblick fühlte ich ganz +das Entwürdigende meines Automatendaseins. Ich fühlte +die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar +selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben +scheint. +</p> + +<p> +Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals +– verstehe mich recht –, schon damals begann ich meine +Maßnahmen zu treffen. Ich hatte es satt, mich täglich beleidigen +und demütigen zu lassen. Der Haß trat mir in +die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber +siehst du, er beachtete mich ja gar nicht. +</p> + +<p> +Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam +fünfzehn Minuten zu spät. Nun mußt du wissen, daß ich +fast anderthalb Jahre bei Raucheisen war und im ganzen +acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte +Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er +ausströmte. Am nächsten Tage wurde ich in eine andere +Abteilung versetzt. Er hatte kein Wort gesprochen, er hatte +sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte allen Kränkungen +die Krone auf. +</p> + +<p> +Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +In dieser Abteilung hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr +Sammlung, und ich konnte meinen Schlachtplan ausarbeiten. +Nun sollst du weiter hören, und es wird dir +Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern +ein Glas schicken!“ +</p> + +<p> +Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant +gekommen und hatte zu konzertieren begonnen. Wenzel +beorderte den Kellner und ließ der Kapelle Erfrischungen +schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, schon +spielten und sangen die Russen das Wolgalied. +</p> + +<p> +„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre +zu, dieses Lied berauscht mich, und ich höre es immer +in meinen Ohren, seitdem ich unterwegs bin.“ +</p> + +<p> +Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, +daß er Lise versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch +Nachricht zu geben. „Willst du ihr nicht irgendein +gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat +Michael den Bruder. +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht +mehr auf, der Wein hatte ihn schon versöhnlicher und +milder gestimmt. Aber er blieb halsstarrig. Michael wagte +einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am Apparat so außerordentlich +erregt gewesen, daß er aufs äußerste erschrocken +sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben +würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe +gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen. +</p> + +<p> +Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte +sich jedoch, sein Atem ging schwer. „So soll sie sich +meinetwegen aus dem Fenster stürzen!“ sagte er, und sein +Mund war hart und brutal. „Möchten doch alle Menschen +in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen +feigen Drohungen quälen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort +sagen, um sie zu beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie +morgen anrufen wirst.“ +</p> + +<p> +„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder +etwas ruhiger. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-18"> +18 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chweren</span> Herzens forderte Michael die Verbindung. +Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen +zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen +Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen, +daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher +gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen +werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber, +siehe da, Lise war gar nicht zu Hause. +</p> + +<p> +„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen. +</p> + +<p> +„Sie ist nicht zu Hause?“ +</p> + +<p> +„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst +gegen zwölf Uhr zurück.“ +</p> + +<p> +Michael atmete auf. +</p> + +<p> +Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war +aufgestanden und trank der russischen Kapelle mit einer +begeisterten Geste zu. +</p> + +<p> +„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. +Er hatte leuchtende Augen. „Welch ein Lied, Michael! +Höre doch.“ +</p> + +<p> +Die Kapelle spielte das Lied abermals. +</p> + +<p> +„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, +als die Kapelle geendet hatte. +</p> + +<p> +Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So +sind die Frauen! Man darf sie nicht zu ernst nehmen. +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Ach, wir wollen sofort eine neue Flasche bestellen. He, +Kellner!“ +</p> + +<p> +„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, +nachdem der Kellner die neue Flasche gebracht hatte. +„Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge in deinen Ohren, +seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das? +Ein merkwürdiger Ausdruck!“ +</p> + +<p> +Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs +bin. Du mußt nämlich wissen, daß ich schon seit +Monaten unterwegs bin!“ +</p> + +<p> +„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? +Was hast du vor?“ +</p> + +<p> +„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit +einem Worte sagen!“ Wenzel sah Michael mit starren, +glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, ein Raucheisen +zu werden,“ sagte er dann. +</p> + +<p> +Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“ +</p> + +<p> +„Ja, ein Raucheisen!“ +</p> + +<p> +Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos +an. „Ist es wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was +heißt das, ein Raucheisen zu werden?“ +</p> + +<p> +„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer +von jenen kleinen Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern +ein wirklicher Raucheisen. Wenn er es vermocht hat, +weshalb soll ich es nicht können? In dieser Zeit des wirtschaftlichen +Chaos ist alles möglich.“ +</p> + +<p> +Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe +nicht, was für einen Sinn soll es haben, was +für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht selbst –“ +</p> + +<p> +Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt +du, was das bedeutet? Es bedeutet absolute und letzte +Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um es kurz zu sagen, +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf +drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und +die Autos fahren vor. Ich habe keine Lust mehr, als Automat +behandelt zu werden und andern Leuten den Narren +zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge, +Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“ +</p> + +<p> +Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ +fragte er. „Kann dies einen Lebensinhalt bilden?“ +</p> + +<p> +„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin +kein ägyptischer Pharao.“ +</p> + +<p> +„Wie soll ich das verstehen?“ +</p> + +<p> +„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir +sagen: Es ist einerlei, wie lange und auf welche Weise ich +lebe – in meiner Pyramide werde ich ewig leben. Aber +ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot bin, ist +alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein +ewiges Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in +dieser Zeit muß alles vollendet sein. Alle denken so, heute, +mehr oder weniger bewußt. Daher unsere Eile – +Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese +fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum +Rand, Michael, dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich +Geld, so habe ich alles: Freiheit, Gesundheit, die Erde, die +Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist Unsinn.“ +</p> + +<p> +Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den +Kopf. „Wie töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. +„Wenzel! Sprachst du nicht selbst vorhin voller Verachtung +–?“ +</p> + +<p> +„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der +Mensch haben, und wenn es auch nicht gerade ein erhabenes +Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist meine Philosophie, +und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, das +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für +eine Idee zu begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, +keinen Glauben an die Menschen mehr.“ +</p> + +<p> +„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“ +</p> + +<p> +„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir +blieb. Oh, ich verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, +Grausamkeit, Eitelkeit, ihren Geiz, ihre Habsucht, Albernheit +und ihren schmutzigen Egoismus zur Genüge kennengelernt. +Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale. +Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie +diese Zeit und diese Welt, in der alles bankerott geworden +ist, Glaube, Wissenschaft, alles.“ +</p> + +<p> +„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. +„Keineswegs ist der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, +daß in allen Herzen ein neuer Mystizismus erwacht? Und +die Wissenschaft? Der Materialismus ist bankerott, nicht +sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche eingetreten, +die glänzender sein wird als alle vergangenen.“ +</p> + +<p> +„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. +Aber du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst rufen, +so laut und so lange du willst, ich höre und verstehe dich +nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der einzige +Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was +ich sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein +Toter. Er steht nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch. +</p> + +<p> +Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das +Michael erschütterte, es war der verzweifelte, zynische +Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun bedaure ich es noch +mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land besucht +hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken +gekommen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, +mein Ziel reizt mich ebenso, wie dich das deine reizt. Es +lockt, und ich kann nicht mehr widerstehen. Es ist zu spät, +Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst du? Ich bin +auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! +In die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, +daß es kein großes Ziel ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre +und wie ich zurückkehre, wer weiß es? Komm, und nun +sollst du etwas sehen, Michael!“ +</p> + +<p> +Hastig brach Wenzel auf. +</p> + +<p> +Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte +Limousine. „Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer +fast knabenhaften Freude über Michaels verblüfftes Gesicht. +</p> + +<p> +„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael. +</p> + +<p> +„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“ +</p> + +<p> +Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. +„Folge mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam +Michael hinterher. An einer Tür stand nichts geschrieben +als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und Wenzel +führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume +voller Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war +völlig neu. Man roch noch Lack und Farbe. +</p> + +<p> +„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit +einem fröhlichen Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor +einer Woche bezogen. Vorher hauste ich in ein paar Löchern +in einem Hof, ganz im Geheimen, sozusagen.“ Wenzel +öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr bescheiden +eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle +stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das +hier sind meine Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, +Bruder, vorläufig nur. Wir wollen sehen, ob ein +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich bitte dich +herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken, +bevor die große Reise weitergeht.“ +</p> + +<p> +Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ +fragte er den Bruder. „Was für eine Firma hast +du? Wie hast du dies alles geschaffen?“ +</p> + +<p> +Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte +Michael nicht gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen +begonnen. „Was ich tue?“ fragte er und ging, die +Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Ich kaufe, ich +verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines viertausend +Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. +Es war Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem +Grunde nicht abgenommen hatte. Ich erfuhr +es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. Ich +verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen +zu haben. So fing es an.“ +</p> + +<p> +„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael. +</p> + +<p> +Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich +hatte Kredit. Damals war ich ja noch bei Raucheisen. +Es gab Bankfirmen, die auf meine Vermittlung, +Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine +einzige Information von meiner Seite konnte ein kleines +Vermögen bedeuten.“ +</p> + +<p> +„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“ +</p> + +<p> +„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem +Raucheisenkonzern benutzt, wie andere ihre Verbindungen +benutzten. Es ist vielleicht nicht vollkommen – wie soll +ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese feinen +Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines +Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum +an einen Holländer zu verkaufen. Es war ein +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +großes Geschäft, das mir die nötige Anfangsgeschwindigkeit +gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig Geld +ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, +Michael, und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses +Bergwerk Raucheisen angeboten war. Raucheisen zögerte. +Ich kam ihm zuvor und ließ das Bergwerk rasch durch +meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen nicht +mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich +entlassen, ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und +so ging es weiter. Ich lieh Geld und arbeitete damit, ganz +wie andere es machen, ganz wie Raucheisen es macht. Zur +Zeit spezialisiere ich mich auf Papierfabriken.“ +</p> + +<p> +Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß +du es nicht bereust.“ +</p> + +<p> +„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich +wohl vorläufig etwas trennen, so fürchte ich.“ +</p> + +<p> +„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu +Boden. +</p> + +<p> +„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. +„Ich will dir etwas sagen, Michael. Du kannst +vielleicht Geld brauchen, für deine Pläne, und ich habe +gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist +noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. +Zuweilen ist es noch ein bißchen beunruhigt. +Ich möchte mich sozusagen freikaufen mit diesem Scheck, +von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust mir +einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“ +</p> + +<p> +Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe. +</p> + +<p> +„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn +ich gebrauche ja das Geld nicht für mich. Gut, gut, und +nun lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +Augen. Oh, es hatte keiner Angst vor dem andern, und +keiner wich um einen Millimeter zurück. +</p> + +<p> +„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu. +</p> + +<p> +„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. +Lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder +verloren zu haben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-19"> +19 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach +seiner Abfahrt von Berlin da draußen auf dem Lande erlebte, +schien ihm gleich verwunderlich wie das sonderbare +Haus in der Lindenstraße. +</p> + +<p> +Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm +bezeichnet hatte, und hier schickte man ihn in ein Dorf, +Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde entfernt. Die Nacht +sank schon über das flache, öde Land, als Georg, erschöpft +und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei +den ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt +ein. Ein junger, breitschultriger Mann in einer gestrickten +Wolljacke trat dicht an ihn heran und blickte ihm unter den +Hut. +</p> + +<p> +„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen +Stimme, die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. +„Nun, so gehen wir zusammen.“ Der breitschultrige +junge Mann in der Wolljacke war munter und gesprächig. +Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit +Vornamen, aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten +sei er ohne Arbeit, obschon er sich die Beine krumm gelaufen +habe. „Was willst du?“ rief er aus. „Niemand +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind +verödet. Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da +treiben sie heute keine fünfhundert an. Da hast du es!“ +</p> + +<p> +„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ +fragte Georg, von der Munterkeit des Gefährten ermutigt. +</p> + +<p> +Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig +gleichgültig, wenn es nur Arbeit war. Steineklopfen oder +Erde karren, einerlei, immer noch besser, als auf der Straße +zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen einen +Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes +Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte +da nicht oder –? Er schob die Mütze ins Genick und +kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er von diesem Unternehmer +Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er +bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen +drei Viertel in Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was +solle man tun? Besser als auf dem Pflaster verrecken. +Was bleibt uns armen Hunden übrig?“ +</p> + +<p> +Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine +Seele weit und breit, nicht einmal ein Hund schlug an. +Das letzte Haus aber zeigte ein matterleuchtetes Fenster. +Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. Georg roch +den Rauch von Tabak. +</p> + +<p> +„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter. +</p> + +<p> +„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der +Schatten trat in den Lichtschein. Es war ein noch ziemlich +junger schlanker Mann, der eine Pfeife in der Hand hielt. +Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur einen Arm +hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer +Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der +Teufel soll sie holen! Was soll ich mit euch anfangen? +Nun, es wird gehen, es muß gehen. Tretet ein!“ +</p> + +<p> +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein +einer Talgkerze, die auf den Tisch geklebt war, unterschied +Georg eine Anzahl von Gestalten, die auf dem Stroh +lagen und offenbar schliefen. Ein großer breitgebauter +Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte +sie mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu +sprechen und ohne eine Miene zu verziehen. Einer drehte +sich im Stroh herum und erwiderte mürrisch ihren Gruß. +Woher waren sie alle gekommen, und welches Schicksal +hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten +die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach +Dobenwitz gefunden hatte? +</p> + +<p> +Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: +„Ich habe nur ein Stück Brot heute abend. Ich war auf +euch nicht eingerichtet. Nehmt es aus dem Tisch! Es ist +mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun gute +Nacht, Kameraden!“ +</p> + +<p> +Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, +die Arbeiter zu verpflegen. +</p> + +<p> +„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter +und schnitt das Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! +Wenn sie uns morgen nicht besser füttern, laufe ich nach +Berlin zurück.“ +</p> + +<p> +Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald +schlief er ein. +</p> + +<p> +Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte +die zerschlagenen Glieder aus. Hinter der Wand rasselte +eine Kette, eine Kuh schnob. Das Talglicht erlosch, und +nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg sehen, +daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab +ging, wie ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus +seiner Pfeife. +</p> + +<p> +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt +von der frischen Luft und ermüdet von der Reise fiel Georg +in einen unruhigen Schlaf, die ganze Nacht hindurch von +schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es als +Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, +in denen auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen +hatte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-20"> +20 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>A</span><span class="postfirstchar">ufstehen</span> und fertig machen zur Arbeit!“ rief die +helle Stimme des Einarmigen, und die Schläfer fuhren +aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, Kamerad,“ fügte +er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter, +Kinder!“ +</p> + +<p> +Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot. +</p> + +<p> +„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter +und stieß Georg an. +</p> + +<p> +Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner +Bauernwagen mit einem schmutzigen Schimmel. Der Wagen +war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und allerlei +Gerät. +</p> + +<p> +„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern +zu, der auf dem Wagen saß. „Du kennst ja den Weg.“ +Und der Schimmel setzte sich in Bewegung. +</p> + +<p> +Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte +sich die Rotte von Männern in Bewegung. Sie waren im +ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der langsam hinter +ihnen herging, dreizehn. +</p> + +<p> +Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +dampften. Es schien dürftiger Boden zu sein. In dem +schiefergrauen, riesenhaften Himmel war ein heller Fleck +von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo +hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne +befinden. +</p> + +<p> +Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, +schlechtgehaltene Landstraße schnurgerade hineinführte. +Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. Aus den Äxten und +Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man +ihnen zuweisen würde. +</p> + +<p> +Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der +große breitgebaute Mann mit den fiebernden Augen, der +Georg am Abend aufgefallen war, ein Zimmermann, +schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben +Stunde hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren +halben Stunde schien es, als ob sie im Herzen eines +unendlichen Waldes angekommen wären. Der Einarmige +befahl Halt, und der Wagen blieb stehen. +</p> + +<p> +„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand +rührte sich. Alle standen sie und starrten den Wagen an. +Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid ihr denn eine +Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen +abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann +und verstehe keinen Spaß!“ Aber er lachte, als er diese +Warnung aussprach. +</p> + +<p> +„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner +hellen Stimme zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen +Straße hin und her, sog an seiner kurzen Pfeife und +lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die Höhe gerichtet, +Regentropfen auf den Augen und auf den frischen +roten Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – +ging er ein Dutzend Schritte in den Wald und deutete auf +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +einige eingeschlagene weiße Pfähle. „Hier, wo die Pfosten +stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er. +„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, +Äxte!“ Plötzlich blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie +das Abholzen,“ sagte er zu ihm. „Das Material für den +Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und wir kommen +in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne +hinweg: „Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf +zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, damit wir heute Nacht +unter Dach kommen!“ +</p> + +<p> +Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor? +</p> + +<p> +Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße +auf und ab, zwanzig Schritte vor und zwanzig +Schritte zurück, und rauchte. Nur zuweilen setzte er sich +auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er klemmte +sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen +hinein, dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen +die Knie, strich das Streichholz an und setzte die Pfeife +in Brand. +</p> + +<p> +Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel +der Wolljacke hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine +Fichte an. Die Muskeln seines Nackens schwollen an, und +schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen. +</p> + +<p> +„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte +ein kleiner Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, +Schlosser seines Zeichens, und blickte Georg hilflos an. +</p> + +<p> +„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs +Stelle. „Was kümmerst du dich um Dinge, die dich +nichts angehen?“ +</p> + +<p> +Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg +die Arbeit, die Axt in der Hand. An den eingeschlagenen +Pflöcken konnte er erkennen, daß der erste Schuppen etwa +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden sollte. +Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen +von etwa dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein +dritter von der gleichen Größe. +</p> + +<p> +„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige +Schlosser hartnäckig. +</p> + +<p> +„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete +Georg. +</p> + +<p> +Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die +Kronen der hohen Föhren und Fichten empor und schüttelte +den Kopf. +</p> + +<p> +Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann +gab dem Bauern Instruktionen. Er möge sofort +einen Boten ins Depot schicken und sagen lassen, er, Lehmann, +lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber +der Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz +freundlich –, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn +man nicht sofort die Autos mit dem Material für den +Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. „Radfahrer +brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn +das Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte +er zu dem Bauern, „siehst zu, daß du möglichst +schnell den Proviant herbringst. Meine Leute müssen essen. +Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner +laufen.“ +</p> + +<p> +Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was +sagte ich dir!“ rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! +Höre nur, wie der kleine Leutnant kommandiert, wir werden +hier nichts zu lachen haben.“ Der Schlächter arbeitete, +daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige Gesicht +lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an +der Arbeit. +</p> + +<p> +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über +den finsteren Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. +Es waren schon einzelne blendende Flecke sichtbar geworden, +und Georg hatte gehofft, die Sonne würde +endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. +Es war nicht niedergehender Nebel wie vorher, es +regnete in dünnen Schnüren. Und plötzlich pfiff der Wind, +und es begann zu graupeln und zu schneien. Im Augenblick +war der Wald weiß. +</p> + +<p> +Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die +großen Hände auf den Knien, teilnahmlos auf einer +Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man fluchte und +schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte +Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und +die ganze Bande holen! Georg fühlte, wie sich sein ganzer +Körper mit einer Eisschicht überzog. Der Schlächter in +seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser? +Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“ +</p> + +<p> +„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem +nassen Boden?“ +</p> + +<p> +„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den +Wald, damit wir hier krepieren!“ +</p> + +<p> +„Und wie steht es mit dem Futter?“ +</p> + +<p> +Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt +hin und spie aus. „Ich bin kein solcher Narr!“ rief er +aus und ging mit schnellen wütenden Schritten davon. +Bald war er außer Sicht. +</p> + +<p> +„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ +lachte Moritz. „Die Bauern werden die Hunde auf ihn +hetzen!“ +</p> + +<p> +Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße +auf. „Der Schuppen kommt!“ schrie er laut. +</p> + +<p> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des +Schneegestöbers, kamen zwei mächtige Lastautos mit Balken +und Brettern angefahren. Auf diesen Balken und +Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in +der Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese +verwegenen Burschen schrien schon, bevor die Autos standen, +und begannen augenblicklich Balken und Bretter hinunterzuwerfen. +</p> + +<p> +„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann +mit triumphierendem Lächeln. +</p> + +<p> +Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen +Zeichen versehen, und die verwegenen Burschen dirigierten +das Abladen. +</p> + +<p> +„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ +Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Trotz des +Schneegestöbers lief allen der Schweiß vom Gesicht, und +schon setzten sich die Autos wieder in Bewegung. +</p> + +<p> +„Wohin fahrt ihr?“ +</p> + +<p> +„Nach Glücksbrücke!“ +</p> + +<p> +„Geht es dort vorwärts?“ +</p> + +<p> +„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost +kommt!“ +</p> + +<p> +Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck! +</p> + +<p> +„Grüßt den Chef!“ +</p> + +<p> +Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde +der Bau des Schuppens in Angriff genommen. +</p> + +<p> +„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die +Stationsbeamten schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. +Er balancierte auf der Schulter einen schweren +Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine +Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung. +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab +klar und ruhig seine Befehle. Der Schuppen war bis ins +kleinste vorgearbeitet und brauchte nur aufgestellt zu werden. +</p> + +<p> +Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und +Gleichgültigkeit war verschwunden. Alle griffen eifrig zu. +Die Arbeit hatte plötzlich Sinn und Ziel. Es galt ein Obdach +für die Nacht zu schaffen. +</p> + +<p> +In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem +das Alter die Beine krummgezogen hatte. Er war in +großer Erregung. Verzweifelt ging er hin und her und +suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt +er es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn +ruhig anhörte, ohne den Blick von der arbeitenden Kolonne +zu wenden. +</p> + +<p> +„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu +sollen wir Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur +provisorisch.“ +</p> + +<p> +Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es +auf seiner Kiste nicht mehr aus. Er kroch heran und +setzte sich auf einen Baumstamm, um wenigstens zuzusehen. +Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen +kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken. +</p> + +<p> +„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir +erst gesund!“ Und den andern schrie er zu: „In einer +Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach zusammen! Ein +paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind +Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für +heute. Zündet ein Feuer an! Was für Narren seid ihr! +Hier ist Holz in Fülle, und ihr friert!“ +</p> + +<p> +Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +diesen Gedanken gekommen? Einer blickte den andern an, +zitternd vor Kälte und blau gefroren. +</p> + +<p> +Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es +lohte mächtig in der Dunkelheit, und eine beizende dicke +Rauchwolke stieg bis in die Kronen der Bäume empor. +</p> + +<p> +„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige +Schlosser, „komm hierher und wärme dich!“ +</p> + +<p> +Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten +sich die bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende +Äste sprangen durch die Luft, und die brennenden Tannenzweige +verbreiteten einen erfrischenden, starken Geruch. +Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden unmöglich +schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, +es erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-21"> +21 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">lötzlich</span> war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende +Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken +konnte, tauchte plötzlich ein gespenstisch flammendes +Pferd, ein scheinbar riesiger, glühender Schimmel, +im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit +Stroh und Proviant. +</p> + +<p> +„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ +fragte Lehmann. +</p> + +<p> +Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, +trat vor. Ein Kellner, der früher, wie er behauptete, +auf den großen Ostasiendampfern Dienst gemacht habe. +</p> + +<p> +„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“ +</p> + +<p> +Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +an mit großer Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, +Erbsen, geräucherte Wurst. Schon dampfte der Kessel, und +es dauerte nicht lange, so war die Mahlzeit fertig. Die +Blechgeschirre in der Hand, hockte die Arbeitskolonne um +das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die +Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und +Mund. +</p> + +<p> +Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die +Abgezehrtheit und Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen +mit den Hungerfurchen, die Lumpen, die den Körper bedeckten. +Fast alle starrten ins Feuer, die Gedanken weit +von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren +löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen +in die Höhlen, ohne Blick, als scheuten sie sich, noch +mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, entzündet von +Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, +deren Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und +Schrecken. Und alle starrten ins Feuer, und jedes Auge +sah in der Flamme ein anderes furchtbares Bild: bettelnde +Kinder, hungernde Frauen, frierende alte Leute, +Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, +kaum daß dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war +müde, verstimmt, argwöhnisch und ohne Hoffnung. +</p> + +<p> +Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten +genauer an. Da war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen +stahlblaue Augen lebenslustig sprühten, breit, mit Muskeln +bepackt, ein untersetzter Boxer. Er lächelte vor sich hin +und strich zuweilen sein kleines helles Schnurrbärtchen, +das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne Sorge +war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase +einen mächtigen Schatten über das bläulich-weiße +hohlwangige Gesicht warf. Unaufhörlich nagte er an der +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Lippe, als quäle ihn ein und derselbe Gedanke. Seine pechschwarzen +Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der +bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und +den glühenden Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. +Da war der kleine krummbeinige Schlosser mit dem großen +Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht eine +Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich +wieder, um Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. +Neben ihm kauerte der alte Maurer, ein kleiner Mann, mit +fahlem Greisengesicht. Seine Augen tränten. Er hatte +über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut gestülpt, +der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt +hatte. Rings um die Krempe waren noch Spuren einer +Pleureuse zu sehen, die einstmals herumgenäht war und +schlecht abgetrennt wurde. +</p> + +<p> +Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten +alten Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter +titulierte ihn „Herr General“. Er hatte mächtige Brauen, +wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war völlig kahl, +aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust. +Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war +nahezu eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel +hin und her. Da war ein junger Mann mit +einem Diebsgesicht und abstehenden großen Ohren, die +im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und +ein zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem +er sich so dicht ans Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen +Stiefel dampften. Da waren noch ein paar nichtssagende +Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem Glotzauge. +</p> + +<p> +Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick +zugewiesen hatte. Jeder dieser Männer war vom Schicksal +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +getroffen, sonst säße er nicht hier in der Finsternis des +Waldes. Die einen waren verbraucht, und die Wirtschaft +hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht mitgekommen +und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen +Krisis. So saßen sie also und starrten ins +Feuer und wälzten ihr Schicksal in ihrem Kopf hin und +her, ohne es fassen zu können. +</p> + +<p> +„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ +fragte der kleine alte Maurer mit dem breitkrempigen +Hut. +</p> + +<p> +Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst +beschäftigt. Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, +daß der Wald umgeschlagen werden soll.“ +</p> + +<p> +„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas +hier gebaut werden.“ +</p> + +<p> +„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es +weißt!“ warf Moritz dazwischen. +</p> + +<p> +Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. +„Wer wird hier mitten im Walde eine Kirche bauen? Du +bist ja ein ganz Kluger! Mitten im Walde!“ +</p> + +<p> +Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen +wieder. Nur der alte Maurer kicherte noch zuweilen: +„Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er erzählte, daß er +vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg. +Aber niemand hörte zu. +</p> + +<p> +Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit +hatten sie alle müde gemacht. Einer nach dem andern +kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er schlief nicht. Er +blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, in +die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein +wunderbares und herrliches Sausen ging in der Ferne +durch den Wald. Stark, wie Gewürz, hauchte die Luft +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und faulende +Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig +wieder geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche +aber, das war diese wunderbare große Stille da +draußen. +</p> + +<p> +Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, +und schon war er eingeschlafen. Er erwachte einige Male +in der Nacht, um immer sofort wieder in tiefen Schlaf +zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah er plötzlich +den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf +einem Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder +erwachte er. Es regnete, und durch das provisorische Dach +fielen einzelne Tropfen auf sein Gesicht. Das Feuer +glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die +Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund +offen, schnarchten und röchelten. Nur der große, bleiche +Zimmermann saß schlaflos mit offenen Augen, die glänzten, +wie die Augen einer Eule. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-22"> +22 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den +Gefährten. Die helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. +Er hörte, daß Lehmann schalt, ohne ihn jedoch +zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen Worte +galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich +rasch. +</p> + +<p> +„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, +„so gehen Sie doch wieder zurück nach Berlin und lassen +Sie sich von den Läusen auffressen. Sie haben die Bedingungen +der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten +wollen und die vor allem Freude an der Arbeit haben. +Das ist die Hauptsache für uns.“ +</p> + +<p> +Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe +vorüberfloß, um sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte +ihn, gut gelaunt wie immer. Er hatte die Hosen hinaufgestülpt +und stand bis an die Knie im eisigen Wasser, +während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und +Rücken wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh +munter geworden,“ sagte er lachend. „Plötzlich, siehst +du, hört er auf zu schmunzeln.“ +</p> + +<p> +Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, +der nach Schnee schmeckte, strich durch die Stämme, hoch +oben glitten mächtige helle Wolken dahin, ganze Gebirge +von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine dünne Lichtnadel +durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der +fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein +würziger Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie +auseinanderbricht, stieg aus dem feuchten Boden. Raben +krächzten über den Bäumen, und ein paar dunkle Fittiche +schwankten irgendwo gespenstisch. +</p> + +<p> +Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. +Eine helle Stimme schalt. +</p> + +<p> +„Spute dich: er meint uns.“ +</p> + +<p> +Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, +ohne jeden Zweifel. Er befahl, ordnete an, schrie, sprang +selbst zu, half mit. Riesenkräfte schienen in seinem einen +Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, nichts +entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein +Gesicht niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, +seine Wangen waren frisch gerötet. +</p> + +<p> +Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe. +</p> + +<p> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden +Bart, und der kleine alte Maurer mit dem Schlapphut +hatten zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. +Sie handhabten zusammen eine Säge und versuchten ein +dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten, +dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die +Bohle eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz +ab. +</p> + +<p> +Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ +sagte er. „Arbeitet langsam, wenn euch der Atem ausgeht, +aber arbeitet regelmäßig und schwätzt nicht soviel. +Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem langen +Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“ +</p> + +<p> +Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen +Bart vor und knöpfte zur Antwort langsam den langen +Militärmantel auf. Er trug ein zerrissenes Hemd, das nur +noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und eine alte an +den Knien zerschlissene Hose. +</p> + +<p> +„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer +gewissen Härte in der Stimme, die seine Beschämung +verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie +Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich organisiert. +Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, +daß man uns in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen +geschickt hat. Es wird alles in Ordnung kommen.“ +</p> + +<p> +Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. +Alle staunten den halbfertigen Schuppen an, während sie +aßen. +</p> + +<p> +„Ob wir es heute noch schaffen?“ +</p> + +<p> +Kopfschütteln. Zweifel. +</p> + +<p> +„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, +der mit ihnen aus demselben Kessel aß. +</p> + +<p> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau +und kalt, mit einem eisigen Wind, war der Schuppen +bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er hatte zwei Fenster – +nicht größer als Stallfenster allerdings, und einige +Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und +eine solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh +wurde in den Schuppen gebracht, der Kochherd, schon +wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. Kisten wurden +zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen +Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte +die Zweige an die Wand. Nun sah es in der Tat schon +ganz festlich aus. Es war behaglich. Der Wind pfiff +nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine +Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt +und geflickt, aber es waren immerhin Decken, und sie +waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann sich sein Lager +eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren Notizbücher, +Rollen, Pläne. +</p> + +<p> +Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! +Es war ein junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer +verblaßten Schülermütze auf dem Kopfe. Forsch und keck +trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von der frischen +Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er. +</p> + +<p> +„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. +„Kannst du Tabak besorgen?“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen +morgen auch Tabak mit.“ +</p> + +<p> +„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst +du bezahlt, mein Junge, am Tage?“ +</p> + +<p> +„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“ +</p> + +<p> +Wir? Wer waren diese „Wir“? +</p> + +<p> +Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +hatte sich das alles seit gestern geändert! Es zeigte sich, +daß der Radfahrer in seinem Rucksack ein Paket Zeitungen +mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas veraltete +Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt +vorging, während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe +hing von der Decke herab. Das hätte von allen +keiner erwartet. Man fand es nun ganz behaglich und angenehm +in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit +einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf +dem Stroh, und einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit +war geschwunden, das finstere Grübeln, der gegenseitige +Argwohn. +</p> + +<p> +„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du +immer? Den ganzen Tag spintisierst du! Nimm es nicht +so schwer, es wird noch schlimmer kommen. Der Teufel +holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte. +</p> + +<p> +Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten +Rattenaugen, er nannte sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer +gesammelt. Henry, der, wie er sagte, jahrelang Steward +auf den großen Passagierdampfern war, erzählte von +seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, +als sei er erst gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so +groß wie die Hand, und von einer Hitze, daß die Ölfarbe +der Schornsteine schmolz. Er hatte in China Hinrichtungen +mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern +gewesen – lauter kleine Puppen, lauter kleine braune +nackte Puppen. Er erzählte von reichen Leuten, amerikanischen +Millionären, sonderbaren Passagieren. Da war zum +Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war. +Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie +war der Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte +sich in ihn, Henry. Er könnte heute, weiß Gott, ein +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene Frau, etwas +Schrecklicheres gibt es nicht. +</p> + +<p> +„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie +geheiratet!“ Gelächter. +</p> + +<p> +Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte +sich als ein vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, +Stare, Hühner, Eichelhäher, Katzen und Hunde +aller Größen und Rassen ahmte er nach und erntete großen +Beifall. +</p> + +<p> +Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener +Art befanden. Selbst der Verstümmelte – +mit dem Glotzauge –, selbst er steuerte etwas zur Unterhaltung +bei. Er war in Sibirien in Kriegsgefangenschaft +gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er hielt +die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. +Und alle, die nie einen Wolf gehört hatten, überlief +ein Schauer. +</p> + +<p> +Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast +augenblicklich sanken alle in tiefen Schlaf. +</p> + +<p> +Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend +ging er, die Pfeife rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke +auf und ab. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-23"> +23 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend +stürzten die Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten +die Arbeit im Walde und in der Baracke nach Befähigung +angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und +das Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung +ab. Den hochgeschossenen jungen Menschen mit den +abstehenden Ohren und dem Diebsgesicht hatte Lehmann +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er sagte, Tagediebe +und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen +verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen. +</p> + +<p> +Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur +Arbeit. „Vorwärts, immer vorwärts!“ rief er. „Ohne +zäheste Arbeit können wir das große Werk nicht schaffen. +Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht +sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen +Spaß! Er setzt mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“ +</p> + +<p> +„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann +zu dem großen, bleichen Zimmermann. „Ich werde +Sie in ein Krankenhaus schicken.“ +</p> + +<p> +Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns +flehten. „Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich +hier im Walde. Hier werde ich gesund werden. Haben +Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich +nicht in ein Krankenhaus.“ +</p> + +<p> +Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau +verunglückt, die Hüfte verrenkt, gar nichts Besonderes, +aber seitdem war es mit ihm bergab gegangen. Es war +vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister +sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei +Monate lang mit seiner Frau und drei Kindern in einer +Dachkammer ohne Fenster, bis er erkrankte. Die Kinder +gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. Nun, +Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost +– was man hier im Walde Krankenkost nannte! –, +und nach einer Woche schon sah man ihn zuweilen langsam +unter den Bäumen hin und her gehen, während er +früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei +Wochen aber nahm er schon die Axt in die Hand, aber er +schwankte noch, wenn er zuschlagen wollte. +</p> + +<p> +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm. +</p> + +<p> +Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? +– ein wirklicher Automobilomnibus auf der Landstraße +heran. Alle sahen staunend von der Arbeit auf. +</p> + +<p> +„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben +wir schon Omnibusverbindung bekommen? Es wird +gar nicht lange dauern, so werden sie uns eine Untergrundbahn +hierher bauen.“ +</p> + +<p> +Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in +grauen Arbeitskutten. Lebhaft schüttelten sie Lehmann die +Hand. Es zeigte sich bald, daß einer der Herren Arzt war +und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt eine +vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie +benötigen. +</p> + +<p> +Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen +klettern. Dem einen wurde dieses geraten und verschrieben +und dem andern jenes. Die Herren waren außerordentlich +freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre +Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem +General setzte er eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer +Sorgfalt behandelt. +</p> + +<p> +„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg +erblickte. Erstaunt erkannte Georg jenen Arzt wieder, der +ihn seinerzeit in dem Haus in der Lindenstraße empfangen +hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die +Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben +Sie sich erholt!“ rief er aus. „Sie haben schon etwas +Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir kommen zuweilen +aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen Außendienst +reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage +in der Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen +Sie!“ +</p> + +<p> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. +Dann fuhren sie davon, Lehmann mit ihnen. +</p> + +<p> +Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte +am Abend alle Gemüter. +</p> + +<p> +„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! +Sie haben ja alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine +Apotheke ist eingebaut. Ihr Leute – und sie waren nicht +entfernt so grob wie die Kassenärzte.“ +</p> + +<p> +„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“ +</p> + +<p> +„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber +man muß zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, +Wäsche, Socken haben sie uns gegeben, und der General +hat sogar eine gestrickte Wollweste bekommen.“ +</p> + +<p> +„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und +das Rote Kreuz soll auch dahinterstecken.“ +</p> + +<p> +„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen +und Botendienste tun, sie scheinen alles überlegt zu haben +und alles heranzuziehen.“ +</p> + +<p> +„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer +wieder an und schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen +sie eigentlich hier bauen?“ +</p> + +<p> +„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu +nagen und zu beißen hast auf deine alten Tage.“ +</p> + +<p> +„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas +hier wollen? Und ein großer Schuppen soll noch kommen? +Und der Plan, den Lehmann bei sich hat?“ +</p> + +<p> +Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan +werfen können. „Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll +hier eine Art Stadt gebaut werden.“ +</p> + +<p> +„Eine Stadt?“ +</p> + +<p> +„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch. +</p> + +<p> +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter. +</p> + +<p> +„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“ +</p> + +<p> +Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart +wieherten. „Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich +habe doch den Plan gesehen,“ sagte er. „Eine Stadt oder +eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“ +</p> + +<p> +„Gärtnereien!“ +</p> + +<p> +„Gärtnereien, sagst du?“ +</p> + +<p> +„Jawohl, Gärtnereien!“ +</p> + +<p> +Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf +diesem Boden – nichts als Sand! +</p> + +<p> +Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg +zu Hilfe. „Worüber lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. +„Man kann auf den ersten Blick sehen, daß ihr nie aus der +Stadt herausgekommen seid und vom Boden nichts versteht.“ +Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten, +von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem +Sandhaufen geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren +blieben die Leute stehen, so sah der Garten aus, und schon +im dritten Jahre blühten darin die Fliederbüsche. Im +vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den +kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die +Hände in die Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten +aus der Stirn und begann zu pfeifen – tüh +– tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein Herz +hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“ +</p> + +<p> +Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche +Handbewegung. Er wußte es besser als alle. +</p> + +<p> +„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. +„Wie? Was sie hier machen wollen? Geld wollen sie +machen, aber nicht für uns! Es ist ja alles aufgelegter +Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht werden, +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – +im Laufe der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so +sollst du einen Morgen Land und eine Behausung bekommen. +Wer soll das glauben? Es ist ja alles Schwindel +und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg +und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns +schinden, und Schellenberg wird den Profit einstreichen. +Ich habe ja bei Schellenberg gearbeitet. Er baut sich einen +Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen haben. Ein +halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg +hat sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man +so etwas schon gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da +sind fünfzig Zimmer und Säle, und sogar die Diener haben +Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein Bootshaus +und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie +eine Kaserne, und alles aus weißen Kacheln! +</p> + +<p> +Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr +der Schlosser fort und fettete sich den Schnauzbart mit +den Fingern ein. „Wenn er in seinem Auto angefahren +kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine Bärenmütze +auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er +bei sich, und manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. +Oh, man muß ihn nur gesehen haben, dann weiß +man alles. Dieser Schellenberg hat in den letzten Jahren +das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, +wie reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. +Er hat zehn Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja +kein Kunststück bei den Hungerlöhnen, die er uns zahlt. +Und die Regierung – sie stecken ja alle unter einer +Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen beschäftigt. +So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? +Laßt euch nicht auslachen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein +sah schüchtern und scheu das runzlige Gesicht einer +alten Frau. Auf ihrem Kopftuch lagen einige Schneeflocken. +„Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau. „Ist +das die Station Lehmann?“ +</p> + +<p> +„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner. +</p> + +<p> +„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. +„Was willst du denn?“ +</p> + +<p> +„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche +führen.“ +</p> + +<p> +Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ +Dann brachen sie in lautes Gelächter aus. Und sie lachten +so sehr, und ihre Bemerkungen waren so derb, daß +der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie +drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten +Mantel. „Ihr seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte +heftig die Arme. Am liebsten wäre sie wieder zur +Türe hinaus. +</p> + +<p> +Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre +runzligen Lippen schienen nicht mehr zur Ruhe kommen +zu wollen. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte und verlor +sich in Einzelheiten, die niemand verstand. Sie war Witwe, +ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein +kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und +sechs Kinder hatte sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. +Aber durch den Krieg hatte sie alles verloren. +Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten. +</p> + +<p> +Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und +schämten sich ihrer derben Späße. +</p> + +<p> +Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und +wußte, was sich gehört. Er sprang auf, ging der Alten +entgegen und schüttelte ihr herzhaft die Hand. „Nun +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns, Großmutter! +Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf +der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, +da hast du es warm. Komm, gib den Mantel her. So, +und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und wirklich wollte der +Schlächter der alten Frau einen Kuß geben. +</p> + +<p> +„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn +zurück. Sie lachte, während die Tränen auf ihren runzligen +Wangen noch nicht trocken waren. „Ei, was für ein +loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem Schlächter eine +kleine gutgemeinte Ohrfeige. +</p> + +<p> +„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die +Bekanntschaft war geschlossen. +</p> + +<p> +„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“ +</p> + +<p> +„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte. +</p> + +<p> +Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug +sei? „Und die Bedienung, die wir haben, wie in einem +erstklassigen Hotel. He, Henry, zeige der Großmutter, +wie es bei uns hergeht.“ +</p> + +<p> +Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges +Handtuch unter den Arm und tat, als serviere er. Einen +Teller auf der Hand balancierend, rannte er mit kurzen, +schnellen, komischen Schritten von der Küche in die Mitte +des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel sitzenden +Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die +Platte auf den Fingern, damit der Gast bequem abheben +konnte, richtete sich auf und schob sich neben den nächsten +Gast. Sein Gesicht war von tödlichem Ernst. Zuweilen +tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht +einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er +mit denselben komischen Schritten wieder in die Küche +zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, +Henry spielte diese Szene mit unglaublicher Komik. +Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen +liefen. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser +seine Kunst hören. Er ahmte einen ganzen Käfig voller +Hühner nach, und die Alte glaubte wirklich eine Weile, +daß in der Ecke Hühner seien. +</p> + +<p> +„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie. +</p> + +<p> +„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der +Schlosser und gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter. +„Wir werden dich nicht fressen. Es wird dir gut bei +uns gefallen!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-24"> +24 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, +jeden Sonnabend zu ihren Angehörigen in die Stadt zu +fahren. Am Montag kehrten sie zurück. Einzelne kamen +nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte +sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten +aber sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub +gewährt werden. Es hing ganz davon ab, wie Lehmann +mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am +ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten. +</p> + +<p> +„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem +Lächeln. „In vier Wochen vielleicht.“ +</p> + +<p> +Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen. +</p> + +<p> +Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, +da zitterte sein entkräfteter Körper unter den Anstrengungen +der schweren Arbeit, und des Morgens, wenn der +Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß +gebadet, die Füße trugen ihn kaum. In der zweiten Woche +aber fühlte er seine Kräfte langsam zurückkehren, und in +der dritten Woche war es ihm, als ob er seit Jahren diese +schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie Moritz, +daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen +Mann. +</p> + +<p> +Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr +unter jedem Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen +Ostwinde einsetzten und in den Nächten das Wasser in den +Furchen der Landstraße gefror. Reif bedeckte am Morgen +den Boden und die Stämme der Bäume. +</p> + +<p> +Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde +zu wandern. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und +sich mit seinen Angelegenheiten in aller Stille zu beschäftigen. +</p> + +<p> +Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der +in einer Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der +Wald an eine sanft geneigte Heidefläche, die nur von dünnem +Gestrüpp und einigen Birken bestanden war. Auch +auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage tätig. +In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort +hausten sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie +an einem Sonntag besucht. +</p> + +<p> +Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen +Heide. Wie ein Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich +der Mond aus dem Rauch des Horizonts, bald aber funkelte +er herrisch hoch am Himmel und spiegelte sich ohne +Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des +Kanals, der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei +und ohne jedes Hindernis stürzte der Wind über die kahle +riesige Fläche. +</p> + +<p> +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem +Gram. Kein Mensch, kein Tier. Das rote glimmende +Licht der Arbeiterbaracke am Rande der Heide war das +einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste +und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo. +</p> + +<p> +In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im +Angesicht des kalt blendenden Mondes wanderte Georg dahin, +seinen Gedanken hingegeben. +</p> + +<p> +Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine +Stunde Christine und ihr Schicksal vergessen. In den +ersten Wochen hatte er versucht, die Erinnerung an sie +aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht verlassen +und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde +hatte ihn ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, +nichts wußte er, nichts. +</p> + +<p> +Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles. +</p> + +<p> +Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, +sich beim Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. +(Erst hier im Walde war ihm eingefallen, daß +es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser indessen hatte +geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er aufstehen +könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit +dieser Zeit hatte er nichts mehr gehört. +</p> + +<p> +Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub +nach Berlin bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. +Dazu hatte er etwas Geld in der Tasche. +</p> + +<p> +„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die +stille verlassene Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses +Mädchen anfangs gar nicht so sehr. Ich hatte mich +immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, nicht wahr? +Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, Tränen +und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +Mädchen zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner +Eitelkeit, daß dieses leidenschaftliche, von vielen begehrte +und umworbene Mädchen – wo sie auch ging, wandten +sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. Wie +sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie +um mich warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als +etwas Selbstverständliches hin, ihre Leidenschaft, ihre +Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er durchlebte in der +Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war +es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie +sie ihn mit ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen +kannte, quälte und folterte. Diese ewigen Szenen! Sie +lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte über jeden seiner +Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde, +seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der +schönen Jenny Florian, durfte er nicht einmal die Hand +geben. Welche Qual! Sie drohte sich ins Wasser zu stürzen, +sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal hatte er +beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten, +wenn es sein mußte ... +</p> + +<p> +„Und nun?“ +</p> + +<p> +„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg +und blieb inmitten der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit +Christine in ihrer Raserei auf mich geschossen hat, seit +diesem Augenblick liebe ich sie über alle Maßen.“ +</p> + +<hr class="tb" /> + +<p class="noindent"> +In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, +die Umrisse von Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die +Schuppenwand zu zeichnen. Seine Pfeife qualmte, und +sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen strahlte +vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, +als die Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +Aufschrift, die in großen, glänzend weißen Lettern die +ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie lautete: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Gesellschaft Neu-Deutschland!</p> + <p class="verse">Tod dem Hunger!</p> + <p class="verse">Tod der Krankheit!</p> + <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten +sollte. +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der +seine Malerei wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie +nicht, wiederzukommen!“ +</p> + +<p> +„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch +ging er dahin. Die Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle +in dem kalten Wind durch die Luft trieben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-25"> +25 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die +elektrisch angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen +mit einem schrillen Ton vom Grauen des Tages bis zum +Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem Gesplitter +fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten +Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten +Bäume, um die Äste zu entfernen. Über die ganze Waldfläche +zerstreut lagen die Leichen der gefällten Föhren und +Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz. +</p> + +<p> +Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll +in der Hand und trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall +war auch Georg Weidenbach, der zu einer Art Unterführer +aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab Befehle, nahm +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der +Arbeit und vom Frost. +</p> + +<p> +Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die +an ihn grenzte, war bereits von den Baracken aus sichtbar. +An klaren Tagen sah man auf der Heide kleinere und größere +Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an der Arbeit. +Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten +die Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide +gestanden. Meist aber war die Heide in Dunst und Nebel +eingehüllt, und man sah nichts. +</p> + +<p> +Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren +noch zwei große Schuppen dazugekommen, in denen die +Belegschaft, über hundert Köpfe stark, hauste. Ein wenig +abseits stand eine mächtige Baracke mit einer Reihe großer +Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie +große Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier +kreischten und sangen die Sägen. Eine Schar von Tischlern +und Zimmerleuten war hier an der Arbeit, und Martin, +der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich +und elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei +große Schuppen waren noch geplant. Glückshorst sollte +eine der großen Tischlereien der Gesellschaft werden. Sie +machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle und +Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer +die gleichen Maße und Größen. +</p> + +<p> +In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller +anfangs gehaust hatten, befand sich heute nur noch die +Küche, wo Mutter Karsten mit den Töpfen rasselte. Bei +ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem Dorf zu +ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, +die sie schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug +bei ihr sein, ohne jede Pause ging ihr rasches Mundwerk. +</p> + +<p> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er +hatte dort eine Pritsche mit einem Strohsack und einer +Pferdedecke, einen Tisch und einen Stuhl, wie sie in der +Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch stand das +Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das +Bureau war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der +Unordnung saß Lehmann, die Pfeife im Munde, und +lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war zufrieden. +Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig +in Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht +und ihm eine große Karriere prophezeit. Und +darüber freute sich Lehmann. Er war früher Offizier gewesen, +lange ohne Brot und Stellung und hatte eine +Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst +brauchte er nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war +alles. +</p> + +<p> +An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden +Morgen die Vakanzen der Berliner Arbeitsnachweise an +und musterte dann die Leute aus, die sich für die Vakanzen +meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du +bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. +Er hat Frau und Kind in Berlin sitzen. Und dich, +Moritz, kann ich hier nicht entbehren, dich brauche ich +hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge vor, warte +nur, bald sollst du es hören.“ +</p> + +<p> +Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die +Brust und wurde rot über das Lob. Täglich gingen Leute +nach Berlin zurück, und andere Arbeitslose kamen. Manchmal +waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal mehr. +</p> + +<p> +Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen +Kolonnen einreihen. Es gab leichtere und schwerere Arbeiten, +Arbeiten, die jeder Dummkopf leisten konnte, und +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte es +gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten +der einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung +dauerte keine fünf Minuten, und schon ging es an die Arbeit. +</p> + +<p> +Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – +in Berlin gewesen. Aber seine Reise war völlig ergebnislos +verlaufen. Bei den polizeilichen Meldestellen wußte +man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem +düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er +hoffte, der Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, +nähere Auskunft geben. Und wenn nicht er, so vielleicht +irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. Die Stunden +vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es +reichte kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, +den er immer noch hustend und frierend in seiner +kalten Werkstatt vorfand. +</p> + +<p> +Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich +einen Brief von Stobwasser erhielt. Seht an, das erste +Wort, das Georg in die Augen sprang, war der Name +Christines. So also war es: Katschinsky hatte es +Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die +Schauspielerin, jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft +als Diva engagiert, hatte vor mehreren Wochen eine +Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. Unglücklicherweise +aber war die schöne Jenny auf Reisen, +sie filmte in Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie +zurückerwartet. +</p> + +<p> +So hieß es, sich gedulden. +</p> + +<p> +Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg +stürzte sich in die Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich +schlug sein Herz wieder freier. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-26"> +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +26 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, +einige Frostnächte unter dem blitzenden Mond, das war +alles. Nun aber war in der Nacht heftiger Schneefall +eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, völlig verändert. +Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, +aber gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom +Himmel herunter. Am Morgen waren die Baracken fast +einen Meter tief in den Schnee gesunken. Auf den Bäumen +hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne +glitzerte. +</p> + +<p> +Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute +forderten eine besondere Kolonne an, da sie +bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt waten +mußten. +</p> + +<p> +Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den +Briefen? Die Radfahrer können unmöglich durchkommen. +Aber siehe da, schon kamen die Boten an. Es waren jetzt +sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst mit Begeisterung +versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt +und bewundert. Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen +jungen Leuten, die freiwillig Dienst taten, nicht grün +waren – sie hielten sie für Mitglieder reaktionärer Verbände +–, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen +an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche +Teufelskerle! +</p> + +<p> +Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von +den Dächern fegen, sie bogen sich unter der Last. Aber die +Arbeit erfrischte und ermunterte. So sonderbar es war, +man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter. +</p> + +<p> +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn +er fegte die Straße frei und wehte den Schnee hinunter in +den Kanal. +</p> + +<p> +„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist +dieser Wind, denn die Stubben müssen heraus. Wir müssen +die Sprenglöcher bohren.“ +</p> + +<p> +Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben +flogen in die Luft. +</p> + +<p> +Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte +und ermunterte. Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten +her. Nur jene, die erst vor wenigen Tagen aus +Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde, +verhielten sich noch still und stumpf. +</p> + +<p> +An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker +Tumult. In der Tat, in keiner der Kneipen der Berliner +Vorstädte, wo am Abend müde und verbrauchte Menschen +verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene Fröhlichkeit. +</p> + +<p> +Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, +Gelächter. +</p> + +<p> +Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt +der Gesellschaft. Jeden Abend gab es ein lustiges +Geplänkel zwischen ihm und Mutter Karsten. Moritz faßte +die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen und +sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich +Hochzeit feiern?“ +</p> + +<p> +„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte +Frau zu verspotten, du Schlingel! Siehst du nicht meine +Runzeln und daß ich keine Zähne mehr habe. – Hier +hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende Ohrfeige. +</p> + +<p> +Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war +und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut +aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen +folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz +begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an +und machte Scherze. +</p> + +<p> +An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche +sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden +ihm zugesteckt. +</p> + +<p> +Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht +war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von +Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika. +Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann +seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er +rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine +Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße, +man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu +stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in +einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus, +als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin, +das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets +ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten +vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit +einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann +auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein. +Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort +öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, +auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der +stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff +auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt +renommierte. +</p> + +<p> +„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als +ob du weit kämest.“ +</p> + +<p> +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“ +</p> + +<p> +„Ah, ein Boxkampf!“ +</p> + +<p> +Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation +war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock +aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste. +Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde +Georg zum Schiedsrichter erwählt. +</p> + +<p> +„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“ +</p> + +<p> +Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig +Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel! +</p> + +<p> +Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf +nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt +wird,“ sagte er. +</p> + +<p> +„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten +konnte. Ungeheure Erregung. +</p> + +<p> +Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, +elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin +aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren +wütende Blicke zu. +</p> + +<p> +Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, +daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische +Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ +zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht +in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu +treiben. +</p> + +<p> +„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien +und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung +nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten +Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen +Spaß!“ +</p> + +<p> +An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, +immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im +Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, +Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten +schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war +den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer +Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit +sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, +wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, +Gießereien, und am Schluß erschienen stets +Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen, +kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen, +Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, +neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-27"> +27 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen +für das Lager interessierten. +</p> + +<p> +Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer +in einem alten Auto an. Sie gingen zu Lehmann +ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder heraus, +um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie +gingen in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. +Sie besuchten die Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, +und schienen sich für alles zu interessieren, auch für jeden +einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit raschem Blick +ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf, +dem Kellner. +</p> + +<p> +Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“ +</p> + +<p> +Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +er hieß gar nicht Henry Graf. Und weshalb wurde der +Kellner so bleich? +</p> + +<p> +„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite +der Männer. „Kommen Sie mit uns!“ +</p> + +<p> +Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war +weiß geworden wie der Schnee im Walde. „Nun wollte +ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“ +</p> + +<p> +Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, +dann sind Sie frei.“ +</p> + +<p> +Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. +Die Kameraden strömten herbei und umringten +die Kommissare und den Verhafteten. +</p> + +<p> +Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. +„Lassen Sie ihn doch hier, Herr Kommissar, er +ist doch ein wirklich guter Kamerad.“ +</p> + +<p> +Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. +Der Schlosser aber nahm ein paar Zigaretten aus der +Tasche und wollte sie einem der Herren zustecken. +</p> + +<p> +„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem +Kommissar zu. „Drücken Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. +Ist denn wirklich nichts zu machen?“ +</p> + +<p> +Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp +gab dem Kellner bis zum Auto das Geleit. +</p> + +<p> +„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die +Zähne zusammen. Es ist ja nicht so schlimm!“ +</p> + +<p> +„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem +Auto nach, bis es verschwand. +</p> + +<p> +Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und +noch zwei Jahre, sagte der Kommissar? War er ausgerückt? +Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden hatten! +</p> + +<p> +An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der +Baracke. Immer wieder sprach man von den Kommissaren +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +und dem Auto und Henry Graf, der eigentlich Bollmann +hieß. +</p> + +<p> +„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich +um, als sie Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen +sollen.“ +</p> + +<p> +„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? +Jeder Mensch hielt sie für Bauleute. Natürlich konnte +Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein Pech!“ +</p> + +<p> +Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem +Stöckchen und dem kleinen steifen Hut, wie man glaubte, +daß er umfalle, wie er dicht am Boden kauerte und das +Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den linken +und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu +in einer fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? +Und nun also saß er im Kittchen. +</p> + +<p> +Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika +geben. Er kam aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ +auf!“ klang es von allen Seiten. +</p> + +<p> +So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte +verdrießlich Karten, um die paar Abendstunden totzuschlagen, +und wickelte sich frühzeitig in die Decken. +</p> + +<p> +Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. +Da war zum Beispiel dieser kleine alte Maurer. +Man erinnert sich, er trug einen Hut, einen großen +Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er +war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei +der Arbeit, und wenn er ging, so wackelte sein hängender +Hosenboden. Dieser alte Maurer, der eines Abends von +seinem Gärtchen erzählt hatte und zum Ergötzen der Kameraden +den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall +nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man +bemerkte es nicht. Erst am andern Morgen fiel es seinem +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Nachbar auf, daß das alte Männchen fehlte. Nun gab es +im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die sich +mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen +der Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber +er, der Alte, ganz unmöglich! Viele Wochen war er schon +da. +</p> + +<p> +Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, +die in den Wald hineinführten, immer tiefer. Und dort +also, an jenem Baum, da hing er. Der Alte hatte sich erhängt. +</p> + +<p> +Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: +„Alles, was ich erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. +Ich bin zu alt, um von vorn anzufangen. Betet für +meine Seele!“ +</p> + +<p> +Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst +wollte man ihn im Friedhof des Dorfes begraben. Aber +nach einer längeren Debatte am Abend mehrten sich die +Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren. +</p> + +<p> +„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen +Bauern im Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, +und vielleicht kommt eine Nachtigall zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der +Schlosser. +</p> + +<p> +„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn +der Schlächter-Moritz an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen +hierherkommen, wenn es doch sogar in Berlin Nachtigallen +gibt.“ +</p> + +<p> +„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen +kommen,“ erklärte Georg. +</p> + +<p> +So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt +zwölf Uhr kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“ +</p> + +<p> +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt +sogar eine richtige Rede, wobei er heftig den einen Arm +schwang. Alle fanden diese Rede sehr schön. Er sprach davon, +daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende +sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es +einfach nicht mehr ertrugen. Während die Betrüger und +Spekulanten in die Höhe kamen, hatte man ehrwürdige +Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den Dreck +hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. +Erst die Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. +Sie sei spät gekommen, aber doch nicht zu spät. +„Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist ebensogut +ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein +General oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere +Menschen wandeln, als er einer war.“ +</p> + +<p> +Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife +an, und die Feierlichkeit war beendet. +</p> + +<p> +Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft +diskutiert. Besonders die Stelle mit dem Minister +und General fand Anklang, war der Alte doch nur ein +armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl +er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, +mit dem sich auskommen ließ. +</p> + +<p> +So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell +verschwand er. Ein warmer Wind kam vom Süden, und +es tropfte und rieselte von den Bäumen. In ein paar +Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne +schien, und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz +seine braune Strickjacke aus, er schwitzte. +</p> + +<p> +Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost +aus dem Boden vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser +gierig in sich. +</p> + +<p> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann +es draußen auf der Heide zu knattern und zu prasseln, als +ob Flugmaschinen über die Erde surrten. Eine Kolonne +von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag für +Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst +schleppten sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige +Bodenfräsen, die die Erde zertrümmerten und zerschnitten, +dann schleppten sie Düngerstreumaschinen, dann +Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. Immer sah +man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die +Heide kriechen. +</p> + +<p> +„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar +nicht so lange dauern, dann haben wir sie hier!“ +</p> + +<p> +Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den +Baracken eifrig besprochen wurde. +</p> + +<p> +Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke +herüber ein Auto, das in einem ganz auffallenden Tempo +dahinflog und mit einem Ruck stehenblieb. Bisher hatte +man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, denn die +Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren +ausrangierte alte Kasten. +</p> + +<p> +Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener, +breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel +und ein etwas schiefgewachsener blaubleicher Herr +in einem langen Pelz. +</p> + +<p> +Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in +großer Eile auf sie zuging. Er nahm die Pfeife aus dem +Munde und verbeugte sich! Das war bisher noch nicht beobachtet +worden, daß Lehmann so große Höflichkeit zeigte. +Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, +dann vor dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen +Gesicht. Man drückte sich gegenseitig die Hand, +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld geschritten. +Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit +weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er +schien wirklich aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten +die Baracken, die Küche, die Tischlerei besahen sie, alles. +Sie sprachen auch mit dem und jenem, der gerade in der +Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in +Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, +und mit einem Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße +hinunter. +</p> + +<p> +„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere +Leute! Waren es Direktoren der Gesellschaft? Und dieser +verwachsene, bleiche, alte Mann, sah er nicht aus, als +sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser Große +mit dem braunen Gesicht!“ +</p> + +<p> +„Wer sind die Herren gewesen?“ +</p> + +<p> +„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch +ganz erregt war und eifrig die Pfeife paffte. +</p> + +<p> +„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das +ruhige und klare Gesicht interessiert hatte. +</p> + +<p> +„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und +der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer +Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht +hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“ +</p> + +<p> +„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den +krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit +geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein +halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg +hier, und du hast ihn nicht erkannt.“ +</p> + +<p> +Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, +schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem +Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich +aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist +da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und +es war doch nicht Schellenberg.“ +</p> + +<p> +„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten +zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust. +„Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns +alles vorgeschwindelt!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="book" id="chapter-0-2"> +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Zweites Buch +</h2> + +</div> + +<h3 class="chapter1" id="subchap-0-2-1"> +1 +</h3> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer +Straße wurde die berühmte Sammlung des Barons +Flottwell versteigert. Diese Versteigerung war ein gesellschaftliches +Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, früherer +Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, +hatte in den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den +letzten Pfennig verloren, so daß sein ganzer Besitz schließlich +unter den Hammer kam. Zugleich mit den Herrlichkeiten +Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen, +Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener +Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie +angehörten, ausgeboten. +</p> + +<p> +Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten +Profile einiger Museumsdirektoren, die bekannten +Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, ganz wie vor dem +Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen verändert. +Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, +mit mächtigen Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten +Hüften, völlig neue Gesichter, die niemand kannte. Viele +Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber nur wenig +Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend, +darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte. +</p> + +<p> +Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Vitrinen glitzerten, verwirrten die Sinne. Die Summen +und Unsummen, die durch den Saal schwirrten, steigerten +die Erregung zum Fieber. +</p> + +<p> +In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter +Agent, der alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit +an sich riß. Er trug eine graugrüne schäbige Perücke über +den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, das Gesicht +bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener +Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als +ein Manet, ein herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten +wurde, entstand zwischen ihm und einem bekannten +Museumsdirektor ein erbittertes Duell. Andere Liebhaber +und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur +die beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der +Perücke trug den Sieg davon, und der Museumsdirektor +verließ bleich und tödlich gekränkt den Saal. Mit der gleichen +Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um +das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug +sich hier mit einigen Händlern und einer Schar von Specknacken +wie ein Rasender – seine Stimme aber blieb +gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. Auch hier +blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der +Kampf um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells +stand wie der Silberschatz eines Domes auf dem +Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in den Pelzen erhoben +sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, +nie hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf +um das Silber wurde dramatisch. Mit Genugtuung sah +man, daß ein Specknacken nach dem andern niedergekämpft +wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen +herrlichen Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter +Herrenreiter, kämpfte noch eine Weile um den Flottwellschen +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +Schatz. Ihm hätte man ihn vielleicht gegönnt, +aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war man +sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen +geben mußte. +</p> + +<p> +Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem +Kopfe zurecht und wischte sich mit einem nicht ganz sauberen +Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. +</p> + +<p> +Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles +an sich riß? Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke +ein Objekt bis zu fabelhafter Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. +Aber das Silber? Welch eine phantastische +Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter? +</p> + +<p> +Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines +Nachbarn: „Es ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! +Sehen Sie, dort steht er, jener große Herr, der sich Notizen +in den Katalog macht.“ +</p> + +<p> +„Unmöglich!“ +</p> + +<p> +„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“ +</p> + +<p> +Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, +gesammelter Miene und einem leisen gutgelaunten +Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich seine Augen, wie die +eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt. +</p> + +<p> +Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt +Herr von Stolpe, jener kleine Leutnant mit den rosigen +Kinderwangen, der vor etwa drei Jahren den Waldverkauf +vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in den +Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in +die Höhe kletterten, streifte er mit einem unauffälligen +Blick Wenzels Gesicht. Rollte Schellenberg den Katalog +zusammen, so strich sich Stolpe unauffällig übers Haar, +und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler mit der +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld. +</p> + +<p> +Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum +begannen die Zahlen wie Raketen in die Höhe zu schießen. +Wiederum schien ein rasender Kampf zwischen dem Agenten +mit der Perücke und einer Schar von Händlern bevorzustehen. +Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß +der Saal unruhig wurde und die Frauen sich wiederum +von den Sitzen erhoben. Stolpe wurde nervös. Er blickte +auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <a id="corr-12"></a>Auktion gar nicht +zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen +hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut +den Kopf, blickte in den Katalog, hörte die quäkende, +trockene Stimme des Maklers und rollte den Katalog zusammen. +Aber es war zu spät. +</p> + +<p> +An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht +interessiert. Er blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: +Es war hier auf der Auktion der Sammlung Flottwells, +wo Schellenberg Jenny Florian wiedersah! Vor +etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig vorgestellt. +Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar, +das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren +Knoten im Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig +prüfen konnte, war klassisch schön. Eine gewölbte ruhige +Stirne, darunter ein strahlendes, forschendes, klares Auge, +das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht, fein, träumerisch, +in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als +eine der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den +Blick und wurde unruhig. +</p> + +<p> +„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals +Stolpe gefragt. +</p> + +<p> +„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +man sagt, daß sie sehr gut modelliert und zeichnet. +Sie singt auch.“ +</p> + +<p> +„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2"> +2 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ährend</span> einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe +und noch einem jungen Herrn, den er schon irgendwo +flüchtig kennengelernt hatte, auf der Treppe plaudern. +Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas trockene +Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, +Fräulein Florian?“ +</p> + +<p> +Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und +sie ließ den Kopf, wie sie es stets tat, wenn sie verlegen +wurde, etwas auf die linke zarte Schulter sinken. „Herr +Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, aber +sehr hell. +</p> + +<p> +Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer +noch kürzeren, noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung +hatte sich Wenzel in den letzten Jahren angewöhnt, +sie war fast geschäftsmäßig und schien auszudrücken, +daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den +geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ +sagte er. „Ich habe leider Ihren Namen nicht behalten.“ +</p> + +<p> +„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ +warf Stolpe ein. +</p> + +<p> +Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die +Schultern in die Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger +Lässigkeit die Hand. Er war nicht gekränkt, daß Schellenberg +seinen Namen vergessen hatte, das konnte vorkommen. +Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, +die Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen +wollte, mit der Wenzel ohne weitere Umstände an Jenny +herantrat, fand er im höchsten Grade unpassend. Wenn +irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny plauderte, +so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich +im Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. +Es war nicht Eifersucht, denn über derartige Gefühle war +Katschinsky längst erhaben, es war die fortwährende +dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne +Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. +Wenzel war groß und stattlich, und der Glanz eines +jungen, rasch und kühn erworbenen Reichtums umstrahlte +ihn. +</p> + +<p> +Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um +Katschinskys Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um +Verzeihung, Herr Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. +„Ich erinnere mich nun genau, wir trafen uns bei +der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm dies in +der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder +an Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen +Gefühls, das er zuletzt im Salon der Gräfin +Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin Poppow lebte +davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer Spielergesellschaft +öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin +eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede +Leidenschaft, ohne Genuß, und sich vorgenommen, den +Salon der Gräfin Poppow zu meiden, ohne daß er einen +bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre +sagte ihm nicht zu. +</p> + +<p> +Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich +ein Russe, ein sehr eleganter junger Mann mit einem großen +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +Brillanten am Finger. Diesen Brillanten hielt Wenzel +für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit Leuten zu +spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß +Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln +mit ihm austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, +er wußte nicht warum. +</p> + +<p> +An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian +wandte: „Haben Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“ +</p> + +<p> +Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein +Geld!“ rief sie aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete +sie ein zweites Mal. +</p> + +<p> +Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, +muß sie ihm denn gleich sagen, daß sie kein Geld hat? +Sie wird es nie lernen, es ist zum Verzweifeln! +</p> + +<p> +„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. +Die Verwirrung des jungen Mädchens entzückte ihn. +</p> + +<p> +„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher +kommt es, daß diese alten Dinge schöner sind als die +unserer Zeit?“ +</p> + +<p> +Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel +Geld haben, diese kostbaren Dinge herstellen zu lassen? +Hat aber jemand die Mittel, so hat er sicherlich nicht den +Geschmack.“ +</p> + +<p> +Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu +äußern, und nur um etwas zu sagen, warf er lässig hin: +„In früheren Zeiten hatte der Mensch von Kultur die +Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil einzufühlen, +heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei +Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, +und Katschinsky schämte sich, etwas so Banales gesagt zu +haben. +</p> + +<p> +„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +sagte Jenny. „Ich fühle nur, das ist schön, oder +das gefällt mir nicht. Haben Sie viel gekauft, Herr +Schellenberg?“ +</p> + +<p> +Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine +Augen blendeten vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob +Schellenberg kaufte oder nicht? Er ahnte nicht, daß Jenny +nur aus Verlegenheit diese Frage stellte. +</p> + +<p> +„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte +Wenzel. „Ich kaufe weniger, weil ich mir ein +besonderes Verständnis für Antiquitäten zuspreche, weniger +aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr, +weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage +sehe als in zweifelhaften Effekten.“ +</p> + +<p> +Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie +seine Offenheit verblüfft. +</p> + +<p> +„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte +Wenzel. +</p> + +<p> +Sie errötete einige Male nacheinander und legte den +Kopf ganz schief. „Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte +sie hastig. „Die hiesigen Direktoren wollen mich nicht +haben.“ +</p> + +<p> +„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr +Katschinsky zu Hilfe. +</p> + +<p> +„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ +fuhr Wenzel fort, „sie war höchst eigennützig. Würden +Sie sich für den Film interessieren?“ +</p> + +<p> +Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ +rief sie. +</p> + +<p> +„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, +„vielleicht darf ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch +zurückzukommen. Ich unterhandle zur Zeit mit +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge sind noch +völlig in der Schwebe.“ +</p> + +<p> +Die Auktion ging weiter. +</p> + +<p> +„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ +raunte Wenzel Stolpe ins Ohr. +</p> + +<p> +„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit +einer knappen, unterwürfigen Verbeugung. +</p> + +<p> +Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst +heftiger Kampf. Wiederum war es der frühere Herrenreiter, +der ein Duell auf Leben und Tod mit dem Agenten +Wenzels ausfocht. +</p> + +<p> +Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, +im Empirestil. Das Besondere an ihr war ein wundervolles +Schlagwerk, und während das Duell zwischen +den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk +plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei +den ersten Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, +und es wurde vollkommen still im Saal. Hell, rein, in +unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der Choral: „Ein’ +feste Burg ist unser Gott –“ +</p> + +<p> +Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme +schluchzen. Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen +Dame zu, die mitten im Saal saß und das Taschentuch +vors Gesicht preßte. +</p> + +<p> +Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. +Man hörte wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, +und die quäkende, trockene Stimme des Maklers siegte +abermals. +</p> + +<p> +Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen +hatte, erhob sich die alte Dame und verließ, den Schleier +über das Gesicht gezogen, in verschämter Haltung den +Saal. +</p> + +<p> +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ +sagte er zu seinem Adjutanten, „finden Sie heraus, wer +diese alte Dame ist! Es interessiert mich zu wissen, ob +sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr steht.“ +</p> + +<p> +„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den +Hacken. Für derartige Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. +Wenzel war kaum in sein Bureau zurückgekehrt, +als Stolpe ihm Bericht erstattete. +</p> + +<p> +„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von +Griesbach, Witwe eines Landrats. Die Uhr stammt aus +ihrem Besitz. Sie lebt im alten Westen am Matthäikirchplatz. +Ihre Verhältnisse sind noch leidlich geordnet, aber +sie scheint Geld zu brauchen.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie +werden Frau von Griesbach persönlich die Uhr überbringen. +Sie werden ihr sagen, daß wir uns erlauben, ihr +die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns das +Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später +doch noch von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ +fügte Schellenberg hinzu, „so schön die Uhr ist, +dieser sentimentale Choral würde mich krank machen. Ich +würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen +Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“ +</p> + +<p> +Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen +Tage. Bei Schellenberg mußte alles rasch gehen, und +Stolpe war schon einige Male, da er zur Nachlässigkeit +neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel hinausgeworfen zu +werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so +fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, +die man in diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, +keine anstrengende Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, +fast den ganzen Tag im Auto unterwegs, in +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm +ein hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach +Stolpes Geschmack. +</p> + +<p> +Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den +er vor etwa drei Jahren vermittelt hatte. Allerdings – +Stolpe war nicht so einfältig, dies zu übersehen – hatte +Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein Vermögen verdient! +Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er +mit der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte +zwei Jahre, und als Wenzel schließlich bezahlen mußte – +die Mark war damals noch nicht stabil –, zeigte es sich, +daß er den ungeheuren Komplex für ein Butterbrot erhalten +hatte. +</p> + +<p> +Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein +ältliches Mädchen, schüchtern, verblüht, empfing ihn. +Sonderbar, so unsicher sich Stolpe Wenzel und seinen +Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde er, +sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte +mit den Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den +Fingerspitzen übers Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein +sonderbarer Auftrag! Das ältliche Mädchen errötete, stand +auf und verließ das Zimmer. +</p> + +<p> +Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte +sich eine auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken +an der verblaßten Tapete erkannte man, daß Bilder +von der Wand entfernt worden waren. Offenbar hatte +man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine +gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst +des Schrankes. +</p> + +<p> +Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, +in ein Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer +Nase und kalkigem Gesicht. Sie war außerordentlich +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +erregt. Wenzels Anerbieten schien sie tief verletzt zu +haben. +</p> + +<p> +„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, +unangenehmen Stimme aus. „Wir sind gezwungen, +ein Stück um das andere zu verkaufen, um das Leben +zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns +jeder reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“ +</p> + +<p> +„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit +zärtlicher Stimme. +</p> + +<p> +Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? +Nein, sie wolle um keinen Preis eine Gefälligkeit von +einem völlig Unbekannten annehmen. +</p> + +<p> +Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein +Chef, Herr Wenzel Schellenberg, bekleide den Rang eines +Hauptmanns, sie verkenne ihn völlig. Es sei ihm einfach +unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu rauben. +Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt +über so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die +Uhr wenigstens noch einige Zeit bei sich zu haben. Ihr +Herz hänge an der Uhr, besonders an dem Glockenspiel, +das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet +habe. Die Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater +habe sie persönlich vom König von Sachsen bekommen. +Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs Großmut. +</p> + +<p> +„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. +Herr Schellenberg kann die Uhr jederzeit wieder abholen +lassen.“ +</p> + +<p> +Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um +ihren Dank auszudrücken. Anders tat sie es nicht. +</p> + +<p> +Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, +brach er in lautes Gelächter aus. +</p> + +<p> +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu +ein großes Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank +für die Dose sandte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3"> +3 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in +der Wilhelmstraße im Laufe der Jahre über alle Etagen +ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft und die Mieter +langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war +er dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das +rechte Gesicht zu geben. +</p> + +<p> +Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher. +</p> + +<p> +Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein +halbes Dutzend der edelsten Reitpferde. Er hatte die +Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von dem ersten +Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in +Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht +im Rohbau fertig, da zeigte es sich, daß sie viel zu klein +für ihn war. Er erwarb einen Bauplatz im Grunewald, +wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier baute +Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß +sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr +errichtet worden war. +</p> + +<p> +Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, +alles, was ihm gut schien, wo er einen Gewinn witterte. +Es war nicht sein Verdienst, daß er immer gewann. Es +war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer in den +Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, +daß keine Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, +bevor sie nicht in Atome zersplittert sei. Er kaufte +Wälder, Schiffe, Terrain, Güter, Bergwerke, Fabriken. +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte er alle +Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe +in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze +Städte aus Glas ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel +aufkaufen, was nur erreichbar war. Ganze Straßenzüge +in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die +verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und +die geringen Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. +Um die Häuser, die Schellenberg gehörten, kümmerte +er sich nicht. Es war eine besondere Abteilung, +und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, +die die Mieter gegen Wenzel führten. +</p> + +<p> +Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, +so forderte er wenigstens einen Teil der Kaufsumme in +Devisen. Das war gegen das Gesetz, aber das kümmerte +ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger Narr war, kümmerte +sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten, +der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, +daß es auch nicht die kleinste Masche gab, durch die man +entschlüpfen konnte. +</p> + +<p> +Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich +schienen. In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft +hatte er einen Patentanwalt kennengelernt, der dem +Alkohol völlig verfallen war, aber eine ausgezeichnete Witterung +für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er +engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß +der Patentanwalt nur einen Tag in der Woche wirklich +brauchbar war. Er opferte für diese Patente viel Geld, +aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die zehnfache +Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in +Holland, die ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser +Fabrik wußte überhaupt nur sein erster Direktor, Goldbaum, +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen +Büchern. +</p> + +<p> +Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die +Wahrheit zu sagen. Wenn er erfuhr, daß ein Vertrag allzu +große Nachteile für den Kontrahenten hatte, so machte +er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das +nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn +er den Kontrahenten zermalmte. +</p> + +<p> +Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. +Eine Zeitlang warf er sich auf die Papierfabrikation. Er +brachte eine große Anzahl von Papier- und Zellulosefabriken +in seine Hand. Diese Fabriken besaß er noch heute, +aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des +Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte +er sich auf die chemische Produktion geworfen, deren +Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. In dieser Zeit hatte +er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm +manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, +Michael für seine Firma zu gewinnen. Aber Michael +wies auch die phantastischsten Angebote zurück. +</p> + +<p> +Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte +große Energie und eine unverwüstliche Gesundheit. Wenzel +gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete sechzehn Stunden +und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am +Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem +Schlaf, bevor es noch recht Tag war, schon wieder +im Auto. In all den drei Jahren hatte er noch nicht drei +Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je bewegter der Tag +war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es +war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, +er spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes +für ihn als ein fortwährendes Hasardieren. Wenzel +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +hatte sogar schon seine Grabschrift in diesem Sinne entworfen. +Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier +ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“ +</p> + +<p> +Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte +er zu jenen, die „auf den Knopf drückten“. Die +Türen sprangen auf, die Direktoren und Beamten stürzten +mit Mappen und Akten über die Korridore ... +</p> + +<p> +Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine +größere Anzahl ehemaliger Offiziere, sogar ein General +war unter ihnen. Alle drängten sich an ihn heran, der +Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In allen +Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, +das Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle +demütigten sich um dieses elenden Geldes willen. +</p> + +<p> +Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er +hatte ein ungeheures Vermögen zusammengerafft, eine +Masse von Geld, die anschwoll, abebbte und wieder anschwoll. +Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf +Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte +eine völlige Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. +Um seine Unternehmungen flüssig zu halten, würde er für +den Übergang riesige Summen benötigen. Man erinnert +sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von einer +Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage +für Wenzel. Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen +Spielers, der alles wagt, saß er da und wartete. Zwei, +drei Börsentage wartete er ab, dann aber entschloß er sich. +Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich endlos +fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz. +</p> + +<p> +Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er +nie vergessen. Er hatte die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, +gewiegte und gerissene Burschen, hatten ihn +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +beschworen, zu warten, besonders der dicke Goldbaum, +der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen +alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf +gegeben. +</p> + +<p> +Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch +heute mußte Wenzel lachen, wenn er an diese Szene dachte. +Und es ist wahr: Er lachte auch damals! Denn es war +ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das Doppelte +oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage +hatten die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an +der nächsten Börse aber krachte das ganze Gebäude zusammen. +Innerhalb von zwei Tagen hatte Schellenberg +sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig, +er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, +dieser riesige Konzern, schwankte in diesen Tagen. +Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der alte Raucheisen +ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn Minuten zu +spät kam, wie? +</p> + +<p> +Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die +Zinssätze. Während Tausende von Unternehmungen in +dem Höllenstrudel versanken, stand Schellenberg wie ein +Leuchtturm in der Brandung. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4"> +4 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie +lagen im Rheinland. Schon vor längerer Zeit hatte er ein +Patent erworben, das die Herstellung farbiger Filme in +großer Vollendung gewährleistete. Es waren nicht jene +Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, +wie Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel +große Hoffnungen. +</p> + +<p> +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung +mit ihm gesucht. Aber Wenzel war bis heute +nicht dazu zu bewegen gewesen, sich an der Filmproduktion +auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die Rentabilität +war nicht sicher und die Filmleute so gerissene +Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht +begegnet war. Die Filmindustrie war in den letzten Monaten +völlig niedergebrochen. Man wandte sich immer +dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten +Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende +Angebote gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, +hatte stundenlang auf ihn eingeredet. Aber Wenzel +zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente, wenn er +das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er +sie. Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren +Quellen nicht bekannt waren. Nun gut, weshalb nicht? +Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie alle seine Mitarbeiter. +</p> + +<p> +Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval +& Co. erblickte, forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, +mit der schönen Schauspielerin in Verbindung +treten zu können. Während er mit ihr auf der Treppe +sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen +Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in +ihm verstärkt. Mit welcher Inbrunst hatte sie, als er sie +fragte, ob sie diese schönen Dinge liebe, geantwortet: „Ich +liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche Begierde und Sehnsucht +strahlten aus ihren Augen, während sie diese Worte +sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, +daß diese Frau ihm näherkommen möchte, und +da fielen ihm plötzlich die Verhandlungen mit dem Filmkonzern +ein. Nur aus diesem Grunde hatte er sie gefragt, +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf +sich günstig, daß sie ohne Engagement war. +</p> + +<p> +Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin +und Goldbaum zu sich, um mit ihnen die Frage des +Kredits an den Filmkonzern erneut zu beraten. Goldbaum +war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand zurückkam. +Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes +Gesicht strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig +hinter dem schiefen Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig +das Gesicht mit der schiefen Nase. +</p> + +<p> +„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen +und ziehen Sie die Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die +Daumenschrauben‘, das war ein stehender Begriff im +Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie +zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung +mit den Herren haben können.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran +setzen?“ fragte Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend. +</p> + +<p> +„Ich habe meine Gründe.“ +</p> + +<p> +Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. +„Schön, schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz +wird im Laufe des morgigen Vormittags stattfinden.“ +</p> + +<p> +Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der +Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief +mit der Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau +der Gesellschaft vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg +hatte die große Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung +aufmerksam zu machen.“ +</p> + +<p> +„Herr Wenzel Schellenberg!“ +</p> + +<p> +Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, +wie ihre Hand eine leichte Lähmung überkam. Dann +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +aber geriet sie in einen wahren Freudentaumel. Sie kleidete +sich hastig an und stürzte augenblicklich zu Katschinsky. +</p> + +<p> +„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“ +</p> + +<p> +Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar +nicht so sehr erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei +Fingerspitzen auf und kniff die Lippen zusammen. „Ah, +Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch lachend, und +kräuselte die Stirne bedeutungsvoll. +</p> + +<p> +„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft +ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie +sah, daß er blaß geworden war. +</p> + +<p> +Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche +keine Protektion,“ sagte er gekränkt. +</p> + +<p> +„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt +in einen Sessel. „Sie schreiben, ich möchte ihnen +eine kleine Szene vorspielen, damit sie wissen, wie sie +mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine +Szene soll ich spielen? Rate mir!“ +</p> + +<p> +Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für +eine Szene? Nun, wir wollen darüber nachdenken. +Strindberg? Willst du eine Szene aus Strindbergs ‚Christine‘ +spielen?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie +berieten hin und her. Endlich sprang Jenny ungeduldig +auf. „Wir wollen zu Stobwasser gehen, vielleicht fällt +ihm etwas ein.“ +</p> + +<p> +Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in +seinem Atelier, umgeben von seinen Papageien, Kakadus, +Staren und seiner Katze, und modellierte an einer kleinen +Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was die beiden wollten, +die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in seinen +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche +Sache, Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie +herzlich!“ +</p> + +<p> +„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys +blonden Scheitel gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch. +</p> + +<p> +Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es +wird dir nicht gelingen, mir die Freude zu verderben!“ +rief sie aus. Sie lachte dabei, aber sie schämte sich für +Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine Eifersucht +nicht verbergen konnte. +</p> + +<p> +Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann +nachzudenken. Ja, was sollte Jenny spielen? Es war +natürlich von der größten Wichtigkeit, daß das Debüt erfolgreich +verlief. Schließlich hob er die Hände zur Decke +empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß +uns nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten +kann Jennys ganze Zukunft abhängen. Wir wollen ins +Café gehen und beraten.“ +</p> + +<p> +Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder +Strindberg noch sonst einen Dichter spielen sollte. Sie +sollte eine kleine Szene vorspielen, die ihr schauspielerisches +Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung ins rechte +Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene? +</p> + +<p> +Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde +folgende Szene spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich +spiele einen Mannequin in einem Modesalon. Das heißt, +nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe. Ein +schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam +zum Leben. Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun +wird sie ganz lebendig. Sie plaudert mit dem Herrn. Da +aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt wieder zu +einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +Stelle erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem +Postament zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf +dem alten Platz. Wie gefällt euch dies?“ +</p> + +<p> +Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden. +</p> + +<p> +Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine +wunderbare Szene!“ rief er aus. „Sie werden Augen +machen. Wenn sie Sie dann nicht engagieren, ist ihnen +nicht zu helfen!“ +</p> + +<p> +„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit +großer Bestimmtheit. +</p> + +<p> +„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch +seinen Ton. +</p> + +<p> +Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die +Szene gut durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg +haben wirst.“ +</p> + +<p> +Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob +sich. „Ich werde nun gehen, um gleich mit der Arbeit +zu beginnen,“ sagte sie. +</p> + +<p> +Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien +ihn nicht zu bemerken. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5"> +5 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ +bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet und +hundertmal vor dem Spiegel eingeübt. +</p> + +<p> +Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit +äußerster Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde +zu warten. Die Türen öffneten sich von selbst, +und über lange Korridore wurde sie direkt in das Heiligtum +des Direktoriums geleitet. +</p> + +<p> +Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Es war ein kurzes +Schreiben Schellenbergs, der sie ermahnte, keinerlei Vertrag +zu unterschreiben, bevor er ihn nicht gesehen habe. +Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu besprechen +und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper +mit ihm besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute +habe. +</p> + +<p> +Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht +fieberrot. +</p> + +<p> +Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, +beleibte Herren, höflich, ja fast unterwürfig. +</p> + +<p> +„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie +uns überraschen werden, Fräulein Florian?“ fragte einer +der Direktoren. +</p> + +<p> +Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor +Angst doppelt so groß geworden. +</p> + +<p> +Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann +sie, aber sie spielte verwirrt und schlecht. +</p> + +<p> +„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund +zur Erregung.“ Die Herren verschwanden tief in ihren +Sesseln, um sie ja nicht zu stören. +</p> + +<p> +Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt +hatte, drückten ihr die Direktoren anerkennend die Hand. +„Wir werden sehen, Fräulein Florian. Es wird nötig +sein, Sie in einer ganz besonderen Sache herauszubringen. +Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der +Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. +Sie können ihn morgen unterzeichnen.“ Unter vielen +Bücklingen komplimentierten die Direktoren Jenny hinaus. +Als sich aber die Polstertür hinter Jenny geschlossen +hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an. +</p> + +<p> +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten +Direktoren. „Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“ +</p> + +<p> +„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist +hübsch, ja schön. Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen +sind ungekünstelt, reizvoll, bezaubernd, rührend, +voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher. +Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht +wiederzuerkennen.“ +</p> + +<p> +„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“ +</p> + +<p> +Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs +Brief zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte +er, indem er die grauen Augen streng auf sie heftete. +</p> + +<p> +„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht +meinen Ruf, wenn ich mit einem Herrn eine Opernvorstellung +besuche, der guten Kreisen angehört?“ +</p> + +<p> +„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? +Gute Kreise? Zugegeben, er war früher Offizier – sein +Ruf ist jetzt nicht der beste. Du weißt, daß er einer der +rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute in Deutschland +leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger Berlins. +Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie +man Ware kauft!“ Katschinskys Stimme bebte. +</p> + +<p> +Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige +dich,“ versuchte sie ihn zu besänftigen, bebend unter seinen +versteckten Beschimpfungen. „Ich habe dir nie Anlaß gegeben, +mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht ist +deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, +um nicht ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“ +</p> + +<p> +„Also du gehst?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich gehe.“ +</p> + +<p> +Krachend flog die Türe ins Schloß. +</p> + +<p> +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane +ihres bescheidenen Zimmers. Dann aber erhob sie +sich, wusch sich die Augen, kühlte die Wangen mit Kölnischem +Wasser. +</p> + +<p> +„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette +anzündete. „Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, +Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es zu Ende ist!“ Jetzt +erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den +Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist +er schließlich? Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen +ihn die andern Männer! Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß +ich diese Verbindung löse! Ich aber habe gefallen,“ fuhr +sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich +tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen +Teppich hin- und herging. „Mein Engagement ist perfekt. +Ich werde meinen Weg machen. Und Schellenberg +–“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an +Papa schreiben.“ +</p> + +<p> +Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie +jedermann. Sie hatte als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen +und Blumensträuße überreicht, wenn eine hohe +Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf +Jahren hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle +mitgewirkt. Mit vierzehn Jahren bekam sie einen Preis +bei einem Schwimmfest. Wer sollte Jenny Florian nicht +kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße, zwischen +fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn +Jahren malte und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung +arrangierte eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten, +und die Kritiker der Zeitungen schrieben anerkennende +Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny +Florian beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +in einigen kleinen Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny +Florian nicht kennen? Man prophezeite ihr eine große +Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer Vaterstadt, +und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine berühmte +Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, +vielleicht Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte +Sängerin? Denn es war bekannt, daß Jenny eine wunderbare +Stimme habe. Erschien sie nur auf der Straße, +so wandten sich alle Leute nach ihr um. +</p> + +<p> +Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort +war, wo Jennys große Begabung sich entwickeln konnte. +Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf seine begabte Tochter, +sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg. Dann +aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu +widmen. +</p> + +<p> +In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky +kennengelernt, und in Berlin hatten sie sich natürlich +wieder getroffen. Katschinsky hatte in dieser Zeit +einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter brachten +einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde +er anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm +auf. Katschinsky begleitete sie in die Museen, er führte +sie in die Theater, erzählte ihr Interessantes über diesen +und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch. Er führte +sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene +Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, +Schriftstellern vor, führte sie in verschiedenen Ateliers +ein. Er war ein unschätzbarer Mentor. Mehr als das: +er liebte sie. +</p> + +<p> +Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. +Schon seit einigen Monaten hatte sie es sich vorgenommen +und immer gezögert. Von Woche zu Woche. +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich +von ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. +Ihr Urteil war rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß +sie die Persönlichkeit des Freundes überschätzt hatte. Sie +sah plötzlich seine Fehler und Schwächen. In den Zeiten, +da sie ihn zu lieben glaubte – denn in Wahrheit hatte sie +ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen Zeiten hatte +sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr +aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du +hast den Mund eines Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, +blondes Haar geliebt, nun aber fand sie, daß dieses Haar +zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch vor Monaten +hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. +Es gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr +aber wußte sie, daß Katschinsky nichts war als ein +Egoist, der nur an sich dachte und an nichts anderes. +Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie +belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war +in Verlegenheit, er versicherte, kein Geld zu haben, aber +doch ging er da und dort hin, in dieses Café, in jene Diele. +Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den er entbehren +konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie +mit Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß +es ihm nicht, daß er einmal Geld von ihr borgte, um, +wie er sagte, einem kranken Freunde beizuspringen. Sie +gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und +Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das +Geld von ihr geborgt hatte, um auf einen Maskenball zu +gehen. Sie erfuhr es ganz durch Zufall. Sie erfuhr aber +auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei mit einer +Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen +Geld nahm. Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +seinen Worten nicht vollen Glauben schenken konnte. Oh, +mehr als das, es wurde ihr klar, daß er fast immer log. +In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen Freunden +eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, +in Zukunft diese Kreise zu meiden. +</p> + +<p> +„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen +Bekanntschaften und Ambitionen.“ +</p> + +<p> +Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den +einst Vergötterten gesehen hatte. +</p> + +<p> +An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten +alten Vater schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, +daß sie einen dreijährigen Kontrakt mit einer der +ersten Filmgesellschaften abgeschlossen habe. Der Vertrag +sei so gut wie perfekt. Über die Bedingungen würde +sie morgen berichten. Aber während sie schrieb – ausführlich +schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft, +nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht +–, während sie schrieb, quälte sie dieser Konflikt, in dem +sie sich befand. Ich werde mit Katschinsky brechen, sagte +sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun sollen. Was +wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, +daß – +</p> + +<p> +Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie +nicht so gepeinigt, es kam noch etwas dazu, und das war +weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß ihr dieser Wenzel +Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war unzweifelhaft, +sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke +ihr der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, +als habe man mit einem haarscharfen Messer ihre Brust +geritzt und ein Tropfen Blut fließe über ihre Brust herunter. +Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie sehnte +sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +etwas derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein +Lächeln? Verächtlich, überheblich? Sie sehnte sich nach +ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie wußte es, und daß sie +ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld liebte sie, +seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. +Sie wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde +sie von ihm annehmen. Sie wollte nicht seine Pferde und +Automobile, was gingen sie die an? Er protegierte sie. +Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren? Zugegeben, +daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft +ohne seine Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. +Er wollte ihr gefällig sein. Konnte sie es ihm verbieten? +Katschinsky aber hatte stets nur an sich gedacht, und selbst +jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie Erfolg +hatte. +</p> + +<p> +Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz +allein erregt war, auch ihre Sinne. Was würde werden? +Was würde geschehen? Er würde es ihr sofort ansehen, +auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“ +</p> + +<p> +„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny +den Brief. Seehund war ihr Kosename für den Vater, +der, mit seiner Glatze, seinen runden Augen und seinem +hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit +mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter +Seehund, morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große +Dinge vor. Ich fühle es, daß ich glücklich sein werde!“ +</p> + +<p> +Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während +die Qual sie zerriß. Mochte es stehen bleiben. +</p> + +<p> +Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. +Dann ging sie langsam durch die Straßen, um nachzudenken, +um sich zu sammeln, um das heiße Gesicht zu +kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? +Er wird es mir sofort ansehen! Ich werde nicht +in die Oper mit ihm gehen. Ich werde abschreiben.“ Sie +blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen? +Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also +sechsundvierzig Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete +auf einen Briefbogen sechsundvierzig Quadrate, und +wenn eine Stunde vergangen war, strich sie ein Quadrat +aus. +</p> + +<p> +Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald +sie sich über das Buch beugte. Sie ging auf und ab. +</p> + +<p> +Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas +Gutes darin. Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine +Stimme ist oft so laut. Immer verschwendet er Kraft, +auch wenn er spricht. Wenn man in den Sternen lesen +könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die +dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war +das? Was kam da zwischen den Schornsteinen hervor? +Sie erschrak. Was war das? Licht, gleißendes Licht stieg +in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine, breitete +sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond. +</p> + +<p> +„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne +die Götter zu erzürnen?“ fragte sich Jenny und legte sich +nieder, den Glanz des Mondes in der Brust. Als sie am +Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate ausstreichen. +</p> + +<p> +An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, +bleich, die Augen gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. +„Was ist geschehen, um Gottes willen?“ fragte sie +bestürzt. +</p> + +<p> +Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den +unverständlichen Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +sagte er. „Ich muß heute nach Hamburg fahren.“ +</p> + +<p> +Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine +Brust. „Armer, armer Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“ +</p> + +<p> +Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper +gehen?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ +Aber sie wußte, daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige +muß man belügen, um Ruhe vor ihnen zu bekommen. +Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie +weit weg war sie schon von ihm. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6"> +6 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">angsam</span> wurde die Überzahl der dunklen Quadrate +erkennbar. Nun waren es nur noch vierundzwanzig Stunden. +Nur um einige Stunden totzuschlagen, ging sie in +ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein +verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig +auf und begann mit den Vorbereitungen ihrer Toilette +für den Abend. Ihre Garderobe war armselig, fast wäre +sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren geschickten +Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte +Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß +sie ganz annehmbar gekleidet war. Schellenberg brauchte +sich ihrer ganz gewiß nicht zu schämen. Am Nachmittag +kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um ein +Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau +ein Viertel nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der +Wagen stand da. Aber zu ihrer Enttäuschung fand sie +nicht Schellenberg, sondern den kleinen Stolpe vor dem +Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung. +</p> + +<p> +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann +man sich nach einem Menschen so wahnsinnig sehnen! +</p> + +<p> +Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr +Schellenberg sei noch in einer sehr wichtigen, gänzlich +unerwarteten Konferenz und könne zu seinem Bedauern +erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt, +ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten. +</p> + +<p> +Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie +den Schmerz einer leichten Kränkung zu verwinden suchte. +Auch nicht die dringendste Konferenz hätte ihn abhalten +dürfen. Schon aber urteilte sie milder. Augenblicklich, sie +hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe mit +einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für +Tag, Fräulein Florian,“ seufzte er, indem er sich in die +Ecke des Autos fallen ließ und nach Luft rang. „Von sieben +bis acht ritten wir schon unsere Stunde im Tiergarten +ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg +nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im +Flugzeug nach Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, +einen Mokka, einen Kognak. Um fünf Uhr zurück, geschlafen +im Flugzeug, wieder Besprechungen und Konferenzen. +Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis +siebzehn Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht +es Tag für Tag, auch am Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, +wie Schellenberg das aushält. Was gibt man eigentlich +in der Oper?“ +</p> + +<p> +Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. +Alles interessierte sie, was Schellenberg betraf, alles. +„Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“ antwortete sie lächelnd. +„Sie wissen es nicht?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, +woher sollte ich es wissen? Ich wurde ja erst vor einer +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +Viertelstunde zu diesem allerdings sehr, sehr angenehmen +und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie übrigens +den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, +dann ist es gut. Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, +Sie daran zu erinnern. Und hier – ich bitte um Verzeihung +– sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat +sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. +Er hat sie mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben +Sie mich, wenn er fragen sollte, ob Sie mit mir zufrieden +waren. Er war heute schon sehr ungnädig! Nein, ich habe +ein schweres Brot, glauben Sie mir.“ +</p> + +<p> +Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb +arbeitet Herr Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. +„Kann er sich nicht irgendwie entlasten?“ +</p> + +<p> +„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine +Herr von Stolpe. „Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen +Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich. Er macht alles +selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine +Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert +er am Tage hinaus. Am Abend aber, sollte man annehmen, +sinke er tot um. Aber nein, weit gefehlt, am Abend +wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater, Gesellschaften, +Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. +So geht es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. +Dabei ist er immer in prächtiger Laune. Sie werden ja +sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer Mensch ist +Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem +ganzen Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht +kennengelernt. Wenn ich ihn auch zuweilen verfluche – +ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat Format, sehen +Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß, schrankenlos, +ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +schwärmte Stolpe von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte +ihn. +</p> + +<p> +Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende +Stolpe, dieses rotbäckige, mit den Absätzen +knallende Nichts, bei dessen Anblick sie früher die Brauen +hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden. +</p> + +<p> +In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen +Lakai, der steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen +wagte er leise und devot nach ihren Wünschen zu fragen. +„Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas +Sekt?“ +</p> + +<p> +Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, +und Wenzel trat in die Loge. Stolpe verschwand +ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel begrüßte +Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben +ihr Platz genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte. +</p> + +<p> +Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. +Sie suchte sich zu beherrschen, vergebens. Sie fühlte +Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede Hast über sie glitt. +Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört hätte, +sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr +Profil, über ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, +und sie begann unter diesem Blick zu zittern. Welche +Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen? Dann +aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels +Atem ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte +zur Seite und sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt +hatte, als ob er schlafe. Und in der Tat, während Mozarts +Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit Zauber, +Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel +Schellenberg still in seinem Sessel. +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden +noch schmaler, ihr Blick unglücklich und verletzt. War +es, auch wenn man die größte Nachsicht übte, nicht der +Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht, und dann +schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! +Sie versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte +es nicht! Er schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, +und lächelte. +</p> + +<p> +Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen +und starrte auf die im Applaussturm sich verneigenden +Sänger wie auf eine Schar von Narren. „Ich bitte Sie +tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich +schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch +die Musik, und dann schlief ich plötzlich ein. Ich war +furchtbar müde. Ist es zu Ende?“ +</p> + +<p> +Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm +aus. Ihre schönen Augen lächelten Verzeihung. +</p> + +<p> +Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, +feierlichen Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen +Restaurant, wo er vor Jahren mit Michael soupierte. +</p> + +<p> +Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die +man nie kennenlernt, die sich verhüllen, verschleiern, mit +ihrem Willen oder gegen ihre Absicht. Dumme, eingebildete, +überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum gibt +es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, +und es gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man +in der ersten Minute vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, +Einfachen, Reichen, die sich nicht scheuen, die Türe weit +aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es Jenny, +gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten, +versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, +vorzutäuschen, er posierte nicht, er war schlicht und einfach +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +und gerade. Nach einer kurzen Befangenheit hatte +Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon jahrelang +kenne. +</p> + +<p> +Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, +zum erstenmal sah sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war +breit, derb, fast etwas bäurisch, aber fest und groß. Die +Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen hingen +wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, +es schien Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick +zum erstenmal wirklich ein menschliches Gesicht. Alles, +was sie sich früher über das menschliche Antlitz gedacht +hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also +begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht +des Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung. +</p> + +<p> +„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, +die grauen Augen, deren Blick etwas kalt schien, fest auf +sie gerichtet. +</p> + +<p> +Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? +Wozu Mut, Herr Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen +Kopf verlegen zur Seite geneigt. +</p> + +<p> +„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“ +</p> + +<p> +„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht +–?“ +</p> + +<p> +„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten +geworden ist. Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe +haben die Menschen im allgemeinen zu einem erbärmlichen +Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die Angst +davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das +Urteil ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, +gelegentlich, wegen irgendeiner Sache, ein paar +Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so lächerlich sind diese +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und ekelhaft +– ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: +Mut zu haben, dem Leben in die Augen zu sehen? +Es bedeutet den Mut zu haben, unter Umständen auch zugrunde +zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben, Fräulein +Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie +eine Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur +Mut hat.“ +</p> + +<p> +„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“ +</p> + +<p> +„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. +Denn Sie haben es ja im Leben nicht mit Tigern zu tun, +sondern mit Menschen. Der Tiger ist gewiß eine achtunggebietende +Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte noch +schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, +sein Gebiß mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit +nach seinem Opfer zu schleudern. Das alles aber kann +der Mensch, der weitaus schrecklicher ist als der Tiger. Er +opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine Genußsucht, +ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, +für seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem +wildesten Tiger nicht in den Sinn käme.“ +</p> + +<p> +„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“ +</p> + +<p> +„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch +wird sich demütig zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie +nur Mut haben. Und Sie werden diesen Mut haben. Auf +Ihre Gesundheit!“ +</p> + +<p> +Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam +ihre Wangen mit einem zarten Orangehauch, der Wenzel +entzückte. Es ist ein Rot, wie es Ziegelsteine abfärben, +dachte er. +</p> + +<p> +„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er +fort, „weil sie feige sind! Es wird sich also darum handeln, +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Fräulein Florian, daß Sie alle Ihre Fähigkeiten +steigern und meistern. Sie haben viele Talente, erwidern +Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich +gestehe es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre +Talente interessiere. Ich selbst bin ohne jede Begabung, +wenn man es nicht eine Begabung nennen will, daß jemand +mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von +Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine +Kunst für Kinder und Schwachsinnige, nicht mehr. Um +so mehr ziehen mich Menschen mit Talenten an. Endlich +also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die eine +Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. +Später brauchen Sie weder mich noch den Teufel! +Ihr ganzes Dasein muß auf die Pflege und Schulung +Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es ausartet, mißverstehen +Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen +filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. +Ein paar Jahre zähester Arbeit – hören Sie! –, und die +Welt liegt zu Ihren Füßen, ich weiß es.“ +</p> + +<p> +Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos +an sie? +</p> + +<p> +Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen +beginnen wir, Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß +Sie auch tanzen? Schön, damit werden wir anfangen. +Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden Lehrer für +Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach +einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. +Sie werden täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. +Meine Pferde stehen sich die Beine lahm im Stall. Sie +werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten Hotel +oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese +Dinge sind nicht unwesentlich und spielen eine größere +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +Rolle, als Sie vielleicht ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt +sein, Sie werden sich disziplinieren. Ohne Disziplin ist +nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies, +dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner +Leitung anvertrauen?“ +</p> + +<p> +Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche +Kraft des Willens, und sie begann plötzlich +Wenzel Schellenbergs Erfolge zu begreifen. +</p> + +<p> +„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu +sein –“ Plötzlich änderte Wenzel den Ton. „Da fällt +mir ein,“ sagte er, „wo ist der Vertrag der Filmgesellschaft? +Darf ich ihn sehen? Man kann nie vorsichtig genug +sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es +ist gut so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, +den Sie spielen, ein besonderes Honorar erhalten und dazu +ein Fixum. Werden Sie mit zweitausend Mark im Monat +reichen?“ +</p> + +<p> +„Aber gewiß.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde +als Ihr Wächter hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit +dem Schwert. Ich glaube nicht an die Liebe, Fräulein +Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und schätze +sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute +Kameraden werden.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7"> +7 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um +sechs Uhr sollte Frau von dem Busch in Berlin eintreffen. +Trotzdem Lise sich schon am frühen Nachmittag fertig gemacht +hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam +sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +großen Glück mußte der Zug einige Minuten Verspätung +gehabt haben. Die Reisenden strömten gerade über den +Bahnsteig. +</p> + +<p> +Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt +in Mantel und Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen +zu breiten Rand. Dazu trug sie einen Schleier. Frau von +dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant zu +kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin. +Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material. +</p> + +<p> +Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese +Bewegung erschien Lise ungnädig und ungeduldig. +</p> + +<p> +„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte +in die Arme der Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet +habe, aber das Auto hatte eine Panne.“ Sie log zu +ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war. +</p> + +<p> +„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, +die mit großer Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge +behielt. „Hier, Träger Numero zweiundvierzig, nehmen +Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht, Lise.“ +</p> + +<p> +„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ +Es schneite in dicken Flocken. Aber die Flocken +zerrannen sofort wieder auf dem Pflaster. +</p> + +<p> +Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt. +</p> + +<p> +„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau +von dem Busch, und ihre Stimme wurde klar und sicher. +„Die Ankunft ist immer das Schlimmste. Wie geht es zu +Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen, um +deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“ +</p> + +<p> +„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden +ist, Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +nicht, daß ihre Mutter schon im Wagen von diesen unerquicklichen +Dingen spreche. +</p> + +<p> +„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei +und dazu das Rheuma. Der Winter war sehr schlecht.“ +</p> + +<p> +Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie +lange wird sie bleiben wollen? +</p> + +<p> +Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die +Großmutter im Treppenhause. Sie hatten länger als +eine halbe Stunde vor der Tür gewartet. Als sie die +Großmama erkannten, stießen sie ein lautes, freudiges +Geheul aus. +</p> + +<p> +„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte +sie Frau von dem Busch. „Was sollen die Leute sagen? +Kommt erst herein!“ Sie herzte und küßte die +Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte +glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch +endlich wieder, und wie reizend sie euch herausgeputzt +haben.“ +</p> + +<p> +Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter +vollkommen hin. Sie schmiegte sich mit ihrem +ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre herabgestürzt, +hatte man sie nicht festgehalten. +</p> + +<p> +Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er +wand sich abwehrend, so gut es ging, ohne daß es allzusehr +auffiel, in den Armen der Großmutter. Er liebte es +nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte, entstand +ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen +Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von +dem Busch hatte einige dünne Härchen auf der Oberlippe, +die für gewöhnlich aber niemand beachtete. +</p> + +<p> +„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Pelzkragen hatte sie abgeworfen. Ihr Hut saß etwas +schief von den Liebkosungen der Kinder. +</p> + +<p> +„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. +„Marion hat genau solche hübsche rote Backen, wie du +sie hattest, Lise. Jede ein Apfel. Gerhard sieht nicht so +wohl aus. Das ist ein ganz anderes Gesicht,“ sagte sie +zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber ahnte, +daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit +einem argwöhnischen Blick an. +</p> + +<p> +Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade +in den Mund. „Und du, wie heißt du?“ wandte sie sich +plötzlich an das Zimmermädchen. +</p> + +<p> +„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. +Das Mädchen lachte nur, weil Frau von dem Busch sie +duzte. +</p> + +<p> +„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es +sich einfallen lassen, so zu lachen. Bringe eine Nadel und +einen Faden, siehst du nicht, daß eine Masche von Marions +Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben +keine Augen im Kopf.“ +</p> + +<p> +Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik +bringen und ihr zeigen, wie weit er bereits in den +Lektionen gekommen war. „Und, wie sagt man: Hier +bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie +man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm +alberne Fragen in dieser herrischen Form vortrug, und +so antwortete er nicht. Seine grauen Augen glänzten abweisend, +es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die +Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie +versprach Gerhard, ihm morgen zu zeigen, wie man ein +Buch einbindet. +</p> + +<p> +„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +„Aber schon ist die große Begabung des Vaters +unverkennbar.“ +</p> + +<p> +Lise staunte. +</p> + +<p> +Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem +Busch hatte die Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, +sah ihr lange und zärtlich in die Augen, und dann begaben +sich die beiden Frauen in das Speisezimmer. +</p> + +<p> +„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“ +</p> + +<p> +„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war +höchste Zeit, daß ich wieder einmal nach Berlin kam, um +mit dir über all die Dinge zu sprechen.“ +</p> + +<p> +„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und +zerknitterte die Stirne. +</p> + +<p> +Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht +worden waren – gab es für Frau von dem Busch +kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte sich in den +Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr +von dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. +„Also,“ begann Frau von dem Busch, „ihr zankt euch +noch immer?“ +</p> + +<p> +„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an. +</p> + +<p> +„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, +was für ein Kind er ist, ein wilder Junge, der dumme +Streiche macht. Aber man muß zugeben – und ich habe +es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute Eigenschaften +hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das +ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, +haben. Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“ +</p> + +<p> +Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die +Mutter, sofort erregt. „Du scheinst die Situation, die du +ja zur Genüge kennst, absichtlich verkennen zu wollen.“ +</p> + +<p> +„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen +mir und Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind +nur Worte, Lise,“ entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, +die dreimal geschieden wurden und sich immer wieder +heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose Natur, er +mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon +anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den +Versuch machen –“ +</p> + +<p> +Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal +wiederholt, Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter +Stirn. „An eine Aussöhnung ist nicht zu denken. +Wenigstens was meine Person betrifft, nie, niemals. +Und auch Schellenberg –“ +</p> + +<p> +Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. +„Ich meine es ja nur gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir +können doch über all diese Dinge ruhig und offen sprechen. +Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so +viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei +mir. Was er alles erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es +gedacht, soll ja eine ganz fabelhafte Karriere gemacht +haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst von Carlowitz +sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von +Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen +Fähigkeiten habe ich ja nie gezweifelt.“ +</p> + +<p> +Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ +sagte sie. +</p> + +<p> +„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? +Man muß über all diese Dinge ruhig sprechen können. +Der Zeitpunkt einer Aussöhnung scheint dir also noch nicht +gekommen zu sein? Das ist schade, sehr schade. Ich hätte +es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach +von ungeheuren Reichtümern.“ +</p> + +<p> +Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, +Mama, ich will nichts von diesen Reichtümern. Ich will +nichts von diesem zusammengescharrten Geld!“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie +töricht du bist!“ rief sie aus. „Du bist ja immer noch +seine gesetzmäßige Frau! Wie gut ist es, daß ich wieder +einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin, eine +Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen +wahrzunehmen.“ +</p> + +<p> +„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte +Lise gelangweilt. +</p> + +<p> +„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, +vielleicht übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht +einer Großherzogin gekauft habe!“ Frau von dem Busch +wollte alles, jede Einzelheit wissen, sie war ja nur zu diesem +Zwecke nach Berlin gekommen. +</p> + +<p> +Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. +Sie hatte ja über alles bereits hundertfach schriftlich und +mündlich berichtet. Das war die Wahrheit. Bis auf jene +Dinge, die Lise absichtlich verschwieg, war Frau von dem +Busch in alles eingeweiht. +</p> + +<p> +Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall +mehr zu ihr zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch +unter Qualen, damit abgefunden. Sie spielte zuerst die +Rolle der verkannten, verlassenen Frau. Sie war auch in +der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah plötzlich +alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte +erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften +verblaßten, und die schlechten Eigenschaften traten hervor. +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +Nunmehr sah sie nur noch die schlechten Eigenschaften +Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er „nicht +zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie +nicht ab, ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten +Formen fortzuführen. In ihrem Salon gingen Damen +und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann +man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg +immer kommen, immer gab es Umarmungen und Küsse. +Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht drei, vier +Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte +ein Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, +Theater, Einladungen aller Art. Als es mehr und +mehr bekannt wurde, daß Wenzel Reichtümer erwarb, +beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person sich +wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und +ihre Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. +„Lise, man hört Dinge –“ Aber Lise richtete +sich sofort überempfindlich auf und machte weiteren Ausführungen +mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht +davon, kein Wort mehr.“ +</p> + +<p> +Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte +kein Arg gegen Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, +daß er sie tief verletzt hatte. Da waren ja auch seine beiden +Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine vorzügliche +Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von +Monat zu Monat. +</p> + +<p> +Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen +dem Bruder und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse +liebte, hatte ihr durch Michael und den Anwalt mehr als +einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr glänzende +Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise +nahe daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +notorisch geworden war, setzte sie allen Vorschlägen +ein eigensinniges Nein entgegen. +</p> + +<p> +Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie +kaufte Hüte und Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle +Wenzel zustellen. Er befahl, daß sie bezahlt werden sollten, +daß man aber den Firmen mitteilte, daß er nicht mehr +für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit +einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen +Firmen, und wieder kamen Stöße von Rechnungen. +</p> + +<p> +„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten +zwingt,“ sagte Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab +die Angelegenheit einem seiner Anwälte. Und die Richter, +die beim Anblick dieser Rechnungen kaum die Sprache +zurückfanden, entmündigten Lise. +</p> + +<p> +Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde +Lise zum erstenmal in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. +Drei Tage lang schwankte sie kreidebleich durch die Wohnung. +„Ich hätte nicht gedacht, daß er ein Schuft ist,“ +sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich hielt +ihn nur für leichtfertig.“ +</p> + +<p> +Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache +mit der Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur +angedeutet, daß sie mit Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen +– Schuhe, Kleider, Wäsche für die Kinder – +beanstande. +</p> + +<p> +Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung +noch immer nicht beendet war, geriet Frau von dem Busch +an diesem Abend abermals in helle Erregung. +</p> + +<p> +„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, +um nach dem Rechten zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die +Anwälte machen mit dir natürlich, was sie wollen. Morgen +werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist ein +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, +Lise, wozu ich mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ +Frau von dem Busch hatte sich vor Erregung erhoben +und blickte Lise mit einem kühnen Blick an. +</p> + +<p> +„Wozu, Mama?“ fragte Lise. +</p> + +<p> +„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es +tun!“ +</p> + +<p> +„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete +Lise mit einem spöttischen Lächeln. +</p> + +<p> +Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. +„Oh, er wird es nicht wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie +und ballte die kleine, bleiche Faust. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8"> +8 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in +Berlin so angenehm wie möglich zu machen. Frau von +dem Busch wollte nur eine Woche in Berlin zubringen, +um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben. Wahrscheinlich +in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven +waren angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt +fühlte sie sich noch nicht ganz erholt. +</p> + +<p> +Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. +Die Wohnung wimmelte von Menschen. Das +berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein Lohndiener mit +weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch +saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen +und Herren, und strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr +Schmeicheleien über ihr Aussehen, über Lise und Lises +Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine +noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren +ihre gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +linkes Augenlid war etwas gelähmt und bedeckte das Auge +um eine Kleinigkeit mehr als das rechte. Das gab ihrem +Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und geheimnisvoller +Verschwiegenheit. +</p> + +<p> +Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem +Busch traf noch nicht die geringsten Anstalten abzureisen. +Wie lange bleibt sie noch? fragte sich Lise. Sie liebte die +Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre Gegenwart nach +einer Reihe von Tagen nur schwer. +</p> + +<p> +„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte +Frau von dem Busch und tätschelte Lises volle, weiche +Wangen. An den Vormittagen „arbeitete“ sie im Haushalt. +Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen. Die Gardinen +wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. +Die Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann +wurden die Fußböden gewichst. Frau von dem Busch +selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte am Schreibtisch +ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle +fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so +klar, daß niemand zu widersprechen wagte. +</p> + +<p> +An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. +Lise wußte sofort, was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu +Wenzel gegangen! Sie kannte den Eigensinn der Mutter +und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung nicht +schaden würde. +</p> + +<p> +Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht +nur die Interessen ihres Kindes verteidigen wollte; auch +ihre Neugierde trieb sie zu Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich +die verschiedensten Gerüchte und Legenden vernommen +– sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in +Berlin gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten +diese Legenden eine phantastische Färbung angenommen. +</p> + +<p> +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. +Ein Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen +sprangen heraus, schlüpften hinein. Der Lift stieg lautlos +in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte höflich und +wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen, +luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! +Hier konnte Lise lernen. +</p> + +<p> +Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, +als er Lise entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ +genannt hatte, einen „dummen Jungen, der noch nicht +trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun allerdings +viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie +bereute. +</p> + +<p> +Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins +Zimmer, dem man sofort die gute Erziehung anmerkte. +Er klappte mit den Absätzen, verbeugte sich, bat um eine +Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert aussehender +Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit +einem unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich +noch eine Minute gedulden zu wollen. Frau von dem +Busch war nahe daran, Wenzel alle seine Sünden zu vergeben. +</p> + +<p> +Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, +Schwammiges, das über den Kneifer schielte, rot wie +eine Rübe, einen kleinen roten Scheitel auf der Glatze, +rote Bartstoppeln auf den feisten Backen. Goldbaum. Er +verdarb den ganzen guten Eindruck. +</p> + +<p> +„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die +rote Rübe und nahm in einem Sessel Platz. „Ich bearbeite +die privaten Angelegenheiten des Herrn Schellenberg. Ich +bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +persönlich zu sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, +beteuerte, daß es schwer sei, außerhalb der Reihenfolge – +und der Rothaarige verschwand. +</p> + +<p> +Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau +von dem Busch. Es ist natürlich manches wahr daran. +</p> + +<p> +Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten +Manieren wieder und führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer. +</p> + +<p> +Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um +der „Sache ihres Kindes zu dienen“, auf Wenzel einfach +zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm zu sagen, daß +zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der +sich hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte +sie sofort, daß bei diesem Burschen ein solcher Ton +ganz und gar nicht am Platze sei. +</p> + +<p> +Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt +hatte, von ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein +harmloser Ton der Anrede, dessen Unverfrorenheit Wenzel +verblüffte. +</p> + +<p> +„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und +ich mußte dich sehen, um dir guten Tag zu sagen und +dich zu beglückwünschen. Wie du aussiehst, prächtig. +Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses Gesicht, +Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß +es. Aber wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, +um zu vergessen.“ +</p> + +<p> +„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr +Wenzel brüsk ins Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich +für einen Augenblick. Dann bat er sie mit einer Handbewegung, +Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt, hart +und ohne jede Gnade. +</p> + +<p> +„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +Busch,“ sagte er hierauf, indem er die Augen ruhig und +leidenschaftslos auf das Gesicht seiner Schwiegermutter +heftete. „Was wollen Sie?“ +</p> + +<p> +Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an +überlegen. Er war, nachdem er sich von der ersten Verblüffung +erholt hatte, völlig ruhig, sachlich, geschäftsmäßig, +während sie vor Erregung bebte. +</p> + +<p> +„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem +Busch, die plötzlich ihre Sicherheit verloren hatte, „um +mit dir die geschäftlichen Angelegenheiten Lises zu ordnen.“ +</p> + +<p> +„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. +Er schob Frau von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen +und einen Kontoauszug hin. „Hier sind die Abrechnungen, +und hier sind die Rechnungen, die ich für +Ihre Tochter bezahlt habe.“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten +auseinander, daß es seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder +seinem Vermögen gemäß zu unterhalten. +</p> + +<p> +„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie +werden zugeben, daß es natürlich Grenzen gibt. Ich habe +keine Lust, sechzehn Stunden zu arbeiten, um die Launen +Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch keine Lust, +alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die +Sie Ihrer Tochter angedeihen ließen.“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten +Blick an. „Sie sind herzlos und grausam!“ schrie sie +außer sich. Ihr Gesicht war vor Erregung so weiß geworden +wie ihr Haar. +</p> + +<p> +„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“ +erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich +jetzt zu entschuldigen.“ Er erhob sich und wies auf einen +älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank, der soeben eintrat. +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +„Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern vorstellen, +der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“ +</p> + +<p> +Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte +Militär die Interessen Wenzels vertrat. +</p> + +<p> +„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, +„daß sechzig Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert +Paar Seidenstrümpfe doch immerhin –“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, +ich möchte mit meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“ +</p> + +<p> +„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“ +</p> + +<p> +Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau +von dem Busch das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr +sofort zu Justizrat Davidsohn, einem Anwalt, den sie von +früher her kannte und zu dem sie das größte Vertrauen +hatte. +</p> + +<p> +„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, +außer sich. +</p> + +<p> +Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller +Ruhe den Fall auseinanderzusetzen. +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ +ermahnte sie den Anwalt. +</p> + +<p> +„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? +Es gibt zwei Schellenberg.“ +</p> + +<p> +„Wenzel Schellenberg.“ +</p> + +<p> +„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige +Frau. Es gibt noch Michael Schellenberg, von dem +die Zeitungen so häufig sprechen.“ +</p> + +<p> +Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen +Einzelheiten vor. Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen +Augen, aber er hörte nur mit halbem Ohre +hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. +Nur dann und wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen. +</p> + +<p> +„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“ +</p> + +<p> +„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, +er liebte es, ein Haus zu führen und +legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine Pflicht. +Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer +zu sammeln. Damals waren die Beamten ganz +anderer Art, Sie wissen es.“ +</p> + +<p> +„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte +nur Klarheit. Hätte Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, +so wäre es vielleicht möglich gewesen, zu beweisen, +daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund dieser +Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, +was in meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß +Ihre Tochter Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden +diese Ansprüche und Rechte zu wahren wissen. Schellenbergs +Vermögen wird heute schon auf viele Millionen geschätzt. +Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen +herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich +flüchtig vor Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und +her, versprach, erweckte große Hoffnungen, er redete sich +in Eifer. Und doch dachte er, während er sprach, ausschließlich +an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor zehn +Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen. +</p> + +<p> +Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau +des Anwalts. +</p> + +<p> +Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit +in die Hand genommen habe, sagte sich Frau von dem +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +Busch, als sie in das Auto stieg. Lise allein wäre nie zurechtgekommen. +Millionen, hatte er gesagt. Es wäre +wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme +auf jeden Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde +sie noch segnen. +</p> + +<p> +Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während +sie durch die von Menschen überfluteten Straßen +rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in Ägypten gewesen. +Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie +das ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9"> +9 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> speiste mit Wenzel im Hotel Eden. +</p> + +<p> +„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein +Florian?“ fragte Wenzel. +</p> + +<p> +„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien +ihr, als klänge Wenzels Stimme streng und rügend. Du +mein Gott, sie konnte solch rasche Entschlüsse nicht fassen. +„Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe zu tun. +Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“ +</p> + +<p> +„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut +fort. „Ich war vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen +Geschäftsfreund. Er hatte hier zwei Zimmer und +ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich reizende +Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der +Schwede ist abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung +für Sie gemietet.“ +</p> + +<p> +Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte +sie den Kopf. „Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, +das ist mir viel zu teuer.“ +</p> + +<p> +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein +Florian,“ entgegnete Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium +gut bekannt. Aber nun kommen Sie gleich mit, +ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß +Sie davon entzückt sein werden.“ +</p> + +<p> +In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das +Bad entzückte Jenny. In alle Räume hatte Wenzel große +Blütensträuße stellen lassen. Jenny sagte kein Wort, sie +errötete tief. Das war ihr Dank. +</p> + +<p> +Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, +daß Jenny ins Eden gezogen war, wurde er blaß wie ein +Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm mehr zu verraten +als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf, Jenny +zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man +mußte sich bei ihr anmelden lassen, bevor man empfangen +wurde. +</p> + +<p> +Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete +und Jenny erblickte, erschrak er, so schön war sie. Nie +hatte er sie so schön gesehen. Sie trug ein Kleid, das er +nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig, voll +natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh. +</p> + +<p> +Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam +den sanft schimmernden Blick zu, mit einem leichten, +etwas verlegenen Lächeln in den Mundwinkeln, als ob sie +sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du hättest noch länger +wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön gewesen. +Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in +diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, +den Glanz ihrer Augen und den unbegreiflichen +Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war sie viel, viel +schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte. +</p> + +<p> +Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +sah, war ihr erster Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht +zu zart, zu unmännlich, zu weichlich, ja weibisch war. +</p> + +<p> +Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander +und stützte das Kinn in die Hand. +</p> + +<p> +Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, +dachte Jenny. Früher hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar +gebauter und trainierter Körper zeigt immer schöne +Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen. +</p> + +<p> +„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny. +</p> + +<p> +Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam +von der Beerdigung seiner Mutter, und sie fragte: Wie +war es in Hamburg? Offenbar hatte sie vollkommen vergessen, +daß seine Mutter gestorben war. +</p> + +<p> +Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen +Frage kam ihr zum Bewußtsein. +</p> + +<p> +Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den +Gleichgültigen und Unbeteiligten, den Freund, der tief +gekränkt, aber zu stolz und großmütig ist, um sich diese +Kränkung merken zu lassen. +</p> + +<p> +Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet +hatte. Strümpfe, Schuhe, alles war völlig neu und +modern. Es fiel ihr ein, daß seine Mutter ein kleines +Vermögen besessen hatte. +</p> + +<p> +„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ +fragte Katschinsky. „Hast du abgeschlossen?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich habe abgeschlossen.“ +</p> + +<p> +„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer +Gleichgültigkeit fort. +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch +ein Recht gehabt hätte, Näheres über die Bedingungen +zu erfahren. Er ging. +</p> + +<p> +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny +sah es sofort seinen Augen an, daß er heute nicht die Rolle +des Gleichgültigen spielen werde. +</p> + +<p> +„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ +sagte er in munterem Tone, als habe es nie eine +Verstimmung zwischen ihnen gegeben. „Wir wollen etwas +gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser besuchen.“ +</p> + +<p> +Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete +sie. „Willst du Tee haben? Um sechs Uhr kommt +der Regisseur zu mir. Ich habe zu arbeiten.“ +</p> + +<p> +„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig +etwas warten. Mache mir die Freude, Jenny.“ Er haschte +nach ihrer Hand und versuchte sie zu berühren. Er wußte +wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte. Sobald +er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war +ohne jeden Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und +wiederholte nur, daß sie zu arbeiten habe, daß sie aber +gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee plaudern +wolle. +</p> + +<p> +Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn +Herr Doktor Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß +ich ihn erwarte.“ +</p> + +<p> +Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden +bin, dachte Katschinsky. +</p> + +<p> +Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken +Körper leicht zurückneigte, während sie mit einem Finger +den Deckel der Teekanne festhielt, wurde Katschinsky von +einer Art Raserei ergriffen. Seine Vorsätze, sich zu beherrschen, +waren wie weggeblasen. Er erhob sich bleich. +Sein Atem ging hörbar vor Erregung. +</p> + +<p> +Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +groß und abwehrend zu ihm auf. Aber dieser Blick, der +ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch seine Erregung. +Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen +den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, +die Zigarette anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, +Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn du aufrichtiger +wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine +Brauen flogen auf und ab. +</p> + +<p> +Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte +sie leise und erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie +bleich wurde. +</p> + +<p> +Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe +nie gedacht, daß du so feige bist, Jenny!“ rief er. +</p> + +<p> +„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte +Jenny, und ihr Auge glühte auf. +</p> + +<p> +„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider +ist!“ schrie Katschinsky rasend. +</p> + +<p> +Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! +Ich will es nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem +Fuße auf. +</p> + +<p> +„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky +brachte erregt einige Fälle vor, die man sich von +Wenzel Schellenberg erzählte. +</p> + +<p> +Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. +„Du bist ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so +sprichst.“ +</p> + +<p> +Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine +Frage zu beantworten, und ich gehe – für immer,“ sagte +er, und sein Blick grub verzweifelt in ihren Zügen. Seine +grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß. Ja, +er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber +mehr als sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +Frau mit seinem Gelde gekauft hatte, er haßte ihn um so +mehr, je weniger er die Möglichkeit hatte, ihm irgendwie +beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines Tages, +oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. +Tag und Nacht würde es für ihn, Katschinsky, keinen +anderen Gedanken mehr geben. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, +der Regisseur, trat ein. +</p> + +<p> +Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine +Sekunde lang hatte er geglaubt, Schellenberg werde kommen. +</p> + +<p> +Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. +Sie begrüßte Dr. Brinkmann und machte die Herren +bekannt. Während sie den Tee servierte, plauderte und +klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon. +</p> + +<p> +„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, +aber er fand nicht die richtige Anerkennung. Ich glaube +aber, daß er sehr große Begabung hat. Sie sollten ihn +sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“ +</p> + +<p> +Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete +Katschinsky aufmerksam, wie ein Händler, der ein +Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“ sagte er, „das Äußere +ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine Verabredung. +</p> + +<p> +Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber +nur um rasch ein Gesprächsthema zu finden, war sie +auf diesen Gedanken verfallen. Katschinsky küßte ihr artig +die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-10"> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +10 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ür</span> Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit +und Vergnügen. Dazwischen eingeschoben ein paar +Stunden Schlaf. Er befand sich unausgesetzt in einer Art +Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den Abenden +und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch +Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber +er zog die leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, +die lachen machten, die ihn sättigten, ein Rausch von +Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge verschob er auf +später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht +mehr die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im +Rennen zurückfalle, wie alle, und dann habe ich immer +noch Zeit genug, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. +Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, er +liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches +Tempo haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren +Musik dahinfegte. Eine rumänische Zigeunerkapelle, die +er in einer Bar entdeckt hatte, mußte bei seinen Einladungen +aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß +er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese +Lieder soll man spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben +– sollte! Denn ich sterbe nicht!“ +</p> + +<p> +Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, +herauszufinden, wo in Berlin „etwas los war“. Irgendeine +besondere Varieténummer, irgendeine Tänzerin, die +gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein Clown, über den +man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit. +</p> + +<p> +„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie +müssen sich mehr umtun.“ +</p> + +<p> +Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +Bällen balancierten, wurde er fast böse. Stolpe klopfte +die Theater in den Vororten und im Osten ab. Da gab es +zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, etwas +Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, +etwas außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine +Tänzerin oder Sängerin, die Schellenberg interessieren +konnte. +</p> + +<p> +Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren +die offiziellen, bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde +mit ihren Frauen erschienen. Das war notwendig, +aber Schellenberg langweilten diese Abende maßlos. +Dann gab es die intimen Einladungen für seine +Freunde, bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. +Die Gesellschaften währten bis zum frühen Morgen, und +es ging hoch her. +</p> + +<p> +Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel +die Lust an, ein Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu +geben. Der leuchtende Himmel, den er über den Häuserschluchten +glühen sah, verlockte ihn. Stolpe schrieb die +Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die +Vorbereitungen zu treffen. +</p> + +<p> +Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz +besondere Bewandtnis. Es war ein altes Jagdschlößchen, +und Mackentin hatte vor dem Kriege bei einem Manöver +einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier +gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß +Baron Müncheberg, der Besitzer von Hellbronnen, das +Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel kaufte es, ohne +es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die Zeit +fand, es zu besichtigen, war er entzückt. +</p> + +<p> +Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten +eines alten Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +als hundert Jahren geschaffen. Das aber war nicht alles, +es gab in diesem Park Wandelgänge, Taxushecken, romantische +Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine +kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das +Jagdschlößchen spiegelte sich in einem stillen, kleinen +See, der drei kleine Inseln hatte. Auf diesen Inselchen +waren Pavillons errichtet, und zwei der Inseln waren +durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander +verbunden. +</p> + +<p> +Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons +von seinem Architekten Kaufherr instandsetzen lassen. +</p> + +<p> +Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte +bis heute noch keiner der Gäste vergessen. Wochenlang +sprach man davon. Eine Schauspielertruppe hatte auf der +kleinen Naturbühne einige Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ +gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“, +das wäre ja langweilig gewesen. Ein +Feuerwerk lohte über dem See. Kurzum, es war unvergleichlich. +Gegen zweihundert Gäste waren anwesend. +</p> + +<p> +Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste +geladen werden, nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden +in einigen Automobilen verfrachtet und trafen mit +dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon empfing +sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik. +</p> + +<p> +Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie +ein verwunschenes Schloß,“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, +nahm sie ohne viele Umstände unter dem Arm und führte +sie fort. +</p> + +<p> +Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich +nicht wohl bei all diesem Lärm, bei all diesem lauten +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Gelächter, bei dieser rasenden Musik und bei den Scherzen +der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und +Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die +einen leichtsinnigen Ton liebten, die andern zumeist mit +Freundinnen, eleganten Geschöpfen, eine Kollegin von ihr +darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne Tänzerin, +berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden +sich einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher +Eltern, ohne Tadel angezogen, ohne Tadel der Scheitel, +die Hände, aber blasiert und langweilig. Sie erzählten +Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus dutzendmal +gehört hatte. Welche Leere. +</p> + +<p> +Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich +zu trinken, und selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. +Die Tänzerin stieg auf den Tisch und tanzte zwischen +den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß. Wenzel +hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als +Jenny dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich +an diesem Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel +stellte sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft, aber +doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke, die er +einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja +wie ein Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und +sehr spitz, so fühlte sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie +hatte sie ihn so lachen gehört. Er lachte ausgelassen wie +ein Knabe. +</p> + +<p> +Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich +hell wie bei einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln +am Seeufer aufstellen lassen. Sie brannten alle +zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in dem stillen +Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man beglückwünschte +Wenzel zu dieser Idee. +</p> + +<p> +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen +wir mit dieser Nacht anfangen, und wie schauerlich finster +ist es doch auf dem Lande.“ +</p> + +<p> +In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer +rasenden Musik davon. Die Gesellschaft verteilte sich in +vier kleine Boote, und man ruderte zu den Inseln. Wenzel +half der Tänzerin beim Aussteigen. Er legte seine große +knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder litt +Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald +zu Ende. +</p> + +<p> +In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. +Die Damen fröstelten, die jungen Bankiers stülpten +den Rockkragen in die Höhe und sagten: „Es ist kalt, +Schellenberg!“ +</p> + +<p> +„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“ +</p> + +<p> +„Ihr werdet schon sehen!“ +</p> + +<p> +Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was +Schellenberg unternehmen werde. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch +anmutenden Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser +und schwamm hinter den Booten her. Er lachte und +prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt +ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich +wie ein Pudel, der aus dem Wasser steigt. +</p> + +<p> +Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an +Wenzel heran, berührte seinen nassen Ärmel und sagte: +„Sie werden sich erkälten, kleiden Sie sich sofort um.“ +</p> + +<p> +Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab +und sah Jenny in die Augen. Der Ton, in dem sie ihre +Bitte aussprach, hatte ihn betroffen gemacht. Jenny war +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand +schnell im Hause. +</p> + +<p> +Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war +glücklich, als sie wieder in Berlin war. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-11"> +11 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">enny</span> hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. +Es war eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß +sie voller Fleiß, Hingabe und Ausdauer arbeitete. Die +Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war ungeheuer selten, +ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr lag, +sie zu nützen. +</p> + +<p> +Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen +gegeben, und sie folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei +einem Tanzmeister und begann ganz von vorn mit der +alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann machte +sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden. +</p> + +<p> +Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, +und sie nahm Reitunterricht. Jeden Morgen ritt +sie im Tattersall. Sie fühlte sich leicht und frisch, war +entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten Augen +und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung +die völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. +Sie fühlte jede Bewegung, jede kleinste Muskel. +Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß, +sie empfand es fast als Wollust. +</p> + +<p> +Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann +war eine schlichte, immer begeisterte Seele von +einer grenzenlosen Geduld und Güte. Wenn er mit ihr +arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, ließ wiederholen. +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, +zu gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann +sie vor dem Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen +lernen, wie sie sich gefilmt ausnahm. Die ersten Aufnahmen +hätten Jenny fast entmutigt. Doktor Brinkmann +hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. +Nun begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder +Schritt, jede Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. +Doktor Brinkmann selbst malte ihr das Gesicht, wie die +Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war keine Hast +mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, +das Auge glänzte und flammte leidenschaftlich. +</p> + +<p> +„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut +aus. (Sie ahnte nicht, daß er ein besonders hohes Honorar +von Wenzel für seine Arbeit erhielt.) +</p> + +<p> +Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen +Spielfilm in Italien aufnehmen lassen. +</p> + +<p> +Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, +sie fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte +sie irgendein Lichtspieltheater, um zu beobachten, +zu lernen. Langsam schien sich ihr auch diese schwierige +Kunst zu erschließen. +</p> + +<p> +Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen +–, um die Stunden und Tage zu töten, da sie Wenzel +nicht sehen konnte. In den Theatern, Bars und Weinstuben, +die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner +Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche +Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war +glücklich, wenn er allein mit ihr speiste. Dann aber verging +der Abend so schnell, und wenn sie allein war, überfiel +sie die Qual der Trennung von neuem mit schrecklicherer +Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +Er bat sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei +Stunden am Apparat, sie stampfte mit den Füßen vor +Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich Stolpe, Mackentin, +Goldbaum oder sonst jemand. +</p> + +<p> +Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft +mit Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. +Nun aber fühlte sie zum erstenmal in ihrem Leben, was +Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe keine Freude ist, +sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust +wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes +zu denken. Sie schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte +diese Briefe nicht ab. Sie fürchtete sein Lächeln, und +auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr als Sentimentalität. +</p> + +<p> +In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich +gegen ihre Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der +Einsamkeit der schlaflosen Nächte zeichnete sie sich sein +Bild, und sie übertrieb alle seine Eigenschaften. Sie machte +ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, brutaler, herzloser, +sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf, +aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein +anderer Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch +von Wärme auf sie eindrang, ein Freund, der seine +Freundschaft eher verbarg als zeigte, der fürsorglich war +und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. Oft +schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen +verschlang, und in der gleichen Minute erschien er ihr +wie ein großer Knabe, der herzlich lachte und dem man +nicht böse sein konnte. +</p> + +<p> +Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? +Sie versuchte ihn zu ergründen, vergebens. +</p> + +<p> +Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +man es nennen wollte, war geschehen. Es gab für sie kein +Zurück mehr. Wie zitterte sie, wenn sie seinen Schritt +hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür hereinkam! Er +hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf +zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein +wären. Sie sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur +noch die eine Frage: Wann? Aber Wenzel hatte nie Zeit. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-12"> +12 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. +Zu spät kam die Reue über sein Benehmen bei +seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er selbst war es +gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, abgebrochen +hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, +er wußte es genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen +anzugreifen. Wie furchtbar, wie ehrlos, wie erbärmlich +war all das gewesen. Es war so rasch und unverständlich +gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen +konnte. +</p> + +<p> +Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht +peinigten ihn. Er ertrug das Leben nur, wenn er die +Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen zu sehen. +Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. +Im luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte +er Jenny auf: um hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, +sobald er auch nur einen Ärmel ihres Mantels sah. Wenn +dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig gebaute Auto +vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch +seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +Er war ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und +wann, das würde sich finden. +</p> + +<p> +War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige +Erleichterung. An der Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag +zugeworfen wurde, erkannte er Schellenberg. +Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es +wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, +all diese funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, +die ihn anfunkelten, die in der Nacht aus der +Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm entlangflogen. +Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak +wie vor Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen +die beiden bösen Lampen herangeflogen. Nun war sie zu +Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer erloschen. +</p> + +<p> +Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, +eine Diele, eine Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes +Lächeln auf seinem schönen Munde, mit einem +hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken. +Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. +Schnell war er sehr berauscht. Er schritt, wirre Worte +hervorstoßend, oft weinend durch die finsteren Straßen +und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So +ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er +berauscht war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder +vorbrachte und an die er im trunkenen Zustande nahezu +selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß er eine Geliebte +gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön, +und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede +Nacht mit allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, +daß er bei den Dirnen weinte, wenn er seine Geschichte +erzählte. +</p> + +<p> +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung. +</p> + +<p> +Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr +wollte er sich rächen. Er entwarf Pläne. Vielleicht würde +er ihr schönes Gesicht mit einer Säure übergießen, aber +schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“ +</p> + +<p> +Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener +Regisseur, jener Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat +eine Unterredung, wie er es versprochen hatte, gewährt. +Er hatte ihn in einigen Statistenrollen verwandt, um +ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts +mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter +mir stehen keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er +von Doktor Brinkmann einen Brief mit der Bitte, sich +so bald wie möglich bei ihm einzufinden. +</p> + +<p> +„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor +Brinkmann ganz offen. „Sie haben es auch nie behauptet, +daß Sie etwas können. Sie sind ja kein Schauspieler. +Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer Tochtergesellschaften +dreht einen Film, und Sie sollen darin eine +der Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich +selbst. Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu +denken.“ +</p> + +<p> +Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich +unverwendbar. Bald aber ging es. Man brauchte +in diesem Film einen gutaussehenden jungen Mann, der +sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade +die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche +Benehmen Katschinskys waren es, was der Regisseur +suchte. +</p> + +<p> +Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die +Maske gemacht hatten, zeigte es sich, daß Katschinsky mit +seinem schmalen Gesicht, seinen etwas schrägstehenden +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich außerordentlich +gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ schöner +junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. +Die Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. +Der Erfolg machte Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit +wurde geschmeichelt, und er fand wieder etwas Halt. Er +hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig versuchte +er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht +mehr, er erbleichte nicht mehr. +</p> + +<p> +Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er +Jenny in die Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus +dem Boden gewachsen. Sie hielt den Schritt an und betrachtete +ihn mit erschrockenen, hilflosen Augen. +</p> + +<p> +Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte +die Farbe, dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, +als sei nichts vorgefallen. +</p> + +<p> +„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit +seinem hübschesten Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, +wie konnte ich dir eine solche Szene machen, es +ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, Jenny, daß ich +toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als +Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine +Ansicht war.“ Schon lächelte er leichtsinnig und fröhlich. +„Es ist viel besser, daß wir gute Kameraden sind, Jenny. +Findest du nicht auch?“ +</p> + +<p> +„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny +und nahm seine Hand. „Du bist ein törichter Junge gewesen.“ +Sie gingen nebeneinander her und plauderten wie +gute Freunde. +</p> + +<p> +Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky +erwies ihr Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen +und Bücher. Sie sah seine Bemühungen, alles wieder +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann und wann +besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den Filmateliers +zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer +gleichmäßig kameradschaftlich. +</p> + +<p> +Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser +im Café gewesen – änderte er plötzlich den Ton. +Sie gingen durch eine dunkle, menschenleere Straße. +Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn zart an +sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung +zu verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das +Bedürfnis, dir alles zu gestehen, was geschehen ist.“ +</p> + +<p> +Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. +Dieser leichte Druck seiner Hand verletzte sie – +obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur aus Nachsicht duldete +sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und +nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte. +</p> + +<p> +Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er +trank, bis er sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen +die Geschichte erzählte von seiner schönen Geliebten, +die an der Grippe gestorben sei. +</p> + +<p> +Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie +ein Tier, das sich bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren +Arm frei und trug Sorge, daß auch ihr Gewand ihn nicht +berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, hervorstieß, +stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von +ihm. Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie +hätte Lust gehabt zu laufen, aber sie wußte, daß er ihr +dann nachgelaufen wäre, und sie wollte vor den wenigen +Menschen, die diese Straße passierten, jegliches Aufsehen +vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten +und beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe +ich dich, Jenny, so maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +Körper nicht vergessen! Verstehe mich doch, fühle es +doch!“ +</p> + +<p> +Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in +ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das +kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt +hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig. +Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher +Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er +schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere +Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen. +</p> + +<p> +„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich +aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und +er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen +lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte. +</p> + +<p> +Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte +leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du +weißt es, ich liebe einen andern.“ +</p> + +<p> +„Liebst du ihn wahrhaftig?“ +</p> + +<p> +„Dreimal wahrhaftig!“ +</p> + +<p> +Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die +Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er. +</p> + +<p> +Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. +In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah +Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht. +„Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt +boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, +er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte +eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte +Antwort. +</p> + +<p> +Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden +wie die eines Toten. +</p> + +<p> +„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es +schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der +Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere +mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, +wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors +Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies +zu verzeihen!“ +</p> + +<p> +Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: +„Auch dies will ich dir noch verzeihen.“ +</p> + +<p> +Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“ +</p> + +<p> +Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen. +</p> + +<p> +„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du +hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben, +worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von +wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du +machst dich nur lächerlich!“ +</p> + +<p> +In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie +zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu +machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und +wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht, +bis das Licht erlischt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-13"> +13 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> großen Holzscheite flammten und krachten im +Kamin. Der Schein des Feuers blendete, und gespenstische +Schatten zuckten durch den halbdunkeln +Raum. +</p> + +<p> +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny +Florian! Sie wissen, daß ich alle Phrasen und übertriebenen +Worte hasse. Ich habe mir eines Tages vorgenommen, +immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu +schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was +ich Ihnen sage. Sie sind schön, und Sie wissen es. Aber +Sie tun nicht, wie andere schöne Frauen, als ob es Ihr +persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus diesem +Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre +Schönheit wie etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie +sind klug, aber Sie vermeiden es, geistreich erscheinen zu +wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten sich +gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks +wie von der Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf +Frauen zusammen, und doch sprechen Sie nie mit einer +Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle Leute, +die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“ +</p> + +<p> +Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen +blendeten wie die eines Tieres, in die ein Lichtschein +fällt. Auf ihren Wangen und Lippen und Zähnen sprühten +Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht +Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so +selten, auch wenn sie allein waren. In Gegenwart seiner +Bekannten und Freunde aber verbarg er sich hinter einem +burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute. +</p> + +<p> +Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die +Knie angezogen. Sie saß dicht am Feuer, das verwegen +nach ihr züngelte. Heute mittag waren sie in dem kleinen +Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit +sollte drei Tage dauern. +</p> + +<p> +„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte +Jenny. Wenn sie sprach, funkelten alle Vokale. +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +Ihre Stimme war keusch, als schäme sie sich zu sprechen. +Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein Freund, +ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher +in Ihrer Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine +Frau? Sie sind viel zarter, als Sie ahnen lassen. Weshalb +geben Sie sich oft so unempfindlich?“ +</p> + +<p> +Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten +Kaminwände kletterten eilige Funken. +</p> + +<p> +Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam +den Kopf schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast +hätten Sie mich verführt, etwas zu glauben, nur weil es +angenehm ist, sich für besser zu halten, als man ist. Nein, +Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle +sind verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem +bestimmten Alter und in gewissen Lebensverhältnissen vergehen. +In Ihrer Nähe, so scheint es mir allerdings, erwacht +manche Empfindung wieder, die ich lange nicht +mehr kannte. Lieben Sie Gedichte?“ +</p> + +<p> +Jenny sah erstaunt auf. +</p> + +<p> +Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? +Ich würde es auch nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. +In meiner Jugend habe ich viele Gedichte gelesen, +aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist +schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den +halben Faust auswendig, er behält alles spielend. Und +Sie, Jenny Florian? Sie müssen doch den ganzen Kopf +vollgestopft haben mit solchen Dingen.“ +</p> + +<p> +Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis. +</p> + +<p> +„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? +Könnten Sie ein Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? +Ich möchte hören, wie Ihre Stimme dabei klingt.“ +</p> + +<p> +Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +sie aufgerufen. Sie dachte kurz nach, dann faltete +sie die Hände, indem sie die Spitzen der Finger gegeneinander +legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz monotoner, +inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb +geschlossen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„O gib, vom weichen Pfühle</p> + <p class="verse">Träumend, ein halb Gehör!</p> + <p class="verse">Bei meinem Saitenspiele</p> + <p class="verse">Schlafe! Was willst du mehr?“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ +sie die Hände sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus +tiefem Schlaf aufgewacht. +</p> + +<p> +„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. +Diesen Vers hatte ich vergessen. Aber, wie kamen wir +eigentlich auf dieses merkwürdige und unzeitgemäße +Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir +ein. Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich +behalten habe. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe +nur einen Vers davon behalten, und selbst ihn könnte ich +vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses Gedicht ist für +mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache gibt. +Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter +auf dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste +und wahrste ist. Es ist Heines ‚Du bist wie eine +Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich dies sage? +Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch +darf dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht +fortfahren. Aber, um zur Hauptsache zu kommen. Ein +ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine in seinem Gedicht +ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe +ich oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +Sie mir, ich schäme mich jetzt schon dieser Trivialität.“ +</p> + +<p> +Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel +tiefer und schwieg. +</p> + +<p> +Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! +Zwei Dinge hasse ich mehr als alles auf der Welt, +Hysterie und Sentimentalität. Die hysterischen Menschen +– es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als +Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen +– nun sagen wir, ertränken.“ +</p> + +<p> +Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ +rief sie aus; aber doch war ein versteckter +Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure Verachtung +klang aus Wenzels Stimme. +</p> + +<p> +„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose +Fäuste, die zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind +der Luxus einer reichen Epoche, einer Epoche ohne Schulden. +Ich spreche ganz offen. Ich möchte nicht in den +Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen +zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <a id="corr-15"></a>Sie bat, +ein Gedicht zu sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. +Ich möchte auch nicht in den Verdacht kommen, +Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen, +daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen +Sie diesen banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ +mir – aber das ist noch lange nicht Liebe. Vielleicht bin +ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem Leben +nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale +Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben +kann. Ich weiß nicht, ob ich einen anderen Menschen +lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht einmal, ob es +überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +als sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker +vorliegt – bei den Dichtern. Denn Liebe ist ja keine +Wissenschaft und kann nicht chemisch analysiert werden. +Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny +Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, +die ich kenne. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, +was man Sympathie nennt?“ +</p> + +<p> +Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es +wird mehr werden,“ fügte sie noch leiser hinzu. +</p> + +<p> +„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir +Freunde werden. Aber da ich es nicht liebe, einen Menschen +zu täuschen, so will ich dir meine Bedingungen nicht +verschweigen.“ +</p> + +<p> +Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die +Augen Jennys unter ihm. Er mußte an Bäche denken, die +er als Knabe gesehen hatte. Auf Klein-Lücke gab es einen +solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später nie mehr +diese Klarheit des Wassers? +</p> + +<p> +Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für +mich, denn ich brauche die Freiheit. Ich kann in einer +anderen Luft nicht leben, so bin ich. Aber ich gewähre dir, +hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich weiß, daß +es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau +sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht +kannten, die in ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei +Frauen besaßen. Es sind Lügner. Ich gehöre nicht zu +jener Klasse modern denkender Männer. Ich bin ein ganz +altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und +keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu +lassen. Dabei bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – +aber nicht mehr, mehr dulde ich nicht. So also lauten meine +Bedingungen, Jenny. Nun sollst du mir antworten.“ +</p> + +<p> +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme +alles an, Wenzel. Ich kapituliere.“ +</p> + +<p> +„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, +daß es falsch ist, diese Dinge, die Beziehungen zwischen +Mann und Frau, so furchtbar ernst zu nehmen. Ich finde, +der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß aus dem +Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen +alle bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß +wie möglich zu gönnen.“ +</p> + +<p> +Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. +Aber schon fuhr Wenzel fort: „Was also würdest du tun, +Jenny Florian, wenn du mich liebtest – zuviel gesagt –, +wenn ich dir sympathisch wäre?“ +</p> + +<p> +Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, +was würde ich nicht tun?“ +</p> + +<p> +So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte. +</p> + +<p> +Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht +bekommen. +</p> + +<p> +Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie +pfiff wie ein Vögelchen. Immer schien die Sonne zu +scheinen, auch wenn es regnete. Wenn die Sonne aber +schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, sonst +so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, +ihr Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich +nur reizende, liebenswürdige Menschen, die sie mit +Freundlichkeiten überhäuften. Jenny selbst war hilfreich, +gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein Diamant +funkelt, in den das Licht fällt. +</p> + +<p> +Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. +Er zeigte ihr die Villa, die er hatte bauen lassen und +die ihm zu klein geworden war, während er baute. Er +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, +die „Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten +fertig, war in einem modernen Barock erbaut von Kaufherr, +dem begabtesten Architekten Berlins. Maler und +Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es roch +nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen +Zimmern waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort +standen schon Möbel. In einigen Wochen konnte die Villa +bezogen werden. Das Badezimmer aus rosigem Marmor +entzückte Jenny. +</p> + +<p> +„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel. +</p> + +<p> +Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches +nie gesehen. +</p> + +<p> +„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian +wohnen.“ +</p> + +<p> +Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die +Hände. „Nicht schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht +schenken!“ Sie wurde plötzlich nachdenklich. +</p> + +<p> +„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das +Haus wird fertig sein, bis du aus Italien zurückkommst.“ +</p> + +<p> +In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft +nach dem Süden. Der Zug fuhr vorwärts, +aber sie fuhr in Gedanken schon wieder zurück. Bei jedem +besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden +Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen +werde! Sie war unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert +– es ist dein Beruf. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-14"> +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +14 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß +vom Schnee, aber schon war ein lauer Hauch des Frühlings +in ihm. Ein heftiger Südweststurm brauste seit +einigen Tagen dahin. +</p> + +<p> +Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am +Horizont verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten +von Glückshorst erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure +Fläche, nur unterbrochen von einem windgeschüttelten +Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont hatte. +Er sollte später ein „Park“ werden. +</p> + +<p> +Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden +von Glückshorst, wo früher der Wald stand, aufgerissen, +zermalmt, umgegraben und gewalzt. Tag für Tag zogen +große Traktoren und Motorwalzen auf den neugeschaffenen +Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal +waren Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und +Schlacke brachten. Auf diesen Straßen waren Scharen +von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten entluden andere +Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz +und quer über das Gelände. +</p> + +<p> +Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. +Ein Glück nur, daß die Tage länger wurden. Er erhielt +Schreiben über Schreiben aus Berlin, Ingenieure kamen, +das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum +Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie +ihn gelobt, nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze +Woche zurück war. Lehmann schrie und wetterte, und +trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich ein Fahrrad +zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin +und her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug. +</p> + +<p> +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete +ein kleines Häufchen Männer, das Georg Weidenbach befehligte. +Der General mit seinem langen Bart war in dieser +Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab, +seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet +zu haben. Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, +visierten, maßen und schlugen Pflöcke ein. Georg trug +einen zerknitterten, zerweichten und beschmutzten Plan +unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten, Glückshorst +zu vermessen. +</p> + +<p> +„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann +durch den Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin +glauben, wir können hexen! In drei Tagen sollen die +Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie +dazu. Es ist einfach verrückt!“ +</p> + +<p> +An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen +Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum +auf ihren Rädern vorwärtskamen. Von dieser Gruppe +der Radfahrer löste sich einer los und erkämpfte sich durch +den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte +Georg einen Brief. +</p> + +<p> +Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen +Brief erhielt. +</p> + +<p> +Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im +sinkenden Tageslicht die Aufschrift: es war ein Brief von +Stobwasser. Es war schon so düster, daß Georg kaum +mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines verstand +er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über +Christines Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, +daß er gute zehn Schritte zur Seite trat. In dem +Briefe war die Rede davon, daß Christine sich an Jenny +Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian, +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich +Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo +da draußen, die Spur war also gefunden! Dann +folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche +Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht +weiter. +</p> + +<p> +Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe +und begab sich raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt +lief er. In Lehmanns Bureau war Licht. Außer +Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein +und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. +Noch heute abend wollte er nach Berlin. +</p> + +<p> +„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. +„Sind Sie toll geworden? Gerade jetzt?“ Plötzlich aber +hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs Gesicht gefallen. +„Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme. +„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was +ist passiert?“ +</p> + +<p> +„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, +und das Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. +„Im Gegenteil, etwas Glückliches oder vielleicht +etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz sicher.“ +</p> + +<p> +„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, +wenn es sein muß, müssen Sie fahren, das sehe ich ein, +so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage Urlaub haben. +Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde unterdessen +Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in +einer Stunde zu mir, zu einer längeren Besprechung. +Daß Sie heute abend noch gehen, hat ja keinen Sinn.“ +</p> + +<p> +Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. +Unter eines dieser Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers +Brief nochmals und aufmerksam zu lesen. Ohne +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war gefunden, +nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine +Spur! Und endlich fand Georg auch die Sammlung, den +Brief Stobwassers zu Ende zu lesen. +</p> + +<p> +„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du +eine Beschäftigung hast. Vielleicht komme ich auch bald +zu dir hinaus. Uns allen hier, die wir die Fahne der +Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache +Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem +Preise! Katschinsky hat sich in den Film gerettet und +scheint eine Zukunft vor sich zu haben. Allen andern aber +geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von bekannten +Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um +den andern verkauften und verpfändeten, um das nackte +Leben zu fristen. Eine junge Geigerin, Meisterschülerin +eines berühmten Virtuosen, spielte jeden Abend für zwei +Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer zeichnete +für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. +Die guten Theater brechen zusammen, die Filme und +Revuen triumphieren. „Was soll werden?“ rief Stobwasser +aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um +uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst +in diesem Lande zugrunde gehen –?“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-15"> +15 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz +nach Mittag sprang er, in äußerster Erregung, aus dem +Zug, um sich augenblicklich nach dem Norden der Stadt +zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in +ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +Hier sollte der Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline +wenden und sagen, er käme von Fräulein Florian. +</p> + +<p> +Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes +Mädchen, das, die Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen +Händen hinter dem Schenktisch Gläser spülte. Sie +gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon +er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene +zu zeigen. +</p> + +<p> +„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte +Pauline wiederum gähnend. Und nach einigen argwöhnischen +Blicken fügte sie hinzu: „Nun, hoffentlich bringen +Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte hat +ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. +Gehen Sie Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel +drei Treppen, Agent Lederer.“ +</p> + +<p> +Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die +Straße entlang, und bei Nummer dreiundzwanzig blieb +er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er dieses Haus in +seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender, +bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten. +</p> + +<p> +Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, +links ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen +Scheiben. Der Torweg wimmelte von krank +aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. Verwahrloste +Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. +Halb von Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, +gemartert von dem Gedanken, daß Christine +in einer derartigen Hölle hausen sollte, kletterte Georg +die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte +von Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen +der Ausgüsse und schmutziger Küchenlöcher. Und wieder +Kinder, krank, verkommen, auf dünnen verkrümmten +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das +fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das +ganze Haus bebte von Geschrei, Lärm und zugeschlagenen +Türen. Es schien von Hunderten von Familien bewohnt +zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit sie +hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger +Klumpen Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber +und stieß ihn derb an, während sie ihn mit frechen +verquollenen Augen musterte und lachte. +</p> + +<p> +Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im +Freien. Die Arbeit hatte ihn gestählt. Er war an manches +gewöhnt, und doch begann er in dieser Höhle des Elends +zu zittern. +</p> + +<p> +„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu. +</p> + +<p> +Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten +schmutzigen Tür angelangt, nahm er seine ganze +Kraft zusammen und klopfte einmal, zweimal. Dann +lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und +während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu +verzehnfachen. +</p> + +<p> +Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür +öffnete sich. Ein junger Mensch, fast noch ein Knabe, +mit stechenden, frechen Augen erschien. Sein Gesicht +war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß bedeckt. Er +trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig. +</p> + +<p> +„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und +kurz. Neben ihm tauchte argwöhnisch das Gesicht einer +aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren Haaren auf. +Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine +lange Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das +Gesicht gespalten. +</p> + +<p> +Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +verlor. Er verbeugte sich höflich und sagte, daß er von +Fräulein Florian käme und Fräulein Christine März einen +Brief zu übergeben habe. +</p> + +<p> +„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden +froh sein, wenn wir sie endlich los sind. Bringen Sie +Geld?“ +</p> + +<p> +„Ja, ich bringe Geld.“ +</p> + +<p> +Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, +übelriechenden Korridor. Georg, fast von Sinnen, +konnte sich später niemals mehr an Einzelheiten erinnern. +Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah: +</p> + +<p> +Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, +fremde, unwirkliche Stimme sagte: „Herein!“ Es war +nicht Christines Stimme. Es war ein fremdes, verwahrlostes +Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf +einem niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen +Strumpf stopfte, blaß, schwindsüchtig, mit großen, +glühenden Augen. Fast wie eine Wahnsinnige sah +sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen +Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die +Strumpf und Nadel hielten, blieben ganz in der gleichen +Haltung. So saß sie und staunte ihn an, wie eine Wachsfigur. +Wie lange? Georg konnte es niemals sagen. +</p> + +<p> +Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses +fremde, regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt +und vor ihr in die Knie fiel: es war doch Christine. +</p> + +<p> +Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr +aus. „Bist du krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte +nicht einmal selbst seine Stimme. +</p> + +<p> +Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden +Augen an, ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, +aber sie regte sich nicht. Er stammelte verwirrte +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff +nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er +verzweifelt. Nie in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche +Minuten. Er war dankbar, daß er sich später nicht +mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein Entsetzen +blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für +immer. +</p> + +<p> +Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, +das ein Axthieb gespalten hatte, mit einem großen und +einem kleinen Auge, das große gespenstisch, geisterhaft, +das kleine tierisch und frech. Eine grelle Stimme keifte +und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu unterhalten +und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute +vor die Tür zu setzen. Dies und ähnliches keifte die +Stimme, noch heute hatte Georg ihren entsetzlichen Klang +im Ohr. +</p> + +<p> +Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas +gänzlich Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, +es gibt kein Wort dafür, gab Georg augenblicklich, auch +das ist merkwürdig, die Klarheit der Sinne zurück. Von +diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede Einzelheit. +</p> + +<p> +Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie +machte den Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete +sich langsam über ihr Gesicht aus. Dann wandte sie +sich mit einer ganz langsamen, unsagbar zärtlichen Bewegung +zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug +die Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf +eines kleinen Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung +nahm Christine mit beiden Händen das in einen Lappen +gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen. +</p> + +<p> +„Hier ist es,“ flüsterte sie. +</p> + +<p> +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +„Was ist das?“ stammelte Georg. +</p> + +<p> +„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte +sie zu lächeln. +</p> + +<p> +„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? +Wie soll ich das alles verstehen?“ Und er stürzte sich auf +das Kind, nahm es aus Christines Händen und drückte +es gegen die Brust. +</p> + +<p> +Das Gesicht an der Türe lachte schallend. +</p> + +<p> +Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig +Herr seiner Sinne. Er beschwor Christine, mit ihm zu +kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick irrte voller +Angst zur Türe. +</p> + +<p> +„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller +Furcht, die Alte könne es hören. Da wandte sich +Georg gegen die Türe und trat auf die Alte mit dem gespaltenen +Gesicht zu. +</p> + +<p> +„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht +hier vor? Was bedeutet das alles?“ +</p> + +<p> +Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, +sie beschimpfte Christine mit den unflätigsten +Worten. Sie hätte nichts dagegen, daß er die „Dame“ +mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –, aber erst +hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert +Mark, eine Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich! +</p> + +<p> +Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – +Georg stürzte aus dem Hause wie von Peitschenhieben +vorwärts getrieben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-16"> +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +16 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt +ein. +</p> + +<p> +Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor +Stobwasser noch auf sein Pochen antworten konnte. +Er stürzte in die Werkstatt und prallte zurück: Ein junges, +nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. Stobwasser +stand und modellierte eifrig. +</p> + +<p> +„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen +Hände flogen. „Helfen mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer +in den Hof hinaus und erzählte wirr, atemlos, unzusammenhängend. +</p> + +<p> +Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden +Frau, und Stobwasser verstand sofort alles. +</p> + +<p> +Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, +und dachte nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte +er. „Die Hauptsache ist nur, daß du dich beruhigst, Weidenbach.“ +</p> + +<p> +„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem +abwesenden Lächeln. Er zitterte am ganzen Körper. Er +strich sich über das Gesicht, und seine Hand war so naß, +als habe er sie in Wasser getaucht. +</p> + +<p> +Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich +anziehen,“ sagte er zu dem Modell, und sie gingen. +</p> + +<p> +„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder +zu laufen begann. „Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. +Oh, wie ich meine Armut verfluche!“ schrie er +laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet es? Aber +– oh, wie ich meine Armut verfluche!“ +</p> + +<p> +Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen +Erfolgen beim Film wohnte er in einer großen Pension +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +im Westen. Unglückseligerweise hatte er Besuch. Er kam +in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden keuchenden +Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn +stand. Er trug einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide +und schwarze Hausschuhe aus Lackleder. +</p> + +<p> +„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel +der Diele nieder. Aber augenblicklich stand er wieder +auf. „Zweihundertfünfzig Mark!“ rief er aus. „Ich habe +keinen Pfennig, nur Schulden!“ +</p> + +<p> +„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser. +</p> + +<p> +Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die +Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine +so große Summe herbeischaffen?“ fragte er. „Sagt doch +selbst.“ +</p> + +<p> +„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir +werden es verpfänden!“ +</p> + +<p> +Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der +Tür zu. „Ich habe leider keine Zeit mehr,“ sagte er +hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“ +</p> + +<p> +„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky +die Tür schon geschlossen hatte. +</p> + +<p> +Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn. +</p> + +<p> +„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet +Stobwasser und stürzte die Treppe hinab. +</p> + +<p> +Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete +Damen und Herren still in Klubsesseln saßen, +mißbilligte der Portier ihre Eile und Hast. „Es ist +dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor. +</p> + +<p> +Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page +machte sie darauf aufmerksam, daß Fräulein Florian +Besuch habe. „Herr Schellenberg ist soeben gekommen,“ +verkündete er voller Ehrfurcht. +</p> + +<p> +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ +sagte Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und +scheu an Jennys Tür. Nach geraumer Weile verschwand +er. +</p> + +<p> +Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny +heraus auf den Flur. Sie hatte eine Zigarette zwischen +den Lippen und ging mit leichten, tänzelnden Schritten, +aber ganz langsam, auf die beiden zu. +</p> + +<p> +„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. +„Und wer ist das? Sind Sie es, Weidenbach?“ +</p> + +<p> +„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig. +</p> + +<p> +Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte +den Kopf, blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. +„Ich habe kein Geld. Es ist fast Monatsende. Aber wartet, +es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“ +</p> + +<p> +Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie +in ihr Zimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie +wieder und hob triumphierend drei Geldscheine in die +Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. „Oh, Weidenbach, +wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können! +Grüßen Sie Christine.“ +</p> + +<p> +Schon stürzten die beiden die Treppe hinab. +</p> + +<p> +„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg. +</p> + +<p> +Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen +hatte, war er schon wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ +rief er dem grauhaarigen Weib mit der gespaltenen Stirn +zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. +</p> + +<p> +Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind +nur zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr +als dreihundert Mark!“ keifte sie. „Wir haben uns barmherzig +erwiesen, und das ist nun der Dank!“ +</p> + +<p> +Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +die Faust und machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. +Stobwasser hatte ihn nie so gesehen. „Wir geben +nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist +alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit +drohender Gebärde. Und nun willigte die Alte ein, daß +Christine die Wohnung verlassen könne. +</p> + +<p> +Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande +war, die Treppe hinabzugehen. Georg nahm sie auf den +Arm und trug sie hinunter. Stobwasser kam hinterher +mit dem Kinde, das in einen alten Lappen gewickelt war. +Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen +Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab. +</p> + +<p> +Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt. +</p> + +<p> +„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief +Stobwasser vergnügt aus und rieb sich die Hände. „Ich +heize nur, wenn ich Modell habe.“ +</p> + +<p> +Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, +das durch die Werkstatt führte, zu krachen begann. Er +kochte Tee. Dann stürzte er aus dem Hause, um das +Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar ein +Viertel Schinken besorgte Stobwasser. +</p> + +<p> +„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt +aus, und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke vor +Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß ihr bei mir übernachtet, +wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon zurechtfinden. +Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ +sagte er, während er den Tisch abräumte, einige +Zeitungen über die schmutzige Tischplatte breitete und das +Abendbrot servierte. +</p> + +<p> +Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser +hatten sie genötigt, sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. +Da also lag sie nun, bleich und still, die +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer +Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, +wenn Georg eine Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten +verquält, und wenn er sie berühren wollte, so ging +ein Zittern über ihren ganzen Körper. +</p> + +<p> +Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. +Die Vögel sprangen neugierig in ihren Käfigen +hin und her. Der Kakadu knarrte und streckte den Kopf +durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen +Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze +Katze aber saß auf dem Bettpfosten und starrte mit ihren +großen grünen Augen unaufhörlich auf das kleine Kind. +Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte ihm +die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches +Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In +dieses Gesicht hatte das Schicksal Furchen und Linien +geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre gealtert +schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still +und sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein. +</p> + +<p> +Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer +rauchte seine Pfeife, und nur zuweilen flüsterten sie +einige Worte. +</p> + +<p> +„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise. +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“ +</p> + +<p> +„Nun, es wird alles gut werden.“ +</p> + +<p> +„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem +Kinde?“ Georgs Augen glänzten. „Mein Kind!“ +</p> + +<p> +„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete +Stobwasser voller Überzeugung. „Ein außerordentlich +schönes und genial aussehendes Kind!“ +</p> + +<p> +Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine +eigenen Gedanken. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-17"> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +17 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rüh</span> am nächsten Morgen begab sich Georg in das +Bürohaus „Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine +Bitte vorzutragen, Christine und das Kind nach Glückshorst +mitnehmen zu dürfen. +</p> + +<p> +Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien +nahezu beendet zu sein. Es wimmelte von Menschen. +Boten und Beamte eilten hin und her. In den Vorhallen +standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die +Arbeit suchten. +</p> + +<p> +Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört +hatte. „Es ist unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung +ist ja erst im Bau. Ich würde es ja gerne tun, mißverstehen +Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch +ein Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich +oft verzweifle? Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich +täglich hundertmal. Das Elend strömt zu diesem Hause +herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir bis an +die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg +oder einen seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent +telephonierte. +</p> + +<p> +Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen +und wollte wegfahren. Welch ein Verhängnis! +„Folgen Sie mir,“ sagte der Referent eilig. „Vielleicht +treffen wir ihn noch.“ +</p> + +<p> +Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die +Treppe herab. Er schien es sehr eilig zu haben. Der Referent +trat auf ihn zu und trug ihm in aller Kürze +Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging +rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm +in die Augen und blieb eine Sekunde stehen. +</p> + +<p> +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„Handelt es sich um Sie?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst +bitten –“ +</p> + +<p> +Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ +sagte er und runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. +Kommen Sie mit mir. Sie können mir ja unterwegs +den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob +er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen +fuhr ab. +</p> + +<p> +Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael +ihn mit klaren prüfenden Augen anblickte. +</p> + +<p> +„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. +„Nehmen Sie Fräulein März und das Kind getrost mit +nach Glückshorst. Und werden Sie recht glücklich,“ fügte +er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er klopfte +ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus. +</p> + +<p> +Rasch machte Georg für Christine und das Kind die +allernötigsten Einkäufe, und dann fuhren sie ab. +</p> + +<p> +Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung +gestellt, daß er, Georg, nie eine Frage an sie richte. +Sie selbst werde ihm einst alles erzählen. +</p> + +<p> +Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine +Weile standen sie verlegen auf der Straße. Der Wind +blies. Christine hielt das in eine Decke gehüllte Kind auf +den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht und +übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter +Karsten. „Was für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus +und hob das Kind in die Höhe, um das Geschlecht festzustellen. +„Ein Knabe! Wie heißt er?“ +</p> + +<p> +„Er heißt Georg,“ sagte Christine. +</p> + +<p> +„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +Karsten dann zu Georg. „Aber wir werden sie schon +herausfuttern.“ +</p> + +<p> +Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die +Tür, dann überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber +die Männer regten sich nicht im geringsten darüber auf. +Eine Frau, ein Kind, was war weiter dabei? +</p> + +<p> +„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ +sagte Lehmann. „Morgen früh fangen wir mit +den Häusern an.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-18"> +18 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur +Arbeit. Fünfhundert Häuser sollten vorläufig in Glückshorst +errichtet werden, und die Gesellschaft hatte Lehmann +wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. Kein Wunder, +daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile +antrieb. +</p> + +<p> +Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und +durch Pflöcke gekennzeichnet. Als die Sonne über dem +Walde heraufkam, wimmelte es schon von Arbeitergruppen +im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den +Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief +und siebzig Zentimeter breit mußte der Boden für die +Grundmauern ausgehoben werden. Bis auf wenige Gebäude +waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn +Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe +trug besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe +bestand darin, den Grundriß des Aushubs mit dem +Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob die +Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten +Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +Gruppen sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. +Vom Kanal aus hatte Georg die Arbeit aufgenommen, +und schon am Nachmittag wurden Geleise für die Karren +gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern +sollten, und schon am nächsten Morgen wurde +mit dem eigentlichen Bau begonnen. Die Arbeit war ganz +ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs der Erde. Jede +Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die Betonmischmaschine +des Schleppkahns begann zu arbeiten, und +schon rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen +zu den Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte +Gehäuse wurden in die Ausschachtungen gesetzt und +mit Beton vollgeschüttet. So ging es von Haus zu Haus. +Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt +waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal +bereits die Grundmauern gestampft. +</p> + +<p> +Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, +dazu war noch eine Gruppe gelernter Bauarbeiter +gestoßen, die diese Arbeit in anderen Siedlungen schon +hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit +und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns +Arbeitsgruppen über das Baufeld. Nicht die geringste +Störung entging ihm, nicht der geringste Aufenthalt. +Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht. +</p> + +<p> +Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser +Berg von Muskeln, in diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. +Es war in der Tat unbegreiflich, mit welcher +Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab +ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, +und nun hörte man Moritz vom frühen Morgen +bis zum späten Abend brüllen. Nichts ging ihm +schnell genug. +</p> + +<p> +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer +eiserner Kahn heran, der weiteres Material brachte. Es +waren Zementrahmen, aus denen die Hauswände zusammengestellt +wurden, ganz ähnlich den Abmessungen +des früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas +über zwei Meter hoch und einen Meter breit. Eine Type +von Rahmen enthielt eine Öffnung für die Türe, eine +andere Type Ausschnitte für die Fenster. +</p> + +<p> +Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare +Einzelheit. Die Gesellschaft baute Häuser, wie man +Fahrräder oder Automobile serienweise fabriziert. +</p> + +<p> +Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, +das Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für +die Außenwände und die Querwand, die jedes Haus in +zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze +Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. +Das Ausmauern des Rahmenwerkes aber war +eine Arbeit, die selbst jeder Laie leicht unter der Anleitung +eines geschulten Vorarbeiters ausführen konnte. +Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, +das sie an Ort und Stelle vorfand. +</p> + +<p> +Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte +Holz, Balken, Bretter. Schon sah man reihenweise die +Skelette von neuen Gebäuden stehen. Während die Häuser +aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen, +Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten. +</p> + +<p> +Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die +Äxte blitzten, und es dröhnte von allen Seiten. Es kamen +Ingenieure aus Berlin zur Inspektion und gingen wieder. +Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die Stadt wuchs +empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem +Boden hob. +</p> + +<p> +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen +Kampf mit den Betonmassen vom frühen Morgen +bis in die späte Nacht. +</p> + +<p> +„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte +ihn Lehmann eines Tages. +</p> + +<p> +Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte +er, während er sich mit dem bloßen Arm den +Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein Geld, ich +habe kein Kapital.“ +</p> + +<p> +„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, +ist die Sache abgemacht.“ +</p> + +<p> +Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. +Es wehte ein würziger, lauer Wind, und die Sonne +wärmte schon gehörig. +</p> + +<p> +Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls +von Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen +aus dem Boden wuchsen, wenn man etwas schräg +gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die riesige weite +Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die +Saat kam heraus. +</p> + +<p> +Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit +zu sich rufen. Georg fand ihn in angeregter +Laune, mit roten Backen. Seine Pfeife paffte doppelt +so heftig wie gewöhnlich. +</p> + +<p> +„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg +entgegen und lachte fröhlich. +</p> + +<p> +„Welcher Brief?“ +</p> + +<p> +„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds +hat geschlagen. Meine Arbeit hier ist zu Ende. +Ich bin auf einen schönen und interessanten Posten aufgerückt, +und nun richte ich die Frage an Sie: Weidenbach, +wollen Sie der Chef dieser Station werden?“ +</p> + +<p> +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie +meinen, ich?“ +</p> + +<p> +Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. +Es ist meine Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. +Sie müssen sich auf fünf Jahre verpflichten bei der Gesellschaft, +das ist alles. Das Gehalt ist gering, aber die +Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“ +</p> + +<p> +„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein. +</p> + +<p> +„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie +haben auch die größte Begeisterung für die Sache, und +das ist es, was die Gesellschaft braucht: Männer, die +sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine ängstlichen, +verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ +schrie Lehmann und schlug auf den Tisch, daß die Papiere +sprangen. „So ist es, also schlagen Sie ein?“ +</p> + +<p> +„Ich schlage ein!“ +</p> + +<p> +„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied +trinken, Weidenbach, mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. +Er nahm eine Flasche aus dem Schrank und goß +die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und +Sie haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel +Takt dazu, Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort +Strenge. Sie wissen, es kommen Menschen, verbrauchte +Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank gelaufen +haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe +besteht darin, ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. +Deshalb müssen Sie da und dort nachsichtig sein. Ein +gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und +da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: +hinaus mit dir. Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: +hinaus. +</p> + +<p> +Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +Sie und ich arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, +arm wie die Kirchenmäuse, aber freudig am Werk. Die +Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die Baumeister, +Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für +einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie +kennen ja die Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ +Sie wissen ja, diese Parole hat Michael Schellenberg +erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der +Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft +zu schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten +Sie zwei Jahre, die Gesellschaft rollt wie eine Lawine +über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und mutlose +Land wieder zu brausen beginnen. +</p> + +<p> +Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung +ausbauen, und Sie werden sich aus den Leuten, die Sie +haben, die besten auswählen, sie sollen den Kern der +Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter +Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. +Sie werden mit großer Umsicht vorgehen müssen, um den +Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen ja dann von der +Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht, +Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen +mittag werde ich euch allen Lebewohl sagen.“ +</p> + +<p> +In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann +Georg als den neuen Chef der Station vor. Dann +hielt er eine kurze Ansprache, brachte ein Hurra aus auf +das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut. +</p> + +<p> +Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, +und nun ging er. +</p> + +<p> +„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-19"> +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +19 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">as</span> sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich +bin Chef der Station geworden.“ +</p> + +<p> +Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. +„Ich freue mich für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der +Küche in der Sonne und schnitt Kartoffeln in Scheiben, +die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. Ihr zu +Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. +Frisch und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der +derben Decke. +</p> + +<p> +In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig +das Kind auf den Arm und trug es durch das Lager, +oder auch Moritz nahm das Kind oder irgendein +andrer. +</p> + +<p> +„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer +und nahmen mit zartem Griff der rauhen Arbeitshände +das kleine Händchen des Kindes. „Da bist du +ja, und wie er wächst und gedeiht.“ +</p> + +<p> +Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches +Kind. +</p> + +<p> +Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß +wie an dem Tage, da Georg sie ins Lager gebracht hatte. +Aber dieser bläuliche Glanz in den eingesunkenen Wangen +und an den Schläfen war verschwunden. Und das kalkige +Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, +denn er befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden +sei, war einem zarten Elfenbeingelb gewichen. Oder +sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter Karsten war +seiner Meinung. +</p> + +<p> +„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet +nicht mehr so fürchterlich in der Nacht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen +Flecken, die er dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet +hatte, zeigten sich immer seltener. +</p> + +<p> +„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand +in seine Hände. „Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“ +</p> + +<p> +Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem +dankbaren Blick an. +</p> + +<p> +Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende +Glanz ihrer Augen verschwunden war. Immer hatte sie +ihn angesehen, als wäre sie nicht bei ihm, als sei sie in +einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. Nun +schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen +zurückkehre. +</p> + +<p> +Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie +fing an, sich für die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum +beachtet hatte, zu interessieren. +</p> + +<p> +„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz +unvermittelt. +</p> + +<p> +„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und +Fabriken,“ erwiderte Georg, froh erregt über ihr Interesse. +„Ganz allmählich wird die Stadt entstehen. Sie +soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch +dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und +hereilen, auch dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen +errichtet.“ +</p> + +<p> +Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut +und geistesabwesend; dann stand sie still und blickte +in die Sonne empor. An den Sonntagen machten sie +häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in den Wald +hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich +nicht weit von der Straße. +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“ +</p> + +<p> +Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, +wie sie mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der +Erde und ließ das Kind, dessen kleinen Körper sie mit den +Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen und flüsterte +ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und +plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere +Züge wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war. +</p> + +<p> +Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht? +</p> + +<p> +Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem +Gewimmel von Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün +geworden, und weich und zärtlich lag die Sonne +darauf. +</p> + +<p> +„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor +einem halben Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“ +</p> + +<p> +Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? +Sie fühlte Georgs Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte +immer die gleiche Frage in seinem Blick. +</p> + +<p> +Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu +ihm: „Bald werde ich dir alles sagen,“ und leiser fügte +sie hinzu: „und dann werde ich wohl gehen müssen.“ +</p> + +<p> +„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken. +</p> + +<p> +„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen +ist.“ – +</p> + +<p> +Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. +Sie waren hoch beladen, und es sah aus, als brächten sie +einen ganzen Wald. Das waren Bäume, Obstbäume, +Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von Glückshorst. +</p> + +<p> +Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz +aller Siedlungen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-20"> +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +20 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ +in der Lindenstraße summte wie ein Bienenstock +im Hochsommer. Tausende von Menschen strömten +täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen +schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe +Gesichter. +</p> + +<p> +Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden +vor dem Gebäude und warteten auf das +Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle vermochten kaum die +Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war, konnten +alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen +passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig +untersuchten. Ihr Urteil bestimmte die Tätigkeit, +leichtere oder schwerere Arbeit. An die Zimmer der Ärzte +stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, +in denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt +wurden. Michael Schellenberg ging gegen Schmutz und +Krankheitskeime mit allen erdenklichen Mitteln vor. +</p> + +<p> +In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes +in riesigen gleißenden Lettern der Wahlspruch der +Gesellschaft: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Tod dem Hunger!</p> + <p class="verse">Tod der Krankheit!</p> + <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen +hinaus, wie ein Leuchtfeuer in die Finsternis des +Meeres. Tausenden und Abertausenden von erschöpften, +ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte +dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen. +</p> + +<p> +Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +in Wahrheit, es sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! +Es war ja unsinnig, daß auch nur ein Mensch hungerte, +setzte man alle Kräfte richtig ein. In Wahrheit, +die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft +werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie +sollten, soweit es möglich war, völlig von der Erde verschwinden! +In Wahrheit, über allen Religionen und Bekenntnissen, +über allen Rassen und Nationen sollte versöhnend +und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft +thronen. +</p> + +<p> +In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure +Organisation geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland +umspannte und die Aufmerksamkeit des Auslandes +und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne Pause war +er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen, +Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die +Widerstände der Bureaukratie zu brechen, den Argwohn +und die Eifersucht politischer Parteien, steril und ohne +schöpferische Kraft, zu überwinden. +</p> + +<p> +Worum aber ging es? +</p> + +<p> +Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel +an Nahrung zu entreißen, als es möglich war. Mit allen +Mitteln, die Wissenschaft und Technik boten. Es ging um +die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Gartenbaus. +Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend +freien Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. +Es ging darum, alle in Zeiten industrieller Krisen +brachliegenden Arbeitskräfte nach einem großen, einheitlichen +Plan produktiv zu verwenden. +</p> + +<p> +Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, +und er hatte besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem +Teil des Planes zugewandt, der sich mit der produktiven +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +Verwendung brachliegender Arbeitsenergien beschäftigte. +Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen Stagnation +Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen +und ihnen eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die +sie gerade vor dem Verhungern schützte. Es schien sinnvoll +und naheliegend, mit dem Aufwand der gleichen finanziellen +Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte schöpferisch +zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, +das ohne Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur +abhing: das war der Boden! Er gab allen Arbeit – selbst +jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft besaßen, selbst den +Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre ganze Arbeitskraft +erreicht hatten, der Jugend. +</p> + +<p> +Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien +zusammengefaßt und zur inneren Kolonisation nach einem +großen Plane verwandt, mußten Wohlstand und Glück +erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf Millionen +Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen +ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und +systematisch angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten +jedem Menschen Behausung und Garten. Es schien +ihm an der Zeit, daß die Menschheit den Kampf gegen +den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt +und demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie +den Krieg organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant +hatte das Wort geprägt: Wenn wir arbeiten +müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, gut. Michael +Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten +müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. +Das allein erschien ihm die Wahrheit. +</p> + +<p> +Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich +schwer, die Probleme waren ohne Zahl. Je näher +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +man ihnen kam, desto ungeheuerlicher wuchsen sie in die +Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut verloren. +Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter +Köpfe hatte sich um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, +die seine Pläne förderten. Ein Deutschamerikaner, +der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte sich +so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein +ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang +gemacht war, strömten ihm begeisterte Mitarbeiter +von allen Seiten zu. Hunderte von jungen Architekten, +Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern, +Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit +an. Er griff freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, +die helfen konnten. Das Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, +alles. Er sammelte die mannigfachen Siedlungsgesellschaften +und Vereinigungen, die, zersplittert, +systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche +Ziele verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte +die Gesellschaft ihre Niederlassungen. Und die Gesellschaft +wuchs täglich! +</p> + +<p> +Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, +brauchte ein großes Ziel, und Michael gab ihm dieses +Ziel! Er blickte nicht zurück, er wies in die Zukunft – +und schon strömten ihm die Verantwortungsvollen, die +Begeisterungsfähigen, die vom Kameradschaftsgedanken +Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren Organisationen. +Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die +ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. +Selbst die Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge +strichen Ziegel, an der Nordsee transportierten sie +Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen Ödländereien. +Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +hallten wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in +Arbeitsleistungen umzuwandeln. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien +und verbesserte sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten +Land ihre Arbeitskräfte und deckte damit ihre Verpflichtungen. +Aus sich selbst heraus, aus dem Boden heraus +schuf sie neue ungeheuere Werte. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, +Sägewerke, Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, +Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie besaß ein Arsenal +von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen konnte. +Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip. +</p> + +<p> +Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben +Nächte hindurch. Sein Gesicht war hager und straff geworden. +Er war glühend von seinem Werke. +</p> + +<p> +Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach +und leicht verständlich in seinen Elementen. +</p> + +<p> +Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. +Die Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in +der Struktur, die Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften +zogen, die Gärtnereigürtel, die sich an ihre Peripherien +drängten, die Verwertung der Abfälle dieser +Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet. +</p> + +<p> +Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen, +Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die +Dampfmaschine hatte zentralisiert, der elektrische Strom +erlaubte Auflösung. Kraftwerke, Kanäle, Schnellbahnen, +Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für ein +Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in +einen blühenden Garten verwandelt war. Die Probleme +des dünnbesiedelten Ostens, des Rheins, des Ruhrgebietes +– ja, in Wahrheit unendlich ... +</p> + +<p> +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft +bereits geschaffen, etwa zweihundert größere +und kleinere Siedlungen aller Art und für alle Zwecke +waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber +sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das +alte Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag +mehr und mehr. Zweihundert Millionen glücklicher und +gesunder Menschen würde es einst beherbergen, würde es +einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des Herzens +geben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-21"> +21 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte +Christine, nach langem Stillschweigen, ganz plötzlich: +„Und nun will ich sprechen! Nun will ich dir alles beichten! +Aber versprich mir, mich nicht zu unterbrechen. +Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles +gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will +ich – Gott sei meiner Seele gnädig ...“ +</p> + +<p> +Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann: +</p> + +<p> +„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die +Waffe gegen dich erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, +damals war ich gewiß nicht Herr meiner Sinne. Ich +hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur +Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich +wollte die Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die +Wahrheit. Vielleicht wollte ich, um dich zu ängstigen, +einen Schuß in die Wand feuern. Nun, es war geschehen. +Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich verstand +nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +nahmst die Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war +ich nicht mehr ein Mensch wie andere Menschen, ich hatte +keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz dir. Ich war eine +Leibeigene geworden, so empfand ich es. +</p> + +<p> +Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen +verbrachte. Ich weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, +ganz automatisch tat. Ich stand hinter dem Verkaufstisch, +legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen +fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch +betete ich unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob +ich auf der Straße ging oder im Geschäft war oder auf +meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, daß Gott dich +dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer +ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß +nicht, wann ich schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art +von Ohnmacht. +</p> + +<p> +Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun +keinerlei Gefahr mehr bestände für dein Leben, erst dann +konnte ich wieder atmen. Denn bis dahin war mir die +Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz kurze +Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. +Nun atmete ich wieder. +</p> + +<p> +Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber +weinte ich sehr viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet +warst. Und jeden Tag am Morgen und am Abend +dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet erhört +hatte. Es ist wahr, Gott weiß es. +</p> + +<p> +So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es +war Sommer, und ich ging viel spazieren. Ich hatte mich +von allen Bekannten losgesagt, und so kam es, daß ich +immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten +und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +mich plötzlich das Verlangen, unter heiteren Menschen zu +sein. Dieses Verlangen war gewiß harmlos, aber so begann +es. +</p> + +<p> +Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete +ein junges Mädchen, ein lebenslustiges Geschöpf, voller +Übermut. Sie hieß Susanna. An Susanna schloß ich mich +an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, um zu +tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und +heiter war, während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus +lagst. Aber ich konnte nicht widerstehen. Hier +nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei früher russischer +Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck +seiner Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er +erzählte interessante Dinge, war düster und immer etwas +melancholisch. Das zog mich an. Er warb um mich, aber +ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, wenn +ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So +kämpfte ich wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. +Es war oft wie eine Raserei in mir, und so geschah +es also. Ich habe dich damals noch besucht, aber ich +sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die +Hand reichte. Ich verachtete mich. +</p> + +<p> +Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig +vor dem Potsdamer Bahnhof verabredet. Er kam nicht. +Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich fragte in seinem +Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er +hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. +Ich freute mich über diese Züchtigung. +</p> + +<p> +Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des +Blutes, mächtiger als alle Vorsätze, als alle Eide, als +alle Gebete. Ich zitterte auf der Straße unter den Blicken +der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich ins +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder +ging ich häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft +eines jungen Mannes, eines Schriftstellers. +Er sagte, er käme nur in dieses Tanzlokal, um Studien +zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht gut. Aber +er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er +lud mich zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter +erzählen – ich wurde seine Geliebte, und ich verachtete +mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem besten Wege, +sagte ich mir, von einem gehst du zum andern. +</p> + +<p> +Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. +Den ersten Brief, den du in dieser Zeit schriebst, habe ich +noch gelesen. Die andern habe ich ungelesen verbrannt. +Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr existieren für dich. +Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. Und +doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich +selbst dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden. +</p> + +<p> +Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, +vor seinem Hause, er kam mit einem Mädchen die +Treppe herab. Er blickte mich an, ging an mir vorüber +über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich schämte +mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. +Ich verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie +du es verdienst, sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand +ich es als eine große Genugtuung. +</p> + +<p> +Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war +in mich gefahren? War mein Blut vergiftet? Ich weiß +es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel mich, und plötzlich +kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn +ich mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel +stürzen würde, um darin umzukommen. +</p> + +<p> +In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +entlassen. Das kümmerte mich wenig. Ich suchte mir +einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es war ein Gutsbesitzer +aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich +nahm einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der +an mir hing und seinen letzten Pfennig für mich opferte. +Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. Soweit war es +also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen +lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und +verzweifelt. Nie in meinem Leben, noch wenige Wochen +vorher, hätte ich es mir auch nur in einem bösen Traum +einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich verstand +mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? +Wie sind sie? Was beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln +sie? So wie ich log und heuchelte? Die guten Geister, die +mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich verlassen, und +ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr +lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen. +</p> + +<p> +Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine +Kraft mehr. Nur den Genuß wollte ich, die Betäubung. +Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny Florian. Es war auf +einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war +düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie +konnte nicht sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie +fragte nach dir, und ich erzählte ihr, du seiest gestorben. +Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde ein, und ich zögerte +nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt schließlich alles +einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es +nicht an. +</p> + +<p> +In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich +hatte ich untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden +sollte. Ich nahm auch dies als Züchtigung des Himmels +hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende noch rascher +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt +bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun +liebe wie nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es +nach meinem Willen gegangen, nicht leben. Hier muß ich +dir sagen, daß ich nicht annahm, daß es dein Kind sei. +Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu helfen. +Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im +vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! +Und plötzlich erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja +dein Kind! +</p> + +<p> +Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick +die tiefste Finsternis. Nun war ja alles nur um so +fürchterlicher, um so schrecklicher geworden. Es gab nun +keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur das eine übrig, +mich selbst zu vernichten. +</p> + +<p> +Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich +wollte es zuerst ermorden, denn was sollte das Kind mit +einer solch verworfenen Mutter? Dann aber weinte ich +über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich war +halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich +mich an Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß +du gestorben seiest. Ich sagte ihr, daß ich mich unwürdig +fühle, noch deine Freundin zu heißen. Ich bat sie um +Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, niemandem +etwas zu sagen. Sie hielt Wort. +</p> + +<p> +Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. +Ich fieberte stark. Der Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen +und ich müßte sofort in ein Sanatorium. Ich +lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun +würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, +wenn ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, Jenny +Florian dein Kind zu schicken. +</p> + +<p> +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde +nur schwächer und immer schwächer. Meine Freunde +wandten sich von mir ab und überließen mich der Not. +So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste +Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich +hatte auch nicht einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte +meine Kleider, das bißchen Schmuck, das ich besaß. +Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich hingehörte. +Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir +nach. In der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. +Schließlich schrieb ich wieder an Jenny Florian, da ich +völlig verzweifelt und ganz von Sinnen war – und da +kamst du!“ +</p> + +<p> +Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und +es war dunkel geworden. Furchtbar und erschreckend standen +schwarze Wolkenhaufen über der Heide. „Das also +bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. +Sprich nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. +„Sprich nicht! Erwidre nichts! Nach Worten sollst du +mir antworten!“ +</p> + +<p> +„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. +„Wir wollen alles vergessen, was gewesen ist. +Wir wollen vorwärtsblicken und nicht zurück.“ Er wies +auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog sie +leise an sich. +</p> + +<p> +Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie +laut wie ein Tier. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-22"> +22 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen +das Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern +in Schwierigkeiten befände. Niemand wußte, wo +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da. +Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, +der Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken +wegen größerer Kredite verhandelte. Es war auch eine +Tatsache, daß plötzlich große Aktienpakete des Konzerns +angeboten wurden. Die Papiere aller Unternehmungen +des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren +innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes. +</p> + +<p> +Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera. +</p> + +<p> +Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein +Palais im Grunewald, das noch nicht einmal ganz fertig +war, zum Verkauf anzubieten – ein Objekt von so enormem +Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde. +Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene +Jacht einer früheren Großherzogin, nach England verkauft +sei. Die Papiere des Konzerns gaben noch weiter +nach. +</p> + +<p> +Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn +noch nie in so heiterer Laune gesehen. +</p> + +<p> +Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo +Wenzel nicht zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein +Rennen, wo man ihn nicht gesehen hätte. Fast immer erschien +er in der Gesellschaft Jenny Florians. Ihr zarter +Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, Geschmeide +funkelte an Händen und Nacken. +</p> + +<p> +Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten +sie mit einem Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es +bei ihm zu krachen beginnt, so stürzt alles in einer Nacht +zusammen.“ +</p> + +<p> +Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht +in die Augen. Was war das? Ein unbekannter Käufer +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +trat plötzlich an der Börse auf und kaufte riesige Pakete +der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der nächsten +Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie +stiegen in einer Woche ohne jede Stockung und kletterten +schließlich über ihren alten Kurs. +</p> + +<p> +Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und +schob sie mit einem breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, +war es zu glauben, tauchte auch Goldbaum, der lange +Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im +Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als +sei nichts geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände. +</p> + +<p> +Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das +Wenzel selbst eingeleitet hatte? +</p> + +<p> +In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des +Herrn von Kühne. Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz +hervorragendes Material. Einen früheren bekannten Herrenreiter +hohen Adels engagierte er als Trainer. +</p> + +<p> +Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem +Rennen. Jenny hatte sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. +Die Jacke war gelb, die Ärmel rotweiß gestreift. +Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen Farben +mitten im jagenden Rudel gut erkennen. +</p> + +<p> +Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im +Traum daran dachte, sein im Grunewald neuerbautes +Palais zu verkaufen. Weshalb er aber plötzlich alle Arbeiten +eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten den +Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen +zu verhandeln und die Rechnungen abzuschließen +– das wußte nur Schellenberg allein. +</p> + +<p> +Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies +sich als Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach +der Wahrheit, plötzlich nach England gefahren. +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +Der Kapitän hatte den Auftrag, die Jacht nach Hull zu +bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In verschiedenen +Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord +Beaverbrook als Käufer der Jacht genannt werde. Nach +einigen Wochen aber erhielt der Kapitän in Hull die Order, +das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern. +Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. +Weshalb aber hatte er sie nach Hull geschickt? +Und in seinem neuen Palais im Grunewald wimmelte +es wieder von Handwerkern. +</p> + +<p> +Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny +hinaus in den Grunewald, um den Fortgang der Arbeiten +zu kontrollieren. War er verhindert, so fuhr Jenny allein, +denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“ +ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd +durch die Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. +Die Maler und Handwerker grüßten freundlich von den +Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen Menschen, die +gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch, +sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte. +</p> + +<p> +Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter +Gediegenheit. Das kostbarste Material, die teuersten +Edelhölzer waren verwendet worden zu Türen, Wandbekleidung +und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren +die Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. +Zwanzig Arbeiterinnen hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen +gestickt. Marmor, Bronze, Brokat, die +Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, +in Ausmaß und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen +Gemächern standen Möbel, Berge von Kisten. +Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für Antiquitäten, +Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer, +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. +Was Jenny am meisten interessierte, waren die +Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die Zimmer für +die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die +männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, +mit dem letzten Raffinement ausgestattet. Und hier +lag, erst halb fertig, das Schwimmbassin des Hausherrn, +fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. Es war von +Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem +Marmor zu erreichen. +</p> + +<p> +Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende +Idee! „Es ist mir etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. +„Darf ich Vorschläge machen?“ +</p> + +<p> +„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“ +</p> + +<p> +Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ +sagte sie, „sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer +Keramiken zusammenbringen, und räumen Sie ein bißchen +auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch +nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber +sehen Sie zu, daß es nicht so unordentlich aussieht.“ +</p> + +<p> +„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die +spitze Nase in die Luft. „Sie sollen bedient werden, +Jenny.“ +</p> + +<p> +„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf +und ein Uhr.“ +</p> + +<p> +Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, +Kakadus, Papageien, Fasanen, Reiher, Flamingos. Die +Tiere waren seine Spezialität. Er brannte und glasierte +seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten Ofen, der +in der Ecke stand. +</p> + +<p> +Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, +die zum größten Teil verkauft waren, zum +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +größten Teil aber bei den Händlern standen, zusammenzuholen. +</p> + +<p> +Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an. +</p> + +<p> +Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte +sich linkisch und ungeschickt und viel zu tief. Er +hatte sich irgendwo einen langen Gehrock ausgeliehen, der +ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, und +wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot +vor Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er +beim Rückwärtstreten über seine Katze stolperte. Unruhig +rückten die Tiere in ihren Bauern hin und her, und der +Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer +will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“ +</p> + +<p> +„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an. +</p> + +<p> +„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern +wünschte,“ sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen +Kakadu nicht anzusehen, er ist direkt schlecht.“ +</p> + +<p> +Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, +Ihre Werke zu empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser +brennt die Arbeiten selbst,“ erklärte sie. +</p> + +<p> +Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, +wie ein Führer in einem Museum, auf den verstaubten +und verräucherten Brennofen in der Ecke. „Ja, ich brenne +sie selbst, hier in diesem Ofen!“ +</p> + +<p> +Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle +Werke des Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die +Schnitzereien. Am meisten schienen ihn aber die lebenden +Tiere, Stobwassers Modelle, zu interessieren. +</p> + +<p> +„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. +„Wir sehen uns bald wieder, Herr Stobwasser.“ +</p> + +<p> +Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte. +</p> + +<p> +„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +sagte er, als die beiden gegangen waren. Und er drohte +dem Papagei mit der Faust. „Und du, wie kannst du dein +dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und +noch dazu ein früherer Hauptmann.“ +</p> + +<p> +Er war völlig verzweifelt. +</p> + +<p> +Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, +ihren Einfall vor: Sie dachte es sich hübsch, wenn das +Schwimmbassin mit Keramiken Stobwassers geschmückt +würde. Es würde lustig und reizend aussehen, vielleicht +kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine +Skizze zu machen. +</p> + +<p> +„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. +Sehr gut aber gefiel mir sein Wandleuchter. Erinnerst +du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem Architekten +gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen +Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. +Wenn Stobwasser diese Wandleuchter machen könnte? +Varianten seines Entwurfes?“ +</p> + +<p> +Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. +Als Wenzel am nächsten Vormittag mit Jenny +eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste voller Ton, mitten +in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel, +krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war +fast feindselig. Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny +nach dem Grunewald zu fahren und sich das Schwimmbassin +anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht gekachelt. +Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für +den oberen Korridor übernehmen könne, in der Art dieses +Leuchters dort in der Ecke. +</p> + +<p> +Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht +für einen Pfennig Aufträge. +</p> + +<p> +„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er. +</p> + +<p> +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich +bestelle sie hiermit und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“ +</p> + +<p> +Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, +stand Stobwasser immer noch mit offenem Munde da, +die spitze Nase gegen die Tür gestreckt. +</p> + +<p> +„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die +Beine begannen ihm zu zittern. Er mußte sich in den +Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar nicht fassen. +</p> + +<p> +„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender +Mensch,“ sagte Wenzel zu Jenny. „Ich liebe diese einfachen +Menschen, die etwas können. Sie sind so selten +bei uns.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-23"> +23 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen +zu sehen war, wo seine Pferde liefen. Herr von +Kühne hatte im vorigen Jahre und in diesem Frühjahr +mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber +es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in +Wenzels Besitz zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude +war. Sie waren nicht mehr krank. Sie husteten nicht mehr. +Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der Hengst ‚Kardinal‘, +ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne +schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes +Rennen gegen hohe Klasse. +</p> + +<p> +„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken +und lachte laut auf. +</p> + +<p> +In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem +Rudel und zog in einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe +Jacke blitzte in der Sonne. Die Tribünen waren stumm +vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf +Wenzels Rat hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt. +</p> + +<p> +Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden +Siege. „Wird Ihnen bei all diesem Glück +nicht zuweilen etwas unbehaglich, Schellenberg?“ +fragte er. +</p> + +<p> +„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ +erwiderte Wenzel. +</p> + +<p> +Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, +da Wenzel sie vernachlässigte. Kaum daß er einmal +anklingelte oder die Zeit fand, ihr ein Wort oder eine +Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast sechs +Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, +in die Maschine diktiert. Und in diesem Brief +war nur die Rede von einem Kampf, den er mit einem +Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im Tiergarten gegen +die Bäume rennen wollte. +</p> + +<p> +In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren +schien, wäre sie am liebsten geflohen. Fliehen! Aber +wohin? Sie wußte, daß sie nie fliehen konnte, es war +unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte sie, +daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten +sich an Wenzel heran, wohin er auch kam. Viele blendete +sein Erfolg, sein Reichtum. Andere bestach sein Aussehen, +seine weißen Zähne, seine Kraft und seine unverwüstliche +Laune. +</p> + +<p> +Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause +in Dahlem saß. Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht +–, daß Wenzel zwei oder drei Wohnungen in verschiedenen +Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte. +Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. +Obwohl sie sich die Ohren mit beiden Händen zuhielt, +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +unterließ man es nicht, ihr alles mögliche zuzuflüstern. +Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen daraus, ihr +derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem +kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, +die täglich ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder +mit frecher Geste vortrug. Die Musik war von +einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das +kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte +dieses Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte +die Sängerin nunmehr aus, und er habe dem eifersüchtigen +Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die Frau +gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie +dann der Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, +völlig rasend, habe auf Wenzel geschossen, ohne +ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit einer Ohrfeige +zu Boden geschlagen. +</p> + +<p> +Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft +war dieser Klatsch, wie unverständlich! Jenny hatte +den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er aus der Schule +plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in +große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und +stampfte sogar mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. +Stolpe beteuerte, aber sie wußte, woran sie war. +</p> + +<p> +Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches +an diesem Klatsch wahr. Ob nun diese Geschichte von der +Sängerin und ihrem Freund, dem Kapellmeister, sich +tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny nicht. +Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel +Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten +ein Varieté im Westen, und plötzlich trat eine freche +kleine Person auf, anzusehen wie ein Straßenmädchen +aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit einer +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß +sie das Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, +während sie sang und sich frech in den Hüften wiegte. +Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann trug sie mit +rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr Revolutionslied +vor, das mit den Worten begann: „Wartet, +wenn der Tag kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! +Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß und ihr Fanatismus +schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen +Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und +erschrocken dasaß. +</p> + +<p> +„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit +dem Blick in ihren Augen. +</p> + +<p> +Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese +Frau. Sie schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, +und Tränen der Wut stürzten in großen Tropfen aus +ihren Augen. Oh, wie sie diese Person haßte! Sie nannte +sich geschmackvoll Fritzi Frettchen! +</p> + +<p> +In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, +gefiel ihr Wenzels Aussehen nicht mehr. Sein braunes +Gesicht schien plötzlich etwas fahler geworden zu +sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder +bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen +Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit +vermindern“. Er trank in diesen Wochen +Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten. +</p> + +<p> +„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und +legte die Hand um seinen Hals. +</p> + +<p> +„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir +ja nichts, beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie +wird vergehen. Ich bin überarbeitet und schlafe zu wenig. +In der vergangenen Woche habe ich im ganzen – laß +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine +Nacht gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. +Schade, daß es nicht Leute gibt, die für Geld schlafen. +Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt ist noch recht unvollkommen. +Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte +nur, bis der erste August kommt, dann gehen wir an das +Meer.“ +</p> + +<p> +Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden +die Vorbereitungen für die Sommerreise getroffen. Man +wollte drei Wochen mit der Jacht auf der Ostsee segeln. +Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und +Stobwasser einladen. +</p> + +<p> +„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, +du erinnerst dich, diese kleine freche Person. Sie +soll uns vorsingen.“ +</p> + +<p> +Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie +sagte leise: „Dann bleibe ich zu Hause.“ +</p> + +<p> +„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, +„dann werde ich diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. +Sie wird es verwinden.“ +</p> + +<p> +Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene +Baronin Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, +die Jenny bemutterte. Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. +Sie lachte in sich hinein. Diese Frau Mackentin +war ganz ungefährlich. +</p> + +<p> +Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. +Goldbaum erkrankte, und Wenzel konnte nicht reisen, +bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm. Dieser fürchterliche +fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen +in sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. +Mitte August endlich fuhren sie ab. Stolpe war +am Tage vorher mit dem Gepäck vorausgefahren. Am +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen +Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag. +</p> + +<p> +Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die +Tränen aus den Augen bei der scharfen Fahrt, und wenn +er das Gesicht zur Seite drehte, so bog der Wind seine +lange Nase um. Die Luft heulte und schrie. +</p> + +<p> +Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem +Höllentempo dahinzujagen. Jenny aber war froh, +als sie wohlbehalten in Warnemünde eintrafen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-24"> +24 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">a</span> lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, +glatt wie Seide. Zehn Matrosen standen in Reih und +Glied an Bord, und der Kapitän begrüßte sie. Jenny +klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie hatte es +sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und +wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner +Dampfer schleppte sie an der Mole und am Leuchtturm +vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur eine leichte Brise, +der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe, der +kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber +ertönte das Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die +Tafel war herrlich geschmückt, Blumen, kostbares altes +Silber. +</p> + +<p> +„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber +nicht im Krieg abgeliefert hat, wie es der Patriotismus +vorschrieb!“ rief Wenzel lachend auf. „Sonst würden +wir heute nicht dieses schöne Silber hier haben!“ +</p> + +<p> +Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten +dahin, wie das Schiff durch die See glitt. Tag ging +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +in Nacht über und Nacht in Tag. Unwirklich und unirdisch +erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und die +hellen Nächte unter dem Sternenhimmel. +</p> + +<p> +Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont. +</p> + +<p> +„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“ +</p> + +<p> +„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist +Langeland, Kiels Nor.“ +</p> + +<p> +Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen +Windstille in der Nähe einer dänischen Insel. Das Meer +floß wie geschmolzenes Blei dahin. Am Horizont stand +violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein +Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. +Deutlich hörte man die Stimmen von der Insel +herüber zur Jacht klingen, den Laut einer Glocke. +</p> + +<p> +„Was ist das, Wenzel?“ +</p> + +<p> +„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“ +</p> + +<p> +„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“ +</p> + +<p> +In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. +Sie spähten hinaus in die Dunkelheit, allein nichts war +zu sehen. Die ohne jede Bewegung ruhende See verstärkte +zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche Membrane. +Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich +gezackt, am Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im +Lichte glänzte. Aber es war der Mond, der groß und +feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament emporblickte, +so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende +lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet. +</p> + +<p> +„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an +Wenzel. +</p> + +<p> +„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in +der Stille des Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des +großen Knaben, die sie an ihm so sehr liebte – wie damals +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind alle Heuchler!“ +fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt +Freude, Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das +Schönste auf der Erde ist Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, +ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben! Und all das ist gekommen, +weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat +behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter +Mann mich rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. +Das ist meine Rache!“ +</p> + +<p> +Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und +das Wasser gegen die Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ +war wieder unterwegs. +</p> + +<p> +Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen +sie in ein furchtbares Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben +lang nicht vergessen würde. Eine mächtige, schiefergraue +Wetterwand stand senkrecht über dem Meer, zerrissen +von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner +dröhnte wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von +Blitzen zerfetzte Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam +hinein, einem kleinen Fischereihafen entgegen. Auf +dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz entzündet +hatte. +</p> + +<p> +Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam +und gespannt in das Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, +seine Augen glänzten, und sein Mund war halb +geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte Kraft. +Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit +dem Gegner vor. +</p> + +<p> +Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, +Erregung und Angst. +</p> + +<p> +„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte +sie. „Ich ängstige mich.“ +</p> + +<p> +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff +eingeschlagen oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst +haben und umkehren.“ +</p> + +<p> +„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“ +</p> + +<p> +„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen +erzählen.“ +</p> + +<p> +Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre +Stimme fort. +</p> + +<p> +Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die +Stirn gerunzelt, zum Angriff bereit. +</p> + +<p> +„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete +vereinzelt große Tropfen, die wie harte Taler auf das +Deck prasselten. +</p> + +<p> +„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste +„Es ist schade, daß man nicht ewig leben kann! Alles +besitzen – und ewig leben! Kraft, Gesundheit! Und dich!“ +</p> + +<p> +Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck +hinunter in die Kajüte. Sie zitterte. +</p> + +<p> +„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, +ob sie Kavaliere sind!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-25"> +25 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">o</span> kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie +einige Tage bei einem Seebad liegen. Farbig der Strand, +ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen an Bord, und +es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh, +wenn sie die Küste mieden. +</p> + +<p> +Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn +die See es erlaubte. Das Schiff lag bei. Eine der Jollen +wurde herabgelassen, und sie schwammen um die +Jacht herum. +</p> + +<p> +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer +Schwimmer. Sonst sah man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, +nur selten. Immer schlief er, irgendwo zusammengerollt +wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach, +in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel +aufgesetzt hatte, genoß er auf dieser Reise die ersten Tage +des Ausruhens, der Erholung und Sorglosigkeit. +</p> + +<p> +„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. +Sie lief bestimmte Häfen an, um die Post abzuholen. +Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde zurück. Goldbaum +wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner +Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord +bleiben. +</p> + +<p> +Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung +zu Michael gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht. +</p> + +<p> +Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. +Der dicke Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor +und betrachtete argwöhnisch das Schiff. Er mißtraute +dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“ pflegte +er zu sagen. +</p> + +<p> +Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, +mit einem sehr schlichten, offenen Gesicht und +großen dunkelblauen Augen. Sie war sehr scheu und +bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste +Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten +zu können wie Michael selbst. +</p> + +<p> +„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als +die Jacht wieder die offene See gewonnen hatte und das +Land versank. +</p> + +<p> +Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es +ist schön.“ +</p> + +<p> +In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +unmöglich, mit ihr in ein Gespräch zu kommen, was man +auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als es kühler +wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern. +</p> + +<p> +Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie +mit einem langen und erstaunten, dankbaren Blick an. +Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte nichts. +</p> + +<p> +Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie +Freundinnen geworden waren. +</p> + +<p> +Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. +Die Herren besprachen Geschäfte. Michael war nach +Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in Ruhe +sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin +ganz unmöglich war. Er wollte ihn für ein großes Projekt +interessieren, für eine Industriesiedlung größten Ausmaßes, +die zurzeit am Mittelland-Kanal vermessen wurde. +Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu +überlegen. +</p> + +<p> +Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der +Abend war gekommen, und die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges +brannte braun und gewaltig wie der +Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem +Knarren. Das Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise +Knarren und gleichmäßige Zischen schläferte fast alle ein. +Man sprach leise, oder man schwieg. Stobwasser war schon +tief eingeschlafen. +</p> + +<p> +Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er +war mit Michael in ein Gespräch geraten, das gedämpft, +aber mit großer Leidenschaftlichkeit geführt wurde. +Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs. +</p> + +<p> +„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, +mit leicht näselnder Stimme, „Sie werden doch zugeben, +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +daß wir Getreide billiger importieren können, als +wir es selbst zu produzieren vermögen?“ +</p> + +<p> +„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden +unsere Methoden verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. +Ich leugne nicht, daß es heute wirtschaftlicher ist, +Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös Getreide +einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen +verkaufen können.“ +</p> + +<p> +„Aber das kann ich doch jederzeit?“ +</p> + +<p> +„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese +Probleme gar nicht zur Diskussion.“ +</p> + +<p> +Pause. +</p> + +<p> +Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: +„Nehmen wir an, daß es Ihnen tatsächlich möglich sein +wird, mit Hilfe einer ungeahnten Bodenverbesserung und +völlig neuer Methoden die Produktion so zu steigern, daß +Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt, +was dann?“ +</p> + +<p> +„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken +zuführen und zum Beispiel die Geflügelzucht +um ein bedeutendes heben, sodaß Deutschland keine Eier +mehr einzuführen braucht.“ +</p> + +<p> +„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme +fort. „Gestatten Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren +noch mehr Getreide und Nahrungsmittel, mehr als +Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch immer +nicht geschlagen. +</p> + +<p> +„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. +Dann würde ich einen Teil des Bodens zur Anpflanzung +von Hanf, Flachs und Ölfrüchten verwenden.“ +</p> + +<p> +„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich +Sie recht verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +durch Motorkraft ersetzen. Ist das Ihr Programm? +Und wenn das Ihre Absicht ist, werden Sie das Geld +haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, +die für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“ +</p> + +<p> +„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen +Pferde, die nur einige Monate im Jahr arbeiten, fressen +Deutschland arm. Sie sind der unerhörteste Luxus, die unerhörteste +Verschwendung, die vorstellbar ist. Anstatt des +Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff +für die Motore in meinen Brennereien herstellen, +wenn es sein muß. Im übrigen werde ich ja ganz andere +Kraftquellen verwenden. Der Wind und das Wasser werden +billige Kraft liefern!“ +</p> + +<p> +„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr +Mackentin fort. „Sie beliebten zu sagen –“ +</p> + +<p> +Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus +und sagte, während er aufstand: „Strecken Sie die Waffen, +Mackentin, Sie werden mit ihm nie in Ihrem Leben +fertig.“ +</p> + +<p> +Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und +ab. Er schob seine Hand unter ihren Arm und sagte: +„Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie Wenzel betreuen. +Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. +Er braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. +Seien Sie nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts +als ein großer Knabe.“ +</p> + +<p> +Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? +Er ist einer der reizendsten und sympathischsten Menschen, +die es gibt. Wäre ich eine Frau, so würde ich mich tödlich +in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne alle Grenzen, +aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn +für einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +machen. Schon jetzt greift ihn die Presse heftig +an.“ +</p> + +<p> +Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz +in sich zu ruhen, ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, +sich selbst zu genügen. Fast wie ein edles, scheues +Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren Blick in die +Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie +zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit +und Freude war Evas glänzendes Auge auf sie gerichtet. +</p> + +<p> +Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. +„Zum ersten Male habe ich mich in eine Frau verliebt,“ +sagte sie lächelnd zu Wenzel. +</p> + +<p> +Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny +war glücklich und ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie +Unruhe in Wenzels Gesicht. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="book" id="chapter-0-3"> +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +Drittes Buch +</h2> + +</div> + +<h3 class="chapter1" id="subchap-0-3-1"> +1 +</h3> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, +England und Amerika. Als er zurückkehrte, sah es in +Deutschland schon winterlich aus. In Kuxhaven schneite +es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder +schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein. +</p> + +<p> +Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in +die Arbeit. Er hatte Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. +Selbst Goldbaum, der an manches gewöhnt war, verschlug +es die Sprache. Tochtergesellschaften in England +und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer +Konzern riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber +auch in bezug auf Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. +Feste, Spiel, Theater, Frauen. Die Wochen flogen +dahin. +</p> + +<p> +In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der +Gesellschaft Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, +Umhänge, Mäntel gekleidet. +</p> + +<p> +Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und +einem dicken holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten +und unterhielten sich vorzüglich – plötzlich aber +rauschte eine Dame durch den Saal, die alle Blicke auf +sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot +glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie +war schlank, groß, ihr fast magerer Körper in eine kühne, +extravagante Robe eingehüllt. Ihr Profil, hochmütig in +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei hagere +Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner. +Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, +die ganze Verwöhntheit und Arroganz ihrer Kaste umgab +sie. +</p> + +<p> +Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich +horchte er auf. Er kannte diese Stimme, obschon sie englisch +sprach. Und plötzlich fiel ihm ein, wer diese Frau +war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten. +</p> + +<p> +Seine Augen begannen sonderbar zu brennen. +</p> + +<p> +„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus. +</p> + +<p> +„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung +nicht entging. (Später erinnerte sie sich deutlich +der Beklemmung, die sie in diesem Augenblick befiel.) +</p> + +<p> +Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast +hätte ich sie nicht wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt +rötliches Haar, früher war sie brünett. Es ist die Tochter +des alten Raucheisen, Esther Raucheisen, jetzt Lady Weatherleigh.“ +</p> + +<p> +Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, +auf dem Schloß des alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, +nicht als Gast, keineswegs. Als Automat, als Sekretär +Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu verrichten, +Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er +war nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte +Sir John Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh +in London, geheiratet und war seit etwa einem Jahre geschieden. +Die Ehe war nicht glücklich. Sir John, ein +hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter, +nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts +aus Frauen. Also war Lady Weatherleigh, war Esther +Raucheisen wieder in Deutschland. +</p> + +<p> +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und +ihrer Extravaganzen, beschäftigte ihn von diesem Augenblick +an. Er hatte an diesem Abend noch eine sehr wichtige +geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde und +bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel +Schellenberg müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es +war das erstemal, daß Wenzel etwas verschob. Er, der +sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte, sollten sie auch +bis zum frühen Morgen dauern. +</p> + +<p> +Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein? +</p> + +<p> +Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er +konnte nicht mehr vergessen, wie diese Frau durch den +Speisesaal <em>ging</em>. Welch ein Gang war das doch! +</p> + +<p> +Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war +eigentlich nicht schön, wenn man es genau überlegte. Aber +sie hatte Rasse, ihre Mutter war Engländerin alten Adels. +Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu denken. Sah +man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich +nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große +graue Augen und einen schönen, etwas herrischen Mund. +Ihre Backenknochen waren betont, die Wangen kantig geschnitten +– so wenigstens hatte er sie in der Erinnerung. +Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf +ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, +launenhafte Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er +sich nachdenklich, ist gewiß eine Frau, wert, sie zu erobern. +Es war eine Sache, wie? Nicht ihr Reichtum +würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung. +Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig +besäße! Und wie amüsant wäre es, der alte Raucheisen +würde Gift und Galle speien! +</p> + +<p> +Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +Am nächsten Abend ging er mit Jenny in den Zirkus, und +nach der Vorstellung speisten sie zusammen in Jennys +Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so +prachtvoller Laune gesehen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2"> +2 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und +Abend im Adlon. Endlich erschien Esther wieder. Sie erwiderte +seinen Gruß verletzend kühl, mit hochmütig hochschnellenden +Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn arbeitete +es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich +seiner zu erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. +Später begrüßte er sie. Sie wechselten sechs Worte, und +Wenzel verließ den Saal. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im +Hotel. Sie war abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe +stellte es fest. +</p> + +<p> +Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. +Er war finster, grübelte. +</p> + +<p> +Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich +willkommen war. Er mußte heraus aus Berlin, und so +nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt Moritz zu +reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen. +</p> + +<p> +Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen +war im Hotel Carlton abgestiegen. Sie trieb viel +Sport und befand sich meistens in der Gesellschaft eines +englischen Majors Fairfax und des bekannten Pariser +Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt. +</p> + +<p> +Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur +Reise zu treffen. +</p> + +<p> +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt +zu verbinden, der seine Scheidung bearbeitete. Er erkundigte +sich bei dem Anwalt, wie weit die Angelegenheit gediehen +sei. +</p> + +<p> +Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen +Schritt vorwärts gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar +nicht das geringste unternommen. Nach wie vor +sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr +eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte +das Sechsfache. +</p> + +<p> +„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins +Telephon. Seine Stimme klang nicht gerade höflich. +</p> + +<p> +Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, +der ein hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten +war. Dieser Anwalt hieß Vollmond. Er +war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm seine Angelegenheit +vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole +kurze Fragen gegen ihn ab. +</p> + +<p> +„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond +hierauf in seiner hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen +den Hebel bei den Kindern an. Wir werden Frau Schellenberg +drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir +werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung +von Frau Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung +der Kinder günstig zu beeinflussen.“ +</p> + +<p> +Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, +diesen Weg nicht einschlagen.“ +</p> + +<p> +„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ +entgegnete der Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, +man ist doch ein Mensch. Aber solch hartnäckigen Frauen +gegenüber bleibt etwas anderes nicht übrig. Wir werden +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit einverstanden?“ +</p> + +<p> +„Auch das möchte ich gern vermeiden.“ +</p> + +<p> +„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also +Sie stimmen zu? Wir werden Frau Schellenberg beobachten +lassen und dann unsere Trümpfe ausspielen. Es +geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert +derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden +halten, Herr Schellenberg.“ +</p> + +<p> +Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes +bei. „Es ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten +möchte,“ sagte er lachend. +</p> + +<p> +„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“ +</p> + +<p> +Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen +Heirat. Aber auf jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. +Seit einem vollen Jahre hatte er seine Scheidungsangelegenheit +völlig außer acht gelassen. +</p> + +<p> +Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr +morgens waren die Koffer verstaut, und zehn Minuten +später hob sich die Maschine in die Luft. Schon begann +Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die Kabine +gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, +zwei Gläser und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das +Weichbild von Berlin verlassen, als sie schon eifrig im +Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. Endlich einmal +eine ruhige Partie! +</p> + +<p> +Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand. +</p> + +<p> +Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen +ist untersagt.“ +</p> + +<p> +Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie +Ihre Kähne so, daß sie nicht brennen können!“ +</p> + +<p> +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben +Fehler gemacht hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig +angelegte Partie auf. Sofort begannen sie ein neues +Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein Schneetreiben, +aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg +waren, schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu +stehen, aber als sie den Bodensee überquerten, zeigte es +sich, daß Mackentin listig und verschlagen einen Ausweg +gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, und +Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin +versuchte verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber +Wenzel kämpfte heroisch, während die Maschine über +schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge dahinflog. Schließlich +blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die Partie +remis zu geben. +</p> + +<p> +„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte +die Partie schon gewonnen!“ +</p> + +<p> +„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche +zusammen. „Und hier ist ja schon Sankt Moritz!“ +sagte er und deutete auf ein gleißendes Gebirgsmassiv, +das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen +lag. „Die Berninagruppe.“ +</p> + +<p> +Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft +in den blendenden Sonnenschein hinab. +</p> + +<p> +„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief +Mackentin aus, als die Maschine an den vielstöckigen Hotels +entlangstrich, deren tausend Fenster in der Sonne +funkelten. +</p> + +<p> +„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige +Gestalt, die mit komischer Hast über das besonnte +Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“ +</p> + +<p> +Sie waren angekommen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3"> +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +3 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, +strahlend, kupferrot gebrannt von der Sonne. Die Haut +schälte sich von seiner Nase. +</p> + +<p> +„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel. +</p> + +<p> +„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die +Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und +glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der +Schlitten!“ +</p> + +<p> +Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, +als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das +Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch +schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf +dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an +Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten +kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett. +Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf +Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. +Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte +er geblendet die Augen schließen. +</p> + +<p> +Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und +versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, +um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern. +Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den +endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen +Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden +Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen +der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten +durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald, +die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab. +Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten +engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die +Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne. +Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger +Ort, er gefiel Wenzel. +</p> + +<p> +Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die +schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung +zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar +von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige +Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um +fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester +tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber +in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von +den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte +Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz +nach Wenzels Geschmack. +</p> + +<p> +„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte +Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales. +</p> + +<p> +Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so +erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren +beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten. +</p> + +<p> +Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. +Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, +Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne +Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und +funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die +gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren +tiefrot gemalten, hochmütigen Mund. +</p> + +<p> +„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. +Stolpe machte ihm ein Zeichen. +</p> + +<p> +Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt, +wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn +er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg +hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd +und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute +aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war, +wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern, +koste es was es wolle. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4"> +4 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ach</span> Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, +ungezwungen und keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, +die die Herren annahmen, wenn sie vor sie hintraten. +Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des Hotels von +der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde +lang auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu +sammeln. +</p> + +<p> +Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich +vor sich zu sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von +ihren Bekannten aus Paris, London und Berlin. Wo sie +hinblickte, sah sie bekannte Gesichter. +</p> + +<p> +„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr +Schellenberg?“ fragte sie, während sie lächelte und ihn +mit raschem, gewandtem Blick musterte, sein Gesicht, +seine Kleidung, seine Haltung, alles im Bruchteil einer +Sekunde. +</p> + +<p> +„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. +„Ich werde meine Pferde hier laufen lassen, mich persönlich +aber so wenig wie möglich anstrengen.“ +</p> + +<p> +Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn +mit ihren Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +bereits genügend informiert. Da war also der bekannte +Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der reichsten +Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht +hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart +Fairfax aus London, Inhaber der Golfmeisterschaft von +England. +</p> + +<p> +„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf +dem See gemeldet, Baron?“ wandte sich Esther an den +Baron Blau. +</p> + +<p> +„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden +nicht günstig,“ antwortete der Bankier gelangweilt, +während er seine schwarzen runden, melancholisch glänzenden +Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf +Wenzel richtete. +</p> + +<p> +Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem +Scheitel und schon etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz +zu den meisten Gästen war sein Gesicht nicht +braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden +Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. +Seine Miene war hochmütig und gelangweilt, und +die nervös eingezogenen Nasenflügel erweckten den Eindruck, +als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die Angewohnheit, +zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen +und sich zu strecken, als versuche er, sich größer zu machen. +Wenzels Größe schien ihn zu verletzen, er schien sie als +Anmaßung und Herausforderung zu empfinden. +</p> + +<p> +Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt +Moritz gekommen, um Sport zu treiben. Er lief allerdings +jeden Vormittag eine Stunde Schlittschuh, und +zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf der +spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener +Miene seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +machte er eine Pause, um den Rauch einer dünnen +Zigarette durch die Nase zu stoßen. Dabei sah er mißmutig +den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug schwarzweiß +karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden +himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen +mußte. Am Nachmittag spielte er eine Partie Curling. +Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, in der Größe von +Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach +einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten +Herren, die diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. +Sie schabten und kehrten das Eis mit kleinen Besen, +fieberhaft, um die Geschwindigkeit des Steines zu +beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe +von Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war +die ganze Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man +ihn nur wenig, jede Nacht aber ging er als letzter schlafen. +</p> + +<p> +Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. +Er war hager, noch etwas größer als Wenzel, Körper und +Kopf nichts als Haut und Knochen. Auf seiner mächtigen +Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig schwarz gebrannt +war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote +Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare +standen in eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden +Schädel. Wo andere Leute Augen haben, hatte der Major +etwas wie geschmolzenes Silber. +</p> + +<p> +Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu +trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten +liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten +Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte +an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren +Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen +konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am +Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. +Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer +in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm +entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für +das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden +sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr +lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der +berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die +Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf +seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die +Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord +Hastings hatte sich den Arm verstaucht. +</p> + +<p> +Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, +schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer +Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich, +hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung. +Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine +Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine +Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines +Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine +Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und +seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. +Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten +Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten, +nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern. +Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu +erklären. +</p> + +<p> +„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr +Schellenberg,“ wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem +er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. „Wir +sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.“ Er +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer +Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder +Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und +seines Adamsapfels bediente. +</p> + +<p> +Wenzel zeigte eine erstaunte Miene. +</p> + +<p> +„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen +korrespondiert,“ fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. +„Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für +die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden +unter den Nationen tätig ist?“ +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen +zu müssen, Herr Baron,“ antwortete er. „Es +ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine +Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien +nicht hin.“ +</p> + +<p> +„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte +Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, +gelangweilten Stimme. +</p> + +<p> +„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten +Kreuzes und fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther. +</p> + +<p> +Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, +verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten +verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft +schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen +ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht +aus welchem Grunde. +</p> + +<p> +„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen +den Völkern möglich ist?“ wandte sich Baron Blau +wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln. +</p> + +<p> +„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen +müssen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, +für die sie töten dürfen und sterben können.“ +</p> + +<p> +Baron Blau prallte zurück. +</p> + +<p> +Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der +Major keine andere Sprache als seine Muttersprache verstand. +</p> + +<p> +Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er +Wenzel begeistert die knochige Hand hin. „<span class="antiqua">Right you +are! Right you are!</span>“ schrie er. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, +braun gebrannt wie eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: +„Major Fairfax!“ +</p> + +<p> +Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte +ihm etwas in das knorplige Ohr. Fairfax schien aufs +äußerste betroffen. +</p> + +<p> +„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde. +</p> + +<p> +Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker +meine beste Zeit um drei Sekunden unterboten hat.“ +Nutcracker war der Name eines rivalisierenden Bobs. +</p> + +<p> +„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, +Nutcracker geht ganz eng herum,“ erwiderte Esther +mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: „Ich erwarte +übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es +wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“ +</p> + +<p> +Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel +mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht +die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten. +Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen +da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts! +</p> + +<p> +Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt +und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen, +ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese +Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung +für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit +allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien +von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife +im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel +wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. +Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende +Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen. +</p> + +<p> +Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, +noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal +waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es +nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen. +Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, +aber ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5"> +5 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen +Schneemassen – es war Neuschnee gefallen – +erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend +älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel. +Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und +sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen +Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen. +In der Hand trug der Herr einen Stock mit +eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das +Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von +Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig +vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den +Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock +auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten +spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen, +rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte +Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener +Person! +</p> + +<p> +Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, +war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder +des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems, +nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte +ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen +Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste +Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand +das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug +den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht +mehr die Blicke der Menschen. +</p> + +<p> +Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen +Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er +das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin +und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter +zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen +zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch +höher wuchs. +</p> + +<p> +„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft +zu. „Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht +ist.“ Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über +ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob +zurecht. +</p> + +<p> +„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich +weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das +Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen +Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet. +An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +der tödlichen Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie +geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten. +</p> + +<p> +Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen +Augenblick später verschwand er zwischen den von Schnee +und Reif starrenden Bäumen. +</p> + +<p> +Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur +Tafel. Wenzel hatte sich in große Gala geworfen und +erwartete den Alten, einen stillen Triumph in den Augen. +Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen Salon +eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden, +zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war +fahl, kreidig, von gelben Flecken bedeckt. Er betrachtete +Wenzel einen Augenblick mit seinen lebhaften, schnellen +Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, die beim +Gruß nie einen Druck gab. +</p> + +<p> +„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte +es mit einem Lächeln, das freundlich sein sollte. +„Sie sind noch ganz der gleiche, Sie sind noch in dem +Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel Jahre +ist es schon her? Ich aber –?“ +</p> + +<p> +Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte +Baron Blau und schritt hastig zur Tafel, als habe er +keine Minute zu versäumen. Er tat es ja nur seiner Tochter +zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste. +</p> + +<p> +Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, +etwas hohen Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter +als gewöhnlich, von besonderen Schiffahrtsplänen +im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten und +für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu +gewinnen suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen +berührte, schien nicht hinzuhören. Aber nach einer +Weile schüttelte er den kleinen Kopf. +</p> + +<p> +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat +seit dem Kriege noch mehr von seiner einstigen Bedeutung +verloren. Es ist zu einer nebensächlichen Pfütze +geworden, in die ich keine tausend Tonnen schicken +würde.“ +</p> + +<p> +Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht +wurde ganz allmählich von einer eigentümlich hellen Röte +überzogen. Sein dunkles Auge brannte. Der geringschätzige +Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne abgetan hatte, +hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs geschlagen. +Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem +Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten +zu sagen: nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer +gekränkt, aus. „Das ist doch wohl etwas übertrieben. +Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“ +</p> + +<p> +Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich +längst von diesem Thema abgewandt. Wie ist es nur +möglich, daß dieser Baron ein Vermögen gemacht hat, +dachte er. +</p> + +<p> +Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, +wo sie den letzten Winter zugebracht hatte. „Welch ein +wundervolles, märchenhaftes Land, Papa! Und dabei jeglicher +Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es +unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, +Papa!“ +</p> + +<p> +„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein +Kind,“ erwiderte Raucheisen. +</p> + +<p> +Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in +wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war +ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. „Ja, fliegen +wir, Papa!“ rief sie aus. +</p> + +<p> +Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +erwiderte er. „Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue +Generation hat diese Furcht überwunden.“ +</p> + +<p> +Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche +Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der +Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte, +der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den +Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. +Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, +durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue +Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen. +</p> + +<p> +„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael +konferiert,“ sagte er. „Ihr Bruder hat diese Probleme +erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten +hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine +neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen +wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. +Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme +derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir +müssen Mut haben.“ +</p> + +<p> +Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands +mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich. +</p> + +<p> +„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete +Raucheisen. „Ihre Augen sind jünger.“ Er erhob sich, +um sich zurückzuziehen. „Wir sehen uns noch, Herr +Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. „Ich +möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“ +</p> + +<p> +Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel +sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann +gekommen war, verschwand er. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6"> +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +6 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie +der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. +Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem +Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, +im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband +lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, +wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art +schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter +aus über eine seiner witzigen und sarkastischen +Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig +auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors +aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen +gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte +in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen. +</p> + +<p> +Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit +um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in +Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken. +</p> + +<p> +„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als +er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, +manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien +ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich +und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen +meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich +muß sie doch aussprechen.“ +</p> + +<p> +„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel +verwundert und blickte ihr in die Augen. +</p> + +<p> +„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören +Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz +junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt +der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter +Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“ +</p> + +<p> +Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit +sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen +sie vergessen.“ +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich +bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten +und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende +Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“ +</p> + +<p> +„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann +zu erzählen. +</p> + +<p> +Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen +dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, +da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete. +</p> + +<p> +„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand +über die Augen breitete. +</p> + +<p> +„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb +rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete +Wenzel und verabschiedete sich. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, +die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte +auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den +Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. +Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen +war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7"> +7 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> Morgen hatte Esther noch ein großes Programm +für die Woche entworfen, am Mittag erklärte sie, einer +plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen früh nach Paris +abreisen werde. +</p> + +<p> +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und +Esthers brennendroter Haarschopf sah in der Tat kaum +eine Handbreit aus den Bergen von Blumen hervor, die +man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend +ihren Triumph. +</p> + +<p> +Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren +Koffern. Und in einer Ecke türmten sich die eleganten, +nagelneuen Koffer des Barons Blau, der es sich nicht +nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten. +Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine +Woche in Sankt Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen +gemeldet hatte. Am Morgen standen die Schlitten +bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein zweiter für +die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der +beiden. +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend +auf englisch zu Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“ +</p> + +<p> +Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen +ins Coupé bringen lassen, einen ungeheuren Strauß, +der eine ganze Ecke ausfüllte. +</p> + +<p> +„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit +der Stimme eines erfreuten Kindes aus und nahm die +Karte aus dem Bukett „Wenzel Schellenberg!“ sagte sie. +„Seht an! Wie originell!“ +</p> + +<p> +Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis +zu dieser Minute keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm +es als selbstverständlich an. Alle hatten ihr Blumen geschickt, +natürlich auch Wenzel. Sein origineller Gedanke, +sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu +bringen, fand ihren Beifall. +</p> + +<p> +Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen +Plan zurechtgelegt hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris +betrat, waren natürlich auch diese Räume schon angefüllt +mit Blumen. Die Pariser Freunde hießen Esther willkommen. +Während die Abschiedssträuße aus Sankt Moritz +auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs +verwelkten, war hier schon ein neuer Blütengarten +aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen wie +durch Zauberei erstanden. +</p> + +<p> +Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, +erinnerte es nicht an den Strauß Schellenbergs, der in +Sankt Moritz die Ecke des Abteils völlig ausgefüllt hatte, +wie? Genau so, die Farben, die Größe. +</p> + +<p> +Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg! +</p> + +<p> +„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise +und erstaunt. Sie wurde nachdenklich, warf den Blick +rasch durch das Zimmer. Irgend etwas an dieser Sache +war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte +natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler +bestellen. Er konnte die Art des Straußes und +die Farbe genau bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die +Karte hierher kommen? +</p> + +<p> +Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß +war mit der Karte im Hotel abgegeben worden. +</p> + +<p> +Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich +Esther, die hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das +sie nicht lösen konnte. Dieser Schellenberg ist gewiß ein +merkwürdiger Bursche, dachte sie, der drollige Einfälle +hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er unmöglich +die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief +zu senden. +</p> + +<p> +Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren +neuen Pariser Robe, eine Stunde später in den +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +Speisesaal rauschte, wer stand da, kupferbraun, fast +schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des weißen +Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so +braun, daß die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel! +</p> + +<p> +Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, +starrte auf Wenzel wie auf eine Erscheinung. Er glaubte +im ersten Augenblick, es sei Zauberei, eine heimtückische +und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. Und schlecht +verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. +Er hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar +nicht, aber dieses Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte +unaufhörlich seine Nerven. Er schleudert Felsen, +dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu Gewalttätigkeiten +bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte +in die Ohren stopfen. +</p> + +<p> +„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller +Stimme aus, überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand +augenblicklich. +</p> + +<p> +„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete +Wenzel lachend und schüttelte ihr die Hand. +</p> + +<p> +Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit +dem nächsten Zug von Sankt Moritz nach Zürich gefahren +und von Zürich aus mit dem Postflugzeug nach Paris +gekommen. Er war schon seit heute mittag hier. +</p> + +<p> +Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau +zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt. +Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther +verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer +und ohne alle diese andern, die unaufhörlich +Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben +Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit, +zartfühlend war er gewiß nicht. +</p> + +<p> +„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ +sagte Esther. +</p> + +<p> +Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht +zurückgefunden. „Zum ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter +Stimme. „Ist es möglich? Und wie gefällt +Ihnen Paris?“ +</p> + +<p> +Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, +daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. „Es +lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ rief er aus, +„sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst +ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein +Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata +Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß +und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, +glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße +Moschee ist <span class="antiqua">Sacré coeur</span>, wie man mir später sagte. +Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel, +und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden +und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden +Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“ +</p> + +<p> +Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im +Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel +gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser, +kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten +des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. +Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt, +von deren Existenz der Baron nichts ahnte. +</p> + +<p> +„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem +melancholischen Blick. +</p> + +<p> +„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte +<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> +Esther. „Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen +und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben +beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“ +</p> + +<p> +„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen +habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich +also?“ entgegnete der Baron mit verletzter Miene. +</p> + +<p> +„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. +Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg. +Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie +Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte +Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“ +</p> + +<p> +„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel. +</p> + +<p> +Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er +haßte diese Neigung Esthers, durch obskure Lokale zu +ziehen. Die blasse Glasur seines Gesichtes wurde von +einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen. +</p> + +<p> +„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune. +</p> + +<p> +„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther. +</p> + +<p> +„Nun gut, dann heute.“ +</p> + +<p> +Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. +Die melancholischen Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte +er sie mit gekränkter Miene daran, daß sie den +ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun +war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf +dem Rücken nach Paris getragen hatte. +</p> + +<p> +Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert +von ihren Freunden, frei machen konnte, durchstreifte sie +mit Wenzel diese große, unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse +birgt als irgendeine Stadt der Welt, die großen +Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten +Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo +die Zuschauer mitspielten und Bemerkungen auf die +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +Bühne hinaufriefen. Sie besuchten Varietés, Tingeltangel, +Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort ging +es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. +Da Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie +den Dolmetscher. +</p> + +<p> +„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die +gesund und phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“ +</p> + +<p> +Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten +Bars, wo kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen +hatte, auftraten. Sie streiften bei Nacht in den +Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und Blumen, +und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, +die die Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals +hatte Wenzel sich so wohl gefühlt. Welch eine +wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien angefüllt! +</p> + +<p> +Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, +die an jedem Abend, in jeder Stunde anders war, wirkte +auf ihn wie starker Wein. Sein Blick glitt über ihren +feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum sichtbare +hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf +ihrem hellrot gemalten Mund – den er bald küssen +würde, das wußte er. Sein Blick lag auf ihren Wangen, +die sie rot und braun malte, und auch diese Wangen +würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das +frivole, leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! +Sein Blick lag auf ihren schmalen und wundervoll gepflegten +Händen. Bald würde er sie in seine Hand nehmen, +um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über +ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. +Bald würde er ihn mit seinen Küssen verbrennen. Hüte +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen standen Wildheit und +Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es fühlte. +Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie +hörte, daß seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre +Miene aber blieb kühl und undurchdringlich. +</p> + +<p> +Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten +kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels +und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten. +</p> + +<p> +„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer +Frau sah,“ sagte Wenzel. +</p> + +<p> +Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie +können mich betrachten, solange Sie wollen,“ antwortete +sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen +sprechen.“ +</p> + +<p> +Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot +gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er +Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber +nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte. +</p> + +<p> +Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit +offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem +Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt, +und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen +Scheiben der Nachtportier starrte. +</p> + +<p> +„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd +und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8"> +8 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inige</span> Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. +Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie +sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das +Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen. +</p> + +<p> +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, +so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, +ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde. +So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte, +so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und +schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten +und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel +sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es +auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen +Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen +Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, +da war Esther Weatherleigh, und da war Paris. +</p> + +<p> +Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther +mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages +aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen, +außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn +in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den +Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre. +</p> + +<p> +„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und +hier ist Sir John, mein früherer Gatte. Sie sehen, wir +sind gute Freunde geblieben.“ +</p> + +<p> +Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen +Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, +ganz als sei nichts geschehen. +</p> + +<p> +Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber +nach fünf Tagen war er schon wieder in Paris. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9"> +9 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen +Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da, +wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +– und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde +stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich +in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren +schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte +sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der +Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau +mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine +lief. +</p> + +<p> +„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das +Kind entgegen. +</p> + +<p> +Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang +ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen +ihr die Tränen über das Gesicht. +</p> + +<p> +Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum +ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren, +hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren +Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich +halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend +war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen, +obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte. +Endlich war er wieder bei ihr. +</p> + +<p> +„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte +Georg. +</p> + +<p> +„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während +sie den Arm um Georgs Schulter legte. „Ich habe +alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte +ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin +zurückgekommen.“ +</p> + +<p> +„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen. +</p> + +<p> +„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten +am Rand.“ +</p> + +<p> +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen +Freudentanz auf der Straße. +</p> + +<p> +„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich +noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in +diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.“ +</p> + +<p> +Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. +Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen +Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze +Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung. +Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus, +die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und +plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich +daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden +des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig +schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten +Lehrers, der die Schule übernommen hatte. +Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser +von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst +gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin, +Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten. +Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe +blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in +der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik, +die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre +Sirene in den stillen Abend. +</p> + +<p> +Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst +schon geworden. Weit über die Heide greifend, +erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt. +</p> + +<p> +Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte +Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten. +</p> + +<p> +Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. +Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert, +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen +Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen. +Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, +hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine +Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt, +alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für +Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, +fehlerlose Früchte. +</p> + +<p> +„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, +als sie sich zu Tisch setzten. +</p> + +<p> +„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ +lachte Christine. +</p> + +<p> +Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich +sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“ +</p> + +<p> +Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg +ganz benommen. Was er alles gesehen hatte! +</p> + +<p> +„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! +Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, +und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“ +</p> + +<p> +Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ +gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl +seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war +ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und +neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in +mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, +die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach +Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal +in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, +mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch +die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten +die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von +Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem +Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe +gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum +Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, +ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen +sollte in „Neuland“ die Heimat finden. +</p> + +<p> +Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, +Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts +als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare +Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein +Ende. +</p> + +<p> +„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich +aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde +wollen wir versäumen.“ +</p> + +<p> +Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand +offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst +mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun +legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen +neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden +von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen +vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis +in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit +für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte +vorgesehen werden. +</p> + +<p> +Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und +in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der +Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, +Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren +konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige +Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein +Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der +die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu +den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, +diese Stadt künftig zu ernähren. +</p> + +<p> +„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ +sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte +noch einmal durchdenken.“ +</p> + +<p> +Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, +in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie +er, sah sie die vollendete Stadt vor sich. +</p> + +<p> +„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“ +</p> + +<p> +„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ +wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer +brannten. +</p> + +<p> +Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. +Und wie ruhig das Kind schlief! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-10"> +10 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">ise</span> Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen +Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, +sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder +auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar +machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen +auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in +Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück. +</p> + +<p> +Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend +ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine +unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer +Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte +an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt +worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte +Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee +in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke +schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise +nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie +eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie +liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften, +fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht +Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen +gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen +hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig, +daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen +konnten. +</p> + +<p> +Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, +als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf +dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie +dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und +qualmte auf einem Stück Papier weiter. +</p> + +<p> +Was war das? +</p> + +<p> +Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das +möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin. +Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht. +</p> + +<p> +Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten +in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das +Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie +es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von +Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften +bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er +ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall, +daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich +aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken. +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und +einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer +und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die +Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. „Sie wollen +euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die Kinder, +verschlafen und verstört, begannen zu weinen. +</p> + +<p> +Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. +„Wer will uns wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in +Tränen gebadet. +</p> + +<p> +„Nun, Papa!“ +</p> + +<p> +Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte +wieder zu denken, es war zuviel gewesen. Sie klingelte +Michael an, und Michael ließ ihr sagen, daß er noch etwa +zwei Stunden im Bureau sein werde und sie erwarte. +</p> + +<p> +Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas +nach neun Uhr, als sie im Bürogebäude Michaels ankam. +Michael saß an seinem Schreibtisch, müde und abgespannt, +und diktierte Eva Dux Briefe. +</p> + +<p> +„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er +mit einem müden Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort +zu sprechen, und verließ das Zimmer. +</p> + +<p> +„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun +aber bemerkte er Lises außerordentliche Erregung und +Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die Tränen. Sein +Gesicht verfinsterte sich. +</p> + +<p> +„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch +nicht in Frieden trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit +quälte ihn tödlich. +</p> + +<p> +Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung +auf den Tisch. „Lies nur, Michael, lies!“ schrie +sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein vollendeter Schurke!“ +</p> + +<p> +„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +runzelte ärgerlich die Stirn. Er durchflog das Schreiben +des Anwalts und die Vorladung des Gerichts. +</p> + +<p> +Nun begann Lise leise zu wimmern. +</p> + +<p> +„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage +es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man +die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?“ +</p> + +<p> +Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will +nichts fragen,“ sagte er nach einigem Nachdenken. „Es +sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich +rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in +Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren +Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.“ +</p> + +<p> +„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die +Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ +rief Lise aus. +</p> + +<p> +Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst +gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts +weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn +noch im Laufe des Vormittags zu besuchen. +</p> + +<p> +Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, +dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er +drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas +stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen +auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt, +um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg +contra Schellenberg zu erinnern. +</p> + +<p> +„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, +ohne jede Vorbereitung. +</p> + +<p> +„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte. +</p> + +<p> +„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, +daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +„Das ist eine Infamie!“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn +und schüttelte den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt +Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt +sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen. +Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. +Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate +lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in +ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr. +Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, +gnädige Frau?“ +</p> + +<p> +Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage +nicht!“ erwiderte sie. +</p> + +<p> +Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, +können Sie getrost antworten, gnädige Frau. Sie +waren etwas unvorsichtig, aber erregen Sie sich bitte +nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser Freund habe +Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus +erst am Morgen verlassen.“ +</p> + +<p> +„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie +Lise. +</p> + +<p> +Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen +sich nicht erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges +Personal. Ich habe den Eindruck. Es sind Daten genannt.“ +</p> + +<p> +Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu +entlassen. (Sie entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, +die sich unter ihrem strengen Verhör verriet. Sie +gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie noch in der gleichen +Stunde hinaus.) +</p> + +<p> +„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat +fort, „so ist das ja nicht so ernst zu nehmen. Sie werden +beweisen können, daß die Kinder eine sorgfältige Erziehung +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht sind, wenn +die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“ +</p> + +<p> +„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend +und eine schamlose Lüge!“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das +ist ja nicht so schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die +mein Kollege in sehr taktloser Weise in sein Schreiben +einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, einen +Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach +der Geburt des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das +Kind: Ein paar Pfund Fleisch, und wie häßlich!“ +</p> + +<p> +Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den +größten Schurken und Schuften der Welt zu tun!“ schrie +sie. +</p> + +<p> +Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches +und bat sie mit einer beschwörenden Handbewegung, +wieder Platz zu nehmen und sich nicht zu erregen. „Das +ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung gemacht +haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber +daß Sie unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre +Position, ich darf offen sprechen, keineswegs verbessert. +Das Gericht könnte immerhin der Ansicht sein, daß tatsächlich +ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen +Teil erklären.“ +</p> + +<p> +„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. +„Ich werde nachweisen, daß Wenzel die Ehe mit einem +Dutzend von Frauen gebrochen hat.“ +</p> + +<p> +Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die +Gesetze nicht, gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, +und wir müssen jedenfalls damit rechnen. In diesem +Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr Schellenberg +jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“ +</p> + +<p> +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in +diesem Falle sich dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder +nicht weiter zu belassen.“ +</p> + +<p> +„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“ +</p> + +<p> +In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, +daß sich die Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, +riet der Justizrat zum Vergleich. Er werde sich bemühen, +die günstigsten Bedingungen zu erzielen. +</p> + +<p> +Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von +einem Vergleich wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ +abgebrochen, und diese Bemerkung mit den „paar Pfund +Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode nicht verzeihen. +Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es genau, +und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt +schreiben. Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene +alberne Bemerkung gemacht hatte, aber spricht nicht jeder +Mensch einmal eine Roheit und eine Dummheit aus? +</p> + +<p> +Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, +und wenn er ihr zehn seiner erwucherten Millionen auf +den Tisch legen würde. Sie wisse recht gut, weshalb Wenzel +es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu lösen, oh, +recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde +den Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei. +</p> + +<p> +„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der +Justizrat. „Wenzel Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben +und nicht Sie gegen Wenzel Schellenberg. Wir +können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht kein +Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung +aussprechen wird.“ +</p> + +<p> +„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt +aus. „Ich will ja die Scheidung nicht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, +so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond +an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit, +über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. +Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit +herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um +den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am +liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen +Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die +Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch +nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine +Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen +gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden +Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann <span class="antiqua">contra</span> +Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und +Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem +Bankerott. +</p> + +<p> +Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel +nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg +gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei +sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er +eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe. +</p> + +<p> +Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, +wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin +vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit +mit allen Mitteln!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-11"> +11 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in +Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, +die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und +betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete +ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie +verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. +Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, +das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, +die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de +la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden +Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in +Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, +schönen Frauen nachzusehen. +</p> + +<p> +An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle +über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen +in Schweiß gebadet waren. +</p> + +<p> +Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei +Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter +hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits +wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller +Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen +Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein +kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er. +</p> + +<p> +Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem +Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete +glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie. +„Fahren wir.“ +</p> + +<p> +Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges +Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel +umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt +geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte +das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt. +</p> + +<p> +Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine +Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus +Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen +umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten +Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, +die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. +An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen +in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche +Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, +große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. +Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein +betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten +eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, +und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie +durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die +Luft ein. +</p> + +<p> +„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, +und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen +weichen, schwärmerischen Klang. +</p> + +<p> +Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, +die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten +aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen +ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es +dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und +Lachen den Rückweg fanden. +</p> + +<p> +Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die +Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. +Sie drängte zum Aufbruch. +</p> + +<p> +Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in +Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter +dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer +halben Stunde zu beheben. +</p> + +<p> +„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den +Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen +Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften +mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren +würden. +</p> + +<p> +Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach +einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen? +Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem +Theater die Schokolade zu nehmen.“ +</p> + +<p> +Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ +sagte er. +</p> + +<p> +„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie +schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park +hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel +im Dunkeln lachen höre. +</p> + +<p> +„Sie lachen?“ fragte sie verwundert. +</p> + +<p> +Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. +„Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich +muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden +von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich +völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt, +diese kleine Komödie zu spielen.“ +</p> + +<p> +Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie +eine Statue vor Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ +fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter +Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer +zu werden. +</p> + +<p> +Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen +Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie +sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als +ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier +zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in +Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben, +und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir +uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den +Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, +zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse +Dinge sprechen zu können.“ +</p> + +<p> +Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn +mit mir besprechen?“ fragte sie mit gemachtem Erstaunen. +Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich +handeln könnte. +</p> + +<p> +„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, +etwas unsicher und tastend. „Da ist dieser Baron Blau, +und da ist dieser Major Fairfax, und ...“ +</p> + +<p> +„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther. +</p> + +<p> +Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß +ihre Zähne blitzten. +</p> + +<p> +„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe +keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau +oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!“ +</p> + +<p> +Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde +zu einer schmalen, steifen Statue. +</p> + +<p> +„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich +sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig +Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh. +Entweder ich oder einer der andern!“ +</p> + +<p> +Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und +verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. +Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht, +und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses +Lachen aber brachte ihn außer sich. +</p> + +<p> +„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu +und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten +sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das +brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher +Aufrichtigkeit gerichtet.“ +</p> + +<p> +„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den +Kopf senkte. „Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. +Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen +sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel, +aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich +glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“ +</p> + +<p> +Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie +mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“ +</p> + +<p> +„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther. +</p> + +<p> +„Dann werden Sie meine Geliebte!“ +</p> + +<p> +„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. +„Aber,“ fuhr sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich +darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen, +hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung +überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt +eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine +Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf +diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?“ +</p> + +<p> +„Es gilt!“ +</p> + +<p> +Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum +Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte +gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament +zog. +</p> + +<p> +Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach +Wenzel. „Sie haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-12"> +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +12 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">a</span> bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig +lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels +Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden +Freude. +</p> + +<p> +Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich +gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit +langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen. +</p> + +<p> +„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, +mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, +die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas +schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah. +Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er +küßte sie herzhaft auf den Mund. +</p> + +<p> +Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er +sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte. +</p> + +<p> +Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah +ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste +ereignet und solle alles bleiben wie früher. +</p> + +<p> +Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er +früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften, +Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys +Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was +Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete +jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, +die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, +um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen. +</p> + +<p> +„Woran denkst du?“ fragte sie. +</p> + +<p> +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage +keine Antwort. +</p> + +<p> +Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh +gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese +Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl +nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen. +„Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd. +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen. +</p> + +<p> +„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny +weiter. „Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte +mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht +hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon, +daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten +hast.“ +</p> + +<p> +Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie +lächerlich klein ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe +in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen +lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem +Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, +auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc +würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen +Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe +verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete +dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und +diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine +Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache +meiner Francsspekulation.“ +</p> + +<p> +Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. +Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte! +Drei Tage später kam er wieder zurück. Er +blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten +war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende. +Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, +desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich +von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast +nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter +Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme +Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel +früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige +Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige +Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden. +Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht +und schwieg. +</p> + +<p> +Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer +Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast +immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte, +beobachtete. Ihr letzter Film, „Der Roman einer Tänzerin“, +hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging +um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, +aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie +wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen. +Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als +Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst +sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles, +um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte +von den Proben. +</p> + +<p> +Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit +ihm großen Verdruß bereite. Eines +Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem +er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte +einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto +war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt. +</p> + +<p> +„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, +<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> +in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher +her kannte. „Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige +Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.“ +</p> + +<p> +Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle. +</p> + +<p> +In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel +bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und +erklärte ihm ohne alle Umstände: „Lise Schellenberg ist +von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer +nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung +gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier +ist das Telephon, fangen Sie an.“ +</p> + +<p> +Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem +ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst +beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und +starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen +durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben. +</p> + +<p> +Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten +Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau +Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der +Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises +Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden +Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! +Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine +Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses +zur sofortigen Herausgabe der Kinder. +</p> + +<p> +„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als +Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte +ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie +könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen +Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal +Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr +Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute +nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend +reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, +und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen. +</p> + +<p> +Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. +Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn +Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei +Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend +Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in +einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf +ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine +Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“ +</p> + +<p> +Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war +immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. +Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner +Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der +Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde +Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende. +</p> + +<p> +Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte +Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit +selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. +Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte +er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn +zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen +drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg +diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge +mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in +meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß +geworden. +</p> + +<p> +Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben +Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, +daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen +durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde +Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten +Schurken Berlins. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-13"> +13 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden +herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare +Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten +und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten +hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den +Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. +Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des +alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte +an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals +war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen. +</p> + +<p> +Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, +daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, +saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein +ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke, +Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in +den Abgrund versinken. +</p> + +<p> +„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein +Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt +hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um +zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu +schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach +einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter +seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm. +Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse. +Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken. +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> +Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine +Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen +die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel +Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten +bestehe. +</p> + +<p> +Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, +zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, +und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß +Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen +„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. +Das fühlte er. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-14"> +14 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und +ungläubig sah Jenny Stobwasser an. +</p> + +<p> +Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder +hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit +fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde, +um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag +fertig zu machen. +</p> + +<p> +„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ +versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen. +</p> + +<p> +Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: +Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er +nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter +Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke +bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein, +wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu +heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn +er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen +war. Mehr wollte sie nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie +hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon +auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief +von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen +durfte. +</p> + +<p> +Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny +erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen +wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe +zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht +Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten. +</p> + +<p> +Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft +den Brief. „Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie +sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut +aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur +Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage +zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen +einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den +Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen +auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde +drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte +nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um +sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann +Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon +die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei +ihr vorsprechen werde, um „alles Weitere“ mit ihr zu +ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand +ab und setzte ihre Wanderung fort. +</p> + +<p> +Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht +auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte +wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. +Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete. +Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann +zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im +Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf +einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. +Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört +ihre Wanderung wieder auf. +</p> + +<p> +Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das +Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen +neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an. +</p> + +<p> +„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde +nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny +ohne Pause hin und her. +</p> + +<p> +Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich +selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie +geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden +meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen +ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von +Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, +vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie +wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum +gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, +alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur +noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß +fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr +zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm. +</p> + +<p> +Dieser Brief! +</p> + +<p> +Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? +Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? +Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu +sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige +Ton? War sie eine Ware, die man kaufte +und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis +stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird +Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ... +</p> + +<p> +Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich +bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, +ich wußte nicht, daß Worte vergiften können. +</p> + +<p> +Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich +zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, +hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt +und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war +zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu +hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. +Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle +diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von +ihrem Schmerz betäubt war. +</p> + +<p> +„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie +und reichte ihm Wenzels Schreiben. +</p> + +<p> +Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in +der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig +aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze +Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den +schwarzen, wilden Haarschopf. +</p> + +<p> +„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich +hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“ +</p> + +<p> +„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, +die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. +„Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“ +</p> + +<p> +Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, +aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab +er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny +rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er +tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, +einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen +und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. +Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen. +</p> + +<p> +Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. +Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die +blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser +das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung +auf. +</p> + +<p> +Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet +war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag +kommen und auch da nur auf eine Stunde. +</p> + +<p> +„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny. +</p> + +<p> +Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den +Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte +ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich +über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, +das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“ +</p> + +<p> +Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, +sie konnte nicht arbeiten. +</p> + +<p> +Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie +schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und +wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge +ihrer Zimmer waren zugezogen. +</p> + +<p> +Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei +ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu +sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen +könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich +nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, +er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer +Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung +vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin +zurück. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-15"> +15 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze +Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft +Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. +Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los +wäre. +</p> + +<p> +Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, +und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer +der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen +begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine +halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen +wieder über die Gesellschaft herfallen würden! +</p> + +<p> +Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft +nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß +die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung, +aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die +Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen +gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches +und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. +Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden +Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt! +</p> + +<p> +„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. +„Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir +unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir +verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich! +Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“ +</p> + +<p> +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das +allergrößte Vertrauen entgegengebracht. +</p> + +<p> +„Wie kann ein Gesicht so lügen?“ +</p> + +<p> +Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab +Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel +denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren +prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland, +die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. +Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, +die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. +Und in der Tat zwang Michael sie durch die +Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern +und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. +Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft +betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man +las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft, +die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften. +Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge +nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten. +</p> + +<p> +„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu +kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders, +seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte, +und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. +Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, +verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie +deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil +aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland +machte. +</p> + +<p> +Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die +Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung +erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden +würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel, +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig +sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht +einmal eine Antwort. +</p> + +<p> +Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet +und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. +Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger. +</p> + +<p> +Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte +er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: +die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat +zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine +große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft +erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands +Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten +ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme +verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen +einander näher bringen sollten, die +Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser- +und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit +für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß +würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig +und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen. +Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael +zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten +Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten +ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen +Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, +keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles +dank der Fürsorge der Frauen. +</p> + +<p> +Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft +getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen, +und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft. +</p> + +<p> +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten +organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland +Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende +Werk zu besichtigen. +</p> + +<p> +Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft +„Neu-Europa“ gegründet. Ähnliche Grundsätze, +angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen +Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten +reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen +aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man +gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der +Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen +und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker +– war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes +Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle +würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen, +das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen +Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika +würde Europa früher oder später gezwungen werden, +eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es +nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden. +</p> + +<p> +War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so +waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten +Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen, +übermorgen ... +</p> + +<p> +Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. +Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das +Stenogrammheft gebeugt. +</p> + +<p> +„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael. +</p> + +<p> +Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, +wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen +verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von +<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> +Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen +Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute +für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, +so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend +mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag +würde über Europa emporsteigen. +</p> + +<p> +Der Tag war nahe! +</p> + +<p> +„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, +und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen. +</p> + +<p> +Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften +ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger +er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner +Feinde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-16"> +16 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">nirschend</span> hielt das pechschwarzglänzende Auto, das +neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf +dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im +Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten +Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender +älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, +stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen. +</p> + +<p> +Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie +betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte +deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten +Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während +sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais +etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. +Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie +hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen +Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend, +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, +neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es +Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen, +so daß Park und Garten einen etwas kläglichen +Eindruck machten. +</p> + +<p> +Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers +Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, +da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der +Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die +Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie +– ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut +in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen, +ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte +den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche +Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek +mit den Abertausenden von Bänden und tausend +alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre +Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten +lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, +in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes +Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und +Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber +liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in +Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine +weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum. +Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda +angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln +und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, +daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt +würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen +hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den +Ritzen. +</p> + +<p> +<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> +Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen. +</p> + +<p> +Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am +zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu +Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin, +Michael und Eva Dux waren eingeladen. +</p> + +<p> +Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und +Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek +und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals +nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam +machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit +aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack +eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des +alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit +Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. +Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich +nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte +kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen +in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied +es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, +Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen. +</p> + +<p> +Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch +Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn +geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr +und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz +einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte. +Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter +waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends +fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch – +und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu +meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von +Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde +<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> +dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln +und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten, +vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten +man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft +nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie +erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, +und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute, +die sie mit ihm heiter und klug verplauderte. +</p> + +<p> +Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne +Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. +Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit +ihr glücklich werden. +</p> + +<p> +„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva. +</p> + +<p> +Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant +und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles +Vertrauen schenken.“ +</p> + +<p> +Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England +zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London +stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle +ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen +hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen +Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet: +wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand. +</p> + +<p> +Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, +ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und +die „Kleopatra“ stach sofort in See. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-17"> +17 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">elke</span> Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind +blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden +kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in +<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> +Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, +zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst +in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe. +Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht. +</p> + +<p> +Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte +Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus +vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war +heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen. +</p> + +<p> +„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, +daß er morgen über das Haus verfügen könne,“ sagte +Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht mehr hier +sein.“ +</p> + +<p> +Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, +während sie durch die Zimmer ging oder müde in +irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den +Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat +entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde +morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter +wohnte in seinem Gartenhaus nebenan. +</p> + +<p> +Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! +Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte, +und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen +Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und +starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und +hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte +ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten, +mit etwas schiefgezogenen Lippen. +</p> + +<p> +Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ +Oder sie sagte: „Weshalb gehst du schon? Bleibe doch +noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!“ Und +sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne. +</p> + +<p> +Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn +<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> +du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich +habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. +Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist +doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir +alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan +nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, +ich bin doch nicht so töricht.“ +</p> + +<p> +Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte +Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, +seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid +bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. +Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte +man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst +waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch +wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen +immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe. +</p> + +<p> +Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer +wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie +es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde +nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange +völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden +Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, +das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den +Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie +er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere +sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser +Schrei um Hilfe. +</p> + +<p> +„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie. +</p> + +<p> +Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es +zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, +das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es +wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag +<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> +es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel +einer jener Menschen, die morden konnten? +</p> + +<p> +Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen +Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man +gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr +erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief +dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, +in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er +das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich +Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene +Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte +es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht. +</p> + +<p> +„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, +daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? +Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner +Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne +dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den +Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr +übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du +nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, +daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“ +</p> + +<p> +Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono +flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und +leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf. +</p> + +<p> +„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter +Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen +Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war +klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem +sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren +so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich +sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“ +<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> +Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des +Traumes nicht mehr entsann. +</p> + +<p> +„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit +einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ +und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar +und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie +im Theater spräche: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„O gib, vom weichen Pfühle,</p> + <p class="verse">Träumend, ein halb Gehör!</p> + <p class="verse">Bei meinem Saitenspiele</p> + <p class="verse">Schlafe! Was willst du mehr?“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit +einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann +rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ und ging in das Badezimmer. +</p> + +<p> +Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem +Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten +zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische, +und in einer Nische stand eine Bank. +</p> + +<p> +Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte +sie sich um und blickte zur Nische. +</p> + +<p> +„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. +Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und +sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man +konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er +am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte +seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, +dünn und zart wie die Blätter einer Rose. +</p> + +<p> +Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. +„Sieh nur zu, Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann +<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> +saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal +ganz leise. +</p> + +<p> +„Schlafe! Was willst du mehr?“ +</p> + +<p> +Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun +sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“ +</p> + +<p> +Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser +und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. +Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich +mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand +durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm +triumphierend. +</p> + +<p> +„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, +fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die +Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und +das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im +Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun +verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, +und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie +das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange +still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. +Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren +gewesen. Sie erwachte. +</p> + +<p> +„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich +es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“ +</p> + +<p> +Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber +es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und +nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie +versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf +die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich +gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und +preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, +aber sie taumelte furchtbar. +</p> + +<p> +<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> +„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte +zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will +es nicht tun!“ +</p> + +<p> +Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon +Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon +wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. +Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es +war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so +schnell? +</p> + +<p> +Da schwand ihr das Bewußtsein. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-18"> +18 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, +ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei +Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß +er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für +Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber +nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie +zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das +Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten. +</p> + +<p> +Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr +verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde +später, während er gequält und von bösen +Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles. +</p> + +<p> +Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier +Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen. +Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner +Postflugzeug und kam nach einer stürmischen +Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei +Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen. +</p> + +<p> +Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. +<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> +Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich +von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren, +während ein junges, zartes Mädchen seine Hände +manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und +Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der +Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden. +</p> + +<p> +Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde +mich ergebenst zum Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner +Stimme einen alltäglichen Klang zu geben. +</p> + +<p> +Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den +Spiegel zu. „Ich habe Sie erst übermorgen erwartet, +Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie +Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“ +</p> + +<p> +„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte +Mackentin und nahm Platz. +</p> + +<p> +Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch +der Friseur. +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus +dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim +ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich, +daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. +Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich. +</p> + +<p> +„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage +früher gekommen sind?“ fragte er, seine Unruhe verbergend, +und seine Haltung wurde straffer. +</p> + +<p> +„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. +Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit +und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte +er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war. +</p> + +<p> +Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie +Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, +<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> +es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin +stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die +Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte +sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken +wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, +in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. +Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er +tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, +langsam, den starren Blick zu Boden geheftet. +</p> + +<p> +Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die +Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick +das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. +Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer +Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten +bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte +Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete +langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. +Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er +schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den +Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack +eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch +um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so +grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt. +</p> + +<p> +Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm +Handschuhe und Zylinder. +</p> + +<p> +Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, +harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich +danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht +um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“ +</p> + +<p> +„Sehr wohl.“ +</p> + +<p> +Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit +Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. +<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> +Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze +englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner +Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels +immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub +bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter +den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine +natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen +Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei +zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne +daß man es ihm anmerkte. +</p> + +<p> +Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf +den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den +Schreibtisch. +</p> + +<p> +„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und +diktierte bis vier Uhr morgens Briefe. +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen +diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum +Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen. +Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines +Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen +seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe +keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich +war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen +für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was +kann ich dafür? Gute Nacht!“ – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-19"> +19 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">sther</span> war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt +und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die +Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei +einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber +<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> +nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, +ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es +nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten +nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die +Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es +ging nicht anders. +</p> + +<p> +Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja +eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? +fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in +schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht +mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all +ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. +Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –. +</p> + +<p> +Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand +gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen +Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei +der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte +er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, +zurück. +</p> + +<p> +Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während +des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke +wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand +Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als +eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese +Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten, +gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten +ihn. +</p> + +<p> +Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit +dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den +Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der +hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die „Kleopatra.“ +Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. +<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> +Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit +weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen +standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel +der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, +fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit +alles entgegennimmt, was man ihm +bietet. +</p> + +<p> +Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem +Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst +jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht +geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ +las, stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese +Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem +Augenblick glücklich. +</p> + +<p> +Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. +In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht +ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die +Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie +wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta +und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere +Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten, +die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben, +fetten Blütentrauben an, und schon trieben die +Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen +Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge +glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche +Woche an Bord. +</p> + +<p> +Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther +ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm +direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther +einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in +Deutschland. +</p> + +<p> +<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> +In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. +Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen, +Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im +Sande. Es kamen englische und französische Freunde in +ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. +Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische +Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen +lassen, die den Neid aller Frauen erregten. +</p> + +<p> +Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, +daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als +wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer +Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas +mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-20"> +20 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ichael</span> fand den Bruder verändert. Schien es nicht, +als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, +sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, +erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen +war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. +Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. +Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all +dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und +Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude +und Glücksgefühl. +</p> + +<p> +„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael +etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, +wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. +„Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner +Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen +willst.“ +</p> + +<p> +<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> +Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund +zu einem spöttischen Lächeln. +</p> + +<p> +„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“ +</p> + +<p> +Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will +nicht,“ sagte er kurz. +</p> + +<p> +„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. +„Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen +vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und +wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den +breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“ +</p> + +<p> +Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. +„Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten +Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten +Schichten an?“ +</p> + +<p> +„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich +bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war +in Wenzels Stimme. +</p> + +<p> +„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel +mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache +der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“ +</p> + +<p> +Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß +weder die Regierung noch das Parlament eine derartig +riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände +gehemmt zu werden.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, +sich um eine andere Regierung und ein anderes +Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu +indolent dazu sind?“ +</p> + +<p> +Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen +auf den Bruder. Er erwiderte nichts. +</p> + +<p> +Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb +<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> +mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen? +Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir +nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen +haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die +Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“ +</p> + +<p> +„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, +aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs +Feuer gehen.“ +</p> + +<p> +Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, +Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar +obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis +verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende +für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen +kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen +Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder +mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie +zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand +wird es wagen, dich anzugreifen.“ +</p> + +<p> +Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange +vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet. +</p> + +<p> +„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, +Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte +Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand, +deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. +Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand +wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor +deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, +und man hat die unglückliche Jenny +Florian nicht vergessen.“ +</p> + +<p> +Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. +„Wer ist man?“ schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen +schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich +<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> +kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben +Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als +ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, +ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind +Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und +ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach, +erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende +im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen +und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, +daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso +schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“ +</p> + +<p> +Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War +das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit +in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen +Sinn, dagegen zu kämpfen. +</p> + +<p> +„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ +sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen +Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken +zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du +willst uns das Darlehn also nicht geben?“ +</p> + +<p> +Wenzel wandte sich ungeduldig ab. +</p> + +<p> +„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den +Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten +Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es +nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und +Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot +haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“ +</p> + +<p> +Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb +richtest du derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte +er, um vieles beherrschter. „Frage doch die Regierung, +weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige +in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten +<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> +der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne +Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der +Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage +doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für +diese Gesellschaftsordnung.“ +</p> + +<p> +Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: +„Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht +hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten? +Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des +indischen Wortes ‚<span class="antiqua">Tat tvam asi</span> ...‘ Das bist du! Das +heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“ +</p> + +<p> +Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten +Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner +Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit. +Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und +wie sie alle heißen –“ +</p> + +<p> +Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit +entsetztem Blick. „Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er +zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu: +„Lebe wohl, Wenzel.“ +</p> + +<p> +Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel +kam ihm einige Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ +versuchte er einzulenken. +</p> + +<p> +„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael +unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-21"> +21 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">sther</span> Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen +und hatte ihre Residenz im Schellenbergschen +Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und Nacht +<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> +knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen +vor der Freitreppe. Tag und Nacht gingen die +Gäste aus und ein. Der Haushofmeister, der ehemalige +Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun. Fast ständig +waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen +viele ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das +Haus und sagte aus Höflichkeit einige Schmeicheleien. +Major Fairfax kam auf vierzehn Tage. Er beachtete das +Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur sinkenden +Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm +spielen wollte. +</p> + +<p> +Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres +im Auslande zu verbringen und sich in Deutschland so +wenig wie möglich aufzuhalten. Ein paar Monate im +Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen +im Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben +Berlins sich wieder beleben sollte. +</p> + +<p> +Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung +und Zerstreuung geschaffen werden. Für diese Zwecke +schien ihr das Jagdschlößchen Hellbronnen ganz besonders +geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen, was +ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten, +eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie +plante auf Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische +Nächte, sie plante alle möglichen Dinge. Man +konnte gewiß recht ausgelassen in dem Schlößchen und +dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu +werden. <a id="corr-18"></a>Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie +beabsichtigte zu diesen Festen ihre englischen und französischen +Freundinnen, die sich auf das Leben verstanden, einzuladen. +Es sollte eine Sache werden, von der man überall +sprach. +</p> + +<p> +<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> +„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. +„Willst du mir Hellbronnen schenken?“ +</p> + +<p> +„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel. +</p> + +<p> +Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten +schmalen Lippen. „Du kannst fordern,“ erwiderte sie. +</p> + +<p> +„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“ +</p> + +<p> +„Ich kann damit anfangen, was ich will?“ +</p> + +<p> +„Natürlich.“ +</p> + +<p> +Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten +Kaufherr und Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen +ihre extravaganten Wünsche vorzutragen. Es sollten Pavillons +errichtet werden, da und dort, für die Gäste, möglichst +verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem Raffinement +ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten +wirken. Phantastische Gondeln sollten auf den +Teichen fahren, Wasserkünste, die man farbig beleuchten +konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus +sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im +Sommer ins Freie bringen konnte, um den phantastischen +Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner Teich aber sollte, so wie +er war, vollständig mit Glas überdacht werden! Der Teich +war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht +ließ sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau +erschien? Eine Heizanlage war vorzusehen, damit +man auch an kühlen Tagen in dem kleinen Teich baden +konnte. +</p> + +<p> +Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um +Vorschläge, gewiß würde ihr selbst noch manches einfallen. +Und Esther eilte wieder nach Berlin zurück, um +die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, +das sie geben wollte. – +</p> + +<p> +In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von +<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> +dem die Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in +dieser gleichen Nacht starb fern von Berlin der alte Raucheisen +auf seinem Schloß Charlottenruh an der Ruhr. +</p> + +<p> +Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, +eine vorübergehende Schwäche des Herzens. Der Arzt war +ohne jede Besorgnis. Er schlief fest und tief in seinem +Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die Nachtwache +hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich +zu wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte. +</p> + +<p> +Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden +lang ganz vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich +und setzte sich hastig aufrecht und lauschte. Eine matte +Ampel erhellte den Raum. Ein kleines blasses Männchen, +saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen +seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht +einmal so groß wie ein Knabe, fast wie ein Kind sah er +zwischen den schweren dunkeln Vorhängen aus. Dieses +Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig vor. So +saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten +mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es +waren die Hände eines Toten. +</p> + +<p> +Und er lauschte. +</p> + +<p> +Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad +der Zeche Charlotte Raucheisen in der Luft schwirren. In +der Nacht sah er die Hochöfen flammen ringsum, es war +das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, wenn +er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge +aus den Öfen quellen, von feurigen Männern umtanzt. +Er sah Glut und Rauch am Himmel, als lohe eine Feuersbrunst. +Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen Jahren, +ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn. +</p> + +<p> +Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne +<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> +Ebenen. Das waren die Siedlungen, die er für +seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. Hunderte von Morgen +Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte +diese Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften +abgebildet als vorbildliche Einrichtungen – aber +niemand hatte es ihm gedankt. In jenen Tagen, da die +Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor erschlagen, +und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand +im Zuge schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf +stand: „Ich bin der Blutsauger Raucheisen.“ +</p> + +<p> +Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. +Es waren Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, +längst vergangen. Alles war wie früher. +</p> + +<p> +Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den +dunkelblauen seidenen Vorhängen, da unten, da liefen die +Stollen und Querschläge. Da unten waren jetzt sechshundert +Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die +Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken +klingen? Und kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? +Oh, der alte, kleine Mann sah die Lämpchen wandern. +Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, in +siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, +von einer Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten +im Ruhrgebiet. Dieses Flöz war der Reichtum der Zeche. +Hier unten hatte der kleine, bleiche Mann vor mehr als +fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er praktizierte, +nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier +unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier +herauf. War das nicht sonderbar? Wie der Berg heute +den Schall trug! Und wie die Scharen von Lämpchen +hin- und herwanderten, wie sie zwischen den Verschlägen +und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. +<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> +Und der Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen +Männer. +</p> + +<p> +Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken +klingen, nun klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben +ihm. Hunderttausende von Stahlpicken hämmerten ringsum, +und der kleine, bleiche Mann lächelte verzückt. Da +waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie arbeiteten, +immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten +sie, und sie arbeiteten alle für ihn. +</p> + +<p> +Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen +die Tür. Hörst du nicht? Der kleine, bleiche Mann +lächelte und sagte leise: „Herein“. +</p> + +<p> +Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, +matterleuchtete Zimmer lag ganz still, bis der Morgen +kam. +</p> + +<p> +Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof +strömten, sahen sie eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. +„Den alten Raucheisen hat heute nacht der Teufel +geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der +klirrend in die Tiefe fegte. +</p> + +<p> +Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die +Nachricht vom Ableben ihres Vaters erhielt. Während +sie tanzte und lachte, war ihr ein ungeheures und unübersehbares +Vermögen in den Schoß gefallen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-22"> +22 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle +of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, +die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen. +Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner +<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> +großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord +Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen +Sportwelt berühmt wurden. +</p> + +<p> +Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin +und England unterwegs. +</p> + +<p> +Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von +einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen +ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr +Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, +verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt +war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger +berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister +gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen +zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, +man mußte als Vogel kostümiert erscheinen – +war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier, +das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die +illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger. +Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky +erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und +Bühnenkünstler. +</p> + +<p> +Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine +leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast +jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter. +Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß +der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein +hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. +Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure +Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine +Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, +wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte. +</p> + +<p> +Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, +<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> +dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und +Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen +Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. +Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern +und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich. +Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte. +Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles +schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. +Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. +Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure, +Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft. +Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen +Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht +zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und +Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen +voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer +ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit! +</p> + +<p> +Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. +Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art +Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von +Befriedigung. +</p> + +<p> +„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er +sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel +betrachtete. „Und doch ist dies erst der Anfang! +Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige +Träume berauschten ihn –. +</p> + +<p> +Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im +Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender +Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen +konnte. +</p> + +<p> +An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, +wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel +<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> +Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte +für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit +gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und +kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle +Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren +Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe +hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in +der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, +milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte +sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an +Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. +Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner +Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges +Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen. +Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres +nicht zu erwehren. +</p> + +<p> +„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht +so närrisch,“ rief sie wieder und wieder aus. +</p> + +<p> +Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer +großen Anzahl von Menschen. +</p> + +<p> +Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, +das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in +der Menge. +</p> + +<p> +„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel. +</p> + +<p> +„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther +lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären. +</p> + +<p> +Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, +geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen +Tagen vollkommen. +</p> + +<p> +Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause +kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war +– Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte +<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> +erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose +Szene mit dem Windspiel ein. Er ging +auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte +sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine +Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes +sein? fragte er sich, indem er auf- und abging +und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, +ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber +nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte, +wenn er in schlechte Laune geriet. +</p> + +<p> +„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte +er plötzlich. „Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche +Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig +närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig +mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe +dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch +sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der +Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war +auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur +seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er +sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht +schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht +etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem +Bärenzwinger zu?“ +</p> + +<p> +Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, +und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. +Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit. +</p> + +<p> +Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm +zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major +Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick +hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder +<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> +wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer +Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur +ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und +nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht +hatte er diesen Blick völlig mißdeutet. +</p> + +<p> +Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich +ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer +des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das +würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver +und begab sich zur Ruhe. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem +er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen +Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah +er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis +malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging +es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter +hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden. +Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem +Windspiel überall Ausschau zu halten. +</p> + +<p> +Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden +zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen +Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig +zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten +oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. +Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus +Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann +Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach +einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er +das Windspiel vergessen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-23"> +<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> +23 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ber</span> plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr +an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen +Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem +Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder. +Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur +gekommen, um Esther abzuholen. +</p> + +<p> +Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange +gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr +trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen +Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, +übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem +Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die +Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich +erbleichte Wenzel. +</p> + +<p> +Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier +gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er +kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub, +er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. +Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und +beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen +geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine +Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky +hieß der junge Mann. +</p> + +<p> +Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen +genannt? +</p> + +<p> +Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den +Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ +ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein +dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe. +</p> + +<p> +Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, +<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> +die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über +seine unsinnigen Kombinationen zu lachen. +</p> + +<p> +„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir +werden drei Wochen auf die See gehen!“ +</p> + +<p> +Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über +Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer +Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr. +</p> + +<p> +Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle +Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen +gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge. +</p> + +<p> +Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade +gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus +betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte +in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen. +Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der +Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge +der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie +es Wenzel schien, rätselhafter. +</p> + +<p> +Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder +erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen +suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der +Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem +Hause. +</p> + +<p> +Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei +Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels +führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten, +daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem +Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie +etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit +gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und +doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren +mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es +<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> +lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, +ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis +trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig +gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über +alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug? +</p> + +<p> +Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen +nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine +vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll +genug, um sich für eine derartig schwierige Mission +besonders zu eignen. +</p> + +<p> +Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, +rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach +aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen +Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“. +</p> + +<p> +Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit +noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner +Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste. +</p> + +<p> +Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll +und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große +Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht +hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um +mehr Zurückhaltung gebeten. +</p> + +<p> +„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, +Esther,“ sagte er. „Sie sind zum größten Teil Spießbürger, +die die Dinge mit andern Augen sehen und manches +mißdeuten könnten.“ +</p> + +<p> +Esther warf die Lippe in die Höhe. +</p> + +<p> +„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen +des Kopfes. „Ich tue, was ich will, du weißt +es, und kümmere mich nicht um die Menschen.“ +</p> + +<p> +Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und +ausweichend. +</p> + +<p> +<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> +Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine +Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer +und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen. +Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten. +„Nun, und die andere Sache?“ fragte +Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte. +</p> + +<p> +Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. +Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde +zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige +positive Tatsache. +</p> + +<p> +Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man +über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn +als Freund. +</p> + +<p> +Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches +über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. +Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen. +Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte +man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein +Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm +zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten +die bösen Zungen. Man habe auch die Namen +von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das +sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei. +</p> + +<p> +Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die +Hand. „Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. +„Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.“ +</p> + +<p> +Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders +aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden +Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er +unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels. +Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß +<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> +Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit +in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende +junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über +ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß. +</p> + +<p> +Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten +Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner +Flugzeug Berlin. +</p> + +<p> +Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts +Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte +irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden. +</p> + +<p> +Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. +Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten +seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete +er ausführlich über alles, was er in Erfahrung +gebracht hatte. +</p> + +<p> +Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber +wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch +in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman +die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal +zu vermeiden. +</p> + +<p> +Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine +Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund +eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn +auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien. +</p> + +<p> +Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an +zu ahnen, wer Esther war. +</p> + +<p> +Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner +Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war +ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht +das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte +und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte +nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> +Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre +Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr +wollte er nicht sagen. +</p> + +<p> +Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. +Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe +wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer +Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, +so oder so. +</p> + +<p> +Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. +Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog +ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und +legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz +auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf +Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag +um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr +verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um +elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen. +</p> + +<p> +Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler +sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde +auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es +befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs +sicher. – +</p> + +<p> +Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem +Stein gehauen. +</p> + +<p> +„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang +ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten +so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich +funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie mich belügen, +Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich überzeugen, +ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“ +</p> + +<p> +Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg +können sich überzeugen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-24"> +<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> +24 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen +sein Büro nicht eine Minute. Er arbeitete an +einer Neuorganisation des Schellenberg-Konzerns, die die +Verwaltungskosten um ein Drittel vermindern sollte. Ein +ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie die +Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen +erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu +werfen: Das Mietsauto stand an der Ecke. +</p> + +<p> +Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, +kam der Anruf des Vertrauensmannes. +</p> + +<p> +Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die +Straße, um das Mietsauto an der Ecke zu besteigen. +Straße, Nummer, warten, bis ich Order gebe, zwanzig +Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt es +wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz +rabiat zu sein. +</p> + +<p> +Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß +regungslos im Wagen, die Augen auf das bezeichnete +Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine kleine Villa in +Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der +Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich +vollenden, dachte Wenzel und hielt den Blick auf das +Haus geheftet. Die Gedanken jagten. Er rauchte eine +Zigarette nach der andern und wartete. Eine Stunde verging. +Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel +in eine Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen +still, sie bewegten sich nur noch um kleine Nebensächlichkeiten. +Wer diese Villa wohl gebaut hatte? Welche Gagen +ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen +zu können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer +<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> +Seite? Dort an der Ecke stand der Vertrauensmann, +las die Zeitung und aß eine Banane. Er verabscheute +ihn. +</p> + +<p> +Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine +Dame erschien. Sie trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen +Hut und ein dünnes, weiches Cape der gleichen +Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt +hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde +aber sofort ins Haus zurückgerufen. Die Dame verließ +das Haus, unauffällig, sorglos, so wie täglich in jeder +großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser +Stunde verlassen. +</p> + +<p> +Aber diese Dame trug seinen Namen. +</p> + +<p> +Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, +dann nahm sie ein Mietsauto und fuhr davon. +</p> + +<p> +Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem +Wagen. Der Agent ging vorüber und wandte das Gesicht +gegen die Scheibe. Dann befahl er dem Chauffeur, +ihn in sein Büro zurückzufahren. +</p> + +<p> +Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein +Gericht, keine Zeugenschaft. +</p> + +<p> +Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch +unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann +fuhr er nach dem Grunewald zurück. +</p> + +<p> +Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn +war böse gerunzelt. Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft +vor seiner schlechten Laune. +</p> + +<p> +„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“ +</p> + +<p> +Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem +Charakter, keineswegs chinesisch, aber es wurde so genannt. +Es war ganz gekachelt, ultramarinblau, die Decke +<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> +vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen Raum zur +Dämmerstunde. +</p> + +<p> +Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie +sprachen englisch und französisch. Zwei Freundinnen waren +seit gestern auf Besuch gekommen. Die Frau eines +englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft frisiert, +mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine +quecksilberige pechschwarze Französin, die ihrem Mann +durchgebrannt war und sich bei Esther versteckte. Die +Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest in +Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. +Man wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers +Empfangssalon aus sah Wenzel in das chinesische Zimmer. +Der Rauch der Zigaretten hatte unter der Decke +eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, +und gleich danach trat die Gestalt eines jungen +Mannes ein. Wenzel erkannte Katschinskys Stimme. +</p> + +<p> +„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte +Esther, fast gleichgültig, fast gelangweilt. +</p> + +<p> +„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. +„Ich bin seit einigen Tagen wieder hier, finde +aber erst heute eine freie Stunde.“ +</p> + +<p> +„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und +Madame Georgette Leblanc aus Paris.“ +</p> + +<p> +Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt. +</p> + +<p> +„Oh, welch schamlose Komödie!“ +</p> + +<p> +Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der +Luft liegt. +</p> + +<p> +Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte +unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer +<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> +zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten +solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen. +</p> + +<p> +Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem +Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in +seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer +hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: „Oh, +welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war +sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt. +</p> + +<p> +Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel +finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem +Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen +Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr +Gäste gekommen zu sein. +</p> + +<p> +Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen +gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh, +welche Infamie! +</p> + +<p> +Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern +und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer +einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt. +Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz +zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, +die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, +gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau, +und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd +da und blickten ihn mit kaltem Spott in den +Augen an. +</p> + +<p> +Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie +entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den +Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war – +furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott +und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, +diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten +<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> +sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders, +er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen +würde, nur er nicht. +</p> + +<p> +„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den +Schmutz tritt!“ knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, +ich werde mich furchtbar rächen!“ +</p> + +<p> +Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er +wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer +Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und +die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese +Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos +im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher +Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? +Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier, +dessen Eigenschaften niemand kennt. +</p> + +<p> +Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein +Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel. +Man tanzte. +</p> + +<p> +„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder +und wieder aus, mit verzerrten Zügen. +</p> + +<p> +Es war eine furchtbare Nacht. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-25"> +25 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ +drängten sich unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, +Kopf an Kopf. Ihr Geschrei erfüllte die Straße. +</p> + +<p> +„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“ +</p> + +<p> +Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen. +</p> + +<p> +Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen +der Entmutigten. Er erklärte, daß die Gesellschaft in +<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> +den letzten Wochen Abertausende eingestellt habe, daß sie +aber vorläufig über keine weiteren Mittel verfüge. Er +werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat vorsprechen. +</p> + +<p> +Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den +Zechen häuften sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl +von Hochöfen war bereits ausgeblasen worden. Der Export +war auf ein Minimum herabgesunken. Jahrelang +hatte er tauben Ohren gepredigt. +</p> + +<p> +Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: +„Gib uns Arbeit! Komm heraus, Schellenberg!“ +</p> + +<p> +Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben +wurden eingeworfen. Die Polizei schritt ein. +</p> + +<p> +Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch +die Fenster eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die +Verzweifelten zur Ruhe zu bringen. Gestern erschien ein +Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete. +Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war +aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt +nicht zu gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder +eingestellt zu werden, oder er werde das Gebäude in +die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und vier +kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit +einem Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. +Er war Steinträger, ein krummbeiniger, breitschulteriger +Bursche mit rotem Schnauzbart und schwammigem Trinkergesicht. +Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und +an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen! +</p> + +<p> +Und in der Tat, er kam wieder. +</p> + +<p> +An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der +<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> +Regierung und Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der +Michael eingeladen war. Er sollte seine Pläne vortragen. +</p> + +<p> +Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig +die Treppe hinab, so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung +begleitete, kaum zu folgen vermochte. +</p> + +<p> +Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude +durch einen Nebenausgang zu verlassen. Kaum +aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe des Nebenausgangs +gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die +linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn +mit einem schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange +gegen die Schulter gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe +gefallen. In dieser Seitenstraße waren nur wenige +Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem +Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der +neben dem Wagen gestanden hatte, sich auf einen Mann +stürzte und ihn zu Boden warf. Sofort sammelten sich +Menschen an. +</p> + +<p> +„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur +und deutete auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht +des Mannes, den er zu Boden geschlagen hatte. Es +war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der +gestern Rache geschworen hatte. +</p> + +<p> +Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der +Knall war im Lärm der Straße verhallt. +</p> + +<p> +Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand +noch immer und begriff nicht. Er spürte immer noch +den heftigen Schmerz an der Schulter. +</p> + +<p> +„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet +in Angst und Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. +Michael schüttelte den Kopf, er vermochte kein Wort zu +<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> +erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer +stärker spürbar. +</p> + +<p> +„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr +kleines Taschentuch und schob es hastig unter seine Weste. +Erregt versuchte Eva ihn wieder ins Gebäude zurückzudrängen. +</p> + +<p> +Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ +sagte er. „Was kann es sein? Was wollte er?“ schrie er +dem Menschenknäuel zu, der sich um den Steinträger +ballte. +</p> + +<p> +Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr +nachmittags. +</p> + +<p> +Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, +die mit den feuchten Blättern durch die Straßen +rannten. +</p> + +<p> +„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser +schießt auf Schellenberg!“ +</p> + +<p> +Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein +Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker +Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der +Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein Revolverattentat verübt. +Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu +lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. +Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen +ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß. +</p> + +<p> +Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der +Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein +notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten +in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren +verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für +geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats +waren höchst unklar. +</p> + +<p> +<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> +Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die +Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine +häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren +müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers +und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter +großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend +hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an +Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft +„Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn +gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. +Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald, +einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall, +alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine +tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter +hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem +Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg, +verwechselt! +</p> + +<p> +Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. +Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. +Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus +zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem +Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch +nicht finden konnte. +</p> + +<p> +Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger +Trinker. +</p> + +<p> +Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, +lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein +zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt +worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen, +wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, +wiederhergestellt sein. +</p> + +<p> +Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am +<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> +Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein +allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten +Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden, +um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte +aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß +auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael +wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare +kamen, um ihn zu vernehmen. +</p> + +<p> +„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. +„Es ist ein Opfer der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte +Tat ist nicht der Akt eines einzelnen, die Verzweiflung +von Abertausenden von Arbeitslosen fand darin +ihren Ausdruck.“ +</p> + +<p> +Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und +die Temperatur so befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, +täglich zwei Stunden lang die Berichte seiner +Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich sofort +um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer. +</p> + +<p> +Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden. +</p> + +<p> +Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. +Wie ein Racheengel erschien er bei einer großen +Zahl seiner Unternehmungen, nur in Begleitung von Mackentin +und Stolpe. Seine Miene war kalt und finster, +und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem +Blick. Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. +Nein, Wenzel Schellenberg war nicht der Mann, der hohe +Gehälter bezahlte dafür, daß man sich auf die faule Haut +legte. Sie täuschten sich. Er brauchte schöpferische Köpfe, +die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge +hatten. +</p> + +<p> +Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael +Kenntnis erhalten. Er kaufte in Hannover eine Zeitung, +<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> +bevor er in den Kölner Schnellzug einstieg. Es war am +Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her, Mackentin!“ +rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“ Augenblicklich +erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen +und ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte +Wenzel alle Zeitungen zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ +sagte er mit einem verstörten Lächeln. „Eigentlich +hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas +mit Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ +Tagelang sah Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels +Blicken. +</p> + +<p> +Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich +günstiger, und Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging +noch einmal vorüber, Gott sei Dank!“ +</p> + +<p> +Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs +zur Klinik. +</p> + +<p> +Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die +Michael erregen konnten. Infolgedessen mußte Wenzel +sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu sprechen. Eva +fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich eine +Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, +die Züge hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, +täglich zweimal telephonischen Bericht zu geben. +Sie versprach es gern. Wenzel schien zu leiden. +</p> + +<p> +Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte +ihm einige Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber +die Ärzte hielten ihn noch in der Klinik fest, da sich zuweilen +in der Nacht geringes Fieber eingestellt hatte. Sie +gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich +keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte. +</p> + +<p> +Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer +auf und ab. +</p> + +<p> +<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> +„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir +immer zurückstellen mußten, Eva. Da ist zum Beispiel +dieser Plan mit den schwimmenden Werkstätten, die überallhin +leicht transportiert werden können. Willst du schreiben, +Eva?“ +</p> + +<p> +Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie +erinnerte dann, daß der Termin des Preisausschreibens +bereits überschritten war. +</p> + +<p> +Auch damit war Michael einverstanden. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein +Preisausschreiben veröffentlicht. „Verbesserungen und +Vorschläge zum Bebauungsplan der Lüneburger Heide.“ +Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte +hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und +es war nur selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern +eine große Anzahl seiner Mitarbeiter befand. +Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten erfreute Michael. +Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte +sich, daß einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der +Öffentlichkeit völlig unbekannter Mann, die beste Arbeit +geliefert hatte. Er hieß Georg Weidenbach und war +der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe +von Berlin. +</p> + +<p> +Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. +Ein schmächtiger junger Mann mit blondem +Haar, gebranntem Gesicht und strahlenden Augen trat +in sein Zimmer. +</p> + +<p> +„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte +Michael zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Ich werde +Ihnen die Leitung einer Abteilung übergeben. Halten +Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus +der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er +<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> +betrachtete Georg aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon +gesehen?“ fragte er dann. +</p> + +<p> +Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine +jetzige Frau mit nach Glückshorst nehmen zu dürfen. +</p> + +<p> +„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere +mich noch deutlich. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. +Sie sehen um vieles besser aus als damals.“ +</p> + +<p> +Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt +entlassen hatten, rief er Weidenbach nach Berlin. Er +führte Georg persönlich in die Abteilung ein, deren Chef +er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume. +</p> + +<p> +„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ +rief er ihm zu. +</p> + +<p> +Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder +nach Berlin zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst +verstört irrte, wie ein Hund, der seinen Herrn verlor. +</p> + +<p> +Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem +kleinen Georg nach Berlin gekommen, um die Wohnung +einzurichten, die ihnen die Gesellschaft überwiesen hatte. +Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden +Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und +Nacht nähte sie an den Vorhängen. Aber endlich war es +soweit, und das kleine Einweihungsfest konnte stattfinden. +Es prasselte und krachte in Christines kleiner Küche. +</p> + +<p> +Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs +früherer Chef in Glückshorst, man erinnert sich? Er +brachte eine Flasche Burgunder mit. Dann kam der +Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, berstend +von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten +seiner Kunst. Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier +am Nollendorfplatz hatte. Er brachte einen schwarzen +Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. Er +<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> +brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die +Türe ging. +</p> + +<p> +„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude +und umarmte die Freunde. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-26"> +26 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzel</span> war in dieser Zeit fast immer in Geschäften +unterwegs. Nur zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage +nach Berlin zurück. Er wohnte in seinem Hause im Grunewald, +lebte aber völlig zurückgezogen. Er arbeitete. +</p> + +<p> +Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren +Plänen für das Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. +Das Fest sollte eine ganze Woche dauern, von Sonntag zu +Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen aus +dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden +Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky +führte die Regie. Esther hatte vom frühen Morgen +bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war vollauf +beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern, +Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, +sie lachte und ereiferte sich – es fiel ihr gar nicht auf, +daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, drei Tage zurückkam, +auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu +Gesicht bekam. +</p> + +<p> +Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, +mit der Esther ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn +er auf wenige Minuten in ihrem Freundeskreis erschien, +machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz allem, Unrecht tun? +</p> + +<p> +Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen +Mackentins scheu und unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, +<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> +er täuschte sich nicht, das war nicht der alte Mackentin. Es +war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er wich +seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien +etwas zu verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede. +</p> + +<p> +„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? +Was geht hier vor?“ drang er in ihn. +</p> + +<p> +Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an +der Zigarre. „Oh, nichts,“ erwiderte er, während er +Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts, gar nichts oder fast +nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es Ihnen als +Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer +großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl +ich doch von Geschäften nichts verstehe und Ihnen +sogar häufig Schaden zufügte.“ Und endlich fiel Mackentin +wieder in jenen Ton, den er bei Unannehmlichkeiten +wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender +Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und +gut, ohne viele Umstände erklärte Mackentin, er halte es +für seine Pflicht, Wenzel daran hinzuweisen, daß der +Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit damit +prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe +habe es ihm vor einigen Tagen mitgeteilt. +</p> + +<p> +Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die +Farbe von Blei, das lange an der Luft liegt. Er faßte +sich indessen rasch, es ging nun zu Ende. Er nahm Mackentin +das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine längere +Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den +Augen, als er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer +verließ. +</p> + +<p> +An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin +im Automobil. Ein Narr! Welch ein Narr! Fast wäre +er an sich irre geworden. Dieses Stück, das man spielen +<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> +wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“, +hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! +Es traten ihm fast die Tränen in die Augen, aus +Trauer über ein solches Ausmaß von Naivität und Borniertheit. +Der Dichter dieses Stückes wohnte bei Katschinsky. +Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines +Tages, in einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, +hatte er sich folgendes Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter +des Stückes wohnt bei Katschinsky, dem Regisseur. +Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. Vielleicht +ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, debattierten, +ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich +alles ganz einfach, lächerlich einfach erklärte – während er +sich die Brust mit beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein +Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte ihn der Keulenschlag +mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich schlagen, +wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst. +</p> + +<p> +Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? +Er erinnerte sich, wie lange war es her? Es war damals, +als er die Geschichte mit Jenny Florian hatte. Am Anfang. +Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten +Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! +Rache für Jenny Florian!“ Er zeigte diesen +Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen Brief geschrieben. +</p> + +<p> +Seht an! Seht an! +</p> + +<p> +Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel +klopfte an die Scheiben, und der Wagen hielt. +</p> + +<p> +„Wohin fahren Sie?“ +</p> + +<p> +„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen +haben,“ antwortete der Chauffeur. +</p> + +<p> +Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann +<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> +sich. „Es schien mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte +der Wagen durch Schmutz und Regen. Es wurde Nacht. +Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. In +Warnemünde lag die Jacht. +</p> + +<p> +Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es +regnete und der Wind fegte. Die Scheinwerfer des Autos +blendeten über Glasveranden. Sie schienen in eine Stadt +von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, gegenüber +vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien +wie verlassen. +</p> + +<p> +Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, +und Wenzel zuckte, wie geschlagen, zusammen, so oft der +Chauffeur in die Nacht hineinbrüllte: „Halloh, Esther +Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich fand der Chauffeur +einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und endlich +zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes +Gesicht. +</p> + +<p> +„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem +Augenblick wurde die Jacht lebendig. Licht flammte auf, +Schritte eilten. Der Kapitän war nicht an Bord. Wenzel +befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht segelfertig zu +machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, +in das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der +Wind trillerte in den Tauen. Schon saß Wenzel in der +Kajüte, und plötzlich fühlte er sich freier und stiller. +Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn +verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser! +</p> + +<p> +Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel +Kognak goß, dann zündete er sich eine Zigarre an und ging +auf und ab. Fast hatte er seine ganze Schmach und +Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach einer +Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, +<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> +in den Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht. +</p> + +<p> +„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, +einen früheren U-Bootführer, namens Wittgenstein. +„Wir sind unter uns Kameraden, und es ist doch völlig +einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen. +Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es +plötzlich in Berlin nicht mehr ausgehalten. Ich brauche +etwas frische Luft. Wir werden einen Schlag in die See +machen. Sind Sie bereit?“ +</p> + +<p> +Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer +geschickt habe, es werde wohl eine geraume Weile +vergehen. +</p> + +<p> +„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt +aus. „Wir werden essen und trinken.“ +</p> + +<p> +Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das +andere hinunter. „Ich bin zur Zeit mit den Nerven fertig, +Wittgenstein!“ rief er lachend aus. „Sehen Sie, wie +meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die +See. Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es +ist schlechtes Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe +gebracht. Geben Sie jedem eine Flasche von diesem Bordeaux +und ein paar tüchtige Schnäpse!“ +</p> + +<p> +Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau +loswarf und die Jacht klatschend gegen die See ankämpfte. +Wittgenstein hatte wegreffen lassen, was möglich war, es +war schweres Wetter. +</p> + +<p> +„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“ +</p> + +<p> +„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar +ist es hier auf der See!“ +</p> + +<p> +Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als +<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> +die dänische Küste in Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs +auf Bornholm. +</p> + +<p> +„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte +er. „Ich will nur nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ +Am Nachmittag schlief er ein, und am Abend begann +er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht +war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie +dahin. +</p> + +<p> +Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie +sagen, Wittgenstein,“ schrie er dem Kapitän zu, „wenn +ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See brach zischend +über das Deck. +</p> + +<p> +„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß +nicht tun.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es +eines Tages.“ +</p> + +<p> +Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. +„Hören Sie, Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. +Wie wäre es, wenn wir zwei eine Schmugglerfirma +aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach +Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer +Beruf für zwei alte Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und +Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. +</p> + +<p> +Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. +Er war bemüht, so wenig wie möglich zu trinken, so sehr +ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und nüchtern blieb er während +der ganzen Fahrt. +</p> + +<p> +Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen +Regenböen in der schweren See dahin. Dann endlich war +es auch für Wenzel genug. Sie steuerten nach Warnemünde +zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um sich +augenblicklich zu Bett zu legen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-27"> +<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> +27 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enzels</span> Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf. +</p> + +<p> +Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas +war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen. +In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten, +schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen. +Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette +blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke +um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein +Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine +Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte +gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich +wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war +und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst +dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er +ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender +Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und +hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte. +Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben +waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon +wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang +es Wenzel noch, an Bord zu kommen. +</p> + +<p> +Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer +fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender +Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch +konnte ihn mehr einholen. +</p> + +<p> +Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem +Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich +immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen +argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch +in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da +<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> +waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren +von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn +niemand mehr zu beachten. +</p> + +<p> +Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit +zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie +der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel +besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine +Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine +Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche +Blutspuren zeigte. +</p> + +<p> +„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester +Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der +Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs +schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden +Blicken. +</p> + +<p> +„Sie sind seekrank.“ +</p> + +<p> +Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ +trug. Ein sonderbarer Name. +</p> + +<p> +Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und +mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch +ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging +ein einsamer Offizier hin und her. +</p> + +<p> +„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen +Offizier auf der Brücke empor. +</p> + +<p> +Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete +nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine +bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei +Schornsteinen. +</p> + +<p> +Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er +öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, +niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war +zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. +<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> +Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so +furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand +mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum +hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche +Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen +des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, +nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er +allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem +entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, +von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar +zu tuten. +</p> + +<p> +Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie +voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß +gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ +Er betrachtete seine Hände. Was war es doch +mit meinen Händen? +</p> + +<p> +Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach +seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff +nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf +einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner +vor ihm stand. +</p> + +<p> +„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er. +</p> + +<p> +Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich +Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-28"> +28 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen +nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen. +Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar, +in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt, +<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> +sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob +ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. +Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich +hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen, +wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging +auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in +einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, +die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes +Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte. +</p> + +<p> +Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der +längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem +Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz +stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage +war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. +Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe +Fieber aber blieb bestehen. +</p> + +<p> +Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich +kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang +im Bett liegen!“ rief er aus. +</p> + +<p> +Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. +Sie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Wann +schlief sie? Michael wußte es nicht, denn immer war sie +gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte, +legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte +ihn. +</p> + +<p> +Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf +seiner Haut knisterten Funken, und zuweilen brauste es +in seinem Hirn. +</p> + +<p> +Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen +in einer Zeit, da jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein +Blut kochte, und ungeduldige, gebieterische, rasche Gedanken +jagten durch seinen Kopf. +</p> + +<p> +<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> +Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe +zu übersehen! +</p> + +<p> +Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit +mußte überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte +waren noch mehr zu beachten. Er brauchte +Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern ließ +sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden, +vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele +verfaulten jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden +im Jahre nutzlos weggeworfen, weil die Stiele abbrachen. +Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei einer solch +ungeheuren Organisation das Wichtigste. +</p> + +<p> +„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine +kalte Kompresse auf die Stirn. +</p> + +<p> +Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden +Augen an. „Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ +sagte er. +</p> + +<p> +Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken +ihn überrannten? Man mußte die Verpflegung verbessern +und die Bekleidung. Man mußte besondere Arbeitsschuhe +und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben +in Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres +als Dünger für das Ödland benutzten? Man mußte besondere +Waggons konstruieren zum Transport des +Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und +wie ging es in der Lüneburger Heide? Wer leitete dort +die Arbeiten? Er hatte den Namen vergessen. +</p> + +<p> +Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger +Heide würde zehn Jahre dauern. Weshalb hatte +ihm die Regierung verweigert, die Strafgefängnisse aus +Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er Arbeitskräfte +brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch +<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> +immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen +in Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. +Er hatte seit vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten +über die Fortschritte des Kanals Hannover-Elbe. +Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das Notwendigste +unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am +Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen +in Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? +In vierzehn Tagen sollte der Kongreß der Wasserbautechniker +stattfinden. Würde er bis dahin genesen +sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel +an den Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien +für die Schulen, welch ein wichtiges Thema! Welch ein +wichtiges Kapitel die Sommerschulen im Freien! Die +Probleme waren ohne Zahl. +</p> + +<p> +„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva. +</p> + +<p> +„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen +Fieber zu heilen,“ antwortete Michael und schüttelte den +Kopf. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-29"> +29 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>B</span><span class="postfirstchar">ald!“</span> sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte +Esther nach, die in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, +über den Korridor schritt und sich von der Zofe in +den Abendmantel hüllen ließ. +</p> + +<p> +Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, +seitdem er wieder in Berlin war. In seinem Bürogebäude +zitterte man, wenn man ihn von weitem sah. Wenzel war +laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte sich +daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich +anhörte. Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. +<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> +Die Abteilungsvorsteher näherten sich auf Zehenspitzen +seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn umwölkt, die +Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich +und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, +wenn er laut und ärgerlich wie früher gewesen wäre. +Häufig streifte ein forschender Blick Mackentins Wenzels +kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete er? +Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er +wußte, daß etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging. +</p> + +<p> +Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende +wieder in den Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. +Er saß immer allein. Er vertrug keine Gesellschaft. +Er spielte auch nicht mehr Schach. +</p> + +<p> +Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie +häufig kam es vor, daß Wenzel um zwei, um drei Uhr +nachts sein Büro betrat, um stundenlang auf- und abzugehen. +Worüber grübelte er? +</p> + +<p> +Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. +Wie sonderbar, Wenzel schien gut gelaunt wie früher. +Er plauderte und scherzte, als sei nichts geschehen, als +brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. Aber +Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die +Verstellung heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und +häufig beobachtete er Wenzels Augen, wenn er Esther +nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! Sie +waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden +war ein Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach. +</p> + +<p> +Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, +Billard und Karten. Sie rauchten, das Weinglas zur +Seite, als habe sich nicht das mindeste ereignet. Aber +wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein +<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> +kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, +er spielte wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, +daß alles nur Verstellung war. Dieses schlechte +Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere. +</p> + +<p> +Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, +lud er Mackentin zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob +er ihn brauche, vielleicht um die Ruhe zu bewahren, +vielleicht um seine Rolle durchzuspielen. +</p> + +<p> +Worüber grübelte er? +</p> + +<p> +Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns +in einem kleinen Café am Alexanderplatz zufällig +gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel, der sonst Tag und +Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie mehr +seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit +Mackentin. Er fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. +Mackentin zuckte die Achseln und lächelte. +</p> + +<p> +„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat +mehr Sorgen als wir.“ +</p> + +<p> +Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah +es, daß er oft laut vor sich hinsprach. +</p> + +<p> +„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine +Lösung.“ +</p> + +<p> +Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, +war ihm diese Lösung eingefallen. Es gab keine +andere. Er hatte es dem alten Raucheisen nie vergessen +können, daß er ihn tadelte, weil er zehn Minuten zu spät +kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den +Schmutz trat? +</p> + +<p> +„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut +zu sich, während er unter dunklen Bäumen dahinging. +„Es gibt nur diese eine Lösung! Das Schicksal hat gesprochen. +So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen Zweck +<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> +mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. +Man wird mich verstehen, und alle werden begreifen, daß +es eine andere Lösung nicht gab.“ +</p> + +<p> +Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in +seine Augen trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“ +</p> + +<p> +Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte +von witzigen Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, +in Konzerten, Theatern, Gesellschaften. Ihre Beschäftigung +bestand darin, das Programm für jeden Tag +zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, +sie wußte nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen +hatte ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-30"> +30 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er +wiederholte es sich tausendmal am Tage und tausendmal +in der Nacht. Er oder sie, etwas anderes gab es nicht. +Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein Wenzel +Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, +es gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines +Lebens überschreiten durfte. Was weiter geschah, darum +kümmerte er sich nicht. +</p> + +<p> +Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten +betrachtete er ihn. Wenn man ihm einen Ausweg +angeben würde, so wollte er ja gern diesen Ausweg wählen. +Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm +einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach +Südamerika gehen, in die Wälder des Amazonenstromes, +wo ihn niemand fand, niemand kannte, aber das war keine +Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm +folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. +<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> +Er würde auch nicht eine Sekunde vergessen können, daß +diese Frau seine Würde und Selbstachtung, alles, was er +war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab keinen Ausweg, +es gab nur diese eine Lösung. +</p> + +<p> +Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag +und Nacht. Er war wie ein Mensch, der unter einer +Felsplatte begraben liegt und nicht mehr atmen kann. +Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen +können – und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh +doch zu, alles andere ist völlig einerlei, sagte er sich. Er +war wie ein Mensch, dem man andauernd, Tag und +Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte Besudelung +würde erst von diesem Moment an aufhören. +</p> + +<p> +Nein, es gab keine andere Lösung! +</p> + +<p> +Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, +wie er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde +nicht leugnen, gewiß nicht, aber er war kein gewöhnlicher +Totschläger. Er konnte Esther auf die Jacht locken und +ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in +Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, +in ihrem Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, +den Blick des letzten Erschreckens zu sehen. +</p> + +<p> +Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet +aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer +und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren +die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? +Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen +Gäste ein großes Fest. +</p> + +<p> +Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest +sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit +in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal +sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen. +<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> +Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben +bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, +erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund +erschlägt. +</p> + +<p> +„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“ +</p> + +<p> +Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. +Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen +färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren +alten Klang zu bekommen. +</p> + +<p> +Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, +den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er +ließ sich täuschen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-31"> +31 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Fest kam heran. +</p> + +<p> +Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. +Schultern, Arme, Roben, Lackschuhe und Fräcke quollen +aus den Autos. Es kamen Minister und Diplomaten, +Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die +neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, +es kam die Presse. Die Photographen waren schon durch +einen Seiteneingang in das Haus geschlichen und lauerten. +Es kamen Leuchten der Wissenschaft und berühmte Namen +der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und +vom Film. +</p> + +<p> +Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel +hatte ihn recht gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen +hatte! Vollendet spielte Wenzel die Rolle des Gastgebers. +Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber er übersah +Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst +nicht. Es waren gegen zweihundert Personen geladen. +<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> +Das ganze Haus strahlte vor Licht. Wie ein gleißender +Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle fluteten +die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten +darin Esther wie eine Fürstin, die empfängt. +</p> + +<p> +Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot +gefärbt, um ihre Freunde und Freundinnen zu überraschen. +Sie trug ein silbergraues, ganz dünnes Kleid, +das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen +Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung +ihrer Schenkel allen Blicken preisgab. +</p> + +<p> +Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde +sie es ahnen, so würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen +fallen, um nur ja diese Welt voller Musik und Glanz, +voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig wechselnder +Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen. +</p> + +<p> +Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt. +</p> + +<p> +Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt +und eine Tasse Kaffee. Er betrachtete seine Hände. Sie +waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, vollendet spielte er +seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten über +Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit +einem Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über +die Schwierigkeiten ihres Berufes. Und da, in irgendeinem +Winkel, entdeckte er den Bildhauer Stobwasser. +Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm +in ein stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über +seine Tiere, ob er noch den Papagei habe, der singen +konnte: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein +Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, +der einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe +trug, in Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig +lachte Wenzel. Dann unterhielt Wenzel sich mit ihm über +<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> +einen Brunnen, den er für seinen Garten gern besäße. Er +habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich diesen +Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte +ganz konfuse Pläne. +</p> + +<p> +Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor +einer älteren, über und über bemalten Dame, die eine +flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah Wenzel mit +noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, +dachte er. +</p> + +<p> +Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, +die Reihen der Diener. Der Haushofmeister, der frühere +Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es war natürlich +viel leichter, ein Regiment zu kommandieren. +</p> + +<p> +„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel +und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ +stammelte der Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“ +</p> + +<p> +Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen +auf. Welch ein ungeheurer Lärm! Die Stimmen der +Damen schwangen, mitten darin Esthers Lachen. Musik +brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello. +Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit +ihm sprechen, aber der Bildhauer war plötzlich verschwunden. +Er wich Wenzel aus, er fürchtete sich vor ihm. +Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz zu ergründen, +war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg +irrsinnig geworden war. Man wird es morgen +in den Zeitungen lesen, sagte er sich und verließ das Haus, +ihm graute. +</p> + +<p> +Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und +Fräcke, Vorhemden, Roben, dünnen Seidenstrümpfe, +<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> +nackten Schultern und Arme flossen durcheinander. Wenzel +sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast ausschließlich +mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen +waren. +</p> + +<p> +Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so +würde sie mir zu Füßen fallen, nur um diese Welt nicht +verlassen zu müssen, wo man tanzt. +</p> + +<p> +Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen +gewechselt. Die Musik verstummte. Die Photographen +verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener hielten die +Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den +Kiesweg ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen +in einem Winkel rasch zwei Gläser Sekt, er atmete +auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die im +Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe +empor. Die Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große +Saal dunkel, und der graue Tag blickte durch die hohen +Fenster. Wenzel blickte Esther nach, wie sie in ihren +Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer +nur durch den Korridor getrennt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-32"> +32 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">un</span> lag das ganze Haus in Finsternis. +Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte, +er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, +lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, +die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde +es ganz still. +</p> + +<p> +Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer +schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe +<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> +und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen +Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers +Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz +still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete. +Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er +jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand, +alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit +eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen +Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch. +Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in +einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand +eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, +Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser +kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter, +eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und +weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter +nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. +Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode +zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen. +Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte +ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht. +Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig +die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie +weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar +war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers +Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, +er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte. +</p> + +<p> +Nun war es also so weit ... +</p> + +<p> +Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine +Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der +gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern +bemalt. +</p> + +<p> +<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> +Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer +einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund +stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. +Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar +nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So +stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich +zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete +sich. +</p> + +<p> +Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, +schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im +Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und +helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. +Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder +lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen +Kindes. +</p> + +<p> +Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig +rückwärts und verließ das Zimmer. +</p> + +<p> +Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre +Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch +ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips +gehabt haben müsse. +</p> + +<p> +Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in +dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in +seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn +er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er +wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken. +</p> + +<p> +Was war geschehen? +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-33"> +33 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. +Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf +war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet +<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> +haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie +kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. +Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene +des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie +an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts +zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem +Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich +langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als +Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war +ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, +er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas +aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben. +</p> + +<p> +„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, +Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und +aufgeräumt. +</p> + +<p> +Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht +sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das +für ein Rennen?“ +</p> + +<p> +Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre +an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. +„Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!“ rief +er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von +Brandenburg wird heute gelaufen.“ +</p> + +<p> +Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste +Pferd seines Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet. +</p> + +<p> +„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und +mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen. +Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis +wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem +Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame +die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr. +</p> + +<p> +Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte +<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> +von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein +Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll. +Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der +Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein +Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette +Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings +schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu +haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar +nicht zu. +</p> + +<p> +Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. +Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah +sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas. +</p> + +<p> +In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine +ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke +flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag sicher in Front, +als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber +verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich +stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung +versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen. +</p> + +<p> +„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, +„Spaßvogel wurde angehalten!“ +</p> + +<p> +Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. +Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er +suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte. +Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden, +mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren +da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des +gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, +die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor, +mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige +Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler +Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. +<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> +Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther +zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn +mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den +Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der +leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte +Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu. +Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm. +Immer noch lächelte der Schauspieler. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky +und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein +kleines Eiterbläschen. +</p> + +<p> +Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer +ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte +er: „Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger +Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ Dann +hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky +zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. +Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig +seines Wegs. +</p> + +<p> +Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. +Was ging mit ihm vor? +</p> + +<p> +Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-34"> +34 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">lötzlich</span> hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas +müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand +sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur +diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ +und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die +Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet. +</p> + +<p> +<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> +Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens +betrat. +</p> + +<p> +Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen +Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem +Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn +er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde +meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in +das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes +Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte +er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf +dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in +diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen +hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch +heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und +ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke +an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war +das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst +tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau +mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises +Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich +gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, +wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen +Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob. +Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell +und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten +ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben? +</p> + +<p> +Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, +ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines +lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen! +Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? +Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, +kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. +<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> +Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach +töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er +würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige +Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und +nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie +sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben. +Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt. +Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen, +nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen +und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste +Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch +alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität, +die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm. +</p> + +<p> +Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg +war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet. +Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht +glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch +existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. +Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen +ihn vernichtet? +</p> + +<p> +Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er +mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das +alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche +Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht +eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn +ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen +Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche +Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln +können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit +gefügt. +</p> + +<p> +Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau +mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert. +<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> +Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es +offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte. +Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit +und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie +wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg +dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem +Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein +Fuhrknecht. +</p> + +<p> +Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen +kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park. +Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine +Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den +Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er +fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? +Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt +ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein +konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder +Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er +kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete +vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr. +Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden +und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob +selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß +er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz +gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne +daß er sich wehrte. +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich +verabschiedete, zu dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, +und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche +die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so +wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde +zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie +<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> +wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel +anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit einem +gequälten Lächeln. +</p> + +<p> +Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war +krank geworden. +</p> + +<p> +Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er +besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor +Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen +war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb +er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach +kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich +ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er +einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er +frisch und voller Entschlußkraft. +</p> + +<p> +„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich +bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ +sagte er. „Dieses ganze Leben war unsinnig. +Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier +bin ich wieder, ich kehre um.“ +</p> + +<p> +Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen +konnte, woher man auch kommen sollte. +</p> + +<p> +Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut +kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus +dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten +Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte +Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter +als sonst freilich. +</p> + +<p> +„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. +„Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf +seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den +Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael +sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte. +</p> + +<p> +<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> +Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf +Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen, +der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich +zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während +er wartete, ging er auf dem Gut hin und her. +Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der +armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die +er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof +gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, +Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, +die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in +denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in +Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen. +</p> + +<p> +Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen +Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam +herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene. +</p> + +<p> +„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in +Berlin ist?“ fragte er. „Er ist krank, sehr krank, Sie +wissen es nicht?“ +</p> + +<p> +„Krank? Er ist wieder krank?“ +</p> + +<p> +„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“ +</p> + +<p> +Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend +kam er in der Stadt an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft +in der Lindenstraße sagte man ihm den Namen +des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, +in der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot +dem Chauffeur höchste Eile. +</p> + +<p> +Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte +ihn durch einen matterleuchteten Gang und bat ihn, sich +in einem Wartezimmer zu gedulden. Einen Augenblick +später trat der Arzt ein. +</p> + +<p> +<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> +„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ +sagte der Arzt. „Seien Sie ganz leise.“ +</p> + +<p> +Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders +betrat, übersah er mit einem Blick alles. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-35"> +35 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">iele</span> Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. +Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche +Konstitution. Und nun war Michael schon +drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die +Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, +er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen. +</p> + +<p> +Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von +Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne +einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als +den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende +von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. +Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der +Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, +in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an +Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des +Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den +Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten +würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er +mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang. +</p> + +<p> +Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede +Bewegung. Er atmete leise. Er tat keiner Fliege mehr +etwas zuleide. Die Pfleger konnten ruhig schlafen. Er +war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt höher +<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> +gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das +Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede +und Glück lagen auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. +Nun sah er nicht mehr die Stätten des Elends, er sah +gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte durch +die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. +Und er sah die Saat sprießen und wachsen. +</p> + +<p> +Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das +Brot, das im Winde wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, +die blühende Länder durchzogen, er sah blühende +Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der +Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, +starker Männer, die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel +gesunder Kinder. Er sah Städte, die von Arbeit fieberten, +er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit Gütern. Und +da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in +Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte +ihn Glückseligkeit. +</p> + +<p> +Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte +ihre schmale Hand vor die Augen. +</p> + +<p> +Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn +senkte sich die Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei +goldenen Ähren – auf dem Verwaltungsgebäude in der +Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber jagten die +riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes +und blendeten hinaus in die Nacht: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse2">Tod dem Hunger!</p> + <p class="verse2">Tod der Krankheit!</p> + <p class="verse">Es lebe die Kameradschaft!</p> + </div> + </div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-36"> +<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> +36 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">till,</span> ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem +zu verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. +Er schickte den Wagen fort und ging langsam +durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. Er fühlte +ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden +war, um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn +gerunzelt ... +</p> + +<p> +Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors +Gesicht – fast hätte er geschluchzt. Michael – er hatte +ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder war. Nein, es war +etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. Der +Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich +aus dem Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut +hatte. Nun eilte Wenzel dahin. Dies war der Keulenschlag, +mit dem ihn das Schicksal niederschlug. +</p> + +<p> +Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte +nicht, er schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof +und wartete auf einer Bank des Wartesaals geduldig auf +den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um fünf +Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg +ein. Ohne jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und +den folgenden Tag, und endlich erreichte er die Station, +wo er aussteigen mußte. +</p> + +<p> +Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, +das niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend +Morgen, das er für fast nichts erwarb. Es hieß +Schwarzlake. Er hatte das <a id="corr-21"></a>Gut nie gesehen. Es war seine +Absicht gewesen, sich dahin zu begeben. +</p> + +<p> +Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen +Station verließ. Bald war er einsam in der Dunkelheit +<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> +auf der Landstraße und schritt tüchtig aus. Gegen Mitternacht +erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. Er rief. +Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster +fuhr der Kopf eines alten Weibes. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend. +</p> + +<p> +„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel. +</p> + +<p> +Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie +wunderbar war es, in eine Gegend zu kommen, wo man +seinen Namen nicht kannte! +</p> + +<p> +„Ich bin der Besitzer des Gutes.“ +</p> + +<p> +Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer +Weile kam ein vom Alter krummgezogener Knecht aus +dem Hause, der wußte, daß das Gut vor Jahren an einen +Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos +stand der Knecht. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus +ist ja abgebrannt.“ +</p> + +<p> +Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen +Dunkelheit konnte Wenzel etwas wie eine langgestreckte +Ruine zwischen den Bäumen entdecken. Man roch noch +den Brand. +</p> + +<p> +„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel. +</p> + +<p> +Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an +und bat ihn, einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. +Nebenan lag ein größeres Gebäude, in dem früher +der Verwalter wohnte. +</p> + +<p> +„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht. +</p> + +<p> +„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. +„Schlafen Sie, und stören Sie mich nicht.“ +</p> + +<p> +So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, +und groß gingen die Gestirne über ihn dahin. Der Morgen +<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> +graute. Ketten rasselten im Stall, ein Hahn krähte, +Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib +nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen +deutlich die Umrisse der Gebäude, Stallungen und auch +der niedergebrannten Ruine des Gutes. +</p> + +<p> +Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr +zufrieden. Hier würde er bleiben. Die Alte setzte ihm +heiße Milch auf den Tisch, und daneben legte sie ein Stück +Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-37"> +37 +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere +Stube des Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und +einen wackligen Stuhl. Auf eine Kiste stellte sie ein +Waschbecken und einen Krug mit Wasser. +</p> + +<p> +So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig +verfallen. Das Gras wuchs auf dem Hof, die Äcker +waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. Nur ein ganz +geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern +durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im +Stall standen vier Kühe und zwei alte Pferde. Das +Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, langgestreckt, +mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem, +verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das +verbrannte Holzwerk lagen genau noch wie am Tage nach +der Feuersbrunst. +</p> + +<p> +Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in +seinem kleinen, primitiven Zimmer. Am Tage sah man +ihn wenig, in den Nächten aber saß er bis zum grauenden +Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus. +<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> +Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es +sah aus, als bewachten beide die Ruine. +</p> + +<p> +Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr +anordne. Wenzel schüttelte den Kopf. +</p> + +<p> +„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“ +</p> + +<p> +Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des +Gutshauses aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, +Karre und Axt schaufelte er und schleppte mit mächtigen +Armen, und bald war sein Gesicht vom Schweiß +überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die +Nacht hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd +angenommen. Aus den Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, +und bald wimmelte es auf dem Hof von Zimmerleuten, +Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel +mitten unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die +Handwerker staunten über ihn. Nie hatten sie solch einen +Arbeiter gesehen. +</p> + +<p> +Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. +Er telephonierte nach Berlin. Einige Tage später traf +Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette Goldbaum +strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter +Gesundheit wiedersah. +</p> + +<p> +„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, +Schellenberg,“ sagte er. „Wir vermissen Sie an allen +Ecken und Enden. Diese letzten Wochen waren eine höllische +Arbeit.“ +</p> + +<p> +Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. +„Ich komme nicht zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum +den Auftrag, seinen gesamten Besitz allmählich zu +liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende +und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders +hätte er seinen Besitz um jeden Preis unbedenklich +<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> +losgeschlagen. Und er gab Goldbaum ferner den Auftrag, +Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. +Es sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen. +</p> + +<p> +„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen +Ländereien übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen +Sie.“ +</p> + +<p> +Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, +wie es liegt und steht. +</p> + +<p> +Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener +Mann mit ernster, gesammelter Miene, bescheiden, höflich. +Einer jener sachlichen anspruchslosen Menschen, wie +sie mehr und mehr auftauchten, die nichts für sich wollten, +sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren +Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel +die Gesellschaft Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er +erbeten hatte. Der junge Mann lebte beinahe eine Woche +auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack in einer +leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, +vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er +das Gelände, den Boden, die sumpfigen Wiesen, die +schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von Wasservögeln +wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen +großen Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe +Holz war ein großer Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. +Daran arbeitete der junge Mann bis in die späte +Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der +Weiher, Straßen. Ein Kanal. +</p> + +<p> +„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der +junge Mann. „Ich werde Ihnen Ingenieure und Landwirte +schicken, sobald ich nach Berlin zurückkehre.“ +</p> + +<p> +„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr +Weidenbach,“ erwiderte Wenzel. +</p> + +<p> +<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> +Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, +der Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein +neuer Stall sollte angelegt werden. Am Abend aber saß er +beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan von Schwarzlake. +In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. +Wo heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo +das Wasser in den Wiesen stand, sollten die Herden weiden. +Eine richtige kleine Stadt aber hatte Wenzel entworfen. +Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis +zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg +tragen. Nicht seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders +war sie gewidmet. +</p> + +<p> +Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, +die den Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, +daß eine Dame angekommen sei und ihn zu sprechen +wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster +in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht +wieder. Da kam die Dame schon. Es war Eva Dux. +Ruhig und still, mit einem herzlichen Leuchten in den +Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem letzten +Wiedersehn nicht das geringste ereignet. +</p> + +<p> +„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ +sagte Eva. „Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht, +Michaels Papiere zu sichten. Ich habe sie Ihnen +mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“ +</p> + +<p> +Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, +Notizen, Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch +am gleichen Abend begann Eva ihm Stück für Stück vorzulesen +und zu erläutern. +</p> + +<p> +„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten +Tagen seiner Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß +es geschrieben haben, wenn ich schlief.“ +</p> + +<p> +<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> +Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen +hingeworfen. Sie waren nur für Eva lesbar. +</p> + +<p> +„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel. +</p> + +<p> +Und Eva las: +</p> + +<p> +„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird +es sein und nicht anders. Der große Tag wird kommen, +und er ist nicht mehr ferne. +</p> + +<p> +So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie +zusammen, alle Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer +Flotte von Schiffen, die die weiße Flagge zeigen. Und +man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des Meeres +versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden +jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, +daß der Augenblick des großen und ewigen Weltfriedens +gekommen ist. +</p> + +<p> +Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze +und Kriegsgerät zu Pyramiden häufen und verbrennen, +und die weiße Flagge wird im Winde wehen. +</p> + +<p> +So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, +und der Mensch, gleich welcher Farbe und welcher Rasse, +wird sich bewegen können auf dieser Erde, wo er will. +</p> + +<p> +So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen +Völkern gehören und nach Bedarf verteilt werden. +</p> + +<p> +So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller +Nationen, die Jünglinge werden hinausziehen in die Welt +und künftigen Geschlechtern die Wohnstätten bereiten. Sie +werden die Urwälder des Amazonenstromes und die Urwälder +des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie +werden die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten +mehr geben. +</p> + +<p> +So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben +zwischen den Völkern, keinen Egoismus der Nationen wird +<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> +es mehr geben, keine Bedrücker und keine Unterdrückten, +welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird die +Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der +sein, der die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die +menschliche Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung +werden die Maschinen gebaut werden, diese ungeheuren, +unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, zur Befreiung +der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft +und Kunst werden blühen. Und die Weisheit wird höher +im Range stehen als Reichtum und Geburt. +</p> + +<p> +Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene +Paradies wiederum gefunden haben werden, nach +tausendjährigen Qualen und tausendjährigen Verirrungen. +</p> + +<p> +Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter +sein. Es wird keinen Hunger und kein Elend mehr geben, +und die Kameradschaft wird die Religion aller Menschen +sein. +</p> + +<p> +So wird es sein und nicht anders!“ +</p> + +<hr class="tb" /> + +<p class="noindent"> +Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen +Hände auf dem Rücken, und betrachtete mit großen, stillen, +aufmerksamen Augen die Arbeit der Werkleute. Sie +blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten zu +gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, +ihm nicht lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in +seiner Nähe. Sie hörte Michaels Stimme in Wenzels +Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels Gang. Aus +Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels +Gesicht. +</p> + +<p> +Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf +Schwarzlake, Herr Schellenberg. Haben Sie Arbeit für +mich, so möchte ich gern bleiben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> +„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier +viel Arbeit, auch für Sie.“ +</p> + +<p> +Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der +Treppe, den Hofhund zur Seite, und blickte in die Dunkelheit +hinaus. +</p> + +<p> +Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, +das Eva abgeschrieben hatte und das er auswendig +konnte. +</p> + +<p> +„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein +Träumer, vielleicht war er ein Seher. Vielleicht sind seine +Gesichte morgen Wahrheit, und die billigen Wahrheiten +der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“ +</p> + +<p> +Schon graute es im Osten, und über die schwarzen +Weiher stieg sanft die Morgenröte eines neuen Tages +empor. +</p> + +<p class="end"> +Ende +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... „Ich freue mich, daß es <span class="underline">ihnen</span> gut geht, Katschinsky,“ ...<br /> +... „Ich freue mich, daß es <a href="#corr-2"><span class="underline">Ihnen</span></a> gut geht, Katschinsky,“ ...<br /> +</li> + +<li> +... Gesindel, <span class="underline">daß</span> vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...<br /> +... Gesindel, <a href="#corr-4"><span class="underline">das</span></a> vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...<br /> +</li> + +<li> +... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <span class="underline">Aktion</span> gar nicht ...<br /> +... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der <a href="#corr-12"><span class="underline">Auktion</span></a> gar nicht ...<br /> +</li> + +<li> +... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <span class="underline">sie</span> bat, ...<br /> +... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und <a href="#corr-15"><span class="underline">Sie</span></a> bat, ...<br /> +</li> + +<li> +... werden. <span class="underline">Er</span> ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...<br /> +... werden. <a href="#corr-18"><span class="underline">Es</span></a> ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...<br /> +</li> + +<li> +... Schwarzlake. Er hatte das <span class="underline">Gute</span> nie gesehen. Es war seine ...<br /> +... Schwarzlake. Er hatte das <a href="#corr-21"><span class="underline">Gut</span></a> nie gesehen. Es war seine ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + + +<div lang='en' xml:lang='en'> +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE BRÜDER SCHELLENBERG</span> ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. 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