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+The Project Gutenberg eBook of Die Brüder Schellenberg, by Bernhard
+Kellermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Die Brüder Schellenberg
+
+Author: Bernhard Kellermann
+
+Release Date: January 6, 2022 [eBook #67112]
+
+Language: German
+
+Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
+ at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER
+SCHELLENBERG ***
+
+
+
+
+
+ Die Brüder Schellenberg
+
+
+ Roman von
+ Bernhard Kellermann
+
+
+ 1925
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+ Erste bis zwanzigste Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
+ Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
+
+
+
+
+ Die Brüder Schellenberg
+
+
+
+
+ Erstes Buch
+
+
+ 1
+
+Das Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach ins Schloß. Er
+hüstelte, als er die rauhe Straßenluft einatmete, und stülpte den
+Mantelkragen in die Höhe. Und schon schlug er, fast automatisch, jenen
+Weg ein, den er in tausend Träumen und Phantasien während seines
+Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel jener
+endlosen Straßenzüge, die quer durch die Stadt nach dem Alexanderplatz
+führen. Hier, am Alexanderplatz, war in einem Warenhaus seine Geliebte
+als Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit den Augen
+eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky sie genannt hatte.
+Seine Geliebte, und wenn man wollte, seine Frau. Oder durfte er sie
+nicht so nennen? Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte?
+Und das war, bei Gott, nicht alltäglich!
+
+Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster Sparsamkeit
+mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische nehmen können, aber er empfand
+es als eine Art Wollust, diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem
+Krankenhaus und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die letzte Minute
+und Sekunde auszukosten.
+
+Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und
+jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er,
+Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er
+lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln,
+aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine
+Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen
+auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm.
+
+Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen,
+Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach
+Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie
+zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte
+seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches
+verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast
+überkam ihn eine Beklemmung.
+
+Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu
+werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der
+Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern,
+blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit
+Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl,
+schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab
+stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und
+schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig,
+es war wie in einer Schlacht.
+
+Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel
+fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab.
+Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren,
+auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der
+Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte
+er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen.
+
+Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
+
+Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in
+die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer,
+angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der
+Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts
+...
+
+Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten
+Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal
+ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er
+alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –?
+Sein geschwächter Körper bebte.
+
+Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er
+hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in
+der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen,
+bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war
+ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum
+betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten,
+keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
+
+Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt
+dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch
+über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen
+Wangen.
+
+Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe
+stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im
+Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte
+einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange
+entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder,
+Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der
+Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten
+blitzschnell ins Bodenlose.
+
+Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so aus, als gäbe es auf
+dieser Erde weder Hunger noch Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude
+mit seinen hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit Waren. Die
+Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, sie überschwemmten die Säle,
+sprengten die Wände, überströmten die Wandelhallen und Treppenhäuser.
+Aber, war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren
+Warenmassen war die Zahl der Käufer nur gering. Man drängte sich nicht
+wie früher, stieß einander nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die
+Verkäuferinnen saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel,
+färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren gingen in den
+Gängen hin und her und blieben ab und zu stehen, um eine abgeschabte
+Stelle des Läufers zu untersuchen. Eine auffallende, fast bedrückende
+Stille herrschte in dem Warenpalast.
+
+Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion zu durchqueren,
+an einigen gespreizten Wachspuppen vorbei, und man war in Christines
+Reich: Wäsche, Linnen, Spitzen für Damen.
+
+Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, die heiter
+glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch anstrahlte. Von hier aus
+vermochte er die Abteilung „Damenwäsche – Spitzen“ unauffällig zu
+überblicken. Auch hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den
+Waren wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. Eine dicke
+Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker Hamster, einige
+halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten Strümpfen.
+
+Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie eine Vision vor
+seinen Augen, während er in schlaflosen Nächten in die Ampel des
+Krankensaals starrte!
+
+Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in der Brust, als
+sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand Christine!
+
+Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an dem dünnen Kimono,
+das sie über den nackten, lackierten Beinen trug: an der Kasse lehnte,
+in einem blau-weiß gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in
+der Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas dünn, der
+Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über dem Nacken ein Gewirr von
+Locken, schwarz, blauschwarz, lebendig bei jeder kleinen Bewegung,
+fliegend, und immer in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die
+Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich über den
+Zettel.
+
+Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die Kassiererin über den
+Zettel beugen? Die Wachspuppe, die er mit den Fingern berührte, begann
+zu schwanken und drohte über ihn zu stürzen.
+
+Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Locken ab und
+kam geradewegs auf ihn zu ...
+
+Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie Insulaner sie aus
+Kokosnüssen schneiden, die Augen flach wie Kürbiskerne, leer,
+ausdruckslos. Er blieb betäubt stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer
+näher, wurde größer und ging vorüber.
+
+Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit einer Hoffnung
+betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja in einer andern Abteilung
+tätig sein, nicht wahr? Langsam, leise zitternd in den Knien, wanderte
+er durch alle Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern,
+Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen schrien, elektrische
+Sonnen glühten ihn an. Er spähte, forschte. Nirgends.
+
+Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. Es regnete noch
+immer. Die Häuser schienen geborsten, und das Licht brach aus allen
+Fugen und zerrann in den Asphaltseen.
+
+Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um sich mit einem
+Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er auf, bezahlte und eilte zu
+dem Warenhaus zurück. Es war geschlossen.
+
+„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die Stirn. „Du hättest
+doch ihre Kolleginnen fragen können. Sie hätten dir gewiß Auskunft
+gegeben. Einen ganzen Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu
+spät.“
+
+
+ 2
+
+In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel,
+das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief,
+völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war
+und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich
+knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am
+ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die
+mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen
+ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.
+
+Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes
+Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag.
+Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren:
+seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also
+wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen.
+Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde
+Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung,
+niemand konnte sich hier verbergen.
+
+Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der
+er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für
+ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab
+es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er
+war nicht verlegen, oh, keineswegs.
+
+Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten
+und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der
+Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie
+ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren
+eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.
+
+Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose
+Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf
+den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten.
+Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die
+Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der
+Straßendämme.
+
+Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es
+wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren
+gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung
+wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.
+
+„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.
+
+„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele
+Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie
+kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich
+glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn
+ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie
+hatte etwas Besseres gefunden.“
+
+„Besseres?“
+
+„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“
+
+Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf
+dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben.
+Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.
+
+Gut, also am Nachmittag.
+
+Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit
+Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den
+Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte
+ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und
+erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen
+sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr
+Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein
+Lächeln, eine Verbeugung.
+
+Georg empfahl sich.
+
+Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es
+war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie
+baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er
+beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht
+mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es
+von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter
+den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte
+Erscheinung.
+
+Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“
+
+Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen
+Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier
+ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“
+
+„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“
+
+Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
+
+Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin
+gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser,
+Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström
+war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins.
+Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.
+
+Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer
+saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.
+
+„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen
+mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei
+Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie
+Beschäftigung für mich haben.“
+
+Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte
+hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich
+aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet.
+„Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben
+wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie
+hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob
+die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs
+Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott
+gemacht hat?“
+
+„Hegelström – bankerott?“
+
+„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist
+meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe
+haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber
+Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade
+die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten
+Sie, daß Sie das nicht wissen?“
+
+Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
+
+Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege
+auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström
+geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“
+
+„Nein, wie sollte ich es wissen?“
+
+„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts
+anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind
+miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie
+viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße.
+Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr
+Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die
+Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
+
+„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
+
+„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist
+mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie
+etwas in den Zeitungen gelesen?“
+
+Georg wurde blutrot.
+
+Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse
+nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr
+Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten
+Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat
+geben, ich wüßte nichts.“
+
+Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend
+nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch
+einmal bei ihm!“
+
+„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
+
+„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig
+Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf
+dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen –
+hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
+
+Bestürzt verließ Georg das Haus.
+
+Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu
+versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach
+Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.
+
+
+ 3
+
+Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider.
+Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas
+schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der
+Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war –
+hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die
+Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei
+Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen
+Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur
+geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine
+Holzplastiken hingewiesen.
+
+Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger
+Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine
+Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein
+wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen
+finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.
+
+Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme
+antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten,
+halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken
+einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das
+einzige, was Georg klar erkennen konnte.
+
+„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel
+dampfte aus seinem Munde.
+
+„Ich bin es, Georg.“
+
+Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine
+spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und
+vermochte kein Wort hervorzubringen.
+
+„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
+
+„Georg!“
+
+„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du?
+Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es
+nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
+
+„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren
+Lachen.
+
+Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“
+rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian?
+Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht
+wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei,
+wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer
+Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im
+Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen!
+Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für
+Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun,
+Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem
+Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer
+lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine
+Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß
+dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude
+hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und
+manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar
+ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“
+
+Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte
+er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser
+stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen,
+Kakadus, Mäusen.
+
+„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere?
+Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine
+barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin
+ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze
+dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf
+dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib
+mir das Glas.“
+
+Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost
+geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht
+einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“
+
+„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
+
+Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und
+versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht
+fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du
+fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach
+durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem
+nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die
+Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der
+Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen
+Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen
+Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann
+verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur
+eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
+Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie
+können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt
+horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun
+bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der
+Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte.
+„Das Sprechen strengt mich an.“
+
+„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.
+
+Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu
+erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben
+ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar
+geworden.“
+
+„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg
+verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
+
+„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte
+den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute!
+Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und
+Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch
+ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt
+Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt:
+‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das
+nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte
+noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch,
+Weidenbach, weshalb hast du es getan?“
+
+Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.
+
+Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend
+streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte
+dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst
+seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns
+unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune,
+damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer
+hustete.
+
+„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
+
+„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm
+eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur
+Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft
+wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine
+Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn
+nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und
+vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich
+weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich
+daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
+
+„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“
+
+„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in
+allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen.
+Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall
+unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg,
+wie geht es Christine?“
+
+Pause. Stille.
+
+„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr
+dort beschäftigt zu sein.“
+
+Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst
+du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
+
+Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine
+Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem
+Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
+
+Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff.
+„Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen
+Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich
+gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden
+Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist
+doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast
+dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen,
+Weidenbach?“
+
+Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg,
+blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn
+kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte
+dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene
+zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und
+schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
+
+Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch
+ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach,
+und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie
+holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese
+periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen
+nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie,
+Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
+
+Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“
+entgegnete er.
+
+Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also –
+trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein
+wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches
+Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe
+jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust
+schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter
+Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch
+bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier
+hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm
+geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu
+gehen, er weiß stets Rat.“
+
+Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall
+schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg
+kläglich nachmeckerte.
+
+
+ 4
+
+„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu.
+Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles
+von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre
+letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen
+Jungen vergafft.
+
+Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während
+er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von
+Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und
+hell in seinem Zimmer.
+
+„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner
+immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will
+Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser
+Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab,
+macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige
+Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
+
+„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein.
+
+„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt
+den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik
+zurückgeschickt.“
+
+„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“
+
+„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“
+
+Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt
+hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton
+gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien
+es Georg wenigstens.
+
+Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung
+empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen
+Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der
+Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein
+Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte.
+
+Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und
+trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er
+tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das
+etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er
+war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig
+für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und
+es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen
+Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese
+beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant
+zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie.
+
+„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er
+sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das
+Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten,
+liebenswürdigsten Lächeln zulächelte.
+
+„Fragen Sie ruhig.“
+
+„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer
+zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie
+verstehen mich?“
+
+Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen.
+
+Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse
+sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich
+hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber
+Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel.
+Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde.
+Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
+
+Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über
+die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den
+Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky
+Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer
+schwerer Seide.
+
+„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und
+er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht
+aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg
+aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier.
+
+„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über
+die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
+
+„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“
+
+Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß
+von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön,
+regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist
+eine sonderbare Art von Erfolgen!“
+
+„Haben Sie viel gearbeitet?“
+
+Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte
+sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns
+nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine
+ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach,
+aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich
+nicht die geringste Begabung.“
+
+„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus
+und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
+
+Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein
+Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner
+Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er,
+„ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein
+Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich
+müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
+
+„Was tun Sie also?“
+
+Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge,
+Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist
+möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so
+einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine
+Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ,
+verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das
+nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste
+war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß
+es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant
+gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß
+nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre
+Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch
+nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und
+trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben
+all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht
+verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so
+kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre
+Geheimnisse einzudringen.“
+
+„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und
+sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
+
+„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches
+Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt.
+Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen,
+Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um
+fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird
+Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie
+besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden
+erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen
+Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz
+umsonst zu Abend speisen kann.“
+
+„Ist es möglich?“ fragte Georg.
+
+„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses
+armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen
+bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am
+Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen,
+und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose
+Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette
+bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen
+Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft
+Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame,
+die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl
+sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge
+von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen
+zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es
+versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch
+Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen
+Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand,
+so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man
+also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen?
+Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer
+versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“
+Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg
+nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld
+verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert,
+aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“
+
+In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
+
+„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind
+Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky
+hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um
+Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte
+lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres,
+als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen.
+Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
+
+„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
+
+Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen
+wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie
+versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain
+haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge
+ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich.
+
+„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche
+Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“
+
+Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen
+Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß
+Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für
+solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit
+geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen
+von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
+
+„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“
+antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte
+ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie
+besuchte?“
+
+„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte
+auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt
+wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
+
+„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand.
+„Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“
+
+Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen
+schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich
+hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war
+hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys
+freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war.
+
+„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky
+Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den
+Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er
+versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer
+Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich
+erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden.
+Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren
+Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie
+mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so
+nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines
+verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist
+die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt.
+Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie
+versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt.
+Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben
+aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt
+nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen,
+wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der
+letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen
+bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz.
+
+In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
+
+„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach
+flüchtig die kühle Hand.
+
+„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte
+an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand.
+
+
+ 5
+
+Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen
+gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des
+Malers.
+
+Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während
+er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn
+er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am
+Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich
+seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und
+diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein
+Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky
+geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie
+erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort
+beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen,
+lebe wohl!
+
+Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die
+Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten
+Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der
+Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon
+Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog
+die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
+
+„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus,
+„aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März,
+Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte
+damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit
+den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene
+Straße.
+
+Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den
+Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen
+sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses
+die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte
+er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an.
+Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf.
+
+Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht
+gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr
+in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft
+geben können.
+
+Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten
+ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten:
+Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie
+Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie
+gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in
+irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war
+es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht
+Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als
+das, was Christine getan hatte?
+
+Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso
+verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem
+Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine
+Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der
+Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten
+Hof, parterre.
+
+Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten
+winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da
+und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem
+gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine
+Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter
+das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren
+Frau, die still und lautlos weinte.
+
+Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser
+plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof
+herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen
+fleckigen Vorhängen mattes Licht.
+
+Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an
+der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch
+einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen.
+
+Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte
+durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich
+gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es –
+was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der
+Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er,
+daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken,
+behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig
+lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein
+gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte
+sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist
+jemand hier?“
+
+„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon
+näherte sich die Gestalt der Türe.
+
+Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren
+verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen
+ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine
+phantastische Brille.
+
+„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf
+und funkelnd auf Georg.
+
+„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses
+Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob
+Christine März noch hier wohne?
+
+Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“
+knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was
+wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen,
+die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete
+schuldig.“
+
+Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
+
+Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch
+eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht
+wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
+
+„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte.
+
+„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch.
+Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“
+
+Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der
+Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem
+beschmutzten Gesicht betrunken war.
+
+„Sie wollten nach Christine fragen?“
+
+„Ja.“
+
+„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
+
+„Sie wollten?“
+
+„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen
+in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg
+auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen.
+Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja,
+Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“
+
+„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte
+er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war
+nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot
+liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so
+außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte
+Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen.
+He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken.
+Sie war garnicht so zimperlich.“
+
+„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.
+
+„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen,
+Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem
+Daumen hinter sich.
+
+„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du
+nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir
+lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere
+Schwächen.“
+
+„Christine fiel aus der Droschke?“
+
+„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten
+liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir
+nichts nachtragen.“
+
+Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne?
+
+Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen.
+„Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann?
+He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die
+soviel lachen konnte.“
+
+„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein
+Erstaunen zu verbergen.
+
+„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte
+Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen.
+Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär
+zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder
+zum Kino.“
+
+Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie
+wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.
+
+Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich
+zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich
+nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages
+verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“
+
+Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.
+
+„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind
+Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre.
+Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den
+Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür
+steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause
+lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser
+Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten
+Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein,
+und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt.
+Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen
+Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.
+
+Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht
+fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören
+Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie
+sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in
+der Zeitung.
+
+Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor
+zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller
+Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie
+ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß,
+sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so
+sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit
+grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann
+wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie
+es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete
+damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus,
+alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich
+wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem
+andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.
+
+Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie
+werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein
+einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie
+glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er
+hieß Roth.
+
+Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du
+viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag
+war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche.
+Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so
+schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr
+tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie
+nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz
+erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es
+ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene
+Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir
+arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren
+vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber
+nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus
+und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir,
+wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist,
+bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich
+sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth
+zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und
+wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte
+Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.
+
+Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher
+verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du
+nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt
+zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und
+ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“
+
+„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es
+wissen?“
+
+Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar
+wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die
+Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“
+
+„Also hatte Roth Sie verraten?“
+
+„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen.
+Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich
+hochgehen.
+
+Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.
+
+Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und
+als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer
+und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich
+euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am
+Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun
+hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein
+neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines
+Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr
+voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie
+zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte
+den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß
+sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel
+in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen
+schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben
+Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich
+geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was
+gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich
+beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde
+jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen
+Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es
+auf der Welt.“
+
+Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte:
+„Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot!
+Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.
+
+„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon
+verwinden.“
+
+„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.
+
+Georg erhob sich, um zu gehen.
+
+„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei
+mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie
+nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer
+Christine sprechen.“
+
+Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau
+ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber
+habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei
+öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie
+ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht
+ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise
+...
+
+Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser
+ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.
+
+
+ 6
+
+Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf
+gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er
+die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in
+aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten
+ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.
+
+Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter
+seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten
+Kräfte ab. Er wehrte sich.
+
+Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf,
+treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie
+andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch
+nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung
+entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit
+neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat
+vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde
+tapfer.
+
+Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man
+ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und
+ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am
+Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren
+plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten
+Deutschlands.
+
+Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls
+zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem
+Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten
+Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien
+nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte
+Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt
+und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du,
+dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man
+wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik
+mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer,
+glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen,
+abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den
+Kopf. So war es also nichts.
+
+Nun, wenn nicht hier, so anderswo.
+
+Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine
+Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen
+Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.
+
+Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee
+und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und
+Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und
+schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer
+Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten
+die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen.
+Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde
+sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?
+
+Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel
+zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der
+Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo
+man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag
+Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die
+erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen
+dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den
+Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit
+offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche
+schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder
+durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges
+Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser
+Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.
+
+Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem
+Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter
+Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden
+lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran,
+so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen
+Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er
+regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.
+
+Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von
+einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein
+Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt
+grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das
+Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große
+Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang,
+Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude,
+Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke
+hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und
+lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und
+Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und
+überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.
+
+Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos
+dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen
+Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster
+und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten
+Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer
+Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so
+geschah es in jeder Nacht.
+
+Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die
+ganze Nacht aufrecht.
+
+
+ 7
+
+An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig
+finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der
+Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen
+überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren
+dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre
+Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten
+Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem
+Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte
+der Husten bis zum Boden.
+
+Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den
+Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig.
+Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und
+Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften,
+die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise
+schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.
+
+Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der
+Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend
+Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen,
+durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden
+Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?
+
+Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen.
+Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt
+mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis
+tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die
+Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker.
+Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese
+ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine
+Besserung erwartet werden.
+
+Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die
+Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das
+Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.
+
+Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war
+Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne
+den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten
+sich. Oft schwankte er beim Gehen.
+
+Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die
+Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen
+kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte
+er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken
+kauerten andere Schatten.
+
+Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen
+durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in
+der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine
+Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun
+kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem
+schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald
+der langsame Schritt in der Ferne verklang.
+
+Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der
+Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur
+feinklingend in der stillen Nacht.
+
+In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der
+kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen
+fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt
+der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier
+würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem
+überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen,
+die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und
+gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht
+war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie
+Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.
+
+Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine
+fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in
+der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch,
+fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten
+Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.
+
+Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er
+im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit
+umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei
+Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot
+ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen
+Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden.
+Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein
+Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die
+Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend
+unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden
+und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es,
+zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser,
+Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter
+baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein
+schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die
+Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten,
+Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause
+bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag
+hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum
+kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen,
+Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber.
+Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an
+Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche
+Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf
+bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg
+Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen,
+welche Ausschweifungen der Phantasie!
+
+Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah
+seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der
+kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen
+Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen
+Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von
+seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen,
+wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in
+Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen
+müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.
+
+Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes,
+während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz
+erbebte.
+
+
+ 8
+
+Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er
+runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben
+durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
+
+Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
+
+Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im
+„Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht
+aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer
+angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen
+Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der
+eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte
+er ihm zur Last fallen.
+
+Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und
+er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere
+Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis
+er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem
+Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf
+aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er
+drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es
+war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn,
+als habe er ein Verbrechen begehen wollen.
+
+Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
+
+Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener
+Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl
+haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend
+aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht
+mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und
+Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu
+bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn
+hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die
+sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben
+sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler
+verschont.
+
+Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er
+sich, ein Rückfall!
+
+Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging.
+Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und
+Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.
+
+In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer
+müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn
+übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit
+einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die
+Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu
+steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen
+Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.
+
+Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt?
+Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös
+in den Wagen kroch.
+
+In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches,
+etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich
+sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die
+Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.
+
+Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging
+es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!
+
+Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da
+aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon
+früher auf diesen Gedanken gekommen?
+
+Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er
+zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte,
+der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte.
+Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im
+Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem
+Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte
+sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen,
+da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.
+
+„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber
+für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach
+einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging
+also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr
+Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe
+herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl
+seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine
+Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da
+und da.“
+
+„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.
+
+„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich
+bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die
+Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“
+
+Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für
+eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem
+Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich:
+Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg
+wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen,
+wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim
+Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur
+Lindenstraße.
+
+Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde
+noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war,
+vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.
+
+Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und
+in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder
+jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.
+
+Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das
+ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das
+Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf
+stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet
+sofort ein! Jede Auskunft!“
+
+Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.
+
+Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet:
+„Bedaure, es ist geschlossen.“
+
+In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel,
+wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor
+und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im
+Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und
+sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die
+Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und
+Gedanken.
+
+„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der
+junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach
+und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was
+ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner
+zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu
+Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend
+Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig
+Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie
+ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun
+kann.“
+
+Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch
+schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.
+
+„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.
+
+Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen
+Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er
+leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere
+persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“
+
+„Nein, nein,“ stotterte Georg.
+
+Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu
+sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am
+Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede
+Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins
+Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man
+wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles
+Gute!“
+
+Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt,
+Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig
+gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man
+informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und
+wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.
+
+Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich
+zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht
+träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende?
+Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.
+
+Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer
+auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des
+Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand,
+mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt
+in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.
+
+Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er
+sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er
+wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.
+
+Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus
+der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.
+
+„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit
+durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken
+die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“
+
+Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen
+Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte:
+„Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“
+
+Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich
+Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht
+mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er
+glücklich. Trotz allem.
+
+
+ 9
+
+Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten
+mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten
+Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut
+Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen
+hatte.
+
+Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die
+immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh
+ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein
+leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des
+Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der
+Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich
+ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der
+vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es
+fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde.
+Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und
+schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein
+Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren
+war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren
+Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine
+Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder
+durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal
+mit der Hundepeitsche nahezu tot.
+
+Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert
+Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen
+gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte,
+der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und
+Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine
+Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu
+gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.
+
+Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er
+wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit
+zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände
+und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen
+Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein
+Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich
+den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur
+interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch,
+aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.
+
+Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken
+Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein
+einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche
+zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging
+er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war
+eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.
+
+Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er
+verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein
+Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er
+nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er
+schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der
+Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht
+verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück
+und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des
+Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man
+hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war
+ein Laut, als falle ein Baum.
+
+Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein
+verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war
+die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte
+augenblicklich, was geschehen war.
+
+Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig
+verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die
+Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und
+Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg
+hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch
+zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber
+tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten
+Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren
+hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu
+werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß.
+Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof
+verfiel.
+
+
+ 10
+
+Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres
+Vaters.
+
+Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen
+Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren
+etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln,
+oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die
+stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die
+sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen
+Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war,
+und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel.
+Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der
+Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter,
+verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie
+zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit
+finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem
+Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug –
+ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der
+Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die
+Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken
+sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie
+jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen.
+Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak –
+groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem
+Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht
+auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen
+gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige
+Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich
+gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere
+Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben
+können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.
+
+Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die
+Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie
+auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer
+Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur
+Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei
+einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie
+Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf
+einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren
+richtige Teufel.
+
+Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt
+und Chemiker.
+
+Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den
+Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten
+einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der
+wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war
+noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur
+Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war
+als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die
+Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und
+auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von
+beträchtlicher Höhe in den Schoß.
+
+Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen
+Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden.
+Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen.
+Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große
+Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es
+flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft,
+vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa
+fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem
+Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige
+Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.
+
+Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben
+davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen
+Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus
+dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und
+zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet,
+erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um
+Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber
+schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert
+sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub
+verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und
+Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der
+Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige
+Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd,
+schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten
+kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines
+Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
+
+Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich
+heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin
+eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann
+sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte.
+Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der
+mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor
+ihnen stand, seine Anordnungen gab.
+
+„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens
+müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom
+Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir
+alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu
+verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts,
+schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“
+
+Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in
+seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn,
+darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und
+erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.
+
+Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion
+über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell
+zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige
+schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.
+
+Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der
+Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine
+Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die
+die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin
+erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es,
+daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er
+diesem Institut den Rücken zu.
+
+Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und
+erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin –
+Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges
+umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg
+taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde,
+den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen
+Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch
+schon Tausende von Jahren bebauten.
+
+Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die
+Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine,
+die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden,
+Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber
+etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war
+schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag
+Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten,
+disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines
+Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn
+monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine
+Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies,
+daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren
+Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten.
+Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise
+die Probleme des Landbaus vernachlässigt.
+
+Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten
+sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der
+Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen
+Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein
+ganzes Leben werden sollten.
+
+Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe
+erblickte!
+
+Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im
+Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und
+Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen
+Tischen.
+
+Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel
+nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel
+Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende
+zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in
+seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.
+
+Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete
+Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des
+Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein
+deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen
+achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine
+Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich
+irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen
+sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im
+letzten Winter nur zweimal.
+
+
+ 11
+
+In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof
+zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne
+reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war
+kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen,
+eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe
+Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und
+Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.
+
+Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel
+umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen.
+Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.
+
+Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen
+umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift
+und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da
+erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war,
+einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame,
+der er am liebsten aus dem Wege ging.
+
+Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich.
+Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres
+letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und
+Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt
+hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich
+volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe
+bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie
+ihn verdamme.
+
+Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts
+gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen
+Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat
+nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete
+Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne
+Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat
+gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt
+sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne
+mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz
+Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder
+einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel
+niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.
+
+„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen
+Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst
+am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant
+einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an
+Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?
+
+Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse
+Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er
+sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das?
+Wenzel?
+
+Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute
+Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute
+Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine
+boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie,
+Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht
+noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich
+bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche
+Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)
+
+„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem
+sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig,
+ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen
+diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was
+könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in
+meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und
+einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten
+Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius
+sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich
+verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine
+Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach
+geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael
+laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat
+hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des
+Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)
+
+Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der
+Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre
+schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise
+schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr
+besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen,
+von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte
+Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle
+seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie
+hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten,
+Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und
+Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein
+Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief
+unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber
+Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im
+Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte
+Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen
+Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und
+ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir
+Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte
+ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch
+mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin
+gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort
+aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend
+bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter
+habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz,
+sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß
+Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß
+nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir,
+daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit
+ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen
+Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften
+abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung
+befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“
+
+Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem
+leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu
+gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch,
+ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine
+Nachricht.
+
+Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt
+verließ er das Restaurant.
+
+Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.
+
+Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg
+zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich
+alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle
+verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift
+stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie
+eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.
+
+Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem
+Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor
+Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit
+als es möglich war.
+
+„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
+
+Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal
+die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.
+
+„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören.
+Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“
+
+„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.
+
+Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und
+freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge
+Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf
+einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon
+jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der
+Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht
+aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen!
+Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser
+Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der
+Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an
+den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer
+Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der
+Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.
+
+„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.
+
+„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“
+erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete,
+das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und
+tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich
+ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“
+
+Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft
+an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In
+ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran,
+in Tränen auszubrechen.
+
+„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser
+fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“
+
+„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“
+
+„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.
+
+„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.
+
+Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf
+einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf
+Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel
+in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.
+
+„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“
+
+Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut
+geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so
+selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael
+mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die
+Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während
+sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.
+
+„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte,
+daß der Knabe ihm nicht glaubte.
+
+Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und
+zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte
+arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“
+
+„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich.
+Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben
+sitzt?“
+
+„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.
+
+Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine
+Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis
+sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen
+spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde,
+sobald die Gesangsstunde zu Ende war.
+
+„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den
+Mont Blanc besteigen, willst du?“
+
+„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das:
+den Mont Blanc besteigen?“
+
+Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß
+auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“
+
+„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und
+stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“
+
+Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe
+bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand
+führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was
+schadet es, so fällst du in meine Arme.“
+
+Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch
+wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An
+den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit
+einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock
+bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das
+Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing.
+Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.
+
+In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie
+in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie
+sofort der gnädigen Frau melden.“
+
+
+ 12
+
+Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte.
+Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich
+in die Diele.
+
+Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte
+Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit
+bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine
+Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung
+und blickte Michael mit zornigen Augen an.
+
+„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde
+Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen
+sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“
+
+Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit
+einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl,
+Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht
+aufdrängen.“
+
+In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und
+riefen: „Michel! Michel!“
+
+Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie
+die Kinder an.
+
+Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß
+Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung
+stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises
+ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.
+
+Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden
+Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht
+nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß
+das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!
+
+Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der
+weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt
+kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet
+vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon
+wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie
+entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich.
+Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“
+
+Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die
+Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie
+aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir
+doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und
+verstehst alles.“
+
+„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.
+
+„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie
+schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.
+
+Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und
+Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften
+Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die
+Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von
+zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas
+unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.
+
+Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht
+neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und
+Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer
+lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in
+grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen
+schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.
+
+„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu
+sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den
+Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in
+bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das
+Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den
+Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“
+
+Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen,
+glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.
+
+Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach
+Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel
+gesehen?“
+
+„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe
+ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas
+unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief
+von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der
+Welt, ist mit Wenzel?“
+
+Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte,
+während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel
+ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“
+
+„Du weißt es nicht?“
+
+„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist
+alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du
+wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“
+
+„Entlassen?“
+
+Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls
+ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl
+vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die
+bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann
+gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
+Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte.
+Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei
+Raucheisen aus.“
+
+Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen.
+„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er.
+„Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“
+
+Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer
+erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der
+Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose
+Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei
+Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne
+jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“
+
+„Er hat dein Haus verlassen?“
+
+Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das
+alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu
+lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr
+nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht
+glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine
+Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und
+Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas
+einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“
+
+„Ich verstehe nicht –“
+
+„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab,
+sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu,
+Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor
+sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf,
+und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte
+dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und
+neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte,
+Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr
+hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die
+Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht
+leicht gewesen.“
+
+„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“
+
+„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer
+Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu
+mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den
+Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in
+Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er
+schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht
+sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant
+der Fliegertruppe?“
+
+„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“
+
+„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte.
+Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen.
+Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und
+plauderten.“
+
+„Spielten sie?“ fragte Michael.
+
+„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte
+seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“
+
+„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem
+breiten Lächeln.
+
+„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte.
+Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach
+Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab
+Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich
+dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels
+Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit
+Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“
+
+„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht
+spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen
+diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“
+
+„Du verteidigst ihn?“
+
+„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein
+Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“
+
+Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher
+Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch
+Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast
+du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn
+zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste
+auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“
+
+Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir
+lieber als Geizhälse, Lise.“
+
+„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise
+ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach
+allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel
+ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus
+schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe.
+Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn
+ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war.
+Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei
+Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein.
+Verstehst du nicht, Lise?“
+
+Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam
+nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist
+alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht!
+Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und
+mich ins Wasser stürzen.“
+
+„Lise!“ Michael lächelte.
+
+Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle
+meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“
+
+Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte
+er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir
+Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht
+lächerlich –“
+
+„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein
+Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt,
+feindselig.
+
+Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und
+sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich
+jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“
+
+Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß
+nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur
+Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben.
+Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den
+andern.“
+
+Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir
+doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch
+den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“
+
+Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine
+Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit.
+Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute
+in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten
+Namen.“
+
+„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
+
+Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht,
+nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen
+irgendwelche Geschäfte.“
+
+„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“
+
+Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar
+nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier
+hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht
+seine Wohnung angibt.“
+
+„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er
+immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und
+wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“
+
+„Drei Monate.“
+
+„Wie?“
+
+„Drei Monate.“
+
+Michael sprang auf.
+
+„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt
+ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.
+
+„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
+
+Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie
+dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke
+erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du
+wirst gehen und Wenzel suchen.“
+
+„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
+
+„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von
+ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden
+wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen
+... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind
+einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele
+Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren.
+Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er
+aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle
+ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich
+auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
+
+Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
+
+„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage
+ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich
+einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise
+schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner
+Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir
+auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage
+ihm das.“
+
+Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus.
+„Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir
+Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“
+
+Michael schwor.
+
+
+ 13
+
+Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen
+Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es
+Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den
+ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon
+durchgegangen.
+
+Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das
+veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger
+Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte.
+Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch
+befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle
+Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal
+nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um
+die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den
+Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht
+schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig
+gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel
+trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.
+
+Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war
+der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der
+Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel
+in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch
+glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel.
+Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse
+stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte.
+„Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“
+
+Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder
+Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder
+im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er?
+Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher
+verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt,
+wirklich schlecht ging.
+
+Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung
+bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld –
+aber mied Lises Haus. Was war das?
+
+Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte
+er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner
+Schwägerin lächeln müssen.
+
+„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich
+könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem
+tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann
+solch einen Einfall haben.“
+
+Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben
+und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.
+
+Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung
+auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden
+wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten
+entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
+
+Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der
+Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit
+sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr
+Hauptmann selbst trete ein.“
+
+Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?
+
+Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er
+sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar,
+wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp.
+Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der
+Börse.“
+
+Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch,
+angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.
+
+
+ 14
+
+In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des
+Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf
+das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war
+leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel
+faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten,
+deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht
+konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er
+imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis
+nachzuspielen.
+
+Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und
+grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im
+Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung
+der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen
+schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in
+Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und
+verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch
+saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein
+junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich
+roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.
+
+Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich
+dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die
+Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten
+Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die
+Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.
+
+Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und
+biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen
+Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden
+Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein
+kleines Lachen hören.
+
+„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die
+Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie
+wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen,
+wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“
+
+Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen
+Verbeugung sein Einverständnis.
+
+Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan
+saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs
+Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist
+eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache.
+Was meinen Sie, Mackentin?“
+
+„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von
+der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben
+würden.“
+
+„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie
+groß, sagten Sie?“
+
+Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner,
+knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der
+Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die
+Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain
+unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die
+vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des
+Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber
+seien alle Unterhandlungen gescheitert.
+
+„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der
+Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.
+
+„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam
+nicht zum Ziel?“
+
+„Nein, er hat zu wenig geboten.“
+
+Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne
+ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein
+Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert
+Hektar, sagten Sie?“
+
+„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht
+schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein:
+Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken
+verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen
+wiederum zugute kommen.“
+
+„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen.
+„Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“
+
+„Ich werde morgen zurückfahren.“
+
+„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den
+Wald an.“
+
+„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.
+
+„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und
+klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien
+das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen
+auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der
+Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte,
+sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“
+
+„Ausgezeichnet, sehr wohl.“
+
+„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf
+dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen
+soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige
+Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was
+wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate
+Ziel.“
+
+„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.
+
+„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit
+den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die
+Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was
+fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“
+
+Der junge Mann wurde tiefrot.
+
+Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen.
+Geschäft ist Geschäft!“
+
+Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine
+Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich,
+wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“
+
+„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von
+Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“
+
+Die beiden Herren erhoben sich.
+
+„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und
+noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“
+wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des
+Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden,
+als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn
+verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war.
+Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle.
+Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in
+den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften,
+stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren
+immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit,
+arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in
+irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es
+bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf
+auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der
+Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.
+
+Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte
+ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine
+Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer
+gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur
+dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden
+Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art
+seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und
+plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren
+um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und
+Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat,
+es war sein Bruder.
+
+„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.
+
+In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln
+auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte
+Wenzels Hand.
+
+„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles
+Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen
+von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die
+Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht
+geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres
+Landes.“
+
+„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas
+steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte
+häufig von Ihnen.“
+
+„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.
+
+„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter
+Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor
+Schellenberg.“
+
+„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich
+verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses
+Zusammentreffens aufzufallen.
+
+„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“
+
+Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich
+verstehe.“
+
+Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael
+erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels
+Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt.
+Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick
+kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige,
+spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes
+Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.
+
+„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns
+lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen
+verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde
+dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war
+früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen
+Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das
+Kaffeehaus verließen.
+
+
+ 15
+
+Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem
+Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael.
+Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
+
+„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus,
+nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz
+genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht
+für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner,
+wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast
+mitgebracht habe?“
+
+Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig,
+den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen
+Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte
+der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.
+
+„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
+
+„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael
+ein.
+
+„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse,
+sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der
+Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du?
+Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden
+Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz
+besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“
+
+„Ein halbes Dutzend?“
+
+Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend
+natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören
+Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du
+mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines
+bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten!
+Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen
+bist du einverstanden?“
+
+„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine
+Krebse mehr gegessen.“
+
+„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können
+einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der
+mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel
+fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur,
+herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen,
+Bachforellen. Wie wäre es damit?“
+
+„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
+
+„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen
+die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um
+den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen
+Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael.
+Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse.
+Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich
+ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das
+wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du
+lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“
+
+„Ich lebe wie ein Bauer.“
+
+„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt!
+Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem
+leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es
+langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts
+mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah,
+da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die
+Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen.
+Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen
+Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel
+zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.
+
+„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“
+erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den
+Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte
+Zustimmung –“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und
+zerriß knackend einen Krebs.
+
+„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“
+
+„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine
+Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen
+derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an –
+aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du –
+über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen
+und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“
+
+Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche,
+sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das
+Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“
+sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.
+
+Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien.
+„Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.
+
+Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in
+den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“
+
+„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere.
+Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“
+fragte er dann spöttisch.
+
+„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen
+mag.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber
+sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich
+auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf
+mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“
+
+Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig
+Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden
+rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom
+Pfluge gar nicht zu sprechen.
+
+„Sehr interessant!“
+
+Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die
+landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich
+habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich
+beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich
+bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“
+
+Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du
+läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das
+Gras zu stehen?“
+
+„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“
+
+Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter
+Wirtschafter!“ rief er aus.
+
+„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“
+
+„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all
+diesen Dingen nicht das geringste.“
+
+„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest
+es ja versprochen.“
+
+Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er.
+„Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und
+Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich
+von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“
+
+„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles
+würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und
+Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich
+habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische
+Vegetation.“
+
+Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser
+fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“
+
+„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage.
+Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“
+
+Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese
+von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An
+Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft
+für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der
+Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder
+brachliegender Arbeitskräfte ...
+
+Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.
+
+Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er
+erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach
+er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich
+trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr
+interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael,
+und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu,
+daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in
+diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für
+Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“
+
+„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein
+Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für
+eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich
+bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem
+es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die
+Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier
+ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel
+wurde dunkel vor Zorn.
+
+„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“
+Michael lächelte.
+
+„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus,
+und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus,
+nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein
+materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“
+
+„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so
+ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein,
+diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“
+
+Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem
+mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte
+ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns
+nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen
+Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich
+fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich
+dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen
+herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete
+sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die
+Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen
+hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld!
+Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und
+Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie
+selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“
+Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So
+sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle
+diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und
+Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch
+Rettung.“
+
+Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil
+der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen
+Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren
+Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“
+
+„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen.
+Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“
+
+„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft,
+wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen,
+sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und
+eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“
+
+Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“
+rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen
+schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte
+gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen
+gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da,
+jetzt kommen die Schnäpse.“
+
+Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel,
+die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort
+werde Wenzel begreifen –
+
+Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer
+Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen
+Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen,
+nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube,
+was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme
+gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“
+
+„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte
+Michael voll Überzeugung und Eifer.
+
+Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht
+diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.
+
+„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu
+werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“
+
+Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder
+in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte.
+Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und
+sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja
+nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas,
+was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe
+diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das
+Glas zum Munde führte.
+
+In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer
+Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den
+Leistungen des Etablissements zufrieden seien.
+
+Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das
+er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte
+er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen,
+Wenzel?“
+
+
+ 16
+
+Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die
+Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber
+gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen
+Augen blinkten.
+
+Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt
+dich bitten, sie anzurufen.“
+
+„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten.
+„Sie hat ja Zeit!“
+
+Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu:
+„Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich,
+Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“
+
+Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich
+werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit
+in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir
+erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen,
+und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir
+berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns
+nicht.“
+
+„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“
+
+Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache
+anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich
+achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal
+habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich
+nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich
+werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege?
+Lise?“
+
+„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem
+feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das
+nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau
+wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und
+bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“
+unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast
+ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“
+
+Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei
+den Bruder anzusehen.
+
+Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du
+verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie
+nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest
+du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt
+hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen
+ehrlos?“
+
+„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“
+
+Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie
+sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den
+Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den
+Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan
+hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da
+vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich
+gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt,
+daß ich ein Defraudant sei.“
+
+„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.
+
+Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir
+das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen
+die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir
+völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich
+Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich
+auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“
+
+Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel
+vorgegangen sein?
+
+„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung
+beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung.
+Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die
+Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du
+weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür
+geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“
+
+„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.
+
+„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir
+vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann
+urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich
+habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet.
+Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause.
+Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen.
+Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein.
+Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen,
+hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete
+Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld
+zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht
+zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen
+lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine
+sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter
+Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von
+Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben
+unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau
+einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles
+dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich
+auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge
+gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den
+Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das
+Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu
+die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor
+dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich
+steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen,
+aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir
+einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie
+eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin.
+Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja
+nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du
+heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.
+
+Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen,
+aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie
+mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es
+waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne
+Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die
+auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu
+diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“
+
+Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann
+nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß
+nicht, da sind auch deine Kinder.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe
+ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch
+Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln
+abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht
+befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich
+ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft
+eines Mannes braucht.“
+
+Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist
+das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.
+
+„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche
+bestellen. He, Kellner!“
+
+
+ 17
+
+Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab
+und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm
+Michaels.
+
+„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit
+Raucheisen erzählen.
+
+Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal
+geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten
+Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady
+Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet
+hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem
+Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen.
+Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der
+Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu
+erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht
+gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen
+entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände,
+wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen
+Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen
+für immer verpflichtet‘. Schön, schön.
+
+Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte
+ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es
+so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte
+und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises
+Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie
+kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie
+ja, diese eingebildete Närrin!
+
+Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem
+Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl
+Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und
+überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte
+nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen.
+Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen?
+Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen
+und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie
+anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes
+willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese
+Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich
+schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum
+Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der
+Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden
+Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber
+Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!
+
+Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und
+konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem
+Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich
+tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das
+Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den
+alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht
+gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür
+sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich
+auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in
+allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.
+
+Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen
+antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem
+glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine
+Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens
+Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein.
+Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur,
+der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor
+sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben
+trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das
+Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir
+sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den
+einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten
+Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.
+
+So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber
+Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was
+ich begriff –?“
+
+Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir
+nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich
+begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und
+Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen
+Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“
+
+„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.
+
+Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem
+er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war
+ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner
+Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und
+sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem
+etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen
+Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist
+natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch,
+dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und
+ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode
+hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen
+ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an
+kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach
+nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der
+Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas
+zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe,
+mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie
+gesehen?“
+
+„Nein.“
+
+„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe
+Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die
+Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist
+das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei
+in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man
+kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne
+Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist
+jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt
+du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann
+Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und
+ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das
+horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er
+zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle.
+Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und
+heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der
+Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen
+Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute
+noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten
+Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“
+
+„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“
+
+„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog
+sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu
+hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich
+zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine
+menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte
+Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große
+Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und
+langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk
+ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er
+aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten
+Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich
+begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu
+verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld
+zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen
+hatte, haßte ich ihn noch mehr!
+
+Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein
+Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem
+Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast
+umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil
+seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren
+einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich
+steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte
+nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann
+sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird
+sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine
+Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun
+höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln
+sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine
+Finanzpolitik eingerichtet.‘“
+
+„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“
+
+„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und
+dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das
+Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag,
+während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte
+Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu
+machen.
+
+So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß
+ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne
+mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der
+Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses
+Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem
+Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins.
+Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar
+selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben
+scheint.
+
+Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich
+recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte
+es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat
+mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er
+beachtete mich ja gar nicht.
+
+Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu
+spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen
+war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte
+Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am
+nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein
+Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte
+allen Kränkungen die Krone auf.
+
+Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung
+hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen
+Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir
+Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“
+
+Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte
+zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der
+Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und,
+schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.
+
+„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied
+berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich
+unterwegs bin.“
+
+Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise
+versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst
+du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat
+Michael den Bruder.
+
+Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der
+Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb
+halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am
+Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste
+erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben
+würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem
+Fenster zu stürzen.
+
+Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein
+Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster
+stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch
+alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen
+Drohungen quälen!“
+
+Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu
+beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“
+
+„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.
+
+
+ 18
+
+Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts
+Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel,
+was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also
+erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel
+versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr
+über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu
+Hause.
+
+„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.
+
+„Sie ist nicht zu Hause?“
+
+„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr
+zurück.“
+
+Michael atmete auf.
+
+Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und
+trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.
+
+„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende
+Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“
+
+Die Kapelle spielte das Lied abermals.
+
+„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle
+geendet hatte.
+
+Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen!
+Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue
+Flasche bestellen. He, Kellner!“
+
+„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner
+die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge
+in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das?
+Ein merkwürdiger Ausdruck!“
+
+Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt
+nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“
+
+„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“
+
+„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“
+Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs,
+ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.
+
+Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“
+
+„Ja, ein Raucheisen!“
+
+Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es
+wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu
+werden?“
+
+„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen
+Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen.
+Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser
+Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“
+
+Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für
+einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht
+selbst –“
+
+Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet?
+Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um
+es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf
+drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor.
+Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern
+Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge,
+Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann
+dies einen Lebensinhalt bilden?“
+
+„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer
+Pharao.“
+
+„Wie soll ich das verstehen?“
+
+„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist
+einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide
+werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot
+bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges
+Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles
+vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher
+unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese
+fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael,
+dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit,
+Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist
+Unsinn.“
+
+Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie
+töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du
+nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“
+
+„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn
+es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist
+meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht,
+das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu
+begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die
+Menschen mehr.“
+
+„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
+
+„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich
+verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren
+Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur
+Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale.
+Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und
+diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft,
+alles.“
+
+„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist
+der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer
+Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist
+bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche
+eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
+
+„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich
+nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich
+höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der
+einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich
+sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht
+nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
+
+Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte,
+es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun
+bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land
+besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“
+
+„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich
+ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr
+widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst
+du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In
+die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel
+ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es?
+Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“
+
+Hastig brach Wenzel auf.
+
+Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine.
+„Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über
+Michaels verblüfftes Gesicht.
+
+„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
+
+„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
+
+Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge
+mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür
+stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und
+Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller
+Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch
+Lack und Farbe.
+
+„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen
+Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher
+hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen,
+sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr
+bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle
+stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine
+Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir
+wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich
+bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken,
+bevor die große Reise weitergeht.“
+
+Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den
+Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
+
+Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht
+gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich
+tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab.
+„Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines
+viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war
+Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht
+abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung.
+Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu
+haben. So fing es an.“
+
+„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
+
+Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals
+war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine
+Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige
+Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“
+
+„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
+
+„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern
+benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht
+vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese
+feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines
+Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen
+Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige
+Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig
+Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael,
+und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen
+angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das
+Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen
+nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen,
+ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich
+lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie
+Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf
+Papierfabriken.“
+
+Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“
+
+„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig
+etwas trennen, so fürchte ich.“
+
+„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.
+
+„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir
+etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine
+Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist
+noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen
+ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen
+mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust
+mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
+
+Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
+
+„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das
+Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“
+
+Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es
+hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter
+zurück.
+
+„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
+
+„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“
+
+Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.
+
+
+ 19
+
+Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin
+da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie
+das sonderbare Haus in der Lindenstraße.
+
+Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und
+hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde
+entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg,
+erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den
+ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger,
+breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn
+heran und blickte ihm unter den Hut.
+
+„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme,
+die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir
+zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter
+und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen,
+aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er
+sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus.
+„Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet.
+Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine
+fünfhundert an. Da hast du es!“
+
+„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der
+Munterkeit des Gefährten ermutigt.
+
+Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur
+Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser,
+als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen
+einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes
+Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –?
+Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er
+von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er
+bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in
+Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem
+Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
+
+Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit,
+nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein
+matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab.
+Georg roch den Rauch von Tabak.
+
+„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
+
+„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den
+Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine
+Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur
+einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer
+Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie
+holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen.
+Tretet ein!“
+
+Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze,
+die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von
+Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer
+breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie
+mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine
+Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte
+mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches
+Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten
+die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden
+hatte?
+
+Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein
+Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es
+aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun
+gute Nacht, Kameraden!“
+
+Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die
+Arbeiter zu verpflegen.
+
+„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das
+Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser
+füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“
+
+Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.
+
+Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen
+Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das
+Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg
+sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie
+ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.
+
+Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft
+und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die
+ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es
+als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen
+auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.
+
+
+ 20
+
+„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des
+Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich,
+Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter,
+Kinder!“
+
+Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
+
+„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg
+an.
+
+Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem
+schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und
+allerlei Gerät.
+
+„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen
+saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
+
+Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von
+Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der
+langsam hinter ihnen herging, dreizehn.
+
+Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien
+dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war
+ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo
+hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.
+
+Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene
+Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel.
+Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man
+ihnen zuweisen würde.
+
+Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute
+Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein
+Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde
+hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde
+schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen
+wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
+
+„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen
+sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid
+ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen
+abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen
+Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.
+
+„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme
+zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an
+seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die
+Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten
+Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend
+Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle.
+„Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er.
+„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich
+blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu
+ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und
+wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg:
+„Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet,
+damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“
+
+Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
+
+Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab,
+zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur
+zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er
+klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein,
+dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das
+Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.
+
+Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke
+hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines
+Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
+
+„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner
+Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und
+blickte Georg hilflos an.
+
+„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was
+kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“
+
+Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt
+in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der
+erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden
+sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa
+dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen
+Größe.
+
+„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser
+hartnäckig.
+
+„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.
+
+Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen
+Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.
+
+Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern
+Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen
+lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der
+Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –,
+lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos
+mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen.
+„Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das
+Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern,
+„siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine
+Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner
+laufen.“
+
+Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“
+rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine
+Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der
+Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige
+Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der
+Arbeit.
+
+Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren
+Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne
+blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne
+würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war
+nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren.
+Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien.
+Im Augenblick war der Wald weiß.
+
+Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den
+Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man
+fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte
+Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen!
+Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog.
+Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser?
+Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
+
+„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“
+
+„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier
+krepieren!“
+
+„Und wie steht es mit dem Futter?“
+
+Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus.
+„Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden
+Schritten davon. Bald war er außer Sicht.
+
+„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die
+Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“
+
+Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der
+Schuppen kommt!“ schrie er laut.
+
+Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen
+zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen
+Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der
+Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen
+schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich
+Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
+
+„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit
+triumphierendem Lächeln.
+
+Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen,
+und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.
+
+„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen
+nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der
+Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in
+Bewegung.
+
+„Wohin fahrt ihr?“
+
+„Nach Glücksbrücke!“
+
+„Geht es dort vorwärts?“
+
+„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“
+
+Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
+
+„Grüßt den Chef!“
+
+Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens
+in Angriff genommen.
+
+„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten
+schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der
+Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine
+Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
+
+Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig
+seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und
+brauchte nur aufgestellt zu werden.
+
+Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war
+verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn
+und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.
+
+In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine
+krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin
+und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er
+es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den
+Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.
+
+„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir
+Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“
+
+Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste
+nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um
+wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen
+kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
+
+„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den
+andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach
+zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind
+Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein
+Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr
+friert!“
+
+Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken
+gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau
+gefroren.
+
+Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der
+Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen
+der Bäume empor.
+
+„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm
+hierher und wärme dich!“
+
+Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die
+bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft,
+und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden,
+starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden
+unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es
+erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.
+
+
+ 21
+
+Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende
+Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte
+plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger,
+glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit
+Stroh und Proviant.
+
+„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.
+
+Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein
+Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern
+Dienst gemacht habe.
+
+„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
+
+Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer
+Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst.
+Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die
+Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die
+Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die
+Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.
+
+Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und
+Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die
+Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die
+Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren
+löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne
+Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen,
+entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren
+Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle
+starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes
+furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte
+Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß
+dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch
+und ohne Hoffnung.
+
+Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da
+war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig
+sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er
+lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles
+Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne
+Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen
+mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf.
+Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe
+Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der
+bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden
+Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige
+Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht
+eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um
+Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der
+alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen
+tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut
+gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte.
+Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die
+einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.
+
+Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten
+Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“.
+Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war
+völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust.
+Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu
+eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her.
+Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen
+Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein
+zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans
+Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren
+noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem
+Glotzauge.
+
+Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte.
+Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht
+hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die
+Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht
+mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen
+Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr
+Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.
+
+„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine
+alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.
+
+Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
+Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen
+werden soll.“
+
+„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“
+
+„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz
+dazwischen.
+
+Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier
+mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im
+Walde!“
+
+Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte
+Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er
+erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg.
+Aber niemand hörte zu.
+
+Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde
+gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er
+schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen,
+in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und
+herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz,
+hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und
+faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder
+geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese
+wunderbare große Stille da draußen.
+
+Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er
+eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort
+wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah
+er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem
+Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete,
+und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein
+Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die
+Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten
+und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit
+offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.
+
+
+ 22
+
+Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die
+helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann
+schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen
+Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.
+
+„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch
+wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen.
+Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also
+nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die
+vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“
+
+Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um
+sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er
+hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen
+Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken
+wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte
+er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“
+
+Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee
+schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle
+Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine
+dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der
+fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger
+Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg
+aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar
+dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.
+
+Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.
+
+„Spute dich: er meint uns.“
+
+Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er
+befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte
+schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo,
+nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht
+niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren
+frisch gerötet.
+
+Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.
+
+Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der
+kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine
+Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und
+versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten,
+dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle
+eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.
+
+Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet
+langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und
+schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem
+langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“
+
+Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und
+knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein
+zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und
+eine alte an den Knien zerschlissene Hose.
+
+„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der
+Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge
+tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich
+organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns
+in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird
+alles in Ordnung kommen.“
+
+Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den
+halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.
+
+„Ob wir es heute noch schaffen?“
+
+Kopfschütteln. Zweifel.
+
+„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus
+demselben Kessel aß.
+
+Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem
+eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er
+hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und
+einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine
+solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen
+gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr.
+Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen
+Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die
+Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich.
+Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine
+Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es
+waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann
+sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren
+Notizbücher, Rollen, Pläne.
+
+Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein
+junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf
+dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von
+der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.
+
+„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak
+besorgen?“
+
+„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“
+
+„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt,
+mein Junge, am Tage?“
+
+„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“
+
+Wir? Wer waren diese „Wir“?
+
+Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit
+gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack
+ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas
+veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging,
+während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke
+herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz
+behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit
+einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und
+einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das
+finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.
+
+„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen
+Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer
+kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.
+
+Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte
+sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er
+sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte
+von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst
+gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von
+einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China
+Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen –
+lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte
+von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren.
+Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war.
+Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der
+Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry.
+Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene
+Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.
+
+„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“
+Gelächter.
+
+Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein
+vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner,
+Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und
+erntete großen Beifall.
+
+Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art
+befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er
+steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in
+Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er
+hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle,
+die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.
+
+Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken
+alle in tiefen Schlaf.
+
+Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife
+rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.
+
+
+ 23
+
+Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die
+Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der
+Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das
+Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den
+hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem
+Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er
+sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen
+verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.
+
+Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts,
+immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk
+nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht
+sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt
+mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“
+
+„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen,
+bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“
+
+Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten.
+„Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich
+gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich
+nicht in ein Krankenhaus.“
+
+Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte
+verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab
+gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister
+sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit
+seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er
+erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel.
+Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was
+man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah
+man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er
+früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er
+schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen
+wollte.
+
+„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.
+
+Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher
+Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der
+Arbeit auf.
+
+„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon
+Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden
+sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“
+
+Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten.
+Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer
+der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt
+eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.
+
+Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen
+wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren
+waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre
+Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er
+eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.
+
+„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt
+erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der
+Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die
+Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“
+rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir
+kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen
+Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der
+Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“
+
+Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie
+davon, Lehmann mit ihnen.
+
+Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend
+alle Gemüter.
+
+„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja
+alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr
+Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“
+
+„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“
+
+„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß
+zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie
+uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste
+bekommen.“
+
+„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz
+soll auch dahinterstecken.“
+
+„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun,
+sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“
+
+„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und
+schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“
+
+„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast
+auf deine alten Tage.“
+
+„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein
+großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich
+hat?“
+
+Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können.
+„Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut
+werden.“
+
+„Eine Stadt?“
+
+„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.
+
+„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.
+
+„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“
+
+Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten.
+„Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte
+er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“
+
+„Gärtnereien!“
+
+„Gärtnereien, sagst du?“
+
+„Jawohl, Gärtnereien!“
+
+Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts
+als Sand!
+
+Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber
+lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick
+sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden
+nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten,
+von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen
+geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so
+sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die
+Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den
+kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die
+Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und
+begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein
+Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“
+
+Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung.
+Er wußte es besser als alle.
+
+„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier
+machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja
+alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht
+werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe
+der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land
+und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles
+Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg
+und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und
+Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg
+gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen
+haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat
+sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon
+gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle,
+und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein
+Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne,
+und alles aus weißen Kacheln!
+
+Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser
+fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in
+seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine
+Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und
+manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur
+gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den
+letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie
+reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn
+Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den
+Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle
+unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen
+beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht
+auslachen.“
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern
+und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch
+lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau.
+„Ist das die Station Lehmann?“
+
+„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.
+
+„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“
+
+„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“
+
+Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in
+lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen
+waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie
+drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr
+seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am
+liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus.
+
+Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen
+schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre
+Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand.
+Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein
+kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte
+sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg
+hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.
+
+Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer
+derben Späße.
+
+Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich
+gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr
+herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns,
+Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf
+der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es
+warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und
+wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.
+
+„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie
+lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken
+waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem
+Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige.
+
+„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war
+geschlossen.
+
+„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“
+
+„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.
+
+Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die
+Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry,
+zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“
+
+Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter
+den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand
+balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von
+der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel
+sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf
+den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und
+schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem
+Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht
+einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben
+komischen Schritten wieder in die Küche zurück.
+
+Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese
+Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen
+über die Wangen liefen.
+
+In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er
+ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte
+wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien.
+
+„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.
+
+„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab
+ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht
+fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“
+
+
+ 24
+
+Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu
+ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück.
+Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte
+sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber
+sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz
+davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am
+ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.
+
+„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier
+Wochen vielleicht.“
+
+Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.
+
+Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein
+entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des
+Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum
+möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße
+trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte
+langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er
+seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie
+Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen
+Mann.
+
+Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem
+Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in
+den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif
+bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.
+
+Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte
+das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in
+aller Stille zu beschäftigen.
+
+Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer
+Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft
+geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken
+bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage
+tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten
+sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag
+besucht.
+
+Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein
+Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des
+Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte
+sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals,
+der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis
+stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.
+
+Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch,
+kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der
+Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste
+und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.
+
+In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt
+blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.
+
+Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine
+und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die
+Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht
+verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn
+ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.
+
+Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.
+
+Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim
+Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde
+war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser
+indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er
+aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit
+hatte er nichts mehr gehört.
+
+Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin
+bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld
+in der Tasche.
+
+„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene
+Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht
+so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt,
+nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt,
+Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen
+zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses
+leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie
+auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte.
+Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich
+warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin,
+ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er
+durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war
+es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit
+ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und
+folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte
+über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde,
+seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny
+Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte
+sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal
+hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten,
+wenn es sein mußte ...
+
+„Und nun?“
+
+„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten
+der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf
+mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle
+Maßen.“
+
+ * * * * *
+
+In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von
+Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine
+Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen
+strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die
+Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen,
+glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie
+lautete:
+
+ Gesellschaft Neu-Deutschland!
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.
+
+„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei
+wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“
+
+„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die
+Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch
+die Luft trieben.
+
+
+ 25
+
+Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch
+angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom
+Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem
+Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten
+Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste
+zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der
+gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.
+
+Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und
+trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der
+zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab
+Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der
+Arbeit und vom Frost.
+
+Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte,
+war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf
+der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an
+der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die
+Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber
+war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.
+
+Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große
+Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe
+stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer
+Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große
+Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen
+die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der
+Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und
+elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren
+noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der
+Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle
+und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen
+Maße und Größen.
+
+In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust
+hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den
+Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem
+Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie
+schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede
+Pause ging ihr rasches Mundwerk.
+
+Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine
+Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und
+einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch
+stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau
+war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann,
+die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war
+zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in
+Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine
+große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war
+früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine
+Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er
+nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.
+
+An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der
+Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich
+für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du
+bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau
+und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht
+entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge
+vor, warte nur, bald sollst du es hören.“
+
+Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot
+über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere
+Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal
+mehr.
+
+Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es
+gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf
+leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte
+es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der
+einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten,
+und schon ging es an die Arbeit.
+
+Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen.
+Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen
+Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem
+düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der
+Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und
+wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich.
+Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte
+kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch
+hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.
+
+Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von
+Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen
+sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es
+Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin,
+jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor
+mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten.
+Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in
+Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.
+
+So hieß es, sich gedulden.
+
+Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die
+Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder
+freier.
+
+
+ 26
+
+Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte
+unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht
+heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft,
+völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber
+gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am
+Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken.
+Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.
+
+Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine
+besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt
+waten mußten.
+
+Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die
+Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die
+Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst
+mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert.
+Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig
+Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder
+reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen
+an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!
+
+Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie
+bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So
+sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
+
+Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße
+frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.
+
+„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn
+die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“
+
+Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.
+
+Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte.
+Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor
+wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde,
+verhielten sich noch still und stumpf.
+
+An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der
+Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und
+verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene
+Fröhlichkeit.
+
+Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.
+
+Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft.
+Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter
+Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen
+und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“
+
+„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten,
+du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr
+habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende
+Ohrfeige.
+
+Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten
+beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb,
+aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte
+sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu
+machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
+
+An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die
+Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
+
+Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in
+die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich
+die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann
+seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen
+steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell
+gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu
+stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache,
+die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber
+er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer
+war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten
+vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen
+hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein
+Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort
+öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz
+nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er
+empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so
+unverschämt renommierte.
+
+„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
+
+„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
+
+„Ah, ein Boxkampf!“
+
+Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie
+dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner
+gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde
+Georg zum Schiedsrichter erwählt.
+
+„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
+
+Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei
+Minuten.“ Alle Teufel!
+
+Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten
+Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
+
+„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure
+Erregung.
+
+Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend
+zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war
+dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
+
+Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in
+Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke
+verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der
+Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
+
+„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine
+Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt
+augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser
+Beziehung keinen Spaß!“
+
+An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel
+empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer,
+die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele,
+Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und
+waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den
+Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten:
+Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo
+die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen,
+Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft
+Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die
+Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue
+Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...
+
+
+ 27
+
+Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager
+interessierten.
+
+Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto
+an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder
+heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen
+in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die
+Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu
+interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit
+raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf,
+dem Kellner.
+
+Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“
+
+Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht
+Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich?
+
+„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen
+Sie mit uns!“
+
+Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie
+der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“
+
+Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“
+
+Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden
+strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.
+
+Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie
+ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“
+
+Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber
+nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren
+zustecken.
+
+„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken
+Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“
+
+Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis
+zum Auto das Geleit.
+
+„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist
+ja nicht so schlimm!“
+
+„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es
+verschwand.
+
+Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der
+Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden
+hatten!
+
+An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer
+wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der
+eigentlich Bollmann hieß.
+
+„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie
+Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“
+
+„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie
+für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein
+Pech!“
+
+Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem
+kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am
+Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den
+linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer
+fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er
+im Kittchen.
+
+Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam
+aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.
+
+So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten,
+um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in
+die Decken.
+
+Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum
+Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen
+Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er
+war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit,
+und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte
+Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum
+Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall
+nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht.
+Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen
+fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die
+sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der
+Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich!
+Viele Wochen war er schon da.
+
+Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald
+hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er.
+Der Alte hatte sich erhängt.
+
+Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich
+erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von
+vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“
+
+Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im
+Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend
+mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.
+
+„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im
+Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine
+Nachtigall zu ihm.“
+
+„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.
+
+„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz
+an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar
+in Berlin Nachtigallen gibt.“
+
+„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte
+Georg.
+
+So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr
+kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“
+
+Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige
+Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr
+schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende
+sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht
+mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen,
+hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den
+Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die
+Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen,
+aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist
+ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General
+oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln,
+als er einer war.“
+
+Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die
+Feierlichkeit war beendet.
+
+Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert.
+Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der
+Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl
+er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich
+auskommen ließ.
+
+So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein
+warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen.
+In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien,
+und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke
+aus, er schwitzte.
+
+Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden
+vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.
+
+Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der
+Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde
+surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag
+für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten
+sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die
+Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie
+Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es.
+Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide
+kriechen.
+
+„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern,
+dann haben wir sie hier!“
+
+Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig
+besprochen wurde.
+
+Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto,
+das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck
+stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen,
+denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren
+ausrangierte alte Kasten.
+
+Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener,
+breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas
+schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.
+
+Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie
+zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war
+bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit
+zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor
+dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte
+sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld
+geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit
+weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich
+aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die
+Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der
+gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in
+Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem
+Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.
+
+„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es
+Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann,
+sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser
+Große mit dem braunen Gesicht!“
+
+„Wer sind die Herren gewesen?“
+
+„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und
+eifrig die Pfeife paffte.
+
+„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht
+interessiert hatte.
+
+„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der
+Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein
+ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“
+
+„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen
+Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei
+Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser
+Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“
+
+Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins
+Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg,
+bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich
+aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam
+mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht
+Schellenberg.“
+
+„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“
+drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande,
+und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+
+
+ 1
+
+Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die
+berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung
+war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell,
+früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in
+den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren,
+so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit
+den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen,
+Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener
+Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten,
+ausgeboten.
+
+Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger
+Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern,
+ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen
+verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen
+Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter,
+die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber
+nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend,
+darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.
+
+Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten,
+verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal
+schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.
+
+In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der
+alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine
+graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte,
+das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener
+Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein
+herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand
+zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell.
+Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die
+beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg
+davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den
+Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um
+das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit
+einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender –
+seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm.
+Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf
+um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der
+Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in
+den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie
+hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde
+dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern
+niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen
+Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte
+noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn
+vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war
+man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben
+mußte.
+
+Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und
+wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom
+Gesicht.
+
+Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß?
+Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter
+Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine
+phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?
+
+Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es
+ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener
+große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“
+
+„Unmöglich!“
+
+„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“
+
+Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter
+Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich
+seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.
+
+Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe,
+jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei
+Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in
+den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe
+kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht.
+Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe
+unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler
+mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.
+
+Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie
+Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf
+zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern
+bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal
+unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben.
+Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der
+Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen
+hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf,
+blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers
+und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät.
+
+An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er
+blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der
+Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian
+wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig
+vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar,
+das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im
+Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch
+schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes,
+forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht,
+fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine
+der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde
+unruhig.
+
+„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt.
+
+„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß
+sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“
+
+„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.
+
+
+ 2
+
+Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem
+jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf
+der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas
+trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“
+
+Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf,
+wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte
+Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart,
+aber sehr hell.
+
+Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren,
+noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den
+letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien
+auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den
+geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe
+leider Ihren Namen nicht behalten.“
+
+„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.
+
+Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die
+Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war
+nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das
+konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg
+ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die
+Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne
+weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade
+unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny
+plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im
+Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht
+Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben,
+es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne
+Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und
+stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen
+Reichtums umstrahlte ihn.
+
+Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys
+Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr
+Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun
+genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm
+dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an
+Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls,
+das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin
+Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer
+Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin
+eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft,
+ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden,
+ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte
+ihm nicht zu.
+
+Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr
+eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen
+Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit
+Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß
+Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm
+austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.
+
+An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben
+Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“
+
+Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie
+aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal.
+
+Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn
+gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum
+Verzweifeln!
+
+„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung
+des jungen Mädchens entzückte ihn.
+
+„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß
+diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“
+
+Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese
+kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat
+er sicherlich nicht den Geschmack.“
+
+Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um
+etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch
+von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil
+einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei
+Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky
+schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben.
+
+„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny.
+„Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie
+viel gekauft, Herr Schellenberg?“
+
+Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten
+vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er
+ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.
+
+„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich
+kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten
+zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr,
+weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in
+zweifelhaften Effekten.“
+
+Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit
+verblüfft.
+
+„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel.
+
+Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief.
+„Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen
+Direktoren wollen mich nicht haben.“
+
+„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe.
+
+„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort,
+„sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film
+interessieren?“
+
+Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie.
+
+„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf
+ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich
+unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge
+sind noch völlig in der Schwebe.“
+
+Die Auktion ging weiter.
+
+„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel
+Stolpe ins Ohr.
+
+„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen,
+unterwürfigen Verbeugung.
+
+Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf.
+Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und
+Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.
+
+Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil.
+Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das
+Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk
+plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten
+Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen
+still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der
+Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“
+
+Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen.
+Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal
+saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.
+
+Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte
+wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene
+Stimme des Maklers siegte abermals.
+
+Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die
+alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in
+verschämter Haltung den Saal.
+
+Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem
+Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert
+mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr
+steht.“
+
+„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige
+Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau
+zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.
+
+„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe
+eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten
+Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich
+geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“
+
+„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von
+Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir
+uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns
+das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch
+von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg
+hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich
+krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen
+Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“
+
+Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei
+Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male,
+da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel
+hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so
+fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in
+diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende
+Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto
+unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein
+hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.
+
+Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei
+Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig,
+dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein
+Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit
+der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als
+Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht
+stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein
+Butterbrot erhalten hatte.
+
+Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen,
+schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe
+Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde
+er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den
+Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers
+Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche
+Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer.
+
+Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine
+auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten
+Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren.
+Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine
+gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes.
+
+Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein
+Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem
+Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie
+tief verletzt zu haben.
+
+„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen
+Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen,
+um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder
+reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“
+
+„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme.
+
+Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um
+keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen.
+
+Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel
+Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn
+völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu
+rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über
+so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige
+Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem
+Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die
+Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom
+König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs
+Großmut.
+
+„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg
+kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“
+
+Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank
+auszudrücken. Anders tat sie es nicht.
+
+Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes
+Gelächter aus.
+
+Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes
+Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte.
+
+
+ 3
+
+Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im
+Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft
+und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er
+dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu
+geben.
+
+Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.
+
+Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der
+edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von
+dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in
+Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig,
+da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen
+Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier
+baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß
+sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden
+war.
+
+Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm
+gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst,
+daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer
+in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine
+Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in
+Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter,
+Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte
+er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe
+in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas
+ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war.
+Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die
+verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen
+Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die
+Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere
+Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die
+die Mieter gegen Wenzel führten.
+
+Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er
+wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das
+Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger
+Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten,
+der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch
+nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte.
+
+Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen.
+In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt
+kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine
+ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er
+engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt
+nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese
+Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die
+zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die
+ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein
+erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen
+Büchern.
+
+Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn
+er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten
+hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das
+nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten
+zermalmte.
+
+Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf
+er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von
+Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er
+noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des
+Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die
+chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag.
+In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm
+manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für
+seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten
+Angebote zurück.
+
+Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine
+unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete
+sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am
+Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf,
+bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei
+Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je
+bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es
+war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er
+spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein
+fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in
+diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier
+ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
+
+Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen,
+die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und
+Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...
+
+Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl
+ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten
+sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In
+allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das
+Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses
+elenden Geldes willen.
+
+Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures
+Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte
+und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf
+Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige
+Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen
+flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen.
+Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von
+einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel.
+Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt,
+saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber
+entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich
+endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
+
+Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte
+die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene
+Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke
+Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen
+alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.
+
+Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel
+lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch
+damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das
+Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten
+die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse
+aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte
+Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig,
+er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige
+Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen,
+wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn
+Minuten zu spät kam, wie?
+
+Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während
+Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand
+Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.
+
+
+ 4
+
+Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland.
+Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die
+Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren
+nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie
+Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.
+
+Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm
+gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich
+an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die
+Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene
+Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war.
+Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man
+wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten
+Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote
+gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf
+ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente,
+wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie.
+Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt
+waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie
+alle seine Mitarbeiter.
+
+Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte,
+forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen
+Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf
+der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen
+Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit
+welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen
+Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche
+Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese
+Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß
+diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die
+Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er
+sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich
+günstig, daß sie ohne Engagement war.
+
+Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu
+sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu
+beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand
+zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht
+strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen
+Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen
+Nase.
+
+„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die
+Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein
+stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie
+zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den
+Herren haben können.“
+
+„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte
+Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.
+
+„Ich habe meine Gründe.“
+
+Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön,
+schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen
+Vormittags stattfinden.“
+
+Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der
+Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der
+Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft
+vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große
+Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“
+
+„Herr Wenzel Schellenberg!“
+
+Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand
+eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren
+Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu
+Katschinsky.
+
+„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“
+
+Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr
+erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff
+die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch
+lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.
+
+„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft
+ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden
+war.
+
+Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine
+Protektion,“ sagte er gekränkt.
+
+„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel.
+„Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie
+wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine
+Szene soll ich spielen? Rate mir!“
+
+Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir
+wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus
+Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“
+
+„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und
+her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser
+gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“
+
+Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier,
+umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und
+modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was
+die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in
+seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache,
+Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“
+
+„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel
+gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.
+
+Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht
+gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei,
+aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine
+Eifersucht nicht verbergen konnte.
+
+Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja,
+was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit,
+daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur
+Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns
+nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze
+Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“
+
+Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst
+einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen,
+die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung
+ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?
+
+Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene
+spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem
+Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe.
+Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben.
+Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie
+plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt
+wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle
+erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament
+zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt
+euch dies?“
+
+Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.
+
+Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“
+rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht
+engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“
+
+„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit.
+
+„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton.
+
+Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut
+durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“
+
+Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde
+nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie.
+
+Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu
+bemerken.
+
+
+ 5
+
+Jenny hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ bis in die
+letzten Einzelheiten ausgearbeitet und hundertmal vor dem Spiegel
+eingeübt.
+
+Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit äußerster
+Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde zu warten. Die Türen
+öffneten sich von selbst, und über lange Korridore wurde sie direkt in
+das Heiligtum des Direktoriums geleitet.
+
+Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr mit geheimnisvoller
+Miene einen Brief. Es war ein kurzes Schreiben Schellenbergs, der sie
+ermahnte, keinerlei Vertrag zu unterschreiben, bevor er ihn nicht
+gesehen habe. Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu
+besprechen und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper mit ihm
+besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute habe.
+
+Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht fieberrot.
+
+Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, beleibte
+Herren, höflich, ja fast unterwürfig.
+
+„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie uns überraschen
+werden, Fräulein Florian?“ fragte einer der Direktoren.
+
+Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor Angst doppelt so
+groß geworden.
+
+Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann sie, aber sie
+spielte verwirrt und schlecht.
+
+„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie.
+
+„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Erregung.“ Die
+Herren verschwanden tief in ihren Sesseln, um sie ja nicht zu stören.
+
+Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt hatte, drückten
+ihr die Direktoren anerkennend die Hand. „Wir werden sehen, Fräulein
+Florian. Es wird nötig sein, Sie in einer ganz besonderen Sache
+herauszubringen. Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der
+Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. Sie können ihn
+morgen unterzeichnen.“ Unter vielen Bücklingen komplimentierten die
+Direktoren Jenny hinaus. Als sich aber die Polstertür hinter Jenny
+geschlossen hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an.
+
+„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten Direktoren.
+„Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“
+
+„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist hübsch, ja schön.
+Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen sind ungekünstelt, reizvoll,
+bezaubernd, rührend, voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher.
+Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht wiederzuerkennen.“
+
+„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“
+
+Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs Brief
+zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte er, indem er die grauen Augen
+streng auf sie heftete.
+
+„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht meinen Ruf, wenn ich
+mit einem Herrn eine Opernvorstellung besuche, der guten Kreisen
+angehört?“
+
+„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? Gute Kreise?
+Zugegeben, er war früher Offizier – sein Ruf ist jetzt nicht der beste.
+Du weißt, daß er einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute
+in Deutschland leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger
+Berlins. Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie man Ware
+kauft!“ Katschinskys Stimme bebte.
+
+Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige dich,“ versuchte sie ihn
+zu besänftigen, bebend unter seinen versteckten Beschimpfungen. „Ich
+habe dir nie Anlaß gegeben, mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht
+ist deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, um nicht
+ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“
+
+„Also du gehst?“
+
+„Ja, ich gehe.“
+
+Krachend flog die Türe ins Schloß.
+
+Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen
+Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die
+Wangen mit Kölnischem Wasser.
+
+„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete.
+„Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es
+zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den
+Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich?
+Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist
+Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe
+gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich
+tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin-
+und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen.
+Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa
+schreiben.“
+
+Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte
+als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht,
+wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren
+hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit
+vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte
+Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße,
+zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte
+und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine
+Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben
+anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian
+beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen
+Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man
+prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer
+Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine
+berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht
+Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war
+bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der
+Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um.
+
+Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys
+große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf
+seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg.
+Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen.
+
+In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt,
+und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky
+hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter
+brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er
+anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky
+begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr
+Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch.
+Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene
+Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern
+vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer
+Mentor. Mehr als das: er liebte sie.
+
+Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen
+Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu
+Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von
+ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war
+rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des
+Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und
+Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in
+Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen
+Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr
+aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines
+Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand
+sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch
+vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es
+gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß
+Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an
+nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie
+belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit,
+er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin,
+in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den
+er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit
+Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er
+einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde
+beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und
+Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt
+hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch
+Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei
+mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm.
+Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen
+Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er
+fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen
+Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in
+Zukunft diese Kreise zu meiden.
+
+„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften
+und Ambitionen.“
+
+Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst
+Vergötterten gesehen hatte.
+
+An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater
+schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen
+dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften
+abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die
+Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb –
+ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft,
+nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb,
+quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit
+Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun
+sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß –
+
+Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt,
+es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß
+ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war
+unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr
+der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit
+einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe
+über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie
+sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas
+derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich,
+überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie
+wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld
+liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie
+wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen.
+Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er
+protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren?
+Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine
+Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein.
+Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich
+gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie
+Erfolg hatte.
+
+Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war,
+auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr
+sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“
+
+„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund
+war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden
+Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse
+Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund,
+morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es,
+daß ich glücklich sein werde!“
+
+Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie
+zerriß. Mochte es stehen bleiben.
+
+Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam
+durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße
+Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und
+wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es
+mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde
+abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen?
+Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig
+Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen
+sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie
+ein Quadrat aus.
+
+Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich
+über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.
+
+Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin.
+Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut.
+Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den
+Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die
+dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da
+zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht,
+gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine,
+breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.
+
+„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“
+fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der
+Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate
+ausstreichen.
+
+An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen
+gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes
+willen?“ fragte sie bestürzt.
+
+Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen
+Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach
+Hamburg fahren.“
+
+Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer
+Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“
+
+Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er.
+
+„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte,
+daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe
+vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie
+weit weg war sie schon von ihm.
+
+
+ 6
+
+Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es
+nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen,
+ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein
+verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann
+mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war
+armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren
+geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte
+Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar
+gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu
+schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um
+ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel
+nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu
+ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen
+Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.
+
+Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem
+Menschen so wahnsinnig sehnen!
+
+Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in
+einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu
+seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt,
+ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.
+
+Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer
+leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste
+Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder.
+Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe
+mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein
+Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ
+und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde
+im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg
+nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach
+Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um
+fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und
+Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn
+Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am
+Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was
+gibt man eigentlich in der Oper?“
+
+Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte
+sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“
+antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“
+
+„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es
+wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings
+sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie
+übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut.
+Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier –
+ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat
+sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie
+mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen
+sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr
+ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“
+
+Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr
+Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie
+entlasten?“
+
+„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe.
+„Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich.
+Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine
+Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus.
+Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit
+gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater,
+Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht
+es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in
+prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer
+Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen
+Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich
+ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat
+Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß,
+schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe
+von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn.
+
+Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses
+rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie
+früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.
+
+In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der
+steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach
+ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas
+Sekt?“
+
+Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat
+in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel
+begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz
+genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.
+
+Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu
+beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede
+Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört
+hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über
+ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem
+Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen?
+Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem
+ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und
+sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und
+in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit
+Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg
+still in seinem Sessel.
+
+Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr
+Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte
+Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht,
+und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie
+versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er
+schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte.
+
+Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im
+Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren.
+„Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich
+schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und
+dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“
+
+Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre
+schönen Augen lächelten Verzeihung.
+
+Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, feierlichen
+Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen Restaurant, wo er vor
+Jahren mit Michael soupierte.
+
+Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die man nie kennenlernt,
+die sich verhüllen, verschleiern, mit ihrem Willen oder gegen ihre
+Absicht. Dumme, eingebildete, überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum
+gibt es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, und es
+gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man in der ersten Minute
+vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, Einfachen, Reichen, die sich nicht
+scheuen, die Türe weit aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es
+Jenny, gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten,
+versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, vorzutäuschen, er
+posierte nicht, er war schlicht und einfach und gerade. Nach einer
+kurzen Befangenheit hatte Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon
+jahrelang kenne.
+
+Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, zum erstenmal sah
+sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war breit, derb, fast etwas bäurisch,
+aber fest und groß. Die Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen
+hingen wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, es schien
+Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick zum erstenmal wirklich ein
+menschliches Gesicht. Alles, was sie sich früher über das menschliche
+Antlitz gedacht hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also
+begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht des
+Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung.
+
+„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, die grauen Augen,
+deren Blick etwas kalt schien, fest auf sie gerichtet.
+
+Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? Wozu Mut, Herr
+Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen Kopf verlegen zur Seite geneigt.
+
+„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“
+
+„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht –?“
+
+„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten geworden ist.
+Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe haben die Menschen im
+allgemeinen zu einem erbärmlichen Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die
+Angst davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das Urteil
+ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, gelegentlich,
+wegen irgendeiner Sache, ein paar Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so
+lächerlich sind diese Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und
+ekelhaft – ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: Mut zu
+haben, dem Leben in die Augen zu sehen? Es bedeutet den Mut zu haben,
+unter Umständen auch zugrunde zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben,
+Fräulein Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie eine
+Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur Mut hat.“
+
+„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“
+
+„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja
+im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist
+gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte
+noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß
+mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu
+schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher
+ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine
+Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für
+seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den
+Sinn käme.“
+
+„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“
+
+„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig
+zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden
+diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“
+
+Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem
+zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es
+Ziegelsteine abfärben, dachte er.
+
+„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige
+sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle
+Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente,
+erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe
+es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere.
+Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung
+nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von
+Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder
+und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit
+Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die
+eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später
+brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die
+Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es
+ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen
+filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre
+zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich
+weiß es.“
+
+Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?
+
+Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir,
+Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit
+werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden
+Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach
+einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden
+täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die
+Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten
+Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind
+nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht
+ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren.
+Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies,
+dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung
+anvertrauen?“
+
+Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft
+des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu
+begreifen.
+
+„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich
+änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der
+Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie
+vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut
+so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein
+besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit
+zweitausend Mark im Monat reichen?“
+
+„Aber gewiß.“
+
+„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter
+hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht
+an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und
+schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute
+Kameraden werden.“
+
+
+ 7
+
+Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau
+von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen
+Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam
+sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte
+der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten
+gerade über den Bahnsteig.
+
+Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und
+Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen
+Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant
+zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin.
+Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.
+
+Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise
+ungnädig und ungeduldig.
+
+„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der
+Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine
+Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.
+
+„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer
+Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero
+zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht,
+Lise.“
+
+„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in
+dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem
+Pflaster.
+
+Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.
+
+„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und
+ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das
+Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen,
+um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“
+
+„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist,
+Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im
+Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche.
+
+„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma.
+Der Winter war sehr schlecht.“
+
+Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie
+bleiben wollen?
+
+Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im
+Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür
+gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes,
+freudiges Geheul aus.
+
+„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem
+Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und
+küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte
+glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder,
+und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“
+
+Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie
+schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre
+herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten.
+
+Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so
+gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter.
+Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte,
+entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen
+Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige
+dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand
+beachtete.
+
+„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“
+
+Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie
+abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder.
+
+„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat
+genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein
+Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes
+Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber
+ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem
+argwöhnischen Blick an.
+
+Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du,
+wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen.
+
+„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. Das Mädchen lachte
+nur, weil Frau von dem Busch sie duzte.
+
+„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es sich einfallen lassen,
+so zu lachen. Bringe eine Nadel und einen Faden, siehst du nicht, daß
+eine Masche von Marions Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben
+keine Augen im Kopf.“
+
+Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik bringen und ihr
+zeigen, wie weit er bereits in den Lektionen gekommen war. „Und, wie
+sagt man: Hier bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie
+man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm alberne Fragen in
+dieser herrischen Form vortrug, und so antwortete er nicht. Seine grauen
+Augen glänzten abweisend, es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die
+Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie versprach Gerhard, ihm
+morgen zu zeigen, wie man ein Buch einbindet.
+
+„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. „Aber
+schon ist die große Begabung des Vaters unverkennbar.“
+
+Lise staunte.
+
+Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem Busch hatte die
+Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, sah ihr lange und zärtlich in
+die Augen, und dann begaben sich die beiden Frauen in das Speisezimmer.
+
+„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“
+
+„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war höchste Zeit, daß
+ich wieder einmal nach Berlin kam, um mit dir über all die Dinge zu
+sprechen.“
+
+„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und zerknitterte die
+Stirne.
+
+Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden waren – gab
+es für Frau von dem Busch kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte
+sich in den Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr von
+dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. „Also,“ begann Frau von
+dem Busch, „ihr zankt euch noch immer?“
+
+„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an.
+
+„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, was für ein Kind
+er ist, ein wilder Junge, der dumme Streiche macht. Aber man muß zugeben
+– und ich habe es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute
+Eigenschaften hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das
+ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, haben.
+Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“
+
+Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die Mutter, sofort erregt.
+„Du scheinst die Situation, die du ja zur Genüge kennst, absichtlich
+verkennen zu wollen.“
+
+„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“
+
+„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen mir und
+Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“
+
+Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind nur Worte, Lise,“
+entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, die dreimal geschieden
+wurden und sich immer wieder heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose
+Natur, er mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon
+anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den Versuch machen –“
+
+Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal wiederholt,
+Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter Stirn. „An eine
+Aussöhnung ist nicht zu denken. Wenigstens was meine Person betrifft,
+nie, niemals. Und auch Schellenberg –“
+
+Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. „Ich meine es ja nur
+gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir können doch über all diese Dinge ruhig
+und offen sprechen. Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so
+viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei mir. Was er alles
+erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es gedacht, soll ja eine ganz
+fabelhafte Karriere gemacht haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst
+von Carlowitz sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von
+Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen Fähigkeiten
+habe ich ja nie gezweifelt.“
+
+Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ sagte sie.
+
+„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? Man muß über
+all diese Dinge ruhig sprechen können. Der Zeitpunkt einer Aussöhnung
+scheint dir also noch nicht gekommen zu sein? Das ist schade, sehr
+schade. Ich hätte es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich
+in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach von ungeheuren
+Reichtümern.“
+
+Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, Mama, ich will
+nichts von diesen Reichtümern. Ich will nichts von diesem
+zusammengescharrten Geld!“
+
+Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie töricht du bist!“
+rief sie aus. „Du bist ja immer noch seine gesetzmäßige Frau! Wie gut
+ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin,
+eine Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen
+wahrzunehmen.“
+
+„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte Lise gelangweilt.
+
+„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, vielleicht
+übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht einer Großherzogin
+gekauft habe!“ Frau von dem Busch wollte alles, jede Einzelheit wissen,
+sie war ja nur zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen.
+
+Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. Sie hatte ja
+über alles bereits hundertfach schriftlich und mündlich berichtet. Das
+war die Wahrheit. Bis auf jene Dinge, die Lise absichtlich verschwieg,
+war Frau von dem Busch in alles eingeweiht.
+
+Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall mehr zu ihr
+zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch unter Qualen, damit
+abgefunden. Sie spielte zuerst die Rolle der verkannten, verlassenen
+Frau. Sie war auch in der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah
+plötzlich alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte
+erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften verblaßten, und
+die schlechten Eigenschaften traten hervor. Nunmehr sah sie nur noch die
+schlechten Eigenschaften Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er
+„nicht zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie nicht ab,
+ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten Formen fortzuführen. In
+ihrem Salon gingen Damen und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann
+man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg immer kommen, immer
+gab es Umarmungen und Küsse. Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht
+drei, vier Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte ein
+Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, Theater,
+Einladungen aller Art. Als es mehr und mehr bekannt wurde, daß Wenzel
+Reichtümer erwarb, beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person
+sich wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und ihre
+Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. „Lise, man hört
+Dinge –“ Aber Lise richtete sich sofort überempfindlich auf und machte
+weiteren Ausführungen mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht
+davon, kein Wort mehr.“
+
+Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte kein Arg gegen
+Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, daß er sie tief verletzt hatte.
+Da waren ja auch seine beiden Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine
+vorzügliche Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von Monat
+zu Monat.
+
+Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen dem Bruder
+und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse liebte, hatte ihr durch Michael
+und den Anwalt mehr als einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr
+glänzende Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise nahe
+daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum notorisch geworden
+war, setzte sie allen Vorschlägen ein eigensinniges Nein entgegen.
+
+Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie kaufte Hüte und
+Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle Wenzel zustellen. Er befahl,
+daß sie bezahlt werden sollten, daß man aber den Firmen mitteilte, daß
+er nicht mehr für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit
+einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen Firmen, und
+wieder kamen Stöße von Rechnungen.
+
+„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten zwingt,“ sagte
+Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab die Angelegenheit einem
+seiner Anwälte. Und die Richter, die beim Anblick dieser Rechnungen kaum
+die Sprache zurückfanden, entmündigten Lise.
+
+Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde Lise zum erstenmal
+in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. Drei Tage lang schwankte sie
+kreidebleich durch die Wohnung. „Ich hätte nicht gedacht, daß er ein
+Schuft ist,“ sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich
+hielt ihn nur für leichtfertig.“
+
+Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache mit der
+Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur angedeutet, daß sie mit
+Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen – Schuhe, Kleider, Wäsche für
+die Kinder – beanstande.
+
+Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung noch immer nicht
+beendet war, geriet Frau von dem Busch an diesem Abend abermals in helle
+Erregung.
+
+„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, um nach dem Rechten
+zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die Anwälte machen mit dir natürlich,
+was sie wollen. Morgen werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist
+ein alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, Lise, wozu ich
+mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ Frau von dem Busch
+hatte sich vor Erregung erhoben und blickte Lise mit einem kühnen Blick
+an.
+
+„Wozu, Mama?“ fragte Lise.
+
+„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es tun!“
+
+„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete Lise mit einem
+spöttischen Lächeln.
+
+Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. „Oh, er wird es nicht
+wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie und ballte die kleine, bleiche Faust.
+
+
+ 8
+
+Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm
+wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in
+Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben.
+Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren
+angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch
+nicht ganz erholt.
+
+Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung
+wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein
+Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch
+saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und
+strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen,
+über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine
+noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre
+gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas
+gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte.
+Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und
+geheimnisvoller Verschwiegenheit.
+
+Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht
+die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte
+sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre
+Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer.
+
+„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch
+und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen
+„arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen.
+Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die
+Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden
+gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte
+am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle
+fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand
+zu widersprechen wagte.
+
+An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort,
+was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den
+Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung
+nicht schaden würde.
+
+Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen
+ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu
+Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und
+Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin
+gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine
+phantastische Färbung angenommen.
+
+Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein
+Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften
+hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte
+höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen,
+luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte
+Lise lernen.
+
+Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise
+entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen
+Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun
+allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie
+bereute.
+
+Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort
+die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte
+sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert
+aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem
+unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute
+gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine
+Sünden zu vergeben.
+
+Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das
+über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten
+Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen.
+Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck.
+
+„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in
+einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des
+Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“
+
+Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu
+sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei,
+außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand.
+
+Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist
+natürlich manches wahr daran.
+
+Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und
+führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.
+
+Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu
+dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm
+zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich
+hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß
+bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei.
+
+Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von
+ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede,
+dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte.
+
+„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich
+sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du
+aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses
+Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber
+wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“
+
+„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins
+Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er
+sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt,
+hart und ohne jede Gnade.
+
+„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er
+hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht
+seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“
+
+Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war,
+nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig,
+sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte.
+
+„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre
+Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen
+Angelegenheiten Lises zu ordnen.“
+
+„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau
+von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier
+sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre
+Tochter bezahlt habe.“
+
+Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es
+seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu
+unterhalten.
+
+„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß
+es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu
+arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch
+keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie
+Ihrer Tochter angedeihen ließen.“
+
+Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind
+herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor
+Erregung so weiß geworden wie ihr Haar.
+
+„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“
+erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er
+erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank,
+der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern
+vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“
+
+Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die
+Interessen Wenzels vertrat.
+
+„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig
+Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch
+immerhin –“
+
+Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit
+meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“
+
+„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“
+
+Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch
+das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn,
+einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte
+Vertrauen hatte.
+
+„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich.
+
+Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall
+auseinanderzusetzen.
+
+„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den
+Anwalt.
+
+„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt
+zwei Schellenberg.“
+
+„Wenzel Schellenberg.“
+
+„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt
+noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“
+
+Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor.
+Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit
+halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß
+Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und
+wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.
+
+„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“
+
+„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte
+es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine
+Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu
+sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“
+
+„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte
+Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich
+gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund
+dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in
+meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter
+Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu
+wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele
+Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen
+herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor
+Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte
+große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während
+er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor
+zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.
+
+Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts.
+
+Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand
+genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg.
+Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es
+wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden
+Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen.
+
+Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von
+Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in
+Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das
+ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.
+
+
+ 9
+
+Jenny speiste mit Wenzel im Hotel Eden.
+
+„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein Florian?“ fragte
+Wenzel.
+
+„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien ihr, als klänge
+Wenzels Stimme streng und rügend. Du mein Gott, sie konnte solch rasche
+Entschlüsse nicht fassen. „Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe
+zu tun. Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“
+
+„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut fort. „Ich war
+vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen Geschäftsfreund. Er
+hatte hier zwei Zimmer und ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich
+reizende Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der Schwede ist
+abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung für Sie gemietet.“
+
+Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte sie den Kopf.
+„Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, das ist mir viel zu teuer.“
+
+„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein Florian,“ entgegnete
+Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium gut bekannt. Aber nun kommen Sie
+gleich mit, ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß Sie
+davon entzückt sein werden.“
+
+In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das Bad entzückte Jenny.
+In alle Räume hatte Wenzel große Blütensträuße stellen lassen. Jenny
+sagte kein Wort, sie errötete tief. Das war ihr Dank.
+
+Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, daß Jenny ins Eden
+gezogen war, wurde er blaß wie ein Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm
+mehr zu verraten als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf,
+Jenny zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man mußte sich bei
+ihr anmelden lassen, bevor man empfangen wurde.
+
+Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete und Jenny erblickte,
+erschrak er, so schön war sie. Nie hatte er sie so schön gesehen. Sie
+trug ein Kleid, das er nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig,
+voll natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh.
+
+Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam den sanft schimmernden
+Blick zu, mit einem leichten, etwas verlegenen Lächeln in den
+Mundwinkeln, als ob sie sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du
+hättest noch länger wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön
+gewesen. Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in
+diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, den Glanz ihrer
+Augen und den unbegreiflichen Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war
+sie viel, viel schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte.
+
+Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen sah, war ihr erster
+Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht zu zart, zu unmännlich, zu
+weichlich, ja weibisch war.
+
+Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander und stützte das
+Kinn in die Hand.
+
+Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, dachte Jenny. Früher
+hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar gebauter und trainierter Körper
+zeigt immer schöne Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen.
+
+„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny.
+
+Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam von der Beerdigung
+seiner Mutter, und sie fragte: Wie war es in Hamburg? Offenbar hatte sie
+vollkommen vergessen, daß seine Mutter gestorben war.
+
+Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen Frage kam ihr zum
+Bewußtsein.
+
+Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den Gleichgültigen und
+Unbeteiligten, den Freund, der tief gekränkt, aber zu stolz und
+großmütig ist, um sich diese Kränkung merken zu lassen.
+
+Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet hatte. Strümpfe,
+Schuhe, alles war völlig neu und modern. Es fiel ihr ein, daß seine
+Mutter ein kleines Vermögen besessen hatte.
+
+„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ fragte Katschinsky.
+„Hast du abgeschlossen?“
+
+„Ja, ich habe abgeschlossen.“
+
+„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer Gleichgültigkeit
+fort.
+
+„Ja.“
+
+Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch ein Recht gehabt
+hätte, Näheres über die Bedingungen zu erfahren. Er ging.
+
+Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny sah es sofort seinen
+Augen an, daß er heute nicht die Rolle des Gleichgültigen spielen werde.
+
+„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ sagte er in
+munterem Tone, als habe es nie eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben.
+„Wir wollen etwas gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser
+besuchen.“
+
+Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete sie. „Willst du
+Tee haben? Um sechs Uhr kommt der Regisseur zu mir. Ich habe zu
+arbeiten.“
+
+„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig etwas warten. Mache
+mir die Freude, Jenny.“ Er haschte nach ihrer Hand und versuchte sie zu
+berühren. Er wußte wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte.
+Sobald er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war ohne jeden
+Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und wiederholte nur, daß sie zu
+arbeiten habe, daß sie aber gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee
+plaudern wolle.
+
+Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn Herr Doktor
+Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.“
+
+Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden bin, dachte
+Katschinsky.
+
+Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken Körper leicht
+zurückneigte, während sie mit einem Finger den Deckel der Teekanne
+festhielt, wurde Katschinsky von einer Art Raserei ergriffen. Seine
+Vorsätze, sich zu beherrschen, waren wie weggeblasen. Er erhob sich
+bleich. Sein Atem ging hörbar vor Erregung.
+
+Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge groß und abwehrend zu
+ihm auf. Aber dieser Blick, der ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch
+seine Erregung. Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen
+den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, die Zigarette
+anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn
+du aufrichtiger wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine Brauen
+flogen auf und ab.
+
+Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte sie leise und
+erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie bleich wurde.
+
+Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe nie gedacht, daß du
+so feige bist, Jenny!“ rief er.
+
+„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte Jenny, und ihr
+Auge glühte auf.
+
+„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider ist!“ schrie
+Katschinsky rasend.
+
+Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! Ich will es
+nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf.
+
+„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky brachte erregt
+einige Fälle vor, die man sich von Wenzel Schellenberg erzählte.
+
+Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. „Du bist
+ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so sprichst.“
+
+Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine Frage zu beantworten,
+und ich gehe – für immer,“ sagte er, und sein Blick grub verzweifelt in
+ihren Zügen. Seine grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß.
+Ja, er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber mehr als
+sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese Frau mit seinem Gelde
+gekauft hatte, er haßte ihn um so mehr, je weniger er die Möglichkeit
+hatte, ihm irgendwie beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines
+Tages, oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. Tag und Nacht
+würde es für ihn, Katschinsky, keinen anderen Gedanken mehr geben.
+
+In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, der Regisseur,
+trat ein.
+
+Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine Sekunde lang hatte
+er geglaubt, Schellenberg werde kommen.
+
+Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. Sie begrüßte Dr.
+Brinkmann und machte die Herren bekannt. Während sie den Tee servierte,
+plauderte und klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon.
+
+„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, aber er fand nicht
+die richtige Anerkennung. Ich glaube aber, daß er sehr große Begabung
+hat. Sie sollten ihn sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“
+
+Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete Katschinsky
+aufmerksam, wie ein Händler, der ein Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“
+sagte er, „das Äußere ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine
+Verabredung.
+
+Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber nur um rasch ein
+Gesprächsthema zu finden, war sie auf diesen Gedanken verfallen.
+Katschinsky küßte ihr artig die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging.
+
+
+ 10
+
+Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen.
+Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich
+unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den
+Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch
+Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die
+leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die
+ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge
+verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr
+die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle,
+wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen
+Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh,
+er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo
+haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine
+rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte
+bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß
+er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man
+spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe
+nicht!“
+
+Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo
+in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer,
+irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein
+Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.
+
+„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr
+umtun.“
+
+Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten,
+wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im
+Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken,
+etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas
+außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die
+Schellenberg interessieren konnte.
+
+Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen,
+bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen
+erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese
+Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde,
+bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften
+währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.
+
+Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein
+Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel,
+den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe
+schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die
+Vorbereitungen zu treffen.
+
+Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis.
+Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei
+einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier
+gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg,
+der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel
+kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die
+Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.
+
+Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten
+Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen.
+Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge,
+Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine
+kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen
+spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln
+hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der
+Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander
+verbunden.
+
+Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten
+Kaufherr instandsetzen lassen.
+
+Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch
+keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine
+Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus
+dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“,
+das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See.
+Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.
+
+Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden,
+nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen
+verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon
+empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.
+
+Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes
+Schloß,“ sagte sie.
+
+„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele
+Umstände unter dem Arm und führte sie fort.
+
+Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all
+diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik
+und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und
+Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen
+Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen,
+eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne
+Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich
+einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel
+angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und
+langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus
+dutzendmal gehört hatte. Welche Leere.
+
+Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und
+selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den
+Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß.
+Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny
+dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem
+Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der
+Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke,
+die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein
+Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte
+sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört.
+Er lachte ausgelassen wie ein Knabe.
+
+Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei
+einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen
+lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in
+dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man
+beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee.
+
+„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht
+anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“
+
+In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik
+davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man
+ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er
+legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder
+litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu
+Ende.
+
+In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen
+fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und
+sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“
+
+„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“
+
+„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“
+
+„Ihr werdet schon sehen!“
+
+Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg
+unternehmen werde.
+
+In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden
+Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her.
+Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt
+ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel,
+der aus dem Wasser steigt.
+
+Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran,
+berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten,
+kleiden Sie sich sofort um.“
+
+Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in
+die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen
+gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand
+schnell im Hause.
+
+Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie
+wieder in Berlin war.
+
+
+ 11
+
+Jenny hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. Es war
+eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß sie voller Fleiß, Hingabe
+und Ausdauer arbeitete. Die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war
+ungeheuer selten, ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr
+lag, sie zu nützen.
+
+Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen gegeben, und sie
+folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei einem Tanzmeister und begann ganz
+von vorn mit der alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann
+machte sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden.
+
+Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm
+Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich
+leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten
+Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die
+völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung,
+jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß,
+sie empfand es fast als Wollust.
+
+Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine
+schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und
+Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte,
+ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu
+gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem
+Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt
+ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor
+Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun
+begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede
+Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte
+ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war
+keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge
+glänzte und flammte leidenschaftlich.
+
+„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte
+nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit
+erhielt.)
+
+Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in
+Italien aufnehmen lassen.
+
+Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie
+fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein
+Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr
+auch diese schwierige Kunst zu erschließen.
+
+Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden
+und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern,
+Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner
+Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche
+Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er
+allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn
+sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit
+schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat
+sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie
+stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich
+Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.
+
+Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit
+Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum
+erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe
+keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust
+wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie
+schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie
+fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr
+als Sentimentalität.
+
+In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre
+Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen
+Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine
+Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger,
+brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf,
+aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer
+Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie
+eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte,
+der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte.
+Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang,
+und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der
+herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.
+
+Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte
+ihn zu ergründen, vergebens.
+
+Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen
+wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte
+sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür
+hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf
+zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie
+sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann?
+Aber Wenzel hatte nie Zeit.
+
+
+ 12
+
+Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die
+Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er
+selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten,
+abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es
+genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar,
+wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und
+unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen
+konnte.
+
+Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug
+das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen
+zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im
+luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um
+hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel
+ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig
+gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch
+seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war
+ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich
+finden.
+
+War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der
+Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er
+Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es
+wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese
+funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die
+in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm
+entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor
+Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen
+herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer
+erloschen.
+
+Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine
+Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen
+Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken.
+Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr
+berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die
+finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So
+ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht
+war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im
+trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß
+er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön,
+und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit
+allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen
+weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.
+
+Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
+
+Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen.
+Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer
+Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
+
+Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener
+Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es
+versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen
+verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts
+mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen
+keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen
+Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
+
+„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz
+offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind
+ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer
+Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der
+Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst.
+Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“
+
+Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar.
+Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden
+jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade
+die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen
+Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.
+
+Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten,
+zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen
+etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich
+außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ
+schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die
+Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte
+Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand
+wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig
+versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht
+mehr, er erbleichte nicht mehr.
+
+Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die
+Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie
+hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen
+Augen.
+
+Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe,
+dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.
+
+„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten
+Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine
+solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife,
+Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als
+Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon
+lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute
+Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“
+
+„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand.
+„Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und
+plauderten wie gute Freunde.
+
+Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr
+Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine
+Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann
+und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den
+Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer
+gleichmäßig kameradschaftlich.
+
+Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen –
+änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle,
+menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn
+zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu
+verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir
+alles zu gestehen, was geschehen ist.“
+
+Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck
+seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur
+aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und
+nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
+
+Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er
+sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte
+von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.
+
+Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich
+bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß
+auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach,
+hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm.
+Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu
+laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie
+wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches
+Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und
+beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so
+maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe
+mich doch, fühle es doch!“
+
+Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab
+es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie
+für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich
+kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein
+schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht
+gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung
+vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
+
+„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus,
+„sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn
+nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn
+erhalte.
+
+Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit
+einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen
+andern.“
+
+„Liebst du ihn wahrhaftig?“
+
+„Dreimal wahrhaftig!“
+
+Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann
+ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
+
+Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des
+Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden
+Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es
+gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein
+Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers
+geworden.“ Jenny heischte Antwort.
+
+Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine
+immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.
+
+„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich
+habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken
+hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh,
+wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage
+nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“
+
+Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich
+dir noch verzeihen.“
+
+Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
+
+Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
+
+„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg
+einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn
+K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du
+machst dich nur lächerlich!“
+
+In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen
+Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten,
+sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet
+nicht, bis das Licht erlischt.
+
+
+ 13
+
+Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des
+Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den
+halbdunkeln Raum.
+
+Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen,
+daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines
+Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu
+schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie
+sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne
+Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus
+diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie
+etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es,
+geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten
+sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der
+Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch
+sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle
+Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
+
+Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die
+eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen
+und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht
+Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie
+allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er
+sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
+
+Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie
+saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren
+sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit
+sollte drei Tage dauern.
+
+„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie
+sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie
+sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein
+Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer
+Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter,
+als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“
+
+Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände
+kletterten eilige Funken.
+
+Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf
+schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas
+zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man
+ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind
+verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in
+gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir
+allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr
+kannte. Lieben Sie Gedichte?“
+
+Jenny sah erstaunt auf.
+
+Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch
+nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele
+Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist
+schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust
+auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen
+doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
+
+Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
+
+„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein
+Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme
+dabei klingt.“
+
+Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie
+dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der
+Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz
+monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:
+
+ „O gib, vom weichen Pfühle
+ Träumend, ein halb Gehör!
+ Bei meinem Saitenspiele
+ Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände
+sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.
+
+„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte
+ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und
+unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein.
+Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch
+das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und
+selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses
+Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache
+gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf
+dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist.
+Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich
+dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf
+dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um
+zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine
+in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich
+oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme
+mich jetzt schon dieser Trivialität.“
+
+Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und
+schwieg.
+
+Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich
+mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die
+hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als
+Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir,
+ertränken.“
+
+Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus;
+aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure
+Verachtung klang aus Wenzels Stimme.
+
+„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die
+zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen
+Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte
+nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu
+haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu
+sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in
+den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen,
+daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen
+banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht
+Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem
+Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale
+Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob
+ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht
+einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als
+sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den
+Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch
+analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny
+Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne.
+Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“
+
+Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“
+fügte sie noch leiser hinzu.
+
+„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da
+ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine
+Bedingungen nicht verschweigen.“
+
+Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter
+ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf
+Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später
+nie mehr diese Klarheit des Wassers?
+
+Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich
+brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin
+ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich
+weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau
+sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in
+ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind
+Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich
+bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und
+keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei
+bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr
+dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du
+mir antworten.“
+
+Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich
+kapituliere.“
+
+„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist,
+diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst
+zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß
+aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle
+bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“
+
+Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr
+Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich
+liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“
+
+Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht
+tun?“
+
+So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
+
+Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.
+
+Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein
+Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete.
+Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen,
+sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr
+Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende,
+liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny
+selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein
+Diamant funkelt, in den das Licht fällt.
+
+Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa,
+die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er
+baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die
+„Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem
+modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten
+Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es
+roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern
+waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In
+einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus
+rosigem Marmor entzückte Jenny.
+
+„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.
+
+Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen.
+
+„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“
+
+Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht
+schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich
+nachdenklich.
+
+„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig
+sein, bis du aus Italien zurückkommst.“
+
+In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem
+Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder
+zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden
+Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war
+unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf.
+
+
+ 14
+
+Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon
+war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm
+brauste seit einigen Tagen dahin.
+
+Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont
+verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst
+erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen
+von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont
+hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.
+
+Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo
+früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt.
+Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den
+neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren
+Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf
+diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten
+entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und
+quer über das Gelände.
+
+Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß
+die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin,
+Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum
+Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt,
+nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann
+schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich
+ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und
+her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.
+
+Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen
+Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen
+Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab,
+seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben.
+Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen
+Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und
+beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten,
+Glückshorst zu vermessen.
+
+„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den
+Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In
+drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie
+dazu. Es ist einfach verrückt!“
+
+An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen
+Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern
+vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und
+erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte
+Georg einen Brief.
+
+Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt.
+
+Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht
+die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster,
+daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines
+verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines
+Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn
+Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine
+sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian,
+unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich
+Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war
+also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche
+Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter.
+
+Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich
+raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau
+war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein
+und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend
+wollte er nach Berlin.
+
+„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden?
+Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs
+Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme.
+„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“
+
+„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das
+Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas
+Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz
+sicher.“
+
+„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen
+Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage
+Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde
+unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu
+mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat
+ja keinen Sinn.“
+
+Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser
+Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam
+zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war
+gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und
+endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu
+lesen.
+
+„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung
+hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die
+wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache
+Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky
+hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu
+haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von
+bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den
+andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine
+junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte
+jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer
+zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten
+Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll
+werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um
+uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande
+zugrunde gehen –?“
+
+
+ 15
+
+Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er,
+in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem
+Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in
+ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der
+Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von
+Fräulein Florian.
+
+Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die
+Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch
+Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon
+er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.
+
+„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend.
+Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun,
+hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte
+hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie
+Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“
+
+Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und
+bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er
+dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender,
+bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
+
+Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links
+ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg
+wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern.
+Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von
+Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem
+Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte,
+kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von
+Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und
+schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf
+dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das
+fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von
+Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von
+Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit
+sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen
+Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb
+an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.
+
+Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit
+hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in
+dieser Höhle des Elends zu zittern.
+
+„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
+
+Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür
+angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal,
+zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und
+während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.
+
+Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein
+junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen
+erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß
+bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.
+
+„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte
+argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren
+Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange
+Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.
+
+Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er
+verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und
+Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.
+
+„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir
+sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“
+
+„Ja, ich bringe Geld.“
+
+Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden
+Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an
+Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:
+
+Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche
+Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein
+fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem
+niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte,
+blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine
+Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen
+Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel
+hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte
+ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.
+
+Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde,
+regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die
+Knie fiel: es war doch Christine.
+
+Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du
+krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine
+Stimme.
+
+Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an,
+ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er
+stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff
+nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie
+in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar,
+daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein
+Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.
+
+Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb
+gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große
+gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle
+Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu
+unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür
+zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg
+ihren entsetzlichen Klang im Ohr.
+
+Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich
+Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür,
+gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der
+Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede
+Einzelheit.
+
+Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den
+Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr
+Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar
+zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die
+Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen
+Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen
+das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.
+
+„Hier ist es,“ flüsterte sie.
+
+„Was ist das?“ stammelte Georg.
+
+„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu
+lächeln.
+
+„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles
+verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines
+Händen und drückte es gegen die Brust.
+
+Das Gesicht an der Türe lachte schallend.
+
+Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er
+beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick
+irrte voller Angst zur Türe.
+
+„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte
+könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die
+Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu.
+
+„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet
+das alles?“
+
+Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie
+beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts
+dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –,
+aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine
+Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!
+
+Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem
+Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben.
+
+
+ 16
+
+In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.
+
+Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch
+auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und
+prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa.
+Stobwasser stand und modellierte eifrig.
+
+„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen
+mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr,
+atemlos, unzusammenhängend.
+
+Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und
+Stobwasser verstand sofort alles.
+
+Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte
+nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß
+du dich beruhigst, Weidenbach.“
+
+„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln.
+Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine
+Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.
+
+Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu
+dem Modell, und sie gingen.
+
+„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann.
+„Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut
+verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet
+es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“
+
+Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film
+wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte
+er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden
+keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug
+einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus
+Lackleder.
+
+„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele
+nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig
+Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“
+
+„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.
+
+Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem
+spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“
+fragte er. „Sagt doch selbst.“
+
+„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es
+verpfänden!“
+
+Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe
+leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“
+
+„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon
+geschlossen hatte.
+
+Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.
+
+„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und
+stürzte die Treppe hinab.
+
+Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und
+Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und
+Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.
+
+Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf
+aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist
+soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.
+
+„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte
+Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach
+geraumer Weile verschwand er.
+
+Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie
+hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten,
+tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.
+
+„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das?
+Sind Sie es, Weidenbach?“
+
+„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.
+
+Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf,
+blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist
+fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“
+
+Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer
+zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend
+drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus.
+„Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können!
+Grüßen Sie Christine.“
+
+Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.
+
+„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.
+
+Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon
+wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit
+der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn
+wischte.
+
+Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur
+zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“
+keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der
+Dank!“
+
+Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und
+machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so
+gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist
+alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde.
+Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen
+könne.
+
+Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe
+hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter.
+Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen
+gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen
+Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.
+
+Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.
+
+„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt
+aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“
+
+Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die
+Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus
+dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar
+ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.
+
+„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen
+Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß
+ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon
+zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er,
+während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige
+Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.
+
+Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt,
+sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und
+still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer
+Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine
+Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie
+berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.
+
+Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel
+sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und
+streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen
+Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf
+dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich
+auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte
+ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches
+Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das
+Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre
+gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und
+sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.
+
+Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife,
+und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.
+
+„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.
+
+„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“
+
+„Nun, es wird alles gut werden.“
+
+„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen
+glänzten. „Mein Kind!“
+
+„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller
+Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“
+
+Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.
+
+
+ 17
+
+Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus
+„Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine
+und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.
+
+Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein.
+Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den
+Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit
+suchten.
+
+Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist
+unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja
+gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein
+Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle?
+Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend
+strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir
+bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen
+seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.
+
+Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte
+wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent
+eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“
+
+Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er
+schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm
+in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging
+rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und
+blieb eine Sekunde stehen.
+
+„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
+
+„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“
+
+Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und
+runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie
+können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob
+er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.
+
+Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren
+prüfenden Augen anblickte.
+
+„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie
+Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie
+recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er
+klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
+
+Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten
+Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
+
+Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß
+er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst
+alles erzählen.
+
+Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie
+verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine
+Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht
+und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was
+für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe,
+um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“
+
+„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
+
+„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu
+Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“
+
+Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann
+überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich
+nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter
+dabei?
+
+„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann.
+„Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“
+
+
+ 18
+
+Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert
+Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die
+Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe.
+Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.
+
+Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke
+gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es
+schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den
+Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig
+Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden.
+Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn
+Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug
+besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß
+des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob
+die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten
+Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen
+sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die
+Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die
+Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern
+sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau
+begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs
+der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die
+Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon
+rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den
+Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die
+Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von
+Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt
+waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die
+Grundmauern gestampft.
+
+Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch
+eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen
+Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit
+und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über
+das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der
+geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.
+
+Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in
+diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich,
+mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab
+ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun
+hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts
+ging ihm schnell genug.
+
+Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn
+heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen
+die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des
+früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch
+und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für
+die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.
+
+Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die
+Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise
+fabriziert.
+
+Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das
+Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand,
+die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze
+Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das
+Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie
+leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen
+konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an
+Ort und Stelle vorfand.
+
+Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter.
+Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen.
+Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen,
+Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.
+
+Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und
+es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur
+Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die
+Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden
+hob.
+
+Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den
+Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
+
+„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines
+Tages.
+
+Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er
+sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein
+Geld, ich habe kein Kapital.“
+
+„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache
+abgemacht.“
+
+Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein
+würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.
+
+Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von
+Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen,
+wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die
+riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam
+heraus.
+
+Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich
+rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine
+Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.
+
+„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte
+fröhlich.
+
+„Welcher Brief?“
+
+„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen.
+Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und
+interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie:
+Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“
+
+Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“
+
+Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine
+Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre
+verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering,
+aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“
+
+„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.
+
+„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte
+Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft
+braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine
+ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann
+und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also
+schlagen Sie ein?“
+
+„Ich schlage ein!“
+
+„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach,
+mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem
+Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie
+haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu,
+Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen
+Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank
+gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin,
+ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort
+nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und
+da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir.
+Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.
+
+Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich
+arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse,
+aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die
+Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für
+einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die
+Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole
+hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der
+Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu
+schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft
+rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und
+mutlose Land wieder zu brausen beginnen.
+
+Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie
+werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie
+sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter
+Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit
+großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen
+ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht,
+Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich
+euch allen Lebewohl sagen.“
+
+In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den
+neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte
+ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.
+
+Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.
+
+„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“
+
+
+ 19
+
+„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station
+geworden.“
+
+Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich
+für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt
+Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ.
+Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch
+und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.
+
+In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm
+und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder
+irgendein andrer.
+
+„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit
+zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da
+bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“
+
+Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.
+
+Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da
+Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den
+eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das
+kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er
+befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten
+Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter
+Karsten war seiner Meinung.
+
+„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so
+fürchterlich in der Nacht.“
+
+Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er
+dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer
+seltener.
+
+„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände.
+„Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“
+
+Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.
+
+Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen
+verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei
+ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt.
+Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.
+
+Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für
+die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.
+
+„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.
+
+„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte
+Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt
+entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch
+dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch
+dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“
+
+Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und
+geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An
+den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in
+den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich
+nicht weit von der Straße.
+
+„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“
+
+Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie
+mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen
+kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen
+und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und
+plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge
+wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.
+
+Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?
+
+Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von
+Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und
+zärtlich lag die Sonne darauf.
+
+„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben
+Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“
+
+Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs
+Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem
+Blick.
+
+Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde
+ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich
+wohl gehen müssen.“
+
+„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.
+
+„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –
+
+Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch
+beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren
+Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von
+Glückshorst.
+
+Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.
+
+
+ 20
+
+Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der
+Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von
+Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen
+schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe
+Gesichter.
+
+Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem
+Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle
+vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war,
+konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen
+passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr
+Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die
+Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in
+denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael
+Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen
+erdenklichen Mitteln vor.
+
+In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen
+gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft:
+
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein
+Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden
+von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte
+dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.
+
+Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es
+sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch
+nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In
+Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft
+werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es
+möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen
+Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte
+versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.
+
+In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation
+geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die
+Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne
+Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen,
+Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der
+Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer
+Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.
+
+Worum aber ging es?
+
+Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu
+entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und
+Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und
+des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien
+Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle
+in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem
+großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.
+
+Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte
+besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt,
+der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien
+beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen
+Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen
+eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem
+Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand
+der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte
+schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne
+Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden!
+Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft
+besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre
+ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.
+
+Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und
+zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten
+Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf
+Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen
+ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch
+angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen
+Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den
+Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und
+demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg
+organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort
+geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut,
+gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten
+müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein
+erschien ihm die Wahrheit.
+
+Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die
+Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher
+wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut
+verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich
+um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten.
+Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte
+sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes
+Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war,
+strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von
+jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern,
+Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff
+freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das
+Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die
+mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die,
+zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele
+verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre
+Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!
+
+Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein
+großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht
+zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die
+Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom
+Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren
+Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die
+ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die
+Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der
+Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen
+Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten
+wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen
+umzuwandeln.
+
+Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte
+sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und
+deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden
+heraus schuf sie neue ungeheuere Werte.
+
+Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke,
+Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie
+besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen
+konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.
+
+Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein
+Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke.
+
+Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht
+verständlich in seinen Elementen.
+
+Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die
+Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die
+Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel,
+die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser
+Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.
+
+Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen,
+Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte
+zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke,
+Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für
+ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden
+Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des
+Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ...
+
+Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits
+geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art
+und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber
+sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte
+Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr.
+Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst
+beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des
+Herzens geben.
+
+
+ 21
+
+Die Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte Christine, nach
+langem Stillschweigen, ganz plötzlich: „Und nun will ich sprechen! Nun
+will ich dir alles beichten! Aber versprich mir, mich nicht zu
+unterbrechen. Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles
+gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will ich – Gott sei
+meiner Seele gnädig ...“
+
+Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann:
+
+„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich
+erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr
+meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur
+Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die
+Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht
+wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun,
+es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich
+verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die
+Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch
+wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz
+dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es.
+
+Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich
+weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand
+hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen
+fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich
+unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging
+oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich,
+daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer
+ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich
+schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.
+
+Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr
+bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis
+dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz
+kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun
+atmete ich wieder.
+
+Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr
+viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am
+Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet
+erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.
+
+So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich
+ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und
+so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten
+und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das
+Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß
+harmlos, aber so begann es.
+
+Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen,
+ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An
+Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen,
+um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war,
+während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte
+nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei
+früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner
+Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante
+Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er
+warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme,
+wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich
+wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine
+Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch
+besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die
+Hand reichte. Ich verachtete mich.
+
+Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer
+Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich
+fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er
+hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich
+über diese Züchtigung.
+
+Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als
+alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der
+Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich
+ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich
+häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen
+Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses
+Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht
+gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich
+zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine
+Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem
+besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.
+
+Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief,
+den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe
+ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr
+existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen.
+Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst
+dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.
+
+Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem
+Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an,
+ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich
+schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich
+verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst,
+sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große
+Genugtuung.
+
+Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War
+mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel
+mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich
+mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um
+darin umzukommen.
+
+In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das
+kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es
+war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm
+einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen
+letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun.
+Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen
+lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem
+Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem
+bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich
+verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was
+beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte?
+Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich
+verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr
+lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
+
+Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den
+Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny
+Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war
+düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht
+sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich
+erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde
+ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt
+schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es
+nicht an.
+
+In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich
+untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies
+als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende
+noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt
+bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie
+nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen
+gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß
+es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu
+helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im
+vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich
+erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!
+
+Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste
+Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so
+schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur
+das eine übrig, mich selbst zu vernichten.
+
+Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst
+ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter?
+Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich
+war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an
+Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich
+sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen.
+Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie,
+niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
+
+Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der
+Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein
+Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun
+würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte,
+daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.
+
+Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und
+immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen
+mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste
+Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht
+einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen
+Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich
+hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In
+der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich
+wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen
+war – und da kamst du!“
+
+Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden.
+Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide.
+„Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich
+nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre
+nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“
+
+„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen
+alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht
+zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog
+sie leise an sich.
+
+Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein
+Tier.
+
+
+ 22
+
+In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das
+Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände.
+Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da.
+Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der
+Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer
+Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große
+Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller
+Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren
+innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
+
+Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
+
+Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald,
+das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein
+Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde.
+Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer
+früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des
+Konzerns gaben noch weiter nach.
+
+Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so
+heiterer Laune gesehen.
+
+Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht
+zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht
+gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny
+Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt,
+Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.
+
+Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem
+Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so
+stürzt alles in einer Nacht zusammen.“
+
+Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was
+war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und
+kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der
+nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in
+einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren
+alten Kurs.
+
+Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem
+breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch
+Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im
+Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts
+geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
+
+Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst
+eingeleitet hatte?
+
+In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne.
+Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen
+früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.
+
+Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte
+sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel
+rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen
+Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
+
+Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte,
+sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber
+plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten
+den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu
+verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg
+allein.
+
+Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als
+Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit,
+plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die
+Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In
+verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook
+als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der
+Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern.
+Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb
+aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im
+Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.
+
+Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald,
+um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so
+fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“
+ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die
+Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker
+grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen
+Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch,
+sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
+
+Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das
+kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu
+Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die
+Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen
+hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze,
+Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß
+und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen
+Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für
+Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer,
+jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am
+meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die
+Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die
+männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem
+letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das
+Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit.
+Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu
+erreichen.
+
+Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir
+etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“
+
+„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
+
+Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie,
+„sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und
+räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch
+nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß
+es nicht so unordentlich aussieht.“
+
+„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die
+Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“
+
+„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“
+
+Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien,
+Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er
+brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten
+Ofen, der in der Ecke stand.
+
+Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten
+Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen,
+zusammenzuholen.
+
+Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
+
+Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch
+und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen
+Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen,
+und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor
+Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über
+seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und
+her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will
+unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
+
+„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
+
+„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“
+sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er
+ist direkt schlecht.“
+
+Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu
+empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“
+erklärte sie.
+
+Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in
+einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der
+Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“
+
+Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des
+Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten
+schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu
+interessieren.
+
+„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen
+uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
+
+Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
+
+„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die
+beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du,
+wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und
+noch dazu ein früherer Hauptmann.“
+
+Er war völlig verzweifelt.
+
+Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor:
+Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken
+Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen,
+vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze
+zu machen.
+
+„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel
+mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem
+Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen
+Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser
+diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“
+
+Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am
+nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste
+voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel,
+krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig.
+Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren
+und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht
+gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen
+Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.
+
+Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig
+Aufträge.
+
+„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
+
+„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit
+und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
+
+Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser
+immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür
+gestreckt.
+
+„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm
+zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar
+nicht fassen.
+
+„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu
+Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind
+so selten bei uns.“
+
+
+ 23
+
+Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war,
+wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in
+diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber
+es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz
+zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr
+krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der
+Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne
+schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe
+Klasse.
+
+„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut
+auf.
+
+In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in
+einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die
+Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny
+klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat
+hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.
+
+Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird
+Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich,
+Schellenberg?“ fragte er.
+
+„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.
+
+Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie
+vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr
+ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast
+sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in
+die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem
+Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im
+Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.
+
+In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie
+am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie
+fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte
+sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel
+heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum.
+Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine
+unverwüstliche Laune.
+
+Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß.
+Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei
+Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte.
+Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich
+die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles
+mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen
+daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem
+kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich
+ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug.
+Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das
+kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses
+Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er
+habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die
+Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der
+Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe
+auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit
+einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.
+
+Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch,
+wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er
+aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in
+große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar
+mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte,
+woran sie war.
+
+Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch
+wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem
+Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny
+nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel
+Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté
+im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen
+wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit
+einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das
+Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und
+sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann
+trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr
+Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag
+kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß
+und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen
+Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß.
+
+„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren
+Augen.
+
+Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie
+schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut
+stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person
+haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!
+
+In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels
+Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler
+geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder
+bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen
+Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er
+trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.
+
+„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um
+seinen Hals.
+
+„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts,
+beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin
+überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im
+ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht
+gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht
+Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt
+ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur,
+bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“
+
+Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen
+für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf
+der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und
+Stobwasser einladen.
+
+„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst
+dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“
+
+Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann
+bleibe ich zu Hause.“
+
+„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich
+diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“
+
+Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin
+Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte.
+Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese
+Frau Mackentin war ganz ungefährlich.
+
+Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte,
+und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm.
+Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in
+sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte
+August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck
+vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen
+Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.
+
+Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen
+bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog
+der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.
+
+Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo
+dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde
+eintrafen.
+
+
+ 24
+
+Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide.
+Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän
+begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie
+hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und
+wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte
+sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur
+eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe,
+der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das
+Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt,
+Blumen, kostbares altes Silber.
+
+„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg
+abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel
+lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier
+haben!“
+
+Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das
+Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag.
+Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und
+die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.
+
+Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont.
+
+„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“
+
+„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist Langeland, Kiels Nor.“
+
+Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen Windstille in der
+Nähe einer dänischen Insel. Das Meer floß wie geschmolzenes Blei dahin.
+Am Horizont stand violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein
+Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. Deutlich hörte
+man die Stimmen von der Insel herüber zur Jacht klingen, den Laut einer
+Glocke.
+
+„Was ist das, Wenzel?“
+
+„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“
+
+„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“
+
+In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. Sie spähten hinaus in
+die Dunkelheit, allein nichts war zu sehen. Die ohne jede Bewegung
+ruhende See verstärkte zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche
+Membrane. Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich gezackt, am
+Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im Lichte glänzte. Aber es war
+der Mond, der groß und feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament
+emporblickte, so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende
+lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet.
+
+„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an Wenzel.
+
+„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in der Stille des
+Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des großen Knaben, die sie an
+ihm so sehr liebte – wie damals in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind
+alle Heuchler!“ fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt Freude,
+Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das Schönste auf der Erde ist
+Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben!
+Und all das ist gekommen, weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat
+behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter Mann mich
+rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. Das ist meine Rache!“
+
+Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und das Wasser gegen die
+Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ war wieder unterwegs.
+
+Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen sie in ein furchtbares
+Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Eine
+mächtige, schiefergraue Wetterwand stand senkrecht über dem Meer,
+zerrissen von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner dröhnte
+wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von Blitzen zerfetzte
+Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam hinein, einem kleinen
+Fischereihafen entgegen. Auf dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz
+entzündet hatte.
+
+Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam und gespannt in das
+Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, seine Augen glänzten, und
+sein Mund war halb geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte
+Kraft. Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit dem
+Gegner vor.
+
+Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, Erregung und
+Angst.
+
+„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte sie. „Ich ängstige
+mich.“
+
+Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff eingeschlagen
+oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst haben und umkehren.“
+
+„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“
+
+„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen erzählen.“
+
+Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre Stimme fort.
+
+Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die Stirn gerunzelt, zum
+Angriff bereit.
+
+„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete vereinzelt große
+Tropfen, die wie harte Taler auf das Deck prasselten.
+
+„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste „Es ist schade,
+daß man nicht ewig leben kann! Alles besitzen – und ewig leben! Kraft,
+Gesundheit! Und dich!“
+
+Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck hinunter in die
+Kajüte. Sie zitterte.
+
+„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, ob sie Kavaliere
+sind!“
+
+
+ 25
+
+So kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie einige Tage bei einem
+Seebad liegen. Farbig der Strand, ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen
+an Bord, und es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh,
+wenn sie die Küste mieden.
+
+Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn die See es erlaubte.
+Das Schiff lag bei. Eine der Jollen wurde herabgelassen, und sie
+schwammen um die Jacht herum.
+
+Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer Schwimmer. Sonst sah
+man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, nur selten. Immer schlief er,
+irgendwo zusammengerollt wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach,
+in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel aufgesetzt hatte, genoß er
+auf dieser Reise die ersten Tage des Ausruhens, der Erholung und
+Sorglosigkeit.
+
+„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. Sie lief bestimmte
+Häfen an, um die Post abzuholen. Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde
+zurück. Goldbaum wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner
+Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord bleiben.
+
+Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung zu Michael
+gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht.
+
+Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. Der dicke
+Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor und betrachtete argwöhnisch
+das Schiff. Er mißtraute dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“
+pflegte er zu sagen.
+
+Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, mit einem
+sehr schlichten, offenen Gesicht und großen dunkelblauen Augen. Sie war
+sehr scheu und bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste
+Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten zu können wie
+Michael selbst.
+
+„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als die Jacht wieder die
+offene See gewonnen hatte und das Land versank.
+
+Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es ist schön.“
+
+In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz unmöglich, mit ihr in ein
+Gespräch zu kommen, was man auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als
+es kühler wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern.
+
+Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie mit einem langen und
+erstaunten, dankbaren Blick an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte
+nichts.
+
+Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie Freundinnen geworden
+waren.
+
+Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. Die Herren besprachen
+Geschäfte. Michael war nach Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in
+Ruhe sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin ganz unmöglich
+war. Er wollte ihn für ein großes Projekt interessieren, für eine
+Industriesiedlung größten Ausmaßes, die zurzeit am Mittelland-Kanal
+vermessen wurde. Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu
+überlegen.
+
+Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der Abend war gekommen, und
+die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges brannte braun und gewaltig
+wie der Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem Knarren. Das
+Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise Knarren und gleichmäßige
+Zischen schläferte fast alle ein. Man sprach leise, oder man schwieg.
+Stobwasser war schon tief eingeschlafen.
+
+Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er war mit Michael in
+ein Gespräch geraten, das gedämpft, aber mit großer Leidenschaftlichkeit
+geführt wurde. Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs.
+
+„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, mit leicht näselnder
+Stimme, „Sie werden doch zugeben, daß wir Getreide billiger importieren
+können, als wir es selbst zu produzieren vermögen?“
+
+„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden unsere Methoden
+verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. Ich leugne nicht, daß es heute
+wirtschaftlicher ist, Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös
+Getreide einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen
+verkaufen können.“
+
+„Aber das kann ich doch jederzeit?“
+
+„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese Probleme gar nicht zur
+Diskussion.“
+
+Pause.
+
+Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: „Nehmen wir an, daß es
+Ihnen tatsächlich möglich sein wird, mit Hilfe einer ungeahnten
+Bodenverbesserung und völlig neuer Methoden die Produktion so zu
+steigern, daß Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt,
+was dann?“
+
+„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken zuführen und
+zum Beispiel die Geflügelzucht um ein bedeutendes heben, sodaß
+Deutschland keine Eier mehr einzuführen braucht.“
+
+„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme fort. „Gestatten
+Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren noch mehr Getreide und
+Nahrungsmittel, mehr als Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch
+immer nicht geschlagen.
+
+„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. Dann würde ich einen
+Teil des Bodens zur Anpflanzung von Hanf, Flachs und Ölfrüchten
+verwenden.“
+
+„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich Sie recht
+verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland durch Motorkraft
+ersetzen. Ist das Ihr Programm? Und wenn das Ihre Absicht ist, werden
+Sie das Geld haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, die
+für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“
+
+„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen Pferde, die nur
+einige Monate im Jahr arbeiten, fressen Deutschland arm. Sie sind der
+unerhörteste Luxus, die unerhörteste Verschwendung, die vorstellbar ist.
+Anstatt des Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff
+für die Motore in meinen Brennereien herstellen, wenn es sein muß. Im
+übrigen werde ich ja ganz andere Kraftquellen verwenden. Der Wind und
+das Wasser werden billige Kraft liefern!“
+
+„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr Mackentin fort. „Sie
+beliebten zu sagen –“
+
+Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus und sagte, während er
+aufstand: „Strecken Sie die Waffen, Mackentin, Sie werden mit ihm nie in
+Ihrem Leben fertig.“
+
+Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und ab. Er schob seine Hand
+unter ihren Arm und sagte: „Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie
+Wenzel betreuen. Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. Er
+braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. Seien Sie
+nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts als ein großer Knabe.“
+
+Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? Er ist einer der
+reizendsten und sympathischsten Menschen, die es gibt. Wäre ich eine
+Frau, so würde ich mich tödlich in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne
+alle Grenzen, aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn für
+einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen machen. Schon
+jetzt greift ihn die Presse heftig an.“
+
+Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz in sich zu ruhen,
+ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, sich selbst zu genügen.
+Fast wie ein edles, scheues Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren
+Blick in die Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie
+zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit und Freude war Evas
+glänzendes Auge auf sie gerichtet.
+
+Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. „Zum ersten Male habe
+ich mich in eine Frau verliebt,“ sagte sie lächelnd zu Wenzel.
+
+Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny war glücklich und
+ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie Unruhe in Wenzels Gesicht.
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+
+
+ 1
+
+Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika.
+Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In
+Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder
+schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.
+
+Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte
+Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches
+gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England
+und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern
+riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf
+Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater,
+Frauen. Die Wochen flogen dahin.
+
+In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft
+Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel
+gekleidet.
+
+Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken
+holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich
+vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle
+Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot
+glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß,
+ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr
+Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei
+hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner.
+Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit
+und Arroganz ihrer Kaste umgab sie.
+
+Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er
+kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm
+ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.
+
+Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.
+
+„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus.
+
+„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging.
+(Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem
+Augenblick befiel.)
+
+Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast hätte ich sie nicht
+wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt rötliches Haar, früher war sie
+brünett. Es ist die Tochter des alten Raucheisen, Esther Raucheisen,
+jetzt Lady Weatherleigh.“
+
+Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, auf dem Schloß des
+alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, nicht als Gast, keineswegs. Als
+Automat, als Sekretär Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu
+verrichten, Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er war
+nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte Sir John
+Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh in London, geheiratet und
+war seit etwa einem Jahre geschieden. Die Ehe war nicht glücklich. Sir
+John, ein hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter,
+nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts aus Frauen.
+Also war Lady Weatherleigh, war Esther Raucheisen wieder in Deutschland.
+
+Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und ihrer Extravaganzen,
+beschäftigte ihn von diesem Augenblick an. Er hatte an diesem Abend noch
+eine sehr wichtige geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde
+und bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel Schellenberg
+müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es war das erstemal, daß Wenzel
+etwas verschob. Er, der sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte,
+sollten sie auch bis zum frühen Morgen dauern.
+
+Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein?
+
+Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er konnte nicht mehr
+vergessen, wie diese Frau durch den Speisesaal _ging_. Welch ein Gang
+war das doch!
+
+Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war eigentlich nicht
+schön, wenn man es genau überlegte. Aber sie hatte Rasse, ihre Mutter
+war Engländerin alten Adels. Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu
+denken. Sah man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich
+nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große graue Augen und
+einen schönen, etwas herrischen Mund. Ihre Backenknochen waren betont,
+die Wangen kantig geschnitten – so wenigstens hatte er sie in der
+Erinnerung. Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf
+ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, launenhafte
+Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er sich nachdenklich, ist gewiß
+eine Frau, wert, sie zu erobern. Es war eine Sache, wie? Nicht ihr
+Reichtum würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung.
+Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig besäße! Und wie
+amüsant wäre es, der alte Raucheisen würde Gift und Galle speien!
+
+Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. Am nächsten Abend
+ging er mit Jenny in den Zirkus, und nach der Vorstellung speisten sie
+zusammen in Jennys Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so
+prachtvoller Laune gesehen.
+
+
+ 2
+
+In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich
+erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit
+hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn
+arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu
+erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie.
+Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal.
+
+Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war
+abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest.
+
+Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster,
+grübelte.
+
+Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er
+mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt
+Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.
+
+Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel
+Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in
+der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten
+Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.
+
+Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen.
+
+Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine
+Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die
+Angelegenheit gediehen sei.
+
+Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts
+gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen.
+Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr
+eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache.
+
+„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins Telephon. Seine
+Stimme klang nicht gerade höflich.
+
+Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein
+hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser
+Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm
+seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze
+Fragen gegen ihn ab.
+
+„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond hierauf in seiner
+hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir
+werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir
+werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau
+Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu
+beeinflussen.“
+
+Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht
+einschlagen.“
+
+„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ entgegnete der
+Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch.
+Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht
+übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit
+einverstanden?“
+
+„Auch das möchte ich gern vermeiden.“
+
+„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir
+werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe
+ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert
+derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr
+Schellenberg.“
+
+Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. „Es
+ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,“ sagte er
+lachend.
+
+„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“
+
+Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf
+jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre
+hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen.
+
+Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die
+Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die
+Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die
+Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser
+und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen,
+als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände.
+Endlich einmal eine ruhige Partie!
+
+Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.
+
+Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen ist untersagt.“
+
+Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß
+sie nicht brennen können!“
+
+Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht
+hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort
+begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein
+Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren,
+schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den
+Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und
+verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch,
+und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte
+verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch,
+während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge
+dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die
+Partie remis zu geben.
+
+„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon
+gewonnen!“
+
+„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier
+ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes
+Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen
+lag. „Die Berninagruppe.“
+
+Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden
+Sonnenschein hinab.
+
+„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die
+Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend
+Fenster in der Sonne funkelten.
+
+„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit
+komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
+
+Sie waren angekommen.
+
+
+ 3
+
+Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot
+gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.
+
+„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
+
+„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers
+mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und
+hier kommt der Schlitten!“
+
+Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter
+den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann
+aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf
+dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes
+Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder
+frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle
+zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er,
+wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen
+schließen.
+
+Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt,
+fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden
+Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und
+gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen
+Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in
+bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die
+Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine
+versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen
+hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine
+Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter
+Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz
+gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit.
+Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
+
+Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit
+zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine
+ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die
+nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte
+man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr
+aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich,
+gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte
+Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels
+Geschmack.
+
+„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und
+führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
+
+Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon
+Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu
+Tisch führten.
+
+Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr
+funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern,
+Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte
+und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu
+siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen
+Mund.
+
+„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein
+Zeichen.
+
+Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die
+Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er
+stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg
+hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch
+den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel
+der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen
+erobern, koste es was es wolle.
+
+
+ 4
+
+Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und
+keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn
+sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des
+Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang
+auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.
+
+Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu
+sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London
+und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
+
+„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“
+fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick
+musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im
+Bruchteil einer Sekunde.
+
+„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine
+Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich
+anstrengen.“
+
+Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren
+Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert.
+Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der
+reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht
+hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der
+Golfmeisterschaft von England.
+
+„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet,
+Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau.
+
+„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“
+antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden,
+melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf
+Wenzel richtete.
+
+Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon
+etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein
+Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden
+Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war
+hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel
+erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die
+Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu
+strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien
+ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu
+empfinden.
+
+Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um
+Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde
+Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf
+der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene
+seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine
+Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen.
+Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug
+schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden
+himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag
+spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich,
+in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach
+einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die
+diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten
+das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des
+Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von
+Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze
+Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber
+ging er als letzter schlafen.
+
+Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch
+etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen.
+Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig
+schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote
+Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in
+eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute
+Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.
+
+Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem
+Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung
+über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er
+hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus
+er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war
+seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt.
+Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er
+ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die
+Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte
+für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf
+ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer.
+Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente
+die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem
+Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern
+hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
+
+Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese
+beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide,
+so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre
+Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine
+Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr
+seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine
+Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus
+Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur
+Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall
+nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen
+Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
+
+„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“
+wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert
+gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele
+tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note,
+gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der
+sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
+
+Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
+
+„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“
+fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr
+Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den
+Frieden unter den Nationen tätig ist?“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen,
+Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen.
+Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien
+nicht hin.“
+
+„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau
+enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
+
+„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und
+fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
+
+Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten
+Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten
+Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in
+Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus
+welchem Grunde.
+
+„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern
+möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen
+hochgezogen.
+
+„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
+
+„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“
+
+„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten
+dürfen und sterben können.“
+
+Baron Blau prallte zurück.
+
+Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine
+andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
+
+Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die
+knochige Hand hin. „_Right you are! Right you are!_“ schrie er.
+
+In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie
+eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“
+
+Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das
+knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.
+
+„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
+
+Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um
+drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines
+rivalisierenden Bobs.
+
+„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht
+ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie:
+„Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird
+ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
+
+Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen
+Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die
+schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen
+beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
+
+Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die
+Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine
+leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese
+Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen
+Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in
+den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah
+zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel
+wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie
+liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft
+einzureihen.
+
+Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch
+verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf,
+manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war
+schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß,
+aber ...
+
+
+ 5
+
+Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen
+– es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt
+eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort
+auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf
+verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken
+in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock
+mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf
+dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem,
+lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte
+nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock
+auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig
+weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am
+Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes
+erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener
+Person!
+
+Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des
+Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und
+horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte
+ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er
+zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge
+getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen
+ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr
+die Blicke der Menschen.
+
+Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine
+Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im
+Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen.
+Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu
+Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
+
+„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu
+sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die
+zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich
+auf dem Bob zurecht.
+
+„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos
+in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren,
+schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde
+Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen
+Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu,
+als sie vorüberglitten.
+
+Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später
+verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.
+
+Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte
+sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen
+Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen
+Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden,
+zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben
+Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen
+lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand,
+die beim Gruß nie einen Druck gab.
+
+„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem
+Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche,
+Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel
+Jahre ist es schon her? Ich aber –?“
+
+Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und
+schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat
+es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
+
+Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen
+Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen
+Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten
+und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen
+suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht
+hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
+
+„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch
+mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer
+nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen
+schicken würde.“
+
+Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz
+allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles
+Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne
+abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs
+geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem
+Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen:
+nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch
+wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
+
+Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem
+Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen
+gemacht hat, dachte er.
+
+Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten
+Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land,
+Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es
+unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“
+
+„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte
+Raucheisen.
+
+Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach
+Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert
+aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
+
+Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er.
+„Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht
+überwunden.“
+
+Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.
+Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein
+Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den
+Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah
+Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht
+dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar
+schienen.
+
+„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er.
+„Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen.
+In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue
+Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem
+Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich
+die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir
+müssen Mut haben.“
+
+Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit
+hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
+
+„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre
+Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen
+uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete.
+„Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
+
+Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht
+mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
+
+
+ 6
+
+Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und
+Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in
+ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der
+Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband
+lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin.
+Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach
+sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und
+sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig
+auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten
+selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein
+gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf
+umgeworfen.
+
+Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel
+wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei
+ihr Tee zu trinken.
+
+„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr
+eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas
+frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war
+nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine
+Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch
+aussprechen.“
+
+„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte
+ihr in die Augen.
+
+„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie
+einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir
+gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben
+ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge.
+Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
+
+Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben.
+„Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
+
+„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles
+ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine
+scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir
+dies?“
+
+„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
+
+Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von
+dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen
+Armen verblutete.
+
+„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen
+breitete.
+
+„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen
+Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
+
+Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die
+Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die
+Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten
+Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es
+Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
+
+
+ 7
+
+Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen,
+am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen
+früh nach Paris abreisen werde.
+
+Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter
+Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen
+hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren
+Triumph.
+
+Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer
+Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der
+es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten.
+Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt
+Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen
+standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein
+zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.
+
+„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu
+Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
+
+Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen
+lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.
+
+„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines
+erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel
+Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“
+
+Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute
+keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle
+hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller
+Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen,
+fand ihren Beifall.
+
+Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan
+zurechtgelegt hatte.
+
+Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren
+natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser
+Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt
+Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten,
+war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen,
+Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.
+
+Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht
+an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils
+völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.
+
+Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
+
+„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie
+wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas
+an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte
+natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler
+bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau
+bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?
+
+Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im
+Hotel abgegeben worden.
+
+Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die
+hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte.
+Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der
+drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er
+unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.
+
+Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen
+Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand
+da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des
+weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß
+die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
+
+Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel
+wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei
+Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei.
+Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er
+hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses
+Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er
+schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu
+Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die
+Ohren stopfen.
+
+„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus,
+überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.
+
+„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend
+und schüttelte ihr die Hand.
+
+Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von
+Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem
+Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
+
+Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine
+Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage
+allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen
+Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers
+Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu
+spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und
+diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
+
+„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
+
+Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum
+ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und
+wie gefällt Ihnen Paris?“
+
+Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris
+förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“
+rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da
+eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann
+erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine
+Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht,
+glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist
+_Sacré coeur_, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich,
+man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke
+gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden
+Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
+
+Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen
+Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein
+geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des
+Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe
+von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron
+nichts ahnte.
+
+„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
+
+„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt
+eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das
+echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
+
+„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine
+Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit
+verletzter Miene.
+
+„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird
+ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden,
+manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris
+führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
+
+„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
+
+Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung
+Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines
+Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
+
+„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
+
+„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
+
+„Nun gut, dann heute.“
+
+Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen
+Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene
+daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun
+war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach
+Paris getragen hatte.
+
+Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden,
+frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große,
+unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der
+Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten
+Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer
+mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten
+Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort
+ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da
+Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den
+Dolmetscher.
+
+„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
+
+„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und
+phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
+
+Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo
+kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie
+streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und
+Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die
+Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl
+gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien
+angefüllt!
+
+Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in
+jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick
+glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum
+sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem
+hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein
+Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese
+Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole,
+leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf
+ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in
+seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über
+ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn
+mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen
+standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es
+fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß
+seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und
+undurchdringlich.
+
+Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine
+Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der
+großen Theater sie nie erlaubt hätten.
+
+„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte
+Wenzel.
+
+Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten,
+solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie
+über Ihre Entdeckungen sprechen.“
+
+Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu
+küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half,
+ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
+
+Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an
+und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche
+Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen
+Scheiben der Nachtportier starrte.
+
+„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und
+zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
+
+
+ 8
+
+Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber
+wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm
+verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris
+zu stürzen.
+
+So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es
+auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur
+Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau
+verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne
+Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize
+entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser
+Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das
+Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen
+Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther
+Weatherleigh, und da war Paris.
+
+Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den
+Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau
+und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten
+jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch,
+als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
+
+„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein
+früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“
+
+Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen
+Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts
+geschehen.
+
+Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war
+er schon wieder in Paris.
+
+
+ 9
+
+Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm,
+stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen
+befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde
+stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der
+Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im
+Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche
+in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem
+Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.
+
+„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.
+
+Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und
+während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.
+
+Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie
+nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier
+Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich
+halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem
+Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst
+heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.
+
+„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.
+
+„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um
+Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben,
+und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus
+Berlin zurückgekommen.“
+
+„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
+
+„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“
+
+Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der
+Straße.
+
+„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen
+anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir
+erzählen.“
+
+Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit
+auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der
+Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken
+leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das
+Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd
+von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein
+kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch
+arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines
+pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen
+verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren
+Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine
+Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf
+vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender
+Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die
+Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte.
+Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.
+
+Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon
+geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre
+zukünftige Gestalt.
+
+Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der
+Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
+
+Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte
+einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte
+ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen
+aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte
+sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und
+frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine
+Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große,
+fehlerlose Früchte.
+
+„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch
+setzten.
+
+„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.
+
+Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den
+Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
+
+Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was
+er alles gesehen hatte!
+
+„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist
+unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde
+von allen Seiten beglückwünscht.“
+
+Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael
+Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte.
+„Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu
+geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger
+Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von
+Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom
+Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer
+Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen
+sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von
+Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von
+Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von
+Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und
+fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien,
+Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen
+sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
+
+Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen,
+Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit
+verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung
+kein Ende.
+
+„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er
+ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
+
+Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte
+den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch
+geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach
+seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von
+Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der
+Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten
+durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der
+Siedlung mußte vorgesehen werden.
+
+Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen
+die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere
+Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf
+Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur
+Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein
+Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines
+Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den
+Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu
+ernähren.
+
+„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg
+erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
+
+Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu
+lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete
+Stadt vor sich.
+
+„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
+
+„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte
+Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
+
+Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig
+das Kind schlief!
+
+
+ 10
+
+Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera
+verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung
+ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar
+machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte
+sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder
+nach Berlin zurück.
+
+Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für
+die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand.
+Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie
+telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post
+der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts
+von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer
+Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und
+hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter
+Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin
+und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte
+Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht
+Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber,
+der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie
+auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre
+Zeit verfügen konnten.
+
+Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so
+fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre
+blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand
+und qualmte auf einem Stück Papier weiter.
+
+Was war das?
+
+Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine
+Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf
+Scheidung eingereicht.
+
+Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem
+Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war
+all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein
+Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften
+bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende
+Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung
+willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten
+zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und
+einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß
+die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen
+zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die
+Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.
+
+Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns
+wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.
+
+„Nun, Papa!“
+
+Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es
+war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr
+sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie
+erwarte.
+
+Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als
+sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch,
+müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.
+
+„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden
+Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das
+Zimmer.
+
+„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises
+außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die
+Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden
+trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.
+
+Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch.
+„Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein
+vollendeter Schurke!“
+
+„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich
+die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des
+Gerichts.
+
+Nun begann Lise leise zu wimmern.
+
+„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht
+länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder
+nicht anvertrauen kann?“
+
+Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“
+sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich
+nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne
+dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten
+sprechen und zu vermitteln suchen.“
+
+„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris.
+Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.
+
+Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein.
+Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn
+ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.
+
+Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber
+studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob
+nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit
+den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit
+gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra
+Schellenberg zu erinnern.
+
+„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede
+Vorbereitung.
+
+„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.
+
+„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang
+unter genauer Beobachtung standen.“
+
+„Das ist eine Infamie!“
+
+„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte
+den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel
+zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf
+Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera.
+Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu
+Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen
+Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu,
+gnädige Frau?“
+
+Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte
+sie.
+
+Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie
+getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber
+erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser
+Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst
+am Morgen verlassen.“
+
+„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise.
+
+Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht
+erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den
+Eindruck. Es sind Daten genannt.“
+
+Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie
+entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem
+strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie
+noch in der gleichen Stunde hinaus.)
+
+„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja
+nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder
+eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht
+sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“
+
+„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose
+Lüge!“
+
+„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so
+schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser
+Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier,
+einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt
+des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund
+Fleisch, und wie häßlich!“
+
+Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und
+Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie.
+
+Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit
+einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht
+zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung
+gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie
+unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen
+sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht
+sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen
+Teil erklären.“
+
+„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen,
+daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“
+
+Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht,
+gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls
+damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr
+Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“
+
+„Wie?“
+
+„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich
+dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“
+
+„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“
+
+In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die
+Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum
+Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu
+erzielen.
+
+Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich
+wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese
+Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode
+nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es
+genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben.
+Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung
+gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und
+eine Dummheit aus?
+
+Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn
+seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht
+gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu
+lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den
+Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.
+
+„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel
+Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel
+Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht
+kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung
+aussprechen wird.“
+
+„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will
+ja die Scheidung nicht!“
+
+Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte
+Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit
+großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben.
+Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit
+herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich
+bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege
+Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer
+Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in
+Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine
+Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu
+zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine
+Sache Ledermann _contra_ Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen,
+und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.
+
+Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine
+Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der
+Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er
+eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.
+
+Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe!
+Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die
+Angelegenheit mit allen Mitteln!“
+
+
+ 11
+
+Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die
+Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt
+überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und
+betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn
+Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern,
+es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der
+Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die
+verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles
+brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von
+Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin
+besteht, schönen Frauen nachzusehen.
+
+An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden
+Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.
+
+Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum
+jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte,
+freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller
+Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins
+Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte
+er.
+
+Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat,
+die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist
+gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“
+
+Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen,
+das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und
+Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte
+das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.
+
+Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von
+Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen,
+Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen
+umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen
+gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den
+verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes
+leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden.
+Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster,
+große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb
+in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie
+speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten,
+und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther
+blieb stehen und sog langsam die Luft ein.
+
+„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten
+Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.
+
+Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen
+Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther,
+obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den
+Rückweg fanden.
+
+Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte
+sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.
+
+Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war.
+Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den
+Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.
+
+„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte
+sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der
+Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften
+mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.
+
+Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß
+sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit
+ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“
+
+Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.
+
+„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine
+Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich
+schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.
+
+„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.
+
+Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über
+Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so
+ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das
+Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur
+beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“
+
+Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor
+Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie
+wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und
+steifer zu werden.
+
+Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die
+gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott
+sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht,
+länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich
+mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem
+Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen,
+befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan,
+Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu
+verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“
+
+Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“
+fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um
+welche Dinge es sich handeln könnte.
+
+„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und
+tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und
+...“
+
+„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.
+
+Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.
+
+„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die
+lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen,
+Esther Weatherleigh!“
+
+Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer
+schmalen, steifen Statue.
+
+„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist
+vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich
+entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“
+
+Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend.
+Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er
+sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht
+gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.
+
+„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für
+einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den
+Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen,
+wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher
+Aufrichtigkeit gerichtet.“
+
+„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh,
+wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche
+Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind,
+Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube
+nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“
+
+Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich
+verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“
+
+„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.
+
+„Dann werden Sie meine Geliebte!“
+
+„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr
+sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel
+Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die
+Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine
+Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so
+versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt
+das?“
+
+„Es gilt!“
+
+Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament
+gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein
+leuchtendes Meteor über das Firmament zog.
+
+Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie
+haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.
+
+
+ 12
+
+„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und
+schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten
+von einer tiefen und milden Freude.
+
+Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen
+Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne
+Stimme nicht mehr vernommen.
+
+„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas
+gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen
+hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe
+herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen.
+Er küßte sie herzhaft auf den Mund.
+
+Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß
+sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.
+
+Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als
+habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles
+bleiben wie früher.
+
+Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan
+hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber
+speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für
+alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete
+jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie
+bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im
+Zimmer hin- und herzugehen.
+
+„Woran denkst du?“ fragte sie.
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.
+
+Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört,
+natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte,
+aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau
+zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.
+
+Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.
+
+„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich
+verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über
+Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man
+sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation
+erlitten hast.“
+
+Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein
+ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen
+tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten
+erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug,
+auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt
+werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe
+ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später
+aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal
+handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als
+wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“
+
+Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny
+Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück.
+Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel
+fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London,
+Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten,
+desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu
+Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt
+häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur
+dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher
+ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine
+Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen
+früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem
+Gesicht und schwieg.
+
+Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie
+arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie
+übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der
+Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging
+um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon
+hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur
+noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und
+als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum
+ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg
+zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.
+
+Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit
+ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender
+Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er
+brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war
+buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.
+
+„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem
+übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen
+tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende
+gefunden.“
+
+Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.
+
+In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am
+Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle
+Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden
+dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in
+Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das
+Telephon, fangen Sie an.“
+
+Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon.
+Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem
+finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen
+Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.
+
+Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung,
+daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch
+weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises
+Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen
+liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß
+Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines
+Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.
+
+„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon
+wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht
+ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den
+schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch
+auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als
+letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt.
+Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise
+Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde
+sich das Schicksal erfüllen.
+
+Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann
+versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen
+die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von
+fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in
+einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte
+Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen
+roten Heller.“
+
+Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer
+geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten
+Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen.
+Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr
+Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
+
+Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme
+im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich
+sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich
+sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu
+Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin
+nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird,
+aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in
+meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.
+
+Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte
+sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem
+Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen
+durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten
+Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.
+
+
+ 13
+
+Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen
+Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen
+Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für
+Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck
+nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der
+selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus
+Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war
+kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
+
+Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie
+beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich
+und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen,
+Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen
+Augen in den Abgrund versinken.
+
+„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen,
+das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die
+totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein
+Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer
+Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses,
+Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen
+keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig
+auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache
+mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung
+überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung
+der beiden Ehegatten bestehe.
+
+Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen,
+sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber
+den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen
+„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.
+
+
+ 14
+
+„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny
+Stobwasser an.
+
+Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser
+berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald
+gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten
+Beschlag fertig zu machen.
+
+„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny
+Wenzel zu entschuldigen.
+
+Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb
+kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von
+Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie,
+dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte
+sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten.
+Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb,
+der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.
+
+Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm.
+Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine
+Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung
+aushändigen durfte.
+
+Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie
+war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins
+Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht
+Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
+
+Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief.
+„Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben.
+Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur
+Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und
+ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen
+Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann
+in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei
+Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie
+unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte
+von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die
+Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um
+„alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit
+der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.
+
+Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen
+war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre
+Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich
+auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und
+wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah
+sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte
+sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber
+sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung
+wieder auf.
+
+Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon
+klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu
+sprechen, das Theater rief an.
+
+„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten.
+Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
+
+Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine
+Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr
+fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen –
+einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen,
+Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie
+sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All
+diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das
+Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige
+Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann
+sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von
+ihm.
+
+Dieser Brief!
+
+Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr
+als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen,
+um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser
+fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und
+zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er
+„sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn?
+„Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
+
+Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie
+zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte
+vergiften können.
+
+Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt,
+überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte
+Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser
+Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu
+hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat
+noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete
+Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
+
+„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm
+Wenzels Schreiben.
+
+Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen
+Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine
+Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er
+schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
+
+„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine
+solche Roheit niemals zugetraut.“
+
+„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn
+zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne
+verwirrt.“
+
+Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte
+ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum
+Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber
+Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei
+nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein
+Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in
+Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
+
+Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem
+Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr
+verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.
+
+Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva
+konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.
+
+„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
+
+Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie
+eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich
+ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das
+Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
+
+Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht
+arbeiten.
+
+Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe
+Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung
+auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.
+
+Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich
+ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn
+Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin
+bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er
+begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete
+ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung,
+die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich
+Mackentin zurück.
+
+
+ 15
+
+Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang,
+und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand
+so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los
+wäre.
+
+Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich
+war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der
+Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich
+um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder
+über die Gesellschaft herfallen würden!
+
+Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige
+Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in
+enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete,
+endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche
+Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und
+der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der
+Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen
+verpraßt!
+
+„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht
+einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen
+Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars.
+Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“
+
+Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte
+Vertrauen entgegengebracht.
+
+„Wie kann ein Gesicht so lügen?“
+
+Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig
+mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft
+schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in
+Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten.
+Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine
+Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang
+Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden
+zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch
+diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit
+argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der
+Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen
+Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht
+gönnten, Neidische, die alles besser wußten.
+
+„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas
+peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub
+aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck.
+Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich
+für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen
+Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der
+Gesellschaft Neu-Deutschland machte.
+
+Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die
+Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der
+Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß
+Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein
+würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.
+
+Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und
+überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er
+alle Angriffe ruhiger.
+
+Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller
+Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft
+Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine
+Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele
+der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands
+Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor:
+die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die
+Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher
+bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die
+Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn,
+zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und
+allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes
+begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu.
+Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die
+Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt.
+Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten,
+keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge
+der Frauen.
+
+Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem
+Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene
+Gefühl der Kameradschaft.
+
+Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen
+Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen
+kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.
+
+Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“
+gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen
+der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten
+reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne
+jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte
+des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue
+Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht
+einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute
+nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden
+fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen
+Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder
+später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa
+einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals
+werden.
+
+War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei,
+drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen,
+morgen, übermorgen ...
+
+Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte
+Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.
+
+„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.
+
+Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen
+von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen
+hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen
+Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen
+aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen
+Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer
+Tag würde über Europa emporsteigen.
+
+Der Tag war nahe!
+
+„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb
+mit fliegenden Händen.
+
+Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit
+rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch
+die Schar seiner Feinde.
+
+
+ 16
+
+Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein
+Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der
+Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf
+der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender
+älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die
+Treppe herab zum Wagen.
+
+Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete
+aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf
+dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen
+gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais
+etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber
+enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet,
+wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich,
+unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue
+Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten
+das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen
+Eindruck machten.
+
+Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre
+kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack,
+Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht
+überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie –
+ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen.
+Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen.
+Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit,
+welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden
+von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in
+Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten
+lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in
+Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels
+Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt.
+Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in
+Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe
+hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber
+sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen
+Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß
+die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie
+es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und
+Steinpflanzen in den Ritzen.
+
+Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
+
+Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber
+lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine
+Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.
+
+Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er
+warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die
+gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf
+aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit
+aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das
+Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft
+war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack.
+Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft
+angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug
+zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es
+der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur
+eines Blickes zu würdigen.
+
+Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels
+schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen,
+leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes.
+Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht
+lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren.
+Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit
+ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft
+in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von
+Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn
+er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks
+und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren
+Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht
+mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen
+Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs
+mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.
+
+Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er
+sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem
+Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.
+
+„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.
+
+Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und
+geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“
+
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember
+sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie
+wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen
+hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In
+Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin
+stattfand.
+
+Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten
+Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in
+See.
+
+
+ 17
+
+Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen
+klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle
+Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah,
+zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern
+hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
+
+Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann
+Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur
+Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es
+geschehen.
+
+„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das
+Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht
+mehr hier sein.“
+
+Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch
+die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war
+vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat
+entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus
+verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus
+nebenan.
+
+Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein
+gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit
+einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie
+stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell
+geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und
+jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen
+Lippen.
+
+Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte:
+„Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen
+Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
+
+Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau
+heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob
+du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine
+Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles
+sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben
+würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“
+
+Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit
+etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine
+Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig.
+Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter
+Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen,
+harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen
+immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
+
+Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im
+Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch?
+„Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange
+völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand.
+Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich?
+Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und
+wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny
+lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
+
+„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
+
+Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es
+war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten
+darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran
+lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener
+Menschen, die morden konnten?
+
+Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als
+sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du
+dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief
+dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er
+tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum
+erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene
+Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt.
+Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
+
+„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte
+Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht
+bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich
+zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton
+deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte
+waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie
+gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen
+liebst.“
+
+Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die
+Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen
+Zimmers auf.
+
+„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn,
+nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten
+Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem
+sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne,
+schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was
+tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich
+des Traumes nicht mehr entsann.
+
+„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du
+mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die
+Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als
+ob sie im Theater spräche:
+
+ „O gib, vom weichen Pfühle,
+ Träumend, ein halb Gehör!
+ Bei meinem Saitenspiele
+ Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen,
+wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“
+und ging in das Badezimmer.
+
+Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das
+Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen
+Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
+
+Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und
+blickte zur Nische.
+
+„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er!
+Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im
+Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er
+am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen.
+Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter
+einer Rose.
+
+Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu,
+Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und
+wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
+
+„Schlafe! Was willst du mehr?“
+
+Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich
+schlafen gehe, Wenzel.“
+
+Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es
+Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und
+schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken
+Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm
+triumphierend.
+
+„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und
+ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins
+Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im
+Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote
+Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun
+genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange
+still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war
+plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
+
+„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein,
+ich will es nicht tun.“
+
+Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand
+im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor
+der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal
+fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich
+gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den
+verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte
+furchtbar.
+
+„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf
+mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
+
+Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf
+den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff
+fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael,
+der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
+
+Da schwand ihr das Bewußtsein.
+
+
+ 18
+
+Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und
+nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz
+mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für
+Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken
+verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm
+natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
+
+Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin
+den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von
+bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
+
+Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur
+Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am
+nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer
+stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel
+und wurde augenblicklich vorgelassen.
+
+Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in
+einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ
+sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine
+Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein
+feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels
+Kopf gebunden.
+
+Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum
+Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu
+geben.
+
+Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich
+habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich
+aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
+
+„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und
+nahm Platz.
+
+Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
+
+Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um
+Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins
+Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen
+sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als
+gewöhnlich.
+
+„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“
+fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
+
+„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er
+berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen
+militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
+
+Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine
+blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf
+Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die
+Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder.
+Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die
+Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin
+rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er
+tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren
+Blick zu Boden geheftet.
+
+Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah
+aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere
+Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer
+Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein.
+Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört.
+Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn
+gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in
+die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem
+neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine
+Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so
+grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
+
+Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und
+Zylinder.
+
+Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck,
+wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte
+Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
+
+„Sehr wohl.“
+
+Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred
+Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft.
+Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner
+Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus,
+als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine
+halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine
+natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb
+starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen
+sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
+
+Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte
+sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
+
+„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier
+Uhr morgens Briefe.
+
+„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen
+Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin.
+„Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste
+Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen
+seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld,
+Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr.
+Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte
+zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
+
+
+ 19
+
+Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft
+wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die
+Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag
+gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande,
+ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie
+in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther
+ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging
+nicht anders.
+
+Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar
+keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in
+jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie
+jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren
+Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel
+konsequent bleiben, aber –.
+
+Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit
+eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte
+Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte
+er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
+
+Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und
+immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren
+können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine
+Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau
+und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter
+langweilten ihn.
+
+Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug
+nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza
+lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die
+„Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot,
+das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso
+das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten
+Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und
+heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles
+entgegennimmt, was man ihm bietet.
+
+Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in
+die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den
+Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las,
+stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit
+entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
+
+Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und
+Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach
+Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm
+sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die
+griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es
+schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen
+setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben
+die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen
+Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der
+Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
+
+Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den
+Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am
+Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in
+Deutschland.
+
+In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus
+Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen
+hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in
+ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich
+von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel
+entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
+
+Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in
+ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre.
+Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres
+etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
+
+
+ 20
+
+Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas
+voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem
+Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der
+Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten.
+Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er
+dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen
+von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor
+Lebensfreude und Glücksgefühl.
+
+„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher
+und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er
+ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner
+Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“
+
+Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem
+spöttischen Lächeln.
+
+„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
+
+Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er
+kurz.
+
+„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf
+dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich
+viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den
+breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
+
+Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“
+sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der
+breitesten Schichten an?“
+
+„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich
+geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.
+
+„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer
+unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des
+Parlaments und nicht die meinige!“
+
+Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch
+das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch
+tausend Widerstände gehemmt zu werden.“
+
+„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine
+andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an,
+wenn sie zu indolent dazu sind?“
+
+Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er
+erwiderte nichts.
+
+Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in
+die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im
+Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die
+Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die
+Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
+
+„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe
+auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“
+
+Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb
+greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich
+will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich
+Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen
+kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug
+eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein
+Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht
+ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“
+
+Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf
+Wenzel gerichtet.
+
+„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man
+doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine
+Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden.
+Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie
+sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr
+abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die
+unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“
+
+Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“
+schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie
+schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es
+sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich
+aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese
+Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie
+Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem
+Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele
+Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und
+meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso
+gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
+
+Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche
+Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen
+Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.
+
+„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich
+wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz
+anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du
+willst uns das Darlehn also nicht geben?“
+
+Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
+
+„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch
+den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek
+schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während
+Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot
+haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“
+
+Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du
+derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles
+beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen
+für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der
+Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden
+anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese
+Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich
+für diese Gesellschaftsordnung.“
+
+Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du
+dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die
+gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den
+tiefen Sinn des indischen Wortes ‚_Tat tvam asi_ ...‘ Das bist du! Das
+heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“
+
+Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen.
+Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch,
+aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und
+wie sie alle heißen –“
+
+Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick.
+„Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem
+Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“
+
+Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige
+Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.
+
+„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür,
+schüttelte den Kopf und ging.
+
+
+ 21
+
+Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre
+Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und
+Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der
+Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der
+Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun.
+Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele
+ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus
+Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage.
+Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur
+sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen
+wollte.
+
+Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu
+verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein
+paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im
+Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder
+beleben sollte.
+
+Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung
+geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen
+Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas
+machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten,
+eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf
+Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante
+alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem
+Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu
+werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte
+zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich
+auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von
+der man überall sprach.
+
+„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. „Willst du mir
+Hellbronnen schenken?“
+
+„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel.
+
+Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. „Du
+kannst fordern,“ erwiderte sie.
+
+„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“
+
+„Ich kann damit anfangen, was ich will?“
+
+„Natürlich.“
+
+Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und
+Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche
+vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die
+Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem
+Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken.
+Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die
+man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus
+sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie
+bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner
+Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden!
+Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ
+sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine
+Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen
+Teich baden konnte.
+
+Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde
+ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin
+zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das
+sie geben wollte. –
+
+In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die
+Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb
+fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an
+der Ruhr.
+
+Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende
+Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest
+und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die
+Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu
+wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
+
+Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz
+vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig
+aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines
+blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen
+seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie
+ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln
+Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig
+vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten
+mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines
+Toten.
+
+Und er lauschte.
+
+Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte
+Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen
+flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch,
+wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen
+quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel,
+als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen
+Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
+
+Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das
+waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte.
+Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese
+Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als
+vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen
+Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor
+erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge
+schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger
+Raucheisen.“
+
+Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren
+Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie
+früher.
+
+Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen
+Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten
+waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die
+Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und
+kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann
+sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett,
+in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer
+Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses
+Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche
+Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er
+praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier
+unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War
+das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die
+Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den
+Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der
+Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.
+
+Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun
+klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von
+Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte
+verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie
+arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und
+sie arbeiteten alle für ihn.
+
+Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du
+nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: „Herein“.
+
+Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer
+lag ganz still, bis der Morgen kam.
+
+Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie
+eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. „Den alten Raucheisen hat heute
+nacht der Teufel geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der
+klirrend in die Tiefe fegte.
+
+Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom
+Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein
+ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen.
+
+
+ 22
+
+Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes
+Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten,
+kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen,
+luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die
+bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.
+
+Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.
+
+Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach
+Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin.
+Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte,
+verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die
+Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen,
+bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb
+sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man
+mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches
+Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach
+ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der
+Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten,
+heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.
+
+Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr,
+keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz,
+Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den
+Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten
+genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber
+leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers
+Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch
+sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
+
+Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach
+Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war
+in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu
+war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel
+aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den
+es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles
+schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte
+eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn.
+Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine
+Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen
+Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah
+ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die
+Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel
+einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
+
+Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen
+empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er
+ganz erfüllt von Befriedigung.
+
+„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal,
+wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies
+erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume
+berauschten ihn –.
+
+Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich
+ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen
+niemand voraussehen konnte.
+
+An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in
+Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten.
+Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit
+gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu
+bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten
+wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich –
+beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe
+des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel
+freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend
+vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken.
+Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst
+reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte
+sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des
+Tieres nicht zu erwehren.
+
+„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“
+rief sie wieder und wieder aus.
+
+Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von
+Menschen.
+
+Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das
+Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.
+
+„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
+
+„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und
+widmete sich wieder den jungen Bären.
+
+Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und
+Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.
+
+Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht
+einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach
+Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich
+wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und
+ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an
+diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser
+Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und
+seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der
+irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die
+Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.
+
+„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich.
+„Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels!
+Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther
+sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier
+nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser
+Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach,
+es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen
+Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den
+Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig.
+Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem
+Bärenzwinger zu?“
+
+Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war
+lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine
+Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
+
+Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte
+sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht
+hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um
+urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer
+Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser
+Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu
+beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
+
+Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser
+Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels
+auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine
+doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.
+
+Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der
+Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul.
+Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem
+Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den
+Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde
+er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und
+nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.
+
+Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel
+besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen,
+er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste
+brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht
+war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich,
+nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer
+Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich
+hatte er das Windspiel vergessen.
+
+
+ 23
+
+Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund
+dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger
+Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier
+augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur
+gekommen, um Esther abzuholen.
+
+Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine
+Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen
+Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten
+Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem
+Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und
+Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.
+
+Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte,
+wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in
+einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt
+spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte
+diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er
+sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein.
+Katschinsky hieß der junge Mann.
+
+Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?
+
+Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne
+weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem
+Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
+
+Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung
+erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen
+zu lachen.
+
+„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf
+die See gehen!“
+
+Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging
+nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht
+mehr.
+
+Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten
+anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten
+seine Aufträge.
+
+Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen
+Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz
+besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und
+gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die
+Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der
+Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien,
+rätselhafter.
+
+Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm.
+Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie
+ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem
+Hause.
+
+Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther
+im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich
+verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von
+diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas
+gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch
+war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden
+Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr
+im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes
+Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig
+gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über
+alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
+
+Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren
+mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war
+klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission
+besonders zu eignen.
+
+Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel
+verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu
+tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
+
+Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe
+erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte
+nicht das geringste.
+
+Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig,
+eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der
+gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther
+gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.
+
+„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er.
+„Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen
+sehen und manches mißdeuten könnten.“
+
+Esther warf die Lippe in die Höhe.
+
+„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes.
+„Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die
+Menschen.“
+
+Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.
+
+Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel
+empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden
+vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen
+Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde
+dunkelrot, da er sich schämte.
+
+Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz
+und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts
+Positives, keine einzige positive Tatsache.
+
+Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch
+das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.
+
+Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe
+Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so
+glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So
+erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt
+habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel
+gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von
+anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch,
+wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
+
+Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte
+bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich
+natürlich nicht im geringsten.“
+
+Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er
+erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über
+Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum
+des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß
+Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig
+auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht
+lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an
+der Tafel saß.
+
+Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ
+einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.
+
+Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives.
+Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also
+hieß es sich gedulden.
+
+Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein
+Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen
+abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in
+Erfahrung gebracht hatte.
+
+Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit
+Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh
+als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu
+vermeiden.
+
+Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der
+Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen
+zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
+
+Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther
+war.
+
+Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung
+geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig,
+keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther
+hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie
+heuchelte nicht.
+
+Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt
+haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.
+
+Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem
+Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war
+seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder
+so.
+
+Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die
+Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus
+der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz
+auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus
+betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus
+betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das
+Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
+
+Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr
+bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn
+Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch
+keineswegs sicher. –
+
+Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.
+
+„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig
+unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der
+Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie
+mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich
+überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
+
+Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich
+überzeugen.“
+
+
+ 24
+
+Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro
+nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des
+Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel
+vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie
+die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen
+erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto
+stand an der Ecke.
+
+Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des
+Vertrauensmannes.
+
+Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das
+Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich
+Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt
+es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu
+sein.
+
+Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen,
+die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine
+kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der
+Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden,
+dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken
+jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine
+Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine
+Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur
+noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte?
+Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu
+können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke
+stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er
+verabscheute ihn.
+
+Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie
+trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches
+Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt
+hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins
+Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so
+wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser
+Stunde verlassen.
+
+Aber diese Dame trug seinen Namen.
+
+Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein
+Mietsauto und fuhr davon.
+
+Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent
+ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er
+dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.
+
+Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine
+Zeugenschaft.
+
+Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch
+unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald
+zurück.
+
+Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt.
+Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.
+
+„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“
+
+Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs
+chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt,
+ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen
+Raum zur Dämmerstunde.
+
+Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und
+französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen.
+Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft
+frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige
+pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei
+Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest
+in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man
+wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah
+Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter
+der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.
+
+In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich
+danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte
+Katschinskys Stimme.
+
+„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast
+gleichgültig, fast gelangweilt.
+
+„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit
+einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“
+
+„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc
+aus Paris.“
+
+Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+
+„Oh, welch schamlose Komödie!“
+
+Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.
+
+Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem
+Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen,
+daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte
+zu erledigen.
+
+Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär
+bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen
+Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer
+von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein
+ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
+
+Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm
+rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten
+herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr
+Gäste gekommen zu sein.
+
+Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird
+mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!
+
+Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen,
+die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und
+sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht
+ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die
+Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen
+Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als
+säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in
+den Augen an.
+
+Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich
+schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was
+weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich
+dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese
+Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen
+über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle
+wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.
+
+„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“
+knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar
+rächen!“
+
+Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er
+hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken
+gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber
+vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie
+ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher
+Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau,
+unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.
+
+Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten
+herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.
+
+„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus,
+mit verzerrten Zügen.
+
+Es war eine furchtbare Nacht.
+
+
+ 25
+
+Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich
+unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei
+erfüllte die Straße.
+
+„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“
+
+Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.
+
+Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er
+erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende
+eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel
+verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat
+vorsprechen.
+
+Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften
+sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits
+ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken.
+Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.
+
+Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit!
+Komm heraus, Schellenberg!“
+
+Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen.
+Die Polizei schritt ein.
+
+Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster
+eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu
+bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger
+gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war
+aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu
+gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder
+er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und
+vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem
+Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger,
+ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und
+schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und
+an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!
+
+Und in der Tat, er kam wieder.
+
+An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und
+Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er
+sollte seine Pläne vortragen.
+
+Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab,
+so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen
+vermochte.
+
+Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen
+Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste
+Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die
+linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem
+schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter
+gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße
+waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem
+Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen
+gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf.
+Sofort sammelten sich Menschen an.
+
+„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete
+auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden
+geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der
+gestern Rache geschworen hatte.
+
+Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der
+Straße verhallt.
+
+Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und
+begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der
+Schulter.
+
+„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und
+Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er
+vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer
+stärker spürbar.
+
+„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch
+und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder
+ins Gebäude zurückzudrängen.
+
+Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was
+kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich
+um den Steinträger ballte.
+
+Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.
+
+Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den
+feuchten Blättern durch die Straßen rannten.
+
+„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf
+Schellenberg!“
+
+Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe
+auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den
+Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein
+Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu
+lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand
+des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen
+keinen Anlaß.
+
+Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein
+Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon
+wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen
+waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig
+minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.
+
+Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand
+gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht
+und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers
+und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten
+Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal
+erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe
+bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen
+Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze
+Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und
+einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine
+tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den
+Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und
+Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!
+
+Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und
+dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er
+habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die
+Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch
+nicht finden konnte.
+
+Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.
+
+Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten,
+lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war
+noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen
+Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten,
+wiederhergestellt sein.
+
+Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem
+Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war
+vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen
+zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber
+widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den
+Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik
+bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.
+
+„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer
+der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines
+einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand
+darin ihren Ausdruck.“
+
+Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so
+befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang
+die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich
+sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.
+
+Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.
+
+Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein
+Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur
+in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und
+finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick.
+Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel
+Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß
+man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte
+schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge
+hatten.
+
+Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten.
+Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug
+einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her,
+Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“
+Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und
+ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen
+zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln.
+„Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit
+Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah
+Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.
+
+Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und
+Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei
+Dank!“
+
+Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.
+
+Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten.
+Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu
+sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich
+eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge
+hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal
+telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu
+leiden.
+
+Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige
+Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der
+Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt
+hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich
+keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.
+
+Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.
+
+„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen
+mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden
+Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst
+du schreiben, Eva?“
+
+Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann,
+daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.
+
+Auch damit war Michael einverstanden.
+
+Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben
+veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der
+Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte
+hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur
+selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl
+seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten
+erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß
+einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig
+unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg
+Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe
+von Berlin.
+
+Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein
+schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und
+strahlenden Augen trat in sein Zimmer.
+
+„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und
+schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung
+übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus
+der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg
+aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann.
+
+Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit
+nach Glückshorst nehmen zu dürfen.
+
+„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich.
+Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus
+als damals.“
+
+Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten,
+rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die
+Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.
+
+„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu.
+
+Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin
+zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein
+Hund, der seinen Herrn verlor.
+
+Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin
+gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft
+überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden
+Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den
+Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest
+konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner
+Küche.
+
+Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in
+Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit.
+Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei,
+berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst.
+Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er
+brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte.
+Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.
+
+„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die
+Freunde.
+
+
+ 26
+
+Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur
+zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte
+in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er
+arbeitete.
+
+Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das
+Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche
+dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen
+aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden
+Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther
+hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war
+vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern,
+Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte
+sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei,
+drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu
+Gesicht bekam.
+
+Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther
+ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in
+ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz
+allem, Unrecht tun?
+
+Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und
+unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht
+der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er
+wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu
+verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
+
+„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier
+vor?“ drang er in ihn.
+
+Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh,
+nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts,
+gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es
+Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer
+großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von
+Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“
+Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei
+Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender
+Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele
+Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran
+hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit
+damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es
+ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
+
+Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das
+lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu
+Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine
+längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als
+er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.
+
+An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein
+Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück,
+das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“,
+hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm
+fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von
+Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei
+Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in
+einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes
+Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky,
+dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest.
+Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt,
+debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz
+einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit
+beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte
+ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich
+schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
+
+Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich,
+wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny
+Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten
+Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny
+Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen
+Brief geschrieben.
+
+Seht an! Seht an!
+
+Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben,
+und der Wagen hielt.
+
+„Wohin fahren Sie?“
+
+„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der
+Chauffeur.
+
+Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien
+mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und
+Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig.
+In Warnemünde lag die Jacht.
+
+Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind
+fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie
+schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk,
+gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie
+verlassen.
+
+Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte,
+wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht
+hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich
+fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und
+endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes
+Gesicht.
+
+„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde
+die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war
+nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht
+segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in
+das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den
+Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich
+freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn
+verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
+
+Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann
+zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine
+ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach
+einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den
+Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
+
+„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren
+U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es
+ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen.
+Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin
+nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen
+Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“
+
+Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe,
+es werde wohl eine geraume Weile vergehen.
+
+„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir
+werden essen und trinken.“
+
+Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich
+bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus.
+„Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See.
+Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes
+Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem
+eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“
+
+Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht
+klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen,
+was möglich war, es war schweres Wetter.
+
+„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
+
+„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“
+
+Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in
+Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.
+
+„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur
+nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein,
+und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht
+war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.
+
+Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“
+schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See
+brach zischend über das Deck.
+
+„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“
+
+„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“
+
+Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie,
+Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn
+wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach
+Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte
+Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter
+aus.
+
+Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so
+wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und
+nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.
+
+Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der
+schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie
+steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um
+sich augenblicklich zu Bett zu legen.
+
+
+ 27
+
+Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
+
+Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas
+Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin.
+Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den
+Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig
+war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte
+durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem
+Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er
+hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er
+ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges
+bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in
+der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender
+Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer,
+der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die
+Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen,
+schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel
+noch, an Bord zu kommen.
+
+Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und
+tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit,
+Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.
+
+Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein
+kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon
+blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend,
+schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da
+waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen
+Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.
+
+Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das
+Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser.
+Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der
+seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine
+Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.
+
+„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als
+er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches
+Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit
+prüfenden Blicken.
+
+„Sie sind seekrank.“
+
+Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein
+sonderbarer Name.
+
+Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer
+auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der
+Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.
+
+„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der
+Brücke empor.
+
+Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der
+Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten
+aus den drei Schornsteinen.
+
+Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der
+Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an
+Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein
+Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar
+raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel
+stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine
+unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen
+des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen
+suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe.
+Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene
+des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar
+zu tuten.
+
+Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen:
+„Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
+
+In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe
+geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine
+Hände. Was war es doch mit meinen Händen?
+
+Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen.
+Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er
+war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß
+ein Kellner vor ihm stand.
+
+„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
+
+Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er
+sich in Warnemünde befand.
+
+
+ 28
+
+Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof
+gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin
+wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit
+gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die
+Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren
+indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war,
+oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging
+auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung
+einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen.
+Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief
+augenblicklich die Ärzte.
+
+Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte
+Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben.
+Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten
+Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese
+Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb
+bestehen.
+
+Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen
+des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.
+
+Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und
+Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht,
+denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte,
+legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.
+
+Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten
+Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.
+
+Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da
+jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige,
+gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.
+
+Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!
+
+Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte
+überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu
+beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern
+ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden,
+vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten
+jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil
+die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei
+einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.
+
+„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf
+die Stirn.
+
+Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an.
+„Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er.
+
+Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten?
+Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte
+besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in
+Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das
+Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport
+des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in
+der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen
+vergessen.
+
+Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde
+zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die
+Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er
+Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch
+immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in
+Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit
+vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals
+Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das
+Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am
+Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in
+Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte
+der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin
+genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den
+Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen,
+welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen
+im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.
+
+„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.
+
+„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“
+antwortete Michael und schüttelte den Kopf.
+
+
+ 29
+
+„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die
+in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt
+und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.
+
+Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in
+Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem
+sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte
+sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte.
+Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher
+näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn
+umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich
+und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut
+und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender
+Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete
+er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß
+etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.
+
+Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den
+Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er
+vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.
+
+Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor,
+daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang
+auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?
+
+Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel
+schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts
+geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache.
+Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung
+heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels
+Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen!
+Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein
+Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.
+
+Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten.
+Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste
+ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein
+kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte
+wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war.
+Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.
+
+Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin
+zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um
+die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.
+
+Worüber grübelte er?
+
+Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen
+Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel,
+der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie
+mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er
+fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die
+Achseln und lächelte.
+
+„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als
+wir.“
+
+Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft
+laut vor sich hinsprach.
+
+„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine Lösung.“
+
+Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm
+diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten
+Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn
+Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den
+Schmutz trat?
+
+„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut zu sich, während er
+unter dunklen Bäumen dahinging. „Es gibt nur diese eine Lösung! Das
+Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen
+Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird
+mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung
+nicht gab.“
+
+Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen
+trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“
+
+Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen
+Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern,
+Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden
+Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte
+nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte ...
+
+
+ 30
+
+Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es
+sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas
+anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein
+Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es
+gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten
+durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.
+
+Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er
+ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern
+diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm
+einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in
+die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte,
+aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm
+folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch
+nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und
+Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab
+keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.
+
+Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war
+wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr
+atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können –
+und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist
+völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man
+andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte
+Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.
+
+Nein, es gab keine andere Lösung!
+
+Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen
+Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht,
+aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die
+Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in
+Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem
+Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens
+zu sehen.
+
+Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England
+Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen.
+Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer
+weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.
+
+Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch
+erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer
+Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer
+preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das
+Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen,
+höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.
+
+„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
+
+Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die
+Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine
+Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.
+
+Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das
+freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.
+
+
+ 31
+
+Das Fest kam heran.
+
+Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben,
+Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und
+Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die
+neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die
+Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das
+Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und
+berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und
+vom Film.
+
+Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht
+gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die
+Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber
+er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht.
+Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor
+Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle
+fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin
+Esther wie eine Fürstin, die empfängt.
+
+Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre
+Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz
+dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen
+Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen
+Blicken preisgab.
+
+Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so
+würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt
+voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig
+wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.
+
+Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.
+
+Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee.
+Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja,
+vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten
+über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem
+Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten
+ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer
+Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein
+stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch
+den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der
+muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der
+einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in
+Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann
+unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen
+Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich
+diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz
+konfuse Pläne.
+
+Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und
+über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah
+Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte
+er.
+
+Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener.
+Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es
+war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.
+
+„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm
+beruhigend die Hand auf die Schulter.
+
+„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der
+Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“
+
+Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein
+ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers
+Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello.
+Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber
+der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er
+fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz
+zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg
+irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte
+er sich und verließ das Haus, ihm graute.
+
+Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden,
+Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen
+durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast
+ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.
+
+Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu
+Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.
+
+Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik
+verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener
+hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg
+ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei
+Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die
+im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die
+Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der
+graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach,
+wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer
+nur durch den Korridor getrennt.
+
+
+ 32
+
+Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen
+Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern,
+lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem
+Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.
+
+Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch
+das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich
+umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu
+Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts
+regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und
+gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden
+Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit
+eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem
+Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren
+riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben
+stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte,
+Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand
+ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber,
+männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen
+Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte
+er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser
+mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen
+Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein
+Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür
+zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht
+den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In
+Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte,
+daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
+
+Nun war es also so weit ...
+
+Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt
+war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten.
+Das Bett war silbern bemalt.
+
+Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr
+einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher,
+Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete
+gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und
+betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen
+schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
+
+Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die
+Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein
+kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz
+erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder
+lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
+
+Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und
+verließ das Zimmer.
+
+Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen.
+Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich
+einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
+
+Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen
+Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo
+er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß
+er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
+
+Was war geschehen?
+
+
+ 33
+
+Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war
+geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas
+Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es
+nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück.
+Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die
+Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch
+nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel.
+Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der
+Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht
+war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er
+erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in
+der Hand gehalten zu haben.
+
+„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen,
+Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.
+
+Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden.
+Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“
+
+Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze
+er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu
+schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der
+Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“
+
+Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines
+Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.
+
+„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen
+unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in
+seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit
+dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette
+gerissen – sonst wußte er nichts mehr.
+
+Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem
+herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die
+Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige
+Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein
+Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen
+Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther
+Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen,
+er hörte gar nicht zu.
+
+Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah
+nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick
+suchte etwas.
+
+In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung.
+Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag
+sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber
+verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen.
+Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die
+sichere Favoritin war geschlagen.
+
+„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde
+angehalten!“
+
+Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte,
+und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er
+tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von
+Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die
+englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes.
+Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt
+war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund.
+Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler
+Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich
+nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen
+innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in
+den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der
+leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die
+Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt,
+plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.
+
+In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine
+Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.
+
+Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren
+Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame
+eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“
+Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden.
+Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne
+jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.
+
+Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?
+
+Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.
+
+
+ 34
+
+Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen
+Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich
+hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz
+verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft,
+durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.
+
+Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.
+
+Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er
+wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht
+veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer
+Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das
+Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein
+berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und
+saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in
+diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals
+flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden
+Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der
+Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man
+tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die
+Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein
+leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich
+gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten
+Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich
+nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell
+und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn
+unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?
+
+Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser
+Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das
+eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der
+gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch
+weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich
+Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie
+lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf
+einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war
+geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den
+Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller
+Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris
+reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und
+neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben,
+und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war
+eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.
+
+Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr.
+Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin.
+Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch
+existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte
+ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?
+
+Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben,
+furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt
+zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte
+ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn
+ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach
+versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend
+verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach
+hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.
+
+Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten
+Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn
+besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt
+hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und
+Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen,
+wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner
+lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht
+schlug wie ein Fuhrknecht.
+
+Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag
+graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken,
+Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte
+den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach
+Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes
+Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See.
+Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein
+fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck.
+Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab
+er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und
+quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die
+Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden
+getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen
+konnte, ohne daß er sich wehrte.
+
+„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu
+dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles
+ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken,
+so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken,
+sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie
+doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit
+einem gequälten Lächeln.
+
+Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.
+
+Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut
+in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners
+zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei
+Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter.
+Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich,
+als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und
+voller Entschlußkraft.
+
+„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt
+gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben
+war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin
+ich wieder, ich kehre um.“
+
+Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man
+auch kommen sollte.
+
+Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte
+Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn
+wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte
+Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.
+
+„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg
+werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie
+kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich
+zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.
+
+Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte
+den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo
+Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er
+wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase
+lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller
+Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach
+Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß,
+Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die
+Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken
+wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.
+
+Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und
+gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit
+bestürzter Miene.
+
+„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte
+er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“
+
+„Krank? Er ist wieder krank?“
+
+„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“
+
+Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt
+an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man
+ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in
+der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur
+höchste Eile.
+
+Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen
+matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu
+gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.
+
+„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt.
+„Seien Sie ganz leise.“
+
+Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit
+einem Blick alles.
+
+
+ 35
+
+Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch
+die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war
+Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger
+mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von
+hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.
+
+Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch
+die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen
+andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er
+Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah
+Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor
+Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende
+zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die
+Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den
+Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles
+sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den
+Pflegern rang.
+
+Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete
+leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten
+ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt
+höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das
+Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen
+auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten
+des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte
+durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah
+die Saat sprießen und wachsen.
+
+Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde
+wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen,
+er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der
+Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer,
+die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte,
+die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit
+Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in
+Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn
+Glückseligkeit.
+
+Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand
+vor die Augen.
+
+Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die
+Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem
+Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber
+jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und
+blendeten hinaus in die Nacht:
+
+ Tod dem Hunger!
+ Tod der Krankheit!
+ Es lebe die Kameradschaft!
+
+
+ 36
+
+Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu
+verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den
+Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende.
+Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war,
+um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ...
+
+Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er
+geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder
+war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog.
+Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem
+Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel
+dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal
+niederschlug.
+
+Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er
+schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des
+Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um
+fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne
+jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und
+endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.
+
+Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das
+niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast
+nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war
+seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.
+
+Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ.
+Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt
+tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte.
+Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr
+der Kopf eines alten Weibes.
+
+„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.
+
+„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.
+
+Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in
+eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!
+
+„Ich bin der Besitzer des Gutes.“
+
+Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom
+Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor
+Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos
+stand der Knecht.
+
+„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“
+
+Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte
+Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen
+entdecken. Man roch noch den Brand.
+
+„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.
+
+Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn,
+einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres
+Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.
+
+„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.
+
+„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie,
+und stören Sie mich nicht.“
+
+So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die
+Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall,
+ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib
+nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse
+der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.
+
+Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier
+würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und
+daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.
+
+
+ 37
+
+Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des
+Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine
+Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.
+
+So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras
+wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft.
+Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern
+durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und
+zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine,
+langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem,
+verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk
+lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.
+
+Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen,
+primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er
+bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus.
+Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten
+beide die Ruine.
+
+Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel
+schüttelte den Kopf.
+
+„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“
+
+Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses
+aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte
+er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom
+Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht
+hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den
+Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof
+von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten
+unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über
+ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.
+
+Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach
+Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette
+Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter
+Gesundheit wiedersah.
+
+„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte
+er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen
+waren eine höllische Arbeit.“
+
+Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht
+zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten
+Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende
+und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen
+Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum
+ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es
+sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.
+
+„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien
+übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“
+
+Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und
+steht.
+
+Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster,
+gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen
+anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts
+für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren
+Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft
+Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann
+lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack
+in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen
+Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die
+sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von
+Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen
+Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer
+Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis
+in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher,
+Straßen. Ein Kanal.
+
+„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich
+werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin
+zurückkehre.“
+
+„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte
+Wenzel.
+
+Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der
+Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt
+werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan
+von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo
+heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den
+Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber
+hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis
+zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht
+seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.
+
+Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den
+Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und
+ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster
+in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam
+die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen
+Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem
+letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.
+
+„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe
+die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich
+habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“
+
+Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen,
+Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm
+Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.
+
+„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner
+Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich
+schlief.“
+
+Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie
+waren nur für Eva lesbar.
+
+„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.
+
+Und Eva las:
+
+„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht
+anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.
+
+So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle
+Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die
+weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des
+Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden
+jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick
+des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.
+
+Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu
+Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde
+wehen.
+
+So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch,
+gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf
+dieser Erde, wo er will.
+
+So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und
+nach Bedarf verteilt werden.
+
+So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die
+Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern
+die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes
+und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden
+die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.
+
+So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern,
+keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und
+keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird
+die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der
+die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche
+Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen
+gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft,
+zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst
+werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum
+und Geburt.
+
+Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies
+wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und
+tausendjährigen Verirrungen.
+
+Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird
+keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die
+Religion aller Menschen sein.
+
+So wird es sein und nicht anders!“
+
+ * * * * *
+
+Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken,
+und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der
+Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten
+zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht
+lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte
+Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels
+Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels
+Gesicht.
+
+Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr
+Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.“
+
+„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier viel Arbeit, auch
+für Sie.“
+
+Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund
+zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus.
+
+Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva
+abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte.
+
+„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht
+war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und
+die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“
+
+Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die
+Morgenröte eines neuen Tages empor.
+
+
+ Ende
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 29]:
+ ... „Ich freue mich, daß es ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...
+ ... „Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...
+
+ [S. 41]:
+ ... Gesindel, daß vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...
+ ... Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...
+
+ [S. 174]:
+ ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Aktion gar nicht ...
+ ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht ...
+
+ [S. 249]:
+ ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und sie bat, ...
+ ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ...
+
+ [S. 392]:
+ ... werden. Er ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...
+ ... werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...
+
+ [S. 453]:
+ ... Schwarzlake. Er hatte das Gute nie gesehen. Es war seine ...
+ ... Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BRÜDER SCHELLENBERG ***
+
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+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
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+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
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+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation's website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
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+This website includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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