summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/67015-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/67015-0.txt')
-rw-r--r--old/67015-0.txt5415
1 files changed, 0 insertions, 5415 deletions
diff --git a/old/67015-0.txt b/old/67015-0.txt
deleted file mode 100644
index d3c2ce9..0000000
--- a/old/67015-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5415 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Venusmärchen, by Edna Fern
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Venusmärchen
- Geschichten aus einer andern Welt
-
-Authors: Edna Fern
- Fernande Richter
-
-Release Date: December 26, 2021 [eBook #67015]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file was produced from images
- generously made available by The Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUSMÄRCHEN ***
-
-
-
-
-
- Venusmärchen.
-
- Geschichten aus einer andern Welt.
-
-
- Von
-
- Edna Fern.
-
-
- [Illustration]
-
-
- Zürich 1899.
-
- Verlags-Magazin J. Schabelitz.
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
- Druck von J. Schabelitz in Zürich.
-
-
-
-
- Was ich als Kind einst von der alten Muhme
- In märchengrauer Dämmerstund' erlauscht,
- Was sonnenhell mir Wind und Wald gerauscht,
- Was mir geduftet hat die stille Blume,
-
- Das wuchs in mir zu einem Heiligtume. --
- Da kam das Leben, wichtig aufgebauscht,
- Und hätt' vernünftig thuend gern vertauscht
- Das Märchen mir -- zu ernstem Wissens-Ruhme.
-
- Doch lächelnd ging das Flüchtige vor mir her
- Und zeigte mir den Weg aus Tages Enge
- Und hob empor mich aus der Welt Gedränge --
-
- Der Märchen-Weisheit ewige Wiederkehr,
- Die lehrt' es mich. -- Nun nimmt es seinen Lauf
- Mild siegend weiter: Nehmt es bei euch auf! --
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Venus und Madonna 1
-
- Der kleine Finger der Venus von Medici 5
-
- Der gefesselte Cupido 18
-
- Psyche 24
-
- Unser Frühling 37
-
- Frostiger Frühling 43
-
- Das Märchen, das gar nicht kommen wollte 50
-
- Klein Hildegard 58
-
- Das Märchen, das verloren gegangen war 70
-
- In der Gosse 81
-
- Sonniger Winter 91
-
- Ein Weihnachtsmärchen 99
-
- Schneeflocken 108
-
- Das Märchen von der weißen Stadt 120
-
- Weltausstellung im Walde 130
-
- Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden 141
-
- Rauch 151
-
-
-
-
-Venus und Madonna.
-
-
-Dunkel wölbt sich der Himmel über der Erde, und die Sterne grüßen
-einander und winken -- das ist das Flimmern -- fassen einander bei den
-Händen und tanzen einen feierlichen Reigen über die unermeßlichen
-Himmelsbahnen, und »Seht, wie klar die Milchstraße heute Abend ist!«
-sagen sie auf der Erde. --
-
-Da löst sich ein großer, glänzender Stern vom Firmament, der hat
-funkelnd im kalten Norden gestanden, zieht seine leuchtende Bahn über den
-dunkeln Nachthimmel hinweg und fällt zur Erde nieder. --
-
-Da löst sich ein anderer, ein flimmernder, unruhiger Stern vom Firmament,
-der hat blitzend im Süden gestanden, zieht seine schimmernde Bahn über
-den dunkeln Nachthimmel und fällt zur Erde nieder. --
-
-Und die beiden schönen Sterne fallen auf die große, weite Erde, in einen
-Wald voll mächtiger Bäume, süß duftender Blumen, singender Vögelein,
-spielender Tiere. -- Und siehe! da stehen die ersten Menschen, ein Mann
-und ein Weib, sie blicken einander an, reichen sich die Hände und küssen
-sich. Die beiden vom Himmel gefallenen, Mensch gewordenen Sterne -- sie
-sind der Glaube, der Glaube an das Schöne, und die Sehnsucht. --
-
-Und wieder und wieder flimmern, zittern, funkeln die Sterne am Himmel. Im
-Walde der Ewigkeit ruht das Weib in den Armen des Mannes; und sie gebiert
-ihm die Liebe -- das Kind der Sehnsucht und des Glaubens.
-
-Da aber das schöne Menschenpaar ganz allein im großen, weiten Walde
-wohnt, und nichts weiß von dem Gewimmel des Zwergengeschlechtes weit
-draußen in der Welt, so wissen sie auch nicht, wen sie wohl zu Gevatter
-bitten sollen, als sie ihr Kind, die holde Liebe, mit Himmelstau zu taufen
-gedenken. Schon beginnen die Maiglöckchen ein wunderlieblich Geläut,
-die Vöglein konzertieren und singen und flöten, und einherziehen
-gravitätisch die Tiere des Waldes.
-
-Das anmutige Reh äugt mit klugen Augen, das Häslein putzt sich, das
-Eichhörnchen tanzt, der Dachs lugt hervor aus seinem Versteck, die
-Eidechsen und Käfer huschen und jagen, die Schmetterlinge gaukeln um die
-Blätterwiege, in der die Liebe ruht -- --, aber niemand ist da, der
-das Kindlein tauft, und keine Gevatterin, die Liebe über die Taufe zu
-halten. --
-
-»Ich,« spricht der Fuchs und kommt geschlichen und streckt sein spitzes
-Näschen zur Wiege des Kindes empor, »ich versteh's, das Taufen, bin bei
-den Jesuiten in die Lehre gegangen, bin gut katholisch und sehr schlau.«
-
-»Krah, krah!« krächzt ein großer, schwarzer Kolkrabe, »hier, nehmt
-mich! Strengorthodox, schwarz, düster, wie meine Religion.«
-
-»Vielleicht alttestamentarisch?« fragt höflich ein Eidechslein,
-glitzernd von Gold, und dreht und windet sich immer wieder heran.
-
-»Oder gar freisinnig?« klappert der Storch, spießt nach dem Eidechslein,
-kröpft sich und schlägt sehr stolz und freisinnig mit den Flügeln.
-
-Vater Glaube und Mutter Sehnsucht schütteln die schönen Häupter und
-blicken ratlos um sich -- doch sieh! Licht, Sonnenschein überall um sie
-her, flutet über Blumen und Vöglein und Tiere hin, und
-
-»Ich,« spricht der Sonnenstrahl, »will die Liebe taufen. Ich dringe ihr
-ins Herz hinein, ich wohne in ihren Augen. In jedem Lächeln ihres Mundes
-zittere Sonnenschein, in jeder Bewegung ihrer Glieder herrsche Anmut,
-Freude, Wärme.« Und
-
-»Wir,« klingen sanfte und wunderbar eindringliche Stimmen, »wir wollen
-Paten sein.« Zwei Frauengestalten neigen sich zu jeder Seite der Wiege,
-in der die Liebe schlummert, so schön, so überirdisch schön, daß Glaube
-und Sehnsucht demütig niederknieen. Die wissen nicht, ist es ein und
-dieselbe, die zwei Gestalten angenommen hat, oder sind es zwei hehre
-Frauen, die da niedergestiegen sind aus den Wolken, die Liebe zu
-segnen. Wunderbar ähnlich sind sich die Schwestern, nur trägt die eine
-langwallende Gewänder, und sie hält ein lieblich Kindlein fest an
-ihr Herz gedrückt, und mild und rein ist das Lächeln ihres Mundes.
-Unverhüllt glänzen der andern herrliche Glieder, süß berauschend wirkt
-ihre Nähe, und heiße Glut entströmt den Augen.
-
-Die beugt sich nieder zur Blätterwiege und küßt das schlummernd Kindlein
-auf die unschuldigen Lippen, und spricht:
-
-»Deinen Körper gib hin, o Liebe, und all deine Sinne und jede Fiber
-deines Herzens!«
-
-Da legt die Erste segnend die Hand auf des Kindes Haupt:
-
-»Deine Seele gib,« hauchte sie, »und Mutterliebe sei dein Glück!« --
-
-Und siehe! Aus dem Kinde ist plötzlich ein Weib geworden, himmlisch
-schön, wie das Schwesterpaar -- es steht allein in all seiner Pracht auf
-der weiten, sonnigen Erde. So zieht die Liebe in die Welt hinaus, das Kind
-der Sehnsucht und des Glaubens, keusch wie Madonna, wonnig wie Venus -- und
-das Zwergengeschlecht wendet sich ab von ihr, denn es kennt sie nicht. --
-Weiche Lüfte aber wehen und tragen das Elternpaar, das der Welt die Liebe
-geboren hat, hinan zum Himmel. Dort, zwischen den Sternen, wohnen nun
-wieder die Sehnsucht nach dem Glück und der Glaube an das Schöne. --
-
-
-
-
-Der kleine Finger der Venus von Medici.
-
-
-Es war einmal ein Sonntagskind, das wanderte in der Welt umher und suchte
--- es wußte selber nicht was. Aber es blieb nicht auf dem schönen,
-trockenen, breiten Wege, den schon so viele andere vor ihm gewandelt waren,
-sondern mit der, den Kindern eigenen Passion für das Unbequeme, lief
-es quer über die Straße, kletterte mühsam über einen großen Stein,
-tappste in eine Pfütze, wie es ja deren so viele in der Welt gibt, und als
-es erschrocken seine schönen, reinen Füßchen zurückzog, geriet es in
-den Straßenkot; da eilte es entsetzt weiter, stolperte auf der anderen
-Seite über einen noch größeren Stein und rannte mit dem Magen gegen
-eines der eisernen Gitter, die überall in der Welt herumstehen. Nun
-hatte vorläufig seine Reise ein Ende. Verdutzt sah es ein Weilchen das
-häßliche Gitter an, dann um sich und nun über sich, und es erblickte
-eine große, dunkle Wolke, die ballte sich zusammen aus all dem Dampf, der
-aus den Häusern, den Fabrikschornsteinen, den Lokomotiven aufstieg,
-und zog wie ein Heer Gespenster über den lieben Abendhimmel. Der schien
-seltsam bunt drunter hervor -- glührot und rosenfarben und lichtgrau und
-blau und zartes Grün -- wie als ob er dem schwarzen Gespensterheer mit
-seinen Lichtelfen Trotz zu bieten gedächte. Aber die finstere Riesenwolke
-ballt sich immer drohender und trotziger zusammen, und da wird es dem
-Sonntagskinde ganz beklommen und bange ums Herz, und es stürzt davon,
-durch die Straßen, so schnell es seine Füße tragen können, und über
-ihm zieht die Wolke. Da aber verschwindet sie plötzlich, wie fortgeweht,
-und das Kind hält inne in seinem tollen Lauf, denn es steht vor einem
-goldenen Gitter, hinter dem hohe Bäume herüberwinken und ein süßer,
-feiner Duft emporzieht.
-
-»Ach,« denkt das Sonntagskind, »da drinnen muß es gut sein, ich möchte
-ausruhen, denn ich bin sehr müde -- ob ich wohl hineinschlüpfen dürfte?
--- Ich will auch ganz leise sein.«
-
-Kaum hat es das gedacht, so öffnet sich die goldene Thür, sanft, wie
-von Feenhand, und das Sonntagskind schleicht vorsichtig hinein, sich noch
-einmal bang nach der schwarzen Wolke umschauend. -- Richtig, ganz in weiter
-Ferne hängt sie und blickt drohend herüber.
-
-Nun ist das Sonntagskind drinnen in einem herrlichen Garten. Weg ist seine
-Müdigkeit; mit weitgeöffneten, glänzenden Augen wandelt es auf weichen
-Wegen unter hohen, ernsthaften Bäumen; mit zitternden Lippen saugt es
-süße, berauschende Düfte ein, es lauscht mit Herzklopfen den wonnevollen
-Tönen, von denen die Luft ringsum erfüllt ist. Wie tausend Nachtigallen
-Gesang klingt es, aber es sind nicht allein die kleinen Vöglein in
-den Zweigen, die so liebliche Melodieen erschallen lassen. Nein,
-jedes Blättlein, jede Blüte ist wie ein Echo und trägt die weichen,
-sehnsüchtigen Nachtigallentöne vieltausendfach weiter. Und all die Blumen
--- die Hyacinthen läuten mit ihren Glöckchen »Klingling! Ach, wie wonnig
-ist's hier!« und »Dingdang, dingdang!« antwortet die blaue Glockenblume,
-»ich läute zur Abendmette der Natur!« --
-
-Die hohen, schneeigen Lilien senden ihre schweren, süßen Düfte nach
-oben, der sentimentale Jasmin, die neckische Syringe; und die schwermütige
-Narcisse wendet ihr weißes Blumengesicht sehnsüchtig dem Monde zu. Denn
-Nacht ist's geworden: Millionen blitzender Sterne sehen mit funkelnden
-Augen vom Himmel hernieder, und der Mond gleitet mit ruhigem Schein über
-den Garten hinweg, so hell und klar, daß das Sonntagskind die vielen
-zierlichen Gestalten sehen kann, kleine Elfen und Kobolde, die sich im
-Gras zwischen den Blumen tummeln, und die Nixen und Wasserelfen -- auf den
-großen, grünen Blättern der Wasserrosen im See kauern sie und lassen
-sich schaukelnd hin und her treiben und greifen jauchzend nach dem
-glitzernden Sprühregen, den Tritonen im mächtigen Strahl gen Himmel
-senden und der, leuchtend wie Diamanten im Mondesglanz, zu ihnen
-niederfällt.
-
-In den lauschigen Ecken und Winkeln der Gebüsche stehen weiße Gestalten
--- sind's Menschen? Sie sind nackt, kaum mit einem leichten Flor bekleidet.
--- Sie sind schön, himmlisch schön, und das Sonntagskind tritt näher und
-faßt Mut, weil sie so gar lieb und gut blicken, und es berührt sie ganz
-vorsichtig und leise mit der Hand, streichelt die schönen, nackten Füße
-und -- fährt erschrocken zurück, denn eiseskalt sind sie und tot.
-
-Doch sieh -- bewegen sie sich nicht? Und horch -- hörst Du nicht leises
-Kichern, Flüstern, neckisches Lachen -- ach, und klagendes Schluchzen? --
-Die Hand des Sonntagskindes hat sie berührt -- sie leben, die schönen,
-marmornen Menschenbilder, das rote, warme Blut rollt durch ihre Adern,
-sie lächeln, es bebt ihr Fuß zum Weiterschreiten. Da neigen sie sich vor
-ihrer Königin -- die steht in ihrer Mitte, ein wonnevoll Weib, zierlich
-treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den
-Schoß, die rechte den schneeigen Busen, zur Seite geneigt hält sie das
-liebliche Haupt, die holde Venus von Medici -- und nun fassen sie sich bei
-den Händen, die herrlichen Göttergestalten und die Elfen und Nixen mit
-ihrer weichen, eidechsenhaften Schmiegsamkeit und die komischen Kobolde mit
-ihren langen Bärten und listigen Aeuglein und drolligen Bewegungen; sie
-tanzen einen zierlichen, wunderlichen Reigen um das Sonntagskind im Kreise,
-und sie singen:
-
-»Bleib' bei uns -- o hier ist's gut sein! Hier ist Schönheit, hier ist
-Liebe -- zu süßer Freude wandelt die Lust sich, zu mildem Frieden Angst
-und Unruh' -- -- Ach, und der Schmerz, der wild durchtobt des Menschen
-Herz -- er löst sich auf in sanftes Klagen, die Sorge wird hier zu Grab'
-getragen, und aller Kummer lind gestillt. --
-
-»Hörst Du der Nachtigall Gesang? -- So singt die Sehnsucht in Deinem
-Herzen.
-
-»Hörst Du der Blumen Geläut? -- So läuten sie Deine bange Seele zur
-Ruh.«
-
-Und horch! Welch wunderlieblich Geklinge und Gesinge, wie Glockentöne in
-weiter Ferne! Näher kommt's -- immer näher -- husch! der lustige
-Kreis stiebt auseinander, blitzschnell, wie er gekommen, und vor dem
-Sonntagskinde steht eine hehre, schöne Frau, deren zarten Leib umgibt
-ein Kleid von Rosenblättern, auf dem wonnesamen Haupt strahlt eine
-Sternenkrone, die Flügel des Königsfalters trägt sie an den Schultern,
-und ihre Füße wandeln auf Blumen.
-
-Sie lächelt -- da zittert die Luft vor Freude -- Sie spricht -- da
-lauschen Mond und Sterne. -- »Haben sie Dich erschreckt da draußen in der
-Welt, Du Menschenkind?« sagt sie, »hat die große, schwere Wolke Dir das
-Herz beklemmt und Dir den Atem genommen? Und bist Du zu mir geflüchtet, in
-den Garten der Wonne, in mein Königreich, das Reich der Phantasie? -- Ich
-wußte es wohl, Ihr Menschenkinder könnt ohne mich nicht bestehen. Da geht
-ein lautes Gerede, ein wildes Geschrei durch die Welt: sie brauchen mich
-nicht, _nur_ Natur wollen sie, und nur im groben Alltagskleid, nicht
-im glänzenden Schmuck, im schimmernden Geschmeid, womit ich sie
-überschütte. -- Aber siehst Du, Du Sonntagskind, kommst doch geflüchtet
-zu Deiner Trösterin, ohne die Du die Natur nicht ertragen, ohne die Du
-nicht leben kannst. -- Und wenn Du wieder hinausziehst, dann sag' es ihnen
-draußen in der Welt, was Du geschaut in meinem Reich. -- Ach, gerade
-jetzt sollten sie es wissen, wo die dunkle Wolke schwer über den Völkern
-schwebt und sie darnieder drückt.
-
-»_Weißt_ Du, warum gerade jetzt? _Willst_ Du es wissen?«
-
-Sie blickt um sich und klatscht in die Hände. Und siehe -- ein
-wunderlicher Geselle kommt gehüpft, getollt, gesprungen: nackt ist er und
-zart von Gliedern, mit schelmischem Mund und ernsthaften Augen, einen Bogen
-trägt er in der Hand und einen Köcher mit Pfeilen an der Hüfte. --
-Sah ihn das Sonntagskind nicht dort im Syringengebüsch auf einer Säule
-stehen?
-
-Doch nun -- einen Purzelbaum schlägt er auf dem weichen Gras und ist zum
-eisgrauen Männlein geworden, das lustig mit den Aeuglein zwinkert und
-allerlei Kapriolen macht, und plötzlich schwebt er in der Luft, so
-fein und zart, als sei er aus Mondenschein gewebt, als sei er auf Blumen
-geboren, als sei er mit Tautropfen genährt. Und nun wieder trottelt er
-daher wie ein kleiner Brummbär und schlägt mit einer Keule um sich, daß
-die Nixchen und Elflein entsetzt zur Seite weichen.
-
-»O, laß die Possen, Du närrischer Kauz,« lächelt Frau Phantasie,
-»nimm Deine wahre Gestalt an, mein Gesell« -- da klingelt's wie von
-silbernen Glöckchen, die trägt das wunderliche Kerlchen an seiner
-Schellenkappe auf dem Haupte, und legt sein Gesicht in ernsthaft-drollige
-Falten, hängt seinen Bogen über den Rücken, als gebrauche er ihn nicht
-mehr, und schreitet umher mit gravitätischen Schritten.
-
-»Ist das Deine wahre Gestalt?« Frau Phantasie schüttelt das schöne
-Haupt ... »nun, sei es drum. Sieh',« sagt sie zum Sonntagskind gewandt,
-»den Mittler zwischen mir und den Menschen. Nenne ihn Amor, Puck, Geist,
-wie Du willst; kannst ihn auch Humor heißen, das hört er am liebsten.
-Geh' mit ihm -- die Welt soll er Dir zeigen, wie sie uns Göttern
-erscheint. An seiner Hand wird es Dich weniger schmerzen.«
-
-Sie gleitet dahin wie der Mondesstrahl, die hehre Königin, und ihr
-nach durch Busch und Zweig, über Blumen und Moos huscht das lose Volk,
-Leuchtkäfern gleich, die in Abendluft baden, und in der Ferne tönt
-neckisch Gelache. --
-
-»Komm',« sagt der närrische Geselle, und schüttelt seine Kappe, daß
-die Glöckchen klingen, »reich' mir Deine Hand, armes Sonntagskind. Hab
-Dich schon gesehen draußen in der Welt, wie Du über Steine gestolpert
-bist und in Pfützen getreten hast. Ja, es ist immer sicherer, auf den
-hübsch ausgetretenen Pfaden der Alltäglichkeit zu wandeln, als seinen
-eigenen Weg gehen zu wollen. Hast Dich zur rechten Zeit in meiner Mutter
-Phantasie Garten gerettet, sonst hättest Du Dir sicher noch einmal an
-irgend einem Weltgitter Kopf und Herz eingerannt, Du dummes Sonntagskind,
-Du. -- Also ich soll Dir zeigen, wie es in der Welt eigentlich aussieht.
-Wohl kann ich Dir's erklären, denn ich treibe mich viel draußen herum.
-Einige in der Welt schwärmen für mich, andere sagen, ich sei ein wahrer
-Teufel. Wenn ich mit der Schellenkappe klingele, verstehen mich die
-Wenigsten; da muß ich oft schon mit der Plumpkeule dreinschlagen, und dann
-schreien sie und sagen, ich hätte ihnen weh gethan. -- Komisches Volk,
-diese Menschen!«
-
-Jetzt sind sie am Ende des Gartens angelangt. Eine hohe Mauer scheidet ihn
-von der Außenwelt; an der ranken sich wilder Wein und Epheu, und blaue
-Clematis hängen hernieder und rote Trompetenblumen, so dicht, daß man von
-den rauhen Steinen nichts gewahr wird, wie nur die runden Glasfensterchen,
-die hie und da in die Quadern eingefügt sind.
-
-»Sieh,« sagt der närrische Sohn der Phantasie und reicht dem
-Sonntagskind eine große Trompetenblume als Fernrohr, »die ganze Welt
-zieht wie die Bilder eines Guckkastens an unsern Fensterchen vorüber.
-Mußt aber nicht durch dieses hier sehen, das ist die rosenfarbene Brille,
-durch das schauen nur die Faulen, die ihre Gedanken nicht anstrengen mögen
--- ~nota bene~, wenn sie welche haben -- und jenes Fenster dort ist gelb
-wie der Neid und dieses rot wie Blut, als ob die Welt in Feuer stünde.
-Nein, schau hierher -- Clematis und Weinranken haben ein schönes, kleines
-Guckloch gebildet, ein Vöglein, das früh morgens zur Sonne singt, hat
-sich drüber ein Nestlein gebaut -- _das_ Glas ist klar und wahr wie meiner
-Mutter Augen. Komm, Du Sonntagskind, laß mich über Deine Schulter lehnen
-und Dir sehen helfen.«
-
-»Nein, wie ist die Welt klein!« ruft das Sonntagskind verwundert.
-
-»Nicht wahr?« antwortet der Geselle, »und Du hast sie immer für so
-riesengroß und wichtig gehalten.«
-
-»Und die Menschen -- wie Zwerge! Sieh' nur das Gewimmel!« lacht das
-Sonntagskind.
-
-»Ja, das macht Spaß, die Welt übersehen zu können,« nickt der Geselle
-und die Glöckchen an seiner Schellenkappe klingeln dazu.
-
-Da draußen in der Welt krabbelt's, prustet's, keucht's und läuft und
-schiebt und stößt -- die Großen drängen die Kleinen zur Seite, die
-Starken schlagen die Schwachen tot, und die Armen wehklagen gen Himmel. --
-
-»Wie eilig sie es alle haben!« wundert sich das Sonntagskind.
-
-»O sieh' nur, sieh' -- den alten Mann, einen Kahlkopf hat er und unterm
-Kinn einen grauen Ziegenbart, und die Augenbrauen stehen wie Borsten in die
-Höhe und die Augen glitzern gierig darunter hervor. -- Sieh', wie er an
-dem Sack zerrt, wie Gold schimmert es durch die Löcher -- er kann ihn kaum
-regieren und Angst und Zornesthränen rinnen aus seinen Augen.«
-
-»Ja, und er trägt rot und weiß gestreifte Hosen und einen blauen Rock,«
-sagt Puck, »und er kaut Tabak, und er flucht englisch, wenn die andern
-seinem Geldsack zu nahe kommen.«
-
-»Ach, und jener dort -- mit großen Sprüngen, mit ellenlangen Schritten
-setzt er dem kleinen Irrlicht nach, das über Berg und Thal, durch Sumpf
-und Morast vor ihm herhüpft, und sieh' nur, wie seine Frau sich anstrengt,
-mitzukommen.«
-
-»Sieh, sie hebt ihre schönen, seidenen Kleider auf, daß sie nicht
-schmutzig werden, und patsch! springt sie mit beiden Füßen in die
-Wasserlache -- nachher läßt sie die Kleider wieder drüber hängen --
-dann sieht man ihre beschmutzten Füße nicht -- und guck! das Irrlicht
-sieht aus wie ein Ordensbändchen.«
-
-»O, aber hier, wie schrecklich -- sie bücken sich tief zur Erde, damit
-andere auf ihre Rücken treten können und weiter schreiten dort hinauf, wo
-es so glitzert und gleißt wie von Prunk und Geschmeide. -- Und dort läßt
-sich einer schlagen -- ach, geduldig und wehrt sich nicht!«
-
-»Liebes Kind,« sagt der Gesell, »die sind aus dem Land, wo die Bedienten
-gut geraten.«
-
-»Lieber Gesell -- o siehst Du den Mann dort in der Ferne -- mit bleichen
-Lippen, mit rollenden Augen? Siehst Du, wie er mordet und zittert und
-flucht und betet, wie er angstvoll sich windet --«
-
-»Liebes Kind -- der sitzt auf einem Thron, der wackelt hin und her, und er
-trägt den Wahnsinn als Krone und als Scepter eine blutrote Brandfackel --
-wenn er die von sich schleudert, dann bebt die Erde von Kanonendonner
-und Menschengestöhn -- und ›Väterchen‹ nennt sich der Mann, liebes
-Sonntagskind.«
-
-»Ach, mein Geselle, wo wollen die vielen Menschen hin, die dort mit den
-feinen, kostbaren Kleidern angethan, die ein mit Silber beschlagenes Buch
-und einen Geldbeutel in den Händen tragen, die, mit den frommen, ergebenen
-Gesichtern --«
-
-»In die Kirche, Du dummes Sonntagskind, auf daß der Prediger ihnen in
-tönenden, salbungsvollen Worten die Angst vom Herzen rede. Dann thun sie,
-als ob sie's glauben, was er sagt, und gehen neugestärkt nach Hause und --
-leben weiter.«
-
-»Und siehst Du jene Schar dort, mein Geselle, Ballettänzer scheinen sie
-zu sein. Hei! was sie für Sprünge machen! -- Schau, die wunderlichen
-Gesten, und wie elegant sie zu posieren verstehen -- dem Publikum eine
-rechte Augenweide. Aber doch -- ich glaube sie thun nur so, es ist ihnen
-nicht wohl ums Herz -- sie schauen bleich aus, trotz Schminke und Puder. --
-Sag, mir, was sind's für Leute?«
-
-»Liebes Kind -- Litteraten sind's, moderne aus dem neunzehnten
-Jahrhundert, und die barocken Sprünge und eleganten Posen machen sie aus
-Angst, um sich und das Publikum d'rüber hinwegzutäuschen.«
-
-»Und, mein Geselle, sieh' den Mann dort hinter dem Ofen, in Schlafrock
-und Pantoffeln, mit langer Pfeife und dem Bierseidel in der Hand. -- Recht
-unzufrieden scheint er mir zu sein, er rückt unruhig hin und her -- horch!
-er schilt und gebraucht böse Worte.«
-
-»Ja, liebes Kind -- das Bier schmeckt nicht, und die Kartoffeln sind
-mißraten, und die Pfeife qualmt und durch die Schlafrockärmel pfeift
-der Wind, und die Pantoffeln sind unbequem. Da hadert er mit seinem
-langmütigen Herrgott im Himmel droben, mit dem Brauersknecht, dem Nigger,
-dem Schuster und am meisten mit seiner lieben Frau -- und es ist doch nur
-die Angst, die ihn in seiner eigenen Haut sich nicht wohl fühlen läßt.
--- Ja, und ›Philister‹ nennt man den Mann, liebes Sonntagskind.«
-
-»Ach, und, mein Geselle, dort jene Hungernden, Darbenden, Elenden, jene
-Neidischen, Unzufriedenen, Hassenden, auf was warten sie finstern Auges,
-trotziger Stirn, rachsüchtigen Herzens? Und dort jene Ballgeschmückten,
-die im Reigen sich drehen! Was ziehen sie in ihren Masken und Flittern
-einher, als wollten sie die Freude zu Grabe tragen?«
-
-Da faßt der Geselle das Sonntagskind bei den Schultern und wendet es ein
-wenig zur Seite:
-
-»Schau dort hinüber, liebes Kind,« sagt er, »sieh' weithin über die
-Welt!«
-
-Da steht auf einem Berge, hoch über dem Gewirr, Gewimmel, Gehast, ein
-großes, starkes Weib, das schwingt mit grimmigem Lächeln, mit finsterem
-Angesicht eine Peitsche in ihren Händen, deren vielteilige, zackige
-Enden zischend über die ganze Welt hinsausen -- und hohnlachend sieht das
-Riesenweib, wie die Menschen angstvoll zusammenfahren und bei jedem Schlage
-noch verwirrter durcheinander rennen.
-
-»Die Wolke, die große Wolke!« ruft das Sonntagskind entsetzt, »siehst
-Du, wie sie über die Welt hinfährt? Hörst Du sie zischen und brausen?
-Das ist sie, die mich so erschreckt!«
-
-»Ja,« antwortet der neben ihm und richtet sich auf zu voller Höhe und
-seine Augen blitzen.
-
-»Das ist die Wolke -- das ist die große Angst, die schwer auf der Welt
-liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem,
-das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. -- Wird
-es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern
--- oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der
-Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und
-wagen kaum, tief Atem zu holen.«
-
-»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst
-zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte
-anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das
-Sonntagskind schüchtern.
-
-»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine
-Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur
-haben sie es vergessen. -- -- All die große, schwere Angst der Völker
-würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an
--- den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.«
-
-»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit
-großen, verwunderten Augen.
-
-»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die
-Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch,
-von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken
-Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des
-Mondes Strahl dringt doch hindurch -- oder ist es das schöne Weib dort,
-das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden,
-weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen -- zierlich treten ihre
-schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß,
-die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser
-rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt
-hält sie das schöne Haupt -- lauscht sie? --
-
-Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der
-Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine
-Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände:
-
-»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll
-geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein
-Uebermut gestürzt hat -- Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer
-demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer
-geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden
-kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen -- zeig'
-ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.«
-
-Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,«
-sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen
-gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn
-ein wenig -- dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne.
-
-»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens --
-himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!«
-
-»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die
-Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei
-und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die
-Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und
-die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen.
-
-»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die
-Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind -- die
-Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie,
-so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.«
-
-Und mit immer länger werdenden Schritten, riesengroß anwachsend, ist er
-im Mondenlicht verschwunden.
-
-Dem Sonntagskinde aber hat die Venus gelächelt -- tiefer Friede deckt
-seine schweren Augenlider.
-
-Hell scheint die Sonne ihm ins Angesicht, es steht auf, schaut verwundert
-um sich -- dann erhebt es seine rechte Hand und schüttelt mit dem kleinen
-Finger ein wenig im Ohr -- es lauscht -- eine Lerche steigt jubelnd gen
-Himmel -- und in ganz weiter, weiter Ferne hängt ein dunkles Wölkchen am
-Horizont.
-
-
-
-
-Der gefesselte Cupido.
-
-
-Eines Tages saß Cupido -- ich meine nicht den patentierten,
-konzessionierten Heiratsvermittler und Rechenmeister des neunzehnten
-Jahrhunderts, sondern das liebe, mutwillige Bübchen, von dem Anacreon
-erzählt und Goethe in seiner »Brautnacht« --, der saß eines Tages im
-Olymp und langweilte sich. Er hatte zwar eben erst allerlei Schabernack
-verübt, hatte sogar dem Vater Zeus einen Brand-Pfeil ins Herz gesandt,
-so daß er nicht wußte, nach welcher hübschen Erdentochter er zuerst
-schmachten sollte, hatte versucht, die lange Artemis anzuschießen, aber
-vergebens, ebenso die Athene; und aus Rache dafür, daß sie ihm ihren
-kolossalen Minervaschild vorhielt, zupfte er ihre Eulen, die sie just
-fütterte, am Schwanz, so daß sie entrüstet »Huhu« sagten. Tante
-Juno hatte ihm sehr energisch auf die Finger geklopft, als er den Nymphen
-allerlei süße Dummheiten ins Ohr flüsterte und schließlich sogar den
-Dienerinnen der Vesta nachstellte; da war er zu seiner holdseligen Mutter
-Aphrodite geflüchtet, und sie breitete ihm sehnsüchtig die Arme entgegen,
-und schwirr, da flog der Pfeil und stak ihr im Herzen. Der böse, liebe
-Junge -- aber Aphrodite lächelte -- sie war's ja gewohnt! -- Nun saß
-Cupido auf einer Wolke und bammelte mit den Beinchen und guckte zur Erde
-hinab und langweilte sich. Da kam Hermes daher geflogen, der hatte irgend
-einer Schönen im Auftrage des Vaters Zeus eine Düte Ambrosia gebracht
-und dafür ein Stelldichein verabredet. Er mochte den Cupido gut leiden und
-hockte sich ein wenig zum Ausruhen neben ihn.
-
-»Du -- weißt Du, was sie da unten mit Dir gemacht haben?« fragte er ihn.
-
-»Nee -- was denn?«
-
-»Erst 'mal haben sie Dich riesig elegant angezogen, im schwarzen Frack
-und Cylinder, und sie sagen, Du hießest gar nicht Amor, sondern Puck; und
-außerdem wäre es unanständig, wenn man nackt ginge. Und dann haben sie
-Dir eine große Brille aufgesetzt, weil Du blind wärest, sagten sie und
-haben Dir Deinen Köcher mit Goldstücken statt mit Pfeilen gefüllt, das
-zöge besser, sagten sie, und haben Dir statt eines Bogens ein Tintenfaß
-in die Hand gegeben und Dir eine Feder hinters Ohr gesteckt, damit Du
-gleich die Ehekontrakte ausschreiben könntest, sagten sie, und wenn Du
-doch 'mal ganz splitterfadennackt, ganz natürlich, ohne alle Zuthaten zu
-ihnen kommen wolltest -- sie möchten Dich eigentlich ganz gern so, sagten
-sie -- dann müßtest Du aber durchs Hinterthürchen schlüpfen, damit dich
-ja auch keiner sähe, denn sonst genierten sie sich, sagten sie.«
-
-»Beim heiligen Kriegsungewitter!« fluchte Cupido -- »das ist ja eine
-ganz urweltliche Bande!«
-
-»Hör' nur weiter -- es kommt noch besser. Da hat sich einer -- so'n ganz
-vertrocknetes Kerlchen mit einer Brille auf der Nase, auf einen hohen
-Stuhl gesetzt, und hat mit dem Finger -- weißt Du, mit so einem langen
-knöcherigen -- auf den Tisch geklopft und hat gesagt: Es gäbe Dich
-gar nicht, Du wärest eine Mythe, und die Liebe, das wäre eine
-Nervenaufregung, die leicht in Irrsinn übergehen könnte, und deshalb
-hätten die weisen Männer Gesetze gemacht, nach denen die Gefühle
-geregelt würden.«
-
-Da sprang aber Cupido in die Höhe:
-
-»Heilige Mutter Aphrodite! Gesetze? Für mich? -- Na -- das möchte ich
-mal sehen. -- Liebster, bester Hermes, geh' -- sattle mir schnell den
-blanken Stern da, ich will hinunterreiten, das muß ich mir aus nächster
-Nähe betrachten!«
-
-Und da saß er schon auf seinem glänzenden Stern und fuhr hinab, und auf
-der Erde sagten sie: Da fällt eine Sternschnuppe.
-
-Es kam aber dem Cupido furchtbar kalt vor im neunzehnten Jahrhundert,
-obwohl es im August war, wo die meisten Sternschnuppen fallen, und bei
-Sonnenaufgang fror es ihn ganz erbärmlich, trotz des Umschlagetuches, das
-ihm das alte Hökerweib geschenkt hatte. Die saß schon am ganz frühen
-Morgen mit ihren Körben auf dem Markte, und wie sie den nackten, kleinen
-Gesellen daherkommen sah, da wurde es ihr so weich und sehnsüchtig ums
-Herz, sie meinte, es wäre Mitleid -- es war aber die Erinnerung: sie
-sah sich wieder jung und hübsch, sie war beim Tanz unter der Linde, der
-schönste Bursche schwang sie im Reigen -- heißa! -- hoch in die Luft,
-daß die Röcke flogen, und dann küßte er sie. Und da machte sie die
-Augen auf, und vor ihr stand wieder der drollige kleine Junge. Der nahm
-das Höckerweib frischweg beim Kopf und gab ihr einen Kuß für das
-Umschlagetüchelchen, das sie ihm gegen die Kälte geschenkt, und die Alte
-faltete die Hände und träumte von ihrer Jugend. -- -- Den Cupido fror es
-aber doch an den nackten Beinchen, und er dachte: »Ich will doch sehen, ob
-ich nicht irgendwo hineinschlüpfen kann und mich wärmen.«
-
-Doch da kam er schön an.
-
-»Was willst Du hier?« fuhren sie ihn im ersten Hause an -- »Du bist so
-unbequem -- mach', daß Du fortkommst!« Im zweiten öffneten ihm zwei alte
-Jungfern die Thür, liefen kreischend davon und schrieen:
-
-»Hülfe -- ein Sansculotte -- er hat nichts an!« Und der dicke Mops saß
-auf dem Sofa und bellte ihm nach. Im dritten Hause fragten sie höflich
-verwundert: »Was wollen Sie hier? Wir sind ja verheiratet.«
-
-Im vierten hielten sie ihm einen Ehekontrakt unter die Nase, und im
-fünften sprachen sie von Gesetzen und -- da wurde Cupido böse und sagte:
-
-»Wartet, ich will Euch! Ihr wollt mich hier verleugnen? Bei unserer lieben
-Frau von Milo -- Ihr sollt es büßen!« Er schwang sich in die Lüfte,
-spannte den Bogen, und -- huidi! -- da schwirrten die Pfeile! Er schoß
-blindlings drauf los, ganz einerlei, ob nach Grundsatz oder Gesetz -- aber
-sie trafen. Und nun gab es eine heillose Verwirrung unter den Menschen; sie
-hatten geglaubt, den Liebesgott hinwegspotten und -klügeln zu können,
-und da war er plötzlich mitten unter ihnen und sie duckten sich, bange,
-wehklagend und nach Hülfe wimmernd. -- Da ist ein Mägdlein gekommen. Wie
-Cupido das erblickte, verschwand der Zorn aus seinem Angesicht, lächelnd
-sah er es an -- und wählte seinen allerschönsten Pfeil, mit dem er
-schon einmal seine holde Mutter geritzt hatte. -- Es war aber ein trotzig
-Mägdelein. Keck schauten die Augen in die Welt hinein und sein roter Mund
-sagte:
-
- »Was frag' ich nach Liebe?
- Mir liegt's nicht im Sinn!
- Wohl hab' ich ein Herzel --
- Doch pocht es nicht drinn!
- Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
- Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!
-
- Zwar hab' ich ein Mündlein
- Und seht nur -- wie rot!
- Und ach -- wie kann's lachen --
- Das macht Euch viel Not!
- Doch daß Ihr's nur wißt, doch daß Ihr's nur wißt:
- Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!«
-
-Horch! -- da schwirrt es und singt und klingt! Und sieh' -- da steckt der
-Pfeil in der schönen, weißen Mädchenbrust --
-
-Das trotzige Mägdelein hat mit der Hand ans Herze gegriffen, ist glührot
-geworden, ist scheu davon geschlichen. Aus der Ferne tönt es:
-
- »Nun frag' ich nach Liebe --
- Nun trag' ich's im Sinn!
- Nun fühl' ich mein Herze! --
- Es pocht so darin!«
-
-Und Cupido lauscht, biegt sich vor und lächelt, blinkt mit den
-Schelmenaugen, hebt deutend das weiße Fingerchen, und spitzbübisch singt
-er ihr nach:
-
- »Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
- Just hat sie der Liebste, der Liebste geküßt!« --
-
- * * * * *
-
-Gerade da kam ein Mann des Weges gegangen, der war ein Sonntagskind, der
-konnte schauen, was andern verborgen war -- der hat den kleinen, herzigen
-Schlingel stehen sehen, wie er dem trotzigen Mägdelein nachgehöhnt hat.
-»So sollst du ewig sein!« sagte er.
-
-Cupido aber ist ihm entgegengehüpft, denn der Mann war ein Künstler, und
-die Künstler stehen auf gar vertrautem Fuße mit all dem lustigen,
-alten Göttergesindel -- er ist geduldig mit ihm gegangen und hat sich in
-marmorne Fesseln schlagen lassen. Und so steht er da in der ganzen Pracht
-seiner Schönheit, ein wenig nach vorn geneigt, das süße Schelmengesicht
-voll Sonnenschein, das Fingerchen erhoben und deutet auf euch, die er
-euch eben mitten ins Herz getroffen hat -- und lachend klingt's von seinen
-Schelmenlippen:
-
- »Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
- Nun wird die Liebste vom Liebsten geküßt!«
-
-
-
-
-Psyche.
-
-
- »~Ich saz ûf eime steine,
- und dahte bein mit beine:
- dar ûf sazt ich den ellenbogen:
- ich hete in mîne hant gesmogen
- daz kinne und ein mîn wange~,«
-
-sagt Walter von der Vogelweide. So sitze ich im Gips-Museum und träume vor
-mich hin und lasse mir von Antinous verliebte Blicke zuwerfen.
-
-O, Du Abbild erster, toller, süßer Liebe!
-
-Erste Liebe -- wo man liebt, ich möchte sagen, um zu lieben, um sein eigen
-Herz einmal pochen zu hören, um voll Seligkeit zu verzweifeln, und weinend
-zu jubeln -- wo ein liebes Auge, eine schöne Gestalt, ein lustig-gutes
-Lachen, einem vollauf Grund genug zum Lieben scheint.
-
-Später freilich, dann, meine ich, wenn die wahre, einzige, ewige Liebe
-über einen kommt, wenn man mit vollem Verstande, mit ganzer Ueberlegung,
-mit festem Willen liebt, dann -- ja, dann verlangt man freilich mehr, wie
-Du, schöner Antinous, bieten kannst.
-
-Sieh', der letzte, warme Sonnenstrahl hängt aufleuchtend, zögernd an
-seinem holden Antlitze.
-
-Er lächelt. -- --
-
-Der Faun da hinter ihm guckt schelmisch um die Ecke: »Reizender Bengel!
-Nicht wahr?« grinst er vergnügt, und die zwölf Apostel am Sarge des
-heiligen Sebald schüttelten vorwurfsvoll ihre bärtigen Häupter. Warum,
-o meine hochverehrten Herren, begaben Sie sich auch in diese
-heidnisch-vergnügte Gesellschaft? Wird es Ihnen nicht ganz sonderbar zu
-Mute?
-
-Es geht ein wunderlich Flüstern durch den Saal und ein Beben durch die
-nackten, weißen Götter-Menschenleiber. Mir schwimmt es vor den Augen und
-mein Herz klopft. Soll ich fliehen? Schnell zur Türe!
-
-Ah, die ist geschlossen! Sie haben mich vergessen in meiner Ecke hinter den
-zwölf Aposteln, und ich bin allein im ganzen Haus -- allein, und doch
-in der allerbesten Gesellschaft. Mir ahnt, jetzt wird sich etwas begeben,
-etwas wunderlich Liebliches, himmlisch Schönes. Ein seltsames Leben
-und Weben zittert in der ganzen Luft, und ich verstecke mich still und
-neugierig und warte -- worauf? Ich weiß es selber nicht.
-
-Doch -- was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb
-Seufzer, halb Jubel. -- Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten?
--- Sieh' -- sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich -- das Blut
-rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn
-durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen,
-geisterhaft, geheimnisvoll -- das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen
-leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. -- Ach, und demütig
-beuge ich mein Knie.
-
-Lautlose Stille. -- Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie
-Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es
-fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich
-viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und
-unsere Götterleiber zu kritisieren? -- Sind wir allein? -- Gebt Antwort!«
-
-Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät,
-und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur
-ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er
-gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von
-Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die
-krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und
-schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu:
-
-»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh',
-frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz
-rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir
-den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel
-hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.«
-
-Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas
-familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um
-den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums
-herunterblicken kann.
-
-»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige,
-kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter,
-stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu.
-
-»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein
-ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und
-ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!«
-
-»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine
-Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme,
-»hetzt die Hunde auf die Unberufene.«
-
-»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von
-Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge,
-aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben -- Lieben und
-Geliebtwerden -- erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der
-Freude!«
-
-Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes
-Schweigen.
-
-»Geh', Amorchen,« schmeichelt die tanzende Bacchantin -- war sie nicht
-eben noch kopflos? Jetzt trägt sie ein lieblich-übermütiges Haupt auf
-dem zierlichen Hälschen. --
-
-»Frag' sie einmal: Hast Du Jemanden lieb? Recht von Herzen, recht freudig?
-Und wenn sie ›Ja‹ sagt, dann laßt sie nur immer hier. Denkt wohl, ich
-sei ein dummes, kleines Ding, aber Amorchen, Du weißt, ich verstehe mich
-auf solche Sachen!«
-
-Und sie dreht sich im Tanz und schüttelt die anmutigen Glieder, daß der
-musikalische Faun neben ihr schnell ein lustiges »Klingkling« hören
-läßt. -- Da erhebt sich eine Stimme, sanft, wie Windessäuseln, stark,
-wie Sturmeswehen und ernst, wie das Grab: Hermes spricht. Majestätisch
-ragt sein wunderbares Haupt über die andern hinweg, und seine armen
-zertrümmerten Glieder umgibt Würde und Hoheit.
-
-Götterbote! Glück und Freude, Schmerz und Tod trugst Du hin über alle
-Welt! Ich möchte niederknieen vor Dir und Deine ewige Schönheit anbeten
-und über Deine verstümmelten Glieder meine armseligen Thränen weinen!
-
-»Laßt sie gewähren, Ihr Götter,« sprichst Du, und Deine Augen sehen
-mich an, milde, verheißend -- »denn ich kenne sie. An ihrer Wiege stand
-ich und brachte ihr das Geschenk des himmlischen Vaters, beugte mich über
-sie, hauchte es in ihre Stirn, legte die Hand ihr auf's Herz, und da zog es
-ein -- und küßte ihren Mund, und da lernte sie lächeln und -- lieben.«
-Leise nickt er, und ich möchte weinen. --
-
-Horch! Das seltsame Geräusch! Rollend, rasselnd, im Takt sich wiederholend
--- dazwischen ein melodisches Pfeifen, ein kunstvoller Schnörkel am
-Ausgang des tiefen, rollenden Tones, behaglich einschläfernd klingt's in
-seinem rhythmischen Taktfall, seiner ruhigen Gleichmäßigkeit.
-
-Alle stehen und lauschen -- --
-
-Da balanciert der alte, bärtige Silen das Bacchuskindlein geschickt auf
-dem einen Arm und deutet mit dem andern lächelnd über die Schulter auf
-den Faun hinter ihm, welcher, trunken von Wein und Freude, seine kolossalen
-Glieder im tiefen Schlafe dehnt. -- Die kleine Bacchantin bricht in ein
-schallendes Gelächter aus: »Der Faun schnarcht! Denkt Euch, er schnarcht!
-Zuviel des feurigen Griechenweines hast Du getrunken, Du liederlicher,
-großer Gesell Du!« schilt sie und kitzelt ihm neckisch die Fußsohlen.
-Der Faun murmelt unverständliche Worte und bewegt die mächtigen Glieder
-und versucht den Arm zu erheben. Aber schwer sinkt die Hand auf den
-Felsen zurück, auf dem er ruht, und bald tönt wieder sein musikalisches
-Schnarchen mit dem lustigen Endschnörkel durch den Saal. --
-
-»Heraus aus den Schluchten, aus Klüften und Thälern, kommt hervor
-aus den Quellen, huscht flink aus den Bäumen, ihr Nymphen, Dryaden, ihr
-schelmischen Mädchen, ihr lustiges Volk! Tanzt, lacht und singt, und
-hüpfet und springt! Weckt den faulen Schläfer dort und bittet Bacchos,
-den süßen Wein Euch zu reichen!«
-
-Eine klangvolle, frische Stimme schallt von der Thür her. Diana ist es,
-aber nicht die lange Versaillerin: eine liebliche, mädchenhafte Diana,
-mit kurzem Röckchen, noch nicht ganz fertig mit der Toilette -- und sie
-klatscht in die schlanken Hände, und unsere liebe Frau von Milo lächelt
-ihr holdselig zu.
-
-Nun wird es lebendig um mich her; allüberall aus den Winkeln und Ecken,
-die Treppen hinauf, hinunter kommt's gehuscht, geflogen, gekichert. Nackte,
-liebliche Mädchengestalten, üppige Weiber, bockshörnige Faune, tapfere
-Krieger, die vor Troja gefochten, ernstblickende Römer -- alles wirbelt
-lustig durcheinander und sie umtanzen den schlafenden Faun, sie kitzeln
-ihm die Seiten und zausen ihm die Haare, sie halten ihm den würzigen
-Griechenwein unter die Nase und lachen ihm ein lustig Lachen in die Ohren,
-bis er die sehnigen Glieder reckt und streckt -- da steht er mitten unter
-ihnen und dreht sich im wilden Reigen. Wie der Jubel sie alle begeistert,
-wie die tolle Lust sie hinzieht in ihr Freudenreich! Sieh' den alten
-Sokrates -- mühsam kriecht er aus der Verzierung des römischen Sarkophags
-heraus, umgeben von den lieblichen Musen; Terpsichore tanzt Ballett, und
-da stehen Seneca und Demosthenes und Pindar und Cäsar und viele alte
-Kahlköpfe und sehen zu. Mit mächtigem Satz springt der borghesische
-Fechter in die Tanzenden hinein, eine weichhäutige Nymphe hoch in die
-Lüfte schwingend, die Ringkämpfer lassen ihren Zorn und stimmen in das
-fröhliche Gelächter ein; die beiden schlanken Discus-Werfer schleudern
-ihre Metallscheibe geschickt über die Köpfe der neun Musen hinweg,
-daß die alten Herren entsetzt von ihnen zurückweichen, und mein
-schwermütiger, holder Antinous küßt die schwellenden Lippen der
-liebetrunkenen, kleinen Bacchantin.
-
-Majestätisch ernst sehen die drei Parzen vom Parthenon in das Getümmel
-und Helios lächelt siegreich von seinem Sonnenwagen hernieder. Frau Venus
-steht als Sonnenkönigin mitten unter den Jubelnden in aller Pracht und
-lächelt ihrem Volke voll Huld.
-
-Und die Dichterin Sappho öffnet ihren liederreichen, holdseligen Mund und
-flüstert schmachtend:
-
- »Die Du thronst auf Blumen, o Schaumgeborene,
- Tochter Zeus, listsinnende, höre mich rufen!«
-
-Und da, ach, siehe da -- die kokett verhüllte Göttin der Schamhaftigkeit
-sinkt sehnsuchtsvoll in die geöffneten Arme eines kräftigen,
-schöngestalteten Fauns. -- Dacht' ich's doch! --
-
-Ja, sogar die Tiere stimmen ein in die allgemeine Fröhlichkeit: die
-Schlangen des Laokoon lassen ab von ihren Opfern -- des Vaters Stirn
-blickt heiter nun, und die sanften Knaben fürchten sich nicht mehr --
-und unterhalten sich mit der Eidechse des schönen Appollo, des
-Eidechsentöters, dessen Körper etwas von der Geschmeidigkeit der Lacerte
-an sich hat -- und der Panter des Bacchos (der Riesenkater) lauscht
-grimmig-herablassend dem Gespräch.
-
-Doch, was ist das? Fürwahr, eine seltsame Prozession: langsam ziehen sie
-einher, im ehrbaren Reigen sich schwingend, gravitätisch-lüstern
-die Blicke um sich werfend, und jeder am Arme ein sittsam Dämchen mit
-unendlich vielen Kleidern -- zimperlich geschürzt mit geübter Rechten.
-
-Wahrhaftig, die zwölf Apostel sind's an der St. Sebalds-Kirche und irgend
-welche heilige Damen, die hoch oben im Christenhimmel thronen, haben sie
-sich zum Heidentanz engagiert.
-
-So ist's recht! Hebt die Füße, streckt die Arme, hierhin, dorthin, auf
-und ab!
-
-Tanzt lustig den Reigen und dreht Euch im Kreise. --
-
-Mitten im zierlichen Tanz stehen die heiligen Weiblein bewundernd vor dem
-schönen, nackten Leib des Antinous, dem offenbarenden Mund des
-heiligen Johannes entströmen Worte der Begeisterung über die Wunder
-der Weibesschönheit, der heilige Paulus seufzt: »Hieße ich
-doch noch Saulus!«, und der heilige Petrus rasselt mit den
-Himmelsschlüssel-Castagnetten dazu. Und sie schwingen sich im Kreise, daß
-die heiligen Gewänder fliegen, die heiligen Bärte wehen und der heilige
-Schweiß von den heiligen Stirnen rieselt. --
-
-Bim, bim -- bim, bim! Horch! Ein Glöcklein! Das Vesperglöcklein der
-St. Sebalds-Kirche.
-
-Schlaff sinkt der heiligen Schar der Arm, es stockt der Fuß -- starren
-Auges schauen sie zur Thür. Da steht eine hagere Mönchsgestalt in brauner
-Kutte und winkt mit langem, dürrem Finger und bim, bim, -- bim, bim,
-tönt's Glöcklein wieder. Stark wie Riesenarme ist die Macht der
-Gewohnheit! Dahin stürzen sie, die lieben Heiligen alle, in atemloser Hast
-sich überstürzend, überkugelnd. --
-
-»Zur Vesper, zur Vesper!«
-
-Und der heilige Paulus-Saulus wendet sein bärtig Antlitz:
-
-»Ueber ein Weilchen werdet Ihr uns nicht mehr sehen, und über ein
-Weilchen werdet Ihr uns wiedersehen, wenn -- wir die Vesper gesungen!«
-
-Ein lustig schallendes »Evoe!« antwortet ihm und -- bim, bim -- bim, bim
-tönt's Glöcklein von der St. Sebalds-Kirche. -- --
-
-Banges Stöhnen, sanftes Klagen, todesmüde Laute dringen an mein Ohr:
-
-»Tod, was eilest Du? Nimmer begehr' ich Dein!« dringt's über die
-bleichen Lippen des sterbenden Sklaven Michel Angelos, und bang sinken
-seine schönen Glieder ineinander.
-
-»Wohl brannte die heiße Sonne Italiens erbarmungslos auf mich nieder,
-wohl sengte sie mir mein Hirn, meine Seele; wohl fühlte ich die scharfe
-Peitsche auf meinen nackten Schultern, wohl schnitten mir rauhe Flüche
-ins Herz -- aber ich lebte doch, und mit mir die Hoffnung! Bei den
-mitleidsvollen Strahlen der Sonne dachte ich an kühle Eichenhaine, beim
-Brausen des Sirocco an das Rauschen meines Nordlandmeeres, unter Blüten
-und Früchten und ewig blauem Himmel an Eis und Schnee, an Sturm und Regen.
-Und wenn die Peitsche des Vogts klatschend auf mich fiel, da -- in meinen
-Gedanken -- kühlte lieb Mütterleins Hand ihr Brennen und meines süßen
-Liebs Mund küßte mein Herz gesund. --
-
-»Tod, zögere noch! Laß mir die Hoffnung, laß mir das Leben! Tod, warum
-kommst Du!« --
-
-»Stirb doch! Dann bist Du frei!« antwortet ihm eine rauhe Stimme, und
-es rasselt wie von Ketten, dumpfes Stöhnen entringt sich der Brust seines
-gefesselten Kameraden neben ihm. --
-
-»Freiheit, Freiheit! Gib mir Freiheit! Sie haben mich an diesen Felsen
-geschmiedet, meine Hände, meine Füße, meinen Leib -- und ohnmächtig
-schüttle ich meine Ketten. Und weißt Du, warum sie mich fesselten?
-Warum sie mich des höchsten Gutes, der Freiheit, beraubten? Weil sie mich
-fürchteten, weil die Angst, die wahnwitzige Todesangst sie dazu trieb.
-Weil sie wußten, ich würde den Brand des Aufruhrs in die Welt hinaus
-schleudern, würde nicht eher rasten und ruhen, bis ich die alte Erde
-vernichtet, zertrümmert, daß eine neue aus ihr entsteht -- gut, rein,
-stolz, wie _sie_ sie _nicht_ schaffen können. --
-
-»Und darum nehmen sie mir meine Freiheit und werfen mich in Ketten,
-schmieden mich an und hohnlachen in mein Gesicht. --
-
-»Du allmächtiges Wesen, das Du da oben über den Wolken thronen sollst,
-wenn Du mich verstehen kannst, so höre meinen Ruf:
-
-»Gib mir Freiheit -- oder laß mich sterben! -- -- Keine Antwort --
-ohnmächtig oder grausam bist Du -- denn sieh', stark bin ich noch, und
-mein Herz schlägt, mein Kopf denkt noch, rastlos, unermüdlich, und --
-hörst Du's? -- meine Ketten klirren höhnisch, immer weiter, immerzu! -- O
-Tod, warum kommst Du nicht!«
-
--- -- -- -- Lustig Rufen übertönt seine grollende Stimme,
-Beifallklatschen, Jauchzen, und dazwischen der Ruf: »Bacchos, Bacchos!«
-Und hierher wälzt sich der fröhliche Strom jubelnder Götter und Menschen
-und »Dich wollen wir, Bacchos, Gott der Freude, wo weilst Du so lange!«
-Sie knieen vor der schönen Jünglingsgestalt mit der berauschend
-lieblichen Traube neben ihm, und sie nehmen ihn in ihre starken Arme,
-und Nymphen und Göttinnen umschmeicheln, umkosen ihn. Da lassen sie ihn
-nieder, auf die Kniee des egyptischen Götzenbildes -- denn das ist leblos
-und von Stein geblieben -- und neigen sich huldigend vor ihm. Doch er
-erhebt den Arm und deutet mit der Götterhand auf die Marmorgebilde
-neuester Zeit, in der Mitte des Saales:
-
-»Was wollen die unter uns?« fragte er mit zorniger Stimme, »schafft
-sie fort -- sie stören mich!« Athene steht neben ihm, die blauäugige,
-siegende Göttin; sie hört ihn, sie winkt ihrem Liebling, dem starken,
-schnellfüßigen Achill, und der --
-
-»Naus da, 'naus da aus dem Haus da! Fort mit dir, Gesindel!«
-
-Und jubelnd sehen alle, wie Zenobia in voller Kleiderpracht, eine falsche
-Oenone, ein paar weichliche Marmorkinder, eine vollbusige, schamlose
-Schönheit, zertrümmert die Steintreppe hinunterfliegen. -- Dann aber
-neigt sich Achilles voll Anstand vor der Statue des Lincoln mit dem Sklaven
-und spricht mit Höflichkeit:
-
-»Mein Herr, gern mögen Sie unter Heroen weilen, aber Sie werden
-begreifen, daß Sie dann auch in voller Heroen-Uniform zu erscheinen haben,
-und die möchte Ihnen vielleicht nicht gut stehen. Entschieden aber können
-wir in unserm Reich der Schönheit das Untier von Häßlichkeit da zu ihren
-Füßen unmöglich dulden.« Und Lincoln verbeugt sich verständnisvoll und
-verläßt den Saal.
-
-Da wankt eine müde Gestalt die Treppe herauf -- einst der Stolz der
-Götter, immer die Freude der Menschen -- und läßt sich schwer auf die
-Stufen nieder; die starken Schultern beugen sich, der Leib zieht sich
-schmerzlich zusammen, ein mächtiges Haupt sitzt plötzlich auf dem starren
-Nacken des Herkules-Torso und senkt sich matt, todesmatt; und klagend,
-grollend erfüllt eine Stimme den Saal: »Müde bin ich -- endlich! Müde,
-der Welt zu dienen, müde, Undank zu ernten, müde, zu lieben, müde, zu
-leben -- --
-
-Einst lag die Welt schön und gut vor mir, einst hatte ich Lebensmut,
-Lebenslust, einst habe ich gekämpft, gestritten, gerungen -- und nun? Nun
-bin ich müde und möchte schlafen!« -- --
-
-Die starken, trotzigen Glieder sinken zusammen, und das starke Haupt
-stützt sich schwer auf den kraftvollen Arm.
-
-Es nahen sich zwei schlanke, schöne Jünglingsgestalten, eng aneinander
-geschmiegt, die Arme verschlungen, und ein mildes Licht strahlt von ihnen
-aus. Da legt der eine ernst und leise die Hand auf die müde Stirn des
-Herkules --
-
-»Schlaf',« sagte er sanft.
-
-Da senkt der andere still die brennende Fackel zur Erde, daß sie
-erlischt --
-
-»Ewig,« lächelt er.
-
-Und voller Ehrfurcht beugt das lustige Göttervolk das Knie und huldigt dem
-Toten. --
-
-Liebliches Klingen, Singen, Getöne -- ein wunderbar Leuchten, hell, sanft
-und mild --
-
-Da schwebt etwas die Treppe hernieder, zartduftig, schimmernd in weißer
-Pracht -- himmlisch lieblich, lebensvoll schön -- Ach, ich sinke in die
-Kniee und blicke zagend zu der göttlichen Gestalt der Medicäerin empor,
-denn _sie_ ist es -- Sie kommt zu mir, sie tritt vor mich hin, und ein
-wundersames Schauern durchbebt mir Kopf und Herz. Sie neigt ihr holdseliges
-Antlitz zu mir, und sie küßt mich auf den Mund, es rinnt wie Feuer durch
-meine Glieder. Neben ihr steht ein schöner Jüngling, dem strahlen viele
-kostbare Gedanken von der weißen Stirn. Er sieht mich an, ernst und voll
-kindlicher Weisheit, und spannt seinen Bogen und zielt gut -- denn der
-Pfeil dringt mir mitten ins Herz hinein. Und dann -- bin ich es noch? Lebe
-ich? Mir ist's so groß ums Herz -- Sieh', meine Hände! Durchsichtig klar
-sind sie, und mein Körper schimmert, wie die der Marmorgestalten -- Ach,
-meine Glieder zittern -- --
-
-Da faßt Aphrodite mich an der Hand und führt mich den Uebrigen entgegen
--- Und Hermes lächelt zu mir: »Psyche, bist Du erstanden?«
-
-Jubelnd begrüßen mich alle, alle -- und sie heben mich empor zu Nike, der
-Göttin des Sieges, und ich schmiege mich an ihren schönen Körper, der
-kein Haupt mehr auf ihren Schultern trägt.
-
-Du schwebst zwischen Himmel und Erde, o hehre Göttin! Thörichte Menschen
-schlugen Dir Dein stolzes Haupt ab, engherzige, fromme, nicht denkende
-Menschen. Sie sagten: Du dürftest Dein Haupt nicht erheben, mit Deiner
-freudigen Stimme die Menschen nicht begeistern, auf daß sie stumpfsinnig
-würden, wie jene selber. Ach, Du Göttin, Deine ganze Gestalt, Deine
-verstümmelten Arme, Deine stolzen Füße, die leisesten Falten Deines
-Gewandes -- Alles spricht Sieg! Sieg über die Finsternis, die Kleinheit,
-über freche Gewalt, und fromme Erbärmlichkeit.
-
-Und sieh', in Deinen Armen hältst Du Psyche, die Seele, die Ewigkeit
--- und weit hinaus ragt Ihr, über alles herrscht Ihr, über Götter und
-Menschen!« -- --
-
-Da, Licht! Es fällt durch die Fenster -- es wird Tag -- --
-
-Tiefe Stille -- -- Und ich fahre mit eisiger Hand über meine heiße Stirn
--- -- und da stehe ich -- ein armes, sterbliches Kind des nüchternen,
-kühlen, praktischen neunzehnten Jahrhunderts.
-
-
-
-
-Unser Frühling.
-
-
-»Ich bin da -- siehst Du mich?« sagte die Ranunkel zur Sonne, »sieh',
-ich glänze -- bin ebenso golden wie Du!«
-
-Und sie richtete sich in die Höhe, spreizte ihre eigelben
-Blütenblättchen auseinander und sah unglaublich frech in die Welt hinein.
-
-Der Sonnenstrahl aber glitt über sie hinweg, über die Anemonen hin.
-
-»Ihr seid schöner als die gelbe Blume,« flüsterte er ihnen zu, und sie
-erröteten wie junge, bleichsüchtige Mädchen und wurden sehr stolz.
-
-»Was wollt Ihr hier?« riefen sie den Veilchen entgegen, die frisch und
-munter im grünen Röckchen und blauer Blouse anmarschiert kamen.
-
-»Ihr habt hier nichts zu suchen -- das ist unser Boden.« Aber das
-kümmerte das Veilchen gar wenig. Ueberall, wo es Wurzeln fassen konnte,
-zwischen Ranunkeln und Anemonen und Kuhblumen, zwischen Moos und Gras,
-unter Blättern und Reisig, sogar zwischen den vornehmen, sonderbaren
-Frühlingsblumen, die erst vorsichtig einen Blätterregenschirm aufspannen,
-damit ihre kleinen weißen Blüten, die sie unten am Stengel tragen, nicht
-naß werden -- überall öffnete das Veilchen seine Blauaugen und lächelte
-sanft dem Frühling entgegen.
-
-»Seid Ihr ein exklusives Volk,« sagte der. Er saß mit gekreuzten Beinen
-auf einem allmächtig großen Schneckenhaus und hatte eine Blütenkrone auf
-dem Haupt und eine Weidengerte mit lustigen Kätzchen daran in der Hand;
-er spielte mit einem überjährigen Schneeballen, der irgendwo in einem
-Waldwinkel, von der Sonne vergessen, liegen geblieben war, und der schmolz
-jetzt und träufelte der Schnecke, die aus ihrem Fenster guckte und
-schrecklich große Augen machte, gerade auf die Nase, daß sie entrüstet
-ihre Fühlhörner einzog und das Fenster zumachte. Die Schmetterlinge, die
-den Frühlingsknaben umgaukelten und wie Blumen aussahen, die von ihren
-Stengeln geflogen und auf die Wanderschaft gegangen waren -- gerade wie
-unsere sehnsüchtigen Gedanken mitunter -- machten vor Vergnügen die
-lustigsten Capriolen in der Luft und schlugen übermütig-hastig mit den
-kleinen, bunten Sammetflügeln. »Ihr seid ein exklusives Volk hier im
-Walde,« sagte der Frühling, »jede Sippe hockt auf ihrem Fleckchen Erde
-für sich und macht scheele Gesichter, kommt ihm ein anderes zu nahe. Und
-erst die Bäume -- hier die Eichen, dort die Tannen, drüben die Birken
--- die Weiden sind in die Wiese geflüchtet, damit sie's Reich für sich
-allein haben, und die Obstbäume wollen erst recht nichts von den andern
-wissen. Freilich -- seid auch auf verschiedenem Erdreich groß geworden.
--- 'S wär' auch langweilig in der Welt, wär' alles über einen Kamm
-geschoren! Und doch -- _Eine_ strahlende Sonne scheint über Euch alle, und
-_ein_ gütiger Regen erquickt Euch!« -- Und der Frühling erhob sich
-vom Schneckenhaus und schlenderte davon. Gern hätte er die Hände in die
-Hosentaschen gesteckt, aber das ging nicht, denn -- er war ganz nackt und
-bloß wie die Natur selber, und der Sonnenstrahl strich gleitend vor ihm
-her und leuchtete ihm. Pfeifend und singend mit heller Stimme zog der
-Frühling durch den Wald; unter seinen Tritten sprossen die Blumen und
-sein Lachen -- das war der Frühlingswind, der warme Südwind, der belebend
-über die Erde fuhr. Die Vöglein kamen und antworteten mit sehnsüchtigen
-Lauten. -- Ueber den Wald hin schallt der starke Weckruf der Blauvögel.
-Sieh' -- da blitzt es feuerrot auf -- das ist ein lieblicher Sänger! Und
-horch! Hier die rostbraune Drossel -- Hörst Du, was sie sagt? »Tüterlü!
-Der Frühling kommt! Siehst Du ihn -- Du, Du, Du, Du!« -- Und: »Komm' zu
-mir, komm' zu mir! Zerr -- zeck, zeck, zeck, zeck!« bläst der Zaunkönig
-sein Kehlchen auf -- wupp! schlüpft er durch die Hecke, und dahin geht's,
-im Lauf, geschwind wie ein Mäuschen. -- Siehst Du den Specht? Weiße
-Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf ein tiefrot Käpplein über dem
-schlauen, spitzen Näschen -- ist doch gar ein putzig Weschen! Sieh',
-wie klug die schwarzen Augen funkeln, sieh' -- wie er mit dem Frühling
-Verstecken spielt! Bald an dieser, bald an jener Seite des Stammes
-schimmert sein rotes Köpfchen und wirft ihm der Frühling eine Hand voll
-Blätter ins Gesicht, die sich schnell an die Zweige anklammern -- hei! Da
-sitzt er schon ganz hoch oben im Baum und lugt schelmisch um die Ecke:
-
- »Pick, -- pick, -- pick, -- pick -- hier find' ich mein Mücklein!
- Pick, -- pick, -- pick, -- pick -- hier schlag' ich mein Brücklein,
- Von Baum zu Baum über Busch und Strauch --
- Ei, Frühling -- geschwinde! Nun folge Du auch.«
-
-»Hahaha,« lacht die Spottdrossel wie toll und gleich darauf klingen
-langgezogene, friedliche Sehnsuchtslaute aus ihrer Nachtigallenkehle,
-daß alle Vögel inne halten und dem Frühling die Thränen aus den Augen
-rinnen.
-
-Wo hört' ich jüngst solch ein Spottdrossellied? -- Weich und schwül
--- hohnlachend -- -- war's nicht in meinem Herzen? Ist's nicht das
-Menschenherz selber -- in all seinem Leid, all seiner Sehnsucht, all seinem
-Haß? --
-
-»Sputet Euch,« sagt der Frühling zu den Eichen und schlägt sie
-schmeichelnd mit seiner Weidengerte, »Ihr knorrigen Gesellen! Seid zwar
-auch _so_ schön mit Euren kuriosen Knorpeln und verdrehten Aesten --
-gerade so knorpelig und verzwickt, wie ein Menschenhirn -- aber wenn Ihr
-die zackigen Blätter von Euch spreizt, habe ich Euch noch lieber!«
-
-Und da sproßten die roten Keime und Blättchen, und nun hatten sie ein
-noch wunderlicheres Ansehen, gerade wie ein Schalksnarr, dem die Liebe aus
-den Augen guckt. --
-
-»Ich,« sagt die Ulme, »ich bin vorgeschritten in der Kultur -- seht,
-mein krauses, grünes Gewand ist schon fix und fertig.« --
-
-Und der Frühling geht weiter:
-
-»Sieh', sieh', wie schön steht das maigrüne Kleidchen zu Deiner weißen
-Haut, kleine Birke, -- bist fast die Schönste von allen! Alte Tanne«
--- er streicht über der Tanne stattliche Haare -- »mußt immer dasselbe
-dunkle Kleid tragen jahraus, jahrein -- bist wohl gar neidisch?«
-
-Aber die Tanne ist unartig, sie streckt dem Frühling und seiner Birke eine
-lange, hellgrüne Zunge aus den dunkeln Nadeln heraus und antwortet noch
-nicht einmal vor Trotz.
-
-»Böses, altes Ding Du,« schilt der Frühling, und um sie zu ärgern,
-gibt er den Lärchen lauter kleine hellgrüne Federbüsche, kleinen Pinseln
-gleich, die tragen sie stolz, wie ein angehender Maler seine Farbenpinsel
-in der Brusttasche. -- Horch! Was regt sich hinter dem Tannendickicht? Ein
-hübsches, verstecktes Plätzchen -- Taubengegirr, Vogelgesang -- ist's
-Windessäuseln, rauschen die Zweige, geheimnis-ahnungsvoll! Leise schleicht
-sich der Frühling heran, er verbirgt sich hinter einem Baumstamm -- er
-lauscht -- er sieht -- --
-
-Menschenkinder sind's, zwei junge, lachende, kosende Menschenkinder, den
-ewigen Frühling, die Liebe, im Herzen, in den Augen. -- Sie ruht im
-Gras, den Kopf gegen eine Tanne gelehnt, er zu ihren Füßen, den
-braunen Lockenkopf in ihrem Schoß -- leises Lachen, halblautes Singen,
-abgebrochene, unverständliche Laute -- halbgeflüsterte, halbgeküßte
-Liebesworte. -- Glückliche, selige Menschenkinder -- was wißt Ihr
-vom brennenden Sommer, vom welkenden Herbst, vom eisigen Winter? --
-Der Frühling streichelt Euch Stirn und Wangen. -- Blondes Mädchen, Du
-streichst Dir die Löckchen aus der Stirn und schiltst über den Wind --
-oder den Geliebten, der Dir die Haare zerzaust hat -- und der Sonnenstrahl
-küßt Euch und dringt Euch bis ins junge Herz hinein! --
-
-Auf leisen, flüchtigen Sohlen eilt der Frühling von dannen:
-
-»Jetzt muß ich aber auch die Obstbäume anlächeln,« sagt er im raschen
-Lauf, »daß sie treiben und blühen und Früchte tragen.« Aber die
-waren voreilig gewesen, wie gewöhnlich, hatten nicht auf das Lächeln
-des Frühlings gewartet, hatten sogar vergessen, sich erst die Blätter
-anzuziehen. -- Da stehen sie in ihren schlohweißen Hemdchen und lächeln
-verschämt, ach, und Apfelbäume und Pfirsiche werden ganz rot, als sie den
-Frühling kommen sehen, und nur die Birne ruft triumphierend: »Ein paar
-grüne Blättchen habe ich schon -- aber Du, Frühling, bist ja ganz
-nackt!« Hei, wie sie sich alle schütteln vor Lachen, daß ihr
-weicher, duftender Blütenschnee über die grüne Erde hinweht. -- Ganz
-überschüttet wird der Frühling; in seinen Locken hängt die duftige
-Ueberfülle, um Stirn und Wangen schmeicheln die süßen Boten -- da wird
-es ihm ganz weh ums Herz vor Wonne und Jubel, sehnsüchtig breitet er seine
-Arme der Geliebten entgegen, der leuchtenden Sonne -- und da wird er zum
-Manne -- er vermählt sich mit der Sonnenglut -- und siehe, es war Sommer!
-
-
-
-
-Frostiger Frühling.
-
-
-Um unsere Blüten sind wir betrogen! -- Im März, als der warme
-Sonnenstrahl die erwachende Erde überglänzte, da lag ein rötender Hauch
-über den Obstbäumen, licht wie ein rosenfarbenes Wölkchen am Frühhimmel
--- heute haben die Birnbäume und die knorrigen Apfelbäume ein festes
-grünes Mieder angezogen, aus dem sie stramm und vernünftig herausschauen,
-und das Mädchenerröten haben sie längst vergessen.
-
-Um unsere Blüten sind wir betrogen! -- Hat der Frost sie getötet,
-der lauernd über die Erde schlich? Hat unsere schönen Hoffnungen der
-Sturmwind verweht? Ist der Regen gekommen auf seinen grauen Rossen, den
-Wolken, und hat sie mit seinem gleichförmigen Gedrissel -- patsch!
-patsch! Tropfen auf Tropfen, wie die tägliche Langeweile, -- verwaschen,
-verknittert, zerblättert? --
-
-Nackt stehen die Magnolienbäume im botanischen Garten. Sie, die sonst im
-Mai zum Frühlingsreigen in prächtigen Balltoiletten der verwunschenen
-Prinzen harrten; sie, die sonst von der Ueberfülle ihrer Schönheit den
-neckischen Winden preisgaben, daß die Blütenblätter und ihr Duft die
-Luft erfüllte. Heute stehen sie kahl und düster und traurig da, kein
-lächelnder Prinz wird um die südliche Schöne werben und der Frühling
-hat die Prächtige, Ueppige, Duftende vergessen. -- Da gleitet ein
-Sonnenstrahl über die schwarzen, vom Frost geknickten Spitzen der
-Magnolien. Es ist, als lächle er. In seinem Flimmer tanzt ein gelber
-kleiner Schmetterling, er taucht sich in die vergessene weiße Blüte eines
-jungen Birnbaums, der schon winzige Früchte am andern Zweige trägt. Und
-da lispeln sie alle heimliche Worte -- horch!
-
- Zur Blüte sprach der Schmetterling: »Was nützt mir's, daß ich
- strahle?
- Wenn meinen Schmelz ein Fingerdruck wegwischt mit einemmale?«
- Da lachte der Sonnenschein.
-
- Es sprach die Blüte zum jungen Blatt: »Was nützt mir's, daß ich
- blühe?
- Wenn ich nach einer Regennacht verblätt're in der Frühe?«
- Da lachte der Sonnenschein.
-
- Es sprach die Frucht zum grünen Baum: »Was nützt mir all mein Süßen?
- In meinem Herzen nagt ein Wurm: tot fall' ich Dir zu Füßen.«
- Da lachte der Sonnenschein.
-
- Ich rief wohl in die weite Welt: »Was nützt mir all das Klingen?
- Die rauhe Hand, die Nacht, der Wurm -- Ein Sterbelied muß ich singen!«
- Da lachte der Sonnenschein.
-
-Ich folge dem lachenden Sonnenstrahl. Er huscht über die Stiefmütterchen
-am Wege, die ihm ihre großen bunten Augen zuwenden, über rote
-dickköpfige Tulpen, die sich blähen vor lauter Vornehmheit; er klopft an
-die Fenster des Treibhauses: ich bin da, ich bin da! -- Aber was kümmert
-das nervöse Volk da drinnen in ihrem überheizten Haus der warme
-Sonnenschein? -- Halt! du lockender Strahl! laß mich erst einmal
-hineinschauen in die Blumen-Menagerie. Sehnsüchtig sehen die armen
-Eingesperrten durch die Glasfenster, und schauern zusammen, wenn die kühle
-Frühlingsluft durch die offene Thür sie trifft. Sie fühlen sich wohl in
-der heißen, feuchten Luft künstlicher Bildung; einmal ihres heimatlichen
-Bodens beraubt, gedeihen sie prächtig in der erstickenden Atmosphäre der
-Ueberfeinerung -- oh, und diese höchste Kultur zeitigt bizarre Charaktere:
-da die Kaktus mit ihren Stacheln über und über, an denen ein rauhes
-Gewebe klebt wie graues Haar; dem bekannten Meergreis gleich, der »in
-die Wüste ging und ein Wüstling ward«, frühzeitig gealtert wie unsere
-nervös überfütterten Dandys ~fin de siècle~. Protzige Agaven mit
-dicken, fleischigen, ausstreckenden Zeigefingern. Cochenille-Kaktus,
-unansehnliche, häßliche Dinger, nur dazu gut, daß andere sich von ihnen
-nähren -- die kleine, rote Blattlaus, die aus diesem Häßlichen das
-Schöne bildet: das leuchtende Cochenille-Rot. Hier die Palmen, groß,
-still, erhaben, die Löwen der Blumen-Menagerie. -- Die vielarmigen
-Dracänen, die üppig wuchernden Schlinggewächse, die seltsamen stillen
-Blumen mit Blättern und Blüten wie aus Wachs geformt, -- gleitet nicht
-Scheherezade durch diese schwüle Luft und erzählt Märchen aus Tausend
-und einer Nacht unter lispelnden Palmen und großen duftlosen Blumen? --
-Aber dort unter dem First des Glasdaches, dem Licht zustrebend -- dort
-liegt es wie glänzend weißer Schnee, besäet mit funkelndem roten
-Blutstropfen. »Weiß wie Schnee, rot wie Blut!« Schneewittchen aus
-unserem lieben deutschen Märchen nickt hervor aus diesem lieblichen
-Blumenmeer und lächelt uns an. Eine Schlingpflanze ist es mit
-schwarzgrünen Blättern; sie rankt sich hoch und immer höher dem Himmel
-entgegen, der blau durch die Fenster ihres Gefängnisses schimmert und
-tausend weiße, stille Blumenherzen wenden sich ihrem Gott, dem Lichte,
-zu, und rot und glühend entströmt ihnen ihr Gebet. -- Da öffnet sich die
-Thür, der Sonnenstrahl huscht hinein und küßt die roten Blumenlippen,
-und winkt mir: Komm, komm! Ich zeig' Dir viel Schönes, wenn auch die
-Blüten Dir genommen sind. --
-
-Draußen im botanischen Garten glänzen die feingeharkten Kieswege.
-Zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten wandeln wohlgepflegte Städterinnen.
-Die ordentlichen Blumen auf den ordentlichen Beeten blühen noch nicht; die
-ordentlichen Städterinnen haben schon geblüht. Deshalb strömen sie einen
-künstlichen, starken Parfüm aus, der schlecht harmoniert mit der süßen,
-berauschenden Frühlingsluft.
-
-»Vorüber, ihr Schafe, vorüber!« singt Goethes Schäfer, als ihm
-»gar so weh« wird -- und wir huschen dem Sonnenstrahl nach, aus dem
-ordentlichen Garten hinaus, hinter die hohe Mauer, wo die Wildnis anfängt.
-Hier ist auch eine Menagerie, die der Bäume. Aber die Wildlinge aus Nord
-und Süd haben in dem fremden Boden Wurzel gefaßt, ihn sich angeeignet,
-und so gedeihen sie und wachsen und wachsen, als habe die neue Heimat ihnen
-die alte ersetzt. -- Was es nicht alles zu sehen gibt unter den fremden
-Bäumen: dort, wohin die Tannen nicht mehr gelangen können mit ihren
-langen Armen, kriecht kleines, grünes Moos dicht an das Nadelbett heran,
-das die Tanne, wie Frau Holle den Schnee, um sich ausgeschüttet; es
-blüht, das Moos, mit lauter gelbgrünen Zäckchen, und zwischen den feinen
-krausen Spitzen kriechen winzige Insekten, denen der Mooswald wohl so
-gewaltig dünkt, wie uns jene blühende Kiefer. O wie blüht die Kiefer!
-Ueberall, überall auf den starken Aesten, in den Stacheln verborgen, da
-blüht es wie rotes Gold; sieben kleine Goldkätzchen in einem Nest -- und
-rührst Du daran mit vorwitzigem Finger, dann rieselt ein feiner, gelber
-Blütenstaub in Deine geöffnete Hand. Weich wie ein zartes Kinderbäckchen
-berührt dich's, und ein würziger Duft erzählt dir von unendlichen
-Kieferwäldern, in denen der Wind singt.
-
-»Bilde Dir nur nichts ein,« sagt die Nachbarin der Kiefer, die deutsche
-Edeltanne, und sie reckt sich kerzengrade, so daß sie noch einen Finger
-breit über jene hinweg schaut -- »Du mit Deinem Blühen! Sieh' mich
-an: meine Orden, huldvollst verliehen von Sr. rauschenden Majestät dem
-Frühling.« -- Und sie klappt ihre Zweige zusammen, daß ein feines
-Nadelgeriesel zur Erde fällt. Ueber und über ist sie besäet mit
-hellgrünen Knöpfchen, frischen Nadelspitzen, die vergnügt aus dem Dunkel
-ihrer Wintertracht hervorblitzen.
-
-Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete.
-Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an
-einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; -- ich bin immer die
-vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und
-nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine
-Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der
-schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne
-Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde
-gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los;
-ob's Mückchen auch zappelt -- es wird festgehalten bis an sein unseliges
-Ende. --
-
-Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die
-Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die
-unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch
-und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren-
-und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee
-und das Bier -- nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird -- ganz
-umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein
-Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich
-rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß,
-daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die
-ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die
-blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft --
-alles umsonst. --
-
-Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig
-klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick -- pick! hier wetzt es
-sein Schnäbelein; husch -- husch! dort jagt es dem Käferchen nach -- und
-es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das
-nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden
-Gekicher ist es davon. -- Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt
-ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken
-Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst
-meck nich? -- sühst Du meck nich? -- Hier bün eck! hier bün eck! lacht
-das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein.
-
-Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und
-gleitet vor mir her -- und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich
-über mir -- weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer
-höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die
-Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie
-werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit.
-Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde
-Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein
-lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen
-Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße
-erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen
-Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. --
-
-Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt
-hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in
-mein Herz. Es ist Frühling.
-
- In den Lüften singt es und klingt es -- und --
-
- * * * * *
-
- Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen,
- Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« --
- Da lachte der Sonnenschein.
-
-
-
-
-Das Märchen, das gar nicht kommen wollte.
-
-
-Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine
-Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im
-Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich,
-und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich
-war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. -- Während dessen
-liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem
-Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur
-ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen
-fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und
-zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten
-keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu
-studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten;
-außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche,
-die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur
-einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs
-Volk liefern -- das viele Zeitungspapier -- die werden Euch schon sagen,
-was man von dem Märchen zu halten hat.
-
-Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen:
-
-»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!«
-
-Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, -- da wären sie
-am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so
-gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen
-Stück Papier. --
-
-»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen -- und dann
-guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen
-hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen
-steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die
-Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens):
-
-»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus
-am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon
-geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.«
-
-Da gingen die Kinder nach dem andern Gelehrten, der war sehr freundlich,
-tätschelte ihre blonden Köpfe und sagte: sie sollten nur wieder hingehen
--- das sei Alles in schönster Ordnung. -- Dann nahm er des ersten Zeitung
-und schnitt da ein Stück heraus, aber so, daß der Anfang fehlte und man
-nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, und druckte es in seine
-eigene Litteratursammlung hinein, und dann stand da zu lesen: Dieses
-ist für die Kinder durchaus schädlich. Es verleitet sie zum Lügen
-und könnte Veranlassung geben, daß sie sogar Phantasie bekämen. -- In
-unserem heutigen realistischen Zeitalter ist es nicht angebracht, und
-der Konflikt zwischen Konservativismus und Modernität wird immer wieder
-aufgefrischt. --
-
-Aber davon verstanden der kleine Junge und das kleine Mädchen gar nichts;
-ganz traurig gingen sie wieder fort und suchten immer noch nach dem
-Märchen, das gar nicht kommen wollte. Sie hauchten ein Guckloch in die
-Eisblumen am Fenster, ob es vielleicht außen davor säße; wie der Schnee
-mit geheimnisvollem Sausen vom Dache rutschte, öffneten sie das Fenster
-und dachten, nun käme es ganz weiß hereingeflogen, und wie die Sonne
-anfing zu scheinen, liefen sie hinter den Sonnenstrahlen her, um sie zu
-haschen, denn sie meinten, das sei es nun; und dann schlichen sie auf den
-Zehenspitzen ans Fenster, wo die großen, weißen Hyacinthen standen
-und dufteten, und guckten zu, ob es vielleicht in einer der stillen
-Blütenglocken zur Ruhe gegangen sei.
-
-Aber das Märchen wollte und wollte nicht kommen. Und unterdessen war es in
-der Welt immer noch kalt und grau und trostlos. Die Menschen hasteten und
-jagten und trieben einander und machten lauter dummes Zeug. Es war eine
-häßliche Welt und häßliche Menschen darin, die sich viel Leides thaten,
-und die beiden Kinder dachten oft, ob denn das Märchen noch immer nicht
-kommen wollte und Ordnung schaffen und die Welt wieder gut und schön
-machen.
-
-Da kam eines Tages der Südwind daher gefahren. Er stieg von den Bergen
-hernieder, daß die Lawinen donnernd vor ihm niederkrachten; er jagte das
-Eis auf den Flüssen vor sich her, daß es sich bog und knackte und schrie;
-er pfiff durch die Tannenwälder, daß die Nadeln den alten Fichten um die
-Ohren sausten, und knickte die dürren Aeste der Wälder, daß Platz wurde
-für die jungen, neuen Triebe. Die Wolken trieb er vor sich her -- runde,
-regenschwere Wolken, in wilder Jagd; sie drängten und schoben sich und
-sprangen einander auf den Rücken, wie die Buben, wenn sie Haschen spielen.
-Dann stob er in die Stadt mit wildem Jauchzen und Getöse; er blies in die
-Kamine hinein, wie in ein Sprachrohr, und trieb Schabernack mit des Petrus
-goldnem Hahn auf der Kirchturmspitze; er deckte die Dächer ab und guckte
-den Leuten in die Häuser und blies sie an, daß es den dummen Menschen
-angst und bange wurde. Ja, er fuhr sogar dem König um die Nase, als der
-just vor seinem Königreiche stand und, die Hände in den Hosentaschen,
-darüber nachdachte, wie sein Volk ihn wohl wieder einmal beglücken
-könne; und er warf ihm sein Reichsaushängeschild gerade vor der Nase
-herunter, so daß der König sich entrüstet umdrehte und in sein Reich
-hineinging und die Thür zuwarf, daß es krachte.
-
-Aber der Wind lachte nur: »Puh! wenn ich nur wollte, dann brauste ich Dich
-mit samt Deinem Königreich von der Erde hinweg, wie einen Strohhalm --
-aber ich will nicht! -- Bist mir viel zu klein, du Königlein!« --
-
-Und dann warf er ein paar ehrsamen Bürgern, die des Weges kamen, die
-blanken Cylinder von den gedankenschweren Häuptern, als wolle er sehen,
-was in den Köpfen stecke; und wehte ein paar schlanken Jungfräulein die
-langen Kleider eng um die schönen Glieder und freute sich darüber,
-der wilde Geselle, wie die kleinen Frauenfüße so tapfer gegen ihn
-ankämpften.
-
-Mit lustigem Gekicher fuhr er zu den Wolken auf und spielte Fangball mit
-ihnen; die Wolken fangen an zu weinen und dann fällt ein weicher, warmer,
-feiner Frühlingsregen auf die Erde nieder, eine zarte, graue Nebeldecke
-breitet sich über die Welt aus, und unter dieser dampfenden feuchtwarmen
-Decke da geht der Sturmwind zur Ruhe.
-
-Dort im Wald, in dem Astloch der großen Eiche regt sich etwas, das ist
-das Märchen; das ist aufgewacht von des Südwinds wildem Gesang und merkt,
-daß es nun Zeit ist, aufzustehen. Es gähnt noch einmal recht herzhaft und
-reckt und plustert sich wie ein Vögelein im Nest; dann schiebt es erst
-das eine rosige Füßchen heraus und dann das andere, dann gähnt es noch
-einmal, und nun breitet es seine sammetenen Schmetterlingsflügel aus und
-fliegt zur Erde nieder. Da leuchtet mit einemmal eine große, glänzende
-Sonne durch den Nebel, und nun kann man erst sehen, was für ein
-niedliches Märchen es ist. Es ist sehr klein und fein, hat schöne,
-weiße Gliederchen und große, dunkelblaue Stiefmütterchenaugen und die
-schönsten goldnen Haare von der Welt, die glänzen in der Sonne wie das
-rote Gold, das die Schlangenkönigin bewacht; auf dem Köpfchen trägt es
-eine blaue Glockenblume, die macht ein sanftes Geläute, wo das Märchen
-geht und steht.
-
-Es mußte wohl von dem Getön und Geklinge sein, daß plötzlich alles
-lebendig wurde im Wald, daß die Vögelein ein artig Konzertieren begannen
-und die Blumen -- die Krokus und Anemonen und Schneeglöckchen und wie sie
-alle heißen -- aus der Erde sprangen, wie kleine, weißhäutige Kobolde,
-und ein duftiger Reigen begann in Wald und Flur. Ei! wie es die Bäume da
-eilig hatten, ihr neues grünes Kleid anzulegen, und wie die alten Tannen
-die spitzen, gelbgrünen Finger ausstreckten, als wollten sie sich auch
-so ein grasgrünes Flörchen erhaschen. Am Waldteich der alte Erlenstumpf
-sagte zu seinen grünen Jungen, die ihn dicht umstanden:
-
-»Reckt Euch in die Höhe, Jungens, damit das Märchen nicht sieht, wie alt
-und vertrocknet ich bin.«
-
-Aber im Teich erhob sich plötzlich ein lautes Gequake und Gejohle. Das
-waren die Frösche, die hielten einen Froschvolks-Thing ab und wollten
-sich eine neue Verfassung gründen; sie sprachen sehr ernsthaft über
-Kaulquappenerziehung, Schulvorlagen und Militärbudgets, und daß der
-Storch und der Reiher von jetzt an unter froschlicher Oberhoheit stehen
-sollten; und ein noch ganz grünes Fröschlein aus dem vornehmen Geschlecht
-derer von Ochsenfrosch wollte immer alles besser wissen und durchaus einen
-ganz uralten Kurs als das Neueste einführen im Froschteich.
-
-Es war wirklich sehr interessant, und es war gar nicht recht, daß der
-Weidenbaum am Ufer plötzlich anfing zu jauchzen und zu lachen und zu
-spotten, und sich geberdete, als hätte er zu viel Blütenwein getrunken.
-Die gebildeten Frösche kamen ganz ärgerlich ans Ufer und glotzten ihn an,
-und der tolle Geselle, dem die buschigen, hellgrünen Weidenkätzchen von
-seiner Narrenkappe herunterbaumelten, schnitt höhnisch eine Fratze und
-spreizte seine vielen grauen Finger von sich und hielt eine lange Rede, von
-der die Frösche kein Wort verstanden; denn er sprach von Blütenwein und
-Trunkenheit und Auferstehung und Frühlingsduft und Märchenaugen -- und
-schloß mit:
-
-»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und wahrlich, ich sage Euch,
-so Ihr nicht werdet wie sie, so könnet Ihr nimmer in den Frühling
-eingehen!«
-
-Hei! Da begann ein Geschelte und Gequake, ein Koaxkoax und Brekekekex,
-daß die Vöglein in der Luft im Fliegen innehielten und verwundert zum
-Waldteich herniederschauten. Und der Weidenbusch verbeugte sich lächelnd
-nach allen Seiten und schüttelte seine Kätzchen lustig durcheinander und
-sagte:
-
-»Verehrte Anwesende, ich glaube verstanden zu haben, daß Sie
-mir vollständig beistimmen; und da oben kommt Se. Excellenz, der
-Generalfeldmarschall Graf Storch, angeflogen, der wird Ihnen --«
-
-Quack! sagten die Frösche und tauchten unter, und lange herrschte
-Totenstille im Teich, bis sie merkten, daß der tolle Weidenbusch sie
-genasführt hatte; dann begann zögernd erst die eine Stimme und dann eine
-zweite, und der grasgrüne Froschjüngling sagte: Kroax! und seine Base,
-die gelehrte und tiefsinnige Schriftstellerin von Unke, antwortete:
-P--unkt--um! -- und bald war der hochweise Disput mit These und Antithese
-wieder im schönsten Gange.
-
-Das Märchen aber nickte lächelnd zum Weidenbusch hinüber und warf
-Kußhändchen nach allen Seiten, dann flog es schnurstracks durch den
-grünenden, blühenden, duftenden Wald, über Felder und Gärten, in die
-Stadt, in das Haus, in die Stube hinein, wo der kleine Junge und das kleine
-Mädchen auf dem Fußschemel saßen und aufmerksam zuhörten, wie die
-Märchenmuhme ihnen die Geschichte von den Löwen- und den Bärenkindern
-erzählte, und als sie gerade sagte: »Die Bärenkinder aber waren so
-schrecklich unartig« -- da rief der kleine Junge:
-
-»Sieh', -- sieh' doch, da ist das Märchen!«
-
-Und das kleine Mädchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das
-Märchen! das Märchen!«
-
-Und wirklich, da stand das Märchen auf der Thürschwelle, seine Augen
-leuchteten, seine Haare glänzten wie die Sonne, und dann nickte und winkte
-es ihnen; die Kinder faßten sich bei den Händen, sprangen zur Thür
-hinaus, hinter ihm her und riefen und sangen immerfort:
-
-»Das Märchen! Da ist das Märchen, das gar nicht kommen wollte!«
-
-Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar
-nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter
-dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch
-die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen
-aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und
-lachten und sagten:
-
-»Ach, das ist ja ein Schmetterling, der heißt --« und dann nannten sie
-einen langen, lateinischen Namen. Und andere sprachen:
-
-»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden.
-Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich
-wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.«
-
-Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten
--- sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein -- da
-tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren
-mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus
-Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen
-Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und
-weiter segelten.
-
-Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche
-Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues
-Mütterlein, und dann -- ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine
-Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der
-Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im
-Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig
-und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den
-singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind.
-
-Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden
-größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich
-auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und
-Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und
-endlich, endlich doch gekommen war. -- --
-
-
-
-
-Klein Hildegard.
-
-
- Klein Hildegard wollte zur Schule gehn,
- Da blieb am Walde sie sinnend stehn;
- Der sah sie mit winkenden Augen an,
- Die Vöglein lockten aus dem Tann:
- »Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier,
- Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir
- Von Elfenkönigs goldenem Thor
- Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr;
- Wir singen Dir von des Nixen Spiel --
- Tief unten im Wasser, da weint er so viel.
- Wir streuen Dir duftende Blumen umher,
- Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.«
- -- Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf
- Und schickt sich wieder an zum Lauf:
- »Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht,
- »Im Walde spielen, das darfst Du nicht!«
- Da fällt, plumps! von dem Tannenast
- Ein Zapfen auf das Näschen fast:
- »Au! böse Tanne!« schilt das Kind,
- »Bist unartig, wie Kinder sind!
- Willst mir wohl gar was sagen, gelt? --
- Ei nun, so rede, wenn's gefällt!«
- Lieb schmiegt klein Hilde sich heran
- Zum rauhen Stamm der alten Tann.
- Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot --
- Ja, Sonntagskinder machen viel Not. --
- Vom Tannenbaum fall'n -- tip, tip, tap,
- Die würz'gen Nadeln sacht herab.
- Und, wie sie rieseln, wie sie fallen,
- Hört Hilde Stimmchen draus erschallen,
- Die lullen's Kindchen kosend ein
- In seltsamliche Träumerein;
- »Zur Schule geh', mein liebes Kind,
- Doch da nicht, wo die andern sind.
- Geh' Du zur Schule in dem Wald;
- Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald.
- Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn,
- Was Bäume rauschen und Blüten verwehn;
- Warum am ewigen Himmelszelt
- Die Wolken ziehen über die Welt;
- Was Blumen duften, Vöglein singen,
- Was Bächlein murmeln, Stürme klingen -- --
- Was unsere ganze schöne Welt,
- Die kunterbunte, zusammenhält -- -- --
- Horch nur auf jedes Gezirpe fein,
- So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.«
- So spricht im Walde die alte Tann',
- Und Hilde hält den Atem an,
- Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen.
- Dann wandert lustig sie von hinnen.
-
- Es grüßen Blumen von allen Seiten,
- Und Hilde nickt, als weitergleiten
- Im weichen, kühlen Gras und Moos
- Die kleinen Füße, nackt und bloß.
- »Pflück' mich,« spricht die Königskerze,
- »Sieh', wie ich gen Himmel schwanke,
- Schlanker Stab aus Sammetblättern,
- Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, --
- Vor Idealen, hoch und hehr,
- Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!«
- Da lacht das kecke Heidekraut:
- »Ich wurzle in der Erde traut;
- Und wie ich dufte, wie ich blühe,
- Und wie ich stark und kräftig bin,
- Und wie ich feurig rot erglühe --
- All das gab mir die Erde hin!« --
- Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt
- Vom nahen Eichstamm durch den Wald?
- Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht
- Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'!
- Vom Himmel träufelt uns der Regen,
- Vom Himmel wärmt die liebe Sonn',
- Und Mutter Erde will uns hegen,
- Wenn Frost und Eise starren schon.
- Ich lieb', was mir der Himmel gab,
- Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.«
- So flüstert's, lacht es auf und an;
- Klein Hilde pflückt so viel sie kann.
- Schau! Dieses bunte Blumenmeer! --
- Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer.
- Im schilfigen Gras glüht rot es auf.
- Pechnelken stehen da zu Hauf,
- Und schütteln ihre Federköpfe,
- Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe.
- »Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,«
- Die Eine spricht, »bin wunderschön!
- Brichst mich in meinem Purpur-Prangen,
- So bleibst an meinem Stengel fein
- Unwiderstehlich daran hangen
- Mit Deinen Kinderhändchen rein;
- Wer mich nur einmal hat berührt,
- Stets neue Lust nach mir verspürt.«
- Doch -- »Bim -- bam!« klingelt da die Blaue,
- Die Glockenblum', »Nur der nicht traue!
- Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht --
- Kennst Du das alte Sprüchwort nicht?
- Wer Pech anfaßt, besudelt sich!
- Und das ist richtig, sicherlich!
- Hör', rote Nelke, das ist schlimm!
- Das Glöcklein läutet stets: Bim -- bim!
- Und öffnest Du den Lügenmund,
- So klingelt es ganz kunterbunt:
- »Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum!
- Du Federnelke, bist Du dumm!«
- Und lachend steht Klein Hildegard
- Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart',
- Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich,
- Dann läutest Du »Bimbim!« für mich,
- Und läutest artig mich nach Haus;
- Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.«
- Es winkt der gelbe Ginsterbusch,
- Und wie das graue Häslein -- husch! --
- Schlüpft unser Kind geschwind hinein
- Ins goldne Blütenbettelein,
- Und dehnet wohlig sich zur Ruh',
- Und schließt die müden Aeuglein zu.
- Die Blumen hält im Arm sie fest,
- Denn wenn man die gewähren läßt,
- So fangen sie zu leben an
- Und wandern fort durch Wald und Tann.
- Es ist just um die Mittagsstunde.
- Wo Waldesgeister ziehn die Runde.
- Kennst nicht das Waldesweben Du?
- Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh',
- Und doch ein seltsamliches Weben
- Ein raunend, flüsternd Zauberleben?
- Die Bäume stehen still und stumm,
- Kein Blättlein reget sich ringsum.
- Im Schatten schläft das Vöglein lieb,
- Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!«
- Und plustert seine Federlein
- Und schläft dann sänftlich wieder ein.
- Doch die Frau Sonne, die ist wach
- Und luget durch das Blätterdach.
- Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl
- Der blanken Sonnengeister Zahl.
- Im hohen Grase zirpt die Grille --
- Nun zirpt es Antwort -- dann wird's stille.
- Der Falter taumelt über Blüten,
- Das sind die Schäflein, die muß er hüten;
- Doch in dem heißen Sonnenschein
- Da schläfert's ihn mitunter ein;
- Und ist er wieder aufgewacht,
- Dann hat sie sich davon gemacht,
- Die Blüten-Herde, und fliegt wie er,
- Im hellen Sonnenglanz umher.
- Dann hebet an ein Singen, Klingen,
- Von Märchen, wunderlichen Dingen;
- Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied,
- Und Moos und Steinchen singen mit.
- Vergißmeinnicht am Rande träumt:
- »Hat's Wiederkommen er versäumt?
- Ich rief so oft: Vergißmeinnicht!
- In weiter Ferne -- hört er's nicht?«
- Der Ginster winket zu ihr her:
- »Klein Blümchen, was verlangst Du mehr?
- Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn?
- Die Lieb' soll nie von Liebe gehn --
- Sonst geht die Treue hinterdrein.
- Ich sing' ein Lied Dir -- lausche fein:
-
- Ueber die Heide weht der Wind,
- Da sitzt das blasse Königskind,
- Singt: Leide, leide, leide --
-
- Bei Sonnenlicht und Sternenschein
- Da suche ich den Buhlen mein --
- Wo weilt er auch am Wege?
-
- Ach, wollt', er wäre noch bei mir,
- Ich wollt' ihn küssen und herzen schier
- Auf stiller, stiller Heide.
-
- Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm,
- Ich wollt' vergessen allen Harm,
- Wollt' lachen nur und kosen.
-
- Ueber die Heide weht der Wind,
- Da sitzt das blasse Königskind,
- Singt: Leide, leide, leide.
-
- Und wartet noch gar manches Jahr --
- Und kämmet ihr langes, goldnes Haar,
- Das wehet in dem Winde.
-
- Und als der Bub dann kommen ist,
- Der sie so oftmals hat geküßt,
- Da sucht er auf der Heide.
-
- War da ein feiner Ginsterstrauch,
- Des gelbe Blumen strahlten auch
- Wie lauter lichtes Golde.
-
- Da hat er so viel weinen 'müßt,
- Und hat die Ginsterblumen 'küßt -- --
- Dann ist er fortgezogen.«
-
- Und als verklungen ist die Weise,
- Da reget sich Klein Hilde leise:
- In ihrem Arm die Blümelein,
- Die fangen an zu reden fein.
- Das Löwenzähnchen schilt: »O Ginster,
- Wie sind doch Deine Träume finster!«
- »~Noblesse oblige!~« ruft Rittersporn,
- »Auch in der Lieb' -- bei meinem Zorn!«
- Und trotzig mit gar mut'gem Sinn
- Grüßt er zur Wickenblüte hin;
- Verschämt senkt die das Köpfchen tief,
- Ein lieblich Rot sie überlief. --
- Da lacht es plötzlich neben ihr:
- »Ich halt' die Liebe weg von mir!
- Ich wehre mich vor jedermann --
- Und fühlt, wie ich doch brennen kann!«
- Da jubeln alle auf und sagen:
- »Hört -- Brennessel will auch was wagen!
- Geh', Unkraut, pfeife uns ein Lied,
- Im Chorus singen wir dann mit.«
- Und neckisch stimmt die Grüne dann
- Das Nessellied, und hebet an:
-
- »Ich wollt' einmal spazieren gehn,
- Am Rain, wo bunte Blumen stehn.«
-
- Und jauchzend fällt der Chorus ein:
- »Nessel, Nesselbusch am Rain!«
-
- »Da schaut ein weißes Blümlein 'raus,
- Und ach -- so schämig sah es aus.«
-
- Und jauchzend fällt der Chorus ein:
- »Nessel sieht so schämig drein!«
-
- »Und als ich bückte mich danach, --
- Gar plötzlich mir's den Finger stach.«
-
- Und jauchzend fällt der Chorus ein:
- »Nessel, Nessel, wehr' Dich fein!«
-
- »Ei, böse Blume, halt' doch still
- Wie die andern, wenn ich Dich brechen will!«
-
- Und jauchzend fällt der Chorus ein:
- »Nessel, -- hörst -- sollst stille sein!«
-
- Da lacht die grüne Blum' und spricht:
- »Ja Brennesselblüten, die pflückt man nicht!«
-
- Und jauchzend fällt der Chorus ein:
- »Brennt die Nessel -- laß sie sein!«
-
- Nun reichen alle sich die Hände,
- Und singen's Tanzlied: »Wende, wende
- Dich her zu mir, und auf und ab.
- Zieh' die Kreise, zart und leise,
- Sing' die alte Wunderweise,
- Wie die Blumenfee sie gab.
- In den Blüten schläft das Kind --
- Küsse, küsse es geschwind,
- Daß es eins der unsern werde;
- Daß es blumenduftig schwebe,
- Daß es waldesselig lebe
- Auf der hellen, grünen Erde.«
- Da ist klein Hilde aufgewacht,
- Und hat die Aeuglein aufgemacht:
- Und all die Sonnenpracht umher!
- Und all das Duften, süß und schwer!
- Und sieh' -- die Blumen neigen sich,
- Umkreisen sie gar seltsamlich --
- Sie trägt ein rosenfarben Kleid,
- Das strahlet hell von Taugeschmeid'.
- Und Rosen trägt sie in dem Haar,
- Und Rosen in den Händen gar.
- Die Blumen knieen vor ihr hin:
- Heil unsrer Rosenkönigin!
- Und eh' sie weiß, wie ihr geschah,
- So ruhet sie auf Rosen da;
- Und allgewärtig ihren Winken
- Die Blumen stehn zur Rechten und Linken,
- Und Hilde grüßt nach allen Seiten
- Huldvoll, wie sie vorüberschreiten.
- Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein
- Und nascht den goldnen Honigseim.
- Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron'
- Und die glänzenden Flitter für den Königsthron.
- Die Schmetterlinge tanzen vor ihr,
- Die Grillen spielen auf dafür.
- So ruhet sie an Baches Rand
- Als Königin übers ganze Land.
-
- Da -- horch! was rauscht es ihr zu Füßen?
- Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen
- Von Blum' und Moos am Ufer dort?
- Das Wasser schwillet fort und fort --
- Und aus den grauen Nebelwogen,
- Da kommt es zu ihr hergezogen
- So wunderselig. Aus dem Fluß
- Erhebet sich mit süßem Gruß
- Der Nix in silbernem Gewand
- Und hält die Harfe in der Hand
- Die gibt gar traurig hellen Ton --
- Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon.
- Er breitet die Arme aus nach ihr:
- »O Rosenkönigin, komm' zu mir!
- Ich will in meinem Arm Dich hegen,
- Ich will Dich schaukeln auf der Flut;
- Die zarten Glieder sollst Du legen
- Auf Wasserrosen, -- da ruht sich's gut.
- Mit meinen Fischlein sollst Du spielen,
- Ein neckisch Haschen, her und hin --
- Die kleinen, weißen Füßchen kühlen
- In klaren Silberwellen drin.
- Es ist so einsam in der Tiefe,
- Im Wasserhaus so kalt für mich --.
- Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe?
- O Königin, ich hole Dich!«
-
- Da wird Klein Hilde das Herz so weh --
- Es ruft in ihr: O geh', o geh'!
- Wie wird es ihr so seltsam kalt?
- Was zieht es sie mit solcher Gewalt?
- Wie schwillt das Wasser immer mehr --
- Da kommt der Nix gar zu ihr her,
- Und faßt sie mit feuchten Armen an --
- Klein Hilde sich kaum noch regen kann.
- Vor Angst, vor Glück? -- Sie weiß es nicht,
- Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht;
- Er wieget sie in seinem Arm,
- Es wird ihm -- ach -- so wohlig warm;
- Er will sich rauben das junge Blut
- In tiefe, rauschende Silberflut.
- Klein Hilde schaudert -- an seine Brust
- Zieht er sie eng mit sehnender Lust --
- Schon netzt das Wasser ihr Gewand,
- Er zieht sie hin mit zwingender Hand --
- Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab
- In des Nixen stilles Wassergrab. --
- Und horch! wie's um sie rauscht und singt!
- Wie's brausend durch die Lüfte klingt!
- Klein Hilde, wache auf geschwind,
- Sonst weht der wilde Brausewind
- Dich wirklich in das Bächlein dort --
- Zum Schlafen einen bösen Ort
- Hast Du Dir eben ausersehn.
- Und dann mußt Du nach Hause gehn:
- Die Schule ist schon lange aus,
- Und alle Kinder schon zu Haus.
- Da hat Klein Hilde sich erhoben
- Und schaut verwundert hin nach oben,
- Wo Wolken ziehen kreuz und quer,
- Gar über die liebe Sonne her.
- Wie war doch alles das geschehn?
- Hat sie den Nixen nicht gesehn?
- Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß?
- Das ist doch nicht vom feuchten Gras?
- Wo ist ihr Rosenkleidchen hin?
- War sie denn nicht die Königin?
- Die Bäume neigen sich um sie her,
- Das kommt vom Wind, der wehet sehr,
- Der pfeifet ängstlich durch den Tann;
- Klein Hilde hält den Atem an --
- Es wird ihr plötzlich so beklommen
- Da hat sie hurtig aufgenommen
- Die Blumen alle nebendran,
- Und springt davon so schnell sie kann.
- Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke,
- Da rauscht es unter ihr voll Tücke:
- »Da, Wassermann,« ruft sie geschwind,
- »Da, nimm das bunte Blumenkind!«
- Und wirft ein schönes Blümelein
- In Wassermannes Haus hinein.
- Mit weißer Hand greift der es an,
- Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann.
-
- Und als Klein Hilde kam nach Haus
- Und hat gesagt, was sie gesehn,
- Und hat erzählt, was ihr geschehn --
- Da lachen sie Klein Hilde aus.
- Und scheltend streng die Mutter spricht:
- »Im Walde spielen sollst Du nicht!«
- Und Hilde setzt ins Eckchen sich
- Und weinet, weinet bitterlich.
-
- Klein Hilde, werde wieder froh;
- Uns Großen geht es ebenso:
- Wenn wir im Walde etwas sehen,
- Was all die andern nicht verstehen,
- So lachen sie uns auch nur aus
- In diesem weisen Weltenhaus.
- Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht:
- »Der Phantasie bedarf man nicht!
- Die Poesie -- die braucht man nicht!
- Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! --«
-
-
-
-
-Das Märchen, das verloren gegangen war.
-
-
-Das war, als ich einmal spazieren ging und tiefsinnige Gedanken hatte --
-worüber? -- Sie waren zu tief, um das ergründen zu können. Vielleicht
-war's, ob die Welt da um mich her mit ihren langen Straßen und engen
-Häusern eine wirkliche Welt sei oder ob ich sie mir bloß einbilde, und
-ob die Menschen, die mir begegnen, wirklich so blödgesichtig dreinschauen,
-oder ob ich bloß Schwingungen in meinem Gehirn und Augen habe, die mir
-das alles so erscheinen lassen -- ja, vielleicht war's das, worüber ich
-nachdachte. Und neben mir her trippelte ein feines Etwas mit großen Augen,
-und das kicherte und plapperte mit einem leisen murmelnden Stimmchen wie
-ein kleiner Bach; und weil mich das in meinem tiefsinnigen Denken störte,
-sagte ich:
-
-»Ei, so sei doch ruhig und stör' mich nicht!«
-
-Da schwieg das feine Etwas erschrocken still. Aber als das liebliche
-Gemurmel nicht mehr neben mir einherging, konnte ich erst recht nicht
-denken, und als ich mich ungeduldig umwandte, da hatte ich das Märchen
-verloren. Nun war mir's ganz ungemütlich zu Mut. Ich ging gleich wieder
-zurück, blickte rechts und links, hinter jeden Baum, und unter die
-trockenen Blätter, die darunter lagen, aber nirgends leuchteten die
-Zauberaugen meines Märchens.
-
-Da fragte ich die Uhr, die vor mir hoch oben in einem langen, spitzen
-Kirchturm saß:
-
-»Du wohnst so hoch und hast einen weiten Ausblick -- hast du mein Märchen
-nicht gesehen?«
-
-Aber die Uhr sagte nur: Tick-tack-tick-tack! Und als sie schnarrend zu
-einer Antwort einsetzte, da sagte sie mit rasselnder Stimme eine ganze
-Menge Zahlen her -- als ob Zahlen etwas mit einem Märchen zu thun hätten!
-Nun fragte ich die Leute auf der Straße:
-
-»Ihr seid so klein, und guckt immer auf die Erde -- habt Ihr mein Märchen
-nicht gesehen?«
-
-Aber die antworteten: »Eine solche Person kennen wir nicht. Und wenn sie
-Dir gehört und weggelaufen ist, so zeige es doch bei der Polizei an«
--- -- als ob eine blauröckige Polizei mit einem Knüppel ein Märchen
-einfangen könnte!
-
-Nun fragte ich die Bäume im Park, an dem ich vorüberging. Aber die
-standen ganz still und regten sich nicht und ließen nur zwei, drei gelbe
-Blätter vor mir niedersinken. Da merkte ich, daß es Stadtbäume waren und
-zu gebildet zum Antworten auf eine Märchenfrage, und weil ich nun durchaus
-mein Märchen, das ich so leichtsinnig verloren hatte, wieder haben mußte,
-so ging ich auf Reisen, ihm nach.
-
-Ich kam an ein großes Wasser, das lag friedlich da, wie eine
-grünsammetene Wiese, auf der kleine Grabhügel sich wölben, über und
-über bedeckt von weißen Maßliebchen. Mir war es, als ob mein Märchen
-sein goldenes Haupt lächelnd aus diesen Grabhügeln strecke, und als ob
-es kichere: »Nicht in Gräbern findest Du mich -- ich bin das Leben!« --
-Aber da kam ein zarter, grauer Nebel und deckte die grüne Sammetwiese und
-die Maßliebchenhügel zu, und nur ganz in der Ferne sah ich es aufblitzen
-wie weiße Mövenflügel.
-
-Ich kam an eine Insel, darüber flutete ein warmes Abendrot, und ein
-Rauschen, ein bedeutsames Raunen zog durch die Wipfel der hohen, stillen
-Bäume, als spräche mein Märchen zu mir aus tausend Zungen. Bunte Blumen
-standen auf der Insel, die sie die »Schöne« nannten, und sahen mit
-stillen Augen zu den Sternen auf, die ganz zart und licht am Abendhimmel
-aufleuchteten, wie die ersten Liebesgedanken in einer weichen
-Mädchenseele. Leise glucksten kleine lustige Wellchen gegen das Ufer, als
-lachten sie über die Wassernixen, die mit ihren weißen Entenfüßchen das
-Ufer heranklimmen wollten und immer wieder ins laue Wasser plumpsten. Wie
-nah', wie nah' war mir mein Märchen! Ich fühlte es mich umwehn -- aber
-als ich danach haschte, sah es mich mit tiefen Augen spottend an, und ich
-griff in die Luft.
-
-Danach sah ich mein Märchen wieder in einem Krankenzimmer; da saß es tief
-verborgen in dem großen weißen Kelch einer Lilie. Aus deren sammetigen,
-weißen Blütenblättern lagen rote Tropfen, als habe das Märchen blutige
-Thränen geweint, und es sah mit himmlisch klaren Augen in die Weite. Wie
-ein Hauch flog es durch das Gemach: »Hier kannst Du mich nicht halten,
-da würde ich vergehen vor Traurigkeit« -- -- und husch! wie ein
-Flügelschlag -- da war's aus dem Fenster, und die Menschen um mich sahen
-sich fragend an: Was war das?
-
-Eines Morgens, ganz, ganz früh, als die Nacht auf ihrem Lager flehend die
-Arme hob, den leuchtenden, ihr entfliehenden Tag zu halten, da erwachte ich
-und sah etwas Weißes, Flüchtiges von meiner Seite davonschweben. Und es
-umgab mich ein leises Klingen, und Worte tönten -- war's in mir? war's um
-mich? -- Horch:
-
- Die Nacht, als ich geschlafen hab',
- Da lag das Glück bei mir;
- Im Morgenschimmer sah ich nur
- Entfliehn die weiße Zier.
-
- Es lächelt, nickt und winkt mir zu:
- »Du hast es nicht gewußt,
- Daß schlummernd ich mein Köpfchen hab'
- Gelegt auf Deine Brust;
-
- Wärst Du erwacht, hätt'st mich gefaßt,
- So wär's um mich geschehn --
- Nur leis, nur heimlich darf das Glück
- An Deiner Seite gehn.«
-
-Nun hatten es viele gute Menschen gehört, daß ich mein Märchen nicht
-wieder finden könnte, und weil sie ein verloren gegangenes Märchen für
-etwas sehr Trauriges hielten -- ganz anders als die in der Philisterstadt,
-die gar nicht recht wußten, was ein Märchen war -- da wollten sie
-mir alle suchen helfen. Aber sie thaten es mit so viel Bewußtsein und
-Ueberlegung, daß das Märchen sich immer tiefer versteckte; und selbst
-der rauschige Weinduft, der ausgesandt wurde, nach ihm zu forschen, kehrte
-statt mit meinem lieblich plappernden Märchenkinde mit einem wolligen,
-miauenden Kätzchen zurück, das gar scharfe Krallen zeigte.
-
-Da ging ich in die Einsamkeit. Ich kam an wildes, weites Wasser, das
-rauscht und brodelt und donnert, als wolle es eine Welt vernichten -- oder
-emporheben. Und eine Brücke führt über die weiße Gischt, die ging ich
-hinüber. Da war ich auf einer Insel mit hohen, wiegenden Bäumen;
-die hielten Felsblöcke mit ihren Wurzeln umklammert wie mit riesigen
-Greifenklauen. Und da war noch eine Insel, und noch eine, und noch eine.
-Zwischen ihnen drängte sich überall das weiße Wasser hindurch; es war
-so klar, daß man die kleinen Mooswälder auf dem Gestein unter ihm
-sehen konnte, und die Höhlen, dunkelblau und tiefgolden, in denen die
-Wasserkobolde wohnen. Wie ich nun an der äußersten Spitze der letzten
-kleinen Insel angekommen bin und hinsehe über das weite, schäumende
-Wasser, da sitzt dicht vor mir, nahe am brausenden Wasserabsturz,
-mein Märchen auf einem Felsblock. Es hat seine nackten Beinchen hoch
-heraufgezogen, damit sie nicht naß werden, und umschlingt die Kniee mit
-den weißen Armen; das Haar rollt silberglänzend um die kleine Gestalt,
-wie der sonnendurchleuchtete Kamm einer Woge, und die meergrünen
-Zauberaugen sehen zwingend zu mir hinüber. So sitzen wir beide und
-lächeln uns an, so froh, daß wir uns wieder haben, und dann erzählt das
-Märchen:
-
-Weit droben im großen See tief auf dem Grund, da steht das Schloß des
-alten Wasserkönigs. Von grünem, strahlendem Krystall ist es erbaut, und
-die Wände sind so klar, daß der Wasserkönig mit seinen seegrünen Augen
-hindurchschauen kann und alles sieht, was in seinem Reiche vorgeht. Wenn
-die Fische rebellieren wollen, dann weiß er es schon, noch ehe sie den
-revolutionären Gedanken gefaßt haben, und der Kopf wird ihnen abgebissen,
-ehe sie wissen, wo er ihnen eigentlich sitzt. Ja, der König führt ein
-strenges Regiment, sogar unter den weiblichen Unterthanen, und manch
-hübschem Nixlein bebt das goldschillernde Schwänzchen, wenn der König
-musternd die Reihen durchschreitet; denn manch Nixlein hat ein böses
-Gewissen, und -- ach, die königlichen Zwillingssöhne sind gar so
-herzliebe Gesellen.
-
-Da berief der König eines Tages seinen Hofstaat um sich. Er saß auf
-einem Thron von goldglänzendem Kiesel, auf dem weißen Haupte trug er die
-Seekrone von Smaragden, und in den langen silbernen Bartwellen funkelten
-die Schaumperlen. Ringsum harrte das Gesinde in ehrfürchtigem Schweigen,
-kaum, daß die beweglichen Schwänzchen hin und her zuckten. Vor ihm
-aber standen die Zwillinge und warteten des königlichen Vaters Befehle.
-Schöne, schlanke Burschen sind's, mit festen Gliedern und kühnen Augen.
-Die des einen mit der gedankenvollen Stirn hingen an den Lippen des Vaters;
-die des andern, Rastlosen, Trotzigen, flogen lächelnd und kosend über die
-Schar der Nixlein, durch deren Reihen eine plötzliche schillernde Bewegung
-ging. Der Wasserkönig aber sprach:
-
-»Prinzen, Ihr habt gelernt, wie man im Wasser lebt, herrscht und richtet.
-Es ist Zeit, daß Ihr Euch die Wasserfläche draußen anseht. Bahnt Euch
-eine Straße, zerschmettert, was Euch im Wege ist, und erobert Euch Euer
-Reich. Ziehet hin in Frieden und beherrschet künftig Eure Unterthanen mit
-Zucht und Strenge.«
-
-Unwillkürlich ruckten die Fische mit ihren Köpfen bei dieser Rede, ob sie
-auch noch festsäßen, und die Nixen und Wassermänner zupften sich an den
-Flossen, ob sie die auch noch hätten. -- Die schönen Zwillingsbrüder
-aber schwammen Hand in Hand in die Welt hinaus. Zuerst waren sie
-sehr übermütig, schlugen Purzelbäume, daß die Wellen in die
-Höhe klatschten, und neckten die Fische, die pfeilschnell an ihnen
-vorüberflohen. Dann wurden sie stiller und träumerisch, wiegten sich Hand
-in Hand an der spiegelglatten Oberfläche des Wassers und sprachen von den
-Heldenthaten, die sie verrichten wollten. Der mit der hohen Stirn und den
-schwärmerischen Augen lispelte von der hohen, der herrlichen Welt, die
-er sich erträume und die er besitzen müsse, koste es, was es wolle. Der
-Trotzige aber lachte dazu: »Leben will ich -- und lieben und genießen!«
-rief er und schüttelte übermütig eine ganze Welle voll Flußsand über
-des Bruders schönem Haupte aus, daß der prustete und sich schüttelte wie
-ein nasses Menschenkind. -- Nun kamen sie an einen hohen, grünen Wald, der
-lag mitten in ihrem Weg und machte auch keine Miene, ihnen auszuweichen.
-
-»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn.
-»Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.«
-
-»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? --
-Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! -- Hör', laß uns den Bäumen
-aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen,
-wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht -- Du oder ich!«
-
-Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der
-Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin,
-ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich
-zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine
-Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte.
-Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein
-erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen -- die seines neuen Reiches
--- und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt
-nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden
-unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund
-von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen
-alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er
-hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß
-und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen,
-keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb
-er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend,
-erschlaffend, duselnd -- und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die
-Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er
-sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne
-verhüllte alles hinter ihm.
-
-Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar
-gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden
-Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die
-schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen,
-geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er
-mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr
-Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen,
-die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die
-Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte
-ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel
-Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und
-frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne
-Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran,
-siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen
-umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu
-ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der
-Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft.
-Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe -- da sitzt auf einem
-Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein,
-die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des
-Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und
-nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten
-ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen -- doch ach, drüben auf
-der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen
-Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes
-Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die
-schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu
-ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen,
-und sie lächelt nur -- da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite
-Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein
-Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor
-Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen.
-Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen
-ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein
-fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies
-Geschöpf?
-
-Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen.
-Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete
-und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt,
-und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren
-Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im
-Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit
-störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben
-könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund,
-legt ihr Köpfchen an seine breite Brust -- aber immer wieder fragt sie: Wo
-ist die Sonne? die goldene Sonne?
-
-Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so
-mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt,
-die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder
-erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen
-Vorhänge -- wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie
-lüpft ein zartes Eckchen. -- Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten
-steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht -- und die Arme
-sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in
-die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein
-leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken
-Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel
-treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. -- Es überkommt
-ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner
-grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt
-die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und
-trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine
-Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach
-dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle
-zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten
-treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage
-um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging.
-
-Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen
-immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter
-Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre
-Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den
-Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben
-ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke
-hinauf, hinauf zur Sonne.
-
-Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden
-Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der
-drei Schwestern.
-
-Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über
-die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten
-nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte --
-mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen -- an den fallenden Wassern
-des Niagara.
-
-
-
-
-In der Gosse.
-
-
-»Hei! Der hat's eilig!« sagten die trockenen Blätter, als der Wind
-sie packte und die glatte Straße hinunterwirbelte, daß sie den Atem
-anhielten.
-
-»Nein, ich will nicht!« raschelte das eine ganz große Blatt, das, trotz
-seiner verkrümpelten Gestalt, noch einen grünlichen Schimmer auf sich
-hatte und sogar noch einen ordentlichen Stiel besaß. Und es hob sich
-erst von der einen Seite, und dann von der andern -- wie ein ungeschickter
-Bauernbursche, der zum Tanze antritt; aber es half ihm nichts: der Wind
-blies die Backen auf, und heidi! da sauste es davon, so viel es auch
-versuchte, an allen Steinchen und Schmutzhaufen hängen zu bleiben. Wütend
-sprang es schließlich noch toller wie die andern und legte sich oben
-auf die kleinen Blätter, um sie festzuhalten. -- Da plötzlich -- an
-der Straßenecke stieß der Westwind laut jubelnd den Nordwind an -- so
-spielten sie immer, die beiden wilden Gesellen, und wollten sich dann
-schier totlachen, wenn sie alles Lebendige mit in ihren tollen Reigen
-hineinzerrten. -- Und nun wirbelten sie zusammen die trockenen Blätter
-in die Höhe, daß sie den Bäumen entgegenflogen, die sehnsüchtig die
-leeren, nackten Arme nach ihnen ausstreckten. Aber da lagen sie schon
-wieder auf der Erde, küselten verwirrt umeinander und schleiften,
-schlürften, raschelten über die glatten Steine hinab in die Gosse.
-
-Da lagen sie nun und dachten nach. Und dachten, wie sie -- es war schon
-lange, lange her -- die braunen Köpfchen einst vorsichtig aus der
-Baumrinde hervorgestreckt hatten, und in die Welt hinein geguckt, wie sie
-dann groß und grün und schön geworden waren, wie die Spatzen in
-ihnen gehuscht, wie der Mond zwischen ihnen hindurchgelugt, und wie
-die Menschenkinder in ihrem Schatten sich geküßt hatten. Dann war der
-Herbstwind gekommen und hatte sie selber geküßt, und sie waren gestorben
-an seinen eisigen Küssen -- hatten sich erst so herrlich geschmückt für
-ihn, die armen Dinger, rot und gelb und violett und braun, und dann fielen
-sie ohnmächtig aus seiner wilden Umarmung zur Erde nieder, wurden hin und
-her gejagt von den Winden, und nun? Nun liegen sie in der Gosse und denken
-nach.
-
-Hei! Wie der Wind bläst! Die Kleider der schönen Frauen, welche die
-Straße entlang gehen, schlägt er zur Seite, daß die schlanken Füße
-sichtbar werden. Und die Blätter in der Gosse flüstern einander zu:
-»Jetzt werden sie auch anfangen zu tanzen und rascheln und schleifen die
-glatte Straße hinab in die Gosse!«
-
-Aber nein, die kleinen Füße schreiten fest und sicher weiter, der Wind
-kann ihnen nichts anhaben -- aber der andere, der im Herzen weht, durch das
-Leben stürmt, ob der die schlanken Frauenfüße wohl nicht vom glatten Weg
-hinabwirbelt -- in die Gosse?
-
-Davon freilich wußten die trockenen Blätter nichts: sie lagen in der
-Gosse und dachten nach; und der Wind strich jauchzend über sie hin. Es
-wäre ihm ein Leichtes gewesen, die ganze Gesellschaft aus dem Rinnstein
-hinauszuwirbeln, über alle Welt zu jagen. Doch er that es nicht; lauernd
-hing er über ihnen und sang sein Lied:
-
-»Jetzt schirre ich meine Wolkenrosse und stürme dahin und brause
-über die Stadt und über das Land in den Wald. Eure Schwestern will
-ich besuchen, die glührot an den Bäumen hängen. Und ich hause in den
-Zweigen, und ich brause über die Wipfel, und ich schüttle die bunte
-Pracht. -- Seht Ihr den bunten Blätterregen?
-
-Und seht Ihr die Trauerweiden, wie sie den Waldteich bewachen, düster,
-schwermut-geheimnisvoll? Ich peitsche ihre niederhängenden Haare, daß sie
-wie graue Schlangen zischeln und züngeln. Ich wühle die schwarzen Fluten
-des Waldteichs auf, daß die Wellen schäumen und sich kräuseln und mit
-nassen, starken Armen die Wasserrosen hinabziehen in das dunkle, dunkle
-Grab. --
-
-Nur die Königin -- sieh', da ruht sie auf schwarzgrünen Blättern, und
-sehnsüchtig leuchtet ihr weißes Blumengesicht mir entgegen. Ich fliege zu
-ihr, und ich reiße sie an mich in wilder Lust, kosend schaukle ich sie hin
-und her, ich sauge wollüstig den Duft aus ihrem weißen Kelche, ich küsse
-sie mit zärtlich stürmischen Küssen -- sie stirbt an diesen Küssen --
-und ich trage ihre Blumenblätter hin über den schwarzen Waldesteich,
-hin über die Welt -- -- Ist es süß, zu sterben an den Küssen des
-Gewaltigen? -- --
-
-Heiho! -- Ihr Wolkenrosse -- graue, schwarze! senkt Euch tiefer, daß
-ich Euch besteige, daß ich Euch zügle hin über die Erde -- der ich
-Vernichtung bringe -- --«
-
-Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne
-hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie
-wieder mit ihren Gedanken.
-
-Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse
-zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz
-anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer
-von Baum« oder zu der »Von dem Busche« -- aber eine rechte Einigkeit
-konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten,
-als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen,
-Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer
-u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht
-von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie
-sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch
-widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß
-sie sich nun in der Gosse befanden.
-
-Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm,
-hineingeflogen wie ein Pfeil -- die Blätter hatten ihn immer für etwas
-ganz Unbedeutendes gehalten -- der that jetzt den Mund auf und begann zu
-erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich
-bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld,
-Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen
-prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. -- Ihr hättet es sehen sollen, unser
-Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen -- fest wie eine Mauer! Wie
-wir exercierten -- hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant,
-Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das
-war eine Freude, uns anzuschauen! -- Und dann kam der Krieg, das war ein
-schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte
-raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen
-ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. -- Aber tot
-waren wir nicht -- bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja
-nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere
-Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten
-uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir
-in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann
-sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden
-unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als
-Lager benutzen, die wollten -- mit einem Wort -- Mist sollten wir werden!
--- Ich, Prinz von Halm-Halm -- auf Aehre -- Oberst in Ihrer Majestät der
-Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I.
-
-Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem
-Transport-Wagen lagen -- da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die
-Subordination vergessen -- ich, dem die Subordination alles war, und bin
-ausgerissen.
-
-Und die Folge davon? -- Ich liege in der Gosse -- --
-
-Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner
-leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte
-über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. -- »Siehst Du, Prinz Halm-Halm:
-Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall --
-lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse -- auf Aehre! -- Burrrr
--- brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war
-es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und
-von den Kindern vergessen worden war.
-
-»Subordination. -- Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich
-zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht
-worden ist -- zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte
-ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging -- der ist froh, wenn er
-auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf.
-
-Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe
-den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er
-beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit
-meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie
-mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und
-Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei
-gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts.
-Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten
-Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und
-folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages
-in der Gosse lag -- -- -- Brrrrr -- brumm!« sagte der Kreisel, als der
-Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen.
-
-»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes,
-bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher
-verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen -- es
-war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz
-andern Familie -- sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein
-wenig abseits und sprach in gebildetem Tone:
-
-»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her
-so gewesen -- ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche
--- die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten,
-folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten,
-und die Schwachen -- nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen
-gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die
-Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen -- so ist es immer
-gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal
-daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders
-sein kann und daß es so am besten ist.«
-
-Da fuhr aber der Kreisel auf:
-
-»Daran gewöhnt? Fällt uns gar nicht ein! Denken gar nicht daran! Und
-wenn wir uns einmal alle zusammenrotteten -- die Bäume und die Büsche und
-die Strohhalme, und alles, was so herumliegt, und wir Kreisel und -- und so
-weiter -- und wir machten 'mal so eine kleine, lustige Revolu-- --«
-
-Hui! Da faßte ihn der Wind und schüttelte ihn, und da duckte er sich und
-sagte: »Brumm!« --
-
-»Ach,« jammerte da ein feines, zärtliches Stimmchen, »was ist das alles
-gegen den Kummer, den ich erlebt habe?«
-
-Das war ein Stückchen Papier, lachsfarben, gepreßt, mit Tinte beschrieben
--- man sah, es war etwas Feines. Der Wind hatte es eben erst in wilder Jagd
-die Straße hinuntergepustet, und atemlos war es mit einem Purzelbaum in
-der Gosse gelandet.
-
-»Ich war rein und hellblank, und ich duftete stärker wie die Veilchen
-in der Vase, die vor dem Fenster stand; und ich lag auf einem zierlichen
-Schreibtisch und ein reizender, goldener Federhalter kritzelte über
-mich hin. -- Ach, dieser Federhalter! Etwas Glänzenderes, Schlankeres,
-Zierlicheres habe ich nie gesehen. Und alle die süßen, zärtlichen
-Worte, die er mir ins Ohr flüsterte -- war es ein Wunder, daß ich
-seinen Schwüren glaubte, daß ich ihn liebte mit all der Glut, deren mein
-papierenes Herz fähig war? -- Ach, wie war das Leben schön!
-
-Aber da kritzelte er mir eines Tages mit einem großen dicken Tintenstrich
-etwas ganz Unheimliches, Unverständliches zu, so daß ich erschrak, und
-dann ergriffen mich plötzlich kleine, weiße Fingerchen, und ich knickte
-vor Angst in der Mitte durch, und sie sperrten mich in einen dunklen
-Behälter, der wurde fest zugemacht, und eine glockenhelle Stimme trillerte
-dazu:
-
- Such' ich mir 'nen andern Schatz --
- juhu -- andern Schatz --
-
-und dann reiste ich fort, weit fort, und mein schlanker, goldener Geliebter
-blieb zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Ach, ich war wie in
-einer Betäubung und kam erst wieder zur Besinnung, als mein Gefängnis
-sich öffnete und ich herausgeholt wurde -- und da -- da geschah etwas
-Schreckliches: ich hörte eine wuterstickte Stimme, die mich fürchterlich
-ausschalt, und große, rauhe Finger nahmen mich und rissen mich mitten
-durch, nicht nur einmal, nein, in lauter kleine Fetzen, und wir flatterten
-zur Erde nieder und der Wind kam und nahm uns mit sich fort. -- Ach, und
-wenn nun mein Federhalter mich sucht, dann erkennt er in diesem kleinen,
-schmutzigen Flecken seine schöne lachsfarbene Geliebte nicht wieder.
--- -- -- Ach, was sind alle Leiden und Kümmernisse der Welt gegen die
-Schmerzen unglücklicher Liebe!«
-
-Als das traurige Papierchen geendet hatte, entstand eine tiefe Stille in
-dem Rinnstein. Sie waren alle gerührt und kämpften mit den Thränen --
-
-»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich
-für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die
-Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines
-der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von
-»plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte,
-meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental -- das ist veraltet --
-und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat
-diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit
-aufgeklärt -- brrrr--brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie
-in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren,
-öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen
-trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die
-Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie
-daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie
-begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte
-halblaut dazu:
-
- Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',
- Wo mein Schatzerl ist --
- Ist wohl in die weite Welt --
- juhu -- weite Welt --
- Ist wohl fortgezogen!
-
- Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',
- Wo mein Schatzerl ist --
- Wär' ich in die weite Welt --
- juhu -- weite Welt --
- Wär' ihm nachgezogen!
-
- Da er mir nun nichts gesagt,
- Warte ich wohl über Nacht --
- Such' mir dann ein andern Bub --
- juhu -- andern Bub' --
- Muß mich nit verlassen!« -- --
-
-Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und
-das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen
-großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das
-trockene Laub an -- --
-
-»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich
-auf!«
-
-Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind
-blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich
-fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie
-aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des
-Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang:
-
- »Ist wohl in die weite Welt -- juhu --
- juhu -- weite Welt --
- Ist wohl fortgezogen!«
-
-
-
-
-Sonniger Winter.
-
-
-Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier
-drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig
-und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. -- Draußen
-aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein
-weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig
-in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß,
-oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft!
-Das weitet die Brust -- wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald
-einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt!
--- Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst
-im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die
-Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein -- still
-ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln
-in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen
-können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir,
-durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt.
-Ein zaubrisch Bächlein -- wie es lockt und winkt, eilig über die blanken,
-feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt -- was es
-nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das
-Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie
-sehen mich lockend an -- soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen,
-zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen,
-wo es ganz einsam ist? -- Da -- mitten drin -- du böser Nix, was hast du
-an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht
-aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser -- und nun
-schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich
-wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. -- Aber was ist das?
-War es Zauberwasser, das mich berührt hat? -- Der Wald ist lebendig
-geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein
-zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die
-geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen
-und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen
-Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung --
-nun, die stehlen wir uns irgendwo -- nur Freiheit, Freiheit wollen wir
-haben! -- Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich?
--- Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her -- Und wie ich dann die langen,
-zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner
-Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee -- Weißt du noch, grüner
-Klee, wie es war zur Sommerszeit?
-
- Es war zur goldnen Sommerszeit,
- Die Welt war groß und war so weit --
- Und grüner, grüner Klee.
-
- Der blühte still im Waldesthal
- Wie Tropfen Blutes allzumal
- Die Blüten stehn im Klee.
-
- Und Falter spielen drüber hin.
- Und wir? Wir lagern uns tiefdrin,
- Im grünen, grünen Klee.
-
- Dein Aug' ist wie der Falter blau,
- Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau,
- Die Blüte rot im Klee.
-
- Dein Haar ist wie das Sonnenlicht,
- Das gleitet durch die Zweige dicht
- Wohl über grünen Klee.
-
- Dein lieber Hals, der luget leis,
- Wie die Maßlieben wunderweiß,
- Aus grünem, grünem Klee.
-
- Da hab' ich mich geneigt zur Stund'
- Und hab geküßt den roten Mund
- Im grünen, grünen Klee.
-
- Und nur ein Vöglein sah's mit an,
- Das lockte süß aus dunklem Tann
- Ganz nah beim grünen Klee.
-
- Da war es, wo im Waldesthal
- Ich fand zum allererstenmal
- Der Blätter vier am Klee.
-
- Merkt ihr, was das bedeuten soll?
- Mein Lieb und ich -- wir wissen's wohl --
- Ja -- und der grüne Klee. --
-
-Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps
-gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt -- oder hauchten es die
-Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es.
-Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit
-feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar
-Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich
-in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine
-Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken!
-Gedanken! Wir sind deine Gedanken. --
-
-Aber, ihr flinken Gesellchen -- Gedanken? Ich meinte Gedanken, die hätten
-schwere Köpfe, und Brillen auf der Nase, und gingen mit gewichtigen
-Schritten in den Büchern auf und ab spazieren. Was wollt ihr im Wald mit
-mir?
-
-»Wir wollen hören, was er rauscht, was die Bäume sagen, und der Wind
-weht. Wir wollen sehen, wo der Winter ist? -- Da, siehst du.« -- Mitten
-auf der Wiese war das lange Gras fein säuberlich zur Seite gewachsen und
-hatte einem grünen Moosteppich Platz gemacht, der sich glatt und fein
-ausbreitete: »Sieh',« flüsterte mir ein Gedanke ins Ohr, »siehst du
-die Elfen tanzen, und die Gnomen mit den weißen, zottigen Bärten und
-den spitzen, haarigen Oehrlein? Wie die weißen Leiber der Winterelfen
-schimmern, wie ihre flockigen Schleier wehen und wie die Lüfte aufspielen
-zum Tanz. -- Horch! Wie Schneeknirschen klingt's, und wie die Eiszapfen,
-wenn sie klirrend von den Bäumen brechen. Und siehst du, da mitten im
-Gewirr den sonnigen Winter stehn? Seine Augen glänzen und er lacht, daß
-die weißen Zähne aus dem feurigen Barte blitzen.« -- In den starken
-Armen hält er die Winde; wie sie zappeln und die Backen aufblasen vor Wut,
-daß sie nicht loskommen können -- da schlägt er den Nordwind und den
-Westwind mit den Köpfen zusammen, die bösen Gesellen, und stößt sie
-mitten unter das Elfengesindel, das sie jauchzend mit Tannenkränzen
-umwindet und fesselt; oben auf des sonnigen Winters Schultern aber steht
-der Südwind und stößt jubelnd ins Horn, daß es von den Bergen ringsum
-widerklingt. Und jauchzend fallen die Gedanken um mich herum in das tolle
-Treiben -- so daß ich mich ordentlich schäme für sie -- was sollen nur
-die Menschen davon denken? »Ihr solltet auch nicht denken, ihr Menschen,«
-lachten meine wilden Gesellchen -- »denn wenn ihr denkt, dann denkt ihr
-immer was Dummes. Es wäre überhaupt viel besser, ihr dächtet gar nicht,
-und überließet es uns, euch plötzlich mit etwas Gescheitem durch den
-Kopf zu fahren -- wie ein Blitz.«
-
-»Da sieh' hin, die zwei Bäumchen, die da angewackelt kommen,« sagte ein
-spöttischer kleiner Gedanke und überschlug sich wie ein Kobold im Gras
-vor Vergnügen. »Du denkst, es wären Fichten, aber schau sie einmal an:
-sie kommen in kurzem Lauf, ein wenig vornüber, dahergetrottet, ihre Nadeln
-stehen zierlich nach beiden Seiten, wie lauter gewichste Schnurrbärtchen,
-die Kronen sind ihnen ins Gesicht gerutscht, so daß es aussieht, als wenn
-sie die großen Hüte bis tief auf die Nase sitzen hätten, und da die
-Zweige just ein bischen über dem Erdboden beginnen, scheint es, als
-hätten sie sich die schloddrigen Hosen sorgfältig aufgekrempelt. --
-
-»Ei! wie die Herrchen laufen,« höhnt der lustige Gedanke und zupfte an
-ihren Nadeln, worauf sie sich wütend umdrehen und mit den jungen Birken,
-die sie als Spazierstöcke mit sich schleppen, nach ihm schlagen -- »sie
-thun, als wollten sie dem sonnigen Winter eine Referenz machen, und dabei
-schielen sie doch nur nach den weißhäutigen Elfendirnen.«
-
-Nun kommen sie von allen Seiten gewandert: die breitästigen Eichen, die
-schlanken Birken im weißen Hemdchen, knorrige Burschen vom Geschlecht der
-Baumriesen; und eine nackte Trauerweide tänzelt so lustig daher, daß die
-langen, fast bis auf die Füße hängenden Haarsträhne im Winde flattern.
--- Ei, sieh', wen haben wir hier? -- Eine Prozession ehrbarer Herren in
-dunkelgrünen Röcken, die bis zur Erde reichen; und aus den stachligen
-Kapuzen schauen lustige Mönchsgesichter, und die Aeuglein blinzeln über
-die feisten Wangen hinweg nach den schlanken, grünen Nönnchen, die ihre
-Kiefernkleidchen gar züchtig geschürzt haben und sittsam kokett neben
-der Tannenprozession einhertrippeln. Voran schreitet ein baumlanger
-Tannenriese, stark wie Rabelais' Mönch Johann. »Halt da!« kommandiert
-er, »hübsch paarweise antreten!« und er bombardiert die letzten in der
-Reihe mit Tannenzapfen, damit sie ihn besser verständen -- »und wem's
-nicht recht ist, hier im Wald, dem schlage ich die Knochen im Leibe
-entzwei!«
-
-Da faßt ein Mönch je ein Nönnchen bei der Hand, und, die grünen Röcke
-ein wenig lüpfend, tänzeln sie im Menuettschritt über die Wiese hin zum
-lachenden, sonnigen Winter und beginnen artig zu psalmodieren, daß es in
-den Wald hineinschallt:
-
- »Brave Mönche sind wir Tannen,
- Brummeln unser Mönchsgebet --
- Und wenn es zum Schlucken geht,
- Laufen nimmer wir von dannen --
- Eia, Hallelujah!
-
- »Nönnchen sind wir, Nönnchen heiter,
- Leben gottgefällig weiter,
- Putzen unser grünes Kleid --
- 's Himmelreich ist auch nicht weit --
- Eia, Hallelujah!
-
- »Und so leben wir gar traulich,
- Brüder, Schwestern, Hand in Hand --
- -- Unsre Kutten sind verwandt --
- Unser Trachten ist beschaulich --
- Eia, Halleluja!«
-
-»Ei, so hört auf zu plärren,« dröhnt Bruder Johanns mächtige Stimme
-dazwischen --
-
- »Kurze Worte dringen zum Himmel eh'r,
- Lange Züge machen die Kanne leer --
- Eia, Halleluja!«
-
-Und mit tollem Jubel drehn sie sich mit im Elfenreigen, daß die grünen
-Kutten im Winde wehn.
-
-»Hast du nun den Winter gefunden?« flüstert mir ein Gedanke ins Ohr,
-»sieh', wie die Sonne über ihm steht, lichtspendend, milde lächelnd,
-als ob all das Weh in der Welt nur ein Wassertröpfchen wäre, das sie
-lächelnd aufsaugt.«
-
-»Sagtest du: Weh, kleiner Gedanke?« haucht es neben mir, »weißt du, was
-das ist?«
-
-Ich wandte mich; da steht unter den hohen Bäumen des sonnigen Winters der
-allerhöchste und breitet seine mächtigen Zweige aus, als wolle er die
-Welt an seine Brust ziehn. »Sieh',« sagt er und senkt das starke Haupt,
-»meine Krone haben sie mir geraubt, der Sturm, als er hinzog mit seinen
-weißen Jägern über mein Reich -- meine Aeste haben sie zerschlagen und
-die Augen mir geblendet. Weißt du, was es heißt, leben, und die Sonne
-nicht mehr sehn, nie mehr!«
-
-Es geht ein Aechzen durch den zersplitterten Stamm, die Zweige bewegen sich
-schwankend hin und her -- es ist, als wolle sich der Riese zur Erde neigen.
-Aber noch ist er stark, noch steht er aufrecht, bis der Sturm wieder einmal
-gegen ihn zu Felde zieht -- und nur wie ein »Weh -- das thut weh!« --
-zittert es durch die Luft.
-
-Mich fröstelte es, die Sonne sank tiefer, ich ging dem Heimweg zu.
-Einzelne Gedanken blieben im Wald beim Tanz auf dem Elfenteppich, bei dem
-sonnigen Winter, andere sprangen mir flüsternd, raunend, kichernd
-zur Seite; bis zum Hügel hinauf, am Rand des Waldes, da waren sie
-verschwunden. Einige waren den eleganten Karossen nachgelaufen und
-guckten spöttisch grinsend in die Wagenfenster, andere hatten sich den
-Heimatlosen, vagabondierenden Menschenkindern angeschlossen, die unter
-den Büschen des sonnigen Winters ihr Nachtlager suchten. Nur Einer,
-ein ernsthafter, blasser, kleiner Geselle stand neben mir, als ich mich
-umwandte am Berg und mein Auge die Sonne suchte -- wie seltsam! Die Sonne,
-die goldene, große, strahlende, hing herrlich am Himmel -- aber der Wald,
-die Welt? Was eben noch leuchtete, schimmerte, in wunderbarsten Farben, das
-lag tot und kalt und schwarz zu ihren Füßen.
-
-»Siehst du,« sagte der ernsthafte Gedanke neben mir, »so wollt ihr die
-Wahrheit suchen mit eurem Verstand und eurer Tüftelei, so seht ihr in die
-Sonne mit der Brille der kalten Berechnung auf der Nase -- ja die Sonne
-steht dort am Firmament, strahlend, so himmlisch leuchtend, daß euer
-blödes Auge sie nicht ertragen kann, und die Welt, über die ihr die
-Wahrheit ergründen wollt, liegt schwarz und tot da. Aber schau dich um,
-schau mit der Sonne, schau dahin, wo nur die Strahlen der Sonne hindringen,
-wohin die Wahrheit ihr goldenes Licht wirft -- siehst du nun, wie herrlich
-die Welt daliegt, in Farbe, in Glut gehüllt, verklärt? Fühle nur die
-weiche, flimmernde, golddurchglühte Luft, die dich mit linden Armen
-umfängt -- schaue die jauchzende, die lebende, lichte Welt! --
-
-Und weißt du nun, was Poesie ist?« flüsterte der ernsthafte, kleine
-Gedanke mir ins Ohr.
-
-
-
-
-Ein Weihnachtsmärchen.
-
-
-Weit, weit hinter den Wolkenbergen, da, wo der Sonne Heimat ist, die zu
-verlassen ihr so schwer fällt, daß sie Tauthränen weinen muß, da, wo
-gut sein, fromm sein ist, und die Religion die Liebe, da, wo es keinen
-Neid, keine Polizei und keine Geldnöten gibt, da ist das Reich der
-Träume, das Wunderland, wo die schöne Frau Phantasie als Königin
-herrscht. Da sitzt sie auf ihrem goldenen Sonnenthron, umgeben von all' dem
-lustigen und luftigen Volk, den Elfen, Nixen und Kobolden, die durch das
-Christentum und das Geld aus der Welt vertrieben wurden, und hält Hof, und
-die Blümelein sind ihre Vasallen und die Bäume ihre Schildwachen, und
-die Vögelein jubilieren und konzertieren, und die Mücken und Grillen und
-Heimchen tanzen Ballett; und der Wind, der säuselnde, sanfte, der starke,
-stürmische, immer gewaltige Sänger, ist zum Hofpoeten ernannt. Aber die
-mitleidige Königin, so gut sie es auch in ihrem wonnigen Traumland hat --
-sie ist nimmer zufrieden damit. --
-
-Sie gedenkt ihres Sorgenkindes, der Welt, die ihr schon manch' bitteres Weh
-bereitet hat, sie hüllt sich in ihren blauen Himmelsmantel, mit goldenen
-Sternlein besäet, und fliegt mit geheimnisvoll leisem Flügelschlag
-über die Erde, und wenn sie sieht, daß ihr Sorgenkind immer noch so
-verdrießlich und wetterwendisch und eigensinnig-dumm und boshaft und
-lieblos ist, dann fließen Thränen der Wehmut und des Zornes und des
-Mitleids aus ihren schönen Augen, vermischt mit Hoffnungsbalsam und
-Sehnsuchtslauten nach ihrem Traumland, und diese kostbaren Thränen fallen
-zur Erde hinunter in die Herzen ahnungsvoller Menschen, die von Liebe
-entbrennen zur herrlichen Göttin Phantasie; sie singen dann, was ihr Herz
-bewegt, und die Welt nennt sie Dichter.
-
-Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so
-daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter
-hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr
-Königreich, und dann geht die Sonne auf.
-
-Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen
-hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und
-Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit
-und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz
-ruhig unter ihr -- da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße
-Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem
-versammelten Volke:
-
-»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen
-sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt
-Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen
-Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht,
-gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und
-immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es
-wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte,
-um sie wachzuküssen -- die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit.
-
-Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen -- kommt,
-kommt, laßt sie uns wecken!«
-
-Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um
-sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die
-Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise.
--- Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein
-Mägdelein -- sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in
-ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der
-Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die
-Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen
-auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend
-um sie her. Da spricht sie:
-
-»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein --
-steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das
-neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie
-ist arm, arm an Glück und Liebe -- lehrt sie, daß nur durch Liebe die
-Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht
-verstanden hat.
-
-Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That --
-predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr
-entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie
-auf Erden.
-
-O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen
-zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe,
-und die Liebe tot ohne die Wahrheit. --
-
-Allein seid Ihr nichts, vereint alles!«
-
-Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder
-in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und
-Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und
-sangen und alles war voll Freude.
-
-Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter
-welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend
-Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und
-seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte:
-
-»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!«
-
-Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und
-Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber,
-mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas
-von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid
-Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher
-Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch
-in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere,
-die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten:
-»Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige
-Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen,
-bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder
-bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her
-gellte höhnisches Gelächter.
-
-So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin
-zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von
-Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der
-Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen.
-
-Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die
-leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und
-plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften:
-
-»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's
-Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und
-dann müßt Ihr leiden!«
-
-Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und
-sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch
-neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen,
-sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen
-gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe
-ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.«
-
-Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf -- der nickte lächelnd,
-und sie zogen weiter.
-
-Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten
-matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein
-grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen
-piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war
-ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn
-des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der
-Kälte.
-
-Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte
-und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe
-Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand
-ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn
-her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche
-Menschen -- ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den
-stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten
-ihre lieblichen Lippen:
-
-»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium
-wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!«
-
-Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich
-ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen
-Fremdlingen zu nahe kämen.
-
-»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine
-Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes
-würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der
-Etikette müssen sie sein.«
-
-»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist
-nicht gut sein.«
-
-Und sie gingen weiter. -- Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so
-viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie
-gehen und an wen sie sich wenden sollten.
-
-So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm
-und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen
-in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der
-Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete
-von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und
-bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar
-hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses,
-der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen
-Lippen:
-
-»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium
-wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von
-hinnen treibe.«
-
-Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen:
-»Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und
-»Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »~quelle idée!~ Die ist gar
-so unbequem und aufreibend --!«
-
-»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier
-ist nicht gut sein.«
-
-Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter.
-
-Nun kamen sie in ein ganz kleines, unscheinbares Häuschen, da brannte auch
-ein Tannenbäumchen, aber nur ein ganz winziges, mit zwei kleinen Lichtchen
-und ein paar Aepfeln und Nüssen daran.
-
-Neben dem Baum saß eine junge blasse Frau mit zwei Kinderchen im Arm
-und am Fenster ein finsterer Mann, der brütete vor sich hin und sah das
-Weihnachtsbäumchen kaum.
-
-Und das Zwillingspaar trat ein und lächelte dem anderen Pärchen zu:
-
-»Weihnachten ist heute, das Fest der Liebe. Vom Traumhimmel sind wir
-gesandt, die neue Religion zu verkündigen, das Evangelium der Liebe und
-Wahrheit.«
-
-Aber die angeredeten Kinderchen wandten sich verschüchtert zur Seite, und
-der blassen Frau liefen die Thränen über die schmalen Wangen.
-
-»Liebe,« schluchzte sie, »Liebe ist nur vom Uebel, denn sie hängt
-schwer an Einem, und von Liebe kann man nicht leben.«
-
-»Und Wahrheit?« fragte der Mann mit bitterem Lachen, »wenn man die
-Wahrheit sagt, wird man mit Hunden gehetzt. Geht weiter, Euer Evangelium
-ist nicht für Arme.«
-
-Da zogen sie traurig von dannen und irrten in den Straßen umher und wagten
-nicht mehr in die Häuser einzutreten. Sie kamen an ein großes, großes
-Haus, das hatte einen Turm, der ragte bis in den Himmel hinein und aus den
-geöffneten Fenstern drang freundlicher Lichtschein von vielen Lichtern,
-Orgelklang und Gesang von vielen frommen Stimmen; sie schlüpften hinein
-und standen in einer Kirche voll frommer Menschen und vor dem Altare stand
-eine Krippe, darin lag ein kleines Kindlein, nackt, wie sie selber, mit
-einem goldenen Krönchen auf dem Haupte.
-
-Und sie liefen hin und freuten sich und wandten sich zum Volk und
-verkündeten mit lauter Stimme das neue Evangelium; denn sie dachten, hier
-wäre es gut und fromm und hier würden die Menschen auf sie hören.
-
-Kaum aber hatten die von einer neuen Religion vernommen, da erhob sich ein
-böses Geschrei und wütendes Toben, und an der Spitze der Mann, der an der
-Krippe des Jesukindes schöne Worte gesprochen hatte, und:
-
-»Neuerer, Ketzer! steinigt sie, treibt sie hinaus!« -- riefen sie.
-
-Ach, die armen Sonnenkinder, sie wußten nicht, wie ihnen geschah, als sie
-plötzlich draußen vor der Kirchenthür sich befanden, die krachend hinter
-ihnen zufiel.
-
-»Ach wären wir im Traumland,« seufzten sie, »unter Blumen und
-Vögelein, unter der Königin blauem Sternenmantel -- uns friert, ach so
-sehr.«
-
-Da, fern von der Stadt, begegneten ihnen zwei hohe, schlanke Gestalten, ein
-Mann und ein Weib -- die hielten sich eng umschlungen und von ihren Stirnen
-ging ein Leuchten aus, daß es die Kinder wundersam durchschauerte. Sie
-faßten Mut und gingen jenen entgegen und fragten:
-
-»Was thut Ihr hier draußen?«
-
-»Wir feiern Weihnachten,« sagten jene beiden lächelnd.
-
-»Ohne Baum und Menschen?«
-
-»Für uns allein; in unserem Herzen, denn die Menschen haben uns von sich
-gestoßen!«
-
-»Was thatet Ihr?«
-
-»Wir sprachen die Wahrheit und in unserem Herzem thronte die Liebe,«
-sagten jene beiden und ihre Augen leuchteten. »Das aber kann die Welt
-nicht dulden, es ist gegen ihr Gesetz, und darum haben sie uns von sich
-gestoßen.«
-
-Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus
-und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre
-von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der
-Phantasie ihnen predigten.
-
-Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land
-der Träume.
-
-Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre
-Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die
-Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte.
-
-Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk,
-tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter
-dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte
-prophetisch:
-
-»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium
-der Liebe und Wahrheit!«
-
-
-
-
-Schneeflocken.
-
-
-Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in
-tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf
-und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen.
-Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und
-schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend
-gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die
-Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein
-Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den
-eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust
-mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie
-mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden
-ihres Eispalastes rüttelt -- dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal
-und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den
-Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz
-umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken,
-daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den
-Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz
-langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden,
-funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd
-herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und
-der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft,
-aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild -- so lockt sie
-die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer
-höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend --
-und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe.
--- Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der
-Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die
-armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern.
-
-Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin -- die
-flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen
-ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht
-zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die
-Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem
-heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt
-und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich
-zu Thal!
-
-Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und
-lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten
-Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. --
-Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du
-ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit -- den Tannenduft, damit
-sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen
-wie die Kinder.«
-
-Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. --
-
-Danach sind eines Tages zwei Männer gekommen und haben sich das
-Tannenbäumchen von allen Seiten angeguckt und zufrieden mit den Köpfen
-genickt. Dann haben sie ihre Pelzkappen zurückgeschoben und sich die
-Hände gerieben und die blanken Aexte genommen und haben die Füßchen der
-Tanne geschlagen, daß es durch den Wald gedröhnt hat, haben sie zur
-Erde geworfen, ihr einen Strick um den Leib gebunden und sie hinter
-sich hergeschleift über Stock und Stein, durch Schnee und Eis. Und das
-Tannenbäumchen hat leise vor sich hingeweint, und die großen Bäume auch;
-aber die Männer haben das nicht gehört, die meinten: Horch -- wie der
-Wind pfeift!
-
-So ist die kleine Tanne zum Weihnachtsbäumchen geworden, wie die Waldfee
-sagt -- denn da unten im Thal feiern sie Weihnacht -- --
-
-»Was ist das?« fragten zwei neugierige kleine Schneeflocken, die sich
-angefaßt hatten und mit ihren zarten, weißen Gliederchen auf den Zweigen
-der alten Tanne auf und nieder wippten.
-
-»Ja, was ist das!« sagte die alte Tanne, »Wintersonnenwende nennen
-wir's, und die Waldfee sagt: Jetzt wacht die Sonne auf und nun beginnt tief
-unten in der Erde das Keimen und Wachsen, bis es schließlich herauf dringt
-zu uns und die ganze Welt erfüllt. Aber da unten im Thal nennen sie's
-Weihnacht und sagen, die Liebe wäre ihnen geboren -- und dann schmücken
-sie das Tannenbäumchen mit vielen, vielen Lichtern und zünden sie an,
-daß man meint, der ganze Baum stände in Flammen, und läuten mit ihren
-Glocken dazu -- da -- hört Ihr's?«
-
-»Bim bam bum!« singen die kleinen Schneeflocken, »da möchten wir hin!«
-und sie bitten den Wind: »Wind, fahr' uns hinab!« -- Der breitet seine
-großen, weißen Schwingen aus, die beiden Flöckchen klammern sich mit
-ihren vielen Fingerchen daran fest und nesteln sich in ihren Zottelpelzen
-tief in die Fittige ein, und heidi! da ging's zu Thale.
-
-»Grüßt mir das Tannenbäumchen!« rief die alte Tanne ihnen nach -- und
-sie brummte in den Schneemantel hinein, der sich allgemach um ihre starken
-Glieder gelegt hatte: »Komisches Volk, diese Menschen! Mußte ihnen die
-Liebe erst geboren werden? Ist sie denn nicht so alt, wie die Welt steht?«
-
-Und dann schüttelte sie ihre Nadeln, daß die Schneeflocken, die schon
-darauf eingeschlafen waren, erschrocken in die Höhe fuhren.
-
-Die beiden neugierigen Schnee-Engelchen aber flogen zu Thal, und der Wind
-war bös und pfiff ihnen in die kleinen Ohren, daß es gellte: Puh -- da
-unten ist's schlecht. Was wollt Ihr bei den Menschen? Entweder sie ballen
-Euch zusammen und werfen sich mit Euch gegenseitig an die Köpfe, oder sie
-kehren Euch auf einen Haufen, daß ihr ganz schmutzig werdet und die Sonne
-Euch aufschmilzt -- umkommen thut Ihr jedenfalls!
-
-Doch da waren sie schon im Thal angelangt, vor einem großen, schönen
-Hause; das lag still und dunkel und allein. Nur aus einem Fenster
-schimmerte ein roter Schein, dahin flog der Wind, und sieh'! von dem
-Fenster her grüßte und winkte es den Flöckchen entgegen -- das waren
-ihre Basen, die Eisblumen, die an den Glasscheiben in die Höhe wuchsen
-und allerlei wunderliche Gestalten angenommen hatten, und die Flöckchen
-setzten sich zu ihnen und guckten in's Haus hinein. Da drinnen ist's
-prächtig: ein hohes, weites Gemach, und aus einem großen, weißen
-Marmorkamin flutet der rote Feuerschein drüber hin, über den Tannenbaum,
-der schön geschmückt und glänzend dasteht, über die vielen bunten
-Spielsachen und all die kleinen Figürchen, die da unter'm Tannenbaum ihr
-Wesen treiben.
-
-Die Eisblumen erzählten, wie schön es gewesen sei, als das
-Tannenbäumchen ganz in Flammen gestanden und die Kinder um es
-herumgesprungen wären und gelacht und getollt und gejubelt hätten. Dann
-haben sie die Lichter gelöscht und ein Duft ist durch das Zimmer
-gezogen, so würzig, so zart, so wunderstark, noch riecht's in allen Ecken
-darnach --
-
-Die Schneeflöckchen vergingen fast vor Sehnsucht nach all dem Schönen.
-Mitleidig verrieten ihnen die Eisblumen, daß ganz, ganz unten am Fenster
-eine schmale Ritze offen wäre, da könnten sie noch besser hineingucken,
-und vorsichtig kletterten die Flöckchen an den glatten Scheiben hinunter
-und nun stehen sie vor der Fensterritze -- -- --
-
-»Also, so sieht Weihnacht aus!« flüstern sie einander zu, »komm', wir
-wollen uns an die Händchen fassen und hineingehen und den Weihnachtsduft
-einatmen.«
-
-»Thut das nicht,« antworteten die Eisblumen, »Ihr seid Kinder der Luft,
-Ihr gehört nicht zu denen dadrinnen -- Ihr werdet hinsterben vor Sehnsucht
-zu ihnen.«
-
-Aber die Flöckchen hörten nicht auf die Erfahrenen; sie zogen sich
-ihre kleinen Schneemützchen über die Ohren, damit sie auch hübsch kalt
-blieben und schlüpften durch die Fensterritze. -- Da schlug's Zwölf.
-Das kleine Männchen in der bunten Uhr, die auf dem Kaminsims stand,
-kam zwölfmal herausspaziert und beim letzten Mal nahm es seinen kleinen
-Dreimaster ab und verbeugte sich und sagte: »Meine Herrschaften, die
-Geisterstunde hat geschlagen!« --
-
-Dann verschwand es wieder in seinem Glashäuschen, und klirrend schlug die
-Thür hinter ihm zu.
-
-Nun begann ein wunderliches Wispern und Tustern in allen Ecken und Winkeln
--- alles im Zimmer wurde lebendig und es war plötzlich ein Stimmengewirr
-wie beim Turmbau zu Babel. Alle die vielen Deckchen und Schleifen, die an
-den Stühlen und Lehnen herumhingen, fingen an, eine der andern Vorwürfe
-zu machen, daß sie sich immer den Menschen auf den Rücken setzten oder
-auf der Erde herumtrieben, und wurden so heftig dabei, daß sie sich
-schließlich gegenseitig mit sich selber bombardierten. -- Das Sofakissen
-wurde elegisch und machte der Schlummerrolle eine Liebeserklärung. --
-»Sie haben eine so schöne Gestalt!« sagte es, -- »von oben bis unten
-egal!« Und die Feuerzange beim Ofen wollte die Schaufel umarmen und kniff
-ihr dabei derb in die Nase. Die kleinen Sèvres-Figürchen auf dem Kamin
-schürzten ihre Rokokokleidchen zum Tanz und der Nußknacker, der in der
-Uniform eines Gardelieutenants auf dem Weihnachtstische stand, klemmte sein
-Monocle ins Auge, näselte: »Charmant, auf Taille!« und klappte seine
-Kinnladen mit einem gefährlichen Ruck wieder zu. Dieser Nußknacker war
-überhaupt ein Don Juan; just hatte er der niedlichen kleinen Puppendame,
-die in Balltoilette auf einem rotsammetenen Lehnstuhl saß, versichert,
-sie sei seine erste und einzige Liebe, und nun warf er der porzellanenen
-Schäferin da oben Kußhände zu und entschuldigte sich damit, daß es ja
-Weihnachten sei.
-
-Da entdeckte er plötzlich die beiden kleinen Fremdlinge, die sich in ihren
-weißen Schwanenpelzchen scheu in die Fensterbank gedrückt hielten.
-
-»Das ist ja etwas sehr Niedliches!« Und der Lieutenant klemmte seine
-Monocle ein und beeilte sich, mit allersteifsten Gardebeinen durch den Saal
-zu marschieren.
-
-»Premier-Lieutenant Knack von Mandelkern, I. Rrrment, Bleisoldaten
-zu Fuß,« schnarrte er und schlug die Hacken aneinander, daß unsere
-Schneeflöckchen erstaunt seine Füße anguckten. -- »Damen fremd hier? --
-äh -- dürfte Ehre haben, Chaperoneur zu sein?«
-
-»Ach,« sagten die Flöckchen schüchtern, »wir gehören hier eigentlich
-gar nicht her -- wir sind nur hereingekommen -- wir wollten gern wissen --
-können Sie uns vielleicht sagen, was Weihnacht ist?«
-
-»Wa -- wa -- was -- Weihnachten?« Dem Herrn Gardelieutenant fiel vor
-Erstaunen das Monocle weg, ohne daß er erst dazu eine Fratze zu schneiden
-brauchte, und sein Nußknackermund blieb ihm offen stehen, worüber die
-Flöckchen so erschraken, daß sie aufsprangen und von der Fensterbank auf
-die Erde flogen.
-
-»Weihnachten? -- Weihnachten ist Weihnachten,« brummte Lieutenant Knack
-von Mandelkern entrüstet, nachdem er vorher seinen Mund wieder zugeklappt
-hatte -- dann klemmte er das Glas wieder ein und sah den Flöckchen nach
--- »nette Pusselchen -- aber noch sehr jrün -- die reene Unschuld vom
-Lande.« -- --
-
-Die Schneeflöckchen aber waren geradewegs auf ein schönes Buch mit
-Goldschnitt gesunken, das vom Tisch auf die Erde gefallen war -- auf dem
-stand mit großen bunten Lettern als Titel gedruckt: Weihnacht und unsere
-Vorfahren! Das sprach jetzt mit gewählten Worten: »Was Weihnachten ist,
-wünschen Sie zu wissen, meine Lieben? -- Sehen Sie mich an.« Und dabei
-schlug es sich auf und begann zu lesen: »Schon zur Zeit Winfrieds, des
-hl. Bonifacius, des großen Heidenbekehrers, feierten unsere Altvordern,
-beseelt von einem dunklen Drange, der sie zur Verehrung eines unbestimmten
-Etwas antrieb, im Winter, unter Schnee und Eis, ein Fest.«
-
-»Altes Buch, schweig' doch still! -- Hüh! Hoh! Wollt Ihr wohl laufen, Ihr
-faulen Tierchen!« klang es da unter dem Tischdeckenzipfel hervor, und als
-die Schneeflöckchen, die sich große Mühe gaben, die weisen Worte des
-Buches zu verstehen, sich umschauten, kam pfeilgeschwind eine
-drollige kleine Equipage herangesaust, schnurgerade über das gelehrte
-Goldschnittbuch hinweg, das sich voller Entrüstung erhob und mit Würde
-von dannen wandelte. -- In dem von sechs weißen Mäuschen gezogenen
-Wägelchen stand ein kleiner nackter Junge, mit Flügeln an den Schultern
-und einem Bogen in der Hand, und sang und jubelte in die Welt hinein. Der
-hat auf einer schönen Dose gesessen, in der allerlei bunte, glänzende
-Steine und Goldsachen blitzten, und als der alte Herr in der Uhr die
-Geisterstunde verkündete, da ist er heruntergesprungen und hat sein
-lustiges Wesen getrieben.
-
-Ei, wie ihn die Rubinenaugen des Schlangenarmbandes anfunkelten, und so
-viel die Schlange auch nach ihm mit dem Goldzünglein gezischelt, -- »ich
-bin die Schlangenkönigin,« sagte sie, »ich ringele mich um weiße Arme,
-weiße Nacken, ich ringele mich bis ins Herz hinein und bringe ihm den
-Schlangenzauber, dem niemand wiedersteht,« -- es half ihr nichts: das
-kecke Bürschchen schlang sie sich um die kleine weiße Brust, und die
-Rubinenaugen funkelten ihm von der Schulter herunter.
-
-»Pah!« lachte er, »mein Pfeilgift ist viel stärker als Deins, -- Du
-kannst mir nichts anhaben.«
-
-Nun setzte er sich in die große Walnußschale, die ihm der Nußknacker
-geschenkt hatte dafür, daß er der niedlichen Rokokodame einen Pfeil ins
-Sèvresherzchen geschossen.
-
-Aber er hatte keine Pferde zum Vorspannen. Da war er auf den
-Weihnachtstisch spaziert, wo die heilige Krippe aufgebaut war, und hatte
-den hl. Joseph um das Oechslein und das Eselein gebeten, sein Wägelchen
-zu ziehen; aber der hl. Joseph hatte die Hände über dem Kopf
-zusammengeschlagen über solch ein Ansinnen, obgleich Mutter Maria mit dem
-Kindlein auf dem Schoß ihre Freude an dem kecken Gesellen gehabt hatte.
-
-Da war er den hl. Drei Königen aus dem Morgenlande entgegengegangen,
-die gar bedächtig mit prächtigem Gefolge heranmarschiert kamen.
-»Majestät,« sagte das Gesellchen höflich, »dürfte ich vielleicht
-eines Ihrer Kamele für mein Wägelchen benutzen? -- Sie haben ja deren so
-viele.«
-
-Aber der schwarze Balthasar, der Mohrenkönig, fletschte ihm seine weißen
-Zähne entgegen, und Kaspar und Melchior hielten ihm das Weihrauchfaß mit
-Myrrhen unter die Nase, daß er niesen mußte -- da sprang er davon und bat
-den Tannenbaum, und der schenkte ihm sechs kleine, weiße Zuckermäuse, die
-an seinen Zweigen hingen.
-
-Nun hielt er mit seinem flinken Gespann vor den Schneeflöckchen und
-lachte: »Ach, was seid Ihr für herzige Dingerchen. -- Gleich möchte
-ich mit meinem Goldpfeil durch Eure Schwanenpelzchen in die Herzchen
-hineinschießen. Kommt, steigt ein -- wir fahren zum Weihnachtsball in
-die Puppenstube; da tanzen Sie gravitätisch und mit Anstand ein würdiges
-Menuett und sind brav und gesittet -- aber Ihr sollt 'mal sehen, was ich da
-für einen Wirrwarr anrichte.«
-
-Den Schnee-Engelchen gefiel zwar der kleine Bursche sehr gut, aber sie
-schüttelten doch die Köpfe, daß die Pelzkapuzchen hin und her wackelten.
-
-»Ach nein,« sagten sie, »hier können wir nicht tanzen -- hier ist es
-uns viel zu warm. Wir sind auch nur hereingekommen, um zu lernen, was wohl
-eigentlich Weihnacht ist.«
-
-Da setzte sich das Gesellchen auf den Rand seiner Nußschale, schlug
-ein Bein über das andere und legte simulierend den Finger an das kecke
-Näschen:
-
-»Ja, sehen Sie, meine kleinen Engelchen -- das ist eine kuriose
-Geschichte. Da unter dem Weihnachtsbaum liegt ein kleines, nacktes Kindchen
-in einer Krippe, dessen Geburtstag feiern sie, und sie sagen, er sei der
-Gott der Liebe. -- Nun aber hat mir mein heidnischer Vater im Olymp -- ich
-bin nämlich ein Heide, mein Name ist Amor -- immer gesagt, ich wäre der
-Gott der Liebe, und ich wäre, trotz meiner Jugend, so alt wie der Olymp
-und die Welt und das große, große Meer selber. -- Da muß also irgendwo
-eine Verwechselung sein. -- Ich schlage vor, wir feiern das ganze Jahr
-Weihnacht und halten mein Schwesterchen Freude, wenn sie davon fliegen
-will, am Gewandzipfel fest. -- Ich kehre mich so wie so nicht viel an die
-Jahreszeiten -- meine Pfeile fliegen das ganze Jahr durch, und die Küsse
-sind immer am süßesten, wenn sie geküßt werden.« -- Und dabei breitete
-der kleine Schlingel die Arme aus und wollte die hübschen Flöckchen
-küssen; die aber faßten sich an die Hände und flogen ihm davon,
-geradeswegs auf die Tanne zu und klammerten sich an ihre Zweige fest und
-schaukelten sich und sangen:
-
- Von den Bergen, wo der Wind,
- Wo die Tannenschwestern sind,
- Sind wir hergeflogen,
- Sind wir hergezogen --
-
-Sag' uns, was ist Weihnacht?
-
-Da ging ein Leben durch die Zweige der Tanne, all' das Rauschegold, mit dem
-sie geschmückt, knisterte und raschelte, die Krystallkugeln klirrten --
-stärker denn je dufteten die Tannennadeln, und horch! mit dem Tannenduft
-ziehen Sehnsuchtslaute durch den Saal:
-
-»Ach, meine Flöckchen, wohl bin ich geschmückt, wohl trage ich
-eine Krone, wohl habe ich geflammt in vieler Kerzen Schein -- für die
-Weihnacht. -- Aber gebt mir die Wintersonnenwende wieder, laßt
-mich umbrausen, umtosen vom Wind, laßt den ersten Sonnenstrahl mich
-umschmeicheln und mir ins Herz hineinlachen. -- Nehmt mir Alles dafür hin!
-
-Was die Weihnacht ist?
-
-Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und
-Geldstolz -- das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen
-sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht,
-fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht --
-wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich
-nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt --«
-
-Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein
-Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden
-Härchen aus dem heißen Gesicht. -- Nicht schlafen konnte das Kind vor
-Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört
-neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht
-gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und
-stand mitten unter dem lustigen Volk. --
-
-Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert
-und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und
-stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten
-nicht so schnell zum Fenster hinfliegen -- da erblickte sie das Kind:
-»Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir
-mitgebracht!«
-
-Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich
-und drückte und herzte sie -- ach -- und da vergingen sie ihm unter den
-Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten
-Aermchen -- da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte
-bitterlich.
-
-Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten
-beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom
-Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein,
-da schliefs Kindchen ein.
-
-Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer
-und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht
-ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder
-das Märchen durch die Seele -- das Märchen von den Schneeflocken, die
-ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind.
-
-
-
-
-Das Märchen von der weißen Stadt.
-
-
-Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen
-Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber
-der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte
-dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des
-Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen,
-immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als
-seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister
-und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden,
-silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein
-leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf
-den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie
-streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in
-die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. -- Drunten in der Tiefe
-saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen
-und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von
-hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt,
-aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit
-den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen
-müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn
-Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen
-Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen.
-Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr
-geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer
-Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt
-ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur
-Leiche werden. --
-
-Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen
-Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt
-vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische
-trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen
-zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf
-und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem
-Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt.
-Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der
-Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt
-vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr,
-als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. -- »Still!« flüsterte die
-Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« -- Und dann sagte der Seekönig:
-
-»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir
-zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann
-allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das
-Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die
-fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen
-Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und
-das Bauen -- welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus
-und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu
-mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut
-werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug,
-das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem
-Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch,
-der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht
-hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall
-eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit
-Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. -- Dann ist
-er gestorben. -- Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte
-machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das
-dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben
-die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten
-heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden
-Menschenseele zu. --
-
-»Kommt herbei, ihr Seevolk, und hört, was ich euch sagen werde,« fuhr
-der Seekönig fort: »Die Luftgeister, unsere Freunde, haben dieses Papier,
-das der tote Mensch mit seinen Gedanken beschrieben und dem Großen Rat
-da oben auf der Erde vorgelegt hat, aus seinen Händen weg und zu uns
-herabgeweht. Schwimmt, ihr Fische, bis ans Meer, lasset die im Meere es
-weitertragen zu den Geistern der Völker an der andern Seite des großen
-Wassers, wie das Seevolk der Menschenseele Werk erfüllen will.« -- Da
-schlugen die vier Büffelfische mit dem Schwanz unter das Papier, daß es
-auf in die Wellen flog; die fischköpfigen Räte griffen entsetzt danach:
-»Erst sehen, sehen!« Aber der kleine Seekönig lachte, daß es ein
-Seebeben gab, und zerriß das Papier in tausend Fetzen: »Wir sehen nicht
--- wir bauen!« sagte er.
-
-»Siehst du?« lächelte die Seejungfrau und neigte ihr Antlitz der
-Menschenseele zu, »jetzt werden deine Gedanken, die du ins Wasser
-hineingeträumt hast, doch wirklich. Ich habe dich oft gesehen, habe vor
-dir geschaukelt, wenn du dachtest, es seien die weißen Wellenkämme. Ich
-hätte dich mir geholt -- ach so gern! Jetzt bist du bei mir. Die Menschen
-denken, sie haben dich begraben; aber ich halte dich in meinen Armen --
-ewig. Du darfst nicht hinaufschwimmen und dein Werk beschauen, nicht so
-lange die Sonne scheint. Dann würdest du zur Leiche. Ich will nicht, daß
-dich die Schwestern in ihre Gärten stellen. Ich will dich behalten -- für
-mich.« -- Dann glitt sie zum Seekönig hin und schmeichelte: »Väterchen,
-mach' es recht schön!« -- Er aber streichelte ihr langes Haar, das
-glänzte wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sagte ernsthaft: »Du
-darfst die Menschenseele hüten, daß sie uns nicht entflieht; denn nur
-durch sie können wir das Große vollenden.«
-
-Nun beginnt die Arbeit. Ei, wie flink die Fischlein dabei sind, das blaue
-Wasser zu kommandieren, daß es in langen, glänzenden Streifen zwischen
-grünen Inseln sich durchzwängt, alles Land verschlingend, das ihm im
-Wege ist, daß es unter wölbende Brücken sich duckt und schmeichelnd zu
-Füßen schlanker Säulenhallen sich schmiegt. Und die Nixen kommen und
-spielen mit den Fluten, daß sie in glitzernden, schillernden Farben zu den
-Luftgeistern emporsprühen. Wie geschickt die Gnomen und Kobolde Stein auf
-Stein, Bogen an Bogen zu fügen wissen, daß es sich erhebt aus der Tiefe
-des Sees -- eine weiße, wundersame Wunschstadt. Da tauchen Türme auf mit
-seltsam zackigen Verzierungen; ein kleiner Nix sitzt darauf und lehrt sie
-allerlei alte Weisen mit seiner Glockenstimme, und nun singen die Türme
-sie weiter. Hier schwimmt eine schneeweiße Rotunde mit lauter kleinen
-Fensterchen rundum; und die Fische leiten das klare Wasser hinein und
-tummeln sich darin. Und still und groß und schön wächst es und wächst
-es, schier in die Ewigkeit hinein. -- In einer großen Muschel, davor
-sechs buntscheckige Forellen geschirrt sind, durchzieht der Seekönig die
-Wasserkanäle, mit scharfen Augen Umschau haltend. Hier zwickt er ein paar
-faulen Weißfischen aufmunternd die platten Schwänzchen; dort schilt
-er zwei streitlustige Hechte, die beide denselben Riesenpalast errichten
-wollen und ihn dabei unsanft hinfallen lassen. Ein energisches Nixlein ruft
-er herbei als Oberaufseher, und das lenkt mit seinen weißen Fäustchen die
-störrischen Gesellen wie ein paar gutmütige Oechslein. -- -- Als
-aber der Seekönig sieht, wie alles gut ist, taucht er unter in seine
-Schatzkammer, füllt seine Muschel mit Gold, so viel sie tragen kann,
-schüttet es am Ufer aus und befiehlt: »Da -- krönt das Ganze damit! daß
-die Kuppel weithin leuchte wie eine Sonne!«
-
-In der Tiefe des Sees ruht die Seejungfrau, regungslos, daß sie die zarten
-Fäden nicht zerreiße, die von dem weißen Schaum an ihrer schönen
-Brust aufsteigen zu dem Werk da oben. Und die Menschenseele harret der
-Vollendung.
-
-Da wallt ein Zug daher über das Wasser. Nebelschleier spinnen ihn ein,
-daß er wie eine Wolke über dem See schwebt, und er zieht eine Bahn,
-silbern wie der Mond auf dem Wasser liegt. Schweigend klimmt er das Ufer
-hinan, wo droben der Seekönig seiner harrt, und über ihm schwebt
-die goldene Kuppel wie eine große Krone. -- Nachts, wenn die Menschen
-schlafen, ergeht sich das Wasservolk oftmals am Ufer und pflegt Zwiesprache
-mit Mond und Sternen. -- Voran im Zuge schreiten Patres mit fahlen
-Gesichtern in schwarzer, spanischer Mönchstracht. Sie tragen gewaltige
-Lasten auf ihren Schultern: Türme und Türmchen, spitze und runde,
-Mauern so dick wie Gefängnismauern mit tiefen Kreuzgängen und
-schweren Wölbungen. Sie keuchen unter ihrer Last; ein lustiges, weißes
-Elfengesindel kommt neckisch gesprungen und weist ihnen den Weg unter
-hohen Bäumen, und hilft ihnen, das wunderliche Ding, das einem spanischen
-Kloster ähnelt, von den gebeugten Rücken abzuladen. Da richten sich
-die schwarzen Geister der Patres zufrieden auf, und sie bauen mit dem
-geschmeidigen Nixenvolk, dessen Listen sie wohl gewachsen sind, vergnügt
-weiter.
-
-Eine mächtige Gestalt schreitet auf dem Wasser; ein Gewand von Gold
-umstarrt sie; sie trägt einen goldenen Helm; golden leuchtet ihr strenges
-Antlitz daraus hervor. Siegesgewiß, siegesbewußt geht sie mit großen
-Schritten an dem Seekönig vorüber, ihm herablassend huldvoll zuwinkend.
-Der lächelt fein ihr nach, wie sie sich gravitätisch aufpflanzt inmitten
-all des Schönen -- ein wenig zimperlich, ein wenig ungelenk. »Laßt sie
-nur dastehen,« nickt er, »man wird schon sehen, daß es nicht unsere
-wirkliche Athene ist -- nur eine große, große, goldene, emancipierte
-Alte-Kunst-Jungfer.« -- Und dann streckt er freudig seine Hände
-den schlanken Gestalten entgegen, die aus dem Nebel sich loslösen,
-einherwallen in faltigen Gewändern, die sich feucht um die herrlichen
-Glieder schmiegen; und sie tragen auf den stolzen Häuptern die weißen,
-strahlenden, wundervollen Trümmer der Heimat. »Du Land der Sehnsucht!«
-flüstert der Seekönig. Sie lächeln ihm zu mit den schönen, traurigen
-Gesichtern. Sie pflanzen Säulen in die Erde, rein und schön, wie sie
-selber, sie breiten die Hände aus, und eine erhabene Harmonie lagert sich
-über der Wunschstadt. Sie erheben die kraftvollen Arme und sprechen: »Du
-lässest uns, o Vater Zeus, die Schönheit schauen, nicht zertrümmert,
-nicht zerschlagen, nein, in ihrer ganzen siegenden Gewalt.« -- Und
-demütig neigen die Karyatiden die stolzen Häupter unter der Last der
-Schönheit, die sie tragen.
-
-Wunderlich Volk zieht im Zuge einher, der übers Wasser wallt. Ein kleiner,
-nackter Bub, der nur einen Frack und Cylinderhut trägt für seine
-Blöße, bietet zierlich einer Rokokodame den Arm, die gar stattlich in
-Hackenschuhen und Reifrock mit einer Trikolore auf dem hochfrisierten
-Köpfchen einherstolziert: »Wir sind barock, nicht wahr?« nickte der
-kleine Schelm dem alten Seekönig zu. -- »Wir, Puck Amor und Dame la
-France!« -- In einem muschelförmigen Wagen, schimmernd von Gold und
-Edelgestein, kommt ein ernsthafter Mann. Er hat ein braunes Gesicht, aus
-dem seltsam überirdische Augen schauen, trägt nur einen schlichten,
-weißen Kaftan um die Hüften gegürtet, und doch neigt Seekönig sich
-tief vor ihm, und eine zarte, braune Elfe, schön wie des Gottes Bajadere,
-geheimnisvoll wie die Wunder Indiens, gleitet vor ihm her, ihm seinen
-Wohnort zeigend. --
-
-Und so kommen sie alle, die Geister der Völker, die der Seekönig
-entboten hat. Plumpe nordische Burschen tragen Paläste von plumper Pracht.
-Ernsthafte, blondköpfige Gesellen bringen ein seltsam Häuschen mit
-spitzragendem Turm, mit schönen Gewölben, durch deren bunte Glasfenster
-es lieblich leuchtet, wie eine Geistessonne. Zierliche, dunkeläugige
-Mädchen kommen im Tanz geflogen: ihre Gewänder flattern im Wind, sie
-streuen Rosen aus, duftende Rosen der Anmut. -- Seltsame Fahrzeuge gleiten
-im Nebel im Geisterzug. Unbeholfen, schwankend die einen. Schwarze,
-düsterblickende Gesellen stehen darin und blicken drohend hinüber zu dem
-schlanken Schiffchen, das, seinen Drachenkopf vorgestreckt, wie ein Renner
-durch die Fluten schießt, pfeilgeschwind, die andern weit hinter sich
-lassend. Wie nur das Schifflein die Hünengestalten seiner Mannschaft, die
-mit sehnigen Armen die Ruder führen, birgt in dem schlanken Rumpf?! Hoch
-richten sich die Gestalten auf, sie wachsen und wachsen, daß ihre Leiber
-dunkle Schatten werfen weithin über den See. Und sieh' nur -- wie
-die geisterhaften Schwarzen in den schweren Kreuzesschiffen zum Himmel
-hinaufragen, fanatisch glühen ihre Augen durch den Nebel -- der beginnt
-wunderlich zu leben, wogt und zerrt her und hin, bis er die Riesengestalten
-verschlungen hat. Dann gleiten Karavelen und Vikinger in glatte Buchten,
-gezogen von muntern Fischlein, gesteuert von weißarmigen Wassernixen.
-
-Da bebt der See. Hoch sprühen die Wasser auf. In den schäumenden,
-singenden Strudel steigt der Seekönig hinab in sein Reich, gefolgt von
-seinem fleißigen Volke. Drunten in der Tiefe ruht die Menschenseele.
-»Wann wird es vollendet sein?« fragt sie sehnsüchtig. »Es ist
-vollendet,« sagt der Seekönig. »Sobald der erste Sonnenstrahl die
-goldene Kuppel trifft, wird es den Augen der Menschen sichtbar sein.«
-»Und sichtbar bleiben? Immer?« fragt die Menschenseele. »Nur eine kurze
-Spanne Zeit hat das Wasservolk Macht über die Erde. Nur bis die Sonne
-in die Fluten sinkt und die Zauberwelt, die wir gebaut haben, mit sich
-hinabreißt. Aber wenn dein Seelenauge dein Werk erschaut, ehe die Sonne
-die goldene Krone bestrahlt hat -- dann wird es ewig sein. Dann aber wirst
-du sterben und dein Name wird vergessen werden unter den Menschen.« -- Die
-Menschenseele lächelte. Eng schmiegte sie sich an die atmende Brust der
-Seejungfrau.
-
-Droben, von der verschlafenen Erde, erhob sich die Nacht und zog ihre
-schwarzen Schleier schleppend hinter sich her, über den Himmel. Da ward
-es Licht auf der Erde. -- Es war aber alles noch den Augen der Menschen
-verborgen; denn die Menschen sind ein blödsichtig Geschlecht, und sie
-sehen nur, was ihre Augen ihnen zeigen. Aber die Tiere öffneten
-ihre klugen Augen. Die Vöglein in der Luft flatterten hin über
-die Wunschstadt, setzten sich neugierig auf die zackigen Türme und
-zwitscherten hernieder von den Stangen der bunten Fahnen. Die klugen
-kleinen Enten schwammen in den Wasserkanälen und erzählten schnatternd
-von dem Schloß der Wasserfrauen, das sich zur Nacht aus Busch und Schilf
-erhoben hatte. -- Verwundert blickte der Ackersmann, der mit seinem Gaul
-dahergeschritten kam, Furche auf Furche durch die wilde Erde zu ziehen,
-zu den Vöglein auf: wie konnten sie nur mit geschlossenen Flügeln in der
-Luft schweben, als ob sie auf Bäumen säßen? -- Und die zwei Reiter, die
-dort hintereinander über die Prärie jagten, sahen die Entlein auf dem
-hohen Präriegras schwimmen wie im Wasser. Aber sie haben nicht Zeit, sich
-lange zu verwundern -- da -- der gelbe Rücken des Puma taucht auf, den
-sie gejagt -- der Schuß kracht aus der Büchse des Trappers -- der Pfeil
-schnellt von dem Bogen des roten Mannes: gilt er dem König seines eigenen
-Landes? gilt er dem weißen Fremdling da vor ihm? -- Hoch richtet er sich
-im Sattel auf, daß die Adlerfedern in seinem schwarzen Schopfe nicken.
-Was ist das? -- da -- glitt nicht der Puma hinab in blaues, kräuselndes
-Wasser? Was ringt sich los aus den Nebeln? Das Roß des Trappers bäumt
-sich, geblendet schützt der Indianer die Augen mit der Hand, und späht
-und späht. -- Still lehnt der Ackersmann an seinem Gaul, sein Blick
-sucht die Erde, seine Erde, die er bebauen muß. Und sie schauen, wie es
-herauswächst aus dem Morgengrauen, weiß und still; wie es emporstrebt zum
-Himmel, eine wundersame, andere Welt, die sie mit erhabenen Augen anschaut,
-sie mit weißen Armen umfängt, sich wie weiße, stille, reine Gedanken in
-ihre Seele senkt. Wie sie stehen und schauen, umweht es sie lind und kühl
--- ein Hauch der Ewigkeit.
-
-Ein klein lustig Elflein aber zerrt den Puma, der verdutzt da kauert in
-der Wunderwelt, an den Ohren zu einem Marmorsockel hin. »Da lieg', du
-Wilder!« lacht es, und der Tiere König läßt willig sich in die Fesseln
-der Schönheit schlagen. --
-
-Horch! Es geht ein Brausen durch die Lüfte, ein Singen, Klingen, lieblich
-Geläute: aus dem Morgengrauen erhebt sich der junge Tag, und sein
-leuchtendes Auge weilt liebend auf dem weißen Wunder.
-
-Auf den blauen Fluten des Sees trieb ein zarter weißer Schaum. Ein
-Sonnenstrahl irrte zu ihm hin und küßte ihn bebend. Da ward er zur
-Leiche. Die Menschenseele war aufgestiegen aus den geliebten Wassern, um
-zu sterben. Der See bebt, als sei er in seinen Tiefen erschüttert. In den
-sprühenden Wogen aber taucht die Seejungfrau auf, an deren weißer Brust
-des Toten Seele geruht hat. Ihr goldenes Haar glitzert auf den Fluten.
-Klagend schlingt sie die weißen Arme um ihn, sein schönes, bleiches
-Antlitz über Wasser haltend. So gleiten sie dahin über die murmelnde,
-singende Fläche -- weit, weit hin, den weißen Tempeln zu. Und das Licht,
-das die Seele getötet, liegt liebkosend auf der stolzen Stirn. -- -- --
-
-Es kamen die Menschen und nahmen Besitz von der Wunschstadt in der neuen
-Welt.
-
-
-
-
-Welt-Ausstellung im Walde.
-
-
-Draußen im Wald flüstern die bunten Bäume miteinander und streuen gelbe
-und rote Blätter auf die braun sich färbende Erde, wie der Frühling
-Rosen streut; der Herbstwind rauscht und raunt in den Zweigen, und eine
-milde Herbstsonne glüht auf die Weinblätter am Eichenstamm, daß sie
-tiefrot schimmern, wie lauter Blutstropfen.
-
-Am träge über Kiesel und trockene Aeste dahin murmelnden Bächlein nickt
-ein grüner Zweig -- da leuchtet etwas Blaues auf, dann tönt ein Lockruf,
-sanft, zärtlich, dringend -- jetzt die Antwort -- noch etwas Blaues -- --
-Zwei Vöglein sind's: blaue Flügel schwirren durch die Luft, und zartgrau
-glänzt der Leib.
-
-»Was nur heute los ist!« sagte der eine Blauvogel zum andern, »keine
-Fliege, kein Käferchen läßt sich sehen, alle ziehen dort hinein in's
-Tannendickicht, und selbst die Mücken machen ganz ernsthafte Gesichter!«
-
-»Guten Abend, guten Abend, meine Herrschaften,« schnarrt es über ihnen.
-Da hängt am Baumstamm ein goldgelbes Vögelchen. Zu welcher Klasse es
-gehört, das weiß ich nicht (schlagt einmal in Nehrling's amerikanischem
-Vogelbuch nach), aber es hämmert in die harte Baumrinde, daß es durch den
-ganzen Wald schallt, und so wollen wir es kühn »Gelbspecht« titulieren.
-
-»Ja, ja, Sie haben Recht, es muß etwas im Walde sein bei dem kleinen
-Getier,« sagt der Specht, »ich habe schon dieselben Beobachtungen
-gemacht. Aber sehen Sie einmal da -- die Spinne!« An einem trockenen
-Zweiglein hängt eine große Spinne, eifrig beschäftigt, silberglänzende
-Fäden zu einem kunstvollen Netz zu verweben.
-
-»Was machen Sie denn da, Verehrteste?« fragt der Specht, als der
-Zudringlichste; denn die Blauvögelein haben etwas Schüchternes, sie
-mischen sich nicht gern in anderer Leute Angelegenheiten und sind nicht
-weltgewandt wie der Herr Gelbspecht.
-
-»Ich spinne,« sagt die Spinne ernsthaft.
-
-»Ja, das sehen wir,« entgegnete der Specht, »aber, meine Gnädigste, was
-spinnen Sie?«
-
-»Ein Netz,« sagt die Spinne.
-
-Die Blauvögel stoßen ein leises, glucksendes Lachen aus, und der Specht
-hämmert entrüstet gegen den Baum.
-
-Jetzt schlingt die Spinne einen letzten Knoten und krabbelt langbeinig
-davon: »Es muß fertig werden zur Ausstellung, die wird heute Abend
-eröffnet,« ruft sie zurück.
-
-»Ausstellung?« fragen die poetisch-unwissenden Blauvögel und schlagen
-verwundert mit den Flügeln. »Von was? Wozu? Davon haben wir noch nie
-etwas gehört.«
-
-»Ja, das glaube ich,« lächelt der Specht mitleidig, »Ihr schwebt
-ja immer in den Lüften und schwärmt für Sonnenuntergänge, düstere
-Waldpartien mit Lichteffekten und dergleichen Humbug. Ich weiß wohl, das
-Getier da unten auf der Erde hält eine Weltausstellung --«
-
-»O, da laßt uns hingehen,« jubeln die Blauvögel. »Aber wo ist sie
-denn?«
-
-In der Nähe erhebt sich plötzlich ein nimmer endenwollendes Geschrei,
-Gekrächze, Gejohle --
-
-Der Specht wiegt überlegend sein gelbes Köpfchen: »Wißt Ihr was? Wir
-wollen die Schwarzvögel fragen -- die wissen alles! Hört, wie sie
-reden und schnattern? Die haben wieder Kaffeegesellschaft oder Loge oder
-Gesangverein -- die ganze Eiche dort ist ja schwarz von lauter Staarherren
-und Damen, und wenn ihre Sitzungen vorüber sind, wissen sie alles, was im
-ganzen Walde passiert ist: wie viele Kinder die Madame Maus das letzte Mal
-zur Welt gebracht hat, und wie es auf dem Grashüpferball hergegangen ist,
-daß sie im Eichhörnchenturnverein sich fast geprügelt haben bei der
-Sprecherwahl und daß der Gesangverein der Locusts sich geeinigt -- --«
-
-»Gibt's nicht, gibt's nicht! Nee, so blau,« piepst ein unverschämter
-Spatz und fliegt dem Specht dicht vor dem Schnabel her in den nächsten
-Baum.
-
-Der aber beachtet den naseweisen Gesellen gar nicht und spricht ruhig
-weiter.
-
-»Ach, hören Sie auf, bitte, Herr Specht,« rufen die Blauvögel, »das
-ist ja wie ein ›Eingesandt‹ in der Zeitung!«
-
-»Aber Kaffernreligion,« lacht der Specht.
-
-»Seht, da kommt Ihr Bruder -- »Ober-Edel-Erz« angeflogen! Halt, den
-wollen wir uns kaufen!«
-
-»Oh, Herr Staar, wollen Sie nicht die Güte haben, sich hier ein wenig auf
-diesen bequemen Baum zu bemühen?«
-
-»Man muß immer höflich sein mit den Leuten, wenn man etwas von ihnen
-will,« flüstert der Schlaue den simplen Blauvögelchen zu, die vor
-Erstaunen den Schnabel aufsperren.
-
-Der Staar krächzt freundlich der Bitte Gewährung, läßt sich auf einem
-Ast etwas erhöht über den andern Vögeln nieder, wirft den Kopf in
-den Nacken und dreht und wendet sich, daß seine roten und gelben
-Logenabzeichen auf den Schultern in der Sonne schillern. Nachdem die
-Vorstellung glücklich vorübergegangen ist, bei der der Herr Staar
-herablassend den spitzen Schnabel gesenkt und die Blauvögelchen verlegen
-die niedlichen Köpfchen geduckt haben, erkundigt sich der Gelbspecht in
-den gewähltesten Ausdrücken nach der internationalen Ausstellung.
-
-»Jawohl, jawohl,« entgegnete Herr Staar würdevoll, »heute Abend ist
-Eröffnung. Es soll ja etwas Großartiges werden.
-
-Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den
-ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin
-ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes
-Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach
-Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn
-sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem
-Wahren vorziehen -- es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer
-wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach
--- Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel
-dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar -- -- ob zu ihrem
-Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik --« hier räuspert
-sich der Staar und blickt gen Himmel -- »ja, auch in der Musik gellt und
-dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die
-Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. -- Nein, das geht
-ja nicht. Ich -- ich -- ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen
-überwältigen, meine Lieben -- und« -- Ja, da bleibt der gebildete Staar
-stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit
-haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht
-mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und
-ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken
-und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen
-herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den
-allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck!
-
-Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen,
-wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.«
-
-»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und
-
-»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar.
-Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt
-gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu.
-
-Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung
-scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den
-Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier.
-Der Eintritt ist frei -- wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen,
-gibt es im Tierstaate kein Geld -- und unsere vier Vögel flattern in das
-Dickicht.
-
-»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen
-scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett
-erholt?«
-
-»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche
-Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben
-Kinderchen großzuziehen.«
-
-»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage
-sollte doch alles möglich sein -- Eier ausbrüten -- Kleinigkeit!
-Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?«
-Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des
-Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt,
-Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen
-z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen,
-ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in
-welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl.
-mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein.
-
-Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel
-in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier
-über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt,
-marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder
-Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt
-und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß
-es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige
-Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen
-die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung
-und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie
-fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich
-mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften
-als Führer an, was mit Dank angenommen wird.
-
-»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu,
-noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« -- die langbeinige
-Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie
-mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine -- »wie fein, wie zart,
-geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin,
-jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt -- das nenne ich
-Naturalismus.
-
-»Schrecken der Hinterlist« ist es betitelt.
-
-Hier die noch lebende, schwer am Licht verbrannte Motte -- »Schrecken der
-Aufklärungssucht«.
-
-Jener Schmetterling, dem eine rauhe Menschenhand den Duft von den zarten
-Flügeln gewischt, nun kann er nicht mehr fliegen -- »Schrecken des
-Freiheitsdranges«. Ach, und noch so vieles Traurig-Schauderhaft-Schöne!
-Sehen Sie, die von Ameisen abgenagte Drosselleiche« -- die Vögel
-schütteln sich und machen unangenehme Gesichter -- »und der glänzend
-reine Katzenschädel« -- die Vögel nicken befriedigt mit den Köpfen, und
-der Gelbspecht macht eine Bewegung, als wolle er die leeren Augenhöhlen
-auspicken -- »wirklich eine recht sinnige Zusammenstellung.
-
-Bitte, blicken Sie hierher -- lauter Raritäten -- da, das so natürliche
-Loch in der Erde, hier eine kleine Blätterhütte, ein Einsiedler-Heimchen
-wohnt darin und zirpt bescheiden für sich allein, dort jene sorgfältig
-getrockneten Heuschreckenleichen, eine Reminiscenz aus dem großen
-Heuschrecken-Grashüpferkrieg. -- Und hier, bitte, sehen Sie einmal durch
-dies Loch im Tannendickicht -- nicht wahr, ein reizendes Panorama: im
-Hintergrund die Wolken als Schneeberge, davor ein einsamer, schwebender
-Rabe -- großartig, nicht wahr?«
-
-»Aeußerst großartig,« meint der Specht, »aber was stellt es vor?«
-
-»Es ist auch ein Kriegsbild: Eine vergessene Heuschreckenleiche!« (Frei
-nach Wereschagin.)
-
-Die Vögel sehen sich erstaunt unter einander an, suchen die Leiche und
-erklären, nun einmal etwas Anderes sehen zu wollen. Das gibt es ja auch
-in Hülle und Fülle für jede Geschmacksrichtung. Hier, ein Eiffelturm
-aus Eicheln, ein Eichhörnchen sitzt oben drauf, zeigt auf Kommando sein
-buschiges Schwänzchen und knackt Nüsse zur allgemeinen Belustigung,
-dazu marschieren allerliebste kleine Nagetierchen kauend durch die
-Zuschauermenge und bieten goldgelben Harz-Chewing-Gum als Erfrischung
-an. Da ist eine Grotte aus kleinen Tropfsteinen und Tannenzapfen,
-geheimnisvolles Dämmerlicht; einige Glühlichtwürmchen leuchten dazu,
-auf grauen, trockenen Blättern und Gräsern sind vorgestrige
-Regentropfen gesammelt, die schimmern wie Wasserfluten, und ein schlankes
-Grillenfräulein, die Grillenbeine mit Schleiern aus glänzendem,
-flatterndem Altweibersommer bewickelt, als Fischschwanz, bewegt sich
-rhythmisch hin und her und fährt mit den langen Vorderbeinen sich graziös
-über den Kopf, als kämme sie sich.
-
-»Was macht die da drinnen?« fragt der eine Blauvogel neugierig, während
-der andere starr vor Erstaunen dasteht.
-
-»Ich bin unten Melusine und oben Loreley,« sagt das Grillenfräulein,
-»denn ich habe einen Fischschwanz und kämme dazu mein goldenes Haar.«
-
-»Ja so,« sagt der Specht.
-
-Dicht daneben tanzen ein paar Grashüpferdamen Ballett auf einer Schaukel
-von Grashalmen, und springen so hoch, daß man sie kaum noch sehen kann,
-während auf der andern Seite ein paar Mäusejünglinge in grauen Tricots
-mit aus Nußschalen gedrechselten Bällen auf kunstgerechte Weise Baseball
-spielen.
-
-Dieser ganze Wirrwarr, der Lärm und das Getöse, dies Hin und Her,
-wirkt ungeheuer ermüdend auf die Nerven ungeübter Zuschauer, und unsere
-Blauvögel piepsen und flüstern miteinander, und fühlen sich recht
-ungemütlich.
-
-»Musik, meine Herrschaften, hören Sie unsere allermodernsten Vorträge,«
-ruft jetzt der Hirschkäfer. Alles stürzt nach einem hübsch mit
-Tannennadeln bestreuten freien Platz. Auf einem Tannenzapfen steht
-erhobenen Armes eine große Locuste, so eifrig gestikulierend, daß ihr die
-Augen vor den Kopf treten; und um sie her scharen sich allerlei musikalisch
-beanlagte Tiere. Nun gibt der Herr Kapellmeister das Zeichen, indem er
-seine Fühlhörner weit ausstreckt, und das Konzert braust durch das
-Tannendickicht. Sämtliche Grillen des Waldes zirpen so laut sie können,
-dazu schnarren die Locusts, pfeifen die Mücken, brummen die Käfer
-aller Art; die Kaninchen gebrauchen kräftig ihre Trommelstöcke -- ein
-Höllenlärm!
-
-»Ist das nicht herrlich?« fragt der Hirschkäfer unsere Vögel.
-
-»Sehr schön,« entgegnete der Gelbspecht, »nur etwas unverständlich.«
-Der Staar macht ein sehr gebildetes Gesicht, und die Blauvögel meinen
-schüchtern:
-
-»Es ist aber recht eintönig, und immer so dudelig.«
-
-»Das ist ja gerade das Schöne,« sagt stolz Kapellmeister Locuste,
-»sehen Sie, wie gut Sie es verstanden haben? Es war unsere Nationalhymne
--- der Moskito-Doodle!«
-
-Den Blauvögeln kam die Sache immer problematischer vor, und als vollends
-der Herr Mistkäfer mit der ganzen Familie auf sie zukommt und sie
-freundlich auch mit dem Nützlichen der Ausstellung bekannt machen will
--- die verschiedenen Blätterpräparate, wie Regenmäntel, Schirme und
-schützende Laubdächer und Haushaltungsgegenstände aller Art; ferner
-Delikatessen: Tauwein über Grashalme abgezogen, dazu Konfekt mit dem
-kuriosen Namen Fliegendreck, Misthäufchen, Schneckengelee etc. -- da
-fliegen unsere Blauvögel entsetzt kerzengerade in die Höhe und davon, und
-auch der Herr Staar, trotz seiner Gleichheitsideen, meint: »es wäre doch
-recht gemischte Gesellschaft, und überhaupt vertrüge sich die Heiterkeit
-dieser Ausstellung nicht mit seiner ernsten Geistesrichtung,« während
-Herr Gelbspecht übermütig erklärt:
-
-»Nein, mir gefällt es hier famos! Ich will erst den ganzen Schwindel
-sehen, und wenn mir die dicke, fette Fliege da morgen im Sonnenschein
-begegnet, so fresse ich sie auf vor lauter Liebe.«
-
-Hoch oben auf einer Berghöhe, von wo man weit über Baum und Strauch
-hinüberblickt -- dahin haben sich die Blauvögelein geflüchtet, und der
-Staar gesellt sich zu ihnen, weil er just nichts Besseres zu thun hat.
-Außerdem hält er die Blauvögel für recht belehrungsbedürftige Wesen,
-denen eine kleine Pauke über »die langsam sich vollziehende Umwälzung
-der Weltordnung« gar nichts schaden kann.
-
-Aber unsere blauen Waldvögelein werden hier oben in der Einsamkeit
-selber so beredt, daß dem wohlmeinenden Staar nichts übrig bleibt, als
-zuzuhören.
-
-»Blick' um Dich,« singen sie, »das ist unsere Ausstellung, das ist
-unsere Freude und die Freude der ganzen Welt. Sieh', wie die bunten
-Blätter die Bäume schmücken, wie die glührote Weinranke die dunkle
-Tanne zärtlich umfängt. Horch! _Unser_ Konzert! Wie das rauscht und
-flüstert in den Zweigen, wie der stürmische Herbstwind in den Blättern
-tost, und sieh', wie der schönfarbige Schmetterling die geliebten
-Herbstblumen umgaukelt! Und blick' um Dich: die Sonne geht zur Rüste, sie
-glüht und leuchtet noch einmal und dann sinkt sie in ihr zartes, graues
-Wolkenbett und vergoldet es mit ihrem Schein, und ein strahlender Rand
-zieht sich um die seltsamen Wolkengebilde. Ist das nicht schön? Ist das
-nicht herrlich!
-
-Und horch! da unter uns am Fuß des Baumes -- das sind Menschen! Ein
-seltsam Geschlecht -- kluge Gedanken und weiche Herzen -- Ich liebe sie,
-wenn sie zu Zweien im Walde wandern, wie diese hier. Hör', was sagen
-sie?« -- Ja, es sind Menschen -- ein Mann und ein Weib. Und durch des
-Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden, und auf des Weibes glatter
-Stirn hat das Leben zarte Furchen gezogen. --
-
-»Sieh', liebes Weib,« sagte der Mann, »diese frühen Herbstblätter
-in dem grünen Wald erinnern mich an meine weißen Haare, an Deine ersten
-Falten auf der Stirn. Ach, Kind, spät ist's schon im Leben, und jetzt erst
-lernen wir das Glück kennen!«
-
-»Liebster,« entgegnet sie, »sieh', wie die Sonne strahlend und
-liebkosend über die Baumstämme gleitet, wie alles noch einmal in voller
-Pracht glänzt, glüht und leuchtet -- zum letztenmal, ehe es Winter wird.
-So freuen wir uns jetzt noch einmal des Glückes und der Liebe, ehe _unser_
-Winter kommt. Liebster, wie schön ist die Welt und das Leben!«
-
-Da zieht der Mann das holde, ernste Weib an sein Herz und küßt die Falten
-auf der blassen Stirn, und das Gesicht des Weibes glüht und blüht nun,
-wie die Rose in ihrem Lebensfrühling.
-
-Sie sehen hinüber, bis die Sonne verlischt. -- Und die Vöglein lauschen,
-und der Staar meint:
-
-»Die verlangt's auch nicht nach Veränderung, und die denken auch, gerade
-wie ihr dummen, kleinen Dinger, das Leben sei doch schön. Merkwürdig! Und
-die Welt soll doch so schlecht sein, sagen sie im Verein für Freiheit und
-sittlichen Umsturz. Was ist nun wahr? Darüber muß ich auf einem einsamen
-Eichenwipfel etwas näher nachdenken.«
-
-Er spreizt seine dekorierten Flügel und fliegt von dannen. Blauvöglein
-aber locken in den Abend hinein und setzen sich dicht nebeneinander auf
-einen Zweig und plustern sich und träumen. Die sanfte Nacht kommt gezogen
-und breitet ihre schwarzen Fittiche lind über die müde Erde -- -- über
-selige, herbstliche Menschenkinder, über plusternde Blauvögelein und
-melancholische Staare -- ja, und über all das kriechende, sich duckende,
-hochmütige, aberwitzige Volk und den weltklugen Gelbspecht in der
-Weltausstellung im Tannendickicht. --
-
-
-
-
-Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden.
-
-
-Die braune Drossel saß auf einem hohen Baume im Garten und zwitscherte:
-»Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine
-Krone von Blüten auf dem Haupte, und --«
-
-Weiter konnte man nichts hören, denn die Sperlinge, denen die Drossel das
-erzählte, piepsten und schrieen und zankten so durcheinander, daß die
-Drossel auf und davon flog. Was ging es auch die Stadtspatzen an, was die
-Walddrossel zu erzählen hatte!
-
-Die bleiche Frau Sehnsucht aber stand am geöffneten Fenster ihres Hauses
-und sah der Drossel nach. »Ach,« seufzte sie, »wer doch ein Sonntagskind
-wäre und verstehen könnte, was die Vögel singen! Ach, und wenn nur das
-Kind, das ich gebären werde, ein Sonntagskind würde, dann wollte ich gern
-glücklich und zufrieden sein.«
-
-Als aber ihre schwere Stunde kam, da war der lachende Sonntag noch nicht
-aufgestanden, und der stille Sonnabend lehnte noch an der kleinen Wiege mit
-großen, müden Augen. Er legte eine kühle Hand auf die Stirn des kleinen,
-roten, zappelnden Dinges, das mit geballten Fäustchen unter dem Deckchen
-herumarbeitete und mit Zornesfalten im Gesicht in die Welt hinausschrie.
-
-»Nur eine Viertelstunde zu früh,« seufzte die blasse Frau Sehnsucht, und
-zwei heiße Thränen fielen auf die geschlossenen Augen des Bübchens in
-ihrem Arm.
-
-Der kleine Bursche aber wuchs kräftig heran und wurde so stark, daß die
-ungezogenen Buben in der Nachbarschaft ihm gern aus dem Wege schlichen.
-Er stand an seiner Mutter Knie gelehnt und lauschte mit leuchtenden,
-wundersamen Augen, wenn sie von den Sonntagskindern erzählte, wie sie gar
-so klug sind und wissen, wie die Welt geht, und verstehen, was die Tiere
-sprechen, und wie sie den Wolkenflug deuten können. -- »Warum kann ich
-nicht jetzt noch ein Sonntagskind werden?« rief er zornig. Dann sprang er
-hinaus in den Garten und legte das Ohr auf die Erde, ob er nicht das Gras
-wachsen höre, wie ein richtiges Sonntagskind. Er hörte wohl ein zartes,
-leises Murmeln, aber ob es nicht die kleinen Käfer und Ameisen waren, die
-da raschelten, das wußte er nicht zu sagen. Er stand unter den Bäumen und
-hörte zu, was die Vögel sangen; es war ihm, als verstände er einzelne
-Worte, wie Sonnenschein, Glück, Blütenduft; aber er war doch nicht
-sicher, ob es ihm nicht sein eigenes Herz zugeflüstert hatte. Und weinend
-lief er hin zu seiner Mutter und trotzte: »Ich will doch ein Sonntagskind
-werden!«
-
-»Der Sonnabend leidet's nicht,« sagte Frau Sehnsucht traurig. »Und es
-war doch nur eine Viertelstunde!«
-
-»Es muß in den Büchern stehen,« sagte der Knabe, als er in die
-Schule ging. Und er lernte alles, was in den Büchern stand und wurde ein
-berühmter Mann. Von weit, weit her kamen die Menschen nach dem kleinen
-Häuschen der Frau Sehnsucht und wollten von dem jungen Gesellen Antwort
-haben auf ihre neugierigen Fragen, und er sagte ihnen alles. Aber insgeheim
-glaubte er selber nicht an das, was er ihnen so gelehrt auseinandersetzte;
-hatte er doch in keinem Buche Bescheid auf seine einzige Frage erhalten:
-Wie er es anfangen könne, ein Sonntagskind zu werden? -- Als nun eines
-Tages wieder einmal ein paar kluge Professoren kamen, die aber doch nicht
-so klug waren, wie er, und die spitzigen Zeigefinger an die spitzigen Nasen
-legten, und ihm die wichtige Frage stellten: Wie kommt es, daß der
-Mensch die Nase mitten im Gesicht hat? -- da fielen dem Gesellen seine
-Riesenkräfte ein. Er warf die Professoren mitsamt der ganzen Universität
-zur Thür hinaus, reckte und streckte sich einmal, that einen tüchtigen
-Jauchzer und sagte zur Frau Sehnsucht:
-
-»Mutter, jetzt ziehe ich in die Welt hinaus, dem Sonntag nach, und komme
-nicht eher wieder, bis ich ihn eingeholt habe.«
-
-Frau Sehnsucht legte ihre weißen Hände auf sein lockiges Haupt und
-küßte ihn. Dann schloß sie die schönen, traurigen Augen für immer.
-
-Der Geselle aber zog in die Welt hinaus. Er sah die goldene Sonne am Himmel
-stehen und er sagte: »O Sonne, güldene Sonne du -- ich suche, suche immer
-zu. Zeig mir den Weg, wohin ich geh', o Sonne, güldene Sonne du!« Aber
-die Sonne lachte ihn aus und antwortete nicht und ging weiter, immer
-weiter, bis er sie zuletzt gar nicht mehr sehen konnte. Da kam er in einen
-großen Wald, darin reichten die Bäume bis in den Himmel, seltsam große
-Blumen standen am Wege und sahen ihn an, und bunte Vögel flogen sprechend
-von einem Ast zum andern.
-
-»Sagt mir's, ihr Bäume, duftet, Blumen, rauscht mir's, ihr Winde,
-murmelt, ihr Quellen -- wie fange ich es an, daß ich ein Sonntagskind
-werde?« rief der Geselle.
-
-Da kicherte und lachte es an allen Ecken und Enden. Schelmische
-Mädchengesichter tauchten aus den Kelchen der seltsamen Blumen empor und
-nickten ihm lächelnd zu. An den Schlinggewächsen turnten winzige nackte
-Engelsbübchen, die warfen mit duftenden Blütenblättern nach ihm, und
-ein Rauschen und Raunen zog durch den ganzen Wald, daß der Geselle gewiß
-alles erfahren hätte, was er wissen wollte, wenn er nur eine Viertelstunde
-später auf die Welt gekommen wäre. Zuweilen war es ihm wieder, als
-verstände er ein paar Worte, und horch! klang's nicht im Windesrauschen,
-wie: Bis an's Ende der Welt? Kopfschüttelnd ging der Geselle weiter.
-
-Da wurde mit einemmal der Wald hell und licht; das kam von einem schönen
-Stern, der fiel vom Himmel nieder, und sieh' -- der Stern nahm Gestalt
-an, so schön und sanft wie die Mutter ausgesehen hatte, und seine Augen
-strahlten still und traurig, wie die der Frau Sehnsucht. Die schöne
-Sternenfrau aber sprach: »Ich will dir Antwort auf deine Frage geben. Gehe
-weiter, immer weiter, bis du ans Ende der Welt kommst. Dort wirst du den
-Baum der Erkenntnis finden. Wenn du von diesem ein Blatt brichst, dann
-wirst du erfahren, was du wissen willst. Aber spute dich! der Weg ist
-weit.«
-
-Der Stern stieg langsam auf gen Himmel, es wurde immer lichter, der Wald
-verschwand und der Geselle stand ganz allein auf einer großen Heide, über
-die der Wind pfiff.
-
-»Bis ans Ende der Welt? -- da kann ich meine Füße in die Hand nehmen,
-wenn ich noch ankommen will,« sagte er und wanderte fürbaß. Weil's ihm
-aber einsam am Wege war, sang er sich das Liedel von dem andern Gesellen:
-
- »Ein fahrender Geselle durchzog die weite Welt,
- Zu suchen nach der Stelle, wo's immer ihm gefällt.
-
- Doch nimmer mocht er rasten, und nirgend fand er Ruh,
- Ihn trieb's zum Weiterhasten, nur weiter! immer zu!
-
- Er hatte durchstudieret den ganzen Bücherwust,
- Mit Wissen ausstaffieret das Herz in seiner Brust --
-
- Da fluchte er dem Buche, sah an es nimmermehr:
- Das ist's nicht, was ich suche! Das Glück, das Glück gebt her!
-
- Und kommt er in das Städtchen und winkt ihm aus dem Thor
- Das liebe braune Mädchen mit Schelmenaug' hervor --
-
- Laß küssen dich, du Feine! -- Schaut ihr ins Angesicht;
- Du bist's nicht, die ich meine! -- er da voll Trauer spricht.
-
- Da ward aus dem Scholaren ein flotter Kriegersmann,
- Auch lernt er mit den Jahren, daß man sich bücken kann,
-
- Und fromme Verse schmieden von Freiheit und von Blut,
- Und vor dem Bürgerfrieden voll Ehrfurcht zieh'n den Hut.
-
- Doch alles wollt nicht frommen, was er sich auch erdacht.
- Das Glück wollt ihm nicht kommen -- hörst, wie's von Ferne lacht?
-
- Da ward aus ihm ein Zecher, der zecht' von früh bis spat,
- Bis ihm der leere Becher vom Munde sinken that.
-
- Lag denn das Glück im Weine? -- Der heilte allen Gram.
- Doch weh -- auch nur zum Scheine, nur bis der Morgen kam;
-
- In seinem grauen Schimmer, wie lag so leer die Welt! --
- Die Nacht verheißt uns immer, was nie der Morgen hält.«
-
-Als der Geselle sein Liedlein ausgepfiffen hatte, da führte ihn der Weg an
-einem Königreich vorbei, und weil die Thür bloß eingeklinkt war, ging er
-hinein. Die alte Reichsmauer wackelte hin und her, als er eintrat, und das
-Thürschloß behielt er gar in der Hand, so morsch war der Griff. In dem
-Königreich saß der König auf einem Throne, der wackelte, und hatte eine
-Krone auf dem alten, wackligen Haupt, die wackelte auch. Die Räte um ihn
-her hatten kleine Zöpfchen im Nacken, die wackelten, und die Räte selber
-wackelten, und das ganze Königreich wackelte. Und weil nun alles so
-wacklig war, da nahm der Geselle sein Bein und gab der ganzen Wackelei
-einen Tritt; da fiel alles um, und der Geselle sah lachend zu, wie der
-König und die Krone und die Räte mit ihren Zöpfen und das ganze morsche
-Königreich durcheinander purzelten. Des Königs schöne Tochter aber fing
-er in seinen Armen auf; doch als er sie küssen wollte, da welkte sie hin
-und lag tot an seiner Brust. Ihre Seele verwandelte sich in einen schönen
-weißen Vogel, der kreiste über des Gesellen Haupt und sang ihm zu:
-
- »Weil' nicht am Wege,
- Er ist noch weit;
- Noch ist die neue, die selige Zeit,
- Noch ist sie nimmer geboren.«
-
-Als der Geselle nun weiter ging, kam er an eine große, große Stadt,
-darin war eitel Freude und Lustigkeit, das ganze Volk tanzte und sprang
-und geberdete sich wie toll. In den Moscheen, Kirchen, Freiheitstempeln
-läuteten die Glocken und große Götzen saßen darin, die machten mit
-schrecklichen Grimassen die Mäuler auf, und dann warf das Volk alles
-Schöne und Gute den Götzen in den Schlund, und das Häßliche und Gemeine
-stand grinsend auf den Schultern der Götzen, und das Volk jubelte ihm zu.
--- Da faßte den Gesellen ein grimmer Zorn, er hob sein gutes Schwert und
-schlug zu, und schlug den Götzen die Köpfe ab. Aus den Rümpfen stieg ein
-starker, grauer Dunst auf, wie eine Weihrauchwolke, der lagerte sich hin
-über die Stadt und erstickte all das lärmende Volk, daß es tot dalag.
-Ueber der Nebelwolke aber schwebte ein neuer, schöner, weißer Vogel und
-gesellte sich dem andern zu; sie umkreisten den Gesellen und sangen ihm zu:
-
- »Weil' nicht am Wege,
- Er ist noch weit;
- Noch ist die neue, die selige Zeit,
- Noch ist sie nimmer geboren.«
-
-Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf
-wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er.
-»Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der
-Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« -- Als nun der Geselle oben
-angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und
-es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich
-in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,«
-riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind
-das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir
-lieben uns, wir beten uns an.« -- Voll Verwunderung stand der Geselle und
-sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr
-euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« -- »Wir zehren von seinem
-Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen,
-werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir
-unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien
-wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus,
-damit auch sie daran glaube und selig werde.«
-
-Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten
-Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und
-schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und
-wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten,
-dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf
-den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!«
-sagte der Geselle. -- Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt
-zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß,
-und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den
-Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel -- denn aus allem, was
-zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes -- und er gesellte sich
-zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr
-Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als
-trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke,
-an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen,
-über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr,
-ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand
-seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er
-wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank
-er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten
-Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen,
-klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber
-sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser
-murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht --
-es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor
-dem Gesellen her. -- In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße
-Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend
-von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet
-hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben
-Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese
-Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise
-einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder
-zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte,
-er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen
-Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die
-andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr
-unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der
-weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es
-ihm, als höre er die Worte:
-
- »Weil' nicht am Wege,
- Nicht ist er mehr weit.
- Wir kreisen und hüten die kommende Zeit,
- Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid --
- Im Baum schläft sie sicher geborgen.«
-
-Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen
-Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein
-ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag
-nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die
-Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde
-zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange,
-lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein
-starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun
-wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. -- Er sah auf und sah die
-weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind
-erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen
-war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst,
-das zerfallene Königreich bröckelte am Wege -- er schaute nicht um
-danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos
-standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau
-Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte.
-Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten
-hinein.
-
-Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es
-ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine
-Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre
-Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die
-heute geboren werden.«
-
-Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und
-seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn
-eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. -- Im Tode war der Geselle
-ein Sonntagskind geworden.
-
-»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,«
-piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.«
-
-
-
-
-Rauch.
-
-
-Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am
-Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen,
-wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial
-zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar
-kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren,
-zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten,
-wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister
-auf die Schulter und sagte:
-
-»Geselle, geh' auf die Wanderschaft.«
-
-Und da zog er aus. -- Als er wegging, schien die Sonne hell, obwohl es
-mitten im Winter war; der Himmel hatte überall blaue Batzen auf die
-Wolkenlöcher gesetzt, und der Wind hatte dazu gefiedelt:
-
- Die Erde hat sich schlafen gelegt,
- Mit weißem Lailach zugedeckt,
- Der rasche Wind den Himmel fegt,
- Bis er die Sonne hat erweckt.
-
- Nun scheint sie hinunter auf den Schnee
- Und lacht hinweg ihn nach und nach:
- Wenn auch die Welt sich duckt in Weh;
- Sie wird doch einmal wieder wach.
-
- Dann jauchzt sie auf in grüner Lust,
- Hüllt sich in lauter Liebe ein --
- Und ahnend klingt's in deiner Brust:
- Im Winter ist es auch gut sein! --
-
-Als aber der kleine Schmiedegeselle ein Stücklein Wegs gegangen war, da
-sah er eine schwere dunkle Wolke in der Ferne schweben, und je näher er
-kam, desto trüber wurde es um ihn her, bis schließlich Himmel und
-Erde und die ganze Welt schmutzig aussah; und er sah, daß es ein ganzes
-Sammelsurium von Häusern war, das alles so finster machte. Die Häuser
-waren so hoch, daß sie die Wolken an den Fußsohlen kitzeln konnten.
-
-Der kleine Schmiedgeselle stand und guckte an so einem hohen Kasten in die
-Höhe:
-
-»Könnt ihr da oben durch die Wolken sehen?« fragte er, »und die Sonne
-auf der andern Seite scheinen sehen? -- Eia, das muß schön sein!«
-
-»Da, komm nur mit in das Loch hinein, kleiner Wurm,« sagte ein Mann neben
-ihm, schob ihn vor sich her, und schwupp! flogen sie in einem viereckigen
-kleinen Kasten so schnell himmelan, daß es dem Gesellen ganz übel wurde.
-
-Der Mann lachte spöttisch aus ein paar klugen Augen.
-
-»Ja früher,« sagte er, »wenn der Teufel einen armen Handwerksgesellen
-holte, da flogen sie miteinander auf schwarzen Gespensterflügeln in die
-Tiefe hinab. Wir machen das jetzt per Elektricität und fliegen himmelan.«
-
-Erschrocken sah das Gesellchen zur Seite, erblickte aber nur einen ganz
-einfachen Menschen, der ein ganz klein wenig hinkte. Nur seine Ohren waren
-so sonderbar lang und schmal; wenn er lachte, schienen sie sich zu spitzen,
-und er lachte so, daß der Schmiedegeselle mitlachen mußte, und das Ding,
-in dem sie saßen, vor Vergnügen in die Höhe sprang.
-
-Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen
-bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen
-an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate,
-die sahen aus wie Champagnerpfropfen.
-
-»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem
-vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen
-Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das
-große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder
-ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat -- und da -- nichts,
-aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der
-große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein
-ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner
-Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer
-Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen
-Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken
-sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. -- Und siehst du,
-mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum
-wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!«
-
-Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die
-Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung.
-Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei
-Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die
-zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine
-Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend
-verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben.
-
-»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da
-werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten
-mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann
-Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren
-sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran,
-wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden
-ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke,
-und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter --
-da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen,
-umnebelten und vernebelten Gedanken. -- Sieh', da fliegen sie --«
-
-Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer
-geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der
-vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten,
-schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich
-scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin
-herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt
-eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen
-Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei,
-und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am
-Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die
-Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften.
-Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein
-mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald
-auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu,
-oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne.
-So jetzt eben wieder.
-
-Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen
-auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem
-schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein
-und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten
-allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto,
-was immer er sich nannte, ein jauchzendes ~Evoë Bacche!~
-
-Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln
-der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein
-und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken
-sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich
-drehten -- gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete,
-strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung.
-
-Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine
-Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende
-Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben
-aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war
-ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine
-eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und
-sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig
-aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen
-hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging,
-nach einem andern Schornstein und stöhnten:
-
-»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!«
-
-Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm
-entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf
-zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine
-Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem
-Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von
-Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden
-Augen, von verzweifelten Gesichtern.
-
-Und der kleine Geselle drückte sich scheu an den Mann, der ingrimmig
-hohnlachte.
-
-»Wo kommen die her, alle, alle, ohne Ende?« fragte der Geselle bebend.
-
-»Aus den Fabriken, aus den Werkstätten, aus den Mietskasernen, aus den
-Spelunken da unten,« knurrte der mit den Bockshörnchen. »Bande, elendes
-Pack, warum drücken sie die andern nicht tot, schaffen sich Platz in der
-Welt, so viele, wie sie sind! Aber sie haben Furcht, gerade so viel Furcht,
-wie die da drüben -- sieh' -- da aus dem himmelhohen Rauchfang, der
-so kerzengerade aufwächst -- Mitleid haben. Prrr -- Puah -- Mitleid,
-Mitgefühl, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit -- sieh', wie sie da
-alle schweben, die schönen Gedanken! Schau einmal genau hin! Glaubst du,
-sie kämen alle aus demselben hohen, ragenden, lichten, freundlichen Kamin?
-Ist schön gebaut, der Rauchfang! Aber schließ' dein Auge ab von all dem
-andern, indem du die Hand krümmst wie ein Fernrohr davor -- das gibt mehr
-Perspektive. Siehst du nun wohl, daß jeder der schönen Gedanken
-seinen Privatschlot hat, der nur an den andern sich anlehnt? -- Und die
-Rauchsäulchen, -- recht fein hell anzusehen -- dürfen sich mit keinen
-von den andern vermischen, beileibe nicht, und der Kamin muß immer mit
-demselben Heizmaterial gefüttert werden, und jedes Rauchwölkchen hat
-seinen Parteinebel, in den es sich auflöst.«
-
-Aber immer und immer wieder stieg das bleiche, finstere Heer auf, auf,
-stetig, unverdrossen.
-
-»Da, sieh' her, du kleiner Wurm, der du die Gedanken nackt und
-unverarbeitet in der Welt herumlaufen sehen wolltest,« schrie der
-Mann-Faun-Mephisto, »siehst du jene dort drüben aus dem Marmorkamin sich
-entwirren? -- Wohlgenährte Gestalten sind drunter mit schwimmenden Augen,
-magere Kerle mit Beil-Gesichtern, und alle mit so einem Air um sich herum,
-als wollten sie auf alles andere spucken. Kapitalsbestien nennt man sie mit
-dem Kunstausdruck, d. h. die Kapitäler sind ihnen jetzt da oben im Rauch
-abhanden gekommen, und nur die Bestien sind übrig geblieben. Und nun
-schau die guten, mitleidigen, allesliebenden, weltbeglückenden
-Fanatikergedanken, die eigene kleine Weltbegriffe auf Silberrauchsäulchen
-ausdünsten -- schau auch alle die winzigen Nebengedanken, die von der
-Silbersäule abspringen, ihre Nachbarn zerren und stoßen, zu Boden
-schlagen, ins Gesicht treten -- kommt es dir nicht schließlich vor, als
-wäre der eine wie der andere: Fanatiker seines eigenen Ichs? Und sie
-verteidigen dieses ihr Besitztum, die einen mit nackter Brutalität, die
-andern mit alles überwältigendem Mitleid für die Menschheit. Ist recht,
-ist ja recht so. Nur sollen sie nicht das Du-Geschrei erheben, wenn sie das
-Ich meinen. Aber guck einmal da!« --
-
-Aus dem lichten, ragenden Schornstein, dessen viele Teile das Gesellchen
-jetzt deutlich erblickte, war eine Schar Gedanken-Geister aufgetaucht, die
-sich mit Mäulern, Fäusten und Füßen ingrimmig bearbeiteten: die einen
-suchten die nächsten unter sich zu ducken, zerrend, heulend, schimpfend;
-die zarten Gestalten aus demselben Rauchfang, die über ihnen schwebten,
-rangen traurig die Hände; die Bestien aus dem Marmorkamin sahen behaglich
-zu, und die kleinen Weinkameraden ritten auf ihrem Rauchgekräusel herzu,
-jauchzten und lachten, schütteten duftenden Rheinwein über sie aus,
-wie man über die beißenden Hunde Wasser gießt, und trieben allerhand
-Allotria.
-
-Die hungrige, bleiche, verzweifelte Schreckensschar aber stieg immerfort,
-stetig auf; auf aus den Tausenden von Schlöten und verzehrte sich im
-Nebel, immerzu, regelmäßig, wie ein grauenhaftes Uhrwerk.
-
-»Bande, Bande!« knurrte der neben dem Gesellchen. »Wann kommt's? -- Wann
-kommt's und schlägt den Kram in Fetzen? -- Ist ein lustig Leben, kleines
-Wurm, so hoch über ihnen, was? -- Und doch mitten drunter. Die da tief
-drunten, alle, glauben, sie kennen, sie haben mich, und ahnen nicht,
-daß ich es bin, der ihre Gedanken hier oben spuken läßt zur eigenen
-Verlustierung, wie Nero einst Rom in Brand setzte! _Nicht_ sie mich --
-_ich_ hab' _sie_! -- Hoho -- aber da -- da, meine Braven!«
-
-Da schlug aus einem mächtigen Rauchfang eine hohe Feuersäule auf,
-glührot, wie aus einer Schmiede-Esse, und darauf schwebte, nein, stampfte
-eine gewichtige Schar, die zog den Ambos und dröhnte die Schmiedehämmer
-nieder, daß es durch die Lüfte klang. Riesengestalten mit mächtigen
-Köpfen und lustigen Augen. Bei jedem Hammerschlag von ihren Fäusten
-stoben die Funken, und in jedem Funken sang es:
-
- »Mir sein die Hammerschmiedsgsölln, Hammerschmiedsgsölln,
- Mir könn' dableiben, mir könn' furtgeh'n,
- Mir könn' dhun, was mer wöll'n, dhun, was mer wöll'n!«
-
-Schritt vor Schritt weitergreifend, die rußigen Gesichter umglüht
-vom Flammenschein, stampften sie alles unter ihre Füße, Bestien und
-Mitleidsgedanken und Elendsgestalten, was ihnen in den Weg kam, trieben
-die Rauchwolken zur Seite und machten Bahn frei -- bis endlich, nach langem
-Kampf, auch sie der große Nebel verschlang.
-
-Aber dort, wo sie verschwunden waren, da lag in lichter Ferne -- das
-Gesellchen sah es ganz deutlich, und der Mann breitete seine Arme aus --
-der silberne See, der hob und senkte sich leise. -- Möven flogen
-drüber hin, die tauchten mit der weißen Brust ein in die Silberflut und
-schüttelten die leuchtenden Tropfen von den Flügeln.
-
-Wo sie das Wasser berührten, tauchte ein Wunderwesen nach dem andern
-auf; diese reihten sich aneinander, und bald wimmelte der See von zarten,
-lieblichen, von starken, gewaltigen Wesen. Auf ihren ausgestreckten Armen
-kamen zwei wunderselige Frauengestalten einhergeschwebt, ein leiser,
-flüchtiger Gesang zog ihnen voran:
-
- »Wir geleiten hohe Frauen,
- Die den Wassern sind entstiegen,
- Die sich auf den Nebeln wiegen,
- Und die Wellen stets durchwallen,
- Unerkannt von allen, allen,
- Denn von zwei'n ist eine keine:
- Diese Hehre, Hohe, Reine,
- Jene, die da gleißt im Scheine --
- Nur zusammen kannst sie schauen.
- Wie die Sonne aus dem Meere
- Ihre Strahlen weiter sendet,
- So zieh'n im Gedankenheere
- Sie, bis ihre Bahn vollendet.
- Sinken in die Wasser nieder,
- Kommen mit der Sonne wieder.«
-
-So schwebten sie hin über das Häusermeer der Riesenstadt. Die schönen
-Frauen glichen sich eine der andern so, daß man sie nicht unterscheiden
-konnte, und das Gesellchen hätte gar zu gern gewußt, wer sie seien.
-
-Der Mann sah mit verschränkten Armen den Zug an sich vorüber wallen,
-musterte mit kritischen Augen die weißen Nixenglieder, lächelte
-vertraulich dem schönen Frauenpaar zu. -- Da war es dem Gesellen, als habe
-die eine listig gewinkt, die andere nur milde gelächelt. Aus dem Nebel,
-der sie umwogte, aber tönte das Lied der Hammerschmiedsgesellen:
-
- »Mir könn' dhun, mir könn' treiben, mir könn' loss'n, was mer
- wöll'n!«
-
-»Ja, ja,« nickte der Mann, »wenn's alle Hammerschmiedsgesellen wären!
-Aber doch, kleines Wurm, wissen auch sie nicht genau, gerade wie du
-und alle die andern es gar nicht wissen, wer von den beiden lieben
-Frauenzimmerchen da -- die Wahrheit und welches die Lüge ist.«
-
-Als er das sagte und der kleine Schmiedsgeselle flehend die Arme hob, da
-schauten die beiden herrlichen Frauen zurück -- die eine milde lächelnd:
-
-»_Du_ bist die Wahrheit!« jauchzte der Geselle.
-
-Da hob die andere sachte und ernst den Finger an den Mund. --
-
-Und der Geselle barg das Gesicht in die Hände und weinte.
-
-Als er wieder aufschaute, sah er den Mann vor dem Champagnerkorken stehen
-und Zwiesprache halten mit einem nackten, kleinen Schlingel, der rittlings
-auf dem einen goldenen Pfropfen saß, Bogen und Köcher umgehängt hatte
-und blutrote Pfeile nach allen Richtungen verschoß; sein Krauskopf
-glänzte voll goldener Locken und trotz der Lachgrübchen saßen ein paar
-bitterernste Augen in dem jungen Gesicht.
-
-»Ich bin echt!« sagte er und zielte auf den Gesellen, und dem wurde es
-plötzlich ganz leicht um's Herz. Da lachte der kleine, nackte Bub ein
-tolles, befreiendes Lachen, und der Mann fiel ein, und das Gesellchen
-mußte mitlachen, bis ihm die Thränen aus den Augen liefen.
-
-Dicht hing der Nebel herunter. Die Wolken rieben sich die Fußsohlen an den
-Champagnerkorken. Rauch, schwerer, schwarzer, lichter, semmelblonder stieg
-auf aus allen Schlöten. In der Ferne sah der Geselle einen silbernen
-Streifen, auf dem ein Mövenflügel blitzte. Ein dumpfes Gegroll wogte zu
-ihnen herüber. Ein Amboßschlag dröhnte.
-
-Fest mit den Füßen aufstampfend, ging der wunderliche Mann mit dem
-kleinen Schmiedegesellen viele Stufen hinab, und es klang, als ob jede
-Stufe knurrte:
-
- »Hammerschmiedsg'söll'n -- dhun, was mer wöll'n!«
-
-Unten angekommen, sah der Mann wieder aus wie ein gewöhnlicher
-Europäer, und die Stube, in die sie eintraten, wie eine ganz gewöhnliche
-Kaufmannsstube.
-
-»Hör',« sagte der Mann zu einem andern, der da saß und schrieb, »wir
-müssen die Champagnerpropfen da oben an dem Dach neu vergolden, die hat
-der Nebel ganz blind gemacht.«
-
-Der andere nickte und schrieb weiter.
-
-Der Mann aber sah den kleinen Schmiedegesellen an und zupfte sich an den
-spitzen Oehrchen. Und dann lachten sie.
-
-
-
-
-Druckfehler.
-
-
- Seite 24, Zeile 4 von oben, lies: ~hant~ statt ~hante~.
- " 68, " 3 " " " : Silberflut statt Silberglut.
- " 97, " 15 " " " : Weh _in der_ Welt.
- " 118, " 8 " " " : _ni_mmer statt immer.
- " 122, " 26 " " " : aus _seinen_ Händen.
- " 129, " 10 " " " : _sein_ leuchtendes Auge.
- " 155, " 23 " " " : _drauf_ ritten.
-
-
-
-
-Im _Verlags-Magazin J. Schabelitz_ in _Zürich_ ist erschienen und durch
-alle Buchhandlungen zu beziehen:
-
-
- #Amerikanische Lebensbilder.# Skizzen und Tagebuchblätter. Von _Karl
- Knortz_. -- 2 Mk. = 2 Fr. 50 Cts.
-
- #Eines deutschen Matrosen Nordpolfahrten.# Wilhelm Nindemann's
- Erinnerungen an die Nordpolexpedition der »Polaris« und »Jeanette«.
- Von _Karl Knortz_. -- 70 Pf. = 85 Cts.
-
- #Hamlet und Faust.# Von _Karl Knortz_. -- 1 Mk. = 1 Fr. 25 Cts.
-
- #Irländische Märchen.# Von _Karl Knortz_. -- Mk. 1.60. = 2 Fr.
-
- #Nokomis.# Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer. Von
- _Karl Knortz_. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr.
-
- #Neue Epigramme.# Von _Karl Knortz_. -- 1 Mk. = 1 Fr. 25 Cts.
-
- #Goethe und die Wertherzeit.# Ein Vortrag. Von _Karl Knortz_. Mit dem
- Anhange: Goethe in Amerika. -- 80 Pf. = 1 Fr.
-
- #Grashalme.# Gedichte von _Walt Whitman_. In Auswahl übersetzt von
- _Karl Knortz_ und _T. W. Rolleston_. -- 2 Mk. 50 Pf. = 3 Fr.
-
- #Vom Hudson bis zum goldenen Thor.# Ernste und heitere Erzählungen aus
- dem amerikanischen Leben. Von _Joseph Treumann_. 2 Bände. -- 5 Mk.
- = 6 Fr. 25 Cts.
-
- #Ueberseeische Reisen.# Von _Amand Goegg_. -- 2 Mk. 40 Pf. = 3 Fr.
-
- #Bilder aus den Vereinigten Staaten.# Von ~Dr.~ _J. Richter_. --
- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr.
-
- #Aus dem Reiche des Tantalus.# Alfresco-Skizzen von _W. L. Rosenberg_.
- -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr.
-
- #Zweierlei Hoheit.# Roman von _Juvenalis Minor_. -- 3 Mk. 60 Pf.
- = 4 Fr. 50 Cts.
-
- #Heißes Blut.# Roman aus der französischen Provinz. 2 Theile. Von
- _Hermann Gosseck_. -- 5 Mk. = 6 Fr. 25 Cts.
-
- #Scherben.# Gesammelt vom müden Manne (_Richard Voß_.) Zweite, stark
- vermehrte Auflage. -- 5 Mk. = 6 Fr. 25 Cts.
-
- #Schlimme Geschichten.# Drei Novellen. Von _Gustav Adolf_. --
- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr.
-
- #Ueber Graphologie# oder die Kunst, die Geistes- und
- Gemüthseigenschaften eines Menschen aus seiner Handschrift zu
- erkennen. Von _Fritz Machmer_. -- 2 Mk. = 2 Fr. 50 Cts.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils am Anfang ornamentalen und am
-Ende floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.
-
-Die im Buch enthaltene Verlagswerbung wurde von der Rückseite des vorderen
-Einbanddeckels an das Buchende verschoben.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#.
-
-Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Apollo"
--- "Appollo", "Bacchus" -- "Bacchos", "Höckerweib" -- "Hökerweib",
-"Schmiedegeselle" -- "Schmiedgeselle", "Sonntagkind" -- "Sonntagskind",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
-entsprechend dem Korrekturverzeichnis des Originalbuchs
-
- Seite 24:
- im Original "ich hete in mîne hante gesmogen"
- geändert in "ich hete in mîne hant gesmogen"
-
- Seite 68:
- im Original "In tiefe, rauschende Silberglut"
- geändert in "In tiefe, rauschende Silberflut"
-
- Seite 97:
- im Original "als ob all das Weh in Welt"
- geändert in "als ob all das Weh in der Welt"
-
- Seite 118:
- im Original "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt immer zu Thal"
- geändert in "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal"
-
- Seite 122:
- im Original "aus ihren Händen weg und zu uns"
- geändert in "aus seinen Händen weg und zu uns"
-
- Seite 129:
- im Original "und ein leuchtendes Auge weilt"
- geändert in "und sein leuchtendes Auge weilt"
-
- Seite 155:
- im Original "die Gedanken, die draus ritten"
- geändert in "die Gedanken, die drauf ritten"
-
-und außerdem
-
- Seite 13:
- im Original "wo wollen die vielen Menschen hin die dort"
- geändert in "wo wollen die vielen Menschen hin, die dort"
-
- Seite 25:
- im Original "Flüstern durch den Saal und und ein Beben"
- geändert in "Flüstern durch den Saal und ein Beben"
-
- Seite 39:
- im Original "Weise Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf"
- geändert in "Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf"
-
- Seite 40:
- im Original "wenn ihr die zackigen Blätter"
- geändert in "wenn Ihr die zackigen Blätter"
-
- Seite 45:
- im Original "Cochenille -- Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger"
- geändert in "Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger"
-
- Seite 49:
- im Original "Wohl süß ist es zu singen"
- geändert in "»Wohl süß ist es zu singen"
-
- Seite 56:
- im Original "sieh', doch, da ist das Märchen!"
- geändert in "sieh' doch, da ist das Märchen!"
-
- Seite 56:
- im Original "die Kinder faßten sich bei deu Händen"
- geändert in "die Kinder faßten sich bei den Händen"
-
- Seite 76:
- im Original "den Bäuuen aus dem Wege gehen"
- geändert in "den Bäumen aus dem Wege gehen"
-
- Seite 85:
- im Original "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. 1"
- geändert in "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I"
-
- Seite 108:
- im Original "deren heißes Menschenherz langsam, zu"
- geändert in "deren heißes Menschenherz langsam zu"
-
- Seite 135:
- im Original "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!«"
- geändert in "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!"
-
- Seite 139:
- im Original "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silderfäden"
- geändert in "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden"
-
- Seite 140:
- im Original "dekorierten Flügel und fliegt von dannen"
- geändert in "dekorierten Flügel und fliegt von dannen."
-
- Seite 146:
- im Original "Seele verwandelte sich einen"
- geändert in "Seele verwandelte sich in einen"
-
- Seite 155:
- im Original "finster, beklemmend, Bleiche Gestalten"
- geändert in "finster, beklemmend. Bleiche Gestalten"
-
- Seite 157:
- im Original "Aus dem lichten, ragenden, Schornstein"
- geändert in "Aus dem lichten, ragenden Schornstein"
-
- in der Verlagswerbung:
- im Original "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. = 1 Fr."
- geändert in "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr." ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUSMÄRCHEN ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.