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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 09:12:58 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Venusmärchen - Geschichten aus einer andern Welt - -Authors: Edna Fern - Fernande Richter - -Release Date: December 26, 2021 [eBook #67015] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This file was produced from images - generously made available by The Internet Archive) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUSMÄRCHEN *** - - - - - - Venusmärchen. - - Geschichten aus einer andern Welt. - - - Von - - Edna Fern. - - - [Illustration] - - - Zürich 1899. - - Verlags-Magazin J. Schabelitz. - - - Alle Rechte vorbehalten. - - Druck von J. Schabelitz in Zürich. - - - - - Was ich als Kind einst von der alten Muhme - In märchengrauer Dämmerstund' erlauscht, - Was sonnenhell mir Wind und Wald gerauscht, - Was mir geduftet hat die stille Blume, - - Das wuchs in mir zu einem Heiligtume. -- - Da kam das Leben, wichtig aufgebauscht, - Und hätt' vernünftig thuend gern vertauscht - Das Märchen mir -- zu ernstem Wissens-Ruhme. - - Doch lächelnd ging das Flüchtige vor mir her - Und zeigte mir den Weg aus Tages Enge - Und hob empor mich aus der Welt Gedränge -- - - Der Märchen-Weisheit ewige Wiederkehr, - Die lehrt' es mich. -- Nun nimmt es seinen Lauf - Mild siegend weiter: Nehmt es bei euch auf! -- - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Venus und Madonna 1 - - Der kleine Finger der Venus von Medici 5 - - Der gefesselte Cupido 18 - - Psyche 24 - - Unser Frühling 37 - - Frostiger Frühling 43 - - Das Märchen, das gar nicht kommen wollte 50 - - Klein Hildegard 58 - - Das Märchen, das verloren gegangen war 70 - - In der Gosse 81 - - Sonniger Winter 91 - - Ein Weihnachtsmärchen 99 - - Schneeflocken 108 - - Das Märchen von der weißen Stadt 120 - - Weltausstellung im Walde 130 - - Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden 141 - - Rauch 151 - - - - -Venus und Madonna. - - -Dunkel wölbt sich der Himmel über der Erde, und die Sterne grüßen -einander und winken -- das ist das Flimmern -- fassen einander bei den -Händen und tanzen einen feierlichen Reigen über die unermeßlichen -Himmelsbahnen, und »Seht, wie klar die Milchstraße heute Abend ist!« -sagen sie auf der Erde. -- - -Da löst sich ein großer, glänzender Stern vom Firmament, der hat -funkelnd im kalten Norden gestanden, zieht seine leuchtende Bahn über den -dunkeln Nachthimmel hinweg und fällt zur Erde nieder. -- - -Da löst sich ein anderer, ein flimmernder, unruhiger Stern vom Firmament, -der hat blitzend im Süden gestanden, zieht seine schimmernde Bahn über -den dunkeln Nachthimmel und fällt zur Erde nieder. -- - -Und die beiden schönen Sterne fallen auf die große, weite Erde, in einen -Wald voll mächtiger Bäume, süß duftender Blumen, singender Vögelein, -spielender Tiere. -- Und siehe! da stehen die ersten Menschen, ein Mann -und ein Weib, sie blicken einander an, reichen sich die Hände und küssen -sich. Die beiden vom Himmel gefallenen, Mensch gewordenen Sterne -- sie -sind der Glaube, der Glaube an das Schöne, und die Sehnsucht. -- - -Und wieder und wieder flimmern, zittern, funkeln die Sterne am Himmel. Im -Walde der Ewigkeit ruht das Weib in den Armen des Mannes; und sie gebiert -ihm die Liebe -- das Kind der Sehnsucht und des Glaubens. - -Da aber das schöne Menschenpaar ganz allein im großen, weiten Walde -wohnt, und nichts weiß von dem Gewimmel des Zwergengeschlechtes weit -draußen in der Welt, so wissen sie auch nicht, wen sie wohl zu Gevatter -bitten sollen, als sie ihr Kind, die holde Liebe, mit Himmelstau zu taufen -gedenken. Schon beginnen die Maiglöckchen ein wunderlieblich Geläut, -die Vöglein konzertieren und singen und flöten, und einherziehen -gravitätisch die Tiere des Waldes. - -Das anmutige Reh äugt mit klugen Augen, das Häslein putzt sich, das -Eichhörnchen tanzt, der Dachs lugt hervor aus seinem Versteck, die -Eidechsen und Käfer huschen und jagen, die Schmetterlinge gaukeln um die -Blätterwiege, in der die Liebe ruht -- --, aber niemand ist da, der -das Kindlein tauft, und keine Gevatterin, die Liebe über die Taufe zu -halten. -- - -»Ich,« spricht der Fuchs und kommt geschlichen und streckt sein spitzes -Näschen zur Wiege des Kindes empor, »ich versteh's, das Taufen, bin bei -den Jesuiten in die Lehre gegangen, bin gut katholisch und sehr schlau.« - -»Krah, krah!« krächzt ein großer, schwarzer Kolkrabe, »hier, nehmt -mich! Strengorthodox, schwarz, düster, wie meine Religion.« - -»Vielleicht alttestamentarisch?« fragt höflich ein Eidechslein, -glitzernd von Gold, und dreht und windet sich immer wieder heran. - -»Oder gar freisinnig?« klappert der Storch, spießt nach dem Eidechslein, -kröpft sich und schlägt sehr stolz und freisinnig mit den Flügeln. - -Vater Glaube und Mutter Sehnsucht schütteln die schönen Häupter und -blicken ratlos um sich -- doch sieh! Licht, Sonnenschein überall um sie -her, flutet über Blumen und Vöglein und Tiere hin, und - -»Ich,« spricht der Sonnenstrahl, »will die Liebe taufen. Ich dringe ihr -ins Herz hinein, ich wohne in ihren Augen. In jedem Lächeln ihres Mundes -zittere Sonnenschein, in jeder Bewegung ihrer Glieder herrsche Anmut, -Freude, Wärme.« Und - -»Wir,« klingen sanfte und wunderbar eindringliche Stimmen, »wir wollen -Paten sein.« Zwei Frauengestalten neigen sich zu jeder Seite der Wiege, -in der die Liebe schlummert, so schön, so überirdisch schön, daß Glaube -und Sehnsucht demütig niederknieen. Die wissen nicht, ist es ein und -dieselbe, die zwei Gestalten angenommen hat, oder sind es zwei hehre -Frauen, die da niedergestiegen sind aus den Wolken, die Liebe zu -segnen. Wunderbar ähnlich sind sich die Schwestern, nur trägt die eine -langwallende Gewänder, und sie hält ein lieblich Kindlein fest an -ihr Herz gedrückt, und mild und rein ist das Lächeln ihres Mundes. -Unverhüllt glänzen der andern herrliche Glieder, süß berauschend wirkt -ihre Nähe, und heiße Glut entströmt den Augen. - -Die beugt sich nieder zur Blätterwiege und küßt das schlummernd Kindlein -auf die unschuldigen Lippen, und spricht: - -»Deinen Körper gib hin, o Liebe, und all deine Sinne und jede Fiber -deines Herzens!« - -Da legt die Erste segnend die Hand auf des Kindes Haupt: - -»Deine Seele gib,« hauchte sie, »und Mutterliebe sei dein Glück!« -- - -Und siehe! Aus dem Kinde ist plötzlich ein Weib geworden, himmlisch -schön, wie das Schwesterpaar -- es steht allein in all seiner Pracht auf -der weiten, sonnigen Erde. So zieht die Liebe in die Welt hinaus, das Kind -der Sehnsucht und des Glaubens, keusch wie Madonna, wonnig wie Venus -- und -das Zwergengeschlecht wendet sich ab von ihr, denn es kennt sie nicht. -- -Weiche Lüfte aber wehen und tragen das Elternpaar, das der Welt die Liebe -geboren hat, hinan zum Himmel. Dort, zwischen den Sternen, wohnen nun -wieder die Sehnsucht nach dem Glück und der Glaube an das Schöne. -- - - - - -Der kleine Finger der Venus von Medici. - - -Es war einmal ein Sonntagskind, das wanderte in der Welt umher und suchte --- es wußte selber nicht was. Aber es blieb nicht auf dem schönen, -trockenen, breiten Wege, den schon so viele andere vor ihm gewandelt waren, -sondern mit der, den Kindern eigenen Passion für das Unbequeme, lief -es quer über die Straße, kletterte mühsam über einen großen Stein, -tappste in eine Pfütze, wie es ja deren so viele in der Welt gibt, und als -es erschrocken seine schönen, reinen Füßchen zurückzog, geriet es in -den Straßenkot; da eilte es entsetzt weiter, stolperte auf der anderen -Seite über einen noch größeren Stein und rannte mit dem Magen gegen -eines der eisernen Gitter, die überall in der Welt herumstehen. Nun -hatte vorläufig seine Reise ein Ende. Verdutzt sah es ein Weilchen das -häßliche Gitter an, dann um sich und nun über sich, und es erblickte -eine große, dunkle Wolke, die ballte sich zusammen aus all dem Dampf, der -aus den Häusern, den Fabrikschornsteinen, den Lokomotiven aufstieg, -und zog wie ein Heer Gespenster über den lieben Abendhimmel. Der schien -seltsam bunt drunter hervor -- glührot und rosenfarben und lichtgrau und -blau und zartes Grün -- wie als ob er dem schwarzen Gespensterheer mit -seinen Lichtelfen Trotz zu bieten gedächte. Aber die finstere Riesenwolke -ballt sich immer drohender und trotziger zusammen, und da wird es dem -Sonntagskinde ganz beklommen und bange ums Herz, und es stürzt davon, -durch die Straßen, so schnell es seine Füße tragen können, und über -ihm zieht die Wolke. Da aber verschwindet sie plötzlich, wie fortgeweht, -und das Kind hält inne in seinem tollen Lauf, denn es steht vor einem -goldenen Gitter, hinter dem hohe Bäume herüberwinken und ein süßer, -feiner Duft emporzieht. - -»Ach,« denkt das Sonntagskind, »da drinnen muß es gut sein, ich möchte -ausruhen, denn ich bin sehr müde -- ob ich wohl hineinschlüpfen dürfte? --- Ich will auch ganz leise sein.« - -Kaum hat es das gedacht, so öffnet sich die goldene Thür, sanft, wie -von Feenhand, und das Sonntagskind schleicht vorsichtig hinein, sich noch -einmal bang nach der schwarzen Wolke umschauend. -- Richtig, ganz in weiter -Ferne hängt sie und blickt drohend herüber. - -Nun ist das Sonntagskind drinnen in einem herrlichen Garten. Weg ist seine -Müdigkeit; mit weitgeöffneten, glänzenden Augen wandelt es auf weichen -Wegen unter hohen, ernsthaften Bäumen; mit zitternden Lippen saugt es -süße, berauschende Düfte ein, es lauscht mit Herzklopfen den wonnevollen -Tönen, von denen die Luft ringsum erfüllt ist. Wie tausend Nachtigallen -Gesang klingt es, aber es sind nicht allein die kleinen Vöglein in -den Zweigen, die so liebliche Melodieen erschallen lassen. Nein, -jedes Blättlein, jede Blüte ist wie ein Echo und trägt die weichen, -sehnsüchtigen Nachtigallentöne vieltausendfach weiter. Und all die Blumen --- die Hyacinthen läuten mit ihren Glöckchen »Klingling! Ach, wie wonnig -ist's hier!« und »Dingdang, dingdang!« antwortet die blaue Glockenblume, -»ich läute zur Abendmette der Natur!« -- - -Die hohen, schneeigen Lilien senden ihre schweren, süßen Düfte nach -oben, der sentimentale Jasmin, die neckische Syringe; und die schwermütige -Narcisse wendet ihr weißes Blumengesicht sehnsüchtig dem Monde zu. Denn -Nacht ist's geworden: Millionen blitzender Sterne sehen mit funkelnden -Augen vom Himmel hernieder, und der Mond gleitet mit ruhigem Schein über -den Garten hinweg, so hell und klar, daß das Sonntagskind die vielen -zierlichen Gestalten sehen kann, kleine Elfen und Kobolde, die sich im -Gras zwischen den Blumen tummeln, und die Nixen und Wasserelfen -- auf den -großen, grünen Blättern der Wasserrosen im See kauern sie und lassen -sich schaukelnd hin und her treiben und greifen jauchzend nach dem -glitzernden Sprühregen, den Tritonen im mächtigen Strahl gen Himmel -senden und der, leuchtend wie Diamanten im Mondesglanz, zu ihnen -niederfällt. - -In den lauschigen Ecken und Winkeln der Gebüsche stehen weiße Gestalten --- sind's Menschen? Sie sind nackt, kaum mit einem leichten Flor bekleidet. --- Sie sind schön, himmlisch schön, und das Sonntagskind tritt näher und -faßt Mut, weil sie so gar lieb und gut blicken, und es berührt sie ganz -vorsichtig und leise mit der Hand, streichelt die schönen, nackten Füße -und -- fährt erschrocken zurück, denn eiseskalt sind sie und tot. - -Doch sieh -- bewegen sie sich nicht? Und horch -- hörst Du nicht leises -Kichern, Flüstern, neckisches Lachen -- ach, und klagendes Schluchzen? -- -Die Hand des Sonntagskindes hat sie berührt -- sie leben, die schönen, -marmornen Menschenbilder, das rote, warme Blut rollt durch ihre Adern, -sie lächeln, es bebt ihr Fuß zum Weiterschreiten. Da neigen sie sich vor -ihrer Königin -- die steht in ihrer Mitte, ein wonnevoll Weib, zierlich -treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den -Schoß, die rechte den schneeigen Busen, zur Seite geneigt hält sie das -liebliche Haupt, die holde Venus von Medici -- und nun fassen sie sich bei -den Händen, die herrlichen Göttergestalten und die Elfen und Nixen mit -ihrer weichen, eidechsenhaften Schmiegsamkeit und die komischen Kobolde mit -ihren langen Bärten und listigen Aeuglein und drolligen Bewegungen; sie -tanzen einen zierlichen, wunderlichen Reigen um das Sonntagskind im Kreise, -und sie singen: - -»Bleib' bei uns -- o hier ist's gut sein! Hier ist Schönheit, hier ist -Liebe -- zu süßer Freude wandelt die Lust sich, zu mildem Frieden Angst -und Unruh' -- -- Ach, und der Schmerz, der wild durchtobt des Menschen -Herz -- er löst sich auf in sanftes Klagen, die Sorge wird hier zu Grab' -getragen, und aller Kummer lind gestillt. -- - -»Hörst Du der Nachtigall Gesang? -- So singt die Sehnsucht in Deinem -Herzen. - -»Hörst Du der Blumen Geläut? -- So läuten sie Deine bange Seele zur -Ruh.« - -Und horch! Welch wunderlieblich Geklinge und Gesinge, wie Glockentöne in -weiter Ferne! Näher kommt's -- immer näher -- husch! der lustige -Kreis stiebt auseinander, blitzschnell, wie er gekommen, und vor dem -Sonntagskinde steht eine hehre, schöne Frau, deren zarten Leib umgibt -ein Kleid von Rosenblättern, auf dem wonnesamen Haupt strahlt eine -Sternenkrone, die Flügel des Königsfalters trägt sie an den Schultern, -und ihre Füße wandeln auf Blumen. - -Sie lächelt -- da zittert die Luft vor Freude -- Sie spricht -- da -lauschen Mond und Sterne. -- »Haben sie Dich erschreckt da draußen in der -Welt, Du Menschenkind?« sagt sie, »hat die große, schwere Wolke Dir das -Herz beklemmt und Dir den Atem genommen? Und bist Du zu mir geflüchtet, in -den Garten der Wonne, in mein Königreich, das Reich der Phantasie? -- Ich -wußte es wohl, Ihr Menschenkinder könnt ohne mich nicht bestehen. Da geht -ein lautes Gerede, ein wildes Geschrei durch die Welt: sie brauchen mich -nicht, _nur_ Natur wollen sie, und nur im groben Alltagskleid, nicht -im glänzenden Schmuck, im schimmernden Geschmeid, womit ich sie -überschütte. -- Aber siehst Du, Du Sonntagskind, kommst doch geflüchtet -zu Deiner Trösterin, ohne die Du die Natur nicht ertragen, ohne die Du -nicht leben kannst. -- Und wenn Du wieder hinausziehst, dann sag' es ihnen -draußen in der Welt, was Du geschaut in meinem Reich. -- Ach, gerade -jetzt sollten sie es wissen, wo die dunkle Wolke schwer über den Völkern -schwebt und sie darnieder drückt. - -»_Weißt_ Du, warum gerade jetzt? _Willst_ Du es wissen?« - -Sie blickt um sich und klatscht in die Hände. Und siehe -- ein -wunderlicher Geselle kommt gehüpft, getollt, gesprungen: nackt ist er und -zart von Gliedern, mit schelmischem Mund und ernsthaften Augen, einen Bogen -trägt er in der Hand und einen Köcher mit Pfeilen an der Hüfte. -- -Sah ihn das Sonntagskind nicht dort im Syringengebüsch auf einer Säule -stehen? - -Doch nun -- einen Purzelbaum schlägt er auf dem weichen Gras und ist zum -eisgrauen Männlein geworden, das lustig mit den Aeuglein zwinkert und -allerlei Kapriolen macht, und plötzlich schwebt er in der Luft, so -fein und zart, als sei er aus Mondenschein gewebt, als sei er auf Blumen -geboren, als sei er mit Tautropfen genährt. Und nun wieder trottelt er -daher wie ein kleiner Brummbär und schlägt mit einer Keule um sich, daß -die Nixchen und Elflein entsetzt zur Seite weichen. - -»O, laß die Possen, Du närrischer Kauz,« lächelt Frau Phantasie, -»nimm Deine wahre Gestalt an, mein Gesell« -- da klingelt's wie von -silbernen Glöckchen, die trägt das wunderliche Kerlchen an seiner -Schellenkappe auf dem Haupte, und legt sein Gesicht in ernsthaft-drollige -Falten, hängt seinen Bogen über den Rücken, als gebrauche er ihn nicht -mehr, und schreitet umher mit gravitätischen Schritten. - -»Ist das Deine wahre Gestalt?« Frau Phantasie schüttelt das schöne -Haupt ... »nun, sei es drum. Sieh',« sagt sie zum Sonntagskind gewandt, -»den Mittler zwischen mir und den Menschen. Nenne ihn Amor, Puck, Geist, -wie Du willst; kannst ihn auch Humor heißen, das hört er am liebsten. -Geh' mit ihm -- die Welt soll er Dir zeigen, wie sie uns Göttern -erscheint. An seiner Hand wird es Dich weniger schmerzen.« - -Sie gleitet dahin wie der Mondesstrahl, die hehre Königin, und ihr -nach durch Busch und Zweig, über Blumen und Moos huscht das lose Volk, -Leuchtkäfern gleich, die in Abendluft baden, und in der Ferne tönt -neckisch Gelache. -- - -»Komm',« sagt der närrische Geselle, und schüttelt seine Kappe, daß -die Glöckchen klingen, »reich' mir Deine Hand, armes Sonntagskind. Hab -Dich schon gesehen draußen in der Welt, wie Du über Steine gestolpert -bist und in Pfützen getreten hast. Ja, es ist immer sicherer, auf den -hübsch ausgetretenen Pfaden der Alltäglichkeit zu wandeln, als seinen -eigenen Weg gehen zu wollen. Hast Dich zur rechten Zeit in meiner Mutter -Phantasie Garten gerettet, sonst hättest Du Dir sicher noch einmal an -irgend einem Weltgitter Kopf und Herz eingerannt, Du dummes Sonntagskind, -Du. -- Also ich soll Dir zeigen, wie es in der Welt eigentlich aussieht. -Wohl kann ich Dir's erklären, denn ich treibe mich viel draußen herum. -Einige in der Welt schwärmen für mich, andere sagen, ich sei ein wahrer -Teufel. Wenn ich mit der Schellenkappe klingele, verstehen mich die -Wenigsten; da muß ich oft schon mit der Plumpkeule dreinschlagen, und dann -schreien sie und sagen, ich hätte ihnen weh gethan. -- Komisches Volk, -diese Menschen!« - -Jetzt sind sie am Ende des Gartens angelangt. Eine hohe Mauer scheidet ihn -von der Außenwelt; an der ranken sich wilder Wein und Epheu, und blaue -Clematis hängen hernieder und rote Trompetenblumen, so dicht, daß man von -den rauhen Steinen nichts gewahr wird, wie nur die runden Glasfensterchen, -die hie und da in die Quadern eingefügt sind. - -»Sieh,« sagt der närrische Sohn der Phantasie und reicht dem -Sonntagskind eine große Trompetenblume als Fernrohr, »die ganze Welt -zieht wie die Bilder eines Guckkastens an unsern Fensterchen vorüber. -Mußt aber nicht durch dieses hier sehen, das ist die rosenfarbene Brille, -durch das schauen nur die Faulen, die ihre Gedanken nicht anstrengen mögen --- ~nota bene~, wenn sie welche haben -- und jenes Fenster dort ist gelb -wie der Neid und dieses rot wie Blut, als ob die Welt in Feuer stünde. -Nein, schau hierher -- Clematis und Weinranken haben ein schönes, kleines -Guckloch gebildet, ein Vöglein, das früh morgens zur Sonne singt, hat -sich drüber ein Nestlein gebaut -- _das_ Glas ist klar und wahr wie meiner -Mutter Augen. Komm, Du Sonntagskind, laß mich über Deine Schulter lehnen -und Dir sehen helfen.« - -»Nein, wie ist die Welt klein!« ruft das Sonntagskind verwundert. - -»Nicht wahr?« antwortet der Geselle, »und Du hast sie immer für so -riesengroß und wichtig gehalten.« - -»Und die Menschen -- wie Zwerge! Sieh' nur das Gewimmel!« lacht das -Sonntagskind. - -»Ja, das macht Spaß, die Welt übersehen zu können,« nickt der Geselle -und die Glöckchen an seiner Schellenkappe klingeln dazu. - -Da draußen in der Welt krabbelt's, prustet's, keucht's und läuft und -schiebt und stößt -- die Großen drängen die Kleinen zur Seite, die -Starken schlagen die Schwachen tot, und die Armen wehklagen gen Himmel. -- - -»Wie eilig sie es alle haben!« wundert sich das Sonntagskind. - -»O sieh' nur, sieh' -- den alten Mann, einen Kahlkopf hat er und unterm -Kinn einen grauen Ziegenbart, und die Augenbrauen stehen wie Borsten in die -Höhe und die Augen glitzern gierig darunter hervor. -- Sieh', wie er an -dem Sack zerrt, wie Gold schimmert es durch die Löcher -- er kann ihn kaum -regieren und Angst und Zornesthränen rinnen aus seinen Augen.« - -»Ja, und er trägt rot und weiß gestreifte Hosen und einen blauen Rock,« -sagt Puck, »und er kaut Tabak, und er flucht englisch, wenn die andern -seinem Geldsack zu nahe kommen.« - -»Ach, und jener dort -- mit großen Sprüngen, mit ellenlangen Schritten -setzt er dem kleinen Irrlicht nach, das über Berg und Thal, durch Sumpf -und Morast vor ihm herhüpft, und sieh' nur, wie seine Frau sich anstrengt, -mitzukommen.« - -»Sieh, sie hebt ihre schönen, seidenen Kleider auf, daß sie nicht -schmutzig werden, und patsch! springt sie mit beiden Füßen in die -Wasserlache -- nachher läßt sie die Kleider wieder drüber hängen -- -dann sieht man ihre beschmutzten Füße nicht -- und guck! das Irrlicht -sieht aus wie ein Ordensbändchen.« - -»O, aber hier, wie schrecklich -- sie bücken sich tief zur Erde, damit -andere auf ihre Rücken treten können und weiter schreiten dort hinauf, wo -es so glitzert und gleißt wie von Prunk und Geschmeide. -- Und dort läßt -sich einer schlagen -- ach, geduldig und wehrt sich nicht!« - -»Liebes Kind,« sagt der Gesell, »die sind aus dem Land, wo die Bedienten -gut geraten.« - -»Lieber Gesell -- o siehst Du den Mann dort in der Ferne -- mit bleichen -Lippen, mit rollenden Augen? Siehst Du, wie er mordet und zittert und -flucht und betet, wie er angstvoll sich windet --« - -»Liebes Kind -- der sitzt auf einem Thron, der wackelt hin und her, und er -trägt den Wahnsinn als Krone und als Scepter eine blutrote Brandfackel -- -wenn er die von sich schleudert, dann bebt die Erde von Kanonendonner -und Menschengestöhn -- und ›Väterchen‹ nennt sich der Mann, liebes -Sonntagskind.« - -»Ach, mein Geselle, wo wollen die vielen Menschen hin, die dort mit den -feinen, kostbaren Kleidern angethan, die ein mit Silber beschlagenes Buch -und einen Geldbeutel in den Händen tragen, die, mit den frommen, ergebenen -Gesichtern --« - -»In die Kirche, Du dummes Sonntagskind, auf daß der Prediger ihnen in -tönenden, salbungsvollen Worten die Angst vom Herzen rede. Dann thun sie, -als ob sie's glauben, was er sagt, und gehen neugestärkt nach Hause und -- -leben weiter.« - -»Und siehst Du jene Schar dort, mein Geselle, Ballettänzer scheinen sie -zu sein. Hei! was sie für Sprünge machen! -- Schau, die wunderlichen -Gesten, und wie elegant sie zu posieren verstehen -- dem Publikum eine -rechte Augenweide. Aber doch -- ich glaube sie thun nur so, es ist ihnen -nicht wohl ums Herz -- sie schauen bleich aus, trotz Schminke und Puder. -- -Sag, mir, was sind's für Leute?« - -»Liebes Kind -- Litteraten sind's, moderne aus dem neunzehnten -Jahrhundert, und die barocken Sprünge und eleganten Posen machen sie aus -Angst, um sich und das Publikum d'rüber hinwegzutäuschen.« - -»Und, mein Geselle, sieh' den Mann dort hinter dem Ofen, in Schlafrock -und Pantoffeln, mit langer Pfeife und dem Bierseidel in der Hand. -- Recht -unzufrieden scheint er mir zu sein, er rückt unruhig hin und her -- horch! -er schilt und gebraucht böse Worte.« - -»Ja, liebes Kind -- das Bier schmeckt nicht, und die Kartoffeln sind -mißraten, und die Pfeife qualmt und durch die Schlafrockärmel pfeift -der Wind, und die Pantoffeln sind unbequem. Da hadert er mit seinem -langmütigen Herrgott im Himmel droben, mit dem Brauersknecht, dem Nigger, -dem Schuster und am meisten mit seiner lieben Frau -- und es ist doch nur -die Angst, die ihn in seiner eigenen Haut sich nicht wohl fühlen läßt. --- Ja, und ›Philister‹ nennt man den Mann, liebes Sonntagskind.« - -»Ach, und, mein Geselle, dort jene Hungernden, Darbenden, Elenden, jene -Neidischen, Unzufriedenen, Hassenden, auf was warten sie finstern Auges, -trotziger Stirn, rachsüchtigen Herzens? Und dort jene Ballgeschmückten, -die im Reigen sich drehen! Was ziehen sie in ihren Masken und Flittern -einher, als wollten sie die Freude zu Grabe tragen?« - -Da faßt der Geselle das Sonntagskind bei den Schultern und wendet es ein -wenig zur Seite: - -»Schau dort hinüber, liebes Kind,« sagt er, »sieh' weithin über die -Welt!« - -Da steht auf einem Berge, hoch über dem Gewirr, Gewimmel, Gehast, ein -großes, starkes Weib, das schwingt mit grimmigem Lächeln, mit finsterem -Angesicht eine Peitsche in ihren Händen, deren vielteilige, zackige -Enden zischend über die ganze Welt hinsausen -- und hohnlachend sieht das -Riesenweib, wie die Menschen angstvoll zusammenfahren und bei jedem Schlage -noch verwirrter durcheinander rennen. - -»Die Wolke, die große Wolke!« ruft das Sonntagskind entsetzt, »siehst -Du, wie sie über die Welt hinfährt? Hörst Du sie zischen und brausen? -Das ist sie, die mich so erschreckt!« - -»Ja,« antwortet der neben ihm und richtet sich auf zu voller Höhe und -seine Augen blitzen. - -»Das ist die Wolke -- das ist die große Angst, die schwer auf der Welt -liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem, -das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. -- Wird -es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern --- oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der -Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und -wagen kaum, tief Atem zu holen.« - -»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst -zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte -anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das -Sonntagskind schüchtern. - -»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine -Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur -haben sie es vergessen. -- -- All die große, schwere Angst der Völker -würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an --- den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.« - -»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit -großen, verwunderten Augen. - -»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die -Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch, -von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken -Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des -Mondes Strahl dringt doch hindurch -- oder ist es das schöne Weib dort, -das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden, -weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen -- zierlich treten ihre -schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß, -die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser -rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt -hält sie das schöne Haupt -- lauscht sie? -- - -Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der -Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine -Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände: - -»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll -geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein -Uebermut gestürzt hat -- Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer -demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer -geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden -kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen -- zeig' -ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.« - -Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,« -sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen -gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn -ein wenig -- dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne. - -»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens -- -himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!« - -»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die -Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei -und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die -Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und -die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen. - -»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die -Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind -- die -Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie, -so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.« - -Und mit immer länger werdenden Schritten, riesengroß anwachsend, ist er -im Mondenlicht verschwunden. - -Dem Sonntagskinde aber hat die Venus gelächelt -- tiefer Friede deckt -seine schweren Augenlider. - -Hell scheint die Sonne ihm ins Angesicht, es steht auf, schaut verwundert -um sich -- dann erhebt es seine rechte Hand und schüttelt mit dem kleinen -Finger ein wenig im Ohr -- es lauscht -- eine Lerche steigt jubelnd gen -Himmel -- und in ganz weiter, weiter Ferne hängt ein dunkles Wölkchen am -Horizont. - - - - -Der gefesselte Cupido. - - -Eines Tages saß Cupido -- ich meine nicht den patentierten, -konzessionierten Heiratsvermittler und Rechenmeister des neunzehnten -Jahrhunderts, sondern das liebe, mutwillige Bübchen, von dem Anacreon -erzählt und Goethe in seiner »Brautnacht« --, der saß eines Tages im -Olymp und langweilte sich. Er hatte zwar eben erst allerlei Schabernack -verübt, hatte sogar dem Vater Zeus einen Brand-Pfeil ins Herz gesandt, -so daß er nicht wußte, nach welcher hübschen Erdentochter er zuerst -schmachten sollte, hatte versucht, die lange Artemis anzuschießen, aber -vergebens, ebenso die Athene; und aus Rache dafür, daß sie ihm ihren -kolossalen Minervaschild vorhielt, zupfte er ihre Eulen, die sie just -fütterte, am Schwanz, so daß sie entrüstet »Huhu« sagten. Tante -Juno hatte ihm sehr energisch auf die Finger geklopft, als er den Nymphen -allerlei süße Dummheiten ins Ohr flüsterte und schließlich sogar den -Dienerinnen der Vesta nachstellte; da war er zu seiner holdseligen Mutter -Aphrodite geflüchtet, und sie breitete ihm sehnsüchtig die Arme entgegen, -und schwirr, da flog der Pfeil und stak ihr im Herzen. Der böse, liebe -Junge -- aber Aphrodite lächelte -- sie war's ja gewohnt! -- Nun saß -Cupido auf einer Wolke und bammelte mit den Beinchen und guckte zur Erde -hinab und langweilte sich. Da kam Hermes daher geflogen, der hatte irgend -einer Schönen im Auftrage des Vaters Zeus eine Düte Ambrosia gebracht -und dafür ein Stelldichein verabredet. Er mochte den Cupido gut leiden und -hockte sich ein wenig zum Ausruhen neben ihn. - -»Du -- weißt Du, was sie da unten mit Dir gemacht haben?« fragte er ihn. - -»Nee -- was denn?« - -»Erst 'mal haben sie Dich riesig elegant angezogen, im schwarzen Frack -und Cylinder, und sie sagen, Du hießest gar nicht Amor, sondern Puck; und -außerdem wäre es unanständig, wenn man nackt ginge. Und dann haben sie -Dir eine große Brille aufgesetzt, weil Du blind wärest, sagten sie und -haben Dir Deinen Köcher mit Goldstücken statt mit Pfeilen gefüllt, das -zöge besser, sagten sie, und haben Dir statt eines Bogens ein Tintenfaß -in die Hand gegeben und Dir eine Feder hinters Ohr gesteckt, damit Du -gleich die Ehekontrakte ausschreiben könntest, sagten sie, und wenn Du -doch 'mal ganz splitterfadennackt, ganz natürlich, ohne alle Zuthaten zu -ihnen kommen wolltest -- sie möchten Dich eigentlich ganz gern so, sagten -sie -- dann müßtest Du aber durchs Hinterthürchen schlüpfen, damit dich -ja auch keiner sähe, denn sonst genierten sie sich, sagten sie.« - -»Beim heiligen Kriegsungewitter!« fluchte Cupido -- »das ist ja eine -ganz urweltliche Bande!« - -»Hör' nur weiter -- es kommt noch besser. Da hat sich einer -- so'n ganz -vertrocknetes Kerlchen mit einer Brille auf der Nase, auf einen hohen -Stuhl gesetzt, und hat mit dem Finger -- weißt Du, mit so einem langen -knöcherigen -- auf den Tisch geklopft und hat gesagt: Es gäbe Dich -gar nicht, Du wärest eine Mythe, und die Liebe, das wäre eine -Nervenaufregung, die leicht in Irrsinn übergehen könnte, und deshalb -hätten die weisen Männer Gesetze gemacht, nach denen die Gefühle -geregelt würden.« - -Da sprang aber Cupido in die Höhe: - -»Heilige Mutter Aphrodite! Gesetze? Für mich? -- Na -- das möchte ich -mal sehen. -- Liebster, bester Hermes, geh' -- sattle mir schnell den -blanken Stern da, ich will hinunterreiten, das muß ich mir aus nächster -Nähe betrachten!« - -Und da saß er schon auf seinem glänzenden Stern und fuhr hinab, und auf -der Erde sagten sie: Da fällt eine Sternschnuppe. - -Es kam aber dem Cupido furchtbar kalt vor im neunzehnten Jahrhundert, -obwohl es im August war, wo die meisten Sternschnuppen fallen, und bei -Sonnenaufgang fror es ihn ganz erbärmlich, trotz des Umschlagetuches, das -ihm das alte Hökerweib geschenkt hatte. Die saß schon am ganz frühen -Morgen mit ihren Körben auf dem Markte, und wie sie den nackten, kleinen -Gesellen daherkommen sah, da wurde es ihr so weich und sehnsüchtig ums -Herz, sie meinte, es wäre Mitleid -- es war aber die Erinnerung: sie -sah sich wieder jung und hübsch, sie war beim Tanz unter der Linde, der -schönste Bursche schwang sie im Reigen -- heißa! -- hoch in die Luft, -daß die Röcke flogen, und dann küßte er sie. Und da machte sie die -Augen auf, und vor ihr stand wieder der drollige kleine Junge. Der nahm -das Höckerweib frischweg beim Kopf und gab ihr einen Kuß für das -Umschlagetüchelchen, das sie ihm gegen die Kälte geschenkt, und die Alte -faltete die Hände und träumte von ihrer Jugend. -- -- Den Cupido fror es -aber doch an den nackten Beinchen, und er dachte: »Ich will doch sehen, ob -ich nicht irgendwo hineinschlüpfen kann und mich wärmen.« - -Doch da kam er schön an. - -»Was willst Du hier?« fuhren sie ihn im ersten Hause an -- »Du bist so -unbequem -- mach', daß Du fortkommst!« Im zweiten öffneten ihm zwei alte -Jungfern die Thür, liefen kreischend davon und schrieen: - -»Hülfe -- ein Sansculotte -- er hat nichts an!« Und der dicke Mops saß -auf dem Sofa und bellte ihm nach. Im dritten Hause fragten sie höflich -verwundert: »Was wollen Sie hier? Wir sind ja verheiratet.« - -Im vierten hielten sie ihm einen Ehekontrakt unter die Nase, und im -fünften sprachen sie von Gesetzen und -- da wurde Cupido böse und sagte: - -»Wartet, ich will Euch! Ihr wollt mich hier verleugnen? Bei unserer lieben -Frau von Milo -- Ihr sollt es büßen!« Er schwang sich in die Lüfte, -spannte den Bogen, und -- huidi! -- da schwirrten die Pfeile! Er schoß -blindlings drauf los, ganz einerlei, ob nach Grundsatz oder Gesetz -- aber -sie trafen. Und nun gab es eine heillose Verwirrung unter den Menschen; sie -hatten geglaubt, den Liebesgott hinwegspotten und -klügeln zu können, -und da war er plötzlich mitten unter ihnen und sie duckten sich, bange, -wehklagend und nach Hülfe wimmernd. -- Da ist ein Mägdlein gekommen. Wie -Cupido das erblickte, verschwand der Zorn aus seinem Angesicht, lächelnd -sah er es an -- und wählte seinen allerschönsten Pfeil, mit dem er -schon einmal seine holde Mutter geritzt hatte. -- Es war aber ein trotzig -Mägdelein. Keck schauten die Augen in die Welt hinein und sein roter Mund -sagte: - - »Was frag' ich nach Liebe? - Mir liegt's nicht im Sinn! - Wohl hab' ich ein Herzel -- - Doch pocht es nicht drinn! - Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: - Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt! - - Zwar hab' ich ein Mündlein - Und seht nur -- wie rot! - Und ach -- wie kann's lachen -- - Das macht Euch viel Not! - Doch daß Ihr's nur wißt, doch daß Ihr's nur wißt: - Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!« - -Horch! -- da schwirrt es und singt und klingt! Und sieh' -- da steckt der -Pfeil in der schönen, weißen Mädchenbrust -- - -Das trotzige Mägdelein hat mit der Hand ans Herze gegriffen, ist glührot -geworden, ist scheu davon geschlichen. Aus der Ferne tönt es: - - »Nun frag' ich nach Liebe -- - Nun trag' ich's im Sinn! - Nun fühl' ich mein Herze! -- - Es pocht so darin!« - -Und Cupido lauscht, biegt sich vor und lächelt, blinkt mit den -Schelmenaugen, hebt deutend das weiße Fingerchen, und spitzbübisch singt -er ihr nach: - - »Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: - Just hat sie der Liebste, der Liebste geküßt!« -- - - * * * * * - -Gerade da kam ein Mann des Weges gegangen, der war ein Sonntagskind, der -konnte schauen, was andern verborgen war -- der hat den kleinen, herzigen -Schlingel stehen sehen, wie er dem trotzigen Mägdelein nachgehöhnt hat. -»So sollst du ewig sein!« sagte er. - -Cupido aber ist ihm entgegengehüpft, denn der Mann war ein Künstler, und -die Künstler stehen auf gar vertrautem Fuße mit all dem lustigen, -alten Göttergesindel -- er ist geduldig mit ihm gegangen und hat sich in -marmorne Fesseln schlagen lassen. Und so steht er da in der ganzen Pracht -seiner Schönheit, ein wenig nach vorn geneigt, das süße Schelmengesicht -voll Sonnenschein, das Fingerchen erhoben und deutet auf euch, die er -euch eben mitten ins Herz getroffen hat -- und lachend klingt's von seinen -Schelmenlippen: - - »Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: - Nun wird die Liebste vom Liebsten geküßt!« - - - - -Psyche. - - - »~Ich saz ûf eime steine, - und dahte bein mit beine: - dar ûf sazt ich den ellenbogen: - ich hete in mîne hant gesmogen - daz kinne und ein mîn wange~,« - -sagt Walter von der Vogelweide. So sitze ich im Gips-Museum und träume vor -mich hin und lasse mir von Antinous verliebte Blicke zuwerfen. - -O, Du Abbild erster, toller, süßer Liebe! - -Erste Liebe -- wo man liebt, ich möchte sagen, um zu lieben, um sein eigen -Herz einmal pochen zu hören, um voll Seligkeit zu verzweifeln, und weinend -zu jubeln -- wo ein liebes Auge, eine schöne Gestalt, ein lustig-gutes -Lachen, einem vollauf Grund genug zum Lieben scheint. - -Später freilich, dann, meine ich, wenn die wahre, einzige, ewige Liebe -über einen kommt, wenn man mit vollem Verstande, mit ganzer Ueberlegung, -mit festem Willen liebt, dann -- ja, dann verlangt man freilich mehr, wie -Du, schöner Antinous, bieten kannst. - -Sieh', der letzte, warme Sonnenstrahl hängt aufleuchtend, zögernd an -seinem holden Antlitze. - -Er lächelt. -- -- - -Der Faun da hinter ihm guckt schelmisch um die Ecke: »Reizender Bengel! -Nicht wahr?« grinst er vergnügt, und die zwölf Apostel am Sarge des -heiligen Sebald schüttelten vorwurfsvoll ihre bärtigen Häupter. Warum, -o meine hochverehrten Herren, begaben Sie sich auch in diese -heidnisch-vergnügte Gesellschaft? Wird es Ihnen nicht ganz sonderbar zu -Mute? - -Es geht ein wunderlich Flüstern durch den Saal und ein Beben durch die -nackten, weißen Götter-Menschenleiber. Mir schwimmt es vor den Augen und -mein Herz klopft. Soll ich fliehen? Schnell zur Türe! - -Ah, die ist geschlossen! Sie haben mich vergessen in meiner Ecke hinter den -zwölf Aposteln, und ich bin allein im ganzen Haus -- allein, und doch -in der allerbesten Gesellschaft. Mir ahnt, jetzt wird sich etwas begeben, -etwas wunderlich Liebliches, himmlisch Schönes. Ein seltsames Leben -und Weben zittert in der ganzen Luft, und ich verstecke mich still und -neugierig und warte -- worauf? Ich weiß es selber nicht. - -Doch -- was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb -Seufzer, halb Jubel. -- Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten? --- Sieh' -- sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich -- das Blut -rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn -durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen, -geisterhaft, geheimnisvoll -- das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen -leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. -- Ach, und demütig -beuge ich mein Knie. - -Lautlose Stille. -- Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie -Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es -fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich -viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und -unsere Götterleiber zu kritisieren? -- Sind wir allein? -- Gebt Antwort!« - -Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät, -und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur -ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er -gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von -Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die -krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und -schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu: - -»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh', -frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz -rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir -den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel -hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.« - -Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas -familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um -den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums -herunterblicken kann. - -»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige, -kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter, -stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu. - -»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein -ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und -ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!« - -»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine -Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme, -»hetzt die Hunde auf die Unberufene.« - -»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von -Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge, -aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben -- Lieben und -Geliebtwerden -- erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der -Freude!« - -Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes -Schweigen. - -»Geh', Amorchen,« schmeichelt die tanzende Bacchantin -- war sie nicht -eben noch kopflos? Jetzt trägt sie ein lieblich-übermütiges Haupt auf -dem zierlichen Hälschen. -- - -»Frag' sie einmal: Hast Du Jemanden lieb? Recht von Herzen, recht freudig? -Und wenn sie ›Ja‹ sagt, dann laßt sie nur immer hier. Denkt wohl, ich -sei ein dummes, kleines Ding, aber Amorchen, Du weißt, ich verstehe mich -auf solche Sachen!« - -Und sie dreht sich im Tanz und schüttelt die anmutigen Glieder, daß der -musikalische Faun neben ihr schnell ein lustiges »Klingkling« hören -läßt. -- Da erhebt sich eine Stimme, sanft, wie Windessäuseln, stark, -wie Sturmeswehen und ernst, wie das Grab: Hermes spricht. Majestätisch -ragt sein wunderbares Haupt über die andern hinweg, und seine armen -zertrümmerten Glieder umgibt Würde und Hoheit. - -Götterbote! Glück und Freude, Schmerz und Tod trugst Du hin über alle -Welt! Ich möchte niederknieen vor Dir und Deine ewige Schönheit anbeten -und über Deine verstümmelten Glieder meine armseligen Thränen weinen! - -»Laßt sie gewähren, Ihr Götter,« sprichst Du, und Deine Augen sehen -mich an, milde, verheißend -- »denn ich kenne sie. An ihrer Wiege stand -ich und brachte ihr das Geschenk des himmlischen Vaters, beugte mich über -sie, hauchte es in ihre Stirn, legte die Hand ihr auf's Herz, und da zog es -ein -- und küßte ihren Mund, und da lernte sie lächeln und -- lieben.« -Leise nickt er, und ich möchte weinen. -- - -Horch! Das seltsame Geräusch! Rollend, rasselnd, im Takt sich wiederholend --- dazwischen ein melodisches Pfeifen, ein kunstvoller Schnörkel am -Ausgang des tiefen, rollenden Tones, behaglich einschläfernd klingt's in -seinem rhythmischen Taktfall, seiner ruhigen Gleichmäßigkeit. - -Alle stehen und lauschen -- -- - -Da balanciert der alte, bärtige Silen das Bacchuskindlein geschickt auf -dem einen Arm und deutet mit dem andern lächelnd über die Schulter auf -den Faun hinter ihm, welcher, trunken von Wein und Freude, seine kolossalen -Glieder im tiefen Schlafe dehnt. -- Die kleine Bacchantin bricht in ein -schallendes Gelächter aus: »Der Faun schnarcht! Denkt Euch, er schnarcht! -Zuviel des feurigen Griechenweines hast Du getrunken, Du liederlicher, -großer Gesell Du!« schilt sie und kitzelt ihm neckisch die Fußsohlen. -Der Faun murmelt unverständliche Worte und bewegt die mächtigen Glieder -und versucht den Arm zu erheben. Aber schwer sinkt die Hand auf den -Felsen zurück, auf dem er ruht, und bald tönt wieder sein musikalisches -Schnarchen mit dem lustigen Endschnörkel durch den Saal. -- - -»Heraus aus den Schluchten, aus Klüften und Thälern, kommt hervor -aus den Quellen, huscht flink aus den Bäumen, ihr Nymphen, Dryaden, ihr -schelmischen Mädchen, ihr lustiges Volk! Tanzt, lacht und singt, und -hüpfet und springt! Weckt den faulen Schläfer dort und bittet Bacchos, -den süßen Wein Euch zu reichen!« - -Eine klangvolle, frische Stimme schallt von der Thür her. Diana ist es, -aber nicht die lange Versaillerin: eine liebliche, mädchenhafte Diana, -mit kurzem Röckchen, noch nicht ganz fertig mit der Toilette -- und sie -klatscht in die schlanken Hände, und unsere liebe Frau von Milo lächelt -ihr holdselig zu. - -Nun wird es lebendig um mich her; allüberall aus den Winkeln und Ecken, -die Treppen hinauf, hinunter kommt's gehuscht, geflogen, gekichert. Nackte, -liebliche Mädchengestalten, üppige Weiber, bockshörnige Faune, tapfere -Krieger, die vor Troja gefochten, ernstblickende Römer -- alles wirbelt -lustig durcheinander und sie umtanzen den schlafenden Faun, sie kitzeln -ihm die Seiten und zausen ihm die Haare, sie halten ihm den würzigen -Griechenwein unter die Nase und lachen ihm ein lustig Lachen in die Ohren, -bis er die sehnigen Glieder reckt und streckt -- da steht er mitten unter -ihnen und dreht sich im wilden Reigen. Wie der Jubel sie alle begeistert, -wie die tolle Lust sie hinzieht in ihr Freudenreich! Sieh' den alten -Sokrates -- mühsam kriecht er aus der Verzierung des römischen Sarkophags -heraus, umgeben von den lieblichen Musen; Terpsichore tanzt Ballett, und -da stehen Seneca und Demosthenes und Pindar und Cäsar und viele alte -Kahlköpfe und sehen zu. Mit mächtigem Satz springt der borghesische -Fechter in die Tanzenden hinein, eine weichhäutige Nymphe hoch in die -Lüfte schwingend, die Ringkämpfer lassen ihren Zorn und stimmen in das -fröhliche Gelächter ein; die beiden schlanken Discus-Werfer schleudern -ihre Metallscheibe geschickt über die Köpfe der neun Musen hinweg, -daß die alten Herren entsetzt von ihnen zurückweichen, und mein -schwermütiger, holder Antinous küßt die schwellenden Lippen der -liebetrunkenen, kleinen Bacchantin. - -Majestätisch ernst sehen die drei Parzen vom Parthenon in das Getümmel -und Helios lächelt siegreich von seinem Sonnenwagen hernieder. Frau Venus -steht als Sonnenkönigin mitten unter den Jubelnden in aller Pracht und -lächelt ihrem Volke voll Huld. - -Und die Dichterin Sappho öffnet ihren liederreichen, holdseligen Mund und -flüstert schmachtend: - - »Die Du thronst auf Blumen, o Schaumgeborene, - Tochter Zeus, listsinnende, höre mich rufen!« - -Und da, ach, siehe da -- die kokett verhüllte Göttin der Schamhaftigkeit -sinkt sehnsuchtsvoll in die geöffneten Arme eines kräftigen, -schöngestalteten Fauns. -- Dacht' ich's doch! -- - -Ja, sogar die Tiere stimmen ein in die allgemeine Fröhlichkeit: die -Schlangen des Laokoon lassen ab von ihren Opfern -- des Vaters Stirn -blickt heiter nun, und die sanften Knaben fürchten sich nicht mehr -- -und unterhalten sich mit der Eidechse des schönen Appollo, des -Eidechsentöters, dessen Körper etwas von der Geschmeidigkeit der Lacerte -an sich hat -- und der Panter des Bacchos (der Riesenkater) lauscht -grimmig-herablassend dem Gespräch. - -Doch, was ist das? Fürwahr, eine seltsame Prozession: langsam ziehen sie -einher, im ehrbaren Reigen sich schwingend, gravitätisch-lüstern -die Blicke um sich werfend, und jeder am Arme ein sittsam Dämchen mit -unendlich vielen Kleidern -- zimperlich geschürzt mit geübter Rechten. - -Wahrhaftig, die zwölf Apostel sind's an der St. Sebalds-Kirche und irgend -welche heilige Damen, die hoch oben im Christenhimmel thronen, haben sie -sich zum Heidentanz engagiert. - -So ist's recht! Hebt die Füße, streckt die Arme, hierhin, dorthin, auf -und ab! - -Tanzt lustig den Reigen und dreht Euch im Kreise. -- - -Mitten im zierlichen Tanz stehen die heiligen Weiblein bewundernd vor dem -schönen, nackten Leib des Antinous, dem offenbarenden Mund des -heiligen Johannes entströmen Worte der Begeisterung über die Wunder -der Weibesschönheit, der heilige Paulus seufzt: »Hieße ich -doch noch Saulus!«, und der heilige Petrus rasselt mit den -Himmelsschlüssel-Castagnetten dazu. Und sie schwingen sich im Kreise, daß -die heiligen Gewänder fliegen, die heiligen Bärte wehen und der heilige -Schweiß von den heiligen Stirnen rieselt. -- - -Bim, bim -- bim, bim! Horch! Ein Glöcklein! Das Vesperglöcklein der -St. Sebalds-Kirche. - -Schlaff sinkt der heiligen Schar der Arm, es stockt der Fuß -- starren -Auges schauen sie zur Thür. Da steht eine hagere Mönchsgestalt in brauner -Kutte und winkt mit langem, dürrem Finger und bim, bim, -- bim, bim, -tönt's Glöcklein wieder. Stark wie Riesenarme ist die Macht der -Gewohnheit! Dahin stürzen sie, die lieben Heiligen alle, in atemloser Hast -sich überstürzend, überkugelnd. -- - -»Zur Vesper, zur Vesper!« - -Und der heilige Paulus-Saulus wendet sein bärtig Antlitz: - -»Ueber ein Weilchen werdet Ihr uns nicht mehr sehen, und über ein -Weilchen werdet Ihr uns wiedersehen, wenn -- wir die Vesper gesungen!« - -Ein lustig schallendes »Evoe!« antwortet ihm und -- bim, bim -- bim, bim -tönt's Glöcklein von der St. Sebalds-Kirche. -- -- - -Banges Stöhnen, sanftes Klagen, todesmüde Laute dringen an mein Ohr: - -»Tod, was eilest Du? Nimmer begehr' ich Dein!« dringt's über die -bleichen Lippen des sterbenden Sklaven Michel Angelos, und bang sinken -seine schönen Glieder ineinander. - -»Wohl brannte die heiße Sonne Italiens erbarmungslos auf mich nieder, -wohl sengte sie mir mein Hirn, meine Seele; wohl fühlte ich die scharfe -Peitsche auf meinen nackten Schultern, wohl schnitten mir rauhe Flüche -ins Herz -- aber ich lebte doch, und mit mir die Hoffnung! Bei den -mitleidsvollen Strahlen der Sonne dachte ich an kühle Eichenhaine, beim -Brausen des Sirocco an das Rauschen meines Nordlandmeeres, unter Blüten -und Früchten und ewig blauem Himmel an Eis und Schnee, an Sturm und Regen. -Und wenn die Peitsche des Vogts klatschend auf mich fiel, da -- in meinen -Gedanken -- kühlte lieb Mütterleins Hand ihr Brennen und meines süßen -Liebs Mund küßte mein Herz gesund. -- - -»Tod, zögere noch! Laß mir die Hoffnung, laß mir das Leben! Tod, warum -kommst Du!« -- - -»Stirb doch! Dann bist Du frei!« antwortet ihm eine rauhe Stimme, und -es rasselt wie von Ketten, dumpfes Stöhnen entringt sich der Brust seines -gefesselten Kameraden neben ihm. -- - -»Freiheit, Freiheit! Gib mir Freiheit! Sie haben mich an diesen Felsen -geschmiedet, meine Hände, meine Füße, meinen Leib -- und ohnmächtig -schüttle ich meine Ketten. Und weißt Du, warum sie mich fesselten? -Warum sie mich des höchsten Gutes, der Freiheit, beraubten? Weil sie mich -fürchteten, weil die Angst, die wahnwitzige Todesangst sie dazu trieb. -Weil sie wußten, ich würde den Brand des Aufruhrs in die Welt hinaus -schleudern, würde nicht eher rasten und ruhen, bis ich die alte Erde -vernichtet, zertrümmert, daß eine neue aus ihr entsteht -- gut, rein, -stolz, wie _sie_ sie _nicht_ schaffen können. -- - -»Und darum nehmen sie mir meine Freiheit und werfen mich in Ketten, -schmieden mich an und hohnlachen in mein Gesicht. -- - -»Du allmächtiges Wesen, das Du da oben über den Wolken thronen sollst, -wenn Du mich verstehen kannst, so höre meinen Ruf: - -»Gib mir Freiheit -- oder laß mich sterben! -- -- Keine Antwort -- -ohnmächtig oder grausam bist Du -- denn sieh', stark bin ich noch, und -mein Herz schlägt, mein Kopf denkt noch, rastlos, unermüdlich, und -- -hörst Du's? -- meine Ketten klirren höhnisch, immer weiter, immerzu! -- O -Tod, warum kommst Du nicht!« - --- -- -- -- Lustig Rufen übertönt seine grollende Stimme, -Beifallklatschen, Jauchzen, und dazwischen der Ruf: »Bacchos, Bacchos!« -Und hierher wälzt sich der fröhliche Strom jubelnder Götter und Menschen -und »Dich wollen wir, Bacchos, Gott der Freude, wo weilst Du so lange!« -Sie knieen vor der schönen Jünglingsgestalt mit der berauschend -lieblichen Traube neben ihm, und sie nehmen ihn in ihre starken Arme, -und Nymphen und Göttinnen umschmeicheln, umkosen ihn. Da lassen sie ihn -nieder, auf die Kniee des egyptischen Götzenbildes -- denn das ist leblos -und von Stein geblieben -- und neigen sich huldigend vor ihm. Doch er -erhebt den Arm und deutet mit der Götterhand auf die Marmorgebilde -neuester Zeit, in der Mitte des Saales: - -»Was wollen die unter uns?« fragte er mit zorniger Stimme, »schafft -sie fort -- sie stören mich!« Athene steht neben ihm, die blauäugige, -siegende Göttin; sie hört ihn, sie winkt ihrem Liebling, dem starken, -schnellfüßigen Achill, und der -- - -»Naus da, 'naus da aus dem Haus da! Fort mit dir, Gesindel!« - -Und jubelnd sehen alle, wie Zenobia in voller Kleiderpracht, eine falsche -Oenone, ein paar weichliche Marmorkinder, eine vollbusige, schamlose -Schönheit, zertrümmert die Steintreppe hinunterfliegen. -- Dann aber -neigt sich Achilles voll Anstand vor der Statue des Lincoln mit dem Sklaven -und spricht mit Höflichkeit: - -»Mein Herr, gern mögen Sie unter Heroen weilen, aber Sie werden -begreifen, daß Sie dann auch in voller Heroen-Uniform zu erscheinen haben, -und die möchte Ihnen vielleicht nicht gut stehen. Entschieden aber können -wir in unserm Reich der Schönheit das Untier von Häßlichkeit da zu ihren -Füßen unmöglich dulden.« Und Lincoln verbeugt sich verständnisvoll und -verläßt den Saal. - -Da wankt eine müde Gestalt die Treppe herauf -- einst der Stolz der -Götter, immer die Freude der Menschen -- und läßt sich schwer auf die -Stufen nieder; die starken Schultern beugen sich, der Leib zieht sich -schmerzlich zusammen, ein mächtiges Haupt sitzt plötzlich auf dem starren -Nacken des Herkules-Torso und senkt sich matt, todesmatt; und klagend, -grollend erfüllt eine Stimme den Saal: »Müde bin ich -- endlich! Müde, -der Welt zu dienen, müde, Undank zu ernten, müde, zu lieben, müde, zu -leben -- -- - -Einst lag die Welt schön und gut vor mir, einst hatte ich Lebensmut, -Lebenslust, einst habe ich gekämpft, gestritten, gerungen -- und nun? Nun -bin ich müde und möchte schlafen!« -- -- - -Die starken, trotzigen Glieder sinken zusammen, und das starke Haupt -stützt sich schwer auf den kraftvollen Arm. - -Es nahen sich zwei schlanke, schöne Jünglingsgestalten, eng aneinander -geschmiegt, die Arme verschlungen, und ein mildes Licht strahlt von ihnen -aus. Da legt der eine ernst und leise die Hand auf die müde Stirn des -Herkules -- - -»Schlaf',« sagte er sanft. - -Da senkt der andere still die brennende Fackel zur Erde, daß sie -erlischt -- - -»Ewig,« lächelt er. - -Und voller Ehrfurcht beugt das lustige Göttervolk das Knie und huldigt dem -Toten. -- - -Liebliches Klingen, Singen, Getöne -- ein wunderbar Leuchten, hell, sanft -und mild -- - -Da schwebt etwas die Treppe hernieder, zartduftig, schimmernd in weißer -Pracht -- himmlisch lieblich, lebensvoll schön -- Ach, ich sinke in die -Kniee und blicke zagend zu der göttlichen Gestalt der Medicäerin empor, -denn _sie_ ist es -- Sie kommt zu mir, sie tritt vor mich hin, und ein -wundersames Schauern durchbebt mir Kopf und Herz. Sie neigt ihr holdseliges -Antlitz zu mir, und sie küßt mich auf den Mund, es rinnt wie Feuer durch -meine Glieder. Neben ihr steht ein schöner Jüngling, dem strahlen viele -kostbare Gedanken von der weißen Stirn. Er sieht mich an, ernst und voll -kindlicher Weisheit, und spannt seinen Bogen und zielt gut -- denn der -Pfeil dringt mir mitten ins Herz hinein. Und dann -- bin ich es noch? Lebe -ich? Mir ist's so groß ums Herz -- Sieh', meine Hände! Durchsichtig klar -sind sie, und mein Körper schimmert, wie die der Marmorgestalten -- Ach, -meine Glieder zittern -- -- - -Da faßt Aphrodite mich an der Hand und führt mich den Uebrigen entgegen --- Und Hermes lächelt zu mir: »Psyche, bist Du erstanden?« - -Jubelnd begrüßen mich alle, alle -- und sie heben mich empor zu Nike, der -Göttin des Sieges, und ich schmiege mich an ihren schönen Körper, der -kein Haupt mehr auf ihren Schultern trägt. - -Du schwebst zwischen Himmel und Erde, o hehre Göttin! Thörichte Menschen -schlugen Dir Dein stolzes Haupt ab, engherzige, fromme, nicht denkende -Menschen. Sie sagten: Du dürftest Dein Haupt nicht erheben, mit Deiner -freudigen Stimme die Menschen nicht begeistern, auf daß sie stumpfsinnig -würden, wie jene selber. Ach, Du Göttin, Deine ganze Gestalt, Deine -verstümmelten Arme, Deine stolzen Füße, die leisesten Falten Deines -Gewandes -- Alles spricht Sieg! Sieg über die Finsternis, die Kleinheit, -über freche Gewalt, und fromme Erbärmlichkeit. - -Und sieh', in Deinen Armen hältst Du Psyche, die Seele, die Ewigkeit --- und weit hinaus ragt Ihr, über alles herrscht Ihr, über Götter und -Menschen!« -- -- - -Da, Licht! Es fällt durch die Fenster -- es wird Tag -- -- - -Tiefe Stille -- -- Und ich fahre mit eisiger Hand über meine heiße Stirn --- -- und da stehe ich -- ein armes, sterbliches Kind des nüchternen, -kühlen, praktischen neunzehnten Jahrhunderts. - - - - -Unser Frühling. - - -»Ich bin da -- siehst Du mich?« sagte die Ranunkel zur Sonne, »sieh', -ich glänze -- bin ebenso golden wie Du!« - -Und sie richtete sich in die Höhe, spreizte ihre eigelben -Blütenblättchen auseinander und sah unglaublich frech in die Welt hinein. - -Der Sonnenstrahl aber glitt über sie hinweg, über die Anemonen hin. - -»Ihr seid schöner als die gelbe Blume,« flüsterte er ihnen zu, und sie -erröteten wie junge, bleichsüchtige Mädchen und wurden sehr stolz. - -»Was wollt Ihr hier?« riefen sie den Veilchen entgegen, die frisch und -munter im grünen Röckchen und blauer Blouse anmarschiert kamen. - -»Ihr habt hier nichts zu suchen -- das ist unser Boden.« Aber das -kümmerte das Veilchen gar wenig. Ueberall, wo es Wurzeln fassen konnte, -zwischen Ranunkeln und Anemonen und Kuhblumen, zwischen Moos und Gras, -unter Blättern und Reisig, sogar zwischen den vornehmen, sonderbaren -Frühlingsblumen, die erst vorsichtig einen Blätterregenschirm aufspannen, -damit ihre kleinen weißen Blüten, die sie unten am Stengel tragen, nicht -naß werden -- überall öffnete das Veilchen seine Blauaugen und lächelte -sanft dem Frühling entgegen. - -»Seid Ihr ein exklusives Volk,« sagte der. Er saß mit gekreuzten Beinen -auf einem allmächtig großen Schneckenhaus und hatte eine Blütenkrone auf -dem Haupt und eine Weidengerte mit lustigen Kätzchen daran in der Hand; -er spielte mit einem überjährigen Schneeballen, der irgendwo in einem -Waldwinkel, von der Sonne vergessen, liegen geblieben war, und der schmolz -jetzt und träufelte der Schnecke, die aus ihrem Fenster guckte und -schrecklich große Augen machte, gerade auf die Nase, daß sie entrüstet -ihre Fühlhörner einzog und das Fenster zumachte. Die Schmetterlinge, die -den Frühlingsknaben umgaukelten und wie Blumen aussahen, die von ihren -Stengeln geflogen und auf die Wanderschaft gegangen waren -- gerade wie -unsere sehnsüchtigen Gedanken mitunter -- machten vor Vergnügen die -lustigsten Capriolen in der Luft und schlugen übermütig-hastig mit den -kleinen, bunten Sammetflügeln. »Ihr seid ein exklusives Volk hier im -Walde,« sagte der Frühling, »jede Sippe hockt auf ihrem Fleckchen Erde -für sich und macht scheele Gesichter, kommt ihm ein anderes zu nahe. Und -erst die Bäume -- hier die Eichen, dort die Tannen, drüben die Birken --- die Weiden sind in die Wiese geflüchtet, damit sie's Reich für sich -allein haben, und die Obstbäume wollen erst recht nichts von den andern -wissen. Freilich -- seid auch auf verschiedenem Erdreich groß geworden. --- 'S wär' auch langweilig in der Welt, wär' alles über einen Kamm -geschoren! Und doch -- _Eine_ strahlende Sonne scheint über Euch alle, und -_ein_ gütiger Regen erquickt Euch!« -- Und der Frühling erhob sich -vom Schneckenhaus und schlenderte davon. Gern hätte er die Hände in die -Hosentaschen gesteckt, aber das ging nicht, denn -- er war ganz nackt und -bloß wie die Natur selber, und der Sonnenstrahl strich gleitend vor ihm -her und leuchtete ihm. Pfeifend und singend mit heller Stimme zog der -Frühling durch den Wald; unter seinen Tritten sprossen die Blumen und -sein Lachen -- das war der Frühlingswind, der warme Südwind, der belebend -über die Erde fuhr. Die Vöglein kamen und antworteten mit sehnsüchtigen -Lauten. -- Ueber den Wald hin schallt der starke Weckruf der Blauvögel. -Sieh' -- da blitzt es feuerrot auf -- das ist ein lieblicher Sänger! Und -horch! Hier die rostbraune Drossel -- Hörst Du, was sie sagt? »Tüterlü! -Der Frühling kommt! Siehst Du ihn -- Du, Du, Du, Du!« -- Und: »Komm' zu -mir, komm' zu mir! Zerr -- zeck, zeck, zeck, zeck!« bläst der Zaunkönig -sein Kehlchen auf -- wupp! schlüpft er durch die Hecke, und dahin geht's, -im Lauf, geschwind wie ein Mäuschen. -- Siehst Du den Specht? Weiße -Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf ein tiefrot Käpplein über dem -schlauen, spitzen Näschen -- ist doch gar ein putzig Weschen! Sieh', -wie klug die schwarzen Augen funkeln, sieh' -- wie er mit dem Frühling -Verstecken spielt! Bald an dieser, bald an jener Seite des Stammes -schimmert sein rotes Köpfchen und wirft ihm der Frühling eine Hand voll -Blätter ins Gesicht, die sich schnell an die Zweige anklammern -- hei! Da -sitzt er schon ganz hoch oben im Baum und lugt schelmisch um die Ecke: - - »Pick, -- pick, -- pick, -- pick -- hier find' ich mein Mücklein! - Pick, -- pick, -- pick, -- pick -- hier schlag' ich mein Brücklein, - Von Baum zu Baum über Busch und Strauch -- - Ei, Frühling -- geschwinde! Nun folge Du auch.« - -»Hahaha,« lacht die Spottdrossel wie toll und gleich darauf klingen -langgezogene, friedliche Sehnsuchtslaute aus ihrer Nachtigallenkehle, -daß alle Vögel inne halten und dem Frühling die Thränen aus den Augen -rinnen. - -Wo hört' ich jüngst solch ein Spottdrossellied? -- Weich und schwül --- hohnlachend -- -- war's nicht in meinem Herzen? Ist's nicht das -Menschenherz selber -- in all seinem Leid, all seiner Sehnsucht, all seinem -Haß? -- - -»Sputet Euch,« sagt der Frühling zu den Eichen und schlägt sie -schmeichelnd mit seiner Weidengerte, »Ihr knorrigen Gesellen! Seid zwar -auch _so_ schön mit Euren kuriosen Knorpeln und verdrehten Aesten -- -gerade so knorpelig und verzwickt, wie ein Menschenhirn -- aber wenn Ihr -die zackigen Blätter von Euch spreizt, habe ich Euch noch lieber!« - -Und da sproßten die roten Keime und Blättchen, und nun hatten sie ein -noch wunderlicheres Ansehen, gerade wie ein Schalksnarr, dem die Liebe aus -den Augen guckt. -- - -»Ich,« sagt die Ulme, »ich bin vorgeschritten in der Kultur -- seht, -mein krauses, grünes Gewand ist schon fix und fertig.« -- - -Und der Frühling geht weiter: - -»Sieh', sieh', wie schön steht das maigrüne Kleidchen zu Deiner weißen -Haut, kleine Birke, -- bist fast die Schönste von allen! Alte Tanne« --- er streicht über der Tanne stattliche Haare -- »mußt immer dasselbe -dunkle Kleid tragen jahraus, jahrein -- bist wohl gar neidisch?« - -Aber die Tanne ist unartig, sie streckt dem Frühling und seiner Birke eine -lange, hellgrüne Zunge aus den dunkeln Nadeln heraus und antwortet noch -nicht einmal vor Trotz. - -»Böses, altes Ding Du,« schilt der Frühling, und um sie zu ärgern, -gibt er den Lärchen lauter kleine hellgrüne Federbüsche, kleinen Pinseln -gleich, die tragen sie stolz, wie ein angehender Maler seine Farbenpinsel -in der Brusttasche. -- Horch! Was regt sich hinter dem Tannendickicht? Ein -hübsches, verstecktes Plätzchen -- Taubengegirr, Vogelgesang -- ist's -Windessäuseln, rauschen die Zweige, geheimnis-ahnungsvoll! Leise schleicht -sich der Frühling heran, er verbirgt sich hinter einem Baumstamm -- er -lauscht -- er sieht -- -- - -Menschenkinder sind's, zwei junge, lachende, kosende Menschenkinder, den -ewigen Frühling, die Liebe, im Herzen, in den Augen. -- Sie ruht im -Gras, den Kopf gegen eine Tanne gelehnt, er zu ihren Füßen, den -braunen Lockenkopf in ihrem Schoß -- leises Lachen, halblautes Singen, -abgebrochene, unverständliche Laute -- halbgeflüsterte, halbgeküßte -Liebesworte. -- Glückliche, selige Menschenkinder -- was wißt Ihr -vom brennenden Sommer, vom welkenden Herbst, vom eisigen Winter? -- -Der Frühling streichelt Euch Stirn und Wangen. -- Blondes Mädchen, Du -streichst Dir die Löckchen aus der Stirn und schiltst über den Wind -- -oder den Geliebten, der Dir die Haare zerzaust hat -- und der Sonnenstrahl -küßt Euch und dringt Euch bis ins junge Herz hinein! -- - -Auf leisen, flüchtigen Sohlen eilt der Frühling von dannen: - -»Jetzt muß ich aber auch die Obstbäume anlächeln,« sagt er im raschen -Lauf, »daß sie treiben und blühen und Früchte tragen.« Aber die -waren voreilig gewesen, wie gewöhnlich, hatten nicht auf das Lächeln -des Frühlings gewartet, hatten sogar vergessen, sich erst die Blätter -anzuziehen. -- Da stehen sie in ihren schlohweißen Hemdchen und lächeln -verschämt, ach, und Apfelbäume und Pfirsiche werden ganz rot, als sie den -Frühling kommen sehen, und nur die Birne ruft triumphierend: »Ein paar -grüne Blättchen habe ich schon -- aber Du, Frühling, bist ja ganz -nackt!« Hei, wie sie sich alle schütteln vor Lachen, daß ihr -weicher, duftender Blütenschnee über die grüne Erde hinweht. -- Ganz -überschüttet wird der Frühling; in seinen Locken hängt die duftige -Ueberfülle, um Stirn und Wangen schmeicheln die süßen Boten -- da wird -es ihm ganz weh ums Herz vor Wonne und Jubel, sehnsüchtig breitet er seine -Arme der Geliebten entgegen, der leuchtenden Sonne -- und da wird er zum -Manne -- er vermählt sich mit der Sonnenglut -- und siehe, es war Sommer! - - - - -Frostiger Frühling. - - -Um unsere Blüten sind wir betrogen! -- Im März, als der warme -Sonnenstrahl die erwachende Erde überglänzte, da lag ein rötender Hauch -über den Obstbäumen, licht wie ein rosenfarbenes Wölkchen am Frühhimmel --- heute haben die Birnbäume und die knorrigen Apfelbäume ein festes -grünes Mieder angezogen, aus dem sie stramm und vernünftig herausschauen, -und das Mädchenerröten haben sie längst vergessen. - -Um unsere Blüten sind wir betrogen! -- Hat der Frost sie getötet, -der lauernd über die Erde schlich? Hat unsere schönen Hoffnungen der -Sturmwind verweht? Ist der Regen gekommen auf seinen grauen Rossen, den -Wolken, und hat sie mit seinem gleichförmigen Gedrissel -- patsch! -patsch! Tropfen auf Tropfen, wie die tägliche Langeweile, -- verwaschen, -verknittert, zerblättert? -- - -Nackt stehen die Magnolienbäume im botanischen Garten. Sie, die sonst im -Mai zum Frühlingsreigen in prächtigen Balltoiletten der verwunschenen -Prinzen harrten; sie, die sonst von der Ueberfülle ihrer Schönheit den -neckischen Winden preisgaben, daß die Blütenblätter und ihr Duft die -Luft erfüllte. Heute stehen sie kahl und düster und traurig da, kein -lächelnder Prinz wird um die südliche Schöne werben und der Frühling -hat die Prächtige, Ueppige, Duftende vergessen. -- Da gleitet ein -Sonnenstrahl über die schwarzen, vom Frost geknickten Spitzen der -Magnolien. Es ist, als lächle er. In seinem Flimmer tanzt ein gelber -kleiner Schmetterling, er taucht sich in die vergessene weiße Blüte eines -jungen Birnbaums, der schon winzige Früchte am andern Zweige trägt. Und -da lispeln sie alle heimliche Worte -- horch! - - Zur Blüte sprach der Schmetterling: »Was nützt mir's, daß ich - strahle? - Wenn meinen Schmelz ein Fingerdruck wegwischt mit einemmale?« - Da lachte der Sonnenschein. - - Es sprach die Blüte zum jungen Blatt: »Was nützt mir's, daß ich - blühe? - Wenn ich nach einer Regennacht verblätt're in der Frühe?« - Da lachte der Sonnenschein. - - Es sprach die Frucht zum grünen Baum: »Was nützt mir all mein Süßen? - In meinem Herzen nagt ein Wurm: tot fall' ich Dir zu Füßen.« - Da lachte der Sonnenschein. - - Ich rief wohl in die weite Welt: »Was nützt mir all das Klingen? - Die rauhe Hand, die Nacht, der Wurm -- Ein Sterbelied muß ich singen!« - Da lachte der Sonnenschein. - -Ich folge dem lachenden Sonnenstrahl. Er huscht über die Stiefmütterchen -am Wege, die ihm ihre großen bunten Augen zuwenden, über rote -dickköpfige Tulpen, die sich blähen vor lauter Vornehmheit; er klopft an -die Fenster des Treibhauses: ich bin da, ich bin da! -- Aber was kümmert -das nervöse Volk da drinnen in ihrem überheizten Haus der warme -Sonnenschein? -- Halt! du lockender Strahl! laß mich erst einmal -hineinschauen in die Blumen-Menagerie. Sehnsüchtig sehen die armen -Eingesperrten durch die Glasfenster, und schauern zusammen, wenn die kühle -Frühlingsluft durch die offene Thür sie trifft. Sie fühlen sich wohl in -der heißen, feuchten Luft künstlicher Bildung; einmal ihres heimatlichen -Bodens beraubt, gedeihen sie prächtig in der erstickenden Atmosphäre der -Ueberfeinerung -- oh, und diese höchste Kultur zeitigt bizarre Charaktere: -da die Kaktus mit ihren Stacheln über und über, an denen ein rauhes -Gewebe klebt wie graues Haar; dem bekannten Meergreis gleich, der »in -die Wüste ging und ein Wüstling ward«, frühzeitig gealtert wie unsere -nervös überfütterten Dandys ~fin de siècle~. Protzige Agaven mit -dicken, fleischigen, ausstreckenden Zeigefingern. Cochenille-Kaktus, -unansehnliche, häßliche Dinger, nur dazu gut, daß andere sich von ihnen -nähren -- die kleine, rote Blattlaus, die aus diesem Häßlichen das -Schöne bildet: das leuchtende Cochenille-Rot. Hier die Palmen, groß, -still, erhaben, die Löwen der Blumen-Menagerie. -- Die vielarmigen -Dracänen, die üppig wuchernden Schlinggewächse, die seltsamen stillen -Blumen mit Blättern und Blüten wie aus Wachs geformt, -- gleitet nicht -Scheherezade durch diese schwüle Luft und erzählt Märchen aus Tausend -und einer Nacht unter lispelnden Palmen und großen duftlosen Blumen? -- -Aber dort unter dem First des Glasdaches, dem Licht zustrebend -- dort -liegt es wie glänzend weißer Schnee, besäet mit funkelndem roten -Blutstropfen. »Weiß wie Schnee, rot wie Blut!« Schneewittchen aus -unserem lieben deutschen Märchen nickt hervor aus diesem lieblichen -Blumenmeer und lächelt uns an. Eine Schlingpflanze ist es mit -schwarzgrünen Blättern; sie rankt sich hoch und immer höher dem Himmel -entgegen, der blau durch die Fenster ihres Gefängnisses schimmert und -tausend weiße, stille Blumenherzen wenden sich ihrem Gott, dem Lichte, -zu, und rot und glühend entströmt ihnen ihr Gebet. -- Da öffnet sich die -Thür, der Sonnenstrahl huscht hinein und küßt die roten Blumenlippen, -und winkt mir: Komm, komm! Ich zeig' Dir viel Schönes, wenn auch die -Blüten Dir genommen sind. -- - -Draußen im botanischen Garten glänzen die feingeharkten Kieswege. -Zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten wandeln wohlgepflegte Städterinnen. -Die ordentlichen Blumen auf den ordentlichen Beeten blühen noch nicht; die -ordentlichen Städterinnen haben schon geblüht. Deshalb strömen sie einen -künstlichen, starken Parfüm aus, der schlecht harmoniert mit der süßen, -berauschenden Frühlingsluft. - -»Vorüber, ihr Schafe, vorüber!« singt Goethes Schäfer, als ihm -»gar so weh« wird -- und wir huschen dem Sonnenstrahl nach, aus dem -ordentlichen Garten hinaus, hinter die hohe Mauer, wo die Wildnis anfängt. -Hier ist auch eine Menagerie, die der Bäume. Aber die Wildlinge aus Nord -und Süd haben in dem fremden Boden Wurzel gefaßt, ihn sich angeeignet, -und so gedeihen sie und wachsen und wachsen, als habe die neue Heimat ihnen -die alte ersetzt. -- Was es nicht alles zu sehen gibt unter den fremden -Bäumen: dort, wohin die Tannen nicht mehr gelangen können mit ihren -langen Armen, kriecht kleines, grünes Moos dicht an das Nadelbett heran, -das die Tanne, wie Frau Holle den Schnee, um sich ausgeschüttet; es -blüht, das Moos, mit lauter gelbgrünen Zäckchen, und zwischen den feinen -krausen Spitzen kriechen winzige Insekten, denen der Mooswald wohl so -gewaltig dünkt, wie uns jene blühende Kiefer. O wie blüht die Kiefer! -Ueberall, überall auf den starken Aesten, in den Stacheln verborgen, da -blüht es wie rotes Gold; sieben kleine Goldkätzchen in einem Nest -- und -rührst Du daran mit vorwitzigem Finger, dann rieselt ein feiner, gelber -Blütenstaub in Deine geöffnete Hand. Weich wie ein zartes Kinderbäckchen -berührt dich's, und ein würziger Duft erzählt dir von unendlichen -Kieferwäldern, in denen der Wind singt. - -»Bilde Dir nur nichts ein,« sagt die Nachbarin der Kiefer, die deutsche -Edeltanne, und sie reckt sich kerzengrade, so daß sie noch einen Finger -breit über jene hinweg schaut -- »Du mit Deinem Blühen! Sieh' mich -an: meine Orden, huldvollst verliehen von Sr. rauschenden Majestät dem -Frühling.« -- Und sie klappt ihre Zweige zusammen, daß ein feines -Nadelgeriesel zur Erde fällt. Ueber und über ist sie besäet mit -hellgrünen Knöpfchen, frischen Nadelspitzen, die vergnügt aus dem Dunkel -ihrer Wintertracht hervorblitzen. - -Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete. -Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an -einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; -- ich bin immer die -vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und -nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine -Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der -schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne -Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde -gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los; -ob's Mückchen auch zappelt -- es wird festgehalten bis an sein unseliges -Ende. -- - -Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die -Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die -unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch -und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren- -und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee -und das Bier -- nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird -- ganz -umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein -Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich -rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß, -daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die -ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die -blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft -- -alles umsonst. -- - -Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig -klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick -- pick! hier wetzt es -sein Schnäbelein; husch -- husch! dort jagt es dem Käferchen nach -- und -es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das -nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden -Gekicher ist es davon. -- Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt -ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken -Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst -meck nich? -- sühst Du meck nich? -- Hier bün eck! hier bün eck! lacht -das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein. - -Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und -gleitet vor mir her -- und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich -über mir -- weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer -höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die -Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie -werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit. -Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde -Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein -lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen -Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße -erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen -Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. -- - -Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt -hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in -mein Herz. Es ist Frühling. - - In den Lüften singt es und klingt es -- und -- - - * * * * * - - Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen, - Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« -- - Da lachte der Sonnenschein. - - - - -Das Märchen, das gar nicht kommen wollte. - - -Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine -Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im -Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich, -und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich -war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. -- Während dessen -liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem -Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur -ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen -fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und -zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten -keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu -studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten; -außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche, -die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur -einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs -Volk liefern -- das viele Zeitungspapier -- die werden Euch schon sagen, -was man von dem Märchen zu halten hat. - -Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen: - -»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!« - -Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, -- da wären sie -am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so -gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen -Stück Papier. -- - -»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen -- und dann -guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen -hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen -steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die -Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens): - -»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus -am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon -geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.« - -Da gingen die Kinder nach dem andern Gelehrten, der war sehr freundlich, -tätschelte ihre blonden Köpfe und sagte: sie sollten nur wieder hingehen --- das sei Alles in schönster Ordnung. -- Dann nahm er des ersten Zeitung -und schnitt da ein Stück heraus, aber so, daß der Anfang fehlte und man -nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, und druckte es in seine -eigene Litteratursammlung hinein, und dann stand da zu lesen: Dieses -ist für die Kinder durchaus schädlich. Es verleitet sie zum Lügen -und könnte Veranlassung geben, daß sie sogar Phantasie bekämen. -- In -unserem heutigen realistischen Zeitalter ist es nicht angebracht, und -der Konflikt zwischen Konservativismus und Modernität wird immer wieder -aufgefrischt. -- - -Aber davon verstanden der kleine Junge und das kleine Mädchen gar nichts; -ganz traurig gingen sie wieder fort und suchten immer noch nach dem -Märchen, das gar nicht kommen wollte. Sie hauchten ein Guckloch in die -Eisblumen am Fenster, ob es vielleicht außen davor säße; wie der Schnee -mit geheimnisvollem Sausen vom Dache rutschte, öffneten sie das Fenster -und dachten, nun käme es ganz weiß hereingeflogen, und wie die Sonne -anfing zu scheinen, liefen sie hinter den Sonnenstrahlen her, um sie zu -haschen, denn sie meinten, das sei es nun; und dann schlichen sie auf den -Zehenspitzen ans Fenster, wo die großen, weißen Hyacinthen standen -und dufteten, und guckten zu, ob es vielleicht in einer der stillen -Blütenglocken zur Ruhe gegangen sei. - -Aber das Märchen wollte und wollte nicht kommen. Und unterdessen war es in -der Welt immer noch kalt und grau und trostlos. Die Menschen hasteten und -jagten und trieben einander und machten lauter dummes Zeug. Es war eine -häßliche Welt und häßliche Menschen darin, die sich viel Leides thaten, -und die beiden Kinder dachten oft, ob denn das Märchen noch immer nicht -kommen wollte und Ordnung schaffen und die Welt wieder gut und schön -machen. - -Da kam eines Tages der Südwind daher gefahren. Er stieg von den Bergen -hernieder, daß die Lawinen donnernd vor ihm niederkrachten; er jagte das -Eis auf den Flüssen vor sich her, daß es sich bog und knackte und schrie; -er pfiff durch die Tannenwälder, daß die Nadeln den alten Fichten um die -Ohren sausten, und knickte die dürren Aeste der Wälder, daß Platz wurde -für die jungen, neuen Triebe. Die Wolken trieb er vor sich her -- runde, -regenschwere Wolken, in wilder Jagd; sie drängten und schoben sich und -sprangen einander auf den Rücken, wie die Buben, wenn sie Haschen spielen. -Dann stob er in die Stadt mit wildem Jauchzen und Getöse; er blies in die -Kamine hinein, wie in ein Sprachrohr, und trieb Schabernack mit des Petrus -goldnem Hahn auf der Kirchturmspitze; er deckte die Dächer ab und guckte -den Leuten in die Häuser und blies sie an, daß es den dummen Menschen -angst und bange wurde. Ja, er fuhr sogar dem König um die Nase, als der -just vor seinem Königreiche stand und, die Hände in den Hosentaschen, -darüber nachdachte, wie sein Volk ihn wohl wieder einmal beglücken -könne; und er warf ihm sein Reichsaushängeschild gerade vor der Nase -herunter, so daß der König sich entrüstet umdrehte und in sein Reich -hineinging und die Thür zuwarf, daß es krachte. - -Aber der Wind lachte nur: »Puh! wenn ich nur wollte, dann brauste ich Dich -mit samt Deinem Königreich von der Erde hinweg, wie einen Strohhalm -- -aber ich will nicht! -- Bist mir viel zu klein, du Königlein!« -- - -Und dann warf er ein paar ehrsamen Bürgern, die des Weges kamen, die -blanken Cylinder von den gedankenschweren Häuptern, als wolle er sehen, -was in den Köpfen stecke; und wehte ein paar schlanken Jungfräulein die -langen Kleider eng um die schönen Glieder und freute sich darüber, -der wilde Geselle, wie die kleinen Frauenfüße so tapfer gegen ihn -ankämpften. - -Mit lustigem Gekicher fuhr er zu den Wolken auf und spielte Fangball mit -ihnen; die Wolken fangen an zu weinen und dann fällt ein weicher, warmer, -feiner Frühlingsregen auf die Erde nieder, eine zarte, graue Nebeldecke -breitet sich über die Welt aus, und unter dieser dampfenden feuchtwarmen -Decke da geht der Sturmwind zur Ruhe. - -Dort im Wald, in dem Astloch der großen Eiche regt sich etwas, das ist -das Märchen; das ist aufgewacht von des Südwinds wildem Gesang und merkt, -daß es nun Zeit ist, aufzustehen. Es gähnt noch einmal recht herzhaft und -reckt und plustert sich wie ein Vögelein im Nest; dann schiebt es erst -das eine rosige Füßchen heraus und dann das andere, dann gähnt es noch -einmal, und nun breitet es seine sammetenen Schmetterlingsflügel aus und -fliegt zur Erde nieder. Da leuchtet mit einemmal eine große, glänzende -Sonne durch den Nebel, und nun kann man erst sehen, was für ein -niedliches Märchen es ist. Es ist sehr klein und fein, hat schöne, -weiße Gliederchen und große, dunkelblaue Stiefmütterchenaugen und die -schönsten goldnen Haare von der Welt, die glänzen in der Sonne wie das -rote Gold, das die Schlangenkönigin bewacht; auf dem Köpfchen trägt es -eine blaue Glockenblume, die macht ein sanftes Geläute, wo das Märchen -geht und steht. - -Es mußte wohl von dem Getön und Geklinge sein, daß plötzlich alles -lebendig wurde im Wald, daß die Vögelein ein artig Konzertieren begannen -und die Blumen -- die Krokus und Anemonen und Schneeglöckchen und wie sie -alle heißen -- aus der Erde sprangen, wie kleine, weißhäutige Kobolde, -und ein duftiger Reigen begann in Wald und Flur. Ei! wie es die Bäume da -eilig hatten, ihr neues grünes Kleid anzulegen, und wie die alten Tannen -die spitzen, gelbgrünen Finger ausstreckten, als wollten sie sich auch -so ein grasgrünes Flörchen erhaschen. Am Waldteich der alte Erlenstumpf -sagte zu seinen grünen Jungen, die ihn dicht umstanden: - -»Reckt Euch in die Höhe, Jungens, damit das Märchen nicht sieht, wie alt -und vertrocknet ich bin.« - -Aber im Teich erhob sich plötzlich ein lautes Gequake und Gejohle. Das -waren die Frösche, die hielten einen Froschvolks-Thing ab und wollten -sich eine neue Verfassung gründen; sie sprachen sehr ernsthaft über -Kaulquappenerziehung, Schulvorlagen und Militärbudgets, und daß der -Storch und der Reiher von jetzt an unter froschlicher Oberhoheit stehen -sollten; und ein noch ganz grünes Fröschlein aus dem vornehmen Geschlecht -derer von Ochsenfrosch wollte immer alles besser wissen und durchaus einen -ganz uralten Kurs als das Neueste einführen im Froschteich. - -Es war wirklich sehr interessant, und es war gar nicht recht, daß der -Weidenbaum am Ufer plötzlich anfing zu jauchzen und zu lachen und zu -spotten, und sich geberdete, als hätte er zu viel Blütenwein getrunken. -Die gebildeten Frösche kamen ganz ärgerlich ans Ufer und glotzten ihn an, -und der tolle Geselle, dem die buschigen, hellgrünen Weidenkätzchen von -seiner Narrenkappe herunterbaumelten, schnitt höhnisch eine Fratze und -spreizte seine vielen grauen Finger von sich und hielt eine lange Rede, von -der die Frösche kein Wort verstanden; denn er sprach von Blütenwein und -Trunkenheit und Auferstehung und Frühlingsduft und Märchenaugen -- und -schloß mit: - -»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und wahrlich, ich sage Euch, -so Ihr nicht werdet wie sie, so könnet Ihr nimmer in den Frühling -eingehen!« - -Hei! Da begann ein Geschelte und Gequake, ein Koaxkoax und Brekekekex, -daß die Vöglein in der Luft im Fliegen innehielten und verwundert zum -Waldteich herniederschauten. Und der Weidenbusch verbeugte sich lächelnd -nach allen Seiten und schüttelte seine Kätzchen lustig durcheinander und -sagte: - -»Verehrte Anwesende, ich glaube verstanden zu haben, daß Sie -mir vollständig beistimmen; und da oben kommt Se. Excellenz, der -Generalfeldmarschall Graf Storch, angeflogen, der wird Ihnen --« - -Quack! sagten die Frösche und tauchten unter, und lange herrschte -Totenstille im Teich, bis sie merkten, daß der tolle Weidenbusch sie -genasführt hatte; dann begann zögernd erst die eine Stimme und dann eine -zweite, und der grasgrüne Froschjüngling sagte: Kroax! und seine Base, -die gelehrte und tiefsinnige Schriftstellerin von Unke, antwortete: -P--unkt--um! -- und bald war der hochweise Disput mit These und Antithese -wieder im schönsten Gange. - -Das Märchen aber nickte lächelnd zum Weidenbusch hinüber und warf -Kußhändchen nach allen Seiten, dann flog es schnurstracks durch den -grünenden, blühenden, duftenden Wald, über Felder und Gärten, in die -Stadt, in das Haus, in die Stube hinein, wo der kleine Junge und das kleine -Mädchen auf dem Fußschemel saßen und aufmerksam zuhörten, wie die -Märchenmuhme ihnen die Geschichte von den Löwen- und den Bärenkindern -erzählte, und als sie gerade sagte: »Die Bärenkinder aber waren so -schrecklich unartig« -- da rief der kleine Junge: - -»Sieh', -- sieh' doch, da ist das Märchen!« - -Und das kleine Mädchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das -Märchen! das Märchen!« - -Und wirklich, da stand das Märchen auf der Thürschwelle, seine Augen -leuchteten, seine Haare glänzten wie die Sonne, und dann nickte und winkte -es ihnen; die Kinder faßten sich bei den Händen, sprangen zur Thür -hinaus, hinter ihm her und riefen und sangen immerfort: - -»Das Märchen! Da ist das Märchen, das gar nicht kommen wollte!« - -Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar -nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter -dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch -die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen -aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und -lachten und sagten: - -»Ach, das ist ja ein Schmetterling, der heißt --« und dann nannten sie -einen langen, lateinischen Namen. Und andere sprachen: - -»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden. -Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich -wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.« - -Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten --- sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein -- da -tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren -mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus -Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen -Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und -weiter segelten. - -Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche -Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues -Mütterlein, und dann -- ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine -Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der -Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im -Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig -und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den -singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind. - -Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden -größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich -auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und -Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und -endlich, endlich doch gekommen war. -- -- - - - - -Klein Hildegard. - - - Klein Hildegard wollte zur Schule gehn, - Da blieb am Walde sie sinnend stehn; - Der sah sie mit winkenden Augen an, - Die Vöglein lockten aus dem Tann: - »Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier, - Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir - Von Elfenkönigs goldenem Thor - Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr; - Wir singen Dir von des Nixen Spiel -- - Tief unten im Wasser, da weint er so viel. - Wir streuen Dir duftende Blumen umher, - Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.« - -- Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf - Und schickt sich wieder an zum Lauf: - »Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht, - »Im Walde spielen, das darfst Du nicht!« - Da fällt, plumps! von dem Tannenast - Ein Zapfen auf das Näschen fast: - »Au! böse Tanne!« schilt das Kind, - »Bist unartig, wie Kinder sind! - Willst mir wohl gar was sagen, gelt? -- - Ei nun, so rede, wenn's gefällt!« - Lieb schmiegt klein Hilde sich heran - Zum rauhen Stamm der alten Tann. - Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot -- - Ja, Sonntagskinder machen viel Not. -- - Vom Tannenbaum fall'n -- tip, tip, tap, - Die würz'gen Nadeln sacht herab. - Und, wie sie rieseln, wie sie fallen, - Hört Hilde Stimmchen draus erschallen, - Die lullen's Kindchen kosend ein - In seltsamliche Träumerein; - »Zur Schule geh', mein liebes Kind, - Doch da nicht, wo die andern sind. - Geh' Du zur Schule in dem Wald; - Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald. - Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn, - Was Bäume rauschen und Blüten verwehn; - Warum am ewigen Himmelszelt - Die Wolken ziehen über die Welt; - Was Blumen duften, Vöglein singen, - Was Bächlein murmeln, Stürme klingen -- -- - Was unsere ganze schöne Welt, - Die kunterbunte, zusammenhält -- -- -- - Horch nur auf jedes Gezirpe fein, - So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.« - So spricht im Walde die alte Tann', - Und Hilde hält den Atem an, - Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen. - Dann wandert lustig sie von hinnen. - - Es grüßen Blumen von allen Seiten, - Und Hilde nickt, als weitergleiten - Im weichen, kühlen Gras und Moos - Die kleinen Füße, nackt und bloß. - »Pflück' mich,« spricht die Königskerze, - »Sieh', wie ich gen Himmel schwanke, - Schlanker Stab aus Sammetblättern, - Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, -- - Vor Idealen, hoch und hehr, - Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!« - Da lacht das kecke Heidekraut: - »Ich wurzle in der Erde traut; - Und wie ich dufte, wie ich blühe, - Und wie ich stark und kräftig bin, - Und wie ich feurig rot erglühe -- - All das gab mir die Erde hin!« -- - Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt - Vom nahen Eichstamm durch den Wald? - Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht - Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'! - Vom Himmel träufelt uns der Regen, - Vom Himmel wärmt die liebe Sonn', - Und Mutter Erde will uns hegen, - Wenn Frost und Eise starren schon. - Ich lieb', was mir der Himmel gab, - Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.« - So flüstert's, lacht es auf und an; - Klein Hilde pflückt so viel sie kann. - Schau! Dieses bunte Blumenmeer! -- - Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer. - Im schilfigen Gras glüht rot es auf. - Pechnelken stehen da zu Hauf, - Und schütteln ihre Federköpfe, - Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe. - »Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,« - Die Eine spricht, »bin wunderschön! - Brichst mich in meinem Purpur-Prangen, - So bleibst an meinem Stengel fein - Unwiderstehlich daran hangen - Mit Deinen Kinderhändchen rein; - Wer mich nur einmal hat berührt, - Stets neue Lust nach mir verspürt.« - Doch -- »Bim -- bam!« klingelt da die Blaue, - Die Glockenblum', »Nur der nicht traue! - Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht -- - Kennst Du das alte Sprüchwort nicht? - Wer Pech anfaßt, besudelt sich! - Und das ist richtig, sicherlich! - Hör', rote Nelke, das ist schlimm! - Das Glöcklein läutet stets: Bim -- bim! - Und öffnest Du den Lügenmund, - So klingelt es ganz kunterbunt: - »Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum! - Du Federnelke, bist Du dumm!« - Und lachend steht Klein Hildegard - Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart', - Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich, - Dann läutest Du »Bimbim!« für mich, - Und läutest artig mich nach Haus; - Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.« - Es winkt der gelbe Ginsterbusch, - Und wie das graue Häslein -- husch! -- - Schlüpft unser Kind geschwind hinein - Ins goldne Blütenbettelein, - Und dehnet wohlig sich zur Ruh', - Und schließt die müden Aeuglein zu. - Die Blumen hält im Arm sie fest, - Denn wenn man die gewähren läßt, - So fangen sie zu leben an - Und wandern fort durch Wald und Tann. - Es ist just um die Mittagsstunde. - Wo Waldesgeister ziehn die Runde. - Kennst nicht das Waldesweben Du? - Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh', - Und doch ein seltsamliches Weben - Ein raunend, flüsternd Zauberleben? - Die Bäume stehen still und stumm, - Kein Blättlein reget sich ringsum. - Im Schatten schläft das Vöglein lieb, - Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!« - Und plustert seine Federlein - Und schläft dann sänftlich wieder ein. - Doch die Frau Sonne, die ist wach - Und luget durch das Blätterdach. - Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl - Der blanken Sonnengeister Zahl. - Im hohen Grase zirpt die Grille -- - Nun zirpt es Antwort -- dann wird's stille. - Der Falter taumelt über Blüten, - Das sind die Schäflein, die muß er hüten; - Doch in dem heißen Sonnenschein - Da schläfert's ihn mitunter ein; - Und ist er wieder aufgewacht, - Dann hat sie sich davon gemacht, - Die Blüten-Herde, und fliegt wie er, - Im hellen Sonnenglanz umher. - Dann hebet an ein Singen, Klingen, - Von Märchen, wunderlichen Dingen; - Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied, - Und Moos und Steinchen singen mit. - Vergißmeinnicht am Rande träumt: - »Hat's Wiederkommen er versäumt? - Ich rief so oft: Vergißmeinnicht! - In weiter Ferne -- hört er's nicht?« - Der Ginster winket zu ihr her: - »Klein Blümchen, was verlangst Du mehr? - Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn? - Die Lieb' soll nie von Liebe gehn -- - Sonst geht die Treue hinterdrein. - Ich sing' ein Lied Dir -- lausche fein: - - Ueber die Heide weht der Wind, - Da sitzt das blasse Königskind, - Singt: Leide, leide, leide -- - - Bei Sonnenlicht und Sternenschein - Da suche ich den Buhlen mein -- - Wo weilt er auch am Wege? - - Ach, wollt', er wäre noch bei mir, - Ich wollt' ihn küssen und herzen schier - Auf stiller, stiller Heide. - - Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm, - Ich wollt' vergessen allen Harm, - Wollt' lachen nur und kosen. - - Ueber die Heide weht der Wind, - Da sitzt das blasse Königskind, - Singt: Leide, leide, leide. - - Und wartet noch gar manches Jahr -- - Und kämmet ihr langes, goldnes Haar, - Das wehet in dem Winde. - - Und als der Bub dann kommen ist, - Der sie so oftmals hat geküßt, - Da sucht er auf der Heide. - - War da ein feiner Ginsterstrauch, - Des gelbe Blumen strahlten auch - Wie lauter lichtes Golde. - - Da hat er so viel weinen 'müßt, - Und hat die Ginsterblumen 'küßt -- -- - Dann ist er fortgezogen.« - - Und als verklungen ist die Weise, - Da reget sich Klein Hilde leise: - In ihrem Arm die Blümelein, - Die fangen an zu reden fein. - Das Löwenzähnchen schilt: »O Ginster, - Wie sind doch Deine Träume finster!« - »~Noblesse oblige!~« ruft Rittersporn, - »Auch in der Lieb' -- bei meinem Zorn!« - Und trotzig mit gar mut'gem Sinn - Grüßt er zur Wickenblüte hin; - Verschämt senkt die das Köpfchen tief, - Ein lieblich Rot sie überlief. -- - Da lacht es plötzlich neben ihr: - »Ich halt' die Liebe weg von mir! - Ich wehre mich vor jedermann -- - Und fühlt, wie ich doch brennen kann!« - Da jubeln alle auf und sagen: - »Hört -- Brennessel will auch was wagen! - Geh', Unkraut, pfeife uns ein Lied, - Im Chorus singen wir dann mit.« - Und neckisch stimmt die Grüne dann - Das Nessellied, und hebet an: - - »Ich wollt' einmal spazieren gehn, - Am Rain, wo bunte Blumen stehn.« - - Und jauchzend fällt der Chorus ein: - »Nessel, Nesselbusch am Rain!« - - »Da schaut ein weißes Blümlein 'raus, - Und ach -- so schämig sah es aus.« - - Und jauchzend fällt der Chorus ein: - »Nessel sieht so schämig drein!« - - »Und als ich bückte mich danach, -- - Gar plötzlich mir's den Finger stach.« - - Und jauchzend fällt der Chorus ein: - »Nessel, Nessel, wehr' Dich fein!« - - »Ei, böse Blume, halt' doch still - Wie die andern, wenn ich Dich brechen will!« - - Und jauchzend fällt der Chorus ein: - »Nessel, -- hörst -- sollst stille sein!« - - Da lacht die grüne Blum' und spricht: - »Ja Brennesselblüten, die pflückt man nicht!« - - Und jauchzend fällt der Chorus ein: - »Brennt die Nessel -- laß sie sein!« - - Nun reichen alle sich die Hände, - Und singen's Tanzlied: »Wende, wende - Dich her zu mir, und auf und ab. - Zieh' die Kreise, zart und leise, - Sing' die alte Wunderweise, - Wie die Blumenfee sie gab. - In den Blüten schläft das Kind -- - Küsse, küsse es geschwind, - Daß es eins der unsern werde; - Daß es blumenduftig schwebe, - Daß es waldesselig lebe - Auf der hellen, grünen Erde.« - Da ist klein Hilde aufgewacht, - Und hat die Aeuglein aufgemacht: - Und all die Sonnenpracht umher! - Und all das Duften, süß und schwer! - Und sieh' -- die Blumen neigen sich, - Umkreisen sie gar seltsamlich -- - Sie trägt ein rosenfarben Kleid, - Das strahlet hell von Taugeschmeid'. - Und Rosen trägt sie in dem Haar, - Und Rosen in den Händen gar. - Die Blumen knieen vor ihr hin: - Heil unsrer Rosenkönigin! - Und eh' sie weiß, wie ihr geschah, - So ruhet sie auf Rosen da; - Und allgewärtig ihren Winken - Die Blumen stehn zur Rechten und Linken, - Und Hilde grüßt nach allen Seiten - Huldvoll, wie sie vorüberschreiten. - Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein - Und nascht den goldnen Honigseim. - Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron' - Und die glänzenden Flitter für den Königsthron. - Die Schmetterlinge tanzen vor ihr, - Die Grillen spielen auf dafür. - So ruhet sie an Baches Rand - Als Königin übers ganze Land. - - Da -- horch! was rauscht es ihr zu Füßen? - Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen - Von Blum' und Moos am Ufer dort? - Das Wasser schwillet fort und fort -- - Und aus den grauen Nebelwogen, - Da kommt es zu ihr hergezogen - So wunderselig. Aus dem Fluß - Erhebet sich mit süßem Gruß - Der Nix in silbernem Gewand - Und hält die Harfe in der Hand - Die gibt gar traurig hellen Ton -- - Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon. - Er breitet die Arme aus nach ihr: - »O Rosenkönigin, komm' zu mir! - Ich will in meinem Arm Dich hegen, - Ich will Dich schaukeln auf der Flut; - Die zarten Glieder sollst Du legen - Auf Wasserrosen, -- da ruht sich's gut. - Mit meinen Fischlein sollst Du spielen, - Ein neckisch Haschen, her und hin -- - Die kleinen, weißen Füßchen kühlen - In klaren Silberwellen drin. - Es ist so einsam in der Tiefe, - Im Wasserhaus so kalt für mich --. - Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe? - O Königin, ich hole Dich!« - - Da wird Klein Hilde das Herz so weh -- - Es ruft in ihr: O geh', o geh'! - Wie wird es ihr so seltsam kalt? - Was zieht es sie mit solcher Gewalt? - Wie schwillt das Wasser immer mehr -- - Da kommt der Nix gar zu ihr her, - Und faßt sie mit feuchten Armen an -- - Klein Hilde sich kaum noch regen kann. - Vor Angst, vor Glück? -- Sie weiß es nicht, - Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht; - Er wieget sie in seinem Arm, - Es wird ihm -- ach -- so wohlig warm; - Er will sich rauben das junge Blut - In tiefe, rauschende Silberflut. - Klein Hilde schaudert -- an seine Brust - Zieht er sie eng mit sehnender Lust -- - Schon netzt das Wasser ihr Gewand, - Er zieht sie hin mit zwingender Hand -- - Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab - In des Nixen stilles Wassergrab. -- - Und horch! wie's um sie rauscht und singt! - Wie's brausend durch die Lüfte klingt! - Klein Hilde, wache auf geschwind, - Sonst weht der wilde Brausewind - Dich wirklich in das Bächlein dort -- - Zum Schlafen einen bösen Ort - Hast Du Dir eben ausersehn. - Und dann mußt Du nach Hause gehn: - Die Schule ist schon lange aus, - Und alle Kinder schon zu Haus. - Da hat Klein Hilde sich erhoben - Und schaut verwundert hin nach oben, - Wo Wolken ziehen kreuz und quer, - Gar über die liebe Sonne her. - Wie war doch alles das geschehn? - Hat sie den Nixen nicht gesehn? - Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß? - Das ist doch nicht vom feuchten Gras? - Wo ist ihr Rosenkleidchen hin? - War sie denn nicht die Königin? - Die Bäume neigen sich um sie her, - Das kommt vom Wind, der wehet sehr, - Der pfeifet ängstlich durch den Tann; - Klein Hilde hält den Atem an -- - Es wird ihr plötzlich so beklommen - Da hat sie hurtig aufgenommen - Die Blumen alle nebendran, - Und springt davon so schnell sie kann. - Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke, - Da rauscht es unter ihr voll Tücke: - »Da, Wassermann,« ruft sie geschwind, - »Da, nimm das bunte Blumenkind!« - Und wirft ein schönes Blümelein - In Wassermannes Haus hinein. - Mit weißer Hand greift der es an, - Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann. - - Und als Klein Hilde kam nach Haus - Und hat gesagt, was sie gesehn, - Und hat erzählt, was ihr geschehn -- - Da lachen sie Klein Hilde aus. - Und scheltend streng die Mutter spricht: - »Im Walde spielen sollst Du nicht!« - Und Hilde setzt ins Eckchen sich - Und weinet, weinet bitterlich. - - Klein Hilde, werde wieder froh; - Uns Großen geht es ebenso: - Wenn wir im Walde etwas sehen, - Was all die andern nicht verstehen, - So lachen sie uns auch nur aus - In diesem weisen Weltenhaus. - Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht: - »Der Phantasie bedarf man nicht! - Die Poesie -- die braucht man nicht! - Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! --« - - - - -Das Märchen, das verloren gegangen war. - - -Das war, als ich einmal spazieren ging und tiefsinnige Gedanken hatte -- -worüber? -- Sie waren zu tief, um das ergründen zu können. Vielleicht -war's, ob die Welt da um mich her mit ihren langen Straßen und engen -Häusern eine wirkliche Welt sei oder ob ich sie mir bloß einbilde, und -ob die Menschen, die mir begegnen, wirklich so blödgesichtig dreinschauen, -oder ob ich bloß Schwingungen in meinem Gehirn und Augen habe, die mir -das alles so erscheinen lassen -- ja, vielleicht war's das, worüber ich -nachdachte. Und neben mir her trippelte ein feines Etwas mit großen Augen, -und das kicherte und plapperte mit einem leisen murmelnden Stimmchen wie -ein kleiner Bach; und weil mich das in meinem tiefsinnigen Denken störte, -sagte ich: - -»Ei, so sei doch ruhig und stör' mich nicht!« - -Da schwieg das feine Etwas erschrocken still. Aber als das liebliche -Gemurmel nicht mehr neben mir einherging, konnte ich erst recht nicht -denken, und als ich mich ungeduldig umwandte, da hatte ich das Märchen -verloren. Nun war mir's ganz ungemütlich zu Mut. Ich ging gleich wieder -zurück, blickte rechts und links, hinter jeden Baum, und unter die -trockenen Blätter, die darunter lagen, aber nirgends leuchteten die -Zauberaugen meines Märchens. - -Da fragte ich die Uhr, die vor mir hoch oben in einem langen, spitzen -Kirchturm saß: - -»Du wohnst so hoch und hast einen weiten Ausblick -- hast du mein Märchen -nicht gesehen?« - -Aber die Uhr sagte nur: Tick-tack-tick-tack! Und als sie schnarrend zu -einer Antwort einsetzte, da sagte sie mit rasselnder Stimme eine ganze -Menge Zahlen her -- als ob Zahlen etwas mit einem Märchen zu thun hätten! -Nun fragte ich die Leute auf der Straße: - -»Ihr seid so klein, und guckt immer auf die Erde -- habt Ihr mein Märchen -nicht gesehen?« - -Aber die antworteten: »Eine solche Person kennen wir nicht. Und wenn sie -Dir gehört und weggelaufen ist, so zeige es doch bei der Polizei an« --- -- als ob eine blauröckige Polizei mit einem Knüppel ein Märchen -einfangen könnte! - -Nun fragte ich die Bäume im Park, an dem ich vorüberging. Aber die -standen ganz still und regten sich nicht und ließen nur zwei, drei gelbe -Blätter vor mir niedersinken. Da merkte ich, daß es Stadtbäume waren und -zu gebildet zum Antworten auf eine Märchenfrage, und weil ich nun durchaus -mein Märchen, das ich so leichtsinnig verloren hatte, wieder haben mußte, -so ging ich auf Reisen, ihm nach. - -Ich kam an ein großes Wasser, das lag friedlich da, wie eine -grünsammetene Wiese, auf der kleine Grabhügel sich wölben, über und -über bedeckt von weißen Maßliebchen. Mir war es, als ob mein Märchen -sein goldenes Haupt lächelnd aus diesen Grabhügeln strecke, und als ob -es kichere: »Nicht in Gräbern findest Du mich -- ich bin das Leben!« -- -Aber da kam ein zarter, grauer Nebel und deckte die grüne Sammetwiese und -die Maßliebchenhügel zu, und nur ganz in der Ferne sah ich es aufblitzen -wie weiße Mövenflügel. - -Ich kam an eine Insel, darüber flutete ein warmes Abendrot, und ein -Rauschen, ein bedeutsames Raunen zog durch die Wipfel der hohen, stillen -Bäume, als spräche mein Märchen zu mir aus tausend Zungen. Bunte Blumen -standen auf der Insel, die sie die »Schöne« nannten, und sahen mit -stillen Augen zu den Sternen auf, die ganz zart und licht am Abendhimmel -aufleuchteten, wie die ersten Liebesgedanken in einer weichen -Mädchenseele. Leise glucksten kleine lustige Wellchen gegen das Ufer, als -lachten sie über die Wassernixen, die mit ihren weißen Entenfüßchen das -Ufer heranklimmen wollten und immer wieder ins laue Wasser plumpsten. Wie -nah', wie nah' war mir mein Märchen! Ich fühlte es mich umwehn -- aber -als ich danach haschte, sah es mich mit tiefen Augen spottend an, und ich -griff in die Luft. - -Danach sah ich mein Märchen wieder in einem Krankenzimmer; da saß es tief -verborgen in dem großen weißen Kelch einer Lilie. Aus deren sammetigen, -weißen Blütenblättern lagen rote Tropfen, als habe das Märchen blutige -Thränen geweint, und es sah mit himmlisch klaren Augen in die Weite. Wie -ein Hauch flog es durch das Gemach: »Hier kannst Du mich nicht halten, -da würde ich vergehen vor Traurigkeit« -- -- und husch! wie ein -Flügelschlag -- da war's aus dem Fenster, und die Menschen um mich sahen -sich fragend an: Was war das? - -Eines Morgens, ganz, ganz früh, als die Nacht auf ihrem Lager flehend die -Arme hob, den leuchtenden, ihr entfliehenden Tag zu halten, da erwachte ich -und sah etwas Weißes, Flüchtiges von meiner Seite davonschweben. Und es -umgab mich ein leises Klingen, und Worte tönten -- war's in mir? war's um -mich? -- Horch: - - Die Nacht, als ich geschlafen hab', - Da lag das Glück bei mir; - Im Morgenschimmer sah ich nur - Entfliehn die weiße Zier. - - Es lächelt, nickt und winkt mir zu: - »Du hast es nicht gewußt, - Daß schlummernd ich mein Köpfchen hab' - Gelegt auf Deine Brust; - - Wärst Du erwacht, hätt'st mich gefaßt, - So wär's um mich geschehn -- - Nur leis, nur heimlich darf das Glück - An Deiner Seite gehn.« - -Nun hatten es viele gute Menschen gehört, daß ich mein Märchen nicht -wieder finden könnte, und weil sie ein verloren gegangenes Märchen für -etwas sehr Trauriges hielten -- ganz anders als die in der Philisterstadt, -die gar nicht recht wußten, was ein Märchen war -- da wollten sie -mir alle suchen helfen. Aber sie thaten es mit so viel Bewußtsein und -Ueberlegung, daß das Märchen sich immer tiefer versteckte; und selbst -der rauschige Weinduft, der ausgesandt wurde, nach ihm zu forschen, kehrte -statt mit meinem lieblich plappernden Märchenkinde mit einem wolligen, -miauenden Kätzchen zurück, das gar scharfe Krallen zeigte. - -Da ging ich in die Einsamkeit. Ich kam an wildes, weites Wasser, das -rauscht und brodelt und donnert, als wolle es eine Welt vernichten -- oder -emporheben. Und eine Brücke führt über die weiße Gischt, die ging ich -hinüber. Da war ich auf einer Insel mit hohen, wiegenden Bäumen; -die hielten Felsblöcke mit ihren Wurzeln umklammert wie mit riesigen -Greifenklauen. Und da war noch eine Insel, und noch eine, und noch eine. -Zwischen ihnen drängte sich überall das weiße Wasser hindurch; es war -so klar, daß man die kleinen Mooswälder auf dem Gestein unter ihm -sehen konnte, und die Höhlen, dunkelblau und tiefgolden, in denen die -Wasserkobolde wohnen. Wie ich nun an der äußersten Spitze der letzten -kleinen Insel angekommen bin und hinsehe über das weite, schäumende -Wasser, da sitzt dicht vor mir, nahe am brausenden Wasserabsturz, -mein Märchen auf einem Felsblock. Es hat seine nackten Beinchen hoch -heraufgezogen, damit sie nicht naß werden, und umschlingt die Kniee mit -den weißen Armen; das Haar rollt silberglänzend um die kleine Gestalt, -wie der sonnendurchleuchtete Kamm einer Woge, und die meergrünen -Zauberaugen sehen zwingend zu mir hinüber. So sitzen wir beide und -lächeln uns an, so froh, daß wir uns wieder haben, und dann erzählt das -Märchen: - -Weit droben im großen See tief auf dem Grund, da steht das Schloß des -alten Wasserkönigs. Von grünem, strahlendem Krystall ist es erbaut, und -die Wände sind so klar, daß der Wasserkönig mit seinen seegrünen Augen -hindurchschauen kann und alles sieht, was in seinem Reiche vorgeht. Wenn -die Fische rebellieren wollen, dann weiß er es schon, noch ehe sie den -revolutionären Gedanken gefaßt haben, und der Kopf wird ihnen abgebissen, -ehe sie wissen, wo er ihnen eigentlich sitzt. Ja, der König führt ein -strenges Regiment, sogar unter den weiblichen Unterthanen, und manch -hübschem Nixlein bebt das goldschillernde Schwänzchen, wenn der König -musternd die Reihen durchschreitet; denn manch Nixlein hat ein böses -Gewissen, und -- ach, die königlichen Zwillingssöhne sind gar so -herzliebe Gesellen. - -Da berief der König eines Tages seinen Hofstaat um sich. Er saß auf -einem Thron von goldglänzendem Kiesel, auf dem weißen Haupte trug er die -Seekrone von Smaragden, und in den langen silbernen Bartwellen funkelten -die Schaumperlen. Ringsum harrte das Gesinde in ehrfürchtigem Schweigen, -kaum, daß die beweglichen Schwänzchen hin und her zuckten. Vor ihm -aber standen die Zwillinge und warteten des königlichen Vaters Befehle. -Schöne, schlanke Burschen sind's, mit festen Gliedern und kühnen Augen. -Die des einen mit der gedankenvollen Stirn hingen an den Lippen des Vaters; -die des andern, Rastlosen, Trotzigen, flogen lächelnd und kosend über die -Schar der Nixlein, durch deren Reihen eine plötzliche schillernde Bewegung -ging. Der Wasserkönig aber sprach: - -»Prinzen, Ihr habt gelernt, wie man im Wasser lebt, herrscht und richtet. -Es ist Zeit, daß Ihr Euch die Wasserfläche draußen anseht. Bahnt Euch -eine Straße, zerschmettert, was Euch im Wege ist, und erobert Euch Euer -Reich. Ziehet hin in Frieden und beherrschet künftig Eure Unterthanen mit -Zucht und Strenge.« - -Unwillkürlich ruckten die Fische mit ihren Köpfen bei dieser Rede, ob sie -auch noch festsäßen, und die Nixen und Wassermänner zupften sich an den -Flossen, ob sie die auch noch hätten. -- Die schönen Zwillingsbrüder -aber schwammen Hand in Hand in die Welt hinaus. Zuerst waren sie -sehr übermütig, schlugen Purzelbäume, daß die Wellen in die -Höhe klatschten, und neckten die Fische, die pfeilschnell an ihnen -vorüberflohen. Dann wurden sie stiller und träumerisch, wiegten sich Hand -in Hand an der spiegelglatten Oberfläche des Wassers und sprachen von den -Heldenthaten, die sie verrichten wollten. Der mit der hohen Stirn und den -schwärmerischen Augen lispelte von der hohen, der herrlichen Welt, die -er sich erträume und die er besitzen müsse, koste es, was es wolle. Der -Trotzige aber lachte dazu: »Leben will ich -- und lieben und genießen!« -rief er und schüttelte übermütig eine ganze Welle voll Flußsand über -des Bruders schönem Haupte aus, daß der prustete und sich schüttelte wie -ein nasses Menschenkind. -- Nun kamen sie an einen hohen, grünen Wald, der -lag mitten in ihrem Weg und machte auch keine Miene, ihnen auszuweichen. - -»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn. -»Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.« - -»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? -- -Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! -- Hör', laß uns den Bäumen -aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen, -wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht -- Du oder ich!« - -Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der -Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin, -ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich -zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine -Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte. -Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein -erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen -- die seines neuen Reiches --- und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt -nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden -unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund -von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen -alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er -hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß -und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen, -keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb -er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend, -erschlaffend, duselnd -- und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die -Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er -sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne -verhüllte alles hinter ihm. - -Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar -gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden -Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die -schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen, -geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er -mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr -Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen, -die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die -Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte -ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel -Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und -frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne -Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran, -siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen -umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu -ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der -Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft. -Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe -- da sitzt auf einem -Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein, -die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des -Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und -nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten -ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen -- doch ach, drüben auf -der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen -Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes -Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die -schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu -ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen, -und sie lächelt nur -- da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite -Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein -Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor -Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen. -Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen -ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein -fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies -Geschöpf? - -Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen. -Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete -und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt, -und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren -Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im -Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit -störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben -könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund, -legt ihr Köpfchen an seine breite Brust -- aber immer wieder fragt sie: Wo -ist die Sonne? die goldene Sonne? - -Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so -mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt, -die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder -erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen -Vorhänge -- wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie -lüpft ein zartes Eckchen. -- Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten -steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht -- und die Arme -sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in -die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein -leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken -Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel -treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. -- Es überkommt -ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner -grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt -die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und -trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine -Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach -dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle -zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten -treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage -um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging. - -Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen -immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter -Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre -Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den -Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben -ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke -hinauf, hinauf zur Sonne. - -Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden -Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der -drei Schwestern. - -Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über -die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten -nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte -- -mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen -- an den fallenden Wassern -des Niagara. - - - - -In der Gosse. - - -»Hei! Der hat's eilig!« sagten die trockenen Blätter, als der Wind -sie packte und die glatte Straße hinunterwirbelte, daß sie den Atem -anhielten. - -»Nein, ich will nicht!« raschelte das eine ganz große Blatt, das, trotz -seiner verkrümpelten Gestalt, noch einen grünlichen Schimmer auf sich -hatte und sogar noch einen ordentlichen Stiel besaß. Und es hob sich -erst von der einen Seite, und dann von der andern -- wie ein ungeschickter -Bauernbursche, der zum Tanze antritt; aber es half ihm nichts: der Wind -blies die Backen auf, und heidi! da sauste es davon, so viel es auch -versuchte, an allen Steinchen und Schmutzhaufen hängen zu bleiben. Wütend -sprang es schließlich noch toller wie die andern und legte sich oben -auf die kleinen Blätter, um sie festzuhalten. -- Da plötzlich -- an -der Straßenecke stieß der Westwind laut jubelnd den Nordwind an -- so -spielten sie immer, die beiden wilden Gesellen, und wollten sich dann -schier totlachen, wenn sie alles Lebendige mit in ihren tollen Reigen -hineinzerrten. -- Und nun wirbelten sie zusammen die trockenen Blätter -in die Höhe, daß sie den Bäumen entgegenflogen, die sehnsüchtig die -leeren, nackten Arme nach ihnen ausstreckten. Aber da lagen sie schon -wieder auf der Erde, küselten verwirrt umeinander und schleiften, -schlürften, raschelten über die glatten Steine hinab in die Gosse. - -Da lagen sie nun und dachten nach. Und dachten, wie sie -- es war schon -lange, lange her -- die braunen Köpfchen einst vorsichtig aus der -Baumrinde hervorgestreckt hatten, und in die Welt hinein geguckt, wie sie -dann groß und grün und schön geworden waren, wie die Spatzen in -ihnen gehuscht, wie der Mond zwischen ihnen hindurchgelugt, und wie -die Menschenkinder in ihrem Schatten sich geküßt hatten. Dann war der -Herbstwind gekommen und hatte sie selber geküßt, und sie waren gestorben -an seinen eisigen Küssen -- hatten sich erst so herrlich geschmückt für -ihn, die armen Dinger, rot und gelb und violett und braun, und dann fielen -sie ohnmächtig aus seiner wilden Umarmung zur Erde nieder, wurden hin und -her gejagt von den Winden, und nun? Nun liegen sie in der Gosse und denken -nach. - -Hei! Wie der Wind bläst! Die Kleider der schönen Frauen, welche die -Straße entlang gehen, schlägt er zur Seite, daß die schlanken Füße -sichtbar werden. Und die Blätter in der Gosse flüstern einander zu: -»Jetzt werden sie auch anfangen zu tanzen und rascheln und schleifen die -glatte Straße hinab in die Gosse!« - -Aber nein, die kleinen Füße schreiten fest und sicher weiter, der Wind -kann ihnen nichts anhaben -- aber der andere, der im Herzen weht, durch das -Leben stürmt, ob der die schlanken Frauenfüße wohl nicht vom glatten Weg -hinabwirbelt -- in die Gosse? - -Davon freilich wußten die trockenen Blätter nichts: sie lagen in der -Gosse und dachten nach; und der Wind strich jauchzend über sie hin. Es -wäre ihm ein Leichtes gewesen, die ganze Gesellschaft aus dem Rinnstein -hinauszuwirbeln, über alle Welt zu jagen. Doch er that es nicht; lauernd -hing er über ihnen und sang sein Lied: - -»Jetzt schirre ich meine Wolkenrosse und stürme dahin und brause -über die Stadt und über das Land in den Wald. Eure Schwestern will -ich besuchen, die glührot an den Bäumen hängen. Und ich hause in den -Zweigen, und ich brause über die Wipfel, und ich schüttle die bunte -Pracht. -- Seht Ihr den bunten Blätterregen? - -Und seht Ihr die Trauerweiden, wie sie den Waldteich bewachen, düster, -schwermut-geheimnisvoll? Ich peitsche ihre niederhängenden Haare, daß sie -wie graue Schlangen zischeln und züngeln. Ich wühle die schwarzen Fluten -des Waldteichs auf, daß die Wellen schäumen und sich kräuseln und mit -nassen, starken Armen die Wasserrosen hinabziehen in das dunkle, dunkle -Grab. -- - -Nur die Königin -- sieh', da ruht sie auf schwarzgrünen Blättern, und -sehnsüchtig leuchtet ihr weißes Blumengesicht mir entgegen. Ich fliege zu -ihr, und ich reiße sie an mich in wilder Lust, kosend schaukle ich sie hin -und her, ich sauge wollüstig den Duft aus ihrem weißen Kelche, ich küsse -sie mit zärtlich stürmischen Küssen -- sie stirbt an diesen Küssen -- -und ich trage ihre Blumenblätter hin über den schwarzen Waldesteich, -hin über die Welt -- -- Ist es süß, zu sterben an den Küssen des -Gewaltigen? -- -- - -Heiho! -- Ihr Wolkenrosse -- graue, schwarze! senkt Euch tiefer, daß -ich Euch besteige, daß ich Euch zügle hin über die Erde -- der ich -Vernichtung bringe -- --« - -Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne -hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie -wieder mit ihren Gedanken. - -Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse -zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz -anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer -von Baum« oder zu der »Von dem Busche« -- aber eine rechte Einigkeit -konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten, -als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen, -Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer -u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht -von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie -sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch -widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß -sie sich nun in der Gosse befanden. - -Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm, -hineingeflogen wie ein Pfeil -- die Blätter hatten ihn immer für etwas -ganz Unbedeutendes gehalten -- der that jetzt den Mund auf und begann zu -erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich -bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld, -Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen -prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. -- Ihr hättet es sehen sollen, unser -Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen -- fest wie eine Mauer! Wie -wir exercierten -- hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant, -Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das -war eine Freude, uns anzuschauen! -- Und dann kam der Krieg, das war ein -schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte -raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen -ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. -- Aber tot -waren wir nicht -- bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja -nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere -Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten -uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir -in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann -sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden -unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als -Lager benutzen, die wollten -- mit einem Wort -- Mist sollten wir werden! --- Ich, Prinz von Halm-Halm -- auf Aehre -- Oberst in Ihrer Majestät der -Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I. - -Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem -Transport-Wagen lagen -- da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die -Subordination vergessen -- ich, dem die Subordination alles war, und bin -ausgerissen. - -Und die Folge davon? -- Ich liege in der Gosse -- -- - -Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner -leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte -über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. -- »Siehst Du, Prinz Halm-Halm: -Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall -- -lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse -- auf Aehre! -- Burrrr --- brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war -es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und -von den Kindern vergessen worden war. - -»Subordination. -- Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich -zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht -worden ist -- zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte -ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging -- der ist froh, wenn er -auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf. - -Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe -den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er -beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit -meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie -mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und -Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei -gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts. -Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten -Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und -folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages -in der Gosse lag -- -- -- Brrrrr -- brumm!« sagte der Kreisel, als der -Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen. - -»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes, -bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher -verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen -- es -war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz -andern Familie -- sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein -wenig abseits und sprach in gebildetem Tone: - -»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her -so gewesen -- ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche --- die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten, -folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten, -und die Schwachen -- nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen -gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die -Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen -- so ist es immer -gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal -daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders -sein kann und daß es so am besten ist.« - -Da fuhr aber der Kreisel auf: - -»Daran gewöhnt? Fällt uns gar nicht ein! Denken gar nicht daran! Und -wenn wir uns einmal alle zusammenrotteten -- die Bäume und die Büsche und -die Strohhalme, und alles, was so herumliegt, und wir Kreisel und -- und so -weiter -- und wir machten 'mal so eine kleine, lustige Revolu-- --« - -Hui! Da faßte ihn der Wind und schüttelte ihn, und da duckte er sich und -sagte: »Brumm!« -- - -»Ach,« jammerte da ein feines, zärtliches Stimmchen, »was ist das alles -gegen den Kummer, den ich erlebt habe?« - -Das war ein Stückchen Papier, lachsfarben, gepreßt, mit Tinte beschrieben --- man sah, es war etwas Feines. Der Wind hatte es eben erst in wilder Jagd -die Straße hinuntergepustet, und atemlos war es mit einem Purzelbaum in -der Gosse gelandet. - -»Ich war rein und hellblank, und ich duftete stärker wie die Veilchen -in der Vase, die vor dem Fenster stand; und ich lag auf einem zierlichen -Schreibtisch und ein reizender, goldener Federhalter kritzelte über -mich hin. -- Ach, dieser Federhalter! Etwas Glänzenderes, Schlankeres, -Zierlicheres habe ich nie gesehen. Und alle die süßen, zärtlichen -Worte, die er mir ins Ohr flüsterte -- war es ein Wunder, daß ich -seinen Schwüren glaubte, daß ich ihn liebte mit all der Glut, deren mein -papierenes Herz fähig war? -- Ach, wie war das Leben schön! - -Aber da kritzelte er mir eines Tages mit einem großen dicken Tintenstrich -etwas ganz Unheimliches, Unverständliches zu, so daß ich erschrak, und -dann ergriffen mich plötzlich kleine, weiße Fingerchen, und ich knickte -vor Angst in der Mitte durch, und sie sperrten mich in einen dunklen -Behälter, der wurde fest zugemacht, und eine glockenhelle Stimme trillerte -dazu: - - Such' ich mir 'nen andern Schatz -- - juhu -- andern Schatz -- - -und dann reiste ich fort, weit fort, und mein schlanker, goldener Geliebter -blieb zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Ach, ich war wie in -einer Betäubung und kam erst wieder zur Besinnung, als mein Gefängnis -sich öffnete und ich herausgeholt wurde -- und da -- da geschah etwas -Schreckliches: ich hörte eine wuterstickte Stimme, die mich fürchterlich -ausschalt, und große, rauhe Finger nahmen mich und rissen mich mitten -durch, nicht nur einmal, nein, in lauter kleine Fetzen, und wir flatterten -zur Erde nieder und der Wind kam und nahm uns mit sich fort. -- Ach, und -wenn nun mein Federhalter mich sucht, dann erkennt er in diesem kleinen, -schmutzigen Flecken seine schöne lachsfarbene Geliebte nicht wieder. --- -- -- Ach, was sind alle Leiden und Kümmernisse der Welt gegen die -Schmerzen unglücklicher Liebe!« - -Als das traurige Papierchen geendet hatte, entstand eine tiefe Stille in -dem Rinnstein. Sie waren alle gerührt und kämpften mit den Thränen -- - -»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich -für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die -Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines -der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von -»plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte, -meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental -- das ist veraltet -- -und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat -diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit -aufgeklärt -- brrrr--brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie -in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren, -öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen -trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die -Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie -daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie -begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte -halblaut dazu: - - Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', - Wo mein Schatzerl ist -- - Ist wohl in die weite Welt -- - juhu -- weite Welt -- - Ist wohl fortgezogen! - - Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', - Wo mein Schatzerl ist -- - Wär' ich in die weite Welt -- - juhu -- weite Welt -- - Wär' ihm nachgezogen! - - Da er mir nun nichts gesagt, - Warte ich wohl über Nacht -- - Such' mir dann ein andern Bub -- - juhu -- andern Bub' -- - Muß mich nit verlassen!« -- -- - -Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und -das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen -großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das -trockene Laub an -- -- - -»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich -auf!« - -Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind -blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich -fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie -aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des -Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang: - - »Ist wohl in die weite Welt -- juhu -- - juhu -- weite Welt -- - Ist wohl fortgezogen!« - - - - -Sonniger Winter. - - -Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier -drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig -und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. -- Draußen -aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein -weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig -in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß, -oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft! -Das weitet die Brust -- wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald -einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt! --- Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst -im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die -Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein -- still -ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln -in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen -können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir, -durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt. -Ein zaubrisch Bächlein -- wie es lockt und winkt, eilig über die blanken, -feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt -- was es -nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das -Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie -sehen mich lockend an -- soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen, -zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen, -wo es ganz einsam ist? -- Da -- mitten drin -- du böser Nix, was hast du -an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht -aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser -- und nun -schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich -wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. -- Aber was ist das? -War es Zauberwasser, das mich berührt hat? -- Der Wald ist lebendig -geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein -zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die -geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen -und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen -Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung -- -nun, die stehlen wir uns irgendwo -- nur Freiheit, Freiheit wollen wir -haben! -- Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich? --- Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her -- Und wie ich dann die langen, -zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner -Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee -- Weißt du noch, grüner -Klee, wie es war zur Sommerszeit? - - Es war zur goldnen Sommerszeit, - Die Welt war groß und war so weit -- - Und grüner, grüner Klee. - - Der blühte still im Waldesthal - Wie Tropfen Blutes allzumal - Die Blüten stehn im Klee. - - Und Falter spielen drüber hin. - Und wir? Wir lagern uns tiefdrin, - Im grünen, grünen Klee. - - Dein Aug' ist wie der Falter blau, - Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau, - Die Blüte rot im Klee. - - Dein Haar ist wie das Sonnenlicht, - Das gleitet durch die Zweige dicht - Wohl über grünen Klee. - - Dein lieber Hals, der luget leis, - Wie die Maßlieben wunderweiß, - Aus grünem, grünem Klee. - - Da hab' ich mich geneigt zur Stund' - Und hab geküßt den roten Mund - Im grünen, grünen Klee. - - Und nur ein Vöglein sah's mit an, - Das lockte süß aus dunklem Tann - Ganz nah beim grünen Klee. - - Da war es, wo im Waldesthal - Ich fand zum allererstenmal - Der Blätter vier am Klee. - - Merkt ihr, was das bedeuten soll? - Mein Lieb und ich -- wir wissen's wohl -- - Ja -- und der grüne Klee. -- - -Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps -gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt -- oder hauchten es die -Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es. -Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit -feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar -Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich -in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine -Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken! -Gedanken! Wir sind deine Gedanken. -- - -Aber, ihr flinken Gesellchen -- Gedanken? Ich meinte Gedanken, die hätten -schwere Köpfe, und Brillen auf der Nase, und gingen mit gewichtigen -Schritten in den Büchern auf und ab spazieren. Was wollt ihr im Wald mit -mir? - -»Wir wollen hören, was er rauscht, was die Bäume sagen, und der Wind -weht. Wir wollen sehen, wo der Winter ist? -- Da, siehst du.« -- Mitten -auf der Wiese war das lange Gras fein säuberlich zur Seite gewachsen und -hatte einem grünen Moosteppich Platz gemacht, der sich glatt und fein -ausbreitete: »Sieh',« flüsterte mir ein Gedanke ins Ohr, »siehst du -die Elfen tanzen, und die Gnomen mit den weißen, zottigen Bärten und -den spitzen, haarigen Oehrlein? Wie die weißen Leiber der Winterelfen -schimmern, wie ihre flockigen Schleier wehen und wie die Lüfte aufspielen -zum Tanz. -- Horch! Wie Schneeknirschen klingt's, und wie die Eiszapfen, -wenn sie klirrend von den Bäumen brechen. Und siehst du, da mitten im -Gewirr den sonnigen Winter stehn? Seine Augen glänzen und er lacht, daß -die weißen Zähne aus dem feurigen Barte blitzen.« -- In den starken -Armen hält er die Winde; wie sie zappeln und die Backen aufblasen vor Wut, -daß sie nicht loskommen können -- da schlägt er den Nordwind und den -Westwind mit den Köpfen zusammen, die bösen Gesellen, und stößt sie -mitten unter das Elfengesindel, das sie jauchzend mit Tannenkränzen -umwindet und fesselt; oben auf des sonnigen Winters Schultern aber steht -der Südwind und stößt jubelnd ins Horn, daß es von den Bergen ringsum -widerklingt. Und jauchzend fallen die Gedanken um mich herum in das tolle -Treiben -- so daß ich mich ordentlich schäme für sie -- was sollen nur -die Menschen davon denken? »Ihr solltet auch nicht denken, ihr Menschen,« -lachten meine wilden Gesellchen -- »denn wenn ihr denkt, dann denkt ihr -immer was Dummes. Es wäre überhaupt viel besser, ihr dächtet gar nicht, -und überließet es uns, euch plötzlich mit etwas Gescheitem durch den -Kopf zu fahren -- wie ein Blitz.« - -»Da sieh' hin, die zwei Bäumchen, die da angewackelt kommen,« sagte ein -spöttischer kleiner Gedanke und überschlug sich wie ein Kobold im Gras -vor Vergnügen. »Du denkst, es wären Fichten, aber schau sie einmal an: -sie kommen in kurzem Lauf, ein wenig vornüber, dahergetrottet, ihre Nadeln -stehen zierlich nach beiden Seiten, wie lauter gewichste Schnurrbärtchen, -die Kronen sind ihnen ins Gesicht gerutscht, so daß es aussieht, als wenn -sie die großen Hüte bis tief auf die Nase sitzen hätten, und da die -Zweige just ein bischen über dem Erdboden beginnen, scheint es, als -hätten sie sich die schloddrigen Hosen sorgfältig aufgekrempelt. -- - -»Ei! wie die Herrchen laufen,« höhnt der lustige Gedanke und zupfte an -ihren Nadeln, worauf sie sich wütend umdrehen und mit den jungen Birken, -die sie als Spazierstöcke mit sich schleppen, nach ihm schlagen -- »sie -thun, als wollten sie dem sonnigen Winter eine Referenz machen, und dabei -schielen sie doch nur nach den weißhäutigen Elfendirnen.« - -Nun kommen sie von allen Seiten gewandert: die breitästigen Eichen, die -schlanken Birken im weißen Hemdchen, knorrige Burschen vom Geschlecht der -Baumriesen; und eine nackte Trauerweide tänzelt so lustig daher, daß die -langen, fast bis auf die Füße hängenden Haarsträhne im Winde flattern. --- Ei, sieh', wen haben wir hier? -- Eine Prozession ehrbarer Herren in -dunkelgrünen Röcken, die bis zur Erde reichen; und aus den stachligen -Kapuzen schauen lustige Mönchsgesichter, und die Aeuglein blinzeln über -die feisten Wangen hinweg nach den schlanken, grünen Nönnchen, die ihre -Kiefernkleidchen gar züchtig geschürzt haben und sittsam kokett neben -der Tannenprozession einhertrippeln. Voran schreitet ein baumlanger -Tannenriese, stark wie Rabelais' Mönch Johann. »Halt da!« kommandiert -er, »hübsch paarweise antreten!« und er bombardiert die letzten in der -Reihe mit Tannenzapfen, damit sie ihn besser verständen -- »und wem's -nicht recht ist, hier im Wald, dem schlage ich die Knochen im Leibe -entzwei!« - -Da faßt ein Mönch je ein Nönnchen bei der Hand, und, die grünen Röcke -ein wenig lüpfend, tänzeln sie im Menuettschritt über die Wiese hin zum -lachenden, sonnigen Winter und beginnen artig zu psalmodieren, daß es in -den Wald hineinschallt: - - »Brave Mönche sind wir Tannen, - Brummeln unser Mönchsgebet -- - Und wenn es zum Schlucken geht, - Laufen nimmer wir von dannen -- - Eia, Hallelujah! - - »Nönnchen sind wir, Nönnchen heiter, - Leben gottgefällig weiter, - Putzen unser grünes Kleid -- - 's Himmelreich ist auch nicht weit -- - Eia, Hallelujah! - - »Und so leben wir gar traulich, - Brüder, Schwestern, Hand in Hand -- - -- Unsre Kutten sind verwandt -- - Unser Trachten ist beschaulich -- - Eia, Halleluja!« - -»Ei, so hört auf zu plärren,« dröhnt Bruder Johanns mächtige Stimme -dazwischen -- - - »Kurze Worte dringen zum Himmel eh'r, - Lange Züge machen die Kanne leer -- - Eia, Halleluja!« - -Und mit tollem Jubel drehn sie sich mit im Elfenreigen, daß die grünen -Kutten im Winde wehn. - -»Hast du nun den Winter gefunden?« flüstert mir ein Gedanke ins Ohr, -»sieh', wie die Sonne über ihm steht, lichtspendend, milde lächelnd, -als ob all das Weh in der Welt nur ein Wassertröpfchen wäre, das sie -lächelnd aufsaugt.« - -»Sagtest du: Weh, kleiner Gedanke?« haucht es neben mir, »weißt du, was -das ist?« - -Ich wandte mich; da steht unter den hohen Bäumen des sonnigen Winters der -allerhöchste und breitet seine mächtigen Zweige aus, als wolle er die -Welt an seine Brust ziehn. »Sieh',« sagt er und senkt das starke Haupt, -»meine Krone haben sie mir geraubt, der Sturm, als er hinzog mit seinen -weißen Jägern über mein Reich -- meine Aeste haben sie zerschlagen und -die Augen mir geblendet. Weißt du, was es heißt, leben, und die Sonne -nicht mehr sehn, nie mehr!« - -Es geht ein Aechzen durch den zersplitterten Stamm, die Zweige bewegen sich -schwankend hin und her -- es ist, als wolle sich der Riese zur Erde neigen. -Aber noch ist er stark, noch steht er aufrecht, bis der Sturm wieder einmal -gegen ihn zu Felde zieht -- und nur wie ein »Weh -- das thut weh!« -- -zittert es durch die Luft. - -Mich fröstelte es, die Sonne sank tiefer, ich ging dem Heimweg zu. -Einzelne Gedanken blieben im Wald beim Tanz auf dem Elfenteppich, bei dem -sonnigen Winter, andere sprangen mir flüsternd, raunend, kichernd -zur Seite; bis zum Hügel hinauf, am Rand des Waldes, da waren sie -verschwunden. Einige waren den eleganten Karossen nachgelaufen und -guckten spöttisch grinsend in die Wagenfenster, andere hatten sich den -Heimatlosen, vagabondierenden Menschenkindern angeschlossen, die unter -den Büschen des sonnigen Winters ihr Nachtlager suchten. Nur Einer, -ein ernsthafter, blasser, kleiner Geselle stand neben mir, als ich mich -umwandte am Berg und mein Auge die Sonne suchte -- wie seltsam! Die Sonne, -die goldene, große, strahlende, hing herrlich am Himmel -- aber der Wald, -die Welt? Was eben noch leuchtete, schimmerte, in wunderbarsten Farben, das -lag tot und kalt und schwarz zu ihren Füßen. - -»Siehst du,« sagte der ernsthafte Gedanke neben mir, »so wollt ihr die -Wahrheit suchen mit eurem Verstand und eurer Tüftelei, so seht ihr in die -Sonne mit der Brille der kalten Berechnung auf der Nase -- ja die Sonne -steht dort am Firmament, strahlend, so himmlisch leuchtend, daß euer -blödes Auge sie nicht ertragen kann, und die Welt, über die ihr die -Wahrheit ergründen wollt, liegt schwarz und tot da. Aber schau dich um, -schau mit der Sonne, schau dahin, wo nur die Strahlen der Sonne hindringen, -wohin die Wahrheit ihr goldenes Licht wirft -- siehst du nun, wie herrlich -die Welt daliegt, in Farbe, in Glut gehüllt, verklärt? Fühle nur die -weiche, flimmernde, golddurchglühte Luft, die dich mit linden Armen -umfängt -- schaue die jauchzende, die lebende, lichte Welt! -- - -Und weißt du nun, was Poesie ist?« flüsterte der ernsthafte, kleine -Gedanke mir ins Ohr. - - - - -Ein Weihnachtsmärchen. - - -Weit, weit hinter den Wolkenbergen, da, wo der Sonne Heimat ist, die zu -verlassen ihr so schwer fällt, daß sie Tauthränen weinen muß, da, wo -gut sein, fromm sein ist, und die Religion die Liebe, da, wo es keinen -Neid, keine Polizei und keine Geldnöten gibt, da ist das Reich der -Träume, das Wunderland, wo die schöne Frau Phantasie als Königin -herrscht. Da sitzt sie auf ihrem goldenen Sonnenthron, umgeben von all' dem -lustigen und luftigen Volk, den Elfen, Nixen und Kobolden, die durch das -Christentum und das Geld aus der Welt vertrieben wurden, und hält Hof, und -die Blümelein sind ihre Vasallen und die Bäume ihre Schildwachen, und -die Vögelein jubilieren und konzertieren, und die Mücken und Grillen und -Heimchen tanzen Ballett; und der Wind, der säuselnde, sanfte, der starke, -stürmische, immer gewaltige Sänger, ist zum Hofpoeten ernannt. Aber die -mitleidige Königin, so gut sie es auch in ihrem wonnigen Traumland hat -- -sie ist nimmer zufrieden damit. -- - -Sie gedenkt ihres Sorgenkindes, der Welt, die ihr schon manch' bitteres Weh -bereitet hat, sie hüllt sich in ihren blauen Himmelsmantel, mit goldenen -Sternlein besäet, und fliegt mit geheimnisvoll leisem Flügelschlag -über die Erde, und wenn sie sieht, daß ihr Sorgenkind immer noch so -verdrießlich und wetterwendisch und eigensinnig-dumm und boshaft und -lieblos ist, dann fließen Thränen der Wehmut und des Zornes und des -Mitleids aus ihren schönen Augen, vermischt mit Hoffnungsbalsam und -Sehnsuchtslauten nach ihrem Traumland, und diese kostbaren Thränen fallen -zur Erde hinunter in die Herzen ahnungsvoller Menschen, die von Liebe -entbrennen zur herrlichen Göttin Phantasie; sie singen dann, was ihr Herz -bewegt, und die Welt nennt sie Dichter. - -Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so -daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter -hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr -Königreich, und dann geht die Sonne auf. - -Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen -hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und -Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit -und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz -ruhig unter ihr -- da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße -Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem -versammelten Volke: - -»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen -sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt -Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen -Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht, -gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und -immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es -wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte, -um sie wachzuküssen -- die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit. - -Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen -- kommt, -kommt, laßt sie uns wecken!« - -Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um -sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die -Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise. --- Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein -Mägdelein -- sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in -ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der -Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die -Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen -auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend -um sie her. Da spricht sie: - -»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein -- -steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das -neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie -ist arm, arm an Glück und Liebe -- lehrt sie, daß nur durch Liebe die -Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht -verstanden hat. - -Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That -- -predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr -entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie -auf Erden. - -O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen -zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe, -und die Liebe tot ohne die Wahrheit. -- - -Allein seid Ihr nichts, vereint alles!« - -Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder -in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und -Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und -sangen und alles war voll Freude. - -Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter -welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend -Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und -seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte: - -»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!« - -Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und -Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber, -mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas -von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid -Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher -Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch -in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere, -die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten: -»Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige -Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen, -bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder -bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her -gellte höhnisches Gelächter. - -So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin -zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von -Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der -Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen. - -Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die -leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und -plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften: - -»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's -Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und -dann müßt Ihr leiden!« - -Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und -sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch -neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen, -sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen -gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe -ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.« - -Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf -- der nickte lächelnd, -und sie zogen weiter. - -Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten -matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein -grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen -piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war -ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn -des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der -Kälte. - -Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte -und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe -Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand -ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn -her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche -Menschen -- ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den -stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten -ihre lieblichen Lippen: - -»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium -wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!« - -Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich -ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen -Fremdlingen zu nahe kämen. - -»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine -Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes -würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der -Etikette müssen sie sein.« - -»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist -nicht gut sein.« - -Und sie gingen weiter. -- Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so -viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie -gehen und an wen sie sich wenden sollten. - -So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm -und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen -in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der -Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete -von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und -bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar -hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses, -der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen -Lippen: - -»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium -wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von -hinnen treibe.« - -Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen: -»Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und -»Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »~quelle idée!~ Die ist gar -so unbequem und aufreibend --!« - -»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier -ist nicht gut sein.« - -Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter. - -Nun kamen sie in ein ganz kleines, unscheinbares Häuschen, da brannte auch -ein Tannenbäumchen, aber nur ein ganz winziges, mit zwei kleinen Lichtchen -und ein paar Aepfeln und Nüssen daran. - -Neben dem Baum saß eine junge blasse Frau mit zwei Kinderchen im Arm -und am Fenster ein finsterer Mann, der brütete vor sich hin und sah das -Weihnachtsbäumchen kaum. - -Und das Zwillingspaar trat ein und lächelte dem anderen Pärchen zu: - -»Weihnachten ist heute, das Fest der Liebe. Vom Traumhimmel sind wir -gesandt, die neue Religion zu verkündigen, das Evangelium der Liebe und -Wahrheit.« - -Aber die angeredeten Kinderchen wandten sich verschüchtert zur Seite, und -der blassen Frau liefen die Thränen über die schmalen Wangen. - -»Liebe,« schluchzte sie, »Liebe ist nur vom Uebel, denn sie hängt -schwer an Einem, und von Liebe kann man nicht leben.« - -»Und Wahrheit?« fragte der Mann mit bitterem Lachen, »wenn man die -Wahrheit sagt, wird man mit Hunden gehetzt. Geht weiter, Euer Evangelium -ist nicht für Arme.« - -Da zogen sie traurig von dannen und irrten in den Straßen umher und wagten -nicht mehr in die Häuser einzutreten. Sie kamen an ein großes, großes -Haus, das hatte einen Turm, der ragte bis in den Himmel hinein und aus den -geöffneten Fenstern drang freundlicher Lichtschein von vielen Lichtern, -Orgelklang und Gesang von vielen frommen Stimmen; sie schlüpften hinein -und standen in einer Kirche voll frommer Menschen und vor dem Altare stand -eine Krippe, darin lag ein kleines Kindlein, nackt, wie sie selber, mit -einem goldenen Krönchen auf dem Haupte. - -Und sie liefen hin und freuten sich und wandten sich zum Volk und -verkündeten mit lauter Stimme das neue Evangelium; denn sie dachten, hier -wäre es gut und fromm und hier würden die Menschen auf sie hören. - -Kaum aber hatten die von einer neuen Religion vernommen, da erhob sich ein -böses Geschrei und wütendes Toben, und an der Spitze der Mann, der an der -Krippe des Jesukindes schöne Worte gesprochen hatte, und: - -»Neuerer, Ketzer! steinigt sie, treibt sie hinaus!« -- riefen sie. - -Ach, die armen Sonnenkinder, sie wußten nicht, wie ihnen geschah, als sie -plötzlich draußen vor der Kirchenthür sich befanden, die krachend hinter -ihnen zufiel. - -»Ach wären wir im Traumland,« seufzten sie, »unter Blumen und -Vögelein, unter der Königin blauem Sternenmantel -- uns friert, ach so -sehr.« - -Da, fern von der Stadt, begegneten ihnen zwei hohe, schlanke Gestalten, ein -Mann und ein Weib -- die hielten sich eng umschlungen und von ihren Stirnen -ging ein Leuchten aus, daß es die Kinder wundersam durchschauerte. Sie -faßten Mut und gingen jenen entgegen und fragten: - -»Was thut Ihr hier draußen?« - -»Wir feiern Weihnachten,« sagten jene beiden lächelnd. - -»Ohne Baum und Menschen?« - -»Für uns allein; in unserem Herzen, denn die Menschen haben uns von sich -gestoßen!« - -»Was thatet Ihr?« - -»Wir sprachen die Wahrheit und in unserem Herzem thronte die Liebe,« -sagten jene beiden und ihre Augen leuchteten. »Das aber kann die Welt -nicht dulden, es ist gegen ihr Gesetz, und darum haben sie uns von sich -gestoßen.« - -Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus -und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre -von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der -Phantasie ihnen predigten. - -Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land -der Träume. - -Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre -Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die -Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte. - -Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk, -tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter -dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte -prophetisch: - -»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium -der Liebe und Wahrheit!« - - - - -Schneeflocken. - - -Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in -tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf -und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen. -Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und -schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend -gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die -Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein -Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den -eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust -mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie -mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden -ihres Eispalastes rüttelt -- dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal -und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den -Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz -umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken, -daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den -Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz -langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden, -funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd -herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und -der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft, -aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild -- so lockt sie -die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer -höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend -- -und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe. --- Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der -Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die -armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern. - -Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin -- die -flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen -ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht -zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die -Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem -heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt -und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich -zu Thal! - -Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und -lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten -Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. -- -Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du -ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit -- den Tannenduft, damit -sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen -wie die Kinder.« - -Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. -- - -Danach sind eines Tages zwei Männer gekommen und haben sich das -Tannenbäumchen von allen Seiten angeguckt und zufrieden mit den Köpfen -genickt. Dann haben sie ihre Pelzkappen zurückgeschoben und sich die -Hände gerieben und die blanken Aexte genommen und haben die Füßchen der -Tanne geschlagen, daß es durch den Wald gedröhnt hat, haben sie zur -Erde geworfen, ihr einen Strick um den Leib gebunden und sie hinter -sich hergeschleift über Stock und Stein, durch Schnee und Eis. Und das -Tannenbäumchen hat leise vor sich hingeweint, und die großen Bäume auch; -aber die Männer haben das nicht gehört, die meinten: Horch -- wie der -Wind pfeift! - -So ist die kleine Tanne zum Weihnachtsbäumchen geworden, wie die Waldfee -sagt -- denn da unten im Thal feiern sie Weihnacht -- -- - -»Was ist das?« fragten zwei neugierige kleine Schneeflocken, die sich -angefaßt hatten und mit ihren zarten, weißen Gliederchen auf den Zweigen -der alten Tanne auf und nieder wippten. - -»Ja, was ist das!« sagte die alte Tanne, »Wintersonnenwende nennen -wir's, und die Waldfee sagt: Jetzt wacht die Sonne auf und nun beginnt tief -unten in der Erde das Keimen und Wachsen, bis es schließlich herauf dringt -zu uns und die ganze Welt erfüllt. Aber da unten im Thal nennen sie's -Weihnacht und sagen, die Liebe wäre ihnen geboren -- und dann schmücken -sie das Tannenbäumchen mit vielen, vielen Lichtern und zünden sie an, -daß man meint, der ganze Baum stände in Flammen, und läuten mit ihren -Glocken dazu -- da -- hört Ihr's?« - -»Bim bam bum!« singen die kleinen Schneeflocken, »da möchten wir hin!« -und sie bitten den Wind: »Wind, fahr' uns hinab!« -- Der breitet seine -großen, weißen Schwingen aus, die beiden Flöckchen klammern sich mit -ihren vielen Fingerchen daran fest und nesteln sich in ihren Zottelpelzen -tief in die Fittige ein, und heidi! da ging's zu Thale. - -»Grüßt mir das Tannenbäumchen!« rief die alte Tanne ihnen nach -- und -sie brummte in den Schneemantel hinein, der sich allgemach um ihre starken -Glieder gelegt hatte: »Komisches Volk, diese Menschen! Mußte ihnen die -Liebe erst geboren werden? Ist sie denn nicht so alt, wie die Welt steht?« - -Und dann schüttelte sie ihre Nadeln, daß die Schneeflocken, die schon -darauf eingeschlafen waren, erschrocken in die Höhe fuhren. - -Die beiden neugierigen Schnee-Engelchen aber flogen zu Thal, und der Wind -war bös und pfiff ihnen in die kleinen Ohren, daß es gellte: Puh -- da -unten ist's schlecht. Was wollt Ihr bei den Menschen? Entweder sie ballen -Euch zusammen und werfen sich mit Euch gegenseitig an die Köpfe, oder sie -kehren Euch auf einen Haufen, daß ihr ganz schmutzig werdet und die Sonne -Euch aufschmilzt -- umkommen thut Ihr jedenfalls! - -Doch da waren sie schon im Thal angelangt, vor einem großen, schönen -Hause; das lag still und dunkel und allein. Nur aus einem Fenster -schimmerte ein roter Schein, dahin flog der Wind, und sieh'! von dem -Fenster her grüßte und winkte es den Flöckchen entgegen -- das waren -ihre Basen, die Eisblumen, die an den Glasscheiben in die Höhe wuchsen -und allerlei wunderliche Gestalten angenommen hatten, und die Flöckchen -setzten sich zu ihnen und guckten in's Haus hinein. Da drinnen ist's -prächtig: ein hohes, weites Gemach, und aus einem großen, weißen -Marmorkamin flutet der rote Feuerschein drüber hin, über den Tannenbaum, -der schön geschmückt und glänzend dasteht, über die vielen bunten -Spielsachen und all die kleinen Figürchen, die da unter'm Tannenbaum ihr -Wesen treiben. - -Die Eisblumen erzählten, wie schön es gewesen sei, als das -Tannenbäumchen ganz in Flammen gestanden und die Kinder um es -herumgesprungen wären und gelacht und getollt und gejubelt hätten. Dann -haben sie die Lichter gelöscht und ein Duft ist durch das Zimmer -gezogen, so würzig, so zart, so wunderstark, noch riecht's in allen Ecken -darnach -- - -Die Schneeflöckchen vergingen fast vor Sehnsucht nach all dem Schönen. -Mitleidig verrieten ihnen die Eisblumen, daß ganz, ganz unten am Fenster -eine schmale Ritze offen wäre, da könnten sie noch besser hineingucken, -und vorsichtig kletterten die Flöckchen an den glatten Scheiben hinunter -und nun stehen sie vor der Fensterritze -- -- -- - -»Also, so sieht Weihnacht aus!« flüstern sie einander zu, »komm', wir -wollen uns an die Händchen fassen und hineingehen und den Weihnachtsduft -einatmen.« - -»Thut das nicht,« antworteten die Eisblumen, »Ihr seid Kinder der Luft, -Ihr gehört nicht zu denen dadrinnen -- Ihr werdet hinsterben vor Sehnsucht -zu ihnen.« - -Aber die Flöckchen hörten nicht auf die Erfahrenen; sie zogen sich -ihre kleinen Schneemützchen über die Ohren, damit sie auch hübsch kalt -blieben und schlüpften durch die Fensterritze. -- Da schlug's Zwölf. -Das kleine Männchen in der bunten Uhr, die auf dem Kaminsims stand, -kam zwölfmal herausspaziert und beim letzten Mal nahm es seinen kleinen -Dreimaster ab und verbeugte sich und sagte: »Meine Herrschaften, die -Geisterstunde hat geschlagen!« -- - -Dann verschwand es wieder in seinem Glashäuschen, und klirrend schlug die -Thür hinter ihm zu. - -Nun begann ein wunderliches Wispern und Tustern in allen Ecken und Winkeln --- alles im Zimmer wurde lebendig und es war plötzlich ein Stimmengewirr -wie beim Turmbau zu Babel. Alle die vielen Deckchen und Schleifen, die an -den Stühlen und Lehnen herumhingen, fingen an, eine der andern Vorwürfe -zu machen, daß sie sich immer den Menschen auf den Rücken setzten oder -auf der Erde herumtrieben, und wurden so heftig dabei, daß sie sich -schließlich gegenseitig mit sich selber bombardierten. -- Das Sofakissen -wurde elegisch und machte der Schlummerrolle eine Liebeserklärung. -- -»Sie haben eine so schöne Gestalt!« sagte es, -- »von oben bis unten -egal!« Und die Feuerzange beim Ofen wollte die Schaufel umarmen und kniff -ihr dabei derb in die Nase. Die kleinen Sèvres-Figürchen auf dem Kamin -schürzten ihre Rokokokleidchen zum Tanz und der Nußknacker, der in der -Uniform eines Gardelieutenants auf dem Weihnachtstische stand, klemmte sein -Monocle ins Auge, näselte: »Charmant, auf Taille!« und klappte seine -Kinnladen mit einem gefährlichen Ruck wieder zu. Dieser Nußknacker war -überhaupt ein Don Juan; just hatte er der niedlichen kleinen Puppendame, -die in Balltoilette auf einem rotsammetenen Lehnstuhl saß, versichert, -sie sei seine erste und einzige Liebe, und nun warf er der porzellanenen -Schäferin da oben Kußhände zu und entschuldigte sich damit, daß es ja -Weihnachten sei. - -Da entdeckte er plötzlich die beiden kleinen Fremdlinge, die sich in ihren -weißen Schwanenpelzchen scheu in die Fensterbank gedrückt hielten. - -»Das ist ja etwas sehr Niedliches!« Und der Lieutenant klemmte seine -Monocle ein und beeilte sich, mit allersteifsten Gardebeinen durch den Saal -zu marschieren. - -»Premier-Lieutenant Knack von Mandelkern, I. Rrrment, Bleisoldaten -zu Fuß,« schnarrte er und schlug die Hacken aneinander, daß unsere -Schneeflöckchen erstaunt seine Füße anguckten. -- »Damen fremd hier? -- -äh -- dürfte Ehre haben, Chaperoneur zu sein?« - -»Ach,« sagten die Flöckchen schüchtern, »wir gehören hier eigentlich -gar nicht her -- wir sind nur hereingekommen -- wir wollten gern wissen -- -können Sie uns vielleicht sagen, was Weihnacht ist?« - -»Wa -- wa -- was -- Weihnachten?« Dem Herrn Gardelieutenant fiel vor -Erstaunen das Monocle weg, ohne daß er erst dazu eine Fratze zu schneiden -brauchte, und sein Nußknackermund blieb ihm offen stehen, worüber die -Flöckchen so erschraken, daß sie aufsprangen und von der Fensterbank auf -die Erde flogen. - -»Weihnachten? -- Weihnachten ist Weihnachten,« brummte Lieutenant Knack -von Mandelkern entrüstet, nachdem er vorher seinen Mund wieder zugeklappt -hatte -- dann klemmte er das Glas wieder ein und sah den Flöckchen nach --- »nette Pusselchen -- aber noch sehr jrün -- die reene Unschuld vom -Lande.« -- -- - -Die Schneeflöckchen aber waren geradewegs auf ein schönes Buch mit -Goldschnitt gesunken, das vom Tisch auf die Erde gefallen war -- auf dem -stand mit großen bunten Lettern als Titel gedruckt: Weihnacht und unsere -Vorfahren! Das sprach jetzt mit gewählten Worten: »Was Weihnachten ist, -wünschen Sie zu wissen, meine Lieben? -- Sehen Sie mich an.« Und dabei -schlug es sich auf und begann zu lesen: »Schon zur Zeit Winfrieds, des -hl. Bonifacius, des großen Heidenbekehrers, feierten unsere Altvordern, -beseelt von einem dunklen Drange, der sie zur Verehrung eines unbestimmten -Etwas antrieb, im Winter, unter Schnee und Eis, ein Fest.« - -»Altes Buch, schweig' doch still! -- Hüh! Hoh! Wollt Ihr wohl laufen, Ihr -faulen Tierchen!« klang es da unter dem Tischdeckenzipfel hervor, und als -die Schneeflöckchen, die sich große Mühe gaben, die weisen Worte des -Buches zu verstehen, sich umschauten, kam pfeilgeschwind eine -drollige kleine Equipage herangesaust, schnurgerade über das gelehrte -Goldschnittbuch hinweg, das sich voller Entrüstung erhob und mit Würde -von dannen wandelte. -- In dem von sechs weißen Mäuschen gezogenen -Wägelchen stand ein kleiner nackter Junge, mit Flügeln an den Schultern -und einem Bogen in der Hand, und sang und jubelte in die Welt hinein. Der -hat auf einer schönen Dose gesessen, in der allerlei bunte, glänzende -Steine und Goldsachen blitzten, und als der alte Herr in der Uhr die -Geisterstunde verkündete, da ist er heruntergesprungen und hat sein -lustiges Wesen getrieben. - -Ei, wie ihn die Rubinenaugen des Schlangenarmbandes anfunkelten, und so -viel die Schlange auch nach ihm mit dem Goldzünglein gezischelt, -- »ich -bin die Schlangenkönigin,« sagte sie, »ich ringele mich um weiße Arme, -weiße Nacken, ich ringele mich bis ins Herz hinein und bringe ihm den -Schlangenzauber, dem niemand wiedersteht,« -- es half ihr nichts: das -kecke Bürschchen schlang sie sich um die kleine weiße Brust, und die -Rubinenaugen funkelten ihm von der Schulter herunter. - -»Pah!« lachte er, »mein Pfeilgift ist viel stärker als Deins, -- Du -kannst mir nichts anhaben.« - -Nun setzte er sich in die große Walnußschale, die ihm der Nußknacker -geschenkt hatte dafür, daß er der niedlichen Rokokodame einen Pfeil ins -Sèvresherzchen geschossen. - -Aber er hatte keine Pferde zum Vorspannen. Da war er auf den -Weihnachtstisch spaziert, wo die heilige Krippe aufgebaut war, und hatte -den hl. Joseph um das Oechslein und das Eselein gebeten, sein Wägelchen -zu ziehen; aber der hl. Joseph hatte die Hände über dem Kopf -zusammengeschlagen über solch ein Ansinnen, obgleich Mutter Maria mit dem -Kindlein auf dem Schoß ihre Freude an dem kecken Gesellen gehabt hatte. - -Da war er den hl. Drei Königen aus dem Morgenlande entgegengegangen, -die gar bedächtig mit prächtigem Gefolge heranmarschiert kamen. -»Majestät,« sagte das Gesellchen höflich, »dürfte ich vielleicht -eines Ihrer Kamele für mein Wägelchen benutzen? -- Sie haben ja deren so -viele.« - -Aber der schwarze Balthasar, der Mohrenkönig, fletschte ihm seine weißen -Zähne entgegen, und Kaspar und Melchior hielten ihm das Weihrauchfaß mit -Myrrhen unter die Nase, daß er niesen mußte -- da sprang er davon und bat -den Tannenbaum, und der schenkte ihm sechs kleine, weiße Zuckermäuse, die -an seinen Zweigen hingen. - -Nun hielt er mit seinem flinken Gespann vor den Schneeflöckchen und -lachte: »Ach, was seid Ihr für herzige Dingerchen. -- Gleich möchte -ich mit meinem Goldpfeil durch Eure Schwanenpelzchen in die Herzchen -hineinschießen. Kommt, steigt ein -- wir fahren zum Weihnachtsball in -die Puppenstube; da tanzen Sie gravitätisch und mit Anstand ein würdiges -Menuett und sind brav und gesittet -- aber Ihr sollt 'mal sehen, was ich da -für einen Wirrwarr anrichte.« - -Den Schnee-Engelchen gefiel zwar der kleine Bursche sehr gut, aber sie -schüttelten doch die Köpfe, daß die Pelzkapuzchen hin und her wackelten. - -»Ach nein,« sagten sie, »hier können wir nicht tanzen -- hier ist es -uns viel zu warm. Wir sind auch nur hereingekommen, um zu lernen, was wohl -eigentlich Weihnacht ist.« - -Da setzte sich das Gesellchen auf den Rand seiner Nußschale, schlug -ein Bein über das andere und legte simulierend den Finger an das kecke -Näschen: - -»Ja, sehen Sie, meine kleinen Engelchen -- das ist eine kuriose -Geschichte. Da unter dem Weihnachtsbaum liegt ein kleines, nacktes Kindchen -in einer Krippe, dessen Geburtstag feiern sie, und sie sagen, er sei der -Gott der Liebe. -- Nun aber hat mir mein heidnischer Vater im Olymp -- ich -bin nämlich ein Heide, mein Name ist Amor -- immer gesagt, ich wäre der -Gott der Liebe, und ich wäre, trotz meiner Jugend, so alt wie der Olymp -und die Welt und das große, große Meer selber. -- Da muß also irgendwo -eine Verwechselung sein. -- Ich schlage vor, wir feiern das ganze Jahr -Weihnacht und halten mein Schwesterchen Freude, wenn sie davon fliegen -will, am Gewandzipfel fest. -- Ich kehre mich so wie so nicht viel an die -Jahreszeiten -- meine Pfeile fliegen das ganze Jahr durch, und die Küsse -sind immer am süßesten, wenn sie geküßt werden.« -- Und dabei breitete -der kleine Schlingel die Arme aus und wollte die hübschen Flöckchen -küssen; die aber faßten sich an die Hände und flogen ihm davon, -geradeswegs auf die Tanne zu und klammerten sich an ihre Zweige fest und -schaukelten sich und sangen: - - Von den Bergen, wo der Wind, - Wo die Tannenschwestern sind, - Sind wir hergeflogen, - Sind wir hergezogen -- - -Sag' uns, was ist Weihnacht? - -Da ging ein Leben durch die Zweige der Tanne, all' das Rauschegold, mit dem -sie geschmückt, knisterte und raschelte, die Krystallkugeln klirrten -- -stärker denn je dufteten die Tannennadeln, und horch! mit dem Tannenduft -ziehen Sehnsuchtslaute durch den Saal: - -»Ach, meine Flöckchen, wohl bin ich geschmückt, wohl trage ich -eine Krone, wohl habe ich geflammt in vieler Kerzen Schein -- für die -Weihnacht. -- Aber gebt mir die Wintersonnenwende wieder, laßt -mich umbrausen, umtosen vom Wind, laßt den ersten Sonnenstrahl mich -umschmeicheln und mir ins Herz hineinlachen. -- Nehmt mir Alles dafür hin! - -Was die Weihnacht ist? - -Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und -Geldstolz -- das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen -sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht, -fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht -- -wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich -nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt --« - -Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein -Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden -Härchen aus dem heißen Gesicht. -- Nicht schlafen konnte das Kind vor -Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört -neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht -gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und -stand mitten unter dem lustigen Volk. -- - -Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert -und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und -stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten -nicht so schnell zum Fenster hinfliegen -- da erblickte sie das Kind: -»Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir -mitgebracht!« - -Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich -und drückte und herzte sie -- ach -- und da vergingen sie ihm unter den -Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten -Aermchen -- da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte -bitterlich. - -Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten -beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom -Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein, -da schliefs Kindchen ein. - -Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer -und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht -ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder -das Märchen durch die Seele -- das Märchen von den Schneeflocken, die -ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind. - - - - -Das Märchen von der weißen Stadt. - - -Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen -Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber -der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte -dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des -Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen, -immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als -seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister -und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden, -silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein -leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf -den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie -streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in -die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. -- Drunten in der Tiefe -saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen -und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von -hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt, -aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit -den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen -müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn -Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen -Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen. -Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr -geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer -Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt -ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur -Leiche werden. -- - -Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen -Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt -vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische -trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen -zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf -und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem -Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt. -Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der -Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt -vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr, -als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. -- »Still!« flüsterte die -Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« -- Und dann sagte der Seekönig: - -»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir -zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann -allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das -Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die -fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen -Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und -das Bauen -- welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus -und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu -mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut -werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug, -das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem -Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch, -der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht -hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall -eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit -Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. -- Dann ist -er gestorben. -- Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte -machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das -dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben -die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten -heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden -Menschenseele zu. -- - -»Kommt herbei, ihr Seevolk, und hört, was ich euch sagen werde,« fuhr -der Seekönig fort: »Die Luftgeister, unsere Freunde, haben dieses Papier, -das der tote Mensch mit seinen Gedanken beschrieben und dem Großen Rat -da oben auf der Erde vorgelegt hat, aus seinen Händen weg und zu uns -herabgeweht. Schwimmt, ihr Fische, bis ans Meer, lasset die im Meere es -weitertragen zu den Geistern der Völker an der andern Seite des großen -Wassers, wie das Seevolk der Menschenseele Werk erfüllen will.« -- Da -schlugen die vier Büffelfische mit dem Schwanz unter das Papier, daß es -auf in die Wellen flog; die fischköpfigen Räte griffen entsetzt danach: -»Erst sehen, sehen!« Aber der kleine Seekönig lachte, daß es ein -Seebeben gab, und zerriß das Papier in tausend Fetzen: »Wir sehen nicht --- wir bauen!« sagte er. - -»Siehst du?« lächelte die Seejungfrau und neigte ihr Antlitz der -Menschenseele zu, »jetzt werden deine Gedanken, die du ins Wasser -hineingeträumt hast, doch wirklich. Ich habe dich oft gesehen, habe vor -dir geschaukelt, wenn du dachtest, es seien die weißen Wellenkämme. Ich -hätte dich mir geholt -- ach so gern! Jetzt bist du bei mir. Die Menschen -denken, sie haben dich begraben; aber ich halte dich in meinen Armen -- -ewig. Du darfst nicht hinaufschwimmen und dein Werk beschauen, nicht so -lange die Sonne scheint. Dann würdest du zur Leiche. Ich will nicht, daß -dich die Schwestern in ihre Gärten stellen. Ich will dich behalten -- für -mich.« -- Dann glitt sie zum Seekönig hin und schmeichelte: »Väterchen, -mach' es recht schön!« -- Er aber streichelte ihr langes Haar, das -glänzte wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sagte ernsthaft: »Du -darfst die Menschenseele hüten, daß sie uns nicht entflieht; denn nur -durch sie können wir das Große vollenden.« - -Nun beginnt die Arbeit. Ei, wie flink die Fischlein dabei sind, das blaue -Wasser zu kommandieren, daß es in langen, glänzenden Streifen zwischen -grünen Inseln sich durchzwängt, alles Land verschlingend, das ihm im -Wege ist, daß es unter wölbende Brücken sich duckt und schmeichelnd zu -Füßen schlanker Säulenhallen sich schmiegt. Und die Nixen kommen und -spielen mit den Fluten, daß sie in glitzernden, schillernden Farben zu den -Luftgeistern emporsprühen. Wie geschickt die Gnomen und Kobolde Stein auf -Stein, Bogen an Bogen zu fügen wissen, daß es sich erhebt aus der Tiefe -des Sees -- eine weiße, wundersame Wunschstadt. Da tauchen Türme auf mit -seltsam zackigen Verzierungen; ein kleiner Nix sitzt darauf und lehrt sie -allerlei alte Weisen mit seiner Glockenstimme, und nun singen die Türme -sie weiter. Hier schwimmt eine schneeweiße Rotunde mit lauter kleinen -Fensterchen rundum; und die Fische leiten das klare Wasser hinein und -tummeln sich darin. Und still und groß und schön wächst es und wächst -es, schier in die Ewigkeit hinein. -- In einer großen Muschel, davor -sechs buntscheckige Forellen geschirrt sind, durchzieht der Seekönig die -Wasserkanäle, mit scharfen Augen Umschau haltend. Hier zwickt er ein paar -faulen Weißfischen aufmunternd die platten Schwänzchen; dort schilt -er zwei streitlustige Hechte, die beide denselben Riesenpalast errichten -wollen und ihn dabei unsanft hinfallen lassen. Ein energisches Nixlein ruft -er herbei als Oberaufseher, und das lenkt mit seinen weißen Fäustchen die -störrischen Gesellen wie ein paar gutmütige Oechslein. -- -- Als -aber der Seekönig sieht, wie alles gut ist, taucht er unter in seine -Schatzkammer, füllt seine Muschel mit Gold, so viel sie tragen kann, -schüttet es am Ufer aus und befiehlt: »Da -- krönt das Ganze damit! daß -die Kuppel weithin leuchte wie eine Sonne!« - -In der Tiefe des Sees ruht die Seejungfrau, regungslos, daß sie die zarten -Fäden nicht zerreiße, die von dem weißen Schaum an ihrer schönen -Brust aufsteigen zu dem Werk da oben. Und die Menschenseele harret der -Vollendung. - -Da wallt ein Zug daher über das Wasser. Nebelschleier spinnen ihn ein, -daß er wie eine Wolke über dem See schwebt, und er zieht eine Bahn, -silbern wie der Mond auf dem Wasser liegt. Schweigend klimmt er das Ufer -hinan, wo droben der Seekönig seiner harrt, und über ihm schwebt -die goldene Kuppel wie eine große Krone. -- Nachts, wenn die Menschen -schlafen, ergeht sich das Wasservolk oftmals am Ufer und pflegt Zwiesprache -mit Mond und Sternen. -- Voran im Zuge schreiten Patres mit fahlen -Gesichtern in schwarzer, spanischer Mönchstracht. Sie tragen gewaltige -Lasten auf ihren Schultern: Türme und Türmchen, spitze und runde, -Mauern so dick wie Gefängnismauern mit tiefen Kreuzgängen und -schweren Wölbungen. Sie keuchen unter ihrer Last; ein lustiges, weißes -Elfengesindel kommt neckisch gesprungen und weist ihnen den Weg unter -hohen Bäumen, und hilft ihnen, das wunderliche Ding, das einem spanischen -Kloster ähnelt, von den gebeugten Rücken abzuladen. Da richten sich -die schwarzen Geister der Patres zufrieden auf, und sie bauen mit dem -geschmeidigen Nixenvolk, dessen Listen sie wohl gewachsen sind, vergnügt -weiter. - -Eine mächtige Gestalt schreitet auf dem Wasser; ein Gewand von Gold -umstarrt sie; sie trägt einen goldenen Helm; golden leuchtet ihr strenges -Antlitz daraus hervor. Siegesgewiß, siegesbewußt geht sie mit großen -Schritten an dem Seekönig vorüber, ihm herablassend huldvoll zuwinkend. -Der lächelt fein ihr nach, wie sie sich gravitätisch aufpflanzt inmitten -all des Schönen -- ein wenig zimperlich, ein wenig ungelenk. »Laßt sie -nur dastehen,« nickt er, »man wird schon sehen, daß es nicht unsere -wirkliche Athene ist -- nur eine große, große, goldene, emancipierte -Alte-Kunst-Jungfer.« -- Und dann streckt er freudig seine Hände -den schlanken Gestalten entgegen, die aus dem Nebel sich loslösen, -einherwallen in faltigen Gewändern, die sich feucht um die herrlichen -Glieder schmiegen; und sie tragen auf den stolzen Häuptern die weißen, -strahlenden, wundervollen Trümmer der Heimat. »Du Land der Sehnsucht!« -flüstert der Seekönig. Sie lächeln ihm zu mit den schönen, traurigen -Gesichtern. Sie pflanzen Säulen in die Erde, rein und schön, wie sie -selber, sie breiten die Hände aus, und eine erhabene Harmonie lagert sich -über der Wunschstadt. Sie erheben die kraftvollen Arme und sprechen: »Du -lässest uns, o Vater Zeus, die Schönheit schauen, nicht zertrümmert, -nicht zerschlagen, nein, in ihrer ganzen siegenden Gewalt.« -- Und -demütig neigen die Karyatiden die stolzen Häupter unter der Last der -Schönheit, die sie tragen. - -Wunderlich Volk zieht im Zuge einher, der übers Wasser wallt. Ein kleiner, -nackter Bub, der nur einen Frack und Cylinderhut trägt für seine -Blöße, bietet zierlich einer Rokokodame den Arm, die gar stattlich in -Hackenschuhen und Reifrock mit einer Trikolore auf dem hochfrisierten -Köpfchen einherstolziert: »Wir sind barock, nicht wahr?« nickte der -kleine Schelm dem alten Seekönig zu. -- »Wir, Puck Amor und Dame la -France!« -- In einem muschelförmigen Wagen, schimmernd von Gold und -Edelgestein, kommt ein ernsthafter Mann. Er hat ein braunes Gesicht, aus -dem seltsam überirdische Augen schauen, trägt nur einen schlichten, -weißen Kaftan um die Hüften gegürtet, und doch neigt Seekönig sich -tief vor ihm, und eine zarte, braune Elfe, schön wie des Gottes Bajadere, -geheimnisvoll wie die Wunder Indiens, gleitet vor ihm her, ihm seinen -Wohnort zeigend. -- - -Und so kommen sie alle, die Geister der Völker, die der Seekönig -entboten hat. Plumpe nordische Burschen tragen Paläste von plumper Pracht. -Ernsthafte, blondköpfige Gesellen bringen ein seltsam Häuschen mit -spitzragendem Turm, mit schönen Gewölben, durch deren bunte Glasfenster -es lieblich leuchtet, wie eine Geistessonne. Zierliche, dunkeläugige -Mädchen kommen im Tanz geflogen: ihre Gewänder flattern im Wind, sie -streuen Rosen aus, duftende Rosen der Anmut. -- Seltsame Fahrzeuge gleiten -im Nebel im Geisterzug. Unbeholfen, schwankend die einen. Schwarze, -düsterblickende Gesellen stehen darin und blicken drohend hinüber zu dem -schlanken Schiffchen, das, seinen Drachenkopf vorgestreckt, wie ein Renner -durch die Fluten schießt, pfeilgeschwind, die andern weit hinter sich -lassend. Wie nur das Schifflein die Hünengestalten seiner Mannschaft, die -mit sehnigen Armen die Ruder führen, birgt in dem schlanken Rumpf?! Hoch -richten sich die Gestalten auf, sie wachsen und wachsen, daß ihre Leiber -dunkle Schatten werfen weithin über den See. Und sieh' nur -- wie -die geisterhaften Schwarzen in den schweren Kreuzesschiffen zum Himmel -hinaufragen, fanatisch glühen ihre Augen durch den Nebel -- der beginnt -wunderlich zu leben, wogt und zerrt her und hin, bis er die Riesengestalten -verschlungen hat. Dann gleiten Karavelen und Vikinger in glatte Buchten, -gezogen von muntern Fischlein, gesteuert von weißarmigen Wassernixen. - -Da bebt der See. Hoch sprühen die Wasser auf. In den schäumenden, -singenden Strudel steigt der Seekönig hinab in sein Reich, gefolgt von -seinem fleißigen Volke. Drunten in der Tiefe ruht die Menschenseele. -»Wann wird es vollendet sein?« fragt sie sehnsüchtig. »Es ist -vollendet,« sagt der Seekönig. »Sobald der erste Sonnenstrahl die -goldene Kuppel trifft, wird es den Augen der Menschen sichtbar sein.« -»Und sichtbar bleiben? Immer?« fragt die Menschenseele. »Nur eine kurze -Spanne Zeit hat das Wasservolk Macht über die Erde. Nur bis die Sonne -in die Fluten sinkt und die Zauberwelt, die wir gebaut haben, mit sich -hinabreißt. Aber wenn dein Seelenauge dein Werk erschaut, ehe die Sonne -die goldene Krone bestrahlt hat -- dann wird es ewig sein. Dann aber wirst -du sterben und dein Name wird vergessen werden unter den Menschen.« -- Die -Menschenseele lächelte. Eng schmiegte sie sich an die atmende Brust der -Seejungfrau. - -Droben, von der verschlafenen Erde, erhob sich die Nacht und zog ihre -schwarzen Schleier schleppend hinter sich her, über den Himmel. Da ward -es Licht auf der Erde. -- Es war aber alles noch den Augen der Menschen -verborgen; denn die Menschen sind ein blödsichtig Geschlecht, und sie -sehen nur, was ihre Augen ihnen zeigen. Aber die Tiere öffneten -ihre klugen Augen. Die Vöglein in der Luft flatterten hin über -die Wunschstadt, setzten sich neugierig auf die zackigen Türme und -zwitscherten hernieder von den Stangen der bunten Fahnen. Die klugen -kleinen Enten schwammen in den Wasserkanälen und erzählten schnatternd -von dem Schloß der Wasserfrauen, das sich zur Nacht aus Busch und Schilf -erhoben hatte. -- Verwundert blickte der Ackersmann, der mit seinem Gaul -dahergeschritten kam, Furche auf Furche durch die wilde Erde zu ziehen, -zu den Vöglein auf: wie konnten sie nur mit geschlossenen Flügeln in der -Luft schweben, als ob sie auf Bäumen säßen? -- Und die zwei Reiter, die -dort hintereinander über die Prärie jagten, sahen die Entlein auf dem -hohen Präriegras schwimmen wie im Wasser. Aber sie haben nicht Zeit, sich -lange zu verwundern -- da -- der gelbe Rücken des Puma taucht auf, den -sie gejagt -- der Schuß kracht aus der Büchse des Trappers -- der Pfeil -schnellt von dem Bogen des roten Mannes: gilt er dem König seines eigenen -Landes? gilt er dem weißen Fremdling da vor ihm? -- Hoch richtet er sich -im Sattel auf, daß die Adlerfedern in seinem schwarzen Schopfe nicken. -Was ist das? -- da -- glitt nicht der Puma hinab in blaues, kräuselndes -Wasser? Was ringt sich los aus den Nebeln? Das Roß des Trappers bäumt -sich, geblendet schützt der Indianer die Augen mit der Hand, und späht -und späht. -- Still lehnt der Ackersmann an seinem Gaul, sein Blick -sucht die Erde, seine Erde, die er bebauen muß. Und sie schauen, wie es -herauswächst aus dem Morgengrauen, weiß und still; wie es emporstrebt zum -Himmel, eine wundersame, andere Welt, die sie mit erhabenen Augen anschaut, -sie mit weißen Armen umfängt, sich wie weiße, stille, reine Gedanken in -ihre Seele senkt. Wie sie stehen und schauen, umweht es sie lind und kühl --- ein Hauch der Ewigkeit. - -Ein klein lustig Elflein aber zerrt den Puma, der verdutzt da kauert in -der Wunderwelt, an den Ohren zu einem Marmorsockel hin. »Da lieg', du -Wilder!« lacht es, und der Tiere König läßt willig sich in die Fesseln -der Schönheit schlagen. -- - -Horch! Es geht ein Brausen durch die Lüfte, ein Singen, Klingen, lieblich -Geläute: aus dem Morgengrauen erhebt sich der junge Tag, und sein -leuchtendes Auge weilt liebend auf dem weißen Wunder. - -Auf den blauen Fluten des Sees trieb ein zarter weißer Schaum. Ein -Sonnenstrahl irrte zu ihm hin und küßte ihn bebend. Da ward er zur -Leiche. Die Menschenseele war aufgestiegen aus den geliebten Wassern, um -zu sterben. Der See bebt, als sei er in seinen Tiefen erschüttert. In den -sprühenden Wogen aber taucht die Seejungfrau auf, an deren weißer Brust -des Toten Seele geruht hat. Ihr goldenes Haar glitzert auf den Fluten. -Klagend schlingt sie die weißen Arme um ihn, sein schönes, bleiches -Antlitz über Wasser haltend. So gleiten sie dahin über die murmelnde, -singende Fläche -- weit, weit hin, den weißen Tempeln zu. Und das Licht, -das die Seele getötet, liegt liebkosend auf der stolzen Stirn. -- -- -- - -Es kamen die Menschen und nahmen Besitz von der Wunschstadt in der neuen -Welt. - - - - -Welt-Ausstellung im Walde. - - -Draußen im Wald flüstern die bunten Bäume miteinander und streuen gelbe -und rote Blätter auf die braun sich färbende Erde, wie der Frühling -Rosen streut; der Herbstwind rauscht und raunt in den Zweigen, und eine -milde Herbstsonne glüht auf die Weinblätter am Eichenstamm, daß sie -tiefrot schimmern, wie lauter Blutstropfen. - -Am träge über Kiesel und trockene Aeste dahin murmelnden Bächlein nickt -ein grüner Zweig -- da leuchtet etwas Blaues auf, dann tönt ein Lockruf, -sanft, zärtlich, dringend -- jetzt die Antwort -- noch etwas Blaues -- -- -Zwei Vöglein sind's: blaue Flügel schwirren durch die Luft, und zartgrau -glänzt der Leib. - -»Was nur heute los ist!« sagte der eine Blauvogel zum andern, »keine -Fliege, kein Käferchen läßt sich sehen, alle ziehen dort hinein in's -Tannendickicht, und selbst die Mücken machen ganz ernsthafte Gesichter!« - -»Guten Abend, guten Abend, meine Herrschaften,« schnarrt es über ihnen. -Da hängt am Baumstamm ein goldgelbes Vögelchen. Zu welcher Klasse es -gehört, das weiß ich nicht (schlagt einmal in Nehrling's amerikanischem -Vogelbuch nach), aber es hämmert in die harte Baumrinde, daß es durch den -ganzen Wald schallt, und so wollen wir es kühn »Gelbspecht« titulieren. - -»Ja, ja, Sie haben Recht, es muß etwas im Walde sein bei dem kleinen -Getier,« sagt der Specht, »ich habe schon dieselben Beobachtungen -gemacht. Aber sehen Sie einmal da -- die Spinne!« An einem trockenen -Zweiglein hängt eine große Spinne, eifrig beschäftigt, silberglänzende -Fäden zu einem kunstvollen Netz zu verweben. - -»Was machen Sie denn da, Verehrteste?« fragt der Specht, als der -Zudringlichste; denn die Blauvögelein haben etwas Schüchternes, sie -mischen sich nicht gern in anderer Leute Angelegenheiten und sind nicht -weltgewandt wie der Herr Gelbspecht. - -»Ich spinne,« sagt die Spinne ernsthaft. - -»Ja, das sehen wir,« entgegnete der Specht, »aber, meine Gnädigste, was -spinnen Sie?« - -»Ein Netz,« sagt die Spinne. - -Die Blauvögel stoßen ein leises, glucksendes Lachen aus, und der Specht -hämmert entrüstet gegen den Baum. - -Jetzt schlingt die Spinne einen letzten Knoten und krabbelt langbeinig -davon: »Es muß fertig werden zur Ausstellung, die wird heute Abend -eröffnet,« ruft sie zurück. - -»Ausstellung?« fragen die poetisch-unwissenden Blauvögel und schlagen -verwundert mit den Flügeln. »Von was? Wozu? Davon haben wir noch nie -etwas gehört.« - -»Ja, das glaube ich,« lächelt der Specht mitleidig, »Ihr schwebt -ja immer in den Lüften und schwärmt für Sonnenuntergänge, düstere -Waldpartien mit Lichteffekten und dergleichen Humbug. Ich weiß wohl, das -Getier da unten auf der Erde hält eine Weltausstellung --« - -»O, da laßt uns hingehen,« jubeln die Blauvögel. »Aber wo ist sie -denn?« - -In der Nähe erhebt sich plötzlich ein nimmer endenwollendes Geschrei, -Gekrächze, Gejohle -- - -Der Specht wiegt überlegend sein gelbes Köpfchen: »Wißt Ihr was? Wir -wollen die Schwarzvögel fragen -- die wissen alles! Hört, wie sie -reden und schnattern? Die haben wieder Kaffeegesellschaft oder Loge oder -Gesangverein -- die ganze Eiche dort ist ja schwarz von lauter Staarherren -und Damen, und wenn ihre Sitzungen vorüber sind, wissen sie alles, was im -ganzen Walde passiert ist: wie viele Kinder die Madame Maus das letzte Mal -zur Welt gebracht hat, und wie es auf dem Grashüpferball hergegangen ist, -daß sie im Eichhörnchenturnverein sich fast geprügelt haben bei der -Sprecherwahl und daß der Gesangverein der Locusts sich geeinigt -- --« - -»Gibt's nicht, gibt's nicht! Nee, so blau,« piepst ein unverschämter -Spatz und fliegt dem Specht dicht vor dem Schnabel her in den nächsten -Baum. - -Der aber beachtet den naseweisen Gesellen gar nicht und spricht ruhig -weiter. - -»Ach, hören Sie auf, bitte, Herr Specht,« rufen die Blauvögel, »das -ist ja wie ein ›Eingesandt‹ in der Zeitung!« - -»Aber Kaffernreligion,« lacht der Specht. - -»Seht, da kommt Ihr Bruder -- »Ober-Edel-Erz« angeflogen! Halt, den -wollen wir uns kaufen!« - -»Oh, Herr Staar, wollen Sie nicht die Güte haben, sich hier ein wenig auf -diesen bequemen Baum zu bemühen?« - -»Man muß immer höflich sein mit den Leuten, wenn man etwas von ihnen -will,« flüstert der Schlaue den simplen Blauvögelchen zu, die vor -Erstaunen den Schnabel aufsperren. - -Der Staar krächzt freundlich der Bitte Gewährung, läßt sich auf einem -Ast etwas erhöht über den andern Vögeln nieder, wirft den Kopf in -den Nacken und dreht und wendet sich, daß seine roten und gelben -Logenabzeichen auf den Schultern in der Sonne schillern. Nachdem die -Vorstellung glücklich vorübergegangen ist, bei der der Herr Staar -herablassend den spitzen Schnabel gesenkt und die Blauvögelchen verlegen -die niedlichen Köpfchen geduckt haben, erkundigt sich der Gelbspecht in -den gewähltesten Ausdrücken nach der internationalen Ausstellung. - -»Jawohl, jawohl,« entgegnete Herr Staar würdevoll, »heute Abend ist -Eröffnung. Es soll ja etwas Großartiges werden. - -Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den -ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin -ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes -Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach -Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn -sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem -Wahren vorziehen -- es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer -wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach --- Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel -dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar -- -- ob zu ihrem -Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik --« hier räuspert -sich der Staar und blickt gen Himmel -- »ja, auch in der Musik gellt und -dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die -Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. -- Nein, das geht -ja nicht. Ich -- ich -- ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen -überwältigen, meine Lieben -- und« -- Ja, da bleibt der gebildete Staar -stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit -haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht -mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und -ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken -und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen -herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den -allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck! - -Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen, -wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.« - -»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und - -»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar. -Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt -gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu. - -Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung -scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den -Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier. -Der Eintritt ist frei -- wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen, -gibt es im Tierstaate kein Geld -- und unsere vier Vögel flattern in das -Dickicht. - -»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen -scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett -erholt?« - -»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche -Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben -Kinderchen großzuziehen.« - -»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage -sollte doch alles möglich sein -- Eier ausbrüten -- Kleinigkeit! -Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?« -Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des -Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt, -Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen -z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen, -ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in -welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl. -mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein. - -Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel -in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier -über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt, -marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder -Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt -und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß -es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige -Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen -die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung -und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie -fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich -mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften -als Führer an, was mit Dank angenommen wird. - -»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu, -noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« -- die langbeinige -Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie -mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine -- »wie fein, wie zart, -geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin, -jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt -- das nenne ich -Naturalismus. - -»Schrecken der Hinterlist« ist es betitelt. - -Hier die noch lebende, schwer am Licht verbrannte Motte -- »Schrecken der -Aufklärungssucht«. - -Jener Schmetterling, dem eine rauhe Menschenhand den Duft von den zarten -Flügeln gewischt, nun kann er nicht mehr fliegen -- »Schrecken des -Freiheitsdranges«. Ach, und noch so vieles Traurig-Schauderhaft-Schöne! -Sehen Sie, die von Ameisen abgenagte Drosselleiche« -- die Vögel -schütteln sich und machen unangenehme Gesichter -- »und der glänzend -reine Katzenschädel« -- die Vögel nicken befriedigt mit den Köpfen, und -der Gelbspecht macht eine Bewegung, als wolle er die leeren Augenhöhlen -auspicken -- »wirklich eine recht sinnige Zusammenstellung. - -Bitte, blicken Sie hierher -- lauter Raritäten -- da, das so natürliche -Loch in der Erde, hier eine kleine Blätterhütte, ein Einsiedler-Heimchen -wohnt darin und zirpt bescheiden für sich allein, dort jene sorgfältig -getrockneten Heuschreckenleichen, eine Reminiscenz aus dem großen -Heuschrecken-Grashüpferkrieg. -- Und hier, bitte, sehen Sie einmal durch -dies Loch im Tannendickicht -- nicht wahr, ein reizendes Panorama: im -Hintergrund die Wolken als Schneeberge, davor ein einsamer, schwebender -Rabe -- großartig, nicht wahr?« - -»Aeußerst großartig,« meint der Specht, »aber was stellt es vor?« - -»Es ist auch ein Kriegsbild: Eine vergessene Heuschreckenleiche!« (Frei -nach Wereschagin.) - -Die Vögel sehen sich erstaunt unter einander an, suchen die Leiche und -erklären, nun einmal etwas Anderes sehen zu wollen. Das gibt es ja auch -in Hülle und Fülle für jede Geschmacksrichtung. Hier, ein Eiffelturm -aus Eicheln, ein Eichhörnchen sitzt oben drauf, zeigt auf Kommando sein -buschiges Schwänzchen und knackt Nüsse zur allgemeinen Belustigung, -dazu marschieren allerliebste kleine Nagetierchen kauend durch die -Zuschauermenge und bieten goldgelben Harz-Chewing-Gum als Erfrischung -an. Da ist eine Grotte aus kleinen Tropfsteinen und Tannenzapfen, -geheimnisvolles Dämmerlicht; einige Glühlichtwürmchen leuchten dazu, -auf grauen, trockenen Blättern und Gräsern sind vorgestrige -Regentropfen gesammelt, die schimmern wie Wasserfluten, und ein schlankes -Grillenfräulein, die Grillenbeine mit Schleiern aus glänzendem, -flatterndem Altweibersommer bewickelt, als Fischschwanz, bewegt sich -rhythmisch hin und her und fährt mit den langen Vorderbeinen sich graziös -über den Kopf, als kämme sie sich. - -»Was macht die da drinnen?« fragt der eine Blauvogel neugierig, während -der andere starr vor Erstaunen dasteht. - -»Ich bin unten Melusine und oben Loreley,« sagt das Grillenfräulein, -»denn ich habe einen Fischschwanz und kämme dazu mein goldenes Haar.« - -»Ja so,« sagt der Specht. - -Dicht daneben tanzen ein paar Grashüpferdamen Ballett auf einer Schaukel -von Grashalmen, und springen so hoch, daß man sie kaum noch sehen kann, -während auf der andern Seite ein paar Mäusejünglinge in grauen Tricots -mit aus Nußschalen gedrechselten Bällen auf kunstgerechte Weise Baseball -spielen. - -Dieser ganze Wirrwarr, der Lärm und das Getöse, dies Hin und Her, -wirkt ungeheuer ermüdend auf die Nerven ungeübter Zuschauer, und unsere -Blauvögel piepsen und flüstern miteinander, und fühlen sich recht -ungemütlich. - -»Musik, meine Herrschaften, hören Sie unsere allermodernsten Vorträge,« -ruft jetzt der Hirschkäfer. Alles stürzt nach einem hübsch mit -Tannennadeln bestreuten freien Platz. Auf einem Tannenzapfen steht -erhobenen Armes eine große Locuste, so eifrig gestikulierend, daß ihr die -Augen vor den Kopf treten; und um sie her scharen sich allerlei musikalisch -beanlagte Tiere. Nun gibt der Herr Kapellmeister das Zeichen, indem er -seine Fühlhörner weit ausstreckt, und das Konzert braust durch das -Tannendickicht. Sämtliche Grillen des Waldes zirpen so laut sie können, -dazu schnarren die Locusts, pfeifen die Mücken, brummen die Käfer -aller Art; die Kaninchen gebrauchen kräftig ihre Trommelstöcke -- ein -Höllenlärm! - -»Ist das nicht herrlich?« fragt der Hirschkäfer unsere Vögel. - -»Sehr schön,« entgegnete der Gelbspecht, »nur etwas unverständlich.« -Der Staar macht ein sehr gebildetes Gesicht, und die Blauvögel meinen -schüchtern: - -»Es ist aber recht eintönig, und immer so dudelig.« - -»Das ist ja gerade das Schöne,« sagt stolz Kapellmeister Locuste, -»sehen Sie, wie gut Sie es verstanden haben? Es war unsere Nationalhymne --- der Moskito-Doodle!« - -Den Blauvögeln kam die Sache immer problematischer vor, und als vollends -der Herr Mistkäfer mit der ganzen Familie auf sie zukommt und sie -freundlich auch mit dem Nützlichen der Ausstellung bekannt machen will --- die verschiedenen Blätterpräparate, wie Regenmäntel, Schirme und -schützende Laubdächer und Haushaltungsgegenstände aller Art; ferner -Delikatessen: Tauwein über Grashalme abgezogen, dazu Konfekt mit dem -kuriosen Namen Fliegendreck, Misthäufchen, Schneckengelee etc. -- da -fliegen unsere Blauvögel entsetzt kerzengerade in die Höhe und davon, und -auch der Herr Staar, trotz seiner Gleichheitsideen, meint: »es wäre doch -recht gemischte Gesellschaft, und überhaupt vertrüge sich die Heiterkeit -dieser Ausstellung nicht mit seiner ernsten Geistesrichtung,« während -Herr Gelbspecht übermütig erklärt: - -»Nein, mir gefällt es hier famos! Ich will erst den ganzen Schwindel -sehen, und wenn mir die dicke, fette Fliege da morgen im Sonnenschein -begegnet, so fresse ich sie auf vor lauter Liebe.« - -Hoch oben auf einer Berghöhe, von wo man weit über Baum und Strauch -hinüberblickt -- dahin haben sich die Blauvögelein geflüchtet, und der -Staar gesellt sich zu ihnen, weil er just nichts Besseres zu thun hat. -Außerdem hält er die Blauvögel für recht belehrungsbedürftige Wesen, -denen eine kleine Pauke über »die langsam sich vollziehende Umwälzung -der Weltordnung« gar nichts schaden kann. - -Aber unsere blauen Waldvögelein werden hier oben in der Einsamkeit -selber so beredt, daß dem wohlmeinenden Staar nichts übrig bleibt, als -zuzuhören. - -»Blick' um Dich,« singen sie, »das ist unsere Ausstellung, das ist -unsere Freude und die Freude der ganzen Welt. Sieh', wie die bunten -Blätter die Bäume schmücken, wie die glührote Weinranke die dunkle -Tanne zärtlich umfängt. Horch! _Unser_ Konzert! Wie das rauscht und -flüstert in den Zweigen, wie der stürmische Herbstwind in den Blättern -tost, und sieh', wie der schönfarbige Schmetterling die geliebten -Herbstblumen umgaukelt! Und blick' um Dich: die Sonne geht zur Rüste, sie -glüht und leuchtet noch einmal und dann sinkt sie in ihr zartes, graues -Wolkenbett und vergoldet es mit ihrem Schein, und ein strahlender Rand -zieht sich um die seltsamen Wolkengebilde. Ist das nicht schön? Ist das -nicht herrlich! - -Und horch! da unter uns am Fuß des Baumes -- das sind Menschen! Ein -seltsam Geschlecht -- kluge Gedanken und weiche Herzen -- Ich liebe sie, -wenn sie zu Zweien im Walde wandern, wie diese hier. Hör', was sagen -sie?« -- Ja, es sind Menschen -- ein Mann und ein Weib. Und durch des -Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden, und auf des Weibes glatter -Stirn hat das Leben zarte Furchen gezogen. -- - -»Sieh', liebes Weib,« sagte der Mann, »diese frühen Herbstblätter -in dem grünen Wald erinnern mich an meine weißen Haare, an Deine ersten -Falten auf der Stirn. Ach, Kind, spät ist's schon im Leben, und jetzt erst -lernen wir das Glück kennen!« - -»Liebster,« entgegnet sie, »sieh', wie die Sonne strahlend und -liebkosend über die Baumstämme gleitet, wie alles noch einmal in voller -Pracht glänzt, glüht und leuchtet -- zum letztenmal, ehe es Winter wird. -So freuen wir uns jetzt noch einmal des Glückes und der Liebe, ehe _unser_ -Winter kommt. Liebster, wie schön ist die Welt und das Leben!« - -Da zieht der Mann das holde, ernste Weib an sein Herz und küßt die Falten -auf der blassen Stirn, und das Gesicht des Weibes glüht und blüht nun, -wie die Rose in ihrem Lebensfrühling. - -Sie sehen hinüber, bis die Sonne verlischt. -- Und die Vöglein lauschen, -und der Staar meint: - -»Die verlangt's auch nicht nach Veränderung, und die denken auch, gerade -wie ihr dummen, kleinen Dinger, das Leben sei doch schön. Merkwürdig! Und -die Welt soll doch so schlecht sein, sagen sie im Verein für Freiheit und -sittlichen Umsturz. Was ist nun wahr? Darüber muß ich auf einem einsamen -Eichenwipfel etwas näher nachdenken.« - -Er spreizt seine dekorierten Flügel und fliegt von dannen. Blauvöglein -aber locken in den Abend hinein und setzen sich dicht nebeneinander auf -einen Zweig und plustern sich und träumen. Die sanfte Nacht kommt gezogen -und breitet ihre schwarzen Fittiche lind über die müde Erde -- -- über -selige, herbstliche Menschenkinder, über plusternde Blauvögelein und -melancholische Staare -- ja, und über all das kriechende, sich duckende, -hochmütige, aberwitzige Volk und den weltklugen Gelbspecht in der -Weltausstellung im Tannendickicht. -- - - - - -Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden. - - -Die braune Drossel saß auf einem hohen Baume im Garten und zwitscherte: -»Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine -Krone von Blüten auf dem Haupte, und --« - -Weiter konnte man nichts hören, denn die Sperlinge, denen die Drossel das -erzählte, piepsten und schrieen und zankten so durcheinander, daß die -Drossel auf und davon flog. Was ging es auch die Stadtspatzen an, was die -Walddrossel zu erzählen hatte! - -Die bleiche Frau Sehnsucht aber stand am geöffneten Fenster ihres Hauses -und sah der Drossel nach. »Ach,« seufzte sie, »wer doch ein Sonntagskind -wäre und verstehen könnte, was die Vögel singen! Ach, und wenn nur das -Kind, das ich gebären werde, ein Sonntagskind würde, dann wollte ich gern -glücklich und zufrieden sein.« - -Als aber ihre schwere Stunde kam, da war der lachende Sonntag noch nicht -aufgestanden, und der stille Sonnabend lehnte noch an der kleinen Wiege mit -großen, müden Augen. Er legte eine kühle Hand auf die Stirn des kleinen, -roten, zappelnden Dinges, das mit geballten Fäustchen unter dem Deckchen -herumarbeitete und mit Zornesfalten im Gesicht in die Welt hinausschrie. - -»Nur eine Viertelstunde zu früh,« seufzte die blasse Frau Sehnsucht, und -zwei heiße Thränen fielen auf die geschlossenen Augen des Bübchens in -ihrem Arm. - -Der kleine Bursche aber wuchs kräftig heran und wurde so stark, daß die -ungezogenen Buben in der Nachbarschaft ihm gern aus dem Wege schlichen. -Er stand an seiner Mutter Knie gelehnt und lauschte mit leuchtenden, -wundersamen Augen, wenn sie von den Sonntagskindern erzählte, wie sie gar -so klug sind und wissen, wie die Welt geht, und verstehen, was die Tiere -sprechen, und wie sie den Wolkenflug deuten können. -- »Warum kann ich -nicht jetzt noch ein Sonntagskind werden?« rief er zornig. Dann sprang er -hinaus in den Garten und legte das Ohr auf die Erde, ob er nicht das Gras -wachsen höre, wie ein richtiges Sonntagskind. Er hörte wohl ein zartes, -leises Murmeln, aber ob es nicht die kleinen Käfer und Ameisen waren, die -da raschelten, das wußte er nicht zu sagen. Er stand unter den Bäumen und -hörte zu, was die Vögel sangen; es war ihm, als verstände er einzelne -Worte, wie Sonnenschein, Glück, Blütenduft; aber er war doch nicht -sicher, ob es ihm nicht sein eigenes Herz zugeflüstert hatte. Und weinend -lief er hin zu seiner Mutter und trotzte: »Ich will doch ein Sonntagskind -werden!« - -»Der Sonnabend leidet's nicht,« sagte Frau Sehnsucht traurig. »Und es -war doch nur eine Viertelstunde!« - -»Es muß in den Büchern stehen,« sagte der Knabe, als er in die -Schule ging. Und er lernte alles, was in den Büchern stand und wurde ein -berühmter Mann. Von weit, weit her kamen die Menschen nach dem kleinen -Häuschen der Frau Sehnsucht und wollten von dem jungen Gesellen Antwort -haben auf ihre neugierigen Fragen, und er sagte ihnen alles. Aber insgeheim -glaubte er selber nicht an das, was er ihnen so gelehrt auseinandersetzte; -hatte er doch in keinem Buche Bescheid auf seine einzige Frage erhalten: -Wie er es anfangen könne, ein Sonntagskind zu werden? -- Als nun eines -Tages wieder einmal ein paar kluge Professoren kamen, die aber doch nicht -so klug waren, wie er, und die spitzigen Zeigefinger an die spitzigen Nasen -legten, und ihm die wichtige Frage stellten: Wie kommt es, daß der -Mensch die Nase mitten im Gesicht hat? -- da fielen dem Gesellen seine -Riesenkräfte ein. Er warf die Professoren mitsamt der ganzen Universität -zur Thür hinaus, reckte und streckte sich einmal, that einen tüchtigen -Jauchzer und sagte zur Frau Sehnsucht: - -»Mutter, jetzt ziehe ich in die Welt hinaus, dem Sonntag nach, und komme -nicht eher wieder, bis ich ihn eingeholt habe.« - -Frau Sehnsucht legte ihre weißen Hände auf sein lockiges Haupt und -küßte ihn. Dann schloß sie die schönen, traurigen Augen für immer. - -Der Geselle aber zog in die Welt hinaus. Er sah die goldene Sonne am Himmel -stehen und er sagte: »O Sonne, güldene Sonne du -- ich suche, suche immer -zu. Zeig mir den Weg, wohin ich geh', o Sonne, güldene Sonne du!« Aber -die Sonne lachte ihn aus und antwortete nicht und ging weiter, immer -weiter, bis er sie zuletzt gar nicht mehr sehen konnte. Da kam er in einen -großen Wald, darin reichten die Bäume bis in den Himmel, seltsam große -Blumen standen am Wege und sahen ihn an, und bunte Vögel flogen sprechend -von einem Ast zum andern. - -»Sagt mir's, ihr Bäume, duftet, Blumen, rauscht mir's, ihr Winde, -murmelt, ihr Quellen -- wie fange ich es an, daß ich ein Sonntagskind -werde?« rief der Geselle. - -Da kicherte und lachte es an allen Ecken und Enden. Schelmische -Mädchengesichter tauchten aus den Kelchen der seltsamen Blumen empor und -nickten ihm lächelnd zu. An den Schlinggewächsen turnten winzige nackte -Engelsbübchen, die warfen mit duftenden Blütenblättern nach ihm, und -ein Rauschen und Raunen zog durch den ganzen Wald, daß der Geselle gewiß -alles erfahren hätte, was er wissen wollte, wenn er nur eine Viertelstunde -später auf die Welt gekommen wäre. Zuweilen war es ihm wieder, als -verstände er ein paar Worte, und horch! klang's nicht im Windesrauschen, -wie: Bis an's Ende der Welt? Kopfschüttelnd ging der Geselle weiter. - -Da wurde mit einemmal der Wald hell und licht; das kam von einem schönen -Stern, der fiel vom Himmel nieder, und sieh' -- der Stern nahm Gestalt -an, so schön und sanft wie die Mutter ausgesehen hatte, und seine Augen -strahlten still und traurig, wie die der Frau Sehnsucht. Die schöne -Sternenfrau aber sprach: »Ich will dir Antwort auf deine Frage geben. Gehe -weiter, immer weiter, bis du ans Ende der Welt kommst. Dort wirst du den -Baum der Erkenntnis finden. Wenn du von diesem ein Blatt brichst, dann -wirst du erfahren, was du wissen willst. Aber spute dich! der Weg ist -weit.« - -Der Stern stieg langsam auf gen Himmel, es wurde immer lichter, der Wald -verschwand und der Geselle stand ganz allein auf einer großen Heide, über -die der Wind pfiff. - -»Bis ans Ende der Welt? -- da kann ich meine Füße in die Hand nehmen, -wenn ich noch ankommen will,« sagte er und wanderte fürbaß. Weil's ihm -aber einsam am Wege war, sang er sich das Liedel von dem andern Gesellen: - - »Ein fahrender Geselle durchzog die weite Welt, - Zu suchen nach der Stelle, wo's immer ihm gefällt. - - Doch nimmer mocht er rasten, und nirgend fand er Ruh, - Ihn trieb's zum Weiterhasten, nur weiter! immer zu! - - Er hatte durchstudieret den ganzen Bücherwust, - Mit Wissen ausstaffieret das Herz in seiner Brust -- - - Da fluchte er dem Buche, sah an es nimmermehr: - Das ist's nicht, was ich suche! Das Glück, das Glück gebt her! - - Und kommt er in das Städtchen und winkt ihm aus dem Thor - Das liebe braune Mädchen mit Schelmenaug' hervor -- - - Laß küssen dich, du Feine! -- Schaut ihr ins Angesicht; - Du bist's nicht, die ich meine! -- er da voll Trauer spricht. - - Da ward aus dem Scholaren ein flotter Kriegersmann, - Auch lernt er mit den Jahren, daß man sich bücken kann, - - Und fromme Verse schmieden von Freiheit und von Blut, - Und vor dem Bürgerfrieden voll Ehrfurcht zieh'n den Hut. - - Doch alles wollt nicht frommen, was er sich auch erdacht. - Das Glück wollt ihm nicht kommen -- hörst, wie's von Ferne lacht? - - Da ward aus ihm ein Zecher, der zecht' von früh bis spat, - Bis ihm der leere Becher vom Munde sinken that. - - Lag denn das Glück im Weine? -- Der heilte allen Gram. - Doch weh -- auch nur zum Scheine, nur bis der Morgen kam; - - In seinem grauen Schimmer, wie lag so leer die Welt! -- - Die Nacht verheißt uns immer, was nie der Morgen hält.« - -Als der Geselle sein Liedlein ausgepfiffen hatte, da führte ihn der Weg an -einem Königreich vorbei, und weil die Thür bloß eingeklinkt war, ging er -hinein. Die alte Reichsmauer wackelte hin und her, als er eintrat, und das -Thürschloß behielt er gar in der Hand, so morsch war der Griff. In dem -Königreich saß der König auf einem Throne, der wackelte, und hatte eine -Krone auf dem alten, wackligen Haupt, die wackelte auch. Die Räte um ihn -her hatten kleine Zöpfchen im Nacken, die wackelten, und die Räte selber -wackelten, und das ganze Königreich wackelte. Und weil nun alles so -wacklig war, da nahm der Geselle sein Bein und gab der ganzen Wackelei -einen Tritt; da fiel alles um, und der Geselle sah lachend zu, wie der -König und die Krone und die Räte mit ihren Zöpfen und das ganze morsche -Königreich durcheinander purzelten. Des Königs schöne Tochter aber fing -er in seinen Armen auf; doch als er sie küssen wollte, da welkte sie hin -und lag tot an seiner Brust. Ihre Seele verwandelte sich in einen schönen -weißen Vogel, der kreiste über des Gesellen Haupt und sang ihm zu: - - »Weil' nicht am Wege, - Er ist noch weit; - Noch ist die neue, die selige Zeit, - Noch ist sie nimmer geboren.« - -Als der Geselle nun weiter ging, kam er an eine große, große Stadt, -darin war eitel Freude und Lustigkeit, das ganze Volk tanzte und sprang -und geberdete sich wie toll. In den Moscheen, Kirchen, Freiheitstempeln -läuteten die Glocken und große Götzen saßen darin, die machten mit -schrecklichen Grimassen die Mäuler auf, und dann warf das Volk alles -Schöne und Gute den Götzen in den Schlund, und das Häßliche und Gemeine -stand grinsend auf den Schultern der Götzen, und das Volk jubelte ihm zu. --- Da faßte den Gesellen ein grimmer Zorn, er hob sein gutes Schwert und -schlug zu, und schlug den Götzen die Köpfe ab. Aus den Rümpfen stieg ein -starker, grauer Dunst auf, wie eine Weihrauchwolke, der lagerte sich hin -über die Stadt und erstickte all das lärmende Volk, daß es tot dalag. -Ueber der Nebelwolke aber schwebte ein neuer, schöner, weißer Vogel und -gesellte sich dem andern zu; sie umkreisten den Gesellen und sangen ihm zu: - - »Weil' nicht am Wege, - Er ist noch weit; - Noch ist die neue, die selige Zeit, - Noch ist sie nimmer geboren.« - -Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf -wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er. -»Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der -Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« -- Als nun der Geselle oben -angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und -es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich -in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,« -riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind -das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir -lieben uns, wir beten uns an.« -- Voll Verwunderung stand der Geselle und -sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr -euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« -- »Wir zehren von seinem -Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen, -werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir -unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien -wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus, -damit auch sie daran glaube und selig werde.« - -Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten -Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und -schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und -wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten, -dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf -den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!« -sagte der Geselle. -- Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt -zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß, -und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den -Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel -- denn aus allem, was -zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes -- und er gesellte sich -zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr -Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als -trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke, -an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen, -über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr, -ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand -seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er -wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank -er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten -Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen, -klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber -sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser -murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht -- -es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor -dem Gesellen her. -- In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße -Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend -von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet -hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben -Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese -Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise -einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder -zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte, -er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen -Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die -andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr -unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der -weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es -ihm, als höre er die Worte: - - »Weil' nicht am Wege, - Nicht ist er mehr weit. - Wir kreisen und hüten die kommende Zeit, - Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid -- - Im Baum schläft sie sicher geborgen.« - -Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen -Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein -ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag -nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die -Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde -zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange, -lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein -starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun -wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. -- Er sah auf und sah die -weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind -erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen -war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst, -das zerfallene Königreich bröckelte am Wege -- er schaute nicht um -danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos -standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau -Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte. -Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten -hinein. - -Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es -ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine -Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre -Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die -heute geboren werden.« - -Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und -seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn -eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. -- Im Tode war der Geselle -ein Sonntagskind geworden. - -»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,« -piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.« - - - - -Rauch. - - -Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am -Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen, -wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial -zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar -kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren, -zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten, -wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister -auf die Schulter und sagte: - -»Geselle, geh' auf die Wanderschaft.« - -Und da zog er aus. -- Als er wegging, schien die Sonne hell, obwohl es -mitten im Winter war; der Himmel hatte überall blaue Batzen auf die -Wolkenlöcher gesetzt, und der Wind hatte dazu gefiedelt: - - Die Erde hat sich schlafen gelegt, - Mit weißem Lailach zugedeckt, - Der rasche Wind den Himmel fegt, - Bis er die Sonne hat erweckt. - - Nun scheint sie hinunter auf den Schnee - Und lacht hinweg ihn nach und nach: - Wenn auch die Welt sich duckt in Weh; - Sie wird doch einmal wieder wach. - - Dann jauchzt sie auf in grüner Lust, - Hüllt sich in lauter Liebe ein -- - Und ahnend klingt's in deiner Brust: - Im Winter ist es auch gut sein! -- - -Als aber der kleine Schmiedegeselle ein Stücklein Wegs gegangen war, da -sah er eine schwere dunkle Wolke in der Ferne schweben, und je näher er -kam, desto trüber wurde es um ihn her, bis schließlich Himmel und -Erde und die ganze Welt schmutzig aussah; und er sah, daß es ein ganzes -Sammelsurium von Häusern war, das alles so finster machte. Die Häuser -waren so hoch, daß sie die Wolken an den Fußsohlen kitzeln konnten. - -Der kleine Schmiedgeselle stand und guckte an so einem hohen Kasten in die -Höhe: - -»Könnt ihr da oben durch die Wolken sehen?« fragte er, »und die Sonne -auf der andern Seite scheinen sehen? -- Eia, das muß schön sein!« - -»Da, komm nur mit in das Loch hinein, kleiner Wurm,« sagte ein Mann neben -ihm, schob ihn vor sich her, und schwupp! flogen sie in einem viereckigen -kleinen Kasten so schnell himmelan, daß es dem Gesellen ganz übel wurde. - -Der Mann lachte spöttisch aus ein paar klugen Augen. - -»Ja früher,« sagte er, »wenn der Teufel einen armen Handwerksgesellen -holte, da flogen sie miteinander auf schwarzen Gespensterflügeln in die -Tiefe hinab. Wir machen das jetzt per Elektricität und fliegen himmelan.« - -Erschrocken sah das Gesellchen zur Seite, erblickte aber nur einen ganz -einfachen Menschen, der ein ganz klein wenig hinkte. Nur seine Ohren waren -so sonderbar lang und schmal; wenn er lachte, schienen sie sich zu spitzen, -und er lachte so, daß der Schmiedegeselle mitlachen mußte, und das Ding, -in dem sie saßen, vor Vergnügen in die Höhe sprang. - -Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen -bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen -an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate, -die sahen aus wie Champagnerpfropfen. - -»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem -vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen -Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das -große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder -ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat -- und da -- nichts, -aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der -große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein -ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner -Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer -Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen -Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken -sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. -- Und siehst du, -mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum -wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!« - -Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die -Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung. -Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei -Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die -zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine -Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend -verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben. - -»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da -werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten -mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann -Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren -sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran, -wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden -ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke, -und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter -- -da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen, -umnebelten und vernebelten Gedanken. -- Sieh', da fliegen sie --« - -Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer -geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der -vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten, -schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich -scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin -herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt -eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen -Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei, -und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am -Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die -Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften. -Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein -mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald -auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu, -oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne. -So jetzt eben wieder. - -Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen -auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem -schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein -und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten -allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto, -was immer er sich nannte, ein jauchzendes ~Evoë Bacche!~ - -Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln -der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein -und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken -sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich -drehten -- gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete, -strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung. - -Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine -Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende -Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben -aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war -ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine -eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und -sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig -aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen -hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging, -nach einem andern Schornstein und stöhnten: - -»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!« - -Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm -entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf -zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine -Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem -Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von -Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden -Augen, von verzweifelten Gesichtern. - -Und der kleine Geselle drückte sich scheu an den Mann, der ingrimmig -hohnlachte. - -»Wo kommen die her, alle, alle, ohne Ende?« fragte der Geselle bebend. - -»Aus den Fabriken, aus den Werkstätten, aus den Mietskasernen, aus den -Spelunken da unten,« knurrte der mit den Bockshörnchen. »Bande, elendes -Pack, warum drücken sie die andern nicht tot, schaffen sich Platz in der -Welt, so viele, wie sie sind! Aber sie haben Furcht, gerade so viel Furcht, -wie die da drüben -- sieh' -- da aus dem himmelhohen Rauchfang, der -so kerzengerade aufwächst -- Mitleid haben. Prrr -- Puah -- Mitleid, -Mitgefühl, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit -- sieh', wie sie da -alle schweben, die schönen Gedanken! Schau einmal genau hin! Glaubst du, -sie kämen alle aus demselben hohen, ragenden, lichten, freundlichen Kamin? -Ist schön gebaut, der Rauchfang! Aber schließ' dein Auge ab von all dem -andern, indem du die Hand krümmst wie ein Fernrohr davor -- das gibt mehr -Perspektive. Siehst du nun wohl, daß jeder der schönen Gedanken -seinen Privatschlot hat, der nur an den andern sich anlehnt? -- Und die -Rauchsäulchen, -- recht fein hell anzusehen -- dürfen sich mit keinen -von den andern vermischen, beileibe nicht, und der Kamin muß immer mit -demselben Heizmaterial gefüttert werden, und jedes Rauchwölkchen hat -seinen Parteinebel, in den es sich auflöst.« - -Aber immer und immer wieder stieg das bleiche, finstere Heer auf, auf, -stetig, unverdrossen. - -»Da, sieh' her, du kleiner Wurm, der du die Gedanken nackt und -unverarbeitet in der Welt herumlaufen sehen wolltest,« schrie der -Mann-Faun-Mephisto, »siehst du jene dort drüben aus dem Marmorkamin sich -entwirren? -- Wohlgenährte Gestalten sind drunter mit schwimmenden Augen, -magere Kerle mit Beil-Gesichtern, und alle mit so einem Air um sich herum, -als wollten sie auf alles andere spucken. Kapitalsbestien nennt man sie mit -dem Kunstausdruck, d. h. die Kapitäler sind ihnen jetzt da oben im Rauch -abhanden gekommen, und nur die Bestien sind übrig geblieben. Und nun -schau die guten, mitleidigen, allesliebenden, weltbeglückenden -Fanatikergedanken, die eigene kleine Weltbegriffe auf Silberrauchsäulchen -ausdünsten -- schau auch alle die winzigen Nebengedanken, die von der -Silbersäule abspringen, ihre Nachbarn zerren und stoßen, zu Boden -schlagen, ins Gesicht treten -- kommt es dir nicht schließlich vor, als -wäre der eine wie der andere: Fanatiker seines eigenen Ichs? Und sie -verteidigen dieses ihr Besitztum, die einen mit nackter Brutalität, die -andern mit alles überwältigendem Mitleid für die Menschheit. Ist recht, -ist ja recht so. Nur sollen sie nicht das Du-Geschrei erheben, wenn sie das -Ich meinen. Aber guck einmal da!« -- - -Aus dem lichten, ragenden Schornstein, dessen viele Teile das Gesellchen -jetzt deutlich erblickte, war eine Schar Gedanken-Geister aufgetaucht, die -sich mit Mäulern, Fäusten und Füßen ingrimmig bearbeiteten: die einen -suchten die nächsten unter sich zu ducken, zerrend, heulend, schimpfend; -die zarten Gestalten aus demselben Rauchfang, die über ihnen schwebten, -rangen traurig die Hände; die Bestien aus dem Marmorkamin sahen behaglich -zu, und die kleinen Weinkameraden ritten auf ihrem Rauchgekräusel herzu, -jauchzten und lachten, schütteten duftenden Rheinwein über sie aus, -wie man über die beißenden Hunde Wasser gießt, und trieben allerhand -Allotria. - -Die hungrige, bleiche, verzweifelte Schreckensschar aber stieg immerfort, -stetig auf; auf aus den Tausenden von Schlöten und verzehrte sich im -Nebel, immerzu, regelmäßig, wie ein grauenhaftes Uhrwerk. - -»Bande, Bande!« knurrte der neben dem Gesellchen. »Wann kommt's? -- Wann -kommt's und schlägt den Kram in Fetzen? -- Ist ein lustig Leben, kleines -Wurm, so hoch über ihnen, was? -- Und doch mitten drunter. Die da tief -drunten, alle, glauben, sie kennen, sie haben mich, und ahnen nicht, -daß ich es bin, der ihre Gedanken hier oben spuken läßt zur eigenen -Verlustierung, wie Nero einst Rom in Brand setzte! _Nicht_ sie mich -- -_ich_ hab' _sie_! -- Hoho -- aber da -- da, meine Braven!« - -Da schlug aus einem mächtigen Rauchfang eine hohe Feuersäule auf, -glührot, wie aus einer Schmiede-Esse, und darauf schwebte, nein, stampfte -eine gewichtige Schar, die zog den Ambos und dröhnte die Schmiedehämmer -nieder, daß es durch die Lüfte klang. Riesengestalten mit mächtigen -Köpfen und lustigen Augen. Bei jedem Hammerschlag von ihren Fäusten -stoben die Funken, und in jedem Funken sang es: - - »Mir sein die Hammerschmiedsgsölln, Hammerschmiedsgsölln, - Mir könn' dableiben, mir könn' furtgeh'n, - Mir könn' dhun, was mer wöll'n, dhun, was mer wöll'n!« - -Schritt vor Schritt weitergreifend, die rußigen Gesichter umglüht -vom Flammenschein, stampften sie alles unter ihre Füße, Bestien und -Mitleidsgedanken und Elendsgestalten, was ihnen in den Weg kam, trieben -die Rauchwolken zur Seite und machten Bahn frei -- bis endlich, nach langem -Kampf, auch sie der große Nebel verschlang. - -Aber dort, wo sie verschwunden waren, da lag in lichter Ferne -- das -Gesellchen sah es ganz deutlich, und der Mann breitete seine Arme aus -- -der silberne See, der hob und senkte sich leise. -- Möven flogen -drüber hin, die tauchten mit der weißen Brust ein in die Silberflut und -schüttelten die leuchtenden Tropfen von den Flügeln. - -Wo sie das Wasser berührten, tauchte ein Wunderwesen nach dem andern -auf; diese reihten sich aneinander, und bald wimmelte der See von zarten, -lieblichen, von starken, gewaltigen Wesen. Auf ihren ausgestreckten Armen -kamen zwei wunderselige Frauengestalten einhergeschwebt, ein leiser, -flüchtiger Gesang zog ihnen voran: - - »Wir geleiten hohe Frauen, - Die den Wassern sind entstiegen, - Die sich auf den Nebeln wiegen, - Und die Wellen stets durchwallen, - Unerkannt von allen, allen, - Denn von zwei'n ist eine keine: - Diese Hehre, Hohe, Reine, - Jene, die da gleißt im Scheine -- - Nur zusammen kannst sie schauen. - Wie die Sonne aus dem Meere - Ihre Strahlen weiter sendet, - So zieh'n im Gedankenheere - Sie, bis ihre Bahn vollendet. - Sinken in die Wasser nieder, - Kommen mit der Sonne wieder.« - -So schwebten sie hin über das Häusermeer der Riesenstadt. Die schönen -Frauen glichen sich eine der andern so, daß man sie nicht unterscheiden -konnte, und das Gesellchen hätte gar zu gern gewußt, wer sie seien. - -Der Mann sah mit verschränkten Armen den Zug an sich vorüber wallen, -musterte mit kritischen Augen die weißen Nixenglieder, lächelte -vertraulich dem schönen Frauenpaar zu. -- Da war es dem Gesellen, als habe -die eine listig gewinkt, die andere nur milde gelächelt. Aus dem Nebel, -der sie umwogte, aber tönte das Lied der Hammerschmiedsgesellen: - - »Mir könn' dhun, mir könn' treiben, mir könn' loss'n, was mer - wöll'n!« - -»Ja, ja,« nickte der Mann, »wenn's alle Hammerschmiedsgesellen wären! -Aber doch, kleines Wurm, wissen auch sie nicht genau, gerade wie du -und alle die andern es gar nicht wissen, wer von den beiden lieben -Frauenzimmerchen da -- die Wahrheit und welches die Lüge ist.« - -Als er das sagte und der kleine Schmiedsgeselle flehend die Arme hob, da -schauten die beiden herrlichen Frauen zurück -- die eine milde lächelnd: - -»_Du_ bist die Wahrheit!« jauchzte der Geselle. - -Da hob die andere sachte und ernst den Finger an den Mund. -- - -Und der Geselle barg das Gesicht in die Hände und weinte. - -Als er wieder aufschaute, sah er den Mann vor dem Champagnerkorken stehen -und Zwiesprache halten mit einem nackten, kleinen Schlingel, der rittlings -auf dem einen goldenen Pfropfen saß, Bogen und Köcher umgehängt hatte -und blutrote Pfeile nach allen Richtungen verschoß; sein Krauskopf -glänzte voll goldener Locken und trotz der Lachgrübchen saßen ein paar -bitterernste Augen in dem jungen Gesicht. - -»Ich bin echt!« sagte er und zielte auf den Gesellen, und dem wurde es -plötzlich ganz leicht um's Herz. Da lachte der kleine, nackte Bub ein -tolles, befreiendes Lachen, und der Mann fiel ein, und das Gesellchen -mußte mitlachen, bis ihm die Thränen aus den Augen liefen. - -Dicht hing der Nebel herunter. Die Wolken rieben sich die Fußsohlen an den -Champagnerkorken. Rauch, schwerer, schwarzer, lichter, semmelblonder stieg -auf aus allen Schlöten. In der Ferne sah der Geselle einen silbernen -Streifen, auf dem ein Mövenflügel blitzte. Ein dumpfes Gegroll wogte zu -ihnen herüber. Ein Amboßschlag dröhnte. - -Fest mit den Füßen aufstampfend, ging der wunderliche Mann mit dem -kleinen Schmiedegesellen viele Stufen hinab, und es klang, als ob jede -Stufe knurrte: - - »Hammerschmiedsg'söll'n -- dhun, was mer wöll'n!« - -Unten angekommen, sah der Mann wieder aus wie ein gewöhnlicher -Europäer, und die Stube, in die sie eintraten, wie eine ganz gewöhnliche -Kaufmannsstube. - -»Hör',« sagte der Mann zu einem andern, der da saß und schrieb, »wir -müssen die Champagnerpropfen da oben an dem Dach neu vergolden, die hat -der Nebel ganz blind gemacht.« - -Der andere nickte und schrieb weiter. - -Der Mann aber sah den kleinen Schmiedegesellen an und zupfte sich an den -spitzen Oehrchen. Und dann lachten sie. - - - - -Druckfehler. - - - Seite 24, Zeile 4 von oben, lies: ~hant~ statt ~hante~. - " 68, " 3 " " " : Silberflut statt Silberglut. - " 97, " 15 " " " : Weh _in der_ Welt. - " 118, " 8 " " " : _ni_mmer statt immer. - " 122, " 26 " " " : aus _seinen_ Händen. - " 129, " 10 " " " : _sein_ leuchtendes Auge. - " 155, " 23 " " " : _drauf_ ritten. - - - - -Im _Verlags-Magazin J. Schabelitz_ in _Zürich_ ist erschienen und durch -alle Buchhandlungen zu beziehen: - - - #Amerikanische Lebensbilder.# Skizzen und Tagebuchblätter. Von _Karl - Knortz_. -- 2 Mk. = 2 Fr. 50 Cts. - - #Eines deutschen Matrosen Nordpolfahrten.# Wilhelm Nindemann's - Erinnerungen an die Nordpolexpedition der »Polaris« und »Jeanette«. - Von _Karl Knortz_. -- 70 Pf. = 85 Cts. - - #Hamlet und Faust.# Von _Karl Knortz_. -- 1 Mk. = 1 Fr. 25 Cts. - - #Irländische Märchen.# Von _Karl Knortz_. -- Mk. 1.60. = 2 Fr. - - #Nokomis.# Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer. Von - _Karl Knortz_. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. - - #Neue Epigramme.# Von _Karl Knortz_. -- 1 Mk. = 1 Fr. 25 Cts. - - #Goethe und die Wertherzeit.# Ein Vortrag. Von _Karl Knortz_. Mit dem - Anhange: Goethe in Amerika. -- 80 Pf. = 1 Fr. - - #Grashalme.# Gedichte von _Walt Whitman_. In Auswahl übersetzt von - _Karl Knortz_ und _T. W. Rolleston_. -- 2 Mk. 50 Pf. = 3 Fr. - - #Vom Hudson bis zum goldenen Thor.# Ernste und heitere Erzählungen aus - dem amerikanischen Leben. Von _Joseph Treumann_. 2 Bände. -- 5 Mk. - = 6 Fr. 25 Cts. - - #Ueberseeische Reisen.# Von _Amand Goegg_. -- 2 Mk. 40 Pf. = 3 Fr. - - #Bilder aus den Vereinigten Staaten.# Von ~Dr.~ _J. Richter_. -- - 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. - - #Aus dem Reiche des Tantalus.# Alfresco-Skizzen von _W. L. Rosenberg_. - -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. - - #Zweierlei Hoheit.# Roman von _Juvenalis Minor_. -- 3 Mk. 60 Pf. - = 4 Fr. 50 Cts. - - #Heißes Blut.# Roman aus der französischen Provinz. 2 Theile. Von - _Hermann Gosseck_. -- 5 Mk. = 6 Fr. 25 Cts. - - #Scherben.# Gesammelt vom müden Manne (_Richard Voß_.) Zweite, stark - vermehrte Auflage. -- 5 Mk. = 6 Fr. 25 Cts. - - #Schlimme Geschichten.# Drei Novellen. Von _Gustav Adolf_. -- - 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. - - #Ueber Graphologie# oder die Kunst, die Geistes- und - Gemüthseigenschaften eines Menschen aus seiner Handschrift zu - erkennen. Von _Fritz Machmer_. -- 2 Mk. = 2 Fr. 50 Cts. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils am Anfang ornamentalen und am -Ende floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde. - -Die im Buch enthaltene Verlagswerbung wurde von der Rückseite des vorderen -Einbanddeckels an das Buchende verschoben. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#. - -Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Apollo" --- "Appollo", "Bacchus" -- "Bacchos", "Höckerweib" -- "Hökerweib", -"Schmiedegeselle" -- "Schmiedgeselle", "Sonntagkind" -- "Sonntagskind", - -mit folgenden Ausnahmen, - -entsprechend dem Korrekturverzeichnis des Originalbuchs - - Seite 24: - im Original "ich hete in mîne hante gesmogen" - geändert in "ich hete in mîne hant gesmogen" - - Seite 68: - im Original "In tiefe, rauschende Silberglut" - geändert in "In tiefe, rauschende Silberflut" - - Seite 97: - im Original "als ob all das Weh in Welt" - geändert in "als ob all das Weh in der Welt" - - Seite 118: - im Original "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt immer zu Thal" - geändert in "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal" - - Seite 122: - im Original "aus ihren Händen weg und zu uns" - geändert in "aus seinen Händen weg und zu uns" - - Seite 129: - im Original "und ein leuchtendes Auge weilt" - geändert in "und sein leuchtendes Auge weilt" - - Seite 155: - im Original "die Gedanken, die draus ritten" - geändert in "die Gedanken, die drauf ritten" - -und außerdem - - Seite 13: - im Original "wo wollen die vielen Menschen hin die dort" - geändert in "wo wollen die vielen Menschen hin, die dort" - - Seite 25: - im Original "Flüstern durch den Saal und und ein Beben" - geändert in "Flüstern durch den Saal und ein Beben" - - Seite 39: - im Original "Weise Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf" - geändert in "Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf" - - Seite 40: - im Original "wenn ihr die zackigen Blätter" - geändert in "wenn Ihr die zackigen Blätter" - - Seite 45: - im Original "Cochenille -- Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger" - geändert in "Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger" - - Seite 49: - im Original "Wohl süß ist es zu singen" - geändert in "»Wohl süß ist es zu singen" - - Seite 56: - im Original "sieh', doch, da ist das Märchen!" - geändert in "sieh' doch, da ist das Märchen!" - - Seite 56: - im Original "die Kinder faßten sich bei deu Händen" - geändert in "die Kinder faßten sich bei den Händen" - - Seite 76: - im Original "den Bäuuen aus dem Wege gehen" - geändert in "den Bäumen aus dem Wege gehen" - - Seite 85: - im Original "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. 1" - geändert in "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I" - - Seite 108: - im Original "deren heißes Menschenherz langsam, zu" - geändert in "deren heißes Menschenherz langsam zu" - - Seite 135: - im Original "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!«" - geändert in "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!" - - Seite 139: - im Original "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silderfäden" - geändert in "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden" - - Seite 140: - im Original "dekorierten Flügel und fliegt von dannen" - geändert in "dekorierten Flügel und fliegt von dannen." - - Seite 146: - im Original "Seele verwandelte sich einen" - geändert in "Seele verwandelte sich in einen" - - Seite 155: - im Original "finster, beklemmend, Bleiche Gestalten" - geändert in "finster, beklemmend. Bleiche Gestalten" - - Seite 157: - im Original "Aus dem lichten, ragenden, Schornstein" - geändert in "Aus dem lichten, ragenden Schornstein" - - in der Verlagswerbung: - im Original "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. = 1 Fr." - geändert in "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr." ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUSMÄRCHEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
