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-The Project Gutenberg eBook of Wie Hadleyburg verderbt wurde, by Mark Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Wie Hadleyburg verderbt wurde
- Nebst anderen Erzählungen
-
-Author: Mark Twain
-
-Release Date: December 16, 2021 [eBook #66952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Mark Twains
-
- Humoristische Schriften
-
- Neue Folge. 6. Band
-
-
-
-
- Wie
- Hadleyburg verderbt wurde
-
- Nebst anderen Erzählungen
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Autorisiert
-
- Inhalt:
-
- Wie Hadleyburg verderbt wurde. -- Das Gesundbeten.
- -- Die Verschwörung von Fort Trumbull. --
- Aus den ›London Times‹ von 1904. -- Das Todeslos.
- -- Zwei kleine Geschichten.
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
-
- 1903.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Wie Hadleyburg verderbt wurde 7
-
- Das Gesundbeten 111
-
- Die Verschwörung von Fort Trumbull 185
-
- Aus den ›London Times‹ von 1904 249
-
- Das Todeslos 275
-
- Zwei kleine Geschichten 297
-
-
-
-
-Wie Hadleyburg verderbt wurde.
-
-
-I.
-
-Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in der ganzen Gegend wegen
-seiner Rechtschaffenheit allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm,
-der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei Generationen
-unbefleckt erhalten. Damit der Stadt nun auch in Zukunft nichts
-davon verloren ginge, war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling
-in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in Handel und Wandel
-einzuflößen und die ganze spätere Erziehung der Kinder auf solchen
-Lehren weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß ihnen während
-der Entwickelungsjahre jede Versuchung fern gehalten wurde, damit die
-redliche Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen sozusagen
-in Mark und Knochen überzugehen. Alle Nachbarstädte waren eifersüchtig,
-weil Hadleyburg sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten
-darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete. Aber trotzdem
-konnten sie nicht umhin, anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die
-unbestechlichste Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar zugeben,
-daß es für jeden jungen Mann, der aus Hadleyburg stammte, keiner
-andern Empfehlung bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um sich
-auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen.
-
-Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der Zeit das Unglück gehabt,
-einem durchreisenden Fremden eine -- vielleicht ganz absichtslose --
-Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten sich natürlich keinen
-Kummer über so etwas, denn sie waren sich selbst genug und das Urteil
-fremder Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten sie klüger
-gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen zu nehmen, weil der Beleidigte
-ein verbitterter Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein ganzes
-Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen nur an die erlittene
-Kränkung und benutzte jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel
-zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen könne. Ihm
-fiel mancher gute Plan ein, aber keiner, der ihn ganz befriedigte.
-Das alles hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der Bewohner
-geschädigt, und er wollte etwas ausfindig machen, wobei die ganze Stadt
-in Mitleidenschaft gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch
-mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er auf einen glücklichen
-Gedanken und helle Schadenfreude blitzte ihm aus den Augen, als der
-Plan ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß fest: »Ja, so
-will ich’s machen,« sagte er bei sich; »ich will die Stadt verführen
-und verderben.«
-
-Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der Fremde eines Abends gegen
-zehn Uhr vor dem Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor.
-Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud ihn auf die Schulter
-und schwankte unter der Last über den Hof bis zur Hausthür, wo er
-anklopfte. »Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde betrat das
-Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den Ofen und wandte sich dann in
-höflichem Ton an die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend, bei
-der Lampe saß:
-
-»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte, Platz, Madame. So,
-jetzt habe ich den Sack so gut wie möglich verborgen; kein Mensch
-würde etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann einen Augenblick
-sprechen?«
-
-»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird schwerlich vor morgen früh
-heimkehren.«
-
-»So? -- Nun, das schadet weiter nichts. Ich wollte ihm nur diesen
-Sack übergeben, mit der Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer
-zuzustellen, sobald derselbe sich findet. Ich bin hier fremd und Ihr
-Mann kennt mich nicht. Auf meiner Durchreise wünschte ich, diese Sache,
-welche mir schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu erledigen.
-Das ist jetzt geschehen, und ich kann stolz und zufrieden weiterziehen.
-An dem Sack ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere erfahren
-werden. Gute Nacht, Madame!«
-
-Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle Fremde wieder fortging,
-denn sie fürchtete sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie
-ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das Papier von dem Sack
-los und begann zu lesen:
-
- »Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen, oder auf
- privatem Wege Erkundigungen nach dem richtigen Manne einziehen
- wollen; eins ist so gut wie das andere. -- Der Sack enthält
- Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund vier Loth --«
-
-»Ums Himmels willen -- und die Thür ist nicht verschlossen!«
-
-An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard nach der Thür und
-drehte den Schlüssel um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und
-blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen stehen, ob sie nicht
-noch etwas für die Sicherung des Goldes und ihrer eigenen Person thun
-könne. Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher, dann
-trieb die Neugierde sie wieder zu ihrer Lampe zurück und sie las die
-Schrift bis ans Ende:
-
- »Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in meine Heimat zurück,
- die ich nicht wieder zu verlassen denke. Für alles Gute, das
- ich unter dem Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich
- Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen Dank schulde
- ich aber einem amerikanischen Bürger und Bewohner Hadleyburgs,
- der mir vor etwa zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies.
- Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst geleistet,
- wie ich des näheren erklären will: Ich hatte mich beim
- Glücksspiel zu Grunde gerichtet und kam spät abends hungrig
- und ohne einen Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage
- hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel der Nacht
- bat ich einen Herrn auf der Straße um Hilfe. Ich war an den
- Rechten gekommen. Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir
- dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte mich auch
- zum reichen Manne. Denn mit jenen zwanzig Dollars gewann ich
- mir ein Vermögen am Spieltisch. Zugleich aber that er eine
- Aeußerung, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen
- kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht und mir geholfen,
- meine Spielerleidenschaft zu überwinden. Jetzt bin ich ganz
- davon geheilt. Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann ist,
- doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für ihn ist dies Gold
- bestimmt. Er kann damit thun, was er will, es verschenken, es
- fortwerfen oder behalten, ganz nach Belieben. Es soll nur der
- Ausdruck meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich längere Zeit
- hier aufhalten, so würde ich selbst nach ihm suchen, bis ich
- ihn fände; aber ich zweifle nicht, daß man es auch ohne meinen
- Beistand bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen
- auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der Bewohner dieser
- Stadt. Mein Wohlthäter wird sich gewiß noch der Aeußerung
- erinnern, die er mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als
- der richtige Mann ausweisen.
-
- »Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf privatem Wege zu
- betreiben, brauchen Sie bloß den Inhalt dieses Schreibens
- demjenigen Ihrer Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht
- nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann: ›Ja, der
- bin ich, meine Aeußerung lautete so und so,‹ dann machen Sie
- die Probe: Wenn Sie den Sack öffnen, werden Sie darin einen
- versiegelten Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung
- enthält. Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes überein,
- so kann er den Sack ohne alles weitere mitnehmen, denn er ist
- sicherlich der Rechte.
-
- »Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor, dann lassen
- Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt abdrucken, nebst den
- folgenden Bedingungen: Am dreißigsten Tage nach dem heutigen
- Datum soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf dem
- Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor Burgeß (falls dieser so
- freundlich sein will, die Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes
- Papier abgeben, welches die bewußte Aeußerung enthält. Hierauf
- soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks zerbrechen, denselben
- öffnen und sich überzeugen, ob die Worte gleichlautend sind.
- Ist dies der Fall, so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen
- Wohlthäter das Gold als Beweis meiner aufrichtigen Dankbarkeit
- einhändigen zu wollen.«
-
-Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich aufgeregt -- sie mußte sich
-niedersetzen. Bald war sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf
-durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare Geschichte! ... Der
-gute Mann, der damals aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich
-von Glück sagen! ... Wenn es nur mein Eduard gewesen wäre -- wir sind
-zwei so arme alte Leute und hätten’s gut brauchen können! ...« Sie
-seufzte. -- »Mein Mann würde einem Fremden nicht zwanzig Dollars geben,
-nein, sicher nicht ... Leider, leider ist das außer Frage ... Aber
-das Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert, wenn ich nur daran
-denke. Es ist Sündengeld! Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht
-mit einem Finger würden wir es berühren. Schon seine bloße Nähe scheint
-mir eine Entwürdigung.« -- Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke
-... »Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die Bank trüge. Es ist zu
-schrecklich, so ganz allein mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz
-vor Dieben.« --
-
-Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue ich mich, daß du wieder
-da bist,« rief ihm seine Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin
-ganz abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich arg, daß ich so
-arm bin und noch in meinem Alter diese elenden Fahrten machen muß.
-Fort und fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten Gehalt --
-Sklavenarbeit für einen andern thun, der unterdessen in Schlafrock und
-Pantoffeln behaglich daheim im Lehnstuhl sitzt -- es ist nicht zum
-aushalten!«
-
-»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das thut. Aber wir haben doch
-unser tägliches Brot und unsern guten Namen, das ist wenigstens _ein_
-Trost.«
-
-»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache. Höre nur nicht auf
-mein Gerede. Mich hat der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat
-nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt ist schon alles wieder
-gut; du sollst keine Klage mehr hören. Was hast du denn aber bekommen?
-Was ist in dem Sack?«
-
-Nun erzählte die Frau das große Geheimnis, und ihm wurde zuerst ganz
-schwindelig zu Mute. Endlich sagte er:
-
-»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber Mary -- das sind ja
-vierzigtausend Dollars -- ich bitte dich -- ein ganzes Vermögen, wie es
-kaum zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der Zettel?«
-
-Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein Roman,« rief er. »Solche
-abenteuerlichen Begebenheiten stehen wohl in Büchern, aber im Leben
-sind sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit war jetzt von ihm
-gewichen. In der besten Laune tätschelte er seiner alten Frau die
-Wangen.
-
-»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen, »wir sind jetzt mit
-einemmal reiche Leute. Laß uns das Gold vergraben und die Papiere
-verbrennen. Wenn der Glücksspieler je wiederkommt, brauchen wir nur
-kaltblütig auf ihn herabzuschauen und zu sagen: ›Was reden Sie da für
-ungereimtes Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem Goldsack
-je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde er ein verblüfftes Gesicht
-machen und --«
-
-»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und schaffe das Geld fort, ehe
-die Diebe es holen.«
-
-»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen -- soll ich private
-Nachforschungen anstellen? -- Nein, lieber nicht; dabei ginge alle
-Romantik verloren. Besser wir betreiben die Sache öffentlich. Stelle
-dir nur vor, was das für Aufsehen machen wird. Alle andern Städte
-werden uns beneiden, denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner
-einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er Hadleyburg erweist.
-Es ist ein Haupttreffer für uns. Jetzt will ich nur schnell in die
-Druckerei gehen, es wird sonst zu spät.«
-
-»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht allein mit dem Gold!«
-
-Aber er war schon fort, doch nicht auf lange. Wenige Schritte von
-seinem Hause begegnete er dem Chefredakteur und Eigentümer des
-Tageblatts, gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich Ihnen etwas
-Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!«
-
-»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will sehen, ob es sich thun
-läßt.«
-
-Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte er noch ein langes
-Gespräch mit seiner Frau über das wundervolle Geheimnis. Schlafen
-konnten sie beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl der
-Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig Dollars geschenkt hatte,
-bot keine Schwierigkeiten; sie beantworteten dieselbe wie aus einem
-Munde:
-
-»Barclay Goodson.«
-
-»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so etwas thun können; aber sonst
-niemand in der ganzen Stadt.«
-
-»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit Goodson vor einem halben
-Jahr gestorben ist, haben wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige,
-selbstgerechte und geizige Bürger, wie das von jeher so war.«
-
-»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch bis zu seiner Todesstunde,
-und vor aller Ohren.«
-
-»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.«
-
-»Freilich; aber er machte sich nichts daraus. Es war wohl kein Mensch
-in Hadleyburg so verhaßt wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.«
-
-»Burgeß -- nun ja, dem geschieht es ganz recht; von dem hat sich die
-Gemeinde ein für allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar
-vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt hat, um das Geld
-abzuliefern?«
-
-»Hm -- ich weiß nicht. Vielleicht kennt der Fremde den Pastor Burgeß
-besser als unsere Stadt ihn kennt.«
-
-»Um so schlimmer für Burgeß.«
-
-Reichard schien um eine Antwort verlegen und wich dem fest auf ihn
-gerichteten Blick seiner Frau soviel wie möglich aus. Endlich sagte er
-mit unsicherer Stimme:
-
-»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist Burgeß durchaus nicht.«
-
-Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an.
-
-»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s glauben. Seine
-Unbeliebtheit gründete sich einzig und allein auf jene gewisse Sache --
-die damals so viel Lärm gemacht hat.«
-
-»Ich meine doch, jene Sache genügte an und für sich vollkommen, um zu
-beweisen -- --«
-
-»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.«
-
-»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch zweifelte doch an seiner
-Schuld.«
-
-»Mary -- mein Wort darauf -- er hatte die That nicht begangen.«
-
-»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher solltest du es auch wissen?«
-
-»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber es muß heraus: Ich war
-der einzige Mensch, der seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten
-vermocht, aber -- aber -- du weißt ja wie aufgebracht alle Welt gegen
-ihn war -- ich hatte nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den Hals zu
-hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich das war; doch dem allgemeinen
-Haß zu trotzen ging über meine Kräfte.«
-
-Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich stammelte sie:
-
-»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen. Man muß auch -- die
-öffentliche Meinung -- berücksichtigen -- und darf nicht -- --« Sie war
-vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf geraten. Nach einer Weile
-begann sie von neuem: »Freilich, er thut einem leid -- aber -- Nein,
-wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns nehmen können. Ich wäre
-trostlos gewesen, hättest du es gethan.«
-
-»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf gestoßen haben, Mary, -- sie
-hätten uns ihr Wohlwollen entzogen, und -- und --«
-
-»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen, was Burgeß selbst wohl von
-uns denken mag, Eduard.«
-
-»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld weiß.«
-
-»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung. Sonst würde er doch --
-nein, das ändert die Sache gewaltig. -- Ich hätte mir’s übrigens denken
-können, daß er keine Ahnung hat; würde er uns sonst wohl bei jeder
-Gelegenheit so freundlich begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von
-unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon deswegen verspottet.
-Die Wilsons, Harkneß und Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen
-daraus, mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden, weil sie wissen,
-wie mich das in Harnisch bringt. Wenn er nur aufhören wollte, uns mit
-seiner besonderen Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar nicht, was ihn
-dazu treibt.«
-
-»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe ich’s selbst vor
-dir geheim gehalten: Als das Ding zuerst ruchbar wurde und alle so
-entrüstet waren, daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben, quälte
-mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht länger aushielt. Ich warnte
-ihn insgeheim, so daß er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte;
-erst als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.«
-
-»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen wären!«
-
-»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut über, wenn ich nur
-daran denke. Es reute mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte
-ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte es deinem Gesicht
-ansehen. Vor lauter Angst schloß ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber
-niemand hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen wurde ich
-ruhiger, und später freute ich mich ordentlich, es gethan zu haben. Ja
-ich bin noch heute von ganzer Seele froh darüber.«
-
-»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich gewesen. Du warst ihm das
-wirklich schuldig. -- Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt
-würde? was dann?«
-
-»Das ist ganz ausgeschlossen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß gewarnt.«
-
-»Das lag sehr nahe.«
-
-»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem falschen Verdacht. Der
-arme alte Salsberg wurde zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu
-beschuldigen. Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher
-Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹ sagte er dann, ›Sie stellen wohl
-die Untersuchungskommission vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und warf
-sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren etwa alle Einzelheiten
-zu wissen, oder würde ihnen eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben
-Sie mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson; falls Einzelheiten
-verlangt werden, will ich wiederkommen.‹ ›Sehr wohl; so sagen Sie
-den Herren nur -- sie sollen sich zur Hölle scheren -- das wird wohl
-allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg, möchte ich aber obendrein
-den Rat geben, wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen, um
-die Ueberreste aufzulesen, die noch von Ihnen vorhanden sein könnten.‹«
-
-»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde ihn gleich daran erkennen.
-Allen Leuten guten Rat zu erteilen war seine einzige Schwäche; er
-glaubte das besser zu verstehen als jeder andere.«
-
-»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache hatte damit ihr Bewenden; man
-ließ sie ein für allemal ruhen.«
-
-»Du meine Güte, das verstand sich wohl von selbst.« --
-
-Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf den Geldsack zu sprechen.
-Bald entstanden jedoch Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der
-Mann, einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer längere
-Unterbrechungen des Gesprächs traten ein, bis Reichard sich endlich
-ganz seinen Gedanken überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den
-Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei nervöse Bewegungen,
-die seinen geheimen Aerger verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort,
-doch zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt stand Reichard
-auf, ging wie ein Nachtwandler, der böse Träume hat, ziellos im Zimmer
-hin und her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Plötzlich schien
-er einen Entschluß zu fassen; stumm griff er nach seinem Hut und
-schritt eilig zur Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und brütete
-vor sich hin, ohne auch nur zu merken, daß sie allein war. Von Zeit zu
-Zeit bewegte sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver ... aber ach, wir
-sind so arm! Führe uns nicht ... Wem würde es denn Schaden bringen? --
-Kein Mensch hätte es je erfahren ... Führe uns ...« sie murmelte nur
-noch unverständliche Laute. Nach einer Weile sah sie auf; Schrecken und
-Freude zugleich malten sich in ihren Zügen.
-
-»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht kommt er zu spät -- zu
-spät ... Doch wäre es ja möglich, daß er noch zur Zeit ...« Sie erhob
-sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und während ihr ein
-Schauer durch alle Glieder lief, sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s
-Gott -- das sind schreckliche Gedanken -- aber ... was hilft’s -- wir
-sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!«
-
-Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen zu dem Sack hin, kniete
-sich auf den Boden, befühlte ihn von allen Seiten und strich liebkosend
-mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten Augen schwelgten
-förmlich in dem Anblick. Von Zeit zu Zeit erwachte sie wie aus einem
-Traum und murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet hätten -- nur
-eine kleine Weile, statt die Sache so zu überstürzen!«
-
- * * * * *
-
-Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus dem Bureau nach Hause
-gegangen und hatte seiner Frau alles erzählt, was sich Wunderbares
-zugetragen. Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste und kamen
-überein, daß keiner ihrer Mitbürger, außer dem verstorbenen Goodson,
-großmütig genug wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars zu
-schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide Ehegatten blickten
-nachdenklich zu Boden; gleich darauf wurden sie unruhig und aufgeregt;
-endlich murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand weiß um dies
-Geheimnis, außer die Reichards und wir ... kein einziger Mensch.«
-
-Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine Frau, die ganz blaß
-geworden war, verständnisvoll an, stand zögernd auf, blickte verstohlen
-bald auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte -- eine stumme Frage.
-Frau Cox schluckte ein paarmal und räusperte sich, dann nickte sie
-leise mit dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer und
-die Hausthür fiel klirrend ins Schloß.
-
-Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten jetzt Reichard und
-Cox durch die menschenleeren Straßen. Ganz außer Atem kamen sie
-gleichzeitig an der Treppe zur Druckerei an und schauten einander beim
-Laternenschein ins Gesicht.
-
-»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte Cox im Flüsterton.
-
-»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der andere leise zurück.
-»Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um -- --«
-
-Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen, als ein Junge zu
-ihnen trat.
-
-»Bist du das, Johann?«
-
-»Ja, Herr Cox.«
-
-»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken. Laß alles liegen,
-bis ich’s dir sage.«
-
-»Die Postsachen sind schon fort.«
-
-»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung aus den Worten.
-
-»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und Umgegend ist heute ausgegeben
-worden. Die Zeitungen mußten eine Viertelstunde früher auf der Bahn
-sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre ich zwei Minuten später
-dagewesen, so -- --«
-
-Die Herren entfernten sich langsam, ohne das Ende seiner Rede
-abzuwarten. Eine Weile schritten sie stumm nebeneinander her, endlich
-sagte Cox ärgerlich:
-
-»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu übereilen. Es ist mir
-vollkommen unbegreiflich.«
-
-Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s freilich ein,« sagte er;
-»vorher hätte ich mir’s gar nicht überlegt, bis es zu spät war. Das
-nächste Mal will ich gewiß -- --«
-
-»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was kommt in tausend Jahren
-nicht wieder!«
-
-Die Freunde trennten sich ohne Gruß und schleppten sich mühselig
-nach Hause, als hätte sie ein schwerer Schicksalsschlag getroffen.
-In atemloser Spannung warteten die Frauen daheim; sie lasen den
-Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht ab, es bedurfte keiner Worte.
-Nun folgte in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche
-Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten noch niemals
-stattgefunden. Die Sache verlief hier und dort fast auf die gleiche
-Weise:
-
-»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau Reichard; »aber nein, in
-deiner Gedankenlosigkeit läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei
-und posaunst es in der ganzen Welt aus.«
-
-»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht werden.«
-
-»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch unter vier Augen abzumachen.
-Das kannst du doch nicht leugnen.«
-
-»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen dachte, und wie
-schmeichelhaft es für Hadleyburg ist, daß ein Fremder solches
-Vertrauen in unsere Redlichkeit setzt --«
-
-»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und breit vorzuhalten. Aber,
-bei einigem Nachdenken hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der
-rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil er im Grabe ruht und
-weder Kind noch Kegel, kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist.
-Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen können, die es so nötig
-brauchen wie wir? Kein Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und --
-und --«
-
-Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach sich vergebens den
-Kopf, womit er sie trösten könne; endlich sagte er:
-
-»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung hat es nun einmal so gefügt
-und deshalb muß es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl so am
-besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.«
-
-»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit begangen hat. -- War
-es nicht ebenso gut eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade uns
-zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich, die Absicht der Vorsehung
-zu durchkreuzen -- mit welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als
-gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen Christenmenschen
-durchaus nicht zukommt.«
-
-»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze Erziehung in Hadleyburg darauf
-ausgeht, und auch wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen
-Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot der Redlichkeit
-handelt; das ist uns zur zweiten Natur geworden.«
-
-»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und immer wieder vorgepredigt
-und uns von der Wiege an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege
-geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden? Man hat eine _künstliche_
-Ehrlichkeit groß gezogen, die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald
-sie einmal auf die Probe gestellt wird -- das haben wir diese Nacht
-gründlich erfahren. Gott weiß, mir wäre auch nie der Schatten eines
-Zweifels an meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen,
-und die erste wirkliche Versuchung wirft alle meine Grundsätze über
-den Haufen. Du kannst mir glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der
-ganzen Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade so
-fadenscheinig wie meine und deine. Die Leute hier sind engherzig und
-geizig, und ihre einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden
-und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist auch nicht weit her.
-Tritt einmal eine große Versuchung an sie heran, so wird ihr ganzer
-Ruhm zusammenfallen wie ein Kartenhaus -- verlaß dich drauf. So --
-nach diesem Bekenntnis ist mir schon leichter ums Herz. Mein Leben
-lang habe ich der Welt etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich
-soll niemand wieder eine redliche Frau nennen -- das verbitte ich mir
-gehorsamst.«
-
-»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der Seele gesprochen.
-Merkwürdig -- ich hätte das nie für möglich gehalten!«
-
-Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt.
-Endlich schaute die Frau auf.
-
-»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.«
-
-Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast schäme ich mich, es dir
-einzugestehen, Mary.«
-
-»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage im Kopf herum.«
-
-»Wirklich? Und die wäre?«
-
-»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur erraten könnte, was das für
-eine Aeußerung war, die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹«
-
-»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde und Schande. Schämst
-du dich nicht auch?«
-
-»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns die Sicherheitskette
-vorhängen. Wir sind für den Sack verantwortlich, bis er morgen früh in
-das Bankgewölbe geschafft werden kann. -- Du liebe Zeit -- hätten wir
-nur nicht die Thorheit begangen!«
-
-Während der Mann die Thür fest verwahrte, sagte Mary:
-
-»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich auf‹ ist. Wie kann nur die
-Aeußerung gelautet haben? -- Aber komm, laß uns zu Bette gehen.«
-
-»Und einschlafen?«
-
-»Nein, nachdenken.«
-
-»Ja, das wollen wir.« --
-
- * * * * *
-
-Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel, der mit einer
-Versöhnung schloß, gleichfalls zu Ende geführt und sich zur Ruhe
-begeben. Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig wälzten sie sich
-hin und her und zermarterten sich das Hirn, was Goodson dem verarmten
-Fremden wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte mußten das doch
-gewesen sein -- sie waren ja vierzigtausend Dollars wert! --
-
- * * * * *
-
-An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt länger offen als
-sonst und zwar aus guten Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte
-Faktor war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte
-Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge war dies ein bloßes
-Ehrenamt, das er bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte er
-keine Depesche zusammen, die als verwendbar angenommen wurde. Doch
-heute verhielt sich die Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er
-die große Begebenheit meldete, war eine umgehende Antwort erfolgt:
-
- »_Telegraphieren Sie die ganze Geschichte mit allen
- Einzelheiten -- zwölfhundert Wörter._«
-
-Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte ihn aus und war über
-die Maßen stolz auf seine Leistung. Schon am nächsten Morgen zur
-Frühstückszeit war in ganz Amerika, von Montreal bis zum Golf von
-Mexico, und von der Gletscherwelt Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen
-nur Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf aller Lippen.
-Viele Millionen Menschen sprachen von dem Fremden und seinem Goldsack;
-man stritt hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden würde, und
-wartete gespannt auf weitere Nachricht, die hoffentlich in kürzester
-Frist eintreffen würde.
-
-
-II.
-
-Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war es eine weltberühmte
-Stadt; man staunte, man freute sich und war stolz darauf --
-unbeschreiblich stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre
-Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln die Hände, so oft sie
-einander trafen, und wünschten sich Glück, daß Hadleyburg von nun an
-in jedem Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit zu
-finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen Bürger samt ihren
-Frauen folgten diesem Beispiel. Alt und jung lief auf die Bank,
-wo der Geldsack zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen die
-bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons und der Nachbarstädte
-in Scharen herbeigeströmt. Gegen Abend und am folgenden Tag trafen
-Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die den Sack in
-Augenschein nahmen, sich die Geschichte bestätigen ließen, sie mit
-allen Einzelheiten von neuem zu Papier brachten und durch kühne
-Bleistiftskizzen illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den Sack
-ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude, die Kirchen der
-Presbyterianer- und der Baptistengemeinde, den Marktplatz und das
-Rathaus, wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt werden
-sollte. Ja sie entwarfen sogar scheußliche Porträts von dem Ehepaar
-Reichard, dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor, von Pastor
-Burgeß, vom Postmeister und selbst von Jack Halliday, einem gutmütigen,
-respektlosen Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund aller
-kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der sich als Fischer, Jäger oder
-Bummler im Ort herumtrieb. -- Der knauserige Pinkerton zeigte den
-Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling, rieb sich
-vergnügt die Hände und erging sich in salbungsvollen Reden über den
-alten, festbegründeten Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen sich
-die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so wunderbare Weise bestätigt
-worden sei. Er hoffe und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika
-Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche Wiedergeburt erzeugen
-werde.
-
-Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter nach und nach ruhiger;
-der wilde, stolze Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles,
-wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen Behagens.
-Der Ausdruck friedevoller Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern.
-
-Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich trat eine Veränderung
-ein, was zuerst niemand bemerkte, außer Jack Halliday, dem selten
-etwas entging und der über alles seine Späße machte, es mochte sein,
-was es wollte. Er fing mit allerlei beißenden Bemerkungen an, weil
-dieser und jener nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau
-trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete er, die Leute würden
-immer schwermütiger; später schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer
-ergriffen, und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem Grade
-verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend, daß er sich anheischig
-machen wolle, selbst dem ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche
-zu stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken.
-
-Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte, konnte man zur
-Schlafenszeit in den neunzehn angesehensten Häusern der Stadt tiefe
-Seufzer hören, worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die Worte
-ausbrach:
-
-»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson nur gethan haben!«
-
-»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd. »Was für
-schreckliche Dinge wälzest du in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen
-schlage sie dir aus dem Kopf!«
-
-Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf, und der Widerspruch der
-Frau war schon etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten und den
-folgenden Abenden die Frage immer angstvoller wiederholte, fuhr die
-Frau nur noch unruhig mit den Händen hin und her; sie öffnete den Mund,
-sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide jedoch die Sprache wieder und
-seufzten sehnsuchtsvoll: »O, könnten wir es doch erraten!« --
-
-Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu Tag unangenehmer und
-abfälliger. Er ging in der ganzen Stadt umher und machte sich bald
-über jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft lustig.
-Außer ihm lachte aber niemand mehr weit und breit, seine Fröhlichkeit
-bildete den grellsten Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln
-war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug jetzt eine Zigarrenkiste
-auf einem Holzgestell mit sich herum, als wäre es eine Camera für
-Momentaufnahmen. Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte seinen
-Apparat auf und rief: »Fertig! -- Etwas freundlicher, wenn ich bitten
-darf!« Aber selbst bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der
-trübseligen Gesichter.
-
-So vergingen drei Wochen -- noch acht Tage, dann sollte es sich
-entscheiden. Es war Samstag Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht
-gespeist. Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden und dem
-fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um diese Zeit auf den Straßen
-herrschte, war alles wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau
-saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer, jedes in seiner Ecke.
-So trieben sie es jetzt Abend für Abend, während sie früher behaglich
-beisammen gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd, wenn sie
-nicht bei den Nachbarn Besuch machten oder diese bei ihnen vorsprachen.
-Aber das alles schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen --
-und war doch erst zwei oder drei Wochen her. Niemand plauderte jetzt,
-man las nicht, man machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim
-und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen, jene rätselhafte Aeußerung
-zu erraten.
-
-Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah die Aufschrift von
-unbekannter Hand und den Poststempel gleichgültig an, warf das
-Schreiben auf den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses
-Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei oder drei Stunden später stand
-seine Frau schwerfällig auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu gehen --
-nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem Brief blieb sie jedoch stehen
-und starrte eine Weile gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn
-und überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken an der
-Wand saß, hörte plötzlich einen schweren Fall -- seine Frau lag auf dem
-Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber sie rief:
-
-»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß. Hier den Brief mußt du
-lesen!«
-
-Er that es. Jedes Wort verschlang er, während sich alles mit ihm im
-Kreise zu drehen schien. Der Brief kam aus einem entfernten Staat und
-lautete:
-
- »Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung zu machen,
- obgleich ich Ihnen ganz fremd bin. Nach meiner soeben erfolgten
- Rückkunft aus Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt
- zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die Aeußerung
- gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin der einzige Mensch auf
- der Welt, der Ihnen sagen kann, daß es Goodson gewesen ist.
- Wir kannten uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise
- war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis zur Abfahrt des
- Mitternachtzuges. Ich stand dabei, als er im Dunkeln in der
- Hale-Allee jene Aeußerung dem Fremden gegenüber that; auch
- unterhielten wir uns noch auf dem Heimweg darüber, und bei
- der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe des Gesprächs kam die
- Rede noch auf viele Ihrer Mitbürger, über die er sich jedoch
- keineswegs schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte
- er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie gehörten, soviel
- ich weiß. Irgend welche Zuneigung sprach er zwar für keinen
- einzigen aus, doch erinnere ich mich, daß er sagte, ein
- Hadleyburger -- ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin
- ich meiner Sache nicht ganz gewiß -- hätte ihm einmal einen
- großen Dienst erwiesen, vermutlich ohne dessen Tragweite selbst
- zu kennen. Wenn er ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei
- seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger seinen Fluch
- hinterlassen. Waren Sie also derjenige, welcher ihm den Dienst
- geleistet hat, so sind Sie sein rechtmäßiger Erbe und können
- den Goldsack als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, daß ich
- mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen kann, denn diese
- Tugenden erbt ja jeder Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen
- Vätern. So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, da ich
- überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht selbst der rechte
- Mann sind, nach demselben suchen, bis Sie ihn gefunden haben,
- und Sorge tragen, daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten
- Dienst wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es sich
- handelt, lautete: ›_Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch.
- Geht hin und bessert Euch._‹
-
- Howard L. Stephenson.«
-
-»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh und dankbar bin ich. Gieb
-mir einen Kuß, das hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan -- mein
-Verlangen war gar zu groß -- nach dem Gelde -- nun kannst du dich von
-Pinkerton und seiner Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave
-mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so leicht wird mir ums
-Herz vor lauter Freude.«
-
-Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen auf dem Sofa
-zubrachte, gehörte zu den glücklichsten in ihrem Leben. Es war,
-als sollte die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die mit dem
-Brautstand begonnen und keine Unterbrechung erlitten hatte, bis der
-Fremde das unheilvolle Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile sagte
-die Frau:
-
-»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes Glück, daß du dem braven
-Goodson solchen großen Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn
-nicht leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du hast nie
-damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht -- das war ein schöner und
-edler Zug von dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen
-sollen; mir scheint, das warst du mir schuldig.«
-
-»Ja, siehst du, Mary -- das ging doch nicht an --«
-
-»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern sage es mir. Ich habe
-dich immer lieb gehabt, aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute
-glaubten, es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen in der Stadt,
-und nun stellt sich heraus, daß du -- so sprich doch, Eduard.«
-
-»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«
-
-»Du kannst nicht? Aber weshalb?«
-
-»Siehst du -- nun ja -- ich habe es ihm versprechen müssen.«
-
-Sie maß ihn mit großen Blicken.
-
-»Du hast versprochen, mit niemand davon zu reden?« fragte sie
-eindringlich. »Ist das wirklich der Fall?«
-
-»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?«
-
-Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann reichte sie ihm die
-Hand.
-
-»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind schon weit genug vom
-rechten Wege abgeirrt. All dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über
-die Lippen gekommen -- aber jetzt scheint ja selbst der festeste Grund
-unter unsern Füßen zu wanken, da -- da --« Die Stimme versagte ihr
-einen Augenblick, dann stammelte sie: »Führe uns nicht in Versuchung
-... Ich glaube an dein Versprechen, Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich
-will nicht weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende hat, wollen
-wir unser Glück genießen und es uns durch keinen Schatten trüben
-lassen.«
-
-Für Eduard war das leichter gesagt als gethan; seine Gedanken irrten
-ruhelos umher, während er sich zu besinnen suchte, was für einen Dienst
-er Goodson geleistet hatte.
-
-Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein Auge zu. Mary überlegte
-voll innerer Befriedigung, was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard
-war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen. Zuerst hatte
-er Gewissensbisse wegen der Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb
-es. Aber hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser tägliches
-Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit. War etwa Mary besser als
-er? -- O nein; während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich
-zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert, daß man die Papiere
-nicht vernichtet habe, um das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen
-weniger schlecht als Lügen? --
-
-Ueber diesen Punkt war er also beruhigt -- die Lüge trat in den
-Hintergrund und störte seinen Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste
-Frage an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet? -- Goodsons
-eigenes Zeugnis, von dem Stephensons Brief berichtete, sprach dafür
-und war der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf der Hand.
-Also konnte man auch diesen Punkt füglich für erledigt ansehen ...
-Nein, doch nicht so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen,
-daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten können, ob er,
-Reichard, oder ein anderer den Dienst geleistet habe, und, o Jammer,
-er verließ sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte
-entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson war überzeugt, daß er
-rechtschaffen genug sein würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls
-er der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen Menschen in solche
-Lage zu versetzen. Wozu hatte nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt
-aufgebracht? Das hätte doch recht gut aus dem Brief wegbleiben können.
-
-Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter, daß gerade sein Name dem
-Briefsteller im Gedächtnis geblieben war? Das sah doch ganz so aus,
-als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich, es war ein sehr gutes
-Zeichen; je mehr er darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm,
-und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen Beweis. Wenn aber
-etwas einmal erwiesen ist, thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr
-darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig und schlug
-sich die Sache sofort aus dem Sinn.
-
-Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute, nur eine Kleinigkeit ließ
-ihn noch nicht zur Ruhe kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte,
-stand fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen? Das mußte ihm
-erst noch einfallen -- dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen
-schließen und schlafen können. So dachte er denn hin und her an jede
-nur mögliche Dienstleistung, aber nichts schien ihm groß und bedeutend
-genug, um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür ein Vermögen
-hinterlassen zu können. Und leider erinnerte er sich auch gar nicht,
-etwas der Art wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur, wodurch
-man einen Menschen zu so außergewöhnlichem Dank verpflichten konnte?
-Vielleicht wenn man seine Seele rettete? Ja, das mußte es sein. Hatte
-er es sich nicht einmal zur Aufgabe gemacht, Goodson zum Glauben zu
-bekehren? Gewiß -- und wie lange hatte er daran gearbeitet? -- Zuerst
-meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch bei Lichte besehen schrumpfte es
-zu einem Monat zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich blieb
-gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu seinem größten Leidwesen
-mit vollkommener Deutlichkeit, daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle
-zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich um seine eigenen
-Angelegenheiten kümmern; ihm sei ganz und gar nichts daran gelegen,
-mit den Hadleyburgern in den Himmel zu kommen.
-
-Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons Seele hatte er nicht
-gerettet, das stand fest. Vielleicht aber sein Haus und Gut. Nein,
-damit war’s auch nichts -- er besaß keines. Sein Leben? Natürlich --
-auf jeden Fall. Daran hätte er doch gleich denken sollen. Nun war er
-endlich auf der rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien
-Spielraum.
-
-Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig damit, Goodson auf jede
-erdenkliche und meist sehr gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer
-gelang ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen Punkt, aber gerade wenn
-er auf dem besten Wege war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich
-geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, der dies zur
-Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken zum Beispiel: Reichard war weit
-hinaus geschwommen und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand glücklich
-ans Land gebracht, während die Menge am Ufer stand und ihm zujauchzte.
-Er hatte es alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung daran wurde
-immer lebhafter, aber da kam der Rückschlag: Unmöglich -- die ganze
-Stadt hätte es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, und in
-seinem eigenen Gedächtnis wäre die That unauslöschlich verzeichnet
-gewesen; so etwas vergißt man nicht wieder, es ist auch kein Dienst,
-dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel ihm zuguterletzt
-noch ein, daß er ja gar nicht schwimmen könne.
-
-Halt -- diesen Punkt hatte er von vornherein übersehen: Es mußte ein
-Dienst sein, den er möglicherweise geleistet haben konnte, ›ohne dessen
-ganze Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache wesentlich.
-Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen kam er denn auch wirklich zu
-einem befriedigenden Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson einmal
-nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches Mädchen Namens Nancy Hewitt
-zu heiraten; er hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde
-wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, und Goodson wurde mit
-der Zeit ein verbitterter Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz
-offen zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte sich in der Stadt
-das Gerücht verbreitet, daß das Mädchen nicht ausschließlich von Weißen
-abstamme, sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern gehabt habe.
-Reichard wälzte diesen Umstand so lange in seinem Haupte, bis ihm war,
-als tauchten aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten
-auf, an die er lange nicht mehr gedacht haben mochte. War er es denn
-nicht gewesen, der den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt und
-die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich erfuhr Goodson, von
-wem die Nachricht ausgegangen war und wer ihn davor bewahrt hatte,
-die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen Dienst hatte
-er ihm geleistet, ohne es selbst zu ahnen, also auch, ohne dessen
-Tragweite zu kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie genauer Not
-er der Gefahr entronnen war, blieb seinem Wohlthäter dankbar bis ans
-Grab und wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. Das
-war alles klar und einfach, je mehr Reichard darüber nachdachte, um
-so einleuchtender ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt
-und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm das Ganze so deutlich
-vor der Seele, als hätte er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich
-unterdessen für sechstausend Dollars ein Haus gekauft und ein Paar
-Pantoffeln zum Geschenk für ihren Pastor; dann war sie friedlich
-eingeschlummert. --
-
-An ebendemselben Samstag Abend hatte der Postbote auch jedem der
-andern angesehenen Hadleyburger einen Brief gebracht -- neunzehn
-Briefe alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden und nicht
-zwei Adressen von der nämlichen Hand, aber die Briefe selbst glichen
-einander völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, welchen
-Reichard erhalten hatte, auch alle von Stephenson selbst geschrieben,
-nur mit dem einzigen Unterschied, daß darin der Name des jedesmaligen
-Adressaten an Stelle von Reichards Namen stand.
-
-Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn angesehenen Männer,
-was ihr Mitbürger Reichard um dieselbe Zeit gethan hatte -- sie
-waren aus Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst zu
-besinnen, den sie -- ohne es zu wissen -- Barclay Goodson geleistet
-hatten. Die Arbeit kostete ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie
-wurden doch damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen
-thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich siebentausend
-Dollars von den vierzigtausend aus, die der Sack enthielt --
-einhundertdreiunddreißigtausend Dollars im ganzen, wenn man die Summen
-zusammenzählt.
-
-Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht, zu sehen, daß die
-Gesichter der neunzehn angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder
-den früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien ihm unfaßlich
-und ihm fiel auch nicht die kleinste witzige Bemerkung ein, um diese
-himmlische Ruhe zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig und
-ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, dem Rätsel auf den Grund zu
-kommen, es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox begegnete
-und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte er bei sich: »Ihre Katze
-hat Junge gekriegt,« aber das war nicht der Fall, wie er auf seine
-Erkundigung von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar vielleicht
-das Bein gebrochen? War Gregor Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte
-Pinkerton ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für verloren
-gehalten? -- Dies und noch vieles andere riet Jack Halliday, als er
-die seelenvergnügten Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er,
-daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen Fällen blieb die Sache
-zweifelhaft. Nur _eins_ stand fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger
-Familien sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit dieser
-Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste beruhigen.
-
-Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte sich vor kurzem am Ort
-niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing
-sein Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. Das entmutigte
-ihn sehr und er fing bereits an, sein Unternehmen zu bereuen, als der
-Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten Bürger der Stadt fanden
-sich eine nach der andern bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag
-der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden Sie einstweilen noch
-nicht davon,« hieß es; »wir haben den Plan, uns ein Haus zu bauen,
-möchten aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«
-
-Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage und schrieb noch denselben
-Abend an seine Tochter, sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten
-auflösen, da sie jetzt eine weit bessere Partie machen könne.
-
-Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere wohlhabende Herren
-gedachten sich Landhäuser zu kaufen -- doch warteten sie die Sache erst
-ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung nie ohne den Wirt.
-
-Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, ein Kostümfest zu geben.
-Man äußerte zwar noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den
-Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen Andeutungen. »Wir
-haben es uns vorgenommen,« hieß es, »und wenn es dazu kommt, werden Sie
-natürlich auch eingeladen.« Alles war erstaunt darüber. »Wie können die
-armen Wilsons nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; »ihre
-Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige Damen aus der Zahl der
-neunzehn meinten aber, der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen
-zu warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, und dann einen
-Ball zu geben, der jenen ganz in den Schatten stellen sollte.
-
-Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs die Verschwendungssucht,
-immer wilder wurden die Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es
-hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der neunzehn Familien
-nicht nur mit den vierzigtausend Dollars fertig werden, sondern
-sich auch darüber hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die
-Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit begnügten sich manche
-nicht damit, Pläne zu schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe --
-auf Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker, Börsenpapiere,
-kostbare Kleider, Wagen und Pferde nebst vielen andern Dingen
-schafften sich die Leute an, zahlten ein Draufgeld und machten sich
-verbindlich, den Rest nach Ablauf von zehn Tagen zu entrichten.
-
-Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen und auf vielen
-Gesichtern begann sich eine entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln,
-wie Halliday zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel wurde ihm nur
-noch unerklärlicher. »Die Kätzchen bei Wilcox sind nicht gestorben,
-weil gar keine zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich; »niemand
-hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter sind noch am Leben -- da
-werde nun einer klug daraus!«
-
-Auch ein anderer Hadleyburger war über die Vorgänge in der Stadt
-höchlich verblüfft, nämlich der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er
-nirgends hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder ihm auflauerte.
-Kam er an irgend einen entlegenen Ort, so tauchte sicher dieser oder
-jener seiner Mitbürger auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag
-in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend im Rathaus zu öffnen,« und
-verschwand wieder gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von
-vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch auf den Sack
-erheben werde, denn Goodson war ja tot. Daß die Leute, welche sich an
-ihn drängten, lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch nicht
-von ferne in den Sinn. Als der wichtige Tag endlich erschien, hatte
-Burgeß neunzehn versiegelte Briefumschläge in der Tasche.
-
-
-III.
-
-Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. Im Hintergrund
-der Rednerbühne, sowie längs den Wänden und Galerien war der ganze
-Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und behängt; sogar um die
-Säulen schlangen sich bunte Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen
-mächtigen Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man vorausgesehen
-hatte, von nah und fern herbeiströmten; unter ihnen auch eine Menge
-Berichterstatter der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal war zum
-Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen Plätze waren sämtlich besetzt,
-sondern auch 68 Extrastühle, welche man hier und da verteilt hatte,
-sowie die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden sich
-Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, und Tische in Hufeisenform, an
-denen die Herren von der Presse Platz genommen hatten.
-
-Die Damen waren in großer Toilette; solchen Staat hatte Hadleyburg
-noch nie erblickt. Dem Anschein nach fühlten sich einige von ihnen
-nicht sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens machten die
-Einheimischen diese Bemerkung, was aber wohl daher rühren mochte, daß
-sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem ganzen Leben noch niemals
-solche Kleider angehabt.
-
-Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem kleinen Tisch, wo alle
-Welt ihn sehen konnte, lag der Goldsack. Dorthin wandten sich die
-meisten Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem
-Verlangen, während neunzehn Ehepaare den Sack mit einem liebevollen
-Eigentumsgefühl betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen
-Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen die hübsche kleine
-Rede aus dem Stegreif, mit welcher sie alsbald ihren Dank für die
-Glückwünsche der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu Zeit zog
-bald dieser bald jener Herr ein Stück Papier aus der Westentasche, um
-seinem Gedächtnis nachzuhelfen.
-
-Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; als aber Pastor
-Burgeß aufstand und seine Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill
-im Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. Der Pastor erzählte
-die wunderbare Geschichte des Sacks und erging sich dann in warmen
-Worten über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser Redlichkeit,
-auf den die Stadt mit Recht stolz sein könne. Dieser Ruf, sagte er,
-sei ein Besitz von unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen
-sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit habe sich
-Hadleyburgs Ruhm allenthalben verbreitet, so daß die Blicke von ganz
-Amerika jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name für alle
-Zeiten, wie er glaube und hoffe, als Sinnbild unbestechlicher Treue in
-Handel und Wandel gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der Hüter
-dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die ganze Gemeinde? O nein! Jeder
-Einzelne ist dafür verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner
-dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, daß unser herrlichstes
-Besitztum unangetastet bleibt. Wollt ihr diese große Verantwortung
-auf euch nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann ist alles wohl
-bestellt. Vererbt den Schatz auf eure Kinder und Kindeskinder! Bisher
-hat niemand eure Lauterkeit antasten können -- möge es immer so
-bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde sich heute verführen
-lassen, auch nur einen Pfennig anzurühren, der ihm nicht gehört --
-sehet zu, daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, das wollen
-wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um einen Vergleich zwischen uns und
-andern Gemeinden anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für
-uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche und wir die unsrigen
--- daran soll uns genügen. [Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde.
-Hier lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte Zeugnis für die
-Anerkennung, die ein Fremder unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn
-jetzt und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet werden. Der Mann
-ist uns unbekannt, aber ich spreche ihm in euer aller Namen unsern
-tiefgefühlten Dank aus und bitte euch, mit mir in ein Hoch auf ihn
-einzustimmen.«
-
-Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang schallten die Wände von
-donnernden Hurrarufen wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor
-Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und
-nahm einen Papierstreifen heraus. In atemloser Spannung lauschten die
-Anwesenden auf die Zauberworte, von denen jedes einen Klumpen Gold
-wert war und die der Pastor jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden gegenüber that, lautete:
-›Ihr seid noch lange kein ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert
-Euch.‹« Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun überzeugen, ob diese
-Aeußerung gleichlautend ist mit den Worten, die der Sack enthält. Dies
-wird unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen ist, gehört
-der Goldsack einem unserer Mitbürger, der fortan bei allem Volk als
-Inbegriff und Vertreter jener besonderen Tugend gelten wird, die den
-Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. Sein Name ist -- Billson!«
-
-Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm gerüstet;
-jetzt schienen sie plötzlich wie vom Frost erstarrt. Eine unheimliche
-Stille lagerte über der Versammlung, dann hörte man allmählich ein
-leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: »Billson! Nanu -- wer
-das glaubt! Zwanzig Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht
-im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit -- so was lassen wir uns
-nicht aufbinden!« Aber ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung.
-Während an einer Stelle des Saales der Kirchenrat Billson mit demütig
-gesenktem Haupt dastand, hatte sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson
-erhoben. Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und die Entrüstung
-der neunzehn Ehepaare war groß. Billson und Wilson hatten sich
-umgewandt und starrten einander an.
-
-»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte Billson in beißendem Ton.
-
-»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden Sie so freundlich
-sein, den Anwesenden zu erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«
-
-»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort geschrieben.«
-
-»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von _meiner Hand_.«
-
-Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. Er stand stumm da
-und starrte bald den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, was er
-thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:
-
-»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den Namen zu lesen, mit
-welchem das Papier unterzeichnet ist.«
-
-Das brachte den Pastor wieder zu sich.
-
-»John Wharton Billson,« las er.
-
-»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen Sie sich nun herausreden
-und sich wegen der Beleidigung entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen
-Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen Versammlung zugefügt
-haben?«
-
-»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im Gegenteil, mein Herr, ich
-klage Sie hiermit öffentlich an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen
-Zettel entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, auf der Ihr
-Name steht. Dies ist die einzige Art, wie Sie zur Kenntnis der bewußten
-Aeußerung gelangt sein können, denn außer mir weiß kein Mensch in der
-ganzen Welt, wie jene Worte gelautet haben.«
-
-Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, wollte man nicht das
-ärgerlichste Aufsehen erregen und der Klatschsucht Thür und Thor
-öffnen. Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die in rasender
-Eile immer weiter schrieben. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von
-allen Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem Hammer auf den
-Tisch klopfte.
-
-»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser Versammlung aufrecht
-halten und den Anstand nicht verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar
-liegt hier ein Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson mir ein
-Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich ist, so befindet sich
-dasselbe auch noch in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus der
-Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, machte ein verstörtes,
-bekümmertes Gesicht, stand eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob
-dann unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu sprechen, brachte
-aber kein Wort heraus.
-
-»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. »Was steht darin?«
-
-Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte Burgeß der Aufforderung:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen Fremden gegenüber that,
-lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer
-schauten ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« [Gemurmel:
-»Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] »Dies ist Thurlow G. Wilson
-unterschrieben,« sagte der Vorsitzende.
-
-»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt ist es sonnenklar. Ich
-wußte ja gleich, daß mein Brief abgeschrieben worden ist.«
-
-»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte mir dergleichen von
-Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«
-
-_Der Vorsitzende_: »Ich muß Sie zur Ruhe verweisen, meine Herren, und
-Sie beide ersuchen, Ihre Plätze wieder einzunehmen.«
-
-Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten sie der Aufforderung. Die
-Versammelten sahen einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den
-seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der Hutmacher Thomson auf.
-Er wäre gern einer der neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein
-das war ihm nicht beschieden; für solche Würde war sein Hutlager nicht
-groß genug.
-
-»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« sagte er, »daß
-die beiden Herren dem Fremden gegenüber schwerlich genau dieselben
-Worte gebraucht haben. Nach meiner Ansicht ist das ein Ding der
-Unmöglichkeit.«
-
-Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, der zu den
-Unzufriedenen gehörte, weil er nicht als ein Neunzehner anerkannt
-wurde, wiewohl er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies gab seiner Art
-und Weise einen etwas unangenehmen Beigeschmack.
-
-»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, auf den es ankommt.
-So etwas könnte geschehen -- alle hundert Jahre einmal --; aber das
-andere liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner von beiden hat
-die zwanzig Dollars gegeben!« [Schallender Beifall.]
-
-_Billson_: »Ich habe es gethan!«
-
-_Wilson_: »Nein, ich habe es gethan!«
-
-Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.
-
-_Der Vorsitzende_: »Ruhe, sage ich. Setzen Sie sich, meine Herren.
-Keins der beiden Couverts ist mir auch nur einen Augenblick aus der
-Hand gekommen.«
-
-_Eine Stimme_: »Gut -- damit ist das abgemacht.«
-
-_Der Lohgerber_: »Ich weiß, wie es zugegangen sein muß: Einer der
-Männer hat sich unter dem Bett des andern versteckt und seine
-Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch ist,
-möchte ich die Behauptung aufstellen, daß man allen beiden so etwas
-zutrauen kann.« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung, zur Ordnung!«] »Ich
-ziehe meine Bemerkung zurück und will nur noch erwähnen, daß, wenn der
-eine gehört hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner Frau
-mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche kommen werden.«
-
-_Eine Stimme_: »Wieso?«
-
-_Der Lohgerber_: »Nichts leichter als das. Die Aeußerung ist von beiden
-nicht genau in denselben Worten wiedergegeben worden. Das würde den
-Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die zweite Lesart nicht erst
-nach einiger Zeit und nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen
-worden wäre.«
-
-_Eine Stimme_: »Was ist der Unterschied?«
-
-_Der Lohgerber_: »Auf Billsons Zettel steht das Wort _ganz_ -- auf dem
-andern nicht.«
-
-_Viele Stimmen_: »Richtig, richtig, so ist es!«
-
-_Der Lohgerber_: »Wenn nun der Herr Vorsitzende die Probe macht und
-den Zettel im Sack liest, werden wir erfahren, wer von den beiden
-Betrügern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von diesen
-zwei Glücksjägern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von
-den beiden Ehrenmännern --« [Gelächter und Beifall] »die Auszeichnung
-genießen soll, der erste Halunke zu sein, der je in unserer durch
-ihn entehrten Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein fernerer
-Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich werden.« [Lebhafter
-Beifall.]
-
-_Viele Stimmen_: »Oeffnen, öffnen -- den Sack öffnen!!«
-
-Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte die Hand hinein
-und zog ein Couvert heraus, welches zwei zusammengefaltete Papiere
-enthielt. Dann sagte er:
-
-»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, nachdem alle
-schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende etwa erhalten hat,
-gelesen worden sind.‹ Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die
-Probe‹. Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; er lautet:
-
- »Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche mein Wohlthäter
- mir gegenüber gethan hat, in ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut
- nach genau wiedergegeben sein soll; sie war unbedeutend und er
- hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze aber sind
- so schlagend, daß sie ihm sicherlich im Gedächtnis geblieben
- sind. Stimmen diese nicht mit der Probe überein, so hat man
- es mit einem Betrüger zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der
- Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte er es aber
- einmal, so sei sein Rat auch von erster Güte. Was er nun sagte,
- hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr
- seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«
-
-_Viele Stimmen_: »Das ist entscheidend -- das Gold gehört Wilson. Er
-soll reden! Wilson hat das Wort!«
-
-Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie umringten Wilson,
-schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm von Herzen Glück, während
-der Vorsitzende immer lauter mit dem Hammer auf den Tisch klopfte und
-rief:
-
-»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie mich den
-Zettel zu Ende lesen. --«
-
-Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß fort:
-
- »›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es nicht, so werdet Ihr
- eines Tages sicherlich in Euern Sünden sterben und zur Strafe
- in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg -- _ersteres wäre
- noch vorzuziehen_.‹«
-
-Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten sich dunkle
-Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, doch allmählich
-erheiterten sich die Gesichter wieder, ja es schien, daß sie
-große Mühe hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer
-unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die Bürger aus
-Brixton und sämtliche fremde Gäste hielten sich die Hand vors Gesicht
-oder saßen mit gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit
-aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln zu beherrschen. In diesem
-verhängnisvollen Augenblick unterbrach Jack Halliday plötzlich das
-allgemeine Schweigen, indem er mit lauter Stimme rief: »Das Ding ist
-echt -- ein Rat erster Güte!«
-
-Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, Fremde wie Einheimische,
-und als sogar Burgeß seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte,
-legte sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures Gelächter erscholl,
-das lange kein Ende nehmen wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute
-schon die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig zusammen,
-um die Verhandlung fortzusetzen, aber immer von neuem brachen die
-Lachsalven unaufhaltsam hervor, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe
-Burgeß endlich anhub:
-
-»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, uns die Thatsache zu
-verhehlen, daß es sich hier um eine sehr ernste Sache handelt, denn die
-Ehre und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem Spiel. Schon der
-Umstand, daß die beiden Zettel der Herren Wilson und Billson sich nur
-durch _ein_ Wort unterschieden, war von schwerwiegender Bedeutung, da
-derselbe klar bewies, daß einer von ihnen sich des Diebstahls schuldig
-gemacht hatte --«
-
-Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit dagesessen
-hatten, sprangen bei diesen Worten wie elektrisiert in die Höhe.
-
-»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, und sie gehorchten.
-»Wie gesagt, der Umstand war unheilvoll, doch nur für einen der
-Beteiligten. Jetzt aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres
-Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, sondern ich darf
-wohl sagen unrettbar verloren. Beide haben die letzten Sätze mit den
-entscheidenden Worten ausgelassen.« Er hielt inne und die lautlose
-Stille, welche entstand, erhöhte noch die eindrucksvolle Wirkung des
-Augenblicks. Dann fuhr er fort:
-
-»Mir scheint, daß es hier nur _eine_ mögliche Erklärung giebt --
-deshalb frage ich die Herren -- geschah dies auf Verabredung -- in
-heimlichem Einverständnis?«
-
-Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat sie beide in der Falle,«
-murmelte die Menge.
-
-Billson war einer so schwierigen Lage nicht gewachsen; er saß in
-völliger Hilflosigkeit da. Aber Wilson, der Advokat, hatte sich
-ermannt; mit bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.
-
-»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht bei der Erörterung
-dieser höchst peinlichen Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das
-Wort, denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn Billson, den
-ich immer geachtet und hochgeschätzt habe, den schwersten Schaden
-zufüge. Wie alle übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine
-Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; aber meine eigene
-Ehre verlangt, daß ich offen zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich
-gestehen -- und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben --, daß
-ich mich dem mittellosen Fremden gegenüber ganz so geäußert habe, wie
-es auf dem Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen
-Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] Mir war das noch
-vollkommen erinnerlich, als ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu
-erheben, der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie sich bitte einen
-Augenblick in meine Lage: Die Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos
-gewesen an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich Worte
-dafür finden, doch würde er mir die Wohlthat tausendfach vergelten,
-wenn er je im stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich einmal, ob
-sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten ließ, ja, ob es auch nur
-denkbar war, daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz unnötigen
-Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, mich in die Falle zu locken
-und in einer öffentlichen Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt
-bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre höchst widersinnig gewesen.
-Ich zweifelte daher keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der
-ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen würde. Sie hätten das
-auch geglaubt und einem Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und dem
-Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß er schmählichen Verrat
-an Ihnen üben würde. So schrieb ich denn mit voller Zuversicht den
-Eingang nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ und setzte meinen
-Namen darunter. Als ich den Zettel eben in einen Umschlag thun wollte,
-wurde ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit offen auf
-dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt der Redner inne, wandte den Kopf
-langsam nach Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und sagte
-dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte Herr Billson eben meine
-Hausthür hinter sich zu -- urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten
-hatte.« [Große Erregung.]
-
-Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es ist eine schändliche Lüge!«
-schrie er, rot vor Zorn.
-
-_Der Vorsitzende_: »Setzen Sie sich! Herr Wilson hat das Wort.«
-
-Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz zurück und suchten ihn zu
-beruhigen, während Wilson fortfuhr:
-
-»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein Zettel lag nicht mehr an
-derselben Stelle auf dem Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah
-das wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, ein Zugwind
-habe ihn dahin geblasen. Daß Herr Billson ein Privatpapier lesen würde,
-kam mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann für unter seiner
-Würde halten. Hätte sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so
-würde er das Wort _ganz_ nicht hinzugefügt haben. Ich bin der einzige
-Mensch in der Welt, der jene Aeußerung -- auf ehrenhafte Weise -- genau
-wiedergeben konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«
-
-Für den schlauen und gewandten Redner ist es von jeher ein Leichtes
-gewesen, die Denkfähigkeit einer Zuhörerschaft, die an das täuschende
-Blendwerk der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren und sie zu
-maßlosen Gefühlsäußerungen fortzureißen. Als Wilson wieder Platz
-nahm, war sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender Beifallssturm
-erschallte; Freunde und Bekannte umringten ihn, schüttelten ihm die
-Hand und wünschten ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel
-zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende strengte seine Lunge
-vergebens an, und wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand gab
-acht darauf.
-
-Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren wir nun mit der
-Verhandlung fort!« rief Burgeß.
-
-»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß es; »man braucht ihm doch
-bloß den Sack zu geben.«
-
-_Viele Stimmen_: »Jawohl, jawohl! Wilson soll vortreten!«
-
-_Der Hutmacher_: »Ich fordere Sie auf, mit mir Herrn Wilson hoch
-leben zu lassen, als Inbegriff und Vertreter der besonderen Tugend,
-welche -- --«
-
-»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse durch den Saal. Wilsons
-Bewunderer hoben ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben an,
-ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu geleiten, als die Stimme des
-Vorsitzenden den Lärm übertönte:
-
-»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! -- Erinnern Sie sich doch, meine Herren,
-daß ich noch ein Schriftstück zu verlesen habe.« --
-
-Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm das zweite Papier zur Hand,
-legte es aber wieder hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle
-Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« Er zog ein Couvert
-aus der Tasche, öffnete es, überflog den Inhalt und schien starr vor
-Verwunderung.
-
-»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen zwanzig bis dreißig Stimmen
-auf einmal.
-
-Langsam und bedächtig, als traue er seinen Augen kaum, las Burgeß:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber that -- [_Mehrere
-Stimmen_: »Hallo, wie geht das zu?«] -- lautete: ›Ihr seid noch lange
-kein schlechter Mensch. [_Mehrere Stimmen_: »Gerechter Himmel!«]
-Geht hin und bessert Euch.‹ [_Eine Stimme_: »Da schlag’ doch das
-Donnerwetter drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier Pinkerton.«
-
-Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die besonneneren Leute
-trauernd ihr Haupt schüttelten. Wer sich nicht mehr halten konnte,
-lachte daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter
-wälzten sich vor Lachen und machten solche Krakelfüße auf dem Papier,
-daß es nicht menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. Ein Hund,
-der im Winkel geschlafen hatte, schreckte auf und geriet über das
-Getöse so in Wut, daß er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie
-und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. »Oho, immer toller! --
-Jetzt besitzen wir zwei Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! -- Nein,
-drei -- man muß auch Billson mitzählen -- je mehr, desto besser! --
-Richtig, richtig, Billson gehört dazu! -- Was ist doch Wilson für ein
-armes Opferlamm -- zwei Diebe haben ihn beraubt!«
-
-_Eine mächtige Stimme_: »Stille! Der Vorsitzende holt wieder etwas aus
-der Tasche.«
-
-_Andere Stimmen_: »Hurra! Was giebt es Neues? Vorlesen! Vorlesen!«
-
-_Der Vorsitzende_ (liest): »Die Aeußerung, welche ich u. s. w.
-›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin‹ u. s. w.
-Unterschrift: Gregor Yates.«
-
-_Dröhnende Rufe_: »Vier Inbegriffe! -- Der ehrliche Yates soll leben!
--- Weiter, weiter!«
-
-Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende nehmen; es galt, den
-Kapitalspaß von Grund aus zu genießen. Als einige von den Neunzehnern
-aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen nach dem Ausgang
-hin zu drängen suchten, wurden von allen Seiten Rufe laut:
-
-»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! Kein Ehrenmann darf den
-Saal verlassen! Hinsetzen! Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«
-
-Alle folgten der Aufforderung.
-
-»Immer mehr! -- Vorlesen! Vorlesen!«
-
-Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und las die wohlbekannten Worte:
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«
-
-»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«
-
-»Ingoldsby Sargent.«
-
-»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! Weiter, weiter!«
-
-»›Ihr seid noch lange kein --‹«
-
-»Den Namen her!«
-
-»Nikolas Whitworth.«
-
-»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«
-
-»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; »hoch soll er leben!
-Dreimal hoch!!!«
-
-»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das Vorbild unbestechlicher
-Tugend, und für alle seine Inbegriffe und würdigen Vertreter!«
-
-»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben -- hoch!« brüllte der
-Chor; »dreimal hoch!!!«
-
-»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. »Wir wollen mehr
-hören! Vorlesen! Alles vorlesen, was da ist!«
-
-»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf ewig begründen.«
-
-Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch zu erheben. Sie
-sagten, ohne Zweifel hätte sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies
-Possenspiel ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze Gemeinwesen sei.
-Die Unterschriften müßten alle gefälscht sein, nur so ließe sich die
-Sache erklären. Aber sie predigten tauben Ohren.
-
-»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« hieß es. »Ihr bekennt euch
-bloß schuldig -- nächstens werden eure Namen an die Reihe kommen!«
-
-»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche Briefumschläge er
-bekommen hat.«
-
-»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«
-
-Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten sie sämtlich das
-Geheimnis. Ich stelle den Antrag, von jedem derartigen Zettel die
-sieben ersten Wörter und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«
-
-Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen und zum Beschluß
-erhoben. Da stand plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur
-Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre Thränen zu verbergen. Der
-Gatte gab ihr den Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung
-bebender Stimme:
-
-»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, Mary und mich von Jugend
-auf, und habt uns stets Liebe und Achtung erwiesen --«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach ihn der Vorsitzende;
-»was Sie sagen, ist zwar die lautere Wahrheit -- die ganze Stadt kennt
-Sie nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber --«
-
-Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: »Wenn das auch die Meinung
-der Versammlung ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben zu
-lassen. Hurra, hoch!«
-
-Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose Taschentücher
-wurden geschwenkt und donnernde Hochrufe erschallten. Dann fuhr der
-Vorsitzende fort:
-
-»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, Herr Reichard, daß es
-zwar Ihrem guten Herzen Ehre macht, wir aber in diesem Fall den
-Missethätern keine Nachsicht gewähren dürfen.« [_Zurufe_: »Nein,
-nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen im Gesicht geschrieben; allein
-ich kann nicht gestatten, daß Sie sich für jene Männer verwenden --«
-
-»Aber ich wollte ja nur --«
-
-»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen erst die übrigen
-Zuschriften lesen. Das verlangt schon die Billigkeit den Leuten
-gegenüber, deren Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald
-dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, das verspreche ich Ihnen.«
-
-Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das Warten ist eine rechte
-Qual,« flüsterte Reichard seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um
-so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir nur für uns selber
-um Nachsicht bitten wollten.«
-
-Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen wurden gelesen.
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Robert
-Titmarsch.‹
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift:
-›Eliphalet Wenks.‹
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Oskar
-Wilder.‹«
-
-Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten die Zuhörer auf
-den Einfall, ihn der Mühe zu überheben, jedesmal die sieben Wörter
-zu lesen, womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun nur noch den
-Zettel in die Höhe und wartete, bis die Versammlung in volltönendem
-Chor, der fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes,
-feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid noch la-an-ge kein
-schle-ech-ter Mensch.« Dann las er die Unterschrift: »Archibald
-Wilcox.« So ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium und zur Qual
-der unglücklichen Neunzehner. Jedesmal, wenn ein besonders angesehener
-Name verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, sang die
-ganze Litanei von Anfang an bis zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle
-kommen, oder nach Hadleyburg -- ersteres wäre noch vo-o-or-zu-ziehn« --
-und schloß dann mit einem mächtigen »A-a-a-a-men!«
-
-Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu verlesenden Papiere; Reichard
-wußte genau, wie viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein
-Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller Spannung auf den
-Augenblick, wenn die Reihe an ihn kommen würde. Dann wollte er sich
-erheben und die Versammlung etwa mit folgenden Worten um Erbarmen
-für sich und Mary anflehen: »Bisher sind wir unsern Weg unsträflich
-gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. Aber wir sind
-alt und sehr arm, haben auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die
-Versuchung war groß und wir sind unterlegen. Als ich vorhin aufstand,
-wollte ich mein Unrecht bekennen und bitten, daß man meinen Namen
-nicht öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die Schande nicht
-überleben zu können; man ließ mich jedoch nicht ausreden. Ich weiß,
-es ist nur gerecht, wenn wir vor den andern nichts voraus haben; aber
-die Strafe ist hart. Unser Name war bis jetzt immer unbescholten; habt
-Erbarmen, denkt, daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind,
-und laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« So weit war er
-in seinen Gedanken gekommen, als Mary ihn anstieß, um ihn aus der
-Träumerei zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch la-a-nge kein«
-u. s. w.
-
-»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist die Reihe an dir;
-achtzehn Namen sind schon verlesen.«
-
-»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge. Langsam und zitternd
-erhob sich das alte Ehepaar. Burgeß steckte die Hand in die Tasche und
-schien einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel alle gelesen
-haben,« sagte er dann.
-
-Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung sanken Reichard und seine
-Frau auf ihre Plätze zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei
-Dank. Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke würden mich
-nicht so glücklich machen!«
-
-Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf Hadleyburgs Redlichkeit und
-die achtzehn unsterblichen Vertreter seiner Tugend. Dann stand Wingate,
-der Sattler, auf, um den wackersten Mann in der Stadt leben zu lassen,
-den einzigen aus der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen
-Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen -- Eduard Reichard.
-
-Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung ein, und man pries Reichard
-laut, als den einzigen treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger
-Ueberlieferung.
-
-»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte eine Stimme.
-
-_Der Lohgerber_ (mit bitterem Spott): »Das liegt doch auf der Hand.
-Das Gold muß unter die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder
-von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars gegeben -- und jenen
-kostbaren Rat. Zweiundzwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie einer
-nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. Was sie für den Fremden
-eingezahlt haben, betrug alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie
-möchten nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben -- die sich mit dem
-Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«
-
-»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.
-
-_Der Vorsitzende_: »Ich bitte um Ruhe, damit ich die letzte Zuschrift
-des Fremden vorlesen kann. -- Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet,
-um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes Seufzen und Stöhnen aus
-der Menge] so soll das Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt
-werden, damit sie es aufs beste verwenden, um den ehrenwerten Ruf
-Hadleyburgs auch ferner zu erhalten und immer weiter auszubreiten.
-Dafür, daß sie dies nach besten Kräften thun werden, bürgt schon ihre
-eigene Unbescholtenheit und allgemein anerkannte Vortrefflichkeit.‹
-[Spöttische Beifallsrufe von allen Seiten und lautes Händeklatschen.]
-Halt! Ich bin noch nicht zu Ende -- hier ist eine Nachschrift:
-
- »›~P. S.~ -- Bürger von Hadleyburg!
-
- Die ganze Sache beruht auf Erfindung -- kein Mensch hat
- jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl
- der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt
- dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft
- gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter
- Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine
- Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg
- reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung
- an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch
- umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so
- geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch
- nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen
- der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn
- auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit -- der
- Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten
- sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen.
- Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz,
- den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen
- Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz
- ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt
- und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern
- fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen!
- Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die
- nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war,
- dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast
- ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die
- in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen
- Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen.
- Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson,
- der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im
- Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so
- würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige
- Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars
- schenken könnte‹ -- und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine
- Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt
- abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht
- aus -- ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich
- nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit
- der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie
- ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten
- Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand,
- daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es
- fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz
- auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg
- in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben
- verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn
- mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne
- einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger
- Ruhmes.‹«
-
-_Viele Stimmen_: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn
-Tugendhelden sollen vortreten!«
-
-Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber
-Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.
-
-»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.«
-
-Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach
-den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen,
-keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort:
-
-»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich
-bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich
-schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll
-vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den
-Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von
-echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.«
-
-Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung
-begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von
-Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe.
-Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die
-Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der
-Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und
-immer höher.
-
-Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in
-kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten;
-es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein
-Ehrengeschenk, und -- und -- wir können es doch nicht dulden! Sollen
-wir nicht lieber aufstehen und -- Mary, was fangen wir nur an -- was
-meinst du, daß wir --«
-
-(_Hallidays Stimme_: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten
--- zwanzig -- danke bestens -- dreißig -- dreißig zum -- höre ich
-recht? -- Vierzig -- bieten Sie weiter, meine Herren -- fünfzig zum
-ersten, zum zweiten, zum -- siebzig -- neunzig -- bravo! immer höher!
--- hundert -- hundertzwanzig -- vierzig -- noch ist es Zeit! --
-hundertfünfzig -- zweihundert -- zweihundertfünfzig -- keiner mehr? --«)
-
-»Es ist eine neue Versuchung, Eduard -- ich zittere an allen Gliedern.
-Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur
-Warnung dienen --« [»Habe ich recht gehört? Sechs -- meinen Dank --
-sechshundertfünfzig -- siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht
-bedenkt, -- kein Mensch argwöhnt --« [»Achthundert Dollars! Hurra!
-Neunhundert wäre noch besser! -- Haben Sie neunhundert gesagt, Herr
-Parsons? -- Ganz recht -- also dieser schöne Sack, mit echtem Blech
-gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars --
-tausend -- sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den
-Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten
-Staaten --«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm -- aber --
-thu’ was dir am besten dünkt -- ich hindere dich nicht.«
-
-Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß still und beschwichtigte
-sein Gewissen damit, daß die Umstände ihm keine Wahl ließen.
-
- * * * * *
-
-Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher aussah wie ein
-als englischer Graf verkleideter Geheimpolizist, den Verhandlungen
-mit dem größten Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen
-hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich dachte, war ungefähr
-folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden bieten nicht mit, das ist nicht
-in der Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. Sie
-müssen im Gegenteil den Sack kaufen, den sie stehlen wollten, und
-einen ordentlichen Preis dafür zahlen -- denn es sind reiche Leute
-darunter. Außerdem hat der einzige Hadleyburger, der meine Berechnung
-zu Schanden gemacht hat, eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm
-nicht entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher Mann, das muß
-ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich scheint. Jedenfalls soll er den
-Glückstopf ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. Daß er mich
-Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht nachtragen.«
-
-Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren Verlauf der Auktion.
-Nachdem tausend Dollars geboten waren, ging der Preis nur noch langsam
-in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog sich zurück. Nun bot der
-Fremde selbst ein paarmal mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte
-ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch fünfzig hinzu und der
-Sack wurde ihm für eintausendzweihundertundzweiundachtzig Dollars
-zugeschlagen. Die Menge brach in schallende Hochrufe aus, doch trat
-gleich darauf eine lautlose Stille ein, als der Fremde mit der Hand
-winkte und zu reden begann:
-
-»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. Ich bin
-Raritätenhändler und habe in der ganzen Welt Verbindungen mit Leuten,
-die seltene Münzen sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie er ist,
-mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich größeren Vorteil würde
-ich daraus ziehen, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche
-ich Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann jede einzelne
-dieser blechernen Münzen mindestens für ein echtes Zwanzigdollarstück
-verkaufen und würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger,
-Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche Redlichkeit
-heute von Ihnen mit vollem Rechte anerkannt und gepriesen worden ist.
-Sein Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die ich ihm morgen
-einhändigen will.« [Großer Beifall der Menge; Reichard und seine Frau
-wurden dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, man legte es
-ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der besondere Wert einer Rarität hängt
-meistens davon ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen
-wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich auf diese
-vergoldeten Blechmünzen hier die Namen der achtzehn Herren stempeln
-lassen darf, welche --«
-
-Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob sich die ganze Versammlung
-wie ein Mann, um unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung zu
-geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank dafür aussprechen wollte,
-daß man so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen war,
-erhoben sämtliche Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten
-Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen
-solchen Schimpf anthäte, und stießen sogar Drohungen gegen den Fremden
-aus, der jedoch ganz ruhig blieb.
-
-Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, zu bitten und zu drohen,
-benutzte Harkneß die günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und
-Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt und Gegenkandidaten bei
-der Abgeordnetenwahl, um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt
-war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade über den Bau einer
-neuen Eisenbahn; beide Männer besaßen große Strecken Landes und jeder
-hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, daß die Bahn durch sein
-Besitztum geleitet würde, was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine
-einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag geben. Vor einer
-gewagten Spekulation zurückzuschrecken, war Harkneß’ Sache nicht, und
-hier galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in seiner Nähe und die
-Unruhe im Saal war groß. Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:
-
-»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«
-
-»Vierzigtausend Dollars.«
-
-»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«
-
-»Nein.«
-
-»Fünfundzwanzig.«
-
-»Nein.«
-
-»Was sagen Sie zu dreißig?«
-
-»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen Pfennig weniger.«
-
-»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen früh um zehn Uhr komme
-ich zu Ihnen ins Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde;
-ich wünsche Sie allein zu sprechen.«
-
-Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob er sich, um sich bei
-der Versammlung zu verabschieden; er dankte den Anwesenden nochmals
-für die Gewährung seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, ihm den
-Sack bis morgen aufzuheben und Herrn Reichard einstweilen drei
-Fünfhundertdollarscheine einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in
-Empfang genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh um neun will ich
-den Sack abholen und um elf Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend
-Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute Nacht!«
-
-Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der Lärm jetzt von
-neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, Beifallklatschen, Hundegebell,
-und dazwischen der Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein
-schle-e-ech-ter Mensch --« erschallten in wildem Durcheinander.
-
-
-IV.
-
-Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard noch bis Mitternacht
-fortwährend Glückwünsche und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als
-sie endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen stumm und
-traurig da, bis Mary zuletzt tief aufseufzte:
-
-»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht gethan haben?« fragte
-sie und schaute nach den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen
-Kassenscheinen, welche die Leute vorhin mit so verlangenden Blicken
-betrachtet und kaum anzurühren gewagt hatten. Eduard schwieg eine
-Weile, dann kam ein Seufzer auch aus seiner Brust.
-
-»Wir -- wir konnten nichts dafür, Mary -- es war eine Fügung des
-Himmels -- wie alles in dieser Welt,« erwiderte er zögernd.
-
-Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er senkte den Blick.
-
-»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob und Anerkennung der
-Menschen immer Freude machten -- aber jetzt scheint mir -- höre,
-Eduard?«
-
-»Was denn?«
-
-»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?«
-
-»N -- nein.«
-
-»Was willst du thun?«
-
-»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.«
-
-»Das wird wohl am besten sein.«
-
-Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher hatte ich keine
-Furcht, wenn mir auch das Geld anderer Leute stromweise durch die Hände
-floß,« murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.«
-
-»Laß uns zu Bette gehen.«
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen um neun Uhr holte der Fremde den Sack ab und fuhr
-damit in einer Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um zehn ein
-Privatgespräch mit ihm. Der Fremde ließ sich fünf Wechsel -- zahlbar
-an den Ueberbringer -- auf eine New Yorker Bank ausstellen, einen zu
-vierunddreißigtausend Dollars und vier zu fünfzehnhundert Dollars. Von
-letzteren steckte er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte
-er in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu, nachdem Harkneß
-fort war. Um elf Uhr klingelte er am Reichard’schen Hause; Mary guckte
-erst durch den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das Couvert in
-Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte, ohne ein Wort zu sagen. In
-großer Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück.
-
-»Schon gestern abend kam es mir vor, als müßte ich ihn früher irgendwo
-gesehen haben; aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.«
-
-»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht hat?«
-
-»Ja, ich möchte darauf schwören.«
-
-»Dann ist er auch der angebliche Stephenson, der die Bürger mit seinem
-erfundenen Geheimnis zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun Wechsel
-statt Geld bringt, sind wir noch einmal angeführt, während wir uns eben
-in Sicherheit wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz behaglich
-zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles wieder, es ist viel zu dünn.
-Achttausendfünfhundert Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären
-ein dickeres Paket.«
-
-»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?«
-
-»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat! -- Ich habe mich zwar
-darein gegeben, die achttausendfünfhundert Dollars in Banknoten
-anzunehmen, weil es der Himmel nun einmal so gefügt hat. Aber Wechsel
-einzulösen, welche jene verhängnisvolle Unterschrift tragen -- nein,
-dazu fehlt mir der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal hat
-mich der Mensch fast in seine Hände bekommen, und wir sind ihm wie
-durch ein Wunder entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise. Wenn
-Wechsel in dem Couvert sind --«
-
-»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie die Wechsel in die Höhe.
-
-»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in Versuchung kommen. Es
-ist nur eine Hinterlist, um uns ins Verderben zu locken -- uns dem Hohn
-und Spott der Leute preiszugeben wie die andern. Wenn du es nicht thun
-kannst, gieb sie mir.« Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte
-damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf und konnte nicht umhin,
-zuvor noch einen Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er in
-Ohnmacht gefallen.
-
-»Mary, Mary, halte mich -- sie sind so gut wie Gold!«
-
-»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch ganz gewiß?«
-
-»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist mir ein unerklärliches
-Rätsel.«
-
-»Glaubst du denn, Eduard --«
-
-»So sieh doch nur her! Fünfzehn -- fünfzehn -- fünfzehn --
-vierunddreißig! Achtunddreißigtausendfünfhundert! -- Was sagst du dazu,
-Mary? -- Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß hat offenbar
-diese Riesensumme dafür gezahlt.«
-
-»Und du glaubst, das alles soll uns gehören? Nicht nur die
-versprochenen zehntausend?«
-
-»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten die Wechsel auf den
-›Ueberbringer‹.«
-
-»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu bedeuten?«
-
-»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank erheben. Vielleicht
-wünscht Harkneß nicht, daß die Sache hier ruchbar wird. Was ist denn
-das -- -- ein Brief?«
-
-»Ja, er lag bei den Wechseln.«
-
-Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug aber keine Unterschrift.
-Reichard las:
-
- »Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit ist über
- jede Versuchung erhaben. Als ich das Gegenteil annahm, that ich
- Ihnen unrecht, und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen.
- Sie verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger
- sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen. Ich bin
- mit mir selbst eine Wette eingegangen, daß sich in Ihrer
- tugendstolzen Stadt neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen
- lassen würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen Sie den
- ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von Rechts wegen.«
-
-Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt, als wäre es mit Feuer
-geschrieben,« sagte er. »Mir ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.«
-
-»Mir auch. Ach, hätten wir doch -- --«
-
-»Stelle dir nur vor, Mary -- er _glaubt_ an mich.«
-
-»Schweig’ still davon -- ich halte es sonst nicht aus.«
-
-»Wenn ich dies schöne Lob verdiente -- und Gott weiß, ich glaube,
-früher war das der Fall -- so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend
-Dollars dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig aufbewahren, es
-wäre mir mehr wert, als Gold und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein
-ewiger Vorwurf sein, darum fort mit ihm.«
-
-Er warf das Papier in die Flammen. --
-
-Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte. Burgeß hatte ihn
-geschickt; er lautete:
-
- »Sie waren mein Retter zur Zeit der Not. Zum Dank dafür habe
- ich Sie gestern gerettet. Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit
- thun, doch habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich
- nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so gut wie ich, daß
- Sie ein braver, wackerer und edler Mensch sind. Sie wissen,
- welches Fehltritts man mich anklagt, und da man allgemein von
- meiner Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung keinen
- Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß Sie mich wenigstens
- nicht für einen Undankbaren halten, wird mir die Last
- erleichtern, die ich tragen muß.
-
- Burgeß.«
-
-»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen Bedingungen!« Er warf
-den Brief ins Feuer. »Ich -- ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte
-die Sache ein für allemal ein Ende.«
-
-»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns, Eduard. So viel Großmut
-muß einem schier das Herz zermalmen -- und das geht immer Schlag auf
-Schlag.« --
-
-Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde jedem der zweitausend Wähler
-als kostbares Erinnerungszeichen eine der wohlbekannten falschen
-Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der Münze las man am
-Rand die Inschrift: ›Die Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte,
-lauteten --‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht hin und bessert Euch!
-Pinkerton.‹
-
-So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel an Unrat übrig
-geblieben war, über ein einziges Haupt ausgegossen, und die Wirkung
-war verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann von neuem und
-richtete sich ausschließlich gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl
-von einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war.
-
- * * * * *
-
-Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit gehabt, ihr Gewissen über
-die Annahme der Wechsel zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe
-mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch inne werden, welche
-Schreckensgestalt eine böse That annehmen kann, sobald die Möglichkeit
-ihrer Entdeckung vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt dadurch
-eine völlig neue Bedeutung und Wichtigkeit.
-
-Am nächsten Sonntag war die Predigt in der Kirche ganz so wie immer.
-Dieselben alten Sachen wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die
-Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört, ohne sich davon
-getroffen zu fühlen; es war oft ordentlich schwer gewesen, nicht
-dabei einzuschlafen, weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen
-vorkam. Aber auf einmal war das ganz anders. Die Predigt schien voller
-Anschuldigungen und ganz besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere
-Sünde vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst zu Ende
-war, wich das Ehepaar so viel wie möglich der sie beglückwünschenden
-Menge aus; von unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten sie
-in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs sahen sie zufällig
-von ferne Herrn Burgeß, der um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu
-erwidern. Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie das nicht wußten,
-fragten sie sich besorgt, was es wohl bedeuten möchte. Sollte er
-erfahren haben, daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den Tag
-bringen können? Vielleicht wartete er nur eine günstige Gelegenheit
-ab, um die Rechnung mit ihm ins reine zu bringen. -- Daheim fingen
-sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd müsse sie im
-Nebenzimmer belauscht haben, als Reichard seiner Frau erzählte, er
-wisse, daß Burgeß unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu erinnern,
-daß sie damals dort ein Rascheln gehört hätten; kein Zweifel, Sara
-war die Verräterin. Sie riefen die Magd ins Zimmer und stellten ihr
-so unzusammenhängende, wunderliche Fragen, daß Sara bald auf den
-Gedanken kam, der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen
-Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun unter ihren forschenden,
-mißtrauischen Blicken errötend ängstlich und befangen wurde, sah das
-Ehepaar dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld an. Sobald Sara das
-Zimmer verließ, redeten sie weiter über diese Entdeckung und quälten
-sich mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen. Plötzlich
-stöhnte Reichard laut auf.
-
-»Was giebt es? -- Fehlt dir etwas?«
-
-»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt erst verstehe ich seinen
-beißenden Spott. Man kann ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er
-weiß, daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm sein Lob für
-bare Münze. Du weißt doch, Mary --«
-
-»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt hat -- den Zettel mit
-der erlogenen Aeußerung. Ja, das ist entsetzlich.«
-
-»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu richten. Einigen Leuten muß
-er ihn schon gezeigt haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht
-an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch auch unsern Gruß
-erwidert, wenn er nichts Böses gegen uns im Schilde führte.«
-
-In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen und am Morgen
-verbreitete sich das Gerücht, die alten Leute seien ernstlich
-erkrankt. Die gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen so
-unerwartet in den Schoß gefallen war, das späte Aufbleiben und die
-vielen Gratulationsbesuche seien schuld daran, meinte der Doktor. Die
-Hadleyburger hörten es mit großer Betrübnis, denn dies Ehepaar war ja
-das einzige, worauf sie noch stolz sein konnten.
-
-Zwei Tage später lautete der Bericht noch schlimmer: Reichard
-lag im Fieber und benahm sich sehr sonderbar. Nach Aussage der
-Wärterinnen hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht
-auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf die Riesensumme von
-achtunddreißigtausend Dollars ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu
-einem so ungeheuern Vermögen?
-
-Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere Dinge zu erzählen.
-Sie hatten die Wechsel in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht
-beschädigt würden, aber als man danach suchte, fand man sie unter dem
-Kissen des Kranken nicht mehr; sie waren und blieben verschwunden.
-
-»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte Reichard gefragt; »laßt mich
-in Ruhe!«
-
-»Wir möchten nur, daß die Wechsel --«
-
-»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind vernichtet. Es war
-Satanswerk; ich habe das Brandmal der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck
-war, mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann begann er schreckliche
-Reden zu führen über ganz unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte
-die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen.
-
-Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die Fieberphantasien des
-Kranken ausgeplaudert haben, denn bald darauf sprach man in der ganzen
-Stadt davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte so gut wie
-die andern Anspruch auf den Sack erhoben, was durch Burgeß zuerst
-verheimlicht und dann aus Bosheit verraten worden sei.
-
-Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft und meinte, es
-sei ungerecht, den Worten, die ein kranker alter Mann im Fieberwahn
-geredet, irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein der Argwohn war
-nun einmal wach geworden und jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.
-
-Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im Fieber, und was sie sprach,
-war nur eine Wiederholung von ihres Mannes Reden. Da zweifelte niemand
-mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit des einen unbescholtenen
-Bürgers, den Hadleyburg noch unter seinen ersten Familien besessen
-hatte, nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem Stolz auf
-ihn war es ein für allemal vorbei.
-
-Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte Ehepaar im Sterben. Kurz
-vor seinem Tode kam Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und ließ
-Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden, das Zimmer zu verlassen,
-da der Kranke gewiß wünsche, mit ihm allein zu reden.
-
-»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben. Ihr alle sollt mein
-Bekenntnis hören, denn ich will wie ein Mann sterben und nicht wie ein
-elender Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig --
-wie alle übrigen Hadleyburger, und gleich meinen Mitbürgern bin ich der
-ersten wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb eine Lüge,
-um in den Besitz des erbärmlichen Sackes zu gelangen. Pastor Burgeß
-erinnerte sich, daß ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus
-Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um meine Ehre zu retten.
-Er wußte nicht, daß ich die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn
-geschleudert wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften können. Aber
-ich war ein Feigling und gab ihn der Schande preis --«
-
-»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben -- --«
-
-»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis verraten --«
-
-»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt --«
-
--- »und darauf that er etwas, das vollständig natürlich und
-gerechtfertigt war. Seine Güte und Nachsicht gegen mich reute ihn und
-er offenbarte meine Schuld, wie ich es verdiente.«
-
-»Niemals -- das schwöre ich --«
-
-»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.«
-
-Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er predigte tauben Ohren. Der
-Sterbende hauchte seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren,
-daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht zugefügt hatte. In der
-folgenden Nacht starb auch die alte Frau Reichard. So war denn der
-letzte der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes geworden, und
-die Stadt hatte ihren alten Ruhm für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer
-darüber trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief und aufrichtig.
-
-Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg von der Regierung
-die Erlaubnis, einen andern Namen anzunehmen (einerlei welchen,
-ich will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten Motto seines
-Stadtsiegels _ein_ Wort fortzulassen.
-
-Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und wer sie noch einmal
-überrumpeln wollte, der müßte früh aufstehen.
-
-[Illustration:
-
- ~Altes Motto~
-
- ~Führe uns nicht in Versuchung~
-
- ~Neues Motto~
-
- ~Führe uns in Versuchung~
-]
-
-
-
-
-Das Gesundbeten.
-
-
-I.
-
-Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen Kur in der
-Appetitsanstalt[1] nach Wien zurückkehrte, machte ich einen Abstecher
-in die Berge. Dabei fiel ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und
-brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch dies und das. Zum
-guten Glück fanden mich einige Landleute, die einen verlorenen Esel
-suchten, und schafften mich in ihr Haus.
-
- [1] Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge Bd. 5.
-
-Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde entfernt; es wohnte dort
-ein Pferdedoktor, aber kein Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade
-trostverheißend für mich; denn ganz offenbar handelte es sich bei
-mir um einen chirurgischen Fall. Doch da fiel den guten Leuten ein,
-daß in jenem Dorf eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte,
-und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft wäre und
-alles und jedes heilen könnte. Es wurde also nach ihr geschickt. Da
-inzwischen die Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise
-nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir aber Bescheid sagen: Das
-mache weiter nichts, die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort
-›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen Morgen ihren Besuch
-machen; unterdessen möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und nicht
-vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. Ich dachte, da müßte
-wohl irgend ein Mißverständnis vorliegen und fragte:
-
-»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig Fuß hohe Felswand
-heruntergefallen bin?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß und einen Purzelbaum
-schlug?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich nochmals aufschlug und einen zweiten Purzelbaum machte?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und den dritten Purzelbaum
-machte?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«
-
-»Ja.«
-
-»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es handele sich um die
-Steinblöcke. Warum haben Sie ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu
-Schaden gekommen bin?«
-
-»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, was Sie mir aufgetragen
-hatten: daß Sie vom Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine
-unzusammenhängende Reihenfolge von komplizierten Knochenbrüchen
-bildeten, und daß Sie infolge des Hervorragens der verschiedenen
-Knochenteile aussähen wie ein Kleiderriegel.«
-
-»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, ich sollte nicht
-vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre?«
-
-»So sagte sie wörtlich.«
-
-»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der Diagnose des Falls
-nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Sah sie aus wie eine
-Person, die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst schon
-mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre abstrakte Wissenschaft auf
-die Basis persönlicher Erfahrungen gründet?«
-
-»Bitte?«
-
-Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich nicht in des
-Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen über ihren Horizont. Ich ließ
-daher die Sache auf sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu
-rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine Beine hineinzulegen,
-und einen Menschen, der dazu befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib
-fluchen zu helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.
-
-»Warum nicht?« fragte ich.
-
-»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«
-
-»Aber ich bin hungrig und durstig und habe scheußliche Schmerzen!«
-
-»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber Sie dürften darauf
-nicht achten. Ganz besonders ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken,
-daß es so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar nicht gibt.«
-
-»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«
-
-»Sie sagte so.«
-
-»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz eines normal
-funktionierenden Intellekts sei?«
-
-»Bitte?«
-
-»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man sie angebunden?«
-
-»Angebunden?«
-
-»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind ein gutes Mädel, aber Ihr
-geistiges Geschirr ist nicht auf leichte und anregende Gespräche
-eingerichtet. Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ allein.«
-
-
-II.
-
-Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht -- wenigstens hielt ich
-sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden --, doch schließlich
-nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft
-kam, und ich war froh darüber.
-
-Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen,
-hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade
-und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und
-hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge,
-damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit,
-die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln
-auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie
-dies -- immer hübsch eins nach dem anderen -- getan, nahm sie ihre
-Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die
-Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie,
-zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett,
-ließ sich -- aber ohne jede Uebereilung -- auf diesen nieder, und ich
--- ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne
-jede Aufregung:
-
-»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu
-tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.«
-
-Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das
-Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb
-entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte,
-und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls
-ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine
-Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr
-sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen
-könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas
-nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war
-sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise.
-
-»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt
-nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen,
-so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut
-nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn
-sich nur vorstellen.«
-
-»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch ...«
-
-»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich
-äußern. Schmerz ist unwirklich; also _kann_ Schmerz nicht weh tun.«
-
-Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den
-eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei
-ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden
-Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort:
-
-»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten
-auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten;
-Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere
-Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen
-Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die
-Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.«
-
-Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den
-Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben
-eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit
-möglichst unschuldigem Gesicht:
-
-»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen hat, von irgend welchem
-Wert?«
-
-»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen kommen nur aus der Seele; die
-niederen Tiere, die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind,
-haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist eine Meinung unmöglich.«
-
-»Das ist eigentümlich und interessant. Ich möchte wohl wissen, was
-eigentlich mit der Katze los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht
-gibt, und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur in der
-Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, so hat allem Anscheine
-nach Gott in seinem Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer
-geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die sich in dem Augenblick
-bemerkbar macht, wo das Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser
-Gemütsbewegung stimmen dann Katze und Christenmensch gewissermaßen
-überein, indem ...«
-
-Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug davon! Die Katze fühlt
-nichts, der Christenmensch fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten
-Vorstellungen sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht
-bekommen könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, wenn Sie
-anerkennen und offen zugeben, daß Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht
-existieren.«
-
-»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen Schmerzen,« antwortete ich,
-»aber mir könnte nicht elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen
-wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«
-
-»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; denn sie existieren ja
-gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, die durch die Materie weiter
-verbreitet werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar keine
-Materie.«
-
-»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber doch außerordentlich
-unbestimmt; es schlüpft einem durch die Finger, wenn man gerade eben
-denkt, man halte es gepackt.«
-
-»Wieso?«
-
-»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht existiert, wie kann Materie
-was weiterverbreiten?«
-
-In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie würde sogar wirklich
-gelächelt haben, wenn es so was wie Lächeln überhaupt gäbe.
-
-»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren der Christlichen
-Wissenschaft beweisen es, und diese sind in den folgenden vier keines
-Beweises bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:
-
- 1. Gott ist alles in allem.
-
- 2. Gott ist gut. Gott ist Seele.
-
- 3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.
-
- 4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich Tod, Uebel,
- Sünde, Krankheit.
-
-»Da -- da haben Sie’s!«
-
-Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien mir mit der von mir
-aufgeworfenen Schwierigkeit, nämlich wie nicht vorhandene Materie
-Wahnvorstellungen weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste zu
-tun zu haben. Ich sagte daher etwas zögernd:
-
-»Be ... beweist das wirklich etwas?«
-
-»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s rückwärts gelesen wird!«
-
-Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.
-
-»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich Gott allmächtiger Guter
-Leben Materie ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott Gut
-ist Gott alles in allem ist Gott. So -- verstehen Sie’s jetzt?«
-
-»Es ... es ... hm, es ist klarer als vorher; indessen ...«
-
-»Na?«
-
-»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere Arten versuchen?«
-
-»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: die Bedeutung bleibt immer
-dieselbe. Sagen Sie die Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es
-kann niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es nämlich vollkommen
-ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel daraus: ganz einerlei -- es
-kommt immer dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. Nur aus
-einem wunderbaren Geist konnten diese Lehrsätze hervorgehen. Als
-eine geistige Kraftleistung haben sie nicht ihresgleichen; sie sind
-gleichzeitig einfach, faßbar und unergründlich tief.«
-
-»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«
-
-»Wie fühlen Sie sich?«
-
-»Ich meine -- die Leitsätze sind ein wunderbares Gewebe -- eine
-Zusammenstellung, sozusagen, von tiefem Gedanken -- von unausdenkbaren
-Gedanken -- von ...«
-
-»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder vorwärts oder senkrecht oder
-in irgend einer Diagonale -- stets werden Sie finden, daß unsere vier
-Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«
-
-»Ah -- Beweis! Nun kommen wir dazu! Die Behauptungen stimmen; sie
-stimmen zu ... zu ... na, jedenfalls _stimmen_ sie; das habe ich
-gemerkt. Aber was beweisen sie denn nun eigentlich -- ich meine: im
-Besonderen?«
-
-»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres geben! Sie beweisen:
-
-»1. Gott -- Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, Seele, Geist, Vernunft.
-Begreifen Sie das?«
-
-»Ich -- hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, weiter!«
-
-»2. Mensch -- Gottes Weltidee, individuell, vollkommen, ewig. Ist das
-klar?«
-
-»Es -- ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«
-
-»3. Idee -- eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare Gegenstand des
-Erkennens. Da haben Sie’s -- das ganze erhabene Geheimnis Christlicher
-Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine schwache Stelle
-daran?«
-
-»Hm -- nein; es sieht stark aus.«
-
-»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe bilden die
-Wissenschaftliche Definition der unsterblichen Seele. Dann haben wir
-zunächst noch die Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele.
-Nämlich so: _Erster Grad_: Entartung: 1. Physisch: Leidenschaften und
-Begierden, Furcht, verkümmerter Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß,
-Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«
-
-»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, wenn ich Sie recht
-verstehe!«
-
-»Ja, alle ohne Ausnahme! _Zweiter Grad_: Das Uebel auf dem Abzuge.
-1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube,
-Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«
-
-»Wie Kristall!«
-
-»_Dritter Grad_: Geistige Erlösung. 1. Geistig: Glaube, Weisheit,
-Kraft, Reinheit, Erkenntnis, Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie
-fein ausgeklügelt, wie koordiniert, von einander abhängend, wie
-anthropomorph das alles ist. In diesem dritten Stadium -- das
-wissen wir durch die Offenbarungen der Christlichen Wissenschaft --
-verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele.«
-
-»Nicht früher?«
-
-»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung und die Vorbereitung auf
-die dritte Stufe vollendet ist.«
-
-»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im stande, sich die
-Christliche Wissenschaft in wirksamer Weise und mit richtigem
-Verständnis für die Seelenverwandtschaft zu eigen zu machen, wenn ich
-Sie recht verstehe. Das heißt also: während der im zweiten Stadium sich
-vollziehenden Vorgänge ließe sich ein solcher Erfolg nicht erreichen,
-weil da noch einige Reste von gemeiner Vernunft[2] vorhanden sein
-würden; und deshalb -- aber ich habe Sie unterbrochen. Sie wollten
-des näheren auf die guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen
-Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar werden. Es ist sehr
-interessant; fahren Sie, bitte, fort!«
-
- [2] In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes
- Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹
- nicht in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B.
- das Wort ~mind~ die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele,
- Absicht, Wille, Geist, Verstand und noch viele andere. Der
- Uebersetzer hat es für richtig gehalten, in der Wiedergabe
- auf den Gleichklang der Worte zu verzichten und dafür, wo
- es nur irgend anging, die spöttische Absicht des Humoristen
- erkennbar werden zu lassen.
-
-»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium verschwindet die
-menschliche, nicht unsterbliche Seele. Unsere Wissenschaft stellt
-das, was den körperlichen, menschlichen Sinnen für Augenschein gilt,
-vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren Herzen die
-Wahrheit des Bibelwortes: ›Die Letzten sollen die Ersten sein, und die
-Ersten sollen die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein Begriff
-für uns allumfassend sein -- worin ja eben Göttlichkeit besteht und,
-ihrem Wesen nach, notwendigerweise bestehen muß.«
-
-»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit bekräftigen Ihre
-so sorgfältig gewählten Worte den unumstößlichen Beweis von der
-machtvollen Wirkung des dritten Grades! Der zweite Grad könnte
-wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit
-hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, sie zu einer dauernden
-zu machen. Ein Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums
-gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung an sich haben -- ich
-meine, er könnte trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit ihm
-ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre -- und nur unter dem magischen
-Einfluß des dritten Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es ist
-daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die Christliche Wissenschaft
-eine weitere, sehr bemerkenswerte Eigenschaft verdankt: nämlich
-leichtes Gleiten klingenden Wortschwalls und Rhythmus und Schwung und
-Glätte! Dies muß doch wohl auf einer ganz besonderen Ursache beruhen?«
-
-»Ja -- Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, Materialisation,
-Geist, Knochen, Wahrheit.«
-
-»Das erklärt die Sache!«
-
-»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, was unerklärlich
-wäre; denn Gott ist Eins, Zeit ist Eins, Individualität ist Eins; diese
-letztere aber kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, wie
-zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles Pferd. Gott
-dagegen ist Eins -- nicht Eins in einer Serie, sondern Eins für sich
-allein und ohne seinesgleichen.«
-
-»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in einem den brennenden Wunsch,
-mehr zu erfahren. Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die
-geistige Beziehung zwischen systematischer Dualität und accidentieller
-Deflektion?«
-
-»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren Beziehungen
-zwischen Seele und Körper völlig um -- sie macht den Körper der Seele
-tributpflichtig. In gleicher Weise hat die Astronomie die menschlichen
-Vorstellungen von der Bewegung des Sonnensystems umgekehrt. Die Erde
-bewegt sich, die Sonne dagegen steht still -- obwohl der Mensch,
-wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich denkt, es sei doch
-unmöglich, daß die Sonne sich nicht bewege. So ist auch der Leib nur
-der niedrige Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten
-Sinnen anders erscheint. Aber dies werden wir niemals begreifen, so
-lange wir glauben, daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die
-Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der Mensch Ereignis
-werde. Seele ist Gott, unveränderlich und ewig; und der Mensch
-existiert neben der Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn das
-Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und das Allzusammen umfaßt das
-All-Eins, Seelengeist, Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber -- Eins
-von einer Serie, allein und ohnegleichen.«
-
-Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei der Christlichen
-Wissenschaft die Worte hervorschießen. Besonders im dritten Stadium;
-da prasselt’s, daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen Gedanken
-behielt ich für mich.
-
-»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? Ist sie ein
-Geschenk Gottes, oder kam sie nur zufällig zum Vorschein?«
-
-»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. Das will sagen: ihre
-wirkungsvollen Eigenschaften stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese
-Eigenschaften und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben -- dieser Ruhm
-gebührt einer Amerikanerin.«
-
-»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«
-
-»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige Jahr, in welchem
-Schmerz und Krankheit und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde
-verschwanden. Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, die man
-mit diesen Ausdrücken bezeichnet. Die Dinge selber hatten überhaupt
-niemals existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß es solche
-Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen schnell los zu werden. Die
-Geschichte und Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch hier
-niedergelegt und ...«
-
-»Schrieb die Dame das Buch?«
-
-»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, eigenhändig. Der Titel
-lautet:
-
- _Wissenschaft und Gesundheit
- mit Schlüssel zur Heiligen Schrift_
-
--- denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch begriffen hat.
-Nicht mal die zwölf Apostel. Sie beginnt folgendermaßen -- ich will’s
-Ihnen vorlesen.«
-
-Aber sie hatte ihre Brille vergessen.
-
-»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe die Worte im Gedächtnis
--- wie überhaupt alle in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten
-das Buch auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis unbedingt
-notwendig. Sonst könnten wir Versehen machen und Schaden anrichten.
-Sie beginnt also: ›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der
-metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche Wissenschaft.‹
-
-»Und sie sagt weiter -- meiner Meinung nach sind das herrliche Worte:
-›Durch die Christliche Wissenschaft ist der Religion und der Medizin
-eine göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; Glaube und
-Erkenntnis erhalten neue Schwingen, vereinigen sich verständnisvoll mit
-Gott.‹ Das sind ihre eigenen Worte.«
-
-»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist schön -- Medizin mit
-Religion zu vermählen statt nach der alten Mode mit dem Totengräber.
-Denn Religion und Medizin gehören so recht eigentlich zusammen, sie
-bilden ja die Grundlage aller geistigen und körperlichen Gesundheit ...
-Was für Medizin geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie zum
-Beispiel ...«
-
-»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen Umständen Medizin.
-Wir ...«
-
-»Aber, meine Gnädige, es lautet doch ...«
-
-»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich wünsche nicht darüber
-zu sprechen.«
-
-»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin; aber es schien
-doch in dem Angeführten eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und ...«
-
-»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen Wissenschaft.
-Das ist ganz ausgeschlossen, denn unsere Wissenschaft ist absolut.
-Anders kann es auch gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von
-dem Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, Glaube, Eins
-in einer Serie, allein und ohnegleichen. Unsere Wissenschaft ist
-Mathematik, die von materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt
-ist.«
-
-»Das sehe ich wohl, aber ...«
-
-»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage eines apodiktischen
-Prinzips.«
-
-Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, und ich kam dadurch
-ein bißchen in Verwirrung; doch bevor ich mich nach der Bedeutung
-erkundigen konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über die
-Dunkelheit, indem sie fortfuhr:
-
-»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute Prinzip unserer
-Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, die unumschränkte Omnipotenz, die
-uns Menschenkinder von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit und
-überhaupt von jedem Uebel, das des Fleisches Erbteil ist.«
-
-»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von jedem Kräfteverfall?«
-
-»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s nicht; Kräfteverfall existiert
-nicht; dieser Begriff ist eine Unwirklichkeit.«
-
-»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich haben, können Sie mit Ihrer
-geschwächten Sehkraft nicht ...«
-
-»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; keine einzige unserer
-Fähigkeiten kann schwächer werden; die Seele ist Meister, und die Seele
-kennt keinen Rückschritt!«
-
-Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des dritten Stadiums; es
-konnte daher keinen Zweck haben, die Unterhaltung in dieser Richtung
-fortzusetzen. Ich verließ also dieses Gebiet und wandte mich mit meinen
-Fragen wieder der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft zu:
-
-»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, oder war sie das Ergebnis
-einer langen sorgfältigen Berechnung, wie Amerika?«
-
-»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn sie ziehen nichtige
-Dinge heran, aber darüber wollen wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit
-der Entdeckerin eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich gnädiglich
-viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung des absoluten Prinzips
-Wissenschaftlicher Geistesheilkunst zu empfangen.‹«
-
-»Viele Jahre lang. Wie viele?«
-
-»Achtzehnhundert.«
-
-»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, Eins in einer Serie,
-allein und ohnegleichen -- das ist erstaunlich!«
-
-»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. Aber es ist nichts als die
-reine Wahrheit. Diese amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige
-Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet und angekündigt im
-zwölften Kapitel der Offenbarung Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar
-nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er ihren Namen genannt
-hätte.«
-
-»Wie seltsam, wie wunderbar!«
-
-»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen Schrift‹ ihre eigenen Worte
-anführen: ›Das zwölfte Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz
-besondere Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ Beachten Sie
-ja diese wichtigen Worte!«
-
-»Ja ... aber ... was bedeuten sie?«
-
-»Hören Sie zu -- und Sie werden den Sinn verstehen! Ich zitiere
-abermals die ihr von Gott eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des
-sechsten Siegels‹ -- ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, das
-seit Adams Tagen verflossen -- findet sich eine ganz eigentümliche
-Einzelheit, die in besonderem Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu
-beziehen ist. Nämlich:
-
-»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß Zeichen am Himmel, ein
-Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf
-ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹
-
-»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin der Christlichen
-Wissenschaft -- nichts kann einfacher und gewissenhafter sein! Und
-bemerken Sie ferner:
-
-»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte
-einen Ort bereitet von Gott.‹ -- Das ist Boston.«
-
-»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene Dinge, die einen
-tiefen Eindruck machen. Ich habe diese Bibelstellen früher niemals
-richtig verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den ... mit den ...
-Beweisen.«
-
-»Sehr gern. Hören Sie:
-
-»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen starken Engel vom
-Himmel herab kommen, der war mit einer Wolke bekleidet, und ein
-Regenbogen auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine
-Füße wie die Feuerpfeiler.
-
-»›Und er hatte in seiner Hand _ein Büchlein_ aufgetan ...‹
-
-»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein --, können Worte sich
-bescheidener ausdrücken? Und doch von welch überwältigender Bedeutung
-ist diese Stelle! Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ es
-hier in meiner Hand -- die ›Christliche Wissenschaft.‹«
-
-»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, Nieren, Eins von ’ner Serie,
-allein und ohnegleichen -- es ist ein Wunder, das alle menschliche
-Einbildungskraft übersteigt!«
-
-»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: ›Dann wird eine Stimme
-aus der Himmelsharmonie rufen: -- Gehe hin und nimm das Büchlein;
-nimm’s und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, in deinem Munde
-aber wird es sein wie Honig. -- Sterblicher, gehorche der himmlischen
-Botschaft. Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies es von
-Anfang bis zum Ende. Studiere es mit heißem Bemühen! Ja, der erste
-Geschmack wird dir süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; aber
-murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die Verdauung bitter findest!‹
-Sie kennen jetzt, mein Herr, diese Geschichte unserer geliebten
-und geheimen Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung,
-sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt ist. Ich will Ihnen das
-Buch hier lassen und will jetzt gehen, aber machen Sie sich darum
-keine Sorgen -- ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen die
-Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«
-
-
-III.
-
-Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und der Fernbehandlung begannen
-meine Knochen sich allmählich wieder nach innen zu ziehen und von der
-Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache erst mal ordentlich in
-Schuß gekommen war, ging es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und
-streckte sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der anderen
-Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß erforderte, und alle
-paar Minuten hörte ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, daß
-wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich glücklich zusammengefunden
-hatten. Dieses gedämpfte Knaxen und Reiben und Schieben dauerte
-ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; dann hörte es auf --
-alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. Das heißt: die Verrenkungen
-blieben noch; indessen diese waren nur sieben an der Zahl, nämlich in
-je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken und außerdem noch im Genick.
-Diese kleinen Schäden waren also bald behoben; eins nach dem anderen
-glitten die Glieder in ihre richtige Lage hinein; das gab jedesmal
-einen Ton, wie wenn in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann
-sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder so gut wie neu, und ich
-ließ den Pferdedoktor holen.
-
-Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken und schweres Kopfweh
-hatte; ich wollte aber diese Sachen nicht länger in den Händen einer
-mir unbekannten Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten in Bezug auf
-die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren
-hatte. Und das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz und das
-Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig mit den Knochenbrüchen
-in ihre Behandlung genommen, und es hatte sich nicht ein bißchen
-damit gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer heftiger,
-wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar nichts gegessen und
-getrunken hatte.
-
-Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der seinen Beruf ernst nahm
-und ein hoffnungsvolles Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch
-sehr aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit Pferden an, und ich
-versuchte daher, ihn zu einer Fernbehandlung zu bereden; indessen
-darauf war er nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl
-nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne und befühlte meine
-Knieflechsen und sagte, mein Alter und Allgemeinbefinden wären einer
-tatkräftigen Behandlung günstig; er wollte mir daher etwas eingeben,
-um aus dem Magendrücken eine Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht
-zu machen; dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und wüßte, was
-er zu tun hätte. Er machte einen Eimer voll Kleienmengfutter zurecht
-und sagte, davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle voll
-und abwechselnd damit ein gleiches Quantum von einer Pferdemedizin
-einnehmen, als deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere
-erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen würden mir binnen
-vierundzwanzig Stunden jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder
-mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß ich darüber die
-augenblicklich vorhandenen Leiden vergessen würde. Die erste Dosis
-verabreichte er mir selber und empfahl sich dann, indem er noch sagte,
-ich könnte essen und trinken, was ich möchte, und so viel ich möchte.
-Aber ich war nicht im geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts
-aus dem Essen.
-
-Ich nahm das Büchlein von der Christlichen Wissenschaft und las die
-erste Hälfte davon, dann nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die
-andere Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren recht
-interessant und voll Abwechselung. Während es infolge der Verwandlung
-des Leibwehs zur Kolik und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem
-Inneren knurrte und rummelte, konnte ich den edlen Streit beobachten,
-den das Mengfutter und der Terpentintrank und die Literatur um die
-Oberherrschaft führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, und es
-war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der Erfolg hätte sich mit
-Aufgebot geringerer Mittel erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das
-Kleiengemengsel nötig war, um aus dem Magendrücken eine richtige Kolik
-zu machen, aber zur Erzeugung der Drehsucht hätte wohl die Literatur
-allein genügt. Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu stande
-gebrachte Drehsucht von besserer Qualität und dauerhafter wäre, als
-ein Pferdedoktor sie jemals mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen
-könnte.
-
-Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen und jeder
-Erläuterung spottenden Büchern, die die menschliche Phantasie
-gezeitigt hat, ist dieses Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer
-grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit einer stürmischen,
-ernsthaften Leidenschaft, die oft den Eindruck von Beredsamkeit macht,
-selbst wenn die Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand haben.
-Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie verständen dieses Buch --
-das weiß ich sehr wohl, denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen;
-aber das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich einbildeten,
-Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es nicht, und Wirklichkeiten wären
-überhaupt nicht auf der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert
-ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese Herrschaften von
-der Christlichen Wissenschaft reden, so machen sie’s wie Frau Fuller,
-sie sprechen nicht ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie
-sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches hervor, und
-überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, daß sie keine eigenen
-Gedanken äußerten, sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band
-auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s eine Bibel -- eine
-zweite Bibel, sollte ich vielleicht sagen.
-
- * * * * *
-
-Keinem Menschen -- mir jedenfalls nicht! -- ist es zweifelhaft, daß
-der Geist einen mächtigen Einfluß auf den Körper ausübt. So lange die
-Welt steht, haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, der
-Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, der wissenschaftlich
-gebildete Arzt, der Mesmerist und der Hypnotist sich des Klienten
-_Einbildung_ zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung und
-Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. Aerzte heilen manchen Patienten
-mit einer Pille von Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die
-Krankheit nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen zum Doktor
-die Brotpille wirksam macht.
-
-_Glaube an den Arzt._ Vielleicht ist das das Ganze. Wenigstens sieht
-es so aus. In alten Zeiten heilte der König den Kropf[3] durch die
-Berührung mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz erstaunliche
-Kuren. Hätte sein Lakai das fertig bringen können? Nein -- nicht
-in seinen eigenen Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König
-verkleidet gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran nicht zweifeln.
-Ich glaube, wir können als sicher annehmen, daß in allen diesen
-Fällen nicht des Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern des
-Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen Handauflegens. Sehr
-bemerkenswerte unanzweifelbare Heilungen sind durch Berühren mit den
-Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich irgend
-ein anderer Knochen denselben Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken
-die Unterschiebung unbekannt geblieben wäre? In meiner Knabenzeit
-stand eine Bauernfrau, die nicht weit von unserem Dorfe wohnte, in
-großem Ruf als ›Glaubensdoktorin‹ -- so nannte sie sich selber. Aus der
-ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte ihre Hand auf sie und
-sprach: »Glaubet -- weiter ist nichts nötig!« Und die Leute gingen von
-dannen und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös und machte
-keinen Anspruch darauf, über geheime Kräfte zu verfügen. Sie sagte,
-nur des Patienten Glaube an sie bringe die Wirkung hervor. Mehrmals
-sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen auf der Stelle kurierte.
-Die Leidende war meine eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich
-aus fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten Viertel des 19.
-Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene Sekten aufgetaucht, die
-sich mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Sie haben mit ihrem
-arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge aufzuweisen. Ich nenne
-hier nur die Glaubenskur, die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft.
-Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe desselben alten
-erprobten Werkzeuges: der Einbildung ihrer Kranken. Ihre Namen sind
-verschieden, aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen sie
-dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr Vorgehen ein nur ihr
-allein eigentümliches sei.
-
- [3] Der Kropf heißt englisch ~the kings evil~.
-
-Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen -- darüber kann kein
-Zweifel obwalten. Und die Glaubenskur und die Gebetskur richten
-wahrscheinlich keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes leisten
-sollten. Denn sie verbieten dem Patienten nicht, der Kur mit ärztlicher
-Behandlung zu Hilfe zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet.
-Die anderen aber wollen von Medizinen nichts wissen und behaupten, jede
-erdenkliche menschliche Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer
-geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, sie könnten Krebs
-beseitigen, auch andere Leiden, die sich, seitdem Menschen auf der
-Erde sind, als unheilbar erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht
-ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl etwas zu viel.
-Das Publikum würde wahrscheinlich mehr Vertrauen haben, wenn weniger
-versprochen würde.
-
-Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht Gottes Gleichen seien;
-nur die Christliche Wissenschaft erhebt öffentlich den Anspruch,
-Gleiches zu leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten Bibel
-der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften sich sogar für
-mehr. In der gewöhnlichen Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als
-Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen Wissenschaft
-wissen’s besser. Wissen’s besser und sagen’s ohne Zaudern frei heraus.
-
-Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken und mein Kopfweh
-zu kurieren; aber der Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der
-Ueberzeugung, daß die Christliche Wissenschaft zu viel verspricht.
-Meiner Meinung nach sollte sie sich mit inneren Krankheiten nicht
-abgeben, sondern sich auf Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem
-das Seine.
-
-Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer ab, ich gab ihm das
-Doppelte. Frau Fuller schickte mir eine spezifierte Rechnung über die
-Heilung von 234 Knochenbrüchen -- für jeden Bruch einen Dollar!
-
-»Nichts existiert als die Seele?«
-
-»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, alles andere
-ist imaginär.«
-
-Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt hat sie mich auf
-substantielle Dollars verklagt. Das scheint inkonsequent zu sein.
-
-
-IV.
-
-Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir alle teilweise
-geisteskrank sind. Dadurch werden wir uns gegenseitig besser verstehen,
-manches Rätsel wird sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren
-und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach herausstellen.
-
-Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt befinden
-oder nicht in eine solche hineingehören, sind ohne Zweifel in einer
-oder zwei Einzelheiten verrückt -- ich glaube, dies müssen wir alle
-zugeben; aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem
-übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von einem Ding die gleiche
-Meinung haben, so steht es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß,
-soweit dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand vollkommen
-gesund ist. Nun gibt es ja etliches, worüber wir alle einer Meinung
-sind; wir nehmen die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns
-nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, die wir nicht in
-einer Anstalt sind, folgende Sätze gelten: Wasser bemüht sich stets,
-eine wagerechte Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und Wärme.
-Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel ist feucht. Sechs mal sechs ist
-sechsunddreißig. Zwei von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.
-
-Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber wir einig sind. Aber
-wenn es auch so wenig sind, so sind sie doch von unschätzbarem Wert,
-denn sie bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. Wer
-diese Sätze anerkennt, der ist für uns hinreichend zurechnungsfähig, er
-ist in allem Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen einzigen
-von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen wir, daß er völlig
-geisteskrank ist -- reif fürs Irrenhaus.
-
-Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen Sätzen bestreitet, erkennen
-wir das Recht zu, frei umhergehen zu dürfen -- aber mehr können wir ihm
-auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß in allen Dingen, wo es sich
-um eine bloße Meinung handelt, der Mann geisteskrank ist -- gerade so
-geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank wie Shakespeare
-war, wie’s der Papst ist. Und wir können genau, sozusagen mit dem
-Finger, die Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank ist
-er in allem, worin seine Meinung von der unsrigen abweicht.
-
-Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht behalten läßt.
-Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier Presbyterianer, den
-Koran prüfe, so weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner
-geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier Mohammedaner
-den Westminsterschen Katechismus prüft, so weiß er, daß ohne jede
-Frage Mark Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, daß
-er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen kann man überhaupt
-niemals etwas beweisen, -- das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit
-und beweist auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. Er
-kann auch mir nicht beweisen, daß ich geisteskrank bin, denn mein
-Verstand leidet an denselben Mängeln wie der seinige. In Amerika
-sind alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen merkt es; nur
-die Republikaner und die Mugwumps wissen’s. Alle Republikaner sind
-verrückt, aber nur die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es zu
-bemerken. Die Regel trifft immer zu: _in allen Ansichtssachen sind
-unsere Gegner verrückt_. Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich
-oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke sehen zu müssen!
-
-Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, duldsam gegen die
-Verrücktheiten unseres Nächsten zu sein. Ich sehe, daß in seinem
-besonderen Glauben der Anhänger der Christlichen Wissenschaft
-geisteskrank ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; trotzdem
-aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, weil ich ebenso
-verrückt bin, wie er -- verrückt von _seinem_ Standpunkt aus, und
-sein Standpunkt hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige und ist
-ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. In Fragen der Religion
-oder Politik ist die Meinung des blödesten Schwachkopfes soviel wert
-wie die des erleuchtetsten Geistes -- einen roten Heller. Warum? Sehr
-einfach: Die positive Meinung eines Schwachkopfes wird aufgehoben
-durch die negative Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines
-Nachbarn -- es kommt also zu keinem Ergebnis. Die positive Meinung des
-Geistesriesen Gladstone wird aufgehoben durch die negative Meinung des
-Geistesriesen Kardinal Newman -- es kommt also ebenfalls zu keinem
-Ergebnis. Meinungen, die nichts beweisen, sind natürlich wertlos. Wir
-müssen daher die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, daß in
-Streitfragen über Politik und Religion die Meinung eines Menschen nicht
-mehr wert ist als die seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines
-Menschen Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert besitzt. Der Gedanke
-ist demütigend, aber man kommt nicht darum herum: es ist eine ganz
-einfache Tatsache -- so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15.
-
-Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich wohl, ohne jemanden
-damit zu beleidigen, wiederholen, daß die Anhänger der Christlichen
-Wissenschaft verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit liegen;
-ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch viel weniger vor, daß
-sie verrückter seien als die anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre
-Verrücktheit ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.
-
-Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie in einer sehr wichtigen
-und sehr wertvollen Einzelheit vernünftiger sind als die große Mehrzahl
-ihrer Mitmenschen.
-
-Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: weil ihre Meinungen
-nicht die unsrigen sind. Einen anderen Grund kenne ich nicht -- und ich
-brauche auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter
-als deine oder meine, weil sie so grotesk ist. Da ist zum Beispiel das
-›Büchlein‹, wovon ich vorhin sprach. -- Dieses ›Büchlein‹, das vor
-achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der Offenbarung hoch oben
-am Himmel zeigte, und das jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker
-G. Eddy aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort für Wort --
-mit etlicher Nachhilfe -- ins Englische übertragen wurde. Sie hat’s
-veröffentlicht und in Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat
-an jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! Dieser Profit
-gehört offenbar eigentlich dem apokalyptischen Engel -- mag er nur
-versuchen, ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den Anhängern
-der Christlichen Wissenschaft sehr häufig einfach als ›das Büchlein‹
-bezeichnet -- die Gänsefüßchen dürfen ja nicht vergessen werden -- um
-sich stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen.
-Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude ganz neu wieder auf und malt
-und schmückt es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit
-Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten der Neuzeit‹.
-Das Büchlein zieht jetzt anscheinend an einer Deichsel und Seite an
-Seite mit der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s mit ihr
-Tandem fahren, und zwar wird dann das Büchlein _vorn_ ziehen.
-
-Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine zu ferne Zukunft.
-Vielleicht stimmt es besser, wenn ich statt fünfzig Jahre deren fünf
-annehme, denn eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends von einigen
-Beobachtungen, die sie in der Bostoner Moschee der Christlichen
-Wissenschaft gemacht habe, und wonach es allerdings den Anschein hat,
-als ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin in Aussicht
-gestellte Schauspiel zu warten brauchen. An der einen Wand bemerkte sie
-eine Anzahl Sprüche aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet
-mit des Heilands Initialen: ~J. C.~ An der gegenüberstehenden Wand
-waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. Diese waren ebenfalls unterzeichnet
--- wohl ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt man mich.
-O nein -- mit dem voll ausgeschriebenen Namen Mary Baker G. Eddy.
-Vielleicht hat der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher
-Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit einem Bekenner
-der Christlichen Wissenschaft, aber er nahm meine Bemerkung gar nicht
-leichthin auf, sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen
-Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die Rede, denn der Engel
-hätte das Buch nicht verfaßt, sondern es nur auf die Erde gebracht
--- »Gott verfaßte es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß es
-trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden Sprüche müßten mit des
-Verfassers Initialen unterzeichnet sein, und wenn statt dessen der
-voll ausgeschriebene Namenszug der Uebersetzerin darunter stände, so
-hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen Dingen treiben‹. Das hätte
-ich erwidern können -- aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der
-Christlichen Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger Mann,
-und ich wußte, daß er mir einen imaginären Faustschlag versetzen
-könnte, an dessen imaginären Schmerzen ich eine volle Woche genug haben
-würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee seien zwei Kanzeln;
-auf der einen stehe ein Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine
-Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und aus diesen Büchern
-werde von dem Mann und von der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.
-
-Ist das grotesk?
-
-Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer Seitenkapelle der Moschee
-sei ein Porträt oder ein Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor
-eine ewige Lampe.
-
-Ist das grotesk?
-
-Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen
-Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es
-wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus
-und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger
-ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern
-bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen -- neben die Jungfrau,
-und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die
-Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt:
-die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird
-Maria -- was kann es einfacheres geben?
-
-Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue
-Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu
-verdienen sein -- tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je
-den klassischen Meistern zufließen ließen --, denn deren Reichtümer
-waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich
-in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber
-wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben.
-
-Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre
-alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million
-Mitglieder ...
-
-Nun, das ist ein Anfang -- und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt
-in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere
-Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als
-irgend ein anderer ›Ismus‹ -- denn sie hat ›_mehr zu bieten_‹. Die
-Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg
-haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse
-sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität
-machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer
-_bereits vorhandenen_ Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie
-stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der
-Mohammedanismus.
-
-Ferner muß Geld da sein -- und zwar viel Geld.
-
-Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen
-einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein
-Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme
-Fragen stellen.
-
-Endlich muß die Angel -- wie bereits vorher erwähnt -- mit einem neuen
-und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht
-bieten können.
-
-Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen
-Erfordernissen -- wie zum Beispiel der Spiritismus -- so kann sie
-auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen
-Vorbedingungen -- wie zum Beispiel der Mohammedanismus -- so ist sie
-sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können.
-Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein
-Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er
-sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die
-sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer
-unverantwortlichen Klique.
-
-Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas
-Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht
-die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr
-wert ist als andere zusammengenommen: _eine neue Persönlichkeit zum
-Anbeten_. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch
-auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In
-Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit
-zum Anbeten; außerdem aber hat sie -- schon jetzt in den ersten
-Anfängen -- einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer
-Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie
-hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel --
-hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft
-verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet
-sie -- gegen Barzahlung -- hier auf Erden _Gesundheit und fröhliches
-Gemüt_, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder
-unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich.
-
-Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete und der Unwissende, der
-Kluge und der Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise und
-der Narr, der Krieger und der Bürger, der Held und der Feigling, der
-Faulenzer und der Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie und
-der Knecht, der Erwachsene und das Kind, der Kranke und der Gesunde,
-der kranke Freunde hat -- sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: ihre
-Gefolgschaft ist die Menschheit.
-
-Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?
-
-Ich fürchte, ja!
-
-
-V.
-
-Man vergesse ja nicht -- das große Hauptversprechen der Christlichen
-Wissenschaft lautet: Befreiung des Menschengeschlechts von Schmerz
-und Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: ja! Wie viele von
-den Schmerzen und Krankheiten, die es auf der Welt gibt, werden
-durch die Einbildung der Leidenden hervorgerufen und bestehen durch
-dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich glaube, viel wird
-nicht daran fehlen. Kann die Christliche Wissenschaft diese vier
-Fünftel verschwinden machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine andere
-(organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. Würde unsere Welt
-nicht eine ganz neue Welt und eine viel fröhlichere sein -- nicht
-nur für uns Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden
-Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, als hätte die Sonne
-niemals so hell geschienen? Ich glaube, ja!
-
-Dabei würden aber wohl die Doktoren der Christlichen Wissenschaft
-eine tüchtige Menge Patienten ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr
-Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten Methoden
-dran glauben müssen? Dieser Frage werde ich mich sogleich zuwenden.
-
-Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen Leistungen der Christlichen
-Wissenschaft beschäftigen, die in ihrer Zeitschrift ›~The Christian
-Science Journal~‹ vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst gibt
-uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue Schilderung ›eines
-rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ -- und er hätte hinzufügen
-können, es sei eine getreue Schilderung eines (zivilisierten)
-Durchschnittsmenschen.
-
-»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher Mann; er hat Angst vor
-sich selber und seinen sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung
-und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine Schlange treten oder
-irgend was Giftiges hinunterschlucken.«
-
-Dann kommt das Gegenstück dazu:
-
-»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft hat alle Angst und
-Aufregung unter die Füße getreten. Er steht da als Sieger über Furcht
-und Sorge -- und das kann man von dem Durchschnittschristen nicht
-sagen!«
-
-_Er hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten._ Welchen
-Teil unseres Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl mit Freuden
-hergeben, wenn wir _jahraus, jahrein_ in solcher Gemütsverfassung
-lebten? Es wäre in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann sie sich
-ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? In welchem Laden oder in
-welcher Kirche? Nur bei der Christlichen Wissenschaft.
-
-Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst vor Erkältung und
-Fieber und Zugluft und schwer verdaulichen Speisen, die uns den Magen
-verderben könnten -- gerade diese Angst, sage ich, ist es, die uns den
-Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken und die meisten anderen
-Krankheiten in den Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft
-diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie kann damit vier Fünftel
-aller Krankheiten und Schmerzen aus der Welt bringen.
-
-In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift treten viele ›Erlöste‹
-als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin,
-sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie
-trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und
-Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein,
-der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint,
-nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes
-getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich
-mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese
-wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle
-Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht
-gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge
-gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker
-gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹
-Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten
-Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und
-fröhlich und -- erstaunt.
-
-Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei
-hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand,
-fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl!
-Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine
-Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit;
-Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele;
-alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u.
-s. w. u. s. w.«
-
-Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann
-brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann
-selber legte jedenfalls Wert auf die _genaue_ Formel und auf die
-religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube,
-_jede_ beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die
-gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die
-Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame
-Verstärkung ihrer Heilkraft.
-
-Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege.
-Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende
-Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh;
-kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken,
-Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser
-Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen.
-
-Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den
-Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten -- aber das
-war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten -- ›aber davon verspürte
-ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger
-Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft,
-ließ sich eine Stunde lang behandeln _und ging ohne Schmerzen
-heim_. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann
-›verschwanden die Gebresten -- einige sofort, andere nach und nach‹;
-schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt -- das ist
-nämlich das Allerwertvollste dabei -- ist er ›zufrieden und glücklich‹.
-Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere
-Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche
-hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und
-diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können.
-
-Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre
-Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys
-Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im
-Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt,
-Veitstanz -- ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern
-eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum
-Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll,
-wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen
-der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über
-jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen«
-maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen
-der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie
-gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren
-kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen
-Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel
-auf und kurieren sich selber.
-
-Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen --
-das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte
--- gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen
-eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen,
-über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie
-rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend,
-daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht
-gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt
-dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in
-stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu
-handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte
-sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern
-müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam
--- buchstäblich -- mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen
-war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der
-Schule ›tat es recht häßlich weh --‹ das heißt es _schien_ so. Daher
-›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter
-und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und
-ich _will_ auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte
-dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber
-spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche
-Darstellung des Seins‹ her -- das ist wohl, wie ich vermute, eine
-ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹
-Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum
-ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten
-im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹
-herunterschnurrt!
-
-In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein
-Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes
-und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine
-Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine
-Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der
-Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen
-Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug;
-auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.
-
-»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem
-Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er
-plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen
-nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz
-legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.
-
-Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -- das heißt die
-Schriften der Christlichen Wissenschaft -- auf einer Fensterbank. Das
-war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ
-sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite
--- außer dem ›Anhang‹. _Diesen_ nahm er in beide Hände und hob ihn
-langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder
-hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das
-Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum
-ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine
-Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun
-hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage
-bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich
-jedesmal, wenn einer zusah. _Das_ Kind hätte ich lieber haben mögen als
-irgend einen Oelfarbendruck!
-
-Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹
-litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu
-glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal
-die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain
-anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln
-und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem
-Kiefer herausgraben -- und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh
-täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und
-ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat,
-und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete,
-als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben
-berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen
-wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des
-Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter,
-ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne
-daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben,
-denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den
-Eingangskapiteln ergibt.
-
-Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen
-Wissenschaft ein schwer verunglücktes _Pferd_ in einer einzigen Nacht
-vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel
-vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen.
-Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte
-nun _das Pferd_ diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott,
-Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte
-es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein,
-bitte: _konnte_ das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon
-kriegen können?
-
-Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden
-und bei Möbeln.
-
-In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt;
-aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie
-erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen
-Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und
-da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben.
-Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen
-Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige
-Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch
-einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.
-
-
-VI.
-
- »Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft und
- Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ sowie
- auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy, im
- zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden sind.
- Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster Gedanke für
- unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den Geistesinhalt
- der Bibel in dem ›Büchlein _aufgetan_‹ verdolmetscht (Vers
- 2). Somit beweisen wir: Die Christliche Wissenschaft ist die
- Wiederkehr Christi -- Wahrheit -- Geist.« (Vorlesung von
- George Tomskins, Doktor der Theologie, Doktor der Christlichen
- Wissenschaft.)
-
-Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist der starke Engel, sie ist
-der auserkorene himmlische Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken
-überbringt. Einstweilen _bringt_ sie nur die Wiederkehr Christi. Wir
-müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre im Grabe gelegen hat,
-für ihre Anhänger einfach _der zweite Christus selber_ ist. Angebetet
-wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses Gefühl sich nicht
-nur räumlich ausbreitet, sondern auch immer mehr sich vertieft.[4]
-
- [4] Eine ihrer Jüngerinnen hatte _ein totes Kind ins Leben
- zurückgerufen_ und schließt ihren Bericht an Frau Eddy
- mit den Worten: »... und möchten doch wir alle Sie immer
- mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus ist
- gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord,
- Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung
- ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.
-
- ~M. T.~
-
-Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird -- dies begreift wohl ein
-jeder -- Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der
-Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand,
-auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern
-eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie
-ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -- denn der Bostoner Christian
-Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt.
-Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern
-Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter:
-der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit
-Geldwert.
-
-Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner
-Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor
-gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren;
-die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen
-sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der
-Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen.
-Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu
-verkaufen -- gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der
-Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze
-Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von
-Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes
-mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys
-und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden
-zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder
-mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando _sechs
-Dollars_, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man
-vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau
-Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen
-möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls
-mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal
-bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau
-Eddy -- _ein Gedicht_; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können!
--- Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere
-Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen
-möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben,
-Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei
-demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal,
-ein -- aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man
-ist höflich, als daß man deutlich ist.
-
-Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein
-Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur
-echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist
-die Ware nur von Boston -- selbstverständlich pränumerando.
-
-Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist
-Vorsitzende -- und vielleicht Eigentümerin? -- des vom Trust geleiteten
-Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem
-zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene
-Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die
-vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter
-meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei
-Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden.
-
-Der Trust liebt den Dollar -- aber er darf kein Phantasiedollar sein.
-
-Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten,
-darf niemand -- mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein
-oder nicht -- die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben,
-wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das
-bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen.
-Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und
-schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom
-›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste
-Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von
-Millionen.
-
-Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche
-kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust
-›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust -- in allernächster Zukunft --
-wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen.
-
-Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika
-zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der
-Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre
-1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft
-in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden
-Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen --
-um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und
-Recht annehmen, daß der Trust -- der jetzt bereits recht schroff in
-seinem Auftreten ist -- alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste
-und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals
-seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat.
-Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird
-über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie
-sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten,
-unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in
-Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher
-ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer
-oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen
-Kirche in die Christenheit teilen.
-
-Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat
-_ihre Kräfte_ in sehr wirksamer Weise zentralisiert -- _aber nicht ihr
-Geld_. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese
-Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen
-Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge
-bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -- den wir mit der Zeit haben
-werden -- wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und
-der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes
-werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das
-Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab
--- Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando)
--- Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln,
-Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten
-Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken
-von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von
-wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus
-dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als
-echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld
-genommen. Aus diesen Geldquellen -- und aus tausend anderen, die erst
-noch zu erfinden sind -- wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer
-Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung
-darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht
-verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so
-weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern
-auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird
-dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen
-_verpflichten_, auch diese Bibelausgaben zu kaufen -- und das wird
-auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann
-täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben -- und davon
-gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, _und er gibt
-nichts für wohltätige Zwecke_. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber
-weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert.
-
-Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. Nicht mal zu solchen
-beisteuern. Vergebens sucht man in den vom Trust ausgehenden
-Ankündigungen und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft
-gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß sie auch nur einen Pfennig
-für solche Zwecke ausgeben. Nichts für Witwen und Waisen, für
-entlassene Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, Heidenmission,
-Volksbibliotheken, Altersversorgung und sonst etwas, das sich auf dem
-Umwege durch das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.[5]
-
- [5] In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von
- den Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten
- freiwilligen Beiträge für derartige Zwecke auf 15 Millionen
- Pfund Sterling. Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts
- zu verheimlichen.
-
- ~M. T.~
-
-Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in Briefen und auf
-sonstige Weise, und es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Dreier
-aufzuspüren, den der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck
-ausgegeben hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, als
-wenn man ihn fragt, ob ihm ein Fall bekannt sei, daß die Christliche
-Wissenschaft etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe -- sei es im
-Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. Er _muß_ die Frage
-verneinen. Und dann entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage
-schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die Sache allmählich
-eklig wird. Warum eklig? Weil er an seine Führer geschrieben und voll
-hoher Zuversicht sie um eine Antwort gebeten hat, die die Fragesteller
-zu Boden schmettern wird -- und weil die Führer nicht geantwortet
-haben! Er hat abermals geschrieben -- und noch einmal -- aber diesmal
-nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden und hat flehentlich
-gebeten, man möge ihn doch mit Munition versehen, um die Position
-der Christlichen Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich kommt
-eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen auf Unsere Mutter vertrauen
-und uns mit der Ueberzeugung begnügen, daß alles was Sie[6] mit dem
-Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten vom Himmel, denn Sie
-vollzieht keine Handlung, ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.
-
- [6] Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S ein
- bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.
-
- ~M. T.~
-
-Damit ist der Fall erledigt -- soweit der Jünger in Betracht kommt.
-Sein ›Geist‹ ist von der Antwort vollkommen befriedigt; er schlägt den
-›Anhang‹ auf und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele ist ruhig
--- bis mal wieder ein Neugieriger mit indiskretem Finger an die wunde
-Stelle tippt.
-
-Durch Freunde in Amerika habe ich etliche Fragen stellen lassen. In
-einigen Fällen erhielt ich bestimmte und verständliche Antworten; in
-anderen war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den bestimmten
-Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ obligatorisch ist und
-einen Dollar beträgt. Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes
-zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von einer der maßgebenden
-Persönlichkeiten erteilte Antwort: ›Nein; _nicht in dem Sinn, den man
-gewöhnlich mit diesem Wort verbindet_.‹ (Daß diese letzten elf Worte
-gesperrt gedruckt werden, geschieht auf meine Veranlassung.)
-
-Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich -- obwohl der Wortlaut
-nebelhaft ist. Die Christliche Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft,
-unklar, wortreich. Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste Wort
-eine vollständige Antwort auf meine Frage war; aber er konnte nicht
-anders, er mußte noch elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte
-ohne Sinn und Verstand -- wenn der Mann sie mir nicht erklärt.
-Höchstwahrscheinlich -- so verstehe ich wenigstens seine Andeutung
--- hat die Christliche Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit
-erfunden; was für eine das ist, können wir mit ziemlicher Sicherheit
-erraten: das vom Trust da hinein gesteckte Kapital wird gewiß 500
-Prozent Reingewinn abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.
-
-Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt sich nicht in die
-Karten gucken. Nicht von uns unverschämten Neugierigen und nicht
-einmal von seinen eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei eine
-›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und zu erzählt einer von den
-Laienbrüdern der Christlichen Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau
-Eddy sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit ein
-Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen Zwecken zufließt, darüber kann
-er keine Auskunft geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen;
-und darum kann man wohl mit Recht annehmen, daß wir gewiß bald etwas
-davon hören würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben für
-Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich nicht zu schämen brauchte.
-
-Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft lautet: ›Jeder Arbeiter
-ist seines Lohnes wert‹. Und nachdem wir bei uns selber ›eine
-Demonstration darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre
-Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt alle und jede
-Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt sie euch bar bezahlen und zwar
-pränumerando‹.
-
-Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu sein. Exodus, 32,4.[7]
-
- [7] Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe)
- von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel und
- machte ein gegossen Kalb u. s. w.
-
- A. d. Ueb.
-
-Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und den anderen Mitgliedern des
-Trust -- wenn’s überhaupt andere Mitglieder gibt -- aber ich habe
-volle Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien, die sich
-zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden Zweifel sind diese Laien völlig
-ehrlich in ihrem Glauben, und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung
-stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher Quelle sie sich ihre
-Ueberzeugung geholt hat.
-
-Ich will damit dem Menschengeschlecht kein Kompliment machen, ich
-spreche damit nur meine Meinung aus.
-
-Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges, den die Christliche
-Wissenschaft bereits gehabt hat und in unendlich viel größerem Maße
-noch haben wird? In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser Umstand
-hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen. Ich glaube, das
-Geheimnis liegt anderswo:
-
-Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft _organisiert_! Und das
-war ganz gewiß eine riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft,
-als man zur Abfassung von ein paar Millionen Eddyschen Bibelanhängen
-brauchen würde.
-
-So lange die Erde steht, war Elektrizität in unbegrenzter Menge in
-der Luft, in der Erde und überall vorhanden; kein Mensch dachte
-daran, diese Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben wir diese
-überall verstreute wandernde Kraft _organisiert_. Wir lassen sie
-für uns arbeiten, wir unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital,
-wir konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger weniger
-Sachverständiger -- und wir haben die Ergebnisse, die ein jeder sieht.
-
-Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft bemächtigt, die in
-jedem Menschen unbenutzt lag, so lange es Menschen gibt; sie hat diese
-Kraft organisiert, Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen
-Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen eines kleinen und sehr
-sachverständigen Trust zentralisiert.
-
-_Und darum sind die Erfolge da!_
-
-
-
-
-Die Verschwörung von Fort Trumbull.
-
-
- Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; ich
- gebe sie wieder, so genau ich es vermag:
-
-Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von Fort Trumbull bei New London,
-Connecticut. Vielleicht war unser Leben dort nicht so munter wie das
-Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine Art lebhaft genug -- es
-war keine Gefahr, daß unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es
-fehlte niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu beschäftigen.
-So schwirrte damals -- um nur eins anzuführen -- im Norden die ganze
-Luft von geheimnisvollen Gerüchten: Rebellenspione sollten überall
-sich herumschleichen, um unsere Forts in die Luft zu sprengen, unsere
-Gasthöfe niederzubrennen, verpestete Kleidungsstücke in unsere
-Städte zu schicken und was dergleichen mehr war. Sie werden sich
-dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach zu halten und die
-herkömmliche Langeweile des Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen.
-Zudem hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, daß wir
-kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, zu träumen oder Maulaffen
-feil zu halten. Indessen trotz all unserer Wachsamkeit entwischte
-uns von den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte noch
-in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig hoch, daß der Rekrut
-einer Schildwache drei- oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit
-sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel übrig behielt, daß es
-für einen armen Mann ein Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der
-faulen Haut lagen wir nicht.
-
-Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, wo ich irgend etwas zu
-schreiben hatte, als ein bleicher, zerlumpter Bursche von vierzehn oder
-fünfzehn Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte und mich
-ansprach:
-
-»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«
-
-»Ja.«
-
-»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«
-
-»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung und zu klein, mein Junge.«
-
-Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen
-Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte
-er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem
-Ton, der mir zu Herzen ging:
-
-»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie
-mich doch einstellen könnten!«
-
-Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie
-möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen
-setzen und fügte hinzu:
-
-»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?«
-
-Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare
-Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es
-vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter.
-Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte,
-daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch
-von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine
-Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein
-ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme
-Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme
-ein.
-
-Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit
-und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie
-lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der
-Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß
-ich seine Wange sehen konnte -- und über diese Wange rann ein Strom von
-stillen Tränen.
-
-»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der
-arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit
-wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst
-mit mir speisen. Ich bin heute allein.«
-
-Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl
-erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die
-Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er
-sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und -- nun, ich behielt sie in
-der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt
-und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an
-Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem
-Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube
-ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist.
-
-Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow --
-Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen -- mit seiner Serviette
-umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet
-seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache
-Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich
-über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte
-aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und
-aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit
-dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich
-liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß
-mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon,
-wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich
-brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton
-Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré,
-Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der
-Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die
-Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli
-Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See -- wie klang das alles
-vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal
-von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F.
-Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast
-als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe
-und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt,
-war folgendes Klein-Wicklows Geschichte:
-
-Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und
-seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen
-Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen
-war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle
-mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen.
-Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder,
-und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie
-wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend
-gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und
-Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie
-ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner.
-Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen
-genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen
-aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen,
-und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht
-eingestellt werden kann -- macht nichts! Ich werde einen Weg finden
--- ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt
-hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht
-binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so
-würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum
-Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer
-Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und
-er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im
-Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in
-New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem
-Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von
-dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet
-in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not.
-Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur
-Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte
-sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit
-einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen.
-Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben,
-schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue
-Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung -- und zwar nicht
-zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit
-aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde
-verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den
-wenigen Einnahmen -- ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für
-zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da -- kam nicht zum Frühstück.
-Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe
-den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist -- nach
-Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.
-
-Der Junge stand allein und ohne Freunde auf der Welt da. Er wußte
-nicht, was er anfangen sollte, aber es schien ihm das beste,
-wenn er versuchte, seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum
-Dampfschiff-Landeplatz und erfuhr, daß das bißchen Geld, das er in der
-Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston nicht ausreichte, daß er dafür
-aber nach New London kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen,
-indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die Mittel würde finden
-lassen, um den Rest der Reise zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage
-und Nächte lang in den Straßen von New London herumgelaufen und hatte
-hier und da um der Barmherzigkeit willen einen Bissen bekommen oder ein
-Eckchen zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte er nicht
-mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. Wenn er als Rekrut eintreten
-könnte, so würde er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat werden
-könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge zu brauchen? O, er würde
-so fleißig sein und so dankbar!
-
-So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten die Geschichte des
-jungen Wicklow, genau wie er sie mir erzählte. Ich sagte:
-
-»Junge, du bist jetzt unter Freunden -- mach’ dir keine Sorgen mehr.«
-Wie glänzten da seine Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn
-herein -- er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; vielleicht kennen
-Sie ihn -- und sagte: »Rayburn, geben Sie dem Jungen hier Quartier bei
-den Musikern. Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, und es ist
-mir lieb, wenn Sie ein Auge auf ihn haben und darauf sehen, daß er gut
-behandelt wird.«
-
-Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten und dem Trommlerjungen
-hörte jetzt natürlich auf, aber die Gedanken an den freundlosen armen
-kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer auf der Seele. Ich behielt
-ihn im Auge, in der Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich
-und lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach dem anderen, und
-er blieb wie er war. Er verkehrte mit keinem Menschen, war immer
-geistesabwesend und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war immer
-traurig ... Eines Morgens bat Rayburn mich um eine vertrauliche
-Unterredung.
-
-»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« sagte er. »Aber die
-Sache steht so: die Musiker sind so außer sich, daß ja wohl einer
-sprechen muß.«
-
-»Na, was ist denn los?«
-
-»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr Major. Die Musiker haben
-eine Wut auf ihn -- Sie können sich’s gar nicht denken.«
-
-»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn angestellt?«
-
-»Betet, Herr Major!«
-
-»Er betet?«
-
-»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr
-vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach -- betet er; Mittags
--- betet er; und Nachts -- na Nachts, da ist er gerade als wäre er
-besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie _können_ ja nicht
-schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal
-seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen.
-Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt
-der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann
-mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle
-hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst,
-als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden
-zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht
-seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte
-sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit
-angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut --
-Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im
-Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig,
-er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts
-aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und
-plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen:
-›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O,
-scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles?
-Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«
-
-Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger
-kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf
-einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den
-richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt
-jeden Stiefel kennt -- kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«
-
-Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er
-fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er
-mit Beten fertig ist -- wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit
-fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja,
-was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen,
-er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm
-die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen
-ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des
-Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus
-der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.«
-
-»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«
-
-»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen:
-
- So wie ich bin -- unglücklich arm und blind --
-
-ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und
-’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt -- es geht
-einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren -- geht einem tief hinein,
-da wo’s Leben ist -- und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß
-’mal singen:
-
- Kind von Sünd’ und Sorgen,
- Voll von Angst und Not,
- Warte nicht bis morgen,
- Folge _heute_ Gott --
- Stoß’ nicht fort die Vaterhand,
- Die vom fernen Himmelsland ...
-
-und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, wie der verruchteste,
-undankbarste Kerl, der auf der Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die
-Lieder singt vom Elternhause, und von der Mutter und den Kindertagen
-und den alten Erinnerungen, und von längst entschwundenen Dingen und
-von alten Freunden, die tot oder fern sind -- ach, das bringt einem
-alles vors Auge, was man je in seinem ganzen Leben geliebt und verloren
-hat -- und ’s ist so wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s
-anhört, Sir -- aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie herzbrechend
-ist’s auch! Die Kapelle -- jawohl, _alle_ heulen sie! Der größte Lump
-unter ihnen schluchzt dabei -- und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu
-verbergen. Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel nach ihm
-geschmissen hatten -- auf einmal springen sie alle von den Pritschen
-und laufen in der Finsternis zu ihm hin und herzen ihn und schlecken
-ihn ab -- jawohl, das tun sie -- und geben ihm Schmeichelworte und
-bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. Und wenn in _dem_ Augenblick ein
-Regiment käme, um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen -- wahrhaftig sie
-gingen gegen das Regiment, und wenn’s ein ganzes Armeekorps wäre!«
-
-Wieder eine Pause. Dann fragte ich:
-
-»Ist das alles?«
-
-»Jawohl, Herr Major.«
-
-»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu klagen? Was wollen denn die
-Leute?«
-
-»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr Major -- sie möchten, daß
-Sie ihm das Singen verbieten.«
-
-»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, sein Gesang sei überirdisch
-schön.«
-
-»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches
-Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das
-Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle
-zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß
-noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von
-Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen
-Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen -- verstehen Sie, jeden
-Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht
-sehen.«
-
-»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde.
-Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?«
-
-»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten;
-sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er
-wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die
-Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten
-können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher
-Weise heruntergeputzt zu werden.«
-
-Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In
-derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und
-horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute
-betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten
-Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die
-Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen.
-Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte
-eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O
-Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck!
-Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so
-Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald
-fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den
-Befehlshaber einer Festung nicht schickt.
-
-Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein
-Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei
-ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht
-an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant
-Rayburn und sagt:
-
-»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.«
-
-»Wieso?«
-
-»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«
-
-»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«
-
-»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht
-er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum --
-hol mich der ..., wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch,
-wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt
-er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«
-
-Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich
-gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit
-dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas
-Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden,
-gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge
-zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an
-den Umstand -- der viel zu denken gab -- daß der Junge aus dem
-Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und
-dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade
-ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn
-die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie
-einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind
-in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen,
-seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu
-verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und
-vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden
-könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine
-gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu
-folgen, sobald er in die Stadt ginge.
-
-Während der nächsten beiden Tage erstattete Rayburn mir mehrmals
-Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er
-steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer
-unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der
-Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute
-oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte
-solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen -- sie sahen sehr
-verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich
-unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ
-den nächsthöheren Offizier holen -- einen klugen Offizier von gesundem
-Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und
-beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und
-kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung
-anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei
-Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal
-der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den
-Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden
-aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden,
-erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder
-zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des
-Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider
-enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und
-einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand
-nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen
-hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine
-kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben:
-›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹
-
-Ich sah Webb an -- er schlug die Augen nieder; er sah mich an -- ich
-schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte
-das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf
-und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich
-zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und
-brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie
-vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die
-einzig angemessene Haltung zu sein.
-
-Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war.
-
-Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um
-Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte:
-
-»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus
-einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«
-
-Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte:
-
-»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich
-habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!«
-
-»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«
-
-»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich
-dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen,
-und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann
-guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte
-er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann
-kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn
-mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern
-ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das
-Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es
-heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«
-
-Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran
-schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er
-möchte zu mir kommen.
-
-Der Zettel lautete wörtlich:
-
- Fort Trumbull, den 8.
-
- Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei
- Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind
- Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie
- ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet;
- indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die
- nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch
- hier -- für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen,
- werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß
- es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu
- verschieben bis ...
-
-Hier brach das Schreiben ab -- gerade an dieser Stelle hatte Rayburn
-gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu
-dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner
-trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei,
-die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte.
-
-Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit --
-Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar
-augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten
-und Gesichtspunkten, und Webb sagte:
-
-»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll
-verschoben werden, bis ... bis wann? Und was ist das für ein ›es‹?
-Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine
-Reptil.«
-
-»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet
-das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb
-oder außerhalb des Forts?«
-
-In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen
-es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so
-gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten.
-Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und
-die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir
-daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen;
-das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht
-alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges
-mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also
-unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum
-Postamt -- vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir
-ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens
-Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den
-näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen.
-Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas
-schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten.
-Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief
-Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit
-sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen
-Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte
-und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten
-Gegenstand her -- es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben
-hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin
-die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es
-weiter:
-
- Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden
- Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen
- so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung
- setzen können -- befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich
- sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum
- eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft
- wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig
- sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden
- Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe
- etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber
- diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen
- versuchen.
-
-»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß
-er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die
-einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die
-Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer
-Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in
-unserer Mitte noch drei andere, die wir _nicht_ kennen. Drittens: Diese
-Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten
-in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt
-worden -- und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden,
-indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind
-noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt.
-Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er
-sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen -- will’s
-›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen
-wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder
-sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt,
-und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig
-verhalten, um noch mehr zu erfahren?«
-
-Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig,
-schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller
-Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden
-Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben
-Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich
-die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig
-zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu
-dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir
-Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach
-dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows
-Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn
-dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten.
-
-Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es
-war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer.
-Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett
-und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles
-in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand
-sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper
-von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der
-Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen.
-Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem
-schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm,
-daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu
-sehen.
-
-Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung.
-Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus
-und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald
-Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus
-und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war
-ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir
-hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes
-zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort
-herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen
-Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten.
-Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock
-herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich
-umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow
-vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und
-verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief
-erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte
-diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den
-Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich
-geraden Weges nach dem Fort.
-
-Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen
-an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten.
-
-Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete:
-
- _~Heilige Allianz!~_ Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle
- vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen
- waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten
- Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone
- das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand
- gekommen sind ...
-
-Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:
-
-»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?«
-
-Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes
-unablässig streng bewacht worden.
-
-»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas
-herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?«
-
-»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.«
-
-»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß
-sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der
-einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die
-Sache nicht möglich gewesen.«
-
-Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen
-und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:
-
- Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die ~M.M.M.M.~
- sollen morgen früh um 3 Uhr ~F.F.F.F.F.~ sein. Zweihundert
- werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen
- Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten
- Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen
- verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend
- etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind
- verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte
- Nacht mehreremale die Runde. ~W.W.~ kommt heute von Süden her
- und wird heute geheime Befehle empfangen -- auf dem andern
- Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein.
- Dort findet ihr ~B.B.~, der euch genaue Weisungen geben wird.
- Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt -- setzt
- erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. ~_Gedenket_
- XXXX!~ Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die
- Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein
- und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt
- hinzugefügt haben. ~_Amen_.~
-
-»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint,
-in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!«
-
-Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen
-anfinge.
-
-»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz
-klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit -- das ist ebenfalls
-klar. Die wahre Natur des Anschlags -- ich meine die Art und Weise der
-Ausführung -- ist durch diese Bündel von ~F~ und ~M~ verschleiert,
-aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts.
-Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube
-mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr
-erreicht werden. Wir _müssen_ wissen, und zwar so schnell wie möglich,
-wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort
-fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen,
-besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis
-zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen
-Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten
-und um Vollmachten bitten.«
-
-Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte
-es und sandte es sofort ab.
-
-Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und
-ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der
-Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen
-unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß
-auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang
-kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern.
-Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir
-unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier
-dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze
-die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als
-ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten.
-Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle
-ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige
-träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte
-er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war
-uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die
-Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief
-einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren.
-
-Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus der Tasche ein etwa fußlanges
-Stück Bindfaden mit drei Knoten und hielt es in die Höhe.
-
-»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« sagte er. »Ich nahm
-die Mündungsdeckel von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach;
-diese Schnur war das einzige, was in irgend einer Kanone war.«
-
-Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows Zeichen, wodurch er kundgab,
-daß des ›Meisters‹ Befehle nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich
-befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig Stunden
-in der Nähe jenes Geschützes Schildwache gestanden war, sofort in
-Einzelgewahrsam zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine ganz
-besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.
-
-Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements kam ein Telegramm, welches
-folgendermaßen lautete:
-
- Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt in
- Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen.
- Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement auf
- dem Laufenden.
-
-Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen konnten. Ich schickte
-Leute aus, die ohne Aufsehen zu erregen den lahmen Herrn verhafteten
-und ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab ihm eine
-Schildwache und verbot, mit dem Mann zu sprechen oder ihn anzuhören.
-Anfangs hatte er Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald.
-Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, wie Wicklow zweien
-von unseren neuen Rekruten etwas zugesteckt habe; die Leute seien, so
-wie er den Rücken gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden.
-Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, worauf mit
-Bleistift geschrieben stand:
-
- ~Adlers Dritter Flug.
- Gedenke XXXX.~
- 166.
-
-Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich dem Departement in Chiffren,
-welche neuen Entdeckungen wir gemacht und beschrieb zugleich die neu
-gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark genug zu sein,
-um Wicklow gegenüber die Maske fallen lassen zu können; ich ließ ihn
-also holen. Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen
-Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt sandte ihn zurück mit der
-Bemerkung, daß seine Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es
-gebe aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, falls ich es
-wünschen sollte.
-
-Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles in seinem
-Blick, aber er war gefaßt und unbefangen, und wenn er irgend einen
-Verdacht hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen und
-in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich ließ ihn ein paar Augenblicke
-stehen; dann sagte ich freundlich:
-
-»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft nach dem alten Stall?«
-
-Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:
-
-»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht recht; es ist eigentlich
-kein besonderer Grund vorhanden, als daß ich gerne allein bin, und daß
-ich mich dort unterhalte.«
-
-»Ach so, du unterhältst dich dort?«
-
-»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach und unschuldig wie zuvor.
-
-»Und weiter tust du da nichts?«
-
-»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah er mich mit einem Ausdruck
-kindlicher Verwunderung in seinen großen sanften Augen an.
-
-»Weißt du das auch ganz gewiß?«
-
-»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«
-
-Nach einer Pause fragte ich weiter:
-
-»Wicklow, warum schreibst du so viel?«
-
-»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«
-
-»Nicht?«
-
-»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ meinen -- kritzeln tue ich
-manchmal zu meiner Unterhaltung.«
-
-»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«
-
-»Nichts, Herr Major -- ich werfe es weg.«
-
-»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«
-
-»Nein.«
-
-Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ vors Gesicht. Er fuhr
-leicht zusammen, faßte sich aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte
-überzog seine Wangen.
-
-»Wie kamst du dann aber dazu, _dieses_ Gekritzel abzuschicken?«
-
-»Ich dach ... ich dachte mir gar nichts Böses dabei, Herr Major!«
-
-»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung des Forts und die Stärke
-der Besatzung und denkst dir nichts Böses dabei?«
-
-Er ließ den Kopf hängen und schwieg.
-
-»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß das Lügen sein! Für wen
-war dieser Brief bestimmt?«
-
-Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell hatte er sich wieder
-zusammengenommen und erwiderte im Tone tiefsten Ernstes:
-
-»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major -- die ganze Wahrheit.
-Der Brief war überhaupt niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich
-schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß zu machen. Ich sehe
-jetzt ein, wie verkehrt und wie albern das war; aber das ist auch das
-einzige Anstößige dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«
-
-»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche Briefe zu schreiben. Ich
-hoffe, du bist sicher, daß dies der einzige ist, den du schriebst.«
-
-»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«
-
-Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte seine Lüge mit dem
-ehrbarsten Gesicht von der Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den
-in mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann sagte ich:
-
-»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis auf und sieh zu,
-ob du mir nicht bei zwei oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die
-ich gerne wissen möchte.«
-
-»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr Major.«
-
-»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«
-
-Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell einen unruhigen Blick
-über unsere Gesichter gleiten ließ. Aber das war auch alles. In einem
-Augenblick war er wieder heiter und antwortete ruhig:
-
-»Ich weiß es nicht, Herr Major.«
-
-»Du weißt es nicht?«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Du weißt es _ganz bestimmt_ nicht?«
-
-Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen zu sehen; aber das war
-zu viel für ihn. Sein Kinn sank langsam auf die Brust nieder und er
-schwieg. Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er sah kläglich
-aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz seinen niederträchtigen
-Handlungen Mitleid mit ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille
-mit der Frage:
-
-»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«
-
-Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine halb unbewußte Bewegung
-mit den Händen, wie ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht.
-Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt hartnäckig seine Augen
-auf den Fußboden geheftet. Wir sahen ihn an und warteten, daß er
-sprechen möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen anfingen,
-ihm über die Backen zu rollen. Aber er blieb still. Nach einer kleinen
-Weile sagte ich:
-
-»Du mußt mir antworten, mein Junge, und mußt mir die Wahrheit sagen.
-Wer ist die ›Heilige Allianz‹?«
-
-Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich ziemlich scharf:
-
-»Antworte auf die Frage!«
-
-Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr zu werden; dann sagte er
-mit einem flehenden Blick auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem
-Schluchzen herauspressend:
-
-»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! Ich kann nicht antworten,
-denn ich weiß nichts!«
-
-»Was?!«
-
-»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. Ich habe bis zu diesem
-Augenblick niemals was von der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner
-Ehre, Herr Major, so ist es!«
-
-»Himmelherrgott ... Sieh mal hier deinen zweiten Brief an. Da, siehst
-du hier die Worte: ›_Heilige Allianz_‹? Was sagst du jetzt?«
-
-Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten Blick eines Menschen,
-dem man ein großes Unrecht angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem
-Ton:
-
-»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr Major. Und wie konnte man
-mir so was antun -- mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, und
-der niemals einem Menschen etwas zuleide getan hat! Irgend einer hat
-meine Handschrift nachgemacht; ich schrieb niemals eine Zeile davon;
-ich habe diesen Brief nie vorher gesehen.«
-
-»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh her, was sagst du hierzu?«
-Und ich riß den Brief mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche
-und hielt ihm denselben vor die Augen.
-
-Sein Gesicht wurde weiß! -- so weiß, wie wenn er ’ne Leiche gewesen
-wäre. Er schwankte auf den Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand,
-um sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit so schwacher
-Stimme, daß man’s kaum hören konnte:
-
-»Haben -- Sie’s gelesen?«
-
-Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet haben, bevor meine
-Lippen das falsche »Ja!« hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich,
-wie der Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete darauf, daß er
-etwas sagen sollte, aber er blieb still. So sagte ich denn zuletzt:
-
-»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu bemerken, die in diesem Brief
-enthalten sind?«
-
-Er antwortete völlig gefaßt:
-
-»Nichts -- ausgenommen, daß ich gänzlich harmlos und unschuldig bin;
-sie können keinem Menschen Schaden tun.«
-
-Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen ich seine Behauptung
-nicht Lügen strafen konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter
-vorgehen sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein guter Gedanke und
-ich sagte:
-
-»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem ›Meister‹ und der ›Heiligen
-Allianz‹ und schriebst ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du
-sagst, eine Fälschung ist?«
-
-»Nein, Herr Major -- ganz bestimmt nicht!«
-
-Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor und hielt ihm denselben
-hin ohne ein Wort zu sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte
-er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine Geduld war jetzt an
-der Grenze angelangt. Ich bezwang indessen meinen Aerger und sagte in
-ruhigem Tone:
-
-»Wicklow, siehst du dies?«
-
-»Ja, Herr Major.«
-
-»Was ist es?«
-
-»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«
-
-»_Scheint?_ Es _ist_ ein Stück Bindfaden. Erkennst du es?«
-
-»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die ruhigste Art von der Welt.
-
-Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! Ich machte jetzt eine
-Pause von mehreren Sekunden, um durch das Schweigen den Worten, die ich
-äußern wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann stand ich
-auf, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte ernst:
-
-»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der ganzen Welt nicht gut tun.
-Dies Zeichen für den ›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in
-einer der Kanonen an der Wasserseite gefunden ...«
-
-»Gefunden _in_ der Kanone?! O, nein, nein, nein! Sagen Sie nicht in
-der Kanone, sondern in einer Fuge des Mündungsdeckels -- er _muß_ in
-der Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und faltete seine
-Hände und hob sein Antlitz zu uns empor, ein Antlitz so bleich und
-angstverzerrt, daß er einem Mitleid einflößte.
-
-»Nein, er war _in_ der Kanone.«
-
-»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein Gott, ich bin verloren!« Und
-er sprang auf und strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach
-ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. Aber das war natürlich
-ganz undenkbar. Dann warf er sich wieder auf die Kniee, schrie aus
-Leibeskräften und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht los und
-bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen mit mir! O, seien Sie
-gnädig mit mir! Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick
-mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, retten Sie mich! Ich will
-alles gestehen!«
-
-Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu beruhigen und ihm die
-Angst auszureden und ihn wieder in eine einigermaßen vernünftige
-Geistesverfassung zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: Er
-antwortete demütig, mit niedergeschlagenen Augen, von Zeit zu Zeit die
-unablässig rinnenden Tränen abwischend.
-
-»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«
-
-»Ja, Herr Major.«
-
-»Und ein Spion?«
-
-»Ja.«
-
-»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb gehandelt?«
-
-»Ja.«
-
-»Mit Freuden, vielleicht?«
-
-»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. Der Süden ist mein
-Vaterland; mein Herz gehört der Sache des Südens -- Herz und Leib und
-Seele!«
-
-»Dann war also die Geschichte, die du mir von euren Leiden und den
-Verfolgungen gegen deine Familie erzähltest, reine Erfindung?«
-
-»Sie -- sie befahlen mir es zu sagen, Herr Major!«
-
-»Und du wolltest also die Leute, die dir aus Mitleid Obdach gaben,
-verraten und vernichten? Begreifst du, wie gemein das ist, du armes,
-mißleitetes Geschöpf?«
-
-Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.
-
-»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der ›Oberst‹ und wo ist er?«
-
-Er fing herzbrechend an zu weinen und bat himmelhoch, ihm die Antwort
-zu erlassen. Er sagte, man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich
-drohte ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren lassen, wenn
-er nicht mit der Sprache herauskäme. Gleichzeitig versprach ich ihm,
-ihn gegen jede Gefahr zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein
-Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern preßte die Lippen
-zusammen und setzte eine verstockte Miene auf. Es war nichts mit ihm
-anzufangen. Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, und
-der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. Er brach in ein
-leidenschaftliches Weinen und Flehen aus und erklärte, er wolle alles
-sagen.
-
-Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem Zimmer und er gab den Namen
-des ›Obersten‹ an und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er wäre
-im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher Kleidung zu finden.
-Dann mußte ich neue Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den
-›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, der Meister würde
-in New York, Bondstreet Nr. 15 zu finden sein; er wohnte dort unter dem
-Namen R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung
-an den Polizeipräsidenten der Metropole und bat, Gaylord zu verhaften
-und festzuhalten, bis ich ihn abholen lassen könnte.
-
-»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, verschiedene von
-den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich in New London. Nenne und
-beschreibe sie!«
-
-Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei Frauen -- sämtlich im
-ersten Gasthof von New London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt
-und ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften; bald saßen
-sie auf dem Fort in sicherem Gewahrsam.
-
-»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft über deine drei
-Mitverschwörer, die hier im Fort sind.«
-
-Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen erzählen; ich brachte
-aber die beiden geheimnisvollen Papierschnitzel zum Vorschein, die bei
-den Rekruten gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame Wirkung
-auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir hätten zwei von den Leuten schon in
-unserer Gewalt, und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies
-jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:
-
-»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich auf der Stelle töten.«
-
-Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde ihm jemand zum Schutze
-mitgeben, außerdem würden die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich
-befahl, daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell kommen sollten;
-dann mußte der arme, zitternde, kleine Kerl herauskommen; er schritt
-die Front ab, wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich
-dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den Leuten ein
-einziges Wort, und ehe er fünf Schritte weiter war, war der Mann auch
-schon verhaftet.
-
-Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich die drei Soldaten
-vorführen. Einer von ihnen mußte vortreten und ich sagte:
-
-»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um eines Haares Breite von der
-strengsten Wahrheit ab. Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«
-
-Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle Gedanken an etwaige
-Folgen beiseite, heftete seine Augen auf des Mannes Gesicht und sagte
-ohne jedes Zögern:
-
-»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. Er ist aus New Orleans; war
-vor zwei Jahren zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹;
-ist ein verzweifelter Charakter und ist schon zweimal wegen Totschlags
-im Gefängnis gewesen: das einemal, weil er einen Matrosen Namens
-Hyde mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, weil er einen
-Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, das Lot zu heben, womit
-auch ein solcher Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion
-und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt Er war
-dritter Steuermann auf dem ›St. Nicholas‹, als dieser Dampfer in der
-Nähe von Memphis in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre beinahe
-gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten ausplünderte,
-während sie in einem leeren Holzboot an Land gebracht wurden.«
-
-Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine vollständige
-Lebensbeschreibung des Mannes. Als er fertig war, sagte ich zu diesem:
-
-»Was haben Sie dazu zu bemerken?«
-
-»Nichts für ungut, Herr Major -- aber das ist die teuflischste Lüge,
-die je gesprochen wurde!«
-
-Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die beiden anderen einzeln
-vortreten. Dasselbe Ergebnis. Der Junge gab über jeden von ihnen eine
-bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, ohne jemals sich
-auf ein Wort oder eine Tatsache besinnen zu müssen; aber alles, was
-ich aus den beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete
-Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten nichts gestehen. Ich
-ließ sie wieder in Haft abführen und dann die übrigen Gefangenen, einen
-nach dem anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste Auskunft
-über sie -- aus welchen Städten im Süden sie waren, und schilderte mit
-allen Einzelheiten ihre Beteiligung an der Verschwörung.
-
-Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und kein einziger von ihnen
-bekannte das Geringste. Die Männer tobten, die Weiber weinten. So wie
-sie es darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus dem Westen
-und liebten die Union über alles in der Welt. Voll Ekel ließ ich die
-Bande wieder einsperren und fuhr in Wicklows Verhör fort:
-
-»Wo liegt Nr. 166 und wer ist ~B. B.~?«
-
-Aber hier war die Grenze, die er sich selber gesetzt hatte. Weder
-Schmeicheln noch Drohen übte irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit
-flog dahin -- es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln zu
-greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen gebunden hochziehen. Als die
-Schmerzen ärger wurden, stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das
-ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, und sehr bald schrie
-er heraus:
-
-»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann will ich sprechen!«
-
-»Nein -- du wirst sprechen, bevor ich dich herunterlasse.«
-
-Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. Und so kam’s heraus:
-
-»Nr. 166, Adler-Gasthof!«
-
-Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft drunten am Hafen, wo
-gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer und zweifelhaftes Gesindel zu
-verkehren pflegten.
-
-Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft über den Zweck der
-Verschwörung.
-
-»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er mürrisch und schluchzend.
-
-»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«
-
-»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, die sich bei 166 treffen
-sollten.«
-
-»Was bedeutet: ›_Gedenke_ ~XXXX~!‹?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Wie lautet das Losungswort für 166?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: ~FFFFF~ und ~MMMM~? Antworte,
-oder du kriegst es noch einmal zu fühlen!«
-
-»Ich werde _niemals_ antworten. Lieber sterbe ich. Nun tun Sie, was
-Ihnen beliebt!«
-
-»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist das dein letztes Wort?«
-
-Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme:
-
-»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe
-und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint:
-ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«
-
-Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die
-furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens
-Schreie mit anzuhören -- aber wir brachten nichts anderes aus ihm
-heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort:
-
-»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich
-niemals!«
-
-Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt
-lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und
-setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.
-
-Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die
-telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle
-Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen.
-
-Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war
-allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die
-Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen
-oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem
-Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt
-weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in
-ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den
-hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren.
-
-Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, ~B. B.~ zu fesseln und zu
-knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr
-ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von
-einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus
-der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die
-Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem
-Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und
-uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort
-zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.
-
-Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller
-Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte
-ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür
-zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter
-uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran
-nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl
-und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle
-seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen
-Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich
-in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166
-voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen
-hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten
-Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten,
-daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der
-Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte
-den Türgriff an -- die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte
-ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten
-unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem
-einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir
-undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag -- ich sah wie der
-Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in
-pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf
-dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein
-Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit
-meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine
-Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte
-den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:
-
-»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.«
-
-Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir meinen Gefangenen an und --
-Himmeldonnerwetter! es war ein junges Frauenzimmer.
-
-Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. Ich kam mir ziemlich
-dämlich vor. Jeder von uns sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als
-hätten wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend
-wirkte die Ueberraschung. Das junge Frauenzimmer begann zu schreien
-und bedeckte sich das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte in
-demütigem Ton:
-
-»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht recht ist, nicht wahr?«
-
-»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«
-
-»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade heute abend von Cincinnati
-ein klein bißchen krank nach Hause gekommen.«
-
-»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder gelogen! Das ist nicht
-die richtige Nr. 166, das ist nicht ~B. B.~ Höre, Wicklow, jetzt wirst
-du uns die richtige Nr. 166 finden, sonst -- hallo! wo ist denn der
-Junge?«
-
-Fort war er -- das war bombensicher. Und noch mehr, es gelang uns
-nicht, eine Spur von ihm zu finden. Das war eine eklige Klemme! Ich
-verwünschte meine Dummheit, daß ich ihn nicht an einen von den Leuten
-angebunden hatte; aber es hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu
-fluchen. Was sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? -- Das
-war die Frage. Das Mädchen _konnte_ immerhin doch ~B. B.~ sein. Ich
-glaubte das allerdings nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen,
-Zweifel für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine Leute ein
-leeres Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber von Nr. 166
-beziehen und befahl ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere,
-ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie bis auf weiteren
-Befehl unter strenger Bewachung zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort
-zurück, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.
-
-Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb in Ordnung. Ich blieb
-die ganze Nacht auf, um sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich
-war unbeschreiblich froh, als ich den Morgen dämmern sah und an das
-Kriegsdepartement telegraphieren konnte, daß die Sterne und Streifen
-noch immer über Fort Trumbull wehten.
-
-Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. Trotzdem ließ ich
-natürlich in meiner Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag
-der Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach dem anderen
-vorführen und machte ihnen ganz gehörig die Hölle heiß, um sie zum
-Gestehen zu bringen -- aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß
-mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, aber sie verrieten
-nichts.
-
-Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen verschwundenen Jungen. Man
-hatte ihn um sechs Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der
-Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort schickte ich einen
-Kavallerieleutnant mit einem Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen
-von der Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über einen Zaun
-geklettert und schleppte sich ermattet quer über eine morastige Wiese
-auf ein großes altmodisches Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag.
-Sie ritten durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen Umweg und
-näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten Seite. Dann stiegen
-sie ab und liefen schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften
-in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; die Tür nach dem Vorder-
-oder Wohnzimmer stand offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie
-eine leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. Sie blieben
-daher ehrfurchtsvoll stehen, und der Leutnant streckte seinen Kopf vor
-und sah einen alten Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des
-Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende war der alte Mann, und
-gerade als er mit seinem Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die
-Vordertür auf und trat ein. Die beiden alten Leute sprangen auf ihn zu
-und umarmten ihn voll Zärtlichkeit und riefen:
-
-»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist
-wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!«
-
-Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in
-dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht
-weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine
-Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte
-an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann
-war sein Vater -- ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe
-gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter.
-
-Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine
-Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender
-Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen -- dunkle
-Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht
-sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione
-fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von
-ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden
-Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine
-Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand.
-Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling
-von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser
-hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von
-den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder
-dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln -- daher seine
-Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten,
-die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil
-von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate
-zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die
-Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener
-Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem
-Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er
-wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären?
-Ganz einfach, weil er sie nicht erklären _konnte_. Sie hatten gar keine
-Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg
-aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt
-wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so
-schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer
-Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen --
-aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts
-verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer
-Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun -- denn
-seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner
-Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten
-Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte.
-Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden
-war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort
-zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn
-›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet
--- das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den
-›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der
-unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er
-erfand ›~B. B.~‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte
-nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als
-bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden,
-wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des
-Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel
-gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer
-ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar
-Tage, und ich glaube, für ihn war es _Wirklichkeit_ und er hatte an ihr
-seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.
-
-Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose
-Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir
-fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer
-Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren
-die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber
-brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren
-Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele
-Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande
-bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen
-unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen -- die eine war die
-Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines
-Bischofs aus dem Westen -- na, _der_ verächtliche Hohn und _die_
-ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir
-gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten
--- und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der
-lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von
-der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem
-Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow
-niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung
-und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in
-meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als
-Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der
-verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas,
-was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte.
-
-Und das Kriegsdepartement! -- Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber
-den Vorhang darüber zu!
-
- _Anmerkung_: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und
- er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen
- Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen
- verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz
- hübschen Aufputz geben -- lassen wir sie stehen. Militärs
- werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht
- bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt
- und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«
-
- ~M. T.~
-
-
-
-
-Aus den ›London Times‹ von 1904[8]
-
- [8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.
-
-
-I.
-
-Bericht der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 5. April 1904.
-
-Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht
-fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt -- und mit
-ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs -- von nichts anderem
-gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem
-letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will
-ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis
-zu dem Gipfelpunkt von gestern -- oder heute; nennen Sie den Tag wie
-Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in
-einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene
-spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den
-Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht
-zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und
-der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß
-noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants
-Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen.
-Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen
-Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W.,
-den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der
-Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten
-Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in
-militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen
-Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton
-dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point
-getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt
-Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten
-Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in
-seinen Worten.
-
-Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum
-Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch
-betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen
-Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es
-klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals
-die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom
-Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete
-sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war
-sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte,
-durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende
-des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei
-Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem
-Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung
-auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir
-Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen
-Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade:
-
-»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« -- und dabei schlug
-er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch.
-
-»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge
-Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung.
-
-Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:
-
-»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine
-solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag
-erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen
-Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«
-
-»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da
-hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich
-glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine
-Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter
-blickt als ich -- und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne
-dasselbe.«
-
-Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien
-ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch
-stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die
-Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen
-bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹.
-Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort:
-
-»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der
-elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst
-leistet -- ich betone: einen _wirklichen_ Dienst -- so schicken Sie ihn
-mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte
-zurücknehmen Wollen Sie?«
-
-»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche.
-
-Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische
-Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik
-unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar
-darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden
-Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den
-Attachés getrennt ...
-
- * * * * *
-
-Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald
-der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde
-der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte
-nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt
-angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für
-unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem
-ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und
-Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten
-sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten.
-
-Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen
-Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer
-nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten
-sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden
-getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit
-Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man
-an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich
-hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte
-man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit,
-und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein
-Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere
-Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und
-pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.
-
-Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und
-unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins
-von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks
-erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes
-gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes
-vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in
-völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er
-sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem
-Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden -- und würde trotzdem sich
-irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in
-keiner Weise daran beteiligt gewesen.
-
-Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er
-hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe,
-ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner
-Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war
-jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu
-wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen
-Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903
-wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt;
-noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt
-und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben.
-
-Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer
-peinlichen Lage -- denn Claytons Gattin ist eine Nichte des
-Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und
-das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist
-ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der
-armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund;
-aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei
-allen Verhältnissen die Politik mit -- und allmählich begannen des
-Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu
-lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen
-werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer
-deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen
-dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in
-Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem
-Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern.
-Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu
-begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse
-seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe
-Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann
-in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er
-werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei
-Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm:
-
-»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung
-geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du
-hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen
-Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn
-in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm
-gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der
-grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie
-möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s
-nicht allein tragen lassen?«
-
-»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum
-letzten Augenblick dir zur Seite stehen.«
-
-Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte
-Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der
-Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei
-ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle
-herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt
-hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung
-des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der
-Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und
-so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop
-haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein
-Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und
-Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem
-andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und
-sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren
-Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als
-Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und
-ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung
-beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und
-die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in
-seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und
-dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.«
-Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in
-der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne
-leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen.
-Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden
-kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem
-Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu.
-
-Gestern -- ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus
-gewissen, ganz natürlichen, Gründen -- gestern blieb das Instrument
-unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der
-Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen.
-Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel
-nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins
-Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz
-nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht,
-und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und
-lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die
-Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches
-Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten -- und sank in
-Ohnmacht. Es war der Galgen!
-
-Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton
-und ich waren allein -- allein und brüteten über unseren Gedanken und
-träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für
-Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der
-Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es
-in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist.
-Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies
-vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von
-draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese
-Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen;
-sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über
-Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken
-zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd
-ein Hagelschauer an die Fensterscheiben -- und dazu fortwährend die
-schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den
-Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit
-ein anderer Ton zu uns -- aus weiter Ferne und nur ganz schwach
-durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend -- eine Glocke schlug
-zwölf! Wieder eine Ewigkeit -- dann schlug es abermals. Und dann --
-noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte
-wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! -- Zwei! -- Drei! --
-Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben!
-
-Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den
-schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das
-Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und _das_ sollten eines Mannes
-letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile:
-»Ich muß noch einmal die Sonne sehen -- die Sonne!« Und im nächsten
-Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich
-mit China -- Peking!«
-
-Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie
-unglaublich -- ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche
-Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille,
-gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen
-großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis
-stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«
-
-Ich hörte dem Gespräch zu:
-
-»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! ... Das ist
-Peking?«
-
-»Ja.«
-
-»Welche Zeit?«
-
-»Mitten am Nachmittag.«
-
-»Was will die große Menge, was bedeuten die prachtvollen Kleider?
-Welche Massen und Massen von reicher Farbenpracht und barbarischem
-Glanz! Und wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden
-Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«
-
-»Die Krönung unseres neuen Kaisers -- des Zaren.«
-
-»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden sollen.«
-
-»Unser ›heute‹ ist für Sie -- ›gestern‹.«
-
-»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage etwas verwirrt -- aus
-guten Gründen ... Ist dies der Beginn des Festzugs?«
-
-»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich in Bewegung zu setzen.«
-
-»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«
-
-»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. Warum seufzen Sie?«
-
-»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«
-
-»Und warum können Sie das nicht?«
-
-»Ich muß gehen -- gleich jetzt im Augenblick.«
-
-»Sie haben eine Verpflichtung?«
-
-Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die
-Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?«
-
-»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden
-der Welt als Gäste gekommen sind.«
-
-»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur
-Linken?«
-
-»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur
-Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.«
-
-»Wenn Sie so gut sein wollen, ich ...«
-
-_Bumm!_ Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die
-ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür
-ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind -- die
-Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem
-Gatten an die Brust und ich -- ich mußte hinaus; ich konnte es nicht
-ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich
-und wartete -- wartete -- wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel
-und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit,
-dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich
-wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter
-eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein
-Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten
--- der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche
-Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa
-wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«
-
-Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum
-Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen
-Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann
-sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus --
-können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.
-
-Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal ging ich ans Fenster,
-öffnete es leise -- von dem fürchterlichen Bann erfaßt, den
-entsetzliche Ereignisse ausüben -- und sah auf den Hof hinunter. Bei
-dem prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich die kleine
-Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, die an ihres Onkels Brust
-weinte, den Verurteilten, der auf dem Schafott stand. Schon hatte er
-den Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib gebunden, die
-schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. Der Sheriff an seiner Seite hielt
-die Hand am Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig
-und mit dem Buch in der Hand.
-
-»_Ich bin die Auferstehung und das Leben_ --«
-
-Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit anhören, ich konnte es
-nicht mit ansehen. Ich wußte nicht, wohin ich ging und was ich tat.
-Mechanisch und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige
-Instrument, den elektrischen Fernseher -- und da war Peking und der
-Krönungszug des Zaren.
-
-Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem Fenster hinaus --
-atemlos, nach Luft ringend. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war
-gerade infolge der Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie
-betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, der ich so dringend
-Worte finden mußte ...
-
-»_Und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele. Amen._«
-
-Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter und legte die Hand an den
-Hebel. Da fand ich meine Stimme wieder!
-
-»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist unschuldig. Kommt her und
-seht Szczepanik von Angesicht zu Angesicht!«
-
-Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur an meiner Stelle am
-Fenster und rief:
-
-»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin frei!«
-
-Drei Minuten später waren alle wieder im Zimmer. Der Leser wird sich
-die Szene vorstellen können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es
-war eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.
-
-Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem Zuschauerzelt, und wir
-konnten sehen, wie ein angstvolles Erstaunen sein Antlitz überzog, als
-er die Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den Apparat und sprach
-mit Clayton und dem Gouverneur und anderen. Und die Frau dankte ihm mit
-überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben gerettet, und küßte
-ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit über zwölftausend Meilen hinweg.
-
-Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball traten in Tätigkeit,
-und viele Stunden lang sprachen Könige und Königinnen -- und ab und
-zu auch ein Reporter -- mit Szczepanik und priesen ihn; und die
-wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die ihn noch nicht zum
-Ehrenmitglied erhoben hatten, beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.
-
-Wie war es zugegangen, daß er aus unserer Mitte verschwand? Dies war
-leicht erklärt. Er hatte noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm
-zu tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor dem Glück,
-überall der Löwe des Tages zu sein, aus dem Staube zu machen; denn
-dieses ›Glück‹ machte jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ
-sich also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, verkleidete
-sich auch selbst noch ein bißchen, nahm einen falschen Namen an und
-ging davon, um in Frieden die Welt zu durchwandern.
-
-Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling 1898 mit einem
-unbedeutenden Streit in Wien begann und im Frühling 1904 beinahe als
-Tragödie geendet hätte.
-
-
-II.
-
-Korrespondenz der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 1. April 1904.
-
-Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem elektrischen Eilschiff
-und vom Hafen ab mit der elektrischen Eisenbahn befördert, ein
-Briefumschlag aus Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer
-Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. Er ließ sich mit Wien
-verbinden, begrüßte Herrn K’s wohlbekanntes Gesicht und sagte:
-
-»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles auf meinem Antlitz
-lesen. Meine Frau hat den Farthing. Seien Sie unbesorgt -- sie wird ihn
-nicht wegwerfen.«
-
-
-III.
-
-Korrespondenz der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 23. April 1904.
-
-Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls Clayton‹ ihren
-Lauf genommen -- und beendigt haben, so will ich das Ganze kurz
-zusammenfassen. Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen
-Tode versetzte die ganze Gegend in einen Zaubertaumel von freudiger
-Ueberraschung. Er hielt die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte
-die Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und zu sagen: »_Aber
-ein Mann wurde getötet_ -- und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten:
-»Das ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen; wir haben
-uns von unserer Erregung zu weit fortreißen lassen.«
-
-Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton müsse noch einmal vor
-Gericht gestellt werden. Die nötigen Maßnahmen wurden getroffen
-und es wurden die erforderlichen Anträge in Washington gestellt;
-denn in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, der im Jahre
-1889 der Verfassung hinzugefügt wurde, Prozesse zweiter Instanz
-nicht in den Machtbereich der Einzelstaaten, sondern es sind
-Nationalangelegenheiten, und sie müssen vor die erhabene Körperschaft
-des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten‹
-gebracht werden. Die Richter wurden also zur Tagung nach Chicago
-berufen. Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den üblichen
-eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die neun Richter erschienen in
-ihren schwarzen Talaren und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte
-den Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und sprach:
-
-»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: Der Angeklagte war
-beschuldigt, einen gewissen Szczepanik ermordet zu haben; er wurde
-wegen Ermordung des Szczepanik vor Gericht gestellt; er wurde wegen
-Ermordung des Szczepanik in aller Form Rechtens schuldig gesprochen
-und zum Tode verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik
-überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung der französischen
-Gerichtshöfe im Fall Dreyfus steht es unbestreitbar fest, daß
-_Entscheidungen von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht nachgeprüft
-werden können_. Wir sind gehalten, diesen Präzedenzfall zu achten und
-uns zu eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige Gebäude der
-Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte ist in aller Form Rechtens
-wegen Ermordung des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, und es gibt
-meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit nur einen einzigen Weg, den
-wir einschlagen können: er muß gehängt werden!«
-
-Richter Crawford sagte:
-
-»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat auf dem Schafott begnadigt!«
-
-»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht gültig sein, denn er
-wurde begnadigt wegen der Ermordung Szczepaniks -- eines Mannes, den
-er nicht getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens begnadigt
-werden, das er nicht begangen hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«
-
-»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«
-
-»Das ist ein außerhalb der Sache liegender Umstand; wir haben damit
-nichts zu tun. Der Gerichtshof kann sich mit diesem Verbrechen nicht
-eher beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt hat.«
-
-Richter Halleck bemerkte:
-
-»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, so werden wir damit
-nur einen Mißgriff der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird ihn
-abermals begnadigen.«
-
-»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er kann keinen Menschen wegen
-eines Verbrechens begnadigen, das dieser nicht begangen hat. Dies
-würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit sein.«
-
-Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte Richter Wadsworth:
-
-»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, Exzellenz, daß es ein Irrtum
-sein würde, den Angeklagten wegen des an Szczepanik begangenen Mordes
-zu henken anstatt wegen der Ermordung des anderen Mannes; denn es ist
-bewiesen, daß er Szczepanik nicht getötet hat.«
-
-»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik tötete. Aus dem
-französischen Präzedenzfall geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch
-des Gerichtshofes verbleiben müssen.«
-
-»Aber Szczepanik lebt ja noch.«
-
-»Dreyfus auch.«
-
-Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, den französischen
-Präzedenzfall zu ignorieren oder ihn zu umgehen. Es war nur ein
-Ergebnis möglich: Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies bewirkte
-eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois erhob sich wie _ein_ Mann
-und verlangte Claytons Begnadigung und die _Wiederaufnahme seines
-Prozesses_. Der Gouverneur sprach die Begnadigung aus, aber der Höchste
-Gerichtshof mußte sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es,
-und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.
-
-Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann man in der Tat vom ganzen
-Staate sagen. Ganz Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen
-›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen Offizierchen, die
-dies Ding erfanden und andere Christenländer damit straften.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Das Todeslos.[9]
-
-
- [9] Nach einer wahren Begebenheit, die ~Carlyle~ in seinen
- ~Letters and Speeches of Oliver Cromwell~ erwähnt.
-
- ~M. T.~
-
-Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier
-dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber
-trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt,
-denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn
-begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu
-Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die
-allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im
-Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war
-auf sein Glück gefallen.
-
-Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der
-Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein
-junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr
-abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt
-blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken
-und nachzudenken und -- zu warten. Lange würden sie nicht zu warten
-haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken.
-
-Sie hatten _ein_ Kind -- Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie
-wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst
-sagte:
-
-»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen -- ihr zulieb. Wir
-müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.«
-
-»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein
-Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.«
-
-»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit
-Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und
-zu unserem Besten ...«
-
-»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen --
-ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das
-könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal
-drücke und küsse -- -- --«
-
-»Still, mein Schatz, sie kommt.«
-
-Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein
-und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und
-leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.
-
-»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir
-meine Haare.«
-
-»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?«
-
-»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir _wirklich_ leid? Tust du nicht bloß
-so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?«
-
-»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte
-sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind
-erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing
-selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu
-ziehen und rief:
-
-»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby
-will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen
-und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig
-ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar
-nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt
-zur Mama; die behandelt Abby besser.«
-
-Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme
-um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig
-gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid -- komm, laß ihn
-deine Tränen wegküssen -- und er bittet dich um Verzeihung, und will
-zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt
-und keine einzige Locke zerzaust -- und was Abby befiehlt -- --«
-
-Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es
-streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: -- »Eine
-Geschichte, eine Geschichte!«
-
-Horch!
-
-Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar
-in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher ... wurden lauter
-... immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne.
-Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also
-eine Geschichte? Eine lustige?«
-
-»Nein, Papa, eine schreckliche.«
-
-Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine
-bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie
-befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein
-Wort gegeben -- er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir
-müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß
-die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie
-sagt so.«
-
-Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr
-Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz.
-Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«
-
-»O, dann erzähle _davon_ eine Geschichte, Papa, -- eine recht
-schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob _wir_ es wären. Komm
-ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du,
-wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn
-wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt
-kannst du anfangen.«
-
-»Nun also ... es waren einmal drei Obersten ...«
-
-»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch
-einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«
-
-»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.«
-
-Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf
-und sagte:
-
-»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«
-
-Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete:
-
-»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre
-Befehle.«
-
-»Ist das etwas -- -- --«
-
-»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den
-Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine
-feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen.
-Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten
-einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die
-Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost
-über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr
-Leben vor Gericht entschieden würde.«
-
-»Ist das er große General Cromwell, Papa?«
-
-»Ja.«
-
-»O, _den_ habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen
-Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein
-Gesicht ... so ... ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus,
-als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor
-ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so
-angesehen.«
-
-»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen
-nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch
-zum letztenmal ...«
-
-Horch!
-
-Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die
-Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu
-verbergen.
-
-»Sie sind heute morgen angekommen.«
-
-Die Augen des Kindes öffneten sich weit.
-
-»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine _wahre_ Geschichte?«
-
-»Gewiß, Herzchen.«
-
-»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die
-Geschichte weiter? Ei Mama ... liebe Mama, weinst du denn?«
-
-»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die ... an die armen Familien.«
-
-»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden,
-du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle
-weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.
-Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle
-weiter.«
-
-»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause
-gehen ließ.«
-
-»_Ich_ kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.«
-
-»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht
-und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.«
-
-»_Tot_geschossen, Papa?«
-
-»Ja.«
-
-»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama!
-Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon
-sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell
-genug.«
-
-»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen
-muß.«
-
-»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.«
-
-»Ja, mein Kind -- diese drei Obersten ...«
-
-»Kennst du sie, Papa?«
-
-»Ja, ich kenne sie.«
-
-»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern.
-Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme
-zitterte ein wenig, als er antwortete:
-
-»_Einer_ von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.«
-
-»Da Papa -- -- und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube
-doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein
-Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso
-gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die
-Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines
-bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr
-Papa?«
-
-»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«
-
-»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie
-alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.«
-
-»Dann waren einige von ihnen traurig -- sie alle waren es; ich meine
-das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie
-hätten ihre Pflicht getan, -- denn weißt du, es _war_ ihre Pflicht --
-und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden,
-und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der
-Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng
-und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn _sie_ ihre Pflicht getan und nach
-ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle _er_ sich seiner Pflicht
-auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber
-erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch
-tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht
-hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine
-Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie
-warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott
-Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen;
-einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«
-
-»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!«
-
-»Nein, sie haben sich geweigert.«
-
-»Sie wollen es nicht tun, Papa?«
-
-»Nein.«
-
-»Weshalb nicht?«
-
-»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine
-eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts
-anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien
-Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese
-Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien
-bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.«
-
-»Was heißt denn das, Papa?«
-
-»Daß sie ... daß sie alle erschossen werden.«
-
-Horch!
-
-Der Wind? Nein. Trapp -- trapp -- trapp -- r-r-rumbledibum,
-r-r-rumbledibum -- -- --
-
-»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«
-
-»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf
-ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!«
-
-Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie
-vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch
-auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!«
-
-Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie
-auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst
-stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm,
-totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen -- aber sonst verriet sie
-durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene
-mit leuchtenden Augen ...
-
-Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum
-Tower -- Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ
-der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die
-Tür.
-
-»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß
-die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und
-da kann er die Obersten sehen. Er -- -- --«
-
-»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! ...«
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett
-zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und
-flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen;
-man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen --
-Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das
-Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es
-sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower
-bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen.
-
-Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral.
-Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch
-gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde,
-zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die
-Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie
-bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu
-sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.«
-
-Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine
-Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen
-nicht alle sterben; das Los soll _für sie gezogen werden_.« Die
-Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in
-dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht
-nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da
-sind.«
-
-Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten
-den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das
-draußen vorbei geht!«
-
-Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als
-er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren
-Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das
-Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige
-zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte:
-
-»_Dich_ kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon
-gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle
-hatten Furcht vor dir, aber _ich_ nicht, weil du _mich_ nicht so bös
-angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes
-Kleid an -- das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«
-
-Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte
-diplomatisch mit der Antwort.
-
-»Ja, doch ... ich muß mich besinnen, ... es war ...«
-
-»Ich stand gerade vor dem Haus, vor _meinem_ Haus, weißt du.«
-
-»Hm! ... du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß
-wirklich ...«
-
-Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:
-
-»Ach, du hast es _doch_ vergessen. Aber _ich_ nicht.«
-
-»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß
-nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und
-wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«
-
-»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen
-können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal;
-meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube,
-du bist doch gut, ebenso gut wie ... aber du mußt mich besser auf
-deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa -- es ist
-kalt.«
-
-»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von
-jetzt ab bist du dann meine _alte_ Freundin, nicht wahr? Du erinnerst
-mich an mein kleines Mädchen -- jetzt ist es freilich schon lange
-nicht mehr klein -- aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines
-Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit
-deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder,
-machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So
-wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die
-Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie
-du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange,
-lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist
-im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; -- nimm dafür
-den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last
-und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.«
-
-»Hast du sie arg, arg, _arg_ gerne gehabt?«
-
-»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich
-gehorchte!«
-
-»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«
-
-»Von ganzem Herzen ... ich bin sogar stolz darauf. Da -- der ist für
-dich ... und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du
-hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle,
-und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«
-
-Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue
-Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige
-Schritt marschierender Männer.
-
-»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.«
-
-»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe
-einen Auftrag für dich.«
-
-Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur
-Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging.
-
-Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs.
-Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie
-erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die
-alle für mich?«
-
-»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der
-Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer;
-dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen
-auf dem Rücken, -- so -- und jeder hält eine Hand offen, wie eine
-Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln
-und komme dann zurück zu mir.«
-
-Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er
-sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser
-Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die
-bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl
-fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit
-sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie.
-Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit ... gelobet
-sei sein heiliger Name!«
-
-Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete
-sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die
-unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann
-glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer
-davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!«
-Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände;
-dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr
-lachendes Gesicht zu und rief:
-
-»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. _Ich_ habe es dir
-gegeben!«
-
-Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee
-und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine
-Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere,
-die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie
-gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte
-sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich
-mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches,
-tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der
-Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte
-ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton:
-
-»So leid es mir tut, Sir ... aber meine Pflicht gebietet mir.«
-
-»Gebietet was?« fragte das Kind.
-
-»Ich muß ihn wegführen ...«
-
-»Wegführen? Wohin denn?«
-
-»Nach ... nach ... Gott stehe mir bei! ... nach einem anderen Teil der
-Festung.«
-
-»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole
-ihn nach Haus.«
-
-Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie
-ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«
-
-»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind
-sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den
-Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und
-rief:
-
-»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es
-wohl gehört. Laß’ _ihn_ gehen -- du _mußt_!«
-
-»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders,
-ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! ... das Gewehr über! ...«
-
-Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie
-wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser
-gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere
-grüßten und die Wache salutierte.
-
-»Befiehl du es ihnen! -- Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa;
-ich hab’s ihnen _gesagt_, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen
-ihn fortführen.«
-
-Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.
-
-»_Dein_ Papa, Kind? Ist das dein Papa?«
-
-»Natürlich! Das war _immer_ mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche
-rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so
-lieb hätte? Gewiß nicht!«
-
-Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte:
-
-»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste
-begangen, das je ein Mensch tat -- und keine Hilfe, keine Hilfe! Was
-soll ich, was kann ich tun?«
-
-Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch
-befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So
-sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen,
-und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du
-es doch nicht!«
-
-Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten
-Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin
-und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses
-gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet,
-mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache!
-Gehorcht ihrem Befehl, -- sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene
-ist begnadigt; gebt ihn frei!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwei kleine Geschichten.
-
-
-Erste Geschichte:
-
-Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.
-
-Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des Jahres 1900, besuchte mich
-nachmittags ein Freund hier in London. Wir sind beide in dem Alter,
-wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und sich etwas erzählen,
-weniger von den Annehmlichkeiten des Lebens sprechen, als von dessen
-Widerwärtigkeiten, und allmählich fing mein Freund an, auf das
-Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte sich heraus, daß ein Freund
-von ihm etwas erfunden hatte, das für die Soldaten in Südafrika von
-großem Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr billiger Stiefel,
-der vollständig wasserdicht war und bei Regenwetter seine Form und
-Festigkeit behielt. Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der
-Regierung hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter Mann und
-wußte, daß die hohen Beamten einer Mitteilung von ihm keine Beachtung
-schenken würden.
-
-»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war -- wie wir’s ja alle sind,«
-sagte ich unterbrechend »Doch erzählen Sie nur weiter!«
-
-»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? Der Mann sprach die Wahrheit.«
-
-»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur weiter.«
-
-»Ich will Ihnen _beweisen_, daß er ...«
-
-»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr alt und sehr weise.
-Sie müssen nicht mit mir rechten wollen; das ist unehrerbietig und
-beleidigend. Fahren Sie, bitte, fort.«
-
-»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich bin nicht unbekannt und
-doch war selbst _ich_ nicht imstande, die Mitteilung meines Freundes
-beim Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«
-
-»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur weiter.«
-
-»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß es mir nicht gelang.«
-
-»O gewiß. _Das_ wußte ich. Sie brauchten mir das gar nicht zu sagen.«
-
-»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«
-
-»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie _nicht imstande_ waren,
-die sofortige Aufmerksamkeit des Generaldirektors auf die Mitteilung
-Ihres Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie _hätten_ seine
-sofortige Aufmerksamkeit auf die Sache erreichen können.«
-
-»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht konnte. In Zeit von drei
-Monaten ist es mir nicht gelungen.«
-
-»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar nicht zu erzählen. Aber Sie
-_hätten_ sofortige Beachtung gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige
-Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr Freund können.«
-
-»Ich _habe_ es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«
-
-»Das haben Sie nicht.«
-
-»Was wissen denn _Sie_? Was wissen Sie denn über die näheren Umstände?«
-
-»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie haben die Sache nicht auf
-vernünftige Weise angefangen. Soviel ist sicher.«
-
-»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht wissen, welche Methode
-ich anwandte?«
-
-»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der ist mir Beweis genug. Sie
-sind unvernünftigerweise vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w ...«
-
-»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen erzählen, _wie_ ich zu Werke
-ging? Ich glaube das wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«
-
-»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn Ihnen so sehr daran liegt,
-sich zu blamieren, so erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr
-alt ...«
-
-»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und schrieb einen sehr höflichen
-Brief an den Generaldirektor des Schuhleder-Departements, in dem ich
-ihm auseinanders ...«
-
-»Kennen Sie ihn persönlich?«
-
-»Nein.«
-
-»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben unvernünftig angefangen.
-Bitte weiter.«
-
-»In dem Brief legte ich den großen Wert und die große Billigkeit der
-Erfindung dar, und bot mich an ...«
-
-»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein zweiter Punkt gegen Sie.
-Ich bin s ...«
-
-»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«
-
-»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«
-
-»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte für meine Mühe und
-schlug mir ...«
-
-»_Nichts_ vor.«
-
-»Ganz richtig; er schlug mir -- gar nichts vor. Dann schrieb ich ihm
-einen sorgsam ausgearbeiteten Brief und ...«
-
-»Punkt drei ...«
-
-»... bekam überhaupt keine Antwort. Nach Ablauf einer Woche bat ich
-dann schriftlich mit einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort
-auf den Brief.«
-
-»Vier. Weiter.«
-
-»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei nicht angekommen, und
-man bitte um eine Abschrift desselben. Ich reklamierte bei der Post
-und es stellte sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen
-war; aber ich sagte nichts und schickte eine Abschrift ab. Zwei Wochen
-verstrichen ohne weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich mich
-wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur für höfliche Briefe.
-Ich schrieb abermals und erbot mich, am folgenden Tag persönliche
-Rücksprache zu nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, so
-nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«
-
-»Fünfter Punkt für mich.«
-
-»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen Stuhl angeboten mit
-der Weisung, zu warten. Ich wartete bis halb Zwei; dann ging ich
-weg, ärgerlich und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche um mich
-abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz für den nächsten Mittag.«
-
-»Punkt sechs.«
-
-»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich und hielt bis halb
-Drei einen Stuhl warm. Dann ging ich fort und schüttelte den Staub
-dieses Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. Was Grobheit,
-Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen der
-Armee anbelangt, so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements
-nach meiner Ans ...«
-
-»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe viele anscheinend
-gescheite Leute gesehen, die nicht genug gesunden Menschenverstand
-hatten, um eine so einfache und leichte Sache wie diese richtig
-anzufassen. Sie sind für mich nichts Neues; ich habe persönlich
-Millionen und Billionen von Menschen gekannt wie Sie. Sie haben ganz
-unnötig drei Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate
-verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren -- macht zusammen
-neun Monate. Jetzt will ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die
-ich gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie morgen mittag beim
-Generaldirektor vorsprechen, und Ihre Sache durchführen.«
-
-»Famos! Kennen Sie ihn?«
-
-»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«
-
-
-Zweite Geschichte:
-
-Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.
-
-
-I.
-
-Der Sommer war gekommen und die Starken gingen gebeugt unter der
-Last der furchtbaren Hitze und viele von den Schwachen waren
-zusammengebrochen und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, die
-Geißel des Krieges, und Hilfe war keine zu erwarten. Die Aerzte waren
-in Verzweiflung; der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien --
-und er war immer ein recht zweifelhafter gewesen -- war ein Ding der
-Vergangenheit und zwar für immer, wie es schien.
-
-Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, zu einer Beratung vor ihm
-zu erscheinen, denn er befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng
-mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, daß sie seine
-Soldaten sterben ließen und fragte sie, ob sie ihr Geschäft verstünden
-oder nicht, und ob sie wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder.
-Der Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im Reich war und
-von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, antwortete darauf und sagte:
-
-»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was wir konnten, und deshalb ist
-es nur wenig. Keine Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen;
-nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen das. Ich bin alt
-und ich weiß es. Kein Arzt und keine Arzenei können sie heilen -- ich
-wiederhole es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie der Natur
-ein wenig helfen würden -- ein ganz klein wenig -- aber in der Regel
-schaden sie bloß.«
-
-Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher Mensch und
-überschüttete die Aerzte mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie
-von seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst von der grausamen
-Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht flog von Mund zu Mund und
-brachte Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde von nichts
-anderem gesprochen, als von dem betrübenden Unglück, und alle Gemüter
-waren niedergedrückt, denn nur wenige hatten Hoffnung. Der Sultan
-selbst war sehr melancholisch und sagte:
-
-»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die Massenmörder wieder; ich will
-mich drein fügen.«
-
-Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen seine Zunge und holten
-ihren Arzeneivorrat, den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie
-sich geduldig nieder und warteten -- denn sie wurden nicht pro Fall
-bezahlt, sondern erhielten ein jährliches Gehalt.
-
-
-II.
-
-Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht
-zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung
-zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen,
-denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte
-und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets
-bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl
-von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er
-unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit.
-
-Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten
-sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war
-auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen
-Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch
-nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter,
-mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und
-seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere.
-
-Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das
-Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja
-von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte
-darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach:
-
-»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich weiß wie.«
-
-Achmet war überrascht.
-
-»Was! Du?«
-
-»Ja, ich.«
-
-»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«
-
-»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn Minuten kann ich ihn heilen.«
-
-Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen Spaß glauben konnte.
-Deshalb sagte er:
-
-»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du wirklich den Sultan
-heilen?«
-
-»Ich gebe dir mein Wort.«
-
-»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«
-
-»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von einer reifen
-Wassermelone essen.«
-
-Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er lachte laut auf über die
-Absurdität dieses Gedankens, ehe er noch an sich halten konnte. Aber
-sein Lachen verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit gekränkt
-hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, und sagte:
-
-»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; es war gewiß nicht bös
-gemeint, und ich will’s nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so
-furchtbar spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist und die Ruhr,
-da pflanzen die Aerzte ein Zeichen auf, welches besagt, daß jedermann,
-den man hier mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen
-Katze zu Tode gepeitscht wird.«
-
-»Ich weiß -- diese Narren!« sagte Ali, Tränen und Aerger in der
-Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen und nicht ein einziger von all
-den Soldaten hätte es nötig gehabt, zu sterben.«
-
-»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«
-
-»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. Kennst du den alten
-grauköpfigen Neger? Der hat schon eine Menge von unsern Freunden
-geheilt; das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich auch. Man
-braucht nur eine oder zwei Scheiben Wassermelone zu essen und man ist
-kuriert, einerlei ob die Krankheit alt oder neu ist.«
-
-»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so ist, so sollte man’s dem
-Sultan doch sagen.«
-
-»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen Leuten gesagt, in der
-Hoffnung, sie könnten es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und
-wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es der Sultan erfährt.«
-
-»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht wissen,« sagte Achmet
-verächtlich. »_Ich_ will es ihm sagen.«
-
-»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali lachen. Aber Achmet erwiderte
-mit Ueberzeugung:
-
-»Lache du nur; _ich_ tu’s.«
-
-Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf Ali machte und dieser
-frug:
-
-»Kennst du den Sultan?«
-
-»Ob _ich_ ihn kenne? Wie du wieder redest! Ich kenne ihn freilich
-nicht.«
-
-»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan sagen willst?«
-
-»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest du es denn anfangen?«
-
-»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von einem Schreiber einen Brief
-schreiben. Den würde ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt
-nicht daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«
-
-»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im ganzen Reich macht es ebenso.
-Hast du denn daran gar nicht gedacht?«
-
-»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.
-
-»Du hättest daran denken _können_, wenn du nicht so jung und unerfahren
-wärest. Weißt du, wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein
-Dichter, oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen bekannt ist,
-krank wird, so empfehlen alle Narren ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien
-zur Anwendung. Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber
-handelt ...«
-
-»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte Ali etwas verlegen.
-
-»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht führen wir unsere
-fünf, sechs Karren voll solcher Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes
-fort. Achtzigtausend Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, daß die
-überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! Mit deinem Brief würde es
-gerade so gehen. Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den zu
-des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«
-
-»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen wirst,« bat Ali.
-
-Achmet fühlte sich und hub an:
-
-»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das sich einbildet, ein Schlächter
-zu sein, weil es mit einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und
-halbverfaulte Lebern verkäuft? Dem werde ich es _zunächst_ sagen.«
-
-Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.
-
-»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; das ist nicht schön von
-dir. Du weißt doch, daß mir die Sache am Herzen liegt.«
-
-Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und sagte:
-
-»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali. _Ich_ weiß, was ich will.
-Du wirst es schon sehen. Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten
-Krüppel erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke verkäuft -- das
-ist sein bester Freund -- wenn ich ihn darum bitte. Der wiederum wird
-es seinem reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, und
-der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; und der erzählt es
-seinem Freund von der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der dem
-Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi dem Mudir, der Mudir dem
-Oberst von der Leibwache, der läuft zu seinem Freund, dem ...«
-
-»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller Plan, Achmet. Wie kamst du nur
-auf ...«
-
-»... Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral erzählt es dem Vize-Admiral,
-und der Vize-Admiral dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem
-Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral beider Flotten,
-und der dem Wesir, und der Wesir dem ...«
-
-»Weiter, Achmet, weiter!«
-
-»... Scharfrichter, und der erzählt es dem Ober-Scharfrichter, und der
-dem Pascha, und der Pascha dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister,
-und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall, der Hofmarschall dem
-Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister dem Ober-Küchenmeister, dieser
-erzählt es dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen,
-und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen jungen Lieblingssklaven des
-Sultans, der ihm die Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor
-dem Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, -- und das Spiel ist
-gewonnen.«
-
-Ali war aufgesprungen.
-
-»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser hatte. Wie kamst du nur
-darauf?«
-
-»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; ich will dir ein Körnlein
-Weisheit schenken, behalte es solange du lebst. Nun denn, wer ist
-dein bester Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen möchtest und
-könntest?«
-
-»Der bist du, Achmet, das weißt du.«
-
-»Angenommen, du hättest eine ziemlich große Gefälligkeit von dem
-Katzenfleisch-Händler zu erbitten. Nun kennst du ihn aber nicht, und
-er würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten wolltest, denn er
-ist nun mal so ein Kauz. Aber er ist mein bester Freund nach dir, und
-würde sich die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, --
-_jeden_ Gefallen, ganz einerlei welchen. Jetzt frage ich dich: Was
-ist vernünftiger -- wenn _du_ zu ihm gehst und ihn bittest, er solle
-dem Krapfenmann von deiner Melonenkur erzählen, oder wenn du zu _mir_
-kommst, damit _ich_ ihn für dich bitte?«
-
-»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es für mich tust. Ich hätte
-wirklich nie daran gedacht, Achmet; es ist großartig!«
-
-»Es ist eine _Lebensweisheit_. Sie beruht darauf: Jedermann auf dieser
-Welt, groß oder klein, mächtig oder nicht, hat _einen_ speziellen
-Freund, einen Freund, dem er mit _Vergnügen_ behilflich ist -- nicht
-mit Widerwillen, sondern mit _Vergnügen_ -- mit Vergnügen bis ins
-Innerste. Und so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei
-jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du noch so niedrig. Es
-ist ja so einfach: Du brauchst nur den _ersten_ Freund zu finden,
-das ist alles; damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. Er
-findet dann den nächsten Freund schon von selbst, und dieser findet
-den dritten, und so fort, Freund nach Freund, Glied nach Glied, wie
-bei einer Kette; diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie du
-willst oder so tief wie du willst.«
-
-»Das ist herrlich, Achmet!«
-
-»Es _ist_ so leicht und einfach, wie einen Esel zu prügeln; aber hast
-du je gehört, daß jemand danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist
-ein Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche Einführung,
-oder schickt ihm einen Brief, und erreicht natürlich nichts, -- und
-das geschieht ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, aber das
-verschlägt mir nichts. Morgen wird er seine Wassermelone essen; du
-wirst sehen. Hallo! Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn
-einholen. Allah beschütze dich, Ali!«
-
-Er holte ihn ein und sagte:
-
-»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«
-
-»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum batest? Sage mir, was
-ich tun soll und ich werde eilen, wie der Wind.«
-
-»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles stehen und liegen lassen
-und seinem besten Freund mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann,
-wenn er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. Und dieser Freund
-soll es _seinem_ besten Freund weitersagen und so fort, -- bis zum
-Sultan.« Der Katzenfleischverkäufer flog davon.
-
-In diesem Augenblick war die frohe Botschaft des kleinen Kesselflickers
-an den Sultan unterwegs.
-
-
-III.
-
-Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die Aerzte im Krankenzimmer
-des Sultans und flüsterten leise miteinander, denn sie waren in großer
-Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie konnten es sich nicht
-verhehlen, daß, so oft sie ihn mit einer neuen Quantität Arzeneien
-auffüllten, sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte sie
-traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme abgezehrte Sultan lag
-bewegungslos da mit geschlossenen Augen, und sein Lieblingssklave, der
-ihm die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin. Da hörte der
-Knabe einen seidenen Vorhang hinter sich rauschen, drehte sich um und
-gewahrte den Ober-Eunuchen, der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu kommen.
-Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich der Sklave zu seinem geliebten
-Freund, welcher sagte:
-
-»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind, denn du bist des Sultans
-Liebling. Nimm dies hier. Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.«
-
-»Bei Allah, er wird es essen.«
-
-Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone, frisch und saftig.
-
-
-IV.
-
-Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen die Nachricht, daß der
-Sultan wieder wohl und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die
-Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge wälzte sich über
-das ganze Land, und man rüstete sich zu einem großen Jubelfest.
-
-Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem Diwan und überlegte.
-Seine Dankbarkeit war unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk
-nach, das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit darzutun.
-Er rief seinen kleinen Sklaven, und fragte ihn, ob er die Kur erfunden
-hätte. Der Knabe sagte nein, -- er hätte sie vom Ober-Eunuchen
-erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der Sultan überlegte
-wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen den Palast und die Ländereien
-eines Paschas schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie ihm dessen
-jährliches Einkommen anweisen. Er ließ ihn rufen, und fragte ihn, ob
-er der Erfinder des Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein
-ehrlicher Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister des Harems
-erfahren. Er wurde weggeschickt und der Sultan überlegte von neuem.
-Er könnte den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister an
-seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier Pferde aus seinem Stall
-zum Geschenk bekommen. Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den
-Ober-Küchenmeister verwiesen. Abermals überlegte der Sultan, und
-dachte sich ein geringeres Geschenk aus. Der Koch aber verwies ihn an
-den Ober-Stallmeister und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal
-mußte der arme Sultan wieder überlegen und sich ein kleineres Geschenk
-ausdenken.
-
-Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die Sache zu beschleunigen,
-ließ er seinen Hohen Geheimen Ober-Detektive kommen, und befahl ihm,
-herauszufinden, wer die Melonenkur erfunden hätte, damit er seinen
-Wohltäter nach Gebühr belohnen könne.
-
-Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder. Er hatte der ganzen langen
-Kette von Freunden nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen,
-Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan sagte mit tiefem Gefühl:
-
-»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben gerettet und soll es nicht
-bereuen.«
-
-Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen Schuhe, und zwar das
-zweitbeste Paar, das er besaß. Sie waren zu groß für den kleinen Ali,
-aber sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so war alles gut
-und der rechte Mann belohnt.
-
-
-Schluß der ersten Erzählung.
-
-»Nun -- haben Sie die Idee ergriffen?«
-
-»Zu meiner Freude kann ich Sie dessen versichern. Und so wie Sie
-sagten, wird es geschehen: morgen werde ich die Sache meines Freundes
-durchführen. Ich bin eng befreundet mit des Generaldirektors
-bestem Freund. Der wird mir einige Zeilen zur Einführung schreiben
-und betonen, daß die Erfindung tatsächlich für die Regierung von
-Wichtigkeit ist. Diese Empfehlung werde ich mit meiner Visitenkarte
-ganz einfach abgeben, und ich brauche sicher keine halbe Minute im
-Vorzimmer zu warten.«
-
-Dies bestätigte sich, und die Regierung nahm die Stiefelerfindung an.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mark Twains
-
-Ausgew. humoristische Schriften.
-
-_Inhalt_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.=
-
- Bd. III. =Skizzenbuch.=
-
- Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.=
- { =Nach dem fernen Westen.=
-
- Bd. V. =Im Gold- und Silberland.=
-
- Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.=
-
-Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.
-
-Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden.
-
-
-_Neue Folge_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Querkopf Wilson.=
-
- Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt.
-
- Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl.
-
- Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde=
- u. a. Erzähl.
-
-Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden.
-
-Preis _aller 6 Bände_, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Fehlerhafte
- Anführungszeichen der wörtlichen Reden wurden berichtigt. Die
- Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 52: einhundertdreiunddreißig → einhundertdreiunddreißigtausend
- {einhundertdreiunddreißigtausend} Dollars im ganzen
-
- S. 128: Duolität → Dualität
- zwischen systematischer {Dualität}
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***
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