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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Wie Hadleyburg verderbt wurde - Nebst anderen Erzählungen - -Author: Mark Twain - -Release Date: December 16, 2021 [eBook #66952] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - Humoristische Schriften - - Neue Folge. 6. Band - - - - - Wie - Hadleyburg verderbt wurde - - Nebst anderen Erzählungen - - Von - - Mark Twain - - Autorisiert - - Inhalt: - - Wie Hadleyburg verderbt wurde. -- Das Gesundbeten. - -- Die Verschwörung von Fort Trumbull. -- - Aus den ›London Times‹ von 1904. -- Das Todeslos. - -- Zwei kleine Geschichten. - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - - 1903. - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - -Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Wie Hadleyburg verderbt wurde 7 - - Das Gesundbeten 111 - - Die Verschwörung von Fort Trumbull 185 - - Aus den ›London Times‹ von 1904 249 - - Das Todeslos 275 - - Zwei kleine Geschichten 297 - - - - -Wie Hadleyburg verderbt wurde. - - -I. - -Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in der ganzen Gegend wegen -seiner Rechtschaffenheit allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm, -der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei Generationen -unbefleckt erhalten. Damit der Stadt nun auch in Zukunft nichts -davon verloren ginge, war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling -in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in Handel und Wandel -einzuflößen und die ganze spätere Erziehung der Kinder auf solchen -Lehren weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß ihnen während -der Entwickelungsjahre jede Versuchung fern gehalten wurde, damit die -redliche Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen sozusagen -in Mark und Knochen überzugehen. Alle Nachbarstädte waren eifersüchtig, -weil Hadleyburg sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten -darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete. Aber trotzdem -konnten sie nicht umhin, anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die -unbestechlichste Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar zugeben, -daß es für jeden jungen Mann, der aus Hadleyburg stammte, keiner -andern Empfehlung bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um sich -auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen. - -Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der Zeit das Unglück gehabt, -einem durchreisenden Fremden eine -- vielleicht ganz absichtslose -- -Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten sich natürlich keinen -Kummer über so etwas, denn sie waren sich selbst genug und das Urteil -fremder Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten sie klüger -gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen zu nehmen, weil der Beleidigte -ein verbitterter Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein ganzes -Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen nur an die erlittene -Kränkung und benutzte jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel -zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen könne. Ihm -fiel mancher gute Plan ein, aber keiner, der ihn ganz befriedigte. -Das alles hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der Bewohner -geschädigt, und er wollte etwas ausfindig machen, wobei die ganze Stadt -in Mitleidenschaft gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch -mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er auf einen glücklichen -Gedanken und helle Schadenfreude blitzte ihm aus den Augen, als der -Plan ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß fest: »Ja, so -will ich’s machen,« sagte er bei sich; »ich will die Stadt verführen -und verderben.« - -Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der Fremde eines Abends gegen -zehn Uhr vor dem Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor. -Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud ihn auf die Schulter -und schwankte unter der Last über den Hof bis zur Hausthür, wo er -anklopfte. »Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde betrat das -Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den Ofen und wandte sich dann in -höflichem Ton an die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend, bei -der Lampe saß: - -»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte, Platz, Madame. So, -jetzt habe ich den Sack so gut wie möglich verborgen; kein Mensch -würde etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann einen Augenblick -sprechen?« - -»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird schwerlich vor morgen früh -heimkehren.« - -»So? -- Nun, das schadet weiter nichts. Ich wollte ihm nur diesen -Sack übergeben, mit der Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer -zuzustellen, sobald derselbe sich findet. Ich bin hier fremd und Ihr -Mann kennt mich nicht. Auf meiner Durchreise wünschte ich, diese Sache, -welche mir schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu erledigen. -Das ist jetzt geschehen, und ich kann stolz und zufrieden weiterziehen. -An dem Sack ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere erfahren -werden. Gute Nacht, Madame!« - -Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle Fremde wieder fortging, -denn sie fürchtete sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie -ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das Papier von dem Sack -los und begann zu lesen: - - »Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen, oder auf - privatem Wege Erkundigungen nach dem richtigen Manne einziehen - wollen; eins ist so gut wie das andere. -- Der Sack enthält - Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund vier Loth --« - -»Ums Himmels willen -- und die Thür ist nicht verschlossen!« - -An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard nach der Thür und -drehte den Schlüssel um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und -blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen stehen, ob sie nicht -noch etwas für die Sicherung des Goldes und ihrer eigenen Person thun -könne. Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher, dann -trieb die Neugierde sie wieder zu ihrer Lampe zurück und sie las die -Schrift bis ans Ende: - - »Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in meine Heimat zurück, - die ich nicht wieder zu verlassen denke. Für alles Gute, das - ich unter dem Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich - Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen Dank schulde - ich aber einem amerikanischen Bürger und Bewohner Hadleyburgs, - der mir vor etwa zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies. - Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst geleistet, - wie ich des näheren erklären will: Ich hatte mich beim - Glücksspiel zu Grunde gerichtet und kam spät abends hungrig - und ohne einen Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage - hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel der Nacht - bat ich einen Herrn auf der Straße um Hilfe. Ich war an den - Rechten gekommen. Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir - dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte mich auch - zum reichen Manne. Denn mit jenen zwanzig Dollars gewann ich - mir ein Vermögen am Spieltisch. Zugleich aber that er eine - Aeußerung, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen - kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht und mir geholfen, - meine Spielerleidenschaft zu überwinden. Jetzt bin ich ganz - davon geheilt. Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann ist, - doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für ihn ist dies Gold - bestimmt. Er kann damit thun, was er will, es verschenken, es - fortwerfen oder behalten, ganz nach Belieben. Es soll nur der - Ausdruck meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich längere Zeit - hier aufhalten, so würde ich selbst nach ihm suchen, bis ich - ihn fände; aber ich zweifle nicht, daß man es auch ohne meinen - Beistand bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen - auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der Bewohner dieser - Stadt. Mein Wohlthäter wird sich gewiß noch der Aeußerung - erinnern, die er mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als - der richtige Mann ausweisen. - - »Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf privatem Wege zu - betreiben, brauchen Sie bloß den Inhalt dieses Schreibens - demjenigen Ihrer Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht - nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann: ›Ja, der - bin ich, meine Aeußerung lautete so und so,‹ dann machen Sie - die Probe: Wenn Sie den Sack öffnen, werden Sie darin einen - versiegelten Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung - enthält. Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes überein, - so kann er den Sack ohne alles weitere mitnehmen, denn er ist - sicherlich der Rechte. - - »Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor, dann lassen - Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt abdrucken, nebst den - folgenden Bedingungen: Am dreißigsten Tage nach dem heutigen - Datum soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf dem - Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor Burgeß (falls dieser so - freundlich sein will, die Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes - Papier abgeben, welches die bewußte Aeußerung enthält. Hierauf - soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks zerbrechen, denselben - öffnen und sich überzeugen, ob die Worte gleichlautend sind. - Ist dies der Fall, so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen - Wohlthäter das Gold als Beweis meiner aufrichtigen Dankbarkeit - einhändigen zu wollen.« - -Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich aufgeregt -- sie mußte sich -niedersetzen. Bald war sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf -durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare Geschichte! ... Der -gute Mann, der damals aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich -von Glück sagen! ... Wenn es nur mein Eduard gewesen wäre -- wir sind -zwei so arme alte Leute und hätten’s gut brauchen können! ...« Sie -seufzte. -- »Mein Mann würde einem Fremden nicht zwanzig Dollars geben, -nein, sicher nicht ... Leider, leider ist das außer Frage ... Aber -das Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert, wenn ich nur daran -denke. Es ist Sündengeld! Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht -mit einem Finger würden wir es berühren. Schon seine bloße Nähe scheint -mir eine Entwürdigung.« -- Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke -... »Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die Bank trüge. Es ist zu -schrecklich, so ganz allein mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz -vor Dieben.« -- - -Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue ich mich, daß du wieder -da bist,« rief ihm seine Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin -ganz abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich arg, daß ich so -arm bin und noch in meinem Alter diese elenden Fahrten machen muß. -Fort und fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten Gehalt -- -Sklavenarbeit für einen andern thun, der unterdessen in Schlafrock und -Pantoffeln behaglich daheim im Lehnstuhl sitzt -- es ist nicht zum -aushalten!« - -»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das thut. Aber wir haben doch -unser tägliches Brot und unsern guten Namen, das ist wenigstens _ein_ -Trost.« - -»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache. Höre nur nicht auf -mein Gerede. Mich hat der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat -nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt ist schon alles wieder -gut; du sollst keine Klage mehr hören. Was hast du denn aber bekommen? -Was ist in dem Sack?« - -Nun erzählte die Frau das große Geheimnis, und ihm wurde zuerst ganz -schwindelig zu Mute. Endlich sagte er: - -»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber Mary -- das sind ja -vierzigtausend Dollars -- ich bitte dich -- ein ganzes Vermögen, wie es -kaum zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der Zettel?« - -Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein Roman,« rief er. »Solche -abenteuerlichen Begebenheiten stehen wohl in Büchern, aber im Leben -sind sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit war jetzt von ihm -gewichen. In der besten Laune tätschelte er seiner alten Frau die -Wangen. - -»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen, »wir sind jetzt mit -einemmal reiche Leute. Laß uns das Gold vergraben und die Papiere -verbrennen. Wenn der Glücksspieler je wiederkommt, brauchen wir nur -kaltblütig auf ihn herabzuschauen und zu sagen: ›Was reden Sie da für -ungereimtes Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem Goldsack -je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde er ein verblüfftes Gesicht -machen und --« - -»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und schaffe das Geld fort, ehe -die Diebe es holen.« - -»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen -- soll ich private -Nachforschungen anstellen? -- Nein, lieber nicht; dabei ginge alle -Romantik verloren. Besser wir betreiben die Sache öffentlich. Stelle -dir nur vor, was das für Aufsehen machen wird. Alle andern Städte -werden uns beneiden, denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner -einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er Hadleyburg erweist. -Es ist ein Haupttreffer für uns. Jetzt will ich nur schnell in die -Druckerei gehen, es wird sonst zu spät.« - -»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht allein mit dem Gold!« - -Aber er war schon fort, doch nicht auf lange. Wenige Schritte von -seinem Hause begegnete er dem Chefredakteur und Eigentümer des -Tageblatts, gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich Ihnen etwas -Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!« - -»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will sehen, ob es sich thun -läßt.« - -Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte er noch ein langes -Gespräch mit seiner Frau über das wundervolle Geheimnis. Schlafen -konnten sie beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl der -Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig Dollars geschenkt hatte, -bot keine Schwierigkeiten; sie beantworteten dieselbe wie aus einem -Munde: - -»Barclay Goodson.« - -»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so etwas thun können; aber sonst -niemand in der ganzen Stadt.« - -»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit Goodson vor einem halben -Jahr gestorben ist, haben wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige, -selbstgerechte und geizige Bürger, wie das von jeher so war.« - -»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch bis zu seiner Todesstunde, -und vor aller Ohren.« - -»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.« - -»Freilich; aber er machte sich nichts daraus. Es war wohl kein Mensch -in Hadleyburg so verhaßt wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.« - -»Burgeß -- nun ja, dem geschieht es ganz recht; von dem hat sich die -Gemeinde ein für allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar -vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt hat, um das Geld -abzuliefern?« - -»Hm -- ich weiß nicht. Vielleicht kennt der Fremde den Pastor Burgeß -besser als unsere Stadt ihn kennt.« - -»Um so schlimmer für Burgeß.« - -Reichard schien um eine Antwort verlegen und wich dem fest auf ihn -gerichteten Blick seiner Frau soviel wie möglich aus. Endlich sagte er -mit unsicherer Stimme: - -»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist Burgeß durchaus nicht.« - -Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an. - -»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s glauben. Seine -Unbeliebtheit gründete sich einzig und allein auf jene gewisse Sache -- -die damals so viel Lärm gemacht hat.« - -»Ich meine doch, jene Sache genügte an und für sich vollkommen, um zu -beweisen -- --« - -»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.« - -»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch zweifelte doch an seiner -Schuld.« - -»Mary -- mein Wort darauf -- er hatte die That nicht begangen.« - -»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher solltest du es auch wissen?« - -»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber es muß heraus: Ich war -der einzige Mensch, der seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten -vermocht, aber -- aber -- du weißt ja wie aufgebracht alle Welt gegen -ihn war -- ich hatte nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den Hals zu -hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich das war; doch dem allgemeinen -Haß zu trotzen ging über meine Kräfte.« - -Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich stammelte sie: - -»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen. Man muß auch -- die -öffentliche Meinung -- berücksichtigen -- und darf nicht -- --« Sie war -vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf geraten. Nach einer Weile -begann sie von neuem: »Freilich, er thut einem leid -- aber -- Nein, -wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns nehmen können. Ich wäre -trostlos gewesen, hättest du es gethan.« - -»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf gestoßen haben, Mary, -- sie -hätten uns ihr Wohlwollen entzogen, und -- und --« - -»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen, was Burgeß selbst wohl von -uns denken mag, Eduard.« - -»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld weiß.« - -»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung. Sonst würde er doch -- -nein, das ändert die Sache gewaltig. -- Ich hätte mir’s übrigens denken -können, daß er keine Ahnung hat; würde er uns sonst wohl bei jeder -Gelegenheit so freundlich begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von -unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon deswegen verspottet. -Die Wilsons, Harkneß und Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen -daraus, mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden, weil sie wissen, -wie mich das in Harnisch bringt. Wenn er nur aufhören wollte, uns mit -seiner besonderen Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar nicht, was ihn -dazu treibt.« - -»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe ich’s selbst vor -dir geheim gehalten: Als das Ding zuerst ruchbar wurde und alle so -entrüstet waren, daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben, quälte -mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht länger aushielt. Ich warnte -ihn insgeheim, so daß er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte; -erst als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.« - -»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen wären!« - -»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut über, wenn ich nur -daran denke. Es reute mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte -ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte es deinem Gesicht -ansehen. Vor lauter Angst schloß ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber -niemand hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen wurde ich -ruhiger, und später freute ich mich ordentlich, es gethan zu haben. Ja -ich bin noch heute von ganzer Seele froh darüber.« - -»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich gewesen. Du warst ihm das -wirklich schuldig. -- Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt -würde? was dann?« - -»Das ist ganz ausgeschlossen.« - -»Wieso?« - -»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß gewarnt.« - -»Das lag sehr nahe.« - -»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem falschen Verdacht. Der -arme alte Salsberg wurde zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu -beschuldigen. Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher -Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹ sagte er dann, ›Sie stellen wohl -die Untersuchungskommission vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und warf -sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren etwa alle Einzelheiten -zu wissen, oder würde ihnen eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben -Sie mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson; falls Einzelheiten -verlangt werden, will ich wiederkommen.‹ ›Sehr wohl; so sagen Sie -den Herren nur -- sie sollen sich zur Hölle scheren -- das wird wohl -allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg, möchte ich aber obendrein -den Rat geben, wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen, um -die Ueberreste aufzulesen, die noch von Ihnen vorhanden sein könnten.‹« - -»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde ihn gleich daran erkennen. -Allen Leuten guten Rat zu erteilen war seine einzige Schwäche; er -glaubte das besser zu verstehen als jeder andere.« - -»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache hatte damit ihr Bewenden; man -ließ sie ein für allemal ruhen.« - -»Du meine Güte, das verstand sich wohl von selbst.« -- - -Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf den Geldsack zu sprechen. -Bald entstanden jedoch Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der -Mann, einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer längere -Unterbrechungen des Gesprächs traten ein, bis Reichard sich endlich -ganz seinen Gedanken überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den -Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei nervöse Bewegungen, -die seinen geheimen Aerger verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort, -doch zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt stand Reichard -auf, ging wie ein Nachtwandler, der böse Träume hat, ziellos im Zimmer -hin und her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Plötzlich schien -er einen Entschluß zu fassen; stumm griff er nach seinem Hut und -schritt eilig zur Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und brütete -vor sich hin, ohne auch nur zu merken, daß sie allein war. Von Zeit zu -Zeit bewegte sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver ... aber ach, wir -sind so arm! Führe uns nicht ... Wem würde es denn Schaden bringen? -- -Kein Mensch hätte es je erfahren ... Führe uns ...« sie murmelte nur -noch unverständliche Laute. Nach einer Weile sah sie auf; Schrecken und -Freude zugleich malten sich in ihren Zügen. - -»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht kommt er zu spät -- zu -spät ... Doch wäre es ja möglich, daß er noch zur Zeit ...« Sie erhob -sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und während ihr ein -Schauer durch alle Glieder lief, sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s -Gott -- das sind schreckliche Gedanken -- aber ... was hilft’s -- wir -sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!« - -Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen zu dem Sack hin, kniete -sich auf den Boden, befühlte ihn von allen Seiten und strich liebkosend -mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten Augen schwelgten -förmlich in dem Anblick. Von Zeit zu Zeit erwachte sie wie aus einem -Traum und murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet hätten -- nur -eine kleine Weile, statt die Sache so zu überstürzen!« - - * * * * * - -Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus dem Bureau nach Hause -gegangen und hatte seiner Frau alles erzählt, was sich Wunderbares -zugetragen. Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste und kamen -überein, daß keiner ihrer Mitbürger, außer dem verstorbenen Goodson, -großmütig genug wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars zu -schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide Ehegatten blickten -nachdenklich zu Boden; gleich darauf wurden sie unruhig und aufgeregt; -endlich murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand weiß um dies -Geheimnis, außer die Reichards und wir ... kein einziger Mensch.« - -Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine Frau, die ganz blaß -geworden war, verständnisvoll an, stand zögernd auf, blickte verstohlen -bald auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte -- eine stumme Frage. -Frau Cox schluckte ein paarmal und räusperte sich, dann nickte sie -leise mit dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer und -die Hausthür fiel klirrend ins Schloß. - -Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten jetzt Reichard und -Cox durch die menschenleeren Straßen. Ganz außer Atem kamen sie -gleichzeitig an der Treppe zur Druckerei an und schauten einander beim -Laternenschein ins Gesicht. - -»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte Cox im Flüsterton. - -»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der andere leise zurück. -»Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um -- --« - -Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen, als ein Junge zu -ihnen trat. - -»Bist du das, Johann?« - -»Ja, Herr Cox.« - -»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken. Laß alles liegen, -bis ich’s dir sage.« - -»Die Postsachen sind schon fort.« - -»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung aus den Worten. - -»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und Umgegend ist heute ausgegeben -worden. Die Zeitungen mußten eine Viertelstunde früher auf der Bahn -sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre ich zwei Minuten später -dagewesen, so -- --« - -Die Herren entfernten sich langsam, ohne das Ende seiner Rede -abzuwarten. Eine Weile schritten sie stumm nebeneinander her, endlich -sagte Cox ärgerlich: - -»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu übereilen. Es ist mir -vollkommen unbegreiflich.« - -Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s freilich ein,« sagte er; -»vorher hätte ich mir’s gar nicht überlegt, bis es zu spät war. Das -nächste Mal will ich gewiß -- --« - -»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was kommt in tausend Jahren -nicht wieder!« - -Die Freunde trennten sich ohne Gruß und schleppten sich mühselig -nach Hause, als hätte sie ein schwerer Schicksalsschlag getroffen. -In atemloser Spannung warteten die Frauen daheim; sie lasen den -Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht ab, es bedurfte keiner Worte. -Nun folgte in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche -Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten noch niemals -stattgefunden. Die Sache verlief hier und dort fast auf die gleiche -Weise: - -»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau Reichard; »aber nein, in -deiner Gedankenlosigkeit läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei -und posaunst es in der ganzen Welt aus.« - -»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht werden.« - -»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch unter vier Augen abzumachen. -Das kannst du doch nicht leugnen.« - -»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen dachte, und wie -schmeichelhaft es für Hadleyburg ist, daß ein Fremder solches -Vertrauen in unsere Redlichkeit setzt --« - -»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und breit vorzuhalten. Aber, -bei einigem Nachdenken hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der -rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil er im Grabe ruht und -weder Kind noch Kegel, kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist. -Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen können, die es so nötig -brauchen wie wir? Kein Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und -- -und --« - -Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach sich vergebens den -Kopf, womit er sie trösten könne; endlich sagte er: - -»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung hat es nun einmal so gefügt -und deshalb muß es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl so am -besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.« - -»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit begangen hat. -- War -es nicht ebenso gut eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade uns -zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich, die Absicht der Vorsehung -zu durchkreuzen -- mit welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als -gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen Christenmenschen -durchaus nicht zukommt.« - -»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze Erziehung in Hadleyburg darauf -ausgeht, und auch wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen -Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot der Redlichkeit -handelt; das ist uns zur zweiten Natur geworden.« - -»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und immer wieder vorgepredigt -und uns von der Wiege an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege -geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden? Man hat eine _künstliche_ -Ehrlichkeit groß gezogen, die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald -sie einmal auf die Probe gestellt wird -- das haben wir diese Nacht -gründlich erfahren. Gott weiß, mir wäre auch nie der Schatten eines -Zweifels an meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen, -und die erste wirkliche Versuchung wirft alle meine Grundsätze über -den Haufen. Du kannst mir glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der -ganzen Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade so -fadenscheinig wie meine und deine. Die Leute hier sind engherzig und -geizig, und ihre einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden -und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist auch nicht weit her. -Tritt einmal eine große Versuchung an sie heran, so wird ihr ganzer -Ruhm zusammenfallen wie ein Kartenhaus -- verlaß dich drauf. So -- -nach diesem Bekenntnis ist mir schon leichter ums Herz. Mein Leben -lang habe ich der Welt etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich -soll niemand wieder eine redliche Frau nennen -- das verbitte ich mir -gehorsamst.« - -»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der Seele gesprochen. -Merkwürdig -- ich hätte das nie für möglich gehalten!« - -Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt. -Endlich schaute die Frau auf. - -»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.« - -Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast schäme ich mich, es dir -einzugestehen, Mary.« - -»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage im Kopf herum.« - -»Wirklich? Und die wäre?« - -»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur erraten könnte, was das für -eine Aeußerung war, die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹« - -»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde und Schande. Schämst -du dich nicht auch?« - -»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns die Sicherheitskette -vorhängen. Wir sind für den Sack verantwortlich, bis er morgen früh in -das Bankgewölbe geschafft werden kann. -- Du liebe Zeit -- hätten wir -nur nicht die Thorheit begangen!« - -Während der Mann die Thür fest verwahrte, sagte Mary: - -»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich auf‹ ist. Wie kann nur die -Aeußerung gelautet haben? -- Aber komm, laß uns zu Bette gehen.« - -»Und einschlafen?« - -»Nein, nachdenken.« - -»Ja, das wollen wir.« -- - - * * * * * - -Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel, der mit einer -Versöhnung schloß, gleichfalls zu Ende geführt und sich zur Ruhe -begeben. Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig wälzten sie sich -hin und her und zermarterten sich das Hirn, was Goodson dem verarmten -Fremden wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte mußten das doch -gewesen sein -- sie waren ja vierzigtausend Dollars wert! -- - - * * * * * - -An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt länger offen als -sonst und zwar aus guten Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte -Faktor war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte -Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge war dies ein bloßes -Ehrenamt, das er bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte er -keine Depesche zusammen, die als verwendbar angenommen wurde. Doch -heute verhielt sich die Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er -die große Begebenheit meldete, war eine umgehende Antwort erfolgt: - - »_Telegraphieren Sie die ganze Geschichte mit allen - Einzelheiten -- zwölfhundert Wörter._« - -Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte ihn aus und war über -die Maßen stolz auf seine Leistung. Schon am nächsten Morgen zur -Frühstückszeit war in ganz Amerika, von Montreal bis zum Golf von -Mexico, und von der Gletscherwelt Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen -nur Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf aller Lippen. -Viele Millionen Menschen sprachen von dem Fremden und seinem Goldsack; -man stritt hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden würde, und -wartete gespannt auf weitere Nachricht, die hoffentlich in kürzester -Frist eintreffen würde. - - -II. - -Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war es eine weltberühmte -Stadt; man staunte, man freute sich und war stolz darauf -- -unbeschreiblich stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre -Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln die Hände, so oft sie -einander trafen, und wünschten sich Glück, daß Hadleyburg von nun an -in jedem Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit zu -finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen Bürger samt ihren -Frauen folgten diesem Beispiel. Alt und jung lief auf die Bank, -wo der Geldsack zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen die -bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons und der Nachbarstädte -in Scharen herbeigeströmt. Gegen Abend und am folgenden Tag trafen -Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die den Sack in -Augenschein nahmen, sich die Geschichte bestätigen ließen, sie mit -allen Einzelheiten von neuem zu Papier brachten und durch kühne -Bleistiftskizzen illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den Sack -ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude, die Kirchen der -Presbyterianer- und der Baptistengemeinde, den Marktplatz und das -Rathaus, wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt werden -sollte. Ja sie entwarfen sogar scheußliche Porträts von dem Ehepaar -Reichard, dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor, von Pastor -Burgeß, vom Postmeister und selbst von Jack Halliday, einem gutmütigen, -respektlosen Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund aller -kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der sich als Fischer, Jäger oder -Bummler im Ort herumtrieb. -- Der knauserige Pinkerton zeigte den -Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling, rieb sich -vergnügt die Hände und erging sich in salbungsvollen Reden über den -alten, festbegründeten Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen sich -die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so wunderbare Weise bestätigt -worden sei. Er hoffe und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika -Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche Wiedergeburt erzeugen -werde. - -Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter nach und nach ruhiger; -der wilde, stolze Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles, -wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen Behagens. -Der Ausdruck friedevoller Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern. - -Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich trat eine Veränderung -ein, was zuerst niemand bemerkte, außer Jack Halliday, dem selten -etwas entging und der über alles seine Späße machte, es mochte sein, -was es wollte. Er fing mit allerlei beißenden Bemerkungen an, weil -dieser und jener nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau -trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete er, die Leute würden -immer schwermütiger; später schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer -ergriffen, und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem Grade -verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend, daß er sich anheischig -machen wolle, selbst dem ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche -zu stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken. - -Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte, konnte man zur -Schlafenszeit in den neunzehn angesehensten Häusern der Stadt tiefe -Seufzer hören, worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die Worte -ausbrach: - -»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson nur gethan haben!« - -»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd. »Was für -schreckliche Dinge wälzest du in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen -schlage sie dir aus dem Kopf!« - -Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf, und der Widerspruch der -Frau war schon etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten und den -folgenden Abenden die Frage immer angstvoller wiederholte, fuhr die -Frau nur noch unruhig mit den Händen hin und her; sie öffnete den Mund, -sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide jedoch die Sprache wieder und -seufzten sehnsuchtsvoll: »O, könnten wir es doch erraten!« -- - -Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu Tag unangenehmer und -abfälliger. Er ging in der ganzen Stadt umher und machte sich bald -über jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft lustig. -Außer ihm lachte aber niemand mehr weit und breit, seine Fröhlichkeit -bildete den grellsten Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln -war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug jetzt eine Zigarrenkiste -auf einem Holzgestell mit sich herum, als wäre es eine Camera für -Momentaufnahmen. Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte seinen -Apparat auf und rief: »Fertig! -- Etwas freundlicher, wenn ich bitten -darf!« Aber selbst bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der -trübseligen Gesichter. - -So vergingen drei Wochen -- noch acht Tage, dann sollte es sich -entscheiden. Es war Samstag Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht -gespeist. Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden und dem -fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um diese Zeit auf den Straßen -herrschte, war alles wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau -saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer, jedes in seiner Ecke. -So trieben sie es jetzt Abend für Abend, während sie früher behaglich -beisammen gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd, wenn sie -nicht bei den Nachbarn Besuch machten oder diese bei ihnen vorsprachen. -Aber das alles schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen -- -und war doch erst zwei oder drei Wochen her. Niemand plauderte jetzt, -man las nicht, man machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim -und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen, jene rätselhafte Aeußerung -zu erraten. - -Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah die Aufschrift von -unbekannter Hand und den Poststempel gleichgültig an, warf das -Schreiben auf den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses -Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei oder drei Stunden später stand -seine Frau schwerfällig auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu gehen -- -nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem Brief blieb sie jedoch stehen -und starrte eine Weile gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn -und überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken an der -Wand saß, hörte plötzlich einen schweren Fall -- seine Frau lag auf dem -Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber sie rief: - -»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß. Hier den Brief mußt du -lesen!« - -Er that es. Jedes Wort verschlang er, während sich alles mit ihm im -Kreise zu drehen schien. Der Brief kam aus einem entfernten Staat und -lautete: - - »Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung zu machen, - obgleich ich Ihnen ganz fremd bin. Nach meiner soeben erfolgten - Rückkunft aus Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt - zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die Aeußerung - gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin der einzige Mensch auf - der Welt, der Ihnen sagen kann, daß es Goodson gewesen ist. - Wir kannten uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise - war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis zur Abfahrt des - Mitternachtzuges. Ich stand dabei, als er im Dunkeln in der - Hale-Allee jene Aeußerung dem Fremden gegenüber that; auch - unterhielten wir uns noch auf dem Heimweg darüber, und bei - der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe des Gesprächs kam die - Rede noch auf viele Ihrer Mitbürger, über die er sich jedoch - keineswegs schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte - er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie gehörten, soviel - ich weiß. Irgend welche Zuneigung sprach er zwar für keinen - einzigen aus, doch erinnere ich mich, daß er sagte, ein - Hadleyburger -- ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin - ich meiner Sache nicht ganz gewiß -- hätte ihm einmal einen - großen Dienst erwiesen, vermutlich ohne dessen Tragweite selbst - zu kennen. Wenn er ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei - seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger seinen Fluch - hinterlassen. Waren Sie also derjenige, welcher ihm den Dienst - geleistet hat, so sind Sie sein rechtmäßiger Erbe und können - den Goldsack als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, daß ich - mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen kann, denn diese - Tugenden erbt ja jeder Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen - Vätern. So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, da ich - überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht selbst der rechte - Mann sind, nach demselben suchen, bis Sie ihn gefunden haben, - und Sorge tragen, daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten - Dienst wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es sich - handelt, lautete: ›_Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. - Geht hin und bessert Euch._‹ - - Howard L. Stephenson.« - -»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh und dankbar bin ich. Gieb -mir einen Kuß, das hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan -- mein -Verlangen war gar zu groß -- nach dem Gelde -- nun kannst du dich von -Pinkerton und seiner Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave -mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so leicht wird mir ums -Herz vor lauter Freude.« - -Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen auf dem Sofa -zubrachte, gehörte zu den glücklichsten in ihrem Leben. Es war, -als sollte die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die mit dem -Brautstand begonnen und keine Unterbrechung erlitten hatte, bis der -Fremde das unheilvolle Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile sagte -die Frau: - -»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes Glück, daß du dem braven -Goodson solchen großen Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn -nicht leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du hast nie -damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht -- das war ein schöner und -edler Zug von dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen -sollen; mir scheint, das warst du mir schuldig.« - -»Ja, siehst du, Mary -- das ging doch nicht an --« - -»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern sage es mir. Ich habe -dich immer lieb gehabt, aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute -glaubten, es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen in der Stadt, -und nun stellt sich heraus, daß du -- so sprich doch, Eduard.« - -»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.« - -»Du kannst nicht? Aber weshalb?« - -»Siehst du -- nun ja -- ich habe es ihm versprechen müssen.« - -Sie maß ihn mit großen Blicken. - -»Du hast versprochen, mit niemand davon zu reden?« fragte sie -eindringlich. »Ist das wirklich der Fall?« - -»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?« - -Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann reichte sie ihm die -Hand. - -»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind schon weit genug vom -rechten Wege abgeirrt. All dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über -die Lippen gekommen -- aber jetzt scheint ja selbst der festeste Grund -unter unsern Füßen zu wanken, da -- da --« Die Stimme versagte ihr -einen Augenblick, dann stammelte sie: »Führe uns nicht in Versuchung -... Ich glaube an dein Versprechen, Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich -will nicht weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende hat, wollen -wir unser Glück genießen und es uns durch keinen Schatten trüben -lassen.« - -Für Eduard war das leichter gesagt als gethan; seine Gedanken irrten -ruhelos umher, während er sich zu besinnen suchte, was für einen Dienst -er Goodson geleistet hatte. - -Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein Auge zu. Mary überlegte -voll innerer Befriedigung, was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard -war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen. Zuerst hatte -er Gewissensbisse wegen der Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb -es. Aber hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser tägliches -Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit. War etwa Mary besser als -er? -- O nein; während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich -zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert, daß man die Papiere -nicht vernichtet habe, um das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen -weniger schlecht als Lügen? -- - -Ueber diesen Punkt war er also beruhigt -- die Lüge trat in den -Hintergrund und störte seinen Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste -Frage an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet? -- Goodsons -eigenes Zeugnis, von dem Stephensons Brief berichtete, sprach dafür -und war der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf der Hand. -Also konnte man auch diesen Punkt füglich für erledigt ansehen ... -Nein, doch nicht so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen, -daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten können, ob er, -Reichard, oder ein anderer den Dienst geleistet habe, und, o Jammer, -er verließ sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte -entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson war überzeugt, daß er -rechtschaffen genug sein würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls -er der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen Menschen in solche -Lage zu versetzen. Wozu hatte nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt -aufgebracht? Das hätte doch recht gut aus dem Brief wegbleiben können. - -Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter, daß gerade sein Name dem -Briefsteller im Gedächtnis geblieben war? Das sah doch ganz so aus, -als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich, es war ein sehr gutes -Zeichen; je mehr er darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm, -und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen Beweis. Wenn aber -etwas einmal erwiesen ist, thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr -darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig und schlug -sich die Sache sofort aus dem Sinn. - -Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute, nur eine Kleinigkeit ließ -ihn noch nicht zur Ruhe kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte, -stand fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen? Das mußte ihm -erst noch einfallen -- dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen -schließen und schlafen können. So dachte er denn hin und her an jede -nur mögliche Dienstleistung, aber nichts schien ihm groß und bedeutend -genug, um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür ein Vermögen -hinterlassen zu können. Und leider erinnerte er sich auch gar nicht, -etwas der Art wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur, wodurch -man einen Menschen zu so außergewöhnlichem Dank verpflichten konnte? -Vielleicht wenn man seine Seele rettete? Ja, das mußte es sein. Hatte -er es sich nicht einmal zur Aufgabe gemacht, Goodson zum Glauben zu -bekehren? Gewiß -- und wie lange hatte er daran gearbeitet? -- Zuerst -meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch bei Lichte besehen schrumpfte es -zu einem Monat zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich blieb -gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu seinem größten Leidwesen -mit vollkommener Deutlichkeit, daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle -zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich um seine eigenen -Angelegenheiten kümmern; ihm sei ganz und gar nichts daran gelegen, -mit den Hadleyburgern in den Himmel zu kommen. - -Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons Seele hatte er nicht -gerettet, das stand fest. Vielleicht aber sein Haus und Gut. Nein, -damit war’s auch nichts -- er besaß keines. Sein Leben? Natürlich -- -auf jeden Fall. Daran hätte er doch gleich denken sollen. Nun war er -endlich auf der rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien -Spielraum. - -Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig damit, Goodson auf jede -erdenkliche und meist sehr gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer -gelang ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen Punkt, aber gerade wenn -er auf dem besten Wege war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich -geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, der dies zur -Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken zum Beispiel: Reichard war weit -hinaus geschwommen und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand glücklich -ans Land gebracht, während die Menge am Ufer stand und ihm zujauchzte. -Er hatte es alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung daran wurde -immer lebhafter, aber da kam der Rückschlag: Unmöglich -- die ganze -Stadt hätte es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, und in -seinem eigenen Gedächtnis wäre die That unauslöschlich verzeichnet -gewesen; so etwas vergißt man nicht wieder, es ist auch kein Dienst, -dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel ihm zuguterletzt -noch ein, daß er ja gar nicht schwimmen könne. - -Halt -- diesen Punkt hatte er von vornherein übersehen: Es mußte ein -Dienst sein, den er möglicherweise geleistet haben konnte, ›ohne dessen -ganze Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache wesentlich. -Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen kam er denn auch wirklich zu -einem befriedigenden Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson einmal -nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches Mädchen Namens Nancy Hewitt -zu heiraten; er hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde -wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, und Goodson wurde mit -der Zeit ein verbitterter Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz -offen zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte sich in der Stadt -das Gerücht verbreitet, daß das Mädchen nicht ausschließlich von Weißen -abstamme, sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern gehabt habe. -Reichard wälzte diesen Umstand so lange in seinem Haupte, bis ihm war, -als tauchten aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten -auf, an die er lange nicht mehr gedacht haben mochte. War er es denn -nicht gewesen, der den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt und -die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich erfuhr Goodson, von -wem die Nachricht ausgegangen war und wer ihn davor bewahrt hatte, -die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen Dienst hatte -er ihm geleistet, ohne es selbst zu ahnen, also auch, ohne dessen -Tragweite zu kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie genauer Not -er der Gefahr entronnen war, blieb seinem Wohlthäter dankbar bis ans -Grab und wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. Das -war alles klar und einfach, je mehr Reichard darüber nachdachte, um -so einleuchtender ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt -und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm das Ganze so deutlich -vor der Seele, als hätte er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich -unterdessen für sechstausend Dollars ein Haus gekauft und ein Paar -Pantoffeln zum Geschenk für ihren Pastor; dann war sie friedlich -eingeschlummert. -- - -An ebendemselben Samstag Abend hatte der Postbote auch jedem der -andern angesehenen Hadleyburger einen Brief gebracht -- neunzehn -Briefe alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden und nicht -zwei Adressen von der nämlichen Hand, aber die Briefe selbst glichen -einander völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, welchen -Reichard erhalten hatte, auch alle von Stephenson selbst geschrieben, -nur mit dem einzigen Unterschied, daß darin der Name des jedesmaligen -Adressaten an Stelle von Reichards Namen stand. - -Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn angesehenen Männer, -was ihr Mitbürger Reichard um dieselbe Zeit gethan hatte -- sie -waren aus Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst zu -besinnen, den sie -- ohne es zu wissen -- Barclay Goodson geleistet -hatten. Die Arbeit kostete ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie -wurden doch damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen -thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich siebentausend -Dollars von den vierzigtausend aus, die der Sack enthielt -- -einhundertdreiunddreißigtausend Dollars im ganzen, wenn man die Summen -zusammenzählt. - -Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht, zu sehen, daß die -Gesichter der neunzehn angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder -den früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien ihm unfaßlich -und ihm fiel auch nicht die kleinste witzige Bemerkung ein, um diese -himmlische Ruhe zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig und -ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, dem Rätsel auf den Grund zu -kommen, es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox begegnete -und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte er bei sich: »Ihre Katze -hat Junge gekriegt,« aber das war nicht der Fall, wie er auf seine -Erkundigung von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar vielleicht -das Bein gebrochen? War Gregor Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte -Pinkerton ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für verloren -gehalten? -- Dies und noch vieles andere riet Jack Halliday, als er -die seelenvergnügten Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er, -daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen Fällen blieb die Sache -zweifelhaft. Nur _eins_ stand fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger -Familien sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit dieser -Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste beruhigen. - -Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte sich vor kurzem am Ort -niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing -sein Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. Das entmutigte -ihn sehr und er fing bereits an, sein Unternehmen zu bereuen, als der -Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten Bürger der Stadt fanden -sich eine nach der andern bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag -der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden Sie einstweilen noch -nicht davon,« hieß es; »wir haben den Plan, uns ein Haus zu bauen, -möchten aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.« - -Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage und schrieb noch denselben -Abend an seine Tochter, sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten -auflösen, da sie jetzt eine weit bessere Partie machen könne. - -Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere wohlhabende Herren -gedachten sich Landhäuser zu kaufen -- doch warteten sie die Sache erst -ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung nie ohne den Wirt. - -Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, ein Kostümfest zu geben. -Man äußerte zwar noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den -Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen Andeutungen. »Wir -haben es uns vorgenommen,« hieß es, »und wenn es dazu kommt, werden Sie -natürlich auch eingeladen.« Alles war erstaunt darüber. »Wie können die -armen Wilsons nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; »ihre -Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige Damen aus der Zahl der -neunzehn meinten aber, der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen -zu warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, und dann einen -Ball zu geben, der jenen ganz in den Schatten stellen sollte. - -Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs die Verschwendungssucht, -immer wilder wurden die Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es -hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der neunzehn Familien -nicht nur mit den vierzigtausend Dollars fertig werden, sondern -sich auch darüber hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die -Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit begnügten sich manche -nicht damit, Pläne zu schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe -- -auf Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker, Börsenpapiere, -kostbare Kleider, Wagen und Pferde nebst vielen andern Dingen -schafften sich die Leute an, zahlten ein Draufgeld und machten sich -verbindlich, den Rest nach Ablauf von zehn Tagen zu entrichten. - -Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen und auf vielen -Gesichtern begann sich eine entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln, -wie Halliday zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel wurde ihm nur -noch unerklärlicher. »Die Kätzchen bei Wilcox sind nicht gestorben, -weil gar keine zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich; »niemand -hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter sind noch am Leben -- da -werde nun einer klug daraus!« - -Auch ein anderer Hadleyburger war über die Vorgänge in der Stadt -höchlich verblüfft, nämlich der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er -nirgends hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder ihm auflauerte. -Kam er an irgend einen entlegenen Ort, so tauchte sicher dieser oder -jener seiner Mitbürger auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag -in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend im Rathaus zu öffnen,« und -verschwand wieder gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von -vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch auf den Sack -erheben werde, denn Goodson war ja tot. Daß die Leute, welche sich an -ihn drängten, lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch nicht -von ferne in den Sinn. Als der wichtige Tag endlich erschien, hatte -Burgeß neunzehn versiegelte Briefumschläge in der Tasche. - - -III. - -Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. Im Hintergrund -der Rednerbühne, sowie längs den Wänden und Galerien war der ganze -Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und behängt; sogar um die -Säulen schlangen sich bunte Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen -mächtigen Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man vorausgesehen -hatte, von nah und fern herbeiströmten; unter ihnen auch eine Menge -Berichterstatter der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal war zum -Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen Plätze waren sämtlich besetzt, -sondern auch 68 Extrastühle, welche man hier und da verteilt hatte, -sowie die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden sich -Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, und Tische in Hufeisenform, an -denen die Herren von der Presse Platz genommen hatten. - -Die Damen waren in großer Toilette; solchen Staat hatte Hadleyburg -noch nie erblickt. Dem Anschein nach fühlten sich einige von ihnen -nicht sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens machten die -Einheimischen diese Bemerkung, was aber wohl daher rühren mochte, daß -sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem ganzen Leben noch niemals -solche Kleider angehabt. - -Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem kleinen Tisch, wo alle -Welt ihn sehen konnte, lag der Goldsack. Dorthin wandten sich die -meisten Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem -Verlangen, während neunzehn Ehepaare den Sack mit einem liebevollen -Eigentumsgefühl betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen -Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen die hübsche kleine -Rede aus dem Stegreif, mit welcher sie alsbald ihren Dank für die -Glückwünsche der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu Zeit zog -bald dieser bald jener Herr ein Stück Papier aus der Westentasche, um -seinem Gedächtnis nachzuhelfen. - -Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; als aber Pastor -Burgeß aufstand und seine Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill -im Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. Der Pastor erzählte -die wunderbare Geschichte des Sacks und erging sich dann in warmen -Worten über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser Redlichkeit, -auf den die Stadt mit Recht stolz sein könne. Dieser Ruf, sagte er, -sei ein Besitz von unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen -sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit habe sich -Hadleyburgs Ruhm allenthalben verbreitet, so daß die Blicke von ganz -Amerika jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name für alle -Zeiten, wie er glaube und hoffe, als Sinnbild unbestechlicher Treue in -Handel und Wandel gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der Hüter -dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die ganze Gemeinde? O nein! Jeder -Einzelne ist dafür verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner -dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, daß unser herrlichstes -Besitztum unangetastet bleibt. Wollt ihr diese große Verantwortung -auf euch nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann ist alles wohl -bestellt. Vererbt den Schatz auf eure Kinder und Kindeskinder! Bisher -hat niemand eure Lauterkeit antasten können -- möge es immer so -bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde sich heute verführen -lassen, auch nur einen Pfennig anzurühren, der ihm nicht gehört -- -sehet zu, daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, das wollen -wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um einen Vergleich zwischen uns und -andern Gemeinden anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für -uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche und wir die unsrigen --- daran soll uns genügen. [Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde. -Hier lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte Zeugnis für die -Anerkennung, die ein Fremder unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn -jetzt und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet werden. Der Mann -ist uns unbekannt, aber ich spreche ihm in euer aller Namen unsern -tiefgefühlten Dank aus und bitte euch, mit mir in ein Hoch auf ihn -einzustimmen.« - -Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang schallten die Wände von -donnernden Hurrarufen wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor -Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und -nahm einen Papierstreifen heraus. In atemloser Spannung lauschten die -Anwesenden auf die Zauberworte, von denen jedes einen Klumpen Gold -wert war und die der Pastor jetzt langsam und nachdrücklich vorlas: - -»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden gegenüber that, lautete: -›Ihr seid noch lange kein ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert -Euch.‹« Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun überzeugen, ob diese -Aeußerung gleichlautend ist mit den Worten, die der Sack enthält. Dies -wird unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen ist, gehört -der Goldsack einem unserer Mitbürger, der fortan bei allem Volk als -Inbegriff und Vertreter jener besonderen Tugend gelten wird, die den -Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. Sein Name ist -- Billson!« - -Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm gerüstet; -jetzt schienen sie plötzlich wie vom Frost erstarrt. Eine unheimliche -Stille lagerte über der Versammlung, dann hörte man allmählich ein -leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: »Billson! Nanu -- wer -das glaubt! Zwanzig Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht -im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit -- so was lassen wir uns -nicht aufbinden!« Aber ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung. -Während an einer Stelle des Saales der Kirchenrat Billson mit demütig -gesenktem Haupt dastand, hatte sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson -erhoben. Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und die Entrüstung -der neunzehn Ehepaare war groß. Billson und Wilson hatten sich -umgewandt und starrten einander an. - -»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte Billson in beißendem Ton. - -»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden Sie so freundlich -sein, den Anwesenden zu erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.« - -»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort geschrieben.« - -»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von _meiner Hand_.« - -Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. Er stand stumm da -und starrte bald den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, was er -thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort: - -»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den Namen zu lesen, mit -welchem das Papier unterzeichnet ist.« - -Das brachte den Pastor wieder zu sich. - -»John Wharton Billson,« las er. - -»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen Sie sich nun herausreden -und sich wegen der Beleidigung entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen -Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen Versammlung zugefügt -haben?« - -»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im Gegenteil, mein Herr, ich -klage Sie hiermit öffentlich an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen -Zettel entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, auf der Ihr -Name steht. Dies ist die einzige Art, wie Sie zur Kenntnis der bewußten -Aeußerung gelangt sein können, denn außer mir weiß kein Mensch in der -ganzen Welt, wie jene Worte gelautet haben.« - -Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, wollte man nicht das -ärgerlichste Aufsehen erregen und der Klatschsucht Thür und Thor -öffnen. Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die in rasender -Eile immer weiter schrieben. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von -allen Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem Hammer auf den -Tisch klopfte. - -»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser Versammlung aufrecht -halten und den Anstand nicht verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar -liegt hier ein Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson mir ein -Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich ist, so befindet sich -dasselbe auch noch in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus der -Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, machte ein verstörtes, -bekümmertes Gesicht, stand eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob -dann unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu sprechen, brachte -aber kein Wort heraus. - -»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. »Was steht darin?« - -Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte Burgeß der Aufforderung: - -»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen Fremden gegenüber that, -lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer -schauten ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« [Gemurmel: -»Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] »Dies ist Thurlow G. Wilson -unterschrieben,« sagte der Vorsitzende. - -»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt ist es sonnenklar. Ich -wußte ja gleich, daß mein Brief abgeschrieben worden ist.« - -»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte mir dergleichen von -Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.« - -_Der Vorsitzende_: »Ich muß Sie zur Ruhe verweisen, meine Herren, und -Sie beide ersuchen, Ihre Plätze wieder einzunehmen.« - -Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten sie der Aufforderung. Die -Versammelten sahen einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den -seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der Hutmacher Thomson auf. -Er wäre gern einer der neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein -das war ihm nicht beschieden; für solche Würde war sein Hutlager nicht -groß genug. - -»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« sagte er, »daß -die beiden Herren dem Fremden gegenüber schwerlich genau dieselben -Worte gebraucht haben. Nach meiner Ansicht ist das ein Ding der -Unmöglichkeit.« - -Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, der zu den -Unzufriedenen gehörte, weil er nicht als ein Neunzehner anerkannt -wurde, wiewohl er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies gab seiner Art -und Weise einen etwas unangenehmen Beigeschmack. - -»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, auf den es ankommt. -So etwas könnte geschehen -- alle hundert Jahre einmal --; aber das -andere liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner von beiden hat -die zwanzig Dollars gegeben!« [Schallender Beifall.] - -_Billson_: »Ich habe es gethan!« - -_Wilson_: »Nein, ich habe es gethan!« - -Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls. - -_Der Vorsitzende_: »Ruhe, sage ich. Setzen Sie sich, meine Herren. -Keins der beiden Couverts ist mir auch nur einen Augenblick aus der -Hand gekommen.« - -_Eine Stimme_: »Gut -- damit ist das abgemacht.« - -_Der Lohgerber_: »Ich weiß, wie es zugegangen sein muß: Einer der -Männer hat sich unter dem Bett des andern versteckt und seine -Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch ist, -möchte ich die Behauptung aufstellen, daß man allen beiden so etwas -zutrauen kann.« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung, zur Ordnung!«] »Ich -ziehe meine Bemerkung zurück und will nur noch erwähnen, daß, wenn der -eine gehört hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner Frau -mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche kommen werden.« - -_Eine Stimme_: »Wieso?« - -_Der Lohgerber_: »Nichts leichter als das. Die Aeußerung ist von beiden -nicht genau in denselben Worten wiedergegeben worden. Das würde den -Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die zweite Lesart nicht erst -nach einiger Zeit und nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen -worden wäre.« - -_Eine Stimme_: »Was ist der Unterschied?« - -_Der Lohgerber_: »Auf Billsons Zettel steht das Wort _ganz_ -- auf dem -andern nicht.« - -_Viele Stimmen_: »Richtig, richtig, so ist es!« - -_Der Lohgerber_: »Wenn nun der Herr Vorsitzende die Probe macht und -den Zettel im Sack liest, werden wir erfahren, wer von den beiden -Betrügern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von diesen -zwei Glücksjägern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von -den beiden Ehrenmännern --« [Gelächter und Beifall] »die Auszeichnung -genießen soll, der erste Halunke zu sein, der je in unserer durch -ihn entehrten Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein fernerer -Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich werden.« [Lebhafter -Beifall.] - -_Viele Stimmen_: »Oeffnen, öffnen -- den Sack öffnen!!« - -Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte die Hand hinein -und zog ein Couvert heraus, welches zwei zusammengefaltete Papiere -enthielt. Dann sagte er: - -»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, nachdem alle -schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende etwa erhalten hat, -gelesen worden sind.‹ Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die -Probe‹. Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; er lautet: - - »Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche mein Wohlthäter - mir gegenüber gethan hat, in ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut - nach genau wiedergegeben sein soll; sie war unbedeutend und er - hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze aber sind - so schlagend, daß sie ihm sicherlich im Gedächtnis geblieben - sind. Stimmen diese nicht mit der Probe überein, so hat man - es mit einem Betrüger zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der - Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte er es aber - einmal, so sei sein Rat auch von erster Güte. Was er nun sagte, - hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr - seid noch lange kein schlechter Mensch --‹« - -_Viele Stimmen_: »Das ist entscheidend -- das Gold gehört Wilson. Er -soll reden! Wilson hat das Wort!« - -Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie umringten Wilson, -schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm von Herzen Glück, während -der Vorsitzende immer lauter mit dem Hammer auf den Tisch klopfte und -rief: - -»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie mich den -Zettel zu Ende lesen. --« - -Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß fort: - - »›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es nicht, so werdet Ihr - eines Tages sicherlich in Euern Sünden sterben und zur Strafe - in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg -- _ersteres wäre - noch vorzuziehen_.‹« - -Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten sich dunkle -Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, doch allmählich -erheiterten sich die Gesichter wieder, ja es schien, daß sie -große Mühe hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer -unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die Bürger aus -Brixton und sämtliche fremde Gäste hielten sich die Hand vors Gesicht -oder saßen mit gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit -aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln zu beherrschen. In diesem -verhängnisvollen Augenblick unterbrach Jack Halliday plötzlich das -allgemeine Schweigen, indem er mit lauter Stimme rief: »Das Ding ist -echt -- ein Rat erster Güte!« - -Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, Fremde wie Einheimische, -und als sogar Burgeß seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte, -legte sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures Gelächter erscholl, -das lange kein Ende nehmen wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute -schon die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig zusammen, -um die Verhandlung fortzusetzen, aber immer von neuem brachen die -Lachsalven unaufhaltsam hervor, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe -Burgeß endlich anhub: - -»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, uns die Thatsache zu -verhehlen, daß es sich hier um eine sehr ernste Sache handelt, denn die -Ehre und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem Spiel. Schon der -Umstand, daß die beiden Zettel der Herren Wilson und Billson sich nur -durch _ein_ Wort unterschieden, war von schwerwiegender Bedeutung, da -derselbe klar bewies, daß einer von ihnen sich des Diebstahls schuldig -gemacht hatte --« - -Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit dagesessen -hatten, sprangen bei diesen Worten wie elektrisiert in die Höhe. - -»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, und sie gehorchten. -»Wie gesagt, der Umstand war unheilvoll, doch nur für einen der -Beteiligten. Jetzt aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres -Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, sondern ich darf -wohl sagen unrettbar verloren. Beide haben die letzten Sätze mit den -entscheidenden Worten ausgelassen.« Er hielt inne und die lautlose -Stille, welche entstand, erhöhte noch die eindrucksvolle Wirkung des -Augenblicks. Dann fuhr er fort: - -»Mir scheint, daß es hier nur _eine_ mögliche Erklärung giebt -- -deshalb frage ich die Herren -- geschah dies auf Verabredung -- in -heimlichem Einverständnis?« - -Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat sie beide in der Falle,« -murmelte die Menge. - -Billson war einer so schwierigen Lage nicht gewachsen; er saß in -völliger Hilflosigkeit da. Aber Wilson, der Advokat, hatte sich -ermannt; mit bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor. - -»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht bei der Erörterung -dieser höchst peinlichen Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das -Wort, denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn Billson, den -ich immer geachtet und hochgeschätzt habe, den schwersten Schaden -zufüge. Wie alle übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine -Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; aber meine eigene -Ehre verlangt, daß ich offen zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich -gestehen -- und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben --, daß -ich mich dem mittellosen Fremden gegenüber ganz so geäußert habe, wie -es auf dem Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen -Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] Mir war das noch -vollkommen erinnerlich, als ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu -erheben, der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie sich bitte einen -Augenblick in meine Lage: Die Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos -gewesen an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich Worte -dafür finden, doch würde er mir die Wohlthat tausendfach vergelten, -wenn er je im stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich einmal, ob -sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten ließ, ja, ob es auch nur -denkbar war, daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz unnötigen -Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, mich in die Falle zu locken -und in einer öffentlichen Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt -bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre höchst widersinnig gewesen. -Ich zweifelte daher keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der -ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen würde. Sie hätten das -auch geglaubt und einem Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und dem -Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß er schmählichen Verrat -an Ihnen üben würde. So schrieb ich denn mit voller Zuversicht den -Eingang nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ und setzte meinen -Namen darunter. Als ich den Zettel eben in einen Umschlag thun wollte, -wurde ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit offen auf -dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt der Redner inne, wandte den Kopf -langsam nach Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und sagte -dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte Herr Billson eben meine -Hausthür hinter sich zu -- urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten -hatte.« [Große Erregung.] - -Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es ist eine schändliche Lüge!« -schrie er, rot vor Zorn. - -_Der Vorsitzende_: »Setzen Sie sich! Herr Wilson hat das Wort.« - -Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz zurück und suchten ihn zu -beruhigen, während Wilson fortfuhr: - -»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein Zettel lag nicht mehr an -derselben Stelle auf dem Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah -das wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, ein Zugwind -habe ihn dahin geblasen. Daß Herr Billson ein Privatpapier lesen würde, -kam mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann für unter seiner -Würde halten. Hätte sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so -würde er das Wort _ganz_ nicht hinzugefügt haben. Ich bin der einzige -Mensch in der Welt, der jene Aeußerung -- auf ehrenhafte Weise -- genau -wiedergeben konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.« - -Für den schlauen und gewandten Redner ist es von jeher ein Leichtes -gewesen, die Denkfähigkeit einer Zuhörerschaft, die an das täuschende -Blendwerk der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren und sie zu -maßlosen Gefühlsäußerungen fortzureißen. Als Wilson wieder Platz -nahm, war sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender Beifallssturm -erschallte; Freunde und Bekannte umringten ihn, schüttelten ihm die -Hand und wünschten ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel -zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende strengte seine Lunge -vergebens an, und wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand gab -acht darauf. - -Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren wir nun mit der -Verhandlung fort!« rief Burgeß. - -»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß es; »man braucht ihm doch -bloß den Sack zu geben.« - -_Viele Stimmen_: »Jawohl, jawohl! Wilson soll vortreten!« - -_Der Hutmacher_: »Ich fordere Sie auf, mit mir Herrn Wilson hoch -leben zu lassen, als Inbegriff und Vertreter der besonderen Tugend, -welche -- --« - -»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse durch den Saal. Wilsons -Bewunderer hoben ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben an, -ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu geleiten, als die Stimme des -Vorsitzenden den Lärm übertönte: - -»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! -- Erinnern Sie sich doch, meine Herren, -daß ich noch ein Schriftstück zu verlesen habe.« -- - -Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm das zweite Papier zur Hand, -legte es aber wieder hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle -Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« Er zog ein Couvert -aus der Tasche, öffnete es, überflog den Inhalt und schien starr vor -Verwunderung. - -»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen zwanzig bis dreißig Stimmen -auf einmal. - -Langsam und bedächtig, als traue er seinen Augen kaum, las Burgeß: - -»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber that -- [_Mehrere -Stimmen_: »Hallo, wie geht das zu?«] -- lautete: ›Ihr seid noch lange -kein schlechter Mensch. [_Mehrere Stimmen_: »Gerechter Himmel!«] -Geht hin und bessert Euch.‹ [_Eine Stimme_: »Da schlag’ doch das -Donnerwetter drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier Pinkerton.« - -Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die besonneneren Leute -trauernd ihr Haupt schüttelten. Wer sich nicht mehr halten konnte, -lachte daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter -wälzten sich vor Lachen und machten solche Krakelfüße auf dem Papier, -daß es nicht menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. Ein Hund, -der im Winkel geschlafen hatte, schreckte auf und geriet über das -Getöse so in Wut, daß er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie -und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. »Oho, immer toller! -- -Jetzt besitzen wir zwei Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! -- Nein, -drei -- man muß auch Billson mitzählen -- je mehr, desto besser! -- -Richtig, richtig, Billson gehört dazu! -- Was ist doch Wilson für ein -armes Opferlamm -- zwei Diebe haben ihn beraubt!« - -_Eine mächtige Stimme_: »Stille! Der Vorsitzende holt wieder etwas aus -der Tasche.« - -_Andere Stimmen_: »Hurra! Was giebt es Neues? Vorlesen! Vorlesen!« - -_Der Vorsitzende_ (liest): »Die Aeußerung, welche ich u. s. w. -›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin‹ u. s. w. -Unterschrift: Gregor Yates.« - -_Dröhnende Rufe_: »Vier Inbegriffe! -- Der ehrliche Yates soll leben! --- Weiter, weiter!« - -Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende nehmen; es galt, den -Kapitalspaß von Grund aus zu genießen. Als einige von den Neunzehnern -aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen nach dem Ausgang -hin zu drängen suchten, wurden von allen Seiten Rufe laut: - -»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! Kein Ehrenmann darf den -Saal verlassen! Hinsetzen! Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!« - -Alle folgten der Aufforderung. - -»Immer mehr! -- Vorlesen! Vorlesen!« - -Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und las die wohlbekannten Worte: -»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹« - -»Der Name! Der Name! Was steht darunter?« - -»Ingoldsby Sargent.« - -»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! Weiter, weiter!« - -»›Ihr seid noch lange kein --‹« - -»Den Namen her!« - -»Nikolas Whitworth.« - -»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!« - -»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; »hoch soll er leben! -Dreimal hoch!!!« - -»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das Vorbild unbestechlicher -Tugend, und für alle seine Inbegriffe und würdigen Vertreter!« - -»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben -- hoch!« brüllte der -Chor; »dreimal hoch!!!« - -»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. »Wir wollen mehr -hören! Vorlesen! Alles vorlesen, was da ist!« - -»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf ewig begründen.« - -Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch zu erheben. Sie -sagten, ohne Zweifel hätte sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies -Possenspiel ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze Gemeinwesen sei. -Die Unterschriften müßten alle gefälscht sein, nur so ließe sich die -Sache erklären. Aber sie predigten tauben Ohren. - -»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« hieß es. »Ihr bekennt euch -bloß schuldig -- nächstens werden eure Namen an die Reihe kommen!« - -»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche Briefumschläge er -bekommen hat.« - -»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.« - -Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten sie sämtlich das -Geheimnis. Ich stelle den Antrag, von jedem derartigen Zettel die -sieben ersten Wörter und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?« - -Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen und zum Beschluß -erhoben. Da stand plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur -Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre Thränen zu verbergen. Der -Gatte gab ihr den Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung -bebender Stimme: - -»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, Mary und mich von Jugend -auf, und habt uns stets Liebe und Achtung erwiesen --« - -»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach ihn der Vorsitzende; -»was Sie sagen, ist zwar die lautere Wahrheit -- die ganze Stadt kennt -Sie nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber --« - -Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: »Wenn das auch die Meinung -der Versammlung ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben zu -lassen. Hurra, hoch!« - -Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose Taschentücher -wurden geschwenkt und donnernde Hochrufe erschallten. Dann fuhr der -Vorsitzende fort: - -»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, Herr Reichard, daß es -zwar Ihrem guten Herzen Ehre macht, wir aber in diesem Fall den -Missethätern keine Nachsicht gewähren dürfen.« [_Zurufe_: »Nein, -nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen im Gesicht geschrieben; allein -ich kann nicht gestatten, daß Sie sich für jene Männer verwenden --« - -»Aber ich wollte ja nur --« - -»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen erst die übrigen -Zuschriften lesen. Das verlangt schon die Billigkeit den Leuten -gegenüber, deren Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald -dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, das verspreche ich Ihnen.« - -Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das Warten ist eine rechte -Qual,« flüsterte Reichard seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um -so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir nur für uns selber -um Nachsicht bitten wollten.« - -Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen wurden gelesen. - -»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Robert -Titmarsch.‹ - -»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: -›Eliphalet Wenks.‹ - -»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Oskar -Wilder.‹« - -Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten die Zuhörer auf -den Einfall, ihn der Mühe zu überheben, jedesmal die sieben Wörter -zu lesen, womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun nur noch den -Zettel in die Höhe und wartete, bis die Versammlung in volltönendem -Chor, der fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes, -feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid noch la-an-ge kein -schle-ech-ter Mensch.« Dann las er die Unterschrift: »Archibald -Wilcox.« So ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium und zur Qual -der unglücklichen Neunzehner. Jedesmal, wenn ein besonders angesehener -Name verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, sang die -ganze Litanei von Anfang an bis zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle -kommen, oder nach Hadleyburg -- ersteres wäre noch vo-o-or-zu-ziehn« -- -und schloß dann mit einem mächtigen »A-a-a-a-men!« - -Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu verlesenden Papiere; Reichard -wußte genau, wie viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein -Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller Spannung auf den -Augenblick, wenn die Reihe an ihn kommen würde. Dann wollte er sich -erheben und die Versammlung etwa mit folgenden Worten um Erbarmen -für sich und Mary anflehen: »Bisher sind wir unsern Weg unsträflich -gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. Aber wir sind -alt und sehr arm, haben auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die -Versuchung war groß und wir sind unterlegen. Als ich vorhin aufstand, -wollte ich mein Unrecht bekennen und bitten, daß man meinen Namen -nicht öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die Schande nicht -überleben zu können; man ließ mich jedoch nicht ausreden. Ich weiß, -es ist nur gerecht, wenn wir vor den andern nichts voraus haben; aber -die Strafe ist hart. Unser Name war bis jetzt immer unbescholten; habt -Erbarmen, denkt, daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind, -und laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« So weit war er -in seinen Gedanken gekommen, als Mary ihn anstieß, um ihn aus der -Träumerei zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch la-a-nge kein« -u. s. w. - -»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist die Reihe an dir; -achtzehn Namen sind schon verlesen.« - -»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge. Langsam und zitternd -erhob sich das alte Ehepaar. Burgeß steckte die Hand in die Tasche und -schien einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel alle gelesen -haben,« sagte er dann. - -Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung sanken Reichard und seine -Frau auf ihre Plätze zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei -Dank. Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke würden mich -nicht so glücklich machen!« - -Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf Hadleyburgs Redlichkeit und -die achtzehn unsterblichen Vertreter seiner Tugend. Dann stand Wingate, -der Sattler, auf, um den wackersten Mann in der Stadt leben zu lassen, -den einzigen aus der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen -Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen -- Eduard Reichard. - -Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung ein, und man pries Reichard -laut, als den einzigen treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger -Ueberlieferung. - -»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte eine Stimme. - -_Der Lohgerber_ (mit bitterem Spott): »Das liegt doch auf der Hand. -Das Gold muß unter die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder -von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars gegeben -- und jenen -kostbaren Rat. Zweiundzwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie einer -nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. Was sie für den Fremden -eingezahlt haben, betrug alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie -möchten nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben -- die sich mit dem -Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.« - -»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter. - -_Der Vorsitzende_: »Ich bitte um Ruhe, damit ich die letzte Zuschrift -des Fremden vorlesen kann. -- Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet, -um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes Seufzen und Stöhnen aus -der Menge] so soll das Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt -werden, damit sie es aufs beste verwenden, um den ehrenwerten Ruf -Hadleyburgs auch ferner zu erhalten und immer weiter auszubreiten. -Dafür, daß sie dies nach besten Kräften thun werden, bürgt schon ihre -eigene Unbescholtenheit und allgemein anerkannte Vortrefflichkeit.‹ -[Spöttische Beifallsrufe von allen Seiten und lautes Händeklatschen.] -Halt! Ich bin noch nicht zu Ende -- hier ist eine Nachschrift: - - »›~P. S.~ -- Bürger von Hadleyburg! - - Die ganze Sache beruht auf Erfindung -- kein Mensch hat - jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl - der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt - dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft - gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter - Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine - Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg - reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung - an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch - umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so - geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch - nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen - der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn - auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit -- der - Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten - sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen. - Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz, - den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen - Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz - ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt - und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern - fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen! - Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die - nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war, - dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast - ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die - in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen - Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen. - Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson, - der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im - Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so - würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige - Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars - schenken könnte‹ -- und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine - Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt - abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht - aus -- ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich - nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit - der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie - ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten - Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand, - daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es - fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz - auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg - in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben - verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn - mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne - einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger - Ruhmes.‹« - -_Viele Stimmen_: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn -Tugendhelden sollen vortreten!« - -Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber -Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete. - -»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.« - -Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach -den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen, -keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort: - -»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich -bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich -schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll -vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den -Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von -echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.« - -Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung -begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von -Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe. -Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die -Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der -Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und -immer höher. - -Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in -kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten; -es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein -Ehrengeschenk, und -- und -- wir können es doch nicht dulden! Sollen -wir nicht lieber aufstehen und -- Mary, was fangen wir nur an -- was -meinst du, daß wir --« - -(_Hallidays Stimme_: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten --- zwanzig -- danke bestens -- dreißig -- dreißig zum -- höre ich -recht? -- Vierzig -- bieten Sie weiter, meine Herren -- fünfzig zum -ersten, zum zweiten, zum -- siebzig -- neunzig -- bravo! immer höher! --- hundert -- hundertzwanzig -- vierzig -- noch ist es Zeit! -- -hundertfünfzig -- zweihundert -- zweihundertfünfzig -- keiner mehr? --«) - -»Es ist eine neue Versuchung, Eduard -- ich zittere an allen Gliedern. -Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur -Warnung dienen --« [»Habe ich recht gehört? Sechs -- meinen Dank -- -sechshundertfünfzig -- siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht -bedenkt, -- kein Mensch argwöhnt --« [»Achthundert Dollars! Hurra! -Neunhundert wäre noch besser! -- Haben Sie neunhundert gesagt, Herr -Parsons? -- Ganz recht -- also dieser schöne Sack, mit echtem Blech -gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars -- -tausend -- sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den -Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten -Staaten --«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm -- aber -- -thu’ was dir am besten dünkt -- ich hindere dich nicht.« - -Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß still und beschwichtigte -sein Gewissen damit, daß die Umstände ihm keine Wahl ließen. - - * * * * * - -Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher aussah wie ein -als englischer Graf verkleideter Geheimpolizist, den Verhandlungen -mit dem größten Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen -hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich dachte, war ungefähr -folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden bieten nicht mit, das ist nicht -in der Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. Sie -müssen im Gegenteil den Sack kaufen, den sie stehlen wollten, und -einen ordentlichen Preis dafür zahlen -- denn es sind reiche Leute -darunter. Außerdem hat der einzige Hadleyburger, der meine Berechnung -zu Schanden gemacht hat, eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm -nicht entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher Mann, das muß -ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich scheint. Jedenfalls soll er den -Glückstopf ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. Daß er mich -Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht nachtragen.« - -Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren Verlauf der Auktion. -Nachdem tausend Dollars geboten waren, ging der Preis nur noch langsam -in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog sich zurück. Nun bot der -Fremde selbst ein paarmal mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte -ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch fünfzig hinzu und der -Sack wurde ihm für eintausendzweihundertundzweiundachtzig Dollars -zugeschlagen. Die Menge brach in schallende Hochrufe aus, doch trat -gleich darauf eine lautlose Stille ein, als der Fremde mit der Hand -winkte und zu reden begann: - -»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. Ich bin -Raritätenhändler und habe in der ganzen Welt Verbindungen mit Leuten, -die seltene Münzen sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie er ist, -mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich größeren Vorteil würde -ich daraus ziehen, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche -ich Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann jede einzelne -dieser blechernen Münzen mindestens für ein echtes Zwanzigdollarstück -verkaufen und würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger, -Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche Redlichkeit -heute von Ihnen mit vollem Rechte anerkannt und gepriesen worden ist. -Sein Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die ich ihm morgen -einhändigen will.« [Großer Beifall der Menge; Reichard und seine Frau -wurden dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, man legte es -ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der besondere Wert einer Rarität hängt -meistens davon ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen -wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich auf diese -vergoldeten Blechmünzen hier die Namen der achtzehn Herren stempeln -lassen darf, welche --« - -Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob sich die ganze Versammlung -wie ein Mann, um unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung zu -geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank dafür aussprechen wollte, -daß man so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen war, -erhoben sämtliche Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten -Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen -solchen Schimpf anthäte, und stießen sogar Drohungen gegen den Fremden -aus, der jedoch ganz ruhig blieb. - -Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, zu bitten und zu drohen, -benutzte Harkneß die günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und -Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt und Gegenkandidaten bei -der Abgeordnetenwahl, um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt -war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade über den Bau einer -neuen Eisenbahn; beide Männer besaßen große Strecken Landes und jeder -hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, daß die Bahn durch sein -Besitztum geleitet würde, was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine -einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag geben. Vor einer -gewagten Spekulation zurückzuschrecken, war Harkneß’ Sache nicht, und -hier galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in seiner Nähe und die -Unruhe im Saal war groß. Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte: - -»Wieviel verlangen Sie für den Sack?« - -»Vierzigtausend Dollars.« - -»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.« - -»Nein.« - -»Fünfundzwanzig.« - -»Nein.« - -»Was sagen Sie zu dreißig?« - -»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen Pfennig weniger.« - -»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen früh um zehn Uhr komme -ich zu Ihnen ins Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde; -ich wünsche Sie allein zu sprechen.« - -Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob er sich, um sich bei -der Versammlung zu verabschieden; er dankte den Anwesenden nochmals -für die Gewährung seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, ihm den -Sack bis morgen aufzuheben und Herrn Reichard einstweilen drei -Fünfhundertdollarscheine einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in -Empfang genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh um neun will ich -den Sack abholen und um elf Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend -Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute Nacht!« - -Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der Lärm jetzt von -neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, Beifallklatschen, Hundegebell, -und dazwischen der Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein -schle-e-ech-ter Mensch --« erschallten in wildem Durcheinander. - - -IV. - -Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard noch bis Mitternacht -fortwährend Glückwünsche und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als -sie endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen stumm und -traurig da, bis Mary zuletzt tief aufseufzte: - -»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht gethan haben?« fragte -sie und schaute nach den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen -Kassenscheinen, welche die Leute vorhin mit so verlangenden Blicken -betrachtet und kaum anzurühren gewagt hatten. Eduard schwieg eine -Weile, dann kam ein Seufzer auch aus seiner Brust. - -»Wir -- wir konnten nichts dafür, Mary -- es war eine Fügung des -Himmels -- wie alles in dieser Welt,« erwiderte er zögernd. - -Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er senkte den Blick. - -»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob und Anerkennung der -Menschen immer Freude machten -- aber jetzt scheint mir -- höre, -Eduard?« - -»Was denn?« - -»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?« - -»N -- nein.« - -»Was willst du thun?« - -»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.« - -»Das wird wohl am besten sein.« - -Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher hatte ich keine -Furcht, wenn mir auch das Geld anderer Leute stromweise durch die Hände -floß,« murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.« - -»Laß uns zu Bette gehen.« - - * * * * * - -Am andern Morgen um neun Uhr holte der Fremde den Sack ab und fuhr -damit in einer Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um zehn ein -Privatgespräch mit ihm. Der Fremde ließ sich fünf Wechsel -- zahlbar -an den Ueberbringer -- auf eine New Yorker Bank ausstellen, einen zu -vierunddreißigtausend Dollars und vier zu fünfzehnhundert Dollars. Von -letzteren steckte er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte -er in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu, nachdem Harkneß -fort war. Um elf Uhr klingelte er am Reichard’schen Hause; Mary guckte -erst durch den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das Couvert in -Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte, ohne ein Wort zu sagen. In -großer Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück. - -»Schon gestern abend kam es mir vor, als müßte ich ihn früher irgendwo -gesehen haben; aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.« - -»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht hat?« - -»Ja, ich möchte darauf schwören.« - -»Dann ist er auch der angebliche Stephenson, der die Bürger mit seinem -erfundenen Geheimnis zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun Wechsel -statt Geld bringt, sind wir noch einmal angeführt, während wir uns eben -in Sicherheit wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz behaglich -zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles wieder, es ist viel zu dünn. -Achttausendfünfhundert Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären -ein dickeres Paket.« - -»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?« - -»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat! -- Ich habe mich zwar -darein gegeben, die achttausendfünfhundert Dollars in Banknoten -anzunehmen, weil es der Himmel nun einmal so gefügt hat. Aber Wechsel -einzulösen, welche jene verhängnisvolle Unterschrift tragen -- nein, -dazu fehlt mir der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal hat -mich der Mensch fast in seine Hände bekommen, und wir sind ihm wie -durch ein Wunder entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise. Wenn -Wechsel in dem Couvert sind --« - -»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie die Wechsel in die Höhe. - -»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in Versuchung kommen. Es -ist nur eine Hinterlist, um uns ins Verderben zu locken -- uns dem Hohn -und Spott der Leute preiszugeben wie die andern. Wenn du es nicht thun -kannst, gieb sie mir.« Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte -damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf und konnte nicht umhin, -zuvor noch einen Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er in -Ohnmacht gefallen. - -»Mary, Mary, halte mich -- sie sind so gut wie Gold!« - -»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch ganz gewiß?« - -»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist mir ein unerklärliches -Rätsel.« - -»Glaubst du denn, Eduard --« - -»So sieh doch nur her! Fünfzehn -- fünfzehn -- fünfzehn -- -vierunddreißig! Achtunddreißigtausendfünfhundert! -- Was sagst du dazu, -Mary? -- Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß hat offenbar -diese Riesensumme dafür gezahlt.« - -»Und du glaubst, das alles soll uns gehören? Nicht nur die -versprochenen zehntausend?« - -»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten die Wechsel auf den -›Ueberbringer‹.« - -»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu bedeuten?« - -»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank erheben. Vielleicht -wünscht Harkneß nicht, daß die Sache hier ruchbar wird. Was ist denn -das -- -- ein Brief?« - -»Ja, er lag bei den Wechseln.« - -Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug aber keine Unterschrift. -Reichard las: - - »Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit ist über - jede Versuchung erhaben. Als ich das Gegenteil annahm, that ich - Ihnen unrecht, und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen. - Sie verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger - sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen. Ich bin - mit mir selbst eine Wette eingegangen, daß sich in Ihrer - tugendstolzen Stadt neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen - lassen würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen Sie den - ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von Rechts wegen.« - -Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt, als wäre es mit Feuer -geschrieben,« sagte er. »Mir ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.« - -»Mir auch. Ach, hätten wir doch -- --« - -»Stelle dir nur vor, Mary -- er _glaubt_ an mich.« - -»Schweig’ still davon -- ich halte es sonst nicht aus.« - -»Wenn ich dies schöne Lob verdiente -- und Gott weiß, ich glaube, -früher war das der Fall -- so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend -Dollars dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig aufbewahren, es -wäre mir mehr wert, als Gold und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein -ewiger Vorwurf sein, darum fort mit ihm.« - -Er warf das Papier in die Flammen. -- - -Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte. Burgeß hatte ihn -geschickt; er lautete: - - »Sie waren mein Retter zur Zeit der Not. Zum Dank dafür habe - ich Sie gestern gerettet. Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit - thun, doch habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich - nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so gut wie ich, daß - Sie ein braver, wackerer und edler Mensch sind. Sie wissen, - welches Fehltritts man mich anklagt, und da man allgemein von - meiner Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung keinen - Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß Sie mich wenigstens - nicht für einen Undankbaren halten, wird mir die Last - erleichtern, die ich tragen muß. - - Burgeß.« - -»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen Bedingungen!« Er warf -den Brief ins Feuer. »Ich -- ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte -die Sache ein für allemal ein Ende.« - -»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns, Eduard. So viel Großmut -muß einem schier das Herz zermalmen -- und das geht immer Schlag auf -Schlag.« -- - -Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde jedem der zweitausend Wähler -als kostbares Erinnerungszeichen eine der wohlbekannten falschen -Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der Münze las man am -Rand die Inschrift: ›Die Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte, -lauteten --‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht hin und bessert Euch! -Pinkerton.‹ - -So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel an Unrat übrig -geblieben war, über ein einziges Haupt ausgegossen, und die Wirkung -war verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann von neuem und -richtete sich ausschließlich gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl -von einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war. - - * * * * * - -Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit gehabt, ihr Gewissen über -die Annahme der Wechsel zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe -mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch inne werden, welche -Schreckensgestalt eine böse That annehmen kann, sobald die Möglichkeit -ihrer Entdeckung vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt dadurch -eine völlig neue Bedeutung und Wichtigkeit. - -Am nächsten Sonntag war die Predigt in der Kirche ganz so wie immer. -Dieselben alten Sachen wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die -Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört, ohne sich davon -getroffen zu fühlen; es war oft ordentlich schwer gewesen, nicht -dabei einzuschlafen, weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen -vorkam. Aber auf einmal war das ganz anders. Die Predigt schien voller -Anschuldigungen und ganz besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere -Sünde vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst zu Ende -war, wich das Ehepaar so viel wie möglich der sie beglückwünschenden -Menge aus; von unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten sie -in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs sahen sie zufällig -von ferne Herrn Burgeß, der um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu -erwidern. Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie das nicht wußten, -fragten sie sich besorgt, was es wohl bedeuten möchte. Sollte er -erfahren haben, daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den Tag -bringen können? Vielleicht wartete er nur eine günstige Gelegenheit -ab, um die Rechnung mit ihm ins reine zu bringen. -- Daheim fingen -sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd müsse sie im -Nebenzimmer belauscht haben, als Reichard seiner Frau erzählte, er -wisse, daß Burgeß unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu erinnern, -daß sie damals dort ein Rascheln gehört hätten; kein Zweifel, Sara -war die Verräterin. Sie riefen die Magd ins Zimmer und stellten ihr -so unzusammenhängende, wunderliche Fragen, daß Sara bald auf den -Gedanken kam, der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen -Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun unter ihren forschenden, -mißtrauischen Blicken errötend ängstlich und befangen wurde, sah das -Ehepaar dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld an. Sobald Sara das -Zimmer verließ, redeten sie weiter über diese Entdeckung und quälten -sich mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen. Plötzlich -stöhnte Reichard laut auf. - -»Was giebt es? -- Fehlt dir etwas?« - -»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt erst verstehe ich seinen -beißenden Spott. Man kann ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er -weiß, daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm sein Lob für -bare Münze. Du weißt doch, Mary --« - -»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt hat -- den Zettel mit -der erlogenen Aeußerung. Ja, das ist entsetzlich.« - -»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu richten. Einigen Leuten muß -er ihn schon gezeigt haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht -an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch auch unsern Gruß -erwidert, wenn er nichts Böses gegen uns im Schilde führte.« - -In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen und am Morgen -verbreitete sich das Gerücht, die alten Leute seien ernstlich -erkrankt. Die gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen so -unerwartet in den Schoß gefallen war, das späte Aufbleiben und die -vielen Gratulationsbesuche seien schuld daran, meinte der Doktor. Die -Hadleyburger hörten es mit großer Betrübnis, denn dies Ehepaar war ja -das einzige, worauf sie noch stolz sein konnten. - -Zwei Tage später lautete der Bericht noch schlimmer: Reichard -lag im Fieber und benahm sich sehr sonderbar. Nach Aussage der -Wärterinnen hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht -auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf die Riesensumme von -achtunddreißigtausend Dollars ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu -einem so ungeheuern Vermögen? - -Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere Dinge zu erzählen. -Sie hatten die Wechsel in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht -beschädigt würden, aber als man danach suchte, fand man sie unter dem -Kissen des Kranken nicht mehr; sie waren und blieben verschwunden. - -»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte Reichard gefragt; »laßt mich -in Ruhe!« - -»Wir möchten nur, daß die Wechsel --« - -»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind vernichtet. Es war -Satanswerk; ich habe das Brandmal der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck -war, mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann begann er schreckliche -Reden zu führen über ganz unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte -die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen. - -Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die Fieberphantasien des -Kranken ausgeplaudert haben, denn bald darauf sprach man in der ganzen -Stadt davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte so gut wie -die andern Anspruch auf den Sack erhoben, was durch Burgeß zuerst -verheimlicht und dann aus Bosheit verraten worden sei. - -Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft und meinte, es -sei ungerecht, den Worten, die ein kranker alter Mann im Fieberwahn -geredet, irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein der Argwohn war -nun einmal wach geworden und jeder ließ seiner Zunge freien Lauf. - -Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im Fieber, und was sie sprach, -war nur eine Wiederholung von ihres Mannes Reden. Da zweifelte niemand -mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit des einen unbescholtenen -Bürgers, den Hadleyburg noch unter seinen ersten Familien besessen -hatte, nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem Stolz auf -ihn war es ein für allemal vorbei. - -Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte Ehepaar im Sterben. Kurz -vor seinem Tode kam Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und ließ -Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden, das Zimmer zu verlassen, -da der Kranke gewiß wünsche, mit ihm allein zu reden. - -»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben. Ihr alle sollt mein -Bekenntnis hören, denn ich will wie ein Mann sterben und nicht wie ein -elender Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig -- -wie alle übrigen Hadleyburger, und gleich meinen Mitbürgern bin ich der -ersten wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb eine Lüge, -um in den Besitz des erbärmlichen Sackes zu gelangen. Pastor Burgeß -erinnerte sich, daß ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus -Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um meine Ehre zu retten. -Er wußte nicht, daß ich die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn -geschleudert wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften können. Aber -ich war ein Feigling und gab ihn der Schande preis --« - -»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben -- --« - -»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis verraten --« - -»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt --« - --- »und darauf that er etwas, das vollständig natürlich und -gerechtfertigt war. Seine Güte und Nachsicht gegen mich reute ihn und -er offenbarte meine Schuld, wie ich es verdiente.« - -»Niemals -- das schwöre ich --« - -»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.« - -Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er predigte tauben Ohren. Der -Sterbende hauchte seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren, -daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht zugefügt hatte. In der -folgenden Nacht starb auch die alte Frau Reichard. So war denn der -letzte der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes geworden, und -die Stadt hatte ihren alten Ruhm für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer -darüber trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief und aufrichtig. - -Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg von der Regierung -die Erlaubnis, einen andern Namen anzunehmen (einerlei welchen, -ich will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten Motto seines -Stadtsiegels _ein_ Wort fortzulassen. - -Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und wer sie noch einmal -überrumpeln wollte, der müßte früh aufstehen. - -[Illustration: - - ~Altes Motto~ - - ~Führe uns nicht in Versuchung~ - - ~Neues Motto~ - - ~Führe uns in Versuchung~ -] - - - - -Das Gesundbeten. - - -I. - -Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen Kur in der -Appetitsanstalt[1] nach Wien zurückkehrte, machte ich einen Abstecher -in die Berge. Dabei fiel ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und -brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch dies und das. Zum -guten Glück fanden mich einige Landleute, die einen verlorenen Esel -suchten, und schafften mich in ihr Haus. - - [1] Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge Bd. 5. - -Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde entfernt; es wohnte dort -ein Pferdedoktor, aber kein Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade -trostverheißend für mich; denn ganz offenbar handelte es sich bei -mir um einen chirurgischen Fall. Doch da fiel den guten Leuten ein, -daß in jenem Dorf eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte, -und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft wäre und -alles und jedes heilen könnte. Es wurde also nach ihr geschickt. Da -inzwischen die Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise -nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir aber Bescheid sagen: Das -mache weiter nichts, die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort -›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen Morgen ihren Besuch -machen; unterdessen möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und nicht -vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. Ich dachte, da müßte -wohl irgend ein Mißverständnis vorliegen und fragte: - -»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig Fuß hohe Felswand -heruntergefallen bin?« - -»Ja.« - -»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß und einen Purzelbaum -schlug?« - -»Ja.« - -»Und daß ich nochmals aufschlug und einen zweiten Purzelbaum machte?« - -»Ja.« - -»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und den dritten Purzelbaum -machte?« - -»Ja.« - -»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?« - -»Ja.« - -»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es handele sich um die -Steinblöcke. Warum haben Sie ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu -Schaden gekommen bin?« - -»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, was Sie mir aufgetragen -hatten: daß Sie vom Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine -unzusammenhängende Reihenfolge von komplizierten Knochenbrüchen -bildeten, und daß Sie infolge des Hervorragens der verschiedenen -Knochenteile aussähen wie ein Kleiderriegel.« - -»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, ich sollte nicht -vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre?« - -»So sagte sie wörtlich.« - -»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der Diagnose des Falls -nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Sah sie aus wie eine -Person, die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst schon -mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre abstrakte Wissenschaft auf -die Basis persönlicher Erfahrungen gründet?« - -»Bitte?« - -Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich nicht in des -Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen über ihren Horizont. Ich ließ -daher die Sache auf sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu -rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine Beine hineinzulegen, -und einen Menschen, der dazu befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib -fluchen zu helfen. Aber nichts von alledem war zu haben. - -»Warum nicht?« fragte ich. - -»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.« - -»Aber ich bin hungrig und durstig und habe scheußliche Schmerzen!« - -»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber Sie dürften darauf -nicht achten. Ganz besonders ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken, -daß es so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar nicht gibt.« - -»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.« - -»Sie sagte so.« - -»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz eines normal -funktionierenden Intellekts sei?« - -»Bitte?« - -»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man sie angebunden?« - -»Angebunden?« - -»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind ein gutes Mädel, aber Ihr -geistiges Geschirr ist nicht auf leichte und anregende Gespräche -eingerichtet. Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ allein.« - - -II. - -Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht -- wenigstens hielt ich -sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden --, doch schließlich -nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft -kam, und ich war froh darüber. - -Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen, -hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade -und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und -hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge, -damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit, -die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln -auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie -dies -- immer hübsch eins nach dem anderen -- getan, nahm sie ihre -Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die -Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie, -zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett, -ließ sich -- aber ohne jede Uebereilung -- auf diesen nieder, und ich --- ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne -jede Aufregung: - -»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu -tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.« - -Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das -Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb -entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte, -und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls -ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine -Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr -sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen -könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas -nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war -sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise. - -»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt -nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen, -so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut -nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn -sich nur vorstellen.« - -»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch ...« - -»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich -äußern. Schmerz ist unwirklich; also _kann_ Schmerz nicht weh tun.« - -Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den -eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei -ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden -Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort: - -»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten -auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten; -Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere -Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen -Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die -Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.« - -Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den -Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben -eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit -möglichst unschuldigem Gesicht: - -»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen hat, von irgend welchem -Wert?« - -»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen kommen nur aus der Seele; die -niederen Tiere, die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind, -haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist eine Meinung unmöglich.« - -»Das ist eigentümlich und interessant. Ich möchte wohl wissen, was -eigentlich mit der Katze los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht -gibt, und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur in der -Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, so hat allem Anscheine -nach Gott in seinem Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer -geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die sich in dem Augenblick -bemerkbar macht, wo das Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser -Gemütsbewegung stimmen dann Katze und Christenmensch gewissermaßen -überein, indem ...« - -Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug davon! Die Katze fühlt -nichts, der Christenmensch fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten -Vorstellungen sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht -bekommen könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, wenn Sie -anerkennen und offen zugeben, daß Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht -existieren.« - -»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen Schmerzen,« antwortete ich, -»aber mir könnte nicht elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen -wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?« - -»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; denn sie existieren ja -gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, die durch die Materie weiter -verbreitet werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar keine -Materie.« - -»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber doch außerordentlich -unbestimmt; es schlüpft einem durch die Finger, wenn man gerade eben -denkt, man halte es gepackt.« - -»Wieso?« - -»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht existiert, wie kann Materie -was weiterverbreiten?« - -In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie würde sogar wirklich -gelächelt haben, wenn es so was wie Lächeln überhaupt gäbe. - -»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren der Christlichen -Wissenschaft beweisen es, und diese sind in den folgenden vier keines -Beweises bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt: - - 1. Gott ist alles in allem. - - 2. Gott ist gut. Gott ist Seele. - - 3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie. - - 4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich Tod, Uebel, - Sünde, Krankheit. - -»Da -- da haben Sie’s!« - -Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien mir mit der von mir -aufgeworfenen Schwierigkeit, nämlich wie nicht vorhandene Materie -Wahnvorstellungen weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste zu -tun zu haben. Ich sagte daher etwas zögernd: - -»Be ... beweist das wirklich etwas?« - -»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s rückwärts gelesen wird!« - -Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum. - -»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich Gott allmächtiger Guter -Leben Materie ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott Gut -ist Gott alles in allem ist Gott. So -- verstehen Sie’s jetzt?« - -»Es ... es ... hm, es ist klarer als vorher; indessen ...« - -»Na?« - -»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere Arten versuchen?« - -»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: die Bedeutung bleibt immer -dieselbe. Sagen Sie die Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es -kann niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es nämlich vollkommen -ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel daraus: ganz einerlei -- es -kommt immer dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. Nur aus -einem wunderbaren Geist konnten diese Lehrsätze hervorgehen. Als -eine geistige Kraftleistung haben sie nicht ihresgleichen; sie sind -gleichzeitig einfach, faßbar und unergründlich tief.« - -»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.« - -»Wie fühlen Sie sich?« - -»Ich meine -- die Leitsätze sind ein wunderbares Gewebe -- eine -Zusammenstellung, sozusagen, von tiefem Gedanken -- von unausdenkbaren -Gedanken -- von ...« - -»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder vorwärts oder senkrecht oder -in irgend einer Diagonale -- stets werden Sie finden, daß unsere vier -Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.« - -»Ah -- Beweis! Nun kommen wir dazu! Die Behauptungen stimmen; sie -stimmen zu ... zu ... na, jedenfalls _stimmen_ sie; das habe ich -gemerkt. Aber was beweisen sie denn nun eigentlich -- ich meine: im -Besonderen?« - -»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres geben! Sie beweisen: - -»1. Gott -- Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, Seele, Geist, Vernunft. -Begreifen Sie das?« - -»Ich -- hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, weiter!« - -»2. Mensch -- Gottes Weltidee, individuell, vollkommen, ewig. Ist das -klar?« - -»Es -- ich glaube, ja. Fahren Sie fort.« - -»3. Idee -- eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare Gegenstand des -Erkennens. Da haben Sie’s -- das ganze erhabene Geheimnis Christlicher -Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine schwache Stelle -daran?« - -»Hm -- nein; es sieht stark aus.« - -»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe bilden die -Wissenschaftliche Definition der unsterblichen Seele. Dann haben wir -zunächst noch die Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele. -Nämlich so: _Erster Grad_: Entartung: 1. Physisch: Leidenschaften und -Begierden, Furcht, verkümmerter Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß, -Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.« - -»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, wenn ich Sie recht -verstehe!« - -»Ja, alle ohne Ausnahme! _Zweiter Grad_: Das Uebel auf dem Abzuge. -1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube, -Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?« - -»Wie Kristall!« - -»_Dritter Grad_: Geistige Erlösung. 1. Geistig: Glaube, Weisheit, -Kraft, Reinheit, Erkenntnis, Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie -fein ausgeklügelt, wie koordiniert, von einander abhängend, wie -anthropomorph das alles ist. In diesem dritten Stadium -- das -wissen wir durch die Offenbarungen der Christlichen Wissenschaft -- -verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele.« - -»Nicht früher?« - -»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung und die Vorbereitung auf -die dritte Stufe vollendet ist.« - -»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im stande, sich die -Christliche Wissenschaft in wirksamer Weise und mit richtigem -Verständnis für die Seelenverwandtschaft zu eigen zu machen, wenn ich -Sie recht verstehe. Das heißt also: während der im zweiten Stadium sich -vollziehenden Vorgänge ließe sich ein solcher Erfolg nicht erreichen, -weil da noch einige Reste von gemeiner Vernunft[2] vorhanden sein -würden; und deshalb -- aber ich habe Sie unterbrochen. Sie wollten -des näheren auf die guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen -Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar werden. Es ist sehr -interessant; fahren Sie, bitte, fort!« - - [2] In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes - Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹ - nicht in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B. - das Wort ~mind~ die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele, - Absicht, Wille, Geist, Verstand und noch viele andere. Der - Uebersetzer hat es für richtig gehalten, in der Wiedergabe - auf den Gleichklang der Worte zu verzichten und dafür, wo - es nur irgend anging, die spöttische Absicht des Humoristen - erkennbar werden zu lassen. - -»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium verschwindet die -menschliche, nicht unsterbliche Seele. Unsere Wissenschaft stellt -das, was den körperlichen, menschlichen Sinnen für Augenschein gilt, -vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren Herzen die -Wahrheit des Bibelwortes: ›Die Letzten sollen die Ersten sein, und die -Ersten sollen die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein Begriff -für uns allumfassend sein -- worin ja eben Göttlichkeit besteht und, -ihrem Wesen nach, notwendigerweise bestehen muß.« - -»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit bekräftigen Ihre -so sorgfältig gewählten Worte den unumstößlichen Beweis von der -machtvollen Wirkung des dritten Grades! Der zweite Grad könnte -wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit -hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, sie zu einer dauernden -zu machen. Ein Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums -gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung an sich haben -- ich -meine, er könnte trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit ihm -ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre -- und nur unter dem magischen -Einfluß des dritten Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es ist -daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die Christliche Wissenschaft -eine weitere, sehr bemerkenswerte Eigenschaft verdankt: nämlich -leichtes Gleiten klingenden Wortschwalls und Rhythmus und Schwung und -Glätte! Dies muß doch wohl auf einer ganz besonderen Ursache beruhen?« - -»Ja -- Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, Materialisation, -Geist, Knochen, Wahrheit.« - -»Das erklärt die Sache!« - -»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, was unerklärlich -wäre; denn Gott ist Eins, Zeit ist Eins, Individualität ist Eins; diese -letztere aber kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, wie -zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles Pferd. Gott -dagegen ist Eins -- nicht Eins in einer Serie, sondern Eins für sich -allein und ohne seinesgleichen.« - -»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in einem den brennenden Wunsch, -mehr zu erfahren. Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die -geistige Beziehung zwischen systematischer Dualität und accidentieller -Deflektion?« - -»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren Beziehungen -zwischen Seele und Körper völlig um -- sie macht den Körper der Seele -tributpflichtig. In gleicher Weise hat die Astronomie die menschlichen -Vorstellungen von der Bewegung des Sonnensystems umgekehrt. Die Erde -bewegt sich, die Sonne dagegen steht still -- obwohl der Mensch, -wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich denkt, es sei doch -unmöglich, daß die Sonne sich nicht bewege. So ist auch der Leib nur -der niedrige Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten -Sinnen anders erscheint. Aber dies werden wir niemals begreifen, so -lange wir glauben, daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die -Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der Mensch Ereignis -werde. Seele ist Gott, unveränderlich und ewig; und der Mensch -existiert neben der Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn das -Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und das Allzusammen umfaßt das -All-Eins, Seelengeist, Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber -- Eins -von einer Serie, allein und ohnegleichen.« - -Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei der Christlichen -Wissenschaft die Worte hervorschießen. Besonders im dritten Stadium; -da prasselt’s, daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen Gedanken -behielt ich für mich. - -»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? Ist sie ein -Geschenk Gottes, oder kam sie nur zufällig zum Vorschein?« - -»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. Das will sagen: ihre -wirkungsvollen Eigenschaften stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese -Eigenschaften und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben -- dieser Ruhm -gebührt einer Amerikanerin.« - -»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?« - -»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige Jahr, in welchem -Schmerz und Krankheit und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde -verschwanden. Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, die man -mit diesen Ausdrücken bezeichnet. Die Dinge selber hatten überhaupt -niemals existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß es solche -Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen schnell los zu werden. Die -Geschichte und Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch hier -niedergelegt und ...« - -»Schrieb die Dame das Buch?« - -»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, eigenhändig. Der Titel -lautet: - - _Wissenschaft und Gesundheit - mit Schlüssel zur Heiligen Schrift_ - --- denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch begriffen hat. -Nicht mal die zwölf Apostel. Sie beginnt folgendermaßen -- ich will’s -Ihnen vorlesen.« - -Aber sie hatte ihre Brille vergessen. - -»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe die Worte im Gedächtnis --- wie überhaupt alle in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten -das Buch auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis unbedingt -notwendig. Sonst könnten wir Versehen machen und Schaden anrichten. -Sie beginnt also: ›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der -metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche Wissenschaft.‹ - -»Und sie sagt weiter -- meiner Meinung nach sind das herrliche Worte: -›Durch die Christliche Wissenschaft ist der Religion und der Medizin -eine göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; Glaube und -Erkenntnis erhalten neue Schwingen, vereinigen sich verständnisvoll mit -Gott.‹ Das sind ihre eigenen Worte.« - -»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist schön -- Medizin mit -Religion zu vermählen statt nach der alten Mode mit dem Totengräber. -Denn Religion und Medizin gehören so recht eigentlich zusammen, sie -bilden ja die Grundlage aller geistigen und körperlichen Gesundheit ... -Was für Medizin geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie zum -Beispiel ...« - -»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen Umständen Medizin. -Wir ...« - -»Aber, meine Gnädige, es lautet doch ...« - -»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich wünsche nicht darüber -zu sprechen.« - -»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin; aber es schien -doch in dem Angeführten eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und ...« - -»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen Wissenschaft. -Das ist ganz ausgeschlossen, denn unsere Wissenschaft ist absolut. -Anders kann es auch gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von -dem Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, Glaube, Eins -in einer Serie, allein und ohnegleichen. Unsere Wissenschaft ist -Mathematik, die von materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt -ist.« - -»Das sehe ich wohl, aber ...« - -»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage eines apodiktischen -Prinzips.« - -Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, und ich kam dadurch -ein bißchen in Verwirrung; doch bevor ich mich nach der Bedeutung -erkundigen konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über die -Dunkelheit, indem sie fortfuhr: - -»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute Prinzip unserer -Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, die unumschränkte Omnipotenz, die -uns Menschenkinder von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit und -überhaupt von jedem Uebel, das des Fleisches Erbteil ist.« - -»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von jedem Kräfteverfall?« - -»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s nicht; Kräfteverfall existiert -nicht; dieser Begriff ist eine Unwirklichkeit.« - -»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich haben, können Sie mit Ihrer -geschwächten Sehkraft nicht ...« - -»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; keine einzige unserer -Fähigkeiten kann schwächer werden; die Seele ist Meister, und die Seele -kennt keinen Rückschritt!« - -Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des dritten Stadiums; es -konnte daher keinen Zweck haben, die Unterhaltung in dieser Richtung -fortzusetzen. Ich verließ also dieses Gebiet und wandte mich mit meinen -Fragen wieder der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft zu: - -»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, oder war sie das Ergebnis -einer langen sorgfältigen Berechnung, wie Amerika?« - -»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn sie ziehen nichtige -Dinge heran, aber darüber wollen wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit -der Entdeckerin eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich gnädiglich -viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung des absoluten Prinzips -Wissenschaftlicher Geistesheilkunst zu empfangen.‹« - -»Viele Jahre lang. Wie viele?« - -»Achtzehnhundert.« - -»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, Eins in einer Serie, -allein und ohnegleichen -- das ist erstaunlich!« - -»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. Aber es ist nichts als die -reine Wahrheit. Diese amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige -Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet und angekündigt im -zwölften Kapitel der Offenbarung Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar -nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er ihren Namen genannt -hätte.« - -»Wie seltsam, wie wunderbar!« - -»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen Schrift‹ ihre eigenen Worte -anführen: ›Das zwölfte Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz -besondere Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ Beachten Sie -ja diese wichtigen Worte!« - -»Ja ... aber ... was bedeuten sie?« - -»Hören Sie zu -- und Sie werden den Sinn verstehen! Ich zitiere -abermals die ihr von Gott eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des -sechsten Siegels‹ -- ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, das -seit Adams Tagen verflossen -- findet sich eine ganz eigentümliche -Einzelheit, die in besonderem Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu -beziehen ist. Nämlich: - -»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß Zeichen am Himmel, ein -Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf -ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹ - -»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin der Christlichen -Wissenschaft -- nichts kann einfacher und gewissenhafter sein! Und -bemerken Sie ferner: - -»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte -einen Ort bereitet von Gott.‹ -- Das ist Boston.« - -»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene Dinge, die einen -tiefen Eindruck machen. Ich habe diese Bibelstellen früher niemals -richtig verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den ... mit den ... -Beweisen.« - -»Sehr gern. Hören Sie: - -»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen starken Engel vom -Himmel herab kommen, der war mit einer Wolke bekleidet, und ein -Regenbogen auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine -Füße wie die Feuerpfeiler. - -»›Und er hatte in seiner Hand _ein Büchlein_ aufgetan ...‹ - -»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein --, können Worte sich -bescheidener ausdrücken? Und doch von welch überwältigender Bedeutung -ist diese Stelle! Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ es -hier in meiner Hand -- die ›Christliche Wissenschaft.‹« - -»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, Nieren, Eins von ’ner Serie, -allein und ohnegleichen -- es ist ein Wunder, das alle menschliche -Einbildungskraft übersteigt!« - -»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: ›Dann wird eine Stimme -aus der Himmelsharmonie rufen: -- Gehe hin und nimm das Büchlein; -nimm’s und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, in deinem Munde -aber wird es sein wie Honig. -- Sterblicher, gehorche der himmlischen -Botschaft. Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies es von -Anfang bis zum Ende. Studiere es mit heißem Bemühen! Ja, der erste -Geschmack wird dir süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; aber -murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die Verdauung bitter findest!‹ -Sie kennen jetzt, mein Herr, diese Geschichte unserer geliebten -und geheimen Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung, -sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt ist. Ich will Ihnen das -Buch hier lassen und will jetzt gehen, aber machen Sie sich darum -keine Sorgen -- ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen die -Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.« - - -III. - -Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und der Fernbehandlung begannen -meine Knochen sich allmählich wieder nach innen zu ziehen und von der -Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache erst mal ordentlich in -Schuß gekommen war, ging es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und -streckte sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der anderen -Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß erforderte, und alle -paar Minuten hörte ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, daß -wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich glücklich zusammengefunden -hatten. Dieses gedämpfte Knaxen und Reiben und Schieben dauerte -ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; dann hörte es auf -- -alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. Das heißt: die Verrenkungen -blieben noch; indessen diese waren nur sieben an der Zahl, nämlich in -je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken und außerdem noch im Genick. -Diese kleinen Schäden waren also bald behoben; eins nach dem anderen -glitten die Glieder in ihre richtige Lage hinein; das gab jedesmal -einen Ton, wie wenn in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann -sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder so gut wie neu, und ich -ließ den Pferdedoktor holen. - -Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken und schweres Kopfweh -hatte; ich wollte aber diese Sachen nicht länger in den Händen einer -mir unbekannten Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten in Bezug auf -die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren -hatte. Und das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz und das -Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig mit den Knochenbrüchen -in ihre Behandlung genommen, und es hatte sich nicht ein bißchen -damit gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer heftiger, -wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar nichts gegessen und -getrunken hatte. - -Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der seinen Beruf ernst nahm -und ein hoffnungsvolles Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch -sehr aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit Pferden an, und ich -versuchte daher, ihn zu einer Fernbehandlung zu bereden; indessen -darauf war er nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl -nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne und befühlte meine -Knieflechsen und sagte, mein Alter und Allgemeinbefinden wären einer -tatkräftigen Behandlung günstig; er wollte mir daher etwas eingeben, -um aus dem Magendrücken eine Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht -zu machen; dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und wüßte, was -er zu tun hätte. Er machte einen Eimer voll Kleienmengfutter zurecht -und sagte, davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle voll -und abwechselnd damit ein gleiches Quantum von einer Pferdemedizin -einnehmen, als deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere -erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen würden mir binnen -vierundzwanzig Stunden jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder -mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß ich darüber die -augenblicklich vorhandenen Leiden vergessen würde. Die erste Dosis -verabreichte er mir selber und empfahl sich dann, indem er noch sagte, -ich könnte essen und trinken, was ich möchte, und so viel ich möchte. -Aber ich war nicht im geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts -aus dem Essen. - -Ich nahm das Büchlein von der Christlichen Wissenschaft und las die -erste Hälfte davon, dann nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die -andere Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren recht -interessant und voll Abwechselung. Während es infolge der Verwandlung -des Leibwehs zur Kolik und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem -Inneren knurrte und rummelte, konnte ich den edlen Streit beobachten, -den das Mengfutter und der Terpentintrank und die Literatur um die -Oberherrschaft führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, und es -war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der Erfolg hätte sich mit -Aufgebot geringerer Mittel erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das -Kleiengemengsel nötig war, um aus dem Magendrücken eine richtige Kolik -zu machen, aber zur Erzeugung der Drehsucht hätte wohl die Literatur -allein genügt. Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu stande -gebrachte Drehsucht von besserer Qualität und dauerhafter wäre, als -ein Pferdedoktor sie jemals mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen -könnte. - -Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen und jeder -Erläuterung spottenden Büchern, die die menschliche Phantasie -gezeitigt hat, ist dieses Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer -grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit einer stürmischen, -ernsthaften Leidenschaft, die oft den Eindruck von Beredsamkeit macht, -selbst wenn die Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand haben. -Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie verständen dieses Buch -- -das weiß ich sehr wohl, denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen; -aber das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich einbildeten, -Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es nicht, und Wirklichkeiten wären -überhaupt nicht auf der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert -ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese Herrschaften von -der Christlichen Wissenschaft reden, so machen sie’s wie Frau Fuller, -sie sprechen nicht ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie -sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches hervor, und -überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, daß sie keine eigenen -Gedanken äußerten, sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band -auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s eine Bibel -- eine -zweite Bibel, sollte ich vielleicht sagen. - - * * * * * - -Keinem Menschen -- mir jedenfalls nicht! -- ist es zweifelhaft, daß -der Geist einen mächtigen Einfluß auf den Körper ausübt. So lange die -Welt steht, haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, der -Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, der wissenschaftlich -gebildete Arzt, der Mesmerist und der Hypnotist sich des Klienten -_Einbildung_ zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung und -Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. Aerzte heilen manchen Patienten -mit einer Pille von Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die -Krankheit nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen zum Doktor -die Brotpille wirksam macht. - -_Glaube an den Arzt._ Vielleicht ist das das Ganze. Wenigstens sieht -es so aus. In alten Zeiten heilte der König den Kropf[3] durch die -Berührung mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz erstaunliche -Kuren. Hätte sein Lakai das fertig bringen können? Nein -- nicht -in seinen eigenen Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König -verkleidet gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran nicht zweifeln. -Ich glaube, wir können als sicher annehmen, daß in allen diesen -Fällen nicht des Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern des -Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen Handauflegens. Sehr -bemerkenswerte unanzweifelbare Heilungen sind durch Berühren mit den -Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich irgend -ein anderer Knochen denselben Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken -die Unterschiebung unbekannt geblieben wäre? In meiner Knabenzeit -stand eine Bauernfrau, die nicht weit von unserem Dorfe wohnte, in -großem Ruf als ›Glaubensdoktorin‹ -- so nannte sie sich selber. Aus der -ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte ihre Hand auf sie und -sprach: »Glaubet -- weiter ist nichts nötig!« Und die Leute gingen von -dannen und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös und machte -keinen Anspruch darauf, über geheime Kräfte zu verfügen. Sie sagte, -nur des Patienten Glaube an sie bringe die Wirkung hervor. Mehrmals -sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen auf der Stelle kurierte. -Die Leidende war meine eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich -aus fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten Viertel des 19. -Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene Sekten aufgetaucht, die -sich mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Sie haben mit ihrem -arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge aufzuweisen. Ich nenne -hier nur die Glaubenskur, die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft. -Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe desselben alten -erprobten Werkzeuges: der Einbildung ihrer Kranken. Ihre Namen sind -verschieden, aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen sie -dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr Vorgehen ein nur ihr -allein eigentümliches sei. - - [3] Der Kropf heißt englisch ~the kings evil~. - -Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen -- darüber kann kein -Zweifel obwalten. Und die Glaubenskur und die Gebetskur richten -wahrscheinlich keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes leisten -sollten. Denn sie verbieten dem Patienten nicht, der Kur mit ärztlicher -Behandlung zu Hilfe zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet. -Die anderen aber wollen von Medizinen nichts wissen und behaupten, jede -erdenkliche menschliche Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer -geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, sie könnten Krebs -beseitigen, auch andere Leiden, die sich, seitdem Menschen auf der -Erde sind, als unheilbar erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht -ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl etwas zu viel. -Das Publikum würde wahrscheinlich mehr Vertrauen haben, wenn weniger -versprochen würde. - -Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht Gottes Gleichen seien; -nur die Christliche Wissenschaft erhebt öffentlich den Anspruch, -Gleiches zu leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten Bibel -der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften sich sogar für -mehr. In der gewöhnlichen Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als -Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen Wissenschaft -wissen’s besser. Wissen’s besser und sagen’s ohne Zaudern frei heraus. - -Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken und mein Kopfweh -zu kurieren; aber der Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der -Ueberzeugung, daß die Christliche Wissenschaft zu viel verspricht. -Meiner Meinung nach sollte sie sich mit inneren Krankheiten nicht -abgeben, sondern sich auf Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem -das Seine. - -Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer ab, ich gab ihm das -Doppelte. Frau Fuller schickte mir eine spezifierte Rechnung über die -Heilung von 234 Knochenbrüchen -- für jeden Bruch einen Dollar! - -»Nichts existiert als die Seele?« - -»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, alles andere -ist imaginär.« - -Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt hat sie mich auf -substantielle Dollars verklagt. Das scheint inkonsequent zu sein. - - -IV. - -Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir alle teilweise -geisteskrank sind. Dadurch werden wir uns gegenseitig besser verstehen, -manches Rätsel wird sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren -und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach herausstellen. - -Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt befinden -oder nicht in eine solche hineingehören, sind ohne Zweifel in einer -oder zwei Einzelheiten verrückt -- ich glaube, dies müssen wir alle -zugeben; aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem -übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von einem Ding die gleiche -Meinung haben, so steht es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß, -soweit dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand vollkommen -gesund ist. Nun gibt es ja etliches, worüber wir alle einer Meinung -sind; wir nehmen die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns -nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, die wir nicht in -einer Anstalt sind, folgende Sätze gelten: Wasser bemüht sich stets, -eine wagerechte Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und Wärme. -Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel ist feucht. Sechs mal sechs ist -sechsunddreißig. Zwei von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn. - -Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber wir einig sind. Aber -wenn es auch so wenig sind, so sind sie doch von unschätzbarem Wert, -denn sie bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. Wer -diese Sätze anerkennt, der ist für uns hinreichend zurechnungsfähig, er -ist in allem Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen einzigen -von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen wir, daß er völlig -geisteskrank ist -- reif fürs Irrenhaus. - -Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen Sätzen bestreitet, erkennen -wir das Recht zu, frei umhergehen zu dürfen -- aber mehr können wir ihm -auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß in allen Dingen, wo es sich -um eine bloße Meinung handelt, der Mann geisteskrank ist -- gerade so -geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank wie Shakespeare -war, wie’s der Papst ist. Und wir können genau, sozusagen mit dem -Finger, die Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank ist -er in allem, worin seine Meinung von der unsrigen abweicht. - -Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht behalten läßt. -Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier Presbyterianer, den -Koran prüfe, so weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner -geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier Mohammedaner -den Westminsterschen Katechismus prüft, so weiß er, daß ohne jede -Frage Mark Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, daß -er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen kann man überhaupt -niemals etwas beweisen, -- das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit -und beweist auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. Er -kann auch mir nicht beweisen, daß ich geisteskrank bin, denn mein -Verstand leidet an denselben Mängeln wie der seinige. In Amerika -sind alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen merkt es; nur -die Republikaner und die Mugwumps wissen’s. Alle Republikaner sind -verrückt, aber nur die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es zu -bemerken. Die Regel trifft immer zu: _in allen Ansichtssachen sind -unsere Gegner verrückt_. Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich -oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke sehen zu müssen! - -Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, duldsam gegen die -Verrücktheiten unseres Nächsten zu sein. Ich sehe, daß in seinem -besonderen Glauben der Anhänger der Christlichen Wissenschaft -geisteskrank ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; trotzdem -aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, weil ich ebenso -verrückt bin, wie er -- verrückt von _seinem_ Standpunkt aus, und -sein Standpunkt hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige und ist -ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. In Fragen der Religion -oder Politik ist die Meinung des blödesten Schwachkopfes soviel wert -wie die des erleuchtetsten Geistes -- einen roten Heller. Warum? Sehr -einfach: Die positive Meinung eines Schwachkopfes wird aufgehoben -durch die negative Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines -Nachbarn -- es kommt also zu keinem Ergebnis. Die positive Meinung des -Geistesriesen Gladstone wird aufgehoben durch die negative Meinung des -Geistesriesen Kardinal Newman -- es kommt also ebenfalls zu keinem -Ergebnis. Meinungen, die nichts beweisen, sind natürlich wertlos. Wir -müssen daher die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, daß in -Streitfragen über Politik und Religion die Meinung eines Menschen nicht -mehr wert ist als die seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines -Menschen Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert besitzt. Der Gedanke -ist demütigend, aber man kommt nicht darum herum: es ist eine ganz -einfache Tatsache -- so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15. - -Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich wohl, ohne jemanden -damit zu beleidigen, wiederholen, daß die Anhänger der Christlichen -Wissenschaft verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit liegen; -ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch viel weniger vor, daß -sie verrückter seien als die anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre -Verrücktheit ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten. - -Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie in einer sehr wichtigen -und sehr wertvollen Einzelheit vernünftiger sind als die große Mehrzahl -ihrer Mitmenschen. - -Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: weil ihre Meinungen -nicht die unsrigen sind. Einen anderen Grund kenne ich nicht -- und ich -brauche auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter -als deine oder meine, weil sie so grotesk ist. Da ist zum Beispiel das -›Büchlein‹, wovon ich vorhin sprach. -- Dieses ›Büchlein‹, das vor -achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der Offenbarung hoch oben -am Himmel zeigte, und das jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker -G. Eddy aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort für Wort -- -mit etlicher Nachhilfe -- ins Englische übertragen wurde. Sie hat’s -veröffentlicht und in Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat -an jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! Dieser Profit -gehört offenbar eigentlich dem apokalyptischen Engel -- mag er nur -versuchen, ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den Anhängern -der Christlichen Wissenschaft sehr häufig einfach als ›das Büchlein‹ -bezeichnet -- die Gänsefüßchen dürfen ja nicht vergessen werden -- um -sich stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen. -Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude ganz neu wieder auf und malt -und schmückt es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit -Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten der Neuzeit‹. -Das Büchlein zieht jetzt anscheinend an einer Deichsel und Seite an -Seite mit der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s mit ihr -Tandem fahren, und zwar wird dann das Büchlein _vorn_ ziehen. - -Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine zu ferne Zukunft. -Vielleicht stimmt es besser, wenn ich statt fünfzig Jahre deren fünf -annehme, denn eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends von einigen -Beobachtungen, die sie in der Bostoner Moschee der Christlichen -Wissenschaft gemacht habe, und wonach es allerdings den Anschein hat, -als ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin in Aussicht -gestellte Schauspiel zu warten brauchen. An der einen Wand bemerkte sie -eine Anzahl Sprüche aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet -mit des Heilands Initialen: ~J. C.~ An der gegenüberstehenden Wand -waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. Diese waren ebenfalls unterzeichnet --- wohl ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt man mich. -O nein -- mit dem voll ausgeschriebenen Namen Mary Baker G. Eddy. -Vielleicht hat der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher -Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit einem Bekenner -der Christlichen Wissenschaft, aber er nahm meine Bemerkung gar nicht -leichthin auf, sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen -Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die Rede, denn der Engel -hätte das Buch nicht verfaßt, sondern es nur auf die Erde gebracht --- »Gott verfaßte es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß es -trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden Sprüche müßten mit des -Verfassers Initialen unterzeichnet sein, und wenn statt dessen der -voll ausgeschriebene Namenszug der Uebersetzerin darunter stände, so -hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen Dingen treiben‹. Das hätte -ich erwidern können -- aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der -Christlichen Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger Mann, -und ich wußte, daß er mir einen imaginären Faustschlag versetzen -könnte, an dessen imaginären Schmerzen ich eine volle Woche genug haben -würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee seien zwei Kanzeln; -auf der einen stehe ein Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine -Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und aus diesen Büchern -werde von dem Mann und von der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen. - -Ist das grotesk? - -Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer Seitenkapelle der Moschee -sei ein Porträt oder ein Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor -eine ewige Lampe. - -Ist das grotesk? - -Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen -Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es -wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus -und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger -ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern -bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen -- neben die Jungfrau, -und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die -Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt: -die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird -Maria -- was kann es einfacheres geben? - -Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue -Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu -verdienen sein -- tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je -den klassischen Meistern zufließen ließen --, denn deren Reichtümer -waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich -in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber -wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben. - -Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre -alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million -Mitglieder ... - -Nun, das ist ein Anfang -- und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt -in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere -Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als -irgend ein anderer ›Ismus‹ -- denn sie hat ›_mehr zu bieten_‹. Die -Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg -haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse -sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität -machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer -_bereits vorhandenen_ Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie -stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der -Mohammedanismus. - -Ferner muß Geld da sein -- und zwar viel Geld. - -Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen -einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein -Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme -Fragen stellen. - -Endlich muß die Angel -- wie bereits vorher erwähnt -- mit einem neuen -und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht -bieten können. - -Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen -Erfordernissen -- wie zum Beispiel der Spiritismus -- so kann sie -auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen -Vorbedingungen -- wie zum Beispiel der Mohammedanismus -- so ist sie -sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können. -Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein -Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er -sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die -sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer -unverantwortlichen Klique. - -Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas -Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht -die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr -wert ist als andere zusammengenommen: _eine neue Persönlichkeit zum -Anbeten_. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch -auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In -Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit -zum Anbeten; außerdem aber hat sie -- schon jetzt in den ersten -Anfängen -- einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer -Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie -hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel -- -hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft -verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet -sie -- gegen Barzahlung -- hier auf Erden _Gesundheit und fröhliches -Gemüt_, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder -unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich. - -Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete und der Unwissende, der -Kluge und der Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise und -der Narr, der Krieger und der Bürger, der Held und der Feigling, der -Faulenzer und der Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie und -der Knecht, der Erwachsene und das Kind, der Kranke und der Gesunde, -der kranke Freunde hat -- sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: ihre -Gefolgschaft ist die Menschheit. - -Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten? - -Ich fürchte, ja! - - -V. - -Man vergesse ja nicht -- das große Hauptversprechen der Christlichen -Wissenschaft lautet: Befreiung des Menschengeschlechts von Schmerz -und Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: ja! Wie viele von -den Schmerzen und Krankheiten, die es auf der Welt gibt, werden -durch die Einbildung der Leidenden hervorgerufen und bestehen durch -dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich glaube, viel wird -nicht daran fehlen. Kann die Christliche Wissenschaft diese vier -Fünftel verschwinden machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine andere -(organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. Würde unsere Welt -nicht eine ganz neue Welt und eine viel fröhlichere sein -- nicht -nur für uns Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden -Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, als hätte die Sonne -niemals so hell geschienen? Ich glaube, ja! - -Dabei würden aber wohl die Doktoren der Christlichen Wissenschaft -eine tüchtige Menge Patienten ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr -Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten Methoden -dran glauben müssen? Dieser Frage werde ich mich sogleich zuwenden. - -Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen Leistungen der Christlichen -Wissenschaft beschäftigen, die in ihrer Zeitschrift ›~The Christian -Science Journal~‹ vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst gibt -uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue Schilderung ›eines -rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ -- und er hätte hinzufügen -können, es sei eine getreue Schilderung eines (zivilisierten) -Durchschnittsmenschen. - -»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher Mann; er hat Angst vor -sich selber und seinen sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung -und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine Schlange treten oder -irgend was Giftiges hinunterschlucken.« - -Dann kommt das Gegenstück dazu: - -»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft hat alle Angst und -Aufregung unter die Füße getreten. Er steht da als Sieger über Furcht -und Sorge -- und das kann man von dem Durchschnittschristen nicht -sagen!« - -_Er hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten._ Welchen -Teil unseres Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl mit Freuden -hergeben, wenn wir _jahraus, jahrein_ in solcher Gemütsverfassung -lebten? Es wäre in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann sie sich -ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? In welchem Laden oder in -welcher Kirche? Nur bei der Christlichen Wissenschaft. - -Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst vor Erkältung und -Fieber und Zugluft und schwer verdaulichen Speisen, die uns den Magen -verderben könnten -- gerade diese Angst, sage ich, ist es, die uns den -Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken und die meisten anderen -Krankheiten in den Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft -diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie kann damit vier Fünftel -aller Krankheiten und Schmerzen aus der Welt bringen. - -In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift treten viele ›Erlöste‹ -als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin, -sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie -trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und -Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein, -der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint, -nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes -getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich -mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese -wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle -Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht -gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge -gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker -gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹ -Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten -Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und -fröhlich und -- erstaunt. - -Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei -hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand, -fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl! -Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine -Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit; -Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele; -alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u. -s. w. u. s. w.« - -Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann -brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann -selber legte jedenfalls Wert auf die _genaue_ Formel und auf die -religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube, -_jede_ beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die -gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die -Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame -Verstärkung ihrer Heilkraft. - -Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege. -Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende -Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh; -kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken, -Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser -Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen. - -Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den -Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten -- aber das -war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten -- ›aber davon verspürte -ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger -Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft, -ließ sich eine Stunde lang behandeln _und ging ohne Schmerzen -heim_. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann -›verschwanden die Gebresten -- einige sofort, andere nach und nach‹; -schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt -- das ist -nämlich das Allerwertvollste dabei -- ist er ›zufrieden und glücklich‹. -Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere -Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche -hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und -diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können. - -Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre -Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys -Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im -Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt, -Veitstanz -- ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern -eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum -Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll, -wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen -der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über -jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen« -maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen -der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie -gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren -kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen -Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel -auf und kurieren sich selber. - -Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen -- -das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte --- gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen -eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen, -über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie -rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend, -daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht -gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt -dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in -stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu -handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte -sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern -müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam --- buchstäblich -- mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen -war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der -Schule ›tat es recht häßlich weh --‹ das heißt es _schien_ so. Daher -›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter -und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und -ich _will_ auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte -dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber -spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche -Darstellung des Seins‹ her -- das ist wohl, wie ich vermute, eine -ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹ -Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum -ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten -im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ -herunterschnurrt! - -In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein -Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes -und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine -Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine -Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der -Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen -Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug; -auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede. - -»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem -Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er -plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen -nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz -legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter. - -Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -- das heißt die -Schriften der Christlichen Wissenschaft -- auf einer Fensterbank. Das -war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ -sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite --- außer dem ›Anhang‹. _Diesen_ nahm er in beide Hände und hob ihn -langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder -hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das -Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum -ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine -Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun -hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage -bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich -jedesmal, wenn einer zusah. _Das_ Kind hätte ich lieber haben mögen als -irgend einen Oelfarbendruck! - -Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹ -litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu -glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal -die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain -anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln -und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem -Kiefer herausgraben -- und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh -täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und -ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat, -und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete, -als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben -berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen -wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des -Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter, -ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne -daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben, -denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den -Eingangskapiteln ergibt. - -Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen -Wissenschaft ein schwer verunglücktes _Pferd_ in einer einzigen Nacht -vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel -vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen. -Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte -nun _das Pferd_ diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott, -Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte -es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein, -bitte: _konnte_ das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon -kriegen können? - -Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden -und bei Möbeln. - -In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt; -aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie -erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen -Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und -da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben. -Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen -Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige -Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch -einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben. - - -VI. - - »Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft und - Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ sowie - auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy, im - zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden sind. - Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster Gedanke für - unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den Geistesinhalt - der Bibel in dem ›Büchlein _aufgetan_‹ verdolmetscht (Vers - 2). Somit beweisen wir: Die Christliche Wissenschaft ist die - Wiederkehr Christi -- Wahrheit -- Geist.« (Vorlesung von - George Tomskins, Doktor der Theologie, Doktor der Christlichen - Wissenschaft.) - -Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist der starke Engel, sie ist -der auserkorene himmlische Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken -überbringt. Einstweilen _bringt_ sie nur die Wiederkehr Christi. Wir -müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre im Grabe gelegen hat, -für ihre Anhänger einfach _der zweite Christus selber_ ist. Angebetet -wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses Gefühl sich nicht -nur räumlich ausbreitet, sondern auch immer mehr sich vertieft.[4] - - [4] Eine ihrer Jüngerinnen hatte _ein totes Kind ins Leben - zurückgerufen_ und schließt ihren Bericht an Frau Eddy - mit den Worten: »... und möchten doch wir alle Sie immer - mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus ist - gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord, - Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung - ist, so ist es eine gute Nachmachung davon. - - ~M. T.~ - -Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird -- dies begreift wohl ein -jeder -- Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der -Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand, -auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern -eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie -ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -- denn der Bostoner Christian -Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt. -Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern -Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter: -der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit -Geldwert. - -Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner -Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor -gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren; -die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen -sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der -Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen. -Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu -verkaufen -- gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der -Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze -Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von -Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes -mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys -und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden -zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder -mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando _sechs -Dollars_, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man -vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau -Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen -möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls -mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal -bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau -Eddy -- _ein Gedicht_; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können! --- Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere -Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen -möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben, -Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei -demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal, -ein -- aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man -ist höflich, als daß man deutlich ist. - -Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein -Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur -echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist -die Ware nur von Boston -- selbstverständlich pränumerando. - -Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist -Vorsitzende -- und vielleicht Eigentümerin? -- des vom Trust geleiteten -Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem -zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene -Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die -vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter -meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei -Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden. - -Der Trust liebt den Dollar -- aber er darf kein Phantasiedollar sein. - -Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten, -darf niemand -- mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein -oder nicht -- die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben, -wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das -bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen. -Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und -schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom -›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste -Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von -Millionen. - -Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche -kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust -›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust -- in allernächster Zukunft -- -wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen. - -Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika -zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der -Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre -1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft -in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden -Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen -- -um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und -Recht annehmen, daß der Trust -- der jetzt bereits recht schroff in -seinem Auftreten ist -- alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste -und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals -seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat. -Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird -über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie -sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten, -unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in -Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher -ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer -oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen -Kirche in die Christenheit teilen. - -Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat -_ihre Kräfte_ in sehr wirksamer Weise zentralisiert -- _aber nicht ihr -Geld_. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese -Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen -Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge -bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -- den wir mit der Zeit haben -werden -- wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und -der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes -werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das -Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab --- Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando) --- Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln, -Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten -Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken -von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von -wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus -dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als -echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld -genommen. Aus diesen Geldquellen -- und aus tausend anderen, die erst -noch zu erfinden sind -- wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer -Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung -darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht -verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so -weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern -auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird -dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen -_verpflichten_, auch diese Bibelausgaben zu kaufen -- und das wird -auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann -täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben -- und davon -gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, _und er gibt -nichts für wohltätige Zwecke_. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber -weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert. - -Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. Nicht mal zu solchen -beisteuern. Vergebens sucht man in den vom Trust ausgehenden -Ankündigungen und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft -gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß sie auch nur einen Pfennig -für solche Zwecke ausgeben. Nichts für Witwen und Waisen, für -entlassene Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, Heidenmission, -Volksbibliotheken, Altersversorgung und sonst etwas, das sich auf dem -Umwege durch das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.[5] - - [5] In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von - den Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten - freiwilligen Beiträge für derartige Zwecke auf 15 Millionen - Pfund Sterling. Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts - zu verheimlichen. - - ~M. T.~ - -Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in Briefen und auf -sonstige Weise, und es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Dreier -aufzuspüren, den der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck -ausgegeben hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, als -wenn man ihn fragt, ob ihm ein Fall bekannt sei, daß die Christliche -Wissenschaft etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe -- sei es im -Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. Er _muß_ die Frage -verneinen. Und dann entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage -schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die Sache allmählich -eklig wird. Warum eklig? Weil er an seine Führer geschrieben und voll -hoher Zuversicht sie um eine Antwort gebeten hat, die die Fragesteller -zu Boden schmettern wird -- und weil die Führer nicht geantwortet -haben! Er hat abermals geschrieben -- und noch einmal -- aber diesmal -nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden und hat flehentlich -gebeten, man möge ihn doch mit Munition versehen, um die Position -der Christlichen Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich kommt -eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen auf Unsere Mutter vertrauen -und uns mit der Ueberzeugung begnügen, daß alles was Sie[6] mit dem -Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten vom Himmel, denn Sie -vollzieht keine Handlung, ohne zuvor darüber demonstriert zu haben. - - [6] Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S ein - bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie. - - ~M. T.~ - -Damit ist der Fall erledigt -- soweit der Jünger in Betracht kommt. -Sein ›Geist‹ ist von der Antwort vollkommen befriedigt; er schlägt den -›Anhang‹ auf und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele ist ruhig --- bis mal wieder ein Neugieriger mit indiskretem Finger an die wunde -Stelle tippt. - -Durch Freunde in Amerika habe ich etliche Fragen stellen lassen. In -einigen Fällen erhielt ich bestimmte und verständliche Antworten; in -anderen war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den bestimmten -Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ obligatorisch ist und -einen Dollar beträgt. Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes -zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von einer der maßgebenden -Persönlichkeiten erteilte Antwort: ›Nein; _nicht in dem Sinn, den man -gewöhnlich mit diesem Wort verbindet_.‹ (Daß diese letzten elf Worte -gesperrt gedruckt werden, geschieht auf meine Veranlassung.) - -Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich -- obwohl der Wortlaut -nebelhaft ist. Die Christliche Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft, -unklar, wortreich. Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste Wort -eine vollständige Antwort auf meine Frage war; aber er konnte nicht -anders, er mußte noch elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte -ohne Sinn und Verstand -- wenn der Mann sie mir nicht erklärt. -Höchstwahrscheinlich -- so verstehe ich wenigstens seine Andeutung --- hat die Christliche Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit -erfunden; was für eine das ist, können wir mit ziemlicher Sicherheit -erraten: das vom Trust da hinein gesteckte Kapital wird gewiß 500 -Prozent Reingewinn abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen. - -Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt sich nicht in die -Karten gucken. Nicht von uns unverschämten Neugierigen und nicht -einmal von seinen eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei eine -›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und zu erzählt einer von den -Laienbrüdern der Christlichen Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau -Eddy sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit ein -Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen Zwecken zufließt, darüber kann -er keine Auskunft geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen; -und darum kann man wohl mit Recht annehmen, daß wir gewiß bald etwas -davon hören würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben für -Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich nicht zu schämen brauchte. - -Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft lautet: ›Jeder Arbeiter -ist seines Lohnes wert‹. Und nachdem wir bei uns selber ›eine -Demonstration darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre -Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt alle und jede -Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt sie euch bar bezahlen und zwar -pränumerando‹. - -Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu sein. Exodus, 32,4.[7] - - [7] Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe) - von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel und - machte ein gegossen Kalb u. s. w. - - A. d. Ueb. - -Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und den anderen Mitgliedern des -Trust -- wenn’s überhaupt andere Mitglieder gibt -- aber ich habe -volle Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien, die sich -zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden Zweifel sind diese Laien völlig -ehrlich in ihrem Glauben, und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung -stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher Quelle sie sich ihre -Ueberzeugung geholt hat. - -Ich will damit dem Menschengeschlecht kein Kompliment machen, ich -spreche damit nur meine Meinung aus. - -Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges, den die Christliche -Wissenschaft bereits gehabt hat und in unendlich viel größerem Maße -noch haben wird? In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser Umstand -hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen. Ich glaube, das -Geheimnis liegt anderswo: - -Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft _organisiert_! Und das -war ganz gewiß eine riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft, -als man zur Abfassung von ein paar Millionen Eddyschen Bibelanhängen -brauchen würde. - -So lange die Erde steht, war Elektrizität in unbegrenzter Menge in -der Luft, in der Erde und überall vorhanden; kein Mensch dachte -daran, diese Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben wir diese -überall verstreute wandernde Kraft _organisiert_. Wir lassen sie -für uns arbeiten, wir unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital, -wir konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger weniger -Sachverständiger -- und wir haben die Ergebnisse, die ein jeder sieht. - -Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft bemächtigt, die in -jedem Menschen unbenutzt lag, so lange es Menschen gibt; sie hat diese -Kraft organisiert, Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen -Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen eines kleinen und sehr -sachverständigen Trust zentralisiert. - -_Und darum sind die Erfolge da!_ - - - - -Die Verschwörung von Fort Trumbull. - - - Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; ich - gebe sie wieder, so genau ich es vermag: - -Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von Fort Trumbull bei New London, -Connecticut. Vielleicht war unser Leben dort nicht so munter wie das -Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine Art lebhaft genug -- es -war keine Gefahr, daß unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es -fehlte niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu beschäftigen. -So schwirrte damals -- um nur eins anzuführen -- im Norden die ganze -Luft von geheimnisvollen Gerüchten: Rebellenspione sollten überall -sich herumschleichen, um unsere Forts in die Luft zu sprengen, unsere -Gasthöfe niederzubrennen, verpestete Kleidungsstücke in unsere -Städte zu schicken und was dergleichen mehr war. Sie werden sich -dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach zu halten und die -herkömmliche Langeweile des Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen. -Zudem hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, daß wir -kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, zu träumen oder Maulaffen -feil zu halten. Indessen trotz all unserer Wachsamkeit entwischte -uns von den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte noch -in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig hoch, daß der Rekrut -einer Schildwache drei- oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit -sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel übrig behielt, daß es -für einen armen Mann ein Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der -faulen Haut lagen wir nicht. - -Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, wo ich irgend etwas zu -schreiben hatte, als ein bleicher, zerlumpter Bursche von vierzehn oder -fünfzehn Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte und mich -ansprach: - -»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?« - -»Ja.« - -»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?« - -»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung und zu klein, mein Junge.« - -Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen -Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte -er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem -Ton, der mir zu Herzen ging: - -»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie -mich doch einstellen könnten!« - -Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie -möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen -setzen und fügte hinzu: - -»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?« - -Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare -Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es -vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter. -Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte, -daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch -von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine -Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein -ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme -Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme -ein. - -Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit -und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie -lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der -Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß -ich seine Wange sehen konnte -- und über diese Wange rann ein Strom von -stillen Tränen. - -»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der -arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit -wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst -mit mir speisen. Ich bin heute allein.« - -Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl -erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die -Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er -sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und -- nun, ich behielt sie in -der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt -und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an -Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem -Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube -ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist. - -Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow -- -Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen -- mit seiner Serviette -umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet -seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache -Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich -über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte -aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und -aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit -dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich -liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß -mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon, -wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich -brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton -Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré, -Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der -Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die -Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli -Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See -- wie klang das alles -vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal -von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F. -Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast -als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe -und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt, -war folgendes Klein-Wicklows Geschichte: - -Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und -seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen -Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen -war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle -mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen. -Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder, -und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie -wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend -gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und -Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie -ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner. -Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen -genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen -aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen, -und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht -eingestellt werden kann -- macht nichts! Ich werde einen Weg finden --- ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt -hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht -binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so -würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum -Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer -Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und -er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im -Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in -New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem -Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von -dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet -in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not. -Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur -Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte -sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit -einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen. -Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben, -schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue -Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung -- und zwar nicht -zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit -aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde -verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den -wenigen Einnahmen -- ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für -zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da -- kam nicht zum Frühstück. -Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe -den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist -- nach -Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt. - -Der Junge stand allein und ohne Freunde auf der Welt da. Er wußte -nicht, was er anfangen sollte, aber es schien ihm das beste, -wenn er versuchte, seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum -Dampfschiff-Landeplatz und erfuhr, daß das bißchen Geld, das er in der -Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston nicht ausreichte, daß er dafür -aber nach New London kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen, -indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die Mittel würde finden -lassen, um den Rest der Reise zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage -und Nächte lang in den Straßen von New London herumgelaufen und hatte -hier und da um der Barmherzigkeit willen einen Bissen bekommen oder ein -Eckchen zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte er nicht -mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. Wenn er als Rekrut eintreten -könnte, so würde er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat werden -könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge zu brauchen? O, er würde -so fleißig sein und so dankbar! - -So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten die Geschichte des -jungen Wicklow, genau wie er sie mir erzählte. Ich sagte: - -»Junge, du bist jetzt unter Freunden -- mach’ dir keine Sorgen mehr.« -Wie glänzten da seine Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn -herein -- er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; vielleicht kennen -Sie ihn -- und sagte: »Rayburn, geben Sie dem Jungen hier Quartier bei -den Musikern. Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, und es ist -mir lieb, wenn Sie ein Auge auf ihn haben und darauf sehen, daß er gut -behandelt wird.« - -Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten und dem Trommlerjungen -hörte jetzt natürlich auf, aber die Gedanken an den freundlosen armen -kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer auf der Seele. Ich behielt -ihn im Auge, in der Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich -und lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach dem anderen, und -er blieb wie er war. Er verkehrte mit keinem Menschen, war immer -geistesabwesend und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war immer -traurig ... Eines Morgens bat Rayburn mich um eine vertrauliche -Unterredung. - -»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« sagte er. »Aber die -Sache steht so: die Musiker sind so außer sich, daß ja wohl einer -sprechen muß.« - -»Na, was ist denn los?« - -»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr Major. Die Musiker haben -eine Wut auf ihn -- Sie können sich’s gar nicht denken.« - -»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn angestellt?« - -»Betet, Herr Major!« - -»Er betet?« - -»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr -vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach -- betet er; Mittags --- betet er; und Nachts -- na Nachts, da ist er gerade als wäre er -besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie _können_ ja nicht -schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal -seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen. -Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt -der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann -mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle -hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst, -als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden -zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht -seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte -sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit -angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut -- -Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im -Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig, -er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts -aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und -plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen: -›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O, -scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles? -Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.« - -Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger -kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf -einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den -richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt -jeden Stiefel kennt -- kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.« - -Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er -fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er -mit Beten fertig ist -- wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit -fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja, -was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen, -er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm -die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen -ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des -Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus -der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.« - -»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?« - -»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen: - - So wie ich bin -- unglücklich arm und blind -- - -ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und -’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt -- es geht -einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren -- geht einem tief hinein, -da wo’s Leben ist -- und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß -’mal singen: - - Kind von Sünd’ und Sorgen, - Voll von Angst und Not, - Warte nicht bis morgen, - Folge _heute_ Gott -- - Stoß’ nicht fort die Vaterhand, - Die vom fernen Himmelsland ... - -und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, wie der verruchteste, -undankbarste Kerl, der auf der Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die -Lieder singt vom Elternhause, und von der Mutter und den Kindertagen -und den alten Erinnerungen, und von längst entschwundenen Dingen und -von alten Freunden, die tot oder fern sind -- ach, das bringt einem -alles vors Auge, was man je in seinem ganzen Leben geliebt und verloren -hat -- und ’s ist so wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s -anhört, Sir -- aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie herzbrechend -ist’s auch! Die Kapelle -- jawohl, _alle_ heulen sie! Der größte Lump -unter ihnen schluchzt dabei -- und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu -verbergen. Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel nach ihm -geschmissen hatten -- auf einmal springen sie alle von den Pritschen -und laufen in der Finsternis zu ihm hin und herzen ihn und schlecken -ihn ab -- jawohl, das tun sie -- und geben ihm Schmeichelworte und -bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. Und wenn in _dem_ Augenblick ein -Regiment käme, um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen -- wahrhaftig sie -gingen gegen das Regiment, und wenn’s ein ganzes Armeekorps wäre!« - -Wieder eine Pause. Dann fragte ich: - -»Ist das alles?« - -»Jawohl, Herr Major.« - -»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu klagen? Was wollen denn die -Leute?« - -»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr Major -- sie möchten, daß -Sie ihm das Singen verbieten.« - -»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, sein Gesang sei überirdisch -schön.« - -»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches -Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das -Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle -zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß -noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von -Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen -Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen -- verstehen Sie, jeden -Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht -sehen.« - -»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde. -Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?« - -»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten; -sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er -wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die -Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten -können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher -Weise heruntergeputzt zu werden.« - -Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In -derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und -horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute -betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten -Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die -Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen. -Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte -eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O -Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck! -Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so -Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald -fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den -Befehlshaber einer Festung nicht schickt. - -Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein -Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei -ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht -an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant -Rayburn und sagt: - -»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.« - -»Wieso?« - -»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.« - -»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?« - -»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht -er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum -- -hol mich der ..., wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch, -wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt -er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.« - -Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich -gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit -dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas -Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden, -gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge -zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an -den Umstand -- der viel zu denken gab -- daß der Junge aus dem -Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und -dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade -ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn -die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie -einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind -in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen, -seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu -verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und -vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden -könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine -gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu -folgen, sobald er in die Stadt ginge. - -Während der nächsten beiden Tage erstattete Rayburn mir mehrmals -Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er -steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer -unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der -Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute -oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte -solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen -- sie sahen sehr -verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich -unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ -den nächsthöheren Offizier holen -- einen klugen Offizier von gesundem -Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und -beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und -kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung -anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei -Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal -der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den -Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden -aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden, -erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder -zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des -Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider -enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und -einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand -nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen -hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine -kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben: -›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹ - -Ich sah Webb an -- er schlug die Augen nieder; er sah mich an -- ich -schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte -das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf -und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich -zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und -brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie -vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die -einzig angemessene Haltung zu sein. - -Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war. - -Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um -Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte: - -»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus -einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!« - -Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte: - -»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich -habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!« - -»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?« - -»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich -dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen, -und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann -guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte -er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann -kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn -mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern -ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das -Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es -heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.« - -Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran -schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er -möchte zu mir kommen. - -Der Zettel lautete wörtlich: - - Fort Trumbull, den 8. - - Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei - Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind - Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie - ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet; - indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die - nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch - hier -- für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen, - werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß - es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu - verschieben bis ... - -Hier brach das Schreiben ab -- gerade an dieser Stelle hatte Rayburn -gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu -dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner -trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei, -die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte. - -Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit -- -Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar -augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten -und Gesichtspunkten, und Webb sagte: - -»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll -verschoben werden, bis ... bis wann? Und was ist das für ein ›es‹? -Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine -Reptil.« - -»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet -das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb -oder außerhalb des Forts?« - -In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen -es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so -gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten. -Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und -die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir -daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen; -das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht -alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges -mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also -unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum -Postamt -- vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir -ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens -Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den -näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen. -Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas -schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten. -Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief -Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit -sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen -Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte -und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten -Gegenstand her -- es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben -hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin -die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es -weiter: - - Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden - Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen - so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung - setzen können -- befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich - sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum - eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft - wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig - sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden - Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe - etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber - diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen - versuchen. - -»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß -er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die -einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die -Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer -Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in -unserer Mitte noch drei andere, die wir _nicht_ kennen. Drittens: Diese -Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten -in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt -worden -- und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden, -indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind -noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt. -Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er -sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen -- will’s -›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen -wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder -sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt, -und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig -verhalten, um noch mehr zu erfahren?« - -Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig, -schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller -Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden -Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben -Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich -die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig -zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu -dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir -Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach -dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows -Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn -dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten. - -Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es -war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer. -Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett -und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles -in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand -sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper -von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der -Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen. -Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem -schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm, -daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu -sehen. - -Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung. -Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus -und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald -Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus -und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war -ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir -hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes -zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort -herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen -Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten. -Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock -herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich -umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow -vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und -verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief -erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte -diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den -Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich -geraden Weges nach dem Fort. - -Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen -an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten. - -Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete: - - _~Heilige Allianz!~_ Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle - vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen - waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten - Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone - das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand - gekommen sind ... - -Hier unterbrach Webb mich mit der Frage: - -»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?« - -Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes -unablässig streng bewacht worden. - -»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas -herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?« - -»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.« - -»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß -sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der -einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die -Sache nicht möglich gewesen.« - -Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen -und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter: - - Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die ~M.M.M.M.~ - sollen morgen früh um 3 Uhr ~F.F.F.F.F.~ sein. Zweihundert - werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen - Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten - Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen - verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend - etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind - verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte - Nacht mehreremale die Runde. ~W.W.~ kommt heute von Süden her - und wird heute geheime Befehle empfangen -- auf dem andern - Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein. - Dort findet ihr ~B.B.~, der euch genaue Weisungen geben wird. - Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt -- setzt - erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. ~_Gedenket_ - XXXX!~ Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die - Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein - und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt - hinzugefügt haben. ~_Amen_.~ - -»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint, -in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!« - -Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen -anfinge. - -»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz -klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit -- das ist ebenfalls -klar. Die wahre Natur des Anschlags -- ich meine die Art und Weise der -Ausführung -- ist durch diese Bündel von ~F~ und ~M~ verschleiert, -aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts. -Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube -mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr -erreicht werden. Wir _müssen_ wissen, und zwar so schnell wie möglich, -wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort -fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen, -besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis -zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen -Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten -und um Vollmachten bitten.« - -Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte -es und sandte es sofort ab. - -Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und -ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der -Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen -unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß -auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang -kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern. -Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir -unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier -dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze -die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als -ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten. -Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle -ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige -träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte -er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war -uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die -Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief -einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren. - -Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus der Tasche ein etwa fußlanges -Stück Bindfaden mit drei Knoten und hielt es in die Höhe. - -»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« sagte er. »Ich nahm -die Mündungsdeckel von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach; -diese Schnur war das einzige, was in irgend einer Kanone war.« - -Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows Zeichen, wodurch er kundgab, -daß des ›Meisters‹ Befehle nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich -befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig Stunden -in der Nähe jenes Geschützes Schildwache gestanden war, sofort in -Einzelgewahrsam zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine ganz -besondere Erlaubnis verkehren zu lassen. - -Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements kam ein Telegramm, welches -folgendermaßen lautete: - - Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt in - Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen. - Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement auf - dem Laufenden. - -Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen konnten. Ich schickte -Leute aus, die ohne Aufsehen zu erregen den lahmen Herrn verhafteten -und ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab ihm eine -Schildwache und verbot, mit dem Mann zu sprechen oder ihn anzuhören. -Anfangs hatte er Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald. -Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, wie Wicklow zweien -von unseren neuen Rekruten etwas zugesteckt habe; die Leute seien, so -wie er den Rücken gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden. -Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, worauf mit -Bleistift geschrieben stand: - - ~Adlers Dritter Flug. - Gedenke XXXX.~ - 166. - -Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich dem Departement in Chiffren, -welche neuen Entdeckungen wir gemacht und beschrieb zugleich die neu -gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark genug zu sein, -um Wicklow gegenüber die Maske fallen lassen zu können; ich ließ ihn -also holen. Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen -Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt sandte ihn zurück mit der -Bemerkung, daß seine Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es -gebe aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, falls ich es -wünschen sollte. - -Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles in seinem -Blick, aber er war gefaßt und unbefangen, und wenn er irgend einen -Verdacht hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen und -in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich ließ ihn ein paar Augenblicke -stehen; dann sagte ich freundlich: - -»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft nach dem alten Stall?« - -Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit: - -»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht recht; es ist eigentlich -kein besonderer Grund vorhanden, als daß ich gerne allein bin, und daß -ich mich dort unterhalte.« - -»Ach so, du unterhältst dich dort?« - -»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach und unschuldig wie zuvor. - -»Und weiter tust du da nichts?« - -»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah er mich mit einem Ausdruck -kindlicher Verwunderung in seinen großen sanften Augen an. - -»Weißt du das auch ganz gewiß?« - -»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.« - -Nach einer Pause fragte ich weiter: - -»Wicklow, warum schreibst du so viel?« - -»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.« - -»Nicht?« - -»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ meinen -- kritzeln tue ich -manchmal zu meiner Unterhaltung.« - -»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?« - -»Nichts, Herr Major -- ich werfe es weg.« - -»Schickst du’s niemals an irgend jemand?« - -»Nein.« - -Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ vors Gesicht. Er fuhr -leicht zusammen, faßte sich aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte -überzog seine Wangen. - -»Wie kamst du dann aber dazu, _dieses_ Gekritzel abzuschicken?« - -»Ich dach ... ich dachte mir gar nichts Böses dabei, Herr Major!« - -»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung des Forts und die Stärke -der Besatzung und denkst dir nichts Böses dabei?« - -Er ließ den Kopf hängen und schwieg. - -»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß das Lügen sein! Für wen -war dieser Brief bestimmt?« - -Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell hatte er sich wieder -zusammengenommen und erwiderte im Tone tiefsten Ernstes: - -»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major -- die ganze Wahrheit. -Der Brief war überhaupt niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich -schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß zu machen. Ich sehe -jetzt ein, wie verkehrt und wie albern das war; aber das ist auch das -einzige Anstößige dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.« - -»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche Briefe zu schreiben. Ich -hoffe, du bist sicher, daß dies der einzige ist, den du schriebst.« - -»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.« - -Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte seine Lüge mit dem -ehrbarsten Gesicht von der Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den -in mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann sagte ich: - -»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis auf und sieh zu, -ob du mir nicht bei zwei oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die -ich gerne wissen möchte.« - -»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr Major.« - -»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?« - -Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell einen unruhigen Blick -über unsere Gesichter gleiten ließ. Aber das war auch alles. In einem -Augenblick war er wieder heiter und antwortete ruhig: - -»Ich weiß es nicht, Herr Major.« - -»Du weißt es nicht?« - -»Ich weiß es nicht.« - -»Du weißt es _ganz bestimmt_ nicht?« - -Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen zu sehen; aber das war -zu viel für ihn. Sein Kinn sank langsam auf die Brust nieder und er -schwieg. Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er sah kläglich -aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz seinen niederträchtigen -Handlungen Mitleid mit ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille -mit der Frage: - -»Was ist die ›Heilige Allianz‹?« - -Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine halb unbewußte Bewegung -mit den Händen, wie ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht. -Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt hartnäckig seine Augen -auf den Fußboden geheftet. Wir sahen ihn an und warteten, daß er -sprechen möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen anfingen, -ihm über die Backen zu rollen. Aber er blieb still. Nach einer kleinen -Weile sagte ich: - -»Du mußt mir antworten, mein Junge, und mußt mir die Wahrheit sagen. -Wer ist die ›Heilige Allianz‹?« - -Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich ziemlich scharf: - -»Antworte auf die Frage!« - -Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr zu werden; dann sagte er -mit einem flehenden Blick auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem -Schluchzen herauspressend: - -»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! Ich kann nicht antworten, -denn ich weiß nichts!« - -»Was?!« - -»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. Ich habe bis zu diesem -Augenblick niemals was von der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner -Ehre, Herr Major, so ist es!« - -»Himmelherrgott ... Sieh mal hier deinen zweiten Brief an. Da, siehst -du hier die Worte: ›_Heilige Allianz_‹? Was sagst du jetzt?« - -Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten Blick eines Menschen, -dem man ein großes Unrecht angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem -Ton: - -»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr Major. Und wie konnte man -mir so was antun -- mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, und -der niemals einem Menschen etwas zuleide getan hat! Irgend einer hat -meine Handschrift nachgemacht; ich schrieb niemals eine Zeile davon; -ich habe diesen Brief nie vorher gesehen.« - -»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh her, was sagst du hierzu?« -Und ich riß den Brief mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche -und hielt ihm denselben vor die Augen. - -Sein Gesicht wurde weiß! -- so weiß, wie wenn er ’ne Leiche gewesen -wäre. Er schwankte auf den Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand, -um sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit so schwacher -Stimme, daß man’s kaum hören konnte: - -»Haben -- Sie’s gelesen?« - -Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet haben, bevor meine -Lippen das falsche »Ja!« hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich, -wie der Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete darauf, daß er -etwas sagen sollte, aber er blieb still. So sagte ich denn zuletzt: - -»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu bemerken, die in diesem Brief -enthalten sind?« - -Er antwortete völlig gefaßt: - -»Nichts -- ausgenommen, daß ich gänzlich harmlos und unschuldig bin; -sie können keinem Menschen Schaden tun.« - -Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen ich seine Behauptung -nicht Lügen strafen konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter -vorgehen sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein guter Gedanke und -ich sagte: - -»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem ›Meister‹ und der ›Heiligen -Allianz‹ und schriebst ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du -sagst, eine Fälschung ist?« - -»Nein, Herr Major -- ganz bestimmt nicht!« - -Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor und hielt ihm denselben -hin ohne ein Wort zu sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte -er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine Geduld war jetzt an -der Grenze angelangt. Ich bezwang indessen meinen Aerger und sagte in -ruhigem Tone: - -»Wicklow, siehst du dies?« - -»Ja, Herr Major.« - -»Was ist es?« - -»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.« - -»_Scheint?_ Es _ist_ ein Stück Bindfaden. Erkennst du es?« - -»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die ruhigste Art von der Welt. - -Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! Ich machte jetzt eine -Pause von mehreren Sekunden, um durch das Schweigen den Worten, die ich -äußern wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann stand ich -auf, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte ernst: - -»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der ganzen Welt nicht gut tun. -Dies Zeichen für den ›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in -einer der Kanonen an der Wasserseite gefunden ...« - -»Gefunden _in_ der Kanone?! O, nein, nein, nein! Sagen Sie nicht in -der Kanone, sondern in einer Fuge des Mündungsdeckels -- er _muß_ in -der Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und faltete seine -Hände und hob sein Antlitz zu uns empor, ein Antlitz so bleich und -angstverzerrt, daß er einem Mitleid einflößte. - -»Nein, er war _in_ der Kanone.« - -»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein Gott, ich bin verloren!« Und -er sprang auf und strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach -ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. Aber das war natürlich -ganz undenkbar. Dann warf er sich wieder auf die Kniee, schrie aus -Leibeskräften und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht los und -bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen mit mir! O, seien Sie -gnädig mit mir! Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick -mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, retten Sie mich! Ich will -alles gestehen!« - -Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu beruhigen und ihm die -Angst auszureden und ihn wieder in eine einigermaßen vernünftige -Geistesverfassung zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: Er -antwortete demütig, mit niedergeschlagenen Augen, von Zeit zu Zeit die -unablässig rinnenden Tränen abwischend. - -»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?« - -»Ja, Herr Major.« - -»Und ein Spion?« - -»Ja.« - -»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb gehandelt?« - -»Ja.« - -»Mit Freuden, vielleicht?« - -»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. Der Süden ist mein -Vaterland; mein Herz gehört der Sache des Südens -- Herz und Leib und -Seele!« - -»Dann war also die Geschichte, die du mir von euren Leiden und den -Verfolgungen gegen deine Familie erzähltest, reine Erfindung?« - -»Sie -- sie befahlen mir es zu sagen, Herr Major!« - -»Und du wolltest also die Leute, die dir aus Mitleid Obdach gaben, -verraten und vernichten? Begreifst du, wie gemein das ist, du armes, -mißleitetes Geschöpf?« - -Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen. - -»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der ›Oberst‹ und wo ist er?« - -Er fing herzbrechend an zu weinen und bat himmelhoch, ihm die Antwort -zu erlassen. Er sagte, man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich -drohte ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren lassen, wenn -er nicht mit der Sprache herauskäme. Gleichzeitig versprach ich ihm, -ihn gegen jede Gefahr zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein -Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern preßte die Lippen -zusammen und setzte eine verstockte Miene auf. Es war nichts mit ihm -anzufangen. Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, und -der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. Er brach in ein -leidenschaftliches Weinen und Flehen aus und erklärte, er wolle alles -sagen. - -Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem Zimmer und er gab den Namen -des ›Obersten‹ an und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er wäre -im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher Kleidung zu finden. -Dann mußte ich neue Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den -›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, der Meister würde -in New York, Bondstreet Nr. 15 zu finden sein; er wohnte dort unter dem -Namen R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung -an den Polizeipräsidenten der Metropole und bat, Gaylord zu verhaften -und festzuhalten, bis ich ihn abholen lassen könnte. - -»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, verschiedene von -den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich in New London. Nenne und -beschreibe sie!« - -Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei Frauen -- sämtlich im -ersten Gasthof von New London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt -und ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften; bald saßen -sie auf dem Fort in sicherem Gewahrsam. - -»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft über deine drei -Mitverschwörer, die hier im Fort sind.« - -Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen erzählen; ich brachte -aber die beiden geheimnisvollen Papierschnitzel zum Vorschein, die bei -den Rekruten gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame Wirkung -auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir hätten zwei von den Leuten schon in -unserer Gewalt, und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies -jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief: - -»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich auf der Stelle töten.« - -Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde ihm jemand zum Schutze -mitgeben, außerdem würden die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich -befahl, daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell kommen sollten; -dann mußte der arme, zitternde, kleine Kerl herauskommen; er schritt -die Front ab, wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich -dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den Leuten ein -einziges Wort, und ehe er fünf Schritte weiter war, war der Mann auch -schon verhaftet. - -Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich die drei Soldaten -vorführen. Einer von ihnen mußte vortreten und ich sagte: - -»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um eines Haares Breite von der -strengsten Wahrheit ab. Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?« - -Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle Gedanken an etwaige -Folgen beiseite, heftete seine Augen auf des Mannes Gesicht und sagte -ohne jedes Zögern: - -»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. Er ist aus New Orleans; war -vor zwei Jahren zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹; -ist ein verzweifelter Charakter und ist schon zweimal wegen Totschlags -im Gefängnis gewesen: das einemal, weil er einen Matrosen Namens -Hyde mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, weil er einen -Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, das Lot zu heben, womit -auch ein solcher Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion -und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt Er war -dritter Steuermann auf dem ›St. Nicholas‹, als dieser Dampfer in der -Nähe von Memphis in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre beinahe -gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten ausplünderte, -während sie in einem leeren Holzboot an Land gebracht wurden.« - -Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine vollständige -Lebensbeschreibung des Mannes. Als er fertig war, sagte ich zu diesem: - -»Was haben Sie dazu zu bemerken?« - -»Nichts für ungut, Herr Major -- aber das ist die teuflischste Lüge, -die je gesprochen wurde!« - -Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die beiden anderen einzeln -vortreten. Dasselbe Ergebnis. Der Junge gab über jeden von ihnen eine -bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, ohne jemals sich -auf ein Wort oder eine Tatsache besinnen zu müssen; aber alles, was -ich aus den beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete -Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten nichts gestehen. Ich -ließ sie wieder in Haft abführen und dann die übrigen Gefangenen, einen -nach dem anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste Auskunft -über sie -- aus welchen Städten im Süden sie waren, und schilderte mit -allen Einzelheiten ihre Beteiligung an der Verschwörung. - -Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und kein einziger von ihnen -bekannte das Geringste. Die Männer tobten, die Weiber weinten. So wie -sie es darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus dem Westen -und liebten die Union über alles in der Welt. Voll Ekel ließ ich die -Bande wieder einsperren und fuhr in Wicklows Verhör fort: - -»Wo liegt Nr. 166 und wer ist ~B. B.~?« - -Aber hier war die Grenze, die er sich selber gesetzt hatte. Weder -Schmeicheln noch Drohen übte irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit -flog dahin -- es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln zu -greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen gebunden hochziehen. Als die -Schmerzen ärger wurden, stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das -ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, und sehr bald schrie -er heraus: - -»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann will ich sprechen!« - -»Nein -- du wirst sprechen, bevor ich dich herunterlasse.« - -Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. Und so kam’s heraus: - -»Nr. 166, Adler-Gasthof!« - -Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft drunten am Hafen, wo -gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer und zweifelhaftes Gesindel zu -verkehren pflegten. - -Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft über den Zweck der -Verschwörung. - -»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er mürrisch und schluchzend. - -»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?« - -»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, die sich bei 166 treffen -sollten.« - -»Was bedeutet: ›_Gedenke_ ~XXXX~!‹?« - -Keine Antwort. - -»Wie lautet das Losungswort für 166?« - -Keine Antwort. - -»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: ~FFFFF~ und ~MMMM~? Antworte, -oder du kriegst es noch einmal zu fühlen!« - -»Ich werde _niemals_ antworten. Lieber sterbe ich. Nun tun Sie, was -Ihnen beliebt!« - -»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist das dein letztes Wort?« - -Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme: - -»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe -und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint: -ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!« - -Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die -furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens -Schreie mit anzuhören -- aber wir brachten nichts anderes aus ihm -heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort: - -»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich -niemals!« - -Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt -lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und -setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft. - -Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die -telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle -Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen. - -Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war -allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die -Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen -oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem -Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt -weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in -ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den -hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren. - -Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, ~B. B.~ zu fesseln und zu -knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr -ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von -einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus -der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die -Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem -Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und -uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort -zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen. - -Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller -Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte -ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür -zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter -uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran -nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl -und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle -seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen -Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich -in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166 -voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen -hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten -Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten, -daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der -Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte -den Türgriff an -- die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte -ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten -unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem -einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir -undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag -- ich sah wie der -Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in -pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf -dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein -Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit -meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine -Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte -den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich: - -»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.« - -Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir meinen Gefangenen an und -- -Himmeldonnerwetter! es war ein junges Frauenzimmer. - -Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. Ich kam mir ziemlich -dämlich vor. Jeder von uns sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als -hätten wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend -wirkte die Ueberraschung. Das junge Frauenzimmer begann zu schreien -und bedeckte sich das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte in -demütigem Ton: - -»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht recht ist, nicht wahr?« - -»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?« - -»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade heute abend von Cincinnati -ein klein bißchen krank nach Hause gekommen.« - -»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder gelogen! Das ist nicht -die richtige Nr. 166, das ist nicht ~B. B.~ Höre, Wicklow, jetzt wirst -du uns die richtige Nr. 166 finden, sonst -- hallo! wo ist denn der -Junge?« - -Fort war er -- das war bombensicher. Und noch mehr, es gelang uns -nicht, eine Spur von ihm zu finden. Das war eine eklige Klemme! Ich -verwünschte meine Dummheit, daß ich ihn nicht an einen von den Leuten -angebunden hatte; aber es hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu -fluchen. Was sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? -- Das -war die Frage. Das Mädchen _konnte_ immerhin doch ~B. B.~ sein. Ich -glaubte das allerdings nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen, -Zweifel für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine Leute ein -leeres Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber von Nr. 166 -beziehen und befahl ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere, -ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie bis auf weiteren -Befehl unter strenger Bewachung zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort -zurück, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei. - -Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb in Ordnung. Ich blieb -die ganze Nacht auf, um sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich -war unbeschreiblich froh, als ich den Morgen dämmern sah und an das -Kriegsdepartement telegraphieren konnte, daß die Sterne und Streifen -noch immer über Fort Trumbull wehten. - -Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. Trotzdem ließ ich -natürlich in meiner Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag -der Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach dem anderen -vorführen und machte ihnen ganz gehörig die Hölle heiß, um sie zum -Gestehen zu bringen -- aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß -mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, aber sie verrieten -nichts. - -Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen verschwundenen Jungen. Man -hatte ihn um sechs Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der -Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort schickte ich einen -Kavallerieleutnant mit einem Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen -von der Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über einen Zaun -geklettert und schleppte sich ermattet quer über eine morastige Wiese -auf ein großes altmodisches Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag. -Sie ritten durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen Umweg und -näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten Seite. Dann stiegen -sie ab und liefen schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften -in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; die Tür nach dem Vorder- -oder Wohnzimmer stand offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie -eine leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. Sie blieben -daher ehrfurchtsvoll stehen, und der Leutnant streckte seinen Kopf vor -und sah einen alten Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des -Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende war der alte Mann, und -gerade als er mit seinem Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die -Vordertür auf und trat ein. Die beiden alten Leute sprangen auf ihn zu -und umarmten ihn voll Zärtlichkeit und riefen: - -»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist -wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!« - -Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in -dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht -weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine -Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte -an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann -war sein Vater -- ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe -gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter. - -Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine -Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender -Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen -- dunkle -Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht -sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione -fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von -ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden -Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine -Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand. -Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling -von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser -hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von -den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder -dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln -- daher seine -Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten, -die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil -von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate -zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die -Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener -Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem -Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er -wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären? -Ganz einfach, weil er sie nicht erklären _konnte_. Sie hatten gar keine -Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg -aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt -wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so -schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer -Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen -- -aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts -verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer -Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun -- denn -seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner -Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten -Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte. -Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden -war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort -zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn -›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet --- das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den -›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der -unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er -erfand ›~B. B.~‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte -nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als -bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden, -wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des -Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel -gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer -ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar -Tage, und ich glaube, für ihn war es _Wirklichkeit_ und er hatte an ihr -seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein. - -Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose -Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir -fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer -Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren -die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber -brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren -Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele -Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande -bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen -unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen -- die eine war die -Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines -Bischofs aus dem Westen -- na, _der_ verächtliche Hohn und _die_ -ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir -gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten --- und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der -lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von -der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem -Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow -niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung -und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in -meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als -Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der -verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas, -was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte. - -Und das Kriegsdepartement! -- Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber -den Vorhang darüber zu! - - _Anmerkung_: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und - er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen - Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen - verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz - hübschen Aufputz geben -- lassen wir sie stehen. Militärs - werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht - bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt - und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.« - - ~M. T.~ - - - - -Aus den ›London Times‹ von 1904[8] - - [8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900. - - -I. - -Bericht der ›London Times‹. - - Chicago, den 5. April 1904. - -Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht -fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt -- und mit -ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs -- von nichts anderem -gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem -letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will -ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis -zu dem Gipfelpunkt von gestern -- oder heute; nennen Sie den Tag wie -Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in -einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene -spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den -Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht -zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und -der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß -noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants -Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen. -Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen -Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W., -den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der -Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten -Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in -militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen -Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton -dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point -getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt -Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten -Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in -seinen Worten. - -Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum -Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch -betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen -Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es -klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals -die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom -Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete -sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war -sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte, -durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende -des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei -Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem -Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung -auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir -Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen -Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade: - -»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« -- und dabei schlug -er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch. - -»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge -Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung. - -Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte: - -»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine -solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag -erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen -Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.« - -»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da -hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich -glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine -Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter -blickt als ich -- und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne -dasselbe.« - -Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien -ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch -stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die -Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen -bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹. -Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort: - -»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der -elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst -leistet -- ich betone: einen _wirklichen_ Dienst -- so schicken Sie ihn -mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte -zurücknehmen Wollen Sie?« - -»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche. - -Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische -Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik -unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar -darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden -Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den -Attachés getrennt ... - - * * * * * - -Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald -der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde -der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte -nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt -angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für -unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem -ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und -Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten -sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten. - -Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen -Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer -nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten -sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden -getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit -Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man -an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich -hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte -man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit, -und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein -Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere -Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und -pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen. - -Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und -unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins -von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks -erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes -gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes -vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in -völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er -sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem -Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden -- und würde trotzdem sich -irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in -keiner Weise daran beteiligt gewesen. - -Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er -hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe, -ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner -Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war -jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu -wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen -Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903 -wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt; -noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt -und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben. - -Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer -peinlichen Lage -- denn Claytons Gattin ist eine Nichte des -Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und -das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist -ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der -armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund; -aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei -allen Verhältnissen die Politik mit -- und allmählich begannen des -Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu -lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen -werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer -deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen -dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in -Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem -Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern. -Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu -begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse -seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe -Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann -in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er -werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei -Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm: - -»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung -geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du -hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen -Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn -in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm -gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der -grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie -möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s -nicht allein tragen lassen?« - -»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum -letzten Augenblick dir zur Seite stehen.« - -Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte -Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der -Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei -ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle -herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt -hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung -des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der -Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und -so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop -haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein -Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und -Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem -andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und -sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren -Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als -Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und -ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung -beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und -die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in -seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und -dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.« -Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in -der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne -leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen. -Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden -kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem -Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu. - -Gestern -- ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus -gewissen, ganz natürlichen, Gründen -- gestern blieb das Instrument -unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der -Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen. -Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel -nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins -Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz -nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht, -und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und -lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die -Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches -Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten -- und sank in -Ohnmacht. Es war der Galgen! - -Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton -und ich waren allein -- allein und brüteten über unseren Gedanken und -träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für -Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der -Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es -in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist. -Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies -vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von -draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese -Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen; -sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über -Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken -zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd -ein Hagelschauer an die Fensterscheiben -- und dazu fortwährend die -schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den -Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit -ein anderer Ton zu uns -- aus weiter Ferne und nur ganz schwach -durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend -- eine Glocke schlug -zwölf! Wieder eine Ewigkeit -- dann schlug es abermals. Und dann -- -noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte -wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! -- Zwei! -- Drei! -- -Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben! - -Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den -schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das -Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und _das_ sollten eines Mannes -letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile: -»Ich muß noch einmal die Sonne sehen -- die Sonne!« Und im nächsten -Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich -mit China -- Peking!« - -Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie -unglaublich -- ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche -Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille, -gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen -großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis -stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!« - -Ich hörte dem Gespräch zu: - -»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! ... Das ist -Peking?« - -»Ja.« - -»Welche Zeit?« - -»Mitten am Nachmittag.« - -»Was will die große Menge, was bedeuten die prachtvollen Kleider? -Welche Massen und Massen von reicher Farbenpracht und barbarischem -Glanz! Und wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden -Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?« - -»Die Krönung unseres neuen Kaisers -- des Zaren.« - -»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden sollen.« - -»Unser ›heute‹ ist für Sie -- ›gestern‹.« - -»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage etwas verwirrt -- aus -guten Gründen ... Ist dies der Beginn des Festzugs?« - -»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich in Bewegung zu setzen.« - -»Wird noch mehr davon zu sehen sein?« - -»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. Warum seufzen Sie?« - -»Weil ich gerne alles gesehen hätte.« - -»Und warum können Sie das nicht?« - -»Ich muß gehen -- gleich jetzt im Augenblick.« - -»Sie haben eine Verpflichtung?« - -Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die -Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?« - -»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden -der Welt als Gäste gekommen sind.« - -»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur -Linken?« - -»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur -Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.« - -»Wenn Sie so gut sein wollen, ich ...« - -_Bumm!_ Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die -ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür -ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind -- die -Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem -Gatten an die Brust und ich -- ich mußte hinaus; ich konnte es nicht -ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich -und wartete -- wartete -- wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel -und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit, -dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich -wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter -eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein -Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten --- der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche -Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa -wieder und nehmen ihn mit nach Hause!« - -Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum -Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen -Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann -sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus -- -können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht. - -Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal ging ich ans Fenster, -öffnete es leise -- von dem fürchterlichen Bann erfaßt, den -entsetzliche Ereignisse ausüben -- und sah auf den Hof hinunter. Bei -dem prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich die kleine -Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, die an ihres Onkels Brust -weinte, den Verurteilten, der auf dem Schafott stand. Schon hatte er -den Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib gebunden, die -schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. Der Sheriff an seiner Seite hielt -die Hand am Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig -und mit dem Buch in der Hand. - -»_Ich bin die Auferstehung und das Leben_ --« - -Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit anhören, ich konnte es -nicht mit ansehen. Ich wußte nicht, wohin ich ging und was ich tat. -Mechanisch und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige -Instrument, den elektrischen Fernseher -- und da war Peking und der -Krönungszug des Zaren. - -Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem Fenster hinaus -- -atemlos, nach Luft ringend. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war -gerade infolge der Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie -betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, der ich so dringend -Worte finden mußte ... - -»_Und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele. Amen._« - -Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter und legte die Hand an den -Hebel. Da fand ich meine Stimme wieder! - -»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist unschuldig. Kommt her und -seht Szczepanik von Angesicht zu Angesicht!« - -Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur an meiner Stelle am -Fenster und rief: - -»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin frei!« - -Drei Minuten später waren alle wieder im Zimmer. Der Leser wird sich -die Szene vorstellen können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es -war eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel. - -Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem Zuschauerzelt, und wir -konnten sehen, wie ein angstvolles Erstaunen sein Antlitz überzog, als -er die Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den Apparat und sprach -mit Clayton und dem Gouverneur und anderen. Und die Frau dankte ihm mit -überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben gerettet, und küßte -ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit über zwölftausend Meilen hinweg. - -Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball traten in Tätigkeit, -und viele Stunden lang sprachen Könige und Königinnen -- und ab und -zu auch ein Reporter -- mit Szczepanik und priesen ihn; und die -wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die ihn noch nicht zum -Ehrenmitglied erhoben hatten, beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst. - -Wie war es zugegangen, daß er aus unserer Mitte verschwand? Dies war -leicht erklärt. Er hatte noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm -zu tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor dem Glück, -überall der Löwe des Tages zu sein, aus dem Staube zu machen; denn -dieses ›Glück‹ machte jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ -sich also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, verkleidete -sich auch selbst noch ein bißchen, nahm einen falschen Namen an und -ging davon, um in Frieden die Welt zu durchwandern. - -Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling 1898 mit einem -unbedeutenden Streit in Wien begann und im Frühling 1904 beinahe als -Tragödie geendet hätte. - - -II. - -Korrespondenz der ›London Times‹. - - Chicago, den 1. April 1904. - -Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem elektrischen Eilschiff -und vom Hafen ab mit der elektrischen Eisenbahn befördert, ein -Briefumschlag aus Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer -Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. Er ließ sich mit Wien -verbinden, begrüßte Herrn K’s wohlbekanntes Gesicht und sagte: - -»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles auf meinem Antlitz -lesen. Meine Frau hat den Farthing. Seien Sie unbesorgt -- sie wird ihn -nicht wegwerfen.« - - -III. - -Korrespondenz der ›London Times‹. - - Chicago, den 23. April 1904. - -Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls Clayton‹ ihren -Lauf genommen -- und beendigt haben, so will ich das Ganze kurz -zusammenfassen. Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen -Tode versetzte die ganze Gegend in einen Zaubertaumel von freudiger -Ueberraschung. Er hielt die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte -die Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und zu sagen: »_Aber -ein Mann wurde getötet_ -- und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten: -»Das ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen; wir haben -uns von unserer Erregung zu weit fortreißen lassen.« - -Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton müsse noch einmal vor -Gericht gestellt werden. Die nötigen Maßnahmen wurden getroffen -und es wurden die erforderlichen Anträge in Washington gestellt; -denn in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, der im Jahre -1889 der Verfassung hinzugefügt wurde, Prozesse zweiter Instanz -nicht in den Machtbereich der Einzelstaaten, sondern es sind -Nationalangelegenheiten, und sie müssen vor die erhabene Körperschaft -des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten‹ -gebracht werden. Die Richter wurden also zur Tagung nach Chicago -berufen. Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den üblichen -eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die neun Richter erschienen in -ihren schwarzen Talaren und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte -den Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und sprach: - -»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: Der Angeklagte war -beschuldigt, einen gewissen Szczepanik ermordet zu haben; er wurde -wegen Ermordung des Szczepanik vor Gericht gestellt; er wurde wegen -Ermordung des Szczepanik in aller Form Rechtens schuldig gesprochen -und zum Tode verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik -überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung der französischen -Gerichtshöfe im Fall Dreyfus steht es unbestreitbar fest, daß -_Entscheidungen von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht nachgeprüft -werden können_. Wir sind gehalten, diesen Präzedenzfall zu achten und -uns zu eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige Gebäude der -Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte ist in aller Form Rechtens -wegen Ermordung des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, und es gibt -meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit nur einen einzigen Weg, den -wir einschlagen können: er muß gehängt werden!« - -Richter Crawford sagte: - -»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat auf dem Schafott begnadigt!« - -»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht gültig sein, denn er -wurde begnadigt wegen der Ermordung Szczepaniks -- eines Mannes, den -er nicht getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens begnadigt -werden, das er nicht begangen hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.« - -»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!« - -»Das ist ein außerhalb der Sache liegender Umstand; wir haben damit -nichts zu tun. Der Gerichtshof kann sich mit diesem Verbrechen nicht -eher beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt hat.« - -Richter Halleck bemerkte: - -»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, so werden wir damit -nur einen Mißgriff der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird ihn -abermals begnadigen.« - -»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er kann keinen Menschen wegen -eines Verbrechens begnadigen, das dieser nicht begangen hat. Dies -würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit sein.« - -Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte Richter Wadsworth: - -»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, Exzellenz, daß es ein Irrtum -sein würde, den Angeklagten wegen des an Szczepanik begangenen Mordes -zu henken anstatt wegen der Ermordung des anderen Mannes; denn es ist -bewiesen, daß er Szczepanik nicht getötet hat.« - -»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik tötete. Aus dem -französischen Präzedenzfall geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch -des Gerichtshofes verbleiben müssen.« - -»Aber Szczepanik lebt ja noch.« - -»Dreyfus auch.« - -Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, den französischen -Präzedenzfall zu ignorieren oder ihn zu umgehen. Es war nur ein -Ergebnis möglich: Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies bewirkte -eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois erhob sich wie _ein_ Mann -und verlangte Claytons Begnadigung und die _Wiederaufnahme seines -Prozesses_. Der Gouverneur sprach die Begnadigung aus, aber der Höchste -Gerichtshof mußte sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es, -und der arme Clayton wurde gestern gehenkt. - -Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann man in der Tat vom ganzen -Staate sagen. Ganz Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen -›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen Offizierchen, die -dies Ding erfanden und andere Christenländer damit straften. - -[Illustration] - - - - -Das Todeslos.[9] - - - [9] Nach einer wahren Begebenheit, die ~Carlyle~ in seinen - ~Letters and Speeches of Oliver Cromwell~ erwähnt. - - ~M. T.~ - -Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier -dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber -trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt, -denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn -begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu -Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die -allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im -Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war -auf sein Glück gefallen. - -Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der -Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein -junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr -abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt -blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken -und nachzudenken und -- zu warten. Lange würden sie nicht zu warten -haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken. - -Sie hatten _ein_ Kind -- Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie -wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst -sagte: - -»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen -- ihr zulieb. Wir -müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.« - -»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein -Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.« - -»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit -Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und -zu unserem Besten ...« - -»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen -- -ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das -könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal -drücke und küsse -- -- --« - -»Still, mein Schatz, sie kommt.« - -Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein -und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und -leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal. - -»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir -meine Haare.« - -»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?« - -»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir _wirklich_ leid? Tust du nicht bloß -so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?« - -»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte -sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind -erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing -selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu -ziehen und rief: - -»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby -will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen -und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig -ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar -nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt -zur Mama; die behandelt Abby besser.« - -Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme -um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig -gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid -- komm, laß ihn -deine Tränen wegküssen -- und er bittet dich um Verzeihung, und will -zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt -und keine einzige Locke zerzaust -- und was Abby befiehlt -- --« - -Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es -streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: -- »Eine -Geschichte, eine Geschichte!« - -Horch! - -Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar -in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher ... wurden lauter -... immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne. -Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also -eine Geschichte? Eine lustige?« - -»Nein, Papa, eine schreckliche.« - -Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine -bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie -befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein -Wort gegeben -- er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir -müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß -die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie -sagt so.« - -Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr -Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz. -Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.« - -»O, dann erzähle _davon_ eine Geschichte, Papa, -- eine recht -schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob _wir_ es wären. Komm -ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du, -wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn -wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt -kannst du anfangen.« - -»Nun also ... es waren einmal drei Obersten ...« - -»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch -einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.« - -»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.« - -Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf -und sagte: - -»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?« - -Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete: - -»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre -Befehle.« - -»Ist das etwas -- -- --« - -»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den -Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine -feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen. -Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten -einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die -Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost -über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr -Leben vor Gericht entschieden würde.« - -»Ist das er große General Cromwell, Papa?« - -»Ja.« - -»O, _den_ habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen -Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein -Gesicht ... so ... ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus, -als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor -ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so -angesehen.« - -»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen -nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch -zum letztenmal ...« - -Horch! - -Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die -Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu -verbergen. - -»Sie sind heute morgen angekommen.« - -Die Augen des Kindes öffneten sich weit. - -»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine _wahre_ Geschichte?« - -»Gewiß, Herzchen.« - -»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die -Geschichte weiter? Ei Mama ... liebe Mama, weinst du denn?« - -»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die ... an die armen Familien.« - -»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden, -du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle -weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende. -Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle -weiter.« - -»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause -gehen ließ.« - -»_Ich_ kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.« - -»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht -und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.« - -»_Tot_geschossen, Papa?« - -»Ja.« - -»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama! -Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon -sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell -genug.« - -»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen -muß.« - -»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.« - -»Ja, mein Kind -- diese drei Obersten ...« - -»Kennst du sie, Papa?« - -»Ja, ich kenne sie.« - -»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern. -Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme -zitterte ein wenig, als er antwortete: - -»_Einer_ von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.« - -»Da Papa -- -- und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube -doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein -Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso -gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die -Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines -bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr -Papa?« - -»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!« - -»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie -alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.« - -»Dann waren einige von ihnen traurig -- sie alle waren es; ich meine -das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie -hätten ihre Pflicht getan, -- denn weißt du, es _war_ ihre Pflicht -- -und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden, -und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der -Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng -und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn _sie_ ihre Pflicht getan und nach -ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle _er_ sich seiner Pflicht -auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber -erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch -tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht -hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine -Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie -warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott -Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen; -einer muß sterben; zwei sollen leben‹.« - -»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!« - -»Nein, sie haben sich geweigert.« - -»Sie wollen es nicht tun, Papa?« - -»Nein.« - -»Weshalb nicht?« - -»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine -eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts -anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien -Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese -Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien -bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.« - -»Was heißt denn das, Papa?« - -»Daß sie ... daß sie alle erschossen werden.« - -Horch! - -Der Wind? Nein. Trapp -- trapp -- trapp -- r-r-rumbledibum, -r-r-rumbledibum -- -- -- - -»Im Namen des Obergenerals, macht auf!« - -»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf -ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!« - -Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie -vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch -auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!« - -Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie -auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst -stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm, -totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen -- aber sonst verriet sie -durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene -mit leuchtenden Augen ... - -Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum -Tower -- Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ -der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die -Tür. - -»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß -die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und -da kann er die Obersten sehen. Er -- -- --« - -»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! ...« - - * * * * * - -Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett -zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und -flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen; -man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen -- -Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das -Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es -sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower -bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen. - -Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral. -Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch -gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde, -zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die -Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie -bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu -sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.« - -Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine -Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen -nicht alle sterben; das Los soll _für sie gezogen werden_.« Die -Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in -dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht -nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da -sind.« - -Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten -den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das -draußen vorbei geht!« - -Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als -er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren -Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das -Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige -zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte: - -»_Dich_ kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon -gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle -hatten Furcht vor dir, aber _ich_ nicht, weil du _mich_ nicht so bös -angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes -Kleid an -- das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?« - -Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte -diplomatisch mit der Antwort. - -»Ja, doch ... ich muß mich besinnen, ... es war ...« - -»Ich stand gerade vor dem Haus, vor _meinem_ Haus, weißt du.« - -»Hm! ... du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß -wirklich ...« - -Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll: - -»Ach, du hast es _doch_ vergessen. Aber _ich_ nicht.« - -»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß -nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und -wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?« - -»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen -können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal; -meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube, -du bist doch gut, ebenso gut wie ... aber du mußt mich besser auf -deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa -- es ist -kalt.« - -»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von -jetzt ab bist du dann meine _alte_ Freundin, nicht wahr? Du erinnerst -mich an mein kleines Mädchen -- jetzt ist es freilich schon lange -nicht mehr klein -- aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines -Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit -deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder, -machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So -wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die -Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie -du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange, -lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist -im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; -- nimm dafür -den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last -und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.« - -»Hast du sie arg, arg, _arg_ gerne gehabt?« - -»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich -gehorchte!« - -»Du bist so gut! Willst du mich küssen?« - -»Von ganzem Herzen ... ich bin sogar stolz darauf. Da -- der ist für -dich ... und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du -hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle, -und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.« - -Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue -Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige -Schritt marschierender Männer. - -»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.« - -»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe -einen Auftrag für dich.« - -Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur -Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging. - -Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs. -Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie -erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die -alle für mich?« - -»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der -Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer; -dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen -auf dem Rücken, -- so -- und jeder hält eine Hand offen, wie eine -Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln -und komme dann zurück zu mir.« - -Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er -sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser -Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die -bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl -fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit -sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie. -Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit ... gelobet -sei sein heiliger Name!« - -Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete -sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die -unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann -glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer -davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!« -Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände; -dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr -lachendes Gesicht zu und rief: - -»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. _Ich_ habe es dir -gegeben!« - -Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee -und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine -Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere, -die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie -gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte -sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich -mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches, -tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der -Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte -ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton: - -»So leid es mir tut, Sir ... aber meine Pflicht gebietet mir.« - -»Gebietet was?« fragte das Kind. - -»Ich muß ihn wegführen ...« - -»Wegführen? Wohin denn?« - -»Nach ... nach ... Gott stehe mir bei! ... nach einem anderen Teil der -Festung.« - -»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole -ihn nach Haus.« - -Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie -ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.« - -»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind -sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den -Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und -rief: - -»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es -wohl gehört. Laß’ _ihn_ gehen -- du _mußt_!« - -»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders, -ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! ... das Gewehr über! ...« - -Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie -wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser -gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere -grüßten und die Wache salutierte. - -»Befiehl du es ihnen! -- Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa; -ich hab’s ihnen _gesagt_, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen -ihn fortführen.« - -Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt. - -»_Dein_ Papa, Kind? Ist das dein Papa?« - -»Natürlich! Das war _immer_ mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche -rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so -lieb hätte? Gewiß nicht!« - -Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte: - -»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste -begangen, das je ein Mensch tat -- und keine Hilfe, keine Hilfe! Was -soll ich, was kann ich tun?« - -Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch -befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So -sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen, -und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du -es doch nicht!« - -Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten -Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin -und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses -gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet, -mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache! -Gehorcht ihrem Befehl, -- sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene -ist begnadigt; gebt ihn frei!« - -[Illustration] - - - - -Zwei kleine Geschichten. - - -Erste Geschichte: - -Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor. - -Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des Jahres 1900, besuchte mich -nachmittags ein Freund hier in London. Wir sind beide in dem Alter, -wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und sich etwas erzählen, -weniger von den Annehmlichkeiten des Lebens sprechen, als von dessen -Widerwärtigkeiten, und allmählich fing mein Freund an, auf das -Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte sich heraus, daß ein Freund -von ihm etwas erfunden hatte, das für die Soldaten in Südafrika von -großem Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr billiger Stiefel, -der vollständig wasserdicht war und bei Regenwetter seine Form und -Festigkeit behielt. Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der -Regierung hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter Mann und -wußte, daß die hohen Beamten einer Mitteilung von ihm keine Beachtung -schenken würden. - -»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war -- wie wir’s ja alle sind,« -sagte ich unterbrechend »Doch erzählen Sie nur weiter!« - -»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? Der Mann sprach die Wahrheit.« - -»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur weiter.« - -»Ich will Ihnen _beweisen_, daß er ...« - -»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr alt und sehr weise. -Sie müssen nicht mit mir rechten wollen; das ist unehrerbietig und -beleidigend. Fahren Sie, bitte, fort.« - -»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich bin nicht unbekannt und -doch war selbst _ich_ nicht imstande, die Mitteilung meines Freundes -beim Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.« - -»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur weiter.« - -»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß es mir nicht gelang.« - -»O gewiß. _Das_ wußte ich. Sie brauchten mir das gar nicht zu sagen.« - -»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?« - -»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie _nicht imstande_ waren, -die sofortige Aufmerksamkeit des Generaldirektors auf die Mitteilung -Ihres Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie _hätten_ seine -sofortige Aufmerksamkeit auf die Sache erreichen können.« - -»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht konnte. In Zeit von drei -Monaten ist es mir nicht gelungen.« - -»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar nicht zu erzählen. Aber Sie -_hätten_ sofortige Beachtung gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige -Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr Freund können.« - -»Ich _habe_ es auf eine vernünftige Weise angegriffen.« - -»Das haben Sie nicht.« - -»Was wissen denn _Sie_? Was wissen Sie denn über die näheren Umstände?« - -»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie haben die Sache nicht auf -vernünftige Weise angefangen. Soviel ist sicher.« - -»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht wissen, welche Methode -ich anwandte?« - -»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der ist mir Beweis genug. Sie -sind unvernünftigerweise vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w ...« - -»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen erzählen, _wie_ ich zu Werke -ging? Ich glaube das wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.« - -»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn Ihnen so sehr daran liegt, -sich zu blamieren, so erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr -alt ...« - -»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und schrieb einen sehr höflichen -Brief an den Generaldirektor des Schuhleder-Departements, in dem ich -ihm auseinanders ...« - -»Kennen Sie ihn persönlich?« - -»Nein.« - -»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben unvernünftig angefangen. -Bitte weiter.« - -»In dem Brief legte ich den großen Wert und die große Billigkeit der -Erfindung dar, und bot mich an ...« - -»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein zweiter Punkt gegen Sie. -Ich bin s ...« - -»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.« - -»Na, das ist doch klar. Nur weiter.« - -»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte für meine Mühe und -schlug mir ...« - -»_Nichts_ vor.« - -»Ganz richtig; er schlug mir -- gar nichts vor. Dann schrieb ich ihm -einen sorgsam ausgearbeiteten Brief und ...« - -»Punkt drei ...« - -»... bekam überhaupt keine Antwort. Nach Ablauf einer Woche bat ich -dann schriftlich mit einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort -auf den Brief.« - -»Vier. Weiter.« - -»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei nicht angekommen, und -man bitte um eine Abschrift desselben. Ich reklamierte bei der Post -und es stellte sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen -war; aber ich sagte nichts und schickte eine Abschrift ab. Zwei Wochen -verstrichen ohne weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich mich -wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur für höfliche Briefe. -Ich schrieb abermals und erbot mich, am folgenden Tag persönliche -Rücksprache zu nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, so -nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.« - -»Fünfter Punkt für mich.« - -»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen Stuhl angeboten mit -der Weisung, zu warten. Ich wartete bis halb Zwei; dann ging ich -weg, ärgerlich und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche um mich -abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz für den nächsten Mittag.« - -»Punkt sechs.« - -»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich und hielt bis halb -Drei einen Stuhl warm. Dann ging ich fort und schüttelte den Staub -dieses Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. Was Grobheit, -Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen der -Armee anbelangt, so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements -nach meiner Ans ...« - -»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe viele anscheinend -gescheite Leute gesehen, die nicht genug gesunden Menschenverstand -hatten, um eine so einfache und leichte Sache wie diese richtig -anzufassen. Sie sind für mich nichts Neues; ich habe persönlich -Millionen und Billionen von Menschen gekannt wie Sie. Sie haben ganz -unnötig drei Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate -verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren -- macht zusammen -neun Monate. Jetzt will ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die -ich gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie morgen mittag beim -Generaldirektor vorsprechen, und Ihre Sache durchführen.« - -»Famos! Kennen Sie ihn?« - -»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.« - - -Zweite Geschichte: - -Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte. - - -I. - -Der Sommer war gekommen und die Starken gingen gebeugt unter der -Last der furchtbaren Hitze und viele von den Schwachen waren -zusammengebrochen und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, die -Geißel des Krieges, und Hilfe war keine zu erwarten. Die Aerzte waren -in Verzweiflung; der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien -- -und er war immer ein recht zweifelhafter gewesen -- war ein Ding der -Vergangenheit und zwar für immer, wie es schien. - -Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, zu einer Beratung vor ihm -zu erscheinen, denn er befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng -mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, daß sie seine -Soldaten sterben ließen und fragte sie, ob sie ihr Geschäft verstünden -oder nicht, und ob sie wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder. -Der Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im Reich war und -von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, antwortete darauf und sagte: - -»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was wir konnten, und deshalb ist -es nur wenig. Keine Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen; -nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen das. Ich bin alt -und ich weiß es. Kein Arzt und keine Arzenei können sie heilen -- ich -wiederhole es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie der Natur -ein wenig helfen würden -- ein ganz klein wenig -- aber in der Regel -schaden sie bloß.« - -Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher Mensch und -überschüttete die Aerzte mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie -von seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst von der grausamen -Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht flog von Mund zu Mund und -brachte Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde von nichts -anderem gesprochen, als von dem betrübenden Unglück, und alle Gemüter -waren niedergedrückt, denn nur wenige hatten Hoffnung. Der Sultan -selbst war sehr melancholisch und sagte: - -»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die Massenmörder wieder; ich will -mich drein fügen.« - -Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen seine Zunge und holten -ihren Arzeneivorrat, den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie -sich geduldig nieder und warteten -- denn sie wurden nicht pro Fall -bezahlt, sondern erhielten ein jährliches Gehalt. - - -II. - -Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht -zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung -zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen, -denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte -und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets -bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl -von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er -unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit. - -Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten -sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war -auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen -Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch -nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter, -mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und -seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere. - -Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das -Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja -von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte -darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach: - -»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich weiß wie.« - -Achmet war überrascht. - -»Was! Du?« - -»Ja, ich.« - -»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.« - -»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn Minuten kann ich ihn heilen.« - -Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen Spaß glauben konnte. -Deshalb sagte er: - -»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du wirklich den Sultan -heilen?« - -»Ich gebe dir mein Wort.« - -»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?« - -»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von einer reifen -Wassermelone essen.« - -Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er lachte laut auf über die -Absurdität dieses Gedankens, ehe er noch an sich halten konnte. Aber -sein Lachen verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit gekränkt -hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, und sagte: - -»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; es war gewiß nicht bös -gemeint, und ich will’s nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so -furchtbar spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist und die Ruhr, -da pflanzen die Aerzte ein Zeichen auf, welches besagt, daß jedermann, -den man hier mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen -Katze zu Tode gepeitscht wird.« - -»Ich weiß -- diese Narren!« sagte Ali, Tränen und Aerger in der -Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen und nicht ein einziger von all -den Soldaten hätte es nötig gehabt, zu sterben.« - -»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?« - -»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. Kennst du den alten -grauköpfigen Neger? Der hat schon eine Menge von unsern Freunden -geheilt; das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich auch. Man -braucht nur eine oder zwei Scheiben Wassermelone zu essen und man ist -kuriert, einerlei ob die Krankheit alt oder neu ist.« - -»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so ist, so sollte man’s dem -Sultan doch sagen.« - -»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen Leuten gesagt, in der -Hoffnung, sie könnten es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und -wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es der Sultan erfährt.« - -»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht wissen,« sagte Achmet -verächtlich. »_Ich_ will es ihm sagen.« - -»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali lachen. Aber Achmet erwiderte -mit Ueberzeugung: - -»Lache du nur; _ich_ tu’s.« - -Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf Ali machte und dieser -frug: - -»Kennst du den Sultan?« - -»Ob _ich_ ihn kenne? Wie du wieder redest! Ich kenne ihn freilich -nicht.« - -»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan sagen willst?« - -»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest du es denn anfangen?« - -»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von einem Schreiber einen Brief -schreiben. Den würde ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt -nicht daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.« - -»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im ganzen Reich macht es ebenso. -Hast du denn daran gar nicht gedacht?« - -»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt. - -»Du hättest daran denken _können_, wenn du nicht so jung und unerfahren -wärest. Weißt du, wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein -Dichter, oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen bekannt ist, -krank wird, so empfehlen alle Narren ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien -zur Anwendung. Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber -handelt ...« - -»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte Ali etwas verlegen. - -»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht führen wir unsere -fünf, sechs Karren voll solcher Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes -fort. Achtzigtausend Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, daß die -überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! Mit deinem Brief würde es -gerade so gehen. Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den zu -des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.« - -»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen wirst,« bat Ali. - -Achmet fühlte sich und hub an: - -»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das sich einbildet, ein Schlächter -zu sein, weil es mit einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und -halbverfaulte Lebern verkäuft? Dem werde ich es _zunächst_ sagen.« - -Ali war schwer enttäuscht und verdrossen. - -»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; das ist nicht schön von -dir. Du weißt doch, daß mir die Sache am Herzen liegt.« - -Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und sagte: - -»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali. _Ich_ weiß, was ich will. -Du wirst es schon sehen. Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten -Krüppel erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke verkäuft -- das -ist sein bester Freund -- wenn ich ihn darum bitte. Der wiederum wird -es seinem reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, und -der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; und der erzählt es -seinem Freund von der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der dem -Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi dem Mudir, der Mudir dem -Oberst von der Leibwache, der läuft zu seinem Freund, dem ...« - -»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller Plan, Achmet. Wie kamst du nur -auf ...« - -»... Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral erzählt es dem Vize-Admiral, -und der Vize-Admiral dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem -Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral beider Flotten, -und der dem Wesir, und der Wesir dem ...« - -»Weiter, Achmet, weiter!« - -»... Scharfrichter, und der erzählt es dem Ober-Scharfrichter, und der -dem Pascha, und der Pascha dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister, -und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall, der Hofmarschall dem -Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister dem Ober-Küchenmeister, dieser -erzählt es dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen, -und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen jungen Lieblingssklaven des -Sultans, der ihm die Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor -dem Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, -- und das Spiel ist -gewonnen.« - -Ali war aufgesprungen. - -»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser hatte. Wie kamst du nur -darauf?« - -»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; ich will dir ein Körnlein -Weisheit schenken, behalte es solange du lebst. Nun denn, wer ist -dein bester Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen möchtest und -könntest?« - -»Der bist du, Achmet, das weißt du.« - -»Angenommen, du hättest eine ziemlich große Gefälligkeit von dem -Katzenfleisch-Händler zu erbitten. Nun kennst du ihn aber nicht, und -er würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten wolltest, denn er -ist nun mal so ein Kauz. Aber er ist mein bester Freund nach dir, und -würde sich die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, -- -_jeden_ Gefallen, ganz einerlei welchen. Jetzt frage ich dich: Was -ist vernünftiger -- wenn _du_ zu ihm gehst und ihn bittest, er solle -dem Krapfenmann von deiner Melonenkur erzählen, oder wenn du zu _mir_ -kommst, damit _ich_ ihn für dich bitte?« - -»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es für mich tust. Ich hätte -wirklich nie daran gedacht, Achmet; es ist großartig!« - -»Es ist eine _Lebensweisheit_. Sie beruht darauf: Jedermann auf dieser -Welt, groß oder klein, mächtig oder nicht, hat _einen_ speziellen -Freund, einen Freund, dem er mit _Vergnügen_ behilflich ist -- nicht -mit Widerwillen, sondern mit _Vergnügen_ -- mit Vergnügen bis ins -Innerste. Und so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei -jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du noch so niedrig. Es -ist ja so einfach: Du brauchst nur den _ersten_ Freund zu finden, -das ist alles; damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. Er -findet dann den nächsten Freund schon von selbst, und dieser findet -den dritten, und so fort, Freund nach Freund, Glied nach Glied, wie -bei einer Kette; diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie du -willst oder so tief wie du willst.« - -»Das ist herrlich, Achmet!« - -»Es _ist_ so leicht und einfach, wie einen Esel zu prügeln; aber hast -du je gehört, daß jemand danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist -ein Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche Einführung, -oder schickt ihm einen Brief, und erreicht natürlich nichts, -- und -das geschieht ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, aber das -verschlägt mir nichts. Morgen wird er seine Wassermelone essen; du -wirst sehen. Hallo! Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn -einholen. Allah beschütze dich, Ali!« - -Er holte ihn ein und sagte: - -»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?« - -»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum batest? Sage mir, was -ich tun soll und ich werde eilen, wie der Wind.« - -»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles stehen und liegen lassen -und seinem besten Freund mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann, -wenn er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. Und dieser Freund -soll es _seinem_ besten Freund weitersagen und so fort, -- bis zum -Sultan.« Der Katzenfleischverkäufer flog davon. - -In diesem Augenblick war die frohe Botschaft des kleinen Kesselflickers -an den Sultan unterwegs. - - -III. - -Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die Aerzte im Krankenzimmer -des Sultans und flüsterten leise miteinander, denn sie waren in großer -Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie konnten es sich nicht -verhehlen, daß, so oft sie ihn mit einer neuen Quantität Arzeneien -auffüllten, sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte sie -traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme abgezehrte Sultan lag -bewegungslos da mit geschlossenen Augen, und sein Lieblingssklave, der -ihm die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin. Da hörte der -Knabe einen seidenen Vorhang hinter sich rauschen, drehte sich um und -gewahrte den Ober-Eunuchen, der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu kommen. -Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich der Sklave zu seinem geliebten -Freund, welcher sagte: - -»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind, denn du bist des Sultans -Liebling. Nimm dies hier. Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.« - -»Bei Allah, er wird es essen.« - -Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone, frisch und saftig. - - -IV. - -Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen die Nachricht, daß der -Sultan wieder wohl und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die -Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge wälzte sich über -das ganze Land, und man rüstete sich zu einem großen Jubelfest. - -Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem Diwan und überlegte. -Seine Dankbarkeit war unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk -nach, das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit darzutun. -Er rief seinen kleinen Sklaven, und fragte ihn, ob er die Kur erfunden -hätte. Der Knabe sagte nein, -- er hätte sie vom Ober-Eunuchen -erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der Sultan überlegte -wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen den Palast und die Ländereien -eines Paschas schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie ihm dessen -jährliches Einkommen anweisen. Er ließ ihn rufen, und fragte ihn, ob -er der Erfinder des Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein -ehrlicher Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister des Harems -erfahren. Er wurde weggeschickt und der Sultan überlegte von neuem. -Er könnte den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister an -seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier Pferde aus seinem Stall -zum Geschenk bekommen. Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den -Ober-Küchenmeister verwiesen. Abermals überlegte der Sultan, und -dachte sich ein geringeres Geschenk aus. Der Koch aber verwies ihn an -den Ober-Stallmeister und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal -mußte der arme Sultan wieder überlegen und sich ein kleineres Geschenk -ausdenken. - -Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die Sache zu beschleunigen, -ließ er seinen Hohen Geheimen Ober-Detektive kommen, und befahl ihm, -herauszufinden, wer die Melonenkur erfunden hätte, damit er seinen -Wohltäter nach Gebühr belohnen könne. - -Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder. Er hatte der ganzen langen -Kette von Freunden nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen, -Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan sagte mit tiefem Gefühl: - -»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben gerettet und soll es nicht -bereuen.« - -Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen Schuhe, und zwar das -zweitbeste Paar, das er besaß. Sie waren zu groß für den kleinen Ali, -aber sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so war alles gut -und der rechte Mann belohnt. - - -Schluß der ersten Erzählung. - -»Nun -- haben Sie die Idee ergriffen?« - -»Zu meiner Freude kann ich Sie dessen versichern. Und so wie Sie -sagten, wird es geschehen: morgen werde ich die Sache meines Freundes -durchführen. Ich bin eng befreundet mit des Generaldirektors -bestem Freund. Der wird mir einige Zeilen zur Einführung schreiben -und betonen, daß die Erfindung tatsächlich für die Regierung von -Wichtigkeit ist. Diese Empfehlung werde ich mit meiner Visitenkarte -ganz einfach abgeben, und ich brauche sicher keine halbe Minute im -Vorzimmer zu warten.« - -Dies bestätigte sich, und die Regierung nahm die Stiefelerfindung an. - -[Illustration] - - - - -Mark Twains - -Ausgew. humoristische Schriften. - -_Inhalt_: - - Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.= - - Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.= - - Bd. III. =Skizzenbuch.= - - Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.= - { =Nach dem fernen Westen.= - - Bd. V. =Im Gold- und Silberland.= - - Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.= - -Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden. - -Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden. - - -_Neue Folge_: - - Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.= - - Bd. II. =Querkopf Wilson.= - - Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt. - - Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl. - - Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde= - u. a. Erzähl. - -Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden. - -Preis _aller 6 Bände_, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Fehlerhafte - Anführungszeichen der wörtlichen Reden wurden berichtigt. Die - Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt. - - Korrekturen: - - S. 52: einhundertdreiunddreißig → einhundertdreiunddreißigtausend - {einhundertdreiunddreißigtausend} Dollars im ganzen - - S. 128: Duolität → Dualität - zwischen systematischer {Dualität} - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Band -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1><span class="smaller">Wie</span><br /> -Hadleyburg verderbt wurde</h1> - -<p class="center">Nebst anderen Erzählungen</p> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Mark Twain</p> - -<p class="center smaller">Autorisiert</p> - -<p class="center">Inhalt:</p> - -<div class="titlecontent"> -<p class="noind s90"> -Wie Hadleyburg verderbt wurde. – Das Gesundbeten. -– Die Verschwörung von Fort Trumbull. – -Aus den ›London Times‹ von 1904. – Das Todeslos. -– Zwei kleine Geschichten.</p> -</div> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Stuttgart<br /> -Verlag von Robert Lutz<br /> -1903. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="center p2 smaller">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Wie Hadleyburg verderbt wurde</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_Hadleyburg_verderbt_wurde">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Gesundbeten</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Gesundbeten">111</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Verschwörung von Fort Trumbull</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Verschwoerung_von_Fort_Trumbull">185</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus den ›London Times‹ von 1904</td> - <td class="tdr"><a href="#Aus_den_London_Times">249</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Todeslos</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Todeslos">275</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Zwei kleine Geschichten</td> - <td class="tdr"><a href="#Zwei_kleine_Geschichten">297</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Wie_Hadleyburg_verderbt_wurde">Wie Hadleyburg verderbt wurde.<br /> -<img src="images/illu-007.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p> -<h3>I.</h3> - -<p>Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in -der ganzen Gegend wegen seiner Rechtschaffenheit -allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm, -der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei -Generationen unbefleckt erhalten. Damit der Stadt -nun auch in Zukunft nichts davon verloren ginge, -war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling -in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in -Handel und Wandel einzuflößen und die ganze -spätere Erziehung der Kinder auf solchen Lehren -weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß -ihnen während der Entwickelungsjahre jede Versuchung -fern gehalten wurde, damit die redliche -Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen -sozusagen in Mark und Knochen überzugehen. Alle -Nachbarstädte waren eifersüchtig, weil Hadleyburg -sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete. -Aber trotzdem konnten sie nicht umhin, -anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die unbestechlichste -Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar -zugeben, daß es für jeden jungen Mann, der -aus Hadleyburg stammte, keiner andern Empfehlung -bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um -sich auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen.</p> - -<p>Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der -Zeit das Unglück gehabt, einem durchreisenden -Fremden eine – vielleicht ganz absichtslose – -Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten -sich natürlich keinen Kummer über so etwas, denn -sie waren sich selbst genug und das Urteil fremder -Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten -sie klüger gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen -zu nehmen, weil der Beleidigte ein verbitterter -Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein -ganzes Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen -nur an die erlittene Kränkung und benutzte -jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel -zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen -könne. Ihm fiel mancher gute Plan ein, -aber keiner, der ihn ganz befriedigte. Das alles -hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -Bewohner geschädigt, und er wollte etwas ausfindig -machen, wobei die ganze Stadt in Mitleidenschaft -gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch -mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er -auf einen glücklichen Gedanken und helle Schadenfreude -blitzte ihm aus den Augen, als der Plan -ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß -fest: »Ja, so will ich’s machen,« sagte er -bei sich; »ich will die Stadt verführen und verderben.«</p> - -<p>Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der -Fremde eines Abends gegen zehn Uhr vor dem -Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor. -Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud -ihn auf die Schulter und schwankte unter der Last -über den Hof bis zur Hausthür, wo er anklopfte. -»Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde -betrat das Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den -Ofen und wandte sich dann in höflichem Ton an -die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend, -bei der Lampe saß:</p> - -<p>»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte, -Platz, Madame. So, jetzt habe ich den Sack so -gut wie möglich verborgen; kein Mensch würde<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann -einen Augenblick sprechen?«</p> - -<p>»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird -schwerlich vor morgen früh heimkehren.«</p> - -<p>»So? – Nun, das schadet weiter nichts. Ich -wollte ihm nur diesen Sack übergeben, mit der -Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer zuzustellen, -sobald derselbe sich findet. Ich bin hier -fremd und Ihr Mann kennt mich nicht. Auf meiner -Durchreise wünschte ich, diese Sache, welche mir -schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu -erledigen. Das ist jetzt geschehen, und ich kann -stolz und zufrieden weiterziehen. An dem Sack -ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere -erfahren werden. Gute Nacht, Madame!«</p> - -<p>Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle -Fremde wieder fortging, denn sie fürchtete -sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie -ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das -Papier von dem Sack los und begann zu lesen:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen, -oder auf privatem Wege Erkundigungen nach -dem richtigen Manne einziehen wollen; eins ist -so gut wie das andere. – Der Sack enthält<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund -vier Loth –«</p> -</div> - -<p>»Ums Himmels willen – und die Thür ist nicht -verschlossen!«</p> - -<p>An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard -nach der Thür und drehte den Schlüssel -um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und -blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen -stehen, ob sie nicht noch etwas für die Sicherung -des Goldes und ihrer eigenen Person thun könne. -Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher, -dann trieb die Neugierde sie wieder zu -ihrer Lampe zurück und sie las die Schrift bis -ans Ende:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in -meine Heimat zurück, die ich nicht wieder zu verlassen -denke. Für alles Gute, das ich unter dem -Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich -Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen -Dank schulde ich aber einem amerikanischen Bürger -und Bewohner Hadleyburgs, der mir vor etwa -zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies. -Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst -geleistet, wie ich des näheren erklären will: Ich<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -hatte mich beim Glücksspiel zu Grunde gerichtet -und kam spät abends hungrig und ohne einen -Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage -hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel -der Nacht bat ich einen Herrn auf der Straße -um Hilfe. Ich war an den Rechten gekommen. -Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir -dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte -mich auch zum reichen Manne. Denn mit jenen -zwanzig Dollars gewann ich mir ein Vermögen -am Spieltisch. Zugleich aber that er eine Aeußerung, -die ich bis auf den heutigen Tag nicht -vergessen kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht -und mir geholfen, meine Spielerleidenschaft -zu überwinden. Jetzt bin ich ganz davon geheilt. -Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann -ist, doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für -ihn ist dies Gold bestimmt. Er kann damit thun, -was er will, es verschenken, es fortwerfen oder behalten, -ganz nach Belieben. Es soll nur der Ausdruck -meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich -längere Zeit hier aufhalten, so würde ich selbst -nach ihm suchen, bis ich ihn fände; aber ich zweifle -nicht, daß man es auch ohne meinen Beistand -bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der -Bewohner dieser Stadt. Mein Wohlthäter wird -sich gewiß noch der Aeußerung erinnern, die er -mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als -der richtige Mann ausweisen.</p> - -<p>»Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf -privatem Wege zu betreiben, brauchen Sie bloß -den Inhalt dieses Schreibens demjenigen Ihrer -Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht -nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann: -›Ja, der bin ich, meine Aeußerung lautete so und -so,‹ dann machen Sie die Probe: Wenn Sie den -Sack öffnen, werden Sie darin einen versiegelten -Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung enthält. -Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes -überein, so kann er den Sack ohne alles weitere -mitnehmen, denn er ist sicherlich der Rechte.</p> - -<p>»Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor, -dann lassen Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt -abdrucken, nebst den folgenden Bedingungen: -Am dreißigsten Tage nach dem heutigen Datum -soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf -dem Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor -Burgeß (falls dieser so freundlich sein will, die -Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes Papier abgeben,<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -welches die bewußte Aeußerung enthält. -Hierauf soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks -zerbrechen, denselben öffnen und sich überzeugen, -ob die Worte gleichlautend sind. Ist dies der Fall, -so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen Wohlthäter -das Gold als Beweis meiner aufrichtigen -Dankbarkeit einhändigen zu wollen.«</p> -</div> - -<p>Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich -aufgeregt – sie mußte sich niedersetzen. Bald war -sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf -durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare -Geschichte! … Der gute Mann, der damals -aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich -von Glück sagen! … Wenn es nur mein Eduard -gewesen wäre – wir sind zwei so arme alte Leute -und hätten’s gut brauchen können! …« Sie -seufzte. – »Mein Mann würde einem Fremden nicht -zwanzig Dollars geben, nein, sicher nicht … -Leider, leider ist das außer Frage … Aber das -Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert, -wenn ich nur daran denke. Es ist Sündengeld! -Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht mit -einem Finger würden wir es berühren. Schon seine -bloße Nähe scheint mir eine Entwürdigung.« –<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke … -»Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die -Bank trüge. Es ist zu schrecklich, so ganz allein -mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz vor -Dieben.« –</p> - -<p>Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue -ich mich, daß du wieder da bist,« rief ihm seine -Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin ganz -abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich -arg, daß ich so arm bin und noch in meinem -Alter diese elenden Fahrten machen muß. Fort und -fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten -Gehalt – Sklavenarbeit für einen andern thun, -der unterdessen in Schlafrock und Pantoffeln behaglich -daheim im Lehnstuhl sitzt – es ist nicht -zum aushalten!«</p> - -<p>»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das -thut. Aber wir haben doch unser tägliches Brot -und unsern guten Namen, das ist wenigstens <em class="gesperrt">ein</em> -Trost.«</p> - -<p>»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache. -Höre nur nicht auf mein Gerede. Mich hat -der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat -nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt -ist schon alles wieder gut; du sollst keine Klage<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -mehr hören. Was hast du denn aber bekommen? -Was ist in dem Sack?«</p> - -<p>Nun erzählte die Frau das große Geheimnis, -und ihm wurde zuerst ganz schwindelig zu Mute. -Endlich sagte er:</p> - -<p>»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber -Mary – das sind ja vierzigtausend Dollars – -ich bitte dich – ein ganzes Vermögen, wie es kaum -zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der -Zettel?«</p> - -<p>Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein -Roman,« rief er. »Solche abenteuerlichen Begebenheiten -stehen wohl in Büchern, aber im Leben sind -sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit -war jetzt von ihm gewichen. In der besten Laune -tätschelte er seiner alten Frau die Wangen.</p> - -<p>»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen, -»wir sind jetzt mit einemmal reiche Leute. Laß -uns das Gold vergraben und die Papiere verbrennen. -Wenn der Glücksspieler je wiederkommt, -brauchen wir nur kaltblütig auf ihn herabzuschauen -und zu sagen: ›Was reden Sie da für ungereimtes -Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem -Goldsack je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde -er ein verblüfftes Gesicht machen und –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span></p> - -<p>»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und -schaffe das Geld fort, ehe die Diebe es holen.«</p> - -<p>»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen -– soll ich private Nachforschungen anstellen? – -Nein, lieber nicht; dabei ginge alle Romantik verloren. -Besser wir betreiben die Sache öffentlich. -Stelle dir nur vor, was das für Aufsehen machen -wird. Alle andern Städte werden uns beneiden, -denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner -einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er -Hadleyburg erweist. Es ist ein Haupttreffer für -uns. Jetzt will ich nur schnell in die Druckerei -gehen, es wird sonst zu spät.«</p> - -<p>»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht -allein mit dem Gold!«</p> - -<p>Aber er war schon fort, doch nicht auf lange. -Wenige Schritte von seinem Hause begegnete er -dem Chefredakteur und Eigentümer des Tageblatts, -gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich -Ihnen etwas Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!«</p> - -<p>»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will -sehen, ob es sich thun läßt.«</p> - -<p>Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte -er noch ein langes Gespräch mit seiner Frau über -das wundervolle Geheimnis. Schlafen konnten sie<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl -der Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig -Dollars geschenkt hatte, bot keine Schwierigkeiten; -sie beantworteten dieselbe wie aus einem -Munde:</p> - -<p>»Barclay Goodson.«</p> - -<p>»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so -etwas thun können; aber sonst niemand in der -ganzen Stadt.«</p> - -<p>»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit -Goodson vor einem halben Jahr gestorben ist, haben -wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige, selbstgerechte -und geizige Bürger, wie das von jeher -so war.«</p> - -<p>»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch -bis zu seiner Todesstunde, und vor aller Ohren.«</p> - -<p>»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.«</p> - -<p>»Freilich; aber er machte sich nichts daraus. -Es war wohl kein Mensch in Hadleyburg so verhaßt -wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.«</p> - -<p>»Burgeß – nun ja, dem geschieht es ganz -recht; von dem hat sich die Gemeinde ein für -allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar -vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt -hat, um das Geld abzuliefern?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span></p> - -<p>»Hm – ich weiß nicht. Vielleicht kennt der -Fremde den Pastor Burgeß besser als unsere Stadt -ihn kennt.«</p> - -<p>»Um so schlimmer für Burgeß.«</p> - -<p>Reichard schien um eine Antwort verlegen und -wich dem fest auf ihn gerichteten Blick seiner Frau -soviel wie möglich aus. Endlich sagte er mit unsicherer -Stimme:</p> - -<p>»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist -Burgeß durchaus nicht.«</p> - -<p>Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an.</p> - -<p>»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s -glauben. Seine Unbeliebtheit gründete sich einzig -und allein auf jene gewisse Sache – die damals -so viel Lärm gemacht hat.«</p> - -<p>»Ich meine doch, jene Sache genügte an und -für sich vollkommen, um zu beweisen – –«</p> - -<p>»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.«</p> - -<p>»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch -zweifelte doch an seiner Schuld.«</p> - -<p>»Mary – mein Wort darauf – er hatte die -That nicht begangen.«</p> - -<p>»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher -solltest du es auch wissen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p> - -<p>»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber -es muß heraus: Ich war der einzige Mensch, der -seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten -vermocht, aber – aber – du weißt ja wie aufgebracht -alle Welt gegen ihn war – ich hatte -nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den -Hals zu hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich -das war; doch dem allgemeinen Haß zu trotzen -ging über meine Kräfte.«</p> - -<p>Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich -stammelte sie:</p> - -<p>»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen. -Man muß auch – die öffentliche Meinung – -berücksichtigen – und darf nicht – –« Sie war -vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf -geraten. Nach einer Weile begann sie von neuem: -»Freilich, er thut einem leid – aber – Nein, -wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns -nehmen können. Ich wäre trostlos gewesen, hättest -du es gethan.«</p> - -<p>»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf -gestoßen haben, Mary, – sie hätten uns ihr Wohlwollen -entzogen, und – und –«</p> - -<p>»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen,<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -was Burgeß selbst wohl von uns denken mag, -Eduard.«</p> - -<p>»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld -weiß.«</p> - -<p>»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung. -Sonst würde er doch – nein, das ändert -die Sache gewaltig. – Ich hätte mir’s übrigens -denken können, daß er keine Ahnung hat; würde er -uns sonst wohl bei jeder Gelegenheit so freundlich -begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von -unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon -deswegen verspottet. Die Wilsons, Harkneß und -Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen daraus, -mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden, -weil sie wissen, wie mich das in Harnisch bringt. -Wenn er nur aufhören wollte, uns mit seiner besonderen -Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar -nicht, was ihn dazu treibt.«</p> - -<p>»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe -ich’s selbst vor dir geheim gehalten: Als das Ding -zuerst ruchbar wurde und alle so entrüstet waren, -daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben, -quälte mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht -länger aushielt. Ich warnte ihn insgeheim, so daß<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte; erst -als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.«</p> - -<p>»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen -wären!«</p> - -<p>»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut -über, wenn ich nur daran denke. Es reute -mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte -ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte -es deinem Gesicht ansehen. Vor lauter Angst schloß -ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber niemand -hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen -wurde ich ruhiger, und später freute ich mich ordentlich, -es gethan zu haben. Ja ich bin noch heute -von ganzer Seele froh darüber.«</p> - -<p>»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich -gewesen. Du warst ihm das wirklich schuldig. – -Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt -würde? was dann?«</p> - -<p>»Das ist ganz ausgeschlossen.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß -gewarnt.«</p> - -<p>»Das lag sehr nahe.«</p> - -<p>»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem -falschen Verdacht. Der arme alte Salsberg wurde<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu beschuldigen. -Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher -Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹ -sagte er dann, ›Sie stellen wohl die Untersuchungskommission -vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und -warf sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren -etwa alle Einzelheiten zu wissen, oder würde ihnen -eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben Sie -mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson; -falls Einzelheiten verlangt werden, will ich wiederkommen.‹ -›Sehr wohl; so sagen Sie den Herren -nur – sie sollen sich zur Hölle scheren – das -wird wohl allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg, -möchte ich aber obendrein den Rat geben, -wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen, -um die Ueberreste aufzulesen, die noch -von Ihnen vorhanden sein könnten.‹«</p> - -<p>»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde -ihn gleich daran erkennen. Allen Leuten guten Rat -zu erteilen war seine einzige Schwäche; er glaubte -das besser zu verstehen als jeder andere.«</p> - -<p>»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache -hatte damit ihr Bewenden; man ließ sie ein für -allemal ruhen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span></p> - -<p>»Du meine Güte, das verstand sich wohl von -selbst.« –</p> - -<p>Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf -den Geldsack zu sprechen. Bald entstanden jedoch -Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der Mann, -einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer -längere Unterbrechungen des Gesprächs traten ein, -bis Reichard sich endlich ganz seinen Gedanken -überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den -Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei -nervöse Bewegungen, die seinen geheimen Aerger -verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort, doch -zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt -stand Reichard auf, ging wie ein Nachtwandler, -der böse Träume hat, ziellos im Zimmer hin und -her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. -Plötzlich schien er einen Entschluß zu fassen; stumm -griff er nach seinem Hut und schritt eilig zur -Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und -brütete vor sich hin, ohne auch nur zu merken, -daß sie allein war. Von Zeit zu Zeit bewegte -sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver … -aber ach, wir sind so arm! Führe uns nicht … -Wem würde es denn Schaden bringen? – Kein -Mensch hätte es je erfahren … Führe uns …«<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -sie murmelte nur noch unverständliche Laute. Nach -einer Weile sah sie auf; Schrecken und Freude -zugleich malten sich in ihren Zügen.</p> - -<p>»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht -kommt er zu spät – zu spät … Doch wäre es -ja möglich, daß er noch zur Zeit …« Sie erhob -sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und -während ihr ein Schauer durch alle Glieder lief, -sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s Gott – das -sind schreckliche Gedanken – aber … was hilft’s -– wir sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!«</p> - -<p>Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen -zu dem Sack hin, kniete sich auf den Boden, befühlte -ihn von allen Seiten und strich liebkosend -mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten -Augen schwelgten förmlich in dem Anblick. Von Zeit -zu Zeit erwachte sie wie aus einem Traum und -murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet -hätten – nur eine kleine Weile, statt die Sache -so zu überstürzen!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus -dem Bureau nach Hause gegangen und hatte seiner -Frau alles erzählt, was sich Wunderbares zugetragen. -Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -und kamen überein, daß keiner ihrer Mitbürger, -außer dem verstorbenen Goodson, großmütig genug -wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars -zu schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide -Ehegatten blickten nachdenklich zu Boden; gleich -darauf wurden sie unruhig und aufgeregt; endlich -murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand -weiß um dies Geheimnis, außer die Reichards -und wir … kein einziger Mensch.«</p> - -<p>Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine -Frau, die ganz blaß geworden war, verständnisvoll -an, stand zögernd auf, blickte verstohlen bald -auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte – -eine stumme Frage. Frau Cox schluckte ein paarmal -und räusperte sich, dann nickte sie leise mit -dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein -im Zimmer und die Hausthür fiel klirrend ins -Schloß.</p> - -<p>Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten -jetzt Reichard und Cox durch die menschenleeren -Straßen. Ganz außer Atem kamen sie gleichzeitig -an der Treppe zur Druckerei an und schauten -einander beim Laternenschein ins Gesicht.</p> - -<p>»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte -Cox im Flüsterton.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p> - -<p>»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der -andere leise zurück. »Vielleicht ist es noch nicht -zu spät, um – –«</p> - -<p>Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen, -als ein Junge zu ihnen trat.</p> - -<p>»Bist du das, Johann?«</p> - -<p>»Ja, Herr Cox.«</p> - -<p>»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken. -Laß alles liegen, bis ich’s dir sage.«</p> - -<p>»Die Postsachen sind schon fort.«</p> - -<p>»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung -aus den Worten.</p> - -<p>»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und -Umgegend ist heute ausgegeben worden. Die Zeitungen -mußten eine Viertelstunde früher auf der -Bahn sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre -ich zwei Minuten später dagewesen, so – –«</p> - -<p>Die Herren entfernten sich langsam, ohne das -Ende seiner Rede abzuwarten. Eine Weile schritten -sie stumm nebeneinander her, endlich sagte Cox -ärgerlich:</p> - -<p>»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu -übereilen. Es ist mir vollkommen unbegreiflich.«</p> - -<p>Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s -freilich ein,« sagte er; »vorher hätte ich mir’s gar<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -nicht überlegt, bis es zu spät war. Das nächste -Mal will ich gewiß – –«</p> - -<p>»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was -kommt in tausend Jahren nicht wieder!«</p> - -<p>Die Freunde trennten sich ohne Gruß und -schleppten sich mühselig nach Hause, als hätte sie -ein schwerer Schicksalsschlag getroffen. In atemloser -Spannung warteten die Frauen daheim; sie -lasen den Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht -ab, es bedurfte keiner Worte. Nun folgte -in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche -Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten -noch niemals stattgefunden. Die Sache verlief -hier und dort fast auf die gleiche Weise:</p> - -<p>»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau -Reichard; »aber nein, in deiner Gedankenlosigkeit -läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei und -posaunst es in der ganzen Welt aus.«</p> - -<p>»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht -werden.«</p> - -<p>»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch -unter vier Augen abzumachen. Das kannst du doch -nicht leugnen.«</p> - -<p>»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen -dachte, und wie schmeichelhaft es für Hadleyburg<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -ist, daß ein Fremder solches Vertrauen in -unsere Redlichkeit setzt –«</p> - -<p>»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und -breit vorzuhalten. Aber, bei einigem Nachdenken -hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der -rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil -er im Grabe ruht und weder Kind noch Kegel, -kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist. -Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen -können, die es so nötig brauchen wie wir? Kein -Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und – -und –«</p> - -<p>Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach -sich vergebens den Kopf, womit er sie trösten -könne; endlich sagte er:</p> - -<p>»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung -hat es nun einmal so gefügt und deshalb muß -es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl -so am besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.«</p> - -<p>»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit -begangen hat. – War es nicht ebenso gut -eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade -uns zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich, -die Absicht der Vorsehung zu durchkreuzen – mit -welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen -Christenmenschen durchaus nicht zukommt.«</p> - -<p>»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze -Erziehung in Hadleyburg darauf ausgeht, und auch -wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen -Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot -der Redlichkeit handelt; das ist uns zur zweiten -Natur geworden.«</p> - -<p>»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und -immer wieder vorgepredigt und uns von der Wiege -an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege -geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden? -Man hat eine <em class="gesperrt">künstliche</em> Ehrlichkeit groß gezogen, -die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald sie -einmal auf die Probe gestellt wird – das haben -wir diese Nacht gründlich erfahren. Gott weiß, -mir wäre auch nie der Schatten eines Zweifels an -meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen, -und die erste wirkliche Versuchung wirft alle -meine Grundsätze über den Haufen. Du kannst mir -glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der ganzen -Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade -so fadenscheinig wie meine und deine. Die -Leute hier sind engherzig und geizig, und ihre -einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist -auch nicht weit her. Tritt einmal eine große Versuchung -an sie heran, so wird ihr ganzer Ruhm -zusammenfallen wie ein Kartenhaus – verlaß dich -drauf. So – nach diesem Bekenntnis ist mir schon -leichter ums Herz. Mein Leben lang habe ich der Welt -etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich soll -niemand wieder eine redliche Frau nennen – das -verbitte ich mir gehorsamst.«</p> - -<p>»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der -Seele gesprochen. Merkwürdig – ich hätte das nie -für möglich gehalten!«</p> - -<p>Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren -Gedanken beschäftigt. Endlich schaute die Frau auf.</p> - -<p>»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.«</p> - -<p>Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast -schäme ich mich, es dir einzugestehen, Mary.«</p> - -<p>»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage -im Kopf herum.«</p> - -<p>»Wirklich? Und die wäre?«</p> - -<p>»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur -erraten könnte, was das für eine Aeußerung war, -die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹«</p> - -<p>»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde -und Schande. Schämst du dich nicht auch?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p> - -<p>»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns -die Sicherheitskette vorhängen. Wir sind für den -Sack verantwortlich, bis er morgen früh in das -Bankgewölbe geschafft werden kann. – Du liebe -Zeit – hätten wir nur nicht die Thorheit begangen!«</p> - -<p>Während der Mann die Thür fest verwahrte, -sagte Mary:</p> - -<p>»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich -auf‹ ist. Wie kann nur die Aeußerung gelautet -haben? – Aber komm, laß uns zu Bette gehen.«</p> - -<p>»Und einschlafen?«</p> - -<p>»Nein, nachdenken.«</p> - -<p>»Ja, das wollen wir.« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel, -der mit einer Versöhnung schloß, gleichfalls -zu Ende geführt und sich zur Ruhe begeben. -Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig -wälzten sie sich hin und her und zermarterten sich -das Hirn, was Goodson dem verarmten Fremden -wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte -mußten das doch gewesen sein – sie waren ja -vierzigtausend Dollars wert! –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -länger offen als sonst und zwar aus guten -Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte Faktor -war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte -Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf -der Dinge war dies ein bloßes Ehrenamt, das er -bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte -er keine Depesche zusammen, die als verwendbar -angenommen wurde. Doch heute verhielt sich die -Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er -die große Begebenheit meldete, war eine umgehende -Antwort erfolgt:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»<em class="gesperrt">Telegraphieren Sie die ganze Geschichte -mit allen Einzelheiten – zwölfhundert -Wörter.</em>«</p> -</div> - -<p>Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte -ihn aus und war über die Maßen stolz auf seine -Leistung. Schon am nächsten Morgen zur Frühstückszeit -war in ganz Amerika, von Montreal -bis zum Golf von Mexico, und von der Gletscherwelt -Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen nur -Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf -aller Lippen. Viele Millionen Menschen sprachen -von dem Fremden und seinem Goldsack; man stritt -hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -würde, und wartete gespannt auf weitere Nachricht, -die hoffentlich in kürzester Frist eintreffen würde.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>II.</h3> -</div> - -<p>Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war -es eine weltberühmte Stadt; man staunte, man -freute sich und war stolz darauf – unbeschreiblich -stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre -Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln -die Hände, so oft sie einander trafen, und wünschten -sich Glück, daß Hadleyburg von nun an in jedem -Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit -zu finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen -Bürger samt ihren Frauen folgten diesem Beispiel. -Alt und jung lief auf die Bank, wo der Geldsack -zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen -die bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons -und der Nachbarstädte in Scharen herbeigeströmt. -Gegen Abend und am folgenden Tag trafen -Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die -den Sack in Augenschein nahmen, sich die Geschichte -bestätigen ließen, sie mit allen Einzelheiten von -neuem zu Papier brachten und durch kühne Bleistiftskizzen -illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -Sack ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude, -die Kirchen der Presbyterianer- und der -Baptistengemeinde, den Marktplatz und das Rathaus, -wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt -werden sollte. Ja sie entwarfen sogar -scheußliche Porträts von dem Ehepaar Reichard, -dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor, -von Pastor Burgeß, vom Postmeister und selbst -von Jack Halliday, einem gutmütigen, respektlosen -Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund -aller kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der -sich als Fischer, Jäger oder Bummler im Ort -herumtrieb. – Der knauserige Pinkerton zeigte den -Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling, -rieb sich vergnügt die Hände und erging -sich in salbungsvollen Reden über den alten, festbegründeten -Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen -sich die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so -wunderbare Weise bestätigt worden sei. Er hoffe -und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika -Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche -Wiedergeburt erzeugen werde.</p> - -<p>Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter -nach und nach ruhiger; der wilde, stolze -Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles,<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen -Behagens. Der Ausdruck friedevoller -Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern.</p> - -<p>Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich -trat eine Veränderung ein, was zuerst niemand bemerkte, -außer Jack Halliday, dem selten etwas -entging und der über alles seine Späße machte, -es mochte sein, was es wollte. Er fing mit allerlei -beißenden Bemerkungen an, weil dieser und jener -nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau -trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete -er, die Leute würden immer schwermütiger; später -schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer ergriffen, -und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem -Grade verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend, -daß er sich anheischig machen wolle, selbst dem -ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche zu -stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken.</p> - -<p>Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte, -konnte man zur Schlafenszeit in den neunzehn -angesehensten Häusern der Stadt tiefe Seufzer hören, -worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die -Worte ausbrach:</p> - -<p>»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson -nur gethan haben!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span></p> - -<p>»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd. -»Was für schreckliche Dinge wälzest du -in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen schlage -sie dir aus dem Kopf!«</p> - -<p>Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf, -und der Widerspruch der Frau war schon -etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten -und den folgenden Abenden die Frage immer angstvoller -wiederholte, fuhr die Frau nur noch unruhig -mit den Händen hin und her; sie öffnete -den Mund, sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide -jedoch die Sprache wieder und seufzten sehnsuchtsvoll: -»O, könnten wir es doch erraten!« –</p> - -<p>Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu -Tag unangenehmer und abfälliger. Er ging in der -ganzen Stadt umher und machte sich bald über -jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft -lustig. Außer ihm lachte aber niemand mehr -weit und breit, seine Fröhlichkeit bildete den grellsten -Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln -war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug -jetzt eine Zigarrenkiste auf einem Holzgestell mit -sich herum, als wäre es eine Camera für Momentaufnahmen. -Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte -seinen Apparat auf und rief: »Fertig! – Etwas<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -freundlicher, wenn ich bitten darf!« Aber selbst -bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der -trübseligen Gesichter.</p> - -<p>So vergingen drei Wochen – noch acht Tage, -dann sollte es sich entscheiden. Es war Samstag -Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht gespeist. -Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden -und dem fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um -diese Zeit auf den Straßen herrschte, war alles -wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau -saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer, -jedes in seiner Ecke. So trieben sie es jetzt -Abend für Abend, während sie früher behaglich beisammen -gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd, -wenn sie nicht bei den Nachbarn Besuch machten -oder diese bei ihnen vorsprachen. Aber das alles -schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen -– und war doch erst zwei oder drei Wochen -her. Niemand plauderte jetzt, man las nicht, man -machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim -und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen, -jene rätselhafte Aeußerung zu erraten.</p> - -<p>Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah -die Aufschrift von unbekannter Hand und den Poststempel -gleichgültig an, warf das Schreiben auf<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span> -den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses -Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei -oder drei Stunden später stand seine Frau schwerfällig -auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu -gehen – nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem -Brief blieb sie jedoch stehen und starrte eine Weile -gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn und -überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken -an der Wand saß, hörte plötzlich -einen schweren Fall – seine Frau lag auf -dem Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber -sie rief:</p> - -<p>»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß. -Hier den Brief mußt du lesen!«</p> - -<p>Er that es. Jedes Wort verschlang er, während -sich alles mit ihm im Kreise zu drehen schien. -Der Brief kam aus einem entfernten Staat und -lautete:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung -zu machen, obgleich ich Ihnen ganz fremd -bin. Nach meiner soeben erfolgten Rückkunft aus -Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt -zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die -Aeußerung gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span> -der einzige Mensch auf der Welt, der Ihnen sagen -kann, daß es Goodson gewesen ist. Wir kannten -uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise -war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis -zur Abfahrt des Mitternachtzuges. Ich stand dabei, -als er im Dunkeln in der Hale-Allee jene Aeußerung -dem Fremden gegenüber that; auch unterhielten -wir uns noch auf dem Heimweg darüber, -und bei der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe -des Gesprächs kam die Rede noch auf viele Ihrer -Mitbürger, über die er sich jedoch keineswegs -schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte -er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie -gehörten, soviel ich weiß. Irgend welche Zuneigung -sprach er zwar für keinen einzigen aus, doch -erinnere ich mich, daß er sagte, ein Hadleyburger -– ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin -ich meiner Sache nicht ganz gewiß – hätte ihm -einmal einen großen Dienst erwiesen, vermutlich -ohne dessen Tragweite selbst zu kennen. Wenn er -ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei -seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger -seinen Fluch hinterlassen. Waren Sie also derjenige, -welcher ihm den Dienst geleistet hat, so sind -Sie sein rechtmäßiger Erbe und können den Goldsack<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, -daß ich mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen -kann, denn diese Tugenden erbt ja jeder -Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen Vätern. -So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, -da ich überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht -selbst der rechte Mann sind, nach demselben suchen, -bis Sie ihn gefunden haben, und Sorge tragen, -daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten Dienst -wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es -sich handelt, lautete: ›<em class="gesperrt">Ihr seid noch lange kein -schlechter Mensch. Geht hin und bessert -Euch.</em>‹</p> - -<p class="mright"> -Howard L. Stephenson.« -</p> -</div> - -<p>»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh -und dankbar bin ich. Gieb mir einen Kuß, das -hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan – mein -Verlangen war gar zu groß – nach dem Gelde -– nun kannst du dich von Pinkerton und seiner -Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave -mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so -leicht wird mir ums Herz vor lauter Freude.«</p> - -<p>Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen -auf dem Sofa zubrachte, gehörte zu den<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -glücklichsten in ihrem Leben. Es war, als sollte -die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die -mit dem Brautstand begonnen und keine Unterbrechung -erlitten hatte, bis der Fremde das unheilvolle -Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile -sagte die Frau:</p> - -<p>»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes -Glück, daß du dem braven Goodson solchen großen -Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn nicht -leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du -hast nie damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht -– das war ein schöner und edler Zug von -dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen -sollen; mir scheint, das warst du mir -schuldig.«</p> - -<p>»Ja, siehst du, Mary – das ging doch nicht -an –«</p> - -<p>»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern -sage es mir. Ich habe dich immer lieb gehabt, -aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute glaubten, -es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen -in der Stadt, und nun stellt sich heraus, daß -du – so sprich doch, Eduard.«</p> - -<p>»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«</p> - -<p>»Du kannst nicht? Aber weshalb?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span></p> - -<p>»Siehst du – nun ja – ich habe es ihm -versprechen müssen.«</p> - -<p>Sie maß ihn mit großen Blicken.</p> - -<p>»Du hast versprochen, mit niemand davon zu -reden?« fragte sie eindringlich. »Ist das wirklich -der Fall?«</p> - -<p>»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?«</p> - -<p>Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann -reichte sie ihm die Hand.</p> - -<p>»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind -schon weit genug vom rechten Wege abgeirrt. All -dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über die Lippen -gekommen – aber jetzt scheint ja selbst der festeste -Grund unter unsern Füßen zu wanken, da – -da –« Die Stimme versagte ihr einen Augenblick, -dann stammelte sie: »Führe uns nicht in -Versuchung … Ich glaube an dein Versprechen, -Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich will nicht -weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende -hat, wollen wir unser Glück genießen und es uns -durch keinen Schatten trüben lassen.«</p> - -<p>Für Eduard war das leichter gesagt als gethan; -seine Gedanken irrten ruhelos umher, während -er sich zu besinnen suchte, was für einen -Dienst er Goodson geleistet hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p> - -<p>Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein -Auge zu. Mary überlegte voll innerer Befriedigung, -was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard -war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen. -Zuerst hatte er Gewissensbisse wegen der -Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb es. Aber -hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser -tägliches Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit. -War etwa Mary besser als er? – O nein; -während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich -zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert, -daß man die Papiere nicht vernichtet habe, um -das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen -weniger schlecht als Lügen? –</p> - -<p>Ueber diesen Punkt war er also beruhigt – -die Lüge trat in den Hintergrund und störte seinen -Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste Frage -an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet? -– Goodsons eigenes Zeugnis, von dem -Stephensons Brief berichtete, sprach dafür und war -der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf -der Hand. Also konnte man auch diesen Punkt -füglich für erledigt ansehen … Nein, doch nicht -so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen, -daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -können, ob er, Reichard, oder ein anderer den -Dienst geleistet habe, und, o Jammer, er verließ -sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte -entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson -war überzeugt, daß er rechtschaffen genug sein -würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls er -der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen -Menschen in solche Lage zu versetzen. Wozu hatte -nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt aufgebracht? -Das hätte doch recht gut aus dem Brief -wegbleiben können.</p> - -<p>Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter, -daß gerade sein Name dem Briefsteller im Gedächtnis -geblieben war? Das sah doch ganz so -aus, als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich, -es war ein sehr gutes Zeichen; je mehr er -darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm, -und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen -Beweis. Wenn aber etwas einmal erwiesen ist, -thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr -darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig -und schlug sich die Sache sofort aus dem -Sinn.</p> - -<p>Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute, -nur eine Kleinigkeit ließ ihn noch nicht zur Ruhe<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte, stand -fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen? -Das mußte ihm erst noch einfallen – -dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen -schließen und schlafen können. So dachte er denn -hin und her an jede nur mögliche Dienstleistung, -aber nichts schien ihm groß und bedeutend genug, -um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür -ein Vermögen hinterlassen zu können. Und leider -erinnerte er sich auch gar nicht, etwas der Art -wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur, -wodurch man einen Menschen zu so außergewöhnlichem -Dank verpflichten konnte? Vielleicht wenn -man seine Seele rettete? Ja, das mußte es -sein. Hatte er es sich nicht einmal zur Aufgabe -gemacht, Goodson zum Glauben zu bekehren? Gewiß -– und wie lange hatte er daran gearbeitet? -– Zuerst meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch -bei Lichte besehen schrumpfte es zu einem Monat -zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich -blieb gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu -seinem größten Leidwesen mit vollkommener Deutlichkeit, -daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle -zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich -um seine eigenen Angelegenheiten kümmern; ihm<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -sei ganz und gar nichts daran gelegen, mit den -Hadleyburgern in den Himmel zu kommen.</p> - -<p>Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons -Seele hatte er nicht gerettet, das stand fest. Vielleicht -aber sein Haus und Gut. Nein, damit war’s -auch nichts – er besaß keines. Sein Leben? Natürlich -– auf jeden Fall. Daran hätte er doch -gleich denken sollen. Nun war er endlich auf der -rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien -Spielraum.</p> - -<p>Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig -damit, Goodson auf jede erdenkliche und meist sehr -gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer gelang -ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen -Punkt, aber gerade wenn er auf dem besten Wege -war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich -geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, -der dies zur Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken -zum Beispiel: Reichard war weit hinaus geschwommen -und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand -glücklich ans Land gebracht, während die Menge -am Ufer stand und ihm zujauchzte. Er hatte es -alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung -daran wurde immer lebhafter, aber da kam der -Rückschlag: Unmöglich – die ganze Stadt hätte<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, -und in seinem eigenen Gedächtnis wäre die That -unauslöschlich verzeichnet gewesen; so etwas vergißt -man nicht wieder, es ist auch kein Dienst, -dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel -ihm zuguterletzt noch ein, daß er ja gar nicht -schwimmen könne.</p> - -<p>Halt – diesen Punkt hatte er von vornherein -übersehen: Es mußte ein Dienst sein, den er möglicherweise -geleistet haben konnte, ›ohne dessen ganze -Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache -wesentlich. Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen -kam er denn auch wirklich zu einem befriedigenden -Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson -einmal nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches -Mädchen Namens Nancy Hewitt zu heiraten; er -hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde -wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, -und Goodson wurde mit der Zeit ein verbitterter -Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz offen -zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte -sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, daß das -Mädchen nicht ausschließlich von Weißen abstamme, -sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern -gehabt habe. Reichard wälzte diesen Umstand so<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -lange in seinem Haupte, bis ihm war, als tauchten -aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten -auf, an die er lange nicht mehr gedacht -haben mochte. War er es denn nicht gewesen, der -den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt -und die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich -erfuhr Goodson, von wem die Nachricht ausgegangen -war und wer ihn davor bewahrt hatte, -die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen -Dienst hatte er ihm geleistet, ohne es selbst -zu ahnen, also auch, ohne dessen Tragweite zu -kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie -genauer Not er der Gefahr entronnen war, blieb -seinem Wohlthäter dankbar bis ans Grab und -wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. -Das war alles klar und einfach, je mehr -Reichard darüber nachdachte, um so einleuchtender -ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt -und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm -das Ganze so deutlich vor der Seele, als hätte -er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich unterdessen -für sechstausend Dollars ein Haus gekauft -und ein Paar Pantoffeln zum Geschenk für ihren -Pastor; dann war sie friedlich eingeschlummert. –</p> - -<p>An ebendemselben Samstag Abend hatte der<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -Postbote auch jedem der andern angesehenen Hadleyburger -einen Brief gebracht – neunzehn Briefe -alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden -und nicht zwei Adressen von der nämlichen -Hand, aber die Briefe selbst glichen einander -völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, -welchen Reichard erhalten hatte, auch alle -von Stephenson selbst geschrieben, nur mit dem -einzigen Unterschied, daß darin der Name des -jedesmaligen Adressaten an Stelle von Reichards -Namen stand.</p> - -<p>Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn -angesehenen Männer, was ihr Mitbürger Reichard -um dieselbe Zeit gethan hatte – sie waren aus -Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst -zu besinnen, den sie – ohne es zu wissen – -Barclay Goodson geleistet hatten. Die Arbeit kostete -ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie wurden doch -damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen -thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich -siebentausend Dollars von den vierzigtausend -aus, die der Sack enthielt – <span id="corr052">einhundertdreiunddreißig­tausend</span> -Dollars im ganzen, wenn man die -Summen zusammenzählt.</p> - -<p>Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht,<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -zu sehen, daß die Gesichter der neunzehn -angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder den -früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien -ihm unfaßlich und ihm fiel auch nicht die kleinste -witzige Bemerkung ein, um diese himmlische Ruhe -zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig -und ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, -dem Rätsel auf den Grund zu kommen, -es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox -begegnete und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte -er bei sich: »Ihre Katze hat Junge gekriegt,« aber -das war nicht der Fall, wie er auf seine Erkundigung -von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar -vielleicht das Bein gebrochen? War Gregor -Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte Pinkerton -ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für -verloren gehalten? – Dies und noch vieles andere -riet Jack Halliday, als er die seelenvergnügten -Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er, -daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen -Fällen blieb die Sache zweifelhaft. Nur <em class="gesperrt">eins</em> stand -fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger Familien -sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit -dieser Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste -beruhigen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p> - -<p>Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte -sich vor kurzem am Ort niedergelassen und ein -Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing sein -Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. -Das entmutigte ihn sehr und er fing bereits -an, sein Unternehmen zu bereuen, als der -Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten -Bürger der Stadt fanden sich eine nach der andern -bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag -der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden -Sie einstweilen noch nicht davon,« hieß es; »wir -haben den Plan, uns ein Haus zu bauen, möchten -aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«</p> - -<p>Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage -und schrieb noch denselben Abend an seine Tochter, -sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten auflösen, -da sie jetzt eine weit bessere Partie machen -könne.</p> - -<p>Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere -wohlhabende Herren gedachten sich Landhäuser -zu kaufen – doch warteten sie die Sache erst -ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung -nie ohne den Wirt.</p> - -<p>Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, -ein Kostümfest zu geben. Man äußerte zwar<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span> -noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den -Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen -Andeutungen. »Wir haben es uns vorgenommen,« -hieß es, »und wenn es dazu kommt, -werden Sie natürlich auch eingeladen.« Alles war -erstaunt darüber. »Wie können die armen Wilsons -nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; -»ihre Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige -Damen aus der Zahl der neunzehn meinten aber, -der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen zu -warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, -und dann einen Ball zu geben, der jenen ganz -in den Schatten stellen sollte.</p> - -<p>Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs -die Verschwendungssucht, immer wilder wurden die -Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es -hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der -neunzehn Familien nicht nur mit den vierzigtausend -Dollars fertig werden, sondern sich auch darüber -hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die -Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit -begnügten sich manche nicht damit, Pläne zu -schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe – auf -Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker, -Börsenpapiere, kostbare Kleider, Wagen und Pferde<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -nebst vielen andern Dingen schafften sich die Leute -an, zahlten ein Draufgeld und machten sich verbindlich, -den Rest nach Ablauf von zehn Tagen -zu entrichten.</p> - -<p>Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen -und auf vielen Gesichtern begann sich eine -entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln, wie Halliday -zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel -wurde ihm nur noch unerklärlicher. »Die Kätzchen -bei Wilcox sind nicht gestorben, weil gar keine -zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich; -»niemand hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter -sind noch am Leben – da werde nun einer -klug daraus!«</p> - -<p>Auch ein anderer Hadleyburger war über die -Vorgänge in der Stadt höchlich verblüfft, nämlich -der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er nirgends -hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder -ihm auflauerte. Kam er an irgend einen entlegenen -Ort, so tauchte sicher dieser oder jener seiner Mitbürger -auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag -in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend -im Rathaus zu öffnen,« und verschwand wieder -gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von -vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -auf den Sack erheben werde, denn Goodson war ja -tot. Daß die Leute, welche sich an ihn drängten, -lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch -nicht von ferne in den Sinn. Als der wichtige -Tag endlich erschien, hatte Burgeß neunzehn versiegelte -Briefumschläge in der Tasche.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. -Im Hintergrund der Rednerbühne, sowie -längs den Wänden und Galerien war der ganze -Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und -behängt; sogar um die Säulen schlangen sich bunte -Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen mächtigen -Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man -vorausgesehen hatte, von nah und fern herbeiströmten; -unter ihnen auch eine Menge Berichterstatter -der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal -war zum Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen -Plätze waren sämtlich besetzt, sondern auch 68 Extrastühle, -welche man hier und da verteilt hatte, sowie -die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden -sich Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, -und Tische in Hufeisenform, an denen die Herren<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> -von der Presse Platz genommen hatten.</p> - -<p>Die Damen waren in großer Toilette; solchen -Staat hatte Hadleyburg noch nie erblickt. Dem -Anschein nach fühlten sich einige von ihnen nicht -sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens -machten die Einheimischen diese Bemerkung, -was aber wohl daher rühren mochte, daß -sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem -ganzen Leben noch niemals solche Kleider angehabt.</p> - -<p>Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem -kleinen Tisch, wo alle Welt ihn sehen konnte, lag -der Goldsack. Dorthin wandten sich die meisten -Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem -Verlangen, während neunzehn Ehepaare -den Sack mit einem liebevollen Eigentumsgefühl -betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen -Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen -die hübsche kleine Rede aus dem Stegreif, mit -welcher sie alsbald ihren Dank für die Glückwünsche -der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu -Zeit zog bald dieser bald jener Herr ein Stück -Papier aus der Westentasche, um seinem Gedächtnis -nachzuhelfen.</p> - -<p>Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; -als aber Pastor Burgeß aufstand und seine<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill im -Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. -Der Pastor erzählte die wunderbare Geschichte des -Sacks und erging sich dann in warmen Worten -über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser -Redlichkeit, auf den die Stadt mit Recht stolz sein -könne. Dieser Ruf, sagte er, sei ein Besitz von -unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen -sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit -habe sich Hadleyburgs Ruhm allenthalben -verbreitet, so daß die Blicke von ganz Amerika -jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name -für alle Zeiten, wie er glaube und hoffe, als -Sinnbild unbestechlicher Treue in Handel und Wandel -gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der -Hüter dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die -ganze Gemeinde? O nein! Jeder Einzelne ist dafür -verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner -dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, -daß unser herrlichstes Besitztum unangetastet bleibt. -Wollt ihr diese große Verantwortung auf euch -nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann -ist alles wohl bestellt. Vererbt den Schatz auf eure -Kinder und Kindeskinder! Bisher hat niemand eure -Lauterkeit antasten können – möge es immer so<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde -sich heute verführen lassen, auch nur einen Pfennig -anzurühren, der ihm nicht gehört – sehet zu, -daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, -das wollen wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um -einen Vergleich zwischen uns und andern Gemeinden -anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für -uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche -und wir die unsrigen – daran soll uns genügen. -[Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde. Hier -lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte -Zeugnis für die Anerkennung, die ein Fremder -unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn jetzt -und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet -werden. Der Mann ist uns unbekannt, aber ich -spreche ihm in euer aller Namen unsern tiefgefühlten -Dank aus und bitte euch, mit mir in ein -Hoch auf ihn einzustimmen.«</p> - -<p>Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang -schallten die Wände von donnernden Hurrarufen -wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor -Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der -Tasche, öffnete ihn und nahm einen Papierstreifen -heraus. In atemloser Spannung lauschten die Anwesenden -auf die Zauberworte, von denen jedes<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -einen Klumpen Gold wert war und die der Pastor -jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:</p> - -<p>»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden -gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch lange kein -ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert Euch.‹« -Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun -überzeugen, ob diese Aeußerung gleichlautend ist -mit den Worten, die der Sack enthält. Dies wird -unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen -ist, gehört der Goldsack einem unserer Mitbürger, -der fortan bei allem Volk als Inbegriff und Vertreter -jener besonderen Tugend gelten wird, die -den Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. -Sein Name ist – Billson!«</p> - -<p>Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm -gerüstet; jetzt schienen sie plötzlich wie -vom Frost erstarrt. Eine unheimliche Stille lagerte -über der Versammlung, dann hörte man allmählich -ein leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: -»Billson! Nanu – wer das glaubt! Zwanzig -Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht -im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit -– so was lassen wir uns nicht aufbinden!« Aber -ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung. Während -an einer Stelle des Saales der Kirchenrat<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> -Billson mit demütig gesenktem Haupt dastand, hatte -sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson erhoben. -Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und -die Entrüstung der neunzehn Ehepaare war groß. -Billson und Wilson hatten sich umgewandt und -starrten einander an.</p> - -<p>»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte -Billson in beißendem Ton.</p> - -<p>»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden -Sie so freundlich sein, den Anwesenden zu -erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«</p> - -<p>»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort -geschrieben.«</p> - -<p>»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von -<em class="gesperrt">meiner Hand</em>.«</p> - -<p>Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. -Er stand stumm da und starrte bald -den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, -was er thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:</p> - -<p>»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den -Namen zu lesen, mit welchem das Papier unterzeichnet -ist.«</p> - -<p>Das brachte den Pastor wieder zu sich.</p> - -<p>»John Wharton Billson,« las er.</p> - -<p>»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -Sie sich nun herausreden und sich wegen der Beleidigung -entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen -Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen -Versammlung zugefügt haben?«</p> - -<p>»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im -Gegenteil, mein Herr, ich klage Sie hiermit öffentlich -an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen Zettel -entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, -auf der Ihr Name steht. Dies ist die einzige Art, -wie Sie zur Kenntnis der bewußten Aeußerung -gelangt sein können, denn außer mir weiß kein -Mensch in der ganzen Welt, wie jene Worte gelautet -haben.«</p> - -<p>Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, -wollte man nicht das ärgerlichste Aufsehen erregen -und der Klatschsucht Thür und Thor öffnen. -Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die -in rasender Eile immer weiter schrieben. »Zur -Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von allen -Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem -Hammer auf den Tisch klopfte.</p> - -<p>»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser -Versammlung aufrecht halten und den Anstand nicht -verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar liegt hier ein -Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -mir ein Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich -ist, so befindet sich dasselbe auch noch -in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus -der Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, -machte ein verstörtes, bekümmertes Gesicht, stand -eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob dann -unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu -sprechen, brachte aber kein Wort heraus.</p> - -<p>»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. -»Was steht darin?«</p> - -<p>Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte -Burgeß der Aufforderung:</p> - -<p>»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen -Fremden gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch -lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer schauten -ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« -[Gemurmel: »Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] -»Dies ist Thurlow G. Wilson unterschrieben,« -sagte der Vorsitzende.</p> - -<p>»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt -ist es sonnenklar. Ich wußte ja gleich, daß mein -Brief abgeschrieben worden ist.«</p> - -<p>»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte -mir dergleichen von Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ich muß Sie zur Ruhe -verweisen, meine Herren, und Sie beide ersuchen, -Ihre Plätze wieder einzunehmen.«</p> - -<p>Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten -sie der Aufforderung. Die Versammelten sahen -einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den -seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der -Hutmacher Thomson auf. Er wäre gern einer der -neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein das -war ihm nicht beschieden; für solche Würde war -sein Hutlager nicht groß genug.</p> - -<p>»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« -sagte er, »daß die beiden Herren dem Fremden -gegenüber schwerlich genau dieselben Worte gebraucht -haben. Nach meiner Ansicht ist das ein -Ding der Unmöglichkeit.«</p> - -<p>Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, -der zu den Unzufriedenen gehörte, weil -er nicht als ein Neunzehner anerkannt wurde, wiewohl -er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies -gab seiner Art und Weise einen etwas unangenehmen -Beigeschmack.</p> - -<p>»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, -auf den es ankommt. So etwas könnte geschehen -– alle hundert Jahre einmal –; aber das andere<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner -von beiden hat die zwanzig Dollars gegeben!« -[Schallender Beifall.]</p> - -<p><em class="gesperrt">Billson</em>: »Ich habe es gethan!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Wilson</em>: »Nein, ich habe es gethan!«</p> - -<p>Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ruhe, sage ich. Setzen -Sie sich, meine Herren. Keins der beiden Couverts -ist mir auch nur einen Augenblick aus der Hand -gekommen.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Gut – damit ist das abgemacht.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Ich weiß, wie es zugegangen -sein muß: Einer der Männer hat sich -unter dem Bett des andern versteckt und seine -Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch -ist, möchte ich die Behauptung aufstellen, -daß man allen beiden so etwas zutrauen -kann.« [<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung, zur -Ordnung!«] »Ich ziehe meine Bemerkung zurück und -will nur noch erwähnen, daß, wenn der eine gehört -hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner -Frau mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche -kommen werden.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Wieso?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Nichts leichter als das. -Die Aeußerung ist von beiden nicht genau in denselben -Worten wiedergegeben worden. Das würde -den Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die -zweite Lesart nicht erst nach einiger Zeit und -nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen worden -wäre.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Was ist der Unterschied?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Auf Billsons Zettel steht -das Wort <em class="gesperrt">ganz</em> – auf dem andern nicht.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Richtig, richtig, so ist es!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Wenn nun der Herr Vorsitzende -die Probe macht und den Zettel im Sack -liest, werden wir erfahren, wer von den beiden -Betrügern –« [<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung!«] -»wer von diesen zwei Glücksjägern –« -[<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung!«] »wer von -den beiden Ehrenmännern –« [Gelächter und Beifall] -»die Auszeichnung genießen soll, der erste -Halunke zu sein, der je in unserer durch ihn entehrten -Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein -fernerer Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich -werden.« [Lebhafter Beifall.]</p> - -<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Oeffnen, öffnen – den -Sack öffnen!!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span></p> - -<p>Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte -die Hand hinein und zog ein Couvert heraus, -welches zwei zusammengefaltete Papiere enthielt. -Dann sagte er:</p> - -<p>»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, -nachdem alle schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende -etwa erhalten hat, gelesen worden sind.‹ -Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die Probe‹. -Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; -er lautet:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche -mein Wohlthäter mir gegenüber gethan hat, in -ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut nach genau wiedergegeben -sein soll; sie war unbedeutend und -er hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze -aber sind so schlagend, daß sie ihm sicherlich im -Gedächtnis geblieben sind. Stimmen diese nicht mit -der Probe überein, so hat man es mit einem Betrüger -zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der -Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte -er es aber einmal, so sei sein Rat auch von erster -Güte. Was er nun sagte, hat sich mir unauslöschlich -ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr seid noch lange -kein schlechter Mensch –‹«</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Das ist entscheidend – -das Gold gehört Wilson. Er soll reden! Wilson -hat das Wort!«</p> - -<p>Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie -umringten Wilson, schüttelten ihm die Hand und -wünschten ihm von Herzen Glück, während der Vorsitzende -immer lauter mit dem Hammer auf den -Tisch klopfte und rief:</p> - -<p>»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um -Ruhe! Lassen Sie mich den Zettel zu Ende lesen. –«</p> - -<p>Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß -fort:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es -nicht, so werdet Ihr eines Tages sicherlich in -Euern Sünden sterben und zur Strafe in die Hölle -kommen, oder nach Hadleyburg – <em class="gesperrt">ersteres wäre -noch vorzuziehen</em>.‹«</p> -</div> - -<p>Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten -sich dunkle Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, -doch allmählich erheiterten sich die Gesichter -wieder, ja es schien, daß sie große Mühe -hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer -unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die -Bürger aus Brixton und sämtliche fremde Gäste -hielten sich die Hand vors Gesicht oder saßen mit<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span> -gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit -aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln -zu beherrschen. In diesem verhängnisvollen Augenblick -unterbrach Jack Halliday plötzlich das allgemeine -Schweigen, indem er mit lauter Stimme -rief: »Das Ding ist echt – ein Rat erster Güte!«</p> - -<p>Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, -Fremde wie Einheimische, und als sogar Burgeß -seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte, legte -sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures -Gelächter erscholl, das lange kein Ende nehmen -wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute schon -die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig -zusammen, um die Verhandlung fortzusetzen, -aber immer von neuem brachen die Lachsalven unaufhaltsam -hervor, und es dauerte eine geraume -Zeit, ehe Burgeß endlich anhub:</p> - -<p>»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, -uns die Thatsache zu verhehlen, daß es sich hier -um eine sehr ernste Sache handelt, denn die Ehre -und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem -Spiel. Schon der Umstand, daß die beiden Zettel -der Herren Wilson und Billson sich nur durch -<em class="gesperrt">ein</em> Wort unterschieden, war von schwerwiegender -Bedeutung, da derselbe klar bewies, daß einer von<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span> -ihnen sich des Diebstahls schuldig gemacht hatte –«</p> - -<p>Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit -dagesessen hatten, sprangen bei diesen -Worten wie elektrisiert in die Höhe.</p> - -<p>»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, -und sie gehorchten. »Wie gesagt, der Umstand war -unheilvoll, doch nur für einen der Beteiligten. Jetzt -aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres -Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, -sondern ich darf wohl sagen unrettbar verloren. -Beide haben die letzten Sätze mit den entscheidenden -Worten ausgelassen.« Er hielt inne und -die lautlose Stille, welche entstand, erhöhte noch -die eindrucksvolle Wirkung des Augenblicks. Dann -fuhr er fort:</p> - -<p>»Mir scheint, daß es hier nur <em class="gesperrt">eine</em> mögliche -Erklärung giebt – deshalb frage ich die Herren -– geschah dies auf Verabredung – in heimlichem -Einverständnis?«</p> - -<p>Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat -sie beide in der Falle,« murmelte die Menge.</p> - -<p>Billson war einer so schwierigen Lage nicht -gewachsen; er saß in völliger Hilflosigkeit da. Aber -Wilson, der Advokat, hatte sich ermannt; mit -bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p> - -<p>»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht -bei der Erörterung dieser höchst peinlichen -Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das Wort, -denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn -Billson, den ich immer geachtet und hochgeschätzt -habe, den schwersten Schaden zufüge. Wie alle -übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine -Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; -aber meine eigene Ehre verlangt, daß ich offen -zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich gestehen -– und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben –, -daß ich mich dem mittellosen Fremden -gegenüber ganz so geäußert habe, wie es auf dem -Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen -Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] -Mir war das noch vollkommen erinnerlich, als -ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu erheben, -der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie -sich bitte einen Augenblick in meine Lage: Die -Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos gewesen -an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich -Worte dafür finden, doch würde er mir die -Wohlthat tausendfach vergelten, wenn er je im -stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich -einmal, ob sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -ließ, ja, ob es auch nur denkbar war, -daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz -unnötigen Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, -mich in die Falle zu locken und in einer öffentlichen -Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt -bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre -höchst widersinnig gewesen. Ich zweifelte daher -keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der -ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen -würde. Sie hätten das auch geglaubt und einem -Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und -dem Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß -er schmählichen Verrat an Ihnen üben würde. So -schrieb ich denn mit voller Zuversicht den Eingang -nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ -und setzte meinen Namen darunter. Als ich den -Zettel eben in einen Umschlag thun wollte, wurde -ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit -offen auf dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt -der Redner inne, wandte den Kopf langsam nach -Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und -sagte dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte -Herr Billson eben meine Hausthür hinter sich zu -– urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten hatte.« -[Große Erregung.]</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p> - -<p>Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es -ist eine schändliche Lüge!« schrie er, rot vor Zorn.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Setzen Sie sich! Herr -Wilson hat das Wort.«</p> - -<p>Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz -zurück und suchten ihn zu beruhigen, während Wilson -fortfuhr:</p> - -<p>»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein -Zettel lag nicht mehr an derselben Stelle auf dem -Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah das -wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, -ein Zugwind habe ihn dahin geblasen. Daß -Herr Billson ein Privatpapier lesen würde, kam -mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann -für unter seiner Würde halten. Hätte sein -Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so würde -er das Wort <em class="gesperrt">ganz</em> nicht hinzugefügt haben. Ich -bin der einzige Mensch in der Welt, der jene -Aeußerung – auf ehrenhafte Weise – genau wiedergeben -konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«</p> - -<p>Für den schlauen und gewandten Redner ist es -von jeher ein Leichtes gewesen, die Denkfähigkeit -einer Zuhörerschaft, die an das täuschende Blendwerk -der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -und sie zu maßlosen Gefühlsäußerungen -fortzureißen. Als Wilson wieder Platz nahm, war -sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender -Beifallssturm erschallte; Freunde und Bekannte umringten -ihn, schüttelten ihm die Hand und wünschten -ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel -zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende -strengte seine Lunge vergebens an, und -wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand -gab acht darauf.</p> - -<p>Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren -wir nun mit der Verhandlung fort!« rief Burgeß.</p> - -<p>»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß -es; »man braucht ihm doch bloß den Sack zu -geben.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Jawohl, jawohl! Wilson -soll vortreten!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Hutmacher</em>: »Ich fordere Sie auf, mit -mir Herrn Wilson hoch leben zu lassen, als Inbegriff -und Vertreter der besonderen Tugend, -welche – –«</p> - -<p>»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse -durch den Saal. Wilsons Bewunderer hoben -ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben -an, ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -geleiten, als die Stimme des Vorsitzenden den Lärm -übertönte:</p> - -<p>»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! – Erinnern -Sie sich doch, meine Herren, daß ich noch ein -Schriftstück zu verlesen habe.« –</p> - -<p>Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm -das zweite Papier zur Hand, legte es aber wieder -hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle -Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« -Er zog ein Couvert aus der Tasche, öffnete es, -überflog den Inhalt und schien starr vor Verwunderung.</p> - -<p>»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen -zwanzig bis dreißig Stimmen auf einmal.</p> - -<p>Langsam und bedächtig, als traue er seinen -Augen kaum, las Burgeß:</p> - -<p>»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber -that – [<em class="gesperrt">Mehrere Stimmen</em>: »Hallo, wie -geht das zu?«] – lautete: ›Ihr seid noch lange -kein schlechter Mensch. [<em class="gesperrt">Mehrere Stimmen</em>: -»Gerechter Himmel!«] Geht hin und bessert Euch.‹ -[<em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Da schlag’ doch das Donnerwetter -drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier -Pinkerton.«</p> - -<p>Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -besonneneren Leute trauernd ihr Haupt schüttelten. -Wer sich nicht mehr halten konnte, lachte daß ihm -die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter -wälzten sich vor Lachen und machten -solche Krakelfüße auf dem Papier, daß es nicht -menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. -Ein Hund, der im Winkel geschlafen hatte, schreckte -auf und geriet über das Getöse so in Wut, daß -er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie -und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. -»Oho, immer toller! – Jetzt besitzen wir zwei -Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! – Nein, -drei – man muß auch Billson mitzählen – je -mehr, desto besser! – Richtig, richtig, Billson gehört -dazu! – Was ist doch Wilson für ein armes -Opferlamm – zwei Diebe haben ihn beraubt!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine mächtige Stimme</em>: »Stille! Der Vorsitzende -holt wieder etwas aus der Tasche.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Andere Stimmen</em>: »Hurra! Was giebt es -Neues? Vorlesen! Vorlesen!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em> (liest): »Die Aeußerung, -welche ich u. s. w. ›Ihr seid noch lange kein schlechter -Mensch. Geht hin‹ u. s. w. Unterschrift: Gregor -Yates.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Dröhnende Rufe</em>: »Vier Inbegriffe! – Der<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -ehrliche Yates soll leben! – Weiter, weiter!«</p> - -<p>Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende -nehmen; es galt, den Kapitalspaß von Grund aus -zu genießen. Als einige von den Neunzehnern -aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen -nach dem Ausgang hin zu drängen suchten, wurden -von allen Seiten Rufe laut:</p> - -<p>»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! -Kein Ehrenmann darf den Saal verlassen! Hinsetzen! -Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«</p> - -<p>Alle folgten der Aufforderung.</p> - -<p>»Immer mehr! – Vorlesen! Vorlesen!«</p> - -<p>Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und -las die wohlbekannten Worte: »›Ihr seid noch lange -kein schlechter Mensch –‹«</p> - -<p>»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«</p> - -<p>»Ingoldsby Sargent.«</p> - -<p>»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! -Weiter, weiter!«</p> - -<p>»›Ihr seid noch lange kein –‹«</p> - -<p>»Den Namen her!«</p> - -<p>»Nikolas Whitworth.«</p> - -<p>»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«</p> - -<p>»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; -»hoch soll er leben! Dreimal hoch!!!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p> - -<p>»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das -Vorbild unbestechlicher Tugend, und für alle seine -Inbegriffe und würdigen Vertreter!«</p> - -<p>»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben -– hoch!« brüllte der Chor; »dreimal hoch!!!«</p> - -<p>»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. -»Wir wollen mehr hören! Vorlesen! Alles vorlesen, -was da ist!«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf -ewig begründen.«</p> - -<p>Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch -zu erheben. Sie sagten, ohne Zweifel hätte -sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies Possenspiel -ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze -Gemeinwesen sei. Die Unterschriften müßten alle -gefälscht sein, nur so ließe sich die Sache erklären. -Aber sie predigten tauben Ohren.</p> - -<p>»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« -hieß es. »Ihr bekennt euch bloß schuldig – nächstens -werden eure Namen an die Reihe kommen!«</p> - -<p>»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche -Briefumschläge er bekommen hat.«</p> - -<p>»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«</p> - -<p>Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten -sie sämtlich das Geheimnis. Ich stelle den Antrag,<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -von jedem derartigen Zettel die sieben ersten Wörter -und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«</p> - -<p>Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen -und zum Beschluß erhoben. Da stand -plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur -Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre -Thränen zu verbergen. Der Gatte gab ihr den -Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung -bebender Stimme:</p> - -<p>»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, -Mary und mich von Jugend auf, und habt uns -stets Liebe und Achtung erwiesen –«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach -ihn der Vorsitzende; »was Sie sagen, ist zwar die -lautere Wahrheit – die ganze Stadt kennt Sie -nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber –«</p> - -<p>Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: -»Wenn das auch die Meinung der Versammlung -ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben -zu lassen. Hurra, hoch!«</p> - -<p>Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose -Taschentücher wurden geschwenkt und donnernde -Hochrufe erschallten. Dann fuhr der Vorsitzende fort:</p> - -<p>»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, -Herr Reichard, daß es zwar Ihrem guten Herzen<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> -Ehre macht, wir aber in diesem Fall den Missethätern -keine Nachsicht gewähren dürfen.« [<em class="gesperrt">Zurufe</em>: -»Nein, nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen -im Gesicht geschrieben; allein ich kann nicht gestatten, -daß Sie sich für jene Männer verwenden –«</p> - -<p>»Aber ich wollte ja nur –«</p> - -<p>»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen -erst die übrigen Zuschriften lesen. Das verlangt -schon die Billigkeit den Leuten gegenüber, deren -Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald -dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, -das verspreche ich Ihnen.«</p> - -<p>Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das -Warten ist eine rechte Qual,« flüsterte Reichard -seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um -so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir -nur für uns selber um Nachsicht bitten wollten.«</p> - -<p>Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen -wurden gelesen.</p> - -<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ -Unterschrift: ›Robert Titmarsch.‹</p> - -<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ -Unterschrift: ›Eliphalet Wenks.‹</p> - -<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch –‹ -Unterschrift: ›Oskar Wilder.‹«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p> - -<p>Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten -die Zuhörer auf den Einfall, ihn der Mühe -zu überheben, jedesmal die sieben Wörter zu lesen, -womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun -nur noch den Zettel in die Höhe und wartete, -bis die Versammlung in volltönendem Chor, der -fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes, -feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid -noch la-an-ge kein schle-ech-ter Mensch.« Dann -las er die Unterschrift: »Archibald Wilcox.« So -ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium -und zur Qual der unglücklichen Neunzehner. -Jedesmal, wenn ein besonders angesehener Name -verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, -sang die ganze Litanei von Anfang an bis -zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle kommen, -oder nach Hadleyburg – ersteres wäre noch -vo-o-or-zu-ziehn« – und schloß dann mit einem -mächtigen »A-a-a-a-men!«</p> - -<p>Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu -verlesenden Papiere; Reichard wußte genau, wie -viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein -Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller -Spannung auf den Augenblick, wenn die Reihe -an ihn kommen würde. Dann wollte er sich erheben<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> -und die Versammlung etwa mit folgenden -Worten um Erbarmen für sich und Mary anflehen: -»Bisher sind wir unsern Weg unsträflich -gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. -Aber wir sind alt und sehr arm, haben -auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die -Versuchung war groß und wir sind unterlegen. -Als ich vorhin aufstand, wollte ich mein Unrecht -bekennen und bitten, daß man meinen Namen nicht -öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die -Schande nicht überleben zu können; man ließ mich -jedoch nicht ausreden. Ich weiß, es ist nur gerecht, -wenn wir vor den andern nichts voraus haben; -aber die Strafe ist hart. Unser Name war bis -jetzt immer unbescholten; habt Erbarmen, denkt, -daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind, und -laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« -So weit war er in seinen Gedanken gekommen, -als Mary ihn anstieß, um ihn aus der Träumerei -zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch -la-a-nge kein« u. s. w.</p> - -<p>»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist -die Reihe an dir; achtzehn Namen sind schon verlesen.«</p> - -<p>»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge.<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> -Langsam und zitternd erhob sich das alte Ehepaar. -Burgeß steckte die Hand in die Tasche und schien -einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel -alle gelesen haben,« sagte er dann.</p> - -<p>Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung -sanken Reichard und seine Frau auf ihre Plätze -zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei Dank. -Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke -würden mich nicht so glücklich machen!«</p> - -<p>Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf -Hadleyburgs Redlichkeit und die achtzehn unsterblichen -Vertreter seiner Tugend. Dann stand -Wingate, der Sattler, auf, um den wackersten Mann -in der Stadt leben zu lassen, den einzigen aus -der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen -Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen – -Eduard Reichard.</p> - -<p>Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung -ein, und man pries Reichard laut, als den einzigen -treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger -Ueberlieferung.</p> - -<p>»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte -eine Stimme.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em> (mit bitterem Spott): »Das -liegt doch auf der Hand. Das Gold muß unter<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder -von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars -gegeben – und jenen kostbaren Rat. Zweiundzwanzig -Minuten hat es gedauert, bis sie einer -nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. -Was sie für den Fremden eingezahlt haben, betrug -alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie möchten -nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben – die sich -mit dem Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«</p> - -<p>»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ich bitte um Ruhe, damit -ich die letzte Zuschrift des Fremden vorlesen -kann. – Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet, -um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes -Seufzen und Stöhnen aus der Menge] so soll das -Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt -werden, damit sie es aufs beste verwenden, um -den ehrenwerten Ruf Hadleyburgs auch ferner zu -erhalten und immer weiter auszubreiten. Dafür, -daß sie dies nach besten Kräften thun werden, -bürgt schon ihre eigene Unbescholtenheit und allgemein -anerkannte Vortrefflichkeit.‹ [Spöttische Beifallsrufe -von allen Seiten und lautes Händeklatschen.]<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -Halt! Ich bin noch nicht zu Ende – hier ist -eine Nachschrift:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»›<em class="antiqua">P. S.</em> – Bürger von Hadleyburg! -</p> - -<p>Die ganze Sache beruht auf Erfindung – kein -Mensch hat jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche -Aufregung.] Sowohl der fremde Bettler als -die geschenkten zwanzig Dollars samt dem guten -Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der -Luft gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und -belustigter Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit -wenigen Worten meine Geschichte erzähle: Als ich -eines Tages durch Hadleyburg reiste, that man -mir eine schwere, unverdiente Beleidigung an. Jeder -andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch -umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde -mich eine so geringfügige Rache kaum entschädigt -haben. Konnte ich euch auch nicht allen das Leben -nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen der -Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, -wenn auch nicht an Leib und Gut, so doch an -ihrer Eitelkeit – der Stelle, wo schwache und -thörichte Menschen am verwundbarsten sind. Verkleidet -kam ich zurück und lernte euch näher kennen. -Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet -einen Schatz, den ihr wie euern Augapfel hütetet,<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> -den altbewährten, hohen Ruhm unantastbarer Redlichkeit, -der euern ganzen Stolz ausmachte. Sobald -ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt und -Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern -Kindern fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr -einfältigen Menschen! Es giebt ja nichts Schwächeres -auf Erden, als eine Tugend, die nicht im -Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht -war, dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm -zu nehmen und fast ein halbes Hundert bisher -untadeliger Männer und Frauen, die in ihrem -ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und -keinen Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und -Lügnern zu machen. Eine Liste von Namen hatte -ich bald entworfen; nur Goodson, der kein eingeborener -Hadleyburger war, stand meinem Plan -im Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief -vorlegen lassen, so würdet ihr ohne Zweifel gesagt -haben: ›Goodson ist der einzige Bürger unserer -Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars -schenken könnte‹ – und ich fürchte, ihr wäret nicht -in meine Falle gegangen. Sobald aber der Himmel -Goodson von dieser Welt abgerufen hatte, warf -ich den Köder mit vollster Zuversicht aus – ich -wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete -Aeußerung mit der Post geschickt habe, die meisten -jedoch sicherlich, wie ich den Charakter der Hadleyburger -kenne. Bei ihrer verkehrten Erziehung -und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand, -daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie -nicht hindern, es fälschlich an sich zu bringen. -So hoffe ich denn, euern Stolz auf ewige Zeiten -zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg -in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich -allenthalben verbreiten wird und den es nie wieder -loswerden soll. Wenn mein Zweck erreicht ist, so öffne -man den Sack und ernenne einen Ausschuß zur -Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger -Ruhmes.‹«</p> -</div> - -<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Der Ausschuß ist bereits -erwählt. Die achtzehn Tugendhelden sollen vortreten!«</p> - -<p>Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm -eine Handvoll großer gelber Münzen heraus, die -er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.</p> - -<p>»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben -aus vergoldetem Blech.«</p> - -<p>Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens -rief man nach den Mitgliedern des Ausschusses,<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -um ihnen das Gold einzuhändigen, keiner -rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler -das Wort:</p> - -<p>»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich -nur einer als redlich bewährt. Der Mann braucht -Geld und verdient eine Unterstützung. Ich schlage -daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, -den Sack voll vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier -öffentlich zu versteigern und den Ertrag Herrn -Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein -Mann von echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg -mit Freuden alle Ehre erweist.«</p> - -<p>Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte -und die Versteigerung begann. Zuerst bot der Sattler -einen Dollar; mehrere Bewohner von Brixton -und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig -in die Höhe. Bei jedem neuen Angebot -jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die Bietenden -wurden hartnäckiger und kühner. Von einem -Dollar stieg der Preis auf fünf, auf zehn, auf -zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und immer höher.</p> - -<p>Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard -seiner Frau in kläglichem Ton zugeflüstert: -»O Mary, das dürfen wir nicht gestatten; es ist -ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters,<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -ein Ehrengeschenk, und – und – wir können -es doch nicht dulden! Sollen wir nicht lieber aufstehen -und – Mary, was fangen wir nur an -– was meinst du, daß wir –«</p> - -<p>(<em class="gesperrt">Hallidays Stimme</em>: »Fünfzehn für den -Sack! Fünfzehn zum ersten – zwanzig – danke -bestens – dreißig – dreißig zum – höre ich -recht? – Vierzig – bieten Sie weiter, meine -Herren – fünfzig zum ersten, zum zweiten, zum -– siebzig – neunzig – bravo! immer höher! – -hundert – hundertzwanzig – vierzig – noch ist -es Zeit! – hundertfünfzig – zweihundert – zweihundertfünfzig -– keiner mehr? –«)</p> - -<p>»Es ist eine neue Versuchung, Eduard – ich -zittere an allen Gliedern. Aus der ersten sind -wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur -Warnung dienen –« [»Habe ich recht gehört? -Sechs – meinen Dank – sechshundertfünfzig – -siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht bedenkt, -– kein Mensch argwöhnt –« [»Achthundert -Dollars! Hurra! Neunhundert wäre noch besser! -– Haben Sie neunhundert gesagt, Herr Parsons? -– Ganz recht – also dieser schöne Sack, mit -echtem Blech gefüllt, soll samt der Vergoldung -für nur neunhundert Dollars – tausend – sehr<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span> -verbunden! Will niemand elfhundert bieten für -den Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten -in den Vereinigten Staaten –«] »O Eduard,« -schluchzte Mary, »wir sind so arm – aber – -thu’ was dir am besten dünkt – ich hindere dich -nicht.«</p> - -<p>Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß -still und beschwichtigte sein Gewissen damit, daß -die Umstände ihm keine Wahl ließen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher -aussah wie ein als englischer Graf verkleideter -Geheimpolizist, den Verhandlungen mit dem größten -Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen -hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich -dachte, war ungefähr folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden -bieten nicht mit, das ist nicht in der -Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. -Sie müssen im Gegenteil den Sack kaufen, -den sie stehlen wollten, und einen ordentlichen Preis -dafür zahlen – denn es sind reiche Leute darunter. -Außerdem hat der einzige Hadleyburger, -der meine Berechnung zu Schanden gemacht hat, -eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm nicht -entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> -Mann, das muß ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich -scheint. Jedenfalls soll er den Glückstopf -ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. -Daß er mich Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht -nachtragen.«</p> - -<p>Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren -Verlauf der Auktion. Nachdem tausend Dollars geboten -waren, ging der Preis nur noch langsam -in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog -sich zurück. Nun bot der Fremde selbst ein paarmal -mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte -ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch -fünfzig hinzu und der Sack wurde ihm für eintausendzweihundert­undzweiundachtzig -Dollars zugeschlagen. -Die Menge brach in schallende Hochrufe -aus, doch trat gleich darauf eine lautlose -Stille ein, als der Fremde mit der Hand -winkte und zu reden begann:</p> - -<p>»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. -Ich bin Raritätenhändler und habe in der ganzen -Welt Verbindungen mit Leuten, die seltene Münzen -sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie -er ist, mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich -größeren Vorteil würde ich daraus ziehen, wenn -Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche ich<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann -jede einzelne dieser blechernen Münzen mindestens -für ein echtes Zwanzigdollarstück verkaufen und -würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger, -Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche -Redlichkeit heute von Ihnen mit vollem -Rechte anerkannt und gepriesen worden ist. Sein -Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die -ich ihm morgen einhändigen will.« [Großer Beifall -der Menge; Reichard und seine Frau wurden -dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, -man legte es ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der -besondere Wert einer Rarität hängt meistens davon -ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen -wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir -zu erlauben, daß ich auf diese vergoldeten Blechmünzen -hier die Namen der achtzehn Herren stempeln -lassen darf, welche –«</p> - -<p>Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob -sich die ganze Versammlung wie ein Mann, um -unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung -zu geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank -dafür aussprechen wollte, daß man so bereitwillig -auf seinen Vorschlag eingegangen war, erhoben sämtliche -Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen -lassen, daß man ihnen solchen Schimpf anthäte, -und stießen sogar Drohungen gegen den -Fremden aus, der jedoch ganz ruhig blieb.</p> - -<p>Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, -zu bitten und zu drohen, benutzte Harkneß die -günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und -Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt -und Gegenkandidaten bei der Abgeordnetenwahl, -um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt -war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade -über den Bau einer neuen Eisenbahn; beide -Männer besaßen große Strecken Landes und jeder -hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, -daß die Bahn durch sein Besitztum geleitet würde, -was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine -einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag -geben. Vor einer gewagten Spekulation zurückzuschrecken, -war Harkneß’ Sache nicht, und hier -galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in -seiner Nähe und die Unruhe im Saal war groß. -Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:</p> - -<p>»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«</p> - -<p>»Vierzigtausend Dollars.«</p> - -<p>»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Fünfundzwanzig.«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Was sagen Sie zu dreißig?«</p> - -<p>»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen -Pfennig weniger.«</p> - -<p>»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen -früh um zehn Uhr komme ich zu Ihnen ins -Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde; -ich wünsche Sie allein zu sprechen.«</p> - -<p>Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob -er sich, um sich bei der Versammlung zu verabschieden; -er dankte den Anwesenden nochmals für die Gewährung -seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, -ihm den Sack bis morgen aufzuheben und Herrn -Reichard einstweilen drei Fünfhundertdollarscheine -einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in Empfang -genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh -um neun will ich den Sack abholen und um elf -Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend -Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute -Nacht!«</p> - -<p>Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der -Lärm jetzt von neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, -Beifallklatschen, Hundegebell, und dazwischen der<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein schle-e-ech-ter -Mensch –« erschallten in wildem Durcheinander.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>IV.</h3> -</div> - -<p>Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard -noch bis Mitternacht fortwährend Glückwünsche -und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als sie -endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen -stumm und traurig da, bis Mary zuletzt tief -aufseufzte:</p> - -<p>»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht -gethan haben?« fragte sie und schaute nach -den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen Kassenscheinen, -welche die Leute vorhin mit so verlangenden -Blicken betrachtet und kaum anzurühren gewagt -hatten. Eduard schwieg eine Weile, dann -kam ein Seufzer auch aus seiner Brust.</p> - -<p>»Wir – wir konnten nichts dafür, Mary – -es war eine Fügung des Himmels – wie alles -in dieser Welt,« erwiderte er zögernd.</p> - -<p>Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er -senkte den Blick.</p> - -<p>»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -und Anerkennung der Menschen immer Freude -machten – aber jetzt scheint mir – höre, Eduard?«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?«</p> - -<p>»N – nein.«</p> - -<p>»Was willst du thun?«</p> - -<p>»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.«</p> - -<p>»Das wird wohl am besten sein.«</p> - -<p>Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher -hatte ich keine Furcht, wenn mir auch das Geld -anderer Leute stromweise durch die Hände floß,« -murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.«</p> - -<p>»Laß uns zu Bette gehen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen um neun Uhr holte der -Fremde den Sack ab und fuhr damit in einer -Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um -zehn ein Privatgespräch mit ihm. Der Fremde -ließ sich fünf Wechsel – zahlbar an den Ueberbringer -– auf eine New Yorker Bank ausstellen, -einen zu vierunddreißigtausend Dollars und vier -zu fünfzehnhundert Dollars. Von letzteren steckte -er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte er<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span> -in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu, -nachdem Harkneß fort war. Um elf Uhr klingelte -er am Reichard’schen Hause; Mary guckte erst durch -den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das -Couvert in Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte, -ohne ein Wort zu sagen. In großer -Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück.</p> - -<p>»Schon gestern abend kam es mir vor, als -müßte ich ihn früher irgendwo gesehen haben; -aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.«</p> - -<p>»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht -hat?«</p> - -<p>»Ja, ich möchte darauf schwören.«</p> - -<p>»Dann ist er auch der angebliche Stephenson, -der die Bürger mit seinem erfundenen Geheimnis -zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun -Wechsel statt Geld bringt, sind wir noch einmal -angeführt, während wir uns eben in Sicherheit -wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz -behaglich zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles -wieder, es ist viel zu dünn. Achttausendfünfhundert -Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären -ein dickeres Paket.«</p> - -<p>»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?«</p> - -<p>»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat!<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -– Ich habe mich zwar darein gegeben, die achttausendfünfhundert -Dollars in Banknoten anzunehmen, -weil es der Himmel nun einmal so gefügt -hat. Aber Wechsel einzulösen, welche jene verhängnisvolle -Unterschrift tragen – nein, dazu fehlt mir -der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal -hat mich der Mensch fast in seine Hände bekommen, -und wir sind ihm wie durch ein Wunder -entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise. -Wenn Wechsel in dem Couvert sind –«</p> - -<p>»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie -die Wechsel in die Höhe.</p> - -<p>»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in -Versuchung kommen. Es ist nur eine Hinterlist, -um uns ins Verderben zu locken – uns dem Hohn -und Spott der Leute preiszugeben wie die andern. -Wenn du es nicht thun kannst, gieb sie mir.« -Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte -damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf -und konnte nicht umhin, zuvor noch einen -Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er -in Ohnmacht gefallen.</p> - -<p>»Mary, Mary, halte mich – sie sind so gut -wie Gold!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p> - -<p>»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch -ganz gewiß?«</p> - -<p>»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist -mir ein unerklärliches Rätsel.«</p> - -<p>»Glaubst du denn, Eduard –«</p> - -<p>»So sieh doch nur her! Fünfzehn – fünfzehn – -fünfzehn – vierunddreißig! Achtunddreißigtausend­fünfhundert! -– Was sagst du dazu, Mary? – -Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß -hat offenbar diese Riesensumme dafür gezahlt.«</p> - -<p>»Und du glaubst, das alles soll uns gehören? -Nicht nur die versprochenen zehntausend?«</p> - -<p>»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten -die Wechsel auf den ›Ueberbringer‹.«</p> - -<p>»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu -bedeuten?«</p> - -<p>»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank -erheben. Vielleicht wünscht Harkneß nicht, daß die -Sache hier ruchbar wird. Was ist denn das – – -ein Brief?«</p> - -<p>»Ja, er lag bei den Wechseln.«</p> - -<p>Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug -aber keine Unterschrift. Reichard las:</p> - -<div class="letter"> -<p>»Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit -<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -ist über jede Versuchung erhaben. Als ich -das Gegenteil annahm, that ich Ihnen unrecht, -und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen. Sie -verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger -sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen -aufzulösen. Ich bin mit mir selbst eine Wette eingegangen, -daß sich in Ihrer tugendstolzen Stadt -neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen lassen -würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen -Sie den ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von -Rechts wegen.«</p> -</div> - -<p>Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt, -als wäre es mit Feuer geschrieben,« sagte er. »Mir -ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.«</p> - -<p>»Mir auch. Ach, hätten wir doch – –«</p> - -<p>»Stelle dir nur vor, Mary – er <em class="gesperrt">glaubt</em> an -mich.«</p> - -<p>»Schweig’ still davon – ich halte es sonst nicht -aus.«</p> - -<p>»Wenn ich dies schöne Lob verdiente – und -Gott weiß, ich glaube, früher war das der Fall – -so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend Dollars -dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig -aufbewahren, es wäre mir mehr wert, als Gold<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> -und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein ewiger -Vorwurf sein, darum fort mit ihm.«</p> - -<p>Er warf das Papier in die Flammen. –</p> - -<p>Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte. -Burgeß hatte ihn geschickt; er lautete:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Sie waren mein Retter zur Zeit der Not. -Zum Dank dafür habe ich Sie gestern gerettet. -Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit thun, doch -habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich -nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so -gut wie ich, daß Sie ein braver, wackerer und edler -Mensch sind. Sie wissen, welches Fehltritts man -mich anklagt, und da man allgemein von meiner -Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung -keinen Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß -Sie mich wenigstens nicht für einen Undankbaren -halten, wird mir die Last erleichtern, die ich tragen -muß.</p> - -<p class="mright"> -Burgeß.« -</p> -</div> - -<p>»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen -Bedingungen!« Er warf den Brief ins Feuer. -»Ich – ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte -die Sache ein für allemal ein Ende.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p> - -<p>»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns, -Eduard. So viel Großmut muß einem schier das -Herz zermalmen – und das geht immer Schlag -auf Schlag.« –</p> - -<p>Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde -jedem der zweitausend Wähler als kostbares Erinnerungszeichen -eine der wohlbekannten falschen -Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der -Münze las man am Rand die Inschrift: ›Die -Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte, -lauteten –‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht -hin und bessert Euch! Pinkerton.‹</p> - -<p>So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel -an Unrat übrig geblieben war, über ein einziges -Haupt ausgegossen, und die Wirkung war -verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann -von neuem und richtete sich ausschließlich -gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl von -einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit -gehabt, ihr Gewissen über die Annahme der Wechsel -zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe -mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch -inne werden, welche Schreckensgestalt eine böse That<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> -annehmen kann, sobald die Möglichkeit ihrer Entdeckung -vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt -dadurch eine völlig neue Bedeutung und -Wichtigkeit.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag war die Predigt in der -Kirche ganz so wie immer. Dieselben alten Sachen -wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die -Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört, -ohne sich davon getroffen zu fühlen; es war oft -ordentlich schwer gewesen, nicht dabei einzuschlafen, -weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen vorkam. -Aber auf einmal war das ganz anders. Die -Predigt schien voller Anschuldigungen und ganz -besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere Sünde -vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst -zu Ende war, wich das Ehepaar so viel wie -möglich der sie beglückwünschenden Menge aus; von -unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten -sie in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs -sahen sie zufällig von ferne Herrn Burgeß, der -um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu erwidern. -Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie -das nicht wußten, fragten sie sich besorgt, was -es wohl bedeuten möchte. Sollte er erfahren haben, -daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -Tag bringen können? Vielleicht wartete er nur -eine günstige Gelegenheit ab, um die Rechnung -mit ihm ins reine zu bringen. – Daheim fingen -sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd -müsse sie im Nebenzimmer belauscht haben, als -Reichard seiner Frau erzählte, er wisse, daß Burgeß -unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu -erinnern, daß sie damals dort ein Rascheln gehört -hätten; kein Zweifel, Sara war die Verräterin. -Sie riefen die Magd ins Zimmer und -stellten ihr so unzusammenhängende, wunderliche -Fragen, daß Sara bald auf den Gedanken kam, -der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen -Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun -unter ihren forschenden, mißtrauischen Blicken errötend -ängstlich und befangen wurde, sah das Ehepaar -dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld -an. Sobald Sara das Zimmer verließ, redeten -sie weiter über diese Entdeckung und quälten sich -mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen. -Plötzlich stöhnte Reichard laut auf.</p> - -<p>»Was giebt es? – Fehlt dir etwas?«</p> - -<p>»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt -erst verstehe ich seinen beißenden Spott. Man kann -ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er weiß,<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> -daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm -sein Lob für bare Münze. Du weißt doch, Mary –«</p> - -<p>»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt -hat – den Zettel mit der erlogenen Aeußerung. -Ja, das ist entsetzlich.«</p> - -<p>»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu -richten. Einigen Leuten muß er ihn schon gezeigt -haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht -an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch -auch unsern Gruß erwidert, wenn er nichts Böses -gegen uns im Schilde führte.«</p> - -<p>In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen -und am Morgen verbreitete sich das Gerücht, -die alten Leute seien ernstlich erkrankt. Die -gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen -so unerwartet in den Schoß gefallen war, das -späte Aufbleiben und die vielen Gratulationsbesuche -seien schuld daran, meinte der Doktor. Die Hadleyburger -hörten es mit großer Betrübnis, denn -dies Ehepaar war ja das einzige, worauf sie noch -stolz sein konnten.</p> - -<p>Zwei Tage später lautete der Bericht noch -schlimmer: Reichard lag im Fieber und benahm -sich sehr sonderbar. Nach Aussage der Wärterinnen -hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf -die Riesensumme von achtunddreißigtausend Dollars -ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu einem -so ungeheuern Vermögen?</p> - -<p>Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere -Dinge zu erzählen. Sie hatten die Wechsel -in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht -beschädigt würden, aber als man danach suchte, -fand man sie unter dem Kissen des Kranken nicht -mehr; sie waren und blieben verschwunden.</p> - -<p>»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte -Reichard gefragt; »laßt mich in Ruhe!«</p> - -<p>»Wir möchten nur, daß die Wechsel –«</p> - -<p>»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind -vernichtet. Es war Satanswerk; ich habe das Brandmal -der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck war, -mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann -begann er schreckliche Reden zu führen über ganz -unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte -die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen.</p> - -<p>Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die -Fieberphantasien des Kranken ausgeplaudert haben, -denn bald darauf sprach man in der ganzen Stadt -davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte -so gut wie die andern Anspruch auf den Sack<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> -erhoben, was durch Burgeß zuerst verheimlicht und -dann aus Bosheit verraten worden sei.</p> - -<p>Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft -und meinte, es sei ungerecht, den Worten, -die ein kranker alter Mann im Fieberwahn geredet, -irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein -der Argwohn war nun einmal wach geworden und -jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.</p> - -<p>Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im -Fieber, und was sie sprach, war nur eine Wiederholung -von ihres Mannes Reden. Da zweifelte -niemand mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit -des einen unbescholtenen Bürgers, den Hadleyburg -noch unter seinen ersten Familien besessen hatte, -nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem -Stolz auf ihn war es ein für allemal vorbei.</p> - -<p>Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte -Ehepaar im Sterben. Kurz vor seinem Tode kam -Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und -ließ Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden, -das Zimmer zu verlassen, da der Kranke gewiß -wünsche, mit ihm allein zu reden.</p> - -<p>»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben. -Ihr alle sollt mein Bekenntnis hören, denn ich -will wie ein Mann sterben und nicht wie ein elender<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span> -Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig -– wie alle übrigen Hadleyburger, -und gleich meinen Mitbürgern bin ich der ersten -wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb -eine Lüge, um in den Besitz des erbärmlichen Sackes -zu gelangen. Pastor Burgeß erinnerte sich, daß -ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus -Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um -meine Ehre zu retten. Er wußte nicht, daß ich -die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn geschleudert -wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften -können. Aber ich war ein Feigling und gab ihn -der Schande preis –«</p> - -<p>»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben – –«</p> - -<p>»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis -verraten –«</p> - -<p>»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt –«</p> - -<p>– »und darauf that er etwas, das vollständig -natürlich und gerechtfertigt war. Seine Güte und -Nachsicht gegen mich reute ihn und er offenbarte -meine Schuld, wie ich es verdiente.«</p> - -<p>»Niemals – das schwöre ich –«</p> - -<p>»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.«</p> - -<p>Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -predigte tauben Ohren. Der Sterbende hauchte -seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren, -daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht -zugefügt hatte. In der folgenden Nacht starb auch -die alte Frau Reichard. So war denn der letzte -der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes -geworden, und die Stadt hatte ihren alten Ruhm -für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer darüber -trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief -und aufrichtig.</p> - -<p>Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg -von der Regierung die Erlaubnis, einen -andern Namen anzunehmen (einerlei welchen, ich -will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten -Motto seines Stadtsiegels <em class="gesperrt">ein</em> Wort fortzulassen.</p> - -<p>Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und -wer sie noch einmal überrumpeln wollte, der müßte -früh aufstehen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-110"> - <img src="images/illu-110.jpg" alt="Altes Motto: Führe uns nicht in Versuchung; Neues Motto: Führe uns in Versuchung" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Das_Gesundbeten">Das Gesundbeten.<br /> -<img src="images/illu-111.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p> - -<h3>I.</h3> - -<p>Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen -Kur in der Appetitsanstalt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> nach Wien zurückkehrte, -machte ich einen Abstecher in die Berge. Dabei fiel -ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und -brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch -dies und das. Zum guten Glück fanden mich einige -Landleute, die einen verlorenen Esel suchten, und -schafften mich in ihr Haus.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge -Bd. 5.</p> -</div> -</div> - -<p>Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde -entfernt; es wohnte dort ein Pferdedoktor, aber kein -Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade trostverheißend -für mich; denn ganz offenbar handelte -es sich bei mir um einen chirurgischen Fall. Doch -da fiel den guten Leuten ein, daß in jenem Dorf -eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte, -und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft -wäre und alles und jedes heilen könnte. Es<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> -wurde also nach ihr geschickt. Da inzwischen die -Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise -nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir -aber Bescheid sagen: Das mache weiter nichts, -die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort -›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen -Morgen ihren Besuch machen; unterdessen -möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und -nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. -Ich dachte, da müßte wohl irgend ein Mißverständnis -vorliegen und fragte:</p> - -<p>»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig -Fuß hohe Felswand heruntergefallen bin?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß -und einen Purzelbaum schlug?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und daß ich nochmals aufschlug und einen -zweiten Purzelbaum machte?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und -den dritten Purzelbaum machte?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span></p> - -<p>»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es -handele sich um die Steinblöcke. Warum haben Sie -ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu Schaden gekommen -bin?«</p> - -<p>»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, -was Sie mir aufgetragen hatten: daß Sie vom -Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine unzusammenhängende -Reihenfolge von komplizierten -Knochenbrüchen bildeten, und daß Sie infolge des -Hervorragens der verschiedenen Knochenteile aussähen -wie ein Kleiderriegel.«</p> - -<p>»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, -ich sollte nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter -los wäre?«</p> - -<p>»So sagte sie wörtlich.«</p> - -<p>»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der -Diagnose des Falls nicht die gebührende Aufmerksamkeit -gewidmet. Sah sie aus wie eine Person, -die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst -schon mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre -abstrakte Wissenschaft auf die Basis persönlicher Erfahrungen -gründet?«</p> - -<p>»Bitte?«</p> - -<p>Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich -nicht in des Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -über ihren Horizont. Ich ließ daher die Sache auf -sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu -rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine -Beine hineinzulegen, und einen Menschen, der dazu -befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib fluchen zu -helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.</p> - -<p>»Warum nicht?« fragte ich.</p> - -<p>»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«</p> - -<p>»Aber ich bin hungrig und durstig und habe -scheußliche Schmerzen!«</p> - -<p>»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber -Sie dürften darauf nicht achten. Ganz besonders -ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken, daß es -so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar -nicht gibt.«</p> - -<p>»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«</p> - -<p>»Sie sagte so.«</p> - -<p>»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz -eines normal funktionierenden Intellekts sei?«</p> - -<p>»Bitte?«</p> - -<p>»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man -sie angebunden?«</p> - -<p>»Angebunden?«</p> - -<p>»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind -ein gutes Mädel, aber Ihr geistiges Geschirr ist<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -nicht auf leichte und anregende Gespräche eingerichtet. -Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ -allein.«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>II.</h3> -</div> - -<p>Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht -– wenigstens hielt ich sie dafür, denn es waren -alle Symptome vorhanden –, doch schließlich nahm -auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen -Wissenschaft kam, und ich war froh darüber.</p> - -<p>Sie stand in mittleren Jahren, war breit, -knochig und hoch gewachsen, hatte ein strenges Gesicht, -eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade -und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der -dritten Potenz und hieß Fuller. Ich wünschte sehr -dringend, daß sie sofort ans Werk ginge, damit -ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit, -die mich beinahe zur Verzweiflung -brachte. Zunächst hatte sie Nadeln auszuziehen, -Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem -sie dies – immer hübsch eins nach dem anderen -– getan, nahm sie ihre Sachen ab, strich -mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die -Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab -und verwahrte sie, zog ein Buch aus ihrer Handtasche,<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -schob einen Stuhl neben mein Bett, ließ -sich – aber ohne jede Uebereilung – auf diesen -nieder, und ich – ließ meine Zunge heraushängen. -Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne jede Aufregung:</p> - -<p>»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir -haben’s mit der Seele zu tun und nicht mit deren -unbelebten Werkzeugen.«</p> - -<p>Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr -nicht anbieten, da das Handgelenk gebrochen war; -aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb entschuldigen -wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte, -und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung -an, daß der Puls ebenfalls zu den unbelebten -Werkzeugen gehörte, wofür sie keine Verwendung -hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, -wenn ich ihr sagte, wie mir zumute wäre, damit -sie danach meinen Fall beurteilen könnte; aber das -war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte -so etwas nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung -darüber, wie ich mich fühlte, war sogar eine ganz -falsche Ausdrucksweise.</p> - -<p>»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl -gibt’s überhaupt nicht; wenn Sie also etwas -nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen, so ist<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren -tut nur die Seele; die Seele aber kann -keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn sich nur vorstellen.«</p> - -<p>»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das -doch …«</p> - -<p>»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann -nicht als Wirklichkeit sich äußern. Schmerz ist unwirklich; -also <em class="gesperrt">kann</em> Schmerz nicht weh tun.«</p> - -<p>Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, -wie sie den eingebildeten Schmerz aus -dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei ritzte -sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt -sitzenden Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr -ruhig fort:</p> - -<p>»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie -sich fühlen, und sollten auch anderen nicht erlauben, -eine derartige Frage an Sie zu richten; Sie sollten -niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten -auch andere Leute nicht in Ihrer Gegenwart von -Krankheit oder Tod oder derartigen Nichtwirklichkeiten -sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt -nur die Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen -Einbildungen hinzugeben.«</p> - -<p>Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> -der Katze auf den Schwanz, und das Tier -schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben -eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen -versteht. Ich fragte mit möglichst unschuldigem -Gesicht:</p> - -<p>»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen -hat, von irgend welchem Wert?«</p> - -<p>»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen -kommen nur aus der Seele; die niederen Tiere, -die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind, -haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist -eine Meinung unmöglich.«</p> - -<p>»Das ist eigentümlich und interessant. Ich -möchte wohl wissen, was eigentlich mit der Katze -los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht gibt, -und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur -in der Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, -so hat allem Anscheine nach Gott in seinem -Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer -geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die -sich in dem Augenblick bemerkbar macht, wo das -Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser Gemütsbewegung -stimmen dann Katze und Christenmensch -gewissermaßen überein, indem …«</p> - -<p>Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span> -davon! Die Katze fühlt nichts, der Christenmensch -fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten Vorstellungen -sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht bekommen -könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, -wenn Sie anerkennen und offen zugeben, daß -Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht existieren.«</p> - -<p>»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen -Schmerzen,« antwortete ich, »aber mir könnte nicht -elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen -wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«</p> - -<p>»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; -denn sie existieren ja gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, -die durch die Materie weiter verbreitet -werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar -keine Materie.«</p> - -<p>»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber -doch außerordentlich unbestimmt; es schlüpft einem -durch die Finger, wenn man gerade eben denkt, -man halte es gepackt.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht -existiert, wie kann Materie was weiterverbreiten?«</p> - -<p>In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie -würde sogar wirklich gelächelt haben, wenn es so -was wie Lächeln überhaupt gäbe.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p> - -<p>»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren -der Christlichen Wissenschaft beweisen es, und -diese sind in den folgenden vier keines Beweises -bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:</p> - -<div class="hang"> - -<p>1. Gott ist alles in allem.</p> - -<p>2. Gott ist gut. Gott ist Seele.</p> - -<p>3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.</p> - -<p>4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich -Tod, Uebel, Sünde, Krankheit.</p> -</div> - -<p>»Da – da haben Sie’s!«</p> - -<p>Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien -mir mit der von mir aufgeworfenen Schwierigkeit, -nämlich wie nicht vorhandene Materie Wahnvorstellungen -weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste -zu tun zu haben. Ich sagte daher etwas -zögernd:</p> - -<p>»Be … beweist das wirklich etwas?«</p> - -<p>»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s -rückwärts gelesen wird!«</p> - -<p>Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.</p> - -<p>»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich -Gott allmächtiger Guter Leben Materie -ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott -Gut ist Gott alles in allem ist Gott. So – verstehen -Sie’s jetzt?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span></p> - -<p>»Es … es … hm, es ist klarer als vorher; -indessen …«</p> - -<p>»Na?«</p> - -<p>»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere -Arten versuchen?«</p> - -<p>»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: -die Bedeutung bleibt immer dieselbe. Sagen Sie die -Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es kann -niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es -nämlich vollkommen ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel -daraus: ganz einerlei – es kommt immer -dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. -Nur aus einem wunderbaren Geist konnten diese -Lehrsätze hervorgehen. Als eine geistige Kraftleistung -haben sie nicht ihresgleichen; sie sind gleichzeitig -einfach, faßbar und unergründlich tief.«</p> - -<p>»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«</p> - -<p>»Wie fühlen Sie sich?«</p> - -<p>»Ich meine – die Leitsätze sind ein wunderbares -Gewebe – eine Zusammenstellung, sozusagen, -von tiefem Gedanken – von unausdenkbaren -Gedanken – von …«</p> - -<p>»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder -vorwärts oder senkrecht oder in irgend einer Diagonale -– stets werden Sie finden, daß unsere vier<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«</p> - -<p>»Ah – Beweis! Nun kommen wir dazu! Die -Behauptungen stimmen; sie stimmen zu … zu … -na, jedenfalls <em class="gesperrt">stimmen</em> sie; das habe ich gemerkt. -Aber was beweisen sie denn nun eigentlich – ich -meine: im Besonderen?«</p> - -<p>»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres -geben! Sie beweisen:</p> - -<p>»1. Gott – Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, -Seele, Geist, Vernunft. Begreifen Sie das?«</p> - -<p>»Ich – hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, -weiter!«</p> - -<p>»2. Mensch – Gottes Weltidee, individuell, -vollkommen, ewig. Ist das klar?«</p> - -<p>»Es – ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«</p> - -<p>»3. Idee – eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare -Gegenstand des Erkennens. Da haben -Sie’s – das ganze erhabene Geheimnis Christlicher -Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine -schwache Stelle daran?«</p> - -<p>»Hm – nein; es sieht stark aus.«</p> - -<p>»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe -bilden die Wissenschaftliche Definition der unsterblichen -Seele. Dann haben wir zunächst noch die<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele. -Nämlich so: <em class="gesperrt">Erster Grad</em>: Entartung: 1. Physisch: -Leidenschaften und Begierden, Furcht, verkümmerter -Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß, -Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«</p> - -<p>»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, -wenn ich Sie recht verstehe!«</p> - -<p>»Ja, alle ohne Ausnahme! <em class="gesperrt">Zweiter Grad</em>: -Das Uebel auf dem Abzuge. 1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, -Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube, -Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«</p> - -<p>»Wie Kristall!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Dritter Grad</em>: Geistige Erlösung. 1. Geistig: -Glaube, Weisheit, Kraft, Reinheit, Erkenntnis, -Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie fein ausgeklügelt, -wie koordiniert, von einander abhängend, wie anthropomorph -das alles ist. In diesem dritten Stadium -– das wissen wir durch die Offenbarungen der -Christlichen Wissenschaft – verschwindet die menschliche, -nicht unsterbliche Seele.«</p> - -<p>»Nicht früher?«</p> - -<p>»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung -und die Vorbereitung auf die dritte Stufe vollendet -ist.«</p> - -<p>»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> -stande, sich die Christliche Wissenschaft in wirksamer -Weise und mit richtigem Verständnis für die Seelenverwandtschaft -zu eigen zu machen, wenn ich Sie -recht verstehe. Das heißt also: während der im -zweiten Stadium sich vollziehenden Vorgänge ließe -sich ein solcher Erfolg nicht erreichen, weil da noch -einige Reste von gemeiner Vernunft<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> vorhanden -sein würden; und deshalb – aber ich habe Sie -unterbrochen. Sie wollten des näheren auf die -guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen -Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar -werden. Es ist sehr interessant; fahren Sie, bitte, -fort!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes -Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹ nicht -in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B. das Wort -<em class="antiqua">mind</em> die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele, Absicht, Wille, -Geist, Verstand und noch viele andere. Der Uebersetzer hat es -für richtig gehalten, in der Wiedergabe auf den Gleichklang der -Worte zu verzichten und dafür, wo es nur irgend anging, die -spöttische Absicht des Humoristen erkennbar werden zu lassen.</p> -</div> -</div> - -<p>»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium -verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche -Seele. Unsere Wissenschaft stellt das, was den körperlichen, -menschlichen Sinnen für Augenschein gilt, -vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren -Herzen die Wahrheit des Bibelwortes: ›Die<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span> -Letzten sollen die Ersten sein, und die Ersten sollen -die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein -Begriff für uns allumfassend sein – worin ja eben -Göttlichkeit besteht und, ihrem Wesen nach, notwendigerweise -bestehen muß.«</p> - -<p>»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit -bekräftigen Ihre so sorgfältig gewählten Worte -den unumstößlichen Beweis von der machtvollen Wirkung -des dritten Grades! Der zweite Grad könnte -wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit -hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, -sie zu einer dauernden zu machen. Ein -Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums -gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung -an sich haben – ich meine, er könnte -trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit -ihm ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre – -und nur unter dem magischen Einfluß des dritten -Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es -ist daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die -Christliche Wissenschaft eine weitere, sehr bemerkenswerte -Eigenschaft verdankt: nämlich leichtes Gleiten -klingenden Wortschwalls und Rhythmus und -Schwung und Glätte! Dies muß doch wohl auf -einer ganz besonderen Ursache beruhen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>»Ja – Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, -Materialisation, Geist, Knochen, Wahrheit.«</p> - -<p>»Das erklärt die Sache!«</p> - -<p>»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, -was unerklärlich wäre; denn Gott ist Eins, Zeit -ist Eins, Individualität ist Eins; diese letztere aber -kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, -wie zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles -Pferd. Gott dagegen ist Eins – nicht -Eins in einer Serie, sondern Eins für sich allein -und ohne seinesgleichen.«</p> - -<p>»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in -einem den brennenden Wunsch, mehr zu erfahren. -Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die geistige -Beziehung zwischen systematischer <span id="corr128">Dualität</span> und -accidentieller Deflektion?«</p> - -<p>»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren -Beziehungen zwischen Seele und Körper völlig -um – sie macht den Körper der Seele tributpflichtig. -In gleicher Weise hat die Astronomie die -menschlichen Vorstellungen von der Bewegung des -Sonnensystems umgekehrt. Die Erde bewegt sich, -die Sonne dagegen steht still – obwohl der Mensch, -wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -denkt, es sei doch unmöglich, daß die Sonne sich -nicht bewege. So ist auch der Leib nur der niedrige -Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten -Sinnen anders erscheint. Aber dies werden -wir niemals begreifen, so lange wir glauben, -daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die -Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der -Mensch Ereignis werde. Seele ist Gott, unveränderlich -und ewig; und der Mensch existiert neben der -Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn -das Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und -das Allzusammen umfaßt das All-Eins, Seelengeist, -Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber – -Eins von einer Serie, allein und ohnegleichen.«</p> - -<p>Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei -der Christlichen Wissenschaft die Worte hervorschießen. -Besonders im dritten Stadium; da prasselt’s, -daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen -Gedanken behielt ich für mich.</p> - -<p>»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? -Ist sie ein Geschenk Gottes, oder kam sie -nur zufällig zum Vorschein?«</p> - -<p>»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. -Das will sagen: ihre wirkungsvollen Eigenschaften -stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese Eigenschaften<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben -– dieser Ruhm gebührt einer Amerikanerin.«</p> - -<p>»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«</p> - -<p>»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige -Jahr, in welchem Schmerz und Krankheit -und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde verschwanden. -Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, -die man mit diesen Ausdrücken bezeichnet. -Die Dinge selber hatten überhaupt niemals -existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß -es solche Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen -schnell los zu werden. Die Geschichte und -Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch -hier niedergelegt und …«</p> - -<p>»Schrieb die Dame das Buch?«</p> - -<p>»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, -eigenhändig. Der Titel lautet:</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Wissenschaft und Gesundheit<br /> -mit Schlüssel zur Heiligen Schrift</em> -</p> - -<p class="noind">– denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch -begriffen hat. Nicht mal die zwölf Apostel. Sie -beginnt folgendermaßen – ich will’s Ihnen vorlesen.«</p> - -<p>Aber sie hatte ihre Brille vergessen.</p> - -<p>»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -die Worte im Gedächtnis – wie überhaupt alle -in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten das Buch -auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis -unbedingt notwendig. Sonst könnten wir Versehen -machen und Schaden anrichten. Sie beginnt also: -›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der -metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche -Wissenschaft.‹</p> - -<p>»Und sie sagt weiter – meiner Meinung nach -sind das herrliche Worte: ›Durch die Christliche -Wissenschaft ist der Religion und der Medizin eine -göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; -Glaube und Erkenntnis erhalten neue Schwingen, -vereinigen sich verständnisvoll mit Gott.‹ Das sind -ihre eigenen Worte.«</p> - -<p>»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist -schön – Medizin mit Religion zu vermählen statt -nach der alten Mode mit dem Totengräber. Denn -Religion und Medizin gehören so recht eigentlich -zusammen, sie bilden ja die Grundlage aller geistigen -und körperlichen Gesundheit … Was für Medizin -geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie -zum Beispiel …«</p> - -<p>»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen -Umständen Medizin. Wir …«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span></p> - -<p>»Aber, meine Gnädige, es lautet doch …«</p> - -<p>»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich -wünsche nicht darüber zu sprechen.«</p> - -<p>»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten -bin; aber es schien doch in dem Angeführten -eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und …«</p> - -<p>»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen -Wissenschaft. Das ist ganz ausgeschlossen, denn -unsere Wissenschaft ist absolut. Anders kann es auch -gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von dem -Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, -Glaube, Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen. -Unsere Wissenschaft ist Mathematik, die von -materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt ist.«</p> - -<p>»Das sehe ich wohl, aber …«</p> - -<p>»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage -eines apodiktischen Prinzips.«</p> - -<p>Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, -und ich kam dadurch ein bißchen in Verwirrung; -doch bevor ich mich nach der Bedeutung erkundigen -konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über -die Dunkelheit, indem sie fortfuhr:</p> - -<p>»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute -Prinzip unserer Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, -die unumschränkte Omnipotenz, die uns Menschenkinder<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span> -von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit -und überhaupt von jedem Uebel, das des -Fleisches Erbteil ist.«</p> - -<p>»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von -jedem Kräfteverfall?«</p> - -<p>»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s -nicht; Kräfteverfall existiert nicht; dieser Begriff -ist eine Unwirklichkeit.«</p> - -<p>»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich -haben, können Sie mit Ihrer geschwächten Sehkraft -nicht …«</p> - -<p>»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; -keine einzige unserer Fähigkeiten kann schwächer -werden; die Seele ist Meister, und die Seele kennt -keinen Rückschritt!«</p> - -<p>Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des -dritten Stadiums; es konnte daher keinen Zweck -haben, die Unterhaltung in dieser Richtung fortzusetzen. -Ich verließ also dieses Gebiet und wandte -mich mit meinen Fragen wieder der Entdeckerin -der Christlichen Wissenschaft zu:</p> - -<p>»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, -oder war sie das Ergebnis einer langen sorgfältigen -Berechnung, wie Amerika?«</p> - -<p>»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -sie ziehen nichtige Dinge heran, aber darüber wollen -wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit der Entdeckerin -eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich -gnädiglich viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung -des absoluten Prinzips Wissenschaftlicher -Geistesheilkunst zu empfangen.‹«</p> - -<p>»Viele Jahre lang. Wie viele?«</p> - -<p>»Achtzehnhundert.«</p> - -<p>»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, -Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen – -das ist erstaunlich!«</p> - -<p>»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. -Aber es ist nichts als die reine Wahrheit. Diese -amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige -Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet -und angekündigt im zwölften Kapitel der Offenbarung -Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar -nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er -ihren Namen genannt hätte.«</p> - -<p>»Wie seltsam, wie wunderbar!«</p> - -<p>»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen -Schrift‹ ihre eigenen Worte anführen: ›Das zwölfte -Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz besondere -Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ -Beachten Sie ja diese wichtigen Worte!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p> - -<p>»Ja … aber … was bedeuten sie?«</p> - -<p>»Hören Sie zu – und Sie werden den Sinn -verstehen! Ich zitiere abermals die ihr von Gott -eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des sechsten -Siegels‹ – ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, -das seit Adams Tagen verflossen – findet sich -eine ganz eigentümliche Einzelheit, die in besonderem -Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu beziehen -ist. Nämlich:</p> - -<p>»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß -Zeichen am Himmel, ein Weib mit der Sonne bekleidet, -und der Mond unter ihren Füßen, und auf -ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹</p> - -<p>»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin -der Christlichen Wissenschaft – nichts kann einfacher -und gewissenhafter sein! Und bemerken Sie ferner:</p> - -<p>»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in -die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott.‹ -– Das ist Boston.«</p> - -<p>»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene -Dinge, die einen tiefen Eindruck machen. -Ich habe diese Bibelstellen früher niemals richtig -verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den … mit -den … Beweisen.«</p> - -<p>»Sehr gern. Hören Sie:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p> - -<p>»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen -starken Engel vom Himmel herab kommen, -der war mit einer Wolke bekleidet, und ein Regenbogen -auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die -Sonne, und seine Füße wie die Feuerpfeiler.</p> - -<p>»›Und er hatte in seiner Hand <em class="gesperrt">ein Büchlein</em> -aufgetan …‹</p> - -<p>»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein –, -können Worte sich bescheidener ausdrücken? Und doch -von welch überwältigender Bedeutung ist diese Stelle! -Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ -es hier in meiner Hand – die ›Christliche Wissenschaft.‹«</p> - -<p>»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, -Nieren, Eins von ’ner Serie, allein und ohnegleichen -– es ist ein Wunder, das alle menschliche Einbildungskraft -übersteigt!«</p> - -<p>»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: -›Dann wird eine Stimme aus der Himmelsharmonie -rufen: – Gehe hin und nimm das Büchlein; nimm’s -und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, -in deinem Munde aber wird es sein wie Honig. – -Sterblicher, gehorche der himmlischen Botschaft. -Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies -es von Anfang bis zum Ende. Studiere es mit<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -heißem Bemühen! Ja, der erste Geschmack wird dir -süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; -aber murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die -Verdauung bitter findest!‹ Sie kennen jetzt, mein -Herr, diese Geschichte unserer geliebten und geheimen -Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung, -sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt -ist. Ich will Ihnen das Buch hier lassen und will -jetzt gehen, aber machen Sie sich darum keine Sorgen -– ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen -die Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und -der Fernbehandlung begannen meine Knochen sich -allmählich wieder nach innen zu ziehen und von -der Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache -erst mal ordentlich in Schuß gekommen war, ging -es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und streckte -sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der -anderen Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß -erforderte, und alle paar Minuten hörte -ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, -daß wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich -glücklich zusammengefunden hatten. Dieses gedämpfte<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -Knaxen und Reiben und Schieben dauerte -ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; -dann hörte es auf – alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. -Das heißt: die Verrenkungen blieben -noch; indessen diese waren nur sieben an der -Zahl, nämlich in je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken -und außerdem noch im Genick. Diese kleinen -Schäden waren also bald behoben; eins nach dem -anderen glitten die Glieder in ihre richtige Lage -hinein; das gab jedesmal einen Ton, wie wenn -in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann -sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder -so gut wie neu, und ich ließ den Pferdedoktor -holen.</p> - -<p>Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken -und schweres Kopfweh hatte; ich wollte aber diese -Sachen nicht länger in den Händen einer mir unbekannten -Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten -in Bezug auf die Behandlung gewöhnlicher -Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren hatte. Und -das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz -und das Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig -mit den Knochenbrüchen in ihre Behandlung genommen, -und es hatte sich nicht ein bißchen damit -gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -heftiger, wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar -nichts gegessen und getrunken hatte.</p> - -<p>Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der -seinen Beruf ernst nahm und ein hoffnungsvolles -Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch sehr -aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit -Pferden an, und ich versuchte daher, ihn zu einer -Fernbehandlung zu bereden; indessen darauf war er -nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl -nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne -und befühlte meine Knieflechsen und sagte, mein -Alter und Allgemeinbefinden wären einer tatkräftigen -Behandlung günstig; er wollte mir daher -etwas eingeben, um aus dem Magendrücken eine -Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht zu machen; -dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und -wüßte, was er zu tun hätte. Er machte einen -Eimer voll Kleienmengfutter zurecht und sagte, -davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle -voll und abwechselnd damit ein gleiches -Quantum von einer Pferdemedizin einnehmen, als -deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere -erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen -würden mir binnen vierundzwanzig Stunden -jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> -mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß -ich darüber die augenblicklich vorhandenen Leiden -vergessen würde. Die erste Dosis verabreichte er -mir selber und empfahl sich dann, indem er noch -sagte, ich könnte essen und trinken, was ich möchte, -und so viel ich möchte. Aber ich war nicht im -geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts -aus dem Essen.</p> - -<p>Ich nahm das Büchlein von der Christlichen -Wissenschaft und las die erste Hälfte davon, dann -nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die andere -Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren -recht interessant und voll Abwechselung. Während -es infolge der Verwandlung des Leibwehs zur Kolik -und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem Inneren -knurrte und rummelte, konnte ich den edlen -Streit beobachten, den das Mengfutter und der -Terpentintrank und die Literatur um die Oberherrschaft -führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, -und es war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der -Erfolg hätte sich mit Aufgebot geringerer Mittel -erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das Kleiengemengsel -nötig war, um aus dem Magendrücken -eine richtige Kolik zu machen, aber zur Erzeugung der -Drehsucht hätte wohl die Literatur allein genügt.<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu -stande gebrachte Drehsucht von besserer Qualität -und dauerhafter wäre, als ein Pferdedoktor sie jemals -mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen -könnte.</p> - -<p>Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen -und jeder Erläuterung spottenden Büchern, -die die menschliche Phantasie gezeitigt hat, ist dieses -Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer -grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit -einer stürmischen, ernsthaften Leidenschaft, die oft den -Eindruck von Beredsamkeit macht, selbst wenn die -Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand -haben. Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie -verständen dieses Buch – das weiß ich sehr wohl, -denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen; aber -das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich -einbildeten, Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es -nicht, und Wirklichkeiten wären überhaupt nicht auf -der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert -ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese -Herrschaften von der Christlichen Wissenschaft reden, -so machen sie’s wie Frau Fuller, sie sprechen nicht -ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie -sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -hervor, und überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, -daß sie keine eigenen Gedanken äußerten, -sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band -auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s -eine Bibel – eine zweite Bibel, sollte ich vielleicht -sagen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Keinem Menschen – mir jedenfalls nicht! – -ist es zweifelhaft, daß der Geist einen mächtigen Einfluß -auf den Körper ausübt. So lange die Welt steht, -haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, -der Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, -der wissenschaftlich gebildete Arzt, der Mesmerist -und der Hypnotist sich des Klienten <em class="gesperrt">Einbildung</em> -zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung -und Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. -Aerzte heilen manchen Patienten mit einer Pille von -Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die Krankheit -nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen -zum Doktor die Brotpille wirksam macht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Glaube an den Arzt.</em> Vielleicht ist das das -Ganze. Wenigstens sieht es so aus. In alten Zeiten -heilte der König den Kropf<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> durch die Berührung<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span> -mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz -erstaunliche Kuren. Hätte sein Lakai das fertig -bringen können? Nein – nicht in seinen eigenen -Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König verkleidet -gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran -nicht zweifeln. Ich glaube, wir können als sicher -annehmen, daß in allen diesen Fällen nicht des -Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern -des Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen -Handauflegens. Sehr bemerkenswerte unanzweifelbare -Heilungen sind durch Berühren mit den -Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich -irgend ein anderer Knochen denselben -Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken die Unterschiebung -unbekannt geblieben wäre? In meiner -Knabenzeit stand eine Bauernfrau, die nicht weit -von unserem Dorfe wohnte, in großem Ruf als -›Glaubensdoktorin‹ – so nannte sie sich selber. Aus -der ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte -ihre Hand auf sie und sprach: »Glaubet – weiter ist -nichts nötig!« Und die Leute gingen von dannen -und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös -und machte keinen Anspruch darauf, über geheime -Kräfte zu verfügen. Sie sagte, nur des Patienten -Glaube an sie bringe die Wirkung hervor.<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -Mehrmals sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen -auf der Stelle kurierte. Die Leidende war meine -eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich aus -fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten -Viertel des 19. Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene -Sekten aufgetaucht, die sich mit der Behandlung -von Krankheiten befassen. Sie haben mit -ihrem arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge -aufzuweisen. Ich nenne hier nur die Glaubenskur, -die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft. -Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe -desselben alten erprobten Werkzeuges: der Einbildung -ihrer Kranken. Ihre Namen sind verschieden, -aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen -sie dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr -Vorgehen ein nur ihr allein eigentümliches sei.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Der Kropf heißt englisch <em class="antiqua">the kings evil</em>.</p> -</div> -</div> - -<p>Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen -– darüber kann kein Zweifel obwalten. Und die -Glaubenskur und die Gebetskur richten wahrscheinlich -keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes -leisten sollten. Denn sie verbieten dem Patienten -nicht, der Kur mit ärztlicher Behandlung zu Hilfe -zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet. -Die anderen aber wollen von Medizinen -nichts wissen und behaupten, jede erdenkliche menschliche<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span> -Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer -geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, -sie könnten Krebs beseitigen, auch andere Leiden, die -sich, seitdem Menschen auf der Erde sind, als unheilbar -erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht -ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl -etwas zu viel. Das Publikum würde wahrscheinlich -mehr Vertrauen haben, wenn weniger versprochen -würde.</p> - -<p>Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht -Gottes Gleichen seien; nur die Christliche Wissenschaft -erhebt öffentlich den Anspruch, Gleiches zu -leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten -Bibel der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften -sich sogar für mehr. In der gewöhnlichen -Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als -Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen -Wissenschaft wissen’s besser. Wissen’s besser und -sagen’s ohne Zaudern frei heraus.</p> - -<p>Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken -und mein Kopfweh zu kurieren; aber der -Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der Ueberzeugung, -daß die Christliche Wissenschaft zu viel -verspricht. Meiner Meinung nach sollte sie sich mit -inneren Krankheiten nicht abgeben, sondern sich auf<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem -das Seine.</p> - -<p>Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer -ab, ich gab ihm das Doppelte. Frau Fuller schickte -mir eine spezifierte Rechnung über die Heilung von -234 Knochenbrüchen – für jeden Bruch einen -Dollar!</p> - -<p>»Nichts existiert als die Seele?«</p> - -<p>»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, -alles andere ist imaginär.«</p> - -<p>Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt -hat sie mich auf substantielle Dollars verklagt. Das -scheint inkonsequent zu sein.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>IV.</h3> -</div> - -<p>Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir -alle teilweise geisteskrank sind. Dadurch werden wir -uns gegenseitig besser verstehen, manches Rätsel wird -sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren -und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach -herausstellen.</p> - -<p>Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt -befinden oder nicht in eine solche hineingehören, -sind ohne Zweifel in einer oder zwei Einzelheiten -verrückt – ich glaube, dies müssen wir alle zugeben;<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> -aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem -übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von -einem Ding die gleiche Meinung haben, so steht -es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß, soweit -dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand -vollkommen gesund ist. Nun gibt es ja etliches, -worüber wir alle einer Meinung sind; wir nehmen -die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns -nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, -die wir nicht in einer Anstalt sind, folgende Sätze -gelten: Wasser bemüht sich stets, eine wagerechte -Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und -Wärme. Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel -ist feucht. Sechs mal sechs ist sechsunddreißig. Zwei -von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.</p> - -<p>Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber -wir einig sind. Aber wenn es auch so wenig sind, -so sind sie doch von unschätzbarem Wert, denn sie -bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. -Wer diese Sätze anerkennt, der ist für -uns hinreichend zurechnungsfähig, er ist in allem -Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen -einzigen von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen -wir, daß er völlig geisteskrank ist – reif fürs -Irrenhaus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span></p> - -<p>Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen -Sätzen bestreitet, erkennen wir das Recht zu, frei -umhergehen zu dürfen – aber mehr können wir -ihm auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß -in allen Dingen, wo es sich um eine bloße Meinung -handelt, der Mann geisteskrank ist – gerade so -geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank -wie Shakespeare war, wie’s der Papst ist. Und -wir können genau, sozusagen mit dem Finger, die -Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank -ist er in allem, worin seine Meinung von der -unsrigen abweicht.</p> - -<p>Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht -behalten läßt. Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier -Presbyterianer, den Koran prüfe, so -weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner -geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier -Mohammedaner den Westminsterschen Katechismus -prüft, so weiß er, daß ohne jede Frage Mark -Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, -daß er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen -kann man überhaupt niemals etwas beweisen, – -das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit und beweist -auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. -Er kann auch mir nicht beweisen, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -geisteskrank bin, denn mein Verstand leidet an denselben -Mängeln wie der seinige. In Amerika sind -alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen -merkt es; nur die Republikaner und die Mugwumps -wissen’s. Alle Republikaner sind verrückt, aber nur -die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es -zu bemerken. Die Regel trifft immer zu: <em class="gesperrt">in allen -Ansichtssachen sind unsere Gegner verrückt</em>. -Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich -oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke -sehen zu müssen!</p> - -<p>Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, -duldsam gegen die Verrücktheiten unseres Nächsten -zu sein. Ich sehe, daß in seinem besonderen Glauben -der Anhänger der Christlichen Wissenschaft geisteskrank -ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; -trotzdem aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, -weil ich ebenso verrückt bin, wie er – verrückt -von <em class="gesperrt">seinem</em> Standpunkt aus, und sein Standpunkt -hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige -und ist ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. -In Fragen der Religion oder Politik ist die Meinung -des blödesten Schwachkopfes soviel wert wie die des -erleuchtetsten Geistes – einen roten Heller. Warum? -Sehr einfach: Die positive Meinung eines<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -Schwachkopfes wird aufgehoben durch die negative -Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines Nachbarn -– es kommt also zu keinem Ergebnis. Die -positive Meinung des Geistesriesen Gladstone wird -aufgehoben durch die negative Meinung des Geistesriesen -Kardinal Newman – es kommt also ebenfalls -zu keinem Ergebnis. Meinungen, die nichts -beweisen, sind natürlich wertlos. Wir müssen daher -die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, -daß in Streitfragen über Politik und Religion die -Meinung eines Menschen nicht mehr wert ist als die -seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines Menschen -Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert -besitzt. Der Gedanke ist demütigend, aber man kommt -nicht darum herum: es ist eine ganz einfache Tatsache -– so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15.</p> - -<p>Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich -wohl, ohne jemanden damit zu beleidigen, wiederholen, -daß die Anhänger der Christlichen Wissenschaft -verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit -liegen; ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch -viel weniger vor, daß sie verrückter seien als die -anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre Verrücktheit -ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p> - -<p>Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie -in einer sehr wichtigen und sehr wertvollen Einzelheit -vernünftiger sind als die große Mehrzahl ihrer -Mitmenschen.</p> - -<p>Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: -weil ihre Meinungen nicht die unsrigen sind. Einen -anderen Grund kenne ich nicht – und ich brauche -auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter -als deine oder meine, weil sie so grotesk -ist. Da ist zum Beispiel das ›Büchlein‹, wovon -ich vorhin sprach. – Dieses ›Büchlein‹, das vor -achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der -Offenbarung hoch oben am Himmel zeigte, und das -jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker G. Eddy -aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort -für Wort – mit etlicher Nachhilfe – ins Englische -übertragen wurde. Sie hat’s veröffentlicht und in -Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat an -jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! -Dieser Profit gehört offenbar eigentlich dem -apokalyptischen Engel – mag er nur versuchen, -ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den -Anhängern der Christlichen Wissenschaft sehr häufig -einfach als ›das Büchlein‹ bezeichnet – die Gänsefüßchen -dürfen ja nicht vergessen werden – um sich<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen. -Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude -ganz neu wieder auf und malt und schmückt -es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit -Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten -der Neuzeit‹. Das Büchlein zieht jetzt anscheinend -an einer Deichsel und Seite an Seite mit -der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s -mit ihr Tandem fahren, und zwar wird dann das -Büchlein <em class="gesperrt">vorn</em> ziehen.</p> - -<p>Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine -zu ferne Zukunft. Vielleicht stimmt es besser, wenn -ich statt fünfzig Jahre deren fünf annehme, denn -eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends -von einigen Beobachtungen, die sie in der Bostoner -Moschee der Christlichen Wissenschaft gemacht habe, -und wonach es allerdings den Anschein hat, als -ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin -in Aussicht gestellte Schauspiel zu warten brauchen. -An der einen Wand bemerkte sie eine Anzahl Sprüche -aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet -mit des Heilands Initialen: <em class="antiqua">J. C.</em> An der gegenüberstehenden -Wand waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. -Diese waren ebenfalls unterzeichnet – wohl -ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -man mich. O nein – mit dem voll ausgeschriebenen -Namen Mary Baker G. Eddy. Vielleicht hat -der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher -Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit -einem Bekenner der Christlichen Wissenschaft, aber -er nahm meine Bemerkung gar nicht leichthin auf, -sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen -Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die -Rede, denn der Engel hätte das Buch nicht verfaßt, -sondern es nur auf die Erde gebracht – »Gott verfaßte -es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß -es trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden -Sprüche müßten mit des Verfassers Initialen unterzeichnet -sein, und wenn statt dessen der voll ausgeschriebene -Namenszug der Uebersetzerin darunter -stände, so hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen -Dingen treiben‹. Das hätte ich erwidern können – -aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der Christlichen -Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger -Mann, und ich wußte, daß er mir einen imaginären -Faustschlag versetzen könnte, an dessen imaginären -Schmerzen ich eine volle Woche genug haben -würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee -seien zwei Kanzeln; auf der einen stehe ein -Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und -aus diesen Büchern werde von dem Mann und von -der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.</p> - -<p>Ist das grotesk?</p> - -<p>Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer -Seitenkapelle der Moschee sei ein Porträt oder ein -Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor -eine ewige Lampe.</p> - -<p>Ist das grotesk?</p> - -<p>Wie lange wird es wohl dauern, bis die von -der Christlichen Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend -knieen werden? Wie lange wird es wohl -dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein -Heiland wie Christus und Christi Gleichen sei? -Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger ehrfurchtsvoll -von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s -dauern bis sie sie auf die Stufen des Thrones -stellen – neben die Jungfrau, und bald eine Stufe -höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und -die Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt -gewechselt und es heißt: die Mutter Maria und -die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy -wird Maria – was kann es einfacheres geben?</p> - -<p>Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel -bereit halten: die neue Renaissance ist im Anzug,<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -und mit Altarbildern wird viel Geld zu verdienen -sein – tausendmal so viel als die Päpste und ihre -Kirche je den klassischen Meistern zufließen ließen –, -denn deren Reichtümer waren armselig im Vergleich -mit den Schätzen, die so ganz allmählich in -die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. -Darüber wollen wir uns keinen Täuschungen -hingeben.</p> - -<p>Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist -noch keine fünf Jahre alt; und doch hat sie -in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million -Mitglieder …</p> - -<p>Nun, das ist ein Anfang – und zwar ein phänomenaler! -Dabei schwillt in der letzten Zeit die -Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere -Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch -auf Dauer, als irgend ein anderer ›Ismus‹ – denn -sie hat ›<em class="gesperrt">mehr zu bieten</em>‹. Die Geschichte lehrt -uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg -haben soll, keine bloße philosophische, sondern -daß sie eine religiöse sein muß; daß sie ferner keinen -Anspruch auf vollkommene Originalität machen, sondern -sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung -einer <em class="gesperrt">bereits vorhandenen</em> Religion gelten -zu wollen; nachher, wenn sie stark und blühend ist,<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> -kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der Mohammedanismus.</p> - -<p>Ferner muß Geld da sein – und zwar viel Geld.</p> - -<p>Ferner muß Macht und Autorität und Kapital -ausschließlich in den Händen einer kleinen und unverantwortlichen -Klique vereinigt sein, und kein -Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln -oder unbequeme Fragen stellen.</p> - -<p>Endlich muß die Angel – wie bereits vorher erwähnt -– mit einem neuen und leckeren Köder versehen -sein, wie ihn andere Religionen nicht bieten können.</p> - -<p>Verfügt eine neue Bewegung über eins oder -mehrere von diesen Erfordernissen – wie zum Beispiel -der Spiritismus – so kann sie auf einen bedeutenden -Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen Vorbedingungen -– wie zum Beispiel der Mohammedanismus -– so ist sie sicher, ihren Eroberungszug -über weite Länder ausdehnen zu können. Der Mormonismus -verfügte über alle Erfordernisse außer -einem: sein Köder bot nichts Neues und nichts -Wertvolles; außerdem wandte er sich nur an die -Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte -die sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität -in den Händen einer unverantwortlichen Klique.</p> - -<p>Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -ist etwas Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, -Gewaltiges; aber es ist noch nicht die Vollkommenheit. -Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr -wert ist als andere zusammengenommen: <em class="gesperrt">eine -neue Persönlichkeit zum Anbeten</em>. Das -Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und -noch auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und -konzentrierte Macht. In Frau Eddy besitzt die -Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit zum -Anbeten; außerdem aber hat sie – schon jetzt in -den ersten Anfängen – einen tadellos wirkenden -Apparat zur Ausbreitung ihrer Lehre. Die mohammedanische -Religion hatte anfangs kein Geld; und -sie hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten -gehabt als den Himmel – hienieden gewährt sie -nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft verheißt -ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem -aber bietet sie – gegen Barzahlung – hier -auf Erden <em class="gesperrt">Gesundheit und fröhliches Gemüt</em>, -und im Vergleich mit diesem Köder sind alle -anderen Köder unserer Erdenwelt armselig und -jämmerlich.</p> - -<p>Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete -und der Unwissende, der Kluge und der -Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -und der Narr, der Krieger und der Bürger, der -Held und der Feigling, der Faulenzer und der -Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie -und der Knecht, der Erwachsene und das Kind, -der Kranke und der Gesunde, der kranke Freunde -hat – sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: -ihre Gefolgschaft ist die Menschheit.</p> - -<p>Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?</p> - -<p>Ich fürchte, ja!</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>V.</h3> -</div> - -<p>Man vergesse ja nicht – das große Hauptversprechen -der Christlichen Wissenschaft lautet: Befreiung -des Menschengeschlechts von Schmerz und -Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: -ja! Wie viele von den Schmerzen und Krankheiten, -die es auf der Welt gibt, werden durch die Einbildung -der Leidenden hervorgerufen und bestehen -durch dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich -glaube, viel wird nicht daran fehlen. Kann die -Christliche Wissenschaft diese vier Fünftel verschwinden -machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine -andere (organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. -Würde unsere Welt nicht eine ganz neue Welt -und eine viel fröhlichere sein – nicht nur für uns<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden -Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, -als hätte die Sonne niemals so hell geschienen? -Ich glaube, ja!</p> - -<p>Dabei würden aber wohl die Doktoren der -Christlichen Wissenschaft eine tüchtige Menge Patienten -ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr -Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten -Methoden dran glauben müssen? Dieser -Frage werde ich mich sogleich zuwenden.</p> - -<p>Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen -Leistungen der Christlichen Wissenschaft beschäftigen, -die in ihrer Zeitschrift ›<em class="antiqua">The Christian Science Journal</em>‹ -vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst -gibt uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue -Schilderung ›eines rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ -– und er hätte hinzufügen können, es sei -eine getreue Schilderung eines (zivilisierten) Durchschnittsmenschen.</p> - -<p>»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher -Mann; er hat Angst vor sich selber und seinen -sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung -und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine -Schlange treten oder irgend was Giftiges hinunterschlucken.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p> - -<p>Dann kommt das Gegenstück dazu:</p> - -<p>»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft -hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten. -Er steht da als Sieger über Furcht und -Sorge – und das kann man von dem Durchschnittschristen -nicht sagen!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Er hat alle Angst und Aufregung -unter die Füße getreten.</em> Welchen Teil unseres -Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl -mit Freuden hergeben, wenn wir <em class="gesperrt">jahraus, jahrein</em> -in solcher Gemütsverfassung lebten? Es wäre -in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann -sie sich ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? -In welchem Laden oder in welcher Kirche? Nur -bei der Christlichen Wissenschaft.</p> - -<p>Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst -vor Erkältung und Fieber und Zugluft und schwer -verdaulichen Speisen, die uns den Magen verderben -könnten – gerade diese Angst, sage ich, ist es, die -uns den Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken -und die meisten anderen Krankheiten in den -Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft -diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie -kann damit vier Fünftel aller Krankheiten und -Schmerzen aus der Welt bringen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p> - -<p>In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift -treten viele ›Erlöste‹ als Zeugen auf und bedanken -sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin, -sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle -erscheinen wie trunken von der neu erlangten Gesundheit, -von der Ueberraschung und Verwunderung, -wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein, -der das Wunderbare umgibt, und der ihnen -um so heller erscheint, nachdem sie eine so lange, -trostlose Zeit hindurch nichts anderes getan haben, -als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und -sich mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge -erklärt, als ›diese wunderschöne Wahrheit ihm zuerst -dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle Krankheiten -gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er -nicht gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was -war die natürliche Folge gewesen? Natürlich wäre -er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker gewesen -und eine Abladestelle für alle Geheimmittel -der ganzen Welt.‹ Die Christliche Wissenschaft kam -ihm zu Hilfe, und alle die alten Krankheitszustände -verschwanden. Und so war er jetzt gesund und fröhlich -und – erstaunt.</p> - -<p>Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz -genau, wie’s dabei hergegangen ist. Ich vermute,<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span> -daß seine ganze Methode darin bestand, fortwährend -zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund -und wohl! Wohl und gesund! Vollkommen gesund, -vollkommen wohl! Ich habe keine Schmerzen; -Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine -Krankheit; Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. -Nichts ist wirklich als die Seele; alles ist Geist, -All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen -u. s. w. u. s. w.«</p> - -<p>Ich will nicht behaupten, daß dies genau die -Formel war, die der Mann brauchte; aber zweifelsohne -war es der Geist seiner Worte. Der Mann -selber legte jedenfalls Wert auf die <em class="gesperrt">genaue</em> Formel -und auf die religiöse Bedeutung, die er mit -ihrer Anwendung verband. Ich glaube, <em class="gesperrt">jede</em> beliebige -Formel hätte den meisten, wenn auch nicht -allen, die gleichen Dienste getan. Für einen religiösen -Mann aber war gewiß die Hinzufügung des -religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame -Verstärkung ihrer Heilkraft.</p> - -<p>Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse -aus dem Sezessionskriege. Als die Christliche Wissenschaft -ihn auffand, hatte er folgende Gebresten auf -Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; -Katarrh; kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken,<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -Ellbogengelenken, Handgelenken; Muskelschwund -in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser -Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche -Schmerzen.</p> - -<p>Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung -aus. Sie stammten von den Kriegsstrapazen. Die -Aerzte taten alles, was sie konnten – aber das -war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten – -›aber davon verspürte ich niemals auch nur die geringste -Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger Marter -wandte er sich an einen Doktor der Christlichen -Wissenschaft, ließ sich eine Stunde lang behandeln -<em class="gesperrt">und ging ohne Schmerzen heim</em>. Zwei -Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ -Dann ›verschwanden die Gebresten – einige sofort, -andere nach und nach‹; schließlich ›sind sie beinahe -gänzlich fort‹. Und jetzt – das ist nämlich das -Allerwertvollste dabei – ist er ›zufrieden und glücklich‹. -Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, -die besondere Spezialität der Christlichen Wissenschaft. -Die Methodistische Kirche hatte sich einunddreißig -Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück -und diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht -verschaffen können.</p> - -<p>Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span> -Zeugen beschreiben ihre Leiden, erklären, daß sie -sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys Entdeckung -Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten -verschwinden im Handumdrehen: Nervenschwäche -wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt, Veitstanz – -ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen -Blättern eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. -Da haben wir zum Beispiel ›Demonstrationen -über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies -soll, wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für -›Demonstrationen der Macht, welche die Wahrheit -der Christlichen Wissenschaft über jene Phantasiegebilde -ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen« -maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut -wie Erwachsene an den Segnungen der Wissenschaft -teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen -sie gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal -werden sie von ihren kleinen Leiden durch berufsmäßige -Vertreter dieser christlichen Heilkunst befreit; -ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel -auf und kurieren sich selber.</p> - -<p>Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, -neunjähriges Mädchen – das man seiner Ausdrucksweise -nach für eine Erwachsene halten möchte -– gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte,<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -ich wollte Ihnen eine Demonstration schreiben‹. Sie -war von einem Pony abgeworfen, über dessen Kopf -geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie -rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den -Lüften schwebend, daran dachte schnell zu sagen: -›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich -würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre -zu aufgeregt dazu gewesen. Nur die Christliche -Wissenschaft konnte das Kind in stand setzen, unter -solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu handeln. -Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen -an und hätte sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt -den Schädel zerschmettern müssen; aber durch -die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam -– buchstäblich – mit einem blauen Auge davon. -Am Montag-Morgen war es immer noch geschwollen -und ließ sich nicht öffnen. In der Schule ›tat es -recht häßlich weh –‹ das heißt es <em class="gesperrt">schien</em> so. Daher -›wurde ich als krank entschuldigt und ging in -den Keller hinunter und sagte: »Bis jetzt vertraue -ich auf Mama anstatt auf Gott, und ich <em class="gesperrt">will</em> auf -Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel -hätte dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; -zur Sicherheit aber spannte sie auch noch Frau Eddy -vor und sagte die ›Wissenschaftliche Darstellung des<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> -Seins‹ her – das ist wohl, wie ich vermute, eine -ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie -mein Auge aufging.‹ Natürlich, eine Auster wäre -ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum ein rührenderes -Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte -da unten im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche -Darstellung des Seins‹ herunterschnurrt!</p> - -<p>In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes -gutes Kind vor: Klein Gordon. Klein Gordon ›kam -auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes und -ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ -Er war ›eine Demonstration.‹ Und zwar eine -schmerzlose; daher erweckte seine Ankunft: Freude -und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der -Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung -der beiden hohen Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, -immer wiederkehrender Zug; auch von den -›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.</p> - -<p>»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, -spielte er Pferdchen auf dem Bett, wo ich mein -›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie -er plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam -in seine Händchen nahm, es zärtlich küßte und es dann -auf den höchsten sicheren Platz legte, den seine Aermchen -erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p> - -<p>Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -– das heißt die Schriften der Christlichen -Wissenschaft – auf einer Fensterbank. Das war -wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. -Der Junge verließ sein Spiel, ging an die Fensterbank -und schob alle Bücher zur Seite – außer dem -›Anhang‹. <em class="gesperrt">Diesen</em> nahm er in beide Hände und -hob ihn langsam an seine Lippen; dann legte er -das Büchlein sorgfältig wieder hin und setzte sich -daneben in die Fensternische. Das erstemal war das -Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar -erschienen, daß sie kaum ihren Augen trauen wollte; -nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine Sinnestäuschung -war, und daß auch kein Zufall irgend was -damit zu tun hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich -auch von dem Urheber seiner Tage bei seinem Tun -beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich -jedesmal, wenn einer zusah. <em class="gesperrt">Das</em> Kind hätte ich -lieber haben mögen als irgend einen Oelfarbendruck!</p> - -<p>Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an -›springendem Zahnweh‹ litt, und zwar so stark, daß -sie mehrmals in Versuchung kam zu glauben, die -Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal -die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie -verbot dem Zahnarzt, Kokain anzuwenden, sondern<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span> -setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln und -drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter -aus dem Kiefer herausgraben – und wollte -nicht einmal zugeben, daß es weh täte. Und sie -glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, -und ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie -zu neun Zehnteln recht hat, und daß ihre Christliche -Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete, als -das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von -einem Knaben berichtet, der bei einem Unfall in -lauter kleine Stücke zerbrochen wurde; er sagte ganz -einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ -auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund -und munter, ohne irgend welchen wirklichen -Schmerz gelitten zu haben, und ohne daß ein Doktor -sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben, -denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie -sich aus den Eingangskapiteln ergibt.</p> - -<p>Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung -der Christlichen Wissenschaft ein schwer verunglücktes -<em class="gesperrt">Pferd</em> in einer einzigen Nacht vollkommen wiederhergestellt -worden sei. Ich kann ziemlich viel vertragen, -aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied -zu gehen. Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig -Beschädigungen: wie konnte nun <em class="gesperrt">das Pferd</em> diese<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> -›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott, Gut-Gut, -Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? -Konnte es die ›Wissenschaftliche Darstellung -des Seins‹ anstimmen? Nein, bitte: <em class="gesperrt">konnte</em> das -Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon -kriegen können?</p> - -<p>Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie -ziehen. Bei Pferden und bei Möbeln.</p> - -<p>In der Zeitschrift werden noch eine Menge -andere Zeugnisse angeführt; aber ich denke, die mitgeteilten -Beispiele werden genügen. Sie erläutern -den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen -Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage -zurück: Bringt sie hier und da und ab und zu einen -Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben. -Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen -von jahrelangen Schmerzen befreit, so gibt sie ihm -das Leben wieder. Denn beständige Schmerzen sind -beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch -einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>VI.</h3> -</div> - -<div class="annot s90"> - -<p>»Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft -und Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ -sowie auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy,<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> -im zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden -sind. Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster -Gedanke für unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den -Geistesinhalt der Bibel in dem ›Büchlein <em class="gesperrt">aufgetan</em>‹ verdolmetscht -(Vers 2). Somit beweisen wir: Die Christliche -Wissenschaft ist die Wiederkehr Christi – Wahrheit – Geist.« -(Vorlesung von George Tomskins, Doktor der Theologie, -Doktor der Christlichen Wissenschaft.)</p> -</div> - -<p>Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist -der starke Engel, sie ist der auserkorene himmlische -Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken überbringt. -Einstweilen <em class="gesperrt">bringt</em> sie nur die Wiederkehr Christi. -Wir müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre -im Grabe gelegen hat, für ihre Anhänger einfach -<em class="gesperrt">der zweite Christus selber</em> ist. Angebetet -wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses -Gefühl sich nicht nur räumlich ausbreitet, sondern -auch immer mehr sich vertieft.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Eine ihrer Jüngerinnen hatte <em class="gesperrt">ein totes Kind ins -Leben zurückgerufen</em> und schließt ihren Bericht an Frau -Eddy mit den Worten: »… und möchten doch wir alle Sie -immer mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus -ist gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord, -Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung -ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">M. T.</em> -</p> -</div> -</div> - -<p>Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird – -dies begreift wohl ein jeder – Eddy-Anbetung in<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der -Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt -ist jeder Gegenstand, auf den sie ihr Warenzeichen -setzt, heilig und wird von ihren Jüngern eifrig und -voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu -Hause wie ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -– denn der Bostoner Christian Science-Trust gibt -nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt. -Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht -nur Bar-, sondern Vorausbezahlung. Sein Gott ist -in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter: der Dollar. -Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger -mit Geldwert.</p> - -<p>Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form -Jagd gemacht; die Bostoner Mutterkirche der Christlichen -Wissenschaft und ihr Handelskontor gehen mit -allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren; -die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und -die Zahlungsbedingungen sind immer dieselben: -›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der Engel -der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit -kriegen. Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche -Wissenschaft zu verkaufen – gegen bar natürlich: -Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der Christlichen -Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche,<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> -ganze Haufen von Predigten, Kommunionshymne -›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von Frau Eddy, das -Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes -mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner -haben wir Frau Eddys und des Engels kleinen Bibelanhang -in acht verschiedenen Einbänden zu acht -verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding -in Leder mit runden Ecken, Goldschnitt und so -weiter, pränumerando <em class="gesperrt">sechs Dollars</em>, und -wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt -man vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. -Ferner haben wir Frau Eddys ›Vermischte -Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in -allen möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, -und ebenfalls mit vier Prozent Rabatt, -wenn man eine ganze Auflage auf einmal bezieht. -Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der -fruchtbaren Frau Eddy – <em class="gesperrt">ein Gedicht</em>; ich gäbe -was drum, es mal sehen zu können! – Preis -drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch -fünf andere Schriften von Frau Eddy, natürlich -zu Straßenräuberpreisen, in allen möglichen Ausstattungen, -mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben, -Dampfsteuerung und allen anderen -Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei demselben<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> -Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal, -ein – aber ich will lieber nicht sagen, -was es ist; es ist besser, man ist höflich, als daß -man deutlich ist.</p> - -<p>Die literarische Oleomargarine der Christlichen -Wissenschaft ist ein Monopol der der Mutterkirche -gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur echt, wenn -mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen -ist die Ware nur von Boston – selbstverständlich -pränumerando.</p> - -<p>Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. -Frau Eddy ist Vorsitzende – und -vielleicht Eigentümerin? – des vom Trust geleiteten -Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet -sich in einem zweiwöchigen Kursus der Student, -der sich drei Jahre lang auf eigene Hand in der -Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: -für die vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert -Dollars. Und ich habe unter meinen -statistischen Notizen einen Fall, wo für einen -Kursus von drei Wochen dreihundert Dollars bezahlt -wurden.</p> - -<p>Der Trust liebt den Dollar – aber er darf kein -Phantasiedollar sein.</p> - -<p>Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -recht lebhaft zu erhalten, darf niemand – mag er -auf dem Metaphysical College gewesen sein oder -nicht – die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft -ausüben, wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen -Machwerks besitzt. Das bedeutet für den Trust ein -großes und beständig wachsendes Einkommen. Keine -Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, -fromm und schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein -oder zwei Exemplare vom ›Anhang‹ im Hause hat. -Das sichert dem Trust schon für die allernächste Zukunft -ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, -sondern von Millionen.</p> - -<p>Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft -angehörigen Kirche kann Mitglied bleiben, wenn -es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust ›Kopfsteuer‹ -zahlt. Damit hat der Trust – in allernächster Zukunft -– wieder Jahreseinnahmen, die in die -Millionen gehen.</p> - -<p>Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß -es im Jahre 1910 in Amerika zehn Millionen und -in Großbritannien drei Millionen Anhänger der -Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese -Zahlen im Jahre 1920 verdreifacht sein werden. -1910 wird die Christliche Wissenschaft in Amerika -eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung -der Republik übernehmen – um sie für immer zu -behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und -Recht annehmen, daß der Trust – der jetzt bereits -recht schroff in seinem Auftreten ist – alsdann der -rücksichtsloseste, unbedenklichste und tyrannischste politisch-religiöse -Gewalthaber sein wird, der jemals -seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk -beherrscht hat. Und ein stärkerer Gewalthaber, als -jemals auf Erden war: denn er wird über eine -finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger -sie sich auch nur hat träumen lassen; er -wird über einen konzentrierten, unverantwortlichen -Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in Eisenbahnen, -Telegraphen, subventionierten Zeitungen -wird er bisher ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel -besitzen; und nach einer oder zwei Generationen -wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen -Kirche in die Christenheit teilen.</p> - -<p>Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche -Organisation und hat <em class="gesperrt">ihre Kräfte</em> in sehr -wirksamer Weise zentralisiert – <em class="gesperrt">aber nicht ihr -Geld</em>. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber -sie behalten diese Reichtümer im weitesten Maße -in ihren eigenen Händen. Sie beziehen Gelder von<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser -Eingänge bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -– den wir mit der Zeit haben werden – wird seine -Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und -der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des -Verlagsgeschäftes werden das doppelte dieser Summe -einbringen. Dazu kommen dann noch: das Metaphysical -College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau -Eddys Grab – Eintrittsgeld: ein Christlicher -Wissenschaftsdollar (pränumerando) – Verkauf von -geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln, Chromobildern -der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, -nachgemachten Autographen der Frau Eddy, Geldopfern -vor ihrem Altarschrein (Krücken von geheilten -Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen -von wunderbar kurierten gebrochenen -Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus dem heiligen -Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein -als echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten -Wunder wird bares Geld genommen. Aus diesen -Geldquellen – und aus tausend anderen, die erst -noch zu erfinden sind – wird eine Jahreseinnahme -von mindestens einer Milliarde Dollars fließen. -Und der Trust allein wird die Verfügung darüber -haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span> -sich nicht verpflichten, neunzig Prozent vom Fang -abzuliefern. Wenn es erst so weit ist, wird der Trust -nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern auch -den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; -er wird dieselben Preise nehmen wie für den -›Anhang‹, er wird seine Gläubigen <em class="gesperrt">verpflichten</em>, -auch diese Bibelausgaben zu kaufen – und das wird -auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. -Der Trust wird dann täglich ein Einkommen von -fünf Millionen Dollars haben – und davon -gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern -zu zahlen, <em class="gesperrt">und er gibt nichts für wohltätige -Zwecke</em>. Der Leser wolle nicht so -leicht hierüber weglesen; die Sache ist wohl einiger -Aufmerksamkeit wert.</p> - -<p>Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. -Nicht mal zu solchen beisteuern. Vergebens sucht -man in den vom Trust ausgehenden Ankündigungen -und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft -gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß -sie auch nur einen Pfennig für solche Zwecke ausgeben. -Nichts für Witwen und Waisen, für entlassene -Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, -Heidenmission, Volksbibliotheken, Altersversorgung -und sonst etwas, das sich auf dem Umwege durch<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span> -das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von den -Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten freiwilligen Beiträge -für derartige Zwecke auf 15 Millionen Pfund Sterling. -Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts zu verheimlichen.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">M. T.</em> -</p> -</div> -</div> - -<p>Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in -Briefen und auf sonstige Weise, und es ist mir nicht -gelungen, auch nur einen Dreier aufzuspüren, den -der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck ausgegeben -hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, -als wenn man ihn fragt, ob ihm ein -Fall bekannt sei, daß die Christliche Wissenschaft -etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe – -sei es im Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. -Er <em class="gesperrt">muß</em> die Frage verneinen. Und dann -entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage -schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die -Sache allmählich eklig wird. Warum eklig? Weil -er an seine Führer geschrieben und voll hoher Zuversicht -sie um eine Antwort gebeten hat, die die -Fragesteller zu Boden schmettern wird – und weil -die Führer nicht geantwortet haben! Er hat abermals -geschrieben – und noch einmal – aber diesmal -nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden -und hat flehentlich gebeten, man möge ihn doch -mit Munition versehen, um die Position der Christlichen<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich -kommt eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen -auf Unsere Mutter vertrauen und uns mit der Ueberzeugung -begnügen, daß alles was Sie<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> mit dem -Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten -vom Himmel, denn Sie vollzieht keine Handlung, -ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S -ein bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">M. T.</em> -</p> -</div> -</div> - -<p>Damit ist der Fall erledigt – soweit der Jünger -in Betracht kommt. Sein ›Geist‹ ist von der Antwort -vollkommen befriedigt; er schlägt den ›Anhang‹ auf -und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele -ist ruhig – bis mal wieder ein Neugieriger mit -indiskretem Finger an die wunde Stelle tippt.</p> - -<p>Durch Freunde in Amerika habe ich etliche -Fragen stellen lassen. In einigen Fällen erhielt ich -bestimmte und verständliche Antworten; in anderen -war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den -bestimmten Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ -obligatorisch ist und einen Dollar beträgt. -Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes -zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von -einer der maßgebenden Persönlichkeiten erteilte Antwort: -›Nein; <em class="gesperrt">nicht in dem Sinn, den man<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -gewöhnlich mit diesem Wort verbindet</em>.‹ -(Daß diese letzten elf Worte gesperrt gedruckt werden, -geschieht auf meine Veranlassung.)</p> - -<p>Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich – -obwohl der Wortlaut nebelhaft ist. Die Christliche -Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft, unklar, wortreich. -Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste -Wort eine vollständige Antwort auf meine Frage -war; aber er konnte nicht anders, er mußte noch -elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte -ohne Sinn und Verstand – wenn der Mann sie -mir nicht erklärt. Höchstwahrscheinlich – so verstehe -ich wenigstens seine Andeutung – hat die Christliche -Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit erfunden; -was für eine das ist, können wir mit ziemlicher -Sicherheit erraten: das vom Trust da hinein -gesteckte Kapital wird gewiß 500 Prozent Reingewinn -abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.</p> - -<p>Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt -sich nicht in die Karten gucken. Nicht von uns unverschämten -Neugierigen und nicht einmal von seinen -eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei -eine ›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und -zu erzählt einer von den Laienbrüdern der Christlichen -Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau Eddy<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit -ein Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen -Zwecken zufließt, darüber kann er keine Auskunft -geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen; -und darum kann man wohl mit Recht annehmen, -daß wir gewiß bald etwas davon hören -würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben -für Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich -nicht zu schämen brauchte.</p> - -<p>Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft -lautet: ›Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert‹. Und -nachdem wir bei uns selber ›eine Demonstration -darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre -Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt -alle und jede Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt -sie euch bar bezahlen und zwar pränumerando‹.</p> - -<p>Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu -sein. Exodus, 32,4.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe) -von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel -und machte ein gegossen Kalb u. s. w.</p> - -<p class="mright"> -A. d. Ueb. -</p> -</div> -</div> - -<p>Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und -den anderen Mitgliedern des Trust – wenn’s überhaupt -andere Mitglieder gibt – aber ich habe volle -Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien,<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> -die sich zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden -Zweifel sind diese Laien völlig ehrlich in ihrem Glauben, -und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung -stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher -Quelle sie sich ihre Ueberzeugung geholt hat.</p> - -<p>Ich will damit dem Menschengeschlecht kein -Kompliment machen, ich spreche damit nur meine -Meinung aus.</p> - -<p>Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges, -den die Christliche Wissenschaft bereits gehabt hat und -in unendlich viel größerem Maße noch haben wird? -In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser -Umstand hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen. -Ich glaube, das Geheimnis liegt anderswo:</p> - -<p>Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft -<em class="gesperrt">organisiert</em>! Und das war ganz gewiß eine -riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft, -als man zur Abfassung von ein paar Millionen -Eddyschen Bibelanhängen brauchen würde.</p> - -<p>So lange die Erde steht, war Elektrizität in -unbegrenzter Menge in der Luft, in der Erde und -überall vorhanden; kein Mensch dachte daran, diese -Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben -wir diese überall verstreute wandernde Kraft <em class="gesperrt">organisiert</em>. -Wir lassen sie für uns arbeiten, wir<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span> -unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital, wir -konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger -weniger Sachverständiger – und wir haben die Ergebnisse, -die ein jeder sieht.</p> - -<p>Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft -bemächtigt, die in jedem Menschen unbenutzt lag, so -lange es Menschen gibt; sie hat diese Kraft organisiert, -Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen -Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen -eines kleinen und sehr sachverständigen Trust zentralisiert.</p> - -<p><em class="gesperrt">Und darum sind die Erfolge da!</em></p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Verschwoerung_von_Fort_Trumbull">Die Verschwörung von Fort Trumbull.<br /> -<img src="images/illu-185.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p> - -<div class="annot s90"> -<p>Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; -ich gebe sie wieder, so genau ich es vermag:</p> -</div> - -<p>Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von -Fort Trumbull bei New London, Connecticut. Vielleicht -war unser Leben dort nicht so munter wie das -Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine -Art lebhaft genug – es war keine Gefahr, daß -unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es fehlte -niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu -beschäftigen. So schwirrte damals – um nur eins -anzuführen – im Norden die ganze Luft von geheimnisvollen -Gerüchten: Rebellenspione sollten -überall sich herumschleichen, um unsere Forts in die -Luft zu sprengen, unsere Gasthöfe niederzubrennen, -verpestete Kleidungsstücke in unsere Städte zu schicken -und was dergleichen mehr war. Sie werden sich -dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach -zu halten und die herkömmliche Langeweile des<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen. Zudem -hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, -daß wir kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, -zu träumen oder Maulaffen feil zu halten. Indessen -trotz all unserer Wachsamkeit entwischte uns von -den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte -noch in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig -hoch, daß der Rekrut einer Schildwache drei- -oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit -sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel -übrig behielt, daß es für einen armen Mann ein -Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der faulen -Haut lagen wir nicht.</p> - -<p>Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, -wo ich irgend etwas zu schreiben hatte, als ein bleicher, -zerlumpter Bursche von vierzehn oder fünfzehn -Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte -und mich ansprach:</p> - -<p>»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«</p> - -<p>»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung -und zu klein, mein Junge.«</p> - -<p>Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span> -ging sofort in einen Ausdruck von tiefster Verzagtheit -über. Er drehte sich um, als wollte er gehen, -dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte -in einem Ton, der mir zu Herzen ging:</p> - -<p>»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der -Welt. Ach, wenn Sie mich doch einstellen könnten!«</p> - -<p>Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie -ich ihm so freundlich wie möglich auseinandersetzte. -Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen setzen -und fügte hinzu:</p> - -<p>»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. -Du bist doch wohl hungrig?«</p> - -<p>Er antwortete nicht, aber das war auch nicht -nötig; der dankbare Blick seiner großen sanften Augen -sprach beredter als alle Worte es vermocht -hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb -weiter. Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick -auf ihn. Ich bemerkte, daß seine Kleider und Schuhe, -wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch von gutem -Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem -war seine Stimme leise und wohllautend, sein -Auge tief und schwermütig, und sein ganzes Benehmen -deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich -war das arme Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz -und gut, er flößte mir Teilnahme ein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p> - -<p>Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer -mehr in meine Arbeit und vergaß gänzlich, daß -der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie -lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig -einmal auf. Der Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, -aber er hielt den Kopf so, daß ich seine -Wange sehen konnte – und über diese Wange rann -ein Strom von stillen Tränen.</p> - -<p>»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. -»Ich vergaß, daß der arme Bursch sterbenshungrig -ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit wieder gut -zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein -Junge, du sollst mit mir speisen. Ich bin heute -allein.«</p> - -<p>Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen -an, und ein Freudenstrahl erhellte sein Gesicht. Bei -Tisch blieb er stehen, die Hand auf die Stuhllehne -gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte -er sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und -– nun, ich behielt sie in der Hand und rührte -mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt -und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte -Erinnerungen an Elternhaus und Kinderzeit drangen -auf mich ein, und ich seufzte bei dem Gedanken, wie -fremd mir Religion geworden war, und wie doch<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -der Glaube ein Balsam für die wunde Seele, wie -er Trost, Hort und Stütze ist.</p> - -<p>Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß -der junge Wicklow – Robert Wicklow hieß er mit -vollem Namen – mit seiner Serviette umzugehen -wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er -unerachtet seines Aussehens von guter Herkunft war. -Dazu hatte er eine einfache Freimütigkeit, die mich -für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich über -ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine -Geschichte aus ihm heraus. Als er erwähnte, -daß er in Louisiana geboren und aufgewachsen -sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige -Zeit dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich -am Mississippi; ich liebte die Gegend und -hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß mein -Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute -mich schon, wenn ich nur die Namen jener Orte -aus seinem Munde hörte, und ich brachte deshalb absichtlich -das Gespräch auf jene Gegend. Baton Rouge, -Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré, -Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, -der Dampfschiff-Landeplatz, New -Orleans, Tchoupitchoulas Street, die Esplanade, -die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel,<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -Tivoli Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See -– wie klang das alles vertraut! Und eine ganz besondere -Wonne war es für mich, wieder einmal von -›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ -›Duncan F. Kenner‹ und anderen altbekannten -Dampfbooten zu hören. Es war mir fast als sei -ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir -die Schiffe und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis -zurück. Kurz zusammengefaßt, war folgendes Klein-Wicklows -Geschichte:</p> - -<p>Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner -altersschwachen Tante und seinem Vater in der Nähe -von Baton Rouge auf einer großen reichen Pflanzung, -die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der -Familie gewesen war. Der Vater war ein Anhänger -der Union. Er wurde darum auf alle mögliche Weise -verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen. -Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer -sein Haus nieder, und die Familie mußte fliehen, -um das nackte Leben zu retten. Sie wurden von -Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und -Elend gründlich kennen. Die alte Tante wurde -schließlich erlöst: Hunger und Unbilden der Witterung -töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie -ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span> -krachenden Donner. Nicht lange darauf wurde der -Vater von einer bewaffneten Bande gefangen genommen, -und während der Sohn bat und flehte, -vor dessen Augen aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter -Blick aus des Knaben Augen, und er sagte, -wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht -eingestellt werden kann – macht nichts! Ich werde -einen Weg finden – ja, ich werde einen Weg finden.«) -Nachdem die Leute festgestellt hatten, daß -der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er -nicht binnen vierundzwanzig Stunden aus der -Gegend verschwunden wäre, so würde es ihm übel -ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum -Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der -Anlegestelle einer Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt -der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und er schwamm -an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, -das im Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor -Tagesanbruch war das Dampfboot in New Orleans -bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus -dem Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte -die drei Meilen von dieser Stelle bis zum -Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet in -New Orleans wohnte, und dann war er für eine -Zeit lang aus der Not. Aber sein Onkel hielt es<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> -ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur -Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. -Er machte sich also mit dem jungen Wicklow -heimlich davon und sie fuhren mit einem Segelschiff -nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen. -Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz -angenehmes Leben, schlenderte auf dem Broadway -herum und studierte das für ihn neue Leben im -Norden. Schließlich aber kam eine Wendung – -und zwar nicht zum Besseren. Der Onkel war zuerst -guter Dinge gewesen, mit der Zeit aber fing er an, -unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde -verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen -Geldausgaben und den wenigen Einnahmen – ›nicht -genug mehr für einen, geschweige denn für zwei.‹ -Dann, eines Morgens, war er nicht da – kam nicht -zum Frühstück. Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau -und erfuhr, sein Onkel habe den Abend vorher -seine Wohnung bezahlt und sei abgereist – nach -Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.</p> - -<p>Der Junge stand allein und ohne Freunde auf -der Welt da. Er wußte nicht, was er anfangen -sollte, aber es schien ihm das beste, wenn er versuchte, -seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum Dampfschiff-Landeplatz -und erfuhr, daß das bißchen Geld,<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -das er in der Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston -nicht ausreichte, daß er dafür aber nach New London -kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen, -indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die -Mittel würde finden lassen, um den Rest der Reise -zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage und Nächte -lang in den Straßen von New London herumgelaufen -und hatte hier und da um der Barmherzigkeit -willen einen Bissen bekommen oder ein Eckchen -zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte -er nicht mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. -Wenn er als Rekrut eintreten könnte, so würde -er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat -werden könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge -zu brauchen? O, er würde so fleißig sein und -so dankbar!</p> - -<p>So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten -die Geschichte des jungen Wicklow, genau wie -er sie mir erzählte. Ich sagte:</p> - -<p>»Junge, du bist jetzt unter Freunden – mach’ -dir keine Sorgen mehr.« Wie glänzten da seine -Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn -herein – er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; -vielleicht kennen Sie ihn – und sagte: »Rayburn, -geben Sie dem Jungen hier Quartier bei den Musikern.<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> -Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, -und es ist mir lieb, wenn Sie ein Auge auf -ihn haben und darauf sehen, daß er gut behandelt -wird.«</p> - -<p>Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten -und dem Trommlerjungen hörte jetzt natürlich -auf, aber die Gedanken an den freundlosen -armen kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer -auf der Seele. Ich behielt ihn im Auge, in der -Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich und -lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach -dem anderen, und er blieb wie er war. Er verkehrte -mit keinem Menschen, war immer geistesabwesend -und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war -immer traurig … Eines Morgens bat Rayburn -mich um eine vertrauliche Unterredung.</p> - -<p>»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« -sagte er. »Aber die Sache steht so: die Musiker -sind so außer sich, daß ja wohl einer sprechen muß.«</p> - -<p>»Na, was ist denn los?«</p> - -<p>»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr -Major. Die Musiker haben eine Wut auf ihn – -Sie können sich’s gar nicht denken.«</p> - -<p>»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn -angestellt?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p> - -<p>»Betet, Herr Major!«</p> - -<p>»Er betet?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen -ihrer Seele keine Ruhe mehr vor des Bengels Beten. -Kaum ist er Morgens wach – betet er; Mittags – -betet er; und Nachts – na Nachts, da ist er gerade -als wäre er besessen mit seinem Beten. Schlafen? -Ach herrje, sie <em class="gesperrt">können</em> ja nicht schlafen. Er hat’s -Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal -seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s -kein Unterbrechen. Zunächst nimmt er den Kapellmeister -vor und betet für den; dann kommt der erste -Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt -der Mann mit der großen Trommel sein Teil und -so weiter, die ganze Kapelle hindurch, bis jeder sein -Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst, als -dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze -Weile auf Erden zu leben und könnte im Himmel -nicht glücklich sein, wenn er nicht seine Regimentsmusik -für sich hätte, und man sollte meinen, er -suchte sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in -einem der Oertlichkeit angemessenen Stil unsere -Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut – -Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar -nichts; es ist dunkel im Saal, und außerdem ist er<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span> -bei seinem Beten auch noch niederträchtig, er kniet -nämlich hinter der großen Trommel, und da macht -es ihm nichts aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; -er muckt nicht ’mal dabei und plappert weiter, als -wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen: -›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ -›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O, scher’ dich zum Teufel!‹ -u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles? Ihn -rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«</p> - -<p>Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei -ist er ein gutmütiger kleiner Narr; steht frühmorgens -eher auf und trägt alle Stiefel auf einen -Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein -Paar auf den richtigen Platz. Und sie sind so oft nach -ihm geschmissen, daß er jetzt jeden Stiefel kennt -– kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«</p> - -<p>Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; -dann fuhr er fort: »Aber nun kommt noch -das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er mit -Beten fertig ist – wenn er endlich und endlich überhaupt -mal damit fertig ist, dann legt er los und -fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja, was für -’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, -Sie wissen, er könnte damit einen gußeisernen Hund -von der Schwelle locken, um ihm die Hand zu lecken.<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> -Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen -ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich -mit des Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft -und so süß und so lieblich aus der Gurgel, daß man -denkt, man ist im Himmel.«</p> - -<p>»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«</p> - -<p>»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört -ihn singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">So wie ich bin – unglücklich arm und blind –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und -da schaut man auf und ’s Wasser kommt einem in -die Augen. Einerlei was er singt – es geht einem, -hast du nicht gesehen!, an die Nieren – geht einem -tief hinein, da wo’s Leben ist – und ’s packt einen -jedesmal. Hören Sie ihn bloß ’mal singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Kind von Sünd’ und Sorgen,</div> - <div class="verse indent0">Voll von Angst und Not,</div> - <div class="verse indent0">Warte nicht bis morgen,</div> - <div class="verse indent0">Folge <em class="gesperrt">heute</em> Gott –</div> - <div class="verse indent0">Stoß’ nicht fort die Vaterhand,</div> - <div class="verse indent0">Die vom fernen Himmelsland …</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, -wie der verruchteste, undankbarste Kerl, der auf der -Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die Lieder singt -vom Elternhause, und von der Mutter und den -Kindertagen und den alten Erinnerungen, und von<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> -längst entschwundenen Dingen und von alten Freunden, -die tot oder fern sind – ach, das bringt einem -alles vors Auge, was man je in seinem ganzen -Leben geliebt und verloren hat – und ’s ist so -wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s anhört, -Sir – aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie -herzbrechend ist’s auch! Die Kapelle – jawohl, <em class="gesperrt">alle</em> -heulen sie! Der größte Lump unter ihnen schluchzt -dabei – und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu verbergen. -Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel -nach ihm geschmissen hatten – auf einmal springen -sie alle von den Pritschen und laufen in der Finsternis -zu ihm hin und herzen ihn und schlecken ihn -ab – jawohl, das tun sie – und geben ihm Schmeichelworte -und bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. -Und wenn in <em class="gesperrt">dem</em> Augenblick ein Regiment käme, -um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen – wahrhaftig -sie gingen gegen das Regiment, und wenn’s -ein ganzes Armeekorps wäre!«</p> - -<p>Wieder eine Pause. Dann fragte ich:</p> - -<p>»Ist das alles?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Major.«</p> - -<p>»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu -klagen? Was wollen denn die Leute?«</p> - -<p>»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span> -Major – sie möchten, daß Sie ihm das Singen -verbieten.«</p> - -<p>»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, -sein Gesang sei überirdisch schön.«</p> - -<p>»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein -gewöhnliches Menschenkind kann ihn vertragen. Es -regt einen so fürchterlich auf, das Herz im Leibe -dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle -Gefühle zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht -und denkt, man sei bloß noch zum Sterben -gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand -von Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr -schmeckt und man am ganzen Leben keine Lust mehr -hat. Und dann das Heulen – verstehen Sie, jeden -Morgen schämen sie sich vor einander und können -sich nicht ins Gesicht sehen.«</p> - -<p>»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine -merkwürdige Beschwerde. Sie verlangen also wirklich, -daß das Singen aufhört?«</p> - -<p>»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten -nicht um zu viel bitten; sie wären ja mächtig froh, -wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er wenigstens -damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache -ist die Singerei. Wenn sie bloß das Singen los -werden, so denken sie, das Beten können sie aushalten,<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span> -wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher -Weise heruntergeputzt zu werden.«</p> - -<p>Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache -in Erwägung ziehen. In derselben Nacht schlich -ich mich zu den Musikern ins Quartier und horchte. -Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die -laute betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte -die Flüche der ermüdeten Mannschaften; ich hörte -den Stiefelregen durch die Luft sausen und die -Geschosse rund um die große Trommel herum mit -Gepolter niederfallen. Die Sache rührte mich, aber -sie belustigte mich zugleich. Dann folgte eine eindrucksvolle -Stille. Nach einer Weile begann das -Singen. O Gott, diese Begeisterung, die darin lag, -dieser bezaubernde Ausdruck! Niemals, so lange ich -auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so Anmutiges, -so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich -ging sehr bald fort, denn ich begann eine Bewegung -zu verspüren, wie sie sich für den Befehlshaber einer -Festung nicht schickt.</p> - -<p>Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die -dem Beten und Singen ein Ende machten. Dann -folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei -ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß -ich gar nicht an meinen Trommlerjungen dachte.<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span> -Aber eines Morgens kommt Sergeant Rayburn und -sagt:</p> - -<p>»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, -Herr Major.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«</p> - -<p>»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«</p> - -<p>»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er -keinen Dienst hat, streicht er immer mutterseelenallein -stöbernd und schnüffelnd im Fort herum – -hol mich der …, wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne -Ecke oder ’n Loch, wo er noch nicht hineingekrochen -ist. Und alle paar Augenblicke bringt er Papier und -Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«</p> - -<p>Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes -Gefühl. Ich hätte mich gerne darüber lustig gemacht, -aber es war damals nicht die Zeit dazu, -sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie -etwas Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns -herum, überall im Norden, gingen Dinge vor, die -uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge -zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich -erinnerte mich an den Umstand – der viel zu denken -gab – daß der Junge aus dem Süden stammte -und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span> -dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen -nicht gerade ermutigend. Immerhin kostete -es mich innerlich einen Stoß, Rayburn die Befehle zu -geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, -wie einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch -er sein eigenes Kind in Schimpf und Schande bringen -kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen, seine Zeit -abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien -zu verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne -daß der Junge es merkte. Und vor allen Dingen -sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden -könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl -ferner, dem Jungen seine gewohnten Freiheiten zu -belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu folgen, -sobald er in die Stadt ginge.</p> - -<p>Während der nächsten beiden Tage erstattete -Rayburn mir mehrmals Bericht. Kein Erfolg. Der -Junge schrieb zwar noch immer, aber er steckte jedesmal, -wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit -einer unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. -Zweimal war er in der Stadt in einen alten verlassenen -Stall hineingegangen, war eine Minute -oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. -Man konnte solche Dinge nicht auf die -leichte Achsel nehmen – sie sahen sehr verdächtig<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> -aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, -mich unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine -Privatwohnung und ließ den nächsthöheren Offizier -holen – einen klugen Offizier von gesundem Urteil, -Sohn des Generals James Watson Webb. Er war -überrascht und beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit -des langen und breiten und kamen zu dem -Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung -anzustellen. Ich übernahm dies selber. So -ließ ich mich denn um zwei Uhr morgens wecken und -war einen Augenblick später im Schlafsaal der Musiker. -Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden -Soldaten den Boden entlang kriechend, gelangte ich -schließlich, ohne jemanden aufzuwecken, zur Pritsche -meines schlummernden kleinen Vagabunden, erfaßte -seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig -wieder zurück. In meiner Wohnung fand -ich Webb, der in großer Erwartung des Ergebnisses -harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die -Kleider enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen -unbeschriebenes Papier und einen Bleistift, sonst -nichts außer einem Taschenmesser und allerhand nichtigem -Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen -pflegen. Wir gingen hoffnungsvoll an den Tornister -heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine kleine Bibel<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span> -lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben: -›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um -seiner Mutter willen.‹</p> - -<p>Ich sah Webb an – er schlug die Augen nieder; -er sah mich an – ich schlug die meinigen nieder. -Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte das Buch -ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand -Webb auf und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. -Nach einer Weile nahm ich mich zusammen, um -meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, -und brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich -kroch dabei wieder wie vorher auf dem Bauch; das -schien mir auch für eine solche Tätigkeit die einzig -angemessene Haltung zu sein.</p> - -<p>Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und -fertig war.</p> - -<p>Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam -Rayburn wie gewöhnlich, um Meldung zu machen. -Ich fuhr ihn an und sagte:</p> - -<p>»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir -machen einen Popanz aus einem armen kleinen Burschen, -der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«</p> - -<p>Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und -sagte:</p> - -<p>»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl,<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span> -Herr Major, und ich habe etwas von seiner -Schreiberei erwischt!«</p> - -<p>»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«</p> - -<p>»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn -schreiben. Als ich dachte, er wäre wohl ungefähr -damit fertig, hustete ich ein bißchen, und da sah ich, -wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; -dann guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand -käme, und dann setzte er sich so bequem und harmlos -wie nur irgend einer zurecht. Und dann kam -ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und -schickte ihn mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus -nicht verlegen drein, sondern ging ohne weiteres. -Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; -das Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; -aber ich holte es heraus, und hier ist es; -es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«</p> - -<p>Ich sah mir das Papier an und las einen oder -zwei Sätze. Hieran schickte ich den Sergeanten fort -und ließ durch ihn Webb sagen, er möchte zu mir -kommen.</p> - -<p>Der Zettel lautete wörtlich:</p> - -<div class="letter s90"> -<p class="mright"> -Fort Trumbull, den 8. -</p> - -<p>Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers -der drei Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste -aufführte. Es sind Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span> -die Armierung so, wie ich angab. Die Garnison ist noch so, -wie ich zuletzt berichtet; indessen bleiben die beiden Kompanien -leichte Infanterie, die nach dem Kriegsschauplatz abgehen -sollten, augenblicklich noch hier – für wie lange noch, -das kann ich jetzt nicht sagen, werde es aber bald herausbekommen. -Wir sind der Meinung, daß es in Anbetracht -der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu verschieben bis …</p> -</div> - -<p>Hier brach das Schreiben ab – gerade an dieser -Stelle hatte Rayburn gehustet und den Schreiber -unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu dem Knaben, -all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid -wegen seiner trostlosen Lage schwanden augenblicklich -angesichts dieser Schurkerei, die eine kaltblütige -Niederträchtigkeit enthüllte.</p> - -<p>Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab -es Arbeit – Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit -erforderte, und zwar augenblicklich. Webb -und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten -und Gesichtspunkten, und Webb sagte:</p> - -<p>»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! -Irgend etwas soll verschoben werden, bis … bis -wann? Und was ist das für ein ›es‹? Möglicherweise -hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine -Reptil.«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit -verpaßt. Und was bedeutet das ›Wir‹ in dem Brief?<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span> -Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb oder -außerhalb des Forts?«</p> - -<p>In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten -angedeutet. Indessen es lohnte sich nicht, uns -darüber in Vermutungen zu ergehen, und so gingen -wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung -hatten. Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen -zu verdoppeln und die allerstrengste Wachsamkeit -zu beobachten. Sodann dachten wir daran, -uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen -zu bringen; das schien uns indessen doch nicht das -Klügste zu sein, solange nicht alle anderen Methoden -uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges -mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf -richteten wir also unsere Pläne. Und da hatten wir -einen Einfall. Wicklow ging niemals zum Postamt -– vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. -Wir ließen meinen Privatsekretär kommen, -einen jungen Deutschen, Namens Stern, der eine -Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn -mit den näheren Umständen bekannt und sagten -ihm, er möchte ans Werk gehen. Binnen einer -Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder -etwas schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er -habe um Stadturlaub gebeten. Er wurde eine kurze<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span> -Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief Stern -in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger -Zeit sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert -kam, sich nach allen Seiten umsah, dann etwas -unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte und -sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den -versteckten Gegenstand her – es war ein Brief. -Er brachte ihn uns. Das Schreiben hatte weder eine -Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin -die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, -dann hieß es weiter:</p> - -<div class="letter s90"> - -<p>Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die -beiden Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier -drinnen so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in -Verbindung setzen können – befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. -Ich sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum -eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft -wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig -sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die -beiden Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. -Ich habe etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf -es aber diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es -auf dem anderen versuchen.</p> -</div> - -<p>»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte -auch annehmen können, daß er ein Spion wäre? -Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die -einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> -sehen, wie die Angelegenheit in diesem Augenblick -steht. Erstens: Wir haben in unserer Mitte einen -Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben -in unserer Mitte noch drei andere, die wir <em class="gesperrt">nicht</em> -kennen. Drittens: Diese Spione sind durch das einfache -und leichte Mittel, sich als Soldaten in die Unionsarmee -einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt -worden – und offenbar sind zwei von ihnen -dabei angeführt worden, indem sie nach dem Kriegsschauplatz -abrücken mußten. Viertens: Es sind noch -verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben -unbestimmt. Fünftens: Wicklow ist im Besitz -sehr wichtigen Materials, das er sich nicht getraut -auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen – will’s -›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall -zur Zeit. Sollen wir Wicklow beim Kragen packen -und ihn zum Geständnis zwingen oder sollen wir -die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall -abholt, und sollen wir diese zum Sprechen bringen? -Oder sollen wir uns ruhig verhalten, um noch mehr -zu erfahren?«</p> - -<p>Wir entschieden uns für das letztere. Es schien -uns nicht nötig, schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln -überzugehen, denn aller Wahrscheinlichkeit -nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span> -Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im -Wege wären. Wir gaben Stern ziemlich weitgehende -Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich die größte -Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel -ausfindig zu machen. Wir gedachten ein kühnes -Spiel zu spielen und wollten zu dem Zweck die -Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß -wir Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher -Stern, sofort wieder nach dem Stall zu gehen und -dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows Brief -wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, -und ihn dort zu lassen, damit die Verschwörer -ihn finden möchten.</p> - -<p>Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres -ereignet hätte. Es war kalt und finster; ein -rauher Wind blies und brachte Hagelschauer. Trotzdem -verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein -warmes Bett und machte in eigener Person die -Runde, um nachzusehen, ob alles in Ordnung, und -ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand -sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war -ein Gewisper von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, -und die Verdoppelung der Wachtposten -hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen. -Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -Runde Webb, der sich dem schneidend kalten Wind -entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm, -daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, -um nach dem Rechten zu sehen.</p> - -<p>Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich -lebhaften Schwung. Wicklow schrieb abermals -einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus und -sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an -sich, sobald Wicklow wieder draußen war, dann schlich -er sich ebenfalls hinaus und folgte dem kleinen -Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war ein -Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, -denn wir hielten es für ratsam, für den Notfall -gleich die Hilfe des Gesetzes zur Hand zu haben. -Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort -herum, bis der Zug von New York einlief; dann -musterte er scharfen Blickes die Gesichter der Passagiere, -die den Wagen entströmten. Auf einmal kam -ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock -herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen -und begann sich umzusehen, als ob er jemanden -erwartete. Blitzschnell trat Wicklow vor, drückte ihm -einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und -verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick -hatte Stern den Brief erhascht; er eilte an dem<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span> -Geheimpolizisten vorüber und flüsterte diesem zu: -»Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn -nicht aus den Augen!« Dann entfernte er sich eiligst -mit der Menge und begab sich geraden Weges nach -dem Fort.</p> - -<p>Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen -den Wachtposten draußen an, daß wir durchaus keine -Störung haben wollten.</p> - -<p>Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen -Brief. Er lautete:</p> - -<div class="letter s90"> - -<p><em class="gesperrt"><em class="antiqua">Heilige Allianz!</em></em> Fand in der gewöhnlichen -Kanone Befehle vom Meister, die in der vergangenen Nacht -dort hinterlassen waren; die Weisungen, die ich bisher vom -untergeordneten Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. -Ließ in der Kanone das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle -in die richtige Hand gekommen sind …</p> -</div> - -<p>Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:</p> - -<p>»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger -Beobachtung?«</p> - -<p>Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme -des vorigen Briefes unablässig streng bewacht -worden.</p> - -<p>»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone -stecken oder etwas herausnehmen, ohne dabei gefaßt -zu werden?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span></p> - -<p>»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz -und gar nicht.«</p> - -<p>»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es -bedeutet ganz einfach, daß sogar unter den Schildwachen -Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der -einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis -wären, so wäre die Sache nicht möglich gewesen.«</p> - -<p>Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die -Batterien zu durchsuchen und sich Mühe zu geben, -etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:</p> - -<div class="letter s90"> - -<p>Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die <em class="antiqua">M.M.M.M.</em> -sollen morgen früh um 3 Uhr <em class="antiqua">F.F.F.F.F.</em> sein. Zweihundert -werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen -Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und -zur rechten Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute -das Zeichen verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl -irgend etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen -sind verdoppelt worden und die höheren Offiziere -machten letzte Nacht mehreremale die Runde. <em class="antiqua">W.W.</em> kommt -heute von Süden her und wird heute geheime Befehle empfangen -– auf dem andern Wege. Ihr müßt alle sechs -genau um 2 Uhr morgens in 166 sein. Dort findet ihr <em class="antiqua">B.B.</em>, -der euch genaue Weisungen geben wird. Losungswort dasselbe -wie letztesmal, nur umgekehrt – setzt erste Silbe hinten -und letzte Silbe vorne an. <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Gedenket</em> XXXX!</em> Vergeßt -das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die Sonne aufgeht, -werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein -und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt -hinzugefügt haben. <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Amen</em>.</em></p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span></p> - -<p>»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da -kommen wir ja, wie mir scheint, in eine ganz brenzliche -Geschichte hinein!«</p> - -<p>Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die -Sache sehr ernst auszusehen anfinge.</p> - -<p>»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist -im Gange, das ist ganz klar. Diese Nacht ist die -dafür angesetzte Zeit – das ist ebenfalls klar. Die -wahre Natur des Anschlags – ich meine die Art -und Weise der Ausführung – ist durch diese Bündel -von <em class="antiqua">F</em> und <em class="antiqua">M</em> verschleiert, aber das Endziel, -scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts. Jetzt -gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. -Ich glaube mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung -Wicklows kann nichts mehr erreicht werden. -Wir <em class="gesperrt">müssen</em> wissen, und zwar so schnell wie möglich, -wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr -in der Frühe die Bande dort fangen können; die -schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen, besteht -ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum -Geständnis zwingen. Aber vor allen Dingen muß -ich, ehe wir irgend einen wichtigen Schritt vornehmen, -den Sachverhalt dem Kriegsdepartement -unterbreiten und um Vollmachten bitten.«</p> - -<p>Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt;<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> -ich las und genehmigte es und sandte es -sofort ab.</p> - -<p>Damit schloß unsere Beratung in betreff des -Spionenbriefes, und ich öffnete den anderen, welchen -Stern dem lahmen Herrn aus der Hand gerissen -hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen -unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das -war ein kalter Guß auf unsere hochgespannten heißen -Erwartungen. Einen Augenblick lang kamen wir uns -so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern. -Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich -dachten wir unmittelbar darauf an ›sympathetische -Tinte‹. Wir hielten das Papier dicht übers -Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß -der Hitze die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, -aber es erschien nichts als ein paar schwache -Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten. -Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und -beauftragten ihn, alle ihm bekannten chemischen Verfahren -anzuwenden, bis er auf das richtige träfe. -Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, -sollte er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. -Der Fehlschlag war uns im höchsten Grade -ärgerlich, und natürlich tobten wir über die Verzögerung; -denn wir hatten steif und fest erwartet,<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> -durch den Brief einige von den wichtigsten Geheimnissen -der Verschwörung zu erfahren.</p> - -<p>Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus -der Tasche ein etwa fußlanges Stück Bindfaden mit -drei Knoten und hielt es in die Höhe.</p> - -<p>»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« -sagte er. »Ich nahm die Mündungsdeckel -von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach; -diese Schnur war das einzige, was in irgend einer -Kanone war.«</p> - -<p>Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows -Zeichen, wodurch er kundgab, daß des ›Meisters‹ Befehle -nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich -befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig -Stunden in der Nähe jenes Geschützes -Schildwache gestanden war, sofort in Einzelgewahrsam -zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine -ganz besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.</p> - -<p>Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements -kam ein Telegramm, welches folgendermaßen lautete:</p> - -<div class="letter s90"> - -<p>Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt -in Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen. -Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement -auf dem Laufenden.</p> -</div> - -<p>Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen -konnten. Ich schickte Leute aus, die ohne Aufsehen<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> -zu erregen den lahmen Herrn verhafteten und -ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab -ihm eine Schildwache und verbot, mit dem Mann -zu sprechen oder ihn anzuhören. Anfangs hatte er -Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald. -Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, -wie Wicklow zweien von unseren neuen Rekruten etwas -zugesteckt habe; die Leute seien, so wie er den Rücken -gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden. -Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, -worauf mit Bleistift geschrieben stand:</p> - -<p class="center"> -<em class="antiqua">Adlers Dritter Flug.<br /> -Gedenke XXXX.</em><br /> -166. -</p> - -<p>Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich -dem Departement in Chiffren, welche neuen Entdeckungen -wir gemacht und beschrieb zugleich die neu -gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark -genug zu sein, um Wicklow gegenüber die Maske -fallen lassen zu können; ich ließ ihn also holen. -Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen -Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt -sandte ihn zurück mit der Bemerkung, daß seine<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> -Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es gebe -aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, -falls ich es wünschen sollte.</p> - -<p>Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles -in seinem Blick, aber er war gefaßt -und unbefangen, und wenn er irgend einen Verdacht -hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen -und in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich -ließ ihn ein paar Augenblicke stehen; dann sagte ich -freundlich:</p> - -<p>»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft -nach dem alten Stall?«</p> - -<p>Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:</p> - -<p>»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht -recht; es ist eigentlich kein besonderer Grund vorhanden, -als daß ich gerne allein bin, und daß ich -mich dort unterhalte.«</p> - -<p>»Ach so, du unterhältst dich dort?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach -und unschuldig wie zuvor.</p> - -<p>»Und weiter tust du da nichts?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah -er mich mit einem Ausdruck kindlicher Verwunderung -in seinen großen sanften Augen an.</p> - -<p>»Weißt du das auch ganz gewiß?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p> - -<p>»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«</p> - -<p>Nach einer Pause fragte ich weiter:</p> - -<p>»Wicklow, warum schreibst du so viel?«</p> - -<p>»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«</p> - -<p>»Nicht?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ -meinen – kritzeln tue ich manchmal zu meiner -Unterhaltung.«</p> - -<p>»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«</p> - -<p>»Nichts, Herr Major – ich werfe es weg.«</p> - -<p>»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ -vors Gesicht. Er fuhr leicht zusammen, faßte sich -aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte überzog seine -Wangen.</p> - -<p>»Wie kamst du dann aber dazu, <em class="gesperrt">dieses</em> Gekritzel -abzuschicken?«</p> - -<p>»Ich dach … ich dachte mir gar nichts Böses -dabei, Herr Major!«</p> - -<p>»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung -des Forts und die Stärke der Besatzung -und denkst dir nichts Böses dabei?«</p> - -<p>Er ließ den Kopf hängen und schwieg.</p> - -<p>»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span> -das Lügen sein! Für wen war dieser Brief bestimmt?«</p> - -<p>Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell -hatte er sich wieder zusammengenommen und erwiderte -im Tone tiefsten Ernstes:</p> - -<p>»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major -– die ganze Wahrheit. Der Brief war überhaupt -niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich -schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß -zu machen. Ich sehe jetzt ein, wie verkehrt und wie -albern das war; aber das ist auch das einzige Anstößige -dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«</p> - -<p>»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche -Briefe zu schreiben. Ich hoffe, du bist sicher, daß -dies der einzige ist, den du schriebst.«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«</p> - -<p>Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte -seine Lüge mit dem ehrbarsten Gesicht von der -Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den in -mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann -sagte ich:</p> - -<p>»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis -auf und sieh zu, ob du mir nicht bei zwei -oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die ich gerne -wissen möchte.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p> - -<p>»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr -Major.«</p> - -<p>»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«</p> - -<p>Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell -einen unruhigen Blick über unsere Gesichter gleiten -ließ. Aber das war auch alles. In einem Augenblick -war er wieder heiter und antwortete ruhig:</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, Herr Major.«</p> - -<p>»Du weißt es nicht?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht.«</p> - -<p>»Du weißt es <em class="gesperrt">ganz bestimmt</em> nicht?«</p> - -<p>Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen -zu sehen; aber das war zu viel für ihn. Sein Kinn -sank langsam auf die Brust nieder und er schwieg. -Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er -sah kläglich aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz -seinen niederträchtigen Handlungen Mitleid mit -ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille mit -der Frage:</p> - -<p>»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«</p> - -<p>Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine -halb unbewußte Bewegung mit den Händen, wie -ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht. -Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt -hartnäckig seine Augen auf den Fußboden geheftet.<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> -Wir sahen ihn an und warteten, daß er sprechen -möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen -anfingen, ihm über die Backen zu rollen. Aber er -blieb still. Nach einer kleinen Weile sagte ich:</p> - -<p>»Du mußt mir antworten, mein Junge, und -mußt mir die Wahrheit sagen. Wer ist die ›Heilige -Allianz‹?«</p> - -<p>Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich -ziemlich scharf:</p> - -<p>»Antworte auf die Frage!«</p> - -<p>Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr -zu werden; dann sagte er mit einem flehenden Blick -auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem -Schluchzen herauspressend:</p> - -<p>»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! -Ich kann nicht antworten, denn ich weiß nichts!«</p> - -<p>»Was?!«</p> - -<p>»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. -Ich habe bis zu diesem Augenblick niemals was von -der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner Ehre, -Herr Major, so ist es!«</p> - -<p>»Himmelherrgott … Sieh mal hier deinen -zweiten Brief an. Da, siehst du hier die Worte: -›<em class="gesperrt">Heilige Allianz</em>‹? Was sagst du jetzt?«</p> - -<p>Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> -Blick eines Menschen, dem man ein großes Unrecht -angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem Ton:</p> - -<p>»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr -Major. Und wie konnte man mir so was antun – -mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, -und der niemals einem Menschen etwas zuleide -getan hat! Irgend einer hat meine Handschrift nachgemacht; -ich schrieb niemals eine Zeile davon; ich -habe diesen Brief nie vorher gesehen.«</p> - -<p>»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh -her, was sagst du hierzu?« Und ich riß den Brief -mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche -und hielt ihm denselben vor die Augen.</p> - -<p>Sein Gesicht wurde weiß! – so weiß, wie wenn -er ’ne Leiche gewesen wäre. Er schwankte auf den -Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand, um -sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit -so schwacher Stimme, daß man’s kaum hören konnte:</p> - -<p>»Haben – Sie’s gelesen?«</p> - -<p>Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet -haben, bevor meine Lippen das falsche »Ja!« -hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich, wie der -Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete -darauf, daß er etwas sagen sollte, aber er blieb -still. So sagte ich denn zuletzt:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span></p> - -<p>»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu -bemerken, die in diesem Brief enthalten sind?«</p> - -<p>Er antwortete völlig gefaßt:</p> - -<p>»Nichts – ausgenommen, daß ich gänzlich -harmlos und unschuldig bin; sie können keinem -Menschen Schaden tun.«</p> - -<p>Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen -ich seine Behauptung nicht Lügen strafen -konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter vorgehen -sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein -guter Gedanke und ich sagte:</p> - -<p>»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem -›Meister‹ und der ›Heiligen Allianz‹ und schriebst -ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du -sagst, eine Fälschung ist?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major – ganz bestimmt nicht!«</p> - -<p>Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor -und hielt ihm denselben hin ohne ein Wort zu -sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte -er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine -Geduld war jetzt an der Grenze angelangt. Ich -bezwang indessen meinen Aerger und sagte in ruhigem -Tone:</p> - -<p>»Wicklow, siehst du dies?«</p> - -<p>»Ja, Herr Major.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span></p> - -<p>»Was ist es?«</p> - -<p>»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Scheint?</em> Es <em class="gesperrt">ist</em> ein Stück Bindfaden. Erkennst -du es?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die -ruhigste Art von der Welt.</p> - -<p>Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! -Ich machte jetzt eine Pause von mehreren Sekunden, -um durch das Schweigen den Worten, die ich äußern -wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann -stand ich auf, legte meine Hand auf seine Schulter -und sagte ernst:</p> - -<p>»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der -ganzen Welt nicht gut tun. Dies Zeichen für den -›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in einer -der Kanonen an der Wasserseite gefunden …«</p> - -<p>»Gefunden <em class="gesperrt">in</em> der Kanone?! O, nein, nein, -nein! Sagen Sie nicht in der Kanone, sondern in -einer Fuge des Mündungsdeckels – er <em class="gesperrt">muß</em> in der -Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und -faltete seine Hände und hob sein Antlitz zu uns -empor, ein Antlitz so bleich und angstverzerrt, daß -er einem Mitleid einflößte.</p> - -<p>»Nein, er war <em class="gesperrt">in</em> der Kanone.«</p> - -<p>»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span> -Gott, ich bin verloren!« Und er sprang auf und -strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach -ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. -Aber das war natürlich ganz undenkbar. Dann warf -er sich wieder auf die Kniee, schrie aus Leibeskräften -und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht -los und bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen -mit mir! O, seien Sie gnädig mit mir! -Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick -mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, -retten Sie mich! Ich will alles gestehen!«</p> - -<p>Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu -beruhigen und ihm die Angst auszureden und ihn -wieder in eine einigermaßen vernünftige Geistesverfassung -zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: -Er antwortete demütig, mit niedergeschlagenen -Augen, von Zeit zu Zeit die unablässig rinnenden -Tränen abwischend.</p> - -<p>»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«</p> - -<p>»Ja, Herr Major.«</p> - -<p>»Und ein Spion?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb -gehandelt?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span></p> - -<p>»Mit Freuden, vielleicht?«</p> - -<p>»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. -Der Süden ist mein Vaterland; mein Herz gehört -der Sache des Südens – Herz und Leib und Seele!«</p> - -<p>»Dann war also die Geschichte, die du mir von -euren Leiden und den Verfolgungen gegen deine -Familie erzähltest, reine Erfindung?«</p> - -<p>»Sie – sie befahlen mir es zu sagen, Herr -Major!«</p> - -<p>»Und du wolltest also die Leute, die dir aus -Mitleid Obdach gaben, verraten und vernichten? -Begreifst du, wie gemein das ist, du armes, mißleitetes -Geschöpf?«</p> - -<p>Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.</p> - -<p>»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der -›Oberst‹ und wo ist er?«</p> - -<p>Er fing herzbrechend an zu weinen und bat -himmelhoch, ihm die Antwort zu erlassen. Er sagte, -man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich drohte -ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren -lassen, wenn er nicht mit der Sprache herauskäme. -Gleichzeitig versprach ich ihm, ihn gegen jede Gefahr -zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein -Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern -preßte die Lippen zusammen und setzte eine verstockte<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span> -Miene auf. Es war nichts mit ihm anzufangen. -Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, -und der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. -Er brach in ein leidenschaftliches Weinen und Flehen -aus und erklärte, er wolle alles sagen.</p> - -<p>Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem -Zimmer und er gab den Namen des ›Obersten‹ an -und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er -wäre im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher -Kleidung zu finden. Dann mußte ich neue -Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den -›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, -der Meister würde in New York, Bondstreet Nr. 15 -zu finden sein; er wohnte dort unter dem Namen -R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung -an den Polizeipräsidenten der -Metropole und bat, Gaylord zu verhaften und festzuhalten, -bis ich ihn abholen lassen könnte.</p> - -<p>»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, -verschiedene von den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich -in New London. Nenne und beschreibe sie!«</p> - -<p>Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei -Frauen – sämtlich im ersten Gasthof von New -London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt und -ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften;<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span> -bald saßen sie auf dem Fort in sicherem -Gewahrsam.</p> - -<p>»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft -über deine drei Mitverschwörer, die hier im Fort -sind.«</p> - -<p>Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen -erzählen; ich brachte aber die beiden geheimnisvollen -Papierschnitzel zum Vorschein, die bei den Rekruten -gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame -Wirkung auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir -hätten zwei von den Leuten schon in unserer Gewalt, -und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies -jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:</p> - -<p>»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich -auf der Stelle töten.«</p> - -<p>Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde -ihm jemand zum Schutze mitgeben, außerdem würden -die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich befahl, -daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell -kommen sollten; dann mußte der arme, zitternde, -kleine Kerl herauskommen; er schritt die Front ab, -wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich -dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den -Leuten ein einziges Wort, und ehe er fünf Schritte -weiter war, war der Mann auch schon verhaftet.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span></p> - -<p>Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich -die drei Soldaten vorführen. Einer von ihnen mußte -vortreten und ich sagte:</p> - -<p>»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um -eines Haares Breite von der strengsten Wahrheit ab. -Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«</p> - -<p>Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle -Gedanken an etwaige Folgen beiseite, heftete seine -Augen auf des Mannes Gesicht und sagte ohne jedes -Zögern:</p> - -<p>»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. -Er ist aus New Orleans; war vor zwei Jahren -zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹; -ist ein verzweifelter Charakter und ist schon -zweimal wegen Totschlags im Gefängnis gewesen: -das einemal, weil er einen Matrosen Namens Hyde -mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, -weil er einen Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, -das Lot zu heben, womit auch ein solcher -Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion -und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt -Er war dritter Steuermann auf dem ›St. -Nicholas‹, als dieser Dampfer in der Nähe von Memphis -in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre -beinahe gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span> -ausplünderte, während sie in einem leeren -Holzboot an Land gebracht wurden.«</p> - -<p>Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine -vollständige Lebensbeschreibung des Mannes. Als -er fertig war, sagte ich zu diesem:</p> - -<p>»Was haben Sie dazu zu bemerken?«</p> - -<p>»Nichts für ungut, Herr Major – aber das ist -die teuflischste Lüge, die je gesprochen wurde!«</p> - -<p>Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die -beiden anderen einzeln vortreten. Dasselbe Ergebnis. -Der Junge gab über jeden von ihnen eine bis -in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, -ohne jemals sich auf ein Wort oder eine Tatsache -besinnen zu müssen; aber alles, was ich aus den -beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete -Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten -nichts gestehen. Ich ließ sie wieder in Haft abführen -und dann die übrigen Gefangenen, einen nach dem -anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste -Auskunft über sie – aus welchen Städten im Süden -sie waren, und schilderte mit allen Einzelheiten ihre -Beteiligung an der Verschwörung.</p> - -<p>Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und -kein einziger von ihnen bekannte das Geringste. Die -Männer tobten, die Weiber weinten. So wie sie es<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus -dem Westen und liebten die Union über alles in der -Welt. Voll Ekel ließ ich die Bande wieder einsperren -und fuhr in Wicklows Verhör fort:</p> - -<p>»Wo liegt Nr. 166 und wer ist <em class="antiqua">B. B.</em>?«</p> - -<p>Aber hier war die Grenze, die er sich selber -gesetzt hatte. Weder Schmeicheln noch Drohen übte -irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit flog dahin -– es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln -zu greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen -gebunden hochziehen. Als die Schmerzen ärger wurden, -stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das -ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, -und sehr bald schrie er heraus:</p> - -<p>»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann -will ich sprechen!«</p> - -<p>»Nein – du wirst sprechen, bevor ich dich -herunterlasse.«</p> - -<p>Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. -Und so kam’s heraus:</p> - -<p>»Nr. 166, Adler-Gasthof!«</p> - -<p>Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft -drunten am Hafen, wo gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer -und zweifelhaftes Gesindel zu verkehren -pflegten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span></p> - -<p>Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft -über den Zweck der Verschwörung.</p> - -<p>»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er -mürrisch und schluchzend.</p> - -<p>»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«</p> - -<p>»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, -die sich bei 166 treffen sollten.«</p> - -<p>»Was bedeutet: ›<em class="gesperrt">Gedenke</em> <em class="antiqua">XXXX</em>!‹?«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Wie lautet das Losungswort für 166?«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: <em class="antiqua">FFFFF</em> -und <em class="antiqua">MMMM</em>? Antworte, oder du kriegst es noch -einmal zu fühlen!«</p> - -<p>»Ich werde <em class="gesperrt">niemals</em> antworten. Lieber sterbe -ich. Nun tun Sie, was Ihnen beliebt!«</p> - -<p>»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist -das dein letztes Wort?«</p> - -<p>Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern -in seiner Stimme:</p> - -<p>»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine -mißhandelte Heimat liebe und so wahr ich alles -hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint: -ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p> - -<p>Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. -Als er die furchtbarsten Schmerzen litt, da -war es herzbrechend, des armen Wesens Schreie -mit anzuhören – aber wir brachten nichts anderes -aus ihm heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe -Antwort:</p> - -<p>»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber -sprechen werde ich niemals!«</p> - -<p>Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, -daß er ganz bestimmt lieber sterben als gestehen -würde. Wir ließen ihn daher herunter und -setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.</p> - -<p>Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle -Hände voll zu tun, um die telegraphischen Berichte -an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle -Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 -zu treffen.</p> - -<p>Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten -Nacht. Es war allerlei durchgesickert, und die -ganze Garnison war auf dem Posten. Die Schildwachen -waren verdreifacht, und kein Mensch hätte -sich drinnen oder draußen rühren können, ohne durch -eine Gewehrmündung vor seinem Kopf zum Stehen -gebracht zu werden. Webb und ich waren indes -jetzt weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span> -notwendigerweise in ziemlich krüppelhaftem -Zustande sein mußte, seitdem so viele von -den hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten -waren.</p> - -<p>Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, <em class="antiqua">B. B.</em> -zu fesseln und zu knebeln und somit fertig zu sein, -wenn die übrigen ankämen. Ungefähr ein viertel -nach eins in der Frühe schlich ich mich an der -Spitze von einem halben Dutzend kräftiger und beherzter -altgedienter Soldaten aus der Festung -heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, -dem die Hände auf den Rücken gebunden waren. -Ich sagte ihm, wir wären auf dem Weg nach -Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals -belogen und uns auf eine falsche Fährte gebracht, -so müsse er uns den richtigen Ort zeigen, -oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.</p> - -<p>Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung -aller Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In -der kleinen Schänkstube brannte ein Licht; sonst war -das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür -zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise -ein, die Türe hinter uns schließend. Dann zogen -wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran nach -der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span> -Lehnstuhl und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und -sagte ihm, er solle seine Stiefel ausziehen und uns -den Weg zeigen, dabei aber keinen Laut äußern. Er -gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich -in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns -zum Zimmer Nr. 166 voranzugehen. Wir stiegen -leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen hinan -und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu -seinem äußersten Ende. Dort war eine Tür, durch -deren matte Glasscheibe wir bemerkten, daß drinnen -ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in -der Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, -es wäre 166. Ich faßte den Türgriff an – die -Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte -ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl -zu; wir stemmten unsere breiten Schultern gegen -die Tür und sprengten sie mit einem einzigen Druck -aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir -undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag – -ich sah wie der Kopf sich der Kerze näherte; aus -ging das Licht, und wir standen in pechschwarzer -Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war -ich auf dem Bett und hielt den darin Liegenden -mit meinen Knieen nieder. Mein Gefangener wehrte -sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit meiner<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe -für meine Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver -heraus, spannte ihn und legte den kalten Lauf -zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:</p> - -<p>»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ -ihn sicher.«</p> - -<p>Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir -meinen Gefangenen an und – Himmeldonnerwetter! -es war ein junges Frauenzimmer.</p> - -<p>Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. -Ich kam mir ziemlich dämlich vor. Jeder von uns -sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als hätten -wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend -wirkte die Ueberraschung. Das junge -Frauenzimmer begann zu schreien und bedeckte sich -das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte -in demütigem Ton:</p> - -<p>»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht -recht ist, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«</p> - -<p>»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade -heute abend von Cincinnati ein klein bißchen krank -nach Hause gekommen.«</p> - -<p>»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder -gelogen! Das ist nicht die richtige Nr. 166, das<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -ist nicht <em class="antiqua">B. B.</em> Höre, Wicklow, jetzt wirst du uns die -richtige Nr. 166 finden, sonst – hallo! wo ist denn -der Junge?«</p> - -<p>Fort war er – das war bombensicher. Und noch -mehr, es gelang uns nicht, eine Spur von ihm zu -finden. Das war eine eklige Klemme! Ich verwünschte -meine Dummheit, daß ich ihn nicht an -einen von den Leuten angebunden hatte; aber es -hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu fluchen. Was -sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? – -Das war die Frage. Das Mädchen <em class="gesperrt">konnte</em> immerhin -doch <em class="antiqua">B. B.</em> sein. Ich glaubte das allerdings -nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen, Zweifel -für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine -Leute ein leeres Zimmer auf der anderen Seite des -Flurs gegenüber von Nr. 166 beziehen und befahl -ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere, -ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie -bis auf weiteren Befehl unter strenger Bewachung -zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort zurück, um -zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.</p> - -<p>Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb -in Ordnung. Ich blieb die ganze Nacht auf, um -sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich war unbeschreiblich -froh, als ich den Morgen dämmern sah<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -und an das Kriegsdepartement telegraphieren -konnte, daß die Sterne und Streifen noch immer -über Fort Trumbull wehten.</p> - -<p>Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. -Trotzdem ließ ich natürlich in meiner -Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag der -Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach -dem anderen vorführen und machte ihnen ganz gehörig -die Hölle heiß, um sie zum Gestehen zu bringen -– aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß -mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, -aber sie verrieten nichts.</p> - -<p>Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen -verschwundenen Jungen. Man hatte ihn um sechs -Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der -Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort -schickte ich einen Kavallerieleutnant mit einem -Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen von der -Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über -einen Zaun geklettert und schleppte sich ermattet quer -über eine morastige Wiese auf ein großes altmodisches -Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag. Sie ritten -durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen -Umweg und näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten -Seite. Dann stiegen sie ab und liefen<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span> -schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften -in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; -die Tür nach dem Vorder- oder Wohnzimmer stand -offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie eine -leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. -Sie blieben daher ehrfurchtsvoll stehen, und der -Leutnant streckte seinen Kopf vor und sah einen alten -Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des -Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende -war der alte Mann, und gerade als er mit seinem -Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die Vordertür -auf und trat ein. Die beiden alten Leute -sprangen auf ihn zu und umarmten ihn voll Zärtlichkeit -und riefen:</p> - -<p>»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! -Der Verlorene ist wiedergefunden. Der -tot war, ist wieder am Leben!«</p> - -<p>Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: -Die junge Kröte war da in dem Hause geboren und -aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht -weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor -vierzehn Tagen in meine Wohnung gestrolcht kam -und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte -an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies -Evangelium. Der alte Mann war sein Vater –<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe gesetzt -hatte, und die alte Dame war seine Mutter.</p> - -<p>Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie -der Junge auf seine Streiche verfallen war. Er -war, wie sich herausstellte, ein rasender Leser von -Schauergeschichten und Sensationszeitungen – -dunkle Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren -daher gerade so recht sein Fall. Er hatte in den -Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione fortwährend -in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten -von ihren grauslichen Absichten und von -den zwei oder drei aufregenden Heldentaten, die sie -wirklich ausführten, hatten auf seine Einbildungskraft -gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen -stand. Mehrere Monate lang war sein beständiger -Kamerad ein Yankeejüngling von großer Zungenbegabung -und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser -hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf -mehreren von den Dampfbooten gedient, die den -Verkehr von New Orleans zwei- oder dreihundert -Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln – daher -seine Gewandtheit in der Verwendung der Namen -und gewisser Einzelheiten, die sich auf jene Gegend -bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil von -Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span> -drei Monate zugebracht und ich wußte gerade genug, -um mit Leichtigkeit auf die Geschichten des Burschen -hineinzufallen, während hingegen ein geborener -Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten -bei seinem Schwindeln ertappt haben würde. -Und wissen Sie, warum er sagte, er wollte lieber -sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären? -Ganz einfach, weil er sie nicht erklären -<em class="gesperrt">konnte</em>. Sie hatten gar keine Bedeutung; er hatte -sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg -aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich -von ihm verlangt wurde, eine Erklärung davon -zu geben, da konnte er diese nicht so schnell erfinden. -So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer -Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis -nicht enthüllen – aus dem mehr als hinreichenden -Grunde, weil darin überhaupt nichts verborgen war; -es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer -Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, -es zu tun – denn seine Briefe waren sämtlich an -Personen geschrieben, die nur in seiner Phantasie -existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten -Bindfaden, denn er sah das Ding zum -erstenmal, als ich es ihm zeigte. Sobald er aber von -mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span> -war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen -Gemüt sofort zu Nutze und erzielte einige -schöne Effekte damit. Er erfand Herrn ›Gaylord‹; es -gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet -– das Haus war drei Monate vorher abgebrochen -worden. Er erfand den ›Oberst‹; er erfand die -mit glatter Zunge erzählten Geschichten der unglückseligen -Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. -Er erfand ›<em class="antiqua">B. B.</em>‹; er erfand sogar, sozusagen, -Nr. 166, denn er wußte nicht eher, daß -es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer -gab, als bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, -alles und jedes zu erfinden, wie es gerade erforderlich -war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des -Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, -die er im Hotel gesehen und deren Namen er zufällig -gehört hatte. Ah, er lebte in einer ungeheuerlichen, -geheimnisvollen, romantischen Welt während -dieser paar Tage, und ich glaube, für ihn war es -<em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> und er hatte an ihr seine Lust -bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.</p> - -<p>Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug -und wirklich endlose Scherereien. Sie begreifen: auf -seine Veranlassung hin hatten wir fünfzehn oder -zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. -Zum Teil waren die Verhafteten Soldaten und dergleichen -Leute, und denen gegenüber brauchte ich -mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren -Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der -Union, und so viele Entschuldigungen, wie die verlangten, -konnte ich gar nicht zu stande bringen! -Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und -machten einen unendlichen Lärm. Und dann die -beiden Damen – die eine war die Gemahlin eines -Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester -eines Bischofs aus dem Westen – na, <em class="gesperrt">der</em> verächtliche -Hohn und <em class="gesperrt">die</em> ärgerlichen Tränen, womit sie -mich überschütteten! Ich dachte mir gleich, die Damen -würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten -– und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch -so bleiben. Der lahme alte Herr mit der grünen -Brille war ein College-Vorsteher von der Universität -Philadelphia, der nach New London gekommen -war, um dem Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. -Er hatte natürlich Jung-Wicklow niemals -vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur -die Beerdigung und wurde als Rebellenspion ins -Loch gesteckt, sondern Wicklow war in meiner Wohnung -vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span> -als Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb -und Brandstifter aus der verruchtesten Schurkenhöhle -in Galveston bezeichnet, und das war etwas, -was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht -verdauen konnte.</p> - -<p>Und das Kriegsdepartement! – Aber du lieber -Gott, ziehen wir lieber den Vorhang darüber zu!</p> - -<div class="annot s90"> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em>: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, -und er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen Verhältnissen -hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen verleitet. -Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz hübschen Aufputz -geben – lassen wir sie stehen. Militärs werden darüber -lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht bemerken. Sie -haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt und sie genau -so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">M. T.</em> -</p> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Aus_den_London_Times">Aus den ›London Times‹ von 1904<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a><br /> -<img src="images/illu-249.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p> - -<h3>I.<br /> -Bericht der ›London Times‹.</h3> - -<p class="mright"> -Chicago, den 5. April 1904. -</p> - -<p>Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen -Bericht fort. Seit vielen Stunden hat -jetzt die ungeheure Stadt – und mit ihr natürlich -auch der übrige Teil des Erdballs – von nichts anderem -gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, -den ich in meinem letzten Bericht erwähnte. -Den Weisungen der Redaktion entsprechend will ich -jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, -vom Anfang bis zu dem Gipfelpunkt von gestern – -oder heute; nennen Sie den Tag wie Sie wollen. -Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber -in einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. -Die Eröffnungsszene spielt in Wien. Datum: ein<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span> -Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den -Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr -um Mitternacht zusammen mit den Militärattachés -der Britischen, der Italienischen und der -Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, -um zum Schluß noch eine späte Zigarre zu rauchen. -Dies sollte im Hause des Leutnants Hillyer, des -dritten von den oben genannten Attachés, vor sich -gehen. Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher -im Salon: den jungen Szczepanik; Herrn -K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W., -den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton -von der Armee der Vereinigten Staaten. Der Krieg -zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten drohte -damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton -war in militärischen Angelegenheiten nach Europa -geschickt worden. Den jungen Szczepanik und seine -beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton dagegen -nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West -Point getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur -Zeit, als General Merritt Kommandeur der Militärschule -war. Clayton galt für einen befähigten Offizier, -zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich -gerade in seinen Worten.</p> - -<p>Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span> -waren, waren zum Teil in geschäftlichen Angelegenheiten -erschienen. Dieses Gespräch betraf eine -Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen -Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen -Dienst. Es klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem -wahr, daß damals die Erfindung von keinem -Menschen ernst genommen wurde, außer vom Erfinder -selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, -betrachtete sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes -Spielzeug. Er war sogar so überzeugt hievon, -daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte, durch -welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr -bis zum Ende des zur Rüste gehenden Jahrhunderts -hinausgeschoben wurde; für zwei Jahre -hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes -einem Syndikat überlassen, das die Erfindung -auf der Pariser Weltausstellung auszubeuten gedachte. -Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden -wir Clayton und Szczepanik in einen in deutscher -Sprache geführten hitzigen Disput über das Telelektroskop -verwickelt. Clayton sagte gerade:</p> - -<p>»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung -darüber!« – und dabei schlug er nachdrucksvoll -mit der Faust auf den Tisch.</p> - -<p>»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!«<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span> -versetzte der junge Erfinder mit herausfordernder -Ruhe in Ton und Haltung.</p> - -<p>Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:</p> - -<p>»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie -Ihr Geld an eine solche Spielerei vergeuden. Ich -bin überzeugt, niemals wird der Tag erscheinen, wo -sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen -Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«</p> - -<p>»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe -ich mein Geld da hineingesteckt, und ich bin zufrieden, -daß ich’s getan habe. Ich glaube selber, daß es nur -Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine Erfindung -höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er -weiter blickt als ich – und zwar sowohl mit seinem -Telelektroskop als ohne dasselbe.«</p> - -<p>Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger -nicht ab, sie schien ihn im Gegenteil nur noch mehr zu -reizen, und er wiederholte in noch stärkeren Ausdrücken -seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die -Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing -wirklichen Nutzen bringen werde. Diesmal -sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹. -Dann legte er einen englischen Farthing auf den -Tisch und fuhr fort:</p> - -<p>»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span> -ein; und wenn der elektrische Fernseher jemals einem -Menschen einen wirklichen Dienst leistet – ich betone: -einen <em class="gesperrt">wirklichen</em> Dienst – so schicken Sie ihn mir -bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann -meine Worte zurücknehmen Wollen Sie?«</p> - -<p>»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in -die Tasche.</p> - -<p>Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann -eine höhnische Bemerkung, die er aber nicht zu -Ende brachte, denn Szczepanik unterbrach sie mit -einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar -darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen -die beiden Männer aus allen Kräften aufeinander -los, dann wurden sie von den Attachés getrennt …</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: -Herbst 1901. Sobald der Vertrag für die Pariser -Weltausstellung abgelaufen war, wurde der Fernseher -dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte -nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen -Welt angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte -›Fernsprecher für unbegrenzte Entfernungen‹ -eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem ganzen -Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen -werden, und Augenzeugen, die unzählige Meilen von<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span> -einander entfernt waren, konnten sich in bequem verständlicher -Weise über die Geschehnisse unterhalten.</p> - -<p>Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. -Clayton, der inzwischen Hauptmann geworden war, -stand dort in Garnison. Die beiden Männer nahmen -ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. -Dreimal gerieten sie an verschiedenen Orten aneinander -und mußten durch die Anwesenden getrennt -werden. Dann verstrichen zwei Monate, während -welcher Zeit Szczepanik von keinem seiner Bekannten -gesehen wurde; anfangs nahm man an, er habe eine -Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich -hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von -ihm. Darauf dachte man, er sei nach Europa zurückgekehrt. -Wieder verging einige Zeit, und man hörte -immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte -kein Mensch sich deswegen, denn er war wie die -meisten Erfinder und andere Dichtersleute: er folgte -in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und -pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.</p> - -<p>Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember -wurde in einem finstern und unbenutzten Raum des -Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins -von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt.<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span> -Bekannte Szczepaniks erklärten, es sei dieser. Der -Mann war eines gewaltsamen Todes gestorben. -Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses -Mordes vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach -in jeder Einzelheit und in völlig unanfechtbarer Weise -gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er sagte, ein -vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem -Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt -werden – und würde trotzdem sich irren! Clayton -schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in -keiner Weise daran beteiligt gewesen.</p> - -<p>Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, -zum Tode verurteilt. Er hatte zahlreiche und mächtige -Freunde, und sie gaben sich große Mühe, ihn zu -retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit -seiner Versicherung. Ich half nach meinen -schwachen Kräften mit, denn ich war jetzt seit langer -Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt -zu wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, -einen Feind in einen Winkel zu locken und dort zu -ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903 wurde -ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der -Strafe bewilligt; noch einmal wurde ihm zu Anfang -des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt und die Vollstreckung -des Urteils bis zum 31. März verschoben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span></p> - -<p>Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung -an in einer peinlichen Lage – denn Claytons -Gattin ist eine Nichte des Gouverneurs. Die -Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 -und das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe -war eine glückliche. Es ist ein Kind vorhanden, ein -dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der armen -Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern -den Mund; aber dies konnte nicht immer so -bleiben, denn in Amerika spricht bei allen Verhältnissen -die Politik mit – und allmählich begannen -des Gouverneurs politische Gegner die öffentliche -Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß in diesem Fall -dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen werde. -Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger -und immer deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs -eigne Parteigenossen dadurch nervös gemacht. -Die Führer der Partei fingen an sich in -Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen -mit dem Gouverneur zu halten. Dieser -befand sich jetzt zwischen zwei Feuern. Auf der -einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten -zu begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer -darauf, er müsse seine klare Pflicht als erster -Beamter des Staates erfüllen und dürfe Claytons<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span> -Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl -gewann in diesem Kampf die Oberhand, und der -Gouverneur gab sein Wort, er werde dem Verurteilten -keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war -vor zwei Wochen; Frau Clayton ging nun zum -Gouverneur und sagte ihm:</p> - -<p>»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine -letzte Hoffnung geschwunden, denn ich weiß, du wirst -es niemals zurücknehmen. Aber du hast für John -alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen -Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir -wissen, wenn du ihn in Ehren retten könntest, so -würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm gehen, ihm -beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis -zu der grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende -haben wird, so angenehm wie möglich machen. Du -wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s -nicht allein tragen lassen?«</p> - -<p>»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes -Kind, und ich will bis zum letzten Augenblick dir zur -Seite stehen.«</p> - -<p>Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt -jede von ihm gewünschte Annehmlichkeit gewährt, -die seinen Geist anregen und die Härten der Gefangenschaft -ihm mildern konnte. Tagsüber waren<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span> -Weib und Kind bei ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. -Er wurde aus der engen Zelle herausgebracht, -die er während einer so langen traurigen -Zeit bewohnt hatte, und erhielt die geräumige und -behaglich eingerichtete Wohnung des Oberaufsehers. -Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der Katastrophe -seines Lebens und mit dem abgeschlachteten -Erfinder, und so kam es ihm denn in den Sinn, er -möchte gern das Telelektroskop haben und sich damit -unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein Zimmer -wurde mit der internationalen Fernsprechstelle -verbunden, und Tag für Tag und Nacht für Nacht -rief er ein Erdenfleckchen nach dem andern an und -betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten -und sprach mit den Leuten dort und begriff, -daß er dank diesem wunderbaren Instrument fast so -frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als Gefangener -hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach -er mit mir, und ich unterbrach ihn niemals, wenn er -mit seiner Lieblingsunterhaltung beschäftigt war. Ich -saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, -und die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich -und angenehm in seiner Gesellschaft. Ab und zu -hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und dann -gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder:<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span> -»Bitte Melbourne.« Und ich rauchte und las in -aller Bequemlichkeit, während er fern in der Welt -auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, -wo die Sonne leuchtend am Himmel stand und die -Menschen ihrem Tagwerk nachgingen. Zuweilen interessierte -mich das Gespräch, das aus jenen fernen -Gegenden kam und vermöge des mit dem Fernseher -verbundenen Mikrophons in unsrem Zimmer -vernehmbar war, und dann hörte ich zu.</p> - -<p>Gestern – ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu -sprechen, und zwar aus gewissen, ganz natürlichen, -Gründen – gestern blieb das Instrument unbenutzt, -und das war ebenfalls natürlich, denn es war der -Tag vor der Hinrichtung. Er verging mit Weinen -und Wehklagen und Abschiednehmen. Der Gouverneur -und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts -um viertel nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, -schnitten einem ins Herz. Die Hinrichtung -sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz nach -elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die -stille Nacht, und draußen wurde es hell, und das Kind -rief: »Was ist das, Papa?« und lief ans Fenster, -ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die -Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh -was für ein hübsches Ding sie da machen!« Die<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span> -Mutter wußte, was sie machten – und sank in -Ohnmacht. Es war der Galgen!</p> - -<p>Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die -arme Frau, und Clayton und ich waren allein – -allein und brüteten über unseren Gedanken und -träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß -man uns hätte für Bildsäulen halten können. Es -war eine wilde Nacht draußen, denn der Winter war -noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, -wie es in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit -meistens der Fall ist. Der Himmel war sternenlos -und schwarz, und ein starker Wind blies vom See -her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle -Laute von draußen infolge des Gegensatzes übertrieben -stark erschienen. Diese Laute paßten zur -Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen; -sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen -Stößen über Dächer und Kamine, bis der Lärm -an den Wasserrinnen und Häuserecken zu einem Pfeifen -und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd -ein Hagelschauer an die Fensterscheiben – und dazu -fortwährend die schauerlichen gedämpften Hammerschläge -der Zimmerleute, die im Hofe den Galgen -aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer -Ewigkeit ein anderer Ton zu uns – aus weiter Ferne<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span> -und nur ganz schwach durch den Aufruhr des Sturmes -hindurchklingend – eine Glocke schlug zwölf! Wieder -eine Ewigkeit – dann schlug es abermals. Und dann -– noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange -Pause und dann tönte wiederum der Geisterklang zu -uns herüber: Eins! – Zwei! – Drei! – Und -diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig -Minuten zu leben!</p> - -<p>Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er -schaute hinaus in den schwarzen Himmel und horchte -auf das Prasseln des Hagels und das Pfeifen des -Windes. Dann sagte er: »Und <em class="gesperrt">das</em> sollten eines -Mannes letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und -nach einer kurzen Weile: »Ich muß noch einmal die -Sonne sehen – die Sonne!« Und im nächsten Augenblick -rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden -Sie mich mit China – Peking!«</p> - -<p>Ich selber war in seltsamer Aufregung und -dachte bei mir: »Wie unglaublich – ein gewöhnlicher -Mensch vollbringt dieses unermeßliche Wunder: -wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm -in Windstille, gibt einem Gefangenen in seiner Zelle -freien Verkehr mit dem ganzen großen Erdball und -läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis stirbt, -die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span></p> - -<p>Ich hörte dem Gespräch zu:</p> - -<p>»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche -Strahlenfülle! … Das ist Peking?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Welche Zeit?«</p> - -<p>»Mitten am Nachmittag.«</p> - -<p>»Was will die große Menge, was bedeuten die -prachtvollen Kleider? Welche Massen und Massen von -reicher Farbenpracht und barbarischem Glanz! Und -wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden -Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«</p> - -<p>»Die Krönung unseres neuen Kaisers – des -Zaren.«</p> - -<p>»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden -sollen.«</p> - -<p>»Unser ›heute‹ ist für Sie – ›gestern‹.«</p> - -<p>»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage -etwas verwirrt – aus guten Gründen … Ist dies -der Beginn des Festzugs?«</p> - -<p>»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich -in Bewegung zu setzen.«</p> - -<p>»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«</p> - -<p>»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. -Warum seufzen Sie?«</p> - -<p>»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p> - -<p>»Und warum können Sie das nicht?«</p> - -<p>»Ich muß gehen – gleich jetzt im Augenblick.«</p> - -<p>»Sie haben eine Verpflichtung?«</p> - -<p>Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine -Pause. Dann: »Wer sind die Leute unter dem prachtvollen -Zeltdach?«</p> - -<p>»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die -aus allen Gegenden der Welt als Gäste gekommen -sind.«</p> - -<p>»Und wer sind die anderen in den anstoßenden -Zelten zur Rechten und zur Linken?«</p> - -<p>»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien -und Gefolge; zur Linken Fremde ohne amtlichen -Charakter.«</p> - -<p>»Wenn Sie so gut sein wollen, ich …«</p> - -<p><em class="gesperrt">Bumm!</em> Wieder erscholl durch das Unwetter -von Sturm und Hagel die ferne Glocke und meldete -mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür -ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm -Mutter und Kind – die Frau im Witwengewand! -Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem -Gatten an die Brust und ich – ich mußte hinaus; -ich konnte es nicht ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer -und schloß die Tür. Dort saß ich und wartete -– wartete – wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span> -und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge -eine lange lange Zeit, dann hörte ich ein Geraschel -und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich -wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und -der Gefängniswärter eingetreten. Dann wurde leise -gesprochen; dann alles still; dann ein Gebet, mit -Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von -Schritten – der Aufbruch zum Schafott; und dann -noch des Kindes glückliche Stimme: »Ach weine doch -nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa -wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«</p> - -<p>Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte -mich; ich war des zum Sterben Bestimmten einziger -Freund, der keine geistige Kraft, keinen Mut -hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich -wollte ein Mann sein und auch hingehen. Aber -über uns selbst können wir nicht hinaus – können -es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.</p> - -<p>Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal -ging ich ans Fenster, öffnete es leise – von dem -fürchterlichen Bann erfaßt, den entsetzliche Ereignisse -ausüben – und sah auf den Hof hinunter. Bei dem -prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich -die kleine Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, -die an ihres Onkels Brust weinte, den Verurteilten,<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span> -der auf dem Schafott stand. Schon hatte er den -Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib -gebunden, die schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. -Der Sheriff an seiner Seite hielt die Hand am -Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig -und mit dem Buch in der Hand.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich bin die Auferstehung und das -Leben</em> –«</p> - -<p>Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit -anhören, ich konnte es nicht mit ansehen. Ich wußte -nicht, wohin ich ging und was ich tat. Mechanisch -und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige -Instrument, den elektrischen Fernseher – -und da war Peking und der Krönungszug des Zaren.</p> - -<p>Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem -Fenster hinaus – atemlos, nach Luft ringend. Ich -versuchte zu sprechen, aber ich war gerade infolge der -Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie -betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, -der ich so dringend Worte finden mußte …</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Und möge Gott Gnade haben mit -deiner Seele. Amen.</em>«</p> - -<p>Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter -und legte die Hand an den Hebel. Da fand ich -meine Stimme wieder!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span></p> - -<p>»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist -unschuldig. Kommt her und seht Szczepanik von -Angesicht zu Angesicht!«</p> - -<p>Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur -an meiner Stelle am Fenster und rief:</p> - -<p>»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin -frei!«</p> - -<p>Drei Minuten später waren alle wieder im -Zimmer. Der Leser wird sich die Szene vorstellen -können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es war -eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.</p> - -<p>Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem -Zuschauerzelt, und wir konnten sehen, wie ein angstvolles -Erstaunen sein Antlitz überzog, als er die -Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den -Apparat und sprach mit Clayton und dem Gouverneur -und anderen. Und die Frau dankte ihm mit -überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben -gerettet, und küßte ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit -über zwölftausend Meilen hinweg.</p> - -<p>Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball -traten in Tätigkeit, und viele Stunden lang -sprachen Könige und Königinnen – und ab und zu -auch ein Reporter – mit Szczepanik und priesen ihn; -und die wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span> -ihn noch nicht zum Ehrenmitglied erhoben hatten, -beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.</p> - -<p>Wie war es zugegangen, daß er aus unserer -Mitte verschwand? Dies war leicht erklärt. Er hatte -noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm zu -tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor -dem Glück, überall der Löwe des Tages zu sein, aus -dem Staube zu machen; denn dieses ›Glück‹ machte -jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ sich -also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, -verkleidete sich auch selbst noch ein bißchen, nahm -einen falschen Namen an und ging davon, um in -Frieden die Welt zu durchwandern.</p> - -<p>Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling -1898 mit einem unbedeutenden Streit in Wien -begann und im Frühling 1904 beinahe als Tragödie -geendet hätte.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>II.<br /> -Korrespondenz der ›London Times‹.</h3> -</div> - -<p class="mright"> -Chicago, den 1. April 1904. -</p> - -<p>Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem -elektrischen Eilschiff und vom Hafen ab mit der elektrischen -Eisenbahn befördert, ein Briefumschlag aus<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span> -Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer -Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. -Er ließ sich mit Wien verbinden, begrüßte Herrn K’s -wohlbekanntes Gesicht und sagte:</p> - -<p>»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles -auf meinem Antlitz lesen. Meine Frau hat den -Farthing. Seien Sie unbesorgt – sie wird ihn -nicht wegwerfen.«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>III.<br /> -Korrespondenz der ›London Times‹.</h3> -</div> - -<p class="mright"> -Chicago, den 23. April 1904. -</p> - -<p>Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls -Clayton‹ ihren Lauf genommen – und beendigt -haben, so will ich das Ganze kurz zusammenfassen. -Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen -Tode versetzte die ganze Gegend in einen -Zaubertaumel von freudiger Ueberraschung. Er hielt -die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte die -Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und -zu sagen: »<em class="gesperrt">Aber ein Mann wurde getötet</em> – -und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten: »Das -ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen;<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span> -wir haben uns von unserer Erregung zu weit -fortreißen lassen.«</p> - -<p>Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton -müsse noch einmal vor Gericht gestellt werden. Die nötigen -Maßnahmen wurden getroffen und es wurden die -erforderlichen Anträge in Washington gestellt; denn -in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, -der im Jahre 1889 der Verfassung hinzugefügt -wurde, Prozesse zweiter Instanz nicht in den Machtbereich -der Einzelstaaten, sondern es sind Nationalangelegenheiten, -und sie müssen vor die erhabene -Körperschaft des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof -der Vereinigten Staaten‹ gebracht werden. Die Richter -wurden also zur Tagung nach Chicago berufen. -Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den -üblichen eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die -neun Richter erschienen in ihren schwarzen Talaren -und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte den -Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und -sprach:</p> - -<p>»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: -Der Angeklagte war beschuldigt, einen gewissen -Szczepanik ermordet zu haben; er wurde wegen Ermordung -des Szczepanik vor Gericht gestellt; er -wurde wegen Ermordung des Szczepanik in aller<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span> -Form Rechtens schuldig gesprochen und zum Tode -verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik -überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung -der französischen Gerichtshöfe im Fall Dreyfus -steht es unbestreitbar fest, daß <em class="gesperrt">Entscheidungen -von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht -nachgeprüft werden können</em>. Wir sind gehalten, -diesen Präzedenzfall zu achten und uns zu -eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige -Gebäude der Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte -ist in aller Form Rechtens wegen Ermordung -des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, -und es gibt meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit -nur einen einzigen Weg, den wir einschlagen -können: er muß gehängt werden!«</p> - -<p>Richter Crawford sagte:</p> - -<p>»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat -auf dem Schafott begnadigt!«</p> - -<p>»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht -gültig sein, denn er wurde begnadigt wegen der Ermordung -Szczepaniks – eines Mannes, den er nicht -getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens -begnadigt werden, das er nicht begangen -hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«</p> - -<p>»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p> - -<p>»Das ist ein außerhalb der Sache liegender -Umstand; wir haben damit nichts zu tun. Der Gerichtshof -kann sich mit diesem Verbrechen nicht eher -beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt -hat.«</p> - -<p>Richter Halleck bemerkte:</p> - -<p>»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, -so werden wir damit nur einen Mißgriff -der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird -ihn abermals begnadigen.«</p> - -<p>»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er -kann keinen Menschen wegen eines Verbrechens begnadigen, -das dieser nicht begangen hat. Dies -würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit -sein.«</p> - -<p>Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte -Richter Wadsworth:</p> - -<p>»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, -Exzellenz, daß es ein Irrtum sein würde, den Angeklagten -wegen des an Szczepanik begangenen Mordes -zu henken anstatt wegen der Ermordung des -anderen Mannes; denn es ist bewiesen, daß er Szczepanik -nicht getötet hat.«</p> - -<p>»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik -tötete. Aus dem französischen Präzedenzfall<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span> -geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch des Gerichtshofes -verbleiben müssen.«</p> - -<p>»Aber Szczepanik lebt ja noch.«</p> - -<p>»Dreyfus auch.«</p> - -<p>Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, -den französischen Präzedenzfall zu ignorieren oder -ihn zu umgehen. Es war nur ein Ergebnis möglich: -Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies -bewirkte eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois -erhob sich wie <em class="gesperrt">ein</em> Mann und verlangte Claytons -Begnadigung und die <em class="gesperrt">Wiederaufnahme -seines Prozesses</em>. Der Gouverneur sprach die -Begnadigung aus, aber der Höchste Gerichtshof mußte -sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es, -und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.</p> - -<p>Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann -man in der Tat vom ganzen Staate sagen. Ganz -Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen -›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen -Offizierchen, die dies Ding erfanden und andere -Christenländer damit straften.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-274"> - <img src="images/illu-274.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Todeslos">Das Todeslos.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a><br /> -<img src="images/illu-275.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Nach einer wahren Begebenheit, die <em class="antiqua">Carlyle</em> in seinen -<em class="antiqua">Letters and Speeches of Oliver Cromwell</em> erwähnt.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">M. T.</em> -</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[277]</span></p> - -<p>Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst -Mayfar, der jüngste Offizier dieses Ranges im -Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, -aber trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest -und kriegsgewohnt, denn er hatte schon mit -17 Jahren seine militärische Laufbahn begonnen. -In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von -Stufe zu Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste -im Feld nicht nur die allgemeine Achtung, -in der er stand, sondern auch seine Stellung im -Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große -Sorge; ein Schatten war auf sein Glück gefallen.</p> - -<p>Der Winterabend war hereingebrochen; draußen -stürmte es in der Dunkelheit; drinnen ein melancholisches -Schweigen. Der Oberst und sein junges -Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, -hatten ihr abendliches Bibelkapitel gelesen und das -Abendgebet gesprochen. Jetzt blieb nichts mehr<span class="pagenum" id="Seite_278">[278]</span> -zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu -blicken und nachzudenken und – zu warten. Lange -würden sie nicht zu warten haben; das wußten sie, -und die Frau schauderte bei dem Gedanken.</p> - -<p>Sie hatten <em class="gesperrt">ein</em> Kind – Abby, 7 Jahre alt; -es war ihr Abgott. Sie wußten, es würde sogleich -zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst sagte:</p> - -<p>»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich -scheinen – ihr zulieb. Wir müssen für den Augenblick -vergessen, was uns bevorsteht.«</p> - -<p>»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, -ob ich den Gram in mein Herz verschließen kann, -ohne daß es bricht.«</p> - -<p>»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns -zu tragen bestimmt ist, mit Geduld, und nicht vergessen, -daß alles, was Er tut, wohl getan ist und -zu unserem Besten …«</p> - -<p>»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit -gläubiger Seele sprechen – ich wollte, ich könnte -es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich -das könnte! Aber der Gedanke, daß diese -liebe Hand, die ich zum letztenmal drücke und -küsse – – –«</p> - -<p>»Still, mein Schatz, sie kommt.«</p> - -<p>Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im -Nachtkleid zur Tür herein und sprang auf den<span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span> -Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte -und leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.</p> - -<p>»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg -küssen; du zerzausest mir meine Haare.«</p> - -<p>»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst -du mir, mein Liebling?«</p> - -<p>»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir <em class="gesperrt">wirklich</em> -leid? Tust du nicht bloß so, sondern bist -du im Ernst traurig darüber?«</p> - -<p>»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte -der Oberst, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen -und tat als ob er schluchzte. Das Kind erschrak -über diese tragische Wendung, die es verursacht -hatte, fing selber an zu weinen, mühte sich, dem -Vater die Hände von den Augen zu ziehen und rief:</p> - -<p>»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es -nicht bös gemeint; Abby will’s nie, nie wieder tun. -Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen -und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei -erspähte sie zufällig ein Auge hinter denselben und -rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar nicht -geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und -Abby geht jetzt zur Mama; die behandelt Abby besser.«</p> - -<p>Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber -ihr Vater schlang die Arme um sie und sagte: »Nein, -liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span> -aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid -– komm, laß ihn deine Tränen wegküssen – und -er bittet dich um Verzeihung, und will zur Strafe -alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle -weggeküßt und keine einzige Locke zerzaust – und -was Abby befiehlt – –«</p> - -<p>Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf -des Kindes Gesicht; es streichelte seinem Vater die -Backen und nannte die Strafe: – »Eine Geschichte, -eine Geschichte!«</p> - -<p>Horch!</p> - -<p>Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. -Schritte, kaum vernehmbar in dem Sausen des -Windes, kamen näher, immer näher … wurden -lauter … immer lauter, dann gingen sie vorbei -und erstarben in der Ferne. Die beiden Eltern -atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also -eine Geschichte? Eine lustige?«</p> - -<p>»Nein, Papa, eine schreckliche.«</p> - -<p>Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, -aber die Kleine bestand auf ihrem Recht, -daß der Papa alles tun sollte, was sie befehlen -würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und -hatte sein Wort gegeben – er sah, daß er es -halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir müssen -nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span> -sagt, daß die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. -Ist das wahr, Papa? Sie sagt so.«</p> - -<p>Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich -wieder schwer auf ihr Herz. Der Vater antwortete -freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz. Die -Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«</p> - -<p>»O, dann erzähle <em class="gesperrt">davon</em> eine Geschichte, -Papa, – eine recht schreckliche, so daß es uns allen -gruselt, als ob <em class="gesperrt">wir</em> es wären. Komm ganz dicht -hierher, Mama, und nimm eines von Abbys -Händchen. Weißt du, wenn’s dann zu schrecklich -wird, können wir es leichter aushalten, wenn wir -alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. -So Papa, jetzt kannst du anfangen.«</p> - -<p>»Nun also … es waren einmal drei Obersten …«</p> - -<p>»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was -Obersten sind, weil du auch einer bist, und ich kenne -ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«</p> - -<p>»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen -die Disziplin vergangen.«</p> - -<p>Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier -und Staunen sah es auf und sagte:</p> - -<p>»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«</p> - -<p>Die Eltern lachten beinahe, und der Vater -antwortete:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span></p> - -<p>»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie -überschritten ihre Befehle.«</p> - -<p>»Ist das etwas – – –«</p> - -<p>»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das -andere. Sie hatten den Befehl, in einer unglücklichen -Schlacht einen Scheinangriff auf eine feste -Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug -zu ermöglichen. Aber in ihrem Eifer überschritten -sie ihre Befehle, denn sie machten einen -wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im -Sturm und gewannen die Schlacht. Der Obergeneral -war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost -über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, -damit dort über ihr Leben vor Gericht entschieden -würde.«</p> - -<p>»Ist das er große General Cromwell, Papa?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»O, <em class="gesperrt">den</em> habe ich gesehen, Papa! Wenn er -so stolz auf seinem großen Pferd mit den Soldaten -bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er -ein Gesicht … so … ich weiß selbst nicht recht -wie, aber er sieht aus, als ob er unzufrieden wäre, -und man kann sehen, daß die Leute Angst vor ihm -haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn -mich hat er nicht so angesehen.«</p> - -<p>»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die<span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span> -Obersten wurden gefangen nach London gebracht -und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien -noch zum letztenmal …«</p> - -<p>Horch!</p> - -<p>Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen -abermals vorbei. Die Mutter lehnte ihren Kopf -an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu verbergen.</p> - -<p>»Sie sind heute morgen angekommen.«</p> - -<p>Die Augen des Kindes öffneten sich weit.</p> - -<p>»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine <em class="gesperrt">wahre</em> -Geschichte?«</p> - -<p>»Gewiß, Herzchen.«</p> - -<p>»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte -Papa, wie geht die Geschichte weiter? Ei Mama -… liebe Mama, weinst du denn?«</p> - -<p>»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an -die … an die armen Familien.«</p> - -<p>»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; -es wird noch alles gut werden, du wirst sehen; das -ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle -weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich -bis an ihr Ende. Nicht wahr, Mama, dann weinst -du nicht mehr? Papa, bitte erzähle weiter.«</p> - -<p>»Zuerst brachte man die Gefangenen in den -Tower, ehe man sie nach Hause gehen ließ.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span></p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> kenne den Tower! Wir können ihn von -hier aus sehen.«</p> - -<p>»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde -lang über sie zu Gericht und fand sie schuldig. Sie -wurden verurteilt, erschossen zu werden.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Tot</em>geschossen, Papa?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst -ja wieder; nicht weinen Mama! Die Geschichte -wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst -schon sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; -du erzählst nicht schnell genug.«</p> - -<p>»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, -daß ich mich so oft besinnen muß.«</p> - -<p>»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du -mußt immer weiter erzählen.«</p> - -<p>»Ja, mein Kind – diese drei Obersten …«</p> - -<p>»Kennst du sie, Papa?«</p> - -<p>»Ja, ich kenne sie.«</p> - -<p>»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich -habe alle Obersten so gern. Glaubst du, daß sie -sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme -zitterte ein wenig, als er antwortete:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Einer</em> von ihnen sicher. Komm’, küsse mich -statt seiner.«</p> - -<p>»Da Papa – – und diese zwei sind für die<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span> -beiden andern. Ich glaube doch, sie würden sich von -mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein Papa ist -auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz -ebenso gehandelt haben wie ihr, und so kann es -nichts Böses sein, mögen die Leute sagen, was sie -wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines -bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen -lassen, nicht wahr Papa?«</p> - -<p>»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«</p> - -<p>»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt -kommt gleich die Stelle, wo sie alle glücklich werden. -Papa, bitte erzähle weiter.«</p> - -<p>»Dann waren einige von ihnen traurig – -sie alle waren es; ich meine das Kriegsgericht. Und -sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie hätten -ihre Pflicht getan, – denn weißt du, es <em class="gesperrt">war</em> ihre -Pflicht – und jetzt bäten sie darum, daß zwei von -den Obersten begnadigt würden, und bloß einer erschossen -werden sollte. Das würde genügen, um -bei der Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der -Obergeneral war sehr streng und lehnte ihre Bitten -ab, denn wenn <em class="gesperrt">sie</em> ihre Pflicht getan und nach -ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle <em class="gesperrt">er</em> sich -seiner Pflicht auch nicht entziehen und seine -Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber erwiderten, -daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht<span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span> -auch tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden -und das hohe Vorrecht hätten, Gnade zu üben. -Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine -Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. -Dann hieß er sie warten und zog sich in sein Zimmer -zurück, um sich im Gebet bei Gott Rat zu erholen. -Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los -ziehen; einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«</p> - -<p>»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß -sterben? Ach, der arme Mann!«</p> - -<p>»Nein, sie haben sich geweigert.«</p> - -<p>»Sie wollen es nicht tun, Papa?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Weshalb nicht?«</p> - -<p>»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos -zöge, sich durch seine eigene freiwillige Handlung -zum Tod verurteilte und das sei nichts anderes -als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. -Sie aber seien Christen, und die Bibel verböte -ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese Antwort -schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, -sie seien bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts -vollstrecken.«</p> - -<p>»Was heißt denn das, Papa?«</p> - -<p>»Daß sie … daß sie alle erschossen werden.«</p> - -<p>Horch!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p> - -<p>Der Wind? Nein. Trapp – trapp – trapp -– r-r-rumbledibum, r-r-rumbledibum – – –</p> - -<p>»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«</p> - -<p>»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe -die Soldaten so gern! Darf ich ihnen aufmachen? -Bitte, bitte, Papa!«</p> - -<p>Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte -sie auf, indem sie vergnügt rief: »Kommt nur -herein, kommt nur herein! Abby macht euch auf. -Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere -kenn’ ich zu gut!«</p> - -<p>Die kleine Abteilung marschierte herein und -stellte sich in Linie auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier -grüßte, der verurteilte Oberst stand aufrecht da und -erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm, -totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen – -aber sonst verriet sie durch kein Zeichen ihren trostlosen -Jammer. Das Kind sah auf die Szene mit -leuchtenden Augen …</p> - -<p>Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und -Kind; dann der Befehl »zum Tower – Marsch!« -Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ -der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. -Dann schloß sich die Tür.</p> - -<p>»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich -habe dir’s ja immer gesagt, daß die Geschichte so<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span> -ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, -und da kann er die Obersten sehen. Er – – –«</p> - -<p>»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges -Ding! …«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen war die unglückliche Mutter -nicht imstande, das Bett zu verlassen. Aerzte und -barmherzige Schwestern saßen bei ihr und flüsterten -ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins -Zimmer kommen; man hatte ihr gesagt, sie solle -auf die Straße gehen und spielen – Mama sei -sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen -ging das Kind vors Haus und spielte eine Weile; -dann kam ihr der Gedanke, es sei doch sonderbar -und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im -Tower bliebe, während Mama so krank war. Sie -wollte mal nach Papa sehen.</p> - -<p>Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor -den Obergeneral. Aufrecht, mit finsterer Miene, -die Fingerknöchel auf den Tisch gestützt, stand er -da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde, -zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie -dringend ersucht, sich die Sache noch einmal zu -überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span> -bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. -Sie sind willens, zu sterben, aber nicht die Vorschriften -ihrer Religion zu übertreten.«</p> - -<p>Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, -jedoch er schwieg. Eine Zeitlang blieb er in Gedanken -versunken, dann sprach er: »Sie sollen nicht -alle sterben; das Los soll <em class="gesperrt">für sie gezogen -werden</em>.« Die Anwesenden vernahmen es voll -Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in dieses -Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit -dem Gesicht nach der Wand, die Hände hinter sich -gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da sind.«</p> - -<p>Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich -und gab einem Adjutanten den Befehl: »Bringen -Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das -draußen vorbei geht!«</p> - -<p>Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen -Offizier geschlossen, als er auch schon wieder zurückkam, -mit Abby an der Hand, auf deren Kleidern -der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne -Scheu auf das Staatsoberhaupt zu, bei dessen -bloßem Namen Fürsten und Könige zitterten; sie -kletterte ihm auf den Schoß und sagte:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Dich</em> kenne ich; du bist der Obergeneral; ich -habe dich schon gesehen, als du einmal an meinem -Haus vorbeigekommen bist. Alle hatten Furcht vor<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span> -dir, aber <em class="gesperrt">ich</em> nicht, weil du <em class="gesperrt">mich</em> nicht so bös -angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! -Ich hatte mein rotes Kleid an – das mit den -blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«</p> - -<p>Ein Lächeln ging durch die harten Züge des -Protektors, und er zögerte diplomatisch mit der -Antwort.</p> - -<p>»Ja, doch … ich muß mich besinnen, … -es war …«</p> - -<p>»Ich stand gerade vor dem Haus, vor -<em class="gesperrt">meinem</em> Haus, weißt du.«</p> - -<p>»Hm! … du liebes kleines Ding, es ist ja -eine Schande, aber ich weiß wirklich …«</p> - -<p>Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:</p> - -<p>»Ach, du hast es <em class="gesperrt">doch</em> vergessen. Aber <em class="gesperrt">ich</em> -nicht.«</p> - -<p>»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber -jetzt will ich dich gewiß nicht mehr vergessen, auf -mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und wir -wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«</p> - -<p>»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie -du mich hast vergessen können. Du mußt recht -vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal; -meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe -dir, denn ich glaube, du bist doch gut, ebenso gut -wie … aber du mußt mich besser auf deinen Schoß<span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span> -setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa – -es ist kalt.«</p> - -<p>»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du -kleine neue Freundin; von jetzt ab bist du dann -meine <em class="gesperrt">alte</em> Freundin, nicht wahr? Du erinnerst -mich an mein kleines Mädchen – jetzt ist -es freilich schon lange nicht mehr klein – aber -es war ein liebes, süßes, zierliches kleines Dingelchen -und hatte denselben Zauberreiz wie du, du -kleine Fee. Mit deinem holdseligen Vertrauen zu -jedermann, ob Freund oder Fremder, machst du -alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann -fällt. So wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen -Armen, vertrieb mir die Müdigkeit und Sorge aus -dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie -du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. -Es ist lange, lange her, daß dieser -Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist -im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt -wieder; – nimm dafür den Segen eines Mühseligen -und Beladenen, du kleines Ding, das mir -Last und Sorge für England abnimmt, dieweil ich -ruhe.«</p> - -<p>»Hast du sie arg, arg, <em class="gesperrt">arg</em> gerne gehabt?«</p> - -<p>»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur -zu befehlen, und ich gehorchte!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span></p> - -<p>»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«</p> - -<p>»Von ganzem Herzen … ich bin sogar stolz -darauf. Da – der ist für dich … und der ist für -sie. Du hast mich darum gebeten, und du hättest -es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre -Stelle, und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«</p> - -<p>Das Kind klatschte in die Hände vor Freude -über diese neue Machtstellung, dann schlug ein Geräusch -an ihr Ohr: der gleichmäßige Schritt marschierender -Männer.</p> - -<p>»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so -gerne sehen.«</p> - -<p>»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte -einen Augenblick, ich habe einen Auftrag für dich.«</p> - -<p>Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die -Verurteilten sind zur Stelle, Sir.« Dann grüßte -er wieder und ging.</p> - -<p>Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine -Kugeln aus Siegelwachs. Zwei davon waren weiß -und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie erhielt, -zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne -rote! Sind die alle für mich?«</p> - -<p>»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. -Die Türe dort, die der Vorhang verdeckt, ist offen, -gehe hindurch in das anstoßende Zimmer; dort -wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen,<span class="pagenum" id="Seite_293">[293]</span> -mit den Händen auf dem Rücken, – so – und -jeder hält eine Hand offen, wie eine Schale. In -jede von den drei offenen Händen lege eine von -diesen Kugeln und komme dann zurück zu mir.«</p> - -<p>Abby verschwand hinter dem Vorhang und der -Protektor blieb allein. Er sagte mit heiliger Ehrfurcht: -»In meiner Verwirrung kam mir dieser -Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige -Hilfe ist denen, die bedrängt sind und seinen Beistand -suchen. Er weiß, auf wen die Wahl fallen -soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, -damit sein Wille geschehe. Wir Menschen -können irren, aber Er irret nie. Wunderbar sind -Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit … -gelobet sei sein heiliger Name!«</p> - -<p>Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich -fallen ließ, betrachtete sie einen Augenblick mit lebhafter -Neugier das Zimmer, die unbeweglichen Gestalten -der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann -glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte -bei sich: »Einer davon ist Papa; ich kenne ihn -von hinten. Er soll die schönste haben!« Vergnügt -lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen -Hände; dann wandte sie, unter dem Arm ihres -Vaters hindurchguckend, diesem ihr lachendes Gesicht -zu und rief:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[294]</span></p> - -<p>»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen -hast. <em class="gesperrt">Ich</em> habe es dir gegeben!«</p> - -<p>Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle -Gabe, sank in die Kniee und drückte, überwältigt -von Liebe und Leid, die unschuldige kleine Vollstreckerin -seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, -Offiziere, die beiden begnadigten Obersten, alle -standen einen Augenblick wie gelähmt von der Ungeheuerlichkeit -dieser Tragödie, dann aber übermannte -sie die Rührung über den jammervollen -Auftritt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und -sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches, -tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, -dann ging der Offizier der Wache mit Widerstreben -auf seinen Gefangenen zu, berührte ihn -an der Schulter und sagte in sanftem Ton:</p> - -<p>»So leid es mir tut, Sir … aber meine -Pflicht gebietet mir.«</p> - -<p>»Gebietet was?« fragte das Kind.</p> - -<p>»Ich muß ihn wegführen …«</p> - -<p>»Wegführen? Wohin denn?«</p> - -<p>»Nach … nach … Gott stehe mir bei! … -nach einem anderen Teil der Festung.«</p> - -<p>»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama -ist krank und ich hole ihn nach Haus.«</p> - -<p>Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater<span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span> -auf den Rücken, indem sie ihre Arme um seinen -Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«</p> - -<p>»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß -mit ihm gehen.« Das Kind sprang zu Boden und -sah verwundert um sich. Dann lief es auf den -Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich -auf den Boden und rief:</p> - -<p>»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama -krank ist, und du hast es wohl gehört. Laß’ <em class="gesperrt">ihn</em> -gehen – du <em class="gesperrt">mußt</em>!«</p> - -<p>»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber -ich kann nicht anders, ich muß ihn wegführen. -Achtung, Wache! … das Gewehr über! …«</p> - -<p>Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im -nächsten Augenblick kam sie wieder, den Obergeneral -an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser -gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, -die Offiziere grüßten und die Wache salutierte.</p> - -<p>»Befiehl du es ihnen! – Meine Mama ist krank -und braucht meinen Papa; ich hab’s ihnen <em class="gesperrt">gesagt</em>, -aber sie hören gar nicht auf mich und wollen -ihn fortführen.«</p> - -<p>Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Dein</em> Papa, Kind? Ist das dein Papa?«</p> - -<p>»Natürlich! Das war <em class="gesperrt">immer</em> mein Papa. -Würde ich wohl sonst die hübsche rote Kugel ihm<span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span> -und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn -nicht so lieb hätte? Gewiß nicht!«</p> - -<p>Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, -und er sagte:</p> - -<p>»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke -habe ich das Grausamste begangen, das je ein Mensch -tat – und keine Hilfe, keine Hilfe! Was soll ich, -was kann ich tun?«</p> - -<p>Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: -»Du kannst ihnen doch befehlen, daß sie ihn gehen -lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So sage -es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe -nur befehlen, und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, -du sollest etwas tun, tust du es doch nicht!«</p> - -<p>Ein milder Schimmer breitete sich über das -rauhe Gesicht des alten Kriegers. Er legte seine -Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin und -sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden -Zufall dieses gedankenlosen Versprechens; und -Heil dir, daß du, von Ihm geleitet, mich daran -erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein -Kind! Wache! Gehorcht ihrem Befehl, – sie -spricht durch meinen Mund. Der Gefangene ist -begnadigt; gebt ihn frei!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-296"> - <img src="images/illu-296.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwei_kleine_Geschichten">Zwei kleine Geschichten.<br /> -<img src="images/illu-297.jpg" alt="Dekoration" /></h2> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span></p> - -<h3>Erste Geschichte:<br /> -Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.</h3> - -<p>Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des -Jahres 1900, besuchte mich nachmittags ein -Freund hier in London. Wir sind beide in dem -Alter, wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und -sich etwas erzählen, weniger von den Annehmlichkeiten -des Lebens sprechen, als von dessen Widerwärtigkeiten, -und allmählich fing mein Freund an, -auf das Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte -sich heraus, daß ein Freund von ihm etwas erfunden -hatte, das für die Soldaten in Südafrika von großem -Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr -billiger Stiefel, der vollständig wasserdicht war und -bei Regenwetter seine Form und Festigkeit behielt. -Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der Regierung -hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter -Mann und wußte, daß die hohen Beamten<span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span> -einer Mitteilung von ihm keine Beachtung schenken -würden.</p> - -<p>»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war -– wie wir’s ja alle sind,« sagte ich unterbrechend -»Doch erzählen Sie nur weiter!«</p> - -<p>»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? -Der Mann sprach die Wahrheit.«</p> - -<p>»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur -weiter.«</p> - -<p>»Ich will Ihnen <em class="gesperrt">beweisen</em>, daß er …«</p> - -<p>»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr -alt und sehr weise. Sie müssen nicht mit mir rechten -wollen; das ist unehrerbietig und beleidigend. Fahren -Sie, bitte, fort.«</p> - -<p>»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich -bin nicht unbekannt und doch war selbst <em class="gesperrt">ich</em> nicht -imstande, die Mitteilung meines Freundes beim -Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«</p> - -<p>»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur -weiter.«</p> - -<p>»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß -es mir nicht gelang.«</p> - -<p>»O gewiß. <em class="gesperrt">Das</em> wußte ich. Sie brauchten mir -das gar nicht zu sagen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p> - -<p>»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«</p> - -<p>»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie -<em class="gesperrt">nicht imstande</em> waren, die sofortige Aufmerksamkeit -des Generaldirektors auf die Mitteilung Ihres -Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie -<em class="gesperrt">hätten</em> seine sofortige Aufmerksamkeit auf die -Sache erreichen können.«</p> - -<p>»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht -konnte. In Zeit von drei Monaten ist es mir -nicht gelungen.«</p> - -<p>»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar -nicht zu erzählen. Aber Sie <em class="gesperrt">hätten</em> sofortige Beachtung -gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige -Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr -Freund können.«</p> - -<p>»Ich <em class="gesperrt">habe</em> es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«</p> - -<p>»Das haben Sie nicht.«</p> - -<p>»Was wissen denn <em class="gesperrt">Sie</em>? Was wissen Sie -denn über die näheren Umstände?«</p> - -<p>»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie -haben die Sache nicht auf vernünftige Weise angefangen. -Soviel ist sicher.«</p> - -<p>»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht -wissen, welche Methode ich anwandte?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span></p> - -<p>»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der -ist mir Beweis genug. Sie sind unvernünftigerweise -vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w …«</p> - -<p>»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen -erzählen, <em class="gesperrt">wie</em> ich zu Werke ging? Ich glaube das -wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«</p> - -<p>»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn -Ihnen so sehr daran liegt, sich zu blamieren, so -erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr -alt …«</p> - -<p>»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und -schrieb einen sehr höflichen Brief an den Generaldirektor -des Schuhleder-Departements, in dem ich -ihm auseinanders …«</p> - -<p>»Kennen Sie ihn persönlich?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben -unvernünftig angefangen. Bitte weiter.«</p> - -<p>»In dem Brief legte ich den großen Wert und -die große Billigkeit der Erfindung dar, und bot -mich an …«</p> - -<p>»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein -zweiter Punkt gegen Sie. Ich bin s …«</p> - -<p>»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«</p> - -<p>»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span></p> - -<p>»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte -für meine Mühe und schlug mir …«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Nichts</em> vor.«</p> - -<p>»Ganz richtig; er schlug mir – gar nichts -vor. Dann schrieb ich ihm einen sorgsam ausgearbeiteten -Brief und …«</p> - -<p>»Punkt drei …«</p> - -<p>»… bekam überhaupt keine Antwort. Nach -Ablauf einer Woche bat ich dann schriftlich mit -einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort -auf den Brief.«</p> - -<p>»Vier. Weiter.«</p> - -<p>»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei -nicht angekommen, und man bitte um eine Abschrift -desselben. Ich reklamierte bei der Post und es stellte -sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen -war; aber ich sagte nichts und schickte -eine Abschrift ab. Zwei Wochen verstrichen ohne -weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich -mich wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur -für höfliche Briefe. Ich schrieb abermals und erbot -mich, am folgenden Tag persönliche Rücksprache zu -nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, -so nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[304]</span></p> - -<p>»Fünfter Punkt für mich.«</p> - -<p>»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen -Stuhl angeboten mit der Weisung, zu warten. Ich -wartete bis halb Zwei; dann ging ich weg, ärgerlich -und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche -um mich abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz -für den nächsten Mittag.«</p> - -<p>»Punkt sechs.«</p> - -<p>»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich -und hielt bis halb Drei einen Stuhl warm. -Dann ging ich fort und schüttelte den Staub dieses -Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. -Was Grobheit, Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit -gegenüber den Interessen der Armee anbelangt, -so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements -nach meiner Ans …«</p> - -<p>»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe -viele anscheinend gescheite Leute gesehen, die nicht -genug gesunden Menschenverstand hatten, um eine -so einfache und leichte Sache wie diese richtig anzufassen. -Sie sind für mich nichts Neues; ich habe -persönlich Millionen und Billionen von Menschen -gekannt wie Sie. Sie haben ganz unnötig drei -Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate -verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren<span class="pagenum" id="Seite_305">[305]</span> -– macht zusammen neun Monate. Jetzt will -ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die ich -gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie -morgen mittag beim Generaldirektor vorsprechen, -und Ihre Sache durchführen.«</p> - -<p>»Famos! Kennen Sie ihn?«</p> - -<p>»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>Zweite Geschichte:<br /> -Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.</h3> -</div> - -<h4>I.</h4> - -<p>Der Sommer war gekommen und die Starken -gingen gebeugt unter der Last der furchtbaren Hitze -und viele von den Schwachen waren zusammengebrochen -und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, -die Geißel des Krieges, und Hilfe war -keine zu erwarten. Die Aerzte waren in Verzweiflung; -der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien -– und er war immer ein recht zweifelhafter -gewesen – war ein Ding der Vergangenheit und -zwar für immer, wie es schien.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[306]</span></p> - -<p>Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, -zu einer Beratung vor ihm zu erscheinen, denn er -befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng -mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, -daß sie seine Soldaten sterben ließen und fragte sie, -ob sie ihr Geschäft verstünden oder nicht, und ob sie -wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder. Der -Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im -Reich war und von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, -antwortete darauf und sagte:</p> - -<p>»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was -wir konnten, und deshalb ist es nur wenig. Keine -Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen; -nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen -das. Ich bin alt und ich weiß es. Kein Arzt und -keine Arzenei können sie heilen – ich wiederhole -es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie -der Natur ein wenig helfen würden – ein ganz -klein wenig – aber in der Regel schaden sie bloß.«</p> - -<p>Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher -Mensch und überschüttete die Aerzte -mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie von -seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst -von der grausamen Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht -flog von Mund zu Mund und brachte<span class="pagenum" id="Seite_307">[307]</span> -Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde -von nichts anderem gesprochen, als von dem betrübenden -Unglück, und alle Gemüter waren niedergedrückt, -denn nur wenige hatten Hoffnung. Der -Sultan selbst war sehr melancholisch und sagte:</p> - -<p>»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die -Massenmörder wieder; ich will mich drein fügen.«</p> - -<p>Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen -seine Zunge und holten ihren Arzeneivorrat, -den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie sich -geduldig nieder und warteten – denn sie wurden -nicht pro Fall bezahlt, sondern erhielten ein jährliches -Gehalt.</p> - -<h4>II.</h4> - -<p>Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, -aber er gehörte nicht zur Gesellschaft; dazu war -sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung zu -gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller -Beschäftigungen, denn er war bloß der Gehilfe seines -Vaters, welcher Kotgruben leerte und nachts in -einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets -bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein -schmächtiger kleiner Kerl von vierzehn Jahren, ehrbar,<span class="pagenum" id="Seite_308">[308]</span> -fleißig und von gutem Herzen, denn er unterstützte -seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände -Arbeit.</p> - -<p>Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan -erkrankt war, begegneten sich diese zwei Burschen -eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war auf -dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht -in seinen Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen -Arbeitsanzug, und roch nicht eben nach Rosenwasser. -Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter, -mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen -Lötofen bei sich und seinen Lötkolben nebst Hammer -und Blechschere.</p> - -<p>Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen -natürlich über das Unglück des Reiches und die -Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja von -etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen -Plan und brannte darauf, ihn seinem Freund -mitzuteilen. Er sprach:</p> - -<p>»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich -weiß wie.«</p> - -<p>Achmet war überrascht.</p> - -<p>»Was! Du?«</p> - -<p>»Ja, ich.«</p> - -<p>»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[309]</span></p> - -<p>»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn -Minuten kann ich ihn heilen.«</p> - -<p>Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen -Spaß glauben konnte. Deshalb sagte er:</p> - -<p>»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du -wirklich den Sultan heilen?«</p> - -<p>»Ich gebe dir mein Wort.«</p> - -<p>»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«</p> - -<p>»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von -einer reifen Wassermelone essen.«</p> - -<p>Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er -lachte laut auf über die Absurdität dieses Gedankens, -ehe er noch an sich halten konnte. Aber sein Lachen -verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit -gekränkt hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, -und sagte:</p> - -<p>»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; -es war gewiß nicht bös gemeint, und ich will’s -nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so furchtbar -spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist -und die Ruhr, da pflanzen die Aerzte ein Zeichen -auf, welches besagt, daß jedermann, den man hier -mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen -Katze zu Tode gepeitscht wird.«</p> - -<p>»Ich weiß – diese Narren!« sagte Ali, Tränen<span class="pagenum" id="Seite_310">[310]</span> -und Aerger in der Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen -und nicht ein einziger von all den Soldaten -hätte es nötig gehabt, zu sterben.«</p> - -<p>»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«</p> - -<p>»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. -Kennst du den alten grauköpfigen Neger? Der hat -schon eine Menge von unsern Freunden geheilt; -das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich -auch. Man braucht nur eine oder zwei Scheiben -Wassermelone zu essen und man ist kuriert, einerlei -ob die Krankheit alt oder neu ist.«</p> - -<p>»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so -ist, so sollte man’s dem Sultan doch sagen.«</p> - -<p>»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen -Leuten gesagt, in der Hoffnung, sie könnten -es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und -wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es -der Sultan erfährt.«</p> - -<p>»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht -wissen,« sagte Achmet verächtlich. »<em class="gesperrt">Ich</em> will es ihm -sagen.«</p> - -<p>»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali -lachen. Aber Achmet erwiderte mit Ueberzeugung:</p> - -<p>»Lache du nur; <em class="gesperrt">ich</em> tu’s.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[311]</span></p> - -<p>Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf -Ali machte und dieser frug:</p> - -<p>»Kennst du den Sultan?«</p> - -<p>»Ob <em class="gesperrt">ich</em> ihn kenne? Wie du wieder redest! -Ich kenne ihn freilich nicht.«</p> - -<p>»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan -sagen willst?«</p> - -<p>»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest -du es denn anfangen?«</p> - -<p>»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von -einem Schreiber einen Brief schreiben. Den würde -ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt nicht -daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«</p> - -<p>»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im -ganzen Reich macht es ebenso. Hast du denn daran -gar nicht gedacht?«</p> - -<p>»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.</p> - -<p>»Du hättest daran denken <em class="gesperrt">können</em>, wenn du -nicht so jung und unerfahren wärest. Weißt du, -wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein Dichter, -oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen -bekannt ist, krank wird, so empfehlen alle Narren -ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien zur Anwendung. -Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber -handelt …«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[312]</span></p> - -<p>»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte -Ali etwas verlegen.</p> - -<p>»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht -führen wir unsere fünf, sechs Karren voll solcher -Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes fort. Achtzigtausend -Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, -daß die überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! -Mit deinem Brief würde es gerade so gehen. -Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den -zu des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«</p> - -<p>»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen -wirst,« bat Ali.</p> - -<p>Achmet fühlte sich und hub an:</p> - -<p>»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das -sich einbildet, ein Schlächter zu sein, weil es mit -einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und halbverfaulte -Lebern verkäuft? Dem werde ich es <em class="gesperrt">zunächst</em> -sagen.«</p> - -<p>Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.</p> - -<p>»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; -das ist nicht schön von dir. Du weißt doch, daß -mir die Sache am Herzen liegt.«</p> - -<p>Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und -sagte:</p> - -<p>»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali.<span class="pagenum" id="Seite_313">[313]</span> -<em class="gesperrt">Ich</em> weiß, was ich will. Du wirst es schon sehen. -Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten Krüppel -erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke -verkäuft – das ist sein bester Freund – wenn ich -ihn darum bitte. Der wiederum wird es seinem -reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, -und der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; -und der erzählt es seinem Freund von -der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der -dem Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi -dem Mudir, der Mudir dem Oberst von der Leibwache, -der läuft zu seinem Freund, dem …«</p> - -<p>»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller -Plan, Achmet. Wie kamst du nur auf …«</p> - -<p>»… Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral -erzählt es dem Vize-Admiral, und der Vize-Admiral -dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem -Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral -beider Flotten, und der dem Wesir, und der -Wesir dem …«</p> - -<p>»Weiter, Achmet, weiter!«</p> - -<p>»… Scharfrichter, und der erzählt es dem -Ober-Scharfrichter, und der dem Pascha, und der Pascha -dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister, -und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall,<span class="pagenum" id="Seite_314">[314]</span> -der Hofmarschall dem Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister -dem Ober-Küchenmeister, dieser erzählt es -dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen, -und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen -jungen Lieblingssklaven des Sultans, der ihm die -Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor dem -Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, – und -das Spiel ist gewonnen.«</p> - -<p>Ali war aufgesprungen.</p> - -<p>»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser -hatte. Wie kamst du nur darauf?«</p> - -<p>»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; -ich will dir ein Körnlein Weisheit schenken, behalte -es solange du lebst. Nun denn, wer ist dein bester -Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen -möchtest und könntest?«</p> - -<p>»Der bist du, Achmet, das weißt du.«</p> - -<p>»Angenommen, du hättest eine ziemlich große -Gefälligkeit von dem Katzenfleisch-Händler zu erbitten. -Nun kennst du ihn aber nicht, und er -würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten -wolltest, denn er ist nun mal so ein Kauz. Aber -er ist mein bester Freund nach dir, und würde sich -die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, -– <em class="gesperrt">jeden</em> Gefallen, ganz einerlei welchen.<span class="pagenum" id="Seite_315">[315]</span> -Jetzt frage ich dich: Was ist vernünftiger – wenn -<em class="gesperrt">du</em> zu ihm gehst und ihn bittest, er solle dem Krapfenmann -von deiner Melonenkur erzählen, oder -wenn du zu <em class="gesperrt">mir</em> kommst, damit <em class="gesperrt">ich</em> ihn für dich -bitte?«</p> - -<p>»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es -für mich tust. Ich hätte wirklich nie daran gedacht, -Achmet; es ist großartig!«</p> - -<p>»Es ist eine <em class="gesperrt">Lebensweisheit</em>. Sie beruht -darauf: Jedermann auf dieser Welt, groß oder klein, -mächtig oder nicht, hat <em class="gesperrt">einen</em> speziellen Freund, -einen Freund, dem er mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em> behilflich -ist – nicht mit Widerwillen, sondern mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em> -– mit Vergnügen bis ins Innerste. Und -so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei -jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du -noch so niedrig. Es ist ja so einfach: Du brauchst -nur den <em class="gesperrt">ersten</em> Freund zu finden, das ist alles; -damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. -Er findet dann den nächsten Freund schon von selbst, -und dieser findet den dritten, und so fort, Freund -nach Freund, Glied nach Glied, wie bei einer Kette; -diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie -du willst oder so tief wie du willst.«</p> - -<p>»Das ist herrlich, Achmet!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[316]</span></p> - -<p>»Es <em class="gesperrt">ist</em> so leicht und einfach, wie einen Esel -zu prügeln; aber hast du je gehört, daß jemand -danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist ein -Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche -Einführung, oder schickt ihm einen Brief, -und erreicht natürlich nichts, – und das geschieht -ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, -aber das verschlägt mir nichts. Morgen wird er -seine Wassermelone essen; du wirst sehen. Hallo! -Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn -einholen. Allah beschütze dich, Ali!«</p> - -<p>Er holte ihn ein und sagte:</p> - -<p>»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«</p> - -<p>»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum -batest? Sage mir, was ich tun soll und ich -werde eilen, wie der Wind.«</p> - -<p>»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles -stehen und liegen lassen und seinem besten Freund -mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann, wenn -er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. -Und dieser Freund soll es <em class="gesperrt">seinem</em> besten Freund -weitersagen und so fort, – bis zum Sultan.« Der -Katzenfleischverkäufer flog davon.</p> - -<p>In diesem Augenblick war die frohe Botschaft -des kleinen Kesselflickers an den Sultan unterwegs.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[317]</span></p> - -<h4>III.</h4> - -<p>Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die -Aerzte im Krankenzimmer des Sultans und flüsterten -leise miteinander, denn sie waren in großer -Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie -konnten es sich nicht verhehlen, daß, so oft sie ihn -mit einer neuen Quantität Arzeneien auffüllten, -sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte -sie traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme -abgezehrte Sultan lag bewegungslos da mit geschlossenen -Augen, und sein Lieblingssklave, der ihm -die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin. -Da hörte der Knabe einen seidenen Vorhang hinter -sich rauschen, drehte sich um und gewahrte den Ober-Eunuchen, -der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu -kommen. Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich -der Sklave zu seinem geliebten Freund, welcher sagte:</p> - -<p>»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind, -denn du bist des Sultans Liebling. Nimm dies hier. -Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.«</p> - -<p>»Bei Allah, er wird es essen.«</p> - -<p>Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone, -frisch und saftig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[318]</span></p> - -<h4>IV.</h4> - -<p>Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen -die Nachricht, daß der Sultan wieder wohl -und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die -Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge -wälzte sich über das ganze Land, und man -rüstete sich zu einem großen Jubelfest.</p> - -<p>Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem -Diwan und überlegte. Seine Dankbarkeit war -unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk nach, -das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit -darzutun. Er rief seinen kleinen Sklaven, -und fragte ihn, ob er die Kur erfunden hätte. Der -Knabe sagte nein, – er hätte sie vom Ober-Eunuchen -erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der -Sultan überlegte wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen -den Palast und die Ländereien eines Paschas -schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie -ihm dessen jährliches Einkommen anweisen. Er ließ -ihn rufen, und fragte ihn, ob er der Erfinder des -Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein ehrlicher -Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister -des Harems erfahren. Er wurde weggeschickt -und der Sultan überlegte von neuem. Er könnte<span class="pagenum" id="Seite_319">[319]</span> -den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister -an seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier -Pferde aus seinem Stall zum Geschenk bekommen. -Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den Ober-Küchenmeister -verwiesen. Abermals überlegte der -Sultan, und dachte sich ein geringeres Geschenk aus. -Der Koch aber verwies ihn an den Ober-Stallmeister -und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal mußte -der arme Sultan wieder überlegen und sich ein -kleineres Geschenk ausdenken.</p> - -<p>Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die -Sache zu beschleunigen, ließ er seinen Hohen Geheimen -Ober-Detektive kommen, und befahl ihm, herauszufinden, -wer die Melonenkur erfunden hätte, damit -er seinen Wohltäter nach Gebühr belohnen könne.</p> - -<p>Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder. -Er hatte der ganzen langen Kette von Freunden -nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen, -Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan -sagte mit tiefem Gefühl:</p> - -<p>»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben -gerettet und soll es nicht bereuen.«</p> - -<p>Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen -Schuhe, und zwar das zweitbeste Paar, das er besaß. -Sie waren zu groß für den kleinen Ali, aber<span class="pagenum" id="Seite_320">[320]</span> -sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so -war alles gut und der rechte Mann belohnt.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h3>Schluß der ersten Erzählung.</h3> -</div> - -<p>»Nun – haben Sie die Idee ergriffen?«</p> - -<p>»Zu meiner Freude kann ich Sie dessen versichern. -Und so wie Sie sagten, wird es geschehen: -morgen werde ich die Sache meines Freundes durchführen. -Ich bin eng befreundet mit des Generaldirektors -bestem Freund. Der wird mir einige Zeilen -zur Einführung schreiben und betonen, daß die Erfindung -tatsächlich für die Regierung von Wichtigkeit -ist. Diese Empfehlung werde ich mit meiner -Visitenkarte ganz einfach abgeben, und ich brauche -sicher keine halbe Minute im Vorzimmer zu warten.«</p> - -<p>Dies bestätigte sich, und die Regierung nahm die -Stiefelerfindung an.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-320"> - <img src="images/illu-320.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Mark Twains</p> - -<p class="center">Ausgew. humoristische Schriften.</p> -</div> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p> - -<table summary="Buchtitel"> -<tr> -<td>Bd. I.</td> - <td><b>Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. II.</td> - <td><b>Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. III.</td> - <td><b>Skizzenbuch.</b></td> -</tr> -<tr> -<td rowspan="2">Bd. IV. <span class="s200">{</span></td> - <td><b>Leben auf dem Mississippi.</b></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Nach dem fernen Westen.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. V.</td> - <td><b>Im Gold- und Silberland.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. VI.</td> - <td><b>Reisebilder u. verschiedene Skizzen.</b></td> -</tr> -</table> - -<p class="center">Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.<br /> -Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen,<br /> -M. 13.50 gebunden.</p> - -<p class="center p2"><span class="u">Neue Folge</span>:</p> - -<table summary="Buchtitel"> -<tr> -<td>Bd. I.</td> - <td><b>Tom Sawyers <em class="gesperrt">Neue</em> Abenteuer.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. II.</td> - <td><b>Querkopf Wilson.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. III./IV.</td> - <td><b>Meine Reise um die Welt.</b> 2 Abt.</td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. V.</td> - <td><b>Adams Tagebuch</b> u. a. Erzähl.</td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. VI.</td> - <td><b>Wie Hadleyburg verderbt wurde</b> - u. a. Erzähl.</td> -</tr> -</table> - -<p class="center">Preis des <em class="gesperrt">einzelnen</em> Bandes M. 3.– gebunden.<br /> -Preis <em class="gesperrt">aller 6 Bände</em>, zusammen bezogen,<br /> -M. 17.– gebunden.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Fehlerhafte Anführungszeichen der wörtlichen Reden wurden berichtigt. -Die Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 52: einhundertdreiunddreißig → einhundertdreiunddreißigtausend<br /> -<a href="#corr052">einhundertdreiunddreißigtausend</a> Dollars im ganzen</p> -<p> -S. 128: Duolität → Dualität<br /> -zwischen systematischer <a href="#corr128">Dualität</a></p> -</div> -</div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> diff --git a/old/66952-h/images/cover.jpg b/old/66952-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index da63a35..0000000 --- a/old/66952-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-007.jpg b/old/66952-h/images/illu-007.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0ab1afa..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-007.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-110.jpg b/old/66952-h/images/illu-110.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 926dd55..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-110.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-111.jpg b/old/66952-h/images/illu-111.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 19bf67a..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-111.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-185.jpg b/old/66952-h/images/illu-185.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 254bbc9..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-185.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-249.jpg b/old/66952-h/images/illu-249.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7262f67..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-249.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-274.jpg b/old/66952-h/images/illu-274.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a9173ba..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-274.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-275.jpg b/old/66952-h/images/illu-275.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 670e5f6..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-275.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-296.jpg b/old/66952-h/images/illu-296.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e1548ec..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-296.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-297.jpg b/old/66952-h/images/illu-297.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 30f97c2..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-297.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/illu-320.jpg b/old/66952-h/images/illu-320.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e9db48a..0000000 --- a/old/66952-h/images/illu-320.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66952-h/images/signet.jpg b/old/66952-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eb75045..0000000 --- a/old/66952-h/images/signet.jpg +++ /dev/null |
