summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/66952-0.txt7267
-rw-r--r--old/66952-0.zipbin142651 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h.zipbin464757 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/66952-h.htm9860
-rw-r--r--old/66952-h/images/cover.jpgbin175063 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-007.jpgbin10914 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-110.jpgbin26551 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-111.jpgbin10353 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-185.jpgbin10693 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-249.jpgbin9864 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-274.jpgbin10768 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-275.jpgbin10550 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-296.jpgbin14096 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-297.jpgbin10551 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/illu-320.jpgbin7782 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/66952-h/images/signet.jpgbin24912 -> 0 bytes
19 files changed, 17 insertions, 17127 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..8203564
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #66952 (https://www.gutenberg.org/ebooks/66952)
diff --git a/old/66952-0.txt b/old/66952-0.txt
deleted file mode 100644
index 7684e0a..0000000
--- a/old/66952-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,7267 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Wie Hadleyburg verderbt wurde, by Mark Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Wie Hadleyburg verderbt wurde
- Nebst anderen Erzählungen
-
-Author: Mark Twain
-
-Release Date: December 16, 2021 [eBook #66952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Mark Twains
-
- Humoristische Schriften
-
- Neue Folge. 6. Band
-
-
-
-
- Wie
- Hadleyburg verderbt wurde
-
- Nebst anderen Erzählungen
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Autorisiert
-
- Inhalt:
-
- Wie Hadleyburg verderbt wurde. -- Das Gesundbeten.
- -- Die Verschwörung von Fort Trumbull. --
- Aus den ›London Times‹ von 1904. -- Das Todeslos.
- -- Zwei kleine Geschichten.
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
-
- 1903.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Wie Hadleyburg verderbt wurde 7
-
- Das Gesundbeten 111
-
- Die Verschwörung von Fort Trumbull 185
-
- Aus den ›London Times‹ von 1904 249
-
- Das Todeslos 275
-
- Zwei kleine Geschichten 297
-
-
-
-
-Wie Hadleyburg verderbt wurde.
-
-
-I.
-
-Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in der ganzen Gegend wegen
-seiner Rechtschaffenheit allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm,
-der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei Generationen
-unbefleckt erhalten. Damit der Stadt nun auch in Zukunft nichts
-davon verloren ginge, war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling
-in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in Handel und Wandel
-einzuflößen und die ganze spätere Erziehung der Kinder auf solchen
-Lehren weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß ihnen während
-der Entwickelungsjahre jede Versuchung fern gehalten wurde, damit die
-redliche Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen sozusagen
-in Mark und Knochen überzugehen. Alle Nachbarstädte waren eifersüchtig,
-weil Hadleyburg sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten
-darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete. Aber trotzdem
-konnten sie nicht umhin, anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die
-unbestechlichste Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar zugeben,
-daß es für jeden jungen Mann, der aus Hadleyburg stammte, keiner
-andern Empfehlung bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um sich
-auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen.
-
-Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der Zeit das Unglück gehabt,
-einem durchreisenden Fremden eine -- vielleicht ganz absichtslose --
-Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten sich natürlich keinen
-Kummer über so etwas, denn sie waren sich selbst genug und das Urteil
-fremder Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten sie klüger
-gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen zu nehmen, weil der Beleidigte
-ein verbitterter Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein ganzes
-Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen nur an die erlittene
-Kränkung und benutzte jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel
-zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen könne. Ihm
-fiel mancher gute Plan ein, aber keiner, der ihn ganz befriedigte.
-Das alles hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der Bewohner
-geschädigt, und er wollte etwas ausfindig machen, wobei die ganze Stadt
-in Mitleidenschaft gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch
-mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er auf einen glücklichen
-Gedanken und helle Schadenfreude blitzte ihm aus den Augen, als der
-Plan ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß fest: »Ja, so
-will ich’s machen,« sagte er bei sich; »ich will die Stadt verführen
-und verderben.«
-
-Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der Fremde eines Abends gegen
-zehn Uhr vor dem Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor.
-Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud ihn auf die Schulter
-und schwankte unter der Last über den Hof bis zur Hausthür, wo er
-anklopfte. »Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde betrat das
-Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den Ofen und wandte sich dann in
-höflichem Ton an die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend, bei
-der Lampe saß:
-
-»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte, Platz, Madame. So,
-jetzt habe ich den Sack so gut wie möglich verborgen; kein Mensch
-würde etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann einen Augenblick
-sprechen?«
-
-»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird schwerlich vor morgen früh
-heimkehren.«
-
-»So? -- Nun, das schadet weiter nichts. Ich wollte ihm nur diesen
-Sack übergeben, mit der Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer
-zuzustellen, sobald derselbe sich findet. Ich bin hier fremd und Ihr
-Mann kennt mich nicht. Auf meiner Durchreise wünschte ich, diese Sache,
-welche mir schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu erledigen.
-Das ist jetzt geschehen, und ich kann stolz und zufrieden weiterziehen.
-An dem Sack ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere erfahren
-werden. Gute Nacht, Madame!«
-
-Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle Fremde wieder fortging,
-denn sie fürchtete sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie
-ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das Papier von dem Sack
-los und begann zu lesen:
-
- »Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen, oder auf
- privatem Wege Erkundigungen nach dem richtigen Manne einziehen
- wollen; eins ist so gut wie das andere. -- Der Sack enthält
- Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund vier Loth --«
-
-»Ums Himmels willen -- und die Thür ist nicht verschlossen!«
-
-An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard nach der Thür und
-drehte den Schlüssel um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und
-blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen stehen, ob sie nicht
-noch etwas für die Sicherung des Goldes und ihrer eigenen Person thun
-könne. Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher, dann
-trieb die Neugierde sie wieder zu ihrer Lampe zurück und sie las die
-Schrift bis ans Ende:
-
- »Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in meine Heimat zurück,
- die ich nicht wieder zu verlassen denke. Für alles Gute, das
- ich unter dem Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich
- Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen Dank schulde
- ich aber einem amerikanischen Bürger und Bewohner Hadleyburgs,
- der mir vor etwa zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies.
- Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst geleistet,
- wie ich des näheren erklären will: Ich hatte mich beim
- Glücksspiel zu Grunde gerichtet und kam spät abends hungrig
- und ohne einen Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage
- hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel der Nacht
- bat ich einen Herrn auf der Straße um Hilfe. Ich war an den
- Rechten gekommen. Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir
- dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte mich auch
- zum reichen Manne. Denn mit jenen zwanzig Dollars gewann ich
- mir ein Vermögen am Spieltisch. Zugleich aber that er eine
- Aeußerung, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen
- kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht und mir geholfen,
- meine Spielerleidenschaft zu überwinden. Jetzt bin ich ganz
- davon geheilt. Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann ist,
- doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für ihn ist dies Gold
- bestimmt. Er kann damit thun, was er will, es verschenken, es
- fortwerfen oder behalten, ganz nach Belieben. Es soll nur der
- Ausdruck meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich längere Zeit
- hier aufhalten, so würde ich selbst nach ihm suchen, bis ich
- ihn fände; aber ich zweifle nicht, daß man es auch ohne meinen
- Beistand bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen
- auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der Bewohner dieser
- Stadt. Mein Wohlthäter wird sich gewiß noch der Aeußerung
- erinnern, die er mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als
- der richtige Mann ausweisen.
-
- »Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf privatem Wege zu
- betreiben, brauchen Sie bloß den Inhalt dieses Schreibens
- demjenigen Ihrer Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht
- nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann: ›Ja, der
- bin ich, meine Aeußerung lautete so und so,‹ dann machen Sie
- die Probe: Wenn Sie den Sack öffnen, werden Sie darin einen
- versiegelten Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung
- enthält. Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes überein,
- so kann er den Sack ohne alles weitere mitnehmen, denn er ist
- sicherlich der Rechte.
-
- »Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor, dann lassen
- Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt abdrucken, nebst den
- folgenden Bedingungen: Am dreißigsten Tage nach dem heutigen
- Datum soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf dem
- Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor Burgeß (falls dieser so
- freundlich sein will, die Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes
- Papier abgeben, welches die bewußte Aeußerung enthält. Hierauf
- soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks zerbrechen, denselben
- öffnen und sich überzeugen, ob die Worte gleichlautend sind.
- Ist dies der Fall, so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen
- Wohlthäter das Gold als Beweis meiner aufrichtigen Dankbarkeit
- einhändigen zu wollen.«
-
-Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich aufgeregt -- sie mußte sich
-niedersetzen. Bald war sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf
-durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare Geschichte! ... Der
-gute Mann, der damals aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich
-von Glück sagen! ... Wenn es nur mein Eduard gewesen wäre -- wir sind
-zwei so arme alte Leute und hätten’s gut brauchen können! ...« Sie
-seufzte. -- »Mein Mann würde einem Fremden nicht zwanzig Dollars geben,
-nein, sicher nicht ... Leider, leider ist das außer Frage ... Aber
-das Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert, wenn ich nur daran
-denke. Es ist Sündengeld! Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht
-mit einem Finger würden wir es berühren. Schon seine bloße Nähe scheint
-mir eine Entwürdigung.« -- Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke
-... »Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die Bank trüge. Es ist zu
-schrecklich, so ganz allein mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz
-vor Dieben.« --
-
-Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue ich mich, daß du wieder
-da bist,« rief ihm seine Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin
-ganz abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich arg, daß ich so
-arm bin und noch in meinem Alter diese elenden Fahrten machen muß.
-Fort und fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten Gehalt --
-Sklavenarbeit für einen andern thun, der unterdessen in Schlafrock und
-Pantoffeln behaglich daheim im Lehnstuhl sitzt -- es ist nicht zum
-aushalten!«
-
-»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das thut. Aber wir haben doch
-unser tägliches Brot und unsern guten Namen, das ist wenigstens _ein_
-Trost.«
-
-»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache. Höre nur nicht auf
-mein Gerede. Mich hat der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat
-nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt ist schon alles wieder
-gut; du sollst keine Klage mehr hören. Was hast du denn aber bekommen?
-Was ist in dem Sack?«
-
-Nun erzählte die Frau das große Geheimnis, und ihm wurde zuerst ganz
-schwindelig zu Mute. Endlich sagte er:
-
-»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber Mary -- das sind ja
-vierzigtausend Dollars -- ich bitte dich -- ein ganzes Vermögen, wie es
-kaum zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der Zettel?«
-
-Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein Roman,« rief er. »Solche
-abenteuerlichen Begebenheiten stehen wohl in Büchern, aber im Leben
-sind sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit war jetzt von ihm
-gewichen. In der besten Laune tätschelte er seiner alten Frau die
-Wangen.
-
-»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen, »wir sind jetzt mit
-einemmal reiche Leute. Laß uns das Gold vergraben und die Papiere
-verbrennen. Wenn der Glücksspieler je wiederkommt, brauchen wir nur
-kaltblütig auf ihn herabzuschauen und zu sagen: ›Was reden Sie da für
-ungereimtes Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem Goldsack
-je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde er ein verblüfftes Gesicht
-machen und --«
-
-»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und schaffe das Geld fort, ehe
-die Diebe es holen.«
-
-»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen -- soll ich private
-Nachforschungen anstellen? -- Nein, lieber nicht; dabei ginge alle
-Romantik verloren. Besser wir betreiben die Sache öffentlich. Stelle
-dir nur vor, was das für Aufsehen machen wird. Alle andern Städte
-werden uns beneiden, denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner
-einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er Hadleyburg erweist.
-Es ist ein Haupttreffer für uns. Jetzt will ich nur schnell in die
-Druckerei gehen, es wird sonst zu spät.«
-
-»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht allein mit dem Gold!«
-
-Aber er war schon fort, doch nicht auf lange. Wenige Schritte von
-seinem Hause begegnete er dem Chefredakteur und Eigentümer des
-Tageblatts, gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich Ihnen etwas
-Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!«
-
-»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will sehen, ob es sich thun
-läßt.«
-
-Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte er noch ein langes
-Gespräch mit seiner Frau über das wundervolle Geheimnis. Schlafen
-konnten sie beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl der
-Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig Dollars geschenkt hatte,
-bot keine Schwierigkeiten; sie beantworteten dieselbe wie aus einem
-Munde:
-
-»Barclay Goodson.«
-
-»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so etwas thun können; aber sonst
-niemand in der ganzen Stadt.«
-
-»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit Goodson vor einem halben
-Jahr gestorben ist, haben wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige,
-selbstgerechte und geizige Bürger, wie das von jeher so war.«
-
-»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch bis zu seiner Todesstunde,
-und vor aller Ohren.«
-
-»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.«
-
-»Freilich; aber er machte sich nichts daraus. Es war wohl kein Mensch
-in Hadleyburg so verhaßt wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.«
-
-»Burgeß -- nun ja, dem geschieht es ganz recht; von dem hat sich die
-Gemeinde ein für allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar
-vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt hat, um das Geld
-abzuliefern?«
-
-»Hm -- ich weiß nicht. Vielleicht kennt der Fremde den Pastor Burgeß
-besser als unsere Stadt ihn kennt.«
-
-»Um so schlimmer für Burgeß.«
-
-Reichard schien um eine Antwort verlegen und wich dem fest auf ihn
-gerichteten Blick seiner Frau soviel wie möglich aus. Endlich sagte er
-mit unsicherer Stimme:
-
-»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist Burgeß durchaus nicht.«
-
-Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an.
-
-»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s glauben. Seine
-Unbeliebtheit gründete sich einzig und allein auf jene gewisse Sache --
-die damals so viel Lärm gemacht hat.«
-
-»Ich meine doch, jene Sache genügte an und für sich vollkommen, um zu
-beweisen -- --«
-
-»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.«
-
-»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch zweifelte doch an seiner
-Schuld.«
-
-»Mary -- mein Wort darauf -- er hatte die That nicht begangen.«
-
-»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher solltest du es auch wissen?«
-
-»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber es muß heraus: Ich war
-der einzige Mensch, der seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten
-vermocht, aber -- aber -- du weißt ja wie aufgebracht alle Welt gegen
-ihn war -- ich hatte nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den Hals zu
-hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich das war; doch dem allgemeinen
-Haß zu trotzen ging über meine Kräfte.«
-
-Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich stammelte sie:
-
-»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen. Man muß auch -- die
-öffentliche Meinung -- berücksichtigen -- und darf nicht -- --« Sie war
-vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf geraten. Nach einer Weile
-begann sie von neuem: »Freilich, er thut einem leid -- aber -- Nein,
-wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns nehmen können. Ich wäre
-trostlos gewesen, hättest du es gethan.«
-
-»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf gestoßen haben, Mary, -- sie
-hätten uns ihr Wohlwollen entzogen, und -- und --«
-
-»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen, was Burgeß selbst wohl von
-uns denken mag, Eduard.«
-
-»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld weiß.«
-
-»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung. Sonst würde er doch --
-nein, das ändert die Sache gewaltig. -- Ich hätte mir’s übrigens denken
-können, daß er keine Ahnung hat; würde er uns sonst wohl bei jeder
-Gelegenheit so freundlich begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von
-unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon deswegen verspottet.
-Die Wilsons, Harkneß und Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen
-daraus, mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden, weil sie wissen,
-wie mich das in Harnisch bringt. Wenn er nur aufhören wollte, uns mit
-seiner besonderen Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar nicht, was ihn
-dazu treibt.«
-
-»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe ich’s selbst vor
-dir geheim gehalten: Als das Ding zuerst ruchbar wurde und alle so
-entrüstet waren, daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben, quälte
-mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht länger aushielt. Ich warnte
-ihn insgeheim, so daß er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte;
-erst als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.«
-
-»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen wären!«
-
-»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut über, wenn ich nur
-daran denke. Es reute mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte
-ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte es deinem Gesicht
-ansehen. Vor lauter Angst schloß ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber
-niemand hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen wurde ich
-ruhiger, und später freute ich mich ordentlich, es gethan zu haben. Ja
-ich bin noch heute von ganzer Seele froh darüber.«
-
-»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich gewesen. Du warst ihm das
-wirklich schuldig. -- Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt
-würde? was dann?«
-
-»Das ist ganz ausgeschlossen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß gewarnt.«
-
-»Das lag sehr nahe.«
-
-»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem falschen Verdacht. Der
-arme alte Salsberg wurde zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu
-beschuldigen. Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher
-Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹ sagte er dann, ›Sie stellen wohl
-die Untersuchungskommission vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und warf
-sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren etwa alle Einzelheiten
-zu wissen, oder würde ihnen eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben
-Sie mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson; falls Einzelheiten
-verlangt werden, will ich wiederkommen.‹ ›Sehr wohl; so sagen Sie
-den Herren nur -- sie sollen sich zur Hölle scheren -- das wird wohl
-allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg, möchte ich aber obendrein
-den Rat geben, wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen, um
-die Ueberreste aufzulesen, die noch von Ihnen vorhanden sein könnten.‹«
-
-»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde ihn gleich daran erkennen.
-Allen Leuten guten Rat zu erteilen war seine einzige Schwäche; er
-glaubte das besser zu verstehen als jeder andere.«
-
-»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache hatte damit ihr Bewenden; man
-ließ sie ein für allemal ruhen.«
-
-»Du meine Güte, das verstand sich wohl von selbst.« --
-
-Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf den Geldsack zu sprechen.
-Bald entstanden jedoch Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der
-Mann, einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer längere
-Unterbrechungen des Gesprächs traten ein, bis Reichard sich endlich
-ganz seinen Gedanken überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den
-Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei nervöse Bewegungen,
-die seinen geheimen Aerger verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort,
-doch zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt stand Reichard
-auf, ging wie ein Nachtwandler, der böse Träume hat, ziellos im Zimmer
-hin und her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Plötzlich schien
-er einen Entschluß zu fassen; stumm griff er nach seinem Hut und
-schritt eilig zur Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und brütete
-vor sich hin, ohne auch nur zu merken, daß sie allein war. Von Zeit zu
-Zeit bewegte sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver ... aber ach, wir
-sind so arm! Führe uns nicht ... Wem würde es denn Schaden bringen? --
-Kein Mensch hätte es je erfahren ... Führe uns ...« sie murmelte nur
-noch unverständliche Laute. Nach einer Weile sah sie auf; Schrecken und
-Freude zugleich malten sich in ihren Zügen.
-
-»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht kommt er zu spät -- zu
-spät ... Doch wäre es ja möglich, daß er noch zur Zeit ...« Sie erhob
-sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und während ihr ein
-Schauer durch alle Glieder lief, sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s
-Gott -- das sind schreckliche Gedanken -- aber ... was hilft’s -- wir
-sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!«
-
-Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen zu dem Sack hin, kniete
-sich auf den Boden, befühlte ihn von allen Seiten und strich liebkosend
-mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten Augen schwelgten
-förmlich in dem Anblick. Von Zeit zu Zeit erwachte sie wie aus einem
-Traum und murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet hätten -- nur
-eine kleine Weile, statt die Sache so zu überstürzen!«
-
- * * * * *
-
-Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus dem Bureau nach Hause
-gegangen und hatte seiner Frau alles erzählt, was sich Wunderbares
-zugetragen. Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste und kamen
-überein, daß keiner ihrer Mitbürger, außer dem verstorbenen Goodson,
-großmütig genug wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars zu
-schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide Ehegatten blickten
-nachdenklich zu Boden; gleich darauf wurden sie unruhig und aufgeregt;
-endlich murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand weiß um dies
-Geheimnis, außer die Reichards und wir ... kein einziger Mensch.«
-
-Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine Frau, die ganz blaß
-geworden war, verständnisvoll an, stand zögernd auf, blickte verstohlen
-bald auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte -- eine stumme Frage.
-Frau Cox schluckte ein paarmal und räusperte sich, dann nickte sie
-leise mit dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer und
-die Hausthür fiel klirrend ins Schloß.
-
-Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten jetzt Reichard und
-Cox durch die menschenleeren Straßen. Ganz außer Atem kamen sie
-gleichzeitig an der Treppe zur Druckerei an und schauten einander beim
-Laternenschein ins Gesicht.
-
-»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte Cox im Flüsterton.
-
-»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der andere leise zurück.
-»Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um -- --«
-
-Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen, als ein Junge zu
-ihnen trat.
-
-»Bist du das, Johann?«
-
-»Ja, Herr Cox.«
-
-»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken. Laß alles liegen,
-bis ich’s dir sage.«
-
-»Die Postsachen sind schon fort.«
-
-»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung aus den Worten.
-
-»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und Umgegend ist heute ausgegeben
-worden. Die Zeitungen mußten eine Viertelstunde früher auf der Bahn
-sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre ich zwei Minuten später
-dagewesen, so -- --«
-
-Die Herren entfernten sich langsam, ohne das Ende seiner Rede
-abzuwarten. Eine Weile schritten sie stumm nebeneinander her, endlich
-sagte Cox ärgerlich:
-
-»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu übereilen. Es ist mir
-vollkommen unbegreiflich.«
-
-Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s freilich ein,« sagte er;
-»vorher hätte ich mir’s gar nicht überlegt, bis es zu spät war. Das
-nächste Mal will ich gewiß -- --«
-
-»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was kommt in tausend Jahren
-nicht wieder!«
-
-Die Freunde trennten sich ohne Gruß und schleppten sich mühselig
-nach Hause, als hätte sie ein schwerer Schicksalsschlag getroffen.
-In atemloser Spannung warteten die Frauen daheim; sie lasen den
-Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht ab, es bedurfte keiner Worte.
-Nun folgte in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche
-Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten noch niemals
-stattgefunden. Die Sache verlief hier und dort fast auf die gleiche
-Weise:
-
-»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau Reichard; »aber nein, in
-deiner Gedankenlosigkeit läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei
-und posaunst es in der ganzen Welt aus.«
-
-»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht werden.«
-
-»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch unter vier Augen abzumachen.
-Das kannst du doch nicht leugnen.«
-
-»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen dachte, und wie
-schmeichelhaft es für Hadleyburg ist, daß ein Fremder solches
-Vertrauen in unsere Redlichkeit setzt --«
-
-»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und breit vorzuhalten. Aber,
-bei einigem Nachdenken hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der
-rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil er im Grabe ruht und
-weder Kind noch Kegel, kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist.
-Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen können, die es so nötig
-brauchen wie wir? Kein Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und --
-und --«
-
-Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach sich vergebens den
-Kopf, womit er sie trösten könne; endlich sagte er:
-
-»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung hat es nun einmal so gefügt
-und deshalb muß es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl so am
-besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.«
-
-»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit begangen hat. -- War
-es nicht ebenso gut eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade uns
-zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich, die Absicht der Vorsehung
-zu durchkreuzen -- mit welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als
-gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen Christenmenschen
-durchaus nicht zukommt.«
-
-»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze Erziehung in Hadleyburg darauf
-ausgeht, und auch wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen
-Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot der Redlichkeit
-handelt; das ist uns zur zweiten Natur geworden.«
-
-»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und immer wieder vorgepredigt
-und uns von der Wiege an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege
-geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden? Man hat eine _künstliche_
-Ehrlichkeit groß gezogen, die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald
-sie einmal auf die Probe gestellt wird -- das haben wir diese Nacht
-gründlich erfahren. Gott weiß, mir wäre auch nie der Schatten eines
-Zweifels an meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen,
-und die erste wirkliche Versuchung wirft alle meine Grundsätze über
-den Haufen. Du kannst mir glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der
-ganzen Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade so
-fadenscheinig wie meine und deine. Die Leute hier sind engherzig und
-geizig, und ihre einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden
-und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist auch nicht weit her.
-Tritt einmal eine große Versuchung an sie heran, so wird ihr ganzer
-Ruhm zusammenfallen wie ein Kartenhaus -- verlaß dich drauf. So --
-nach diesem Bekenntnis ist mir schon leichter ums Herz. Mein Leben
-lang habe ich der Welt etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich
-soll niemand wieder eine redliche Frau nennen -- das verbitte ich mir
-gehorsamst.«
-
-»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der Seele gesprochen.
-Merkwürdig -- ich hätte das nie für möglich gehalten!«
-
-Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt.
-Endlich schaute die Frau auf.
-
-»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.«
-
-Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast schäme ich mich, es dir
-einzugestehen, Mary.«
-
-»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage im Kopf herum.«
-
-»Wirklich? Und die wäre?«
-
-»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur erraten könnte, was das für
-eine Aeußerung war, die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹«
-
-»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde und Schande. Schämst
-du dich nicht auch?«
-
-»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns die Sicherheitskette
-vorhängen. Wir sind für den Sack verantwortlich, bis er morgen früh in
-das Bankgewölbe geschafft werden kann. -- Du liebe Zeit -- hätten wir
-nur nicht die Thorheit begangen!«
-
-Während der Mann die Thür fest verwahrte, sagte Mary:
-
-»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich auf‹ ist. Wie kann nur die
-Aeußerung gelautet haben? -- Aber komm, laß uns zu Bette gehen.«
-
-»Und einschlafen?«
-
-»Nein, nachdenken.«
-
-»Ja, das wollen wir.« --
-
- * * * * *
-
-Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel, der mit einer
-Versöhnung schloß, gleichfalls zu Ende geführt und sich zur Ruhe
-begeben. Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig wälzten sie sich
-hin und her und zermarterten sich das Hirn, was Goodson dem verarmten
-Fremden wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte mußten das doch
-gewesen sein -- sie waren ja vierzigtausend Dollars wert! --
-
- * * * * *
-
-An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt länger offen als
-sonst und zwar aus guten Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte
-Faktor war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte
-Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge war dies ein bloßes
-Ehrenamt, das er bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte er
-keine Depesche zusammen, die als verwendbar angenommen wurde. Doch
-heute verhielt sich die Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er
-die große Begebenheit meldete, war eine umgehende Antwort erfolgt:
-
- »_Telegraphieren Sie die ganze Geschichte mit allen
- Einzelheiten -- zwölfhundert Wörter._«
-
-Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte ihn aus und war über
-die Maßen stolz auf seine Leistung. Schon am nächsten Morgen zur
-Frühstückszeit war in ganz Amerika, von Montreal bis zum Golf von
-Mexico, und von der Gletscherwelt Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen
-nur Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf aller Lippen.
-Viele Millionen Menschen sprachen von dem Fremden und seinem Goldsack;
-man stritt hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden würde, und
-wartete gespannt auf weitere Nachricht, die hoffentlich in kürzester
-Frist eintreffen würde.
-
-
-II.
-
-Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war es eine weltberühmte
-Stadt; man staunte, man freute sich und war stolz darauf --
-unbeschreiblich stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre
-Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln die Hände, so oft sie
-einander trafen, und wünschten sich Glück, daß Hadleyburg von nun an
-in jedem Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit zu
-finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen Bürger samt ihren
-Frauen folgten diesem Beispiel. Alt und jung lief auf die Bank,
-wo der Geldsack zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen die
-bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons und der Nachbarstädte
-in Scharen herbeigeströmt. Gegen Abend und am folgenden Tag trafen
-Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die den Sack in
-Augenschein nahmen, sich die Geschichte bestätigen ließen, sie mit
-allen Einzelheiten von neuem zu Papier brachten und durch kühne
-Bleistiftskizzen illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den Sack
-ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude, die Kirchen der
-Presbyterianer- und der Baptistengemeinde, den Marktplatz und das
-Rathaus, wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt werden
-sollte. Ja sie entwarfen sogar scheußliche Porträts von dem Ehepaar
-Reichard, dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor, von Pastor
-Burgeß, vom Postmeister und selbst von Jack Halliday, einem gutmütigen,
-respektlosen Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund aller
-kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der sich als Fischer, Jäger oder
-Bummler im Ort herumtrieb. -- Der knauserige Pinkerton zeigte den
-Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling, rieb sich
-vergnügt die Hände und erging sich in salbungsvollen Reden über den
-alten, festbegründeten Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen sich
-die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so wunderbare Weise bestätigt
-worden sei. Er hoffe und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika
-Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche Wiedergeburt erzeugen
-werde.
-
-Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter nach und nach ruhiger;
-der wilde, stolze Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles,
-wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen Behagens.
-Der Ausdruck friedevoller Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern.
-
-Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich trat eine Veränderung
-ein, was zuerst niemand bemerkte, außer Jack Halliday, dem selten
-etwas entging und der über alles seine Späße machte, es mochte sein,
-was es wollte. Er fing mit allerlei beißenden Bemerkungen an, weil
-dieser und jener nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau
-trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete er, die Leute würden
-immer schwermütiger; später schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer
-ergriffen, und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem Grade
-verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend, daß er sich anheischig
-machen wolle, selbst dem ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche
-zu stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken.
-
-Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte, konnte man zur
-Schlafenszeit in den neunzehn angesehensten Häusern der Stadt tiefe
-Seufzer hören, worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die Worte
-ausbrach:
-
-»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson nur gethan haben!«
-
-»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd. »Was für
-schreckliche Dinge wälzest du in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen
-schlage sie dir aus dem Kopf!«
-
-Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf, und der Widerspruch der
-Frau war schon etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten und den
-folgenden Abenden die Frage immer angstvoller wiederholte, fuhr die
-Frau nur noch unruhig mit den Händen hin und her; sie öffnete den Mund,
-sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide jedoch die Sprache wieder und
-seufzten sehnsuchtsvoll: »O, könnten wir es doch erraten!« --
-
-Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu Tag unangenehmer und
-abfälliger. Er ging in der ganzen Stadt umher und machte sich bald
-über jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft lustig.
-Außer ihm lachte aber niemand mehr weit und breit, seine Fröhlichkeit
-bildete den grellsten Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln
-war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug jetzt eine Zigarrenkiste
-auf einem Holzgestell mit sich herum, als wäre es eine Camera für
-Momentaufnahmen. Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte seinen
-Apparat auf und rief: »Fertig! -- Etwas freundlicher, wenn ich bitten
-darf!« Aber selbst bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der
-trübseligen Gesichter.
-
-So vergingen drei Wochen -- noch acht Tage, dann sollte es sich
-entscheiden. Es war Samstag Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht
-gespeist. Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden und dem
-fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um diese Zeit auf den Straßen
-herrschte, war alles wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau
-saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer, jedes in seiner Ecke.
-So trieben sie es jetzt Abend für Abend, während sie früher behaglich
-beisammen gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd, wenn sie
-nicht bei den Nachbarn Besuch machten oder diese bei ihnen vorsprachen.
-Aber das alles schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen --
-und war doch erst zwei oder drei Wochen her. Niemand plauderte jetzt,
-man las nicht, man machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim
-und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen, jene rätselhafte Aeußerung
-zu erraten.
-
-Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah die Aufschrift von
-unbekannter Hand und den Poststempel gleichgültig an, warf das
-Schreiben auf den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses
-Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei oder drei Stunden später stand
-seine Frau schwerfällig auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu gehen --
-nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem Brief blieb sie jedoch stehen
-und starrte eine Weile gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn
-und überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken an der
-Wand saß, hörte plötzlich einen schweren Fall -- seine Frau lag auf dem
-Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber sie rief:
-
-»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß. Hier den Brief mußt du
-lesen!«
-
-Er that es. Jedes Wort verschlang er, während sich alles mit ihm im
-Kreise zu drehen schien. Der Brief kam aus einem entfernten Staat und
-lautete:
-
- »Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung zu machen,
- obgleich ich Ihnen ganz fremd bin. Nach meiner soeben erfolgten
- Rückkunft aus Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt
- zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die Aeußerung
- gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin der einzige Mensch auf
- der Welt, der Ihnen sagen kann, daß es Goodson gewesen ist.
- Wir kannten uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise
- war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis zur Abfahrt des
- Mitternachtzuges. Ich stand dabei, als er im Dunkeln in der
- Hale-Allee jene Aeußerung dem Fremden gegenüber that; auch
- unterhielten wir uns noch auf dem Heimweg darüber, und bei
- der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe des Gesprächs kam die
- Rede noch auf viele Ihrer Mitbürger, über die er sich jedoch
- keineswegs schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte
- er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie gehörten, soviel
- ich weiß. Irgend welche Zuneigung sprach er zwar für keinen
- einzigen aus, doch erinnere ich mich, daß er sagte, ein
- Hadleyburger -- ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin
- ich meiner Sache nicht ganz gewiß -- hätte ihm einmal einen
- großen Dienst erwiesen, vermutlich ohne dessen Tragweite selbst
- zu kennen. Wenn er ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei
- seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger seinen Fluch
- hinterlassen. Waren Sie also derjenige, welcher ihm den Dienst
- geleistet hat, so sind Sie sein rechtmäßiger Erbe und können
- den Goldsack als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, daß ich
- mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen kann, denn diese
- Tugenden erbt ja jeder Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen
- Vätern. So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, da ich
- überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht selbst der rechte
- Mann sind, nach demselben suchen, bis Sie ihn gefunden haben,
- und Sorge tragen, daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten
- Dienst wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es sich
- handelt, lautete: ›_Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch.
- Geht hin und bessert Euch._‹
-
- Howard L. Stephenson.«
-
-»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh und dankbar bin ich. Gieb
-mir einen Kuß, das hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan -- mein
-Verlangen war gar zu groß -- nach dem Gelde -- nun kannst du dich von
-Pinkerton und seiner Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave
-mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so leicht wird mir ums
-Herz vor lauter Freude.«
-
-Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen auf dem Sofa
-zubrachte, gehörte zu den glücklichsten in ihrem Leben. Es war,
-als sollte die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die mit dem
-Brautstand begonnen und keine Unterbrechung erlitten hatte, bis der
-Fremde das unheilvolle Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile sagte
-die Frau:
-
-»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes Glück, daß du dem braven
-Goodson solchen großen Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn
-nicht leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du hast nie
-damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht -- das war ein schöner und
-edler Zug von dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen
-sollen; mir scheint, das warst du mir schuldig.«
-
-»Ja, siehst du, Mary -- das ging doch nicht an --«
-
-»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern sage es mir. Ich habe
-dich immer lieb gehabt, aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute
-glaubten, es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen in der Stadt,
-und nun stellt sich heraus, daß du -- so sprich doch, Eduard.«
-
-»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«
-
-»Du kannst nicht? Aber weshalb?«
-
-»Siehst du -- nun ja -- ich habe es ihm versprechen müssen.«
-
-Sie maß ihn mit großen Blicken.
-
-»Du hast versprochen, mit niemand davon zu reden?« fragte sie
-eindringlich. »Ist das wirklich der Fall?«
-
-»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?«
-
-Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann reichte sie ihm die
-Hand.
-
-»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind schon weit genug vom
-rechten Wege abgeirrt. All dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über
-die Lippen gekommen -- aber jetzt scheint ja selbst der festeste Grund
-unter unsern Füßen zu wanken, da -- da --« Die Stimme versagte ihr
-einen Augenblick, dann stammelte sie: »Führe uns nicht in Versuchung
-... Ich glaube an dein Versprechen, Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich
-will nicht weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende hat, wollen
-wir unser Glück genießen und es uns durch keinen Schatten trüben
-lassen.«
-
-Für Eduard war das leichter gesagt als gethan; seine Gedanken irrten
-ruhelos umher, während er sich zu besinnen suchte, was für einen Dienst
-er Goodson geleistet hatte.
-
-Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein Auge zu. Mary überlegte
-voll innerer Befriedigung, was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard
-war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen. Zuerst hatte
-er Gewissensbisse wegen der Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb
-es. Aber hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser tägliches
-Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit. War etwa Mary besser als
-er? -- O nein; während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich
-zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert, daß man die Papiere
-nicht vernichtet habe, um das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen
-weniger schlecht als Lügen? --
-
-Ueber diesen Punkt war er also beruhigt -- die Lüge trat in den
-Hintergrund und störte seinen Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste
-Frage an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet? -- Goodsons
-eigenes Zeugnis, von dem Stephensons Brief berichtete, sprach dafür
-und war der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf der Hand.
-Also konnte man auch diesen Punkt füglich für erledigt ansehen ...
-Nein, doch nicht so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen,
-daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten können, ob er,
-Reichard, oder ein anderer den Dienst geleistet habe, und, o Jammer,
-er verließ sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte
-entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson war überzeugt, daß er
-rechtschaffen genug sein würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls
-er der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen Menschen in solche
-Lage zu versetzen. Wozu hatte nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt
-aufgebracht? Das hätte doch recht gut aus dem Brief wegbleiben können.
-
-Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter, daß gerade sein Name dem
-Briefsteller im Gedächtnis geblieben war? Das sah doch ganz so aus,
-als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich, es war ein sehr gutes
-Zeichen; je mehr er darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm,
-und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen Beweis. Wenn aber
-etwas einmal erwiesen ist, thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr
-darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig und schlug
-sich die Sache sofort aus dem Sinn.
-
-Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute, nur eine Kleinigkeit ließ
-ihn noch nicht zur Ruhe kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte,
-stand fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen? Das mußte ihm
-erst noch einfallen -- dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen
-schließen und schlafen können. So dachte er denn hin und her an jede
-nur mögliche Dienstleistung, aber nichts schien ihm groß und bedeutend
-genug, um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür ein Vermögen
-hinterlassen zu können. Und leider erinnerte er sich auch gar nicht,
-etwas der Art wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur, wodurch
-man einen Menschen zu so außergewöhnlichem Dank verpflichten konnte?
-Vielleicht wenn man seine Seele rettete? Ja, das mußte es sein. Hatte
-er es sich nicht einmal zur Aufgabe gemacht, Goodson zum Glauben zu
-bekehren? Gewiß -- und wie lange hatte er daran gearbeitet? -- Zuerst
-meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch bei Lichte besehen schrumpfte es
-zu einem Monat zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich blieb
-gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu seinem größten Leidwesen
-mit vollkommener Deutlichkeit, daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle
-zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich um seine eigenen
-Angelegenheiten kümmern; ihm sei ganz und gar nichts daran gelegen,
-mit den Hadleyburgern in den Himmel zu kommen.
-
-Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons Seele hatte er nicht
-gerettet, das stand fest. Vielleicht aber sein Haus und Gut. Nein,
-damit war’s auch nichts -- er besaß keines. Sein Leben? Natürlich --
-auf jeden Fall. Daran hätte er doch gleich denken sollen. Nun war er
-endlich auf der rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien
-Spielraum.
-
-Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig damit, Goodson auf jede
-erdenkliche und meist sehr gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer
-gelang ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen Punkt, aber gerade wenn
-er auf dem besten Wege war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich
-geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, der dies zur
-Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken zum Beispiel: Reichard war weit
-hinaus geschwommen und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand glücklich
-ans Land gebracht, während die Menge am Ufer stand und ihm zujauchzte.
-Er hatte es alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung daran wurde
-immer lebhafter, aber da kam der Rückschlag: Unmöglich -- die ganze
-Stadt hätte es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, und in
-seinem eigenen Gedächtnis wäre die That unauslöschlich verzeichnet
-gewesen; so etwas vergißt man nicht wieder, es ist auch kein Dienst,
-dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel ihm zuguterletzt
-noch ein, daß er ja gar nicht schwimmen könne.
-
-Halt -- diesen Punkt hatte er von vornherein übersehen: Es mußte ein
-Dienst sein, den er möglicherweise geleistet haben konnte, ›ohne dessen
-ganze Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache wesentlich.
-Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen kam er denn auch wirklich zu
-einem befriedigenden Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson einmal
-nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches Mädchen Namens Nancy Hewitt
-zu heiraten; er hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde
-wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, und Goodson wurde mit
-der Zeit ein verbitterter Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz
-offen zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte sich in der Stadt
-das Gerücht verbreitet, daß das Mädchen nicht ausschließlich von Weißen
-abstamme, sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern gehabt habe.
-Reichard wälzte diesen Umstand so lange in seinem Haupte, bis ihm war,
-als tauchten aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten
-auf, an die er lange nicht mehr gedacht haben mochte. War er es denn
-nicht gewesen, der den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt und
-die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich erfuhr Goodson, von
-wem die Nachricht ausgegangen war und wer ihn davor bewahrt hatte,
-die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen Dienst hatte
-er ihm geleistet, ohne es selbst zu ahnen, also auch, ohne dessen
-Tragweite zu kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie genauer Not
-er der Gefahr entronnen war, blieb seinem Wohlthäter dankbar bis ans
-Grab und wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. Das
-war alles klar und einfach, je mehr Reichard darüber nachdachte, um
-so einleuchtender ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt
-und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm das Ganze so deutlich
-vor der Seele, als hätte er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich
-unterdessen für sechstausend Dollars ein Haus gekauft und ein Paar
-Pantoffeln zum Geschenk für ihren Pastor; dann war sie friedlich
-eingeschlummert. --
-
-An ebendemselben Samstag Abend hatte der Postbote auch jedem der
-andern angesehenen Hadleyburger einen Brief gebracht -- neunzehn
-Briefe alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden und nicht
-zwei Adressen von der nämlichen Hand, aber die Briefe selbst glichen
-einander völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, welchen
-Reichard erhalten hatte, auch alle von Stephenson selbst geschrieben,
-nur mit dem einzigen Unterschied, daß darin der Name des jedesmaligen
-Adressaten an Stelle von Reichards Namen stand.
-
-Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn angesehenen Männer,
-was ihr Mitbürger Reichard um dieselbe Zeit gethan hatte -- sie
-waren aus Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst zu
-besinnen, den sie -- ohne es zu wissen -- Barclay Goodson geleistet
-hatten. Die Arbeit kostete ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie
-wurden doch damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen
-thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich siebentausend
-Dollars von den vierzigtausend aus, die der Sack enthielt --
-einhundertdreiunddreißigtausend Dollars im ganzen, wenn man die Summen
-zusammenzählt.
-
-Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht, zu sehen, daß die
-Gesichter der neunzehn angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder
-den früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien ihm unfaßlich
-und ihm fiel auch nicht die kleinste witzige Bemerkung ein, um diese
-himmlische Ruhe zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig und
-ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, dem Rätsel auf den Grund zu
-kommen, es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox begegnete
-und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte er bei sich: »Ihre Katze
-hat Junge gekriegt,« aber das war nicht der Fall, wie er auf seine
-Erkundigung von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar vielleicht
-das Bein gebrochen? War Gregor Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte
-Pinkerton ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für verloren
-gehalten? -- Dies und noch vieles andere riet Jack Halliday, als er
-die seelenvergnügten Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er,
-daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen Fällen blieb die Sache
-zweifelhaft. Nur _eins_ stand fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger
-Familien sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit dieser
-Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste beruhigen.
-
-Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte sich vor kurzem am Ort
-niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing
-sein Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. Das entmutigte
-ihn sehr und er fing bereits an, sein Unternehmen zu bereuen, als der
-Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten Bürger der Stadt fanden
-sich eine nach der andern bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag
-der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden Sie einstweilen noch
-nicht davon,« hieß es; »wir haben den Plan, uns ein Haus zu bauen,
-möchten aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«
-
-Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage und schrieb noch denselben
-Abend an seine Tochter, sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten
-auflösen, da sie jetzt eine weit bessere Partie machen könne.
-
-Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere wohlhabende Herren
-gedachten sich Landhäuser zu kaufen -- doch warteten sie die Sache erst
-ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung nie ohne den Wirt.
-
-Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, ein Kostümfest zu geben.
-Man äußerte zwar noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den
-Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen Andeutungen. »Wir
-haben es uns vorgenommen,« hieß es, »und wenn es dazu kommt, werden Sie
-natürlich auch eingeladen.« Alles war erstaunt darüber. »Wie können die
-armen Wilsons nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; »ihre
-Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige Damen aus der Zahl der
-neunzehn meinten aber, der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen
-zu warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, und dann einen
-Ball zu geben, der jenen ganz in den Schatten stellen sollte.
-
-Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs die Verschwendungssucht,
-immer wilder wurden die Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es
-hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der neunzehn Familien
-nicht nur mit den vierzigtausend Dollars fertig werden, sondern
-sich auch darüber hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die
-Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit begnügten sich manche
-nicht damit, Pläne zu schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe --
-auf Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker, Börsenpapiere,
-kostbare Kleider, Wagen und Pferde nebst vielen andern Dingen
-schafften sich die Leute an, zahlten ein Draufgeld und machten sich
-verbindlich, den Rest nach Ablauf von zehn Tagen zu entrichten.
-
-Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen und auf vielen
-Gesichtern begann sich eine entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln,
-wie Halliday zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel wurde ihm nur
-noch unerklärlicher. »Die Kätzchen bei Wilcox sind nicht gestorben,
-weil gar keine zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich; »niemand
-hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter sind noch am Leben -- da
-werde nun einer klug daraus!«
-
-Auch ein anderer Hadleyburger war über die Vorgänge in der Stadt
-höchlich verblüfft, nämlich der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er
-nirgends hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder ihm auflauerte.
-Kam er an irgend einen entlegenen Ort, so tauchte sicher dieser oder
-jener seiner Mitbürger auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag
-in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend im Rathaus zu öffnen,« und
-verschwand wieder gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von
-vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch auf den Sack
-erheben werde, denn Goodson war ja tot. Daß die Leute, welche sich an
-ihn drängten, lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch nicht
-von ferne in den Sinn. Als der wichtige Tag endlich erschien, hatte
-Burgeß neunzehn versiegelte Briefumschläge in der Tasche.
-
-
-III.
-
-Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. Im Hintergrund
-der Rednerbühne, sowie längs den Wänden und Galerien war der ganze
-Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und behängt; sogar um die
-Säulen schlangen sich bunte Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen
-mächtigen Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man vorausgesehen
-hatte, von nah und fern herbeiströmten; unter ihnen auch eine Menge
-Berichterstatter der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal war zum
-Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen Plätze waren sämtlich besetzt,
-sondern auch 68 Extrastühle, welche man hier und da verteilt hatte,
-sowie die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden sich
-Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, und Tische in Hufeisenform, an
-denen die Herren von der Presse Platz genommen hatten.
-
-Die Damen waren in großer Toilette; solchen Staat hatte Hadleyburg
-noch nie erblickt. Dem Anschein nach fühlten sich einige von ihnen
-nicht sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens machten die
-Einheimischen diese Bemerkung, was aber wohl daher rühren mochte, daß
-sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem ganzen Leben noch niemals
-solche Kleider angehabt.
-
-Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem kleinen Tisch, wo alle
-Welt ihn sehen konnte, lag der Goldsack. Dorthin wandten sich die
-meisten Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem
-Verlangen, während neunzehn Ehepaare den Sack mit einem liebevollen
-Eigentumsgefühl betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen
-Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen die hübsche kleine
-Rede aus dem Stegreif, mit welcher sie alsbald ihren Dank für die
-Glückwünsche der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu Zeit zog
-bald dieser bald jener Herr ein Stück Papier aus der Westentasche, um
-seinem Gedächtnis nachzuhelfen.
-
-Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; als aber Pastor
-Burgeß aufstand und seine Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill
-im Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. Der Pastor erzählte
-die wunderbare Geschichte des Sacks und erging sich dann in warmen
-Worten über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser Redlichkeit,
-auf den die Stadt mit Recht stolz sein könne. Dieser Ruf, sagte er,
-sei ein Besitz von unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen
-sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit habe sich
-Hadleyburgs Ruhm allenthalben verbreitet, so daß die Blicke von ganz
-Amerika jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name für alle
-Zeiten, wie er glaube und hoffe, als Sinnbild unbestechlicher Treue in
-Handel und Wandel gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der Hüter
-dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die ganze Gemeinde? O nein! Jeder
-Einzelne ist dafür verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner
-dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, daß unser herrlichstes
-Besitztum unangetastet bleibt. Wollt ihr diese große Verantwortung
-auf euch nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann ist alles wohl
-bestellt. Vererbt den Schatz auf eure Kinder und Kindeskinder! Bisher
-hat niemand eure Lauterkeit antasten können -- möge es immer so
-bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde sich heute verführen
-lassen, auch nur einen Pfennig anzurühren, der ihm nicht gehört --
-sehet zu, daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, das wollen
-wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um einen Vergleich zwischen uns und
-andern Gemeinden anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für
-uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche und wir die unsrigen
--- daran soll uns genügen. [Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde.
-Hier lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte Zeugnis für die
-Anerkennung, die ein Fremder unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn
-jetzt und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet werden. Der Mann
-ist uns unbekannt, aber ich spreche ihm in euer aller Namen unsern
-tiefgefühlten Dank aus und bitte euch, mit mir in ein Hoch auf ihn
-einzustimmen.«
-
-Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang schallten die Wände von
-donnernden Hurrarufen wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor
-Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und
-nahm einen Papierstreifen heraus. In atemloser Spannung lauschten die
-Anwesenden auf die Zauberworte, von denen jedes einen Klumpen Gold
-wert war und die der Pastor jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden gegenüber that, lautete:
-›Ihr seid noch lange kein ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert
-Euch.‹« Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun überzeugen, ob diese
-Aeußerung gleichlautend ist mit den Worten, die der Sack enthält. Dies
-wird unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen ist, gehört
-der Goldsack einem unserer Mitbürger, der fortan bei allem Volk als
-Inbegriff und Vertreter jener besonderen Tugend gelten wird, die den
-Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. Sein Name ist -- Billson!«
-
-Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm gerüstet;
-jetzt schienen sie plötzlich wie vom Frost erstarrt. Eine unheimliche
-Stille lagerte über der Versammlung, dann hörte man allmählich ein
-leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: »Billson! Nanu -- wer
-das glaubt! Zwanzig Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht
-im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit -- so was lassen wir uns
-nicht aufbinden!« Aber ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung.
-Während an einer Stelle des Saales der Kirchenrat Billson mit demütig
-gesenktem Haupt dastand, hatte sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson
-erhoben. Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und die Entrüstung
-der neunzehn Ehepaare war groß. Billson und Wilson hatten sich
-umgewandt und starrten einander an.
-
-»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte Billson in beißendem Ton.
-
-»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden Sie so freundlich
-sein, den Anwesenden zu erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«
-
-»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort geschrieben.«
-
-»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von _meiner Hand_.«
-
-Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. Er stand stumm da
-und starrte bald den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, was er
-thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:
-
-»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den Namen zu lesen, mit
-welchem das Papier unterzeichnet ist.«
-
-Das brachte den Pastor wieder zu sich.
-
-»John Wharton Billson,« las er.
-
-»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen Sie sich nun herausreden
-und sich wegen der Beleidigung entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen
-Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen Versammlung zugefügt
-haben?«
-
-»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im Gegenteil, mein Herr, ich
-klage Sie hiermit öffentlich an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen
-Zettel entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, auf der Ihr
-Name steht. Dies ist die einzige Art, wie Sie zur Kenntnis der bewußten
-Aeußerung gelangt sein können, denn außer mir weiß kein Mensch in der
-ganzen Welt, wie jene Worte gelautet haben.«
-
-Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, wollte man nicht das
-ärgerlichste Aufsehen erregen und der Klatschsucht Thür und Thor
-öffnen. Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die in rasender
-Eile immer weiter schrieben. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von
-allen Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem Hammer auf den
-Tisch klopfte.
-
-»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser Versammlung aufrecht
-halten und den Anstand nicht verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar
-liegt hier ein Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson mir ein
-Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich ist, so befindet sich
-dasselbe auch noch in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus der
-Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, machte ein verstörtes,
-bekümmertes Gesicht, stand eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob
-dann unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu sprechen, brachte
-aber kein Wort heraus.
-
-»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. »Was steht darin?«
-
-Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte Burgeß der Aufforderung:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen Fremden gegenüber that,
-lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer
-schauten ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« [Gemurmel:
-»Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] »Dies ist Thurlow G. Wilson
-unterschrieben,« sagte der Vorsitzende.
-
-»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt ist es sonnenklar. Ich
-wußte ja gleich, daß mein Brief abgeschrieben worden ist.«
-
-»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte mir dergleichen von
-Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«
-
-_Der Vorsitzende_: »Ich muß Sie zur Ruhe verweisen, meine Herren, und
-Sie beide ersuchen, Ihre Plätze wieder einzunehmen.«
-
-Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten sie der Aufforderung. Die
-Versammelten sahen einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den
-seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der Hutmacher Thomson auf.
-Er wäre gern einer der neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein
-das war ihm nicht beschieden; für solche Würde war sein Hutlager nicht
-groß genug.
-
-»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« sagte er, »daß
-die beiden Herren dem Fremden gegenüber schwerlich genau dieselben
-Worte gebraucht haben. Nach meiner Ansicht ist das ein Ding der
-Unmöglichkeit.«
-
-Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, der zu den
-Unzufriedenen gehörte, weil er nicht als ein Neunzehner anerkannt
-wurde, wiewohl er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies gab seiner Art
-und Weise einen etwas unangenehmen Beigeschmack.
-
-»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, auf den es ankommt.
-So etwas könnte geschehen -- alle hundert Jahre einmal --; aber das
-andere liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner von beiden hat
-die zwanzig Dollars gegeben!« [Schallender Beifall.]
-
-_Billson_: »Ich habe es gethan!«
-
-_Wilson_: »Nein, ich habe es gethan!«
-
-Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.
-
-_Der Vorsitzende_: »Ruhe, sage ich. Setzen Sie sich, meine Herren.
-Keins der beiden Couverts ist mir auch nur einen Augenblick aus der
-Hand gekommen.«
-
-_Eine Stimme_: »Gut -- damit ist das abgemacht.«
-
-_Der Lohgerber_: »Ich weiß, wie es zugegangen sein muß: Einer der
-Männer hat sich unter dem Bett des andern versteckt und seine
-Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch ist,
-möchte ich die Behauptung aufstellen, daß man allen beiden so etwas
-zutrauen kann.« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung, zur Ordnung!«] »Ich
-ziehe meine Bemerkung zurück und will nur noch erwähnen, daß, wenn der
-eine gehört hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner Frau
-mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche kommen werden.«
-
-_Eine Stimme_: »Wieso?«
-
-_Der Lohgerber_: »Nichts leichter als das. Die Aeußerung ist von beiden
-nicht genau in denselben Worten wiedergegeben worden. Das würde den
-Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die zweite Lesart nicht erst
-nach einiger Zeit und nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen
-worden wäre.«
-
-_Eine Stimme_: »Was ist der Unterschied?«
-
-_Der Lohgerber_: »Auf Billsons Zettel steht das Wort _ganz_ -- auf dem
-andern nicht.«
-
-_Viele Stimmen_: »Richtig, richtig, so ist es!«
-
-_Der Lohgerber_: »Wenn nun der Herr Vorsitzende die Probe macht und
-den Zettel im Sack liest, werden wir erfahren, wer von den beiden
-Betrügern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von diesen
-zwei Glücksjägern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von
-den beiden Ehrenmännern --« [Gelächter und Beifall] »die Auszeichnung
-genießen soll, der erste Halunke zu sein, der je in unserer durch
-ihn entehrten Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein fernerer
-Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich werden.« [Lebhafter
-Beifall.]
-
-_Viele Stimmen_: »Oeffnen, öffnen -- den Sack öffnen!!«
-
-Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte die Hand hinein
-und zog ein Couvert heraus, welches zwei zusammengefaltete Papiere
-enthielt. Dann sagte er:
-
-»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, nachdem alle
-schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende etwa erhalten hat,
-gelesen worden sind.‹ Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die
-Probe‹. Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; er lautet:
-
- »Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche mein Wohlthäter
- mir gegenüber gethan hat, in ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut
- nach genau wiedergegeben sein soll; sie war unbedeutend und er
- hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze aber sind
- so schlagend, daß sie ihm sicherlich im Gedächtnis geblieben
- sind. Stimmen diese nicht mit der Probe überein, so hat man
- es mit einem Betrüger zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der
- Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte er es aber
- einmal, so sei sein Rat auch von erster Güte. Was er nun sagte,
- hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr
- seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«
-
-_Viele Stimmen_: »Das ist entscheidend -- das Gold gehört Wilson. Er
-soll reden! Wilson hat das Wort!«
-
-Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie umringten Wilson,
-schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm von Herzen Glück, während
-der Vorsitzende immer lauter mit dem Hammer auf den Tisch klopfte und
-rief:
-
-»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie mich den
-Zettel zu Ende lesen. --«
-
-Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß fort:
-
- »›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es nicht, so werdet Ihr
- eines Tages sicherlich in Euern Sünden sterben und zur Strafe
- in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg -- _ersteres wäre
- noch vorzuziehen_.‹«
-
-Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten sich dunkle
-Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, doch allmählich
-erheiterten sich die Gesichter wieder, ja es schien, daß sie
-große Mühe hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer
-unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die Bürger aus
-Brixton und sämtliche fremde Gäste hielten sich die Hand vors Gesicht
-oder saßen mit gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit
-aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln zu beherrschen. In diesem
-verhängnisvollen Augenblick unterbrach Jack Halliday plötzlich das
-allgemeine Schweigen, indem er mit lauter Stimme rief: »Das Ding ist
-echt -- ein Rat erster Güte!«
-
-Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, Fremde wie Einheimische,
-und als sogar Burgeß seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte,
-legte sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures Gelächter erscholl,
-das lange kein Ende nehmen wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute
-schon die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig zusammen,
-um die Verhandlung fortzusetzen, aber immer von neuem brachen die
-Lachsalven unaufhaltsam hervor, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe
-Burgeß endlich anhub:
-
-»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, uns die Thatsache zu
-verhehlen, daß es sich hier um eine sehr ernste Sache handelt, denn die
-Ehre und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem Spiel. Schon der
-Umstand, daß die beiden Zettel der Herren Wilson und Billson sich nur
-durch _ein_ Wort unterschieden, war von schwerwiegender Bedeutung, da
-derselbe klar bewies, daß einer von ihnen sich des Diebstahls schuldig
-gemacht hatte --«
-
-Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit dagesessen
-hatten, sprangen bei diesen Worten wie elektrisiert in die Höhe.
-
-»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, und sie gehorchten.
-»Wie gesagt, der Umstand war unheilvoll, doch nur für einen der
-Beteiligten. Jetzt aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres
-Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, sondern ich darf
-wohl sagen unrettbar verloren. Beide haben die letzten Sätze mit den
-entscheidenden Worten ausgelassen.« Er hielt inne und die lautlose
-Stille, welche entstand, erhöhte noch die eindrucksvolle Wirkung des
-Augenblicks. Dann fuhr er fort:
-
-»Mir scheint, daß es hier nur _eine_ mögliche Erklärung giebt --
-deshalb frage ich die Herren -- geschah dies auf Verabredung -- in
-heimlichem Einverständnis?«
-
-Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat sie beide in der Falle,«
-murmelte die Menge.
-
-Billson war einer so schwierigen Lage nicht gewachsen; er saß in
-völliger Hilflosigkeit da. Aber Wilson, der Advokat, hatte sich
-ermannt; mit bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.
-
-»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht bei der Erörterung
-dieser höchst peinlichen Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das
-Wort, denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn Billson, den
-ich immer geachtet und hochgeschätzt habe, den schwersten Schaden
-zufüge. Wie alle übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine
-Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; aber meine eigene
-Ehre verlangt, daß ich offen zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich
-gestehen -- und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben --, daß
-ich mich dem mittellosen Fremden gegenüber ganz so geäußert habe, wie
-es auf dem Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen
-Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] Mir war das noch
-vollkommen erinnerlich, als ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu
-erheben, der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie sich bitte einen
-Augenblick in meine Lage: Die Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos
-gewesen an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich Worte
-dafür finden, doch würde er mir die Wohlthat tausendfach vergelten,
-wenn er je im stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich einmal, ob
-sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten ließ, ja, ob es auch nur
-denkbar war, daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz unnötigen
-Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, mich in die Falle zu locken
-und in einer öffentlichen Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt
-bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre höchst widersinnig gewesen.
-Ich zweifelte daher keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der
-ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen würde. Sie hätten das
-auch geglaubt und einem Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und dem
-Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß er schmählichen Verrat
-an Ihnen üben würde. So schrieb ich denn mit voller Zuversicht den
-Eingang nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ und setzte meinen
-Namen darunter. Als ich den Zettel eben in einen Umschlag thun wollte,
-wurde ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit offen auf
-dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt der Redner inne, wandte den Kopf
-langsam nach Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und sagte
-dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte Herr Billson eben meine
-Hausthür hinter sich zu -- urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten
-hatte.« [Große Erregung.]
-
-Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es ist eine schändliche Lüge!«
-schrie er, rot vor Zorn.
-
-_Der Vorsitzende_: »Setzen Sie sich! Herr Wilson hat das Wort.«
-
-Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz zurück und suchten ihn zu
-beruhigen, während Wilson fortfuhr:
-
-»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein Zettel lag nicht mehr an
-derselben Stelle auf dem Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah
-das wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, ein Zugwind
-habe ihn dahin geblasen. Daß Herr Billson ein Privatpapier lesen würde,
-kam mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann für unter seiner
-Würde halten. Hätte sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so
-würde er das Wort _ganz_ nicht hinzugefügt haben. Ich bin der einzige
-Mensch in der Welt, der jene Aeußerung -- auf ehrenhafte Weise -- genau
-wiedergeben konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«
-
-Für den schlauen und gewandten Redner ist es von jeher ein Leichtes
-gewesen, die Denkfähigkeit einer Zuhörerschaft, die an das täuschende
-Blendwerk der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren und sie zu
-maßlosen Gefühlsäußerungen fortzureißen. Als Wilson wieder Platz
-nahm, war sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender Beifallssturm
-erschallte; Freunde und Bekannte umringten ihn, schüttelten ihm die
-Hand und wünschten ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel
-zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende strengte seine Lunge
-vergebens an, und wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand gab
-acht darauf.
-
-Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren wir nun mit der
-Verhandlung fort!« rief Burgeß.
-
-»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß es; »man braucht ihm doch
-bloß den Sack zu geben.«
-
-_Viele Stimmen_: »Jawohl, jawohl! Wilson soll vortreten!«
-
-_Der Hutmacher_: »Ich fordere Sie auf, mit mir Herrn Wilson hoch
-leben zu lassen, als Inbegriff und Vertreter der besonderen Tugend,
-welche -- --«
-
-»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse durch den Saal. Wilsons
-Bewunderer hoben ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben an,
-ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu geleiten, als die Stimme des
-Vorsitzenden den Lärm übertönte:
-
-»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! -- Erinnern Sie sich doch, meine Herren,
-daß ich noch ein Schriftstück zu verlesen habe.« --
-
-Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm das zweite Papier zur Hand,
-legte es aber wieder hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle
-Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« Er zog ein Couvert
-aus der Tasche, öffnete es, überflog den Inhalt und schien starr vor
-Verwunderung.
-
-»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen zwanzig bis dreißig Stimmen
-auf einmal.
-
-Langsam und bedächtig, als traue er seinen Augen kaum, las Burgeß:
-
-»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber that -- [_Mehrere
-Stimmen_: »Hallo, wie geht das zu?«] -- lautete: ›Ihr seid noch lange
-kein schlechter Mensch. [_Mehrere Stimmen_: »Gerechter Himmel!«]
-Geht hin und bessert Euch.‹ [_Eine Stimme_: »Da schlag’ doch das
-Donnerwetter drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier Pinkerton.«
-
-Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die besonneneren Leute
-trauernd ihr Haupt schüttelten. Wer sich nicht mehr halten konnte,
-lachte daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter
-wälzten sich vor Lachen und machten solche Krakelfüße auf dem Papier,
-daß es nicht menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. Ein Hund,
-der im Winkel geschlafen hatte, schreckte auf und geriet über das
-Getöse so in Wut, daß er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie
-und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. »Oho, immer toller! --
-Jetzt besitzen wir zwei Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! -- Nein,
-drei -- man muß auch Billson mitzählen -- je mehr, desto besser! --
-Richtig, richtig, Billson gehört dazu! -- Was ist doch Wilson für ein
-armes Opferlamm -- zwei Diebe haben ihn beraubt!«
-
-_Eine mächtige Stimme_: »Stille! Der Vorsitzende holt wieder etwas aus
-der Tasche.«
-
-_Andere Stimmen_: »Hurra! Was giebt es Neues? Vorlesen! Vorlesen!«
-
-_Der Vorsitzende_ (liest): »Die Aeußerung, welche ich u. s. w.
-›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin‹ u. s. w.
-Unterschrift: Gregor Yates.«
-
-_Dröhnende Rufe_: »Vier Inbegriffe! -- Der ehrliche Yates soll leben!
--- Weiter, weiter!«
-
-Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende nehmen; es galt, den
-Kapitalspaß von Grund aus zu genießen. Als einige von den Neunzehnern
-aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen nach dem Ausgang
-hin zu drängen suchten, wurden von allen Seiten Rufe laut:
-
-»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! Kein Ehrenmann darf den
-Saal verlassen! Hinsetzen! Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«
-
-Alle folgten der Aufforderung.
-
-»Immer mehr! -- Vorlesen! Vorlesen!«
-
-Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und las die wohlbekannten Worte:
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«
-
-»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«
-
-»Ingoldsby Sargent.«
-
-»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! Weiter, weiter!«
-
-»›Ihr seid noch lange kein --‹«
-
-»Den Namen her!«
-
-»Nikolas Whitworth.«
-
-»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«
-
-»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; »hoch soll er leben!
-Dreimal hoch!!!«
-
-»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das Vorbild unbestechlicher
-Tugend, und für alle seine Inbegriffe und würdigen Vertreter!«
-
-»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben -- hoch!« brüllte der
-Chor; »dreimal hoch!!!«
-
-»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. »Wir wollen mehr
-hören! Vorlesen! Alles vorlesen, was da ist!«
-
-»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf ewig begründen.«
-
-Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch zu erheben. Sie
-sagten, ohne Zweifel hätte sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies
-Possenspiel ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze Gemeinwesen sei.
-Die Unterschriften müßten alle gefälscht sein, nur so ließe sich die
-Sache erklären. Aber sie predigten tauben Ohren.
-
-»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« hieß es. »Ihr bekennt euch
-bloß schuldig -- nächstens werden eure Namen an die Reihe kommen!«
-
-»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche Briefumschläge er
-bekommen hat.«
-
-»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«
-
-Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten sie sämtlich das
-Geheimnis. Ich stelle den Antrag, von jedem derartigen Zettel die
-sieben ersten Wörter und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«
-
-Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen und zum Beschluß
-erhoben. Da stand plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur
-Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre Thränen zu verbergen. Der
-Gatte gab ihr den Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung
-bebender Stimme:
-
-»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, Mary und mich von Jugend
-auf, und habt uns stets Liebe und Achtung erwiesen --«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach ihn der Vorsitzende;
-»was Sie sagen, ist zwar die lautere Wahrheit -- die ganze Stadt kennt
-Sie nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber --«
-
-Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: »Wenn das auch die Meinung
-der Versammlung ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben zu
-lassen. Hurra, hoch!«
-
-Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose Taschentücher
-wurden geschwenkt und donnernde Hochrufe erschallten. Dann fuhr der
-Vorsitzende fort:
-
-»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, Herr Reichard, daß es
-zwar Ihrem guten Herzen Ehre macht, wir aber in diesem Fall den
-Missethätern keine Nachsicht gewähren dürfen.« [_Zurufe_: »Nein,
-nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen im Gesicht geschrieben; allein
-ich kann nicht gestatten, daß Sie sich für jene Männer verwenden --«
-
-»Aber ich wollte ja nur --«
-
-»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen erst die übrigen
-Zuschriften lesen. Das verlangt schon die Billigkeit den Leuten
-gegenüber, deren Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald
-dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, das verspreche ich Ihnen.«
-
-Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das Warten ist eine rechte
-Qual,« flüsterte Reichard seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um
-so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir nur für uns selber
-um Nachsicht bitten wollten.«
-
-Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen wurden gelesen.
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Robert
-Titmarsch.‹
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift:
-›Eliphalet Wenks.‹
-
-»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Oskar
-Wilder.‹«
-
-Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten die Zuhörer auf
-den Einfall, ihn der Mühe zu überheben, jedesmal die sieben Wörter
-zu lesen, womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun nur noch den
-Zettel in die Höhe und wartete, bis die Versammlung in volltönendem
-Chor, der fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes,
-feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid noch la-an-ge kein
-schle-ech-ter Mensch.« Dann las er die Unterschrift: »Archibald
-Wilcox.« So ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium und zur Qual
-der unglücklichen Neunzehner. Jedesmal, wenn ein besonders angesehener
-Name verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, sang die
-ganze Litanei von Anfang an bis zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle
-kommen, oder nach Hadleyburg -- ersteres wäre noch vo-o-or-zu-ziehn« --
-und schloß dann mit einem mächtigen »A-a-a-a-men!«
-
-Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu verlesenden Papiere; Reichard
-wußte genau, wie viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein
-Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller Spannung auf den
-Augenblick, wenn die Reihe an ihn kommen würde. Dann wollte er sich
-erheben und die Versammlung etwa mit folgenden Worten um Erbarmen
-für sich und Mary anflehen: »Bisher sind wir unsern Weg unsträflich
-gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. Aber wir sind
-alt und sehr arm, haben auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die
-Versuchung war groß und wir sind unterlegen. Als ich vorhin aufstand,
-wollte ich mein Unrecht bekennen und bitten, daß man meinen Namen
-nicht öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die Schande nicht
-überleben zu können; man ließ mich jedoch nicht ausreden. Ich weiß,
-es ist nur gerecht, wenn wir vor den andern nichts voraus haben; aber
-die Strafe ist hart. Unser Name war bis jetzt immer unbescholten; habt
-Erbarmen, denkt, daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind,
-und laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« So weit war er
-in seinen Gedanken gekommen, als Mary ihn anstieß, um ihn aus der
-Träumerei zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch la-a-nge kein«
-u. s. w.
-
-»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist die Reihe an dir;
-achtzehn Namen sind schon verlesen.«
-
-»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge. Langsam und zitternd
-erhob sich das alte Ehepaar. Burgeß steckte die Hand in die Tasche und
-schien einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel alle gelesen
-haben,« sagte er dann.
-
-Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung sanken Reichard und seine
-Frau auf ihre Plätze zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei
-Dank. Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke würden mich
-nicht so glücklich machen!«
-
-Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf Hadleyburgs Redlichkeit und
-die achtzehn unsterblichen Vertreter seiner Tugend. Dann stand Wingate,
-der Sattler, auf, um den wackersten Mann in der Stadt leben zu lassen,
-den einzigen aus der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen
-Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen -- Eduard Reichard.
-
-Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung ein, und man pries Reichard
-laut, als den einzigen treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger
-Ueberlieferung.
-
-»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte eine Stimme.
-
-_Der Lohgerber_ (mit bitterem Spott): »Das liegt doch auf der Hand.
-Das Gold muß unter die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder
-von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars gegeben -- und jenen
-kostbaren Rat. Zweiundzwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie einer
-nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. Was sie für den Fremden
-eingezahlt haben, betrug alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie
-möchten nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben -- die sich mit dem
-Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«
-
-»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.
-
-_Der Vorsitzende_: »Ich bitte um Ruhe, damit ich die letzte Zuschrift
-des Fremden vorlesen kann. -- Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet,
-um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes Seufzen und Stöhnen aus
-der Menge] so soll das Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt
-werden, damit sie es aufs beste verwenden, um den ehrenwerten Ruf
-Hadleyburgs auch ferner zu erhalten und immer weiter auszubreiten.
-Dafür, daß sie dies nach besten Kräften thun werden, bürgt schon ihre
-eigene Unbescholtenheit und allgemein anerkannte Vortrefflichkeit.‹
-[Spöttische Beifallsrufe von allen Seiten und lautes Händeklatschen.]
-Halt! Ich bin noch nicht zu Ende -- hier ist eine Nachschrift:
-
- »›~P. S.~ -- Bürger von Hadleyburg!
-
- Die ganze Sache beruht auf Erfindung -- kein Mensch hat
- jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl
- der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt
- dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft
- gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter
- Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine
- Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg
- reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung
- an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch
- umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so
- geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch
- nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen
- der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn
- auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit -- der
- Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten
- sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen.
- Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz,
- den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen
- Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz
- ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt
- und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern
- fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen!
- Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die
- nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war,
- dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast
- ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die
- in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen
- Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen.
- Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson,
- der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im
- Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so
- würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige
- Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars
- schenken könnte‹ -- und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine
- Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt
- abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht
- aus -- ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich
- nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit
- der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie
- ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten
- Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand,
- daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es
- fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz
- auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg
- in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben
- verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn
- mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne
- einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger
- Ruhmes.‹«
-
-_Viele Stimmen_: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn
-Tugendhelden sollen vortreten!«
-
-Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber
-Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.
-
-»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.«
-
-Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach
-den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen,
-keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort:
-
-»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich
-bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich
-schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll
-vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den
-Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von
-echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.«
-
-Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung
-begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von
-Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe.
-Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die
-Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der
-Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und
-immer höher.
-
-Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in
-kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten;
-es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein
-Ehrengeschenk, und -- und -- wir können es doch nicht dulden! Sollen
-wir nicht lieber aufstehen und -- Mary, was fangen wir nur an -- was
-meinst du, daß wir --«
-
-(_Hallidays Stimme_: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten
--- zwanzig -- danke bestens -- dreißig -- dreißig zum -- höre ich
-recht? -- Vierzig -- bieten Sie weiter, meine Herren -- fünfzig zum
-ersten, zum zweiten, zum -- siebzig -- neunzig -- bravo! immer höher!
--- hundert -- hundertzwanzig -- vierzig -- noch ist es Zeit! --
-hundertfünfzig -- zweihundert -- zweihundertfünfzig -- keiner mehr? --«)
-
-»Es ist eine neue Versuchung, Eduard -- ich zittere an allen Gliedern.
-Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur
-Warnung dienen --« [»Habe ich recht gehört? Sechs -- meinen Dank --
-sechshundertfünfzig -- siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht
-bedenkt, -- kein Mensch argwöhnt --« [»Achthundert Dollars! Hurra!
-Neunhundert wäre noch besser! -- Haben Sie neunhundert gesagt, Herr
-Parsons? -- Ganz recht -- also dieser schöne Sack, mit echtem Blech
-gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars --
-tausend -- sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den
-Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten
-Staaten --«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm -- aber --
-thu’ was dir am besten dünkt -- ich hindere dich nicht.«
-
-Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß still und beschwichtigte
-sein Gewissen damit, daß die Umstände ihm keine Wahl ließen.
-
- * * * * *
-
-Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher aussah wie ein
-als englischer Graf verkleideter Geheimpolizist, den Verhandlungen
-mit dem größten Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen
-hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich dachte, war ungefähr
-folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden bieten nicht mit, das ist nicht
-in der Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. Sie
-müssen im Gegenteil den Sack kaufen, den sie stehlen wollten, und
-einen ordentlichen Preis dafür zahlen -- denn es sind reiche Leute
-darunter. Außerdem hat der einzige Hadleyburger, der meine Berechnung
-zu Schanden gemacht hat, eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm
-nicht entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher Mann, das muß
-ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich scheint. Jedenfalls soll er den
-Glückstopf ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. Daß er mich
-Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht nachtragen.«
-
-Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren Verlauf der Auktion.
-Nachdem tausend Dollars geboten waren, ging der Preis nur noch langsam
-in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog sich zurück. Nun bot der
-Fremde selbst ein paarmal mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte
-ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch fünfzig hinzu und der
-Sack wurde ihm für eintausendzweihundertundzweiundachtzig Dollars
-zugeschlagen. Die Menge brach in schallende Hochrufe aus, doch trat
-gleich darauf eine lautlose Stille ein, als der Fremde mit der Hand
-winkte und zu reden begann:
-
-»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. Ich bin
-Raritätenhändler und habe in der ganzen Welt Verbindungen mit Leuten,
-die seltene Münzen sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie er ist,
-mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich größeren Vorteil würde
-ich daraus ziehen, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche
-ich Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann jede einzelne
-dieser blechernen Münzen mindestens für ein echtes Zwanzigdollarstück
-verkaufen und würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger,
-Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche Redlichkeit
-heute von Ihnen mit vollem Rechte anerkannt und gepriesen worden ist.
-Sein Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die ich ihm morgen
-einhändigen will.« [Großer Beifall der Menge; Reichard und seine Frau
-wurden dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, man legte es
-ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der besondere Wert einer Rarität hängt
-meistens davon ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen
-wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich auf diese
-vergoldeten Blechmünzen hier die Namen der achtzehn Herren stempeln
-lassen darf, welche --«
-
-Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob sich die ganze Versammlung
-wie ein Mann, um unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung zu
-geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank dafür aussprechen wollte,
-daß man so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen war,
-erhoben sämtliche Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten
-Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen
-solchen Schimpf anthäte, und stießen sogar Drohungen gegen den Fremden
-aus, der jedoch ganz ruhig blieb.
-
-Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, zu bitten und zu drohen,
-benutzte Harkneß die günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und
-Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt und Gegenkandidaten bei
-der Abgeordnetenwahl, um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt
-war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade über den Bau einer
-neuen Eisenbahn; beide Männer besaßen große Strecken Landes und jeder
-hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, daß die Bahn durch sein
-Besitztum geleitet würde, was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine
-einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag geben. Vor einer
-gewagten Spekulation zurückzuschrecken, war Harkneß’ Sache nicht, und
-hier galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in seiner Nähe und die
-Unruhe im Saal war groß. Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:
-
-»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«
-
-»Vierzigtausend Dollars.«
-
-»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«
-
-»Nein.«
-
-»Fünfundzwanzig.«
-
-»Nein.«
-
-»Was sagen Sie zu dreißig?«
-
-»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen Pfennig weniger.«
-
-»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen früh um zehn Uhr komme
-ich zu Ihnen ins Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde;
-ich wünsche Sie allein zu sprechen.«
-
-Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob er sich, um sich bei
-der Versammlung zu verabschieden; er dankte den Anwesenden nochmals
-für die Gewährung seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, ihm den
-Sack bis morgen aufzuheben und Herrn Reichard einstweilen drei
-Fünfhundertdollarscheine einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in
-Empfang genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh um neun will ich
-den Sack abholen und um elf Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend
-Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute Nacht!«
-
-Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der Lärm jetzt von
-neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, Beifallklatschen, Hundegebell,
-und dazwischen der Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein
-schle-e-ech-ter Mensch --« erschallten in wildem Durcheinander.
-
-
-IV.
-
-Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard noch bis Mitternacht
-fortwährend Glückwünsche und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als
-sie endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen stumm und
-traurig da, bis Mary zuletzt tief aufseufzte:
-
-»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht gethan haben?« fragte
-sie und schaute nach den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen
-Kassenscheinen, welche die Leute vorhin mit so verlangenden Blicken
-betrachtet und kaum anzurühren gewagt hatten. Eduard schwieg eine
-Weile, dann kam ein Seufzer auch aus seiner Brust.
-
-»Wir -- wir konnten nichts dafür, Mary -- es war eine Fügung des
-Himmels -- wie alles in dieser Welt,« erwiderte er zögernd.
-
-Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er senkte den Blick.
-
-»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob und Anerkennung der
-Menschen immer Freude machten -- aber jetzt scheint mir -- höre,
-Eduard?«
-
-»Was denn?«
-
-»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?«
-
-»N -- nein.«
-
-»Was willst du thun?«
-
-»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.«
-
-»Das wird wohl am besten sein.«
-
-Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher hatte ich keine
-Furcht, wenn mir auch das Geld anderer Leute stromweise durch die Hände
-floß,« murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.«
-
-»Laß uns zu Bette gehen.«
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen um neun Uhr holte der Fremde den Sack ab und fuhr
-damit in einer Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um zehn ein
-Privatgespräch mit ihm. Der Fremde ließ sich fünf Wechsel -- zahlbar
-an den Ueberbringer -- auf eine New Yorker Bank ausstellen, einen zu
-vierunddreißigtausend Dollars und vier zu fünfzehnhundert Dollars. Von
-letzteren steckte er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte
-er in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu, nachdem Harkneß
-fort war. Um elf Uhr klingelte er am Reichard’schen Hause; Mary guckte
-erst durch den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das Couvert in
-Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte, ohne ein Wort zu sagen. In
-großer Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück.
-
-»Schon gestern abend kam es mir vor, als müßte ich ihn früher irgendwo
-gesehen haben; aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.«
-
-»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht hat?«
-
-»Ja, ich möchte darauf schwören.«
-
-»Dann ist er auch der angebliche Stephenson, der die Bürger mit seinem
-erfundenen Geheimnis zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun Wechsel
-statt Geld bringt, sind wir noch einmal angeführt, während wir uns eben
-in Sicherheit wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz behaglich
-zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles wieder, es ist viel zu dünn.
-Achttausendfünfhundert Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären
-ein dickeres Paket.«
-
-»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?«
-
-»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat! -- Ich habe mich zwar
-darein gegeben, die achttausendfünfhundert Dollars in Banknoten
-anzunehmen, weil es der Himmel nun einmal so gefügt hat. Aber Wechsel
-einzulösen, welche jene verhängnisvolle Unterschrift tragen -- nein,
-dazu fehlt mir der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal hat
-mich der Mensch fast in seine Hände bekommen, und wir sind ihm wie
-durch ein Wunder entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise. Wenn
-Wechsel in dem Couvert sind --«
-
-»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie die Wechsel in die Höhe.
-
-»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in Versuchung kommen. Es
-ist nur eine Hinterlist, um uns ins Verderben zu locken -- uns dem Hohn
-und Spott der Leute preiszugeben wie die andern. Wenn du es nicht thun
-kannst, gieb sie mir.« Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte
-damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf und konnte nicht umhin,
-zuvor noch einen Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er in
-Ohnmacht gefallen.
-
-»Mary, Mary, halte mich -- sie sind so gut wie Gold!«
-
-»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch ganz gewiß?«
-
-»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist mir ein unerklärliches
-Rätsel.«
-
-»Glaubst du denn, Eduard --«
-
-»So sieh doch nur her! Fünfzehn -- fünfzehn -- fünfzehn --
-vierunddreißig! Achtunddreißigtausendfünfhundert! -- Was sagst du dazu,
-Mary? -- Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß hat offenbar
-diese Riesensumme dafür gezahlt.«
-
-»Und du glaubst, das alles soll uns gehören? Nicht nur die
-versprochenen zehntausend?«
-
-»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten die Wechsel auf den
-›Ueberbringer‹.«
-
-»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu bedeuten?«
-
-»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank erheben. Vielleicht
-wünscht Harkneß nicht, daß die Sache hier ruchbar wird. Was ist denn
-das -- -- ein Brief?«
-
-»Ja, er lag bei den Wechseln.«
-
-Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug aber keine Unterschrift.
-Reichard las:
-
- »Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit ist über
- jede Versuchung erhaben. Als ich das Gegenteil annahm, that ich
- Ihnen unrecht, und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen.
- Sie verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger
- sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen. Ich bin
- mit mir selbst eine Wette eingegangen, daß sich in Ihrer
- tugendstolzen Stadt neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen
- lassen würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen Sie den
- ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von Rechts wegen.«
-
-Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt, als wäre es mit Feuer
-geschrieben,« sagte er. »Mir ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.«
-
-»Mir auch. Ach, hätten wir doch -- --«
-
-»Stelle dir nur vor, Mary -- er _glaubt_ an mich.«
-
-»Schweig’ still davon -- ich halte es sonst nicht aus.«
-
-»Wenn ich dies schöne Lob verdiente -- und Gott weiß, ich glaube,
-früher war das der Fall -- so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend
-Dollars dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig aufbewahren, es
-wäre mir mehr wert, als Gold und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein
-ewiger Vorwurf sein, darum fort mit ihm.«
-
-Er warf das Papier in die Flammen. --
-
-Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte. Burgeß hatte ihn
-geschickt; er lautete:
-
- »Sie waren mein Retter zur Zeit der Not. Zum Dank dafür habe
- ich Sie gestern gerettet. Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit
- thun, doch habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich
- nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so gut wie ich, daß
- Sie ein braver, wackerer und edler Mensch sind. Sie wissen,
- welches Fehltritts man mich anklagt, und da man allgemein von
- meiner Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung keinen
- Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß Sie mich wenigstens
- nicht für einen Undankbaren halten, wird mir die Last
- erleichtern, die ich tragen muß.
-
- Burgeß.«
-
-»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen Bedingungen!« Er warf
-den Brief ins Feuer. »Ich -- ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte
-die Sache ein für allemal ein Ende.«
-
-»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns, Eduard. So viel Großmut
-muß einem schier das Herz zermalmen -- und das geht immer Schlag auf
-Schlag.« --
-
-Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde jedem der zweitausend Wähler
-als kostbares Erinnerungszeichen eine der wohlbekannten falschen
-Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der Münze las man am
-Rand die Inschrift: ›Die Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte,
-lauteten --‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht hin und bessert Euch!
-Pinkerton.‹
-
-So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel an Unrat übrig
-geblieben war, über ein einziges Haupt ausgegossen, und die Wirkung
-war verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann von neuem und
-richtete sich ausschließlich gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl
-von einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war.
-
- * * * * *
-
-Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit gehabt, ihr Gewissen über
-die Annahme der Wechsel zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe
-mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch inne werden, welche
-Schreckensgestalt eine böse That annehmen kann, sobald die Möglichkeit
-ihrer Entdeckung vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt dadurch
-eine völlig neue Bedeutung und Wichtigkeit.
-
-Am nächsten Sonntag war die Predigt in der Kirche ganz so wie immer.
-Dieselben alten Sachen wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die
-Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört, ohne sich davon
-getroffen zu fühlen; es war oft ordentlich schwer gewesen, nicht
-dabei einzuschlafen, weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen
-vorkam. Aber auf einmal war das ganz anders. Die Predigt schien voller
-Anschuldigungen und ganz besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere
-Sünde vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst zu Ende
-war, wich das Ehepaar so viel wie möglich der sie beglückwünschenden
-Menge aus; von unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten sie
-in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs sahen sie zufällig
-von ferne Herrn Burgeß, der um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu
-erwidern. Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie das nicht wußten,
-fragten sie sich besorgt, was es wohl bedeuten möchte. Sollte er
-erfahren haben, daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den Tag
-bringen können? Vielleicht wartete er nur eine günstige Gelegenheit
-ab, um die Rechnung mit ihm ins reine zu bringen. -- Daheim fingen
-sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd müsse sie im
-Nebenzimmer belauscht haben, als Reichard seiner Frau erzählte, er
-wisse, daß Burgeß unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu erinnern,
-daß sie damals dort ein Rascheln gehört hätten; kein Zweifel, Sara
-war die Verräterin. Sie riefen die Magd ins Zimmer und stellten ihr
-so unzusammenhängende, wunderliche Fragen, daß Sara bald auf den
-Gedanken kam, der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen
-Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun unter ihren forschenden,
-mißtrauischen Blicken errötend ängstlich und befangen wurde, sah das
-Ehepaar dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld an. Sobald Sara das
-Zimmer verließ, redeten sie weiter über diese Entdeckung und quälten
-sich mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen. Plötzlich
-stöhnte Reichard laut auf.
-
-»Was giebt es? -- Fehlt dir etwas?«
-
-»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt erst verstehe ich seinen
-beißenden Spott. Man kann ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er
-weiß, daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm sein Lob für
-bare Münze. Du weißt doch, Mary --«
-
-»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt hat -- den Zettel mit
-der erlogenen Aeußerung. Ja, das ist entsetzlich.«
-
-»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu richten. Einigen Leuten muß
-er ihn schon gezeigt haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht
-an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch auch unsern Gruß
-erwidert, wenn er nichts Böses gegen uns im Schilde führte.«
-
-In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen und am Morgen
-verbreitete sich das Gerücht, die alten Leute seien ernstlich
-erkrankt. Die gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen so
-unerwartet in den Schoß gefallen war, das späte Aufbleiben und die
-vielen Gratulationsbesuche seien schuld daran, meinte der Doktor. Die
-Hadleyburger hörten es mit großer Betrübnis, denn dies Ehepaar war ja
-das einzige, worauf sie noch stolz sein konnten.
-
-Zwei Tage später lautete der Bericht noch schlimmer: Reichard
-lag im Fieber und benahm sich sehr sonderbar. Nach Aussage der
-Wärterinnen hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht
-auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf die Riesensumme von
-achtunddreißigtausend Dollars ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu
-einem so ungeheuern Vermögen?
-
-Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere Dinge zu erzählen.
-Sie hatten die Wechsel in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht
-beschädigt würden, aber als man danach suchte, fand man sie unter dem
-Kissen des Kranken nicht mehr; sie waren und blieben verschwunden.
-
-»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte Reichard gefragt; »laßt mich
-in Ruhe!«
-
-»Wir möchten nur, daß die Wechsel --«
-
-»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind vernichtet. Es war
-Satanswerk; ich habe das Brandmal der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck
-war, mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann begann er schreckliche
-Reden zu führen über ganz unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte
-die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen.
-
-Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die Fieberphantasien des
-Kranken ausgeplaudert haben, denn bald darauf sprach man in der ganzen
-Stadt davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte so gut wie
-die andern Anspruch auf den Sack erhoben, was durch Burgeß zuerst
-verheimlicht und dann aus Bosheit verraten worden sei.
-
-Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft und meinte, es
-sei ungerecht, den Worten, die ein kranker alter Mann im Fieberwahn
-geredet, irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein der Argwohn war
-nun einmal wach geworden und jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.
-
-Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im Fieber, und was sie sprach,
-war nur eine Wiederholung von ihres Mannes Reden. Da zweifelte niemand
-mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit des einen unbescholtenen
-Bürgers, den Hadleyburg noch unter seinen ersten Familien besessen
-hatte, nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem Stolz auf
-ihn war es ein für allemal vorbei.
-
-Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte Ehepaar im Sterben. Kurz
-vor seinem Tode kam Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und ließ
-Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden, das Zimmer zu verlassen,
-da der Kranke gewiß wünsche, mit ihm allein zu reden.
-
-»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben. Ihr alle sollt mein
-Bekenntnis hören, denn ich will wie ein Mann sterben und nicht wie ein
-elender Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig --
-wie alle übrigen Hadleyburger, und gleich meinen Mitbürgern bin ich der
-ersten wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb eine Lüge,
-um in den Besitz des erbärmlichen Sackes zu gelangen. Pastor Burgeß
-erinnerte sich, daß ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus
-Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um meine Ehre zu retten.
-Er wußte nicht, daß ich die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn
-geschleudert wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften können. Aber
-ich war ein Feigling und gab ihn der Schande preis --«
-
-»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben -- --«
-
-»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis verraten --«
-
-»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt --«
-
--- »und darauf that er etwas, das vollständig natürlich und
-gerechtfertigt war. Seine Güte und Nachsicht gegen mich reute ihn und
-er offenbarte meine Schuld, wie ich es verdiente.«
-
-»Niemals -- das schwöre ich --«
-
-»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.«
-
-Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er predigte tauben Ohren. Der
-Sterbende hauchte seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren,
-daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht zugefügt hatte. In der
-folgenden Nacht starb auch die alte Frau Reichard. So war denn der
-letzte der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes geworden, und
-die Stadt hatte ihren alten Ruhm für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer
-darüber trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief und aufrichtig.
-
-Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg von der Regierung
-die Erlaubnis, einen andern Namen anzunehmen (einerlei welchen,
-ich will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten Motto seines
-Stadtsiegels _ein_ Wort fortzulassen.
-
-Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und wer sie noch einmal
-überrumpeln wollte, der müßte früh aufstehen.
-
-[Illustration:
-
- ~Altes Motto~
-
- ~Führe uns nicht in Versuchung~
-
- ~Neues Motto~
-
- ~Führe uns in Versuchung~
-]
-
-
-
-
-Das Gesundbeten.
-
-
-I.
-
-Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen Kur in der
-Appetitsanstalt[1] nach Wien zurückkehrte, machte ich einen Abstecher
-in die Berge. Dabei fiel ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und
-brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch dies und das. Zum
-guten Glück fanden mich einige Landleute, die einen verlorenen Esel
-suchten, und schafften mich in ihr Haus.
-
- [1] Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge Bd. 5.
-
-Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde entfernt; es wohnte dort
-ein Pferdedoktor, aber kein Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade
-trostverheißend für mich; denn ganz offenbar handelte es sich bei
-mir um einen chirurgischen Fall. Doch da fiel den guten Leuten ein,
-daß in jenem Dorf eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte,
-und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft wäre und
-alles und jedes heilen könnte. Es wurde also nach ihr geschickt. Da
-inzwischen die Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise
-nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir aber Bescheid sagen: Das
-mache weiter nichts, die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort
-›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen Morgen ihren Besuch
-machen; unterdessen möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und nicht
-vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. Ich dachte, da müßte
-wohl irgend ein Mißverständnis vorliegen und fragte:
-
-»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig Fuß hohe Felswand
-heruntergefallen bin?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß und einen Purzelbaum
-schlug?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich nochmals aufschlug und einen zweiten Purzelbaum machte?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und den dritten Purzelbaum
-machte?«
-
-»Ja.«
-
-»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«
-
-»Ja.«
-
-»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es handele sich um die
-Steinblöcke. Warum haben Sie ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu
-Schaden gekommen bin?«
-
-»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, was Sie mir aufgetragen
-hatten: daß Sie vom Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine
-unzusammenhängende Reihenfolge von komplizierten Knochenbrüchen
-bildeten, und daß Sie infolge des Hervorragens der verschiedenen
-Knochenteile aussähen wie ein Kleiderriegel.«
-
-»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, ich sollte nicht
-vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre?«
-
-»So sagte sie wörtlich.«
-
-»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der Diagnose des Falls
-nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Sah sie aus wie eine
-Person, die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst schon
-mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre abstrakte Wissenschaft auf
-die Basis persönlicher Erfahrungen gründet?«
-
-»Bitte?«
-
-Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich nicht in des
-Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen über ihren Horizont. Ich ließ
-daher die Sache auf sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu
-rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine Beine hineinzulegen,
-und einen Menschen, der dazu befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib
-fluchen zu helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.
-
-»Warum nicht?« fragte ich.
-
-»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«
-
-»Aber ich bin hungrig und durstig und habe scheußliche Schmerzen!«
-
-»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber Sie dürften darauf
-nicht achten. Ganz besonders ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken,
-daß es so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar nicht gibt.«
-
-»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«
-
-»Sie sagte so.«
-
-»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz eines normal
-funktionierenden Intellekts sei?«
-
-»Bitte?«
-
-»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man sie angebunden?«
-
-»Angebunden?«
-
-»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind ein gutes Mädel, aber Ihr
-geistiges Geschirr ist nicht auf leichte und anregende Gespräche
-eingerichtet. Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ allein.«
-
-
-II.
-
-Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht -- wenigstens hielt ich
-sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden --, doch schließlich
-nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft
-kam, und ich war froh darüber.
-
-Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen,
-hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade
-und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und
-hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge,
-damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit,
-die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln
-auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie
-dies -- immer hübsch eins nach dem anderen -- getan, nahm sie ihre
-Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die
-Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie,
-zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett,
-ließ sich -- aber ohne jede Uebereilung -- auf diesen nieder, und ich
--- ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne
-jede Aufregung:
-
-»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu
-tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.«
-
-Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das
-Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb
-entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte,
-und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls
-ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine
-Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr
-sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen
-könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas
-nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war
-sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise.
-
-»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt
-nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen,
-so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut
-nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn
-sich nur vorstellen.«
-
-»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch ...«
-
-»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich
-äußern. Schmerz ist unwirklich; also _kann_ Schmerz nicht weh tun.«
-
-Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den
-eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei
-ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden
-Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort:
-
-»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten
-auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten;
-Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere
-Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen
-Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die
-Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.«
-
-Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den
-Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben
-eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit
-möglichst unschuldigem Gesicht:
-
-»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen hat, von irgend welchem
-Wert?«
-
-»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen kommen nur aus der Seele; die
-niederen Tiere, die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind,
-haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist eine Meinung unmöglich.«
-
-»Das ist eigentümlich und interessant. Ich möchte wohl wissen, was
-eigentlich mit der Katze los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht
-gibt, und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur in der
-Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, so hat allem Anscheine
-nach Gott in seinem Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer
-geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die sich in dem Augenblick
-bemerkbar macht, wo das Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser
-Gemütsbewegung stimmen dann Katze und Christenmensch gewissermaßen
-überein, indem ...«
-
-Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug davon! Die Katze fühlt
-nichts, der Christenmensch fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten
-Vorstellungen sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht
-bekommen könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, wenn Sie
-anerkennen und offen zugeben, daß Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht
-existieren.«
-
-»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen Schmerzen,« antwortete ich,
-»aber mir könnte nicht elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen
-wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«
-
-»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; denn sie existieren ja
-gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, die durch die Materie weiter
-verbreitet werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar keine
-Materie.«
-
-»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber doch außerordentlich
-unbestimmt; es schlüpft einem durch die Finger, wenn man gerade eben
-denkt, man halte es gepackt.«
-
-»Wieso?«
-
-»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht existiert, wie kann Materie
-was weiterverbreiten?«
-
-In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie würde sogar wirklich
-gelächelt haben, wenn es so was wie Lächeln überhaupt gäbe.
-
-»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren der Christlichen
-Wissenschaft beweisen es, und diese sind in den folgenden vier keines
-Beweises bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:
-
- 1. Gott ist alles in allem.
-
- 2. Gott ist gut. Gott ist Seele.
-
- 3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.
-
- 4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich Tod, Uebel,
- Sünde, Krankheit.
-
-»Da -- da haben Sie’s!«
-
-Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien mir mit der von mir
-aufgeworfenen Schwierigkeit, nämlich wie nicht vorhandene Materie
-Wahnvorstellungen weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste zu
-tun zu haben. Ich sagte daher etwas zögernd:
-
-»Be ... beweist das wirklich etwas?«
-
-»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s rückwärts gelesen wird!«
-
-Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.
-
-»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich Gott allmächtiger Guter
-Leben Materie ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott Gut
-ist Gott alles in allem ist Gott. So -- verstehen Sie’s jetzt?«
-
-»Es ... es ... hm, es ist klarer als vorher; indessen ...«
-
-»Na?«
-
-»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere Arten versuchen?«
-
-»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: die Bedeutung bleibt immer
-dieselbe. Sagen Sie die Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es
-kann niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es nämlich vollkommen
-ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel daraus: ganz einerlei -- es
-kommt immer dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. Nur aus
-einem wunderbaren Geist konnten diese Lehrsätze hervorgehen. Als
-eine geistige Kraftleistung haben sie nicht ihresgleichen; sie sind
-gleichzeitig einfach, faßbar und unergründlich tief.«
-
-»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«
-
-»Wie fühlen Sie sich?«
-
-»Ich meine -- die Leitsätze sind ein wunderbares Gewebe -- eine
-Zusammenstellung, sozusagen, von tiefem Gedanken -- von unausdenkbaren
-Gedanken -- von ...«
-
-»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder vorwärts oder senkrecht oder
-in irgend einer Diagonale -- stets werden Sie finden, daß unsere vier
-Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«
-
-»Ah -- Beweis! Nun kommen wir dazu! Die Behauptungen stimmen; sie
-stimmen zu ... zu ... na, jedenfalls _stimmen_ sie; das habe ich
-gemerkt. Aber was beweisen sie denn nun eigentlich -- ich meine: im
-Besonderen?«
-
-»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres geben! Sie beweisen:
-
-»1. Gott -- Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, Seele, Geist, Vernunft.
-Begreifen Sie das?«
-
-»Ich -- hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, weiter!«
-
-»2. Mensch -- Gottes Weltidee, individuell, vollkommen, ewig. Ist das
-klar?«
-
-»Es -- ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«
-
-»3. Idee -- eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare Gegenstand des
-Erkennens. Da haben Sie’s -- das ganze erhabene Geheimnis Christlicher
-Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine schwache Stelle
-daran?«
-
-»Hm -- nein; es sieht stark aus.«
-
-»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe bilden die
-Wissenschaftliche Definition der unsterblichen Seele. Dann haben wir
-zunächst noch die Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele.
-Nämlich so: _Erster Grad_: Entartung: 1. Physisch: Leidenschaften und
-Begierden, Furcht, verkümmerter Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß,
-Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«
-
-»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, wenn ich Sie recht
-verstehe!«
-
-»Ja, alle ohne Ausnahme! _Zweiter Grad_: Das Uebel auf dem Abzuge.
-1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube,
-Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«
-
-»Wie Kristall!«
-
-»_Dritter Grad_: Geistige Erlösung. 1. Geistig: Glaube, Weisheit,
-Kraft, Reinheit, Erkenntnis, Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie
-fein ausgeklügelt, wie koordiniert, von einander abhängend, wie
-anthropomorph das alles ist. In diesem dritten Stadium -- das
-wissen wir durch die Offenbarungen der Christlichen Wissenschaft --
-verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele.«
-
-»Nicht früher?«
-
-»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung und die Vorbereitung auf
-die dritte Stufe vollendet ist.«
-
-»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im stande, sich die
-Christliche Wissenschaft in wirksamer Weise und mit richtigem
-Verständnis für die Seelenverwandtschaft zu eigen zu machen, wenn ich
-Sie recht verstehe. Das heißt also: während der im zweiten Stadium sich
-vollziehenden Vorgänge ließe sich ein solcher Erfolg nicht erreichen,
-weil da noch einige Reste von gemeiner Vernunft[2] vorhanden sein
-würden; und deshalb -- aber ich habe Sie unterbrochen. Sie wollten
-des näheren auf die guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen
-Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar werden. Es ist sehr
-interessant; fahren Sie, bitte, fort!«
-
- [2] In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes
- Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹
- nicht in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B.
- das Wort ~mind~ die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele,
- Absicht, Wille, Geist, Verstand und noch viele andere. Der
- Uebersetzer hat es für richtig gehalten, in der Wiedergabe
- auf den Gleichklang der Worte zu verzichten und dafür, wo
- es nur irgend anging, die spöttische Absicht des Humoristen
- erkennbar werden zu lassen.
-
-»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium verschwindet die
-menschliche, nicht unsterbliche Seele. Unsere Wissenschaft stellt
-das, was den körperlichen, menschlichen Sinnen für Augenschein gilt,
-vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren Herzen die
-Wahrheit des Bibelwortes: ›Die Letzten sollen die Ersten sein, und die
-Ersten sollen die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein Begriff
-für uns allumfassend sein -- worin ja eben Göttlichkeit besteht und,
-ihrem Wesen nach, notwendigerweise bestehen muß.«
-
-»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit bekräftigen Ihre
-so sorgfältig gewählten Worte den unumstößlichen Beweis von der
-machtvollen Wirkung des dritten Grades! Der zweite Grad könnte
-wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit
-hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, sie zu einer dauernden
-zu machen. Ein Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums
-gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung an sich haben -- ich
-meine, er könnte trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit ihm
-ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre -- und nur unter dem magischen
-Einfluß des dritten Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es ist
-daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die Christliche Wissenschaft
-eine weitere, sehr bemerkenswerte Eigenschaft verdankt: nämlich
-leichtes Gleiten klingenden Wortschwalls und Rhythmus und Schwung und
-Glätte! Dies muß doch wohl auf einer ganz besonderen Ursache beruhen?«
-
-»Ja -- Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, Materialisation,
-Geist, Knochen, Wahrheit.«
-
-»Das erklärt die Sache!«
-
-»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, was unerklärlich
-wäre; denn Gott ist Eins, Zeit ist Eins, Individualität ist Eins; diese
-letztere aber kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, wie
-zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles Pferd. Gott
-dagegen ist Eins -- nicht Eins in einer Serie, sondern Eins für sich
-allein und ohne seinesgleichen.«
-
-»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in einem den brennenden Wunsch,
-mehr zu erfahren. Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die
-geistige Beziehung zwischen systematischer Dualität und accidentieller
-Deflektion?«
-
-»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren Beziehungen
-zwischen Seele und Körper völlig um -- sie macht den Körper der Seele
-tributpflichtig. In gleicher Weise hat die Astronomie die menschlichen
-Vorstellungen von der Bewegung des Sonnensystems umgekehrt. Die Erde
-bewegt sich, die Sonne dagegen steht still -- obwohl der Mensch,
-wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich denkt, es sei doch
-unmöglich, daß die Sonne sich nicht bewege. So ist auch der Leib nur
-der niedrige Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten
-Sinnen anders erscheint. Aber dies werden wir niemals begreifen, so
-lange wir glauben, daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die
-Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der Mensch Ereignis
-werde. Seele ist Gott, unveränderlich und ewig; und der Mensch
-existiert neben der Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn das
-Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und das Allzusammen umfaßt das
-All-Eins, Seelengeist, Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber -- Eins
-von einer Serie, allein und ohnegleichen.«
-
-Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei der Christlichen
-Wissenschaft die Worte hervorschießen. Besonders im dritten Stadium;
-da prasselt’s, daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen Gedanken
-behielt ich für mich.
-
-»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? Ist sie ein
-Geschenk Gottes, oder kam sie nur zufällig zum Vorschein?«
-
-»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. Das will sagen: ihre
-wirkungsvollen Eigenschaften stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese
-Eigenschaften und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben -- dieser Ruhm
-gebührt einer Amerikanerin.«
-
-»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«
-
-»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige Jahr, in welchem
-Schmerz und Krankheit und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde
-verschwanden. Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, die man
-mit diesen Ausdrücken bezeichnet. Die Dinge selber hatten überhaupt
-niemals existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß es solche
-Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen schnell los zu werden. Die
-Geschichte und Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch hier
-niedergelegt und ...«
-
-»Schrieb die Dame das Buch?«
-
-»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, eigenhändig. Der Titel
-lautet:
-
- _Wissenschaft und Gesundheit
- mit Schlüssel zur Heiligen Schrift_
-
--- denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch begriffen hat.
-Nicht mal die zwölf Apostel. Sie beginnt folgendermaßen -- ich will’s
-Ihnen vorlesen.«
-
-Aber sie hatte ihre Brille vergessen.
-
-»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe die Worte im Gedächtnis
--- wie überhaupt alle in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten
-das Buch auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis unbedingt
-notwendig. Sonst könnten wir Versehen machen und Schaden anrichten.
-Sie beginnt also: ›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der
-metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche Wissenschaft.‹
-
-»Und sie sagt weiter -- meiner Meinung nach sind das herrliche Worte:
-›Durch die Christliche Wissenschaft ist der Religion und der Medizin
-eine göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; Glaube und
-Erkenntnis erhalten neue Schwingen, vereinigen sich verständnisvoll mit
-Gott.‹ Das sind ihre eigenen Worte.«
-
-»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist schön -- Medizin mit
-Religion zu vermählen statt nach der alten Mode mit dem Totengräber.
-Denn Religion und Medizin gehören so recht eigentlich zusammen, sie
-bilden ja die Grundlage aller geistigen und körperlichen Gesundheit ...
-Was für Medizin geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie zum
-Beispiel ...«
-
-»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen Umständen Medizin.
-Wir ...«
-
-»Aber, meine Gnädige, es lautet doch ...«
-
-»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich wünsche nicht darüber
-zu sprechen.«
-
-»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin; aber es schien
-doch in dem Angeführten eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und ...«
-
-»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen Wissenschaft.
-Das ist ganz ausgeschlossen, denn unsere Wissenschaft ist absolut.
-Anders kann es auch gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von
-dem Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, Glaube, Eins
-in einer Serie, allein und ohnegleichen. Unsere Wissenschaft ist
-Mathematik, die von materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt
-ist.«
-
-»Das sehe ich wohl, aber ...«
-
-»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage eines apodiktischen
-Prinzips.«
-
-Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, und ich kam dadurch
-ein bißchen in Verwirrung; doch bevor ich mich nach der Bedeutung
-erkundigen konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über die
-Dunkelheit, indem sie fortfuhr:
-
-»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute Prinzip unserer
-Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, die unumschränkte Omnipotenz, die
-uns Menschenkinder von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit und
-überhaupt von jedem Uebel, das des Fleisches Erbteil ist.«
-
-»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von jedem Kräfteverfall?«
-
-»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s nicht; Kräfteverfall existiert
-nicht; dieser Begriff ist eine Unwirklichkeit.«
-
-»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich haben, können Sie mit Ihrer
-geschwächten Sehkraft nicht ...«
-
-»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; keine einzige unserer
-Fähigkeiten kann schwächer werden; die Seele ist Meister, und die Seele
-kennt keinen Rückschritt!«
-
-Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des dritten Stadiums; es
-konnte daher keinen Zweck haben, die Unterhaltung in dieser Richtung
-fortzusetzen. Ich verließ also dieses Gebiet und wandte mich mit meinen
-Fragen wieder der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft zu:
-
-»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, oder war sie das Ergebnis
-einer langen sorgfältigen Berechnung, wie Amerika?«
-
-»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn sie ziehen nichtige
-Dinge heran, aber darüber wollen wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit
-der Entdeckerin eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich gnädiglich
-viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung des absoluten Prinzips
-Wissenschaftlicher Geistesheilkunst zu empfangen.‹«
-
-»Viele Jahre lang. Wie viele?«
-
-»Achtzehnhundert.«
-
-»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, Eins in einer Serie,
-allein und ohnegleichen -- das ist erstaunlich!«
-
-»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. Aber es ist nichts als die
-reine Wahrheit. Diese amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige
-Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet und angekündigt im
-zwölften Kapitel der Offenbarung Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar
-nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er ihren Namen genannt
-hätte.«
-
-»Wie seltsam, wie wunderbar!«
-
-»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen Schrift‹ ihre eigenen Worte
-anführen: ›Das zwölfte Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz
-besondere Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ Beachten Sie
-ja diese wichtigen Worte!«
-
-»Ja ... aber ... was bedeuten sie?«
-
-»Hören Sie zu -- und Sie werden den Sinn verstehen! Ich zitiere
-abermals die ihr von Gott eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des
-sechsten Siegels‹ -- ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, das
-seit Adams Tagen verflossen -- findet sich eine ganz eigentümliche
-Einzelheit, die in besonderem Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu
-beziehen ist. Nämlich:
-
-»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß Zeichen am Himmel, ein
-Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf
-ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹
-
-»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin der Christlichen
-Wissenschaft -- nichts kann einfacher und gewissenhafter sein! Und
-bemerken Sie ferner:
-
-»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte
-einen Ort bereitet von Gott.‹ -- Das ist Boston.«
-
-»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene Dinge, die einen
-tiefen Eindruck machen. Ich habe diese Bibelstellen früher niemals
-richtig verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den ... mit den ...
-Beweisen.«
-
-»Sehr gern. Hören Sie:
-
-»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen starken Engel vom
-Himmel herab kommen, der war mit einer Wolke bekleidet, und ein
-Regenbogen auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine
-Füße wie die Feuerpfeiler.
-
-»›Und er hatte in seiner Hand _ein Büchlein_ aufgetan ...‹
-
-»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein --, können Worte sich
-bescheidener ausdrücken? Und doch von welch überwältigender Bedeutung
-ist diese Stelle! Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ es
-hier in meiner Hand -- die ›Christliche Wissenschaft.‹«
-
-»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, Nieren, Eins von ’ner Serie,
-allein und ohnegleichen -- es ist ein Wunder, das alle menschliche
-Einbildungskraft übersteigt!«
-
-»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: ›Dann wird eine Stimme
-aus der Himmelsharmonie rufen: -- Gehe hin und nimm das Büchlein;
-nimm’s und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, in deinem Munde
-aber wird es sein wie Honig. -- Sterblicher, gehorche der himmlischen
-Botschaft. Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies es von
-Anfang bis zum Ende. Studiere es mit heißem Bemühen! Ja, der erste
-Geschmack wird dir süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; aber
-murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die Verdauung bitter findest!‹
-Sie kennen jetzt, mein Herr, diese Geschichte unserer geliebten
-und geheimen Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung,
-sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt ist. Ich will Ihnen das
-Buch hier lassen und will jetzt gehen, aber machen Sie sich darum
-keine Sorgen -- ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen die
-Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«
-
-
-III.
-
-Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und der Fernbehandlung begannen
-meine Knochen sich allmählich wieder nach innen zu ziehen und von der
-Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache erst mal ordentlich in
-Schuß gekommen war, ging es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und
-streckte sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der anderen
-Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß erforderte, und alle
-paar Minuten hörte ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, daß
-wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich glücklich zusammengefunden
-hatten. Dieses gedämpfte Knaxen und Reiben und Schieben dauerte
-ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; dann hörte es auf --
-alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. Das heißt: die Verrenkungen
-blieben noch; indessen diese waren nur sieben an der Zahl, nämlich in
-je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken und außerdem noch im Genick.
-Diese kleinen Schäden waren also bald behoben; eins nach dem anderen
-glitten die Glieder in ihre richtige Lage hinein; das gab jedesmal
-einen Ton, wie wenn in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann
-sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder so gut wie neu, und ich
-ließ den Pferdedoktor holen.
-
-Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken und schweres Kopfweh
-hatte; ich wollte aber diese Sachen nicht länger in den Händen einer
-mir unbekannten Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten in Bezug auf
-die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren
-hatte. Und das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz und das
-Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig mit den Knochenbrüchen
-in ihre Behandlung genommen, und es hatte sich nicht ein bißchen
-damit gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer heftiger,
-wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar nichts gegessen und
-getrunken hatte.
-
-Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der seinen Beruf ernst nahm
-und ein hoffnungsvolles Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch
-sehr aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit Pferden an, und ich
-versuchte daher, ihn zu einer Fernbehandlung zu bereden; indessen
-darauf war er nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl
-nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne und befühlte meine
-Knieflechsen und sagte, mein Alter und Allgemeinbefinden wären einer
-tatkräftigen Behandlung günstig; er wollte mir daher etwas eingeben,
-um aus dem Magendrücken eine Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht
-zu machen; dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und wüßte, was
-er zu tun hätte. Er machte einen Eimer voll Kleienmengfutter zurecht
-und sagte, davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle voll
-und abwechselnd damit ein gleiches Quantum von einer Pferdemedizin
-einnehmen, als deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere
-erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen würden mir binnen
-vierundzwanzig Stunden jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder
-mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß ich darüber die
-augenblicklich vorhandenen Leiden vergessen würde. Die erste Dosis
-verabreichte er mir selber und empfahl sich dann, indem er noch sagte,
-ich könnte essen und trinken, was ich möchte, und so viel ich möchte.
-Aber ich war nicht im geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts
-aus dem Essen.
-
-Ich nahm das Büchlein von der Christlichen Wissenschaft und las die
-erste Hälfte davon, dann nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die
-andere Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren recht
-interessant und voll Abwechselung. Während es infolge der Verwandlung
-des Leibwehs zur Kolik und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem
-Inneren knurrte und rummelte, konnte ich den edlen Streit beobachten,
-den das Mengfutter und der Terpentintrank und die Literatur um die
-Oberherrschaft führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, und es
-war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der Erfolg hätte sich mit
-Aufgebot geringerer Mittel erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das
-Kleiengemengsel nötig war, um aus dem Magendrücken eine richtige Kolik
-zu machen, aber zur Erzeugung der Drehsucht hätte wohl die Literatur
-allein genügt. Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu stande
-gebrachte Drehsucht von besserer Qualität und dauerhafter wäre, als
-ein Pferdedoktor sie jemals mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen
-könnte.
-
-Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen und jeder
-Erläuterung spottenden Büchern, die die menschliche Phantasie
-gezeitigt hat, ist dieses Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer
-grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit einer stürmischen,
-ernsthaften Leidenschaft, die oft den Eindruck von Beredsamkeit macht,
-selbst wenn die Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand haben.
-Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie verständen dieses Buch --
-das weiß ich sehr wohl, denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen;
-aber das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich einbildeten,
-Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es nicht, und Wirklichkeiten wären
-überhaupt nicht auf der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert
-ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese Herrschaften von
-der Christlichen Wissenschaft reden, so machen sie’s wie Frau Fuller,
-sie sprechen nicht ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie
-sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches hervor, und
-überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, daß sie keine eigenen
-Gedanken äußerten, sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band
-auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s eine Bibel -- eine
-zweite Bibel, sollte ich vielleicht sagen.
-
- * * * * *
-
-Keinem Menschen -- mir jedenfalls nicht! -- ist es zweifelhaft, daß
-der Geist einen mächtigen Einfluß auf den Körper ausübt. So lange die
-Welt steht, haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, der
-Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, der wissenschaftlich
-gebildete Arzt, der Mesmerist und der Hypnotist sich des Klienten
-_Einbildung_ zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung und
-Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. Aerzte heilen manchen Patienten
-mit einer Pille von Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die
-Krankheit nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen zum Doktor
-die Brotpille wirksam macht.
-
-_Glaube an den Arzt._ Vielleicht ist das das Ganze. Wenigstens sieht
-es so aus. In alten Zeiten heilte der König den Kropf[3] durch die
-Berührung mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz erstaunliche
-Kuren. Hätte sein Lakai das fertig bringen können? Nein -- nicht
-in seinen eigenen Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König
-verkleidet gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran nicht zweifeln.
-Ich glaube, wir können als sicher annehmen, daß in allen diesen
-Fällen nicht des Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern des
-Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen Handauflegens. Sehr
-bemerkenswerte unanzweifelbare Heilungen sind durch Berühren mit den
-Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich irgend
-ein anderer Knochen denselben Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken
-die Unterschiebung unbekannt geblieben wäre? In meiner Knabenzeit
-stand eine Bauernfrau, die nicht weit von unserem Dorfe wohnte, in
-großem Ruf als ›Glaubensdoktorin‹ -- so nannte sie sich selber. Aus der
-ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte ihre Hand auf sie und
-sprach: »Glaubet -- weiter ist nichts nötig!« Und die Leute gingen von
-dannen und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös und machte
-keinen Anspruch darauf, über geheime Kräfte zu verfügen. Sie sagte,
-nur des Patienten Glaube an sie bringe die Wirkung hervor. Mehrmals
-sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen auf der Stelle kurierte.
-Die Leidende war meine eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich
-aus fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten Viertel des 19.
-Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene Sekten aufgetaucht, die
-sich mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Sie haben mit ihrem
-arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge aufzuweisen. Ich nenne
-hier nur die Glaubenskur, die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft.
-Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe desselben alten
-erprobten Werkzeuges: der Einbildung ihrer Kranken. Ihre Namen sind
-verschieden, aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen sie
-dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr Vorgehen ein nur ihr
-allein eigentümliches sei.
-
- [3] Der Kropf heißt englisch ~the kings evil~.
-
-Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen -- darüber kann kein
-Zweifel obwalten. Und die Glaubenskur und die Gebetskur richten
-wahrscheinlich keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes leisten
-sollten. Denn sie verbieten dem Patienten nicht, der Kur mit ärztlicher
-Behandlung zu Hilfe zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet.
-Die anderen aber wollen von Medizinen nichts wissen und behaupten, jede
-erdenkliche menschliche Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer
-geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, sie könnten Krebs
-beseitigen, auch andere Leiden, die sich, seitdem Menschen auf der
-Erde sind, als unheilbar erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht
-ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl etwas zu viel.
-Das Publikum würde wahrscheinlich mehr Vertrauen haben, wenn weniger
-versprochen würde.
-
-Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht Gottes Gleichen seien;
-nur die Christliche Wissenschaft erhebt öffentlich den Anspruch,
-Gleiches zu leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten Bibel
-der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften sich sogar für
-mehr. In der gewöhnlichen Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als
-Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen Wissenschaft
-wissen’s besser. Wissen’s besser und sagen’s ohne Zaudern frei heraus.
-
-Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken und mein Kopfweh
-zu kurieren; aber der Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der
-Ueberzeugung, daß die Christliche Wissenschaft zu viel verspricht.
-Meiner Meinung nach sollte sie sich mit inneren Krankheiten nicht
-abgeben, sondern sich auf Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem
-das Seine.
-
-Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer ab, ich gab ihm das
-Doppelte. Frau Fuller schickte mir eine spezifierte Rechnung über die
-Heilung von 234 Knochenbrüchen -- für jeden Bruch einen Dollar!
-
-»Nichts existiert als die Seele?«
-
-»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, alles andere
-ist imaginär.«
-
-Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt hat sie mich auf
-substantielle Dollars verklagt. Das scheint inkonsequent zu sein.
-
-
-IV.
-
-Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir alle teilweise
-geisteskrank sind. Dadurch werden wir uns gegenseitig besser verstehen,
-manches Rätsel wird sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren
-und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach herausstellen.
-
-Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt befinden
-oder nicht in eine solche hineingehören, sind ohne Zweifel in einer
-oder zwei Einzelheiten verrückt -- ich glaube, dies müssen wir alle
-zugeben; aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem
-übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von einem Ding die gleiche
-Meinung haben, so steht es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß,
-soweit dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand vollkommen
-gesund ist. Nun gibt es ja etliches, worüber wir alle einer Meinung
-sind; wir nehmen die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns
-nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, die wir nicht in
-einer Anstalt sind, folgende Sätze gelten: Wasser bemüht sich stets,
-eine wagerechte Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und Wärme.
-Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel ist feucht. Sechs mal sechs ist
-sechsunddreißig. Zwei von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.
-
-Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber wir einig sind. Aber
-wenn es auch so wenig sind, so sind sie doch von unschätzbarem Wert,
-denn sie bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. Wer
-diese Sätze anerkennt, der ist für uns hinreichend zurechnungsfähig, er
-ist in allem Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen einzigen
-von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen wir, daß er völlig
-geisteskrank ist -- reif fürs Irrenhaus.
-
-Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen Sätzen bestreitet, erkennen
-wir das Recht zu, frei umhergehen zu dürfen -- aber mehr können wir ihm
-auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß in allen Dingen, wo es sich
-um eine bloße Meinung handelt, der Mann geisteskrank ist -- gerade so
-geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank wie Shakespeare
-war, wie’s der Papst ist. Und wir können genau, sozusagen mit dem
-Finger, die Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank ist
-er in allem, worin seine Meinung von der unsrigen abweicht.
-
-Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht behalten läßt.
-Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier Presbyterianer, den
-Koran prüfe, so weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner
-geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier Mohammedaner
-den Westminsterschen Katechismus prüft, so weiß er, daß ohne jede
-Frage Mark Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, daß
-er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen kann man überhaupt
-niemals etwas beweisen, -- das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit
-und beweist auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. Er
-kann auch mir nicht beweisen, daß ich geisteskrank bin, denn mein
-Verstand leidet an denselben Mängeln wie der seinige. In Amerika
-sind alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen merkt es; nur
-die Republikaner und die Mugwumps wissen’s. Alle Republikaner sind
-verrückt, aber nur die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es zu
-bemerken. Die Regel trifft immer zu: _in allen Ansichtssachen sind
-unsere Gegner verrückt_. Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich
-oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke sehen zu müssen!
-
-Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, duldsam gegen die
-Verrücktheiten unseres Nächsten zu sein. Ich sehe, daß in seinem
-besonderen Glauben der Anhänger der Christlichen Wissenschaft
-geisteskrank ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; trotzdem
-aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, weil ich ebenso
-verrückt bin, wie er -- verrückt von _seinem_ Standpunkt aus, und
-sein Standpunkt hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige und ist
-ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. In Fragen der Religion
-oder Politik ist die Meinung des blödesten Schwachkopfes soviel wert
-wie die des erleuchtetsten Geistes -- einen roten Heller. Warum? Sehr
-einfach: Die positive Meinung eines Schwachkopfes wird aufgehoben
-durch die negative Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines
-Nachbarn -- es kommt also zu keinem Ergebnis. Die positive Meinung des
-Geistesriesen Gladstone wird aufgehoben durch die negative Meinung des
-Geistesriesen Kardinal Newman -- es kommt also ebenfalls zu keinem
-Ergebnis. Meinungen, die nichts beweisen, sind natürlich wertlos. Wir
-müssen daher die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, daß in
-Streitfragen über Politik und Religion die Meinung eines Menschen nicht
-mehr wert ist als die seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines
-Menschen Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert besitzt. Der Gedanke
-ist demütigend, aber man kommt nicht darum herum: es ist eine ganz
-einfache Tatsache -- so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15.
-
-Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich wohl, ohne jemanden
-damit zu beleidigen, wiederholen, daß die Anhänger der Christlichen
-Wissenschaft verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit liegen;
-ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch viel weniger vor, daß
-sie verrückter seien als die anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre
-Verrücktheit ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.
-
-Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie in einer sehr wichtigen
-und sehr wertvollen Einzelheit vernünftiger sind als die große Mehrzahl
-ihrer Mitmenschen.
-
-Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: weil ihre Meinungen
-nicht die unsrigen sind. Einen anderen Grund kenne ich nicht -- und ich
-brauche auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter
-als deine oder meine, weil sie so grotesk ist. Da ist zum Beispiel das
-›Büchlein‹, wovon ich vorhin sprach. -- Dieses ›Büchlein‹, das vor
-achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der Offenbarung hoch oben
-am Himmel zeigte, und das jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker
-G. Eddy aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort für Wort --
-mit etlicher Nachhilfe -- ins Englische übertragen wurde. Sie hat’s
-veröffentlicht und in Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat
-an jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! Dieser Profit
-gehört offenbar eigentlich dem apokalyptischen Engel -- mag er nur
-versuchen, ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den Anhängern
-der Christlichen Wissenschaft sehr häufig einfach als ›das Büchlein‹
-bezeichnet -- die Gänsefüßchen dürfen ja nicht vergessen werden -- um
-sich stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen.
-Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude ganz neu wieder auf und malt
-und schmückt es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit
-Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten der Neuzeit‹.
-Das Büchlein zieht jetzt anscheinend an einer Deichsel und Seite an
-Seite mit der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s mit ihr
-Tandem fahren, und zwar wird dann das Büchlein _vorn_ ziehen.
-
-Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine zu ferne Zukunft.
-Vielleicht stimmt es besser, wenn ich statt fünfzig Jahre deren fünf
-annehme, denn eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends von einigen
-Beobachtungen, die sie in der Bostoner Moschee der Christlichen
-Wissenschaft gemacht habe, und wonach es allerdings den Anschein hat,
-als ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin in Aussicht
-gestellte Schauspiel zu warten brauchen. An der einen Wand bemerkte sie
-eine Anzahl Sprüche aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet
-mit des Heilands Initialen: ~J. C.~ An der gegenüberstehenden Wand
-waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. Diese waren ebenfalls unterzeichnet
--- wohl ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt man mich.
-O nein -- mit dem voll ausgeschriebenen Namen Mary Baker G. Eddy.
-Vielleicht hat der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher
-Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit einem Bekenner
-der Christlichen Wissenschaft, aber er nahm meine Bemerkung gar nicht
-leichthin auf, sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen
-Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die Rede, denn der Engel
-hätte das Buch nicht verfaßt, sondern es nur auf die Erde gebracht
--- »Gott verfaßte es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß es
-trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden Sprüche müßten mit des
-Verfassers Initialen unterzeichnet sein, und wenn statt dessen der
-voll ausgeschriebene Namenszug der Uebersetzerin darunter stände, so
-hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen Dingen treiben‹. Das hätte
-ich erwidern können -- aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der
-Christlichen Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger Mann,
-und ich wußte, daß er mir einen imaginären Faustschlag versetzen
-könnte, an dessen imaginären Schmerzen ich eine volle Woche genug haben
-würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee seien zwei Kanzeln;
-auf der einen stehe ein Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine
-Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und aus diesen Büchern
-werde von dem Mann und von der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.
-
-Ist das grotesk?
-
-Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer Seitenkapelle der Moschee
-sei ein Porträt oder ein Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor
-eine ewige Lampe.
-
-Ist das grotesk?
-
-Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen
-Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es
-wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus
-und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger
-ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern
-bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen -- neben die Jungfrau,
-und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die
-Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt:
-die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird
-Maria -- was kann es einfacheres geben?
-
-Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue
-Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu
-verdienen sein -- tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je
-den klassischen Meistern zufließen ließen --, denn deren Reichtümer
-waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich
-in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber
-wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben.
-
-Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre
-alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million
-Mitglieder ...
-
-Nun, das ist ein Anfang -- und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt
-in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere
-Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als
-irgend ein anderer ›Ismus‹ -- denn sie hat ›_mehr zu bieten_‹. Die
-Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg
-haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse
-sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität
-machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer
-_bereits vorhandenen_ Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie
-stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der
-Mohammedanismus.
-
-Ferner muß Geld da sein -- und zwar viel Geld.
-
-Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen
-einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein
-Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme
-Fragen stellen.
-
-Endlich muß die Angel -- wie bereits vorher erwähnt -- mit einem neuen
-und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht
-bieten können.
-
-Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen
-Erfordernissen -- wie zum Beispiel der Spiritismus -- so kann sie
-auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen
-Vorbedingungen -- wie zum Beispiel der Mohammedanismus -- so ist sie
-sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können.
-Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein
-Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er
-sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die
-sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer
-unverantwortlichen Klique.
-
-Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas
-Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht
-die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr
-wert ist als andere zusammengenommen: _eine neue Persönlichkeit zum
-Anbeten_. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch
-auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In
-Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit
-zum Anbeten; außerdem aber hat sie -- schon jetzt in den ersten
-Anfängen -- einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer
-Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie
-hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel --
-hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft
-verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet
-sie -- gegen Barzahlung -- hier auf Erden _Gesundheit und fröhliches
-Gemüt_, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder
-unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich.
-
-Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete und der Unwissende, der
-Kluge und der Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise und
-der Narr, der Krieger und der Bürger, der Held und der Feigling, der
-Faulenzer und der Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie und
-der Knecht, der Erwachsene und das Kind, der Kranke und der Gesunde,
-der kranke Freunde hat -- sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: ihre
-Gefolgschaft ist die Menschheit.
-
-Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?
-
-Ich fürchte, ja!
-
-
-V.
-
-Man vergesse ja nicht -- das große Hauptversprechen der Christlichen
-Wissenschaft lautet: Befreiung des Menschengeschlechts von Schmerz
-und Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: ja! Wie viele von
-den Schmerzen und Krankheiten, die es auf der Welt gibt, werden
-durch die Einbildung der Leidenden hervorgerufen und bestehen durch
-dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich glaube, viel wird
-nicht daran fehlen. Kann die Christliche Wissenschaft diese vier
-Fünftel verschwinden machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine andere
-(organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. Würde unsere Welt
-nicht eine ganz neue Welt und eine viel fröhlichere sein -- nicht
-nur für uns Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden
-Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, als hätte die Sonne
-niemals so hell geschienen? Ich glaube, ja!
-
-Dabei würden aber wohl die Doktoren der Christlichen Wissenschaft
-eine tüchtige Menge Patienten ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr
-Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten Methoden
-dran glauben müssen? Dieser Frage werde ich mich sogleich zuwenden.
-
-Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen Leistungen der Christlichen
-Wissenschaft beschäftigen, die in ihrer Zeitschrift ›~The Christian
-Science Journal~‹ vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst gibt
-uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue Schilderung ›eines
-rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ -- und er hätte hinzufügen
-können, es sei eine getreue Schilderung eines (zivilisierten)
-Durchschnittsmenschen.
-
-»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher Mann; er hat Angst vor
-sich selber und seinen sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung
-und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine Schlange treten oder
-irgend was Giftiges hinunterschlucken.«
-
-Dann kommt das Gegenstück dazu:
-
-»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft hat alle Angst und
-Aufregung unter die Füße getreten. Er steht da als Sieger über Furcht
-und Sorge -- und das kann man von dem Durchschnittschristen nicht
-sagen!«
-
-_Er hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten._ Welchen
-Teil unseres Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl mit Freuden
-hergeben, wenn wir _jahraus, jahrein_ in solcher Gemütsverfassung
-lebten? Es wäre in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann sie sich
-ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? In welchem Laden oder in
-welcher Kirche? Nur bei der Christlichen Wissenschaft.
-
-Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst vor Erkältung und
-Fieber und Zugluft und schwer verdaulichen Speisen, die uns den Magen
-verderben könnten -- gerade diese Angst, sage ich, ist es, die uns den
-Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken und die meisten anderen
-Krankheiten in den Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft
-diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie kann damit vier Fünftel
-aller Krankheiten und Schmerzen aus der Welt bringen.
-
-In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift treten viele ›Erlöste‹
-als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin,
-sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie
-trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und
-Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein,
-der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint,
-nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes
-getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich
-mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese
-wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle
-Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht
-gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge
-gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker
-gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹
-Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten
-Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und
-fröhlich und -- erstaunt.
-
-Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei
-hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand,
-fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl!
-Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine
-Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit;
-Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele;
-alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u.
-s. w. u. s. w.«
-
-Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann
-brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann
-selber legte jedenfalls Wert auf die _genaue_ Formel und auf die
-religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube,
-_jede_ beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die
-gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die
-Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame
-Verstärkung ihrer Heilkraft.
-
-Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege.
-Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende
-Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh;
-kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken,
-Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser
-Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen.
-
-Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den
-Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten -- aber das
-war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten -- ›aber davon verspürte
-ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger
-Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft,
-ließ sich eine Stunde lang behandeln _und ging ohne Schmerzen
-heim_. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann
-›verschwanden die Gebresten -- einige sofort, andere nach und nach‹;
-schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt -- das ist
-nämlich das Allerwertvollste dabei -- ist er ›zufrieden und glücklich‹.
-Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere
-Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche
-hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und
-diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können.
-
-Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre
-Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys
-Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im
-Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt,
-Veitstanz -- ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern
-eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum
-Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll,
-wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen
-der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über
-jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen«
-maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen
-der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie
-gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren
-kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen
-Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel
-auf und kurieren sich selber.
-
-Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen --
-das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte
--- gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen
-eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen,
-über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie
-rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend,
-daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht
-gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt
-dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in
-stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu
-handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte
-sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern
-müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam
--- buchstäblich -- mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen
-war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der
-Schule ›tat es recht häßlich weh --‹ das heißt es _schien_ so. Daher
-›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter
-und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und
-ich _will_ auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte
-dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber
-spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche
-Darstellung des Seins‹ her -- das ist wohl, wie ich vermute, eine
-ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹
-Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum
-ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten
-im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹
-herunterschnurrt!
-
-In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein
-Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes
-und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine
-Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine
-Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der
-Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen
-Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug;
-auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.
-
-»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem
-Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er
-plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen
-nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz
-legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.
-
-Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -- das heißt die
-Schriften der Christlichen Wissenschaft -- auf einer Fensterbank. Das
-war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ
-sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite
--- außer dem ›Anhang‹. _Diesen_ nahm er in beide Hände und hob ihn
-langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder
-hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das
-Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum
-ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine
-Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun
-hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage
-bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich
-jedesmal, wenn einer zusah. _Das_ Kind hätte ich lieber haben mögen als
-irgend einen Oelfarbendruck!
-
-Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹
-litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu
-glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal
-die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain
-anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln
-und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem
-Kiefer herausgraben -- und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh
-täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und
-ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat,
-und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete,
-als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben
-berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen
-wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des
-Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter,
-ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne
-daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben,
-denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den
-Eingangskapiteln ergibt.
-
-Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen
-Wissenschaft ein schwer verunglücktes _Pferd_ in einer einzigen Nacht
-vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel
-vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen.
-Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte
-nun _das Pferd_ diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott,
-Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte
-es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein,
-bitte: _konnte_ das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon
-kriegen können?
-
-Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden
-und bei Möbeln.
-
-In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt;
-aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie
-erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen
-Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und
-da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben.
-Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen
-Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige
-Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch
-einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.
-
-
-VI.
-
- »Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft und
- Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ sowie
- auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy, im
- zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden sind.
- Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster Gedanke für
- unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den Geistesinhalt
- der Bibel in dem ›Büchlein _aufgetan_‹ verdolmetscht (Vers
- 2). Somit beweisen wir: Die Christliche Wissenschaft ist die
- Wiederkehr Christi -- Wahrheit -- Geist.« (Vorlesung von
- George Tomskins, Doktor der Theologie, Doktor der Christlichen
- Wissenschaft.)
-
-Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist der starke Engel, sie ist
-der auserkorene himmlische Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken
-überbringt. Einstweilen _bringt_ sie nur die Wiederkehr Christi. Wir
-müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre im Grabe gelegen hat,
-für ihre Anhänger einfach _der zweite Christus selber_ ist. Angebetet
-wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses Gefühl sich nicht
-nur räumlich ausbreitet, sondern auch immer mehr sich vertieft.[4]
-
- [4] Eine ihrer Jüngerinnen hatte _ein totes Kind ins Leben
- zurückgerufen_ und schließt ihren Bericht an Frau Eddy
- mit den Worten: »... und möchten doch wir alle Sie immer
- mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus ist
- gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord,
- Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung
- ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.
-
- ~M. T.~
-
-Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird -- dies begreift wohl ein
-jeder -- Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der
-Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand,
-auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern
-eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie
-ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -- denn der Bostoner Christian
-Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt.
-Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern
-Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter:
-der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit
-Geldwert.
-
-Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner
-Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor
-gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren;
-die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen
-sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der
-Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen.
-Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu
-verkaufen -- gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der
-Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze
-Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von
-Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes
-mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys
-und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden
-zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder
-mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando _sechs
-Dollars_, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man
-vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau
-Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen
-möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls
-mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal
-bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau
-Eddy -- _ein Gedicht_; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können!
--- Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere
-Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen
-möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben,
-Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei
-demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal,
-ein -- aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man
-ist höflich, als daß man deutlich ist.
-
-Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein
-Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur
-echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist
-die Ware nur von Boston -- selbstverständlich pränumerando.
-
-Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist
-Vorsitzende -- und vielleicht Eigentümerin? -- des vom Trust geleiteten
-Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem
-zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene
-Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die
-vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter
-meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei
-Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden.
-
-Der Trust liebt den Dollar -- aber er darf kein Phantasiedollar sein.
-
-Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten,
-darf niemand -- mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein
-oder nicht -- die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben,
-wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das
-bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen.
-Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und
-schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom
-›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste
-Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von
-Millionen.
-
-Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche
-kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust
-›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust -- in allernächster Zukunft --
-wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen.
-
-Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika
-zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der
-Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre
-1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft
-in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden
-Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen --
-um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und
-Recht annehmen, daß der Trust -- der jetzt bereits recht schroff in
-seinem Auftreten ist -- alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste
-und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals
-seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat.
-Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird
-über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie
-sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten,
-unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in
-Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher
-ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer
-oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen
-Kirche in die Christenheit teilen.
-
-Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat
-_ihre Kräfte_ in sehr wirksamer Weise zentralisiert -- _aber nicht ihr
-Geld_. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese
-Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen
-Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge
-bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -- den wir mit der Zeit haben
-werden -- wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und
-der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes
-werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das
-Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab
--- Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando)
--- Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln,
-Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten
-Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken
-von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von
-wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus
-dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als
-echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld
-genommen. Aus diesen Geldquellen -- und aus tausend anderen, die erst
-noch zu erfinden sind -- wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer
-Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung
-darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht
-verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so
-weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern
-auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird
-dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen
-_verpflichten_, auch diese Bibelausgaben zu kaufen -- und das wird
-auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann
-täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben -- und davon
-gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, _und er gibt
-nichts für wohltätige Zwecke_. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber
-weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert.
-
-Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. Nicht mal zu solchen
-beisteuern. Vergebens sucht man in den vom Trust ausgehenden
-Ankündigungen und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft
-gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß sie auch nur einen Pfennig
-für solche Zwecke ausgeben. Nichts für Witwen und Waisen, für
-entlassene Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, Heidenmission,
-Volksbibliotheken, Altersversorgung und sonst etwas, das sich auf dem
-Umwege durch das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.[5]
-
- [5] In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von
- den Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten
- freiwilligen Beiträge für derartige Zwecke auf 15 Millionen
- Pfund Sterling. Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts
- zu verheimlichen.
-
- ~M. T.~
-
-Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in Briefen und auf
-sonstige Weise, und es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Dreier
-aufzuspüren, den der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck
-ausgegeben hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, als
-wenn man ihn fragt, ob ihm ein Fall bekannt sei, daß die Christliche
-Wissenschaft etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe -- sei es im
-Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. Er _muß_ die Frage
-verneinen. Und dann entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage
-schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die Sache allmählich
-eklig wird. Warum eklig? Weil er an seine Führer geschrieben und voll
-hoher Zuversicht sie um eine Antwort gebeten hat, die die Fragesteller
-zu Boden schmettern wird -- und weil die Führer nicht geantwortet
-haben! Er hat abermals geschrieben -- und noch einmal -- aber diesmal
-nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden und hat flehentlich
-gebeten, man möge ihn doch mit Munition versehen, um die Position
-der Christlichen Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich kommt
-eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen auf Unsere Mutter vertrauen
-und uns mit der Ueberzeugung begnügen, daß alles was Sie[6] mit dem
-Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten vom Himmel, denn Sie
-vollzieht keine Handlung, ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.
-
- [6] Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S ein
- bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.
-
- ~M. T.~
-
-Damit ist der Fall erledigt -- soweit der Jünger in Betracht kommt.
-Sein ›Geist‹ ist von der Antwort vollkommen befriedigt; er schlägt den
-›Anhang‹ auf und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele ist ruhig
--- bis mal wieder ein Neugieriger mit indiskretem Finger an die wunde
-Stelle tippt.
-
-Durch Freunde in Amerika habe ich etliche Fragen stellen lassen. In
-einigen Fällen erhielt ich bestimmte und verständliche Antworten; in
-anderen war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den bestimmten
-Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ obligatorisch ist und
-einen Dollar beträgt. Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes
-zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von einer der maßgebenden
-Persönlichkeiten erteilte Antwort: ›Nein; _nicht in dem Sinn, den man
-gewöhnlich mit diesem Wort verbindet_.‹ (Daß diese letzten elf Worte
-gesperrt gedruckt werden, geschieht auf meine Veranlassung.)
-
-Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich -- obwohl der Wortlaut
-nebelhaft ist. Die Christliche Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft,
-unklar, wortreich. Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste Wort
-eine vollständige Antwort auf meine Frage war; aber er konnte nicht
-anders, er mußte noch elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte
-ohne Sinn und Verstand -- wenn der Mann sie mir nicht erklärt.
-Höchstwahrscheinlich -- so verstehe ich wenigstens seine Andeutung
--- hat die Christliche Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit
-erfunden; was für eine das ist, können wir mit ziemlicher Sicherheit
-erraten: das vom Trust da hinein gesteckte Kapital wird gewiß 500
-Prozent Reingewinn abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.
-
-Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt sich nicht in die
-Karten gucken. Nicht von uns unverschämten Neugierigen und nicht
-einmal von seinen eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei eine
-›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und zu erzählt einer von den
-Laienbrüdern der Christlichen Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau
-Eddy sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit ein
-Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen Zwecken zufließt, darüber kann
-er keine Auskunft geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen;
-und darum kann man wohl mit Recht annehmen, daß wir gewiß bald etwas
-davon hören würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben für
-Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich nicht zu schämen brauchte.
-
-Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft lautet: ›Jeder Arbeiter
-ist seines Lohnes wert‹. Und nachdem wir bei uns selber ›eine
-Demonstration darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre
-Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt alle und jede
-Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt sie euch bar bezahlen und zwar
-pränumerando‹.
-
-Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu sein. Exodus, 32,4.[7]
-
- [7] Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe)
- von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel und
- machte ein gegossen Kalb u. s. w.
-
- A. d. Ueb.
-
-Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und den anderen Mitgliedern des
-Trust -- wenn’s überhaupt andere Mitglieder gibt -- aber ich habe
-volle Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien, die sich
-zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden Zweifel sind diese Laien völlig
-ehrlich in ihrem Glauben, und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung
-stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher Quelle sie sich ihre
-Ueberzeugung geholt hat.
-
-Ich will damit dem Menschengeschlecht kein Kompliment machen, ich
-spreche damit nur meine Meinung aus.
-
-Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges, den die Christliche
-Wissenschaft bereits gehabt hat und in unendlich viel größerem Maße
-noch haben wird? In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser Umstand
-hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen. Ich glaube, das
-Geheimnis liegt anderswo:
-
-Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft _organisiert_! Und das
-war ganz gewiß eine riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft,
-als man zur Abfassung von ein paar Millionen Eddyschen Bibelanhängen
-brauchen würde.
-
-So lange die Erde steht, war Elektrizität in unbegrenzter Menge in
-der Luft, in der Erde und überall vorhanden; kein Mensch dachte
-daran, diese Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben wir diese
-überall verstreute wandernde Kraft _organisiert_. Wir lassen sie
-für uns arbeiten, wir unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital,
-wir konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger weniger
-Sachverständiger -- und wir haben die Ergebnisse, die ein jeder sieht.
-
-Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft bemächtigt, die in
-jedem Menschen unbenutzt lag, so lange es Menschen gibt; sie hat diese
-Kraft organisiert, Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen
-Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen eines kleinen und sehr
-sachverständigen Trust zentralisiert.
-
-_Und darum sind die Erfolge da!_
-
-
-
-
-Die Verschwörung von Fort Trumbull.
-
-
- Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; ich
- gebe sie wieder, so genau ich es vermag:
-
-Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von Fort Trumbull bei New London,
-Connecticut. Vielleicht war unser Leben dort nicht so munter wie das
-Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine Art lebhaft genug -- es
-war keine Gefahr, daß unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es
-fehlte niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu beschäftigen.
-So schwirrte damals -- um nur eins anzuführen -- im Norden die ganze
-Luft von geheimnisvollen Gerüchten: Rebellenspione sollten überall
-sich herumschleichen, um unsere Forts in die Luft zu sprengen, unsere
-Gasthöfe niederzubrennen, verpestete Kleidungsstücke in unsere
-Städte zu schicken und was dergleichen mehr war. Sie werden sich
-dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach zu halten und die
-herkömmliche Langeweile des Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen.
-Zudem hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, daß wir
-kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, zu träumen oder Maulaffen
-feil zu halten. Indessen trotz all unserer Wachsamkeit entwischte
-uns von den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte noch
-in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig hoch, daß der Rekrut
-einer Schildwache drei- oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit
-sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel übrig behielt, daß es
-für einen armen Mann ein Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der
-faulen Haut lagen wir nicht.
-
-Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, wo ich irgend etwas zu
-schreiben hatte, als ein bleicher, zerlumpter Bursche von vierzehn oder
-fünfzehn Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte und mich
-ansprach:
-
-»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«
-
-»Ja.«
-
-»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«
-
-»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung und zu klein, mein Junge.«
-
-Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen
-Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte
-er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem
-Ton, der mir zu Herzen ging:
-
-»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie
-mich doch einstellen könnten!«
-
-Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie
-möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen
-setzen und fügte hinzu:
-
-»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?«
-
-Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare
-Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es
-vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter.
-Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte,
-daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch
-von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine
-Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein
-ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme
-Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme
-ein.
-
-Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit
-und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie
-lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der
-Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß
-ich seine Wange sehen konnte -- und über diese Wange rann ein Strom von
-stillen Tränen.
-
-»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der
-arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit
-wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst
-mit mir speisen. Ich bin heute allein.«
-
-Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl
-erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die
-Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er
-sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und -- nun, ich behielt sie in
-der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt
-und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an
-Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem
-Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube
-ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist.
-
-Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow --
-Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen -- mit seiner Serviette
-umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet
-seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache
-Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich
-über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte
-aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und
-aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit
-dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich
-liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß
-mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon,
-wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich
-brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton
-Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré,
-Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der
-Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die
-Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli
-Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See -- wie klang das alles
-vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal
-von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F.
-Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast
-als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe
-und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt,
-war folgendes Klein-Wicklows Geschichte:
-
-Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und
-seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen
-Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen
-war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle
-mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen.
-Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder,
-und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie
-wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend
-gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und
-Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie
-ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner.
-Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen
-genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen
-aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen,
-und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht
-eingestellt werden kann -- macht nichts! Ich werde einen Weg finden
--- ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt
-hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht
-binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so
-würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum
-Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer
-Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und
-er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im
-Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in
-New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem
-Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von
-dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet
-in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not.
-Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur
-Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte
-sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit
-einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen.
-Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben,
-schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue
-Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung -- und zwar nicht
-zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit
-aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde
-verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den
-wenigen Einnahmen -- ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für
-zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da -- kam nicht zum Frühstück.
-Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe
-den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist -- nach
-Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.
-
-Der Junge stand allein und ohne Freunde auf der Welt da. Er wußte
-nicht, was er anfangen sollte, aber es schien ihm das beste,
-wenn er versuchte, seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum
-Dampfschiff-Landeplatz und erfuhr, daß das bißchen Geld, das er in der
-Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston nicht ausreichte, daß er dafür
-aber nach New London kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen,
-indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die Mittel würde finden
-lassen, um den Rest der Reise zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage
-und Nächte lang in den Straßen von New London herumgelaufen und hatte
-hier und da um der Barmherzigkeit willen einen Bissen bekommen oder ein
-Eckchen zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte er nicht
-mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. Wenn er als Rekrut eintreten
-könnte, so würde er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat werden
-könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge zu brauchen? O, er würde
-so fleißig sein und so dankbar!
-
-So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten die Geschichte des
-jungen Wicklow, genau wie er sie mir erzählte. Ich sagte:
-
-»Junge, du bist jetzt unter Freunden -- mach’ dir keine Sorgen mehr.«
-Wie glänzten da seine Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn
-herein -- er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; vielleicht kennen
-Sie ihn -- und sagte: »Rayburn, geben Sie dem Jungen hier Quartier bei
-den Musikern. Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, und es ist
-mir lieb, wenn Sie ein Auge auf ihn haben und darauf sehen, daß er gut
-behandelt wird.«
-
-Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten und dem Trommlerjungen
-hörte jetzt natürlich auf, aber die Gedanken an den freundlosen armen
-kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer auf der Seele. Ich behielt
-ihn im Auge, in der Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich
-und lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach dem anderen, und
-er blieb wie er war. Er verkehrte mit keinem Menschen, war immer
-geistesabwesend und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war immer
-traurig ... Eines Morgens bat Rayburn mich um eine vertrauliche
-Unterredung.
-
-»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« sagte er. »Aber die
-Sache steht so: die Musiker sind so außer sich, daß ja wohl einer
-sprechen muß.«
-
-»Na, was ist denn los?«
-
-»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr Major. Die Musiker haben
-eine Wut auf ihn -- Sie können sich’s gar nicht denken.«
-
-»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn angestellt?«
-
-»Betet, Herr Major!«
-
-»Er betet?«
-
-»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr
-vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach -- betet er; Mittags
--- betet er; und Nachts -- na Nachts, da ist er gerade als wäre er
-besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie _können_ ja nicht
-schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal
-seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen.
-Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt
-der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann
-mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle
-hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst,
-als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden
-zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht
-seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte
-sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit
-angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut --
-Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im
-Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig,
-er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts
-aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und
-plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen:
-›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O,
-scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles?
-Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«
-
-Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger
-kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf
-einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den
-richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt
-jeden Stiefel kennt -- kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«
-
-Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er
-fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er
-mit Beten fertig ist -- wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit
-fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja,
-was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen,
-er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm
-die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen
-ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des
-Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus
-der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.«
-
-»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«
-
-»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen:
-
- So wie ich bin -- unglücklich arm und blind --
-
-ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und
-’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt -- es geht
-einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren -- geht einem tief hinein,
-da wo’s Leben ist -- und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß
-’mal singen:
-
- Kind von Sünd’ und Sorgen,
- Voll von Angst und Not,
- Warte nicht bis morgen,
- Folge _heute_ Gott --
- Stoß’ nicht fort die Vaterhand,
- Die vom fernen Himmelsland ...
-
-und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, wie der verruchteste,
-undankbarste Kerl, der auf der Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die
-Lieder singt vom Elternhause, und von der Mutter und den Kindertagen
-und den alten Erinnerungen, und von längst entschwundenen Dingen und
-von alten Freunden, die tot oder fern sind -- ach, das bringt einem
-alles vors Auge, was man je in seinem ganzen Leben geliebt und verloren
-hat -- und ’s ist so wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s
-anhört, Sir -- aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie herzbrechend
-ist’s auch! Die Kapelle -- jawohl, _alle_ heulen sie! Der größte Lump
-unter ihnen schluchzt dabei -- und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu
-verbergen. Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel nach ihm
-geschmissen hatten -- auf einmal springen sie alle von den Pritschen
-und laufen in der Finsternis zu ihm hin und herzen ihn und schlecken
-ihn ab -- jawohl, das tun sie -- und geben ihm Schmeichelworte und
-bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. Und wenn in _dem_ Augenblick ein
-Regiment käme, um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen -- wahrhaftig sie
-gingen gegen das Regiment, und wenn’s ein ganzes Armeekorps wäre!«
-
-Wieder eine Pause. Dann fragte ich:
-
-»Ist das alles?«
-
-»Jawohl, Herr Major.«
-
-»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu klagen? Was wollen denn die
-Leute?«
-
-»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr Major -- sie möchten, daß
-Sie ihm das Singen verbieten.«
-
-»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, sein Gesang sei überirdisch
-schön.«
-
-»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches
-Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das
-Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle
-zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß
-noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von
-Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen
-Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen -- verstehen Sie, jeden
-Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht
-sehen.«
-
-»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde.
-Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?«
-
-»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten;
-sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er
-wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die
-Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten
-können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher
-Weise heruntergeputzt zu werden.«
-
-Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In
-derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und
-horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute
-betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten
-Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die
-Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen.
-Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte
-eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O
-Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck!
-Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so
-Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald
-fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den
-Befehlshaber einer Festung nicht schickt.
-
-Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein
-Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei
-ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht
-an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant
-Rayburn und sagt:
-
-»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.«
-
-»Wieso?«
-
-»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«
-
-»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«
-
-»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht
-er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum --
-hol mich der ..., wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch,
-wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt
-er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«
-
-Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich
-gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit
-dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas
-Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden,
-gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge
-zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an
-den Umstand -- der viel zu denken gab -- daß der Junge aus dem
-Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und
-dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade
-ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn
-die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie
-einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind
-in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen,
-seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu
-verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und
-vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden
-könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine
-gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu
-folgen, sobald er in die Stadt ginge.
-
-Während der nächsten beiden Tage erstattete Rayburn mir mehrmals
-Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er
-steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer
-unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der
-Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute
-oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte
-solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen -- sie sahen sehr
-verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich
-unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ
-den nächsthöheren Offizier holen -- einen klugen Offizier von gesundem
-Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und
-beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und
-kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung
-anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei
-Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal
-der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den
-Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden
-aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden,
-erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder
-zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des
-Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider
-enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und
-einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand
-nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen
-hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine
-kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben:
-›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹
-
-Ich sah Webb an -- er schlug die Augen nieder; er sah mich an -- ich
-schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte
-das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf
-und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich
-zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und
-brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie
-vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die
-einzig angemessene Haltung zu sein.
-
-Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war.
-
-Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um
-Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte:
-
-»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus
-einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«
-
-Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte:
-
-»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich
-habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!«
-
-»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«
-
-»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich
-dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen,
-und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann
-guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte
-er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann
-kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn
-mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern
-ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das
-Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es
-heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«
-
-Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran
-schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er
-möchte zu mir kommen.
-
-Der Zettel lautete wörtlich:
-
- Fort Trumbull, den 8.
-
- Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei
- Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind
- Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie
- ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet;
- indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die
- nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch
- hier -- für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen,
- werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß
- es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu
- verschieben bis ...
-
-Hier brach das Schreiben ab -- gerade an dieser Stelle hatte Rayburn
-gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu
-dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner
-trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei,
-die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte.
-
-Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit --
-Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar
-augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten
-und Gesichtspunkten, und Webb sagte:
-
-»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll
-verschoben werden, bis ... bis wann? Und was ist das für ein ›es‹?
-Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine
-Reptil.«
-
-»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet
-das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb
-oder außerhalb des Forts?«
-
-In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen
-es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so
-gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten.
-Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und
-die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir
-daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen;
-das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht
-alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges
-mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also
-unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum
-Postamt -- vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir
-ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens
-Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den
-näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen.
-Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas
-schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten.
-Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief
-Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit
-sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen
-Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte
-und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten
-Gegenstand her -- es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben
-hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin
-die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es
-weiter:
-
- Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden
- Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen
- so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung
- setzen können -- befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich
- sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum
- eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft
- wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig
- sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden
- Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe
- etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber
- diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen
- versuchen.
-
-»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß
-er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die
-einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die
-Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer
-Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in
-unserer Mitte noch drei andere, die wir _nicht_ kennen. Drittens: Diese
-Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten
-in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt
-worden -- und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden,
-indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind
-noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt.
-Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er
-sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen -- will’s
-›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen
-wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder
-sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt,
-und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig
-verhalten, um noch mehr zu erfahren?«
-
-Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig,
-schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller
-Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden
-Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben
-Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich
-die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig
-zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu
-dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir
-Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach
-dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows
-Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn
-dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten.
-
-Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es
-war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer.
-Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett
-und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles
-in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand
-sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper
-von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der
-Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen.
-Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem
-schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm,
-daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu
-sehen.
-
-Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung.
-Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus
-und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald
-Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus
-und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war
-ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir
-hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes
-zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort
-herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen
-Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten.
-Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock
-herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich
-umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow
-vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und
-verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief
-erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte
-diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den
-Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich
-geraden Weges nach dem Fort.
-
-Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen
-an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten.
-
-Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete:
-
- _~Heilige Allianz!~_ Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle
- vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen
- waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten
- Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone
- das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand
- gekommen sind ...
-
-Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:
-
-»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?«
-
-Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes
-unablässig streng bewacht worden.
-
-»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas
-herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?«
-
-»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.«
-
-»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß
-sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der
-einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die
-Sache nicht möglich gewesen.«
-
-Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen
-und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:
-
- Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die ~M.M.M.M.~
- sollen morgen früh um 3 Uhr ~F.F.F.F.F.~ sein. Zweihundert
- werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen
- Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten
- Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen
- verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend
- etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind
- verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte
- Nacht mehreremale die Runde. ~W.W.~ kommt heute von Süden her
- und wird heute geheime Befehle empfangen -- auf dem andern
- Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein.
- Dort findet ihr ~B.B.~, der euch genaue Weisungen geben wird.
- Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt -- setzt
- erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. ~_Gedenket_
- XXXX!~ Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die
- Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein
- und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt
- hinzugefügt haben. ~_Amen_.~
-
-»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint,
-in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!«
-
-Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen
-anfinge.
-
-»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz
-klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit -- das ist ebenfalls
-klar. Die wahre Natur des Anschlags -- ich meine die Art und Weise der
-Ausführung -- ist durch diese Bündel von ~F~ und ~M~ verschleiert,
-aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts.
-Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube
-mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr
-erreicht werden. Wir _müssen_ wissen, und zwar so schnell wie möglich,
-wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort
-fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen,
-besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis
-zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen
-Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten
-und um Vollmachten bitten.«
-
-Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte
-es und sandte es sofort ab.
-
-Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und
-ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der
-Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen
-unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß
-auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang
-kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern.
-Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir
-unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier
-dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze
-die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als
-ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten.
-Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle
-ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige
-träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte
-er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war
-uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die
-Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief
-einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren.
-
-Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus der Tasche ein etwa fußlanges
-Stück Bindfaden mit drei Knoten und hielt es in die Höhe.
-
-»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« sagte er. »Ich nahm
-die Mündungsdeckel von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach;
-diese Schnur war das einzige, was in irgend einer Kanone war.«
-
-Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows Zeichen, wodurch er kundgab,
-daß des ›Meisters‹ Befehle nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich
-befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig Stunden
-in der Nähe jenes Geschützes Schildwache gestanden war, sofort in
-Einzelgewahrsam zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine ganz
-besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.
-
-Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements kam ein Telegramm, welches
-folgendermaßen lautete:
-
- Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt in
- Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen.
- Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement auf
- dem Laufenden.
-
-Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen konnten. Ich schickte
-Leute aus, die ohne Aufsehen zu erregen den lahmen Herrn verhafteten
-und ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab ihm eine
-Schildwache und verbot, mit dem Mann zu sprechen oder ihn anzuhören.
-Anfangs hatte er Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald.
-Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, wie Wicklow zweien
-von unseren neuen Rekruten etwas zugesteckt habe; die Leute seien, so
-wie er den Rücken gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden.
-Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, worauf mit
-Bleistift geschrieben stand:
-
- ~Adlers Dritter Flug.
- Gedenke XXXX.~
- 166.
-
-Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich dem Departement in Chiffren,
-welche neuen Entdeckungen wir gemacht und beschrieb zugleich die neu
-gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark genug zu sein,
-um Wicklow gegenüber die Maske fallen lassen zu können; ich ließ ihn
-also holen. Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen
-Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt sandte ihn zurück mit der
-Bemerkung, daß seine Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es
-gebe aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, falls ich es
-wünschen sollte.
-
-Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles in seinem
-Blick, aber er war gefaßt und unbefangen, und wenn er irgend einen
-Verdacht hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen und
-in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich ließ ihn ein paar Augenblicke
-stehen; dann sagte ich freundlich:
-
-»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft nach dem alten Stall?«
-
-Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:
-
-»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht recht; es ist eigentlich
-kein besonderer Grund vorhanden, als daß ich gerne allein bin, und daß
-ich mich dort unterhalte.«
-
-»Ach so, du unterhältst dich dort?«
-
-»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach und unschuldig wie zuvor.
-
-»Und weiter tust du da nichts?«
-
-»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah er mich mit einem Ausdruck
-kindlicher Verwunderung in seinen großen sanften Augen an.
-
-»Weißt du das auch ganz gewiß?«
-
-»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«
-
-Nach einer Pause fragte ich weiter:
-
-»Wicklow, warum schreibst du so viel?«
-
-»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«
-
-»Nicht?«
-
-»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ meinen -- kritzeln tue ich
-manchmal zu meiner Unterhaltung.«
-
-»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«
-
-»Nichts, Herr Major -- ich werfe es weg.«
-
-»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«
-
-»Nein.«
-
-Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ vors Gesicht. Er fuhr
-leicht zusammen, faßte sich aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte
-überzog seine Wangen.
-
-»Wie kamst du dann aber dazu, _dieses_ Gekritzel abzuschicken?«
-
-»Ich dach ... ich dachte mir gar nichts Böses dabei, Herr Major!«
-
-»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung des Forts und die Stärke
-der Besatzung und denkst dir nichts Böses dabei?«
-
-Er ließ den Kopf hängen und schwieg.
-
-»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß das Lügen sein! Für wen
-war dieser Brief bestimmt?«
-
-Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell hatte er sich wieder
-zusammengenommen und erwiderte im Tone tiefsten Ernstes:
-
-»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major -- die ganze Wahrheit.
-Der Brief war überhaupt niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich
-schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß zu machen. Ich sehe
-jetzt ein, wie verkehrt und wie albern das war; aber das ist auch das
-einzige Anstößige dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«
-
-»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche Briefe zu schreiben. Ich
-hoffe, du bist sicher, daß dies der einzige ist, den du schriebst.«
-
-»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«
-
-Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte seine Lüge mit dem
-ehrbarsten Gesicht von der Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den
-in mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann sagte ich:
-
-»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis auf und sieh zu,
-ob du mir nicht bei zwei oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die
-ich gerne wissen möchte.«
-
-»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr Major.«
-
-»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«
-
-Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell einen unruhigen Blick
-über unsere Gesichter gleiten ließ. Aber das war auch alles. In einem
-Augenblick war er wieder heiter und antwortete ruhig:
-
-»Ich weiß es nicht, Herr Major.«
-
-»Du weißt es nicht?«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Du weißt es _ganz bestimmt_ nicht?«
-
-Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen zu sehen; aber das war
-zu viel für ihn. Sein Kinn sank langsam auf die Brust nieder und er
-schwieg. Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er sah kläglich
-aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz seinen niederträchtigen
-Handlungen Mitleid mit ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille
-mit der Frage:
-
-»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«
-
-Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine halb unbewußte Bewegung
-mit den Händen, wie ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht.
-Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt hartnäckig seine Augen
-auf den Fußboden geheftet. Wir sahen ihn an und warteten, daß er
-sprechen möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen anfingen,
-ihm über die Backen zu rollen. Aber er blieb still. Nach einer kleinen
-Weile sagte ich:
-
-»Du mußt mir antworten, mein Junge, und mußt mir die Wahrheit sagen.
-Wer ist die ›Heilige Allianz‹?«
-
-Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich ziemlich scharf:
-
-»Antworte auf die Frage!«
-
-Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr zu werden; dann sagte er
-mit einem flehenden Blick auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem
-Schluchzen herauspressend:
-
-»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! Ich kann nicht antworten,
-denn ich weiß nichts!«
-
-»Was?!«
-
-»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. Ich habe bis zu diesem
-Augenblick niemals was von der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner
-Ehre, Herr Major, so ist es!«
-
-»Himmelherrgott ... Sieh mal hier deinen zweiten Brief an. Da, siehst
-du hier die Worte: ›_Heilige Allianz_‹? Was sagst du jetzt?«
-
-Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten Blick eines Menschen,
-dem man ein großes Unrecht angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem
-Ton:
-
-»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr Major. Und wie konnte man
-mir so was antun -- mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, und
-der niemals einem Menschen etwas zuleide getan hat! Irgend einer hat
-meine Handschrift nachgemacht; ich schrieb niemals eine Zeile davon;
-ich habe diesen Brief nie vorher gesehen.«
-
-»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh her, was sagst du hierzu?«
-Und ich riß den Brief mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche
-und hielt ihm denselben vor die Augen.
-
-Sein Gesicht wurde weiß! -- so weiß, wie wenn er ’ne Leiche gewesen
-wäre. Er schwankte auf den Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand,
-um sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit so schwacher
-Stimme, daß man’s kaum hören konnte:
-
-»Haben -- Sie’s gelesen?«
-
-Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet haben, bevor meine
-Lippen das falsche »Ja!« hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich,
-wie der Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete darauf, daß er
-etwas sagen sollte, aber er blieb still. So sagte ich denn zuletzt:
-
-»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu bemerken, die in diesem Brief
-enthalten sind?«
-
-Er antwortete völlig gefaßt:
-
-»Nichts -- ausgenommen, daß ich gänzlich harmlos und unschuldig bin;
-sie können keinem Menschen Schaden tun.«
-
-Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen ich seine Behauptung
-nicht Lügen strafen konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter
-vorgehen sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein guter Gedanke und
-ich sagte:
-
-»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem ›Meister‹ und der ›Heiligen
-Allianz‹ und schriebst ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du
-sagst, eine Fälschung ist?«
-
-»Nein, Herr Major -- ganz bestimmt nicht!«
-
-Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor und hielt ihm denselben
-hin ohne ein Wort zu sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte
-er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine Geduld war jetzt an
-der Grenze angelangt. Ich bezwang indessen meinen Aerger und sagte in
-ruhigem Tone:
-
-»Wicklow, siehst du dies?«
-
-»Ja, Herr Major.«
-
-»Was ist es?«
-
-»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«
-
-»_Scheint?_ Es _ist_ ein Stück Bindfaden. Erkennst du es?«
-
-»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die ruhigste Art von der Welt.
-
-Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! Ich machte jetzt eine
-Pause von mehreren Sekunden, um durch das Schweigen den Worten, die ich
-äußern wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann stand ich
-auf, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte ernst:
-
-»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der ganzen Welt nicht gut tun.
-Dies Zeichen für den ›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in
-einer der Kanonen an der Wasserseite gefunden ...«
-
-»Gefunden _in_ der Kanone?! O, nein, nein, nein! Sagen Sie nicht in
-der Kanone, sondern in einer Fuge des Mündungsdeckels -- er _muß_ in
-der Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und faltete seine
-Hände und hob sein Antlitz zu uns empor, ein Antlitz so bleich und
-angstverzerrt, daß er einem Mitleid einflößte.
-
-»Nein, er war _in_ der Kanone.«
-
-»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein Gott, ich bin verloren!« Und
-er sprang auf und strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach
-ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. Aber das war natürlich
-ganz undenkbar. Dann warf er sich wieder auf die Kniee, schrie aus
-Leibeskräften und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht los und
-bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen mit mir! O, seien Sie
-gnädig mit mir! Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick
-mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, retten Sie mich! Ich will
-alles gestehen!«
-
-Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu beruhigen und ihm die
-Angst auszureden und ihn wieder in eine einigermaßen vernünftige
-Geistesverfassung zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: Er
-antwortete demütig, mit niedergeschlagenen Augen, von Zeit zu Zeit die
-unablässig rinnenden Tränen abwischend.
-
-»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«
-
-»Ja, Herr Major.«
-
-»Und ein Spion?«
-
-»Ja.«
-
-»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb gehandelt?«
-
-»Ja.«
-
-»Mit Freuden, vielleicht?«
-
-»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. Der Süden ist mein
-Vaterland; mein Herz gehört der Sache des Südens -- Herz und Leib und
-Seele!«
-
-»Dann war also die Geschichte, die du mir von euren Leiden und den
-Verfolgungen gegen deine Familie erzähltest, reine Erfindung?«
-
-»Sie -- sie befahlen mir es zu sagen, Herr Major!«
-
-»Und du wolltest also die Leute, die dir aus Mitleid Obdach gaben,
-verraten und vernichten? Begreifst du, wie gemein das ist, du armes,
-mißleitetes Geschöpf?«
-
-Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.
-
-»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der ›Oberst‹ und wo ist er?«
-
-Er fing herzbrechend an zu weinen und bat himmelhoch, ihm die Antwort
-zu erlassen. Er sagte, man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich
-drohte ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren lassen, wenn
-er nicht mit der Sprache herauskäme. Gleichzeitig versprach ich ihm,
-ihn gegen jede Gefahr zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein
-Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern preßte die Lippen
-zusammen und setzte eine verstockte Miene auf. Es war nichts mit ihm
-anzufangen. Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, und
-der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. Er brach in ein
-leidenschaftliches Weinen und Flehen aus und erklärte, er wolle alles
-sagen.
-
-Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem Zimmer und er gab den Namen
-des ›Obersten‹ an und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er wäre
-im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher Kleidung zu finden.
-Dann mußte ich neue Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den
-›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, der Meister würde
-in New York, Bondstreet Nr. 15 zu finden sein; er wohnte dort unter dem
-Namen R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung
-an den Polizeipräsidenten der Metropole und bat, Gaylord zu verhaften
-und festzuhalten, bis ich ihn abholen lassen könnte.
-
-»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, verschiedene von
-den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich in New London. Nenne und
-beschreibe sie!«
-
-Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei Frauen -- sämtlich im
-ersten Gasthof von New London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt
-und ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften; bald saßen
-sie auf dem Fort in sicherem Gewahrsam.
-
-»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft über deine drei
-Mitverschwörer, die hier im Fort sind.«
-
-Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen erzählen; ich brachte
-aber die beiden geheimnisvollen Papierschnitzel zum Vorschein, die bei
-den Rekruten gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame Wirkung
-auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir hätten zwei von den Leuten schon in
-unserer Gewalt, und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies
-jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:
-
-»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich auf der Stelle töten.«
-
-Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde ihm jemand zum Schutze
-mitgeben, außerdem würden die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich
-befahl, daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell kommen sollten;
-dann mußte der arme, zitternde, kleine Kerl herauskommen; er schritt
-die Front ab, wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich
-dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den Leuten ein
-einziges Wort, und ehe er fünf Schritte weiter war, war der Mann auch
-schon verhaftet.
-
-Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich die drei Soldaten
-vorführen. Einer von ihnen mußte vortreten und ich sagte:
-
-»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um eines Haares Breite von der
-strengsten Wahrheit ab. Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«
-
-Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle Gedanken an etwaige
-Folgen beiseite, heftete seine Augen auf des Mannes Gesicht und sagte
-ohne jedes Zögern:
-
-»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. Er ist aus New Orleans; war
-vor zwei Jahren zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹;
-ist ein verzweifelter Charakter und ist schon zweimal wegen Totschlags
-im Gefängnis gewesen: das einemal, weil er einen Matrosen Namens
-Hyde mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, weil er einen
-Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, das Lot zu heben, womit
-auch ein solcher Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion
-und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt Er war
-dritter Steuermann auf dem ›St. Nicholas‹, als dieser Dampfer in der
-Nähe von Memphis in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre beinahe
-gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten ausplünderte,
-während sie in einem leeren Holzboot an Land gebracht wurden.«
-
-Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine vollständige
-Lebensbeschreibung des Mannes. Als er fertig war, sagte ich zu diesem:
-
-»Was haben Sie dazu zu bemerken?«
-
-»Nichts für ungut, Herr Major -- aber das ist die teuflischste Lüge,
-die je gesprochen wurde!«
-
-Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die beiden anderen einzeln
-vortreten. Dasselbe Ergebnis. Der Junge gab über jeden von ihnen eine
-bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, ohne jemals sich
-auf ein Wort oder eine Tatsache besinnen zu müssen; aber alles, was
-ich aus den beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete
-Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten nichts gestehen. Ich
-ließ sie wieder in Haft abführen und dann die übrigen Gefangenen, einen
-nach dem anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste Auskunft
-über sie -- aus welchen Städten im Süden sie waren, und schilderte mit
-allen Einzelheiten ihre Beteiligung an der Verschwörung.
-
-Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und kein einziger von ihnen
-bekannte das Geringste. Die Männer tobten, die Weiber weinten. So wie
-sie es darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus dem Westen
-und liebten die Union über alles in der Welt. Voll Ekel ließ ich die
-Bande wieder einsperren und fuhr in Wicklows Verhör fort:
-
-»Wo liegt Nr. 166 und wer ist ~B. B.~?«
-
-Aber hier war die Grenze, die er sich selber gesetzt hatte. Weder
-Schmeicheln noch Drohen übte irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit
-flog dahin -- es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln zu
-greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen gebunden hochziehen. Als die
-Schmerzen ärger wurden, stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das
-ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, und sehr bald schrie
-er heraus:
-
-»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann will ich sprechen!«
-
-»Nein -- du wirst sprechen, bevor ich dich herunterlasse.«
-
-Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. Und so kam’s heraus:
-
-»Nr. 166, Adler-Gasthof!«
-
-Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft drunten am Hafen, wo
-gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer und zweifelhaftes Gesindel zu
-verkehren pflegten.
-
-Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft über den Zweck der
-Verschwörung.
-
-»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er mürrisch und schluchzend.
-
-»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«
-
-»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, die sich bei 166 treffen
-sollten.«
-
-»Was bedeutet: ›_Gedenke_ ~XXXX~!‹?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Wie lautet das Losungswort für 166?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: ~FFFFF~ und ~MMMM~? Antworte,
-oder du kriegst es noch einmal zu fühlen!«
-
-»Ich werde _niemals_ antworten. Lieber sterbe ich. Nun tun Sie, was
-Ihnen beliebt!«
-
-»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist das dein letztes Wort?«
-
-Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme:
-
-»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe
-und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint:
-ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«
-
-Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die
-furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens
-Schreie mit anzuhören -- aber wir brachten nichts anderes aus ihm
-heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort:
-
-»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich
-niemals!«
-
-Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt
-lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und
-setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.
-
-Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die
-telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle
-Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen.
-
-Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war
-allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die
-Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen
-oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem
-Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt
-weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in
-ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den
-hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren.
-
-Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, ~B. B.~ zu fesseln und zu
-knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr
-ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von
-einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus
-der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die
-Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem
-Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und
-uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort
-zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.
-
-Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller
-Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte
-ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür
-zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter
-uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran
-nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl
-und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle
-seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen
-Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich
-in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166
-voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen
-hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten
-Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten,
-daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der
-Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte
-den Türgriff an -- die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte
-ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten
-unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem
-einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir
-undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag -- ich sah wie der
-Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in
-pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf
-dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein
-Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit
-meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine
-Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte
-den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:
-
-»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.«
-
-Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir meinen Gefangenen an und --
-Himmeldonnerwetter! es war ein junges Frauenzimmer.
-
-Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. Ich kam mir ziemlich
-dämlich vor. Jeder von uns sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als
-hätten wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend
-wirkte die Ueberraschung. Das junge Frauenzimmer begann zu schreien
-und bedeckte sich das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte in
-demütigem Ton:
-
-»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht recht ist, nicht wahr?«
-
-»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«
-
-»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade heute abend von Cincinnati
-ein klein bißchen krank nach Hause gekommen.«
-
-»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder gelogen! Das ist nicht
-die richtige Nr. 166, das ist nicht ~B. B.~ Höre, Wicklow, jetzt wirst
-du uns die richtige Nr. 166 finden, sonst -- hallo! wo ist denn der
-Junge?«
-
-Fort war er -- das war bombensicher. Und noch mehr, es gelang uns
-nicht, eine Spur von ihm zu finden. Das war eine eklige Klemme! Ich
-verwünschte meine Dummheit, daß ich ihn nicht an einen von den Leuten
-angebunden hatte; aber es hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu
-fluchen. Was sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? -- Das
-war die Frage. Das Mädchen _konnte_ immerhin doch ~B. B.~ sein. Ich
-glaubte das allerdings nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen,
-Zweifel für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine Leute ein
-leeres Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber von Nr. 166
-beziehen und befahl ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere,
-ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie bis auf weiteren
-Befehl unter strenger Bewachung zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort
-zurück, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.
-
-Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb in Ordnung. Ich blieb
-die ganze Nacht auf, um sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich
-war unbeschreiblich froh, als ich den Morgen dämmern sah und an das
-Kriegsdepartement telegraphieren konnte, daß die Sterne und Streifen
-noch immer über Fort Trumbull wehten.
-
-Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. Trotzdem ließ ich
-natürlich in meiner Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag
-der Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach dem anderen
-vorführen und machte ihnen ganz gehörig die Hölle heiß, um sie zum
-Gestehen zu bringen -- aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß
-mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, aber sie verrieten
-nichts.
-
-Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen verschwundenen Jungen. Man
-hatte ihn um sechs Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der
-Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort schickte ich einen
-Kavallerieleutnant mit einem Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen
-von der Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über einen Zaun
-geklettert und schleppte sich ermattet quer über eine morastige Wiese
-auf ein großes altmodisches Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag.
-Sie ritten durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen Umweg und
-näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten Seite. Dann stiegen
-sie ab und liefen schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften
-in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; die Tür nach dem Vorder-
-oder Wohnzimmer stand offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie
-eine leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. Sie blieben
-daher ehrfurchtsvoll stehen, und der Leutnant streckte seinen Kopf vor
-und sah einen alten Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des
-Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende war der alte Mann, und
-gerade als er mit seinem Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die
-Vordertür auf und trat ein. Die beiden alten Leute sprangen auf ihn zu
-und umarmten ihn voll Zärtlichkeit und riefen:
-
-»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist
-wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!«
-
-Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in
-dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht
-weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine
-Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte
-an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann
-war sein Vater -- ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe
-gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter.
-
-Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine
-Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender
-Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen -- dunkle
-Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht
-sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione
-fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von
-ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden
-Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine
-Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand.
-Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling
-von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser
-hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von
-den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder
-dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln -- daher seine
-Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten,
-die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil
-von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate
-zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die
-Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener
-Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem
-Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er
-wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären?
-Ganz einfach, weil er sie nicht erklären _konnte_. Sie hatten gar keine
-Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg
-aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt
-wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so
-schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer
-Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen --
-aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts
-verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer
-Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun -- denn
-seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner
-Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten
-Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte.
-Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden
-war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort
-zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn
-›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet
--- das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den
-›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der
-unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er
-erfand ›~B. B.~‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte
-nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als
-bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden,
-wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des
-Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel
-gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer
-ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar
-Tage, und ich glaube, für ihn war es _Wirklichkeit_ und er hatte an ihr
-seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.
-
-Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose
-Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir
-fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer
-Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren
-die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber
-brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren
-Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele
-Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande
-bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen
-unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen -- die eine war die
-Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines
-Bischofs aus dem Westen -- na, _der_ verächtliche Hohn und _die_
-ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir
-gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten
--- und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der
-lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von
-der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem
-Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow
-niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung
-und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in
-meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als
-Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der
-verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas,
-was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte.
-
-Und das Kriegsdepartement! -- Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber
-den Vorhang darüber zu!
-
- _Anmerkung_: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und
- er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen
- Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen
- verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz
- hübschen Aufputz geben -- lassen wir sie stehen. Militärs
- werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht
- bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt
- und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«
-
- ~M. T.~
-
-
-
-
-Aus den ›London Times‹ von 1904[8]
-
- [8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.
-
-
-I.
-
-Bericht der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 5. April 1904.
-
-Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht
-fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt -- und mit
-ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs -- von nichts anderem
-gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem
-letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will
-ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis
-zu dem Gipfelpunkt von gestern -- oder heute; nennen Sie den Tag wie
-Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in
-einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene
-spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den
-Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht
-zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und
-der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß
-noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants
-Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen.
-Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen
-Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W.,
-den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der
-Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten
-Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in
-militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen
-Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton
-dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point
-getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt
-Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten
-Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in
-seinen Worten.
-
-Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum
-Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch
-betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen
-Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es
-klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals
-die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom
-Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete
-sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war
-sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte,
-durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende
-des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei
-Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem
-Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung
-auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir
-Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen
-Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade:
-
-»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« -- und dabei schlug
-er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch.
-
-»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge
-Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung.
-
-Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:
-
-»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine
-solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag
-erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen
-Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«
-
-»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da
-hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich
-glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine
-Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter
-blickt als ich -- und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne
-dasselbe.«
-
-Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien
-ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch
-stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die
-Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen
-bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹.
-Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort:
-
-»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der
-elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst
-leistet -- ich betone: einen _wirklichen_ Dienst -- so schicken Sie ihn
-mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte
-zurücknehmen Wollen Sie?«
-
-»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche.
-
-Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische
-Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik
-unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar
-darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden
-Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den
-Attachés getrennt ...
-
- * * * * *
-
-Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald
-der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde
-der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte
-nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt
-angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für
-unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem
-ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und
-Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten
-sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten.
-
-Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen
-Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer
-nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten
-sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden
-getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit
-Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man
-an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich
-hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte
-man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit,
-und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein
-Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere
-Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und
-pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.
-
-Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und
-unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins
-von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks
-erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes
-gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes
-vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in
-völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er
-sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem
-Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden -- und würde trotzdem sich
-irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in
-keiner Weise daran beteiligt gewesen.
-
-Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er
-hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe,
-ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner
-Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war
-jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu
-wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen
-Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903
-wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt;
-noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt
-und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben.
-
-Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer
-peinlichen Lage -- denn Claytons Gattin ist eine Nichte des
-Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und
-das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist
-ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der
-armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund;
-aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei
-allen Verhältnissen die Politik mit -- und allmählich begannen des
-Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu
-lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen
-werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer
-deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen
-dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in
-Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem
-Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern.
-Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu
-begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse
-seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe
-Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann
-in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er
-werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei
-Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm:
-
-»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung
-geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du
-hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen
-Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn
-in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm
-gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der
-grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie
-möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s
-nicht allein tragen lassen?«
-
-»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum
-letzten Augenblick dir zur Seite stehen.«
-
-Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte
-Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der
-Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei
-ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle
-herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt
-hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung
-des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der
-Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und
-so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop
-haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein
-Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und
-Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem
-andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und
-sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren
-Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als
-Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und
-ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung
-beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und
-die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in
-seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und
-dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.«
-Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in
-der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne
-leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen.
-Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden
-kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem
-Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu.
-
-Gestern -- ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus
-gewissen, ganz natürlichen, Gründen -- gestern blieb das Instrument
-unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der
-Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen.
-Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel
-nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins
-Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz
-nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht,
-und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und
-lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die
-Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches
-Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten -- und sank in
-Ohnmacht. Es war der Galgen!
-
-Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton
-und ich waren allein -- allein und brüteten über unseren Gedanken und
-träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für
-Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der
-Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es
-in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist.
-Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies
-vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von
-draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese
-Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen;
-sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über
-Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken
-zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd
-ein Hagelschauer an die Fensterscheiben -- und dazu fortwährend die
-schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den
-Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit
-ein anderer Ton zu uns -- aus weiter Ferne und nur ganz schwach
-durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend -- eine Glocke schlug
-zwölf! Wieder eine Ewigkeit -- dann schlug es abermals. Und dann --
-noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte
-wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! -- Zwei! -- Drei! --
-Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben!
-
-Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den
-schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das
-Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und _das_ sollten eines Mannes
-letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile:
-»Ich muß noch einmal die Sonne sehen -- die Sonne!« Und im nächsten
-Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich
-mit China -- Peking!«
-
-Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie
-unglaublich -- ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche
-Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille,
-gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen
-großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis
-stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«
-
-Ich hörte dem Gespräch zu:
-
-»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! ... Das ist
-Peking?«
-
-»Ja.«
-
-»Welche Zeit?«
-
-»Mitten am Nachmittag.«
-
-»Was will die große Menge, was bedeuten die prachtvollen Kleider?
-Welche Massen und Massen von reicher Farbenpracht und barbarischem
-Glanz! Und wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden
-Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«
-
-»Die Krönung unseres neuen Kaisers -- des Zaren.«
-
-»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden sollen.«
-
-»Unser ›heute‹ ist für Sie -- ›gestern‹.«
-
-»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage etwas verwirrt -- aus
-guten Gründen ... Ist dies der Beginn des Festzugs?«
-
-»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich in Bewegung zu setzen.«
-
-»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«
-
-»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. Warum seufzen Sie?«
-
-»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«
-
-»Und warum können Sie das nicht?«
-
-»Ich muß gehen -- gleich jetzt im Augenblick.«
-
-»Sie haben eine Verpflichtung?«
-
-Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die
-Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?«
-
-»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden
-der Welt als Gäste gekommen sind.«
-
-»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur
-Linken?«
-
-»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur
-Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.«
-
-»Wenn Sie so gut sein wollen, ich ...«
-
-_Bumm!_ Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die
-ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür
-ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind -- die
-Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem
-Gatten an die Brust und ich -- ich mußte hinaus; ich konnte es nicht
-ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich
-und wartete -- wartete -- wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel
-und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit,
-dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich
-wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter
-eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein
-Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten
--- der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche
-Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa
-wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«
-
-Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum
-Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen
-Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann
-sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus --
-können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.
-
-Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal ging ich ans Fenster,
-öffnete es leise -- von dem fürchterlichen Bann erfaßt, den
-entsetzliche Ereignisse ausüben -- und sah auf den Hof hinunter. Bei
-dem prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich die kleine
-Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, die an ihres Onkels Brust
-weinte, den Verurteilten, der auf dem Schafott stand. Schon hatte er
-den Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib gebunden, die
-schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. Der Sheriff an seiner Seite hielt
-die Hand am Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig
-und mit dem Buch in der Hand.
-
-»_Ich bin die Auferstehung und das Leben_ --«
-
-Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit anhören, ich konnte es
-nicht mit ansehen. Ich wußte nicht, wohin ich ging und was ich tat.
-Mechanisch und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige
-Instrument, den elektrischen Fernseher -- und da war Peking und der
-Krönungszug des Zaren.
-
-Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem Fenster hinaus --
-atemlos, nach Luft ringend. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war
-gerade infolge der Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie
-betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, der ich so dringend
-Worte finden mußte ...
-
-»_Und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele. Amen._«
-
-Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter und legte die Hand an den
-Hebel. Da fand ich meine Stimme wieder!
-
-»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist unschuldig. Kommt her und
-seht Szczepanik von Angesicht zu Angesicht!«
-
-Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur an meiner Stelle am
-Fenster und rief:
-
-»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin frei!«
-
-Drei Minuten später waren alle wieder im Zimmer. Der Leser wird sich
-die Szene vorstellen können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es
-war eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.
-
-Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem Zuschauerzelt, und wir
-konnten sehen, wie ein angstvolles Erstaunen sein Antlitz überzog, als
-er die Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den Apparat und sprach
-mit Clayton und dem Gouverneur und anderen. Und die Frau dankte ihm mit
-überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben gerettet, und küßte
-ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit über zwölftausend Meilen hinweg.
-
-Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball traten in Tätigkeit,
-und viele Stunden lang sprachen Könige und Königinnen -- und ab und
-zu auch ein Reporter -- mit Szczepanik und priesen ihn; und die
-wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die ihn noch nicht zum
-Ehrenmitglied erhoben hatten, beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.
-
-Wie war es zugegangen, daß er aus unserer Mitte verschwand? Dies war
-leicht erklärt. Er hatte noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm
-zu tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor dem Glück,
-überall der Löwe des Tages zu sein, aus dem Staube zu machen; denn
-dieses ›Glück‹ machte jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ
-sich also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, verkleidete
-sich auch selbst noch ein bißchen, nahm einen falschen Namen an und
-ging davon, um in Frieden die Welt zu durchwandern.
-
-Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling 1898 mit einem
-unbedeutenden Streit in Wien begann und im Frühling 1904 beinahe als
-Tragödie geendet hätte.
-
-
-II.
-
-Korrespondenz der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 1. April 1904.
-
-Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem elektrischen Eilschiff
-und vom Hafen ab mit der elektrischen Eisenbahn befördert, ein
-Briefumschlag aus Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer
-Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. Er ließ sich mit Wien
-verbinden, begrüßte Herrn K’s wohlbekanntes Gesicht und sagte:
-
-»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles auf meinem Antlitz
-lesen. Meine Frau hat den Farthing. Seien Sie unbesorgt -- sie wird ihn
-nicht wegwerfen.«
-
-
-III.
-
-Korrespondenz der ›London Times‹.
-
- Chicago, den 23. April 1904.
-
-Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls Clayton‹ ihren
-Lauf genommen -- und beendigt haben, so will ich das Ganze kurz
-zusammenfassen. Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen
-Tode versetzte die ganze Gegend in einen Zaubertaumel von freudiger
-Ueberraschung. Er hielt die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte
-die Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und zu sagen: »_Aber
-ein Mann wurde getötet_ -- und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten:
-»Das ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen; wir haben
-uns von unserer Erregung zu weit fortreißen lassen.«
-
-Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton müsse noch einmal vor
-Gericht gestellt werden. Die nötigen Maßnahmen wurden getroffen
-und es wurden die erforderlichen Anträge in Washington gestellt;
-denn in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, der im Jahre
-1889 der Verfassung hinzugefügt wurde, Prozesse zweiter Instanz
-nicht in den Machtbereich der Einzelstaaten, sondern es sind
-Nationalangelegenheiten, und sie müssen vor die erhabene Körperschaft
-des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten‹
-gebracht werden. Die Richter wurden also zur Tagung nach Chicago
-berufen. Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den üblichen
-eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die neun Richter erschienen in
-ihren schwarzen Talaren und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte
-den Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und sprach:
-
-»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: Der Angeklagte war
-beschuldigt, einen gewissen Szczepanik ermordet zu haben; er wurde
-wegen Ermordung des Szczepanik vor Gericht gestellt; er wurde wegen
-Ermordung des Szczepanik in aller Form Rechtens schuldig gesprochen
-und zum Tode verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik
-überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung der französischen
-Gerichtshöfe im Fall Dreyfus steht es unbestreitbar fest, daß
-_Entscheidungen von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht nachgeprüft
-werden können_. Wir sind gehalten, diesen Präzedenzfall zu achten und
-uns zu eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige Gebäude der
-Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte ist in aller Form Rechtens
-wegen Ermordung des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, und es gibt
-meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit nur einen einzigen Weg, den
-wir einschlagen können: er muß gehängt werden!«
-
-Richter Crawford sagte:
-
-»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat auf dem Schafott begnadigt!«
-
-»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht gültig sein, denn er
-wurde begnadigt wegen der Ermordung Szczepaniks -- eines Mannes, den
-er nicht getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens begnadigt
-werden, das er nicht begangen hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«
-
-»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«
-
-»Das ist ein außerhalb der Sache liegender Umstand; wir haben damit
-nichts zu tun. Der Gerichtshof kann sich mit diesem Verbrechen nicht
-eher beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt hat.«
-
-Richter Halleck bemerkte:
-
-»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, so werden wir damit
-nur einen Mißgriff der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird ihn
-abermals begnadigen.«
-
-»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er kann keinen Menschen wegen
-eines Verbrechens begnadigen, das dieser nicht begangen hat. Dies
-würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit sein.«
-
-Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte Richter Wadsworth:
-
-»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, Exzellenz, daß es ein Irrtum
-sein würde, den Angeklagten wegen des an Szczepanik begangenen Mordes
-zu henken anstatt wegen der Ermordung des anderen Mannes; denn es ist
-bewiesen, daß er Szczepanik nicht getötet hat.«
-
-»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik tötete. Aus dem
-französischen Präzedenzfall geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch
-des Gerichtshofes verbleiben müssen.«
-
-»Aber Szczepanik lebt ja noch.«
-
-»Dreyfus auch.«
-
-Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, den französischen
-Präzedenzfall zu ignorieren oder ihn zu umgehen. Es war nur ein
-Ergebnis möglich: Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies bewirkte
-eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois erhob sich wie _ein_ Mann
-und verlangte Claytons Begnadigung und die _Wiederaufnahme seines
-Prozesses_. Der Gouverneur sprach die Begnadigung aus, aber der Höchste
-Gerichtshof mußte sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es,
-und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.
-
-Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann man in der Tat vom ganzen
-Staate sagen. Ganz Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen
-›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen Offizierchen, die
-dies Ding erfanden und andere Christenländer damit straften.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Das Todeslos.[9]
-
-
- [9] Nach einer wahren Begebenheit, die ~Carlyle~ in seinen
- ~Letters and Speeches of Oliver Cromwell~ erwähnt.
-
- ~M. T.~
-
-Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier
-dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber
-trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt,
-denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn
-begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu
-Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die
-allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im
-Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war
-auf sein Glück gefallen.
-
-Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der
-Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein
-junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr
-abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt
-blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken
-und nachzudenken und -- zu warten. Lange würden sie nicht zu warten
-haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken.
-
-Sie hatten _ein_ Kind -- Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie
-wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst
-sagte:
-
-»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen -- ihr zulieb. Wir
-müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.«
-
-»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein
-Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.«
-
-»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit
-Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und
-zu unserem Besten ...«
-
-»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen --
-ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das
-könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal
-drücke und küsse -- -- --«
-
-»Still, mein Schatz, sie kommt.«
-
-Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein
-und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und
-leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.
-
-»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir
-meine Haare.«
-
-»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?«
-
-»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir _wirklich_ leid? Tust du nicht bloß
-so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?«
-
-»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte
-sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind
-erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing
-selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu
-ziehen und rief:
-
-»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby
-will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen
-und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig
-ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar
-nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt
-zur Mama; die behandelt Abby besser.«
-
-Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme
-um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig
-gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid -- komm, laß ihn
-deine Tränen wegküssen -- und er bittet dich um Verzeihung, und will
-zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt
-und keine einzige Locke zerzaust -- und was Abby befiehlt -- --«
-
-Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es
-streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: -- »Eine
-Geschichte, eine Geschichte!«
-
-Horch!
-
-Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar
-in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher ... wurden lauter
-... immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne.
-Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also
-eine Geschichte? Eine lustige?«
-
-»Nein, Papa, eine schreckliche.«
-
-Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine
-bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie
-befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein
-Wort gegeben -- er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir
-müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß
-die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie
-sagt so.«
-
-Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr
-Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz.
-Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«
-
-»O, dann erzähle _davon_ eine Geschichte, Papa, -- eine recht
-schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob _wir_ es wären. Komm
-ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du,
-wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn
-wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt
-kannst du anfangen.«
-
-»Nun also ... es waren einmal drei Obersten ...«
-
-»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch
-einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«
-
-»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.«
-
-Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf
-und sagte:
-
-»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«
-
-Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete:
-
-»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre
-Befehle.«
-
-»Ist das etwas -- -- --«
-
-»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den
-Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine
-feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen.
-Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten
-einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die
-Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost
-über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr
-Leben vor Gericht entschieden würde.«
-
-»Ist das er große General Cromwell, Papa?«
-
-»Ja.«
-
-»O, _den_ habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen
-Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein
-Gesicht ... so ... ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus,
-als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor
-ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so
-angesehen.«
-
-»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen
-nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch
-zum letztenmal ...«
-
-Horch!
-
-Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die
-Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu
-verbergen.
-
-»Sie sind heute morgen angekommen.«
-
-Die Augen des Kindes öffneten sich weit.
-
-»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine _wahre_ Geschichte?«
-
-»Gewiß, Herzchen.«
-
-»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die
-Geschichte weiter? Ei Mama ... liebe Mama, weinst du denn?«
-
-»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die ... an die armen Familien.«
-
-»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden,
-du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle
-weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.
-Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle
-weiter.«
-
-»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause
-gehen ließ.«
-
-»_Ich_ kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.«
-
-»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht
-und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.«
-
-»_Tot_geschossen, Papa?«
-
-»Ja.«
-
-»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama!
-Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon
-sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell
-genug.«
-
-»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen
-muß.«
-
-»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.«
-
-»Ja, mein Kind -- diese drei Obersten ...«
-
-»Kennst du sie, Papa?«
-
-»Ja, ich kenne sie.«
-
-»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern.
-Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme
-zitterte ein wenig, als er antwortete:
-
-»_Einer_ von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.«
-
-»Da Papa -- -- und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube
-doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein
-Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso
-gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die
-Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines
-bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr
-Papa?«
-
-»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«
-
-»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie
-alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.«
-
-»Dann waren einige von ihnen traurig -- sie alle waren es; ich meine
-das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie
-hätten ihre Pflicht getan, -- denn weißt du, es _war_ ihre Pflicht --
-und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden,
-und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der
-Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng
-und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn _sie_ ihre Pflicht getan und nach
-ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle _er_ sich seiner Pflicht
-auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber
-erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch
-tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht
-hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine
-Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie
-warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott
-Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen;
-einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«
-
-»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!«
-
-»Nein, sie haben sich geweigert.«
-
-»Sie wollen es nicht tun, Papa?«
-
-»Nein.«
-
-»Weshalb nicht?«
-
-»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine
-eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts
-anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien
-Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese
-Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien
-bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.«
-
-»Was heißt denn das, Papa?«
-
-»Daß sie ... daß sie alle erschossen werden.«
-
-Horch!
-
-Der Wind? Nein. Trapp -- trapp -- trapp -- r-r-rumbledibum,
-r-r-rumbledibum -- -- --
-
-»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«
-
-»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf
-ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!«
-
-Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie
-vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch
-auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!«
-
-Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie
-auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst
-stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm,
-totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen -- aber sonst verriet sie
-durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene
-mit leuchtenden Augen ...
-
-Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum
-Tower -- Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ
-der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die
-Tür.
-
-»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß
-die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und
-da kann er die Obersten sehen. Er -- -- --«
-
-»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! ...«
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett
-zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und
-flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen;
-man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen --
-Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das
-Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es
-sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower
-bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen.
-
-Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral.
-Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch
-gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde,
-zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die
-Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie
-bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu
-sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.«
-
-Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine
-Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen
-nicht alle sterben; das Los soll _für sie gezogen werden_.« Die
-Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in
-dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht
-nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da
-sind.«
-
-Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten
-den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das
-draußen vorbei geht!«
-
-Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als
-er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren
-Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das
-Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige
-zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte:
-
-»_Dich_ kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon
-gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle
-hatten Furcht vor dir, aber _ich_ nicht, weil du _mich_ nicht so bös
-angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes
-Kleid an -- das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«
-
-Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte
-diplomatisch mit der Antwort.
-
-»Ja, doch ... ich muß mich besinnen, ... es war ...«
-
-»Ich stand gerade vor dem Haus, vor _meinem_ Haus, weißt du.«
-
-»Hm! ... du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß
-wirklich ...«
-
-Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:
-
-»Ach, du hast es _doch_ vergessen. Aber _ich_ nicht.«
-
-»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß
-nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und
-wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«
-
-»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen
-können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal;
-meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube,
-du bist doch gut, ebenso gut wie ... aber du mußt mich besser auf
-deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa -- es ist
-kalt.«
-
-»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von
-jetzt ab bist du dann meine _alte_ Freundin, nicht wahr? Du erinnerst
-mich an mein kleines Mädchen -- jetzt ist es freilich schon lange
-nicht mehr klein -- aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines
-Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit
-deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder,
-machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So
-wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die
-Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie
-du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange,
-lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist
-im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; -- nimm dafür
-den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last
-und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.«
-
-»Hast du sie arg, arg, _arg_ gerne gehabt?«
-
-»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich
-gehorchte!«
-
-»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«
-
-»Von ganzem Herzen ... ich bin sogar stolz darauf. Da -- der ist für
-dich ... und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du
-hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle,
-und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«
-
-Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue
-Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige
-Schritt marschierender Männer.
-
-»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.«
-
-»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe
-einen Auftrag für dich.«
-
-Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur
-Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging.
-
-Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs.
-Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie
-erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die
-alle für mich?«
-
-»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der
-Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer;
-dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen
-auf dem Rücken, -- so -- und jeder hält eine Hand offen, wie eine
-Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln
-und komme dann zurück zu mir.«
-
-Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er
-sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser
-Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die
-bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl
-fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit
-sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie.
-Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit ... gelobet
-sei sein heiliger Name!«
-
-Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete
-sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die
-unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann
-glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer
-davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!«
-Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände;
-dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr
-lachendes Gesicht zu und rief:
-
-»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. _Ich_ habe es dir
-gegeben!«
-
-Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee
-und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine
-Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere,
-die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie
-gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte
-sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich
-mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches,
-tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der
-Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte
-ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton:
-
-»So leid es mir tut, Sir ... aber meine Pflicht gebietet mir.«
-
-»Gebietet was?« fragte das Kind.
-
-»Ich muß ihn wegführen ...«
-
-»Wegführen? Wohin denn?«
-
-»Nach ... nach ... Gott stehe mir bei! ... nach einem anderen Teil der
-Festung.«
-
-»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole
-ihn nach Haus.«
-
-Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie
-ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«
-
-»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind
-sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den
-Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und
-rief:
-
-»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es
-wohl gehört. Laß’ _ihn_ gehen -- du _mußt_!«
-
-»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders,
-ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! ... das Gewehr über! ...«
-
-Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie
-wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser
-gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere
-grüßten und die Wache salutierte.
-
-»Befiehl du es ihnen! -- Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa;
-ich hab’s ihnen _gesagt_, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen
-ihn fortführen.«
-
-Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.
-
-»_Dein_ Papa, Kind? Ist das dein Papa?«
-
-»Natürlich! Das war _immer_ mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche
-rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so
-lieb hätte? Gewiß nicht!«
-
-Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte:
-
-»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste
-begangen, das je ein Mensch tat -- und keine Hilfe, keine Hilfe! Was
-soll ich, was kann ich tun?«
-
-Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch
-befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So
-sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen,
-und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du
-es doch nicht!«
-
-Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten
-Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin
-und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses
-gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet,
-mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache!
-Gehorcht ihrem Befehl, -- sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene
-ist begnadigt; gebt ihn frei!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwei kleine Geschichten.
-
-
-Erste Geschichte:
-
-Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.
-
-Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des Jahres 1900, besuchte mich
-nachmittags ein Freund hier in London. Wir sind beide in dem Alter,
-wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und sich etwas erzählen,
-weniger von den Annehmlichkeiten des Lebens sprechen, als von dessen
-Widerwärtigkeiten, und allmählich fing mein Freund an, auf das
-Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte sich heraus, daß ein Freund
-von ihm etwas erfunden hatte, das für die Soldaten in Südafrika von
-großem Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr billiger Stiefel,
-der vollständig wasserdicht war und bei Regenwetter seine Form und
-Festigkeit behielt. Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der
-Regierung hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter Mann und
-wußte, daß die hohen Beamten einer Mitteilung von ihm keine Beachtung
-schenken würden.
-
-»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war -- wie wir’s ja alle sind,«
-sagte ich unterbrechend »Doch erzählen Sie nur weiter!«
-
-»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? Der Mann sprach die Wahrheit.«
-
-»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur weiter.«
-
-»Ich will Ihnen _beweisen_, daß er ...«
-
-»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr alt und sehr weise.
-Sie müssen nicht mit mir rechten wollen; das ist unehrerbietig und
-beleidigend. Fahren Sie, bitte, fort.«
-
-»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich bin nicht unbekannt und
-doch war selbst _ich_ nicht imstande, die Mitteilung meines Freundes
-beim Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«
-
-»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur weiter.«
-
-»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß es mir nicht gelang.«
-
-»O gewiß. _Das_ wußte ich. Sie brauchten mir das gar nicht zu sagen.«
-
-»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«
-
-»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie _nicht imstande_ waren,
-die sofortige Aufmerksamkeit des Generaldirektors auf die Mitteilung
-Ihres Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie _hätten_ seine
-sofortige Aufmerksamkeit auf die Sache erreichen können.«
-
-»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht konnte. In Zeit von drei
-Monaten ist es mir nicht gelungen.«
-
-»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar nicht zu erzählen. Aber Sie
-_hätten_ sofortige Beachtung gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige
-Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr Freund können.«
-
-»Ich _habe_ es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«
-
-»Das haben Sie nicht.«
-
-»Was wissen denn _Sie_? Was wissen Sie denn über die näheren Umstände?«
-
-»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie haben die Sache nicht auf
-vernünftige Weise angefangen. Soviel ist sicher.«
-
-»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht wissen, welche Methode
-ich anwandte?«
-
-»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der ist mir Beweis genug. Sie
-sind unvernünftigerweise vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w ...«
-
-»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen erzählen, _wie_ ich zu Werke
-ging? Ich glaube das wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«
-
-»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn Ihnen so sehr daran liegt,
-sich zu blamieren, so erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr
-alt ...«
-
-»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und schrieb einen sehr höflichen
-Brief an den Generaldirektor des Schuhleder-Departements, in dem ich
-ihm auseinanders ...«
-
-»Kennen Sie ihn persönlich?«
-
-»Nein.«
-
-»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben unvernünftig angefangen.
-Bitte weiter.«
-
-»In dem Brief legte ich den großen Wert und die große Billigkeit der
-Erfindung dar, und bot mich an ...«
-
-»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein zweiter Punkt gegen Sie.
-Ich bin s ...«
-
-»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«
-
-»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«
-
-»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte für meine Mühe und
-schlug mir ...«
-
-»_Nichts_ vor.«
-
-»Ganz richtig; er schlug mir -- gar nichts vor. Dann schrieb ich ihm
-einen sorgsam ausgearbeiteten Brief und ...«
-
-»Punkt drei ...«
-
-»... bekam überhaupt keine Antwort. Nach Ablauf einer Woche bat ich
-dann schriftlich mit einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort
-auf den Brief.«
-
-»Vier. Weiter.«
-
-»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei nicht angekommen, und
-man bitte um eine Abschrift desselben. Ich reklamierte bei der Post
-und es stellte sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen
-war; aber ich sagte nichts und schickte eine Abschrift ab. Zwei Wochen
-verstrichen ohne weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich mich
-wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur für höfliche Briefe.
-Ich schrieb abermals und erbot mich, am folgenden Tag persönliche
-Rücksprache zu nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, so
-nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«
-
-»Fünfter Punkt für mich.«
-
-»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen Stuhl angeboten mit
-der Weisung, zu warten. Ich wartete bis halb Zwei; dann ging ich
-weg, ärgerlich und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche um mich
-abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz für den nächsten Mittag.«
-
-»Punkt sechs.«
-
-»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich und hielt bis halb
-Drei einen Stuhl warm. Dann ging ich fort und schüttelte den Staub
-dieses Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. Was Grobheit,
-Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen der
-Armee anbelangt, so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements
-nach meiner Ans ...«
-
-»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe viele anscheinend
-gescheite Leute gesehen, die nicht genug gesunden Menschenverstand
-hatten, um eine so einfache und leichte Sache wie diese richtig
-anzufassen. Sie sind für mich nichts Neues; ich habe persönlich
-Millionen und Billionen von Menschen gekannt wie Sie. Sie haben ganz
-unnötig drei Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate
-verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren -- macht zusammen
-neun Monate. Jetzt will ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die
-ich gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie morgen mittag beim
-Generaldirektor vorsprechen, und Ihre Sache durchführen.«
-
-»Famos! Kennen Sie ihn?«
-
-»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«
-
-
-Zweite Geschichte:
-
-Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.
-
-
-I.
-
-Der Sommer war gekommen und die Starken gingen gebeugt unter der
-Last der furchtbaren Hitze und viele von den Schwachen waren
-zusammengebrochen und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, die
-Geißel des Krieges, und Hilfe war keine zu erwarten. Die Aerzte waren
-in Verzweiflung; der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien --
-und er war immer ein recht zweifelhafter gewesen -- war ein Ding der
-Vergangenheit und zwar für immer, wie es schien.
-
-Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, zu einer Beratung vor ihm
-zu erscheinen, denn er befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng
-mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, daß sie seine
-Soldaten sterben ließen und fragte sie, ob sie ihr Geschäft verstünden
-oder nicht, und ob sie wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder.
-Der Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im Reich war und
-von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, antwortete darauf und sagte:
-
-»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was wir konnten, und deshalb ist
-es nur wenig. Keine Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen;
-nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen das. Ich bin alt
-und ich weiß es. Kein Arzt und keine Arzenei können sie heilen -- ich
-wiederhole es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie der Natur
-ein wenig helfen würden -- ein ganz klein wenig -- aber in der Regel
-schaden sie bloß.«
-
-Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher Mensch und
-überschüttete die Aerzte mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie
-von seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst von der grausamen
-Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht flog von Mund zu Mund und
-brachte Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde von nichts
-anderem gesprochen, als von dem betrübenden Unglück, und alle Gemüter
-waren niedergedrückt, denn nur wenige hatten Hoffnung. Der Sultan
-selbst war sehr melancholisch und sagte:
-
-»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die Massenmörder wieder; ich will
-mich drein fügen.«
-
-Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen seine Zunge und holten
-ihren Arzeneivorrat, den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie
-sich geduldig nieder und warteten -- denn sie wurden nicht pro Fall
-bezahlt, sondern erhielten ein jährliches Gehalt.
-
-
-II.
-
-Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht
-zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung
-zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen,
-denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte
-und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets
-bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl
-von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er
-unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit.
-
-Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten
-sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war
-auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen
-Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch
-nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter,
-mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und
-seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere.
-
-Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das
-Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja
-von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte
-darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach:
-
-»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich weiß wie.«
-
-Achmet war überrascht.
-
-»Was! Du?«
-
-»Ja, ich.«
-
-»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«
-
-»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn Minuten kann ich ihn heilen.«
-
-Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen Spaß glauben konnte.
-Deshalb sagte er:
-
-»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du wirklich den Sultan
-heilen?«
-
-»Ich gebe dir mein Wort.«
-
-»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«
-
-»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von einer reifen
-Wassermelone essen.«
-
-Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er lachte laut auf über die
-Absurdität dieses Gedankens, ehe er noch an sich halten konnte. Aber
-sein Lachen verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit gekränkt
-hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, und sagte:
-
-»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; es war gewiß nicht bös
-gemeint, und ich will’s nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so
-furchtbar spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist und die Ruhr,
-da pflanzen die Aerzte ein Zeichen auf, welches besagt, daß jedermann,
-den man hier mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen
-Katze zu Tode gepeitscht wird.«
-
-»Ich weiß -- diese Narren!« sagte Ali, Tränen und Aerger in der
-Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen und nicht ein einziger von all
-den Soldaten hätte es nötig gehabt, zu sterben.«
-
-»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«
-
-»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. Kennst du den alten
-grauköpfigen Neger? Der hat schon eine Menge von unsern Freunden
-geheilt; das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich auch. Man
-braucht nur eine oder zwei Scheiben Wassermelone zu essen und man ist
-kuriert, einerlei ob die Krankheit alt oder neu ist.«
-
-»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so ist, so sollte man’s dem
-Sultan doch sagen.«
-
-»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen Leuten gesagt, in der
-Hoffnung, sie könnten es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und
-wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es der Sultan erfährt.«
-
-»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht wissen,« sagte Achmet
-verächtlich. »_Ich_ will es ihm sagen.«
-
-»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali lachen. Aber Achmet erwiderte
-mit Ueberzeugung:
-
-»Lache du nur; _ich_ tu’s.«
-
-Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf Ali machte und dieser
-frug:
-
-»Kennst du den Sultan?«
-
-»Ob _ich_ ihn kenne? Wie du wieder redest! Ich kenne ihn freilich
-nicht.«
-
-»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan sagen willst?«
-
-»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest du es denn anfangen?«
-
-»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von einem Schreiber einen Brief
-schreiben. Den würde ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt
-nicht daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«
-
-»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im ganzen Reich macht es ebenso.
-Hast du denn daran gar nicht gedacht?«
-
-»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.
-
-»Du hättest daran denken _können_, wenn du nicht so jung und unerfahren
-wärest. Weißt du, wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein
-Dichter, oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen bekannt ist,
-krank wird, so empfehlen alle Narren ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien
-zur Anwendung. Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber
-handelt ...«
-
-»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte Ali etwas verlegen.
-
-»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht führen wir unsere
-fünf, sechs Karren voll solcher Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes
-fort. Achtzigtausend Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, daß die
-überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! Mit deinem Brief würde es
-gerade so gehen. Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den zu
-des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«
-
-»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen wirst,« bat Ali.
-
-Achmet fühlte sich und hub an:
-
-»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das sich einbildet, ein Schlächter
-zu sein, weil es mit einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und
-halbverfaulte Lebern verkäuft? Dem werde ich es _zunächst_ sagen.«
-
-Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.
-
-»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; das ist nicht schön von
-dir. Du weißt doch, daß mir die Sache am Herzen liegt.«
-
-Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und sagte:
-
-»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali. _Ich_ weiß, was ich will.
-Du wirst es schon sehen. Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten
-Krüppel erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke verkäuft -- das
-ist sein bester Freund -- wenn ich ihn darum bitte. Der wiederum wird
-es seinem reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, und
-der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; und der erzählt es
-seinem Freund von der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der dem
-Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi dem Mudir, der Mudir dem
-Oberst von der Leibwache, der läuft zu seinem Freund, dem ...«
-
-»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller Plan, Achmet. Wie kamst du nur
-auf ...«
-
-»... Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral erzählt es dem Vize-Admiral,
-und der Vize-Admiral dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem
-Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral beider Flotten,
-und der dem Wesir, und der Wesir dem ...«
-
-»Weiter, Achmet, weiter!«
-
-»... Scharfrichter, und der erzählt es dem Ober-Scharfrichter, und der
-dem Pascha, und der Pascha dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister,
-und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall, der Hofmarschall dem
-Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister dem Ober-Küchenmeister, dieser
-erzählt es dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen,
-und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen jungen Lieblingssklaven des
-Sultans, der ihm die Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor
-dem Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, -- und das Spiel ist
-gewonnen.«
-
-Ali war aufgesprungen.
-
-»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser hatte. Wie kamst du nur
-darauf?«
-
-»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; ich will dir ein Körnlein
-Weisheit schenken, behalte es solange du lebst. Nun denn, wer ist
-dein bester Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen möchtest und
-könntest?«
-
-»Der bist du, Achmet, das weißt du.«
-
-»Angenommen, du hättest eine ziemlich große Gefälligkeit von dem
-Katzenfleisch-Händler zu erbitten. Nun kennst du ihn aber nicht, und
-er würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten wolltest, denn er
-ist nun mal so ein Kauz. Aber er ist mein bester Freund nach dir, und
-würde sich die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, --
-_jeden_ Gefallen, ganz einerlei welchen. Jetzt frage ich dich: Was
-ist vernünftiger -- wenn _du_ zu ihm gehst und ihn bittest, er solle
-dem Krapfenmann von deiner Melonenkur erzählen, oder wenn du zu _mir_
-kommst, damit _ich_ ihn für dich bitte?«
-
-»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es für mich tust. Ich hätte
-wirklich nie daran gedacht, Achmet; es ist großartig!«
-
-»Es ist eine _Lebensweisheit_. Sie beruht darauf: Jedermann auf dieser
-Welt, groß oder klein, mächtig oder nicht, hat _einen_ speziellen
-Freund, einen Freund, dem er mit _Vergnügen_ behilflich ist -- nicht
-mit Widerwillen, sondern mit _Vergnügen_ -- mit Vergnügen bis ins
-Innerste. Und so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei
-jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du noch so niedrig. Es
-ist ja so einfach: Du brauchst nur den _ersten_ Freund zu finden,
-das ist alles; damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. Er
-findet dann den nächsten Freund schon von selbst, und dieser findet
-den dritten, und so fort, Freund nach Freund, Glied nach Glied, wie
-bei einer Kette; diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie du
-willst oder so tief wie du willst.«
-
-»Das ist herrlich, Achmet!«
-
-»Es _ist_ so leicht und einfach, wie einen Esel zu prügeln; aber hast
-du je gehört, daß jemand danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist
-ein Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche Einführung,
-oder schickt ihm einen Brief, und erreicht natürlich nichts, -- und
-das geschieht ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, aber das
-verschlägt mir nichts. Morgen wird er seine Wassermelone essen; du
-wirst sehen. Hallo! Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn
-einholen. Allah beschütze dich, Ali!«
-
-Er holte ihn ein und sagte:
-
-»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«
-
-»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum batest? Sage mir, was
-ich tun soll und ich werde eilen, wie der Wind.«
-
-»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles stehen und liegen lassen
-und seinem besten Freund mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann,
-wenn er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. Und dieser Freund
-soll es _seinem_ besten Freund weitersagen und so fort, -- bis zum
-Sultan.« Der Katzenfleischverkäufer flog davon.
-
-In diesem Augenblick war die frohe Botschaft des kleinen Kesselflickers
-an den Sultan unterwegs.
-
-
-III.
-
-Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die Aerzte im Krankenzimmer
-des Sultans und flüsterten leise miteinander, denn sie waren in großer
-Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie konnten es sich nicht
-verhehlen, daß, so oft sie ihn mit einer neuen Quantität Arzeneien
-auffüllten, sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte sie
-traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme abgezehrte Sultan lag
-bewegungslos da mit geschlossenen Augen, und sein Lieblingssklave, der
-ihm die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin. Da hörte der
-Knabe einen seidenen Vorhang hinter sich rauschen, drehte sich um und
-gewahrte den Ober-Eunuchen, der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu kommen.
-Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich der Sklave zu seinem geliebten
-Freund, welcher sagte:
-
-»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind, denn du bist des Sultans
-Liebling. Nimm dies hier. Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.«
-
-»Bei Allah, er wird es essen.«
-
-Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone, frisch und saftig.
-
-
-IV.
-
-Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen die Nachricht, daß der
-Sultan wieder wohl und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die
-Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge wälzte sich über
-das ganze Land, und man rüstete sich zu einem großen Jubelfest.
-
-Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem Diwan und überlegte.
-Seine Dankbarkeit war unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk
-nach, das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit darzutun.
-Er rief seinen kleinen Sklaven, und fragte ihn, ob er die Kur erfunden
-hätte. Der Knabe sagte nein, -- er hätte sie vom Ober-Eunuchen
-erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der Sultan überlegte
-wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen den Palast und die Ländereien
-eines Paschas schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie ihm dessen
-jährliches Einkommen anweisen. Er ließ ihn rufen, und fragte ihn, ob
-er der Erfinder des Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein
-ehrlicher Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister des Harems
-erfahren. Er wurde weggeschickt und der Sultan überlegte von neuem.
-Er könnte den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister an
-seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier Pferde aus seinem Stall
-zum Geschenk bekommen. Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den
-Ober-Küchenmeister verwiesen. Abermals überlegte der Sultan, und
-dachte sich ein geringeres Geschenk aus. Der Koch aber verwies ihn an
-den Ober-Stallmeister und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal
-mußte der arme Sultan wieder überlegen und sich ein kleineres Geschenk
-ausdenken.
-
-Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die Sache zu beschleunigen,
-ließ er seinen Hohen Geheimen Ober-Detektive kommen, und befahl ihm,
-herauszufinden, wer die Melonenkur erfunden hätte, damit er seinen
-Wohltäter nach Gebühr belohnen könne.
-
-Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder. Er hatte der ganzen langen
-Kette von Freunden nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen,
-Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan sagte mit tiefem Gefühl:
-
-»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben gerettet und soll es nicht
-bereuen.«
-
-Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen Schuhe, und zwar das
-zweitbeste Paar, das er besaß. Sie waren zu groß für den kleinen Ali,
-aber sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so war alles gut
-und der rechte Mann belohnt.
-
-
-Schluß der ersten Erzählung.
-
-»Nun -- haben Sie die Idee ergriffen?«
-
-»Zu meiner Freude kann ich Sie dessen versichern. Und so wie Sie
-sagten, wird es geschehen: morgen werde ich die Sache meines Freundes
-durchführen. Ich bin eng befreundet mit des Generaldirektors
-bestem Freund. Der wird mir einige Zeilen zur Einführung schreiben
-und betonen, daß die Erfindung tatsächlich für die Regierung von
-Wichtigkeit ist. Diese Empfehlung werde ich mit meiner Visitenkarte
-ganz einfach abgeben, und ich brauche sicher keine halbe Minute im
-Vorzimmer zu warten.«
-
-Dies bestätigte sich, und die Regierung nahm die Stiefelerfindung an.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mark Twains
-
-Ausgew. humoristische Schriften.
-
-_Inhalt_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.=
-
- Bd. III. =Skizzenbuch.=
-
- Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.=
- { =Nach dem fernen Westen.=
-
- Bd. V. =Im Gold- und Silberland.=
-
- Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.=
-
-Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.
-
-Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden.
-
-
-_Neue Folge_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Querkopf Wilson.=
-
- Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt.
-
- Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl.
-
- Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde=
- u. a. Erzähl.
-
-Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden.
-
-Preis _aller 6 Bände_, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Fehlerhafte
- Anführungszeichen der wörtlichen Reden wurden berichtigt. Die
- Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 52: einhundertdreiunddreißig → einhundertdreiunddreißigtausend
- {einhundertdreiunddreißigtausend} Dollars im ganzen
-
- S. 128: Duolität → Dualität
- zwischen systematischer {Dualität}
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/66952-0.zip b/old/66952-0.zip
deleted file mode 100644
index ba66e6c..0000000
--- a/old/66952-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h.zip b/old/66952-h.zip
deleted file mode 100644
index 23c13f9..0000000
--- a/old/66952-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/66952-h.htm b/old/66952-h/66952-h.htm
deleted file mode 100644
index 05bef7f..0000000
--- a/old/66952-h/66952-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,9860 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- Wie Hadleyburg verderbt wurde, by Mark Twain&mdash;A Project Gutenberg eBook
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-h1,h2,h3,h4 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.h2 {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
- font-size: x-large;
- font-weight: bold;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-.hang p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
-@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-h2.nobreak {page-break-before: avoid;}
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 92%;
- font-size: smaller;
- text-align: right;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-variant: normal;
-} /* page numbers */
-
-.titlecontent {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.annot {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
-}
-
-.letter {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.mright {
- text-align: right;
- margin-right: 1em;
-}
-
-.larger { font-size: larger; }
-.smaller { font-size: smaller; }
-.s90 { font-size: 90%; }
-.s200 { font-size: 200%; }
-
-.u {text-decoration: underline;}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
-}
-
-/* Images */
-
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-img.w80 {width: 80%;}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
- page-break-inside: avoid;
- max-width: 100%;
-}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {border: 1px dashed;}
-
-.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
-
-.footnote p { text-indent: 0; }
-
-.footnote .label {
- position: absolute;
- right: 84%;
- text-align: right;
- font-size: .8em;
- vertical-align: top;
-}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: .6em;
- text-decoration:
- none;
-}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
-.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
-.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
-/* large inline blocks don't split well on paged devices */
-@media print { .poetry {display: block;} }
-.x-ebookmaker .poetry {display: block;}
-/* Poetry indents */
-.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Wie Hadleyburg verderbt wurde, by Mark Twain</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Wie Hadleyburg verderbt wurde</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Nebst anderen Erzählungen</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: December 16, 2021 [eBook #66952]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***</div>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter" id="cover">
- <img class="w80" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center larger">Mark Twains</p>
-
-<p class="h2">Humoristische Schriften</p>
-
-<p class="center">Neue Folge. 6. Band
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1><span class="smaller">Wie</span><br />
-Hadleyburg verderbt wurde</h1>
-
-<p class="center">Nebst anderen Erzählungen</p>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Mark Twain</p>
-
-<p class="center smaller">Autorisiert</p>
-
-<p class="center">Inhalt:</p>
-
-<div class="titlecontent">
-<p class="noind s90">
-Wie Hadleyburg verderbt wurde. &ndash; Das Gesundbeten.
-&ndash; Die Verschwörung von Fort Trumbull. &ndash;
-Aus den ›London Times‹ von 1904. &ndash; Das Todeslos.
-&ndash; Zwei kleine Geschichten.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter" id="signet">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart<br />
-Verlag von Robert Lutz<br />
-1903.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<p class="center p2 smaller">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie Hadleyburg verderbt wurde</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_Hadleyburg_verderbt_wurde">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Gesundbeten</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Gesundbeten">111</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Verschwörung von Fort Trumbull</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Verschwoerung_von_Fort_Trumbull">185</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus den ›London Times‹ von 1904</td>
- <td class="tdr"><a href="#Aus_den_London_Times">249</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Todeslos</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Todeslos">275</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Zwei kleine Geschichten</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zwei_kleine_Geschichten">297</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Wie_Hadleyburg_verderbt_wurde">Wie Hadleyburg verderbt wurde.<br />
-<img src="images/illu-007.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
-<h3>I.</h3>
-
-<p>Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in
-der ganzen Gegend wegen seiner Rechtschaffenheit
-allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm,
-der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei
-Generationen unbefleckt erhalten. Damit der Stadt
-nun auch in Zukunft nichts davon verloren ginge,
-war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling
-in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in
-Handel und Wandel einzuflößen und die ganze
-spätere Erziehung der Kinder auf solchen Lehren
-weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß
-ihnen während der Entwickelungsjahre jede Versuchung
-fern gehalten wurde, damit die redliche
-Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen
-sozusagen in Mark und Knochen überzugehen. Alle
-Nachbarstädte waren eifersüchtig, weil Hadleyburg
-sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete.
-Aber trotzdem konnten sie nicht umhin,
-anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die unbestechlichste
-Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar
-zugeben, daß es für jeden jungen Mann, der
-aus Hadleyburg stammte, keiner andern Empfehlung
-bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um
-sich auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen.</p>
-
-<p>Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der
-Zeit das Unglück gehabt, einem durchreisenden
-Fremden eine &ndash; vielleicht ganz absichtslose &ndash;
-Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten
-sich natürlich keinen Kummer über so etwas, denn
-sie waren sich selbst genug und das Urteil fremder
-Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten
-sie klüger gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen
-zu nehmen, weil der Beleidigte ein verbitterter
-Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein
-ganzes Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen
-nur an die erlittene Kränkung und benutzte
-jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel
-zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen
-könne. Ihm fiel mancher gute Plan ein,
-aber keiner, der ihn ganz befriedigte. Das alles
-hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-Bewohner geschädigt, und er wollte etwas ausfindig
-machen, wobei die ganze Stadt in Mitleidenschaft
-gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch
-mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er
-auf einen glücklichen Gedanken und helle Schadenfreude
-blitzte ihm aus den Augen, als der Plan
-ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß
-fest: »Ja, so will ich’s machen,« sagte er
-bei sich; »ich will die Stadt verführen und verderben.«</p>
-
-<p>Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der
-Fremde eines Abends gegen zehn Uhr vor dem
-Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor.
-Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud
-ihn auf die Schulter und schwankte unter der Last
-über den Hof bis zur Hausthür, wo er anklopfte.
-»Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde
-betrat das Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den
-Ofen und wandte sich dann in höflichem Ton an
-die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend,
-bei der Lampe saß:</p>
-
-<p>»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte,
-Platz, Madame. So, jetzt habe ich den Sack so
-gut wie möglich verborgen; kein Mensch würde<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann
-einen Augenblick sprechen?«</p>
-
-<p>»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird
-schwerlich vor morgen früh heimkehren.«</p>
-
-<p>»So? &ndash; Nun, das schadet weiter nichts. Ich
-wollte ihm nur diesen Sack übergeben, mit der
-Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer zuzustellen,
-sobald derselbe sich findet. Ich bin hier
-fremd und Ihr Mann kennt mich nicht. Auf meiner
-Durchreise wünschte ich, diese Sache, welche mir
-schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu
-erledigen. Das ist jetzt geschehen, und ich kann
-stolz und zufrieden weiterziehen. An dem Sack
-ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere
-erfahren werden. Gute Nacht, Madame!«</p>
-
-<p>Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle
-Fremde wieder fortging, denn sie fürchtete
-sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie
-ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das
-Papier von dem Sack los und begann zu lesen:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen,
-oder auf privatem Wege Erkundigungen nach
-dem richtigen Manne einziehen wollen; eins ist
-so gut wie das andere. &ndash; Der Sack enthält<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund
-vier Loth&nbsp;&ndash;«</p>
-</div>
-
-<p>»Ums Himmels willen &ndash; und die Thür ist nicht
-verschlossen!«</p>
-
-<p>An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard
-nach der Thür und drehte den Schlüssel
-um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und
-blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen
-stehen, ob sie nicht noch etwas für die Sicherung
-des Goldes und ihrer eigenen Person thun könne.
-Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher,
-dann trieb die Neugierde sie wieder zu
-ihrer Lampe zurück und sie las die Schrift bis
-ans Ende:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in
-meine Heimat zurück, die ich nicht wieder zu verlassen
-denke. Für alles Gute, das ich unter dem
-Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich
-Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen
-Dank schulde ich aber einem amerikanischen Bürger
-und Bewohner Hadleyburgs, der mir vor etwa
-zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies.
-Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst
-geleistet, wie ich des näheren erklären will: Ich<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-hatte mich beim Glücksspiel zu Grunde gerichtet
-und kam spät abends hungrig und ohne einen
-Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage
-hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel
-der Nacht bat ich einen Herrn auf der Straße
-um Hilfe. Ich war an den Rechten gekommen.
-Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir
-dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte
-mich auch zum reichen Manne. Denn mit jenen
-zwanzig Dollars gewann ich mir ein Vermögen
-am Spieltisch. Zugleich aber that er eine Aeußerung,
-die ich bis auf den heutigen Tag nicht
-vergessen kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht
-und mir geholfen, meine Spielerleidenschaft
-zu überwinden. Jetzt bin ich ganz davon geheilt.
-Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann
-ist, doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für
-ihn ist dies Gold bestimmt. Er kann damit thun,
-was er will, es verschenken, es fortwerfen oder behalten,
-ganz nach Belieben. Es soll nur der Ausdruck
-meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich
-längere Zeit hier aufhalten, so würde ich selbst
-nach ihm suchen, bis ich ihn fände; aber ich zweifle
-nicht, daß man es auch ohne meinen Beistand
-bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der
-Bewohner dieser Stadt. Mein Wohlthäter wird
-sich gewiß noch der Aeußerung erinnern, die er
-mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als
-der richtige Mann ausweisen.</p>
-
-<p>»Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf
-privatem Wege zu betreiben, brauchen Sie bloß
-den Inhalt dieses Schreibens demjenigen Ihrer
-Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht
-nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann:
-›Ja, der bin ich, meine Aeußerung lautete so und
-so,‹ dann machen Sie die Probe: Wenn Sie den
-Sack öffnen, werden Sie darin einen versiegelten
-Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung enthält.
-Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes
-überein, so kann er den Sack ohne alles weitere
-mitnehmen, denn er ist sicherlich der Rechte.</p>
-
-<p>»Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor,
-dann lassen Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt
-abdrucken, nebst den folgenden Bedingungen:
-Am dreißigsten Tage nach dem heutigen Datum
-soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf
-dem Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor
-Burgeß (falls dieser so freundlich sein will, die
-Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes Papier abgeben,<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-welches die bewußte Aeußerung enthält.
-Hierauf soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks
-zerbrechen, denselben öffnen und sich überzeugen,
-ob die Worte gleichlautend sind. Ist dies der Fall,
-so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen Wohlthäter
-das Gold als Beweis meiner aufrichtigen
-Dankbarkeit einhändigen zu wollen.«</p>
-</div>
-
-<p>Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich
-aufgeregt &ndash; sie mußte sich niedersetzen. Bald war
-sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf
-durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare
-Geschichte! … Der gute Mann, der damals
-aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich
-von Glück sagen! … Wenn es nur mein Eduard
-gewesen wäre &ndash; wir sind zwei so arme alte Leute
-und hätten’s gut brauchen können!&nbsp;…« Sie
-seufzte. &ndash; »Mein Mann würde einem Fremden nicht
-zwanzig Dollars geben, nein, sicher nicht …
-Leider, leider ist das außer Frage … Aber das
-Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert,
-wenn ich nur daran denke. Es ist Sündengeld!
-Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht mit
-einem Finger würden wir es berühren. Schon seine
-bloße Nähe scheint mir eine Entwürdigung.« &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke …
-»Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die
-Bank trüge. Es ist zu schrecklich, so ganz allein
-mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz vor
-Dieben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue
-ich mich, daß du wieder da bist,« rief ihm seine
-Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin ganz
-abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich
-arg, daß ich so arm bin und noch in meinem
-Alter diese elenden Fahrten machen muß. Fort und
-fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten
-Gehalt &ndash; Sklavenarbeit für einen andern thun,
-der unterdessen in Schlafrock und Pantoffeln behaglich
-daheim im Lehnstuhl sitzt &ndash; es ist nicht
-zum aushalten!«</p>
-
-<p>»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das
-thut. Aber wir haben doch unser tägliches Brot
-und unsern guten Namen, das ist wenigstens <em class="gesperrt">ein</em>
-Trost.«</p>
-
-<p>»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache.
-Höre nur nicht auf mein Gerede. Mich hat
-der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat
-nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt
-ist schon alles wieder gut; du sollst keine Klage<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-mehr hören. Was hast du denn aber bekommen?
-Was ist in dem Sack?«</p>
-
-<p>Nun erzählte die Frau das große Geheimnis,
-und ihm wurde zuerst ganz schwindelig zu Mute.
-Endlich sagte er:</p>
-
-<p>»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber
-Mary &ndash; das sind ja vierzigtausend Dollars &ndash;
-ich bitte dich &ndash; ein ganzes Vermögen, wie es kaum
-zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der
-Zettel?«</p>
-
-<p>Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein
-Roman,« rief er. »Solche abenteuerlichen Begebenheiten
-stehen wohl in Büchern, aber im Leben sind
-sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit
-war jetzt von ihm gewichen. In der besten Laune
-tätschelte er seiner alten Frau die Wangen.</p>
-
-<p>»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen,
-»wir sind jetzt mit einemmal reiche Leute. Laß
-uns das Gold vergraben und die Papiere verbrennen.
-Wenn der Glücksspieler je wiederkommt,
-brauchen wir nur kaltblütig auf ihn herabzuschauen
-und zu sagen: ›Was reden Sie da für ungereimtes
-Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem
-Goldsack je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde
-er ein verblüfftes Gesicht machen und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span></p>
-
-<p>»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und
-schaffe das Geld fort, ehe die Diebe es holen.«</p>
-
-<p>»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen
-&ndash; soll ich private Nachforschungen anstellen? &ndash;
-Nein, lieber nicht; dabei ginge alle Romantik verloren.
-Besser wir betreiben die Sache öffentlich.
-Stelle dir nur vor, was das für Aufsehen machen
-wird. Alle andern Städte werden uns beneiden,
-denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner
-einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er
-Hadleyburg erweist. Es ist ein Haupttreffer für
-uns. Jetzt will ich nur schnell in die Druckerei
-gehen, es wird sonst zu spät.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht
-allein mit dem Gold!«</p>
-
-<p>Aber er war schon fort, doch nicht auf lange.
-Wenige Schritte von seinem Hause begegnete er
-dem Chefredakteur und Eigentümer des Tageblatts,
-gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich
-Ihnen etwas Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!«</p>
-
-<p>»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will
-sehen, ob es sich thun läßt.«</p>
-
-<p>Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte
-er noch ein langes Gespräch mit seiner Frau über
-das wundervolle Geheimnis. Schlafen konnten sie<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl
-der Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig
-Dollars geschenkt hatte, bot keine Schwierigkeiten;
-sie beantworteten dieselbe wie aus einem
-Munde:</p>
-
-<p>»Barclay Goodson.«</p>
-
-<p>»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so
-etwas thun können; aber sonst niemand in der
-ganzen Stadt.«</p>
-
-<p>»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit
-Goodson vor einem halben Jahr gestorben ist, haben
-wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige, selbstgerechte
-und geizige Bürger, wie das von jeher
-so war.«</p>
-
-<p>»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch
-bis zu seiner Todesstunde, und vor aller Ohren.«</p>
-
-<p>»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.«</p>
-
-<p>»Freilich; aber er machte sich nichts daraus.
-Es war wohl kein Mensch in Hadleyburg so verhaßt
-wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.«</p>
-
-<p>»Burgeß &ndash; nun ja, dem geschieht es ganz
-recht; von dem hat sich die Gemeinde ein für
-allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar
-vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt
-hat, um das Geld abzuliefern?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span></p>
-
-<p>»Hm &ndash; ich weiß nicht. Vielleicht kennt der
-Fremde den Pastor Burgeß besser als unsere Stadt
-ihn kennt.«</p>
-
-<p>»Um so schlimmer für Burgeß.«</p>
-
-<p>Reichard schien um eine Antwort verlegen und
-wich dem fest auf ihn gerichteten Blick seiner Frau
-soviel wie möglich aus. Endlich sagte er mit unsicherer
-Stimme:</p>
-
-<p>»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist
-Burgeß durchaus nicht.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an.</p>
-
-<p>»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s
-glauben. Seine Unbeliebtheit gründete sich einzig
-und allein auf jene gewisse Sache &ndash; die damals
-so viel Lärm gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Ich meine doch, jene Sache genügte an und
-für sich vollkommen, um zu beweisen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.«</p>
-
-<p>»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch
-zweifelte doch an seiner Schuld.«</p>
-
-<p>»Mary &ndash; mein Wort darauf &ndash; er hatte die
-That nicht begangen.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher
-solltest du es auch wissen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p>
-
-<p>»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber
-es muß heraus: Ich war der einzige Mensch, der
-seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten
-vermocht, aber &ndash; aber &ndash; du weißt ja wie aufgebracht
-alle Welt gegen ihn war &ndash; ich hatte
-nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den
-Hals zu hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich
-das war; doch dem allgemeinen Haß zu trotzen
-ging über meine Kräfte.«</p>
-
-<p>Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich
-stammelte sie:</p>
-
-<p>»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen.
-Man muß auch &ndash; die öffentliche Meinung &ndash;
-berücksichtigen &ndash; und darf nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Sie war
-vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf
-geraten. Nach einer Weile begann sie von neuem:
-»Freilich, er thut einem leid &ndash; aber &ndash; Nein,
-wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns
-nehmen können. Ich wäre trostlos gewesen, hättest
-du es gethan.«</p>
-
-<p>»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf
-gestoßen haben, Mary, &ndash; sie hätten uns ihr Wohlwollen
-entzogen, und &ndash; und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen,<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-was Burgeß selbst wohl von uns denken mag,
-Eduard.«</p>
-
-<p>»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld
-weiß.«</p>
-
-<p>»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung.
-Sonst würde er doch &ndash; nein, das ändert
-die Sache gewaltig. &ndash; Ich hätte mir’s übrigens
-denken können, daß er keine Ahnung hat; würde er
-uns sonst wohl bei jeder Gelegenheit so freundlich
-begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von
-unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon
-deswegen verspottet. Die Wilsons, Harkneß und
-Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen daraus,
-mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden,
-weil sie wissen, wie mich das in Harnisch bringt.
-Wenn er nur aufhören wollte, uns mit seiner besonderen
-Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar
-nicht, was ihn dazu treibt.«</p>
-
-<p>»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe
-ich’s selbst vor dir geheim gehalten: Als das Ding
-zuerst ruchbar wurde und alle so entrüstet waren,
-daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben,
-quälte mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht
-länger aushielt. Ich warnte ihn insgeheim, so daß<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte; erst
-als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.«</p>
-
-<p>»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen
-wären!«</p>
-
-<p>»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut
-über, wenn ich nur daran denke. Es reute
-mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte
-ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte
-es deinem Gesicht ansehen. Vor lauter Angst schloß
-ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber niemand
-hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen
-wurde ich ruhiger, und später freute ich mich ordentlich,
-es gethan zu haben. Ja ich bin noch heute
-von ganzer Seele froh darüber.«</p>
-
-<p>»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich
-gewesen. Du warst ihm das wirklich schuldig. &ndash;
-Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt
-würde? was dann?«</p>
-
-<p>»Das ist ganz ausgeschlossen.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß
-gewarnt.«</p>
-
-<p>»Das lag sehr nahe.«</p>
-
-<p>»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem
-falschen Verdacht. Der arme alte Salsberg wurde<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu beschuldigen.
-Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher
-Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹
-sagte er dann, ›Sie stellen wohl die Untersuchungskommission
-vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und
-warf sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren
-etwa alle Einzelheiten zu wissen, oder würde ihnen
-eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben Sie
-mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson;
-falls Einzelheiten verlangt werden, will ich wiederkommen.‹
-›Sehr wohl; so sagen Sie den Herren
-nur &ndash; sie sollen sich zur Hölle scheren &ndash; das
-wird wohl allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg,
-möchte ich aber obendrein den Rat geben,
-wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen,
-um die Ueberreste aufzulesen, die noch
-von Ihnen vorhanden sein könnten.‹«</p>
-
-<p>»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde
-ihn gleich daran erkennen. Allen Leuten guten Rat
-zu erteilen war seine einzige Schwäche; er glaubte
-das besser zu verstehen als jeder andere.«</p>
-
-<p>»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache
-hatte damit ihr Bewenden; man ließ sie ein für
-allemal ruhen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span></p>
-
-<p>»Du meine Güte, das verstand sich wohl von
-selbst.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf
-den Geldsack zu sprechen. Bald entstanden jedoch
-Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der Mann,
-einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer
-längere Unterbrechungen des Gesprächs traten ein,
-bis Reichard sich endlich ganz seinen Gedanken
-überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den
-Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei
-nervöse Bewegungen, die seinen geheimen Aerger
-verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort, doch
-zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt
-stand Reichard auf, ging wie ein Nachtwandler,
-der böse Träume hat, ziellos im Zimmer hin und
-her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
-Plötzlich schien er einen Entschluß zu fassen; stumm
-griff er nach seinem Hut und schritt eilig zur
-Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und
-brütete vor sich hin, ohne auch nur zu merken,
-daß sie allein war. Von Zeit zu Zeit bewegte
-sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver&nbsp;…
-aber ach, wir sind so arm! Führe uns nicht …
-Wem würde es denn Schaden bringen? &ndash; Kein
-Mensch hätte es je erfahren … Führe uns&nbsp;…«<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-sie murmelte nur noch unverständliche Laute. Nach
-einer Weile sah sie auf; Schrecken und Freude
-zugleich malten sich in ihren Zügen.</p>
-
-<p>»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht
-kommt er zu spät &ndash; zu spät … Doch wäre es
-ja möglich, daß er noch zur Zeit&nbsp;…« Sie erhob
-sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und
-während ihr ein Schauer durch alle Glieder lief,
-sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s Gott &ndash; das
-sind schreckliche Gedanken &ndash; aber … was hilft’s
-&ndash; wir sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!«</p>
-
-<p>Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen
-zu dem Sack hin, kniete sich auf den Boden, befühlte
-ihn von allen Seiten und strich liebkosend
-mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten
-Augen schwelgten förmlich in dem Anblick. Von Zeit
-zu Zeit erwachte sie wie aus einem Traum und
-murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet
-hätten &ndash; nur eine kleine Weile, statt die Sache
-so zu überstürzen!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus
-dem Bureau nach Hause gegangen und hatte seiner
-Frau alles erzählt, was sich Wunderbares zugetragen.
-Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-und kamen überein, daß keiner ihrer Mitbürger,
-außer dem verstorbenen Goodson, großmütig genug
-wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars
-zu schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide
-Ehegatten blickten nachdenklich zu Boden; gleich
-darauf wurden sie unruhig und aufgeregt; endlich
-murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand
-weiß um dies Geheimnis, außer die Reichards
-und wir … kein einziger Mensch.«</p>
-
-<p>Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine
-Frau, die ganz blaß geworden war, verständnisvoll
-an, stand zögernd auf, blickte verstohlen bald
-auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte &ndash;
-eine stumme Frage. Frau Cox schluckte ein paarmal
-und räusperte sich, dann nickte sie leise mit
-dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein
-im Zimmer und die Hausthür fiel klirrend ins
-Schloß.</p>
-
-<p>Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten
-jetzt Reichard und Cox durch die menschenleeren
-Straßen. Ganz außer Atem kamen sie gleichzeitig
-an der Treppe zur Druckerei an und schauten
-einander beim Laternenschein ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte
-Cox im Flüsterton.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p>
-
-<p>»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der
-andere leise zurück. »Vielleicht ist es noch nicht
-zu spät, um&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen,
-als ein Junge zu ihnen trat.</p>
-
-<p>»Bist du das, Johann?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Cox.«</p>
-
-<p>»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken.
-Laß alles liegen, bis ich’s dir sage.«</p>
-
-<p>»Die Postsachen sind schon fort.«</p>
-
-<p>»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung
-aus den Worten.</p>
-
-<p>»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und
-Umgegend ist heute ausgegeben worden. Die Zeitungen
-mußten eine Viertelstunde früher auf der
-Bahn sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre
-ich zwei Minuten später dagewesen, so&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Herren entfernten sich langsam, ohne das
-Ende seiner Rede abzuwarten. Eine Weile schritten
-sie stumm nebeneinander her, endlich sagte Cox
-ärgerlich:</p>
-
-<p>»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu
-übereilen. Es ist mir vollkommen unbegreiflich.«</p>
-
-<p>Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s
-freilich ein,« sagte er; »vorher hätte ich mir’s gar<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-nicht überlegt, bis es zu spät war. Das nächste
-Mal will ich gewiß&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was
-kommt in tausend Jahren nicht wieder!«</p>
-
-<p>Die Freunde trennten sich ohne Gruß und
-schleppten sich mühselig nach Hause, als hätte sie
-ein schwerer Schicksalsschlag getroffen. In atemloser
-Spannung warteten die Frauen daheim; sie
-lasen den Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht
-ab, es bedurfte keiner Worte. Nun folgte
-in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche
-Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten
-noch niemals stattgefunden. Die Sache verlief
-hier und dort fast auf die gleiche Weise:</p>
-
-<p>»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau
-Reichard; »aber nein, in deiner Gedankenlosigkeit
-läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei und
-posaunst es in der ganzen Welt aus.«</p>
-
-<p>»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht
-werden.«</p>
-
-<p>»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch
-unter vier Augen abzumachen. Das kannst du doch
-nicht leugnen.«</p>
-
-<p>»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen
-dachte, und wie schmeichelhaft es für Hadleyburg<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-ist, daß ein Fremder solches Vertrauen in
-unsere Redlichkeit setzt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und
-breit vorzuhalten. Aber, bei einigem Nachdenken
-hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der
-rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil
-er im Grabe ruht und weder Kind noch Kegel,
-kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist.
-Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen
-können, die es so nötig brauchen wie wir? Kein
-Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und &ndash;
-und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach
-sich vergebens den Kopf, womit er sie trösten
-könne; endlich sagte er:</p>
-
-<p>»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung
-hat es nun einmal so gefügt und deshalb muß
-es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl
-so am besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.«</p>
-
-<p>»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit
-begangen hat. &ndash; War es nicht ebenso gut
-eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade
-uns zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich,
-die Absicht der Vorsehung zu durchkreuzen &ndash; mit
-welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen
-Christenmenschen durchaus nicht zukommt.«</p>
-
-<p>»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze
-Erziehung in Hadleyburg darauf ausgeht, und auch
-wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen
-Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot
-der Redlichkeit handelt; das ist uns zur zweiten
-Natur geworden.«</p>
-
-<p>»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und
-immer wieder vorgepredigt und uns von der Wiege
-an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege
-geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden?
-Man hat eine <em class="gesperrt">künstliche</em> Ehrlichkeit groß gezogen,
-die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald sie
-einmal auf die Probe gestellt wird &ndash; das haben
-wir diese Nacht gründlich erfahren. Gott weiß,
-mir wäre auch nie der Schatten eines Zweifels an
-meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen,
-und die erste wirkliche Versuchung wirft alle
-meine Grundsätze über den Haufen. Du kannst mir
-glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der ganzen
-Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade
-so fadenscheinig wie meine und deine. Die
-Leute hier sind engherzig und geizig, und ihre
-einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist
-auch nicht weit her. Tritt einmal eine große Versuchung
-an sie heran, so wird ihr ganzer Ruhm
-zusammenfallen wie ein Kartenhaus &ndash; verlaß dich
-drauf. So &ndash; nach diesem Bekenntnis ist mir schon
-leichter ums Herz. Mein Leben lang habe ich der Welt
-etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich soll
-niemand wieder eine redliche Frau nennen &ndash; das
-verbitte ich mir gehorsamst.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der
-Seele gesprochen. Merkwürdig &ndash; ich hätte das nie
-für möglich gehalten!«</p>
-
-<p>Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren
-Gedanken beschäftigt. Endlich schaute die Frau auf.</p>
-
-<p>»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.«</p>
-
-<p>Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast
-schäme ich mich, es dir einzugestehen, Mary.«</p>
-
-<p>»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage
-im Kopf herum.«</p>
-
-<p>»Wirklich? Und die wäre?«</p>
-
-<p>»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur
-erraten könnte, was das für eine Aeußerung war,
-die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹«</p>
-
-<p>»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde
-und Schande. Schämst du dich nicht auch?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p>
-
-<p>»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns
-die Sicherheitskette vorhängen. Wir sind für den
-Sack verantwortlich, bis er morgen früh in das
-Bankgewölbe geschafft werden kann. &ndash; Du liebe
-Zeit &ndash; hätten wir nur nicht die Thorheit begangen!«</p>
-
-<p>Während der Mann die Thür fest verwahrte,
-sagte Mary:</p>
-
-<p>»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich
-auf‹ ist. Wie kann nur die Aeußerung gelautet
-haben? &ndash; Aber komm, laß uns zu Bette gehen.«</p>
-
-<p>»Und einschlafen?«</p>
-
-<p>»Nein, nachdenken.«</p>
-
-<p>»Ja, das wollen wir.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel,
-der mit einer Versöhnung schloß, gleichfalls
-zu Ende geführt und sich zur Ruhe begeben.
-Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig
-wälzten sie sich hin und her und zermarterten sich
-das Hirn, was Goodson dem verarmten Fremden
-wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte
-mußten das doch gewesen sein &ndash; sie waren ja
-vierzigtausend Dollars wert!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-länger offen als sonst und zwar aus guten
-Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte Faktor
-war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte
-Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf
-der Dinge war dies ein bloßes Ehrenamt, das er
-bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte
-er keine Depesche zusammen, die als verwendbar
-angenommen wurde. Doch heute verhielt sich die
-Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er
-die große Begebenheit meldete, war eine umgehende
-Antwort erfolgt:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»<em class="gesperrt">Telegraphieren Sie die ganze Geschichte
-mit allen Einzelheiten &ndash; zwölfhundert
-Wörter.</em>«</p>
-</div>
-
-<p>Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte
-ihn aus und war über die Maßen stolz auf seine
-Leistung. Schon am nächsten Morgen zur Frühstückszeit
-war in ganz Amerika, von Montreal
-bis zum Golf von Mexico, und von der Gletscherwelt
-Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen nur
-Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf
-aller Lippen. Viele Millionen Menschen sprachen
-von dem Fremden und seinem Goldsack; man stritt
-hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-würde, und wartete gespannt auf weitere Nachricht,
-die hoffentlich in kürzester Frist eintreffen würde.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>II.</h3>
-</div>
-
-<p>Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war
-es eine weltberühmte Stadt; man staunte, man
-freute sich und war stolz darauf &ndash; unbeschreiblich
-stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre
-Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln
-die Hände, so oft sie einander trafen, und wünschten
-sich Glück, daß Hadleyburg von nun an in jedem
-Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit
-zu finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen
-Bürger samt ihren Frauen folgten diesem Beispiel.
-Alt und jung lief auf die Bank, wo der Geldsack
-zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen
-die bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons
-und der Nachbarstädte in Scharen herbeigeströmt.
-Gegen Abend und am folgenden Tag trafen
-Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die
-den Sack in Augenschein nahmen, sich die Geschichte
-bestätigen ließen, sie mit allen Einzelheiten von
-neuem zu Papier brachten und durch kühne Bleistiftskizzen
-illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-Sack ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude,
-die Kirchen der Presbyterianer- und der
-Baptistengemeinde, den Marktplatz und das Rathaus,
-wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt
-werden sollte. Ja sie entwarfen sogar
-scheußliche Porträts von dem Ehepaar Reichard,
-dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor,
-von Pastor Burgeß, vom Postmeister und selbst
-von Jack Halliday, einem gutmütigen, respektlosen
-Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund
-aller kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der
-sich als Fischer, Jäger oder Bummler im Ort
-herumtrieb. &ndash; Der knauserige Pinkerton zeigte den
-Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling,
-rieb sich vergnügt die Hände und erging
-sich in salbungsvollen Reden über den alten, festbegründeten
-Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen
-sich die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so
-wunderbare Weise bestätigt worden sei. Er hoffe
-und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika
-Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche
-Wiedergeburt erzeugen werde.</p>
-
-<p>Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter
-nach und nach ruhiger; der wilde, stolze
-Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles,<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen
-Behagens. Der Ausdruck friedevoller
-Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern.</p>
-
-<p>Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich
-trat eine Veränderung ein, was zuerst niemand bemerkte,
-außer Jack Halliday, dem selten etwas
-entging und der über alles seine Späße machte,
-es mochte sein, was es wollte. Er fing mit allerlei
-beißenden Bemerkungen an, weil dieser und jener
-nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau
-trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete
-er, die Leute würden immer schwermütiger; später
-schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer ergriffen,
-und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem
-Grade verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend,
-daß er sich anheischig machen wolle, selbst dem
-ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche zu
-stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken.</p>
-
-<p>Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte,
-konnte man zur Schlafenszeit in den neunzehn
-angesehensten Häusern der Stadt tiefe Seufzer hören,
-worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die
-Worte ausbrach:</p>
-
-<p>»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson
-nur gethan haben!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span></p>
-
-<p>»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd.
-»Was für schreckliche Dinge wälzest du
-in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen schlage
-sie dir aus dem Kopf!«</p>
-
-<p>Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf,
-und der Widerspruch der Frau war schon
-etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten
-und den folgenden Abenden die Frage immer angstvoller
-wiederholte, fuhr die Frau nur noch unruhig
-mit den Händen hin und her; sie öffnete
-den Mund, sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide
-jedoch die Sprache wieder und seufzten sehnsuchtsvoll:
-»O, könnten wir es doch erraten!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu
-Tag unangenehmer und abfälliger. Er ging in der
-ganzen Stadt umher und machte sich bald über
-jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft
-lustig. Außer ihm lachte aber niemand mehr
-weit und breit, seine Fröhlichkeit bildete den grellsten
-Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln
-war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug
-jetzt eine Zigarrenkiste auf einem Holzgestell mit
-sich herum, als wäre es eine Camera für Momentaufnahmen.
-Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte
-seinen Apparat auf und rief: »Fertig! &ndash; Etwas<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-freundlicher, wenn ich bitten darf!« Aber selbst
-bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der
-trübseligen Gesichter.</p>
-
-<p>So vergingen drei Wochen &ndash; noch acht Tage,
-dann sollte es sich entscheiden. Es war Samstag
-Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht gespeist.
-Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden
-und dem fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um
-diese Zeit auf den Straßen herrschte, war alles
-wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau
-saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer,
-jedes in seiner Ecke. So trieben sie es jetzt
-Abend für Abend, während sie früher behaglich beisammen
-gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd,
-wenn sie nicht bei den Nachbarn Besuch machten
-oder diese bei ihnen vorsprachen. Aber das alles
-schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen
-&ndash; und war doch erst zwei oder drei Wochen
-her. Niemand plauderte jetzt, man las nicht, man
-machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim
-und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen,
-jene rätselhafte Aeußerung zu erraten.</p>
-
-<p>Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah
-die Aufschrift von unbekannter Hand und den Poststempel
-gleichgültig an, warf das Schreiben auf<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span>
-den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses
-Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei
-oder drei Stunden später stand seine Frau schwerfällig
-auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu
-gehen &ndash; nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem
-Brief blieb sie jedoch stehen und starrte eine Weile
-gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn und
-überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken
-an der Wand saß, hörte plötzlich
-einen schweren Fall &ndash; seine Frau lag auf
-dem Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber
-sie rief:</p>
-
-<p>»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß.
-Hier den Brief mußt du lesen!«</p>
-
-<p>Er that es. Jedes Wort verschlang er, während
-sich alles mit ihm im Kreise zu drehen schien.
-Der Brief kam aus einem entfernten Staat und
-lautete:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung
-zu machen, obgleich ich Ihnen ganz fremd
-bin. Nach meiner soeben erfolgten Rückkunft aus
-Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt
-zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die
-Aeußerung gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span>
-der einzige Mensch auf der Welt, der Ihnen sagen
-kann, daß es Goodson gewesen ist. Wir kannten
-uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise
-war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis
-zur Abfahrt des Mitternachtzuges. Ich stand dabei,
-als er im Dunkeln in der Hale-Allee jene Aeußerung
-dem Fremden gegenüber that; auch unterhielten
-wir uns noch auf dem Heimweg darüber,
-und bei der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe
-des Gesprächs kam die Rede noch auf viele Ihrer
-Mitbürger, über die er sich jedoch keineswegs
-schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte
-er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie
-gehörten, soviel ich weiß. Irgend welche Zuneigung
-sprach er zwar für keinen einzigen aus, doch
-erinnere ich mich, daß er sagte, ein Hadleyburger
-&ndash; ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin
-ich meiner Sache nicht ganz gewiß &ndash; hätte ihm
-einmal einen großen Dienst erwiesen, vermutlich
-ohne dessen Tragweite selbst zu kennen. Wenn er
-ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei
-seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger
-seinen Fluch hinterlassen. Waren Sie also derjenige,
-welcher ihm den Dienst geleistet hat, so sind
-Sie sein rechtmäßiger Erbe und können den Goldsack<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß,
-daß ich mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen
-kann, denn diese Tugenden erbt ja jeder
-Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen Vätern.
-So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen,
-da ich überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht
-selbst der rechte Mann sind, nach demselben suchen,
-bis Sie ihn gefunden haben, und Sorge tragen,
-daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten Dienst
-wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es
-sich handelt, lautete: ›<em class="gesperrt">Ihr seid noch lange kein
-schlechter Mensch. Geht hin und bessert
-Euch.</em>‹</p>
-
-<p class="mright">
-Howard L. Stephenson.«
-</p>
-</div>
-
-<p>»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh
-und dankbar bin ich. Gieb mir einen Kuß, das
-hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan &ndash; mein
-Verlangen war gar zu groß &ndash; nach dem Gelde
-&ndash; nun kannst du dich von Pinkerton und seiner
-Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave
-mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so
-leicht wird mir ums Herz vor lauter Freude.«</p>
-
-<p>Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen
-auf dem Sofa zubrachte, gehörte zu den<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span>
-glücklichsten in ihrem Leben. Es war, als sollte
-die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die
-mit dem Brautstand begonnen und keine Unterbrechung
-erlitten hatte, bis der Fremde das unheilvolle
-Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile
-sagte die Frau:</p>
-
-<p>»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes
-Glück, daß du dem braven Goodson solchen großen
-Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn nicht
-leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du
-hast nie damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht
-&ndash; das war ein schöner und edler Zug von
-dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen
-sollen; mir scheint, das warst du mir
-schuldig.«</p>
-
-<p>»Ja, siehst du, Mary &ndash; das ging doch nicht
-an&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern
-sage es mir. Ich habe dich immer lieb gehabt,
-aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute glaubten,
-es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen
-in der Stadt, und nun stellt sich heraus, daß
-du &ndash; so sprich doch, Eduard.«</p>
-
-<p>»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«</p>
-
-<p>»Du kannst nicht? Aber weshalb?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span></p>
-
-<p>»Siehst du &ndash; nun ja &ndash; ich habe es ihm
-versprechen müssen.«</p>
-
-<p>Sie maß ihn mit großen Blicken.</p>
-
-<p>»Du hast versprochen, mit niemand davon zu
-reden?« fragte sie eindringlich. »Ist das wirklich
-der Fall?«</p>
-
-<p>»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?«</p>
-
-<p>Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann
-reichte sie ihm die Hand.</p>
-
-<p>»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind
-schon weit genug vom rechten Wege abgeirrt. All
-dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über die Lippen
-gekommen &ndash; aber jetzt scheint ja selbst der festeste
-Grund unter unsern Füßen zu wanken, da &ndash;
-da&nbsp;&ndash;« Die Stimme versagte ihr einen Augenblick,
-dann stammelte sie: »Führe uns nicht in
-Versuchung … Ich glaube an dein Versprechen,
-Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich will nicht
-weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende
-hat, wollen wir unser Glück genießen und es uns
-durch keinen Schatten trüben lassen.«</p>
-
-<p>Für Eduard war das leichter gesagt als gethan;
-seine Gedanken irrten ruhelos umher, während
-er sich zu besinnen suchte, was für einen
-Dienst er Goodson geleistet hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p>
-
-<p>Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein
-Auge zu. Mary überlegte voll innerer Befriedigung,
-was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard
-war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen.
-Zuerst hatte er Gewissensbisse wegen der
-Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb es. Aber
-hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser
-tägliches Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit.
-War etwa Mary besser als er? &ndash; O nein;
-während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich
-zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert,
-daß man die Papiere nicht vernichtet habe, um
-das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen
-weniger schlecht als Lügen?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ueber diesen Punkt war er also beruhigt &ndash;
-die Lüge trat in den Hintergrund und störte seinen
-Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste Frage
-an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet?
-&ndash; Goodsons eigenes Zeugnis, von dem
-Stephensons Brief berichtete, sprach dafür und war
-der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf
-der Hand. Also konnte man auch diesen Punkt
-füglich für erledigt ansehen … Nein, doch nicht
-so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen,
-daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-können, ob er, Reichard, oder ein anderer den
-Dienst geleistet habe, und, o Jammer, er verließ
-sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte
-entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson
-war überzeugt, daß er rechtschaffen genug sein
-würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls er
-der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen
-Menschen in solche Lage zu versetzen. Wozu hatte
-nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt aufgebracht?
-Das hätte doch recht gut aus dem Brief
-wegbleiben können.</p>
-
-<p>Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter,
-daß gerade sein Name dem Briefsteller im Gedächtnis
-geblieben war? Das sah doch ganz so
-aus, als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich,
-es war ein sehr gutes Zeichen; je mehr er
-darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm,
-und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen
-Beweis. Wenn aber etwas einmal erwiesen ist,
-thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr
-darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig
-und schlug sich die Sache sofort aus dem
-Sinn.</p>
-
-<p>Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute,
-nur eine Kleinigkeit ließ ihn noch nicht zur Ruhe<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
-kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte, stand
-fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen?
-Das mußte ihm erst noch einfallen &ndash;
-dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen
-schließen und schlafen können. So dachte er denn
-hin und her an jede nur mögliche Dienstleistung,
-aber nichts schien ihm groß und bedeutend genug,
-um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür
-ein Vermögen hinterlassen zu können. Und leider
-erinnerte er sich auch gar nicht, etwas der Art
-wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur,
-wodurch man einen Menschen zu so außergewöhnlichem
-Dank verpflichten konnte? Vielleicht wenn
-man seine Seele rettete? Ja, das mußte es
-sein. Hatte er es sich nicht einmal zur Aufgabe
-gemacht, Goodson zum Glauben zu bekehren? Gewiß
-&ndash; und wie lange hatte er daran gearbeitet?
-&ndash; Zuerst meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch
-bei Lichte besehen schrumpfte es zu einem Monat
-zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich
-blieb gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu
-seinem größten Leidwesen mit vollkommener Deutlichkeit,
-daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle
-zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich
-um seine eigenen Angelegenheiten kümmern; ihm<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-sei ganz und gar nichts daran gelegen, mit den
-Hadleyburgern in den Himmel zu kommen.</p>
-
-<p>Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons
-Seele hatte er nicht gerettet, das stand fest. Vielleicht
-aber sein Haus und Gut. Nein, damit war’s
-auch nichts &ndash; er besaß keines. Sein Leben? Natürlich
-&ndash; auf jeden Fall. Daran hätte er doch
-gleich denken sollen. Nun war er endlich auf der
-rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien
-Spielraum.</p>
-
-<p>Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig
-damit, Goodson auf jede erdenkliche und meist sehr
-gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer gelang
-ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen
-Punkt, aber gerade wenn er auf dem besten Wege
-war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich
-geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen,
-der dies zur Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken
-zum Beispiel: Reichard war weit hinaus geschwommen
-und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand
-glücklich ans Land gebracht, während die Menge
-am Ufer stand und ihm zujauchzte. Er hatte es
-alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung
-daran wurde immer lebhafter, aber da kam der
-Rückschlag: Unmöglich &ndash; die ganze Stadt hätte<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben,
-und in seinem eigenen Gedächtnis wäre die That
-unauslöschlich verzeichnet gewesen; so etwas vergißt
-man nicht wieder, es ist auch kein Dienst,
-dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel
-ihm zuguterletzt noch ein, daß er ja gar nicht
-schwimmen könne.</p>
-
-<p>Halt &ndash; diesen Punkt hatte er von vornherein
-übersehen: Es mußte ein Dienst sein, den er möglicherweise
-geleistet haben konnte, ›ohne dessen ganze
-Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache
-wesentlich. Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen
-kam er denn auch wirklich zu einem befriedigenden
-Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson
-einmal nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches
-Mädchen Namens Nancy Hewitt zu heiraten; er
-hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde
-wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen,
-und Goodson wurde mit der Zeit ein verbitterter
-Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz offen
-zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte
-sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, daß das
-Mädchen nicht ausschließlich von Weißen abstamme,
-sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern
-gehabt habe. Reichard wälzte diesen Umstand so<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-lange in seinem Haupte, bis ihm war, als tauchten
-aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten
-auf, an die er lange nicht mehr gedacht
-haben mochte. War er es denn nicht gewesen, der
-den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt
-und die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich
-erfuhr Goodson, von wem die Nachricht ausgegangen
-war und wer ihn davor bewahrt hatte,
-die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen
-Dienst hatte er ihm geleistet, ohne es selbst
-zu ahnen, also auch, ohne dessen Tragweite zu
-kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie
-genauer Not er der Gefahr entronnen war, blieb
-seinem Wohlthäter dankbar bis ans Grab und
-wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen.
-Das war alles klar und einfach, je mehr
-Reichard darüber nachdachte, um so einleuchtender
-ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt
-und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm
-das Ganze so deutlich vor der Seele, als hätte
-er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich unterdessen
-für sechstausend Dollars ein Haus gekauft
-und ein Paar Pantoffeln zum Geschenk für ihren
-Pastor; dann war sie friedlich eingeschlummert.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An ebendemselben Samstag Abend hatte der<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-Postbote auch jedem der andern angesehenen Hadleyburger
-einen Brief gebracht &ndash; neunzehn Briefe
-alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden
-und nicht zwei Adressen von der nämlichen
-Hand, aber die Briefe selbst glichen einander
-völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen,
-welchen Reichard erhalten hatte, auch alle
-von Stephenson selbst geschrieben, nur mit dem
-einzigen Unterschied, daß darin der Name des
-jedesmaligen Adressaten an Stelle von Reichards
-Namen stand.</p>
-
-<p>Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn
-angesehenen Männer, was ihr Mitbürger Reichard
-um dieselbe Zeit gethan hatte &ndash; sie waren aus
-Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst
-zu besinnen, den sie &ndash; ohne es zu wissen &ndash;
-Barclay Goodson geleistet hatten. Die Arbeit kostete
-ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie wurden doch
-damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen
-thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich
-siebentausend Dollars von den vierzigtausend
-aus, die der Sack enthielt &ndash; <span id="corr052">einhundertdreiunddreißig&shy;tausend</span>
-Dollars im ganzen, wenn man die
-Summen zusammenzählt.</p>
-
-<p>Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht,<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-zu sehen, daß die Gesichter der neunzehn
-angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder den
-früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien
-ihm unfaßlich und ihm fiel auch nicht die kleinste
-witzige Bemerkung ein, um diese himmlische Ruhe
-zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig
-und ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte,
-dem Rätsel auf den Grund zu kommen,
-es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox
-begegnete und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte
-er bei sich: »Ihre Katze hat Junge gekriegt,« aber
-das war nicht der Fall, wie er auf seine Erkundigung
-von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar
-vielleicht das Bein gebrochen? War Gregor
-Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte Pinkerton
-ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für
-verloren gehalten? &ndash; Dies und noch vieles andere
-riet Jack Halliday, als er die seelenvergnügten
-Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er,
-daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen
-Fällen blieb die Sache zweifelhaft. Nur <em class="gesperrt">eins</em> stand
-fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger Familien
-sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit
-dieser Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste
-beruhigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p>
-
-<p>Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte
-sich vor kurzem am Ort niedergelassen und ein
-Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing sein
-Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen.
-Das entmutigte ihn sehr und er fing bereits
-an, sein Unternehmen zu bereuen, als der
-Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten
-Bürger der Stadt fanden sich eine nach der andern
-bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag
-der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden
-Sie einstweilen noch nicht davon,« hieß es; »wir
-haben den Plan, uns ein Haus zu bauen, möchten
-aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«</p>
-
-<p>Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage
-und schrieb noch denselben Abend an seine Tochter,
-sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten auflösen,
-da sie jetzt eine weit bessere Partie machen
-könne.</p>
-
-<p>Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere
-wohlhabende Herren gedachten sich Landhäuser
-zu kaufen &ndash; doch warteten sie die Sache erst
-ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung
-nie ohne den Wirt.</p>
-
-<p>Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt,
-ein Kostümfest zu geben. Man äußerte zwar<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span>
-noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den
-Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen
-Andeutungen. »Wir haben es uns vorgenommen,«
-hieß es, »und wenn es dazu kommt,
-werden Sie natürlich auch eingeladen.« Alles war
-erstaunt darüber. »Wie können die armen Wilsons
-nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern;
-»ihre Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige
-Damen aus der Zahl der neunzehn meinten aber,
-der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen zu
-warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei,
-und dann einen Ball zu geben, der jenen ganz
-in den Schatten stellen sollte.</p>
-
-<p>Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs
-die Verschwendungssucht, immer wilder wurden die
-Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es
-hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der
-neunzehn Familien nicht nur mit den vierzigtausend
-Dollars fertig werden, sondern sich auch darüber
-hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die
-Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit
-begnügten sich manche nicht damit, Pläne zu
-schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe &ndash; auf
-Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker,
-Börsenpapiere, kostbare Kleider, Wagen und Pferde<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-nebst vielen andern Dingen schafften sich die Leute
-an, zahlten ein Draufgeld und machten sich verbindlich,
-den Rest nach Ablauf von zehn Tagen
-zu entrichten.</p>
-
-<p>Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen
-und auf vielen Gesichtern begann sich eine
-entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln, wie Halliday
-zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel
-wurde ihm nur noch unerklärlicher. »Die Kätzchen
-bei Wilcox sind nicht gestorben, weil gar keine
-zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich;
-»niemand hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter
-sind noch am Leben &ndash; da werde nun einer
-klug daraus!«</p>
-
-<p>Auch ein anderer Hadleyburger war über die
-Vorgänge in der Stadt höchlich verblüfft, nämlich
-der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er nirgends
-hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder
-ihm auflauerte. Kam er an irgend einen entlegenen
-Ort, so tauchte sicher dieser oder jener seiner Mitbürger
-auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag
-in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend
-im Rathaus zu öffnen,« und verschwand wieder
-gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von
-vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-auf den Sack erheben werde, denn Goodson war ja
-tot. Daß die Leute, welche sich an ihn drängten,
-lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch
-nicht von ferne in den Sinn. Als der wichtige
-Tag endlich erschien, hatte Burgeß neunzehn versiegelte
-Briefumschläge in der Tasche.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>III.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen.
-Im Hintergrund der Rednerbühne, sowie
-längs den Wänden und Galerien war der ganze
-Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und
-behängt; sogar um die Säulen schlangen sich bunte
-Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen mächtigen
-Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man
-vorausgesehen hatte, von nah und fern herbeiströmten;
-unter ihnen auch eine Menge Berichterstatter
-der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal
-war zum Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen
-Plätze waren sämtlich besetzt, sondern auch 68 Extrastühle,
-welche man hier und da verteilt hatte, sowie
-die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden
-sich Ehrensitze für die vornehmsten Gäste,
-und Tische in Hufeisenform, an denen die Herren<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
-von der Presse Platz genommen hatten.</p>
-
-<p>Die Damen waren in großer Toilette; solchen
-Staat hatte Hadleyburg noch nie erblickt. Dem
-Anschein nach fühlten sich einige von ihnen nicht
-sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens
-machten die Einheimischen diese Bemerkung,
-was aber wohl daher rühren mochte, daß
-sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem
-ganzen Leben noch niemals solche Kleider angehabt.</p>
-
-<p>Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem
-kleinen Tisch, wo alle Welt ihn sehen konnte, lag
-der Goldsack. Dorthin wandten sich die meisten
-Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem
-Verlangen, während neunzehn Ehepaare
-den Sack mit einem liebevollen Eigentumsgefühl
-betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen
-Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen
-die hübsche kleine Rede aus dem Stegreif, mit
-welcher sie alsbald ihren Dank für die Glückwünsche
-der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu
-Zeit zog bald dieser bald jener Herr ein Stück
-Papier aus der Westentasche, um seinem Gedächtnis
-nachzuhelfen.</p>
-
-<p>Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr;
-als aber Pastor Burgeß aufstand und seine<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill im
-Saal; man hätte eine Mücke husten hören können.
-Der Pastor erzählte die wunderbare Geschichte des
-Sacks und erging sich dann in warmen Worten
-über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser
-Redlichkeit, auf den die Stadt mit Recht stolz sein
-könne. Dieser Ruf, sagte er, sei ein Besitz von
-unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen
-sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit
-habe sich Hadleyburgs Ruhm allenthalben
-verbreitet, so daß die Blicke von ganz Amerika
-jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name
-für alle Zeiten, wie er glaube und hoffe, als
-Sinnbild unbestechlicher Treue in Handel und Wandel
-gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der
-Hüter dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die
-ganze Gemeinde? O nein! Jeder Einzelne ist dafür
-verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner
-dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen,
-daß unser herrlichstes Besitztum unangetastet bleibt.
-Wollt ihr diese große Verantwortung auf euch
-nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann
-ist alles wohl bestellt. Vererbt den Schatz auf eure
-Kinder und Kindeskinder! Bisher hat niemand eure
-Lauterkeit antasten können &ndash; möge es immer so<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde
-sich heute verführen lassen, auch nur einen Pfennig
-anzurühren, der ihm nicht gehört &ndash; sehet zu,
-daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja,
-das wollen wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um
-einen Vergleich zwischen uns und andern Gemeinden
-anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für
-uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche
-und wir die unsrigen &ndash; daran soll uns genügen.
-[Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde. Hier
-lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte
-Zeugnis für die Anerkennung, die ein Fremder
-unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn jetzt
-und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet
-werden. Der Mann ist uns unbekannt, aber ich
-spreche ihm in euer aller Namen unsern tiefgefühlten
-Dank aus und bitte euch, mit mir in ein
-Hoch auf ihn einzustimmen.«</p>
-
-<p>Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang
-schallten die Wände von donnernden Hurrarufen
-wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor
-Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der
-Tasche, öffnete ihn und nahm einen Papierstreifen
-heraus. In atemloser Spannung lauschten die Anwesenden
-auf die Zauberworte, von denen jedes<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-einen Klumpen Gold wert war und die der Pastor
-jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:</p>
-
-<p>»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden
-gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch lange kein
-ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert Euch.‹«
-Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun
-überzeugen, ob diese Aeußerung gleichlautend ist
-mit den Worten, die der Sack enthält. Dies wird
-unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen
-ist, gehört der Goldsack einem unserer Mitbürger,
-der fortan bei allem Volk als Inbegriff und Vertreter
-jener besonderen Tugend gelten wird, die
-den Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht.
-Sein Name ist &ndash; Billson!«</p>
-
-<p>Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm
-gerüstet; jetzt schienen sie plötzlich wie
-vom Frost erstarrt. Eine unheimliche Stille lagerte
-über der Versammlung, dann hörte man allmählich
-ein leises Flüstern, das immer deutlicher wurde:
-»Billson! Nanu &ndash; wer das glaubt! Zwanzig
-Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht
-im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit
-&ndash; so was lassen wir uns nicht aufbinden!« Aber
-ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung. Während
-an einer Stelle des Saales der Kirchenrat<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-Billson mit demütig gesenktem Haupt dastand, hatte
-sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson erhoben.
-Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und
-die Entrüstung der neunzehn Ehepaare war groß.
-Billson und Wilson hatten sich umgewandt und
-starrten einander an.</p>
-
-<p>»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte
-Billson in beißendem Ton.</p>
-
-<p>»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden
-Sie so freundlich sein, den Anwesenden zu
-erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«</p>
-
-<p>»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort
-geschrieben.«</p>
-
-<p>»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von
-<em class="gesperrt">meiner Hand</em>.«</p>
-
-<p>Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern.
-Er stand stumm da und starrte bald
-den einen, bald den andern an, ohne zu wissen,
-was er thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:</p>
-
-<p>»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den
-Namen zu lesen, mit welchem das Papier unterzeichnet
-ist.«</p>
-
-<p>Das brachte den Pastor wieder zu sich.</p>
-
-<p>»John Wharton Billson,« las er.</p>
-
-<p>»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-Sie sich nun herausreden und sich wegen der Beleidigung
-entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen
-Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen
-Versammlung zugefügt haben?«</p>
-
-<p>»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im
-Gegenteil, mein Herr, ich klage Sie hiermit öffentlich
-an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen Zettel
-entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben,
-auf der Ihr Name steht. Dies ist die einzige Art,
-wie Sie zur Kenntnis der bewußten Aeußerung
-gelangt sein können, denn außer mir weiß kein
-Mensch in der ganzen Welt, wie jene Worte gelautet
-haben.«</p>
-
-<p>Der Sache mußte ein Ende gemacht werden,
-wollte man nicht das ärgerlichste Aufsehen erregen
-und der Klatschsucht Thür und Thor öffnen.
-Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die
-in rasender Eile immer weiter schrieben. »Zur
-Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von allen
-Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem
-Hammer auf den Tisch klopfte.</p>
-
-<p>»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser
-Versammlung aufrecht halten und den Anstand nicht
-verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar liegt hier ein
-Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-mir ein Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich
-ist, so befindet sich dasselbe auch noch
-in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus
-der Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein,
-machte ein verstörtes, bekümmertes Gesicht, stand
-eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob dann
-unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu
-sprechen, brachte aber kein Wort heraus.</p>
-
-<p>»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen.
-»Was steht darin?«</p>
-
-<p>Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte
-Burgeß der Aufforderung:</p>
-
-<p>»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen
-Fremden gegenüber that, lautete: ›Ihr seid noch
-lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer schauten
-ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹«
-[Gemurmel: »Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«]
-»Dies ist Thurlow G. Wilson unterschrieben,«
-sagte der Vorsitzende.</p>
-
-<p>»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt
-ist es sonnenklar. Ich wußte ja gleich, daß mein
-Brief abgeschrieben worden ist.«</p>
-
-<p>»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte
-mir dergleichen von Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ich muß Sie zur Ruhe
-verweisen, meine Herren, und Sie beide ersuchen,
-Ihre Plätze wieder einzunehmen.«</p>
-
-<p>Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten
-sie der Aufforderung. Die Versammelten sahen
-einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den
-seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der
-Hutmacher Thomson auf. Er wäre gern einer der
-neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein das
-war ihm nicht beschieden; für solche Würde war
-sein Hutlager nicht groß genug.</p>
-
-<p>»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,«
-sagte er, »daß die beiden Herren dem Fremden
-gegenüber schwerlich genau dieselben Worte gebraucht
-haben. Nach meiner Ansicht ist das ein
-Ding der Unmöglichkeit.«</p>
-
-<p>Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen,
-der zu den Unzufriedenen gehörte, weil
-er nicht als ein Neunzehner anerkannt wurde, wiewohl
-er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies
-gab seiner Art und Weise einen etwas unangenehmen
-Beigeschmack.</p>
-
-<p>»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt,
-auf den es ankommt. So etwas könnte geschehen
-&ndash; alle hundert Jahre einmal&nbsp;&ndash;; aber das andere<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner
-von beiden hat die zwanzig Dollars gegeben!«
-[Schallender Beifall.]</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Billson</em>: »Ich habe es gethan!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wilson</em>: »Nein, ich habe es gethan!«</p>
-
-<p>Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ruhe, sage ich. Setzen
-Sie sich, meine Herren. Keins der beiden Couverts
-ist mir auch nur einen Augenblick aus der Hand
-gekommen.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Gut &ndash; damit ist das abgemacht.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Ich weiß, wie es zugegangen
-sein muß: Einer der Männer hat sich
-unter dem Bett des andern versteckt und seine
-Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch
-ist, möchte ich die Behauptung aufstellen,
-daß man allen beiden so etwas zutrauen
-kann.« [<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung, zur
-Ordnung!«] »Ich ziehe meine Bemerkung zurück und
-will nur noch erwähnen, daß, wenn der eine gehört
-hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner
-Frau mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche
-kommen werden.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Wieso?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Nichts leichter als das.
-Die Aeußerung ist von beiden nicht genau in denselben
-Worten wiedergegeben worden. Das würde
-den Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die
-zweite Lesart nicht erst nach einiger Zeit und
-nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen worden
-wäre.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Was ist der Unterschied?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Auf Billsons Zettel steht
-das Wort <em class="gesperrt">ganz</em> &ndash; auf dem andern nicht.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Richtig, richtig, so ist es!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em>: »Wenn nun der Herr Vorsitzende
-die Probe macht und den Zettel im Sack
-liest, werden wir erfahren, wer von den beiden
-Betrügern&nbsp;&ndash;« [<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung!«]
-»wer von diesen zwei Glücksjägern&nbsp;&ndash;«
-[<em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Zur Ordnung!«] »wer von
-den beiden Ehrenmännern&nbsp;&ndash;« [Gelächter und Beifall]
-»die Auszeichnung genießen soll, der erste
-Halunke zu sein, der je in unserer durch ihn entehrten
-Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein
-fernerer Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich
-werden.« [Lebhafter Beifall.]</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Oeffnen, öffnen &ndash; den
-Sack öffnen!!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span></p>
-
-<p>Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte
-die Hand hinein und zog ein Couvert heraus,
-welches zwei zusammengefaltete Papiere enthielt.
-Dann sagte er:</p>
-
-<p>»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen,
-nachdem alle schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende
-etwa erhalten hat, gelesen worden sind.‹
-Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die Probe‹.
-Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen;
-er lautet:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche
-mein Wohlthäter mir gegenüber gethan hat, in
-ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut nach genau wiedergegeben
-sein soll; sie war unbedeutend und
-er hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze
-aber sind so schlagend, daß sie ihm sicherlich im
-Gedächtnis geblieben sind. Stimmen diese nicht mit
-der Probe überein, so hat man es mit einem Betrüger
-zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der
-Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte
-er es aber einmal, so sei sein Rat auch von erster
-Güte. Was er nun sagte, hat sich mir unauslöschlich
-ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr seid noch lange
-kein schlechter Mensch&nbsp;&ndash;‹«</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Das ist entscheidend &ndash;
-das Gold gehört Wilson. Er soll reden! Wilson
-hat das Wort!«</p>
-
-<p>Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie
-umringten Wilson, schüttelten ihm die Hand und
-wünschten ihm von Herzen Glück, während der Vorsitzende
-immer lauter mit dem Hammer auf den
-Tisch klopfte und rief:</p>
-
-<p>»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um
-Ruhe! Lassen Sie mich den Zettel zu Ende lesen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß
-fort:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es
-nicht, so werdet Ihr eines Tages sicherlich in
-Euern Sünden sterben und zur Strafe in die Hölle
-kommen, oder nach Hadleyburg &ndash; <em class="gesperrt">ersteres wäre
-noch vorzuziehen</em>.‹«</p>
-</div>
-
-<p>Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten
-sich dunkle Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger,
-doch allmählich erheiterten sich die Gesichter
-wieder, ja es schien, daß sie große Mühe
-hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer
-unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die
-Bürger aus Brixton und sämtliche fremde Gäste
-hielten sich die Hand vors Gesicht oder saßen mit<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit
-aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln
-zu beherrschen. In diesem verhängnisvollen Augenblick
-unterbrach Jack Halliday plötzlich das allgemeine
-Schweigen, indem er mit lauter Stimme
-rief: »Das Ding ist echt &ndash; ein Rat erster Güte!«</p>
-
-<p>Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus,
-Fremde wie Einheimische, und als sogar Burgeß
-seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte, legte
-sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures
-Gelächter erscholl, das lange kein Ende nehmen
-wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute schon
-die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig
-zusammen, um die Verhandlung fortzusetzen,
-aber immer von neuem brachen die Lachsalven unaufhaltsam
-hervor, und es dauerte eine geraume
-Zeit, ehe Burgeß endlich anhub:</p>
-
-<p>»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen,
-uns die Thatsache zu verhehlen, daß es sich hier
-um eine sehr ernste Sache handelt, denn die Ehre
-und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem
-Spiel. Schon der Umstand, daß die beiden Zettel
-der Herren Wilson und Billson sich nur durch
-<em class="gesperrt">ein</em> Wort unterschieden, war von schwerwiegender
-Bedeutung, da derselbe klar bewies, daß einer von<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-ihnen sich des Diebstahls schuldig gemacht hatte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit
-dagesessen hatten, sprangen bei diesen
-Worten wie elektrisiert in die Höhe.</p>
-
-<p>»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng,
-und sie gehorchten. »Wie gesagt, der Umstand war
-unheilvoll, doch nur für einen der Beteiligten. Jetzt
-aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres
-Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht,
-sondern ich darf wohl sagen unrettbar verloren.
-Beide haben die letzten Sätze mit den entscheidenden
-Worten ausgelassen.« Er hielt inne und
-die lautlose Stille, welche entstand, erhöhte noch
-die eindrucksvolle Wirkung des Augenblicks. Dann
-fuhr er fort:</p>
-
-<p>»Mir scheint, daß es hier nur <em class="gesperrt">eine</em> mögliche
-Erklärung giebt &ndash; deshalb frage ich die Herren
-&ndash; geschah dies auf Verabredung &ndash; in heimlichem
-Einverständnis?«</p>
-
-<p>Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat
-sie beide in der Falle,« murmelte die Menge.</p>
-
-<p>Billson war einer so schwierigen Lage nicht
-gewachsen; er saß in völliger Hilflosigkeit da. Aber
-Wilson, der Advokat, hatte sich ermannt; mit
-bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
-
-<p>»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht
-bei der Erörterung dieser höchst peinlichen
-Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das Wort,
-denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn
-Billson, den ich immer geachtet und hochgeschätzt
-habe, den schwersten Schaden zufüge. Wie alle
-übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine
-Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde;
-aber meine eigene Ehre verlangt, daß ich offen
-zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich gestehen
-&ndash; und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben&nbsp;&ndash;,
-daß ich mich dem mittellosen Fremden
-gegenüber ganz so geäußert habe, wie es auf dem
-Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen
-Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.]
-Mir war das noch vollkommen erinnerlich, als
-ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu erheben,
-der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie
-sich bitte einen Augenblick in meine Lage: Die
-Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos gewesen
-an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich
-Worte dafür finden, doch würde er mir die
-Wohlthat tausendfach vergelten, wenn er je im
-stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich
-einmal, ob sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-ließ, ja, ob es auch nur denkbar war,
-daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz
-unnötigen Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen,
-mich in die Falle zu locken und in einer öffentlichen
-Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt
-bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre
-höchst widersinnig gewesen. Ich zweifelte daher
-keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der
-ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen
-würde. Sie hätten das auch geglaubt und einem
-Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und
-dem Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß
-er schmählichen Verrat an Ihnen üben würde. So
-schrieb ich denn mit voller Zuversicht den Eingang
-nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹
-und setzte meinen Namen darunter. Als ich den
-Zettel eben in einen Umschlag thun wollte, wurde
-ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit
-offen auf dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt
-der Redner inne, wandte den Kopf langsam nach
-Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und
-sagte dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte
-Herr Billson eben meine Hausthür hinter sich zu
-&ndash; urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten hatte.«
-[Große Erregung.]</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p>
-
-<p>Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es
-ist eine schändliche Lüge!« schrie er, rot vor Zorn.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Setzen Sie sich! Herr
-Wilson hat das Wort.«</p>
-
-<p>Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz
-zurück und suchten ihn zu beruhigen, während Wilson
-fortfuhr:</p>
-
-<p>»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein
-Zettel lag nicht mehr an derselben Stelle auf dem
-Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah das
-wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung,
-ein Zugwind habe ihn dahin geblasen. Daß
-Herr Billson ein Privatpapier lesen würde, kam
-mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann
-für unter seiner Würde halten. Hätte sein
-Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so würde
-er das Wort <em class="gesperrt">ganz</em> nicht hinzugefügt haben. Ich
-bin der einzige Mensch in der Welt, der jene
-Aeußerung &ndash; auf ehrenhafte Weise &ndash; genau wiedergeben
-konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«</p>
-
-<p>Für den schlauen und gewandten Redner ist es
-von jeher ein Leichtes gewesen, die Denkfähigkeit
-einer Zuhörerschaft, die an das täuschende Blendwerk
-der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-und sie zu maßlosen Gefühlsäußerungen
-fortzureißen. Als Wilson wieder Platz nahm, war
-sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender
-Beifallssturm erschallte; Freunde und Bekannte umringten
-ihn, schüttelten ihm die Hand und wünschten
-ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel
-zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende
-strengte seine Lunge vergebens an, und
-wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand
-gab acht darauf.</p>
-
-<p>Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren
-wir nun mit der Verhandlung fort!« rief Burgeß.</p>
-
-<p>»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß
-es; »man braucht ihm doch bloß den Sack zu
-geben.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Jawohl, jawohl! Wilson
-soll vortreten!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Hutmacher</em>: »Ich fordere Sie auf, mit
-mir Herrn Wilson hoch leben zu lassen, als Inbegriff
-und Vertreter der besonderen Tugend,
-welche&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse
-durch den Saal. Wilsons Bewunderer hoben
-ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben
-an, ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-geleiten, als die Stimme des Vorsitzenden den Lärm
-übertönte:</p>
-
-<p>»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! &ndash; Erinnern
-Sie sich doch, meine Herren, daß ich noch ein
-Schriftstück zu verlesen habe.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm
-das zweite Papier zur Hand, legte es aber wieder
-hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle
-Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.«
-Er zog ein Couvert aus der Tasche, öffnete es,
-überflog den Inhalt und schien starr vor Verwunderung.</p>
-
-<p>»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen
-zwanzig bis dreißig Stimmen auf einmal.</p>
-
-<p>Langsam und bedächtig, als traue er seinen
-Augen kaum, las Burgeß:</p>
-
-<p>»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber
-that &ndash; [<em class="gesperrt">Mehrere Stimmen</em>: »Hallo, wie
-geht das zu?«] &ndash; lautete: ›Ihr seid noch lange
-kein schlechter Mensch. [<em class="gesperrt">Mehrere Stimmen</em>:
-»Gerechter Himmel!«] Geht hin und bessert Euch.‹
-[<em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Da schlag’ doch das Donnerwetter
-drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier
-Pinkerton.«</p>
-
-<p>Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-besonneneren Leute trauernd ihr Haupt schüttelten.
-Wer sich nicht mehr halten konnte, lachte daß ihm
-die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter
-wälzten sich vor Lachen und machten
-solche Krakelfüße auf dem Papier, daß es nicht
-menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern.
-Ein Hund, der im Winkel geschlafen hatte, schreckte
-auf und geriet über das Getöse so in Wut, daß
-er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie
-und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr.
-»Oho, immer toller! &ndash; Jetzt besitzen wir zwei
-Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! &ndash; Nein,
-drei &ndash; man muß auch Billson mitzählen &ndash; je
-mehr, desto besser! &ndash; Richtig, richtig, Billson gehört
-dazu! &ndash; Was ist doch Wilson für ein armes
-Opferlamm &ndash; zwei Diebe haben ihn beraubt!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eine mächtige Stimme</em>: »Stille! Der Vorsitzende
-holt wieder etwas aus der Tasche.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Andere Stimmen</em>: »Hurra! Was giebt es
-Neues? Vorlesen! Vorlesen!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em> (liest): »Die Aeußerung,
-welche ich u. s. w. ›Ihr seid noch lange kein schlechter
-Mensch. Geht hin‹ u. s. w. Unterschrift: Gregor
-Yates.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dröhnende Rufe</em>: »Vier Inbegriffe! &ndash; Der<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-ehrliche Yates soll leben! &ndash; Weiter, weiter!«</p>
-
-<p>Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende
-nehmen; es galt, den Kapitalspaß von Grund aus
-zu genießen. Als einige von den Neunzehnern
-aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen
-nach dem Ausgang hin zu drängen suchten, wurden
-von allen Seiten Rufe laut:</p>
-
-<p>»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab!
-Kein Ehrenmann darf den Saal verlassen! Hinsetzen!
-Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«</p>
-
-<p>Alle folgten der Aufforderung.</p>
-
-<p>»Immer mehr! &ndash; Vorlesen! Vorlesen!«</p>
-
-<p>Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und
-las die wohlbekannten Worte: »›Ihr seid noch lange
-kein schlechter Mensch&nbsp;&ndash;‹«</p>
-
-<p>»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«</p>
-
-<p>»Ingoldsby Sargent.«</p>
-
-<p>»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe!
-Weiter, weiter!«</p>
-
-<p>»›Ihr seid noch lange kein&nbsp;&ndash;‹«</p>
-
-<p>»Den Namen her!«</p>
-
-<p>»Nikolas Whitworth.«</p>
-
-<p>»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«</p>
-
-<p>»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein;
-»hoch soll er leben! Dreimal hoch!!!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
-
-<p>»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das
-Vorbild unbestechlicher Tugend, und für alle seine
-Inbegriffe und würdigen Vertreter!«</p>
-
-<p>»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben
-&ndash; hoch!« brüllte der Chor; »dreimal hoch!!!«</p>
-
-<p>»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen.
-»Wir wollen mehr hören! Vorlesen! Alles vorlesen,
-was da ist!«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf
-ewig begründen.«</p>
-
-<p>Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch
-zu erheben. Sie sagten, ohne Zweifel hätte
-sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies Possenspiel
-ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze
-Gemeinwesen sei. Die Unterschriften müßten alle
-gefälscht sein, nur so ließe sich die Sache erklären.
-Aber sie predigten tauben Ohren.</p>
-
-<p>»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,«
-hieß es. »Ihr bekennt euch bloß schuldig &ndash; nächstens
-werden eure Namen an die Reihe kommen!«</p>
-
-<p>»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche
-Briefumschläge er bekommen hat.«</p>
-
-<p>»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«</p>
-
-<p>Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten
-sie sämtlich das Geheimnis. Ich stelle den Antrag,<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span>
-von jedem derartigen Zettel die sieben ersten Wörter
-und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«</p>
-
-<p>Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen
-und zum Beschluß erhoben. Da stand
-plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur
-Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre
-Thränen zu verbergen. Der Gatte gab ihr den
-Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung
-bebender Stimme:</p>
-
-<p>»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide,
-Mary und mich von Jugend auf, und habt uns
-stets Liebe und Achtung erwiesen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach
-ihn der Vorsitzende; »was Sie sagen, ist zwar die
-lautere Wahrheit &ndash; die ganze Stadt kennt Sie
-nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen:
-»Wenn das auch die Meinung der Versammlung
-ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben
-zu lassen. Hurra, hoch!«</p>
-
-<p>Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose
-Taschentücher wurden geschwenkt und donnernde
-Hochrufe erschallten. Dann fuhr der Vorsitzende fort:</p>
-
-<p>»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben,
-Herr Reichard, daß es zwar Ihrem guten Herzen<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-Ehre macht, wir aber in diesem Fall den Missethätern
-keine Nachsicht gewähren dürfen.« [<em class="gesperrt">Zurufe</em>:
-»Nein, nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen
-im Gesicht geschrieben; allein ich kann nicht gestatten,
-daß Sie sich für jene Männer verwenden&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber ich wollte ja nur&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen
-erst die übrigen Zuschriften lesen. Das verlangt
-schon die Billigkeit den Leuten gegenüber, deren
-Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald
-dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören,
-das verspreche ich Ihnen.«</p>
-
-<p>Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das
-Warten ist eine rechte Qual,« flüsterte Reichard
-seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um
-so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir
-nur für uns selber um Nachsicht bitten wollten.«</p>
-
-<p>Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen
-wurden gelesen.</p>
-
-<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch&nbsp;&ndash;‹
-Unterschrift: ›Robert Titmarsch.‹</p>
-
-<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch&nbsp;&ndash;‹
-Unterschrift: ›Eliphalet Wenks.‹</p>
-
-<p>»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch&nbsp;&ndash;‹
-Unterschrift: ›Oskar Wilder.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p>
-
-<p>Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten
-die Zuhörer auf den Einfall, ihn der Mühe
-zu überheben, jedesmal die sieben Wörter zu lesen,
-womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun
-nur noch den Zettel in die Höhe und wartete,
-bis die Versammlung in volltönendem Chor, der
-fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes,
-feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid
-noch la-an-ge kein schle-ech-ter Mensch.« Dann
-las er die Unterschrift: »Archibald Wilcox.« So
-ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium
-und zur Qual der unglücklichen Neunzehner.
-Jedesmal, wenn ein besonders angesehener Name
-verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten,
-sang die ganze Litanei von Anfang an bis
-zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle kommen,
-oder nach Hadleyburg &ndash; ersteres wäre noch
-vo-o-or-zu-ziehn« &ndash; und schloß dann mit einem
-mächtigen »A-a-a-a-men!«</p>
-
-<p>Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu
-verlesenden Papiere; Reichard wußte genau, wie
-viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein
-Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller
-Spannung auf den Augenblick, wenn die Reihe
-an ihn kommen würde. Dann wollte er sich erheben<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
-und die Versammlung etwa mit folgenden
-Worten um Erbarmen für sich und Mary anflehen:
-»Bisher sind wir unsern Weg unsträflich
-gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt.
-Aber wir sind alt und sehr arm, haben
-auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die
-Versuchung war groß und wir sind unterlegen.
-Als ich vorhin aufstand, wollte ich mein Unrecht
-bekennen und bitten, daß man meinen Namen nicht
-öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die
-Schande nicht überleben zu können; man ließ mich
-jedoch nicht ausreden. Ich weiß, es ist nur gerecht,
-wenn wir vor den andern nichts voraus haben;
-aber die Strafe ist hart. Unser Name war bis
-jetzt immer unbescholten; habt Erbarmen, denkt,
-daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind, und
-laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.«
-So weit war er in seinen Gedanken gekommen,
-als Mary ihn anstieß, um ihn aus der Träumerei
-zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch
-la-a-nge kein« u. s. w.</p>
-
-<p>»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist
-die Reihe an dir; achtzehn Namen sind schon verlesen.«</p>
-
-<p>»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge.<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
-Langsam und zitternd erhob sich das alte Ehepaar.
-Burgeß steckte die Hand in die Tasche und schien
-einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel
-alle gelesen haben,« sagte er dann.</p>
-
-<p>Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung
-sanken Reichard und seine Frau auf ihre Plätze
-zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei Dank.
-Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke
-würden mich nicht so glücklich machen!«</p>
-
-<p>Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf
-Hadleyburgs Redlichkeit und die achtzehn unsterblichen
-Vertreter seiner Tugend. Dann stand
-Wingate, der Sattler, auf, um den wackersten Mann
-in der Stadt leben zu lassen, den einzigen aus
-der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen
-Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen &ndash;
-Eduard Reichard.</p>
-
-<p>Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung
-ein, und man pries Reichard laut, als den einzigen
-treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger
-Ueberlieferung.</p>
-
-<p>»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte
-eine Stimme.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Lohgerber</em> (mit bitterem Spott): »Das
-liegt doch auf der Hand. Das Gold muß unter<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder
-von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars
-gegeben &ndash; und jenen kostbaren Rat. Zweiundzwanzig
-Minuten hat es gedauert, bis sie einer
-nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind.
-Was sie für den Fremden eingezahlt haben, betrug
-alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie möchten
-nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben &ndash; die sich
-mit dem Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«</p>
-
-<p>»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vorsitzende</em>: »Ich bitte um Ruhe, damit
-ich die letzte Zuschrift des Fremden vorlesen
-kann. &ndash; Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet,
-um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes
-Seufzen und Stöhnen aus der Menge] so soll das
-Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt
-werden, damit sie es aufs beste verwenden, um
-den ehrenwerten Ruf Hadleyburgs auch ferner zu
-erhalten und immer weiter auszubreiten. Dafür,
-daß sie dies nach besten Kräften thun werden,
-bürgt schon ihre eigene Unbescholtenheit und allgemein
-anerkannte Vortrefflichkeit.‹ [Spöttische Beifallsrufe
-von allen Seiten und lautes Händeklatschen.]<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-Halt! Ich bin noch nicht zu Ende &ndash; hier ist
-eine Nachschrift:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»›<em class="antiqua">P. S.</em> &ndash; Bürger von Hadleyburg!
-</p>
-
-<p>Die ganze Sache beruht auf Erfindung &ndash; kein
-Mensch hat jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche
-Aufregung.] Sowohl der fremde Bettler als
-die geschenkten zwanzig Dollars samt dem guten
-Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der
-Luft gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und
-belustigter Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit
-wenigen Worten meine Geschichte erzähle: Als ich
-eines Tages durch Hadleyburg reiste, that man
-mir eine schwere, unverdiente Beleidigung an. Jeder
-andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch
-umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde
-mich eine so geringfügige Rache kaum entschädigt
-haben. Konnte ich euch auch nicht allen das Leben
-nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen der
-Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen,
-wenn auch nicht an Leib und Gut, so doch an
-ihrer Eitelkeit &ndash; der Stelle, wo schwache und
-thörichte Menschen am verwundbarsten sind. Verkleidet
-kam ich zurück und lernte euch näher kennen.
-Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet
-einen Schatz, den ihr wie euern Augapfel hütetet,<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
-den altbewährten, hohen Ruhm unantastbarer Redlichkeit,
-der euern ganzen Stolz ausmachte. Sobald
-ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt und
-Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern
-Kindern fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr
-einfältigen Menschen! Es giebt ja nichts Schwächeres
-auf Erden, als eine Tugend, die nicht im
-Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht
-war, dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm
-zu nehmen und fast ein halbes Hundert bisher
-untadeliger Männer und Frauen, die in ihrem
-ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und
-keinen Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und
-Lügnern zu machen. Eine Liste von Namen hatte
-ich bald entworfen; nur Goodson, der kein eingeborener
-Hadleyburger war, stand meinem Plan
-im Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief
-vorlegen lassen, so würdet ihr ohne Zweifel gesagt
-haben: ›Goodson ist der einzige Bürger unserer
-Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars
-schenken könnte‹ &ndash; und ich fürchte, ihr wäret nicht
-in meine Falle gegangen. Sobald aber der Himmel
-Goodson von dieser Welt abgerufen hatte, warf
-ich den Köder mit vollster Zuversicht aus &ndash; ich
-wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete
-Aeußerung mit der Post geschickt habe, die meisten
-jedoch sicherlich, wie ich den Charakter der Hadleyburger
-kenne. Bei ihrer verkehrten Erziehung
-und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand,
-daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie
-nicht hindern, es fälschlich an sich zu bringen.
-So hoffe ich denn, euern Stolz auf ewige Zeiten
-zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg
-in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich
-allenthalben verbreiten wird und den es nie wieder
-loswerden soll. Wenn mein Zweck erreicht ist, so öffne
-man den Sack und ernenne einen Ausschuß zur
-Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger
-Ruhmes.‹«</p>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Viele Stimmen</em>: »Der Ausschuß ist bereits
-erwählt. Die achtzehn Tugendhelden sollen vortreten!«</p>
-
-<p>Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm
-eine Handvoll großer gelber Münzen heraus, die
-er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.</p>
-
-<p>»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben
-aus vergoldetem Blech.«</p>
-
-<p>Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens
-rief man nach den Mitgliedern des Ausschusses,<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-um ihnen das Gold einzuhändigen, keiner
-rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler
-das Wort:</p>
-
-<p>»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich
-nur einer als redlich bewährt. Der Mann braucht
-Geld und verdient eine Unterstützung. Ich schlage
-daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält,
-den Sack voll vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier
-öffentlich zu versteigern und den Ertrag Herrn
-Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein
-Mann von echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg
-mit Freuden alle Ehre erweist.«</p>
-
-<p>Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte
-und die Versteigerung begann. Zuerst bot der Sattler
-einen Dollar; mehrere Bewohner von Brixton
-und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig
-in die Höhe. Bei jedem neuen Angebot
-jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die Bietenden
-wurden hartnäckiger und kühner. Von einem
-Dollar stieg der Preis auf fünf, auf zehn, auf
-zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und immer höher.</p>
-
-<p>Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard
-seiner Frau in kläglichem Ton zugeflüstert:
-»O Mary, das dürfen wir nicht gestatten; es ist
-ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters,<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-ein Ehrengeschenk, und &ndash; und &ndash; wir können
-es doch nicht dulden! Sollen wir nicht lieber aufstehen
-und &ndash; Mary, was fangen wir nur an
-&ndash; was meinst du, daß wir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>(<em class="gesperrt">Hallidays Stimme</em>: »Fünfzehn für den
-Sack! Fünfzehn zum ersten &ndash; zwanzig &ndash; danke
-bestens &ndash; dreißig &ndash; dreißig zum &ndash; höre ich
-recht? &ndash; Vierzig &ndash; bieten Sie weiter, meine
-Herren &ndash; fünfzig zum ersten, zum zweiten, zum
-&ndash; siebzig &ndash; neunzig &ndash; bravo! immer höher! &ndash;
-hundert &ndash; hundertzwanzig &ndash; vierzig &ndash; noch ist
-es Zeit! &ndash; hundertfünfzig &ndash; zweihundert &ndash; zweihundertfünfzig
-&ndash; keiner mehr?&nbsp;&ndash;«)</p>
-
-<p>»Es ist eine neue Versuchung, Eduard &ndash; ich
-zittere an allen Gliedern. Aus der ersten sind
-wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur
-Warnung dienen&nbsp;&ndash;« [»Habe ich recht gehört?
-Sechs &ndash; meinen Dank &ndash; sechshundertfünfzig &ndash;
-siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht bedenkt,
-&ndash; kein Mensch argwöhnt&nbsp;&ndash;« [»Achthundert
-Dollars! Hurra! Neunhundert wäre noch besser!
-&ndash; Haben Sie neunhundert gesagt, Herr Parsons?
-&ndash; Ganz recht &ndash; also dieser schöne Sack, mit
-echtem Blech gefüllt, soll samt der Vergoldung
-für nur neunhundert Dollars &ndash; tausend &ndash; sehr<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
-verbunden! Will niemand elfhundert bieten für
-den Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten
-in den Vereinigten Staaten&nbsp;&ndash;«] »O Eduard,«
-schluchzte Mary, »wir sind so arm &ndash; aber &ndash;
-thu’ was dir am besten dünkt &ndash; ich hindere dich
-nicht.«</p>
-
-<p>Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß
-still und beschwichtigte sein Gewissen damit, daß
-die Umstände ihm keine Wahl ließen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher
-aussah wie ein als englischer Graf verkleideter
-Geheimpolizist, den Verhandlungen mit dem größten
-Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen
-hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich
-dachte, war ungefähr folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden
-bieten nicht mit, das ist nicht in der
-Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit.
-Sie müssen im Gegenteil den Sack kaufen,
-den sie stehlen wollten, und einen ordentlichen Preis
-dafür zahlen &ndash; denn es sind reiche Leute darunter.
-Außerdem hat der einzige Hadleyburger,
-der meine Berechnung zu Schanden gemacht hat,
-eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm nicht
-entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
-Mann, das muß ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich
-scheint. Jedenfalls soll er den Glückstopf
-ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt.
-Daß er mich Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht
-nachtragen.«</p>
-
-<p>Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren
-Verlauf der Auktion. Nachdem tausend Dollars geboten
-waren, ging der Preis nur noch langsam
-in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog
-sich zurück. Nun bot der Fremde selbst ein paarmal
-mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte
-ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch
-fünfzig hinzu und der Sack wurde ihm für eintausendzweihundert&shy;undzweiundachtzig
-Dollars zugeschlagen.
-Die Menge brach in schallende Hochrufe
-aus, doch trat gleich darauf eine lautlose
-Stille ein, als der Fremde mit der Hand
-winkte und zu reden begann:</p>
-
-<p>»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende.
-Ich bin Raritätenhändler und habe in der ganzen
-Welt Verbindungen mit Leuten, die seltene Münzen
-sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie
-er ist, mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich
-größeren Vorteil würde ich daraus ziehen, wenn
-Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche ich<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann
-jede einzelne dieser blechernen Münzen mindestens
-für ein echtes Zwanzigdollarstück verkaufen und
-würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger,
-Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche
-Redlichkeit heute von Ihnen mit vollem
-Rechte anerkannt und gepriesen worden ist. Sein
-Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die
-ich ihm morgen einhändigen will.« [Großer Beifall
-der Menge; Reichard und seine Frau wurden
-dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts,
-man legte es ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der
-besondere Wert einer Rarität hängt meistens davon
-ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen
-wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir
-zu erlauben, daß ich auf diese vergoldeten Blechmünzen
-hier die Namen der achtzehn Herren stempeln
-lassen darf, welche&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob
-sich die ganze Versammlung wie ein Mann, um
-unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung
-zu geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank
-dafür aussprechen wollte, daß man so bereitwillig
-auf seinen Vorschlag eingegangen war, erhoben sämtliche
-Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen
-lassen, daß man ihnen solchen Schimpf anthäte,
-und stießen sogar Drohungen gegen den
-Fremden aus, der jedoch ganz ruhig blieb.</p>
-
-<p>Während nun die andern Siebzehn fortfuhren,
-zu bitten und zu drohen, benutzte Harkneß die
-günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und
-Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt
-und Gegenkandidaten bei der Abgeordnetenwahl,
-um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt
-war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade
-über den Bau einer neuen Eisenbahn; beide
-Männer besaßen große Strecken Landes und jeder
-hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen,
-daß die Bahn durch sein Besitztum geleitet würde,
-was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine
-einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag
-geben. Vor einer gewagten Spekulation zurückzuschrecken,
-war Harkneß’ Sache nicht, und hier
-galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in
-seiner Nähe und die Unruhe im Saal war groß.
-Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:</p>
-
-<p>»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«</p>
-
-<p>»Vierzigtausend Dollars.«</p>
-
-<p>»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Fünfundzwanzig.«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie zu dreißig?«</p>
-
-<p>»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen
-Pfennig weniger.«</p>
-
-<p>»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen
-früh um zehn Uhr komme ich zu Ihnen ins
-Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde;
-ich wünsche Sie allein zu sprechen.«</p>
-
-<p>Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob
-er sich, um sich bei der Versammlung zu verabschieden;
-er dankte den Anwesenden nochmals für die Gewährung
-seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden,
-ihm den Sack bis morgen aufzuheben und Herrn
-Reichard einstweilen drei Fünfhundertdollarscheine
-einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in Empfang
-genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh
-um neun will ich den Sack abholen und um elf
-Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend
-Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute
-Nacht!«</p>
-
-<p>Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der
-Lärm jetzt von neuem anhob: Hurrarufe, Zischen,
-Beifallklatschen, Hundegebell, und dazwischen der<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span>
-Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein schle-e-ech-ter
-Mensch&nbsp;&ndash;« erschallten in wildem Durcheinander.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>IV.</h3>
-</div>
-
-<p>Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard
-noch bis Mitternacht fortwährend Glückwünsche
-und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als sie
-endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen
-stumm und traurig da, bis Mary zuletzt tief
-aufseufzte:</p>
-
-<p>»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht
-gethan haben?« fragte sie und schaute nach
-den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen Kassenscheinen,
-welche die Leute vorhin mit so verlangenden
-Blicken betrachtet und kaum anzurühren gewagt
-hatten. Eduard schwieg eine Weile, dann
-kam ein Seufzer auch aus seiner Brust.</p>
-
-<p>»Wir &ndash; wir konnten nichts dafür, Mary &ndash;
-es war eine Fügung des Himmels &ndash; wie alles
-in dieser Welt,« erwiderte er zögernd.</p>
-
-<p>Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er
-senkte den Blick.</p>
-
-<p>»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-und Anerkennung der Menschen immer Freude
-machten &ndash; aber jetzt scheint mir &ndash; höre, Eduard?«</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p>»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?«</p>
-
-<p>»N &ndash; nein.«</p>
-
-<p>»Was willst du thun?«</p>
-
-<p>»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.«</p>
-
-<p>»Das wird wohl am besten sein.«</p>
-
-<p>Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher
-hatte ich keine Furcht, wenn mir auch das Geld
-anderer Leute stromweise durch die Hände floß,«
-murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.«</p>
-
-<p>»Laß uns zu Bette gehen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen um neun Uhr holte der
-Fremde den Sack ab und fuhr damit in einer
-Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um
-zehn ein Privatgespräch mit ihm. Der Fremde
-ließ sich fünf Wechsel &ndash; zahlbar an den Ueberbringer
-&ndash; auf eine New Yorker Bank ausstellen,
-einen zu vierunddreißigtausend Dollars und vier
-zu fünfzehnhundert Dollars. Von letzteren steckte
-er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte er<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu,
-nachdem Harkneß fort war. Um elf Uhr klingelte
-er am Reichard’schen Hause; Mary guckte erst durch
-den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das
-Couvert in Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte,
-ohne ein Wort zu sagen. In großer
-Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück.</p>
-
-<p>»Schon gestern abend kam es mir vor, als
-müßte ich ihn früher irgendwo gesehen haben;
-aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.«</p>
-
-<p>»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht
-hat?«</p>
-
-<p>»Ja, ich möchte darauf schwören.«</p>
-
-<p>»Dann ist er auch der angebliche Stephenson,
-der die Bürger mit seinem erfundenen Geheimnis
-zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun
-Wechsel statt Geld bringt, sind wir noch einmal
-angeführt, während wir uns eben in Sicherheit
-wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz
-behaglich zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles
-wieder, es ist viel zu dünn. Achttausendfünfhundert
-Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären
-ein dickeres Paket.«</p>
-
-<p>»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?«</p>
-
-<p>»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat!<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-&ndash; Ich habe mich zwar darein gegeben, die achttausendfünfhundert
-Dollars in Banknoten anzunehmen,
-weil es der Himmel nun einmal so gefügt
-hat. Aber Wechsel einzulösen, welche jene verhängnisvolle
-Unterschrift tragen &ndash; nein, dazu fehlt mir
-der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal
-hat mich der Mensch fast in seine Hände bekommen,
-und wir sind ihm wie durch ein Wunder
-entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise.
-Wenn Wechsel in dem Couvert sind&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie
-die Wechsel in die Höhe.</p>
-
-<p>»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in
-Versuchung kommen. Es ist nur eine Hinterlist,
-um uns ins Verderben zu locken &ndash; uns dem Hohn
-und Spott der Leute preiszugeben wie die andern.
-Wenn du es nicht thun kannst, gieb sie mir.«
-Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte
-damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf
-und konnte nicht umhin, zuvor noch einen
-Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er
-in Ohnmacht gefallen.</p>
-
-<p>»Mary, Mary, halte mich &ndash; sie sind so gut
-wie Gold!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p>
-
-<p>»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch
-ganz gewiß?«</p>
-
-<p>»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist
-mir ein unerklärliches Rätsel.«</p>
-
-<p>»Glaubst du denn, Eduard&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So sieh doch nur her! Fünfzehn &ndash; fünfzehn &ndash;
-fünfzehn &ndash; vierunddreißig! Achtunddreißigtausend&shy;fünfhundert!
-&ndash; Was sagst du dazu, Mary? &ndash;
-Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß
-hat offenbar diese Riesensumme dafür gezahlt.«</p>
-
-<p>»Und du glaubst, das alles soll uns gehören?
-Nicht nur die versprochenen zehntausend?«</p>
-
-<p>»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten
-die Wechsel auf den ›Ueberbringer‹.«</p>
-
-<p>»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu
-bedeuten?«</p>
-
-<p>»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank
-erheben. Vielleicht wünscht Harkneß nicht, daß die
-Sache hier ruchbar wird. Was ist denn das &ndash;&nbsp;&ndash;
-ein Brief?«</p>
-
-<p>»Ja, er lag bei den Wechseln.«</p>
-
-<p>Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug
-aber keine Unterschrift. Reichard las:</p>
-
-<div class="letter">
-<p>»Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit
-<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-ist über jede Versuchung erhaben. Als ich
-das Gegenteil annahm, that ich Ihnen unrecht,
-und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen. Sie
-verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger
-sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen
-aufzulösen. Ich bin mit mir selbst eine Wette eingegangen,
-daß sich in Ihrer tugendstolzen Stadt
-neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen lassen
-würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen
-Sie den ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von
-Rechts wegen.«</p>
-</div>
-
-<p>Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt,
-als wäre es mit Feuer geschrieben,« sagte er. »Mir
-ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.«</p>
-
-<p>»Mir auch. Ach, hätten wir doch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Stelle dir nur vor, Mary &ndash; er <em class="gesperrt">glaubt</em> an
-mich.«</p>
-
-<p>»Schweig’ still davon &ndash; ich halte es sonst nicht
-aus.«</p>
-
-<p>»Wenn ich dies schöne Lob verdiente &ndash; und
-Gott weiß, ich glaube, früher war das der Fall &ndash;
-so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend Dollars
-dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig
-aufbewahren, es wäre mir mehr wert, als Gold<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
-und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein ewiger
-Vorwurf sein, darum fort mit ihm.«</p>
-
-<p>Er warf das Papier in die Flammen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte.
-Burgeß hatte ihn geschickt; er lautete:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Sie waren mein Retter zur Zeit der Not.
-Zum Dank dafür habe ich Sie gestern gerettet.
-Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit thun, doch
-habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich
-nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so
-gut wie ich, daß Sie ein braver, wackerer und edler
-Mensch sind. Sie wissen, welches Fehltritts man
-mich anklagt, und da man allgemein von meiner
-Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung
-keinen Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß
-Sie mich wenigstens nicht für einen Undankbaren
-halten, wird mir die Last erleichtern, die ich tragen
-muß.</p>
-
-<p class="mright">
-Burgeß.«
-</p>
-</div>
-
-<p>»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen
-Bedingungen!« Er warf den Brief ins Feuer.
-»Ich &ndash; ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte
-die Sache ein für allemal ein Ende.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p>
-
-<p>»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns,
-Eduard. So viel Großmut muß einem schier das
-Herz zermalmen &ndash; und das geht immer Schlag
-auf Schlag.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde
-jedem der zweitausend Wähler als kostbares Erinnerungszeichen
-eine der wohlbekannten falschen
-Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der
-Münze las man am Rand die Inschrift: ›Die
-Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte,
-lauteten&nbsp;&ndash;‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht
-hin und bessert Euch! Pinkerton.‹</p>
-
-<p>So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel
-an Unrat übrig geblieben war, über ein einziges
-Haupt ausgegossen, und die Wirkung war
-verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann
-von neuem und richtete sich ausschließlich
-gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl von
-einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit
-gehabt, ihr Gewissen über die Annahme der Wechsel
-zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe
-mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch
-inne werden, welche Schreckensgestalt eine böse That<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
-annehmen kann, sobald die Möglichkeit ihrer Entdeckung
-vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt
-dadurch eine völlig neue Bedeutung und
-Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag war die Predigt in der
-Kirche ganz so wie immer. Dieselben alten Sachen
-wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die
-Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört,
-ohne sich davon getroffen zu fühlen; es war oft
-ordentlich schwer gewesen, nicht dabei einzuschlafen,
-weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen vorkam.
-Aber auf einmal war das ganz anders. Die
-Predigt schien voller Anschuldigungen und ganz
-besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere Sünde
-vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst
-zu Ende war, wich das Ehepaar so viel wie
-möglich der sie beglückwünschenden Menge aus; von
-unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten
-sie in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs
-sahen sie zufällig von ferne Herrn Burgeß, der
-um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu erwidern.
-Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie
-das nicht wußten, fragten sie sich besorgt, was
-es wohl bedeuten möchte. Sollte er erfahren haben,
-daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-Tag bringen können? Vielleicht wartete er nur
-eine günstige Gelegenheit ab, um die Rechnung
-mit ihm ins reine zu bringen. &ndash; Daheim fingen
-sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd
-müsse sie im Nebenzimmer belauscht haben, als
-Reichard seiner Frau erzählte, er wisse, daß Burgeß
-unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu
-erinnern, daß sie damals dort ein Rascheln gehört
-hätten; kein Zweifel, Sara war die Verräterin.
-Sie riefen die Magd ins Zimmer und
-stellten ihr so unzusammenhängende, wunderliche
-Fragen, daß Sara bald auf den Gedanken kam,
-der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen
-Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun
-unter ihren forschenden, mißtrauischen Blicken errötend
-ängstlich und befangen wurde, sah das Ehepaar
-dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld
-an. Sobald Sara das Zimmer verließ, redeten
-sie weiter über diese Entdeckung und quälten sich
-mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen.
-Plötzlich stöhnte Reichard laut auf.</p>
-
-<p>»Was giebt es? &ndash; Fehlt dir etwas?«</p>
-
-<p>»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt
-erst verstehe ich seinen beißenden Spott. Man kann
-ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er weiß,<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
-daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm
-sein Lob für bare Münze. Du weißt doch, Mary&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt
-hat &ndash; den Zettel mit der erlogenen Aeußerung.
-Ja, das ist entsetzlich.«</p>
-
-<p>»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu
-richten. Einigen Leuten muß er ihn schon gezeigt
-haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht
-an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch
-auch unsern Gruß erwidert, wenn er nichts Böses
-gegen uns im Schilde führte.«</p>
-
-<p>In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen
-und am Morgen verbreitete sich das Gerücht,
-die alten Leute seien ernstlich erkrankt. Die
-gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen
-so unerwartet in den Schoß gefallen war, das
-späte Aufbleiben und die vielen Gratulationsbesuche
-seien schuld daran, meinte der Doktor. Die Hadleyburger
-hörten es mit großer Betrübnis, denn
-dies Ehepaar war ja das einzige, worauf sie noch
-stolz sein konnten.</p>
-
-<p>Zwei Tage später lautete der Bericht noch
-schlimmer: Reichard lag im Fieber und benahm
-sich sehr sonderbar. Nach Aussage der Wärterinnen
-hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf
-die Riesensumme von achtunddreißigtausend Dollars
-ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu einem
-so ungeheuern Vermögen?</p>
-
-<p>Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere
-Dinge zu erzählen. Sie hatten die Wechsel
-in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht
-beschädigt würden, aber als man danach suchte,
-fand man sie unter dem Kissen des Kranken nicht
-mehr; sie waren und blieben verschwunden.</p>
-
-<p>»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte
-Reichard gefragt; »laßt mich in Ruhe!«</p>
-
-<p>»Wir möchten nur, daß die Wechsel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind
-vernichtet. Es war Satanswerk; ich habe das Brandmal
-der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck war,
-mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann
-begann er schreckliche Reden zu führen über ganz
-unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte
-die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen.</p>
-
-<p>Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die
-Fieberphantasien des Kranken ausgeplaudert haben,
-denn bald darauf sprach man in der ganzen Stadt
-davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte
-so gut wie die andern Anspruch auf den Sack<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
-erhoben, was durch Burgeß zuerst verheimlicht und
-dann aus Bosheit verraten worden sei.</p>
-
-<p>Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft
-und meinte, es sei ungerecht, den Worten,
-die ein kranker alter Mann im Fieberwahn geredet,
-irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein
-der Argwohn war nun einmal wach geworden und
-jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.</p>
-
-<p>Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im
-Fieber, und was sie sprach, war nur eine Wiederholung
-von ihres Mannes Reden. Da zweifelte
-niemand mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit
-des einen unbescholtenen Bürgers, den Hadleyburg
-noch unter seinen ersten Familien besessen hatte,
-nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem
-Stolz auf ihn war es ein für allemal vorbei.</p>
-
-<p>Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte
-Ehepaar im Sterben. Kurz vor seinem Tode kam
-Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und
-ließ Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden,
-das Zimmer zu verlassen, da der Kranke gewiß
-wünsche, mit ihm allein zu reden.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben.
-Ihr alle sollt mein Bekenntnis hören, denn ich
-will wie ein Mann sterben und nicht wie ein elender<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span>
-Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig
-&ndash; wie alle übrigen Hadleyburger,
-und gleich meinen Mitbürgern bin ich der ersten
-wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb
-eine Lüge, um in den Besitz des erbärmlichen Sackes
-zu gelangen. Pastor Burgeß erinnerte sich, daß
-ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus
-Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um
-meine Ehre zu retten. Er wußte nicht, daß ich
-die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn geschleudert
-wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften
-können. Aber ich war ein Feigling und gab ihn
-der Schande preis&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis
-verraten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>&ndash; »und darauf that er etwas, das vollständig
-natürlich und gerechtfertigt war. Seine Güte und
-Nachsicht gegen mich reute ihn und er offenbarte
-meine Schuld, wie ich es verdiente.«</p>
-
-<p>»Niemals &ndash; das schwöre ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.«</p>
-
-<p>Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
-predigte tauben Ohren. Der Sterbende hauchte
-seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren,
-daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht
-zugefügt hatte. In der folgenden Nacht starb auch
-die alte Frau Reichard. So war denn der letzte
-der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes
-geworden, und die Stadt hatte ihren alten Ruhm
-für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer darüber
-trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief
-und aufrichtig.</p>
-
-<p>Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg
-von der Regierung die Erlaubnis, einen
-andern Namen anzunehmen (einerlei welchen, ich
-will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten
-Motto seines Stadtsiegels <em class="gesperrt">ein</em> Wort fortzulassen.</p>
-
-<p>Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und
-wer sie noch einmal überrumpeln wollte, der müßte
-früh aufstehen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-110">
- <img src="images/illu-110.jpg" alt="Altes Motto: Führe uns nicht in Versuchung; Neues Motto: Führe uns in Versuchung" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Das_Gesundbeten">Das Gesundbeten.<br />
-<img src="images/illu-111.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p>
-
-<h3>I.</h3>
-
-<p>Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen
-Kur in der Appetitsanstalt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> nach Wien zurückkehrte,
-machte ich einen Abstecher in die Berge. Dabei fiel
-ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und
-brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch
-dies und das. Zum guten Glück fanden mich einige
-Landleute, die einen verlorenen Esel suchten, und
-schafften mich in ihr Haus.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge
-Bd.&nbsp;5.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde
-entfernt; es wohnte dort ein Pferdedoktor, aber kein
-Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade trostverheißend
-für mich; denn ganz offenbar handelte
-es sich bei mir um einen chirurgischen Fall. Doch
-da fiel den guten Leuten ein, daß in jenem Dorf
-eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte,
-und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft
-wäre und alles und jedes heilen könnte. Es<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-wurde also nach ihr geschickt. Da inzwischen die
-Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise
-nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir
-aber Bescheid sagen: Das mache weiter nichts,
-die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort
-›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen
-Morgen ihren Besuch machen; unterdessen
-möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und
-nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre.
-Ich dachte, da müßte wohl irgend ein Mißverständnis
-vorliegen und fragte:</p>
-
-<p>»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig
-Fuß hohe Felswand heruntergefallen bin?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß
-und einen Purzelbaum schlug?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und daß ich nochmals aufschlug und einen
-zweiten Purzelbaum machte?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und
-den dritten Purzelbaum machte?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span></p>
-
-<p>»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es
-handele sich um die Steinblöcke. Warum haben Sie
-ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu Schaden gekommen
-bin?«</p>
-
-<p>»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles,
-was Sie mir aufgetragen hatten: daß Sie vom
-Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine unzusammenhängende
-Reihenfolge von komplizierten
-Knochenbrüchen bildeten, und daß Sie infolge des
-Hervorragens der verschiedenen Knochenteile aussähen
-wie ein Kleiderriegel.«</p>
-
-<p>»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie,
-ich sollte nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter
-los wäre?«</p>
-
-<p>»So sagte sie wörtlich.«</p>
-
-<p>»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der
-Diagnose des Falls nicht die gebührende Aufmerksamkeit
-gewidmet. Sah sie aus wie eine Person,
-die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst
-schon mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre
-abstrakte Wissenschaft auf die Basis persönlicher Erfahrungen
-gründet?«</p>
-
-<p>»Bitte?«</p>
-
-<p>Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich
-nicht in des Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-über ihren Horizont. Ich ließ daher die Sache auf
-sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu
-rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine
-Beine hineinzulegen, und einen Menschen, der dazu
-befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib fluchen zu
-helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.</p>
-
-<p>»Warum nicht?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«</p>
-
-<p>»Aber ich bin hungrig und durstig und habe
-scheußliche Schmerzen!«</p>
-
-<p>»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber
-Sie dürften darauf nicht achten. Ganz besonders
-ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken, daß es
-so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar
-nicht gibt.«</p>
-
-<p>»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«</p>
-
-<p>»Sie sagte so.«</p>
-
-<p>»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz
-eines normal funktionierenden Intellekts sei?«</p>
-
-<p>»Bitte?«</p>
-
-<p>»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man
-sie angebunden?«</p>
-
-<p>»Angebunden?«</p>
-
-<p>»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind
-ein gutes Mädel, aber Ihr geistiges Geschirr ist<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-nicht auf leichte und anregende Gespräche eingerichtet.
-Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹
-allein.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>II.</h3>
-</div>
-
-<p>Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht
-&ndash; wenigstens hielt ich sie dafür, denn es waren
-alle Symptome vorhanden&nbsp;&ndash;, doch schließlich nahm
-auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen
-Wissenschaft kam, und ich war froh darüber.</p>
-
-<p>Sie stand in mittleren Jahren, war breit,
-knochig und hoch gewachsen, hatte ein strenges Gesicht,
-eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade
-und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der
-dritten Potenz und hieß Fuller. Ich wünschte sehr
-dringend, daß sie sofort ans Werk ginge, damit
-ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit,
-die mich beinahe zur Verzweiflung
-brachte. Zunächst hatte sie Nadeln auszuziehen,
-Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem
-sie dies &ndash; immer hübsch eins nach dem anderen
-&ndash; getan, nahm sie ihre Sachen ab, strich
-mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die
-Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab
-und verwahrte sie, zog ein Buch aus ihrer Handtasche,<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-schob einen Stuhl neben mein Bett, ließ
-sich &ndash; aber ohne jede Uebereilung &ndash; auf diesen
-nieder, und ich &ndash; ließ meine Zunge heraushängen.
-Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne jede Aufregung:</p>
-
-<p>»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir
-haben’s mit der Seele zu tun und nicht mit deren
-unbelebten Werkzeugen.«</p>
-
-<p>Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr
-nicht anbieten, da das Handgelenk gebrochen war;
-aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb entschuldigen
-wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte,
-und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung
-an, daß der Puls ebenfalls zu den unbelebten
-Werkzeugen gehörte, wofür sie keine Verwendung
-hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten,
-wenn ich ihr sagte, wie mir zumute wäre, damit
-sie danach meinen Fall beurteilen könnte; aber das
-war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte
-so etwas nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung
-darüber, wie ich mich fühlte, war sogar eine ganz
-falsche Ausdrucksweise.</p>
-
-<p>»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl
-gibt’s überhaupt nicht; wenn Sie also etwas
-nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen, so ist<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren
-tut nur die Seele; die Seele aber kann
-keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn sich nur vorstellen.«</p>
-
-<p>»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das
-doch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann
-nicht als Wirklichkeit sich äußern. Schmerz ist unwirklich;
-also <em class="gesperrt">kann</em> Schmerz nicht weh tun.«</p>
-
-<p>Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen,
-wie sie den eingebildeten Schmerz aus
-dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei ritzte
-sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt
-sitzenden Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr
-ruhig fort:</p>
-
-<p>»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie
-sich fühlen, und sollten auch anderen nicht erlauben,
-eine derartige Frage an Sie zu richten; Sie sollten
-niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten
-auch andere Leute nicht in Ihrer Gegenwart von
-Krankheit oder Tod oder derartigen Nichtwirklichkeiten
-sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt
-nur die Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen
-Einbildungen hinzugeben.«</p>
-
-<p>Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
-der Katze auf den Schwanz, und das Tier
-schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben
-eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen
-versteht. Ich fragte mit möglichst unschuldigem
-Gesicht:</p>
-
-<p>»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen
-hat, von irgend welchem Wert?«</p>
-
-<p>»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen
-kommen nur aus der Seele; die niederen Tiere,
-die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind,
-haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist
-eine Meinung unmöglich.«</p>
-
-<p>»Das ist eigentümlich und interessant. Ich
-möchte wohl wissen, was eigentlich mit der Katze
-los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht gibt,
-und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur
-in der Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen,
-so hat allem Anscheine nach Gott in seinem
-Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer
-geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die
-sich in dem Augenblick bemerkbar macht, wo das
-Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser Gemütsbewegung
-stimmen dann Katze und Christenmensch
-gewissermaßen überein, indem&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-davon! Die Katze fühlt nichts, der Christenmensch
-fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten Vorstellungen
-sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht bekommen
-könnte. Es ist klüger und besser und frömmer,
-wenn Sie anerkennen und offen zugeben, daß
-Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht existieren.«</p>
-
-<p>»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen
-Schmerzen,« antwortete ich, »aber mir könnte nicht
-elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen
-wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«</p>
-
-<p>»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden;
-denn sie existieren ja gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen,
-die durch die Materie weiter verbreitet
-werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar
-keine Materie.«</p>
-
-<p>»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber
-doch außerordentlich unbestimmt; es schlüpft einem
-durch die Finger, wenn man gerade eben denkt,
-man halte es gepackt.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht
-existiert, wie kann Materie was weiterverbreiten?«</p>
-
-<p>In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie
-würde sogar wirklich gelächelt haben, wenn es so
-was wie Lächeln überhaupt gäbe.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p>
-
-<p>»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren
-der Christlichen Wissenschaft beweisen es, und
-diese sind in den folgenden vier keines Beweises
-bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>1. Gott ist alles in allem.</p>
-
-<p>2. Gott ist gut. Gott ist Seele.</p>
-
-<p>3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.</p>
-
-<p>4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich
-Tod, Uebel, Sünde, Krankheit.</p>
-</div>
-
-<p>»Da &ndash; da haben Sie’s!«</p>
-
-<p>Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien
-mir mit der von mir aufgeworfenen Schwierigkeit,
-nämlich wie nicht vorhandene Materie Wahnvorstellungen
-weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste
-zu tun zu haben. Ich sagte daher etwas
-zögernd:</p>
-
-<p>»Be&nbsp;… beweist das wirklich etwas?«</p>
-
-<p>»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s
-rückwärts gelesen wird!«</p>
-
-<p>Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.</p>
-
-<p>»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich
-Gott allmächtiger Guter Leben Materie
-ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott
-Gut ist Gott alles in allem ist Gott. So &ndash; verstehen
-Sie’s jetzt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span></p>
-
-<p>»Es … es … hm, es ist klarer als vorher;
-indessen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na?«</p>
-
-<p>»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere
-Arten versuchen?«</p>
-
-<p>»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen:
-die Bedeutung bleibt immer dieselbe. Sagen Sie die
-Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es kann
-niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es
-nämlich vollkommen ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel
-daraus: ganz einerlei &ndash; es kommt immer
-dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war.
-Nur aus einem wunderbaren Geist konnten diese
-Lehrsätze hervorgehen. Als eine geistige Kraftleistung
-haben sie nicht ihresgleichen; sie sind gleichzeitig
-einfach, faßbar und unergründlich tief.«</p>
-
-<p>»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«</p>
-
-<p>»Wie fühlen Sie sich?«</p>
-
-<p>»Ich meine &ndash; die Leitsätze sind ein wunderbares
-Gewebe &ndash; eine Zusammenstellung, sozusagen,
-von tiefem Gedanken &ndash; von unausdenkbaren
-Gedanken &ndash; von&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder
-vorwärts oder senkrecht oder in irgend einer Diagonale
-&ndash; stets werden Sie finden, daß unsere vier<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; Beweis! Nun kommen wir dazu! Die
-Behauptungen stimmen; sie stimmen zu … zu …
-na, jedenfalls <em class="gesperrt">stimmen</em> sie; das habe ich gemerkt.
-Aber was beweisen sie denn nun eigentlich &ndash; ich
-meine: im Besonderen?«</p>
-
-<p>»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres
-geben! Sie beweisen:</p>
-
-<p>»1. Gott &ndash; Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe,
-Seele, Geist, Vernunft. Begreifen Sie das?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte,
-weiter!«</p>
-
-<p>»2. Mensch &ndash; Gottes Weltidee, individuell,
-vollkommen, ewig. Ist das klar?«</p>
-
-<p>»Es &ndash; ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«</p>
-
-<p>»3. Idee &ndash; eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare
-Gegenstand des Erkennens. Da haben
-Sie’s &ndash; das ganze erhabene Geheimnis Christlicher
-Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine
-schwache Stelle daran?«</p>
-
-<p>»Hm &ndash; nein; es sieht stark aus.«</p>
-
-<p>»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe
-bilden die Wissenschaftliche Definition der unsterblichen
-Seele. Dann haben wir zunächst noch die<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele.
-Nämlich so: <em class="gesperrt">Erster Grad</em>: Entartung: 1. Physisch:
-Leidenschaften und Begierden, Furcht, verkümmerter
-Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß,
-Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«</p>
-
-<p>»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten,
-wenn ich Sie recht verstehe!«</p>
-
-<p>»Ja, alle ohne Ausnahme! <em class="gesperrt">Zweiter Grad</em>:
-Das Uebel auf dem Abzuge. 1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit,
-Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube,
-Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«</p>
-
-<p>»Wie Kristall!«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Dritter Grad</em>: Geistige Erlösung. 1. Geistig:
-Glaube, Weisheit, Kraft, Reinheit, Erkenntnis,
-Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie fein ausgeklügelt,
-wie koordiniert, von einander abhängend, wie anthropomorph
-das alles ist. In diesem dritten Stadium
-&ndash; das wissen wir durch die Offenbarungen der
-Christlichen Wissenschaft &ndash; verschwindet die menschliche,
-nicht unsterbliche Seele.«</p>
-
-<p>»Nicht früher?«</p>
-
-<p>»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung
-und die Vorbereitung auf die dritte Stufe vollendet
-ist.«</p>
-
-<p>»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-stande, sich die Christliche Wissenschaft in wirksamer
-Weise und mit richtigem Verständnis für die Seelenverwandtschaft
-zu eigen zu machen, wenn ich Sie
-recht verstehe. Das heißt also: während der im
-zweiten Stadium sich vollziehenden Vorgänge ließe
-sich ein solcher Erfolg nicht erreichen, weil da noch
-einige Reste von gemeiner Vernunft<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> vorhanden
-sein würden; und deshalb &ndash; aber ich habe Sie
-unterbrochen. Sie wollten des näheren auf die
-guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen
-Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar
-werden. Es ist sehr interessant; fahren Sie, bitte,
-fort!«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes
-Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹ nicht
-in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B. das Wort
-<em class="antiqua">mind</em> die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele, Absicht, Wille,
-Geist, Verstand und noch viele andere. Der Uebersetzer hat es
-für richtig gehalten, in der Wiedergabe auf den Gleichklang der
-Worte zu verzichten und dafür, wo es nur irgend anging, die
-spöttische Absicht des Humoristen erkennbar werden zu lassen.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium
-verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche
-Seele. Unsere Wissenschaft stellt das, was den körperlichen,
-menschlichen Sinnen für Augenschein gilt,
-vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren
-Herzen die Wahrheit des Bibelwortes: ›Die<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
-Letzten sollen die Ersten sein, und die Ersten sollen
-die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein
-Begriff für uns allumfassend sein &ndash; worin ja eben
-Göttlichkeit besteht und, ihrem Wesen nach, notwendigerweise
-bestehen muß.«</p>
-
-<p>»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit
-bekräftigen Ihre so sorgfältig gewählten Worte
-den unumstößlichen Beweis von der machtvollen Wirkung
-des dritten Grades! Der zweite Grad könnte
-wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit
-hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten,
-sie zu einer dauernden zu machen. Ein
-Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums
-gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung
-an sich haben &ndash; ich meine, er könnte
-trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit
-ihm ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre &ndash;
-und nur unter dem magischen Einfluß des dritten
-Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es
-ist daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die
-Christliche Wissenschaft eine weitere, sehr bemerkenswerte
-Eigenschaft verdankt: nämlich leichtes Gleiten
-klingenden Wortschwalls und Rhythmus und
-Schwung und Glätte! Dies muß doch wohl auf
-einer ganz besonderen Ursache beruhen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p>
-
-<p>»Ja &ndash; Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie,
-Materialisation, Geist, Knochen, Wahrheit.«</p>
-
-<p>»Das erklärt die Sache!«</p>
-
-<p>»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft,
-was unerklärlich wäre; denn Gott ist Eins, Zeit
-ist Eins, Individualität ist Eins; diese letztere aber
-kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen,
-wie zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles
-Pferd. Gott dagegen ist Eins &ndash; nicht
-Eins in einer Serie, sondern Eins für sich allein
-und ohne seinesgleichen.«</p>
-
-<p>»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in
-einem den brennenden Wunsch, mehr zu erfahren.
-Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die geistige
-Beziehung zwischen systematischer <span id="corr128">Dualität</span> und
-accidentieller Deflektion?«</p>
-
-<p>»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren
-Beziehungen zwischen Seele und Körper völlig
-um &ndash; sie macht den Körper der Seele tributpflichtig.
-In gleicher Weise hat die Astronomie die
-menschlichen Vorstellungen von der Bewegung des
-Sonnensystems umgekehrt. Die Erde bewegt sich,
-die Sonne dagegen steht still &ndash; obwohl der Mensch,
-wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-denkt, es sei doch unmöglich, daß die Sonne sich
-nicht bewege. So ist auch der Leib nur der niedrige
-Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten
-Sinnen anders erscheint. Aber dies werden
-wir niemals begreifen, so lange wir glauben,
-daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die
-Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der
-Mensch Ereignis werde. Seele ist Gott, unveränderlich
-und ewig; und der Mensch existiert neben der
-Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn
-das Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und
-das Allzusammen umfaßt das All-Eins, Seelengeist,
-Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber &ndash;
-Eins von einer Serie, allein und ohnegleichen.«</p>
-
-<p>Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei
-der Christlichen Wissenschaft die Worte hervorschießen.
-Besonders im dritten Stadium; da prasselt’s,
-daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen
-Gedanken behielt ich für mich.</p>
-
-<p>»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft?
-Ist sie ein Geschenk Gottes, oder kam sie
-nur zufällig zum Vorschein?«</p>
-
-<p>»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes.
-Das will sagen: ihre wirkungsvollen Eigenschaften
-stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese Eigenschaften<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben
-&ndash; dieser Ruhm gebührt einer Amerikanerin.«</p>
-
-<p>»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«</p>
-
-<p>»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige
-Jahr, in welchem Schmerz und Krankheit
-und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde verschwanden.
-Das heißt: es verschwanden die Einbildungen,
-die man mit diesen Ausdrücken bezeichnet.
-Die Dinge selber hatten überhaupt niemals
-existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß
-es solche Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen
-schnell los zu werden. Die Geschichte und
-Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch
-hier niedergelegt und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schrieb die Dame das Buch?«</p>
-
-<p>»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende,
-eigenhändig. Der Titel lautet:</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Wissenschaft und Gesundheit<br />
-mit Schlüssel zur Heiligen Schrift</em>
-</p>
-
-<p class="noind">&ndash; denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch
-begriffen hat. Nicht mal die zwölf Apostel. Sie
-beginnt folgendermaßen &ndash; ich will’s Ihnen vorlesen.«</p>
-
-<p>Aber sie hatte ihre Brille vergessen.</p>
-
-<p>»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-die Worte im Gedächtnis &ndash; wie überhaupt alle
-in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten das Buch
-auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis
-unbedingt notwendig. Sonst könnten wir Versehen
-machen und Schaden anrichten. Sie beginnt also:
-›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der
-metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche
-Wissenschaft.‹</p>
-
-<p>»Und sie sagt weiter &ndash; meiner Meinung nach
-sind das herrliche Worte: ›Durch die Christliche
-Wissenschaft ist der Religion und der Medizin eine
-göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht;
-Glaube und Erkenntnis erhalten neue Schwingen,
-vereinigen sich verständnisvoll mit Gott.‹ Das sind
-ihre eigenen Worte.«</p>
-
-<p>»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist
-schön &ndash; Medizin mit Religion zu vermählen statt
-nach der alten Mode mit dem Totengräber. Denn
-Religion und Medizin gehören so recht eigentlich
-zusammen, sie bilden ja die Grundlage aller geistigen
-und körperlichen Gesundheit … Was für Medizin
-geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie
-zum Beispiel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen
-Umständen Medizin. Wir&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span></p>
-
-<p>»Aber, meine Gnädige, es lautet doch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich
-wünsche nicht darüber zu sprechen.«</p>
-
-<p>»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten
-bin; aber es schien doch in dem Angeführten
-eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen
-Wissenschaft. Das ist ganz ausgeschlossen, denn
-unsere Wissenschaft ist absolut. Anders kann es auch
-gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von dem
-Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen,
-Glaube, Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen.
-Unsere Wissenschaft ist Mathematik, die von
-materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt ist.«</p>
-
-<p>»Das sehe ich wohl, aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage
-eines apodiktischen Prinzips.«</p>
-
-<p>Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein,
-und ich kam dadurch ein bißchen in Verwirrung;
-doch bevor ich mich nach der Bedeutung erkundigen
-konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über
-die Dunkelheit, indem sie fortfuhr:</p>
-
-<p>»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute
-Prinzip unserer Wissenschaftlichen Geistesheilkunst,
-die unumschränkte Omnipotenz, die uns Menschenkinder<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span>
-von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit
-und überhaupt von jedem Uebel, das des
-Fleisches Erbteil ist.«</p>
-
-<p>»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von
-jedem Kräfteverfall?«</p>
-
-<p>»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s
-nicht; Kräfteverfall existiert nicht; dieser Begriff
-ist eine Unwirklichkeit.«</p>
-
-<p>»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich
-haben, können Sie mit Ihrer geschwächten Sehkraft
-nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein;
-keine einzige unserer Fähigkeiten kann schwächer
-werden; die Seele ist Meister, und die Seele kennt
-keinen Rückschritt!«</p>
-
-<p>Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des
-dritten Stadiums; es konnte daher keinen Zweck
-haben, die Unterhaltung in dieser Richtung fortzusetzen.
-Ich verließ also dieses Gebiet und wandte
-mich mit meinen Fragen wieder der Entdeckerin
-der Christlichen Wissenschaft zu:</p>
-
-<p>»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike,
-oder war sie das Ergebnis einer langen sorgfältigen
-Berechnung, wie Amerika?«</p>
-
-<p>»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-sie ziehen nichtige Dinge heran, aber darüber wollen
-wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit der Entdeckerin
-eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich
-gnädiglich viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung
-des absoluten Prinzips Wissenschaftlicher
-Geistesheilkunst zu empfangen.‹«</p>
-
-<p>»Viele Jahre lang. Wie viele?«</p>
-
-<p>»Achtzehnhundert.«</p>
-
-<p>»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber,
-Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen &ndash;
-das ist erstaunlich!«</p>
-
-<p>»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr.
-Aber es ist nichts als die reine Wahrheit. Diese
-amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige
-Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet
-und angekündigt im zwölften Kapitel der Offenbarung
-Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar
-nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er
-ihren Namen genannt hätte.«</p>
-
-<p>»Wie seltsam, wie wunderbar!«</p>
-
-<p>»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen
-Schrift‹ ihre eigenen Worte anführen: ›Das zwölfte
-Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz besondere
-Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹
-Beachten Sie ja diese wichtigen Worte!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p>
-
-<p>»Ja … aber … was bedeuten sie?«</p>
-
-<p>»Hören Sie zu &ndash; und Sie werden den Sinn
-verstehen! Ich zitiere abermals die ihr von Gott
-eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des sechsten
-Siegels‹ &ndash; ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend,
-das seit Adams Tagen verflossen &ndash; findet sich
-eine ganz eigentümliche Einzelheit, die in besonderem
-Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu beziehen
-ist. Nämlich:</p>
-
-<p>»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß
-Zeichen am Himmel, ein Weib mit der Sonne bekleidet,
-und der Mond unter ihren Füßen, und auf
-ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹</p>
-
-<p>»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin
-der Christlichen Wissenschaft &ndash; nichts kann einfacher
-und gewissenhafter sein! Und bemerken Sie ferner:</p>
-
-<p>»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in
-die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott.‹
-&ndash; Das ist Boston.«</p>
-
-<p>»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene
-Dinge, die einen tiefen Eindruck machen.
-Ich habe diese Bibelstellen früher niemals richtig
-verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den … mit
-den … Beweisen.«</p>
-
-<p>»Sehr gern. Hören Sie:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p>
-
-<p>»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen
-starken Engel vom Himmel herab kommen,
-der war mit einer Wolke bekleidet, und ein Regenbogen
-auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die
-Sonne, und seine Füße wie die Feuerpfeiler.</p>
-
-<p>»›Und er hatte in seiner Hand <em class="gesperrt">ein Büchlein</em>
-aufgetan&nbsp;…‹</p>
-
-<p>»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein&nbsp;&ndash;,
-können Worte sich bescheidener ausdrücken? Und doch
-von welch überwältigender Bedeutung ist diese Stelle!
-Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’
-es hier in meiner Hand &ndash; die ›Christliche Wissenschaft.‹«</p>
-
-<p>»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit,
-Nieren, Eins von ’ner Serie, allein und ohnegleichen
-&ndash; es ist ein Wunder, das alle menschliche Einbildungskraft
-übersteigt!«</p>
-
-<p>»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte:
-›Dann wird eine Stimme aus der Himmelsharmonie
-rufen: &ndash; Gehe hin und nimm das Büchlein; nimm’s
-und iß es; es wird deinen Magen bitter machen,
-in deinem Munde aber wird es sein wie Honig. &ndash;
-Sterblicher, gehorche der himmlischen Botschaft.
-Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies
-es von Anfang bis zum Ende. Studiere es mit<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-heißem Bemühen! Ja, der erste Geschmack wird dir
-süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest;
-aber murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die
-Verdauung bitter findest!‹ Sie kennen jetzt, mein
-Herr, diese Geschichte unserer geliebten und geheimen
-Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung,
-sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt
-ist. Ich will Ihnen das Buch hier lassen und will
-jetzt gehen, aber machen Sie sich darum keine Sorgen
-&ndash; ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen
-die Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>III.</h3>
-</div>
-
-<p>Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und
-der Fernbehandlung begannen meine Knochen sich
-allmählich wieder nach innen zu ziehen und von
-der Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache
-erst mal ordentlich in Schuß gekommen war, ging
-es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und streckte
-sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der
-anderen Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß
-erforderte, und alle paar Minuten hörte
-ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich,
-daß wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich
-glücklich zusammengefunden hatten. Dieses gedämpfte<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-Knaxen und Reiben und Schieben dauerte
-ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch;
-dann hörte es auf &ndash; alles hatte sich wieder zurechtgeschoben.
-Das heißt: die Verrenkungen blieben
-noch; indessen diese waren nur sieben an der
-Zahl, nämlich in je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken
-und außerdem noch im Genick. Diese kleinen
-Schäden waren also bald behoben; eins nach dem
-anderen glitten die Glieder in ihre richtige Lage
-hinein; das gab jedesmal einen Ton, wie wenn
-in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann
-sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder
-so gut wie neu, und ich ließ den Pferdedoktor
-holen.</p>
-
-<p>Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken
-und schweres Kopfweh hatte; ich wollte aber diese
-Sachen nicht länger in den Händen einer mir unbekannten
-Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten
-in Bezug auf die Behandlung gewöhnlicher
-Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren hatte. Und
-das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz
-und das Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig
-mit den Knochenbrüchen in ihre Behandlung genommen,
-und es hatte sich nicht ein bißchen damit
-gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-heftiger, wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar
-nichts gegessen und getrunken hatte.</p>
-
-<p>Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der
-seinen Beruf ernst nahm und ein hoffnungsvolles
-Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch sehr
-aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit
-Pferden an, und ich versuchte daher, ihn zu einer
-Fernbehandlung zu bereden; indessen darauf war er
-nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl
-nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne
-und befühlte meine Knieflechsen und sagte, mein
-Alter und Allgemeinbefinden wären einer tatkräftigen
-Behandlung günstig; er wollte mir daher
-etwas eingeben, um aus dem Magendrücken eine
-Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht zu machen;
-dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und
-wüßte, was er zu tun hätte. Er machte einen
-Eimer voll Kleienmengfutter zurecht und sagte,
-davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle
-voll und abwechselnd damit ein gleiches
-Quantum von einer Pferdemedizin einnehmen, als
-deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere
-erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen
-würden mir binnen vierundzwanzig Stunden
-jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß
-ich darüber die augenblicklich vorhandenen Leiden
-vergessen würde. Die erste Dosis verabreichte er
-mir selber und empfahl sich dann, indem er noch
-sagte, ich könnte essen und trinken, was ich möchte,
-und so viel ich möchte. Aber ich war nicht im
-geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts
-aus dem Essen.</p>
-
-<p>Ich nahm das Büchlein von der Christlichen
-Wissenschaft und las die erste Hälfte davon, dann
-nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die andere
-Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren
-recht interessant und voll Abwechselung. Während
-es infolge der Verwandlung des Leibwehs zur Kolik
-und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem Inneren
-knurrte und rummelte, konnte ich den edlen
-Streit beobachten, den das Mengfutter und der
-Terpentintrank und die Literatur um die Oberherrschaft
-führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende,
-und es war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der
-Erfolg hätte sich mit Aufgebot geringerer Mittel
-erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das Kleiengemengsel
-nötig war, um aus dem Magendrücken
-eine richtige Kolik zu machen, aber zur Erzeugung der
-Drehsucht hätte wohl die Literatur allein genügt.<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu
-stande gebrachte Drehsucht von besserer Qualität
-und dauerhafter wäre, als ein Pferdedoktor sie jemals
-mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen
-könnte.</p>
-
-<p>Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen
-und jeder Erläuterung spottenden Büchern,
-die die menschliche Phantasie gezeitigt hat, ist dieses
-Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer
-grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit
-einer stürmischen, ernsthaften Leidenschaft, die oft den
-Eindruck von Beredsamkeit macht, selbst wenn die
-Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand
-haben. Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie
-verständen dieses Buch &ndash; das weiß ich sehr wohl,
-denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen; aber
-das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich
-einbildeten, Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es
-nicht, und Wirklichkeiten wären überhaupt nicht auf
-der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert
-ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese
-Herrschaften von der Christlichen Wissenschaft reden,
-so machen sie’s wie Frau Fuller, sie sprechen nicht
-ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie
-sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-hervor, und überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden,
-daß sie keine eigenen Gedanken äußerten,
-sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band
-auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s
-eine Bibel &ndash; eine zweite Bibel, sollte ich vielleicht
-sagen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Keinem Menschen &ndash; mir jedenfalls nicht! &ndash;
-ist es zweifelhaft, daß der Geist einen mächtigen Einfluß
-auf den Körper ausübt. So lange die Welt steht,
-haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager,
-der Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher,
-der wissenschaftlich gebildete Arzt, der Mesmerist
-und der Hypnotist sich des Klienten <em class="gesperrt">Einbildung</em>
-zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung
-und Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt.
-Aerzte heilen manchen Patienten mit einer Pille von
-Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die Krankheit
-nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen
-zum Doktor die Brotpille wirksam macht.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Glaube an den Arzt.</em> Vielleicht ist das das
-Ganze. Wenigstens sieht es so aus. In alten Zeiten
-heilte der König den Kropf<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> durch die Berührung<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
-mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz
-erstaunliche Kuren. Hätte sein Lakai das fertig
-bringen können? Nein &ndash; nicht in seinen eigenen
-Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König verkleidet
-gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran
-nicht zweifeln. Ich glaube, wir können als sicher
-annehmen, daß in allen diesen Fällen nicht des
-Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern
-des Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen
-Handauflegens. Sehr bemerkenswerte unanzweifelbare
-Heilungen sind durch Berühren mit den
-Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich
-irgend ein anderer Knochen denselben
-Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken die Unterschiebung
-unbekannt geblieben wäre? In meiner
-Knabenzeit stand eine Bauernfrau, die nicht weit
-von unserem Dorfe wohnte, in großem Ruf als
-›Glaubensdoktorin‹ &ndash; so nannte sie sich selber. Aus
-der ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte
-ihre Hand auf sie und sprach: »Glaubet &ndash; weiter ist
-nichts nötig!« Und die Leute gingen von dannen
-und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös
-und machte keinen Anspruch darauf, über geheime
-Kräfte zu verfügen. Sie sagte, nur des Patienten
-Glaube an sie bringe die Wirkung hervor.<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-Mehrmals sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen
-auf der Stelle kurierte. Die Leidende war meine
-eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich aus
-fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten
-Viertel des 19. Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene
-Sekten aufgetaucht, die sich mit der Behandlung
-von Krankheiten befassen. Sie haben mit
-ihrem arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge
-aufzuweisen. Ich nenne hier nur die Glaubenskur,
-die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft.
-Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe
-desselben alten erprobten Werkzeuges: der Einbildung
-ihrer Kranken. Ihre Namen sind verschieden,
-aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen
-sie dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr
-Vorgehen ein nur ihr allein eigentümliches sei.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Der Kropf heißt englisch <em class="antiqua">the kings evil</em>.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen
-&ndash; darüber kann kein Zweifel obwalten. Und die
-Glaubenskur und die Gebetskur richten wahrscheinlich
-keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes
-leisten sollten. Denn sie verbieten dem Patienten
-nicht, der Kur mit ärztlicher Behandlung zu Hilfe
-zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet.
-Die anderen aber wollen von Medizinen
-nichts wissen und behaupten, jede erdenkliche menschliche<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
-Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer
-geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten,
-sie könnten Krebs beseitigen, auch andere Leiden, die
-sich, seitdem Menschen auf der Erde sind, als unheilbar
-erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht
-ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl
-etwas zu viel. Das Publikum würde wahrscheinlich
-mehr Vertrauen haben, wenn weniger versprochen
-würde.</p>
-
-<p>Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht
-Gottes Gleichen seien; nur die Christliche Wissenschaft
-erhebt öffentlich den Anspruch, Gleiches zu
-leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten
-Bibel der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften
-sich sogar für mehr. In der gewöhnlichen
-Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als
-Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen
-Wissenschaft wissen’s besser. Wissen’s besser und
-sagen’s ohne Zaudern frei heraus.</p>
-
-<p>Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken
-und mein Kopfweh zu kurieren; aber der
-Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der Ueberzeugung,
-daß die Christliche Wissenschaft zu viel
-verspricht. Meiner Meinung nach sollte sie sich mit
-inneren Krankheiten nicht abgeben, sondern sich auf<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem
-das Seine.</p>
-
-<p>Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer
-ab, ich gab ihm das Doppelte. Frau Fuller schickte
-mir eine spezifierte Rechnung über die Heilung von
-234 Knochenbrüchen &ndash; für jeden Bruch einen
-Dollar!</p>
-
-<p>»Nichts existiert als die Seele?«</p>
-
-<p>»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos,
-alles andere ist imaginär.«</p>
-
-<p>Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt
-hat sie mich auf substantielle Dollars verklagt. Das
-scheint inkonsequent zu sein.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>IV.</h3>
-</div>
-
-<p>Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir
-alle teilweise geisteskrank sind. Dadurch werden wir
-uns gegenseitig besser verstehen, manches Rätsel wird
-sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren
-und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach
-herausstellen.</p>
-
-<p>Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt
-befinden oder nicht in eine solche hineingehören,
-sind ohne Zweifel in einer oder zwei Einzelheiten
-verrückt &ndash; ich glaube, dies müssen wir alle zugeben;<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem
-übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von
-einem Ding die gleiche Meinung haben, so steht
-es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß, soweit
-dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand
-vollkommen gesund ist. Nun gibt es ja etliches,
-worüber wir alle einer Meinung sind; wir nehmen
-die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns
-nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle,
-die wir nicht in einer Anstalt sind, folgende Sätze
-gelten: Wasser bemüht sich stets, eine wagerechte
-Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und
-Wärme. Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel
-ist feucht. Sechs mal sechs ist sechsunddreißig. Zwei
-von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.</p>
-
-<p>Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber
-wir einig sind. Aber wenn es auch so wenig sind,
-so sind sie doch von unschätzbarem Wert, denn sie
-bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit.
-Wer diese Sätze anerkennt, der ist für
-uns hinreichend zurechnungsfähig, er ist in allem
-Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen
-einzigen von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen
-wir, daß er völlig geisteskrank ist &ndash; reif fürs
-Irrenhaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span></p>
-
-<p>Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen
-Sätzen bestreitet, erkennen wir das Recht zu, frei
-umhergehen zu dürfen &ndash; aber mehr können wir
-ihm auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß
-in allen Dingen, wo es sich um eine bloße Meinung
-handelt, der Mann geisteskrank ist &ndash; gerade so
-geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank
-wie Shakespeare war, wie’s der Papst ist. Und
-wir können genau, sozusagen mit dem Finger, die
-Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank
-ist er in allem, worin seine Meinung von der
-unsrigen abweicht.</p>
-
-<p>Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht
-behalten läßt. Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier
-Presbyterianer, den Koran prüfe, so
-weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner
-geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier
-Mohammedaner den Westminsterschen Katechismus
-prüft, so weiß er, daß ohne jede Frage Mark
-Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen,
-daß er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen
-kann man überhaupt niemals etwas beweisen, &ndash;
-das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit und beweist
-auf das schlagendste das Vorhandensein derselben.
-Er kann auch mir nicht beweisen, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-geisteskrank bin, denn mein Verstand leidet an denselben
-Mängeln wie der seinige. In Amerika sind
-alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen
-merkt es; nur die Republikaner und die Mugwumps
-wissen’s. Alle Republikaner sind verrückt, aber nur
-die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es
-zu bemerken. Die Regel trifft immer zu: <em class="gesperrt">in allen
-Ansichtssachen sind unsere Gegner verrückt</em>.
-Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich
-oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke
-sehen zu müssen!</p>
-
-<p>Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen,
-duldsam gegen die Verrücktheiten unseres Nächsten
-zu sein. Ich sehe, daß in seinem besonderen Glauben
-der Anhänger der Christlichen Wissenschaft geisteskrank
-ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich;
-trotzdem aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen,
-weil ich ebenso verrückt bin, wie er &ndash; verrückt
-von <em class="gesperrt">seinem</em> Standpunkt aus, und sein Standpunkt
-hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige
-und ist ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller.
-In Fragen der Religion oder Politik ist die Meinung
-des blödesten Schwachkopfes soviel wert wie die des
-erleuchtetsten Geistes &ndash; einen roten Heller. Warum?
-Sehr einfach: Die positive Meinung eines<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-Schwachkopfes wird aufgehoben durch die negative
-Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines Nachbarn
-&ndash; es kommt also zu keinem Ergebnis. Die
-positive Meinung des Geistesriesen Gladstone wird
-aufgehoben durch die negative Meinung des Geistesriesen
-Kardinal Newman &ndash; es kommt also ebenfalls
-zu keinem Ergebnis. Meinungen, die nichts
-beweisen, sind natürlich wertlos. Wir müssen daher
-die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben,
-daß in Streitfragen über Politik und Religion die
-Meinung eines Menschen nicht mehr wert ist als die
-seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines Menschen
-Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert
-besitzt. Der Gedanke ist demütigend, aber man kommt
-nicht darum herum: es ist eine ganz einfache Tatsache
-&ndash; so klar und einfach, wie 7&nbsp;+&nbsp;8&nbsp;=&nbsp;15.</p>
-
-<p>Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich
-wohl, ohne jemanden damit zu beleidigen, wiederholen,
-daß die Anhänger der Christlichen Wissenschaft
-verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit
-liegen; ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch
-viel weniger vor, daß sie verrückter seien als die
-anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre Verrücktheit
-ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p>
-
-<p>Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie
-in einer sehr wichtigen und sehr wertvollen Einzelheit
-vernünftiger sind als die große Mehrzahl ihrer
-Mitmenschen.</p>
-
-<p>Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits:
-weil ihre Meinungen nicht die unsrigen sind. Einen
-anderen Grund kenne ich nicht &ndash; und ich brauche
-auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter
-als deine oder meine, weil sie so grotesk
-ist. Da ist zum Beispiel das ›Büchlein‹, wovon
-ich vorhin sprach. &ndash; Dieses ›Büchlein‹, das vor
-achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der
-Offenbarung hoch oben am Himmel zeigte, und das
-jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker G. Eddy
-aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort
-für Wort &ndash; mit etlicher Nachhilfe &ndash; ins Englische
-übertragen wurde. Sie hat’s veröffentlicht und in
-Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat an
-jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent!
-Dieser Profit gehört offenbar eigentlich dem
-apokalyptischen Engel &ndash; mag er nur versuchen,
-ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den
-Anhängern der Christlichen Wissenschaft sehr häufig
-einfach als ›das Büchlein‹ bezeichnet &ndash; die Gänsefüßchen
-dürfen ja nicht vergessen werden &ndash; um sich<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen.
-Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude
-ganz neu wieder auf und malt und schmückt
-es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit
-Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten
-der Neuzeit‹. Das Büchlein zieht jetzt anscheinend
-an einer Deichsel und Seite an Seite mit
-der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s
-mit ihr Tandem fahren, und zwar wird dann das
-Büchlein <em class="gesperrt">vorn</em> ziehen.</p>
-
-<p>Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine
-zu ferne Zukunft. Vielleicht stimmt es besser, wenn
-ich statt fünfzig Jahre deren fünf annehme, denn
-eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends
-von einigen Beobachtungen, die sie in der Bostoner
-Moschee der Christlichen Wissenschaft gemacht habe,
-und wonach es allerdings den Anschein hat, als
-ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin
-in Aussicht gestellte Schauspiel zu warten brauchen.
-An der einen Wand bemerkte sie eine Anzahl Sprüche
-aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet
-mit des Heilands Initialen: <em class="antiqua">J. C.</em> An der gegenüberstehenden
-Wand waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹.
-Diese waren ebenfalls unterzeichnet &ndash; wohl
-ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-man mich. O nein &ndash; mit dem voll ausgeschriebenen
-Namen Mary Baker G. Eddy. Vielleicht hat
-der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher
-Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit
-einem Bekenner der Christlichen Wissenschaft, aber
-er nahm meine Bemerkung gar nicht leichthin auf,
-sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen
-Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die
-Rede, denn der Engel hätte das Buch nicht verfaßt,
-sondern es nur auf die Erde gebracht &ndash; »Gott verfaßte
-es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß
-es trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden
-Sprüche müßten mit des Verfassers Initialen unterzeichnet
-sein, und wenn statt dessen der voll ausgeschriebene
-Namenszug der Uebersetzerin darunter
-stände, so hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen
-Dingen treiben‹. Das hätte ich erwidern können &ndash;
-aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der Christlichen
-Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger
-Mann, und ich wußte, daß er mir einen imaginären
-Faustschlag versetzen könnte, an dessen imaginären
-Schmerzen ich eine volle Woche genug haben
-würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee
-seien zwei Kanzeln; auf der einen stehe ein
-Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und
-aus diesen Büchern werde von dem Mann und von
-der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.</p>
-
-<p>Ist das grotesk?</p>
-
-<p>Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer
-Seitenkapelle der Moschee sei ein Porträt oder ein
-Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor
-eine ewige Lampe.</p>
-
-<p>Ist das grotesk?</p>
-
-<p>Wie lange wird es wohl dauern, bis die von
-der Christlichen Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend
-knieen werden? Wie lange wird es wohl
-dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein
-Heiland wie Christus und Christi Gleichen sei?
-Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger ehrfurchtsvoll
-von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s
-dauern bis sie sie auf die Stufen des Thrones
-stellen &ndash; neben die Jungfrau, und bald eine Stufe
-höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und
-die Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt
-gewechselt und es heißt: die Mutter Maria und
-die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy
-wird Maria &ndash; was kann es einfacheres geben?</p>
-
-<p>Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel
-bereit halten: die neue Renaissance ist im Anzug,<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
-und mit Altarbildern wird viel Geld zu verdienen
-sein &ndash; tausendmal so viel als die Päpste und ihre
-Kirche je den klassischen Meistern zufließen ließen&nbsp;&ndash;,
-denn deren Reichtümer waren armselig im Vergleich
-mit den Schätzen, die so ganz allmählich in
-die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen.
-Darüber wollen wir uns keinen Täuschungen
-hingeben.</p>
-
-<p>Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist
-noch keine fünf Jahre alt; und doch hat sie
-in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million
-Mitglieder&nbsp;…</p>
-
-<p>Nun, das ist ein Anfang &ndash; und zwar ein phänomenaler!
-Dabei schwillt in der letzten Zeit die
-Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere
-Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch
-auf Dauer, als irgend ein anderer ›Ismus‹ &ndash; denn
-sie hat ›<em class="gesperrt">mehr zu bieten</em>‹. Die Geschichte lehrt
-uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg
-haben soll, keine bloße philosophische, sondern
-daß sie eine religiöse sein muß; daß sie ferner keinen
-Anspruch auf vollkommene Originalität machen, sondern
-sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung
-einer <em class="gesperrt">bereits vorhandenen</em> Religion gelten
-zu wollen; nachher, wenn sie stark und blühend ist,<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der Mohammedanismus.</p>
-
-<p>Ferner muß Geld da sein &ndash; und zwar viel Geld.</p>
-
-<p>Ferner muß Macht und Autorität und Kapital
-ausschließlich in den Händen einer kleinen und unverantwortlichen
-Klique vereinigt sein, und kein
-Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln
-oder unbequeme Fragen stellen.</p>
-
-<p>Endlich muß die Angel &ndash; wie bereits vorher erwähnt
-&ndash; mit einem neuen und leckeren Köder versehen
-sein, wie ihn andere Religionen nicht bieten können.</p>
-
-<p>Verfügt eine neue Bewegung über eins oder
-mehrere von diesen Erfordernissen &ndash; wie zum Beispiel
-der Spiritismus &ndash; so kann sie auf einen bedeutenden
-Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen Vorbedingungen
-&ndash; wie zum Beispiel der Mohammedanismus
-&ndash; so ist sie sicher, ihren Eroberungszug
-über weite Länder ausdehnen zu können. Der Mormonismus
-verfügte über alle Erfordernisse außer
-einem: sein Köder bot nichts Neues und nichts
-Wertvolles; außerdem wandte er sich nur an die
-Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte
-die sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität
-in den Händen einer unverantwortlichen Klique.</p>
-
-<p>Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-ist etwas Ausgezeichnetes, Bewundernswertes,
-Gewaltiges; aber es ist noch nicht die Vollkommenheit.
-Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr
-wert ist als andere zusammengenommen: <em class="gesperrt">eine
-neue Persönlichkeit zum Anbeten</em>. Das
-Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und
-noch auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und
-konzentrierte Macht. In Frau Eddy besitzt die
-Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit zum
-Anbeten; außerdem aber hat sie &ndash; schon jetzt in
-den ersten Anfängen &ndash; einen tadellos wirkenden
-Apparat zur Ausbreitung ihrer Lehre. Die mohammedanische
-Religion hatte anfangs kein Geld; und
-sie hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten
-gehabt als den Himmel &ndash; hienieden gewährt sie
-nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft verheißt
-ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem
-aber bietet sie &ndash; gegen Barzahlung &ndash; hier
-auf Erden <em class="gesperrt">Gesundheit und fröhliches Gemüt</em>,
-und im Vergleich mit diesem Köder sind alle
-anderen Köder unserer Erdenwelt armselig und
-jämmerlich.</p>
-
-<p>Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete
-und der Unwissende, der Kluge und der
-Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-und der Narr, der Krieger und der Bürger, der
-Held und der Feigling, der Faulenzer und der
-Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie
-und der Knecht, der Erwachsene und das Kind,
-der Kranke und der Gesunde, der kranke Freunde
-hat &ndash; sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort:
-ihre Gefolgschaft ist die Menschheit.</p>
-
-<p>Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?</p>
-
-<p>Ich fürchte, ja!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>V.</h3>
-</div>
-
-<p>Man vergesse ja nicht &ndash; das große Hauptversprechen
-der Christlichen Wissenschaft lautet: Befreiung
-des Menschengeschlechts von Schmerz und
-Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange:
-ja! Wie viele von den Schmerzen und Krankheiten,
-die es auf der Welt gibt, werden durch die Einbildung
-der Leidenden hervorgerufen und bestehen
-durch dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich
-glaube, viel wird nicht daran fehlen. Kann die
-Christliche Wissenschaft diese vier Fünftel verschwinden
-machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine
-andere (organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt.
-Würde unsere Welt nicht eine ganz neue Welt
-und eine viel fröhlichere sein &ndash; nicht nur für uns<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden
-Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen,
-als hätte die Sonne niemals so hell geschienen?
-Ich glaube, ja!</p>
-
-<p>Dabei würden aber wohl die Doktoren der
-Christlichen Wissenschaft eine tüchtige Menge Patienten
-ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr
-Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten
-Methoden dran glauben müssen? Dieser
-Frage werde ich mich sogleich zuwenden.</p>
-
-<p>Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen
-Leistungen der Christlichen Wissenschaft beschäftigen,
-die in ihrer Zeitschrift ›<em class="antiqua">The Christian Science Journal</em>‹
-vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst
-gibt uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue
-Schilderung ›eines rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹
-&ndash; und er hätte hinzufügen können, es sei
-eine getreue Schilderung eines (zivilisierten) Durchschnittsmenschen.</p>
-
-<p>»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher
-Mann; er hat Angst vor sich selber und seinen
-sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung
-und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine
-Schlange treten oder irgend was Giftiges hinunterschlucken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
-
-<p>Dann kommt das Gegenstück dazu:</p>
-
-<p>»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft
-hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten.
-Er steht da als Sieger über Furcht und
-Sorge &ndash; und das kann man von dem Durchschnittschristen
-nicht sagen!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er hat alle Angst und Aufregung
-unter die Füße getreten.</em> Welchen Teil unseres
-Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl
-mit Freuden hergeben, wenn wir <em class="gesperrt">jahraus, jahrein</em>
-in solcher Gemütsverfassung lebten? Es wäre
-in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann
-sie sich ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen?
-In welchem Laden oder in welcher Kirche? Nur
-bei der Christlichen Wissenschaft.</p>
-
-<p>Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst
-vor Erkältung und Fieber und Zugluft und schwer
-verdaulichen Speisen, die uns den Magen verderben
-könnten &ndash; gerade diese Angst, sage ich, ist es, die
-uns den Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken
-und die meisten anderen Krankheiten in den
-Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft
-diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie
-kann damit vier Fünftel aller Krankheiten und
-Schmerzen aus der Welt bringen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p>
-
-<p>In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift
-treten viele ›Erlöste‹ als Zeugen auf und bedanken
-sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin,
-sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle
-erscheinen wie trunken von der neu erlangten Gesundheit,
-von der Ueberraschung und Verwunderung,
-wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein,
-der das Wunderbare umgibt, und der ihnen
-um so heller erscheint, nachdem sie eine so lange,
-trostlose Zeit hindurch nichts anderes getan haben,
-als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und
-sich mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge
-erklärt, als ›diese wunderschöne Wahrheit ihm zuerst
-dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle Krankheiten
-gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er
-nicht gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was
-war die natürliche Folge gewesen? Natürlich wäre
-er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker gewesen
-und eine Abladestelle für alle Geheimmittel
-der ganzen Welt.‹ Die Christliche Wissenschaft kam
-ihm zu Hilfe, und alle die alten Krankheitszustände
-verschwanden. Und so war er jetzt gesund und fröhlich
-und &ndash; erstaunt.</p>
-
-<p>Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz
-genau, wie’s dabei hergegangen ist. Ich vermute,<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span>
-daß seine ganze Methode darin bestand, fortwährend
-zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund
-und wohl! Wohl und gesund! Vollkommen gesund,
-vollkommen wohl! Ich habe keine Schmerzen;
-Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine
-Krankheit; Krankheiten gibt’s überhaupt nicht.
-Nichts ist wirklich als die Seele; alles ist Geist,
-All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen
-u. s. w. u. s. w.«</p>
-
-<p>Ich will nicht behaupten, daß dies genau die
-Formel war, die der Mann brauchte; aber zweifelsohne
-war es der Geist seiner Worte. Der Mann
-selber legte jedenfalls Wert auf die <em class="gesperrt">genaue</em> Formel
-und auf die religiöse Bedeutung, die er mit
-ihrer Anwendung verband. Ich glaube, <em class="gesperrt">jede</em> beliebige
-Formel hätte den meisten, wenn auch nicht
-allen, die gleichen Dienste getan. Für einen religiösen
-Mann aber war gewiß die Hinzufügung des
-religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame
-Verstärkung ihrer Heilkraft.</p>
-
-<p>Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse
-aus dem Sezessionskriege. Als die Christliche Wissenschaft
-ihn auffand, hatte er folgende Gebresten auf
-Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus;
-Katarrh; kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken,<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-Ellbogengelenken, Handgelenken; Muskelschwund
-in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser
-Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche
-Schmerzen.</p>
-
-<p>Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung
-aus. Sie stammten von den Kriegsstrapazen. Die
-Aerzte taten alles, was sie konnten &ndash; aber das
-war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten &ndash;
-›aber davon verspürte ich niemals auch nur die geringste
-Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger Marter
-wandte er sich an einen Doktor der Christlichen
-Wissenschaft, ließ sich eine Stunde lang behandeln
-<em class="gesperrt">und ging ohne Schmerzen heim</em>. Zwei
-Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹
-Dann ›verschwanden die Gebresten &ndash; einige sofort,
-andere nach und nach‹; schließlich ›sind sie beinahe
-gänzlich fort‹. Und jetzt &ndash; das ist nämlich das
-Allerwertvollste dabei &ndash; ist er ›zufrieden und glücklich‹.
-Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt,
-die besondere Spezialität der Christlichen Wissenschaft.
-Die Methodistische Kirche hatte sich einunddreißig
-Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück
-und diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht
-verschaffen können.</p>
-
-<p>Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span>
-Zeugen beschreiben ihre Leiden, erklären, daß sie
-sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys Entdeckung
-Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten
-verschwinden im Handumdrehen: Nervenschwäche
-wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt, Veitstanz &ndash;
-ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen
-Blättern eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise.
-Da haben wir zum Beispiel ›Demonstrationen
-über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies
-soll, wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für
-›Demonstrationen der Macht, welche die Wahrheit
-der Christlichen Wissenschaft über jene Phantasiegebilde
-ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen«
-maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut
-wie Erwachsene an den Segnungen der Wissenschaft
-teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen
-sie gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal
-werden sie von ihren kleinen Leiden durch berufsmäßige
-Vertreter dieser christlichen Heilkunst befreit;
-ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel
-auf und kurieren sich selber.</p>
-
-<p>Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines,
-neunjähriges Mädchen &ndash; das man seiner Ausdrucksweise
-nach für eine Erwachsene halten möchte
-&ndash; gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte,<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-ich wollte Ihnen eine Demonstration schreiben‹. Sie
-war von einem Pony abgeworfen, über dessen Kopf
-geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie
-rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den
-Lüften schwebend, daran dachte schnell zu sagen:
-›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich
-würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre
-zu aufgeregt dazu gewesen. Nur die Christliche
-Wissenschaft konnte das Kind in stand setzen, unter
-solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu handeln.
-Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen
-an und hätte sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt
-den Schädel zerschmettern müssen; aber durch
-die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam
-&ndash; buchstäblich &ndash; mit einem blauen Auge davon.
-Am Montag-Morgen war es immer noch geschwollen
-und ließ sich nicht öffnen. In der Schule ›tat es
-recht häßlich weh&nbsp;&ndash;‹ das heißt es <em class="gesperrt">schien</em> so. Daher
-›wurde ich als krank entschuldigt und ging in
-den Keller hinunter und sagte: »Bis jetzt vertraue
-ich auf Mama anstatt auf Gott, und ich <em class="gesperrt">will</em> auf
-Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel
-hätte dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt;
-zur Sicherheit aber spannte sie auch noch Frau Eddy
-vor und sagte die ›Wissenschaftliche Darstellung des<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-Seins‹ her &ndash; das ist wohl, wie ich vermute, eine
-ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie
-mein Auge aufging.‹ Natürlich, eine Auster wäre
-ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum ein rührenderes
-Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte
-da unten im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche
-Darstellung des Seins‹ herunterschnurrt!</p>
-
-<p>In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes
-gutes Kind vor: Klein Gordon. Klein Gordon ›kam
-auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes und
-ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹
-Er war ›eine Demonstration.‹ Und zwar eine
-schmerzlose; daher erweckte seine Ankunft: Freude
-und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der
-Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung
-der beiden hohen Wesen ist überhaupt ein charakteristischer,
-immer wiederkehrender Zug; auch von den
-›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.</p>
-
-<p>»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war,
-spielte er Pferdchen auf dem Bett, wo ich mein
-›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie
-er plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam
-in seine Händchen nahm, es zärtlich küßte und es dann
-auf den höchsten sicheren Platz legte, den seine Aermchen
-erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p>
-
-<p>Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek
-&ndash; das heißt die Schriften der Christlichen
-Wissenschaft &ndash; auf einer Fensterbank. Das war
-wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind.
-Der Junge verließ sein Spiel, ging an die Fensterbank
-und schob alle Bücher zur Seite &ndash; außer dem
-›Anhang‹. <em class="gesperrt">Diesen</em> nahm er in beide Hände und
-hob ihn langsam an seine Lippen; dann legte er
-das Büchlein sorgfältig wieder hin und setzte sich
-daneben in die Fensternische. Das erstemal war das
-Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar
-erschienen, daß sie kaum ihren Augen trauen wollte;
-nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine Sinnestäuschung
-war, und daß auch kein Zufall irgend was
-damit zu tun hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich
-auch von dem Urheber seiner Tage bei seinem Tun
-beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich
-jedesmal, wenn einer zusah. <em class="gesperrt">Das</em> Kind hätte ich
-lieber haben mögen als irgend einen Oelfarbendruck!</p>
-
-<p>Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an
-›springendem Zahnweh‹ litt, und zwar so stark, daß
-sie mehrmals in Versuchung kam zu glauben, die
-Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal
-die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie
-verbot dem Zahnarzt, Kokain anzuwenden, sondern<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
-setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln und
-drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter
-aus dem Kiefer herausgraben &ndash; und wollte
-nicht einmal zugeben, daß es weh täte. Und sie
-glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan,
-und ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie
-zu neun Zehnteln recht hat, und daß ihre Christliche
-Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete, als
-das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von
-einem Knaben berichtet, der bei einem Unfall in
-lauter kleine Stücke zerbrochen wurde; er sagte ganz
-einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹
-auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund
-und munter, ohne irgend welchen wirklichen
-Schmerz gelitten zu haben, und ohne daß ein Doktor
-sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben,
-denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie
-sich aus den Eingangskapiteln ergibt.</p>
-
-<p>Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung
-der Christlichen Wissenschaft ein schwer verunglücktes
-<em class="gesperrt">Pferd</em> in einer einzigen Nacht vollkommen wiederhergestellt
-worden sei. Ich kann ziemlich viel vertragen,
-aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied
-zu gehen. Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig
-Beschädigungen: wie konnte nun <em class="gesperrt">das Pferd</em> diese<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
-›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott, Gut-Gut,
-Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen?
-Konnte es die ›Wissenschaftliche Darstellung
-des Seins‹ anstimmen? Nein, bitte: <em class="gesperrt">konnte</em> das
-Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon
-kriegen können?</p>
-
-<p>Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie
-ziehen. Bei Pferden und bei Möbeln.</p>
-
-<p>In der Zeitschrift werden noch eine Menge
-andere Zeugnisse angeführt; aber ich denke, die mitgeteilten
-Beispiele werden genügen. Sie erläutern
-den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen
-Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage
-zurück: Bringt sie hier und da und ab und zu einen
-Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben.
-Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen
-von jahrelangen Schmerzen befreit, so gibt sie ihm
-das Leben wieder. Denn beständige Schmerzen sind
-beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch
-einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>VI.</h3>
-</div>
-
-<div class="annot s90">
-
-<p>»Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft
-und Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹
-sowie auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy,<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
-im zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden
-sind. Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster
-Gedanke für unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den
-Geistesinhalt der Bibel in dem ›Büchlein <em class="gesperrt">aufgetan</em>‹ verdolmetscht
-(Vers 2). Somit beweisen wir: Die Christliche
-Wissenschaft ist die Wiederkehr Christi &ndash; Wahrheit &ndash; Geist.«
-(Vorlesung von George Tomskins, Doktor der Theologie,
-Doktor der Christlichen Wissenschaft.)</p>
-</div>
-
-<p>Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist
-der starke Engel, sie ist der auserkorene himmlische
-Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken überbringt.
-Einstweilen <em class="gesperrt">bringt</em> sie nur die Wiederkehr Christi.
-Wir müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre
-im Grabe gelegen hat, für ihre Anhänger einfach
-<em class="gesperrt">der zweite Christus selber</em> ist. Angebetet
-wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses
-Gefühl sich nicht nur räumlich ausbreitet, sondern
-auch immer mehr sich vertieft.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Eine ihrer Jüngerinnen hatte <em class="gesperrt">ein totes Kind ins
-Leben zurückgerufen</em> und schließt ihren Bericht an Frau
-Eddy mit den Worten: »…&nbsp;und möchten doch wir alle Sie
-immer mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus
-ist gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord,
-Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung
-ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">M. T.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird &ndash;
-dies begreift wohl ein jeder &ndash; Eddy-Anbetung in<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der
-Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt
-ist jeder Gegenstand, auf den sie ihr Warenzeichen
-setzt, heilig und wird von ihren Jüngern eifrig und
-voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu
-Hause wie ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹
-&ndash; denn der Bostoner Christian Science-Trust gibt
-nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt.
-Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht
-nur Bar-, sondern Vorausbezahlung. Sein Gott ist
-in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter: der Dollar.
-Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger
-mit Geldwert.</p>
-
-<p>Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form
-Jagd gemacht; die Bostoner Mutterkirche der Christlichen
-Wissenschaft und ihr Handelskontor gehen mit
-allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren;
-die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und
-die Zahlungsbedingungen sind immer dieselben:
-›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der Engel
-der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit
-kriegen. Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche
-Wissenschaft zu verkaufen &ndash; gegen bar natürlich:
-Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der Christlichen
-Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche,<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-ganze Haufen von Predigten, Kommunionshymne
-›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von Frau Eddy, das
-Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes
-mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner
-haben wir Frau Eddys und des Engels kleinen Bibelanhang
-in acht verschiedenen Einbänden zu acht
-verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding
-in Leder mit runden Ecken, Goldschnitt und so
-weiter, pränumerando <em class="gesperrt">sechs Dollars</em>, und
-wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt
-man vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹.
-Ferner haben wir Frau Eddys ›Vermischte
-Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in
-allen möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen,
-und ebenfalls mit vier Prozent Rabatt,
-wenn man eine ganze Auflage auf einmal bezieht.
-Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der
-fruchtbaren Frau Eddy &ndash; <em class="gesperrt">ein Gedicht</em>; ich gäbe
-was drum, es mal sehen zu können! &ndash; Preis
-drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch
-fünf andere Schriften von Frau Eddy, natürlich
-zu Straßenräuberpreisen, in allen möglichen Ausstattungen,
-mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben,
-Dampfsteuerung und allen anderen
-Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei demselben<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
-Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal,
-ein &ndash; aber ich will lieber nicht sagen,
-was es ist; es ist besser, man ist höflich, als daß
-man deutlich ist.</p>
-
-<p>Die literarische Oleomargarine der Christlichen
-Wissenschaft ist ein Monopol der der Mutterkirche
-gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur echt, wenn
-mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen
-ist die Ware nur von Boston &ndash; selbstverständlich
-pränumerando.</p>
-
-<p>Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen.
-Frau Eddy ist Vorsitzende &ndash; und
-vielleicht Eigentümerin? &ndash; des vom Trust geleiteten
-Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet
-sich in einem zweiwöchigen Kursus der Student,
-der sich drei Jahre lang auf eigene Hand in der
-Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat:
-für die vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert
-Dollars. Und ich habe unter meinen
-statistischen Notizen einen Fall, wo für einen
-Kursus von drei Wochen dreihundert Dollars bezahlt
-wurden.</p>
-
-<p>Der Trust liebt den Dollar &ndash; aber er darf kein
-Phantasiedollar sein.</p>
-
-<p>Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-recht lebhaft zu erhalten, darf niemand &ndash; mag er
-auf dem Metaphysical College gewesen sein oder
-nicht &ndash; die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft
-ausüben, wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen
-Machwerks besitzt. Das bedeutet für den Trust ein
-großes und beständig wachsendes Einkommen. Keine
-Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig,
-fromm und schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein
-oder zwei Exemplare vom ›Anhang‹ im Hause hat.
-Das sichert dem Trust schon für die allernächste Zukunft
-ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden,
-sondern von Millionen.</p>
-
-<p>Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft
-angehörigen Kirche kann Mitglied bleiben, wenn
-es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust ›Kopfsteuer‹
-zahlt. Damit hat der Trust &ndash; in allernächster Zukunft
-&ndash; wieder Jahreseinnahmen, die in die
-Millionen gehen.</p>
-
-<p>Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß
-es im Jahre 1910 in Amerika zehn Millionen und
-in Großbritannien drei Millionen Anhänger der
-Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese
-Zahlen im Jahre 1920 verdreifacht sein werden.
-1910 wird die Christliche Wissenschaft in Amerika
-eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
-Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung
-der Republik übernehmen &ndash; um sie für immer zu
-behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und
-Recht annehmen, daß der Trust &ndash; der jetzt bereits
-recht schroff in seinem Auftreten ist &ndash; alsdann der
-rücksichtsloseste, unbedenklichste und tyrannischste politisch-religiöse
-Gewalthaber sein wird, der jemals
-seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk
-beherrscht hat. Und ein stärkerer Gewalthaber, als
-jemals auf Erden war: denn er wird über eine
-finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger
-sie sich auch nur hat träumen lassen; er
-wird über einen konzentrierten, unverantwortlichen
-Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in Eisenbahnen,
-Telegraphen, subventionierten Zeitungen
-wird er bisher ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel
-besitzen; und nach einer oder zwei Generationen
-wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen
-Kirche in die Christenheit teilen.</p>
-
-<p>Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche
-Organisation und hat <em class="gesperrt">ihre Kräfte</em> in sehr
-wirksamer Weise zentralisiert &ndash; <em class="gesperrt">aber nicht ihr
-Geld</em>. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber
-sie behalten diese Reichtümer im weitesten Maße
-in ihren eigenen Händen. Sie beziehen Gelder von<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser
-Eingänge bleibt im Lande. Der Bostoner Papst
-&ndash; den wir mit der Zeit haben werden &ndash; wird seine
-Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und
-der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des
-Verlagsgeschäftes werden das doppelte dieser Summe
-einbringen. Dazu kommen dann noch: das Metaphysical
-College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau
-Eddys Grab &ndash; Eintrittsgeld: ein Christlicher
-Wissenschaftsdollar (pränumerando) &ndash; Verkauf von
-geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln, Chromobildern
-der Stifterin mit goldenem Heiligenschein,
-nachgemachten Autographen der Frau Eddy, Geldopfern
-vor ihrem Altarschrein (Krücken von geheilten
-Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen
-von wunderbar kurierten gebrochenen
-Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus dem heiligen
-Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein
-als echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten
-Wunder wird bares Geld genommen. Aus diesen
-Geldquellen &ndash; und aus tausend anderen, die erst
-noch zu erfinden sind &ndash; wird eine Jahreseinnahme
-von mindestens einer Milliarde Dollars fließen.
-Und der Trust allein wird die Verfügung darüber
-haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span>
-sich nicht verpflichten, neunzig Prozent vom Fang
-abzuliefern. Wenn es erst so weit ist, wird der Trust
-nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern auch
-den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren;
-er wird dieselben Preise nehmen wie für den
-›Anhang‹, er wird seine Gläubigen <em class="gesperrt">verpflichten</em>,
-auch diese Bibelausgaben zu kaufen &ndash; und das wird
-auch wieder etliche hundert Millionen einbringen.
-Der Trust wird dann täglich ein Einkommen von
-fünf Millionen Dollars haben &ndash; und davon
-gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern
-zu zahlen, <em class="gesperrt">und er gibt nichts für wohltätige
-Zwecke</em>. Der Leser wolle nicht so
-leicht hierüber weglesen; die Sache ist wohl einiger
-Aufmerksamkeit wert.</p>
-
-<p>Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten.
-Nicht mal zu solchen beisteuern. Vergebens sucht
-man in den vom Trust ausgehenden Ankündigungen
-und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft
-gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß
-sie auch nur einen Pfennig für solche Zwecke ausgeben.
-Nichts für Witwen und Waisen, für entlassene
-Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission,
-Heidenmission, Volksbibliotheken, Altersversorgung
-und sonst etwas, das sich auf dem Umwege durch<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
-das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von den
-Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten freiwilligen Beiträge
-für derartige Zwecke auf 15 Millionen Pfund Sterling.
-Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts zu verheimlichen.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">M. T.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in
-Briefen und auf sonstige Weise, und es ist mir nicht
-gelungen, auch nur einen Dreier aufzuspüren, den
-der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck ausgegeben
-hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich,
-als wenn man ihn fragt, ob ihm ein
-Fall bekannt sei, daß die Christliche Wissenschaft
-etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe &ndash;
-sei es im Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende.
-Er <em class="gesperrt">muß</em> die Frage verneinen. Und dann
-entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage
-schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die
-Sache allmählich eklig wird. Warum eklig? Weil
-er an seine Führer geschrieben und voll hoher Zuversicht
-sie um eine Antwort gebeten hat, die die
-Fragesteller zu Boden schmettern wird &ndash; und weil
-die Führer nicht geantwortet haben! Er hat abermals
-geschrieben &ndash; und noch einmal &ndash; aber diesmal
-nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden
-und hat flehentlich gebeten, man möge ihn doch
-mit Munition versehen, um die Position der Christlichen<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich
-kommt eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen
-auf Unsere Mutter vertrauen und uns mit der Ueberzeugung
-begnügen, daß alles was Sie<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> mit dem
-Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten
-vom Himmel, denn Sie vollzieht keine Handlung,
-ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S
-ein bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">M. T.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Damit ist der Fall erledigt &ndash; soweit der Jünger
-in Betracht kommt. Sein ›Geist‹ ist von der Antwort
-vollkommen befriedigt; er schlägt den ›Anhang‹ auf
-und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele
-ist ruhig &ndash; bis mal wieder ein Neugieriger mit
-indiskretem Finger an die wunde Stelle tippt.</p>
-
-<p>Durch Freunde in Amerika habe ich etliche
-Fragen stellen lassen. In einigen Fällen erhielt ich
-bestimmte und verständliche Antworten; in anderen
-war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den
-bestimmten Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹
-obligatorisch ist und einen Dollar beträgt.
-Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes
-zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von
-einer der maßgebenden Persönlichkeiten erteilte Antwort:
-›Nein; <em class="gesperrt">nicht in dem Sinn, den man<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-gewöhnlich mit diesem Wort verbindet</em>.‹
-(Daß diese letzten elf Worte gesperrt gedruckt werden,
-geschieht auf meine Veranlassung.)</p>
-
-<p>Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich &ndash;
-obwohl der Wortlaut nebelhaft ist. Die Christliche
-Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft, unklar, wortreich.
-Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste
-Wort eine vollständige Antwort auf meine Frage
-war; aber er konnte nicht anders, er mußte noch
-elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte
-ohne Sinn und Verstand &ndash; wenn der Mann sie
-mir nicht erklärt. Höchstwahrscheinlich &ndash; so verstehe
-ich wenigstens seine Andeutung &ndash; hat die Christliche
-Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit erfunden;
-was für eine das ist, können wir mit ziemlicher
-Sicherheit erraten: das vom Trust da hinein
-gesteckte Kapital wird gewiß 500 Prozent Reingewinn
-abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.</p>
-
-<p>Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt
-sich nicht in die Karten gucken. Nicht von uns unverschämten
-Neugierigen und nicht einmal von seinen
-eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei
-eine ›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und
-zu erzählt einer von den Laienbrüdern der Christlichen
-Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau Eddy<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit
-ein Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen
-Zwecken zufließt, darüber kann er keine Auskunft
-geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen;
-und darum kann man wohl mit Recht annehmen,
-daß wir gewiß bald etwas davon hören
-würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben
-für Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich
-nicht zu schämen brauchte.</p>
-
-<p>Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft
-lautet: ›Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert‹. Und
-nachdem wir bei uns selber ›eine Demonstration
-darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre
-Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt
-alle und jede Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt
-sie euch bar bezahlen und zwar pränumerando‹.</p>
-
-<p>Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu
-sein. Exodus, 32,4.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe)
-von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel
-und machte ein gegossen Kalb u. s. w.</p>
-
-<p class="mright">
-A. d. Ueb.
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und
-den anderen Mitgliedern des Trust &ndash; wenn’s überhaupt
-andere Mitglieder gibt &ndash; aber ich habe volle
-Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien,<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-die sich zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden
-Zweifel sind diese Laien völlig ehrlich in ihrem Glauben,
-und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung
-stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher
-Quelle sie sich ihre Ueberzeugung geholt hat.</p>
-
-<p>Ich will damit dem Menschengeschlecht kein
-Kompliment machen, ich spreche damit nur meine
-Meinung aus.</p>
-
-<p>Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges,
-den die Christliche Wissenschaft bereits gehabt hat und
-in unendlich viel größerem Maße noch haben wird?
-In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser
-Umstand hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen.
-Ich glaube, das Geheimnis liegt anderswo:</p>
-
-<p>Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft
-<em class="gesperrt">organisiert</em>! Und das war ganz gewiß eine
-riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft,
-als man zur Abfassung von ein paar Millionen
-Eddyschen Bibelanhängen brauchen würde.</p>
-
-<p>So lange die Erde steht, war Elektrizität in
-unbegrenzter Menge in der Luft, in der Erde und
-überall vorhanden; kein Mensch dachte daran, diese
-Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben
-wir diese überall verstreute wandernde Kraft <em class="gesperrt">organisiert</em>.
-Wir lassen sie für uns arbeiten, wir<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span>
-unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital, wir
-konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger
-weniger Sachverständiger &ndash; und wir haben die Ergebnisse,
-die ein jeder sieht.</p>
-
-<p>Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft
-bemächtigt, die in jedem Menschen unbenutzt lag, so
-lange es Menschen gibt; sie hat diese Kraft organisiert,
-Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen
-Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen
-eines kleinen und sehr sachverständigen Trust zentralisiert.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Und darum sind die Erfolge da!</em></p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Verschwoerung_von_Fort_Trumbull">Die Verschwörung von Fort Trumbull.<br />
-<img src="images/illu-185.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p>
-
-<div class="annot s90">
-<p>Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte;
-ich gebe sie wieder, so genau ich es vermag:</p>
-</div>
-
-<p>Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von
-Fort Trumbull bei New London, Connecticut. Vielleicht
-war unser Leben dort nicht so munter wie das
-Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine
-Art lebhaft genug &ndash; es war keine Gefahr, daß
-unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es fehlte
-niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu
-beschäftigen. So schwirrte damals &ndash; um nur eins
-anzuführen &ndash; im Norden die ganze Luft von geheimnisvollen
-Gerüchten: Rebellenspione sollten
-überall sich herumschleichen, um unsere Forts in die
-Luft zu sprengen, unsere Gasthöfe niederzubrennen,
-verpestete Kleidungsstücke in unsere Städte zu schicken
-und was dergleichen mehr war. Sie werden sich
-dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach
-zu halten und die herkömmliche Langeweile des<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen. Zudem
-hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet,
-daß wir kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen,
-zu träumen oder Maulaffen feil zu halten. Indessen
-trotz all unserer Wachsamkeit entwischte uns von
-den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte
-noch in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig
-hoch, daß der Rekrut einer Schildwache drei-
-oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit
-sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel
-übrig behielt, daß es für einen armen Mann ein
-Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der faulen
-Haut lagen wir nicht.</p>
-
-<p>Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer,
-wo ich irgend etwas zu schreiben hatte, als ein bleicher,
-zerlumpter Bursche von vierzehn oder fünfzehn
-Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte
-und mich ansprach:</p>
-
-<p>»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«</p>
-
-<p>»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung
-und zu klein, mein Junge.«</p>
-
-<p>Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span>
-ging sofort in einen Ausdruck von tiefster Verzagtheit
-über. Er drehte sich um, als wollte er gehen,
-dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte
-in einem Ton, der mir zu Herzen ging:</p>
-
-<p>»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der
-Welt. Ach, wenn Sie mich doch einstellen könnten!«</p>
-
-<p>Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie
-ich ihm so freundlich wie möglich auseinandersetzte.
-Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen setzen
-und fügte hinzu:</p>
-
-<p>»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen.
-Du bist doch wohl hungrig?«</p>
-
-<p>Er antwortete nicht, aber das war auch nicht
-nötig; der dankbare Blick seiner großen sanften Augen
-sprach beredter als alle Worte es vermocht
-hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb
-weiter. Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick
-auf ihn. Ich bemerkte, daß seine Kleider und Schuhe,
-wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch von gutem
-Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem
-war seine Stimme leise und wohllautend, sein
-Auge tief und schwermütig, und sein ganzes Benehmen
-deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich
-war das arme Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz
-und gut, er flößte mir Teilnahme ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p>
-
-<p>Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer
-mehr in meine Arbeit und vergaß gänzlich, daß
-der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie
-lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig
-einmal auf. Der Knabe hatte mir den Rücken zugedreht,
-aber er hielt den Kopf so, daß ich seine
-Wange sehen konnte &ndash; und über diese Wange rann
-ein Strom von stillen Tränen.</p>
-
-<p>»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst.
-»Ich vergaß, daß der arme Bursch sterbenshungrig
-ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit wieder gut
-zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein
-Junge, du sollst mit mir speisen. Ich bin heute
-allein.«</p>
-
-<p>Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen
-an, und ein Freudenstrahl erhellte sein Gesicht. Bei
-Tisch blieb er stehen, die Hand auf die Stuhllehne
-gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte
-er sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und
-&ndash; nun, ich behielt sie in der Hand und rührte
-mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt
-und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte
-Erinnerungen an Elternhaus und Kinderzeit drangen
-auf mich ein, und ich seufzte bei dem Gedanken, wie
-fremd mir Religion geworden war, und wie doch<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-der Glaube ein Balsam für die wunde Seele, wie
-er Trost, Hort und Stütze ist.</p>
-
-<p>Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß
-der junge Wicklow &ndash; Robert Wicklow hieß er mit
-vollem Namen &ndash; mit seiner Serviette umzugehen
-wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er
-unerachtet seines Aussehens von guter Herkunft war.
-Dazu hatte er eine einfache Freimütigkeit, die mich
-für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich über
-ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine
-Geschichte aus ihm heraus. Als er erwähnte,
-daß er in Louisiana geboren und aufgewachsen
-sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige
-Zeit dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich
-am Mississippi; ich liebte die Gegend und
-hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß mein
-Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute
-mich schon, wenn ich nur die Namen jener Orte
-aus seinem Munde hörte, und ich brachte deshalb absichtlich
-das Gespräch auf jene Gegend. Baton Rouge,
-Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré,
-Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz,
-der Dampfschiff-Landeplatz, New
-Orleans, Tchoupitchoulas Street, die Esplanade,
-die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel,<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-Tivoli Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See
-&ndash; wie klang das alles vertraut! Und eine ganz besondere
-Wonne war es für mich, wieder einmal von
-›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹
-›Duncan F. Kenner‹ und anderen altbekannten
-Dampfbooten zu hören. Es war mir fast als sei
-ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir
-die Schiffe und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis
-zurück. Kurz zusammengefaßt, war folgendes Klein-Wicklows
-Geschichte:</p>
-
-<p>Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner
-altersschwachen Tante und seinem Vater in der Nähe
-von Baton Rouge auf einer großen reichen Pflanzung,
-die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der
-Familie gewesen war. Der Vater war ein Anhänger
-der Union. Er wurde darum auf alle mögliche Weise
-verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen.
-Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer
-sein Haus nieder, und die Familie mußte fliehen,
-um das nackte Leben zu retten. Sie wurden von
-Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und
-Elend gründlich kennen. Die alte Tante wurde
-schließlich erlöst: Hunger und Unbilden der Witterung
-töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie
-ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span>
-krachenden Donner. Nicht lange darauf wurde der
-Vater von einer bewaffneten Bande gefangen genommen,
-und während der Sohn bat und flehte,
-vor dessen Augen aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter
-Blick aus des Knaben Augen, und er sagte,
-wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht
-eingestellt werden kann &ndash; macht nichts! Ich werde
-einen Weg finden &ndash; ja, ich werde einen Weg finden.«)
-Nachdem die Leute festgestellt hatten, daß
-der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er
-nicht binnen vierundzwanzig Stunden aus der
-Gegend verschwunden wäre, so würde es ihm übel
-ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum
-Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der
-Anlegestelle einer Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt
-der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und er schwamm
-an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot,
-das im Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor
-Tagesanbruch war das Dampfboot in New Orleans
-bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus
-dem Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte
-die drei Meilen von dieser Stelle bis zum
-Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet in
-New Orleans wohnte, und dann war er für eine
-Zeit lang aus der Not. Aber sein Onkel hielt es<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur
-Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen.
-Er machte sich also mit dem jungen Wicklow
-heimlich davon und sie fuhren mit einem Segelschiff
-nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen.
-Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz
-angenehmes Leben, schlenderte auf dem Broadway
-herum und studierte das für ihn neue Leben im
-Norden. Schließlich aber kam eine Wendung &ndash;
-und zwar nicht zum Besseren. Der Onkel war zuerst
-guter Dinge gewesen, mit der Zeit aber fing er an,
-unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde
-verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen
-Geldausgaben und den wenigen Einnahmen &ndash; ›nicht
-genug mehr für einen, geschweige denn für zwei.‹
-Dann, eines Morgens, war er nicht da &ndash; kam nicht
-zum Frühstück. Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau
-und erfuhr, sein Onkel habe den Abend vorher
-seine Wohnung bezahlt und sei abgereist &ndash; nach
-Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.</p>
-
-<p>Der Junge stand allein und ohne Freunde auf
-der Welt da. Er wußte nicht, was er anfangen
-sollte, aber es schien ihm das beste, wenn er versuchte,
-seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum Dampfschiff-Landeplatz
-und erfuhr, daß das bißchen Geld,<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-das er in der Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston
-nicht ausreichte, daß er dafür aber nach New London
-kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen,
-indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die
-Mittel würde finden lassen, um den Rest der Reise
-zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage und Nächte
-lang in den Straßen von New London herumgelaufen
-und hatte hier und da um der Barmherzigkeit
-willen einen Bissen bekommen oder ein Eckchen
-zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte
-er nicht mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden.
-Wenn er als Rekrut eintreten könnte, so würde
-er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat
-werden könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge
-zu brauchen? O, er würde so fleißig sein und
-so dankbar!</p>
-
-<p>So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten
-die Geschichte des jungen Wicklow, genau wie
-er sie mir erzählte. Ich sagte:</p>
-
-<p>»Junge, du bist jetzt unter Freunden &ndash; mach’
-dir keine Sorgen mehr.« Wie glänzten da seine
-Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn
-herein &ndash; er war aus Hartford und wohnt jetzt dort;
-vielleicht kennen Sie ihn &ndash; und sagte: »Rayburn,
-geben Sie dem Jungen hier Quartier bei den Musikern.<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen,
-und es ist mir lieb, wenn Sie ein Auge auf
-ihn haben und darauf sehen, daß er gut behandelt
-wird.«</p>
-
-<p>Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten
-und dem Trommlerjungen hörte jetzt natürlich
-auf, aber die Gedanken an den freundlosen
-armen kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer
-auf der Seele. Ich behielt ihn im Auge, in der
-Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich und
-lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach
-dem anderen, und er blieb wie er war. Er verkehrte
-mit keinem Menschen, war immer geistesabwesend
-und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war
-immer traurig … Eines Morgens bat Rayburn
-mich um eine vertrauliche Unterredung.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,«
-sagte er. »Aber die Sache steht so: die Musiker
-sind so außer sich, daß ja wohl einer sprechen muß.«</p>
-
-<p>»Na, was ist denn los?«</p>
-
-<p>»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr
-Major. Die Musiker haben eine Wut auf ihn &ndash;
-Sie können sich’s gar nicht denken.«</p>
-
-<p>»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn
-angestellt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p>
-
-<p>»Betet, Herr Major!«</p>
-
-<p>»Er betet?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen
-ihrer Seele keine Ruhe mehr vor des Bengels Beten.
-Kaum ist er Morgens wach &ndash; betet er; Mittags &ndash;
-betet er; und Nachts &ndash; na Nachts, da ist er gerade
-als wäre er besessen mit seinem Beten. Schlafen?
-Ach herrje, sie <em class="gesperrt">können</em> ja nicht schlafen. Er hat’s
-Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal
-seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s
-kein Unterbrechen. Zunächst nimmt er den Kapellmeister
-vor und betet für den; dann kommt der erste
-Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt
-der Mann mit der großen Trommel sein Teil und
-so weiter, die ganze Kapelle hindurch, bis jeder sein
-Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst, als
-dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze
-Weile auf Erden zu leben und könnte im Himmel
-nicht glücklich sein, wenn er nicht seine Regimentsmusik
-für sich hätte, und man sollte meinen, er
-suchte sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in
-einem der Oertlichkeit angemessenen Stil unsere
-Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut &ndash;
-Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar
-nichts; es ist dunkel im Saal, und außerdem ist er<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
-bei seinem Beten auch noch niederträchtig, er kniet
-nämlich hinter der großen Trommel, und da macht
-es ihm nichts aus, wenn Stiefel auf ihn hageln;
-er muckt nicht ’mal dabei und plappert weiter, als
-wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen:
-›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹
-›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O, scher’ dich zum Teufel!‹
-u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles? Ihn
-rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«</p>
-
-<p>Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei
-ist er ein gutmütiger kleiner Narr; steht frühmorgens
-eher auf und trägt alle Stiefel auf einen
-Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein
-Paar auf den richtigen Platz. Und sie sind so oft nach
-ihm geschmissen, daß er jetzt jeden Stiefel kennt
-&ndash; kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«</p>
-
-<p>Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach;
-dann fuhr er fort: »Aber nun kommt noch
-das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er mit
-Beten fertig ist &ndash; wenn er endlich und endlich überhaupt
-mal damit fertig ist, dann legt er los und
-fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja, was für
-’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht,
-Sie wissen, er könnte damit einen gußeisernen Hund
-von der Schwelle locken, um ihm die Hand zu lecken.<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen
-ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich
-mit des Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft
-und so süß und so lieblich aus der Gurgel, daß man
-denkt, man ist im Himmel.«</p>
-
-<p>»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«</p>
-
-<p>»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört
-ihn singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">So wie ich bin &ndash; unglücklich arm und blind&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und
-da schaut man auf und ’s Wasser kommt einem in
-die Augen. Einerlei was er singt &ndash; es geht einem,
-hast du nicht gesehen!, an die Nieren &ndash; geht einem
-tief hinein, da wo’s Leben ist &ndash; und ’s packt einen
-jedesmal. Hören Sie ihn bloß ’mal singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Kind von Sünd’ und Sorgen,</div>
- <div class="verse indent0">Voll von Angst und Not,</div>
- <div class="verse indent0">Warte nicht bis morgen,</div>
- <div class="verse indent0">Folge <em class="gesperrt">heute</em> Gott&nbsp;&ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Stoß’ nicht fort die Vaterhand,</div>
- <div class="verse indent0">Die vom fernen Himmelsland&nbsp;…</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor,
-wie der verruchteste, undankbarste Kerl, der auf der
-Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die Lieder singt
-vom Elternhause, und von der Mutter und den
-Kindertagen und den alten Erinnerungen, und von<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-längst entschwundenen Dingen und von alten Freunden,
-die tot oder fern sind &ndash; ach, das bringt einem
-alles vors Auge, was man je in seinem ganzen
-Leben geliebt und verloren hat &ndash; und ’s ist so
-wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s anhört,
-Sir &ndash; aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie
-herzbrechend ist’s auch! Die Kapelle &ndash; jawohl, <em class="gesperrt">alle</em>
-heulen sie! Der größte Lump unter ihnen schluchzt
-dabei &ndash; und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu verbergen.
-Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel
-nach ihm geschmissen hatten &ndash; auf einmal springen
-sie alle von den Pritschen und laufen in der Finsternis
-zu ihm hin und herzen ihn und schlecken ihn
-ab &ndash; jawohl, das tun sie &ndash; und geben ihm Schmeichelworte
-und bitten ihn, er möge ihnen verzeihen.
-Und wenn in <em class="gesperrt">dem</em> Augenblick ein Regiment käme,
-um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen &ndash; wahrhaftig
-sie gingen gegen das Regiment, und wenn’s
-ein ganzes Armeekorps wäre!«</p>
-
-<p>Wieder eine Pause. Dann fragte ich:</p>
-
-<p>»Ist das alles?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu
-klagen? Was wollen denn die Leute?«</p>
-
-<p>»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
-Major &ndash; sie möchten, daß Sie ihm das Singen
-verbieten.«</p>
-
-<p>»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber,
-sein Gesang sei überirdisch schön.«</p>
-
-<p>»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein
-gewöhnliches Menschenkind kann ihn vertragen. Es
-regt einen so fürchterlich auf, das Herz im Leibe
-dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle
-Gefühle zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht
-und denkt, man sei bloß noch zum Sterben
-gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand
-von Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr
-schmeckt und man am ganzen Leben keine Lust mehr
-hat. Und dann das Heulen &ndash; verstehen Sie, jeden
-Morgen schämen sie sich vor einander und können
-sich nicht ins Gesicht sehen.«</p>
-
-<p>»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine
-merkwürdige Beschwerde. Sie verlangen also wirklich,
-daß das Singen aufhört?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten
-nicht um zu viel bitten; sie wären ja mächtig froh,
-wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er wenigstens
-damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache
-ist die Singerei. Wenn sie bloß das Singen los
-werden, so denken sie, das Beten können sie aushalten,<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
-wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher
-Weise heruntergeputzt zu werden.«</p>
-
-<p>Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache
-in Erwägung ziehen. In derselben Nacht schlich
-ich mich zu den Musikern ins Quartier und horchte.
-Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die
-laute betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte
-die Flüche der ermüdeten Mannschaften; ich hörte
-den Stiefelregen durch die Luft sausen und die
-Geschosse rund um die große Trommel herum mit
-Gepolter niederfallen. Die Sache rührte mich, aber
-sie belustigte mich zugleich. Dann folgte eine eindrucksvolle
-Stille. Nach einer Weile begann das
-Singen. O Gott, diese Begeisterung, die darin lag,
-dieser bezaubernde Ausdruck! Niemals, so lange ich
-auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so Anmutiges,
-so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich
-ging sehr bald fort, denn ich begann eine Bewegung
-zu verspüren, wie sie sich für den Befehlshaber einer
-Festung nicht schickt.</p>
-
-<p>Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die
-dem Beten und Singen ein Ende machten. Dann
-folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei
-ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß
-ich gar nicht an meinen Trommlerjungen dachte.<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span>
-Aber eines Morgens kommt Sergeant Rayburn und
-sagt:</p>
-
-<p>»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar,
-Herr Major.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«</p>
-
-<p>»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«</p>
-
-<p>»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er
-keinen Dienst hat, streicht er immer mutterseelenallein
-stöbernd und schnüffelnd im Fort herum &ndash;
-hol mich der&nbsp;…, wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne
-Ecke oder ’n Loch, wo er noch nicht hineingekrochen
-ist. Und alle paar Augenblicke bringt er Papier und
-Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«</p>
-
-<p>Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes
-Gefühl. Ich hätte mich gerne darüber lustig gemacht,
-aber es war damals nicht die Zeit dazu,
-sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie
-etwas Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns
-herum, überall im Norden, gingen Dinge vor, die
-uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge
-zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich
-erinnerte mich an den Umstand &ndash; der viel zu denken
-gab &ndash; daß der Junge aus dem Süden stammte
-und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
-dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen
-nicht gerade ermutigend. Immerhin kostete
-es mich innerlich einen Stoß, Rayburn die Befehle zu
-geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute,
-wie einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch
-er sein eigenes Kind in Schimpf und Schande bringen
-kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen, seine Zeit
-abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien
-zu verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne
-daß der Junge es merkte. Und vor allen Dingen
-sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden
-könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl
-ferner, dem Jungen seine gewohnten Freiheiten zu
-belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu folgen,
-sobald er in die Stadt ginge.</p>
-
-<p>Während der nächsten beiden Tage erstattete
-Rayburn mir mehrmals Bericht. Kein Erfolg. Der
-Junge schrieb zwar noch immer, aber er steckte jedesmal,
-wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit
-einer unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche.
-Zweimal war er in der Stadt in einen alten verlassenen
-Stall hineingegangen, war eine Minute
-oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen.
-Man konnte solche Dinge nicht auf die
-leichte Achsel nehmen &ndash; sie sahen sehr verdächtig<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
-aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing,
-mich unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine
-Privatwohnung und ließ den nächsthöheren Offizier
-holen &ndash; einen klugen Offizier von gesundem Urteil,
-Sohn des Generals James Watson Webb. Er war
-überrascht und beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit
-des langen und breiten und kamen zu dem
-Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung
-anzustellen. Ich übernahm dies selber. So
-ließ ich mich denn um zwei Uhr morgens wecken und
-war einen Augenblick später im Schlafsaal der Musiker.
-Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden
-Soldaten den Boden entlang kriechend, gelangte ich
-schließlich, ohne jemanden aufzuwecken, zur Pritsche
-meines schlummernden kleinen Vagabunden, erfaßte
-seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig
-wieder zurück. In meiner Wohnung fand
-ich Webb, der in großer Erwartung des Ergebnisses
-harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die
-Kleider enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen
-unbeschriebenes Papier und einen Bleistift, sonst
-nichts außer einem Taschenmesser und allerhand nichtigem
-Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen
-pflegen. Wir gingen hoffnungsvoll an den Tornister
-heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine kleine Bibel<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span>
-lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben:
-›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um
-seiner Mutter willen.‹</p>
-
-<p>Ich sah Webb an &ndash; er schlug die Augen nieder;
-er sah mich an &ndash; ich schlug die meinigen nieder.
-Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte das Buch
-ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand
-Webb auf und ging weg, ohne ein Wort zu sagen.
-Nach einer Weile nahm ich mich zusammen, um
-meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden,
-und brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich
-kroch dabei wieder wie vorher auf dem Bauch; das
-schien mir auch für eine solche Tätigkeit die einzig
-angemessene Haltung zu sein.</p>
-
-<p>Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und
-fertig war.</p>
-
-<p>Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam
-Rayburn wie gewöhnlich, um Meldung zu machen.
-Ich fuhr ihn an und sagte:</p>
-
-<p>»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir
-machen einen Popanz aus einem armen kleinen Burschen,
-der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«</p>
-
-<p>Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und
-sagte:</p>
-
-<p>»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl,<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
-Herr Major, und ich habe etwas von seiner
-Schreiberei erwischt!«</p>
-
-<p>»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«</p>
-
-<p>»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn
-schreiben. Als ich dachte, er wäre wohl ungefähr
-damit fertig, hustete ich ein bißchen, und da sah ich,
-wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf;
-dann guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand
-käme, und dann setzte er sich so bequem und harmlos
-wie nur irgend einer zurecht. Und dann kam
-ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und
-schickte ihn mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus
-nicht verlegen drein, sondern ging ohne weiteres.
-Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht;
-das Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen;
-aber ich holte es heraus, und hier ist es;
-es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«</p>
-
-<p>Ich sah mir das Papier an und las einen oder
-zwei Sätze. Hieran schickte ich den Sergeanten fort
-und ließ durch ihn Webb sagen, er möchte zu mir
-kommen.</p>
-
-<p>Der Zettel lautete wörtlich:</p>
-
-<div class="letter s90">
-<p class="mright">
-Fort Trumbull, den 8.
-</p>
-
-<p>Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers
-der drei Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste
-aufführte. Es sind Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span>
-die Armierung so, wie ich angab. Die Garnison ist noch so,
-wie ich zuletzt berichtet; indessen bleiben die beiden Kompanien
-leichte Infanterie, die nach dem Kriegsschauplatz abgehen
-sollten, augenblicklich noch hier &ndash; für wie lange noch,
-das kann ich jetzt nicht sagen, werde es aber bald herausbekommen.
-Wir sind der Meinung, daß es in Anbetracht
-der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu verschieben bis&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>Hier brach das Schreiben ab &ndash; gerade an dieser
-Stelle hatte Rayburn gehustet und den Schreiber
-unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu dem Knaben,
-all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid
-wegen seiner trostlosen Lage schwanden augenblicklich
-angesichts dieser Schurkerei, die eine kaltblütige
-Niederträchtigkeit enthüllte.</p>
-
-<p>Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab
-es Arbeit &ndash; Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit
-erforderte, und zwar augenblicklich. Webb
-und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten
-und Gesichtspunkten, und Webb sagte:</p>
-
-<p>»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde!
-Irgend etwas soll verschoben werden, bis … bis
-wann? Und was ist das für ein ›es‹? Möglicherweise
-hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine
-Reptil.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit
-verpaßt. Und was bedeutet das ›Wir‹ in dem Brief?<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb oder
-außerhalb des Forts?«</p>
-
-<p>In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten
-angedeutet. Indessen es lohnte sich nicht, uns
-darüber in Vermutungen zu ergehen, und so gingen
-wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung
-hatten. Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen
-zu verdoppeln und die allerstrengste Wachsamkeit
-zu beobachten. Sodann dachten wir daran,
-uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen
-zu bringen; das schien uns indessen doch nicht das
-Klügste zu sein, solange nicht alle anderen Methoden
-uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges
-mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf
-richteten wir also unsere Pläne. Und da hatten wir
-einen Einfall. Wicklow ging niemals zum Postamt
-&ndash; vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau.
-Wir ließen meinen Privatsekretär kommen,
-einen jungen Deutschen, Namens Stern, der eine
-Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn
-mit den näheren Umständen bekannt und sagten
-ihm, er möchte ans Werk gehen. Binnen einer
-Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder
-etwas schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er
-habe um Stadturlaub gebeten. Er wurde eine kurze<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span>
-Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief Stern
-in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger
-Zeit sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert
-kam, sich nach allen Seiten umsah, dann etwas
-unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte und
-sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den
-versteckten Gegenstand her &ndash; es war ein Brief.
-Er brachte ihn uns. Das Schreiben hatte weder eine
-Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin
-die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten,
-dann hieß es weiter:</p>
-
-<div class="letter s90">
-
-<p>Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die
-beiden Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier
-drinnen so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in
-Verbindung setzen können &ndash; befürchte Aufmerksamkeit zu erregen.
-Ich sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum
-eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft
-wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig
-sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die
-beiden Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point.
-Ich habe etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf
-es aber diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es
-auf dem anderen versuchen.</p>
-</div>
-
-<p>»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte
-auch annehmen können, daß er ein Spion wäre?
-Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die
-einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-sehen, wie die Angelegenheit in diesem Augenblick
-steht. Erstens: Wir haben in unserer Mitte einen
-Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben
-in unserer Mitte noch drei andere, die wir <em class="gesperrt">nicht</em>
-kennen. Drittens: Diese Spione sind durch das einfache
-und leichte Mittel, sich als Soldaten in die Unionsarmee
-einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt
-worden &ndash; und offenbar sind zwei von ihnen
-dabei angeführt worden, indem sie nach dem Kriegsschauplatz
-abrücken mußten. Viertens: Es sind noch
-verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben
-unbestimmt. Fünftens: Wicklow ist im Besitz
-sehr wichtigen Materials, das er sich nicht getraut
-auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen &ndash; will’s
-›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall
-zur Zeit. Sollen wir Wicklow beim Kragen packen
-und ihn zum Geständnis zwingen oder sollen wir
-die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall
-abholt, und sollen wir diese zum Sprechen bringen?
-Oder sollen wir uns ruhig verhalten, um noch mehr
-zu erfahren?«</p>
-
-<p>Wir entschieden uns für das letztere. Es schien
-uns nicht nötig, schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln
-überzugehen, denn aller Wahrscheinlichkeit
-nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
-Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im
-Wege wären. Wir gaben Stern ziemlich weitgehende
-Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich die größte
-Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel
-ausfindig zu machen. Wir gedachten ein kühnes
-Spiel zu spielen und wollten zu dem Zweck die
-Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß
-wir Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher
-Stern, sofort wieder nach dem Stall zu gehen und
-dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows Brief
-wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen,
-und ihn dort zu lassen, damit die Verschwörer
-ihn finden möchten.</p>
-
-<p>Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres
-ereignet hätte. Es war kalt und finster; ein
-rauher Wind blies und brachte Hagelschauer. Trotzdem
-verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein
-warmes Bett und machte in eigener Person die
-Runde, um nachzusehen, ob alles in Ordnung, und
-ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand
-sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war
-ein Gewisper von geheimnisvollen Gefahren umgegangen,
-und die Verdoppelung der Wachtposten
-hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen.
-Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-Runde Webb, der sich dem schneidend kalten Wind
-entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm,
-daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht,
-um nach dem Rechten zu sehen.</p>
-
-<p>Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich
-lebhaften Schwung. Wicklow schrieb abermals
-einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus und
-sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an
-sich, sobald Wicklow wieder draußen war, dann schlich
-er sich ebenfalls hinaus und folgte dem kleinen
-Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war ein
-Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen,
-denn wir hielten es für ratsam, für den Notfall
-gleich die Hilfe des Gesetzes zur Hand zu haben.
-Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort
-herum, bis der Zug von New York einlief; dann
-musterte er scharfen Blickes die Gesichter der Passagiere,
-die den Wagen entströmten. Auf einmal kam
-ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock
-herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen
-und begann sich umzusehen, als ob er jemanden
-erwartete. Blitzschnell trat Wicklow vor, drückte ihm
-einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und
-verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick
-hatte Stern den Brief erhascht; er eilte an dem<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
-Geheimpolizisten vorüber und flüsterte diesem zu:
-»Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn
-nicht aus den Augen!« Dann entfernte er sich eiligst
-mit der Menge und begab sich geraden Weges nach
-dem Fort.</p>
-
-<p>Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen
-den Wachtposten draußen an, daß wir durchaus keine
-Störung haben wollten.</p>
-
-<p>Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen
-Brief. Er lautete:</p>
-
-<div class="letter s90">
-
-<p><em class="gesperrt"><em class="antiqua">Heilige Allianz!</em></em> Fand in der gewöhnlichen
-Kanone Befehle vom Meister, die in der vergangenen Nacht
-dort hinterlassen waren; die Weisungen, die ich bisher vom
-untergeordneten Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen.
-Ließ in der Kanone das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle
-in die richtige Hand gekommen sind&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:</p>
-
-<p>»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger
-Beobachtung?«</p>
-
-<p>Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme
-des vorigen Briefes unablässig streng bewacht
-worden.</p>
-
-<p>»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone
-stecken oder etwas herausnehmen, ohne dabei gefaßt
-zu werden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span></p>
-
-<p>»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz
-und gar nicht.«</p>
-
-<p>»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es
-bedeutet ganz einfach, daß sogar unter den Schildwachen
-Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der
-einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis
-wären, so wäre die Sache nicht möglich gewesen.«</p>
-
-<p>Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die
-Batterien zu durchsuchen und sich Mühe zu geben,
-etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:</p>
-
-<div class="letter s90">
-
-<p>Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die <em class="antiqua">M.M.M.M.</em>
-sollen morgen früh um 3 Uhr <em class="antiqua">F.F.F.F.F.</em> sein. Zweihundert
-werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen
-Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und
-zur rechten Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute
-das Zeichen verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl
-irgend etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen
-sind verdoppelt worden und die höheren Offiziere
-machten letzte Nacht mehreremale die Runde. <em class="antiqua">W.W.</em> kommt
-heute von Süden her und wird heute geheime Befehle empfangen
-&ndash; auf dem andern Wege. Ihr müßt alle sechs
-genau um 2 Uhr morgens in 166 sein. Dort findet ihr <em class="antiqua">B.B.</em>,
-der euch genaue Weisungen geben wird. Losungswort dasselbe
-wie letztesmal, nur umgekehrt &ndash; setzt erste Silbe hinten
-und letzte Silbe vorne an. <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Gedenket</em> XXXX!</em> Vergeßt
-das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die Sonne aufgeht,
-werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein
-und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt
-hinzugefügt haben. <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Amen</em>.</em></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span></p>
-
-<p>»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da
-kommen wir ja, wie mir scheint, in eine ganz brenzliche
-Geschichte hinein!«</p>
-
-<p>Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die
-Sache sehr ernst auszusehen anfinge.</p>
-
-<p>»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist
-im Gange, das ist ganz klar. Diese Nacht ist die
-dafür angesetzte Zeit &ndash; das ist ebenfalls klar. Die
-wahre Natur des Anschlags &ndash; ich meine die Art
-und Weise der Ausführung &ndash; ist durch diese Bündel
-von <em class="antiqua">F</em> und <em class="antiqua">M</em> verschleiert, aber das Endziel,
-scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts. Jetzt
-gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln.
-Ich glaube mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung
-Wicklows kann nichts mehr erreicht werden.
-Wir <em class="gesperrt">müssen</em> wissen, und zwar so schnell wie möglich,
-wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr
-in der Frühe die Bande dort fangen können; die
-schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen, besteht
-ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum
-Geständnis zwingen. Aber vor allen Dingen muß
-ich, ehe wir irgend einen wichtigen Schritt vornehmen,
-den Sachverhalt dem Kriegsdepartement
-unterbreiten und um Vollmachten bitten.«</p>
-
-<p>Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt;<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-ich las und genehmigte es und sandte es
-sofort ab.</p>
-
-<p>Damit schloß unsere Beratung in betreff des
-Spionenbriefes, und ich öffnete den anderen, welchen
-Stern dem lahmen Herrn aus der Hand gerissen
-hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen
-unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das
-war ein kalter Guß auf unsere hochgespannten heißen
-Erwartungen. Einen Augenblick lang kamen wir uns
-so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern.
-Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich
-dachten wir unmittelbar darauf an ›sympathetische
-Tinte‹. Wir hielten das Papier dicht übers
-Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß
-der Hitze die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen,
-aber es erschien nichts als ein paar schwache
-Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten.
-Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und
-beauftragten ihn, alle ihm bekannten chemischen Verfahren
-anzuwenden, bis er auf das richtige träfe.
-Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte,
-sollte er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen.
-Der Fehlschlag war uns im höchsten Grade
-ärgerlich, und natürlich tobten wir über die Verzögerung;
-denn wir hatten steif und fest erwartet,<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-durch den Brief einige von den wichtigsten Geheimnissen
-der Verschwörung zu erfahren.</p>
-
-<p>Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus
-der Tasche ein etwa fußlanges Stück Bindfaden mit
-drei Knoten und hielt es in die Höhe.</p>
-
-<p>»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,«
-sagte er. »Ich nahm die Mündungsdeckel
-von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach;
-diese Schnur war das einzige, was in irgend einer
-Kanone war.«</p>
-
-<p>Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows
-Zeichen, wodurch er kundgab, daß des ›Meisters‹ Befehle
-nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich
-befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig
-Stunden in der Nähe jenes Geschützes
-Schildwache gestanden war, sofort in Einzelgewahrsam
-zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine
-ganz besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.</p>
-
-<p>Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements
-kam ein Telegramm, welches folgendermaßen lautete:</p>
-
-<div class="letter s90">
-
-<p>Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt
-in Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen.
-Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement
-auf dem Laufenden.</p>
-</div>
-
-<p>Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen
-konnten. Ich schickte Leute aus, die ohne Aufsehen<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
-zu erregen den lahmen Herrn verhafteten und
-ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab
-ihm eine Schildwache und verbot, mit dem Mann
-zu sprechen oder ihn anzuhören. Anfangs hatte er
-Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald.
-Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden,
-wie Wicklow zweien von unseren neuen Rekruten etwas
-zugesteckt habe; die Leute seien, so wie er den Rücken
-gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden.
-Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel,
-worauf mit Bleistift geschrieben stand:</p>
-
-<p class="center">
-<em class="antiqua">Adlers Dritter Flug.<br />
-Gedenke XXXX.</em><br />
-166.
-</p>
-
-<p>Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich
-dem Departement in Chiffren, welche neuen Entdeckungen
-wir gemacht und beschrieb zugleich die neu
-gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark
-genug zu sein, um Wicklow gegenüber die Maske
-fallen lassen zu können; ich ließ ihn also holen.
-Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen
-Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt
-sandte ihn zurück mit der Bemerkung, daß seine<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
-Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es gebe
-aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne,
-falls ich es wünschen sollte.</p>
-
-<p>Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles
-in seinem Blick, aber er war gefaßt
-und unbefangen, und wenn er irgend einen Verdacht
-hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen
-und in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich
-ließ ihn ein paar Augenblicke stehen; dann sagte ich
-freundlich:</p>
-
-<p>»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft
-nach dem alten Stall?«</p>
-
-<p>Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht
-recht; es ist eigentlich kein besonderer Grund vorhanden,
-als daß ich gerne allein bin, und daß ich
-mich dort unterhalte.«</p>
-
-<p>»Ach so, du unterhältst dich dort?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach
-und unschuldig wie zuvor.</p>
-
-<p>»Und weiter tust du da nichts?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah
-er mich mit einem Ausdruck kindlicher Verwunderung
-in seinen großen sanften Augen an.</p>
-
-<p>»Weißt du das auch ganz gewiß?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«</p>
-
-<p>Nach einer Pause fragte ich weiter:</p>
-
-<p>»Wicklow, warum schreibst du so viel?«</p>
-
-<p>»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Nicht?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹
-meinen &ndash; kritzeln tue ich manchmal zu meiner
-Unterhaltung.«</p>
-
-<p>»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«</p>
-
-<p>»Nichts, Herr Major &ndash; ich werfe es weg.«</p>
-
-<p>»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹
-vors Gesicht. Er fuhr leicht zusammen, faßte sich
-aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte überzog seine
-Wangen.</p>
-
-<p>»Wie kamst du dann aber dazu, <em class="gesperrt">dieses</em> Gekritzel
-abzuschicken?«</p>
-
-<p>»Ich dach&nbsp;… ich dachte mir gar nichts Böses
-dabei, Herr Major!«</p>
-
-<p>»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung
-des Forts und die Stärke der Besatzung
-und denkst dir nichts Böses dabei?«</p>
-
-<p>Er ließ den Kopf hängen und schwieg.</p>
-
-<p>»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
-das Lügen sein! Für wen war dieser Brief bestimmt?«</p>
-
-<p>Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell
-hatte er sich wieder zusammengenommen und erwiderte
-im Tone tiefsten Ernstes:</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major
-&ndash; die ganze Wahrheit. Der Brief war überhaupt
-niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich
-schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß
-zu machen. Ich sehe jetzt ein, wie verkehrt und wie
-albern das war; aber das ist auch das einzige Anstößige
-dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«</p>
-
-<p>»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche
-Briefe zu schreiben. Ich hoffe, du bist sicher, daß
-dies der einzige ist, den du schriebst.«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«</p>
-
-<p>Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte
-seine Lüge mit dem ehrbarsten Gesicht von der
-Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den in
-mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann
-sagte ich:</p>
-
-<p>»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis
-auf und sieh zu, ob du mir nicht bei zwei
-oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die ich gerne
-wissen möchte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p>
-
-<p>»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr
-Major.«</p>
-
-<p>»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«</p>
-
-<p>Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell
-einen unruhigen Blick über unsere Gesichter gleiten
-ließ. Aber das war auch alles. In einem Augenblick
-war er wieder heiter und antwortete ruhig:</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Du weißt es nicht?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
-
-<p>»Du weißt es <em class="gesperrt">ganz bestimmt</em> nicht?«</p>
-
-<p>Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen
-zu sehen; aber das war zu viel für ihn. Sein Kinn
-sank langsam auf die Brust nieder und er schwieg.
-Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er
-sah kläglich aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz
-seinen niederträchtigen Handlungen Mitleid mit
-ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille mit
-der Frage:</p>
-
-<p>»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«</p>
-
-<p>Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine
-halb unbewußte Bewegung mit den Händen, wie
-ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht.
-Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt
-hartnäckig seine Augen auf den Fußboden geheftet.<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
-Wir sahen ihn an und warteten, daß er sprechen
-möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen
-anfingen, ihm über die Backen zu rollen. Aber er
-blieb still. Nach einer kleinen Weile sagte ich:</p>
-
-<p>»Du mußt mir antworten, mein Junge, und
-mußt mir die Wahrheit sagen. Wer ist die ›Heilige
-Allianz‹?«</p>
-
-<p>Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich
-ziemlich scharf:</p>
-
-<p>»Antworte auf die Frage!«</p>
-
-<p>Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr
-zu werden; dann sagte er mit einem flehenden Blick
-auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem
-Schluchzen herauspressend:</p>
-
-<p>»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major!
-Ich kann nicht antworten, denn ich weiß nichts!«</p>
-
-<p>»Was?!«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit.
-Ich habe bis zu diesem Augenblick niemals was von
-der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner Ehre,
-Herr Major, so ist es!«</p>
-
-<p>»Himmelherrgott … Sieh mal hier deinen
-zweiten Brief an. Da, siehst du hier die Worte:
-›<em class="gesperrt">Heilige Allianz</em>‹? Was sagst du jetzt?«</p>
-
-<p>Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
-Blick eines Menschen, dem man ein großes Unrecht
-angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem Ton:</p>
-
-<p>»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr
-Major. Und wie konnte man mir so was antun &ndash;
-mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun,
-und der niemals einem Menschen etwas zuleide
-getan hat! Irgend einer hat meine Handschrift nachgemacht;
-ich schrieb niemals eine Zeile davon; ich
-habe diesen Brief nie vorher gesehen.«</p>
-
-<p>»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh
-her, was sagst du hierzu?« Und ich riß den Brief
-mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche
-und hielt ihm denselben vor die Augen.</p>
-
-<p>Sein Gesicht wurde weiß! &ndash; so weiß, wie wenn
-er ’ne Leiche gewesen wäre. Er schwankte auf den
-Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand, um
-sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit
-so schwacher Stimme, daß man’s kaum hören konnte:</p>
-
-<p>»Haben &ndash; Sie’s gelesen?«</p>
-
-<p>Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet
-haben, bevor meine Lippen das falsche »Ja!«
-hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich, wie der
-Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete
-darauf, daß er etwas sagen sollte, aber er blieb
-still. So sagte ich denn zuletzt:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span></p>
-
-<p>»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu
-bemerken, die in diesem Brief enthalten sind?«</p>
-
-<p>Er antwortete völlig gefaßt:</p>
-
-<p>»Nichts &ndash; ausgenommen, daß ich gänzlich
-harmlos und unschuldig bin; sie können keinem
-Menschen Schaden tun.«</p>
-
-<p>Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen
-ich seine Behauptung nicht Lügen strafen
-konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter vorgehen
-sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein
-guter Gedanke und ich sagte:</p>
-
-<p>»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem
-›Meister‹ und der ›Heiligen Allianz‹ und schriebst
-ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du
-sagst, eine Fälschung ist?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major &ndash; ganz bestimmt nicht!«</p>
-
-<p>Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor
-und hielt ihm denselben hin ohne ein Wort zu
-sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte
-er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine
-Geduld war jetzt an der Grenze angelangt. Ich
-bezwang indessen meinen Aerger und sagte in ruhigem
-Tone:</p>
-
-<p>»Wicklow, siehst du dies?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span></p>
-
-<p>»Was ist es?«</p>
-
-<p>»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Scheint?</em> Es <em class="gesperrt">ist</em> ein Stück Bindfaden. Erkennst
-du es?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die
-ruhigste Art von der Welt.</p>
-
-<p>Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar!
-Ich machte jetzt eine Pause von mehreren Sekunden,
-um durch das Schweigen den Worten, die ich äußern
-wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann
-stand ich auf, legte meine Hand auf seine Schulter
-und sagte ernst:</p>
-
-<p>»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der
-ganzen Welt nicht gut tun. Dies Zeichen für den
-›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in einer
-der Kanonen an der Wasserseite gefunden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gefunden <em class="gesperrt">in</em> der Kanone?! O, nein, nein,
-nein! Sagen Sie nicht in der Kanone, sondern in
-einer Fuge des Mündungsdeckels &ndash; er <em class="gesperrt">muß</em> in der
-Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und
-faltete seine Hände und hob sein Antlitz zu uns
-empor, ein Antlitz so bleich und angstverzerrt, daß
-er einem Mitleid einflößte.</p>
-
-<p>»Nein, er war <em class="gesperrt">in</em> der Kanone.«</p>
-
-<p>»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
-Gott, ich bin verloren!« Und er sprang auf und
-strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach
-ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen.
-Aber das war natürlich ganz undenkbar. Dann warf
-er sich wieder auf die Kniee, schrie aus Leibeskräften
-und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht
-los und bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen
-mit mir! O, seien Sie gnädig mit mir!
-Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick
-mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich,
-retten Sie mich! Ich will alles gestehen!«</p>
-
-<p>Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu
-beruhigen und ihm die Angst auszureden und ihn
-wieder in eine einigermaßen vernünftige Geistesverfassung
-zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen:
-Er antwortete demütig, mit niedergeschlagenen
-Augen, von Zeit zu Zeit die unablässig rinnenden
-Tränen abwischend.</p>
-
-<p>»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Major.«</p>
-
-<p>»Und ein Spion?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb
-gehandelt?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span></p>
-
-<p>»Mit Freuden, vielleicht?«</p>
-
-<p>»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen.
-Der Süden ist mein Vaterland; mein Herz gehört
-der Sache des Südens &ndash; Herz und Leib und Seele!«</p>
-
-<p>»Dann war also die Geschichte, die du mir von
-euren Leiden und den Verfolgungen gegen deine
-Familie erzähltest, reine Erfindung?«</p>
-
-<p>»Sie &ndash; sie befahlen mir es zu sagen, Herr
-Major!«</p>
-
-<p>»Und du wolltest also die Leute, die dir aus
-Mitleid Obdach gaben, verraten und vernichten?
-Begreifst du, wie gemein das ist, du armes, mißleitetes
-Geschöpf?«</p>
-
-<p>Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.</p>
-
-<p>»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der
-›Oberst‹ und wo ist er?«</p>
-
-<p>Er fing herzbrechend an zu weinen und bat
-himmelhoch, ihm die Antwort zu erlassen. Er sagte,
-man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich drohte
-ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren
-lassen, wenn er nicht mit der Sprache herauskäme.
-Gleichzeitig versprach ich ihm, ihn gegen jede Gefahr
-zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein
-Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern
-preßte die Lippen zusammen und setzte eine verstockte<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span>
-Miene auf. Es war nichts mit ihm anzufangen.
-Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle,
-und der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum.
-Er brach in ein leidenschaftliches Weinen und Flehen
-aus und erklärte, er wolle alles sagen.</p>
-
-<p>Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem
-Zimmer und er gab den Namen des ›Obersten‹ an
-und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er
-wäre im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher
-Kleidung zu finden. Dann mußte ich neue
-Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den
-›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte,
-der Meister würde in New York, Bondstreet Nr. 15
-zu finden sein; er wohnte dort unter dem Namen
-R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung
-an den Polizeipräsidenten der
-Metropole und bat, Gaylord zu verhaften und festzuhalten,
-bis ich ihn abholen lassen könnte.</p>
-
-<p>»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint,
-verschiedene von den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich
-in New London. Nenne und beschreibe sie!«</p>
-
-<p>Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei
-Frauen &ndash; sämtlich im ersten Gasthof von New
-London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt und
-ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften;<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span>
-bald saßen sie auf dem Fort in sicherem
-Gewahrsam.</p>
-
-<p>»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft
-über deine drei Mitverschwörer, die hier im Fort
-sind.«</p>
-
-<p>Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen
-erzählen; ich brachte aber die beiden geheimnisvollen
-Papierschnitzel zum Vorschein, die bei den Rekruten
-gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame
-Wirkung auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir
-hätten zwei von den Leuten schon in unserer Gewalt,
-und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies
-jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:</p>
-
-<p>»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich
-auf der Stelle töten.«</p>
-
-<p>Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde
-ihm jemand zum Schutze mitgeben, außerdem würden
-die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich befahl,
-daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell
-kommen sollten; dann mußte der arme, zitternde,
-kleine Kerl herauskommen; er schritt die Front ab,
-wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich
-dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den
-Leuten ein einziges Wort, und ehe er fünf Schritte
-weiter war, war der Mann auch schon verhaftet.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span></p>
-
-<p>Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich
-die drei Soldaten vorführen. Einer von ihnen mußte
-vortreten und ich sagte:</p>
-
-<p>»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um
-eines Haares Breite von der strengsten Wahrheit ab.
-Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«</p>
-
-<p>Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle
-Gedanken an etwaige Folgen beiseite, heftete seine
-Augen auf des Mannes Gesicht und sagte ohne jedes
-Zögern:</p>
-
-<p>»Sein wahrer Name lautet: George Brichow.
-Er ist aus New Orleans; war vor zwei Jahren
-zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹;
-ist ein verzweifelter Charakter und ist schon
-zweimal wegen Totschlags im Gefängnis gewesen:
-das einemal, weil er einen Matrosen Namens Hyde
-mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal,
-weil er einen Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte,
-das Lot zu heben, womit auch ein solcher
-Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion
-und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt
-Er war dritter Steuermann auf dem ›St.
-Nicholas‹, als dieser Dampfer in der Nähe von Memphis
-in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre
-beinahe gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span>
-ausplünderte, während sie in einem leeren
-Holzboot an Land gebracht wurden.«</p>
-
-<p>Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine
-vollständige Lebensbeschreibung des Mannes. Als
-er fertig war, sagte ich zu diesem:</p>
-
-<p>»Was haben Sie dazu zu bemerken?«</p>
-
-<p>»Nichts für ungut, Herr Major &ndash; aber das ist
-die teuflischste Lüge, die je gesprochen wurde!«</p>
-
-<p>Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die
-beiden anderen einzeln vortreten. Dasselbe Ergebnis.
-Der Junge gab über jeden von ihnen eine bis
-in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte,
-ohne jemals sich auf ein Wort oder eine Tatsache
-besinnen zu müssen; aber alles, was ich aus den
-beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete
-Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten
-nichts gestehen. Ich ließ sie wieder in Haft abführen
-und dann die übrigen Gefangenen, einen nach dem
-anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste
-Auskunft über sie &ndash; aus welchen Städten im Süden
-sie waren, und schilderte mit allen Einzelheiten ihre
-Beteiligung an der Verschwörung.</p>
-
-<p>Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und
-kein einziger von ihnen bekannte das Geringste. Die
-Männer tobten, die Weiber weinten. So wie sie es<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus
-dem Westen und liebten die Union über alles in der
-Welt. Voll Ekel ließ ich die Bande wieder einsperren
-und fuhr in Wicklows Verhör fort:</p>
-
-<p>»Wo liegt Nr. 166 und wer ist <em class="antiqua">B. B.</em>?«</p>
-
-<p>Aber hier war die Grenze, die er sich selber
-gesetzt hatte. Weder Schmeicheln noch Drohen übte
-irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit flog dahin
-&ndash; es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln
-zu greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen
-gebunden hochziehen. Als die Schmerzen ärger wurden,
-stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das
-ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest,
-und sehr bald schrie er heraus:</p>
-
-<p>»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann
-will ich sprechen!«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; du wirst sprechen, bevor ich dich
-herunterlasse.«</p>
-
-<p>Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn.
-Und so kam’s heraus:</p>
-
-<p>»Nr. 166, Adler-Gasthof!«</p>
-
-<p>Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft
-drunten am Hafen, wo gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer
-und zweifelhaftes Gesindel zu verkehren
-pflegten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span></p>
-
-<p>Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft
-über den Zweck der Verschwörung.</p>
-
-<p>»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er
-mürrisch und schluchzend.</p>
-
-<p>»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«</p>
-
-<p>»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer,
-die sich bei 166 treffen sollten.«</p>
-
-<p>»Was bedeutet: ›<em class="gesperrt">Gedenke</em> <em class="antiqua">XXXX</em>!‹?«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>»Wie lautet das Losungswort für 166?«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: <em class="antiqua">FFFFF</em>
-und <em class="antiqua">MMMM</em>? Antworte, oder du kriegst es noch
-einmal zu fühlen!«</p>
-
-<p>»Ich werde <em class="gesperrt">niemals</em> antworten. Lieber sterbe
-ich. Nun tun Sie, was Ihnen beliebt!«</p>
-
-<p>»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist
-das dein letztes Wort?«</p>
-
-<p>Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern
-in seiner Stimme:</p>
-
-<p>»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine
-mißhandelte Heimat liebe und so wahr ich alles
-hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint:
-ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p>
-
-<p>Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen.
-Als er die furchtbarsten Schmerzen litt, da
-war es herzbrechend, des armen Wesens Schreie
-mit anzuhören &ndash; aber wir brachten nichts anderes
-aus ihm heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe
-Antwort:</p>
-
-<p>»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber
-sprechen werde ich niemals!«</p>
-
-<p>Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt,
-daß er ganz bestimmt lieber sterben als gestehen
-würde. Wir ließen ihn daher herunter und
-setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.</p>
-
-<p>Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle
-Hände voll zu tun, um die telegraphischen Berichte
-an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle
-Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166
-zu treffen.</p>
-
-<p>Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten
-Nacht. Es war allerlei durchgesickert, und die
-ganze Garnison war auf dem Posten. Die Schildwachen
-waren verdreifacht, und kein Mensch hätte
-sich drinnen oder draußen rühren können, ohne durch
-eine Gewehrmündung vor seinem Kopf zum Stehen
-gebracht zu werden. Webb und ich waren indes
-jetzt weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-notwendigerweise in ziemlich krüppelhaftem
-Zustande sein mußte, seitdem so viele von
-den hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten
-waren.</p>
-
-<p>Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, <em class="antiqua">B. B.</em>
-zu fesseln und zu knebeln und somit fertig zu sein,
-wenn die übrigen ankämen. Ungefähr ein viertel
-nach eins in der Frühe schlich ich mich an der
-Spitze von einem halben Dutzend kräftiger und beherzter
-altgedienter Soldaten aus der Festung
-heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow,
-dem die Hände auf den Rücken gebunden waren.
-Ich sagte ihm, wir wären auf dem Weg nach
-Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals
-belogen und uns auf eine falsche Fährte gebracht,
-so müsse er uns den richtigen Ort zeigen,
-oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.</p>
-
-<p>Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung
-aller Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In
-der kleinen Schänkstube brannte ein Licht; sonst war
-das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür
-zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise
-ein, die Türe hinter uns schließend. Dann zogen
-wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran nach
-der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span>
-Lehnstuhl und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und
-sagte ihm, er solle seine Stiefel ausziehen und uns
-den Weg zeigen, dabei aber keinen Laut äußern. Er
-gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich
-in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns
-zum Zimmer Nr. 166 voranzugehen. Wir stiegen
-leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen hinan
-und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu
-seinem äußersten Ende. Dort war eine Tür, durch
-deren matte Glasscheibe wir bemerkten, daß drinnen
-ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in
-der Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu,
-es wäre 166. Ich faßte den Türgriff an &ndash; die
-Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte
-ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl
-zu; wir stemmten unsere breiten Schultern gegen
-die Tür und sprengten sie mit einem einzigen Druck
-aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir
-undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag &ndash;
-ich sah wie der Kopf sich der Kerze näherte; aus
-ging das Licht, und wir standen in pechschwarzer
-Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war
-ich auf dem Bett und hielt den darin Liegenden
-mit meinen Knieen nieder. Mein Gefangener wehrte
-sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit meiner<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe
-für meine Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver
-heraus, spannte ihn und legte den kalten Lauf
-zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:</p>
-
-<p>»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’
-ihn sicher.«</p>
-
-<p>Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir
-meinen Gefangenen an und &ndash; Himmeldonnerwetter!
-es war ein junges Frauenzimmer.</p>
-
-<p>Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter.
-Ich kam mir ziemlich dämlich vor. Jeder von uns
-sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als hätten
-wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend
-wirkte die Ueberraschung. Das junge
-Frauenzimmer begann zu schreien und bedeckte sich
-das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte
-in demütigem Ton:</p>
-
-<p>»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht
-recht ist, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«</p>
-
-<p>»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade
-heute abend von Cincinnati ein klein bißchen krank
-nach Hause gekommen.«</p>
-
-<p>»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder
-gelogen! Das ist nicht die richtige Nr. 166, das<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-ist nicht <em class="antiqua">B. B.</em> Höre, Wicklow, jetzt wirst du uns die
-richtige Nr. 166 finden, sonst &ndash; hallo! wo ist denn
-der Junge?«</p>
-
-<p>Fort war er &ndash; das war bombensicher. Und noch
-mehr, es gelang uns nicht, eine Spur von ihm zu
-finden. Das war eine eklige Klemme! Ich verwünschte
-meine Dummheit, daß ich ihn nicht an
-einen von den Leuten angebunden hatte; aber es
-hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu fluchen. Was
-sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? &ndash;
-Das war die Frage. Das Mädchen <em class="gesperrt">konnte</em> immerhin
-doch <em class="antiqua">B. B.</em> sein. Ich glaubte das allerdings
-nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen, Zweifel
-für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine
-Leute ein leeres Zimmer auf der anderen Seite des
-Flurs gegenüber von Nr. 166 beziehen und befahl
-ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere,
-ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie
-bis auf weiteren Befehl unter strenger Bewachung
-zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort zurück, um
-zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.</p>
-
-<p>Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb
-in Ordnung. Ich blieb die ganze Nacht auf, um
-sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich war unbeschreiblich
-froh, als ich den Morgen dämmern sah<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-und an das Kriegsdepartement telegraphieren
-konnte, daß die Sterne und Streifen noch immer
-über Fort Trumbull wehten.</p>
-
-<p>Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen.
-Trotzdem ließ ich natürlich in meiner
-Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag der
-Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach
-dem anderen vorführen und machte ihnen ganz gehörig
-die Hölle heiß, um sie zum Gestehen zu bringen
-&ndash; aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß
-mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus,
-aber sie verrieten nichts.</p>
-
-<p>Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen
-verschwundenen Jungen. Man hatte ihn um sechs
-Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der
-Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort
-schickte ich einen Kavallerieleutnant mit einem
-Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen von der
-Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über
-einen Zaun geklettert und schleppte sich ermattet quer
-über eine morastige Wiese auf ein großes altmodisches
-Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag. Sie ritten
-durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen
-Umweg und näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten
-Seite. Dann stiegen sie ab und liefen<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span>
-schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften
-in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war;
-die Tür nach dem Vorder- oder Wohnzimmer stand
-offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie eine
-leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet.
-Sie blieben daher ehrfurchtsvoll stehen, und der
-Leutnant streckte seinen Kopf vor und sah einen alten
-Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des
-Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende
-war der alte Mann, und gerade als er mit seinem
-Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die Vordertür
-auf und trat ein. Die beiden alten Leute
-sprangen auf ihn zu und umarmten ihn voll Zärtlichkeit
-und riefen:</p>
-
-<p>»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen!
-Der Verlorene ist wiedergefunden. Der
-tot war, ist wieder am Leben!«</p>
-
-<p>Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu:
-Die junge Kröte war da in dem Hause geboren und
-aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht
-weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor
-vierzehn Tagen in meine Wohnung gestrolcht kam
-und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte
-an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies
-Evangelium. Der alte Mann war sein Vater &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe gesetzt
-hatte, und die alte Dame war seine Mutter.</p>
-
-<p>Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie
-der Junge auf seine Streiche verfallen war. Er
-war, wie sich herausstellte, ein rasender Leser von
-Schauergeschichten und Sensationszeitungen &ndash;
-dunkle Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren
-daher gerade so recht sein Fall. Er hatte in den
-Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione fortwährend
-in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten
-von ihren grauslichen Absichten und von
-den zwei oder drei aufregenden Heldentaten, die sie
-wirklich ausführten, hatten auf seine Einbildungskraft
-gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen
-stand. Mehrere Monate lang war sein beständiger
-Kamerad ein Yankeejüngling von großer Zungenbegabung
-und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser
-hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf
-mehreren von den Dampfbooten gedient, die den
-Verkehr von New Orleans zwei- oder dreihundert
-Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln &ndash; daher
-seine Gewandtheit in der Verwendung der Namen
-und gewisser Einzelheiten, die sich auf jene Gegend
-bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil von
-Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span>
-drei Monate zugebracht und ich wußte gerade genug,
-um mit Leichtigkeit auf die Geschichten des Burschen
-hineinzufallen, während hingegen ein geborener
-Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten
-bei seinem Schwindeln ertappt haben würde.
-Und wissen Sie, warum er sagte, er wollte lieber
-sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären?
-Ganz einfach, weil er sie nicht erklären
-<em class="gesperrt">konnte</em>. Sie hatten gar keine Bedeutung; er hatte
-sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg
-aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich
-von ihm verlangt wurde, eine Erklärung davon
-zu geben, da konnte er diese nicht so schnell erfinden.
-So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer
-Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis
-nicht enthüllen &ndash; aus dem mehr als hinreichenden
-Grunde, weil darin überhaupt nichts verborgen war;
-es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer
-Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt,
-es zu tun &ndash; denn seine Briefe waren sämtlich an
-Personen geschrieben, die nur in seiner Phantasie
-existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten
-Bindfaden, denn er sah das Ding zum
-erstenmal, als ich es ihm zeigte. Sobald er aber von
-mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span>
-war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen
-Gemüt sofort zu Nutze und erzielte einige
-schöne Effekte damit. Er erfand Herrn ›Gaylord‹; es
-gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet
-&ndash; das Haus war drei Monate vorher abgebrochen
-worden. Er erfand den ›Oberst‹; er erfand die
-mit glatter Zunge erzählten Geschichten der unglückseligen
-Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte.
-Er erfand ›<em class="antiqua">B. B.</em>‹; er erfand sogar, sozusagen,
-Nr. 166, denn er wußte nicht eher, daß
-es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer
-gab, als bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit,
-alles und jedes zu erfinden, wie es gerade erforderlich
-war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des
-Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde,
-die er im Hotel gesehen und deren Namen er zufällig
-gehört hatte. Ah, er lebte in einer ungeheuerlichen,
-geheimnisvollen, romantischen Welt während
-dieser paar Tage, und ich glaube, für ihn war es
-<em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> und er hatte an ihr seine Lust
-bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.</p>
-
-<p>Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug
-und wirklich endlose Scherereien. Sie begreifen: auf
-seine Veranlassung hin hatten wir fünfzehn oder
-zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span>
-Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt.
-Zum Teil waren die Verhafteten Soldaten und dergleichen
-Leute, und denen gegenüber brauchte ich
-mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren
-Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der
-Union, und so viele Entschuldigungen, wie die verlangten,
-konnte ich gar nicht zu stande bringen!
-Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und
-machten einen unendlichen Lärm. Und dann die
-beiden Damen &ndash; die eine war die Gemahlin eines
-Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester
-eines Bischofs aus dem Westen &ndash; na, <em class="gesperrt">der</em> verächtliche
-Hohn und <em class="gesperrt">die</em> ärgerlichen Tränen, womit sie
-mich überschütteten! Ich dachte mir gleich, die Damen
-würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten
-&ndash; und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch
-so bleiben. Der lahme alte Herr mit der grünen
-Brille war ein College-Vorsteher von der Universität
-Philadelphia, der nach New London gekommen
-war, um dem Begräbnis eines Neffen beizuwohnen.
-Er hatte natürlich Jung-Wicklow niemals
-vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur
-die Beerdigung und wurde als Rebellenspion ins
-Loch gesteckt, sondern Wicklow war in meiner Wohnung
-vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span>
-als Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb
-und Brandstifter aus der verruchtesten Schurkenhöhle
-in Galveston bezeichnet, und das war etwas,
-was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht
-verdauen konnte.</p>
-
-<p>Und das Kriegsdepartement! &ndash; Aber du lieber
-Gott, ziehen wir lieber den Vorhang darüber zu!</p>
-
-<div class="annot s90">
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em>: Ich zeigte mein Manuskript dem Major,
-und er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen Verhältnissen
-hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen verleitet.
-Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz hübschen Aufputz
-geben &ndash; lassen wir sie stehen. Militärs werden darüber
-lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht bemerken. Sie
-haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt und sie genau
-so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">M. T.</em>
-</p>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Aus_den_London_Times">Aus den ›London Times‹ von 1904<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a><br />
-<img src="images/illu-249.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p>
-
-<h3>I.<br />
-Bericht der ›London Times‹.</h3>
-
-<p class="mright">
-Chicago, den 5. April 1904.
-</p>
-
-<p>Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen
-Bericht fort. Seit vielen Stunden hat
-jetzt die ungeheure Stadt &ndash; und mit ihr natürlich
-auch der übrige Teil des Erdballs &ndash; von nichts anderem
-gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt,
-den ich in meinem letzten Bericht erwähnte.
-Den Weisungen der Redaktion entsprechend will ich
-jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern,
-vom Anfang bis zu dem Gipfelpunkt von gestern &ndash;
-oder heute; nennen Sie den Tag wie Sie wollen.
-Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber
-in einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender.
-Die Eröffnungsszene spielt in Wien. Datum: ein<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span>
-Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den
-Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr
-um Mitternacht zusammen mit den Militärattachés
-der Britischen, der Italienischen und der
-Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen,
-um zum Schluß noch eine späte Zigarre zu rauchen.
-Dies sollte im Hause des Leutnants Hillyer, des
-dritten von den oben genannten Attachés, vor sich
-gehen. Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher
-im Salon: den jungen Szczepanik; Herrn
-K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W.,
-den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton
-von der Armee der Vereinigten Staaten. Der Krieg
-zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten drohte
-damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton
-war in militärischen Angelegenheiten nach Europa
-geschickt worden. Den jungen Szczepanik und seine
-beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton dagegen
-nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West
-Point getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur
-Zeit, als General Merritt Kommandeur der Militärschule
-war. Clayton galt für einen befähigten Offizier,
-zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich
-gerade in seinen Worten.</p>
-
-<p>Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span>
-waren, waren zum Teil in geschäftlichen Angelegenheiten
-erschienen. Dieses Gespräch betraf eine
-Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen
-Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen
-Dienst. Es klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem
-wahr, daß damals die Erfindung von keinem
-Menschen ernst genommen wurde, außer vom Erfinder
-selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab,
-betrachtete sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes
-Spielzeug. Er war sogar so überzeugt hievon,
-daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte, durch
-welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr
-bis zum Ende des zur Rüste gehenden Jahrhunderts
-hinausgeschoben wurde; für zwei Jahre
-hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes
-einem Syndikat überlassen, das die Erfindung
-auf der Pariser Weltausstellung auszubeuten gedachte.
-Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden
-wir Clayton und Szczepanik in einen in deutscher
-Sprache geführten hitzigen Disput über das Telelektroskop
-verwickelt. Clayton sagte gerade:</p>
-
-<p>»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung
-darüber!« &ndash; und dabei schlug er nachdrucksvoll
-mit der Faust auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!«<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span>
-versetzte der junge Erfinder mit herausfordernder
-Ruhe in Ton und Haltung.</p>
-
-<p>Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:</p>
-
-<p>»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie
-Ihr Geld an eine solche Spielerei vergeuden. Ich
-bin überzeugt, niemals wird der Tag erscheinen, wo
-sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen
-Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«</p>
-
-<p>»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe
-ich mein Geld da hineingesteckt, und ich bin zufrieden,
-daß ich’s getan habe. Ich glaube selber, daß es nur
-Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine Erfindung
-höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er
-weiter blickt als ich &ndash; und zwar sowohl mit seinem
-Telelektroskop als ohne dasselbe.«</p>
-
-<p>Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger
-nicht ab, sie schien ihn im Gegenteil nur noch mehr zu
-reizen, und er wiederholte in noch stärkeren Ausdrücken
-seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die
-Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing
-wirklichen Nutzen bringen werde. Diesmal
-sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹.
-Dann legte er einen englischen Farthing auf den
-Tisch und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span>
-ein; und wenn der elektrische Fernseher jemals einem
-Menschen einen wirklichen Dienst leistet &ndash; ich betone:
-einen <em class="gesperrt">wirklichen</em> Dienst &ndash; so schicken Sie ihn mir
-bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann
-meine Worte zurücknehmen Wollen Sie?«</p>
-
-<p>»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in
-die Tasche.</p>
-
-<p>Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann
-eine höhnische Bemerkung, die er aber nicht zu
-Ende brachte, denn Szczepanik unterbrach sie mit
-einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar
-darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen
-die beiden Männer aus allen Kräften aufeinander
-los, dann wurden sie von den Attachés getrennt&nbsp;…</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit:
-Herbst 1901. Sobald der Vertrag für die Pariser
-Weltausstellung abgelaufen war, wurde der Fernseher
-dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte
-nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen
-Welt angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte
-›Fernsprecher für unbegrenzte Entfernungen‹
-eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem ganzen
-Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen
-werden, und Augenzeugen, die unzählige Meilen von<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span>
-einander entfernt waren, konnten sich in bequem verständlicher
-Weise über die Geschehnisse unterhalten.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an.
-Clayton, der inzwischen Hauptmann geworden war,
-stand dort in Garnison. Die beiden Männer nahmen
-ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf.
-Dreimal gerieten sie an verschiedenen Orten aneinander
-und mußten durch die Anwesenden getrennt
-werden. Dann verstrichen zwei Monate, während
-welcher Zeit Szczepanik von keinem seiner Bekannten
-gesehen wurde; anfangs nahm man an, er habe eine
-Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich
-hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von
-ihm. Darauf dachte man, er sei nach Europa zurückgekehrt.
-Wieder verging einige Zeit, und man hörte
-immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte
-kein Mensch sich deswegen, denn er war wie die
-meisten Erfinder und andere Dichtersleute: er folgte
-in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und
-pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.</p>
-
-<p>Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember
-wurde in einem finstern und unbenutzten Raum des
-Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins
-von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt.<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span>
-Bekannte Szczepaniks erklärten, es sei dieser. Der
-Mann war eines gewaltsamen Todes gestorben.
-Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses
-Mordes vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach
-in jeder Einzelheit und in völlig unanfechtbarer Weise
-gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er sagte, ein
-vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem
-Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt
-werden &ndash; und würde trotzdem sich irren! Clayton
-schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in
-keiner Weise daran beteiligt gewesen.</p>
-
-<p>Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden,
-zum Tode verurteilt. Er hatte zahlreiche und mächtige
-Freunde, und sie gaben sich große Mühe, ihn zu
-retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit
-seiner Versicherung. Ich half nach meinen
-schwachen Kräften mit, denn ich war jetzt seit langer
-Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt
-zu wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag,
-einen Feind in einen Winkel zu locken und dort zu
-ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903 wurde
-ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der
-Strafe bewilligt; noch einmal wurde ihm zu Anfang
-des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt und die Vollstreckung
-des Urteils bis zum 31. März verschoben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span></p>
-
-<p>Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung
-an in einer peinlichen Lage &ndash; denn Claytons
-Gattin ist eine Nichte des Gouverneurs. Die
-Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34
-und das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe
-war eine glückliche. Es ist ein Kind vorhanden, ein
-dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der armen
-Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern
-den Mund; aber dies konnte nicht immer so
-bleiben, denn in Amerika spricht bei allen Verhältnissen
-die Politik mit &ndash; und allmählich begannen
-des Gouverneurs politische Gegner die öffentliche
-Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß in diesem Fall
-dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen werde.
-Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger
-und immer deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs
-eigne Parteigenossen dadurch nervös gemacht.
-Die Führer der Partei fingen an sich in
-Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen
-mit dem Gouverneur zu halten. Dieser
-befand sich jetzt zwischen zwei Feuern. Auf der
-einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten
-zu begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer
-darauf, er müsse seine klare Pflicht als erster
-Beamter des Staates erfüllen und dürfe Claytons<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span>
-Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl
-gewann in diesem Kampf die Oberhand, und der
-Gouverneur gab sein Wort, er werde dem Verurteilten
-keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war
-vor zwei Wochen; Frau Clayton ging nun zum
-Gouverneur und sagte ihm:</p>
-
-<p>»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine
-letzte Hoffnung geschwunden, denn ich weiß, du wirst
-es niemals zurücknehmen. Aber du hast für John
-alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen
-Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir
-wissen, wenn du ihn in Ehren retten könntest, so
-würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm gehen, ihm
-beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis
-zu der grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende
-haben wird, so angenehm wie möglich machen. Du
-wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s
-nicht allein tragen lassen?«</p>
-
-<p>»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes
-Kind, und ich will bis zum letzten Augenblick dir zur
-Seite stehen.«</p>
-
-<p>Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt
-jede von ihm gewünschte Annehmlichkeit gewährt,
-die seinen Geist anregen und die Härten der Gefangenschaft
-ihm mildern konnte. Tagsüber waren<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span>
-Weib und Kind bei ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft.
-Er wurde aus der engen Zelle herausgebracht,
-die er während einer so langen traurigen
-Zeit bewohnt hatte, und erhielt die geräumige und
-behaglich eingerichtete Wohnung des Oberaufsehers.
-Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der Katastrophe
-seines Lebens und mit dem abgeschlachteten
-Erfinder, und so kam es ihm denn in den Sinn, er
-möchte gern das Telelektroskop haben und sich damit
-unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein Zimmer
-wurde mit der internationalen Fernsprechstelle
-verbunden, und Tag für Tag und Nacht für Nacht
-rief er ein Erdenfleckchen nach dem andern an und
-betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten
-und sprach mit den Leuten dort und begriff,
-daß er dank diesem wunderbaren Instrument fast so
-frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als Gefangener
-hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach
-er mit mir, und ich unterbrach ihn niemals, wenn er
-mit seiner Lieblingsunterhaltung beschäftigt war. Ich
-saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte,
-und die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich
-und angenehm in seiner Gesellschaft. Ab und zu
-hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und dann
-gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder:<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span>
-»Bitte Melbourne.« Und ich rauchte und las in
-aller Bequemlichkeit, während er fern in der Welt
-auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte,
-wo die Sonne leuchtend am Himmel stand und die
-Menschen ihrem Tagwerk nachgingen. Zuweilen interessierte
-mich das Gespräch, das aus jenen fernen
-Gegenden kam und vermöge des mit dem Fernseher
-verbundenen Mikrophons in unsrem Zimmer
-vernehmbar war, und dann hörte ich zu.</p>
-
-<p>Gestern &ndash; ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu
-sprechen, und zwar aus gewissen, ganz natürlichen,
-Gründen &ndash; gestern blieb das Instrument unbenutzt,
-und das war ebenfalls natürlich, denn es war der
-Tag vor der Hinrichtung. Er verging mit Weinen
-und Wehklagen und Abschiednehmen. Der Gouverneur
-und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts
-um viertel nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte,
-schnitten einem ins Herz. Die Hinrichtung
-sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz nach
-elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die
-stille Nacht, und draußen wurde es hell, und das Kind
-rief: »Was ist das, Papa?« und lief ans Fenster,
-ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die
-Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh
-was für ein hübsches Ding sie da machen!« Die<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span>
-Mutter wußte, was sie machten &ndash; und sank in
-Ohnmacht. Es war der Galgen!</p>
-
-<p>Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die
-arme Frau, und Clayton und ich waren allein &ndash;
-allein und brüteten über unseren Gedanken und
-träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß
-man uns hätte für Bildsäulen halten können. Es
-war eine wilde Nacht draußen, denn der Winter war
-noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch,
-wie es in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit
-meistens der Fall ist. Der Himmel war sternenlos
-und schwarz, und ein starker Wind blies vom See
-her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle
-Laute von draußen infolge des Gegensatzes übertrieben
-stark erschienen. Diese Laute paßten zur
-Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen;
-sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen
-Stößen über Dächer und Kamine, bis der Lärm
-an den Wasserrinnen und Häuserecken zu einem Pfeifen
-und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd
-ein Hagelschauer an die Fensterscheiben &ndash; und dazu
-fortwährend die schauerlichen gedämpften Hammerschläge
-der Zimmerleute, die im Hofe den Galgen
-aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer
-Ewigkeit ein anderer Ton zu uns &ndash; aus weiter Ferne<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span>
-und nur ganz schwach durch den Aufruhr des Sturmes
-hindurchklingend &ndash; eine Glocke schlug zwölf! Wieder
-eine Ewigkeit &ndash; dann schlug es abermals. Und dann
-&ndash; noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange
-Pause und dann tönte wiederum der Geisterklang zu
-uns herüber: Eins! &ndash; Zwei! &ndash; Drei! &ndash; Und
-diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig
-Minuten zu leben!</p>
-
-<p>Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er
-schaute hinaus in den schwarzen Himmel und horchte
-auf das Prasseln des Hagels und das Pfeifen des
-Windes. Dann sagte er: »Und <em class="gesperrt">das</em> sollten eines
-Mannes letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und
-nach einer kurzen Weile: »Ich muß noch einmal die
-Sonne sehen &ndash; die Sonne!« Und im nächsten Augenblick
-rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden
-Sie mich mit China &ndash; Peking!«</p>
-
-<p>Ich selber war in seltsamer Aufregung und
-dachte bei mir: »Wie unglaublich &ndash; ein gewöhnlicher
-Mensch vollbringt dieses unermeßliche Wunder:
-wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm
-in Windstille, gibt einem Gefangenen in seiner Zelle
-freien Verkehr mit dem ganzen großen Erdball und
-läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis stirbt,
-die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span></p>
-
-<p>Ich hörte dem Gespräch zu:</p>
-
-<p>»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche
-Strahlenfülle! … Das ist Peking?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Welche Zeit?«</p>
-
-<p>»Mitten am Nachmittag.«</p>
-
-<p>»Was will die große Menge, was bedeuten die
-prachtvollen Kleider? Welche Massen und Massen von
-reicher Farbenpracht und barbarischem Glanz! Und
-wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden
-Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«</p>
-
-<p>»Die Krönung unseres neuen Kaisers &ndash; des
-Zaren.«</p>
-
-<p>»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden
-sollen.«</p>
-
-<p>»Unser ›heute‹ ist für Sie &ndash; ›gestern‹.«</p>
-
-<p>»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage
-etwas verwirrt &ndash; aus guten Gründen&nbsp;… Ist dies
-der Beginn des Festzugs?«</p>
-
-<p>»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich
-in Bewegung zu setzen.«</p>
-
-<p>»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«</p>
-
-<p>»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden.
-Warum seufzen Sie?«</p>
-
-<p>»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p>
-
-<p>»Und warum können Sie das nicht?«</p>
-
-<p>»Ich muß gehen &ndash; gleich jetzt im Augenblick.«</p>
-
-<p>»Sie haben eine Verpflichtung?«</p>
-
-<p>Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine
-Pause. Dann: »Wer sind die Leute unter dem prachtvollen
-Zeltdach?«</p>
-
-<p>»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die
-aus allen Gegenden der Welt als Gäste gekommen
-sind.«</p>
-
-<p>»Und wer sind die anderen in den anstoßenden
-Zelten zur Rechten und zur Linken?«</p>
-
-<p>»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien
-und Gefolge; zur Linken Fremde ohne amtlichen
-Charakter.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie so gut sein wollen, ich&nbsp;…«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bumm!</em> Wieder erscholl durch das Unwetter
-von Sturm und Hagel die ferne Glocke und meldete
-mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür
-ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm
-Mutter und Kind &ndash; die Frau im Witwengewand!
-Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem
-Gatten an die Brust und ich &ndash; ich mußte hinaus;
-ich konnte es nicht ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer
-und schloß die Tür. Dort saß ich und wartete
-&ndash; wartete &ndash; wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span>
-und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge
-eine lange lange Zeit, dann hörte ich ein Geraschel
-und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich
-wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und
-der Gefängniswärter eingetreten. Dann wurde leise
-gesprochen; dann alles still; dann ein Gebet, mit
-Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von
-Schritten &ndash; der Aufbruch zum Schafott; und dann
-noch des Kindes glückliche Stimme: »Ach weine doch
-nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa
-wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«</p>
-
-<p>Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte
-mich; ich war des zum Sterben Bestimmten einziger
-Freund, der keine geistige Kraft, keinen Mut
-hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich
-wollte ein Mann sein und auch hingehen. Aber
-über uns selbst können wir nicht hinaus &ndash; können
-es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.</p>
-
-<p>Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal
-ging ich ans Fenster, öffnete es leise &ndash; von dem
-fürchterlichen Bann erfaßt, den entsetzliche Ereignisse
-ausüben &ndash; und sah auf den Hof hinunter. Bei dem
-prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich
-die kleine Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau,
-die an ihres Onkels Brust weinte, den Verurteilten,<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span>
-der auf dem Schafott stand. Schon hatte er den
-Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib
-gebunden, die schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf.
-Der Sheriff an seiner Seite hielt die Hand am
-Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig
-und mit dem Buch in der Hand.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich bin die Auferstehung und das
-Leben</em>&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit
-anhören, ich konnte es nicht mit ansehen. Ich wußte
-nicht, wohin ich ging und was ich tat. Mechanisch
-und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige
-Instrument, den elektrischen Fernseher &ndash;
-und da war Peking und der Krönungszug des Zaren.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem
-Fenster hinaus &ndash; atemlos, nach Luft ringend. Ich
-versuchte zu sprechen, aber ich war gerade infolge der
-Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie
-betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich,
-der ich so dringend Worte finden mußte&nbsp;…</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Und möge Gott Gnade haben mit
-deiner Seele. Amen.</em>«</p>
-
-<p>Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter
-und legte die Hand an den Hebel. Da fand ich
-meine Stimme wieder!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span></p>
-
-<p>»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist
-unschuldig. Kommt her und seht Szczepanik von
-Angesicht zu Angesicht!«</p>
-
-<p>Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur
-an meiner Stelle am Fenster und rief:</p>
-
-<p>»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin
-frei!«</p>
-
-<p>Drei Minuten später waren alle wieder im
-Zimmer. Der Leser wird sich die Szene vorstellen
-können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es war
-eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.</p>
-
-<p>Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem
-Zuschauerzelt, und wir konnten sehen, wie ein angstvolles
-Erstaunen sein Antlitz überzog, als er die
-Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den
-Apparat und sprach mit Clayton und dem Gouverneur
-und anderen. Und die Frau dankte ihm mit
-überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben
-gerettet, und küßte ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit
-über zwölftausend Meilen hinweg.</p>
-
-<p>Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball
-traten in Tätigkeit, und viele Stunden lang
-sprachen Könige und Königinnen &ndash; und ab und zu
-auch ein Reporter &ndash; mit Szczepanik und priesen ihn;
-und die wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span>
-ihn noch nicht zum Ehrenmitglied erhoben hatten,
-beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.</p>
-
-<p>Wie war es zugegangen, daß er aus unserer
-Mitte verschwand? Dies war leicht erklärt. Er hatte
-noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm zu
-tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor
-dem Glück, überall der Löwe des Tages zu sein, aus
-dem Staube zu machen; denn dieses ›Glück‹ machte
-jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ sich
-also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf,
-verkleidete sich auch selbst noch ein bißchen, nahm
-einen falschen Namen an und ging davon, um in
-Frieden die Welt zu durchwandern.</p>
-
-<p>Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling
-1898 mit einem unbedeutenden Streit in Wien
-begann und im Frühling 1904 beinahe als Tragödie
-geendet hätte.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>II.<br />
-Korrespondenz der ›London Times‹.</h3>
-</div>
-
-<p class="mright">
-Chicago, den 1. April 1904.
-</p>
-
-<p>Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem
-elektrischen Eilschiff und vom Hafen ab mit der elektrischen
-Eisenbahn befördert, ein Briefumschlag aus<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span>
-Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer
-Farthing. Der Empfänger war recht gerührt.
-Er ließ sich mit Wien verbinden, begrüßte Herrn K’s
-wohlbekanntes Gesicht und sagte:</p>
-
-<p>»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles
-auf meinem Antlitz lesen. Meine Frau hat den
-Farthing. Seien Sie unbesorgt &ndash; sie wird ihn
-nicht wegwerfen.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>III.<br />
-Korrespondenz der ›London Times‹.</h3>
-</div>
-
-<p class="mright">
-Chicago, den 23. April 1904.
-</p>
-
-<p>Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls
-Clayton‹ ihren Lauf genommen &ndash; und beendigt
-haben, so will ich das Ganze kurz zusammenfassen.
-Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen
-Tode versetzte die ganze Gegend in einen
-Zaubertaumel von freudiger Ueberraschung. Er hielt
-die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte die
-Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und
-zu sagen: »<em class="gesperrt">Aber ein Mann wurde getötet</em> &ndash;
-und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten: »Das
-ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen;<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span>
-wir haben uns von unserer Erregung zu weit
-fortreißen lassen.«</p>
-
-<p>Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton
-müsse noch einmal vor Gericht gestellt werden. Die nötigen
-Maßnahmen wurden getroffen und es wurden die
-erforderlichen Anträge in Washington gestellt; denn
-in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen,
-der im Jahre 1889 der Verfassung hinzugefügt
-wurde, Prozesse zweiter Instanz nicht in den Machtbereich
-der Einzelstaaten, sondern es sind Nationalangelegenheiten,
-und sie müssen vor die erhabene
-Körperschaft des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof
-der Vereinigten Staaten‹ gebracht werden. Die Richter
-wurden also zur Tagung nach Chicago berufen.
-Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den
-üblichen eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die
-neun Richter erschienen in ihren schwarzen Talaren
-und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte den
-Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und
-sprach:</p>
-
-<p>»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach:
-Der Angeklagte war beschuldigt, einen gewissen
-Szczepanik ermordet zu haben; er wurde wegen Ermordung
-des Szczepanik vor Gericht gestellt; er
-wurde wegen Ermordung des Szczepanik in aller<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span>
-Form Rechtens schuldig gesprochen und zum Tode
-verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik
-überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung
-der französischen Gerichtshöfe im Fall Dreyfus
-steht es unbestreitbar fest, daß <em class="gesperrt">Entscheidungen
-von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht
-nachgeprüft werden können</em>. Wir sind gehalten,
-diesen Präzedenzfall zu achten und uns zu
-eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige
-Gebäude der Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte
-ist in aller Form Rechtens wegen Ermordung
-des Szczepanik zu Tode verurteilt worden,
-und es gibt meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit
-nur einen einzigen Weg, den wir einschlagen
-können: er muß gehängt werden!«</p>
-
-<p>Richter Crawford sagte:</p>
-
-<p>»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat
-auf dem Schafott begnadigt!«</p>
-
-<p>»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht
-gültig sein, denn er wurde begnadigt wegen der Ermordung
-Szczepaniks &ndash; eines Mannes, den er nicht
-getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens
-begnadigt werden, das er nicht begangen
-hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«</p>
-
-<p>»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p>
-
-<p>»Das ist ein außerhalb der Sache liegender
-Umstand; wir haben damit nichts zu tun. Der Gerichtshof
-kann sich mit diesem Verbrechen nicht eher
-beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt
-hat.«</p>
-
-<p>Richter Halleck bemerkte:</p>
-
-<p>»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz,
-so werden wir damit nur einen Mißgriff
-der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird
-ihn abermals begnadigen.«</p>
-
-<p>»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er
-kann keinen Menschen wegen eines Verbrechens begnadigen,
-das dieser nicht begangen hat. Dies
-würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit
-sein.«</p>
-
-<p>Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte
-Richter Wadsworth:</p>
-
-<p>»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen,
-Exzellenz, daß es ein Irrtum sein würde, den Angeklagten
-wegen des an Szczepanik begangenen Mordes
-zu henken anstatt wegen der Ermordung des
-anderen Mannes; denn es ist bewiesen, daß er Szczepanik
-nicht getötet hat.«</p>
-
-<p>»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik
-tötete. Aus dem französischen Präzedenzfall<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span>
-geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch des Gerichtshofes
-verbleiben müssen.«</p>
-
-<p>»Aber Szczepanik lebt ja noch.«</p>
-
-<p>»Dreyfus auch.«</p>
-
-<p>Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden,
-den französischen Präzedenzfall zu ignorieren oder
-ihn zu umgehen. Es war nur ein Ergebnis möglich:
-Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies
-bewirkte eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois
-erhob sich wie <em class="gesperrt">ein</em> Mann und verlangte Claytons
-Begnadigung und die <em class="gesperrt">Wiederaufnahme
-seines Prozesses</em>. Der Gouverneur sprach die
-Begnadigung aus, aber der Höchste Gerichtshof mußte
-sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es,
-und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.</p>
-
-<p>Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann
-man in der Tat vom ganzen Staate sagen. Ganz
-Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen
-›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen
-Offizierchen, die dies Ding erfanden und andere
-Christenländer damit straften.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-274">
- <img src="images/illu-274.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Todeslos">Das Todeslos.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a><br />
-<img src="images/illu-275.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Nach einer wahren Begebenheit, die <em class="antiqua">Carlyle</em> in seinen
-<em class="antiqua">Letters and Speeches of Oliver Cromwell</em> erwähnt.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">M. T.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[277]</span></p>
-
-<p>Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst
-Mayfar, der jüngste Offizier dieses Ranges im
-Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt,
-aber trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest
-und kriegsgewohnt, denn er hatte schon mit
-17 Jahren seine militärische Laufbahn begonnen.
-In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von
-Stufe zu Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste
-im Feld nicht nur die allgemeine Achtung,
-in der er stand, sondern auch seine Stellung im
-Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große
-Sorge; ein Schatten war auf sein Glück gefallen.</p>
-
-<p>Der Winterabend war hereingebrochen; draußen
-stürmte es in der Dunkelheit; drinnen ein melancholisches
-Schweigen. Der Oberst und sein junges
-Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen,
-hatten ihr abendliches Bibelkapitel gelesen und das
-Abendgebet gesprochen. Jetzt blieb nichts mehr<span class="pagenum" id="Seite_278">[278]</span>
-zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu
-blicken und nachzudenken und &ndash; zu warten. Lange
-würden sie nicht zu warten haben; das wußten sie,
-und die Frau schauderte bei dem Gedanken.</p>
-
-<p>Sie hatten <em class="gesperrt">ein</em> Kind &ndash; Abby, 7 Jahre alt;
-es war ihr Abgott. Sie wußten, es würde sogleich
-zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst sagte:</p>
-
-<p>»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich
-scheinen &ndash; ihr zulieb. Wir müssen für den Augenblick
-vergessen, was uns bevorsteht.«</p>
-
-<p>»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen,
-ob ich den Gram in mein Herz verschließen kann,
-ohne daß es bricht.«</p>
-
-<p>»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns
-zu tragen bestimmt ist, mit Geduld, und nicht vergessen,
-daß alles, was Er tut, wohl getan ist und
-zu unserem Besten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit
-gläubiger Seele sprechen &ndash; ich wollte, ich könnte
-es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich
-das könnte! Aber der Gedanke, daß diese
-liebe Hand, die ich zum letztenmal drücke und
-küsse&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Still, mein Schatz, sie kommt.«</p>
-
-<p>Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im
-Nachtkleid zur Tür herein und sprang auf den<span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span>
-Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte
-und leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.</p>
-
-<p>»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg
-küssen; du zerzausest mir meine Haare.«</p>
-
-<p>»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst
-du mir, mein Liebling?«</p>
-
-<p>»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir <em class="gesperrt">wirklich</em>
-leid? Tust du nicht bloß so, sondern bist
-du im Ernst traurig darüber?«</p>
-
-<p>»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte
-der Oberst, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen
-und tat als ob er schluchzte. Das Kind erschrak
-über diese tragische Wendung, die es verursacht
-hatte, fing selber an zu weinen, mühte sich, dem
-Vater die Hände von den Augen zu ziehen und rief:</p>
-
-<p>»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es
-nicht bös gemeint; Abby will’s nie, nie wieder tun.
-Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen
-und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei
-erspähte sie zufällig ein Auge hinter denselben und
-rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar nicht
-geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und
-Abby geht jetzt zur Mama; die behandelt Abby besser.«</p>
-
-<p>Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber
-ihr Vater schlang die Arme um sie und sagte: »Nein,
-liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span>
-aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid
-&ndash; komm, laß ihn deine Tränen wegküssen &ndash; und
-er bittet dich um Verzeihung, und will zur Strafe
-alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle
-weggeküßt und keine einzige Locke zerzaust &ndash; und
-was Abby befiehlt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf
-des Kindes Gesicht; es streichelte seinem Vater die
-Backen und nannte die Strafe: &ndash; »Eine Geschichte,
-eine Geschichte!«</p>
-
-<p>Horch!</p>
-
-<p>Die Eltern hielten den Atem an und lauschten.
-Schritte, kaum vernehmbar in dem Sausen des
-Windes, kamen näher, immer näher … wurden
-lauter … immer lauter, dann gingen sie vorbei
-und erstarben in der Ferne. Die beiden Eltern
-atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also
-eine Geschichte? Eine lustige?«</p>
-
-<p>»Nein, Papa, eine schreckliche.«</p>
-
-<p>Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden,
-aber die Kleine bestand auf ihrem Recht,
-daß der Papa alles tun sollte, was sie befehlen
-würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und
-hatte sein Wort gegeben &ndash; er sah, daß er es
-halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir müssen
-nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span>
-sagt, daß die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten.
-Ist das wahr, Papa? Sie sagt so.«</p>
-
-<p>Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich
-wieder schwer auf ihr Herz. Der Vater antwortete
-freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz. Die
-Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«</p>
-
-<p>»O, dann erzähle <em class="gesperrt">davon</em> eine Geschichte,
-Papa, &ndash; eine recht schreckliche, so daß es uns allen
-gruselt, als ob <em class="gesperrt">wir</em> es wären. Komm ganz dicht
-hierher, Mama, und nimm eines von Abbys
-Händchen. Weißt du, wenn’s dann zu schrecklich
-wird, können wir es leichter aushalten, wenn wir
-alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst.
-So Papa, jetzt kannst du anfangen.«</p>
-
-<p>»Nun also … es waren einmal drei Obersten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was
-Obersten sind, weil du auch einer bist, und ich kenne
-ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«</p>
-
-<p>»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen
-die Disziplin vergangen.«</p>
-
-<p>Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier
-und Staunen sah es auf und sagte:</p>
-
-<p>»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«</p>
-
-<p>Die Eltern lachten beinahe, und der Vater
-antwortete:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span></p>
-
-<p>»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie
-überschritten ihre Befehle.«</p>
-
-<p>»Ist das etwas&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das
-andere. Sie hatten den Befehl, in einer unglücklichen
-Schlacht einen Scheinangriff auf eine feste
-Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug
-zu ermöglichen. Aber in ihrem Eifer überschritten
-sie ihre Befehle, denn sie machten einen
-wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im
-Sturm und gewannen die Schlacht. Der Obergeneral
-war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost
-über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London,
-damit dort über ihr Leben vor Gericht entschieden
-würde.«</p>
-
-<p>»Ist das er große General Cromwell, Papa?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»O, <em class="gesperrt">den</em> habe ich gesehen, Papa! Wenn er
-so stolz auf seinem großen Pferd mit den Soldaten
-bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er
-ein Gesicht … so … ich weiß selbst nicht recht
-wie, aber er sieht aus, als ob er unzufrieden wäre,
-und man kann sehen, daß die Leute Angst vor ihm
-haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn
-mich hat er nicht so angesehen.«</p>
-
-<p>»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die<span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span>
-Obersten wurden gefangen nach London gebracht
-und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien
-noch zum letztenmal&nbsp;…«</p>
-
-<p>Horch!</p>
-
-<p>Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen
-abermals vorbei. Die Mutter lehnte ihren Kopf
-an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu verbergen.</p>
-
-<p>»Sie sind heute morgen angekommen.«</p>
-
-<p>Die Augen des Kindes öffneten sich weit.</p>
-
-<p>»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine <em class="gesperrt">wahre</em>
-Geschichte?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herzchen.«</p>
-
-<p>»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte
-Papa, wie geht die Geschichte weiter? Ei Mama
-… liebe Mama, weinst du denn?«</p>
-
-<p>»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an
-die … an die armen Familien.«</p>
-
-<p>»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama;
-es wird noch alles gut werden, du wirst sehen; das
-ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle
-weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich
-bis an ihr Ende. Nicht wahr, Mama, dann weinst
-du nicht mehr? Papa, bitte erzähle weiter.«</p>
-
-<p>»Zuerst brachte man die Gefangenen in den
-Tower, ehe man sie nach Hause gehen ließ.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span></p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> kenne den Tower! Wir können ihn von
-hier aus sehen.«</p>
-
-<p>»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde
-lang über sie zu Gericht und fand sie schuldig. Sie
-wurden verurteilt, erschossen zu werden.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Tot</em>geschossen, Papa?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst
-ja wieder; nicht weinen Mama! Die Geschichte
-wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst
-schon sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb;
-du erzählst nicht schnell genug.«</p>
-
-<p>»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher,
-daß ich mich so oft besinnen muß.«</p>
-
-<p>»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du
-mußt immer weiter erzählen.«</p>
-
-<p>»Ja, mein Kind &ndash; diese drei Obersten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Kennst du sie, Papa?«</p>
-
-<p>»Ja, ich kenne sie.«</p>
-
-<p>»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich
-habe alle Obersten so gern. Glaubst du, daß sie
-sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme
-zitterte ein wenig, als er antwortete:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Einer</em> von ihnen sicher. Komm’, küsse mich
-statt seiner.«</p>
-
-<p>»Da Papa &ndash;&nbsp;&ndash; und diese zwei sind für die<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span>
-beiden andern. Ich glaube doch, sie würden sich von
-mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein Papa ist
-auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz
-ebenso gehandelt haben wie ihr, und so kann es
-nichts Böses sein, mögen die Leute sagen, was sie
-wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines
-bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen
-lassen, nicht wahr Papa?«</p>
-
-<p>»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«</p>
-
-<p>»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt
-kommt gleich die Stelle, wo sie alle glücklich werden.
-Papa, bitte erzähle weiter.«</p>
-
-<p>»Dann waren einige von ihnen traurig &ndash;
-sie alle waren es; ich meine das Kriegsgericht. Und
-sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie hätten
-ihre Pflicht getan, &ndash; denn weißt du, es <em class="gesperrt">war</em> ihre
-Pflicht &ndash; und jetzt bäten sie darum, daß zwei von
-den Obersten begnadigt würden, und bloß einer erschossen
-werden sollte. Das würde genügen, um
-bei der Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der
-Obergeneral war sehr streng und lehnte ihre Bitten
-ab, denn wenn <em class="gesperrt">sie</em> ihre Pflicht getan und nach
-ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle <em class="gesperrt">er</em> sich
-seiner Pflicht auch nicht entziehen und seine
-Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber erwiderten,
-daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht<span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span>
-auch tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden
-und das hohe Vorrecht hätten, Gnade zu üben.
-Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine
-Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen.
-Dann hieß er sie warten und zog sich in sein Zimmer
-zurück, um sich im Gebet bei Gott Rat zu erholen.
-Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los
-ziehen; einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«</p>
-
-<p>»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß
-sterben? Ach, der arme Mann!«</p>
-
-<p>»Nein, sie haben sich geweigert.«</p>
-
-<p>»Sie wollen es nicht tun, Papa?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Weshalb nicht?«</p>
-
-<p>»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos
-zöge, sich durch seine eigene freiwillige Handlung
-zum Tod verurteilte und das sei nichts anderes
-als Selbstmord, man möge sagen was man wolle.
-Sie aber seien Christen, und die Bibel verböte
-ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese Antwort
-schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen,
-sie seien bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts
-vollstrecken.«</p>
-
-<p>»Was heißt denn das, Papa?«</p>
-
-<p>»Daß sie … daß sie alle erschossen werden.«</p>
-
-<p>Horch!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p>
-
-<p>Der Wind? Nein. Trapp &ndash; trapp &ndash; trapp
-&ndash; r-r-rumbledibum, r-r-rumbledibum&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«</p>
-
-<p>»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe
-die Soldaten so gern! Darf ich ihnen aufmachen?
-Bitte, bitte, Papa!«</p>
-
-<p>Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte
-sie auf, indem sie vergnügt rief: »Kommt nur
-herein, kommt nur herein! Abby macht euch auf.
-Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere
-kenn’ ich zu gut!«</p>
-
-<p>Die kleine Abteilung marschierte herein und
-stellte sich in Linie auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier
-grüßte, der verurteilte Oberst stand aufrecht da und
-erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm,
-totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen &ndash;
-aber sonst verriet sie durch kein Zeichen ihren trostlosen
-Jammer. Das Kind sah auf die Szene mit
-leuchtenden Augen&nbsp;…</p>
-
-<p>Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und
-Kind; dann der Befehl »zum Tower &ndash; Marsch!«
-Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ
-der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung.
-Dann schloß sich die Tür.</p>
-
-<p>»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich
-habe dir’s ja immer gesagt, daß die Geschichte so<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span>
-ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower,
-und da kann er die Obersten sehen. Er&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges
-Ding!&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen war die unglückliche Mutter
-nicht imstande, das Bett zu verlassen. Aerzte und
-barmherzige Schwestern saßen bei ihr und flüsterten
-ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins
-Zimmer kommen; man hatte ihr gesagt, sie solle
-auf die Straße gehen und spielen &ndash; Mama sei
-sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen
-ging das Kind vors Haus und spielte eine Weile;
-dann kam ihr der Gedanke, es sei doch sonderbar
-und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im
-Tower bliebe, während Mama so krank war. Sie
-wollte mal nach Papa sehen.</p>
-
-<p>Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor
-den Obergeneral. Aufrecht, mit finsterer Miene,
-die Fingerknöchel auf den Tisch gestützt, stand er
-da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde,
-zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie
-dringend ersucht, sich die Sache noch einmal zu
-überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span>
-bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen.
-Sie sind willens, zu sterben, aber nicht die Vorschriften
-ihrer Religion zu übertreten.«</p>
-
-<p>Der Protektor machte ein finsteres Gesicht,
-jedoch er schwieg. Eine Zeitlang blieb er in Gedanken
-versunken, dann sprach er: »Sie sollen nicht
-alle sterben; das Los soll <em class="gesperrt">für sie gezogen
-werden</em>.« Die Anwesenden vernahmen es voll
-Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in dieses
-Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit
-dem Gesicht nach der Wand, die Hände hinter sich
-gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da sind.«</p>
-
-<p>Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich
-und gab einem Adjutanten den Befehl: »Bringen
-Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das
-draußen vorbei geht!«</p>
-
-<p>Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen
-Offizier geschlossen, als er auch schon wieder zurückkam,
-mit Abby an der Hand, auf deren Kleidern
-der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne
-Scheu auf das Staatsoberhaupt zu, bei dessen
-bloßem Namen Fürsten und Könige zitterten; sie
-kletterte ihm auf den Schoß und sagte:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Dich</em> kenne ich; du bist der Obergeneral; ich
-habe dich schon gesehen, als du einmal an meinem
-Haus vorbeigekommen bist. Alle hatten Furcht vor<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span>
-dir, aber <em class="gesperrt">ich</em> nicht, weil du <em class="gesperrt">mich</em> nicht so bös
-angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch!
-Ich hatte mein rotes Kleid an &ndash; das mit den
-blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«</p>
-
-<p>Ein Lächeln ging durch die harten Züge des
-Protektors, und er zögerte diplomatisch mit der
-Antwort.</p>
-
-<p>»Ja, doch … ich muß mich besinnen, …
-es war&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich stand gerade vor dem Haus, vor
-<em class="gesperrt">meinem</em> Haus, weißt du.«</p>
-
-<p>»Hm! … du liebes kleines Ding, es ist ja
-eine Schande, aber ich weiß wirklich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:</p>
-
-<p>»Ach, du hast es <em class="gesperrt">doch</em> vergessen. Aber <em class="gesperrt">ich</em>
-nicht.«</p>
-
-<p>»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber
-jetzt will ich dich gewiß nicht mehr vergessen, auf
-mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und wir
-wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«</p>
-
-<p>»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie
-du mich hast vergessen können. Du mußt recht
-vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal;
-meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe
-dir, denn ich glaube, du bist doch gut, ebenso gut
-wie … aber du mußt mich besser auf deinen Schoß<span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span>
-setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa &ndash;
-es ist kalt.«</p>
-
-<p>»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du
-kleine neue Freundin; von jetzt ab bist du dann
-meine <em class="gesperrt">alte</em> Freundin, nicht wahr? Du erinnerst
-mich an mein kleines Mädchen &ndash; jetzt ist
-es freilich schon lange nicht mehr klein &ndash; aber
-es war ein liebes, süßes, zierliches kleines Dingelchen
-und hatte denselben Zauberreiz wie du, du
-kleine Fee. Mit deinem holdseligen Vertrauen zu
-jedermann, ob Freund oder Fremder, machst du
-alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann
-fällt. So wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen
-Armen, vertrieb mir die Müdigkeit und Sorge aus
-dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie
-du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden.
-Es ist lange, lange her, daß dieser
-Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist
-im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt
-wieder; &ndash; nimm dafür den Segen eines Mühseligen
-und Beladenen, du kleines Ding, das mir
-Last und Sorge für England abnimmt, dieweil ich
-ruhe.«</p>
-
-<p>»Hast du sie arg, arg, <em class="gesperrt">arg</em> gerne gehabt?«</p>
-
-<p>»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur
-zu befehlen, und ich gehorchte!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span></p>
-
-<p>»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«</p>
-
-<p>»Von ganzem Herzen … ich bin sogar stolz
-darauf. Da &ndash; der ist für dich … und der ist für
-sie. Du hast mich darum gebeten, und du hättest
-es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre
-Stelle, und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«</p>
-
-<p>Das Kind klatschte in die Hände vor Freude
-über diese neue Machtstellung, dann schlug ein Geräusch
-an ihr Ohr: der gleichmäßige Schritt marschierender
-Männer.</p>
-
-<p>»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so
-gerne sehen.«</p>
-
-<p>»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte
-einen Augenblick, ich habe einen Auftrag für dich.«</p>
-
-<p>Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die
-Verurteilten sind zur Stelle, Sir.« Dann grüßte
-er wieder und ging.</p>
-
-<p>Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine
-Kugeln aus Siegelwachs. Zwei davon waren weiß
-und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie erhielt,
-zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne
-rote! Sind die alle für mich?«</p>
-
-<p>»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute.
-Die Türe dort, die der Vorhang verdeckt, ist offen,
-gehe hindurch in das anstoßende Zimmer; dort
-wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen,<span class="pagenum" id="Seite_293">[293]</span>
-mit den Händen auf dem Rücken, &ndash; so &ndash; und
-jeder hält eine Hand offen, wie eine Schale. In
-jede von den drei offenen Händen lege eine von
-diesen Kugeln und komme dann zurück zu mir.«</p>
-
-<p>Abby verschwand hinter dem Vorhang und der
-Protektor blieb allein. Er sagte mit heiliger Ehrfurcht:
-»In meiner Verwirrung kam mir dieser
-Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige
-Hilfe ist denen, die bedrängt sind und seinen Beistand
-suchen. Er weiß, auf wen die Wahl fallen
-soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt,
-damit sein Wille geschehe. Wir Menschen
-können irren, aber Er irret nie. Wunderbar sind
-Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit …
-gelobet sei sein heiliger Name!«</p>
-
-<p>Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich
-fallen ließ, betrachtete sie einen Augenblick mit lebhafter
-Neugier das Zimmer, die unbeweglichen Gestalten
-der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann
-glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte
-bei sich: »Einer davon ist Papa; ich kenne ihn
-von hinten. Er soll die schönste haben!« Vergnügt
-lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen
-Hände; dann wandte sie, unter dem Arm ihres
-Vaters hindurchguckend, diesem ihr lachendes Gesicht
-zu und rief:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[294]</span></p>
-
-<p>»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen
-hast. <em class="gesperrt">Ich</em> habe es dir gegeben!«</p>
-
-<p>Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle
-Gabe, sank in die Kniee und drückte, überwältigt
-von Liebe und Leid, die unschuldige kleine Vollstreckerin
-seines Todesurteils an die Brust. Soldaten,
-Offiziere, die beiden begnadigten Obersten, alle
-standen einen Augenblick wie gelähmt von der Ungeheuerlichkeit
-dieser Tragödie, dann aber übermannte
-sie die Rührung über den jammervollen
-Auftritt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und
-sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches,
-tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten,
-dann ging der Offizier der Wache mit Widerstreben
-auf seinen Gefangenen zu, berührte ihn
-an der Schulter und sagte in sanftem Ton:</p>
-
-<p>»So leid es mir tut, Sir … aber meine
-Pflicht gebietet mir.«</p>
-
-<p>»Gebietet was?« fragte das Kind.</p>
-
-<p>»Ich muß ihn wegführen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wegführen? Wohin denn?«</p>
-
-<p>»Nach … nach … Gott stehe mir bei! …
-nach einem anderen Teil der Festung.«</p>
-
-<p>»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama
-ist krank und ich hole ihn nach Haus.«</p>
-
-<p>Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater<span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span>
-auf den Rücken, indem sie ihre Arme um seinen
-Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«</p>
-
-<p>»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß
-mit ihm gehen.« Das Kind sprang zu Boden und
-sah verwundert um sich. Dann lief es auf den
-Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich
-auf den Boden und rief:</p>
-
-<p>»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama
-krank ist, und du hast es wohl gehört. Laß’ <em class="gesperrt">ihn</em>
-gehen &ndash; du <em class="gesperrt">mußt</em>!«</p>
-
-<p>»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber
-ich kann nicht anders, ich muß ihn wegführen.
-Achtung, Wache! … das Gewehr über!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im
-nächsten Augenblick kam sie wieder, den Obergeneral
-an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser
-gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen,
-die Offiziere grüßten und die Wache salutierte.</p>
-
-<p>»Befiehl du es ihnen! &ndash; Meine Mama ist krank
-und braucht meinen Papa; ich hab’s ihnen <em class="gesperrt">gesagt</em>,
-aber sie hören gar nicht auf mich und wollen
-ihn fortführen.«</p>
-
-<p>Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Dein</em> Papa, Kind? Ist das dein Papa?«</p>
-
-<p>»Natürlich! Das war <em class="gesperrt">immer</em> mein Papa.
-Würde ich wohl sonst die hübsche rote Kugel ihm<span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span>
-und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn
-nicht so lieb hätte? Gewiß nicht!«</p>
-
-<p>Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen,
-und er sagte:</p>
-
-<p>»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke
-habe ich das Grausamste begangen, das je ein Mensch
-tat &ndash; und keine Hilfe, keine Hilfe! Was soll ich,
-was kann ich tun?«</p>
-
-<p>Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby:
-»Du kannst ihnen doch befehlen, daß sie ihn gehen
-lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So sage
-es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe
-nur befehlen, und jetzt, das erste Mal, daß ich sage,
-du sollest etwas tun, tust du es doch nicht!«</p>
-
-<p>Ein milder Schimmer breitete sich über das
-rauhe Gesicht des alten Kriegers. Er legte seine
-Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin und
-sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden
-Zufall dieses gedankenlosen Versprechens; und
-Heil dir, daß du, von Ihm geleitet, mich daran
-erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein
-Kind! Wache! Gehorcht ihrem Befehl, &ndash; sie
-spricht durch meinen Mund. Der Gefangene ist
-begnadigt; gebt ihn frei!«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-296">
- <img src="images/illu-296.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwei_kleine_Geschichten">Zwei kleine Geschichten.<br />
-<img src="images/illu-297.jpg" alt="Dekoration" /></h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span></p>
-
-<h3>Erste Geschichte:<br />
-Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.</h3>
-
-<p>Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des
-Jahres 1900, besuchte mich nachmittags ein
-Freund hier in London. Wir sind beide in dem
-Alter, wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und
-sich etwas erzählen, weniger von den Annehmlichkeiten
-des Lebens sprechen, als von dessen Widerwärtigkeiten,
-und allmählich fing mein Freund an,
-auf das Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte
-sich heraus, daß ein Freund von ihm etwas erfunden
-hatte, das für die Soldaten in Südafrika von großem
-Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr
-billiger Stiefel, der vollständig wasserdicht war und
-bei Regenwetter seine Form und Festigkeit behielt.
-Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der Regierung
-hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter
-Mann und wußte, daß die hohen Beamten<span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span>
-einer Mitteilung von ihm keine Beachtung schenken
-würden.</p>
-
-<p>»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war
-&ndash; wie wir’s ja alle sind,« sagte ich unterbrechend
-»Doch erzählen Sie nur weiter!«</p>
-
-<p>»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung?
-Der Mann sprach die Wahrheit.«</p>
-
-<p>»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur
-weiter.«</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen <em class="gesperrt">beweisen</em>, daß er&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr
-alt und sehr weise. Sie müssen nicht mit mir rechten
-wollen; das ist unehrerbietig und beleidigend. Fahren
-Sie, bitte, fort.«</p>
-
-<p>»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich
-bin nicht unbekannt und doch war selbst <em class="gesperrt">ich</em> nicht
-imstande, die Mitteilung meines Freundes beim
-Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«</p>
-
-<p>»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur
-weiter.«</p>
-
-<p>»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß
-es mir nicht gelang.«</p>
-
-<p>»O gewiß. <em class="gesperrt">Das</em> wußte ich. Sie brauchten mir
-das gar nicht zu sagen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p>
-
-<p>»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«</p>
-
-<p>»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie
-<em class="gesperrt">nicht imstande</em> waren, die sofortige Aufmerksamkeit
-des Generaldirektors auf die Mitteilung Ihres
-Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie
-<em class="gesperrt">hätten</em> seine sofortige Aufmerksamkeit auf die
-Sache erreichen können.«</p>
-
-<p>»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht
-konnte. In Zeit von drei Monaten ist es mir
-nicht gelungen.«</p>
-
-<p>»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar
-nicht zu erzählen. Aber Sie <em class="gesperrt">hätten</em> sofortige Beachtung
-gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige
-Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr
-Freund können.«</p>
-
-<p>»Ich <em class="gesperrt">habe</em> es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«</p>
-
-<p>»Das haben Sie nicht.«</p>
-
-<p>»Was wissen denn <em class="gesperrt">Sie</em>? Was wissen Sie
-denn über die näheren Umstände?«</p>
-
-<p>»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie
-haben die Sache nicht auf vernünftige Weise angefangen.
-Soviel ist sicher.«</p>
-
-<p>»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht
-wissen, welche Methode ich anwandte?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span></p>
-
-<p>»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der
-ist mir Beweis genug. Sie sind unvernünftigerweise
-vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen
-erzählen, <em class="gesperrt">wie</em> ich zu Werke ging? Ich glaube das
-wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«</p>
-
-<p>»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn
-Ihnen so sehr daran liegt, sich zu blamieren, so
-erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr
-alt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und
-schrieb einen sehr höflichen Brief an den Generaldirektor
-des Schuhleder-Departements, in dem ich
-ihm auseinanders&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Kennen Sie ihn persönlich?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben
-unvernünftig angefangen. Bitte weiter.«</p>
-
-<p>»In dem Brief legte ich den großen Wert und
-die große Billigkeit der Erfindung dar, und bot
-mich an&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein
-zweiter Punkt gegen Sie. Ich bin s&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«</p>
-
-<p>»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span></p>
-
-<p>»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte
-für meine Mühe und schlug mir&nbsp;…«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Nichts</em> vor.«</p>
-
-<p>»Ganz richtig; er schlug mir &ndash; gar nichts
-vor. Dann schrieb ich ihm einen sorgsam ausgearbeiteten
-Brief und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Punkt drei&nbsp;…«</p>
-
-<p>»…&nbsp;bekam überhaupt keine Antwort. Nach
-Ablauf einer Woche bat ich dann schriftlich mit
-einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort
-auf den Brief.«</p>
-
-<p>»Vier. Weiter.«</p>
-
-<p>»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei
-nicht angekommen, und man bitte um eine Abschrift
-desselben. Ich reklamierte bei der Post und es stellte
-sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen
-war; aber ich sagte nichts und schickte
-eine Abschrift ab. Zwei Wochen verstrichen ohne
-weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich
-mich wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur
-für höfliche Briefe. Ich schrieb abermals und erbot
-mich, am folgenden Tag persönliche Rücksprache zu
-nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte,
-so nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[304]</span></p>
-
-<p>»Fünfter Punkt für mich.«</p>
-
-<p>»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen
-Stuhl angeboten mit der Weisung, zu warten. Ich
-wartete bis halb Zwei; dann ging ich weg, ärgerlich
-und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche
-um mich abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz
-für den nächsten Mittag.«</p>
-
-<p>»Punkt sechs.«</p>
-
-<p>»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich
-und hielt bis halb Drei einen Stuhl warm.
-Dann ging ich fort und schüttelte den Staub dieses
-Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen.
-Was Grobheit, Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit
-gegenüber den Interessen der Armee anbelangt,
-so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements
-nach meiner Ans&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe
-viele anscheinend gescheite Leute gesehen, die nicht
-genug gesunden Menschenverstand hatten, um eine
-so einfache und leichte Sache wie diese richtig anzufassen.
-Sie sind für mich nichts Neues; ich habe
-persönlich Millionen und Billionen von Menschen
-gekannt wie Sie. Sie haben ganz unnötig drei
-Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate
-verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren<span class="pagenum" id="Seite_305">[305]</span>
-&ndash; macht zusammen neun Monate. Jetzt will
-ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die ich
-gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie
-morgen mittag beim Generaldirektor vorsprechen,
-und Ihre Sache durchführen.«</p>
-
-<p>»Famos! Kennen Sie ihn?«</p>
-
-<p>»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>Zweite Geschichte:<br />
-Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.</h3>
-</div>
-
-<h4>I.</h4>
-
-<p>Der Sommer war gekommen und die Starken
-gingen gebeugt unter der Last der furchtbaren Hitze
-und viele von den Schwachen waren zusammengebrochen
-und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie,
-die Geißel des Krieges, und Hilfe war
-keine zu erwarten. Die Aerzte waren in Verzweiflung;
-der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien
-&ndash; und er war immer ein recht zweifelhafter
-gewesen &ndash; war ein Ding der Vergangenheit und
-zwar für immer, wie es schien.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[306]</span></p>
-
-<p>Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten,
-zu einer Beratung vor ihm zu erscheinen, denn er
-befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng
-mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich,
-daß sie seine Soldaten sterben ließen und fragte sie,
-ob sie ihr Geschäft verstünden oder nicht, und ob sie
-wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder. Der
-Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im
-Reich war und von äußerst ehrwürdiger Erscheinung,
-antwortete darauf und sagte:</p>
-
-<p>»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was
-wir konnten, und deshalb ist es nur wenig. Keine
-Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen;
-nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen
-das. Ich bin alt und ich weiß es. Kein Arzt und
-keine Arzenei können sie heilen &ndash; ich wiederhole
-es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie
-der Natur ein wenig helfen würden &ndash; ein ganz
-klein wenig &ndash; aber in der Regel schaden sie bloß.«</p>
-
-<p>Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher
-Mensch und überschüttete die Aerzte
-mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie von
-seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst
-von der grausamen Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht
-flog von Mund zu Mund und brachte<span class="pagenum" id="Seite_307">[307]</span>
-Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde
-von nichts anderem gesprochen, als von dem betrübenden
-Unglück, und alle Gemüter waren niedergedrückt,
-denn nur wenige hatten Hoffnung. Der
-Sultan selbst war sehr melancholisch und sagte:</p>
-
-<p>»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die
-Massenmörder wieder; ich will mich drein fügen.«</p>
-
-<p>Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen
-seine Zunge und holten ihren Arzeneivorrat,
-den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie sich
-geduldig nieder und warteten &ndash; denn sie wurden
-nicht pro Fall bezahlt, sondern erhielten ein jährliches
-Gehalt.</p>
-
-<h4>II.</h4>
-
-<p>Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren,
-aber er gehörte nicht zur Gesellschaft; dazu war
-sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung zu
-gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller
-Beschäftigungen, denn er war bloß der Gehilfe seines
-Vaters, welcher Kotgruben leerte und nachts in
-einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets
-bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein
-schmächtiger kleiner Kerl von vierzehn Jahren, ehrbar,<span class="pagenum" id="Seite_308">[308]</span>
-fleißig und von gutem Herzen, denn er unterstützte
-seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände
-Arbeit.</p>
-
-<p>Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan
-erkrankt war, begegneten sich diese zwei Burschen
-eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war auf
-dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht
-in seinen Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen
-Arbeitsanzug, und roch nicht eben nach Rosenwasser.
-Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter,
-mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen
-Lötofen bei sich und seinen Lötkolben nebst Hammer
-und Blechschere.</p>
-
-<p>Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen
-natürlich über das Unglück des Reiches und die
-Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja von
-etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen
-Plan und brannte darauf, ihn seinem Freund
-mitzuteilen. Er sprach:</p>
-
-<p>»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich
-weiß wie.«</p>
-
-<p>Achmet war überrascht.</p>
-
-<p>»Was! Du?«</p>
-
-<p>»Ja, ich.«</p>
-
-<p>»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[309]</span></p>
-
-<p>»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn
-Minuten kann ich ihn heilen.«</p>
-
-<p>Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen
-Spaß glauben konnte. Deshalb sagte er:</p>
-
-<p>»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du
-wirklich den Sultan heilen?«</p>
-
-<p>»Ich gebe dir mein Wort.«</p>
-
-<p>»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«</p>
-
-<p>»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von
-einer reifen Wassermelone essen.«</p>
-
-<p>Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er
-lachte laut auf über die Absurdität dieses Gedankens,
-ehe er noch an sich halten konnte. Aber sein Lachen
-verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit
-gekränkt hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie,
-und sagte:</p>
-
-<p>»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali;
-es war gewiß nicht bös gemeint, und ich will’s
-nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so furchtbar
-spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist
-und die Ruhr, da pflanzen die Aerzte ein Zeichen
-auf, welches besagt, daß jedermann, den man hier
-mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen
-Katze zu Tode gepeitscht wird.«</p>
-
-<p>»Ich weiß &ndash; diese Narren!« sagte Ali, Tränen<span class="pagenum" id="Seite_310">[310]</span>
-und Aerger in der Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen
-und nicht ein einziger von all den Soldaten
-hätte es nötig gehabt, zu sterben.«</p>
-
-<p>»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«</p>
-
-<p>»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache.
-Kennst du den alten grauköpfigen Neger? Der hat
-schon eine Menge von unsern Freunden geheilt;
-das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich
-auch. Man braucht nur eine oder zwei Scheiben
-Wassermelone zu essen und man ist kuriert, einerlei
-ob die Krankheit alt oder neu ist.«</p>
-
-<p>»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so
-ist, so sollte man’s dem Sultan doch sagen.«</p>
-
-<p>»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen
-Leuten gesagt, in der Hoffnung, sie könnten
-es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und
-wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es
-der Sultan erfährt.«</p>
-
-<p>»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht
-wissen,« sagte Achmet verächtlich. »<em class="gesperrt">Ich</em> will es ihm
-sagen.«</p>
-
-<p>»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali
-lachen. Aber Achmet erwiderte mit Ueberzeugung:</p>
-
-<p>»Lache du nur; <em class="gesperrt">ich</em> tu’s.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[311]</span></p>
-
-<p>Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf
-Ali machte und dieser frug:</p>
-
-<p>»Kennst du den Sultan?«</p>
-
-<p>»Ob <em class="gesperrt">ich</em> ihn kenne? Wie du wieder redest!
-Ich kenne ihn freilich nicht.«</p>
-
-<p>»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan
-sagen willst?«</p>
-
-<p>»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest
-du es denn anfangen?«</p>
-
-<p>»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von
-einem Schreiber einen Brief schreiben. Den würde
-ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt nicht
-daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«</p>
-
-<p>»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im
-ganzen Reich macht es ebenso. Hast du denn daran
-gar nicht gedacht?«</p>
-
-<p>»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.</p>
-
-<p>»Du hättest daran denken <em class="gesperrt">können</em>, wenn du
-nicht so jung und unerfahren wärest. Weißt du,
-wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein Dichter,
-oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen
-bekannt ist, krank wird, so empfehlen alle Narren
-ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien zur Anwendung.
-Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber
-handelt&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[312]</span></p>
-
-<p>»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte
-Ali etwas verlegen.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht
-führen wir unsere fünf, sechs Karren voll solcher
-Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes fort. Achtzigtausend
-Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn,
-daß die überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger!
-Mit deinem Brief würde es gerade so gehen.
-Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den
-zu des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«</p>
-
-<p>»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen
-wirst,« bat Ali.</p>
-
-<p>Achmet fühlte sich und hub an:</p>
-
-<p>»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das
-sich einbildet, ein Schlächter zu sein, weil es mit
-einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und halbverfaulte
-Lebern verkäuft? Dem werde ich es <em class="gesperrt">zunächst</em>
-sagen.«</p>
-
-<p>Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.</p>
-
-<p>»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet;
-das ist nicht schön von dir. Du weißt doch, daß
-mir die Sache am Herzen liegt.«</p>
-
-<p>Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und
-sagte:</p>
-
-<p>»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali.<span class="pagenum" id="Seite_313">[313]</span>
-<em class="gesperrt">Ich</em> weiß, was ich will. Du wirst es schon sehen.
-Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten Krüppel
-erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke
-verkäuft &ndash; das ist sein bester Freund &ndash; wenn ich
-ihn darum bitte. Der wiederum wird es seinem
-reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft,
-und der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter;
-und der erzählt es seinem Freund von
-der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der
-dem Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi
-dem Mudir, der Mudir dem Oberst von der Leibwache,
-der läuft zu seinem Freund, dem&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller
-Plan, Achmet. Wie kamst du nur auf&nbsp;…«</p>
-
-<p>»…&nbsp;Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral
-erzählt es dem Vize-Admiral, und der Vize-Admiral
-dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem
-Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral
-beider Flotten, und der dem Wesir, und der
-Wesir dem&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Weiter, Achmet, weiter!«</p>
-
-<p>»…&nbsp;Scharfrichter, und der erzählt es dem
-Ober-Scharfrichter, und der dem Pascha, und der Pascha
-dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister,
-und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall,<span class="pagenum" id="Seite_314">[314]</span>
-der Hofmarschall dem Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister
-dem Ober-Küchenmeister, dieser erzählt es
-dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen,
-und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen
-jungen Lieblingssklaven des Sultans, der ihm die
-Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor dem
-Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, &ndash; und
-das Spiel ist gewonnen.«</p>
-
-<p>Ali war aufgesprungen.</p>
-
-<p>»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser
-hatte. Wie kamst du nur darauf?«</p>
-
-<p>»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu;
-ich will dir ein Körnlein Weisheit schenken, behalte
-es solange du lebst. Nun denn, wer ist dein bester
-Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen
-möchtest und könntest?«</p>
-
-<p>»Der bist du, Achmet, das weißt du.«</p>
-
-<p>»Angenommen, du hättest eine ziemlich große
-Gefälligkeit von dem Katzenfleisch-Händler zu erbitten.
-Nun kennst du ihn aber nicht, und er
-würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten
-wolltest, denn er ist nun mal so ein Kauz. Aber
-er ist mein bester Freund nach dir, und würde sich
-die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen,
-&ndash; <em class="gesperrt">jeden</em> Gefallen, ganz einerlei welchen.<span class="pagenum" id="Seite_315">[315]</span>
-Jetzt frage ich dich: Was ist vernünftiger &ndash; wenn
-<em class="gesperrt">du</em> zu ihm gehst und ihn bittest, er solle dem Krapfenmann
-von deiner Melonenkur erzählen, oder
-wenn du zu <em class="gesperrt">mir</em> kommst, damit <em class="gesperrt">ich</em> ihn für dich
-bitte?«</p>
-
-<p>»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es
-für mich tust. Ich hätte wirklich nie daran gedacht,
-Achmet; es ist großartig!«</p>
-
-<p>»Es ist eine <em class="gesperrt">Lebensweisheit</em>. Sie beruht
-darauf: Jedermann auf dieser Welt, groß oder klein,
-mächtig oder nicht, hat <em class="gesperrt">einen</em> speziellen Freund,
-einen Freund, dem er mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em> behilflich
-ist &ndash; nicht mit Widerwillen, sondern mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em>
-&ndash; mit Vergnügen bis ins Innerste. Und
-so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei
-jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du
-noch so niedrig. Es ist ja so einfach: Du brauchst
-nur den <em class="gesperrt">ersten</em> Freund zu finden, das ist alles;
-damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet.
-Er findet dann den nächsten Freund schon von selbst,
-und dieser findet den dritten, und so fort, Freund
-nach Freund, Glied nach Glied, wie bei einer Kette;
-diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie
-du willst oder so tief wie du willst.«</p>
-
-<p>»Das ist herrlich, Achmet!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[316]</span></p>
-
-<p>»Es <em class="gesperrt">ist</em> so leicht und einfach, wie einen Esel
-zu prügeln; aber hast du je gehört, daß jemand
-danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist ein
-Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche
-Einführung, oder schickt ihm einen Brief,
-und erreicht natürlich nichts, &ndash; und das geschieht
-ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht,
-aber das verschlägt mir nichts. Morgen wird er
-seine Wassermelone essen; du wirst sehen. Hallo!
-Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn
-einholen. Allah beschütze dich, Ali!«</p>
-
-<p>Er holte ihn ein und sagte:</p>
-
-<p>»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«</p>
-
-<p>»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum
-batest? Sage mir, was ich tun soll und ich
-werde eilen, wie der Wind.«</p>
-
-<p>»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles
-stehen und liegen lassen und seinem besten Freund
-mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann, wenn
-er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt.
-Und dieser Freund soll es <em class="gesperrt">seinem</em> besten Freund
-weitersagen und so fort, &ndash; bis zum Sultan.« Der
-Katzenfleischverkäufer flog davon.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick war die frohe Botschaft
-des kleinen Kesselflickers an den Sultan unterwegs.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[317]</span></p>
-
-<h4>III.</h4>
-
-<p>Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die
-Aerzte im Krankenzimmer des Sultans und flüsterten
-leise miteinander, denn sie waren in großer
-Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie
-konnten es sich nicht verhehlen, daß, so oft sie ihn
-mit einer neuen Quantität Arzeneien auffüllten,
-sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte
-sie traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme
-abgezehrte Sultan lag bewegungslos da mit geschlossenen
-Augen, und sein Lieblingssklave, der ihm
-die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin.
-Da hörte der Knabe einen seidenen Vorhang hinter
-sich rauschen, drehte sich um und gewahrte den Ober-Eunuchen,
-der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu
-kommen. Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich
-der Sklave zu seinem geliebten Freund, welcher sagte:</p>
-
-<p>»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind,
-denn du bist des Sultans Liebling. Nimm dies hier.
-Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.«</p>
-
-<p>»Bei Allah, er wird es essen.«</p>
-
-<p>Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone,
-frisch und saftig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[318]</span></p>
-
-<h4>IV.</h4>
-
-<p>Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen
-die Nachricht, daß der Sultan wieder wohl
-und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die
-Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge
-wälzte sich über das ganze Land, und man
-rüstete sich zu einem großen Jubelfest.</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem
-Diwan und überlegte. Seine Dankbarkeit war
-unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk nach,
-das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit
-darzutun. Er rief seinen kleinen Sklaven,
-und fragte ihn, ob er die Kur erfunden hätte. Der
-Knabe sagte nein, &ndash; er hätte sie vom Ober-Eunuchen
-erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der
-Sultan überlegte wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen
-den Palast und die Ländereien eines Paschas
-schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie
-ihm dessen jährliches Einkommen anweisen. Er ließ
-ihn rufen, und fragte ihn, ob er der Erfinder des
-Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein ehrlicher
-Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister
-des Harems erfahren. Er wurde weggeschickt
-und der Sultan überlegte von neuem. Er könnte<span class="pagenum" id="Seite_319">[319]</span>
-den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister
-an seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier
-Pferde aus seinem Stall zum Geschenk bekommen.
-Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den Ober-Küchenmeister
-verwiesen. Abermals überlegte der
-Sultan, und dachte sich ein geringeres Geschenk aus.
-Der Koch aber verwies ihn an den Ober-Stallmeister
-und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal mußte
-der arme Sultan wieder überlegen und sich ein
-kleineres Geschenk ausdenken.</p>
-
-<p>Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die
-Sache zu beschleunigen, ließ er seinen Hohen Geheimen
-Ober-Detektive kommen, und befahl ihm, herauszufinden,
-wer die Melonenkur erfunden hätte, damit
-er seinen Wohltäter nach Gebühr belohnen könne.</p>
-
-<p>Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder.
-Er hatte der ganzen langen Kette von Freunden
-nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen,
-Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan
-sagte mit tiefem Gefühl:</p>
-
-<p>»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben
-gerettet und soll es nicht bereuen.«</p>
-
-<p>Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen
-Schuhe, und zwar das zweitbeste Paar, das er besaß.
-Sie waren zu groß für den kleinen Ali, aber<span class="pagenum" id="Seite_320">[320]</span>
-sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so
-war alles gut und der rechte Mann belohnt.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>Schluß der ersten Erzählung.</h3>
-</div>
-
-<p>»Nun &ndash; haben Sie die Idee ergriffen?«</p>
-
-<p>»Zu meiner Freude kann ich Sie dessen versichern.
-Und so wie Sie sagten, wird es geschehen:
-morgen werde ich die Sache meines Freundes durchführen.
-Ich bin eng befreundet mit des Generaldirektors
-bestem Freund. Der wird mir einige Zeilen
-zur Einführung schreiben und betonen, daß die Erfindung
-tatsächlich für die Regierung von Wichtigkeit
-ist. Diese Empfehlung werde ich mit meiner
-Visitenkarte ganz einfach abgeben, und ich brauche
-sicher keine halbe Minute im Vorzimmer zu warten.«</p>
-
-<p>Dies bestätigte sich, und die Regierung nahm die
-Stiefelerfindung an.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-320">
- <img src="images/illu-320.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Mark Twains</p>
-
-<p class="center">Ausgew. humoristische Schriften.</p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p>
-
-<table summary="Buchtitel">
-<tr>
-<td>Bd. I.</td>
- <td><b>Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. II.</td>
- <td><b>Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. III.</td>
- <td><b>Skizzenbuch.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td rowspan="2">Bd. IV. <span class="s200">{</span></td>
- <td><b>Leben auf dem Mississippi.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Nach dem fernen Westen.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. V.</td>
- <td><b>Im Gold- und Silberland.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. VI.</td>
- <td><b>Reisebilder u. verschiedene Skizzen.</b></td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center">Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.<br />
-Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen,<br />
-M. 13.50 gebunden.</p>
-
-<p class="center p2"><span class="u">Neue Folge</span>:</p>
-
-<table summary="Buchtitel">
-<tr>
-<td>Bd. I.</td>
- <td><b>Tom Sawyers <em class="gesperrt">Neue</em> Abenteuer.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. II.</td>
- <td><b>Querkopf Wilson.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. III./IV.</td>
- <td><b>Meine Reise um die Welt.</b> 2 Abt.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. V.</td>
- <td><b>Adams Tagebuch</b> u. a. Erzähl.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. VI.</td>
- <td><b>Wie Hadleyburg verderbt wurde</b>
- u. a. Erzähl.</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center">Preis des <em class="gesperrt">einzelnen</em> Bandes M.&nbsp;3.&ndash; gebunden.<br />
-Preis <em class="gesperrt">aller 6 Bände</em>, zusammen bezogen,<br />
-M.&nbsp;17.&ndash; gebunden.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Fehlerhafte Anführungszeichen der wörtlichen Reden wurden berichtigt.
-Die Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 52: einhundertdreiunddreißig → einhundertdreiunddreißigtausend<br />
-<a href="#corr052">einhundertdreiunddreißigtausend</a> Dollars im ganzen</p>
-<p>
-S. 128: Duolität → Dualität<br />
-zwischen systematischer <a href="#corr128">Dualität</a></p>
-</div>
-</div>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE HADLEYBURG VERDERBT WURDE ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-</div>
-
-<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br />
-<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-To protect the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg&#8482; License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg&#8482;
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg&#8482; electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
-or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.B. &#8220;Project Gutenberg&#8221; is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg&#8482; electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg&#8482; electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg&#8482;
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (&#8220;the
-Foundation&#8221; or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg&#8482; electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg&#8482;
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg&#8482; name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg&#8482; License when
-you share it without charge with others.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg&#8482; work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg&#8482; License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg&#8482; work (any work
-on which the phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; appears, or with which the
-phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-</div>
-
-<blockquote>
- <div style='display:block; margin:1em 0'>
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
- other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
- whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
- of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
- at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you will have to check the laws
- of the country where you are located before using this eBook.
- </div>
-</blockquote>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221; associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg&#8482;
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg&#8482; License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg&#8482;
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg&#8482;.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg&#8482; License.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg&#8482; work in a format
-other than &#8220;Plain Vanilla ASCII&#8221; or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg&#8482; website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original &#8220;Plain
-Vanilla ASCII&#8221; or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg&#8482; License as specified in paragraph 1.E.1.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg&#8482; works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-provided that:
-</div>
-
-<div style='margin-left:0.7em;'>
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg&#8482; works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg&#8482; trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, &#8220;Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation.&#8221;
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg&#8482;
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg&#8482;
- works.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
- </div>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg&#8482; trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg&#8482; collection. Despite these efforts, Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain &#8220;Defects,&#8221; such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the &#8220;Right
-of Replacement or Refund&#8221; described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg&#8482; trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
diff --git a/old/66952-h/images/cover.jpg b/old/66952-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index da63a35..0000000
--- a/old/66952-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-007.jpg b/old/66952-h/images/illu-007.jpg
deleted file mode 100644
index 0ab1afa..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-007.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-110.jpg b/old/66952-h/images/illu-110.jpg
deleted file mode 100644
index 926dd55..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-110.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-111.jpg b/old/66952-h/images/illu-111.jpg
deleted file mode 100644
index 19bf67a..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-111.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-185.jpg b/old/66952-h/images/illu-185.jpg
deleted file mode 100644
index 254bbc9..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-185.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-249.jpg b/old/66952-h/images/illu-249.jpg
deleted file mode 100644
index 7262f67..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-249.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-274.jpg b/old/66952-h/images/illu-274.jpg
deleted file mode 100644
index a9173ba..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-274.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-275.jpg b/old/66952-h/images/illu-275.jpg
deleted file mode 100644
index 670e5f6..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-275.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-296.jpg b/old/66952-h/images/illu-296.jpg
deleted file mode 100644
index e1548ec..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-296.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-297.jpg b/old/66952-h/images/illu-297.jpg
deleted file mode 100644
index 30f97c2..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-297.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/illu-320.jpg b/old/66952-h/images/illu-320.jpg
deleted file mode 100644
index e9db48a..0000000
--- a/old/66952-h/images/illu-320.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/66952-h/images/signet.jpg b/old/66952-h/images/signet.jpg
deleted file mode 100644
index eb75045..0000000
--- a/old/66952-h/images/signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ