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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Adams Tagebuch - und andere Erzählungen - -Author: Mark Twain - -Release Date: December 8, 2021 [eBook #66904] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - Humoristische Schriften - - Neue Folge. 5. Band - - - - - Adams Tagebuch - - und andere Erzählungen - - Von - - Mark Twain - - Autorisiert - - Inhalt: - - Adams Tagebuch -- Mein Reisegefährte, der Reformator - -- Meine Tätigkeit als Reisemarschall -- Von allerhand - Schiffen -- Der Roman einer Eskimo-Maid -- Die Erzählung - des Kaliforniers -- Die Appetit-Anstalt u. s. w. - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - - 1903. - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - -Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart. - - - - -Inhalt - - - Adams Tagebuch 7 - - Mein Reisegefährte, der Reformator 35 - - Meine Tätigkeit als Reisemarschall 69 - - Von allerhand Schiffen 107 - - Der Roman der Eskimo-Maid 143 - - Die Erzählung des Kaliforniers 181 - - Die Appetit-Anstalt 201 - - Mein Eintritt in die Litteratur 231 - - Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹ 277 - - Besuch eines Interviewers 293 - - - - -Adams Tagebuch. - - - _Vorbemerkung_: Ich habe einen Teil dieses Tagebuches bereits - vor mehreren Jahren übersetzt, und ein Freund von mir hat - ein paar Exemplare meiner Arbeit in unvollständigem Zustand - gedruckt; doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. Seitdem - habe ich noch etwas mehr von Adams Hieroglyphen entziffert, - und ich glaube, daß er nachgerade als öffentlicher Charakter - eine genügende Bedeutung besitzt, um die Herausgabe dieser - Uebersetzung zu rechtfertigen. - - Mark Twain. - -_Montag._ Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr -im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um -mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. -Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute -umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe -ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, -- das neue Geschöpf braucht es -immer. - -_Dienstag._ Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf -dem ganzen Grundstück, sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn -den ›Niagara-Fall‹, -- habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen. -Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn. -Es ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich selber komme -gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu benennen. Das neue Geschöpf -tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den -geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und -demselben Vorwand, daß es so ›aussehe‹. - -_Mittwoch._ Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber -ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf -war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte, -vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte -es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, -wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas weh thut oder -sie sich fürchten. Wenn es nur nicht sprechen wollte! Es schwatzt -beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich -über das arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt mir fern. -Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und -fremde Laut, welcher das feierliche Schweigen in dieser träumerischen -Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche Note. Und -obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er ist dicht an -meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der -andern Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder -weniger entfernt von mir sind. - -_Freitag._ Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen thun -was ich will. Ich hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten -Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch zugleich -- Garten von -Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur -verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen Landschaft -nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im mindesten an einen -Garten sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat -es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park -gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen. Und schon kann -man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist -verboten den Rasen zu betreten!« - -Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher. - -_Samstag._ Das neue Geschöpf ißt zu viel Früchte. Wir werden -wahrscheinlich bald Mangel daran haben. Schon wieder ›Wir‹ -- das ist -sein Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen Hören ... Ziemlich -neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das -neue Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit -schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend, -und früher war es hier so angenehm und ruhig. - -_Sonntag._ Hab ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer -ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag -gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs -solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf, -wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel -herunterzuholen. - -_Montag._ Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Das ist ganz -recht, und ich will nichts dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei -dazu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben -wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Dies -Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs. -Und wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von allgemeiner -Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden. -Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine -›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber mir ist’s einerlei; -sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht -beständig reden wollte! - -_Dienstag._ Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und -reinliche Sommerfrische abgeben, für den Fall sich Gäste dafür finden -ließen. Sommerfrische -- was heißt das? Offenbar wieder so ’ne neue -Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch ruheloseren Mundes -- -Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, ich -frage sie gar nicht erst danach -- sie hat ohnehin eine wahre Sucht -alles zu erklären. - -_Freitag._ Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über -den Wasserfall zu gehen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht -denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie schaudern. Ich möchte -nur wissen warum? Ich habe es immer gethan, seit ich hier bin. Das -Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den -größten Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch -immer gedacht, daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er --- soweit ich sehen kann -- sonst keinen Zweck, und irgend einen Zweck -muß er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte -wäre nur um der malerischen Scenerie willen da -- wie das Rhinoceros -und das Mastodon. - -Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -- auch das -war nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte, -- sie war -noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb -des Falls und durch die Stromschnellen oberhalb des Falls in einem -nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in Fetzen -ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht. -Ich fühle mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird -mir gut thun. - -_Samstag._ Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und -habe mir dann, nachdem ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen -neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. Aber wie -sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu -verbergen, -- sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, -welches sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich zu -mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht -hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie -sieht, hervorschießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr -zurückzugehen, -- aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich -die Gelegenheit bietet. Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen -Dingen ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, warum die -Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, auf diesem großen Grundstück -von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine -Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt sind einander -aufzufressen. Das ist einfach Narrheit. - -_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir. - -_Montag._ Ich glaube jetzt dahintergekommen zu sein, wozu die Woche da -ist: sie soll einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags -zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee ... Ich habe Eva schon -wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert und -ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam und sagte, -es hätte ’s ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine -genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu thun. -Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung erregte ihre -Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr -leicht erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort. - -_Dienstag._ Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, daß sie aus einer -von meinem Körper genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine -gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe gefehlt! Besonderes -Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem -sie sich so viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, und -fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich -einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung haben müsse. Ein Habicht -sollte sich, meiner Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. Man -kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge -umkehren. - -_Samstag._ Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog, -um sich im Wasser zu betrachten. Sie thut das immer, sobald sie an -einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. -Sie hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei -ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen -war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser -leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer -nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen. -Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt ihr -nicht das geringste; sie ist nun einmal solche Thörin! Die Folge war, -daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte -und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. Aber ich habe -sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus -nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den -ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie -einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn -sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen -ihnen ist, namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich. - -_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir. - -_Dienstag._ Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die -andern Tiere sind froh, weil sie beständig an ihnen herumhantierte -und sie nicht in Ruhe ließ -- auch ich freue mich darüber, weil die -Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann. - -_Freitag._ Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht -von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine -große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich sagte ihr, es -würde noch etwas anderes daraus entstehen -- der Tod würde in die -Welt kommen. Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und ich hätte -ungleich besser gethan, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte -sie nur auf den Gedanken, daß sie dann den kranken Habicht gesund -machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und Tigern frisches -Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs -dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es -nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder -ans Auswandern. - -_Mittwoch._ Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jenem Abend bin ich -ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd -nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park herauszukommen und -ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach. Aber -das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte -ich die Grenze noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf -einer grasigen, mit Blumen bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren -versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils miteinander -spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen -sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im -nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander. -Wie rasend fielen die Tiere über einander her und zerfleischten sich -gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte -ich sofort, was es zu bedeuten hatte -- Eva hatte von der verbotenen -Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die -Welt gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen -es, ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle zu kehren. -Ja, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht -schnell aus dem Staube gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand -ich diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage -äußerst behaglich befunden, bis -- sie mich auch hier entdeckt hatte -und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir -das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie ich es mir vorher -vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar nicht übel -und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn, -- weil er -gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, daß sie mich -gefunden hatte, da es hier herum weder Früchte noch Beeren gab, wie -drüben im Park, und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen Baumes -mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß ich mich genötigt sah, sie -zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze -- aber ich -habe damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu -bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat. - -Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art -Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte, -was dieser neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne Zeug -herunterriß und es auf die Erde warf, -- da zitterte sie an allen -Gliedern, und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden -zittern und rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern -geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das -bald an mir selbst erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz -meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -- es -war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei -so vorgeschrittener Jahreszeit -- und fing an, mich selber mit dem -Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann -sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch -mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. -Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide nach dem Platz -zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft -hatten und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für -uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen -könnten. Sie sind hart und unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten -Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache. - -Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz gute Gesellschafterin -ist. Ohne sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem -ich meinen Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir eben -gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der Dinge fortan für unsern -Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie -wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen. - -_Nächstes Jahr._ Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen, -während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu -stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, im -Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns -angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht -irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner -Meinung nach ist es ein Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe -allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch -neue Art Tier ist, -- vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser -warf, um mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf sie -ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen, -die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer -der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr so gleichgültig -zu sein scheint, was es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem -neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr -neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf -im Hause hat, scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie sich -schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so -große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund -dafür anzugeben. Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne nicht -mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in -ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser -will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hinein -werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie nur je, als -sie noch bei Verstande war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann -wieder das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den -Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rücken, macht mit ihrem -Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch -vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher dergleichen -nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend einem Tiere thun sehen, -und ich mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm -Grundstück vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge -Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit ihnen getrieben, aber doch nicht -immerfort und niemals bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen -genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam. - -_Sonntag._ Am Sonntag scheint sie sich’s zur Regel zu machen, nicht zu -arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und -den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt sie allerlei -Töne mit dem Munde hervor und behauptet, das belustige ihn; sie steckt -sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er -fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen Fisch lachen sehen, -und dabei kommen mir allerlei Zweifel ... Der Sonntag gefällt mir jetzt -selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, wenn man die -Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen muß. Da sollte -es noch mehr Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem großen -Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, jetzt fangen sie an, -mir ganz gelegen zu kommen. - -_Mittwoch._ Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt -- aber darum -kann ich noch lange nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es -was haben will und bekommt es nicht gleich, macht es den tollsten -und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst -zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, -denn es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen; -es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil -es nicht kriechen kann. Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls -ganz bestimmt, obgleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen zu -lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden -auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei -keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es -stirbt will ich es auseinandernehmen, um seine innere Einrichtung zu -untersuchen. Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen. - -_Drei Monate später._ Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich -kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das -Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen -vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den -übrigen Vierfüßlern, denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So -ragt denn der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig in die -Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im übrigen ist es ganz so -gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, daß es -nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge -der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus der Känguruh-Familie -stammt. Doch unterscheidet es sich auch hier wieder von dem wirklichen -Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muß eine seltsame -und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden -ist. Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt, -mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, daß -ich dem neuen Geschöpf meinen Namen beilege. Ich habe es ~Kaengurum -Adamiensis~ getauft. - -Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem -Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist -es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es -nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang -und Gewalt vermögen nichts dagegen auszurichten, im Gegenteil, sie -machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das Zwangs-System, -mit dem ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich -ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders schwierigen Stand hatte. -Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schönthun und meistens damit, -daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat. - -Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte. -Sie sagte mir, sie habe es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß -es das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze -Zeit über müde und lahm gesucht, um ein zweites Exemplar zu finden, -teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten -für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und sich leichter zähmen -lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur -habe ich aufgefunden. Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben -als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts bewegt, müßte es -doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und -Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere -kann ich fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die -Falle, nur um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt ist, -glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, sie werfen sie höchstens um. - -_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer -fort, was höchst seltsam und beunruhigend ist. Ich habe noch nie -gesehen, daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle Größe zu -erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen -Känguruhpelz, sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich -feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. Wenn das noch -lange so fort geht, verliere ich nächstens den Verstand über die tollen -und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten -zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen, -- doch -das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art und -von dieser das einzige Exemplar, -- soviel steht jetzt fest. Seit -vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte -ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem -Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde, -wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes Tier zu begegnen. Unter -Wildfremden, die nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen -und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie ich glaubte, einen -kleinen Trost finden. Aber welchen Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel -bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche Krämpfe, -daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen. -Mir thut das kleine Tier leid, denn es schreit bei der geringsten -Gelegenheit und ich kann nichts thun, um es glücklich zu machen oder -zu sorgen, daß es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt -- und -doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur -wenigstens zähmen könnte, -- aber auch das ist ganz außer Frage. Und -je mehr ich es versuche, um so schlimmer scheine ich es zu machen. Es -schneidet mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen -von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu sehen. Eigentlich möchte -ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht den Wunsch -auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und -zweitens würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen. -Das scheint sehr grausam und selbstsüchtig von ihr, -- aber vielleicht -hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch einsamer sein als -vorher. Ist es mir nicht gelungen ein zweites Exemplar seiner Gattung -zu finden, so müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen. - -_Fünf Monate später._ Es ist kein Känguruh! Nein, es kann sich seit -wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es -sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten -Finger festhält. Ueber ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch -nicht hinaus, sondern fällt dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere -zurück. Aber das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, daß es -kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist. Nur -hat es keinen Schwanz und, -- wenigstens bis jetzt, -- kein haariges -Fell, außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -- ich -weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde diesem hier, so -gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne -Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht, -Eva ein richtiges, ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches -sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was ich damit -erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern in ihrem Gesicht förmlich -wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als -je von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Thorheit in -neue Gefahr bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie -umgewandelt. - -_Vierzehn Tage später._ Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist -es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es -noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und -namentlich in der Nacht. In den letzten beiden Nächten war es so arg, -daß ich ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und -dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst -einmal den ganzen Mund voll Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein, -Maßregeln zu ergreifen, -- Schwanz oder nicht Schwanz -- denn ein Bär -braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein. - -_Vier Monate später._ Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und -Fischausflug fortgewesen. Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit -hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen allein -fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ und ›Momma‹ klang, zu sagen. -Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie -Worte anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an sich gar nichts -zu bedeuten haben. Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig -genug, und jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese -Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des Pelzes und der -vollständige Mangel eines Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht -nur eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen -beabsichtige ich, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition -auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten -Exemplar zu durchsuchen. - -_Drei Monate später._ Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug, -von dem ich da eben zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar -erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? Ohne sich vom -Platze zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen -gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat -man je von solchem Glück gehört? - -_Tags darauf._ Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten -verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage -sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung -auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im allgemeinen -eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon -wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich -ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen. -Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle -sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen -zurückbliebe! - -Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar -plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel -um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe -der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, -- -vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei -ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es -alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen -Fisch hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere zuerst war; -es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da -einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen -gegeben -- Abel nennt sie es. - -_Zehn Jahre später._ Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit -geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit -hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, daher -unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, -- -auch ein paar Mädel sind schon angekommen. - -Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so -würde das besser für ihn gewesen sein. - -Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, daß ich Eva -im Anfang unrecht gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit -ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche -zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs tiefste betrüben, wenn diese -Stimme verstummen und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte. -Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander so nahe gebracht -hat, daß ich ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen -lernte! - - _Ende._ - - - - -Mein Reisegefährte, der Reformator. - - -Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach Chicago, um die -Weltausstellung zu sehen, sah sie zwar nicht, aber mein Ausflug war -doch nicht ganz fruchtlos -- ich fand Ersatz für die Ausstellung. In -New York machte ich die Bekanntschaft eines Majors von der Armee, der -mir sagte, er wolle ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns, -die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch etwas in Boston zu -tun, aber das machte ihm nichts; er sagte, er wolle den Umweg machen -und mitkommen. Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau wie ein -Gladiator, indes seine Manieren waren ruhig, seine Sprache war sanft -und hatte etwas Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender -Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen Sinn für -Humor. Er nahm Interesse an allem, was um ihn herum vorging, allein -sein Gleichmut war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus der Ruhe, -nichts regte ihn auf. - -Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte ich, daß er tief im Innern -trotz all seiner Ruhe eine Leidenschaft hatte -- eine Leidenschaft für -die Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. Er schwärmte -für Bürgerpflicht -- das war sein Steckenpferd. Er war der Meinung, -jeder Bürger der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen und -unbesoldeten Polizisten betrachten und über den Gesetzen und ihrer -Beobachtung treue Wacht halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte -der Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren und zu schützen, -wenn jeder Bürger für sein Teil dazu half, daß jeder Verstoß, der zu -seiner persönlichen Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde. - -Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, als ob man dabei -fortwährend Unannehmlichkeiten haben müsse und nichts andres mehr -zu tun habe, als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen zu -lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht zu werden. Aber -er sagte nein, ich wäre auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung -vor, irgend jemand absetzen zu lassen, ja es _dürfe_ überhaupt niemand -entlassen werden; das wäre gänzlich verfehlt -- nein, man müßte den -Mann reformieren und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar machen. - -»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige bringen und dann den -Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen -tüchtigen Rüffel zu geben und ihn zu behalten?« - -»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn überhaupt nicht -anzeigen, denn damit bringen Sie sein täglich Brot in Gefahr. Sie -könnten so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten -- wenn alles andre -nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. Das ist schon eine Art -von Gewalt, und Gewalt taugt nicht. Diplomatie -- das hilft! Wenn nun -jemand Takt besitzt -- wenn er Diplomatie anwendet ...« - -Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter gestanden, -und die ganze Zeit über hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit -eines der jungen Beamten zu erregen; aber von denen hatte keiner -Zeit, weil sie alle Maulaffen feil hielten. Schließlich machte sich -der Major bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm -abzunehmen. Er bekam zur Antwort: - -»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?« - -Und der junge Mann sah wieder aus dem Fenster. - -Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. Dann schrieb er ein -zweites Telegramm: - -»Präsident der Western Union Telegraph Company. Bitte, speisen Sie -heute abend bei mir. Kann Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem -Ihrer Bureaus der Dienst gehandhabt wird.« - -Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch geantwortet hatte, -streckte die Hand aus und nahm das Telegramm; als er es las, wurde er -ganz blaß und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde seine -Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm abginge, und -vielleicht bekäme er keine andre wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal -so hinginge, so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr geben. -Daraufhin wurde der Friede geschlossen. - -Als wir weitergingen, sagte der Major: - -»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie -- und Sie haben bemerkt, wie sie -wirkte. Es hätte gar keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die -Leute fortwährend tun -- der junge Mensch kann einem mit gleicher -Münze heimzahlen, und man zieht fast immer den kürzeren dabei und -ärgert sich bloß über sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen -Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche Worte und Diplomatie -- -das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muß.« - -»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so günstiger Lage, wie Sie -in diesem Fall. Es steht eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit -dem Präsidenten der Western Union.« - -»Ich kenne den Präsidenten gar nicht -- ich benutzte ihn nur zu -diplomatischen Zwecken. Es geschieht zu seinem und zum allgemeinen -Besten. Also nichts Böses dabei.« - -Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: »Ist es aber überhaupt -wohl jemals recht oder anständig, zu lügen?« - -Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage lag, beachtete er nicht, -sondern antwortete mit unerschütterlich ernster Einfachheit: - -»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand Schaden zu tun oder um sich -selber einen Vorteil zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen. -Wenn man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen oder um des -allgemeinen Besten willen -- oh, das ist ganz was andres! Das weiß -ja jedes Kind. Aber ganz abgesehen von den Methoden -- Sie sehen das -Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein brauchbarer und höflicher -Beamter werden. Er hatte ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu -retten, -- um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen. -Natürlich hat er eine Mutter -- auch Schwestern. Hol’ der Henker die -Leute, die das fortwährend vergessen. Wissen Sie, ich habe nie in -meinem Leben ein Duell gehabt -- nicht ein einzigesmal --, obwohl ich -so gut wie andre Leute Herausforderungen erhielt. Ich sah immer meines -Gegners unschuldige Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und -mir stehen. _Sie_ hatten ja nichts getan -- ich konnte doch nicht -_ihre_ Herzen brechen.« - -Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche Menge Mißstände, -und stets ohne Reibung, stets mit einer feinen und zartfühlenden -›Diplomatie‹, die keinen Stachel zurückließ. Seine Leistungen -bereiteten ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß ich ihn um -seinen Beruf beneidete und mich vielleicht auch darin versucht haben -würde, wenn ich die notwendigen Abweichungen von der Wahrheit mit -ebensolcher Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen könnte, wie es -mir mittels einer Feder und hinter der Deckung einer Druckerpresse nach -einiger Uebung -- glaube ich -- wohl möglich wäre. - -Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn wieder in die Stadt -hinein fuhren, kamen drei Radaubrüder in den Wagen und begannen -nach rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen um sich zu -werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen und Kinder, hatten Angst, -und kein Mensch wagte, den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu -erwidern; der Schaffner versuchte es mit gütlichem Zureden, aber -die Rauhbeine gaben ihm einfach Schimpfworte zurück und lachten ihn -aus. Sehr bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall seiner -Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich musterte er in Gedanken -seinen Vorrat von diplomatischen Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit -voraus, daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und Hohn, vielleicht -sogar noch Schlimmeres einbringen würde; aber bevor ich ihm diese -Bemerkung zuflüstern konnte, sagte er bereits in gleichmütigem und -leidenschaftslosem Ton: - -»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. Ich will Ihnen -dabei helfen.« - -Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der Blitz fuhren die drei -Knoten auf ihn los, aber kein einziger kam an ihn heran. Er teilte -drei Faustschläge aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes zu -sehen nicht erwarten konnte, und die drei Kerle blieben liegen, wo sie -hingefallen waren. Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der -Plattform des einen Moment haltenden Wagens hinunter; hierauf fuhren -wir weiter. - -Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein Lamm so vorgehen konnte; -erstaunt über die von ihm entfaltete Kraft und über das klare und -allgemeinverständliche Ergebnis; erstaunt über die gewandte und -geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze gemacht hatte. Die Situation -hatte ihre humoristische Seite, insofern ich den ganzen Tag über -von diesem schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über sanfte -Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört hatte. Ich hätte ihn -gern darauf hingewiesen und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber -als ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck haben würde. Auf -seinem ruhigen und zufriedenen Gesicht lag keine Ahnung von Humor; -er würde mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der nächsten -Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich zu ihm: - -»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, oder vielmehr es waren -drei tüchtige diplomatische Streiche.« - -»_Das?_ Das war keine Diplomatie. Sie sind völlig auf dem Holzweg. -Diplomatie ist ganz was andres. Damit ist bei _der_ Sorte nichts -auszurichten; sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war keine -Diplomatie, es war Gewalt.« - -»Da Sie das Wort nennen, so -- ja, ich glaube, Sie können vielleicht -recht haben.« - -»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es _war_ eben Gewalt!« - -»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. Versuchen Sie oft, -Leute auf diese Art zu bessern?« - -»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht öfter, als jedes halbe Jahr -einmal im Durchschnitt.« - -»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?« - -»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich! Sie sind ganz außer Gefahr. -Ich weiß, wie und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl bemerkt, -daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. Das würde sie getötet haben.« - -Ich glaubte das. Ich bemerkte -- und nach meiner Meinung war es ein -ganz guter Witz --, er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, habe -sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, zum Sturmbock; aber -er sagte mit freundlicher Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein -Sturmbock sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im Gebrauch. Das -war, um aus der Haut zu fahren, und ich wäre beinahe mit der Antwort -herausgeplatzt, er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein Trampeltier. -Ich hatte das Wort tatsächlich schon auf der Zunge, aber ich sagte es -doch nicht, denn mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und ich -es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen könne. - -Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Die Rauchabteilung -im Salonwagen war voll, und wir gingen daher in das gewöhnliche -Rauchcoupé. Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, auf dem -vordersten Sitz, saß ein bescheiden aussehender alter Mann -- dem -Anschein nach ein Landmann -- mit bleichem, kränklichem Gesicht und -hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft zu bekommen. Auf -einmal kam polternd ein großer Bremser herein; bei der Tür blieb er -stehen, warf dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und schlug mit -solcher Kraft die Tür zu, daß der alte Mann beinahe seine Stiefelsohle -eingebüßt hätte. Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere -von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah ganz beschämt und -traurig drein. - -Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, und der Major hielt ihn an -und stellte in seiner gewöhnlichen höflichen Weise die Frage: - -»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes Betragen eines -Bremsers? Bei Ihnen?« - -»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn Sie das wollen. Was hat er -getan?« - -Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien den Schaffner zu -amüsieren. Er sagte mit einer ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu -seinen köstlichen Worten: - -»Wenn ich Sie recht verstehe, so _sagte_ der Bremser nichts?« - -»Nein, das tat er nicht.« - -»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?« - -»Ja.« - -»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?« - -»Ja.« - -»Und das ist alles, nicht wahr?« - -»Ja, das ist alles.« - -Der Schaffner lächelte freundlich und sagte: - -»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; aber ich sehe nicht -recht, wohin das führen könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so -wollen Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn hier beleidigt. -Man wird Sie fragen, was er _gesagt_ habe. Sie werden antworten, gesagt -habe er überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, wie Sie -von einer Beleidigung sprechen können, wenn der Mann, wie Sie selber -zugeben, kein Wort gesagt hat.« - -Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner für seine knappen und -bündigen Schlußfolgerungen. Das machte ihm Vergnügen -- man konnte es -seinem Gesicht ansehen. - -Aber der Major war unerschüttert. Er sagte: - -»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand im ganzen -Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -- wie übrigens auch -das Publikum und allem Anschein nach Sie selber -- wissen gar nicht, -daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in Worten bestehen. Darum -wendet sich niemand an die höchste Stelle und beschwert sich wegen -Beleidigungen in Manieren, Gebärden, Blicken und so weiter, und -trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher als Worte. Sie tun -bitterlich weh, weil sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er -von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, immer sagen kann, es -sei ihm nicht im Traum eingefallen, irgend jemand beleidigen zu wollen. -Mir scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend ersuchen, auch -Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die _nicht_ in Worten ausgedrückt -waren, zur Anzeige zu bringen.« - -Der Schaffner lachte und sagte: - -»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs Publikum recht weit treiben!« - -»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen Fall in New Haven zur -Sprache bringen, und ich habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür -sein wird.« - -Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem freundlichen Ausdruck, -oder vielmehr es wurde vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging. -Ich sagte: - -»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer Lappalie Lärm schlagen?« - -»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets angezeigt werden. Es ist -eine öffentliche Angelegenheit, und kein Bürger hat das Recht, darüber -hinwegzusehen. Aber ich werde mich über diesen Fall gar nicht zu -beschweren brauchen.« - -»Wieso?« - -»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird alles in Ordnung bringen. -Sie werden schon sehen.« - -Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder durch den Wagen; als er beim -Major war, beugte er sich zu ihm herüber und sagte: - -»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den Mann nicht anzuzeigen. Er -ist mir verantwortlich, und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm -einen Rüffel geben.« - -Der Major antwortete herzlich: - -»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich hätte aus Rachsucht so -gesprochen, ich tat’s aus Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager -ist einer von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, daß Sie den -Bremser das nächstemal, wenn er einen harmlosen alten Mann gröblich -beleidigt, ganz gehörig vornehmen wollen, so wird ihn das freuen, -darauf können Sie sich verlassen.« - -Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man vielleicht hätte -erwarten können; er machte im Gegenteil den Eindruck, als ob ihm recht -unbehaglich zu Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der Stelle mit ihm -geschehen. Ich will ihn entlassen.« - -»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck haben? Glauben Sie -nicht, es wäre vernünftiger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn -zu behalten?« - -»Hm, da liegt was drin ... Was würden Sie vorschlagen?« - -»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart all dieser Herrschaften. -Wie wär’s, wenn Sie ihn hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart -Abbitte tut?« - -»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte noch eins bemerken: -Wenn alle Leute es so machten wie Sie und solche Sachen sofort bei -mir meldeten, anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher -herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu schimpfen, so sollten Sie -mal sehen, wie schnell sich alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr -verbunden.« - -Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er wieder hinaus war, sagte -der Major: - -»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das war? Der gewöhnliche Bürger -würde nichts ausgerichtet haben -- der Schwager eines Direktors bringt -alles fertig, was er nur will.« - -»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem der Direktoren?« - -»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe -einen Schwager in allen Direktionen -- überall. Das erspart mir endlose -Verdrießlichkeiten.« - -»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.« - -»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.« - -»Wird die Verwandtschaft niemals von einem Schaffner angezweifelt?« - -»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf mein Ehrenwort: _niemals_!« - -»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s wollte, den Bremser -fortjagen? Sie wissen, daß der Mensch es verdiente.« - -Der Major antwortete -- und in seinem Tone lag wirklich ein an ihm ganz -ungewohnter Anflug von Ungeduld: - -»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken wollten, so würden Sie -eine solche Frage nicht stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man -ihn nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein Mensch und hat wie -ein Mensch um seinen Lebensunterhalt zu ringen. Und er hat stets eine -Schwester oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. Immer -- -Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt nehmen, -so nehmen Sie auch den ihrigen weg -- und was haben _sie_ Ihnen getan? -Nichts. Und was hat es für Zweck, einen unhöflichen Bremser fortzujagen -und einen andern anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine -Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das einzig Vernünftige -ist, den Bremser zu _bessern_ und ihn zu behalten? Das ist doch klar.« - -Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß noch ein Erlebnis. -Zwischen Hartford und Springfield kam mit dem üblichen Gebrüll der -Buchhandlungsjunge durch den Wagen; er hatte einen ganzen Armvoll -Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes Heft einem schlafenden Herrn -in den Schoß fallen, so daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr -ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich in sehr hitzigen -Reden über den Frevel. Sie ließen den Salonwagenschaffner kommen, -trugen ihm den Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus -fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer waren reiche Holyoker -Kaufleute, und der Schaffner hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen. -Er suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, der Junge -stehe nicht unter seiner Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der -Eisenbahnbuchhandlung. Aber all sein Reden nutzte ihm nichts. - -Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den Beschuldigten zu -zeugen. Er sagte: - -»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine Herren, haben nicht -übertreiben _wollen_, haben es aber doch getan. Der Junge hat nichts -weiter getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn Sie wünschen, -daß er anständigere Manieren annimmt und sich bessert, so bin ich -mit Ihnen einverstanden und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen zu -helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, ohne ihm eine -Möglichkeit der Besserung zu geben.« - -Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem Vergleich nichts -wissen. Sie wären gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston- und -Albany-Gesellschaft, sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles -andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und dem Jungen zu zeigen, -wer sie wären. - -Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, und er würde alles tun, -was in seinen Kräften stände, um den Jungen zu retten. Einer von den -Herren sah ihn von oben bis unten an und sagte: - -»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer den größten Einfluß beim -Präsidenten der Gesellschaft hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?« - -Der Major sagte in aller Ruhe: - -»Ja; er ist mein Oheim.« - -Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar Minuten lang herrschte -ein peinliches Schweigen. Dann fingen sie an einzulenken und -halbe Zugeständnisse zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig und -überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles wieder friedlich und -gemütlich, und es wurde beschlossen, die Sache fallen zu lassen und dem -Jungen sein Brot (mit Butter) zu lassen. - -Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich nicht des Majors -Oheim -- nur für diesen Tag und diesen Zug adoptiert! - -Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, weil wir mit -einem Nachtzug fuhren und den ganzen Weg über schliefen. - -Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn von New York ab. -Nach dem Frühstück am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen, -fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren nur ein paar Leute -drin und nichts los. Hierauf gingen wir in den kleinen Rauchabteil des -Salonwagens und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen schimpften -über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: daß nämlich Sonntags in den -Zügen nicht Karten gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges -Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, weiter zu spielen. -Der Fall interessierte unsern Major. Er sagte zu dem dritten Herrn: - -»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?« - -»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der Yale-Universität und ein -religiöser Mann, aber das geht mir zu weit.« - -Hierauf sagte der Major zu den beiden andern: - -»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr Spiel wieder aufnehmen, meine -Herren; niemand hier hat etwas dagegen einzuwenden.« - -Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber der andre meinte, er -wolle gern wieder anfangen, wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten -also einen Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen -Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner herein und -sagte in scharfem Tone: - -»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken Sie die Karten ein -- es -ist nicht erlaubt.« - -Der Major war gerade beim Mischen. Er mischte ruhig weiter und sagte: - -»Auf wessen Befehl ist es verboten?« - -»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.« - -Der Major fing an zu geben und fragte: - -»Ist die Idee von Ihnen?« - -»Was für ’ne Idee?« - -»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen zu verbieten.« - -»Nein, natürlich nicht.« - -»Von wem dann?« - -»Von der Gesellschaft.« - -»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von Ihnen, sondern von der -Gesellschaft aus. Stimmt das?« - -»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich muß Sie ersuchen, daß -Sie augenblicklich aufhören.« - -»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. Wer ermächtigte die -Gesellschaft, einen solchen Befehl zu erlassen?« - -»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts an, und ...« - -»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige sind, der hier in -Betracht kommt. Vielleicht geht es _mich_ sehr nahe an. Ja, es ist -in der Tat für mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich kann -eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes nicht verletzen, ohne mich -selber zu entehren; ich kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft -erlauben, meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften einzuschränken --- was Eisenbahnverwaltungen fortwährend zu tun versuchen -- ohne meine -Bürgerwürde zu entehren. Ich komme daher auf meine Frage zurück: auf -welche Autorität hin hat die Verwaltung diesen Befehl erlassen?« - -»Das weiß ich nicht. Das ist _ihre_ Sache!« - -»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft überhaupt ein Recht -hat, eine derartige Vorschrift zu erlassen. Die Bahn führt durch -verschiedene Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich -sind, und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in Bezug auf -das Kartenspielen am Sonntag lauten?« - -»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts an, wohl aber die -Befehle meiner Gesellschaft. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß -dies Spielen aufhört, meine Herren, und es _muß_ aufhören!« - -»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht zu übereilen. In -Gasthäusern schlagen sie gewisse Vorschriften in den Zimmern an, aber -stets führen sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. Hier sehe -ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen Sie Ihre Berechtigung -nach und lassen Sie uns zum Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß -Sie das Spiel aufhalten.« - -»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine Befehle, und das genügt. -Diesen Befehlen muß gehorcht werden.« - -»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen sein. Es wird besser -sein, wenn wir die Sache ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns -erst mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen Mißgriff -macht -- denn wenn die Freiheiten eines Bürgers der Vereinigten Staaten -beschnitten werden, so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und -die Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für meine Person lasse -es mir nicht gefallen, wenn der Betreffende mir nicht die Berechtigung -seines Vorgehens nachweist. Nun ...« - -»Mein werter Herr, _wollen_ Sie Ihre Karten hinlegen?« - -»Alles zu seiner Zeit -- vielleicht. Es kommt darauf an. Sie sagen, -diesem Befehl muß gehorcht werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie -sehen selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung wird Sie --- natürlich! -- nicht mit einem so drastischen Befehl bewaffnen, ohne -eine Buße auf jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte es -leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher Befehl bleiben. Wieviel -beträgt die Buße für Uebertretung dieses Gesetzes?« - -»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.« - -»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft befiehlt -Ihnen, hier hereinzukommen und in schroffer Weise eine unschuldige -Unterhaltung zu verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand, -um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie nicht ein, daß das -Unsinn ist? Was _tun_ Sie denn, wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu -gehorchen? Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?« - -»Nein.« - -»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle aus dem Zug?« - -»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn einer seine Fahrkarte -hat!« - -»Verklagen Sie ihn vor Gericht?« - -Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er verwirrt. Der Major gab -neue Karten und sagte: - -»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß die Gesellschaft Sie in -eine lächerliche Stellung gebracht hat. Man überträgt Ihnen das Amt, -eine anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das mit Lärmen und -Toben, und wenn Sie näher zusehen, so finden Sie, daß Sie kein Mittel -haben, sich Gehorsam zu erzwingen.« - -Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde: - -»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, und damit habe ich meine -Schuldigkeit getan. Ob Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden -Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte er sich zum Gehen. - -»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch nicht zu Ende. Ich -glaube, Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu -haben; aber wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber -eine Schuldigkeit zu erfüllen.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion in Pittsburg zur -Anzeige bringen?« - -»Nein. Wozu auch?« - -»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde _Sie_ anzeigen!« - -»Anzeigen -- weswegen?« - -»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer Gesellschaft, indem Sie -nicht unserm Spiel Einhalt getan haben. Als Bürger habe ich die -Pflicht, den Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten -den Dienst ordentlich versehen.« - -»Meinen Sie das im Ernst?« - -»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Menschen, aber -ich muß Ihnen als Beamten den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl -nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, muß ich Sie -anzeigen. Und das werde ich auch tun.« - -Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und dachte einen Augenblick -nach; dann rief er: - -»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette Patsche -gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; ich werde absolut -nicht mehr klug daraus. So was ist mir noch niemals vorgekommen. Die -Leute haben sich stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe -ich auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl ohne -Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand anzuzeigen, wünsche aber -auch selber nicht angezeigt zu werden -- um Gottes willen, davon könnte -ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie nur ruhig weiter --- spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie Lust haben --, und reden wir -nicht mehr davon!« - -»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, um die Rechte -dieses Herrn hier zu vertreten -- jetzt kann er selbst weiterspielen. -Doch bevor Sie gehen -- wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, weshalb -nach Ihrer Meinung die Gesellschaft diese Vorschrift erlassen hat?« - -»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen klar und einfach; sie -ist erlassen aus Rücksicht auf die Gefühle, ich meine die religiösen -Gefühle der Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, wenn -durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der Sonntag entheiligt wird.« - -»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts dabei, den Sonntag -durch Reisen zu entheiligen, aber sie wollen nicht dulden, daß andre -Leute ...« - -»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf diesen -Gedanken war ich noch nie gekommen. Aber es ist wirklich eine _alberne_ -Vorschrift, wenn man genauer zusieht.« - -In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu und wollte sehr von oben -herab das Kartenspielen untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die -Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir hörten kein Wort mehr -von der Geschichte. - -In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett und bekam daher von -der Weltausstellung keinen Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt, -nach dem Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig war. -Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major eine Salonabteilung -in einem Schlafwagen und bezahlte den Preis dafür. Ich hatte also -einen bequemen großen Raum zur Verfügung; als wir aber auf dem -Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß aus Versehen unser Wagen -nicht angehängt worden war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns -freigehalten -- mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der Major -sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten warten, bis der Wagen -angehängt sei. Hierauf antwortete der Schaffner mit freundlicher Ironie: - -»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie soeben sagten, aber -wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, meine Herren, einsteigen! Lassen -Sie uns nicht warten!« - -Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ auch nicht zu, daß ich -es tat. Er verlangte seinen Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies -machte den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, und er -rief: - -»Wir haben unser möglichstes getan -- Unmögliches können wir nicht -fertig bringen. Sie werden diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es -ist ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in diesem letzten -Augenblick wieder gutgemacht werden. So etwas kommt ab und zu vor, und -man kann nichts andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu -finden. Andre Leute machen’s auch so.« - -»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren Rechten bestanden, so -würden Sie jetzt nicht versuchen, die meinigen so mir nichts dir nichts -unter die Füße zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen -unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist meine Pflicht, -den nächsten, dem das Gleiche passieren könnte, vor derartigem zu -bewahren. Ich muß also meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago -warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung des mit mir -abgeschlossenen Vertrages verklagen.« - -»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer Kleinigkeit?« - -»Gewiß.« - -»Ist das wirklich Ihre Absicht?« - -»Allerdings.« - -Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt prüfenden Blick an; dann -sagte er: - -»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht da -- ist mir noch niemals -vorgekommen. Aber ich will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich -will den Bahnhofsvorsteher holen.« - -Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -- auf den Major, nicht -auf den Mann, der das Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz -angebunden und stellte sich auf den gleichen Standpunkt wie anfangs -der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen durchaus nicht; er -bestand mit seiner freundlichen Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen -haben. Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des Rechts nur auf -der einen Seite, und zwar auf der des Majors. Der Stationsvorsteher -gab sein ärgerliches Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar -halb und halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung von -Vergleichshandlungen, und der Major gab nun auch etwas nach. Er sagte, -er wolle auf die _bestellte_ und bezahlte Salonabteilung verzichten, -aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach einigem Suchen wurde eine -gefunden, deren Inhaber sich überreden ließ; er vertauschte sie mit -unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab. - -Am Abend besuchte der Schaffner uns und war freundlich und höflich -und zuvorkommend. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und -wurden schließlich gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum -beschwerte sich öfter -- das würde von guter Wirkung sein. Man könnte -nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen den Reisenden gegenüber ihre -Schuldigkeit täten, solange nicht die Reisenden sich selber darum -bekümmerten. - -Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug reformiert, aber -dem war nicht so. Am andern Morgen bestellte der Major, als wir im -Speisewagen saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte: - -»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir servieren nichts, was -nicht auf der Karte steht.« - -»Der Herr da drüben ißt Huhn.« - -»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor bei der -Gesellschaft.« - -»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn haben. Solche Unterscheidung -liebe ich nicht. Bitte, schnell -- bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!« - -Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser setzte leise und höflich -dem Major auseinander, es ließe sich unmöglich machen -- es wäre gegen -die Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste. - -»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder sie -unparteiisch brechen. Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder mir -auch eins bringen.« - -Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. Er begann eine -unzusammenhängende Erklärung vom Stapel zu lassen, und in diesem -Augenblick kam der Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward -setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus ein Huhn haben -wollte, obwohl das doch gegen die Vorschrift wäre und jenes Gericht -nicht auf der Speisekarte stände. Der Schaffner sagte: - -»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift -- eine andre Wahl gibt’s nicht -für Sie. Aber warten Sie mal ’nen Augenblick -- ist das der Herr?« -Dann lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre Vorschriften ... -ich rate Ihnen -- und ich weiß warum --, geben Sie ihm alles, was er -verlangt, und wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten und -besorgen Sie’s.« - -Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er täte es nur aus -Pflichtgefühl und des Prinzips wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar -nicht. - -Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, aber ich lernte dafür -ein paar diplomatische Kunstgriffe kennen, die sich mir und dem Leser -vielleicht im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen werden. - - - - -Meine Tätigkeit als Reisemarschall. - - -Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach Genf fahren mußten -und von dort in einer Reihe von tagelangen und höchst verzwickten -Eisenbahnreisen nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen -Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche Gesellschaft -wie meine Familie nach dem Rechten sehen konnte. - -Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit huschte dahin, und als -ich eines Morgens aufwachte, kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß -wir abfahren sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da faßte ich -einen Entschluß; er war, das fühlte ich, wahnwitzig kühn, aber ich war -gerade in der richtigen Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den -ersten Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung übernehmen. -Ich tat es. - -Ich brachte die Gesellschaft -- vier Personen -- höchstselber von Aix -nach Genf. Die Entfernung betrug reichlich zwei Stunden; unterwegs war -einmal Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste Mißgeschick; -allerdings ließ ich eine Reisetasche und einige andre Sachen auf dem -Bahnsteig stehen -- aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick nennen, -so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot mich daher, für den ganzen -Weg bis Bayreuth die Führung der Gesellschaft zu übernehmen. - -Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals nicht so vorkam. -Zur Aufgabe gehörten nämlich mehr Unteraufgaben, als ich vermutete. -Erstens: zwei Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer Genfer -Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt und nach dem Hotel -gebracht werden. Zweitens: ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo -man die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid sagen, daß sieben -von unseren aufbewahrten Koffern nach dem Hotel gebracht und dafür -sieben andre, die die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden, -wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte ausfindig machen, -in welchem Teil von Europa Bayreuth liegt, und sieben Eisenbahnkarten -nach diesem Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm -an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: es war jetzt zwei Uhr -nachmittags und wir mußten scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten -Nachtzug zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. Sechstens: -ich mußte auf der Bank Geld erheben. - -Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es mir, das -Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich mich daher selber nach -dem Bahnhof; Gasthofbedienstete sind nicht immer allzu schlau. Es -war ein heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir aber -sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, wie sich’s herausstellte, -ein Irrtum von mir, denn ich verlief mich und brachte dadurch die -Entfernung auf das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und man -fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen wünschte. Das brachte -mich in Verlegenheit und um meine Besinnung, denn es standen so viele -Leute um mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den Reisewegen und -dachte nicht, es könnte zwei verschiedene geben; ich hielt es daher für -das beste, erst wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte -auszusuchen und dann wieder zu kommen. - -Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im Hotel die Treppen -hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine Zigarren alle waren; ich dachte -daher, es wäre gut, mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder -vergäße. Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte dazu die Droschke -nicht, sagte daher dem Kutscher, er solle warten. Unterwegs dachte -ich an das Telegramm und versuchte den Wortlaut desselben in meinem -Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren und Droschke und -ging weiter und immer weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von -einem der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. Da ich aber -inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts gekommen sein -mußte, so dachte ich, ich wollte es selber tun. Aber es war weiter, -als ich vermutet hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb die -Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der Telegraphenbeamte war -ein streng aussehender aufgeregter Mensch; er begann mit einer solchen -Zungengeläufigkeit französische Fragen auf mich loszufeuern, daß ich -nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte und das andre anfing --- und dadurch verlor ich abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein -Engländer ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte zu wissen, -wohin er das Telegramm schicken sollte. Das konnte ich ihm nicht sagen, -weil es nicht _mein_ Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander, -daß ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft -besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele beruhigen: er mußte -durchaus die Adresse haben! Ich sagte ihm daher, wenn er so heikel -wäre, so wollte ich nach Hause gehen und sie besorgen. - -Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die -beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles -systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu -seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem -Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an -und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen -lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme. - -Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden -Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit, -weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten. -Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere -kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war -- -oder wenigstens kam es mir so vor -- mir däuchte daher, ich könnte -Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit -den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit -schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen -Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich -reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs -brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete, -das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich -und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot -mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück -an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm -gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster -Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab. - -Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.; -ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel -schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob -ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber -alles, was ich in meinem Kopf finden konnte. - -Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen -Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. -Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen -lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also -eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten -Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem -Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der -Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine -Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir -gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und -gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein, -und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder -nach dem Postamt zurückkäme. - -Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen -gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der -diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb -elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei -jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen -Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze -Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person; -wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich -wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur -gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen -lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich -ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen -könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er -sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu -sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das -er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich -dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in -meinen drei Droschken nach Hause. - -Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue -Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei -nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen -Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz -bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die -Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die -Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe, -Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und -Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon -gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend -gefallen. Ja, und sie warteten -- warteten auf mich. Mir schien, bloß -ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter ~tour de -force~ könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung -zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die -Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter: - -»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!« - -Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende -gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich -meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß -bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war. - -Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu -spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und -den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem -ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze -Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser -Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre -dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen -beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus -diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen. -Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das -Haupt der Expedition fiel mir -- plumps! -- ins Wort und fragte -schneidend: »Wo bist du gewesen?« - -Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht -obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. -Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum -schroff unterbrochen: - -»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine fürchterliche Angst um sie -ausgestanden.« - -»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen eine Droschke besorgen. -Ich will mich auch nun flugs auf den Weg machen und ...« - -»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es elf Uhr ist? Wo hast du sie -gelassen?« - -»In ihrer Pension.« - -»Warum brachtest du sie nicht mit her?« - -»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. Darum dachte ich ...« - -»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. Man kann nicht denken, -wenn man nicht den nötigen Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen -bis zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke dorthin?« - -»Ich ..., nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, es kam nur ganz -zufällig so.« - -»Wieso kam es denn zufällig?« - -»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, daß ich eine Droschke -hier vor dem Hotel hatte warten lassen, und so, um die Ausgabe zu -sparen, schickte ich eine andre Droschke, um ... um ...« - -»Um ...?« - -»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so schnell darauf -besinnen; aber ich glaube, der neue Droschkenkutscher sollte im Hotel -Bescheid sagen, daß sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und -wegschickten.« - -»Was sollte das für einen Zweck haben?« - -»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch hätte doch die Ausgabe -für die Droschke aufgehört, nicht wahr?« - -»Indem die neue Droschke an Stelle der alten wartete, und so die -Ausgabe fortdauerte?« - -Hierauf sagte ich nichts. - -»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke zurückkommen, um dich -abzuholen?« - -»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s ein. Jawohl, das tat -ich. Ich erinnere mich nämlich, daß, als ich ...« - -»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und holte dich ab?« - -»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!« - -»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu Fuß nach der Pension zu -gehen?« - -»Ich -- ich weiß nicht mehr so recht, wie das eigentlich zuging. O -ja -- jetzt hab’ ich’s! Richtig! Ich schrieb die Depesche, die nach -Holland geschickt werden sollte, und ...« - -»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens etwas fertig gebracht. -Ich hätte dir auch nicht raten mögen, die Absendung zu verbummeln -- -aber warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? Du versuchst, -bei meinem Auge vorbeizublicken. Die Depesche ist das Allerwichtigste -auf der ... Du hast die Depesche nicht abgeschickt!!« - -»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.« - -»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach Herrje, es ärgert mich -mehr als alles auf der Welt, daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen -ist. Warum schicktest du es nicht ab?« - -»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes zu tun und im Kopfe zu -behalten hat ..., sie nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem -ich das Telegramm geschrieben hatte ...« - -»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes Reden kann es jetzt -auch nicht mehr gut machen. Was soll er aber bloß von uns denken?« - -»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. Er wird denken, -wir hätten das Telegramm den Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und -sie ...« - -»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen denn nicht? Das war ja doch -das einzige Vernünftige.« - -»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, ich müßte der -Sicherheit wegen auf die Bank gehen und etwas Geld erheben.« - -»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß du wenigstens daran -gedacht hast. Ich will dir auch nicht zu nahe treten, aber du mußt -selber zugeben, daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast und -daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. Wieviel hast du dir -geben lassen?« - -»Hm, ich ... ich habe mir gedacht, daß ...« - -»Daß was?« - -»Daß ... hm mir scheint, daß unter den obwaltenden Verhältnissen ... -und da wir so viele, weißt du ... und ... und ...« - -»Was brummelst du denn da in den Bart? Dreh’ dein Gesicht herum und laß -mich ... wahrhaftig, du hast überhaupt kein Geld erhoben!« - -»Ja, der Bankier sagte ...« - -»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt einen ganz besonderen Grund -dafür gehabt haben. Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne -des Wortes, sondern etwas, was ...« - -»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war die, daß ich meinen -Kreditbrief nicht bei mir hatte.« - -»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!« - -»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.« - -»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo war er?« - -»Im Postgebäude.« - -»Was sollte er denn da?« - -»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf dem Tisch liegen lassen.« - -»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle gesehen; -aber von allen Reisemarschällen, die ich jemals ...« - -»Ich habe mein Bestes getan!« - -»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist unrecht von mir, daß ich -dich so ausschelte. Du hast dich ja todmüde gelaufen, während wir -hier saßen und bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir -dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht hast. Es wird -schon alles zurechtkommen. Wir können ebensogut morgen früh mit dem -Halb-Acht-Zug fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?« - -»Jawohl -- und sogar recht billig; 2. Klasse.« - -»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter Klasse, und wir können -die große Extraausgabe ganz gut sparen. Wieviel bezahltest du?« - -»Hundertzehn Francs für das Stück -- direkt bis Bayreuth.« - -»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte Fahrkarten kaufen könnte. Ich -dachte, das könnte man nur in London und in Paris.« - -»Manche Leute können’s vielleicht nicht -- aber manche können’s; und zu -den letzteren gehöre ich, wie es scheint.« - -»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.« - -»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine Kommissionsgebühr ab!« - -»Händler?!« - -»Ja -- ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.« - -»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich früh aufstehen müssen, -und deshalb wäre es gut, wenn wir nichts zu packen hätten. Dein -Regenschirm, deine Gummischuhe, deine Zigarren ..., was ist denn los?« - -»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren in der Bank liegen lassen.« - -»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein Regenschirm?« - -»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die Sache hat ja keine Eile.« - -»Was soll das heißen?« - -»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß ...« - -»Wo ist der Regenschirm?« - -»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja keine fünf Mi ...« - -»Wo ist er?« - -»Aeh ..., ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen stehen lassen; aber -auf jeden Fall ...« - -»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen heraus! Das ist also genau -so, wie ich’s mir gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?« - -»Die ... äh ...« - -»Wo sind deine Gummischuhe?« - -»Es ist ja so trocken ..., sie sagen ja alle, es sei kein Tropfen Regen -mehr zu erw ...« - -»Wo -- sind -- deine -- Gummischuhe?!« - -»Sieh ’mal -- die Sache kam so. Zuerst sagte der Beamte ...« - -»Was für ein Beamter?« - -»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister ...« - -»Was für ’n Bürgermeister?« - -»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte ...« - -»Warte ’mal! Was ist mit dir los?« - -»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten mich beide überreden, ich sollte -dableiben, und ...« - -»Dableiben? Wo?« - -»Die Sache ist nämlich ...« - -»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu -tun gehabt?« - -»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte, -da ...« - -»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir -kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?« - -»Sie ..., nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.« - -Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen, -aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder -vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition -nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht. - -Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen, -und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen -konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte. -Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden, -aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede -auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese -Angelegenheit besorgt. - -»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und -intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht -recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr -darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig -benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches -Wort sagte.« - -Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir -wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher -fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es -schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich -ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine -Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war -schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran! - -Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir -nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu -warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich -dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen. - -Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit -zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas -schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das -könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er -habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, -wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen. - -»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt -sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.« - -»Wieviel bezahlten Sie dafür?« - -»140 Francs.« - -»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in -Ordnung.« - -Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte: - -»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus. -Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten -- ein guter ist -gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir -empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.« - -Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es -gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem -Reisemarschallsamt sprach. - -Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der -Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau -kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn -ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte -der Polizist es wäre ›~défendu~‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm -ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts -wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine -Muttersprache hörte. - -Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte -die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen -- das -tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum -handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden -ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief -wurde hereingebracht und geöffnet -- und es war nichts weiter darin -als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel, -den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können, -und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu -allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit -nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof -sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und -dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei -unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich, -welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben -in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten -auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des -Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs -nach der Bank. - -Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch -bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding -zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort! - -Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in eine Nebenstraße ein -und begab mich auf den Weg, um die beiden fehlenden Mitglieder der -Expedition abzuholen. Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich ließ -mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit gewann ich dadurch -nichts, aber es war eine ruhevolle Abwechslung, und ich liebe recht -viele Ruhe. Der wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten -Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der Begründung der -Eidgenossenschaft war auf seinem Höhepunkt, und alle Straßen waren mit -wehenden Fahnen behangen. - -Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken gewesen und hatten -während dieser ganzen Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus -wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. Aber im Laufe der -Zeit kamen wir trotzdem an. Ich ging ins Haus und klingelte, und bat -ein Dienstmädchen, sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, daß sie -schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf etwas, was ich nicht -verstand, und ich kehrte zu meiner Karre zurück. Wahrscheinlich hatte -das Mädchen mir gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk, -und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und von Stockwerk zu -Stockwerk läutete, bis ich sie fände; denn in diesen schweizerischen -Mietskasernen scheint man jemanden nur dadurch finden zu können, daß -man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach oben die richtige -Wohnung zu erraten trachtet. Ich rechnete mir aus, daß ich fünfzehn -Minuten würde warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets drei -unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens: die Hüte aufsetzen, -herunterkommen, einsteigen; zweitens: Umkehren des einen Mitglieds: -»um meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren des anderen -Mitglieds: »um meinen ›kleinen Franzosen in der Westentasche‹ zu -holen.« Ich beschloß, diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit meinen -Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu ärgern. - -Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; dann fühlte ich -eine Hand auf meiner Schulter und fuhr in die Höhe. Der Störenfried -war ein Polizist. Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick -der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine recht stattliche -Menschenmenge versammelt, und die Leute sahen so vergnügt und neugierig -drein, wie sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu Schaden gekommen -ist. - -Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, und einige Jungen -hatten sie und mich von oben bis unten mit bunten Zieraten behangen, -die sie von den unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war ein -empörender Anblick! Der Beamte sagte: - -»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den ganzen Tag hier -schlafen lassen.« - -Ich war verletzt und sagte voll Würde: - -»Ich bitte recht sehr -- ich schlief nicht; ich dachte!« - -»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen Spaß macht; aber dann müssen -Sie bei sich selber denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.« - -Es war ein armseliger Witz, aber die Menge lachte darüber. Ich -schnarche zuweilen nachts, aber es ist unwahrscheinlich, daß ich bei -Tage und auf offener Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns -die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu tun, und er -gab sich wirklich Mühe, anständig zu sein. Er sagte aber, wir dürften -nicht länger mehr auf der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße -nehmen -- so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte er in -höflicher Weise, ich sähe ein bißchen angegriffen aus, und er möchte -gern wissen ... - -Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten an und sagte, ich wollte -doch hoffen, man dürfte solche Tage ein bißchen feiern, besonders wenn -sie einen ganz persönlich angingen. - -»Persönlich?« fragte er. »Wieso?« - -»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner Vorfahren den Bundesvertrag -mit unterzeichnete.« - -Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann prüfend an und sagte: - -»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn selber unterzeichnet. -Denn von allen alten historischen Gedenkstücken, die ich jemals ... -aber lassen wir das ... Worauf warten Sie hier so lange?« - -Ich sagte: - -»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. Ich warte fünfzehn -Minuten, bis sie einen Handschuh und ein Buch vergessen haben und -wieder umkehren, um sich die Dinger zu holen.« - -Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, die ich abholen wollte. - -Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den Köpfen und Schultern -hinaufzurufen, die reihenweise aus allen Fenstern über uns heraussahen. -Eine Frau rief von ganz oben herunter: - -»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, und sie sind schon vor -langer Zeit von hier abgefahren -- so ungefähr um halb neun!« - -Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, sagte aber -nichts. Der Beamte aber bemerkte: - -»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser -erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen --- und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten -- braun -gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug -verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?« - -Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor -er sich davon erholt hatte, waren wir fort. - -Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer -verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall -das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die -Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto -sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen, -was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener -herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem -Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas -Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine -Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die -den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen. -Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen -seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig -ausgedachten Anordnungen. - -Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn -Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich -sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser -Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die -Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit -abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im -Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten -›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft -vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und -wir stürmten hinaus. - -Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit -den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, -mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen -Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen -dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden -und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie -möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell -ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie -sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich -dieselben gekauft hätte? - -»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die -Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete -ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie -die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für -den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu -sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also: - -»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese -Eisenbahnfahrkarten ...« - -»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.« - -»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?« - -»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose -von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.« - -Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen -nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf -herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und -bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen, -wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern -und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen -zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die -geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem -Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß -sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren -Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen -kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist -etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können. - -Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen, -wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten -die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten -Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs -lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön -abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich -sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der -beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber -die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr -denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen, -als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es -herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht -viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang -zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und -dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden. - -Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige -andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin -leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, -aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!« - -Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend -etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte -einen Vorschlag machen. - -Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen, -und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt -in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische -Kräfte gäbe. - -Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen, -erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern -sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich -und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte. - -»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.« - -»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?« - -»Nein.« - -»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben -abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?« - -»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.« - -»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst -wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr -Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...« - -Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich -alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man -immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in -Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und -kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh -oder sonstwas einen umrennt. - -Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie -nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen -Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es -schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich -absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein, -mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte -das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy -kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen -Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit -versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf -Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme --- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war, -veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß -wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer -hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und -daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder -Güterzug und machten uns auf die Reise. - -Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter, -ich möchte mal hinaufkommen. - -»Ja gewiß,« sagte ich. - -Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine -Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, -um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen -Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke -zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine -Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die -Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen --- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den -höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich -mich da, wo ich war, sehr wohl befand. - -Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den -Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner -Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die -Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre -verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in -aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte. - -So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im -Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem -sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den -guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem -Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften -übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von -_einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde -sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts -weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen -und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach -Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine -kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte -ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich -bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde -niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen -das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe, -so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, -hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und -der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein -wirbliger Kopf. - -[Illustration] - - - - -Von allerhand Schiffen. - - -Der moderne Dampfer. - -Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir -bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt -statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber -lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte -nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein -könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum -größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich -spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich -seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, -auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in -den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, -zwanzig Jahren den Ozean durchquerte. - -Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher -machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So -z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und -hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in -den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für -ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet -sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man -sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die -Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels -gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf -rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den -Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; -auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen -lassen. - -Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war -in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, -die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen -einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und -zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; -diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie -beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch -saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf -der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. -In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller -einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, -gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags -›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist -das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet -täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf -dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares -Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; -jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist -überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen -bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen -halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben -wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach -und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas -recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist -ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller -Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit -versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war -der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere -geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den -alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das -war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum -Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und -schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; -es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach -alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses -Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder -vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und -Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels -haben solche Rauchzimmer. - -Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder -drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen --- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der -moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten -haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn -wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. -Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem -denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of -Paris‹ zustieß. - -Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort -auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, -Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der -Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des -Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht -nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich -feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer -Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, -die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und -deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf -dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und -hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen -sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für -sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von -der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird -aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels -eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim -Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, -daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben -ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören -nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe -selber seine Landung bewerkstelligte. - -Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über -der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum -ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher -angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche -Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, -gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen -Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, -daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen -wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch -sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt -worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes -Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe -Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste -in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, -die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß -das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und -ihn tötete. - -Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der -keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen -gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es -beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche -Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich -erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal -auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr -später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und -eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, -von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber -vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer -hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in -einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer -Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 -Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen -einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn -einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ -vorhanden. - -In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und -wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre -jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen -sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren -Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein -außergewöhnlicher Sturm herrscht. - -Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der -Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit -beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir -unverständliche Inschriften: - - Kielbehälter leer - Doppelboden Nr. 1 voll - Doppelboden Nr. 2 voll - Doppelboden Nr. 3 voll - Doppelboden Nr. 4 voll - -Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, -und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, -kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus -und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz -steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch -irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie -bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente -dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das -Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich -wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen -hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser -Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre -Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung -wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat. - -An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des -Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das -Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese -Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden -eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und -in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes -über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine -400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn -von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im -Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser -- -618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser. - -Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das -Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den -Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, -kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der -Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern -angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht -ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die -Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk -der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem -anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der -Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der -Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht -geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie -zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz -hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden. - -Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die -Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und -herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen -Zweck erfüllen. - -Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; -aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach -den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich -darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis -auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht -zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht -befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit -wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. -Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und -erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs -Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast -von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das -Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht -so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein -eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe -ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr -vorhanden ist. - - -Die Arche Noäh. - -Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte -Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des -guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche -Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in -der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, -daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat -uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf -die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah -nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren -würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen -zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das -Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen. - -Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll, -freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie -der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner -Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und -wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie -groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen -Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und -Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen -würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen -Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu -besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern: - -»Wie lang ist sie?« - -»Sechshundert Fuß.« - -»Wie tief?« - -»Fünfundsechzig.« - -»Die Breite?« - -»Hundert Fuß.« - -»Gebaut aus ...?« - -»Holz.« - -»Was für Holz?« - -»Tannenholz.« - -»Innere und äußere Verzierungen?« - -»Verpicht inwendig und auswendig.« - -»Passagiere?« - -»Acht.« - -»Geschlecht?« - -»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.« - -»Alter?« - -»Von hundert Jahren an aufwärts.« - -»Wie hoch aufwärts?« - -»Sechshundert.« - -»Ah -- gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?« - -»Einen Arzt haben wir nicht.« - -»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -- letzterer -ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht -die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?« - -»Dieselben acht.« - -»Dieselben acht?« - -»Dieselben acht.« - -»Und die Hälfte davon Weiber?« - -»Jawohl.« - -»Haben sie je zur See gedient?« - -»Nein.« - -»Aber die Männer?« - -»Auch nicht.« - -»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?« - -»Nein.« - -»Wo sind Sie denn aufgewachsen?« - -»Alle zusammen auf einem Bauernhof.« - -»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer -ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben. -Wer ist der Kapitän?« - -»Ich.« - -»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner -Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des -Schiffes?« - -»Das tat ich.« - -»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?« - -»Jawohl.« - -»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?« - -»Tiere.« - -»Was für Arten?« - -»Sämtliche Arten.« - -»Fremdländische oder einheimische?« - -»Meistens fremdländische.« - -»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?« - -»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen -- alles -wilde Getier aus allen Zonen -- von jeder Sorte zwei.« - -»Sicher in Käfigen untergebracht?« - -»Nein, nicht in Käfigen.« - -»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die -Menagerie?« - -»Wir.« - -»Die alten Leute?« - -»Ja.« - -»Das ist gefährlich -- für beide Teile. Für die Tiere muß von -sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?« - -»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98000.« - -»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?« - -»Durch zwei Fenster.« - -»Wo sind die?« - -»Oben unter den Dachrinnen.« - -»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie -müssen sich elektrisches Licht zulegen -- ein paar Bogenlampen und 1500 -Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele -Pumpen haben Sie?« - -»Keine, lieber Herr.« - -»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere -und die Tiere?« - -»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.« - -»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?« - -»Was für was?« - -»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?« - -»Keine.« - -»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr -Steuerapparat?« - -»Wir haben gar keinen.« - -»Haben Sie nicht ein Steuerruder?« - -»Nein.« - -»Wie steuern Sie denn das Schiff?« - -»Wir steuern nicht.« - -»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung -versehen. Wie viele Anker haben Sie?« - -»Keine.« - -»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige -nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben -Sie?« - -»Keine, lieber Herr.« - -»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?« - -»Keine.« - -»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise -dauern?« - -»Elf oder zwölf Monate.« - -»Elf oder zwölf Monate ... Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch -rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen -- -mit Kupfer?« - -»Der Schiffsrumpf ist nackt -- ist überhaupt nicht beschlagen.« - -»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das -Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten -auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff _darf_ nicht die Erlaubnis -erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun -noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt -und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?« - -»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu -fahren.« - -»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die -Tiere haben?« - -»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.« - -»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?« - -»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -- ja! Aber der -Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt, -den Vorrat wieder zu ergänzen.« - -»In einer Flut?« - -»Ja.« - -»Wissen Sie das gewiß?« - -»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.« - -»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier -oftmals vor.« - -»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken -und das Land wird völlig unsichtbar werden.« - -»Im Vertrauen -- aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter --- gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; -denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis, -nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder -zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff -kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt -notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden -sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.« - -»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels -Eimer schöpfen werde.« - -»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht, -werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen -sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb -zulegen und Ihr Wasser destillieren ... Nun will ich mich von Ihnen -verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten -Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?« - -»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein -Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste -Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.« - -»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr -bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue -- -völlig neue und unabgedroschene -- Züge als in jedem andern Schiff, das -auf den Meeren schwimmt.« - -»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, -- -unendliche! -- und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung -bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen -gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!« - -Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich -sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber -in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen. - - -Kolumbus und sein Schiffchen. - -In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’ -Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen -zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, -so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger -unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo -gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff -gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer -Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die -spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen -Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen. -Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt -der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, -brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen -würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das -Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen -und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers -besteht aus 250 Menschen. - -Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen -beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene -weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte -nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen -wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und -schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder -auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag. -Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom -Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf -dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen -als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, -unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur -eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und -enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und -Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte -in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß -einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, -wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem -hochaufragenden Hüttendeck -- ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß -Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die -Wellen das Deck. - -Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor, -daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich -daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll -von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und -schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger -auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein -Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser -ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. -Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit. - -Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir -ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers -entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor -dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der -Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom -Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit -Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte -wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen -Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt -mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch -einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten -wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln, -die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und -Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt -mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene -Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus -Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind; -Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der -heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande -gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten -Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist. - -Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels -und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie -nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne -am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und -übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu -läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem -Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt -und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und -wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe ... Das war Kolumbus in seiner -menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte! - -Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das -gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für -ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn -außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu -sagen hat. - -Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück: -Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich -zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und -feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er -allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein. -Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine -Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein -Dankgebet für all die guten Sachen -- deren Wert er vielleicht ein -bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete -Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die -flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen -mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers -geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, -und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und -divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen -Leibe. - -Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des -großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied -zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer -›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen. - -Als er wiederkam -- so berichtet die Weltgeschichte -- da sagte der -König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein. -Leckte es schlimm?« - -»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der -Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.« - -So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von -fünfzehnmal. - - -Verschollene Gefühle. - -Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die -zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem -Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne -halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns -Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese -Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen -vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese -Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer -Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und -sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. -Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen -Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen -Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. -Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen -sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten: - - Der Heimat zu, der Heimat zu, - Vom fernen fremden Strand. - -Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies -das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen -Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen -Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus -auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos. -Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt -hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres. - -Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das -Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen -Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus -der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus -der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben -auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das -poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals -Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige -Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von -der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so -feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes -waren -- sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil -jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür -ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm -drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf -dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm -nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und -barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die -Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten -der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß -am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum -andern Morgen warten muß. - -Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff. -Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der -Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß -wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer -2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der -›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff -damals -- da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein -Dutzend junge Leute -- werden jetzt wohl hübsch alt sein -- und diese -setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht -oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise, -schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für -Humor und sangen fortwährend: - - Der Heimat zu, der Heimat zu, - -ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen -still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte -diesem Gesang das andre schöne Lied: - - ›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹ - Frug die sterbende Maid -- und der Hafen war nah. - -Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte -wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ -- natürlich; -und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt? -Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber -keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber; -keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither -im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll -gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn -wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten -wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden -ihn davon abbringen können. Aber -- man mag es kaum aussprechen -- -er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich -unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben -- und glaube in der Tat --- daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer -Gesinnung zu bekehren. - -Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der -Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam -eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten -unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich -nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber -das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän -war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns -festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen -Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt; -andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an -diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte -Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet, -und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das -Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks --- jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes -Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an. - -Nun, die Woche darauf -- indessen, Sandy Hook ist in Sicht. - -[Illustration] - - - - -Der Roman der Eskimo-Maid. - - -»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem Leben alles erzählen, was -Sie gerne hören möchten,« sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei -sah sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins Gesicht; »denn es -ist lieb und nett von Ihnen, daß Sie mich leiden mögen und etwas über -mich wissen wollen.« - -Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem beinernen Messerchen -Walfischfett von ihren Wangen geschabt und es an ihrem Pelzärmel -abgewischt und dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das seine -flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben über die einsame -Schneeebene und die Dome der Eisberge ergoß -- ein Schauspiel von -fast unerträglich glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte sie -die träumerische Stimmung von sich ab und schickte sich an, mir die -einfache kleine Geschichte zu erzählen, um die ich sie gebeten hatte. -Sie setzte sich bequem auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa -diente, und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers an. - -Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche vom Eskimostandpunkt. Andere -hätten sie für ein bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade -zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste Mädchen ihres -Stammes. Sogar hier in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und -unförmlichen Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln und unter der -großen Kapuze war wenigstens die Schönheit ihres Gesichtes erkennbar; -die Schönheit ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und Glauben -annehmen. Unter allen aus- und eingehenden Gästen hatte ich an ihres -Vaters gastlichem Eßtrog kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig -hätte nennen können. Und dabei war sie unverdorben! Sie war lieblich -und natürlich und aufrichtig, und wenn sie wußte, daß sie eine -Schönheit war, so ließ doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen, -daß sie diese Kenntnis besaß. - -Sie war nun seit einer Woche meine tägliche Kameradin gewesen, und -je besser ich sie kennen lernte, desto besser gefiel sie mir. Sie -war zärtlich und sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft, -die in den Polargegenden als eine außerordentlich verfeinerte gelten -konnte, denn ihr Vater war der einflußreichste Mann seines Stammes -und stand auf der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -- so -hieß sie -- lange Spazierfahrten im Hundeschlitten über die mächtigen -Eisfelder und fand ihre Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre -Unterhaltung angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, aber nicht -in ihrem lebensgefährlich schwachen Boot, sondern ich spazierte bloß -am Eisrande entlang und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden -Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; mehreremale stand -ich dabei, wenn sie und ihre Familie von einem gestrandeten Wal den -Speck ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges auf die -Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum Schuß kam, denn im Grunde -habe ich Angst vor Bären. - -Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte erzählen. Hier ist sie: - -»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie die anderen Stämme über -das gefrorene Meer von Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren -wurde mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich dieses große -Schloß aus Schneeblöcken -- sehen Sie es nur an! Es ist sieben Fuß -hoch und drei- oder viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier -haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr stolz auf sein Haus und -das mit Recht; denn wenn Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen -Sie bemerkt haben, wieviel schöner und vollständiger es ist als die -üblichen Wohnungen. Haben Sie noch nicht darauf geachtet, so müssen Sie -es unbedingt thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung -finden, die sich hoch über das Gewöhnliche erhebt. Zum Beispiel, an dem -Ende, das Sie den ›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte -Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es sich beim Essen bequem -machen. Diese Plattform ist die größte, die Sie je in einem Hause -gesehen haben -- nicht wahr?« - -»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist die größte. Wir haben -selbst in den schönsten Häusern der Vereinigten Staaten nichts -Aehnliches.« - -Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen voll Stolz und Wonne. Ich -bemerkte es und schrieb es mir hinter die Ohren. - -»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht hätte,« sagte sie. -»Und noch eins: Der Boden ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst -üblich ist. Alle Arten Pelzwerk -- vom Seehund, Seeotter, Silberfuchs, -Bär, Marder, Zobel -- alle Arten Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden. -Dasselbe gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die Sie -›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause Plattformen und Schlafbänke -besser ausgestattet?« - -»Das sind sie wirklich nicht, Lasca -- man denkt noch gar nicht mal -daran.« Das gefiel ihr wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze, -die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, nicht an -deren Wert. Ich hätte ihr sagen können, daß diese Massen von kostbarem -Pelzwerk ein Vermögen bedeuteten -- oder wenigstens in meiner Heimat -bedeuten würden -- aber sie hätte das nicht verstanden; solche Sachen -galten bei ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr sagen -können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder die Alltagskleider der -gewöhnlichsten Person ihrer Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert -Dollars wert seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame kenne, die -in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen ginge. Aber auch dies hätte -sie nicht verstanden. Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort: - -»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei im Empfangssalon und außerdem -noch zwei andere im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand zwei im -Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in Ihrem Salon daheim?« - -Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm mir den Atem; ich sammelte -mich aber wieder, bevor sie etwas merkte, und sagte voll Wärme: - -»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, daß ich meine Heimat -bloßstelle, und Sie dürfen es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu -Ihnen im Vertrauen -- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nicht mal der -reichste Mann in der Stadt New York zwei Spülzuber in seinem Salon hat.« - -Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten Hände -zusammen und rief: - -»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das _kann_ nicht Ihr Ernst -sein!« - -»Ja, es ist _wirklich_ mein Ernst, Liebste! Da ist Vanderbilt. -Vanderbilt ist ungefähr der reichste Mann auf der ganzen Welt. Nun, -und wenn ich auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, daß -nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, nicht mal _einen_ hat er -- -ich will auf der Stelle sterben, wenn’s nicht wahr ist!« - -Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen weit aufgerissen, und sie -sagte langsam, mit einem gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam --- wie unglaublich -- man kann es sich gar nicht vorstellen. Ist er -geizig?« - -»Nein -- das ist er nicht. Auf die Ausgabe kommt’s ihm nicht an, -aber -- hm -- wissen Sie, es würde protzig aussehen. Ja, das ist es --- so denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art und hat eine -Abneigung gegen Entfaltung von Pomp und Prunk.« - -»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« sagte Lasca, »wenn -man sie nicht zu weit treibt -- aber wie sieht denn nun der Salon aus?« - -»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, aber ...« - -»Das kann ich mir denken. So was habe ich noch nie gehört! Ist es ein -schönes Haus -- ich meine, abgesehen _davon_?« - -»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute Meinung davon.« - -Das Mädchen saß eine Weile schweigend da und knabberte träumerisch an -einem Lichtstumpf. Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte -einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den Kopf und sprach -frank und frei ihre Meinung aus: - -»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art von Demut, die, wenn man -ihr auf den Grund geht, doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann, -der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten kann, es nicht thut, so -ist er _vielleicht_ wirklich demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher -ist es, daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich lenken will. -Nach meiner Meinung weiß Herr Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.« - -Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn ich fühlte, daß der -Besitz von zwei Spülzubern nicht für jedermann der richtige Prüfstein -sei, obgleich man in der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann. -Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich nichts -einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die reichen Leute bei Ihnen -auch so gute Schlafbänke wie wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken -gemacht?« - -»Na, sie sind ziemlich gut -- gut genug -- aber aus Eisblöcken sind sie -nicht gemacht.« - -»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus Eisblöcken?« - -Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte sie darauf aufmerksam, -wie teuer das Eis in einem Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf -aufpassen muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer wird als das Eis -selber. Da rief sie: - -»Herrje! _Kaufen_ Sie Ihr Eis?« - -»Ganz gewiß, mein liebes Kind.« - -Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen aus und sagte: »O, -so was Albernes habe ich noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft -vorhanden, ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe keine Fischblase -für das Ganze!« - -»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, Sie kleine -Provinzpflanze Sie! Wenn Sie das Eis hier im Hochsommer in New York -hätten, so könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am Markt sind.« - -Sie sah mich zweifelnd an und sagte: - -»Sprechen Sie die Wahrheit?« - -»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.« - -Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte sie mit einem kleinen -Seufzer: - -»Ich wollte, da könnte _ich_ wohnen!« - -Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen wollen, von denen sie sich -einen Begriff machen konnte; aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich -hatte ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New York Walfische -reichlich vorhanden und billig seien, und hatte ihr den Mund wässern -gemacht. Es schien am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler zu -mildern versuchte; so sagte ich denn: - -»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts machen, wenn Sie in -New York wohnten. Kein Mensch dort fragt etwas danach.« - -»Was?!« - -»Nein, wirklich nicht.« - -»Aber warum denn nicht?« - -»T--scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein Vorurteil, denke ich. -Ja, das ist’s -- einfach ein Vorurteil. Wahrscheinlich hat mal irgendwo -und irgendwann irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte, -ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja, wenn so eine -Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert es eine endlose Zeit, bis -sie wieder ausgetrieben wird.« - -»Das stimmt -- das stimmt vollkommen!« sagte das Mädchen nachdenklich. -»Geradeso war es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife -- wissen Sie, -unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil gegen Seife.« - -Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich ja. Ich zögerte -einen Augenblick, dann fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen -Betonung: - -»Entschuldigen Sie: Sie _hatten_ ein Vorurteil gegen Seife? Hatten?« - -»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein Mensch wollte sie essen.« - -»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht gleich, was Sie meinten.« - -Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil. Als zum erstenmal Seife -von den Fremdländischen hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie. -Sobald sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und jetzt hat jeder -welche, der es sich nur leisten kann. Lieben Sie Seife?« - -»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn ich keine haben könnte -- -besonders hier. Haben Sie sie gerne?« - -»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?« - -»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit. Lieben Sie sie?« - -Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief: - -»O, sprechen Sie nicht davon! ... Lichte! ... und Seife!« - -»Und Fischeingeweide ...!« - -»Und Leberthran ...!« - -»Und Bratenfett ...!« - -»Und Walfischspeck ...!« - -»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal! und Sauerkraut! und -Bienenwachs! und Theer! und Terpentin! und Syrup! und ...« - -»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir bleibt die Luft weg vor -Wonne ...« - -»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne angerichtet und die -Nachbarn dazu eingeladen und dann ...« - -Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes war zu viel für sie, und -sie fiel in Ohnmacht, das arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit -Schnee und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile kühlte ihre -Erregung sich ab. Allmählich kam sie wieder so weit, daß sie in ihrer -Geschichte fortfahren konnte: - -»So begannen wir also hier in dem schönen Hause zu wohnen. Aber ich war -nicht glücklich. Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen; -ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück geben. Ich wollte um -meiner selbst willen geliebt sein. Ich wollte anbeten und wollte von -meinem Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als gegenseitige -Anbetung konnte meine glühende Natur befriedigen. Ich hatte Freier -genug -- ja übergenug -- aber in allem und jedem Fall hatten sie einen -verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte ich diesen Mangel --- kein einziger von ihnen vermochte ihn vor mir zu verhehlen: sie -wollten nicht mich, sondern meinen Reichtum!« - -»Ihren Reichtum?« - -»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann in unserem Stamm -- und -überhaupt unter allen Stämmen dieser Gegend.« - -Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres Vaters Reichtum bestehen -möchte. Das Haus konnte es nicht sein -- ein jeder konnte sich so eins -bauen. Die Pelze waren’s auch nicht -- denn die waren hier nichts -wert. Der Schlitten, die Hunde, die Harpunen, das Boot, die beinernen -Fischhaken, Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein -- nein, -das war alles kein Reichtum. Was konnte es denn also sein, das diesen -Mann so reich machte und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein -Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um dies herauszufinden, -das beste, wenn ich sie fragte. Ich that es. Das Mädchen war durch -diese Frage so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte -sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis brannte sie -ebenso sehr wie mich meine Neugier. Sie schmiegte sich traulich an mich -an und sagte: - -»Raten Sie, wie schwerreich er ist -- Sie kriegen es niemals heraus!« - -Ich that, als dächte ich tief über die Sache nach, und sie beobachtete -den Ausdruck meiner Denkanstrengungen auf meinem Gesicht mit atemlosem -und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich aufgab und sie bat, -meine Sehnsucht zu stillen und zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser -Vanderbilt des Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht an mein -Ohr und wisperte eindrucksvoll: - -»_Zweiundzwanzig Angelhaken_ -- keine beinernen, sondern fremdländische --- _aus echtem Eisen_!« - -Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde zurück, um die Wirkung zu -beobachten. Ich gab mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen. -Ich erbleichte und murmelte: - -»Gott Strambach!« - -»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!« - -»Lasca, Sie machen mir was weis -- Sie können es nicht im Ernst meinen!« - -Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus: - -»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr -- jedes Wort. Sie glauben mir --- Sie glauben mir doch, bitte, nicht wahr? _Sagen_ Sie, daß Sie mir -glauben -- bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.« - -»Ich ... hm ... na ja, ich glaube -- ich bemühe mich, es zu glauben. -Aber es kam gar so plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie -sollten so was nicht so mit einemmal machen. Es ...« - -»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur gedacht ...« - -»Nun, es ist schon gut ... und ich mache Ihnen keine Vorwürfe mehr, -denn Sie sind jung und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht -voraussehen, was für ’ne Wirkung ...« - -»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser daran denken sollen. Aber -wie ...« - -»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder sechs Angelhaken angefangen -hätten und dann allmählich ...« - -»O, ich verstehe, ich verstehe ... dann allmählich einen hinzufügen, -und dann zwei und dann ... Ach, warum habe ich denn auch nicht daran -gedacht!« - -»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht. Ich fühle mich jetzt -besser ... binnen kurzem werde ich darüber weg sein. Aber ... einem -unvorbereiteten und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit sämtlichen -zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht springen ...!« - -»O ... es _war_ eine Sünde! Aber Sie verzeihen mir -- sagen Sie, daß -Sie mir verzeihen! Bitte!« - -Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen Streichelns und Hätschelns -und Zuredens eingeheimst hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder -glücklich und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte hinein. Auf -einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz noch irgend was anderes -Ausgezeichnetes enthalten mußte -- augenscheinlich irgend ein Kleinod --- und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu sprechen, damit es -mich nicht abermals umwürfe. Doch ich wünschte auch von diesen Dingen -genau Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen, was es sei. -Sie hatte Angst. Aber ich bestand darauf und sagte, diesmal würde -ich mich zusammennehmen und den Stoß aushalten. Sie war voll böser -Ahnungen, aber die Versuchung, mir das Wunder zu enthüllen und sich -an meinem Erstaunen und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark -für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich, und sagte, wenn -sie _sicher_ wäre, daß ich gefaßt sei -- u. s. w. u. s. w. -- und -damit griff sie in ihren Busen und brachte ein verbeultes viereckiges -Messingstück zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll an meinem -Auge hing. Ich sank an ihren Busen in einer ganz vorzüglich gespielten -Ohnmacht, die ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken -versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie sich begierig, was -ich zu ihrem Kleinod sagte. - -»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das köstlichste Ding, das ich -jemals sah.« - -»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen, daß Sie das sagen. Aber -es ist auch herzig -- ist es nicht?« - -»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es lieber mein eigen nennen, -als den ganzen Aequator!« - -»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,« sagte sie. »Ich meine, -es ist so herzig! Und es giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden! --- Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher gereist, um sich’s -anzusehen. Sahen Sie jemals früher so was?« - -Ich sagte nein; es wäre das erste derartige Juwel, das ich je gesehen -hätte. Es gab mir einen schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu -sagen, denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher Dinger -gesehen -- da ihr Kleinod nichts anderes war, als eine verbogene alte -New Yorker Bahnhofsgepäckmarke. - -»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch nicht mit diesem Juwel auf -Ihrem Leibe so allein und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen -Hund mitzunehmen?« - -»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand weiß, daß ich’s bei mir -habe. Sie denken, es liegt bei Papas Schatz. Und da liegt es auch für -gewöhnlich.« - -»Wo ist der Schatz?« - -Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick lang sah sie verdutzt -und ein wenig mißtrauisch drein; aber ich sagte: - -»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir. Zu Hause sind wir siebzig -Millionen Menschen, und -- ich sollte es eigentlich nicht selber von -mir sagen, aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir nicht -unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.« - -Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir, wo die Angelhaken im -Hause versteckt lägen. Dann machte sie eine kleine Abschweifung, um ein -bißchen mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu renommieren, -die die Fenster ihres Schlosses bildeten, und fragte mich, ob ich zu -Hause je ihresgleichen gesehen, und ich bekannte frei und offen, das -hätte ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß sie keine Worte -finden konnte, ihre Dankbarkeit darin zu kleiden. Es war so leicht -ihr Freude zu machen, und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich -fortfuhr und sagte: - -»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches Mädchen! Dieses schöne -Haus, dies köstliche Juwel, der reiche Schatz, all dieser elegante -Schnee und die prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und die -jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit und weite Natur! Und -jedermanns Augen ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht -steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich, schön, umworben, -gefeiert, beneidet -- von jedem Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch -wird Ihnen erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie wünschen -könnten -- was für ein unermeßliches Glück! Ich habe Myriaden von -Mädchen gesehen, aber keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge -mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie sind ihrer würdig -- -sind ihrer aller würdig, Lasca -- das glaube ich in meines Herzens -Grunde!« - -Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich dies sagen zu hören -und sie dankte mir immer und immer wieder für die Schlußbemerkung, und -an ihrer Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich gerührt -war. Aber plötzlich sagte sie: - -»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein -- es sind auch düstere -Wolken vorhanden. Die Bürde des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals -habe ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre, arm zu -sein -- oder wenigstens nicht so über alle Maßen reich. Es schmerzt -mich, wenn Leute von Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir -vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu einander sagen höre: -›Da! Das ist sie -- die Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer -kummervoll: ›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich -- ich habe nichts!‹ -Das bricht mir das Herz. Als ich ein Kind war und wir arm waren, da -schliefen wir bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt -- jetzt -müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher war mein Vater freundlich -und höflich zu allen; aber jetzt ist er streng und hochfahrend und -kann’s nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst war seine -Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt denkt er, wo er geht und -steht, an seine Angelhaken. Und sein Reichtum macht, daß ein jeder -unterthänigst vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über seine -Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt und armselig und -mangeln des einzigen Elements, das wirklich einen Spaß rechtfertigen -kann -- des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder über diese -greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal nicht thut, so ärgert mein -Vater sich tief und läßt es sich merken. Früher fragte kein Mensch -nach seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts, wenn er sie -’mal ungefragt abgab; diesen Fehler haben seine Meinungen auch jetzt -noch, trotzdem wollen alle sie hören und geben ihren Beifall dazu --- und er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes Zartgefühl -hat er gar nicht, dafür aber eine große Masse Taktlosigkeit. Er hat -den Ton unseres ganzen Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein -freimütiges, mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche Heuchler -und aufgedunsene Liebediener. Von ganzem Herzensgrunde hasse ich all -dies Millionärsgethue. Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes, -einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken ihrer Väter; -jetzt sind sie von Habsucht zerfressen und würden jedes Gefühl von Ehre -und Würde opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne Angelhaken -zu erlangen. Aber ich darf bei diesen traurigen Geschichten nicht -verweilen ... Wie ich gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst -willen geliebt zu werden. - -»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen zu sollen. Eines Tages -kam ein Fremder durch, der sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm -meinen Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz hüpfte hoch vor -Dankbarkeit und Glück, denn ich hatte ihn auf den ersten Blick geliebt, -und nun sagte ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte, -er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem Augenblick. Wir -lustwandelten miteinander weit über die Eisfelder, sprachen immerfort -von uns selber und planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir -endlich müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn er hatte -Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein bißchen Walfischthran -mitgenommen. Wir waren hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut. - -»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe fern im Norden lagen, -und ich fand heraus, daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte, -und das machte mich über alle Maßen froh. Das heißt, er hatte wohl von -dem Millionär gehört, kannte aber dessen Namen nicht -- so konnte er -also, verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war. Sie können -sich denken, daß ich ihm nichts davon sagte. Endlich war ich um meiner -selbst willen geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich war so -glücklich -- o, glücklicher, als Sie sich vorstellen können. - -»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und ich führte ihn nach -unserm Hause. Als wir in dessen Nähe kamen, war er erstaunt und rief: - -»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹ - -»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich diesen Ton hörte und den -bewundernden Glanz in seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald -hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so schmuck und vornehm -aus. Meiner ganzen Familie, Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen -gefiel er gut, viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde dicht -verschlossen, die Thranlampen angezündet, und als alles heiß und recht -zum Ersticken gemütlich war, da begannen wir ein fröhliches Festmahl -zur Feier meiner Verlobung. - -»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein Vater seiner Eitelkeit -und konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Reichtümern -zu protzen und Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück er -hineingetappt wäre -- und vor allem natürlich wollte er sich an des -armen Mannes Erstaunen weiden. Ich hätte weinen mögen -- aber es hätte -nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater abzureden; so -sagte ich denn nichts, sondern saß nur da und litt schweigend. - -»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute geradenweges auf das -Versteck los und holte die Angelhaken hervor und brachte sie -herbei und warf sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in -glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen auf die Plattform -niederfielen. Natürlich stand bei dem erstaunlichen Schauspiel dem -armen Burschen der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger -Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich wundern, wie ein -einzelner Mensch so unglaubliche Reichtümer besitzen könne. Dann auf -einmal leuchtete sein Antlitz auf und er rief aus: - -»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹ - -»Mein Vater und alle übrigen brachen lärmend in ein glückliches -Gelächter aus, und als mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte, -als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle Bedeutung, und ihn -wieder an seinen Platz trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen. Er -sagte: - -»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst ohne sie zu zählen?‹ - -»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes Lachen erschallen und sagte: - -»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter sehen, daß du niemals reich -gewesen bist, wenn eine Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in -deinen Augen ein so mächtiges Ding ist!‹ - -»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann sagte er aber: - -»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals auch nur soviel, wie der -Widerhaken an einer solchen kostbaren Angel wert ist, und ich habe -niemals einen Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt -hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, den ich bis jetzt -gekannt, besaß nur drei.‹ - -»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem Entzücken und mußte -dadurch den Eindruck noch vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine -Angelhaken zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen Sie, das war -Renommisterei. Ob er sie zählte? Ei ja, er zählte sie jeden Tag! - -»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung getroffen -und kennen gelernt; nach unserem Hause gebracht hatte ich ihn genau -drei Stunden später, bei Einbruch der Nacht -- denn die Tage waren -kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht näherten. Viele -Stunden dauerte unser festliches Gelage; endlich gingen die Gäste -fort, und wir Zurückbleibenden verteilten uns die Wände entlang auf -die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken -- außer mir. -Ich war zu glücklich, zu erregt, um schlafen zu können. Nachdem ich -lange, lange Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche -Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende des Raumes verschwand. -Ich konnte nicht unterscheiden wer es war und ob es ein Mann oder eine -Frau sein mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere in der -entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. Ich grübelte in mir darüber -nach, was wohl dies alles bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir -nichts, und während ich noch grübelte, schlief ich ein. - -»Ich weiß nicht wie lange ich schlief -- aber plötzlich war ich hell -wach und hörte meinen Vater mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim -großen Schneegott! Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere Stimme -sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge für mich -- und das Blut in -meinen Adern erstarrte vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben -Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr alle miteinander und -packt mir den Fremden!‹ Dann ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf -allen Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten durch die -Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten zu Hilfe, aber was konnte ich -anders thun als warten und die Hände ringen? - -»Er war bereits durch einen lebenden Wall von mir getrennt, und man -war dabei, ihm Hände und Füße zu binden. Erst als sie sich seiner -versichert hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine arme -mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz an seiner Brust aus, -während mein Vater und meine ganze Familie auf mich schalten und ihn -mit Drohungen und schmählichen Schimpfworten überhäuften. Er ertrug -diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen Würde, die ihn mir teurer -denn je machte und mich mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit -ihm und für ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, die -Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen werden, um über Kalula -auf Leben und Tod zu richten. - -»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem verlorenen Haken gesucht -worden ist?‹ - -»›Nach dem _verlorenen_ Haken!‹ riefen sie alle höhnisch, und mein -Vater fügte spöttisch hinzu: ›Tretet alle beiseite und seid recht -ernst, wie sich’s gehört -- sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹ -Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ -- worauf sie wieder alle -lachten. - -»Auf mich machte dies keinen Eindruck -- ich hatte keine Befürchtungen, -keine Zweifel. Ich sagte: - -»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen auch noch an die -Reihe. Wartet ab und seht!‹ - -»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich würde das elende kleine -Ding in einem Augenblick finden; und ich begab mich mit solcher -Zuversicht auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es dämmerte -ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht zu voreilig gewesen. Aber -ach und je! O, wie bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während -welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte zählen können, -herrschte tiefes Schweigen, dann begann mir das Herz zu sinken, und um -mich herum fingen wieder die Spottreden an und wurden immer lauter und -zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab, Salve auf Salve von -grausamem Gelächter erscholl. - -»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da litt. Aber meine Liebe war -mir Stütze und gab mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden -Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm um seinen Nacken und -flüsterte ihm ins Ohr: - -»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb -- das weiß ich. Aber sage es -selber mir zum Trost. Dann kann ich alles tragen, was immer uns -beschieden sein mag.‹ - -»Er antwortete: - -»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der Schwelle des Todes stehe: -ich bin unschuldig. Tröste dich also, o zertretenes Herz. Sei im -Frieden, o du Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹ - -»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als ich diese Worte sprach, -da kam von draußen ein verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee, -und dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur Thür herein -- die -Aeltesten! - -»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form an und schilderte -die Vorgänge der Nacht in allen ihren Einzelheiten. Er sagte, der -Nachtwächter habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein Mensch -gewesen außer der Familie und dem Fremden. ›Würde die Familie ihr -eigenes Eigentum stehlen?‹ Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele -Minuten lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem andern zu -seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm aus für den Fremden.‹ Kummer -bringende Worte für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich hin. -O, ich Elende -- Elende ich! In demselben Augenblick hätte ich meines -Lieblings Unschuld beweisen können -- aber ich wußte es nicht! - -»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte: - -»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen will?‹ - -»Ich stand auf und sagte: - -»›Warum sollte _er_ denn den Haken stehlen -- einen einzelnen oder sie -alle zusammen? Einen Tag darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes -gewesen!‹ - -»Ich stand und wartete. Es trat ein langes Schweigen ein; der Atemdampf -von den vielen Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte -ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam mit dem Kopf und -murmelte: ›Es liegt Beweiskraft in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was -für eine Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch flüchtig -- -wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich. - -»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht, so möge er jetzt sprechen -- -später aber schweige er,‹ sagte der Vorsitzende. - -»Mein Vater stand auf und sprach: - -»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer eine Gestalt bei mir -vorüber, ging zum Schatz und kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube -jetzt, es war der Fremde.‹ - -»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte gedacht, es sei mein -Geheimnis; nicht der große Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen -reißen sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem armen -Kalula: - -»›Sprich!‹ - -»Kalula zauderte, dann antwortete er: - -»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen Angelhaken ließen mich nicht -schlafen. Ich ging hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen -Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude einzulullen. Dann -legte ich mich wieder hin. Ich habe vielleicht einen fallen lassen, -aber gestohlen habe ich keinen!‹ - -»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis an solchem Ort! -Schauerliches Schweigen herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes -Urteil gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem Antlitz konnte -man die Worte eingegraben lesen: ›Es ist ein Geständnis -- und ein -armseliges, lahmes, schwächliches!‹ - -»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge an -- und wartete. Auf -einmal hörte ich die feierlichen Worte, die, wie ich wußte, kommen -mußten. Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein Messer ins -Herz: - -»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der Angeklagte der -›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹ - -»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der die Wasserprobe in unser -Land brachte! Sie kam vor Menschenaltern aus irgend einem fernen -Lande -- wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten unsere Väter -Zeichendeutung und andere unsichere Beweismittel, und ohne Zweifel kam -dann und wann ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem Leben -davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe; denn diese ist von weiseren -Männern erfunden worden, als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch -sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos für unschuldig -befunden, denn sie ertrinken; die Schuldigen aber werden mit derselben -Sicherheit als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter. Das Herz -brach mir im Busen, denn ich sagte mir: ›Er ist unschuldig und er wird -in die Wogen versinken und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹ - -»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr von seiner Seite. Ich -trauerte in seinen Armen all die kostbaren Stunden lang, und er übergoß -mich mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen sie ihn von mir -und ich folgte ihnen schluchzend und sah sie ihn in die See schleudern --- dann verhüllte ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual? O, ich -kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes! - -»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in ein hämisches -Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend nahm ich meine Hände -vom Gesicht. O bitterer Anblick: _er schwamm_! Augenblicklich wurde -mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte: ›Er war schuldig -- und er log -mir!‹ Voll Verachtung wandte ich meinen Rücken und ging meines Weges -- -nach Hause. - -»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See und setzten ihn auf einen -Eisberg, der nach Süden trieb -- nach Süden zu den großen Gewässern. -Dann kam meine Familie heim und mein Vater sprach zu mir: - -»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft. Er sagt: »Sage ihr, -ich bin unschuldig und alle Tage und alle Stunden und alle Minuten, -während ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben und an sie -denken und den Tag segnen, da ich ihr süßes Antlitz zuerst erblickte.« --- Ganz reizend, geradezu poetisch!‹ - -»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig -- laßt mich niemals wieder ihn nennen -hören.‹ - -»Und ach -- denken zu müssen: Er _war_ unschuldig! - -»Neun Monate -- neun öde traurige Monate gingen dahin und endlich kam -der Tag des großen Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes ihr -Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit dem ersten Strich meines -Kammes kam zum Vorschein der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus -aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate genistet hatte -- -und ich fiel ohnmächtig in die Arme meines von Reue gequälten Vaters! -Stöhnend sagte er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals wieder -lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten ... Höre: von diesem Tage bis heute -verging kein Monat, daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was nützt -das alles jetzt! ...« - - * * * * * - -So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine Geschichte -- und -wir lernen daraus: Sintemalen hundert Millionen Dollars in New York -und zweiundzwanzig Angelhaken am Rande der arktischen Zone dieselbe -finanzielle Uebermacht darstellen, so ist ein Mann in bedrängten -Verhältnissen ein Narr, wenn er in New York bleibt, da er doch nur für -zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern braucht. - -[Illustration] - - - - -Die Erzählung des Kaliforniers. - - -Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus aufwärts auf die -Goldsuche aus. Den lieben langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue, -Waschpfanne und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und dort -einen, und dachte immer, ich würde einen reichen Fund machen. Aber ich -machte keinen. Es war eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich -würziger Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert gewesen, -aber jetzt waren die Menschen verschwunden und es war einsam in dem -entzückenden Paradiese. Als das oberflächliche Graben sich nicht -mehr lohnte, gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo eine -betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und Zeitungen und Feuerwehr -und einem Bürgermeister nebst Stadträten gestanden hatte, da war -jetzt bloß noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und nicht -das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches Leben sich hier -gerührt hatte. Es war in der Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft -daherum, längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen -verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, nett und kosig und so -mit rosenübersätem Weinlaub umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig -dahinter verschwanden -- ein Zeichen, daß diese Heimstätten verlassen -waren, seit vielen Jahren von enttäuschten Familien aufgegeben, die -sie weder verkaufen noch auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so -etwa jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam liegenden Blockhütten -vorbei, die in der Morgenröte der Goldgräberzeit von den ersten -Goldgräbern, den Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In -einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt bewohnt; und wenn -man so eine traf, so konnte man sich darauf verlassen, daß der Bewohner -der Pionier selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und noch -auf eins konnte man sich verlassen: er war da, weil er einmal seine -Gelegenheit, reich nach den ›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte. -Er hatte später seinen Reichtum wieder verloren und dann in seiner -Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen mit den Verwandten und -Freunden daheim abzubrechen und hinfort bei ihnen für tot zu gelten. -Ueber ganz Kalifornien war damals eine Schar von solchen lebendig-toten -Männern verstreut. In ihrem Stolz getroffene arme Burschen, grau -und alt mit vierzig, hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und -Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und Sehnsucht, mit dem -Kampf und allem anderen fertig zu sein. - -Es war ein einsames Land! In all diesen friedlichen weiten Grasebenen -und Wäldern kein Laut als das einschläfernde Summen der Insekten; kein -Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was einem den Sinn aufmuntert -und Freude am Leben giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares -Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag ein menschliches -Wesen zu Gesicht bekam. Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig -Jahren und er stand an der Gartenpforte von einem jener traulichen -rosenumrankten Häuschen, von denen ich vorhin sprach. Dieses hier -machte aber keinen verödeten Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß -Menschen darin wohnten und es pflegten und mit Lust und Liebe sauber -hielten; und in dem Vorhof war ein Garten mit überreichem, buntem -Blumenflor. Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es mir -behaglich zu machen -- so ist es dort zu Lande Brauch. - -Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause zu weilen, nachdem ich -wochenlang täglich und nächtlich nur in Goldgräberhütten verkehrt -hatte -- und das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte Betten, -Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen und schwarzen Kaffee, und -nichts zum Schmuck als Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften -herausgerissen und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt waren. -Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung -- aber hier war -ein Nest, wo das ermüdete Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der -menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn es nach langer -Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst trifft -- mögen sie auch billig -und bescheiden sein -- sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt -nach solcher Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat. -Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich mich so heiter, -so zufrieden machen könnte oder daß ein Seelentrost in Tapeten und -eingerahmten Lithographien läge und in hellfarbigen Sofaschonern und -Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten Nippschränkchen mit -Seemuscheln und Büchern und Porzellanvasen darauf und überhaupt in -all den unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand in einem -Hauswesen anzubringen weiß -- man sieht sie, ohne es zu wissen, und -würde sie doch augenblicklich vermissen, wenn sie weggenommen würden. -Das Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich auf meinem -Gesicht aus und der Mann sah es und freute sich darüber; und als -antwortete er auf eine Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton: - -»Alles _ihr_ Werk! Sie machte es alles selber -- jedes bißchen,« und -er umfaßte das Zimmer mit einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein -japanisches Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, womit Frauen -sorgfältig-nachlässig den oberen Teil eines Bilderrahmens zu verhängen -pflegen, war in Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es mit -vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, wobei er mehreremale -zurücktrat, um den Eindruck zu beurteilen. Endlich fand er es nach -Wunsch, strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit der Hand -darüber und sagte: »Sie macht es immer so. Man kann nicht genau sagen, -was daran fehlt, aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso -gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit fertig ist -- aber -das ist auch alles, was man davon weiß. Warum es so ist, das weiß man -nicht; ’s ist wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers Haar -streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet hat; so ist’s, wie mir -scheint. Ich habe ihr so oft zugesehen, wenn sie all die Dinger hier -festmacht, daß ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl ich -nicht weiß, _warum_ das so und jenes so sein muß. Aber _sie_ kennt auch -das Warum. Sie weiß mit dem Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich -verstehe vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.« - -Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich mir die Hände waschen -könnte. So ein Schlafzimmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße -Bettdecke, weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an den -Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und Nadelkissen und zierlichen -Toilettegegenständen; und in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und -Krug aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf und -an einem Gestell mehr als ein Dutzend Handtücher -- Handtücher so -sauber und weiß, daß einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war, -ihr Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man mußte meinem Gesicht -ansehen, was ich empfand, und er freute sich wieder darüber und sagte: - -»Alles _ihr_ Werk; sie machte es alles selber -- jedes bißchen, kein -Ding hier, das nicht die Berührung ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden -Sie denken ... aber ich darf nicht so viel sprechen ...« - -Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ dabei meine Augen im -Zimmer herum von einem Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne -thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes Ding, das man sieht, -ein Labsal für Auge und Gemüt ist. Und ich merkte -- man merkt so etwas -manchmal auf unerklärliche Weise -- daß da irgendwo irgendwas vorhanden -wäre, was ich nach des Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich -wußte das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir durch verstohlene -Andeutungen mit seinen Augen dabei zu helfen suchte; so gab ich mir -denn viele Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm gerne ein -Vergnügen machen. Mehreremale riet ich falsch -- ich sah es aus dem -Augenwinkel, ohne daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich meinen -Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben; ich merkte das an dem -Behagen, das in unsichtbaren Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein -glückliches Lachen aus, rieb sich die Hände und rief: - -»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich wußte, Sie würden’s finden! -’s ist ihr Bild.« - -Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an der anderen Wand und -fand dort etwas, was ich bisher noch nicht beachtet hatte -- einen -Photographieständer. Der Rahmen umschloß das süßeste Mädchenantlitz und --- wie mir’s vorkam -- das schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank -die Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig befriedigt. - -»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« sagte er, als er das -Bild wieder auf seinen Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir -heirateten. Wenn Sie sie sehen -- aber warten Sie nur, wenn Sie sie -sehen!« - -»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?« - -»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht ihre Leute. Sie wohnen -vierzig oder fünfzig Meilen von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste -sie ab.« - -»Wann erwarten Sie sie zurück?« - -»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag wieder da sein, am Abend -- -wahrscheinlich so um neun Uhr.« - -Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung. »Das thut mir leid, -weil ich dann wieder fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern. - -»Fort? Nein -- warum sollten Sie denn gehen? Gehen Sie nicht. Sie wird -so enttäuscht sein!« - -Sie würde enttäuscht sein -- das schöne Geschöpf. Hätte sie selber -mir diese Worte gesagt, sie könnten mir kaum wohler gethan haben. -Ich fühlte ein tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so -sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir bange machte. Ich -sagte zu mir selbst: Ich will stracks von hier fortgehen -- um meines -Seelenfriedens willen. - -»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen und bei uns bleiben -- -Leute, die was verstehen und sprechen können -- Leute wie Sie. Da hat -sie ihre Wonne dran; denn sie selber weiß -- o sie weiß beinahe alles, -und kann reden, o, wie ein Vogel -- und was für Bücher sie liest -- -wahrhaftig, Sie würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja nur -eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.« - -Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf, so tief war ich in den -Widerstreit meiner Gedanken verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich -merkte es nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer -in seiner Hand und hielt mir das Bild vor die Augen und sagte: - -»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie hätten hier bleiben können um -sie zu sehen, und wollten’s nicht!« - -Dieser zweite Anblick machte alle meine guten Vorsätze zu Schanden. -Ich beschloß, auf jede Gefahr hin zu bleiben. Am Abend rauchten -wir in Ruhe unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht von -allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte ich seit vielen Tagen -nicht einen so angenehmen und ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag -verbrachten wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde kam ein -großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt wohnte -- einer von den -grauhaarigen gestrandeten Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich -er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er: - -»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören wie’s mit dem Frauchen -steht und wann sie heim kommt. Giebt’s was Neues von ihr?« - -»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?« - -»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir recht ist, Henry.« - -Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch hervor und sagte, -wenn’s uns recht wäre, so wollte er ein paar von den Sätzen über -Privatangelegenheiten überschlagen; dann fing er an und las den -Hauptteil des Briefes -- ein liebevolles ruhiges und ganz reizend -anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum voll von freundlichen -Aufmerksamkeiten und Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere uns -befreundete Nachbarn.‹ - -Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an und rief: - -»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg und laß mich deine Augen sehen. -Du machst es immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese. Wart’, -das werde ich ihr schreiben!« - -»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt, ich werde alt und -jede kleine Enttäuschung geht mir zu Herzen, daß ich heulen möchte. -Ich dachte, sie wäre selber hier, und nun hast du bloß einen Brief -gekriegt.« - -»Na nu? Wie hast du dir denn das in den Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder -wüßte, daß sie erst Samstag kommen soll!« - -»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das wußte ich ja. Ich weiß -gar nicht, was in der letzten Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s! -Wir haben ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß nun gehen. Aber -ich bin wieder da, wenn sie kommt, Alter!« - -Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer alter Veteran von seinem -Blockhaus, ungefähr eine Meile weit, herüber gewandert und sagte, die -Burschen hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s am -Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen, wenn Henry nicht dächte, -›sie‹ würde von ihrer Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können. - -»Müde! _Sie_ müde? Nu hör’ einer an! Joe, _du_ weißt doch, sie würde -einem von euch zu Gefallen sechs Wochen lang aufbleiben!« - -Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er, Henry möchte ihn vorlesen -und der liebevolle Gruß, der für ihn drin stand, machte den alten -Knaben ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes Wrack, daß ihm -das passieren würde, wenn sie auch bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber -Gott, wir sehnen uns so nach ihr!« sagte er. - -Am Samstag nachmittag ertappte ich mich darüber, daß ich recht oft die -Uhr zog. Henry bemerkte es und sagte mit einem beunruhigten Blick: - -»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon so früh hier sein, was?« - -Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt hatte. Aber ich lachte -und sagte, es wäre so eine Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer -Erwartung befände. Er schien indessen von dieser Erklärung nicht ganz -befriedigt zu sein und ich sah ihm seit diesem Augenblick an, daß er -sich unbehaglich fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an einen Punkt -der Landstraße, von wo man eine große Strecke überblicken konnte; da -stand er dann und überschattete seine Augen mit der Hand und spähte -aus. Mehreremale sagte er: - -»Ich werde aufgeregt -- ich werde ganz richtig aufgeregt. Ich weiß, sie -kann nicht vor etwa neun Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte -irgend ’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen. Sie -denken doch nicht, es ist ihr was passiert, was?« - -Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre ja so kindisch, daß -es ’ne Schande wäre. Und zuletzt, als er mir noch einmal wieder -seine Frage vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld -und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien ihn so einzuschüchtern -und so kleinlaut zu machen und er sah nachher so verletzt und so -niedergeschlagen drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen -Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als Charley, ebenfalls -einer von den Veteranen, in der Abenddämmerung ankam und sich an Henry -heranmachte, um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen für -ihren Empfang zu besprechen. Charley ließ eine muntere Rede nach der -anderen los und that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen und -Befürchtungen zu zerstreuen. - -»Ihr was _passiert_!? Henry, das ist ja der reine Unsinn! Es giebt -ja gar nichts, was ihr passieren könnte, darüber mach’ dir nur keine -Gedanken! Was stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht -wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde, nicht wahr? Hast du -je bemerkt, daß sie ihr Wort nicht hielt? Du weißt, du hast es nie -bemerkt! Na, dann habe also keine Angst; sie _wird_ hier sein, das -steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß du geboren bist. -Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken gehen; wir haben nicht mehr viel -Zeit.« - -Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an, und dann hatten wir alle -Hände voll zu thun, das Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun -sagten die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente mitgebracht -und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen, denn die Jungens und die -Mädels würden ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich schon -auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt. Eine Fiedel, ein Banjo -und eine Klarinette, das waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz, -einer neben dem andern, und begann eine betäubende Tanzmusik; dazu -stampften sie mit ihren schweren Stiefeln den Takt. - -Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden. Henry stand in der Thür und -hielt die Augen auf den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der -Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon ein paarmal auf seiner -Frau Gesundheit und Wohlergehen angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun, -Jungens, heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!« - -Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller und reichte das -Getränk herum. Ich griff nach dem einen von den zweien, die noch auf -dem Teller standen, aber Joe brummte halblaut: - -»Nicht das! Nehmen Sie das andere!« - -Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein Glas. Kaum hatte er das -Getränk hinuntergegossen, so schlug es neun. Er lauschte, bis der -letzte Schlag verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und immer -bleicher. Dann sagte er: - -»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft mir -- ich möchte mich -hinlegen!« - -Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich bequem zurecht und fing an -einzuschlummern. Aber auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer -im Schlaf spricht: - -»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?« - -Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr: - -»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid gebracht, die Gesellschaft hätte -unterwegs Aufenthalt gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege und -kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer halben Stunde wird sie -hier sein.« - -»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.« - -Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum aus seinem Munde waren. -In einem Augenblick hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider -abgezogen und ihn in die Kammer getragen, wo ich mir die Hände -gewaschen hatte. Dort legten sie ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür -und kamen wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen, aber -ich sagte: - -»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde mich nicht kennen, ich -bin ein Fremder.« - -Sie sahen einander an; dann sagte Joe: - -»Sie? Das arme Ding -- sie ist seit neunzehn Jahren tot.« - -»Tot?« - -»-- oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes Jahr nach ihrer -Hochzeit zu ihren Verwandten auf Besuch, und auf ihrer Rückreise, an -einem Samstag-Abend, raubten die Indianer sie, fünf Meilen von hier, -und man hat niemals wieder was von ihr gehört.« - -»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?« - -»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige Stunde gehabt. Aber -schlimm wird es mit ihm nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann -fangen wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie kommen soll, -und sprechen ihm Mut zu und fragen, ob er was von ihr gehört hat und -am Samstag kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen heraus -und machen alles zu einem Tanz fertig. So haben wir’s seit neunzehn -Jahren jedes Jahr gemacht. Am ersten Samstag, da waren wir unser -siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt sind wir bloß noch -drei und die Mädels sind alle fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk, -sonst würde er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr ganz in -Ordnung mit ihm -- er denkt, sie ist bei ihm, bis die letzten drei oder -vier Tage herankommen, dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt -seinen armen alten Brief heraus und wir kommen und bitten ihn, uns den -Brief vorzulesen. Lieber Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine ...« - -[Illustration] - - - - -Die Appetit-Anstalt. - - -I. - -Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine -Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, -so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter -Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind -alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die -ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht -aus wie Aufopferung -- aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken -haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener -war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im -ersten Bezirk bekommt -- der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist -leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie -gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus -- das nächste Haus ist -die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier -ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit -niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden; -Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume -für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung -ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich -- und doch ist hier -ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist -unvergleichlich -- wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der -ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und -Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle -und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem -Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt --- so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein. - -Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei -- es ist nur eine -flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes -Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz -betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in -Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den -umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug -nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad, -um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um -die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden. -’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen -Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine -Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin -eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem -kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen -und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle -Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses. - -Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte zur Verfügung, die man -bequem von Wien aus erreichen kann -- lauter reizende Plätzchen; Wien -liegt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo hier und da ein -See und Wälder sich finden; in der That, keine andere Großstadt ist so -glücklich gelegen. - -Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten vorhanden. Zu -diesen gehört Hochberghaus. Es liegt einsam auf dem Gipfel eines -dichtbewaldeten Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. Es -nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren Appetit verloren -haben, kommen hierher um ihn sich wieder herstellen zu lassen. Als ich -ankam, nahm Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer und -fragte: - -»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?« - -»Um zwölf.« - -»Was aßen Sie?« - -»Beinahe gar nichts.« - -»Was war auf dem Tisch?« - -»Die üblichen Sachen.« - -»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?« - -»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon -- ich kann’s nicht vertragen.« - -»Sind Sie der Sachen überdrüssig?« - -»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte niemals wieder was davon.« - -»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, nicht wahr?« - -»Mehr als das, er empört mich.« - -Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog er eine lange Speisekarte -hervor und ließ langsam sein Auge daran heruntergleiten. - -»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, ist ... aber hier, -suchen Sie sich selber was aus!« - -Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein Magen schlug einen -Purzelbaum. Von allen barbarischen Gelagen, die jemals ausgesonnen -wurden, war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand: - -›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch angemacht‹; -halbwegs die Karte hinunter las ich: ›Junge Katze; alte Katze; -Katzenklein‹ und ganz unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich -gemacht -- roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der Speisekarte -wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet waren, einem Kannibalen die -Kehle zuzuschnüren. Ich sagte: - -»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem so ernsten Fall, wie -der meinige ist, seinen Scherz zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit -zu kriegen, nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig habe, -loszuwerden.« - -Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte ich scherzen?« - -»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.« - -»Warum nicht?« - -Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls -bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt oder nur gut gespielt sein. - -»Warum nicht? Weil -- ja, Herr Doktor, seit Monaten habe ich selten -einmal andere feste Nahrung verdauen können als Rühreier und -Eierkuchen. Ihre unaussprechlichen Gerichte ...« - -»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. Sie sind sehr gut. -Und Sie _müssen_ sie essen. Das ist eine Vorschrift hier, und zwar eine -strenge. Ich kann durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.« - -Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor werden Sie den Abgang des -Patienten zu erlauben haben. Ich reise.« - -Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, der der Sache ein anderes -Aussehen gab: - -»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches Unrecht nicht anthun. Ich -habe Sie in gutem Glauben aufgenommen -- Sie werden dieses Vertrauen -nicht zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine ganze -Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem Appetit, wie Sie ihn jetzt haben, -so könnte das bekannt werden und Sie sehen selber ein, daß dann die -Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem Fall fehlgeschlagen hätte, -so könnte sie auch in anderen Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht -fortgehen; Sie werden mir das nicht anthun!« - -Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich wollte bleiben. - -»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden nicht gehen; Sie hätten -damit meiner Familie das Essen vor dem Munde weggenommen.« - -»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie denn diesen verteufelten -Kram?« - -»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren voll freundlichen Erstaunens. -»Natürlich nicht.« - -»O, also nicht! Und Sie?« - -»Ganz gewiß nicht.« - -»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des Arztes, der seine eigene -Medizin nicht nimmt.« - -»Ich brauch’ es nicht ... Es ist sechs Stunden her, daß Sie -gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr Abendessen jetzt haben -- oder -später?« - -»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso gut wie sonst ’ne Zeit -und es wäre mir lieb, wenn ich damit fertig wäre und es vom Halse -hätte. Es ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit -wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. Ja, ich will -versuchen, jetzt ein bißchen zu knabbern -- ein kleiner Spazierritt -wäre mir lieber gewesen.« - -Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹. - -»Suchen Sie sich selber was aus -- oder wollen Sie es später haben?« - -»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich vergaß Ihre -strenge Vorschrift.« - -»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden. -Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen, -wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten, -so müssen Sie warten bis es _mir_ beliebt. Sie können von der ganzen -Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.« - -»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu -Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.« - -Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine -sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, -Schlafstube und Baderaum. - -Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen -und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen -- eine vornehme Einsamkeit, -unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine -Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt -mir selber überlassen; dann fuhr er fort: - -»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser, -wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und -bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen -oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke -die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne -Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die -Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.« - -»Mich einschränken -- sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen. -Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes -verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu -wollen ist heller Wahnsinn!« - -Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß -er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach. -Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die -Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes -stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte: - -»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt -vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige -Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die -Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst -von Nr. 15 an zu beginnen.« - -Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war -hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte -am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das -war das erste, woran ich dachte -- dieser unerreichbare Wonnetrank, -dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere -europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine -flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch -Wiener Brot dazu -- diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach -mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte -- aber man -weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich -gestattete ihm zu gehen -- ich hätte ihn nicht weiter nötig. - -Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen --- und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich -klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder -eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis -er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen -nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes! -Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen. -Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei -Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang -war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur -Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen -Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig -genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können. - -Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und -Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von -derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten -verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte -eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert -waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals -hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während -der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten -Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann -kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei -der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit -den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen -gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite -Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar -und Theer. - -Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte -ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte -ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder -abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern; -ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit -näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller, -meine Hoffnungen stiegen höher und höher. - -Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen -gekommen war -- da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15: - -»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen -- mit den Eiern; sechs -Dutzend, heiß und duftig!« - -In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich -die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung: - -»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen. -Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl -- niemals! Sie -haben Ihren Appetit wieder -- Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s -und machen Sie mich glücklich!« - -»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte -steht!« - -»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das -System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?« - -»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt -- und doch mache ich -mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen -Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich, -ich kann’s nicht.« - -Da sagte der Doktor: - -»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel mehr dran und keine -Gefahr mehr vorhanden. Lassen Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich -Ihnen ein Beefsteak anvertrauen.« - -Das Beefsteak kam -- ein ganzer Korb voll -- mit Kartoffeln, und Wiener -Brot und Kaffee; und dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner -umständlichen Vorbereitungen wert war! Und Thränen der Dankbarkeit -troffen mir die ganze Zeit über die Sauce hinein -- Dankbarkeit -gegenüber dem Doktor, daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden -Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, viele Jahre mir -gefehlt hatte. - - -II. - -Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine lange Reise in einem -Segelschiff. An Bord waren fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die -übliche tagtägliche Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine Tasse -schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück: schlechter Kaffee mit -kondensierter Milch, dumpfige Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener -Fisch. Um 1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, kaltes -Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; um 5 -Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch -mit Sauerkraut, gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von -9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, kalte Zunge, -kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, marinierte Austern, -marinierte Schweinsfüße, geröstete Rippchen. - -Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte man aufgehört zu essen; -statt dessen wurde nur an den Speisen herumgepickt. Die Passagiere -kamen freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die Zeit -hinzubringen, teils weil die Weisheit der Menschengeschlechter uns -anempfiehlt, regelmäßig in unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der -derben und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse daran, keinen -Appetit darauf. Den lieben langen Tag lungerten sie auf dem Schiff -herum: halb hungrig, von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich, -mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte Magenkranke; diese -wurden im Lauf von drei Wochen zu reinen Schatten. Dann war da noch -ein bettlägeriger Invalide; der lebte von gekochtem Reis; er konnte -nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen Speisen vertragen. - -Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere und Mannschaft retteten -sich in offenen Boten. Wie üblich waren die Nahrungsmittel knapp. -Die Vorräte wurden gering und immer geringer. Da besserten sich die -Appetite. Als nichts mehr übrig war außer rohem Schinken und als -die tägliche Ration davon auf 55 Gramm für die Person herunterkam, -da waren die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen kauten -die Magenleidenden, der Invalide und die zartestbesaiteten Damen -der Gesellschaft voll Wonne an alten Matrosenstiefeln und beklagten -sich über dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. Und das waren -dieselben Leute, die auf dem Schiff das ewige Pökelfleisch und das -Sauerkraut und die anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen -können! - -Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer Not. Binnen zehn Tagen -waren alle fünfzehn in so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie -schiffbrüchig wurden. - -»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden genommen,« fügte der -Professor hinzu. »Verstehen Sie, was das sagen will?« - -»Ja.« - -»Verstehen Sie’s wirklich?« - -»Ja -- ich glaube doch.« - -»Nein, Sie verstehen es _nicht_. Sie zögern. Sie können sich nicht zum -Verständnis der Bedeutung aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen --- mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von ihnen erlitt irgend -welchen Schaden.« - -»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war in der That merkwürdig.« - -»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. Es war gar kein Grund -vorhanden, warum sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur -der Mutter Natur durchgemacht -- die beste und weiseste Kur auf der -Welt.« - -»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?« - -»Ja, es brachte mich darauf.« - -»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.« - -»Warum meinen Sie das?« - -»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß es für Sie eine solche war.« - -»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin kein Narr!« - -»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?« - -»Sie waren Menschen.« - -»Ist das dasselbe?« - -»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. In Bezug auf seine Gesundheit --- und auf alles übrige -- ist der Durchschnittsmensch das Produkt -seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; das Endergebnis -ist: er wird ein Esel. Er kann nicht drei oder vier für ihn neue -Umstände sich zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; das geht -über seine Kräfte. Er kann nicht selbst Beobachtungen machen, er muß -alles aus zweiter Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten -niederen Tiere so albern wären wie der Mensch -- sie wären alle binnen -einem Jahr vom Erdboden verschwunden.« - -»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur Lehre dienen?« - -»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen Schiff wieder zu ihren -regelmäßigen Mahlzeiten und sehr bald pickten sie wieder anstatt zu -essen -- appetitlos, von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend, -halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten Mägen fluchend und -schimpfend und dabei winselnd und wehklagend. Und das alles ganz -überflüssigerweise, denn ihre Mägen waren die Mägen von Narrenvolk.« - -»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr Verfahren ...« - -»Ganz einfach: _Essen Sie nichts bevor Sie hungrig sind!_ Wenn das -Essen Ihnen nicht mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein -Vergnügen, kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie nicht eher, als -bis Sie _sehr_ hungrig sind. Dann wird es Ihnen Vergnügen machen und -außerdem gut thun.« - -»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für die Mahlzeiten -einzuhalten?« - -»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu kämpfen haben -- nein! -Haben Sie den Feind untergekriegt, so ist Regelmäßigkeit nicht von -Uebel, d. h. so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder ins -Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel -- und dieses -ist: _Hungern_ -- lange oder kurze Zeit je nach dem Erfordernis des -einzelnen Falles.« - -»Die beste Kost, scheint mir -- ich meine die gesündeste ...« - -»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere -- aber -alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf -angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut -schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und -jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen -war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf -Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der -Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit, -sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande -gehalten wurde.« - -»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene -Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.« - -»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten -Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde -ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.« - -»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?« - -»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren -Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln -rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten -die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es -brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften -Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für -eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s -zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie -blieben kränklich -- es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller -Badeärzte?« - -»Worin besteht er?« - -»Es ist mein System in einer Verkleidung -- verschleiertes Hungern. -Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur -- ’s ist alles dasselbe. Die -Trauben, der Brunnen, das Moorbad -- sie geben der Sache einen Anstrich -und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern, -wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt -und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden _seines_ Tages -- nun -sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht -auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang -mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen -Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie -Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn -man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! -- Ich bin dabei, -meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ -- und stapft -weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der -Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht -rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und -beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit -einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten -Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade -wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und -feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein -halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun -Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ -sechs Wochen lang -- denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen -Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte -dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho -- überall.« - -»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter -Verfassung ist?« - -»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es -aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage -der Patienten.« - -»Wie kommt das?« - -»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen -und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier -gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen. -Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden -an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich -fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern --- die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf -bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und -sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit, -Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als -die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das -Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte -- so -drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende -sein sollen -- aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit -meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach -einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder -ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf -den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat -sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne -auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie -hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s -doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen -alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind -jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach -Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich -selber und deshalb warten sie noch eine Weile.« - -»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?« - -»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche -- lernt -seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu -halten -- lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich -was daraus zu machen.« - -»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man -nicht einen Teil weg?« - -»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn -der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt -- sozusagen darnach -schreit -- so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine -wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können -als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von -Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher -einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht -Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von -Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht -und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens ... Wieviele -Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?« - -»Früher -- zweiundzwanzig Jahre lang -- anderthalb; während der beiden -letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun; -Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.« - -»Früher ein und eine halbe Mahlzeit -- das heißt: Kaffee und ein -Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts -- ist’s -nicht so?« - -»Ja.« - -»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?« - -»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie waren besorgt um mich. Sie -dachten, ich brächte mich selber ins Grab.« - -»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre lang anderthalb Mahlzeiten -genug?« - -»Vollkommen!« - -»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand ist die Extramahlzeit -schuld. Lassen Sie sie aus. Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen -es verlangt. Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. Sie nehmen jetzt -in einem Tage bei zwei und einer halben Mahlzeit weniger Nahrung zu -sich als früher in anderthalb.« - -»Das stimmt -- bedeutend weniger; denn in jenen alten Tagen war meine -Hauptmahlzeit ein recht umfangreiches Ding.« - -»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf eine einzige Mahlzeit: -abends, bis Sie eines guten, gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten -Appetits sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren -anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf Ihre Familie. Haben -Sie irgend ein gewöhnliches Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber -verbunden ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden überhaupt -nichts. Das wird Sie kurieren. Es wird sogar den hartnäckigsten -Schnupfen kurieren. Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes -vierundzwanzigstündiges Fasten.« - -»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst erfahren.« - -[Illustration] - - - - -Mein Eintritt in die Litteratur. - - -Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein kleines Ding -- es war ›Der -hüpfende Frosch‹ -- in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber -ich war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner Ansicht nach konnte -eine Person, die in einer gewöhnlichen Zeitung was erscheinen ließ, -keinen Anspruch erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen -Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie mußte in einer Zeitschrift -erscheinen. Dann würde einer eine litterarische Person sein; dann würde -er auch zugleich berühmt sein -- einfach berühmt. Nach diesen beiden -Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker Sehnsucht. - -Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag fertig und sah mich sodann -um, welche Zeitschrift wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen -zu lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New York gab. Mein -Beitrag wurde angenommen. Ich unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn -dieser Name war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich -unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem einzigen -Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. Der Artikel erschien in der -Dezember-Nummer und ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das -Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter des Jahrgangs -enthalten; mein Name würde darunter und ich würde berühmt sein und -könnte das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante. - -Ich gab das Bankett _nicht_. Ich hatte die Worte ›Mark Twain‹ nicht -ganz deutlich geschrieben; es war für die Buchdrucker im Osten ein -neuer Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac Swain‹ -- genau -erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich nicht berühmt und -gab kein Festmahl. Ich war eine litterarische Person, aber was für eine --- eine begrabene, eine lebendig begrabene! - -Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers ›Hornet‹, der am 3. -Mai 1866 auf der Fahrt unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, und -ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden, zu Gespenstern -abgemagert, dort ankamen, nachdem sie mit Lebensmitteln _für zehn -Tage_ versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter der sengenden -Tropensonne gemacht hatten. Ein recht bemerkenswerter Ausflug; aber -der Kapitän, der ihn leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst -würde kein einziger lebend angekommen sein. Er war ein Neuengländer -vom besten Seemannsschlag der tüchtigen alten Zeit -- Kapitän Josiah -Mitchell. - -Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um Briefe für die Wochenausgabe -der ›Union‹ von Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche -Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig hatte, sich’s aber -leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars für nichts auszugeben. Die -Eigentümer waren liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne -Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt wenigstens noch -_ein_ Mensch, der ihnen eine dankbare Erinnerung zollt; denn es lag -mir sehr viel daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine Bitte -und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl nur kümmerliche Aussicht -vorhanden war, daß sie irgend welchen Nutzen davon hätten. - -Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen, als die Schiffbrüchigen -ankamen. Ich war bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande -auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit mein Blatt gut -zu bedienen -- und ich konnte sie mir nicht zunutze machen! Natürlich -ärgerte mich das schmählich. Aber zum guten Glück war damals Excellenz -Anson Burlingame in Honolulu, auf dem Wege zur Uebernahme seines -Postens in China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste -leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre und ließ mich nach dem -Krankenhaus tragen, wo die Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht -einmal eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber und ich -hatte nichts weiter zu thun als die Notizen zu machen. Es war so recht -bezeichnend für ihn, daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer -Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner prächtigen Natur, sich -nicht auf den Standpunkt seiner hohen Würde zu stellen, sondern einen -freundlichen Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte. - -Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit fertig. Ich aß -nichts, denn es war keine Zeit zu verlieren, wenn ich die anderen -Berichterstatter schlagen wollte. Es kostete mich vier Stunden, -meine Notizen in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die -ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der Erfolg war der, -daß ich am Morgen um neun einen langen und umständlichen Bericht -von den Erlebnissen der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während -die Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur eine kurze -Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle schicken konnten -- denn -sie blieben _nicht_ die Nacht auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen -Zwischenräumen den Postverkehr mit San Francisco besorgte, sollte -ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock kam stieß er gerade vom Quai -ab. Mein dickleibiger Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen -und fiel richtig an Bord -- und damit war mein Sieg gewonnen. Das -Schiff landete zur rechten Zeit in San Francisco; mein vollständiger -Bericht schlug wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem -damaligen Vertreter des New York-Herald, an die New Yorker Zeitungen -telegraphiert. - -Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien zurückkehrte, reiste -ich nach Sacramento und präsentierte meine Rechnung für allgemeine -Berichterstattung zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann -kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim Hornetfall‹: drei -Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift zu 100 Dollars die Spalte. Der -Kassierer fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran. -Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten kein Wort. Sie -lachten nur nach ihrer lustigen Art und sagten, es sei Spitzbüberei, -aber es schade nichts; es sei eine großartige Leistung (ob sie meine -Rechnung oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). »Zahlen Sie -aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die besten Zeitungsverleger, die es -jemals gab! - -Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am 15. Juni bei den -Sandwichinseln an. Sie waren bloß noch Haut und Knochen; die Kleider -schlotterten um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, die -bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber sie wurden im Hospital -gut gepflegt und die Einwohner von Honolulu versahen sie mit allen -Leckerbissen, die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell wieder -Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. Nach vierzehn -Tagen reisten die meisten von ihnen nach San Francisco; ich ging mit -demselben Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der ›Hornet‹ -war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen Passagiere, die auf -der ›Hornet‹ gewesen waren. Es waren zwei junge Studenten, Brüder, -aus Stamford, Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. Die ›Hornet‹ -war ein Schnellsegler erster Klasse; die Kajüte der jungen Leute -war geräumig und bequem, gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit -eingemachten Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost -aufzubessern. Als das Schiff in der ersten Januarwoche aus dem New -Yorker Hafen auslief sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn- -oder fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller und angenehmer -Fahrt würden zurückgelegt werden. Sobald die kalten Breiten im Rücken -lagen und das Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu einem -Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts unter einer Wolke von -Segeln, die keine Aufmerksamkeit erforderten, da tagelang keine einzige -Aenderung daran nötig war. Die jungen Leute lasen, schlenderten auf -dem geräumigen Deck herum, ruhten und träumten im Schatten der Segel, -speisten mit dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan hatte, -spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm bis zur Schlafenszeit. -Nach dem Schnee und Eis und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff -wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam, und wieder war die -Spazierfahrt ein Picknick. Bis zum frühen Morgen des 3. Mai. - -Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., 2° n. Br. Kein Wind, -kein Seegang -- tote Stille. Temperatur tropisch d. h. sengend, -blasenziehend von einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in -solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff davon machen -kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« Ein gewissenloser Matrose war -gegen alle Vorschriften mit einem offenen Licht in die Vorratskammer -gegangen, um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. Es kam, wie es kommen -mußte, und des Schiffes Stunden waren gezählt. - -Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der Kapitän wußte sie -vortrefflich anzuwenden. Die drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot -und zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und der Wirrwarr und die -Aufregung sehr beträchtlich waren, geht schon daraus hervor, daß beim -Aussetzen der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen ziemlich -bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten ein Ruder durch die Seite -gerannt wurde. Vor allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke -Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer sicheren Stelle -niedergelegt wurden -- unter ihnen ein Portugiese. Dieser hatte die -ganze Reise über keinen einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate -lang in seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. Als -wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen machten und ein Matrose -Herrn Burlingame diesen Nebenumstand berichtete, hob der Dritte -Steuermann, der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung seinen Kopf -hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, aber feierlich und im Tone -der Ueberzeugung: - -»Er _züchtete_ Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze Familie von solchen -Dingern. Er that es bloß, damit er nicht auf Wache brauchte.« - -Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen war, wurde von den -Leuten und den beiden Passagieren zusammengerafft und auf das Deck -geworfen wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um mehr zu holen. -Der Matrose, der es Herrn Burlingame erzählte, fügte hinzu: - -»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann 32 Tagesrationen -zusammen.« - -Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen Kopf in die Höhe und -verbesserte auch diese Angabe, indem er voller Bitterkeit sagte: - -»Der Portugiese, der da Schildwache spielte, aß zweiundzwanzig davon -auf, während niemand auf ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!« - -Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Rauch und -Flammen trieben die Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge -von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen, Abstand nehmen, und als -sie die Boote bestiegen, hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in -Sicherheit gebracht. - -Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, ein Exemplar von -›Bowditch’s Navigator‹ und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän -und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote hatten Chronometer. Die -Gesamtzahl der Leute betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis -sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt folgendes Ergebnis: -4 Schinken, beinahe 30 Pfund gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe -Kiste Rosinen, 100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern, -Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein Fäßchen mit 4 Pfund -Butter, 12 Gallonen[1] Wasser in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4 -Korbflaschen von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen -Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, Zündhölzer und -etwa 100 Pfund Tabak. Keine Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze -Gesellschaft sofort auf knappe Rationen gesetzt werden. - - [1] 1 Gallone = ungefähr 4½ ~l~. - -Der Kapitän und die beiden Passagiere führten Tagebücher. Auf unserer -Ueberfahrt nach San Francisco gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean -in eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht einen Klafter -vorwärts; dies setzte mich instand, eine Abschrift von den Tagebüchern -zu machen. Das von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; ich -will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende Eintragung gemacht -wurde, hatte das dem Untergang geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen -den Hafen verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit den üblichen -Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige Zeit zu vertreiben; an ein -Unglück dachte kein Mensch. - - 2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein heißer - trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen die Wolken Wind - und es kam wirklich eine leichte Brise -- gerade genug, um uns - in Fahrt zu halten. Zu erwähnen ist heute nichts, als daß sich - große Mengen Fische um unser Schiff zeigen; am Vormittag wurden - 9 Boniten gefangen und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach - dem Essen bekam der Obersteuermann einen großen Burschen an die - Angel; er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem - Kapitän zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit - einem Ruck den Fisch heraus -- aber, schnapp! weg war Leine - und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter unserm - Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der 9 oder 10 - Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm mit allen möglichen - Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch nach; aber er hatte - keine Lust anzubeißen. Ich vermute er hatte mit den über Bord - geworfenen Köpfen und anderen Ueberresten der Boniten seinen - Appetit gestillt. - -Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die Katastrophe. Die drei -Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann. -Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den -Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften -die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und -elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel -und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21 -Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in -dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann -im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel -gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in -seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm, -die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen -großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem -Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete -der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten -erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in -ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück, -einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen -Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck -Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff -noch brannte. - - 4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir - hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein - gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute - Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle - zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18° - oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der - Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff - sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr - heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach - Kräften versuchen, unser Leben zu retten. - -Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche -Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen -hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende -See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und -setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser -zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel -(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen -entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ -bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung -der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung -ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; -Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich, -nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die -einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch -auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als -ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so -errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre --- in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle -zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2] -gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet, -denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen -der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die -Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege -aus den Doldrums herausgekommen -- vorausgesetzt, sie hätten diesen -Punkt erreicht -- und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn -dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne -geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht -binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr -vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen. -Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; -das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht -mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück -vorwärts zu kommen -- und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen -in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator, -ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender, -regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet. - - [2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe - dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache, - unstätige Winde vorkommen. - -Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt, -aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck -beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein -einziger bekam viel Schlaf. - -Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und -gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn -überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein -Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den -Atlantischen Ocean durchquert -- und es ist auch wirklich eins. Aber -_dieses_ Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei -Fuß tief. - - Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten - uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß - unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von - unserer Gefahr nichts wissen. - -Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte -nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein -paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und -steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton -zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es -dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel -bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand. - -Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie -griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie -konnten keinen einzigen fangen. - - Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren - Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden ... Ein Schiff - braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu - kommen -- wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige? - ... Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken - können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun. - -Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer -beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche -Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual -dauerte noch fünf Wochen -- dessen müssen wir uns erinnern, da der -Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch -um so weicher vorkommen. - - Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage - als mir lieb ist ... Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten - gut ... Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung, - aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor - -- ein willkommener Anblick! -- und bestätigte die Angabe des - Kompasses. - - 10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in - den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300 - Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag - in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der - Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir - kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen - schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben - all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde, - aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute - des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen - eines _Mannes_. - - 11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in - der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten -- - wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300 - wieder zurückgekommen. - - Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet - wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag - anbricht; das heitert uns wirklich auf ... Wovon hat er die - ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von - ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? ... Des Zweiten - Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr -- ein Zeichen, - daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach - ziemlich scharf zu ihnen. - -Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war -ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte -ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war. - - In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende - Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen ... Ich hatte drei - Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit - gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der - Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll, - halb Branntwein, halb Wasser ... Die Leute halten regelmäßig - Wache -- vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe ... Der - Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm - eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er - könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht - genug für alle. - - 13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf - die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes - sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir, - die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der - Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein - aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim; - wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein - Telegramm von uns aus San Francisco bekommen. - -Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber -dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes -Wunderzeichen -- ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die -schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson, -daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit -heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter -Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies -nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹. - -Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von -Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa -aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn -beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist -dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen, -die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage -besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen -- und wann?« Ist der -Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen -gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel -kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt. - -Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein -halber Scheffel Zwieback übrig!« -- Und sie haben noch einen Monat über -die See zu wandern! - -Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher -Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme -Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große -Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen -Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen, -denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte -natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in -Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete -den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und -billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe: -sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei -kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich -dachte er über diese knifflichen Fragen nach. - -Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf; -der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst -hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom -Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von -Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹ - -Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und -erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das -Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann -weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt -stets bereit, wenn eine _Männerarbeit_ zu thun war. Er übernahm das -hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu -bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen -waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot. -Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht. -Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie -hätten besser den Portugiesen missen können. - -Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen -wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er -aussieht -- aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je. - - Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den - Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen - Regenschauer mit einem Passatwind. - -Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig -aus den Doldrums heraus sein -- aber sie sind noch drin. Keine Brise; -die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie -schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben -nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am -Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der -hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch -haben, so ist es willkommen‹. - -Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite -Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum -›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch, -das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein -Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim -Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht -ereignisvoller. - - 22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß - wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern - hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns - plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten - es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns - frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden - mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem - wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das - Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot - des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir - uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren; - aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung! - Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es - scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln - zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun, - um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen. - Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem - Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst - nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir - noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen - Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind - wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns - verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot - treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied. - - Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten, - von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag - schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir - nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich - nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot - ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das - gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen - Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr - aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen - Bemühungen Erfolg verleihen! - - 24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den Mann fünf - Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher Wasser und ein - Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars. Wir werden - sichtlich immer schwächer -- habe Gott Gnade mit uns allen! - - 26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden Fisch und - einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! Die Leute - werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, mutlos; sie sagen - jedoch sehr wenig. - -Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren und undenkbaren -Schrecknissen noch das Schweigen hinzu -- das stumme Vorsichhinbrüten, -das einem Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, ›die -anderen Boote sind nach Westen verschlagen und aufgefischt worden.‹ -(Man sollte von ihnen auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!) - - Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ w. L. nach - dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als wir das Schiff - verließen, reichten nach unserer Berechnung unsere Vorräte etwa - für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei strenger Einteilung noch - für eine weitere Woche damit auszukommen.[3] Vorige Nacht fiel - wieder ein fliegender Fisch ins Boot, und heute auch einer - -- beide waren nur klein. Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein - großer Fang für uns, und ein recht großer giebt ein kleines - Mittagessen für uns fünfzehn ab -- d. h. natürlich was wir in - unserm Langboot ein Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen - den ganzen Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für - meine Kräfte; bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht - scharf aufpassen; ich ließ daher die zweite Hälfte für heute - abend übrig. Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören - wird, die heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß - Er sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not - Hilfe und Beistand sendet. - - [3] Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T. - -Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals ein paar Löcher enger -zugezogen: die Brotportion wurde von der bisherigen Menge -- ein -Stückchen Zwieback jedesmal von der Größe eines Silberdollars -- auf -die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei Mahlzeiten wurde -eine ausgelassen. Des Kapitäns Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine -halbe Gallone Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei -kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser. - -Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der hoffnungsvolle Ton. Das ist -bemerkenswert! Das Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´ -w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln; -diese zu erreichen, davon kann bei der mangelhaften Segeltüchtigkeit -des Bootes nicht die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau aus -Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare Land ist die -›Amerikanische Inselgruppe‹, die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem -ist keine Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht einmal eine -Entmutigung zu bemerken. Und dabei heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben -wir noch: eine Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse Suppe; -den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel Gallonen Brotschnitzel.« - -Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem Hut voll Lebensmitteln! -Und zum Glück wissen sie nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200 -noch zurückzulegen haben. - -Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage ist ein Unglück zu -verzeichnen: Gestern waren noch drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute -morgen wird der kleine Sack offen gefunden und _es fehlen ein paar -Stücke Zwieback_! - - Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen Handlung - im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine Frage, daß - dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. In zwei Tagen - wird es mit den übrigen Brocken sicherlich zu Ende sein. Gott - gebe uns die Kraft, die amerikanische Gruppe noch zu erreichen. - -Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu erzählte, erinnerten -die Matrosen sich in jenen Tagen voll bitteren Aergers, daß der -Portugiese 22 Rationen gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck -lag; nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, wenn es zu -Kannibalismus käme, so solle er zuerst für die anderen leiden. Samuel -Ferguson bemerkt vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich sehr -freundlich gegen uns benommen -- beinahe wie ein Vater. Er erzählte: -wenn ihm das Kommando des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so -hätte er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« Man schaudert, -wenn man daran denkt, mit wie knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch -entgingen! - -An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän in seinem Logbuch: - - Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: 14 - Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe eines Pennys zum - Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück Schinken und ein Stück - Brot, beide von der Größe eines Pennys, zum Frühstück. - -Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von der Größe eines Pennys‹ -sich nicht nur auf den Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der -Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch so dünn geschnitten, wie -es nur mit einem ganz scharfen Messer möglich war. - - 1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr böig und es - ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -- nächst - Gottes fürsorglichem Schutz -- uns während dieser 24 Stunden - vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist über alle Begriffe - wunderbar, wie jeder Bissen, der über unsere Lippen kommt, uns - gesegnet ist. Ich muß täglich an das Wunder mit den Fischen - und Broten denken. Henry benimmt sich prachtvoll; dies ist ein - großer Trost für mich. Wie es kommt, weiß ich selbst nicht, - aber ich hege große Zuversicht und hoffe, daß unsere Trauerzeit - bald enden wird, obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur - kreuzen und sehr bald weit davon weg sein werden. Unsere - Haupthoffnungen setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein - Kriegsschiff, oder auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf - die wir steuern, sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner - Karte soll es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden - Stelle wirklich vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien! - -Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche später segelten sie über die -Inseln weg! - -Aus dem Logbuch des Kapitäns: - - 2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn Rationen - Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. _Aber die Sonne - scheint und Gott ist barmherzig._ - -Aus Samuel Fergusons Tagebuch: - - Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich fürchterlich. - Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen nach dem vorderen - Ende des Bootes und war überrascht, wie außerordentlich schwach - ich war, besonders in den Knieen und überhaupt in den Beinen. - Die Sonne hat wieder geschienen, ich habe einige von meinen - Sachen trocknen können und hoffe auf eine bessere Nacht. - - 4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht, - müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹ - sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die - Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu - begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein, - denn länger als 5 oder 6 Tage _können_ wir mit unseren - Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht - es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute - bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind; - sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren. - Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß, - Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32 - Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit - Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir - noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben -- das ist mehr, - als _menschliche_ Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen - könnte. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - 4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt. - -Aus Henry Fergusons Tagebuch: - - Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören - lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem - Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns - zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer. - -Aus Samuels Tagebuch: - - Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser - Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen - ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es - notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten - vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und - drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut - werden -- lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der - Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber, - so gut ich kann, aufrecht zu erhalten ... Von heute an giebt’s - nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um - 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr - abends je einen kleinen Schluck Wasser. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher - Wasser für jeden. - -Jetzt sind sie also herunter auf _eine_ Mahlzeit täglich -- und was -für eine ›Mahlzeit‹! -- und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer -furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei -verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich. -Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde, -war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits -gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in -das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen, -so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den -Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer -Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder -Samuel zu: - - Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän und - uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der Kapitän sei - an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, das Schiff - zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu bringen; er habe - den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie bereits hatten, in - die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung des Essens - parteilich vor, indem er uns begünstige. X. fragte Cox neulich, - ob er lieber hungern oder Menschenfleisch essen wolle. Cox - antwortete, er würde hungern, worauf der andere versetzte, das - wäre ja einfach Selbstmord. Wenn wir die Amerikanischen Inseln - nicht finden, thun wir gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X. - ist der lauteste von allen. - - Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf B. verlassen; - außerdem auf Cox, nicht wahr? - - Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst - wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu - rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox richtig - verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen - oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. Es wäre - gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen aufpaßtest, damit - sie uns nicht gestohlen werden. - -Aus Henrys Tagebuch: - - 6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten etwas, das - wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine Vögel! Wir fangen - an zu befürchten, daß die Inseln nicht da sind. Heute wurde - dem Kapitän ganz laut vor allen Leuten gesagt, einige von den - Matrosen würden unbedenklich Menschenfleisch essen, falls einer - von uns sterben sollte, doch würden sie niemanden totschlagen. - Entsetzlich! Gott erhalte uns allen unsere Vernunft und erspare - uns solche Greuel. »Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg - und Mord und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!« - -Aus Samuels Tagebuch: - - 6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer). - Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das Segel - nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang ein - Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern. - Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er kam auch bis - zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe ohnmächtig, wieder - herunter kommen, ehe er fertig war. Dann ging Joe hinauf; - beim zweiten Versuch konnte er die Taue vorläufig festmachen - und die Blockrolle mit nach unten bringen; aber es war eine - sehr anstrengende Arbeit und er war nachher den ganzen Tag - erschöpft. Wir müssen aber unbedingt das Segel in gute Ordnung - bringen, ehe wir alle unsere Kräfte verlieren. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Nur noch drei Mahlzeiten übrig. - -Aus Samuels Tagebuch: - - 7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die - volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden - sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen - auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr - nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde - sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es - nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich - zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß - der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem - Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten - müssen! - - 8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und - ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich - ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte - der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und - Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich - die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und - bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es - überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun - nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten - Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben - wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges - Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse - ›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen - aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der - allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe! - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung. - -Samuels Tagebuch: - - 9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl - sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir - haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen, - woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der - Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen - Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung, - die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns - liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die - Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt. - Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach - menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben. - Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden - und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die - Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich. - - Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute - ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den - Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry, - der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die - Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag - das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken - Hals. - -Jetzt ist also _nichts_ mehr übrig, was man mit dem besten Willen -›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage -hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen -vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von -jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch. -Henry Ferguson schreibt: - - Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen - Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den - Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt - so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen - wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter - befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im - Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die - Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten. - Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den - Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich - etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht - unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen! - - 11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem - Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte. - Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers - sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben - werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich - jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen - könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man - halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig - ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe - wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei - verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz - ruhig verhalten. _Es ist mein fester Glaube und meine innige - Zuversicht, daß wir werden gerettet werden._[4] - - [4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch - nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.« - Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen - sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten - beim Steuer _eine Million Dollars in Gold_ versteckt; sie - waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden - und sich des Geldes zu bemächtigen. - - M. T. - - 12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin -- gerade auf die - Inseln los. Gute Hoffnung -- aber die Aussicht auf die nächsten - Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der - Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt. - - 13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt - alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem - wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben. - - 14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind - entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott - gebe, daß wir bald Land sehen. _Nichts zu essen_ -- fühle mich - aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen - Regenbogen -- den ersten seit Antritt unserer Reise. Der - Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen -- _es - ist der Bogen der Verheißung_!« - - 15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade: - =Land in Sicht!= Wir kamen schnell näher und waren bald der - Thatsache _gewiß_! ... Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns - herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden - voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und - seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von - Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns - prächtig auf -- halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und - brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber - die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren - über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, - Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach - dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch - nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier. - Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns - einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse - heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche - Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee - und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir - schlafen sollten ... _Heute ist der glücklichste Tag meines - Lebens!_ ... Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört ... - Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür. - - 16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir - hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir - nicht -- dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn - wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß - alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot - befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor. - -Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches, -was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In _einer_ -außerordentlichen Einzelheit -- daß nämlich _alle_ Insassen des Bootes -am Leben bleiben -- steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern -dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung -es aus -- hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die -an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben -Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die -rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen -Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die -meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von -ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich -war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der -Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben. -Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen -einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal -so lange ausgehalten wie die Lebensmittel. - -Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste -nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, -daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein -Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die -Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr -ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem -Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen -hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im -Riff lotsten -- die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen! - -Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf -den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der -›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von -ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit -Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht -durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise -wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und -keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie _schabten_ die -Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der -Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von -Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher -waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will -ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen -Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei -einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar -zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! -Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts. -Viele Tage lang -- ich glaube, einundzwanzig hintereinander -- schlief -der Kapitän überhaupt nicht. - -Nach der Landung gelang es, alle Geretteten davon abzuhalten, daß sie -sich überaßen -- ausgenommen den Portugiesen. Der entkam dem Wärter -und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, sagte -der Dritte Steuermann, wären’s gewesen; aber dies war unzweifelhaft -eine Uebertreibung -- ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig. -Er war schon beinahe ganz voll von Leder; es hing ihm zu den Ohren -heraus. (Dies berichte ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten -Steuermanns, sondern ich übernehme selbst die Verantwortung dafür.) -Der Portugiese hätte natürlich daran krepieren sollen und es thut einem -sogar jetzt noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte -sich und zwar so schnell wie alle andern -- trotz allem Leder und -Butterholz und Taschentüchern und Bananen, die er in sich hatte. Einige -von den Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, auch -Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er. - -Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß sie den Kikerikihahn nicht -schlachteten, der jeden Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang; -dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und machte einen tapferen -aber schwachen Versuch, noch einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb -er. Ein interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen --- der einzige, den man in den 43 Tagen sah; er erhob sich wie ein -Triumphthor in die Lüfte, unter welchem die standhaften Streiter als -Sieger in den Hafen der Rettung segelten! - -Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte Kapitän Josiah Mitchell diese -denkwürdige Reise von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen Boot -- -eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie wirklich zurücklegten, und -3360 Meilen in der Luftlinie -- und brachte jeden Mann gesund an Land. -Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer Mann und lieber -Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage lang mit ihm auf Deck -- (wenn -ich nicht in der Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) -- und ich -erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch lebt, ist er jetzt 86 -Jahre alt. - -Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, bald -nach unserer Ankunft in San Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch -sein Elternhaus erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen sehr -verschlimmert worden. - -Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von den beiden kleinen Booten -etwas vernehmen würde -- aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie -gingen ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord waren, auch -der ritterliche Obersteuermann. - -Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, sie genau so, wie sie -niedergeschrieben waren, abzuschreiben und die Auszüge, die ich daraus -gegeben habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. Die -beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch sind durch keine Kunst -besser zu machen: sie sind litterarisches Gold. - -Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht angesehen, aber ich finde -sie haben in diesem Zeitraum nichts verloren. Verloren? Gewonnen -haben sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche -Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung an Interesse -gewinnt. Wir werden uns dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend -vor der armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten -in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. Sie liegt da, das -Kind, das sie zu retten versuchte, an ihren Busen gedrückt und ihr -verzweiflungsvoller Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den Tod -brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die glühende Lava nahm ihr -das Leben, aber sie überlieferte ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der -Ewigkeit. Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt tagelang unsere -Gedanken -- warum? Das wissen wir nicht, denn sie ist nichts für uns, -sie ist 1800 Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. Würde uns -dagegen heutigen Tages ein solcher Fall vorkommen, so würden wir sagen: -»Die arme Frau! Was für ein Jammer!« -- und hätten sie in einer Stunde -vergessen. - - - - -Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹. - - -Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse zu erzählen. Wie mir -scheint, gehören sie unter die Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber -ich vor Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.[5] - - [5] Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen - Schriften‹. - -Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn George W. Cable eine -Rundreise, um Vorträge zu halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein -Empfang veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags in einem langen -Salon im Windsorhotel. Herr Cable und ich standen am einen Ende des -Raumes, die Damen und Herren traten am anderen Ende ein, gingen die -lange Wand linker Hand entlang, schüttelten uns die Hand, sagten ein -oder zwei Worte und gingen weiter -- die übliche Geschichte. Mein -Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich in dem Gedränge von -Fremden, die sich weit da hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes -Gesicht. Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll Freude bei -mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz vergessen, daß sie eine -Kanadierin ist.« Sie war in meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada, -sehr befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren hatte ich nichts -mehr von ihr gesehen oder gehört. Es war kein Anlaß vorhanden, sie -mir in die Erinnerung zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit -langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war mir völlig aus -dem Gedächtnis entschwunden. Aber ich erkannte sie augenblicklich; ich -sah sie so klar und deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem -Anzug bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und behielt sie im -Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich darauf, daß sie näher herankäme. -Mitten unter all dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen -Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden Reihe -immer näher kam; als sie an der linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht -von vorne sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß von mir -entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, sie müsse doch -irgendwo im Salon sein und würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in -dieser Erwartung hatte ich mich getäuscht. - -Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, sagte jemand zu mir: -»Bitte, kommen Sie mit nach dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie -kennt und Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; Sie -sollen wenn möglich die betreffende Person selber erkennen.« - -Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die Sache wird sehr einfach -sein.« - -Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten unter ihnen, ganz wie ich’s -erwartet hatte, Frau R. Sie war genauso angezogen, wie ich sie am -Nachmittag gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr die Hand, -begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte: - -»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben Augenblick als Sie den -Saal betraten.« - -Sie sah mich überrascht an und antwortete: »Aber ich war ja gar nicht -beim Empfang. Ich komme gerade eben von Quebec an und bin noch keine -Stunde hier in der Stadt gewesen.« - -Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. Ich sagte: - -»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es genau so -ist, wie ich sage. Ich sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so -gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick sagte, ich würde -einen Bekannten in diesem Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir -auf, in Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie beim Empfang -gesehen hatte.« - -Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim Empfang noch irgendwo -in der Nähe; trotzdem sah ich sie dort, klar und deutlich und -unverkennbar. Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man so -etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem Augenblick an sie; ich -hatte seit Jahren nicht an sie gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie -an mich gedacht. Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit durch -die Lüfte zu mir und brachten mit sich das deutliche, hübsche Bild der -Dame? Ich glaube es. - -Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in Bezug auf Erscheinungen --- ich meine Erscheinungen, die man in hellwachem Zustande sieht. Ich -hätte vielleicht für einen Augenblick eingeschlafen sein können; dann -wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber diese Möglichkeit kommt -hier gar nicht in Frage; das Interessante dabei ist, daß es gerade in -dem betreffenden Augenblick passierte -- nicht früher und nicht später; -dies ist ein Beweis dafür, daß der Ursprung in Gedankenübertragung zu -suchen ist. - -Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den meisten Leuten als reines -zufälliges Zusammentreffen erklärt werden: - -Vor Jahren dachte ich manchmal daran, eine Vorlesungstour bei den -Antipoden zu machen, gab aber die Idee stets wieder auf, teils wegen -der Länge der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich machen -konnte, mich zu begleiten. Ende Januar letzten Jahres kam nach langer -Zwischenzeit plötzlich diese Idee mir wieder in den Kopf -- und zwar -mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß. Woher kam sie? Was -regte sie an? Hierauf komme ich gleich zu sprechen. - -Ich war damals, wo ich jetzt bin -- in Paris. Ich schrieb sofort -an Henry M. Stanley in London und fragte ihn nach verschiedenen -Einzelheiten in Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das -Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen wären u. s. w. -Nach ein paar Tagen kam seine Antwort; sie begann: - -»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent par excellence -Herr R. S. Smythe in Melbourne.« - -Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen, eine Aufstellung -der Kosten für die Seefahrt und einiges andere mit und riet mir, an -Herrn Smythe zu schreiben. Das tat ich auch -- am 3. Februar. In den -Eingangszeilen meines Briefes sagte ich ungefähr folgendes: er kennte -mich zwar nicht persönlich, wir hätten aber einen gemeinsamen Freund -in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen. Dann machte ich -meinen Vorschlag und fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen -abschließen wollte wie mit Stanley. - -Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn Smythe auf die Post, und -drei Tage später bekam ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert: -Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch nicht mehr gewundert, -wenn ich einen Brief vom seligen George Washington gekriegt hätte. Der -Brief begann ganz ähnlich wie der meinige -- mit einer Selbsteinführung: - -»Geehrter Herr Clemens! -- Es ist so lange her, seit Archibald Forbes -und ich einen so reizenden Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in -Hartford verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen -haben.« - -Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es: - -»Ich biete Ihnen« -- (hier folgten dieselben Bedingungen, die er -Stanley bewilligt hatte) -- »für eine Vorlesungstour von etwa drei -Monaten bei den Antipoden.« - -Da hatte ich also die Antwort auf die einzige wesentliche Frage meines -Briefes drei Tage nachdem ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die -Mühe und das Porto sparen können -- und ein paar Jahre vorher _hätte_ -ich sie mir auch gespart, denn da hätte ich mir gesagt, der plötzliche -starke Antrieb, an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel -brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen, daß die Anregung -von dem Fremden ausgehe, und er werde mir von selber auf meine Fragen -antworten, wenn ich es einfach abwartete. - -Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an meiner Nase vorbei nach -Amerika, wodurch er drei Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im -Vorbeifahren ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das tun Briefe oft. - -Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von Australien -herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose Brief einem -diesen Gedanken mit, während er unsichtbar im Postsack an einem -vorbeistreift. - -Nächstes Erlebnis: Einen Monat später -- im März -- war ich in Amerika. -Ich verbrachte einen Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John -Brisben Walker, von der Zeitschrift ›~The Cosmopolitan~‹. Den nächsten -Morgen fuhren wir nach New York und gingen, um zu frühstücken, in -den Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den Charakter des -Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die darin herrschte, und über die -angenehme Lage des Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht -hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker Clubs wären für -Mitglieder, die nicht am Ort wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne -daß man viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte. - -»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist der ›Lotos‹ -- -der erste New Yorker Club, bei welchem ich Mitglied wurde -- meine -allererste Liebe in dieser Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre -Mitglied gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal Gelegenheit -gehabt, vorzusprechen und die Leutchen zu sehen. Sie werden alt und -grau, ohne daß ich was davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend -meinen Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar Tage nach -Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin, will ich ganz im geheimen -zu John Elderkin gehen und ihm sagen: - -»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm Ehren, um der alten Zeiten -willen! Macht mich zum Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab. -Wenn ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so besser -- schafft -es zu meiner Ehre und Glorie!‹« - -»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will John Elderkin besuchen, -sobald ich von Hartford zurück bin.« - -Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug, telegraphierte aber -vorher noch an Herrn F. G. Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag -besuchen. Bei seiner Ankunft fragte er: - -»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York einen Brief von Herrn John -Elderkin, dem Sekretär des Lotosklubs?« - -»Nein.« - -»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich gewußt, daß -Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten. Es ist was Schönes, -und Sie werden stolz darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch -einstimmigen Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und den -Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am Abend des dreißigsten, -zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest des Klubs anwesend sein, um Ihre -Auszeichnung entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie -bei dieser Gelegenheit was Großes aufstellen!« - -Wie kam mir an jenem Tage im Century Club die Ehrenmitgliedschaft in -den Kopf? Ich hatte nie zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich -den Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht schon früher, -aber ich bin fest überzeugt, daß er in der Vorstandssitzung des ›Lotos‹ -entsprang und im Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den -geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn nahm. - -Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei Tage in Hartford als -Gast des Rev. Joseph H. Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang -bei seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet und fuhr jetzt -mit ihm nach Farmington, um eine meiner Nichten zu besuchen, die in der -berühmten Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt acht oder -neun englische Meilen. Unterwegs erzählte ich zur Erläuterung irgend -einer Behauptung folgende Anekdote: - - Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie auf der Reise - nach Rom durch Mailand, wo wir Halt machten und im Continental - abstiegen. Nach dem Essen ging ich hinunter und setzte mich - auf einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die üblichen - Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen, und sagte zu mir - selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich -- gemütlich und ruhig, - und kein Mensch kann mich stören; denn ich kenne in ganz - Mailand keinen Menschen.‹ - - In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf und streckte - mir die Hand hin, wodurch meine im Selbstgespräch aufgestellte - Behauptung allerdings ein bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa - folgendes: - - ›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr Clemens, aber ich - erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich war Kadett in West Point, als - Sie mit Rev. Joseph H. Twichell vor einigen Jahren da waren und - eine Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der regulären - Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein in Europa auf - einem bescheidenen kleinen Ausflug; mein Regiment steht in - Arizona.‹ - - Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei erzählte er - mir ein kleines Abenteuer, das er vor kurzem gehabt hatte, - ungefähr in folgender Weise: - - ›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und vor zehn Tagen - verlor ich meinen Kreditbrief. Ich wußte absolut nicht, was ich - anfangen sollte. Ich war ein Fremder, kannte keinen Menschen in - Europa, hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht mal - ein Telegramm nach London bezahlen, um mir für den verlorenen - Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen. Meine Hotelrechnung - war eine Woche alt und mußte mir nächstens vorgelegt werden - -- vielleicht konnte das schon im allernächsten Augenblick - geschehen. Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich verlöre - den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich fortwährend auf und - ab, hin und her. Wenn jemand in meine Nähe kam, drückte ich - mich schleunigst, denn mochte er aussehen wie er wollte, ich - dachte immer, es wäre der Oberkellner mit der Rechnung. - - ›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung, daß - ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich auch nur eine - schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und so beging ich denn - folgende Verrücktheit: Ich sah an einem kleinen Tisch in der - Veranda eine Familie beim Frühstück sitzen und erkannte, daß - es Amerikaner waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter - -- jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg alle - unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks auf sie los, stellte - mich ihnen mit meinem Namen vor, sagte ich sei Leutnant in der - Armee, erzählte meine Geschichte und bat um Hilfe. - - ›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber Sie kommen in - zwanzig Jahren nicht darauf. Er nahm eine Handvoll Goldstücke - heraus und sagte mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen. - Ja, das tat er!‹ - - Am andern Morgen sagte der Leutnant mir, sein neuer Kreditbrief - sei inzwischen angekommen; wir bummelten also zu Cook, und er - ließ sich das Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter - zu bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen Arkade - entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten sind sie; kommen Sie - mit, ich will Sie vorstellen.‹ Ich wurde den Eltern und den - jungen Damen vorgestellt; dann trennten wir uns, und ich sah - weder ihn noch sie jemals w ... - -»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach mich Twichell. - -Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten Boden die -hundert Schritte nach der Schule hin; unterwegs sprachen wir von -der langentschwundenen Zeit, da wir und Warner in jene Gegend -herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen wäre. - -Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im Sprechzimmer; dann brachen -wir auf. Vor dem Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig -oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters Schule, die von einem -Spaziergang nach Hause kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen -Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie uns anzusehen. Auf -einmal trat eine von ihnen aus der Reihe heraus und sagte: - -»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich kenne Ihre Tochter, und -das verschafft mir den Vorzug, Ihnen die Hand zu geben.« - -Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte: - -»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben, Herr Clemens. Sie erinnern -sich meiner nicht, aber Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den -Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.« - -Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte in den Sinn gebracht? -War es wirklich die Nähe des jungen Mädchens oder war es nur ein -eigentümlicher Zufall? - - - - -Besuch eines Interviewers. - - -Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann nahm den Stuhl, den -ich ihm anbot, und sagte, er gehörte zur Redaktion der ›Täglichen -Blitzpost‹; dann fuhr er fort: - -»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie -interviewen.« - -»Möchten Sie ... was?« - -»Sie interviewen.« - -»Ah so! Ja ... ja. Hm. Ja ... ja.« - -Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen nicht gerade sehr hell im -Kopf. In der Tat, meine geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen -umwölkt zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank und nachdem -ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht hatte, sah ich mich -genötigt, mich an den jungen Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte: - -»Wie buchstabieren Sie es?« - -»Buchstabieren? Was denn?« - -»Interviewen.« - -»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es denn zu buchstabieren!« - -»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich möchte nur nachschlagen, -was es bedeutet.« - -»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich sagen. Ich kann Ihnen -sagen, was es bedeutet, wenn Sie ... wenn Sie ...« - -»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr verbun ...« - -»I--n, in, t--e--r, ter, inter--« - -»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?« - -»Natürlich.« - -»So, deshalb brauchte ich so lange!« - -»Nanu, mein _lieber_ Herr, womit wollten Sie es denn buchstabieren?« - -»Ja, ich ... ich ... weiß nicht recht. Ich hatte das -Konversationslexikon, große Ausgabe, vor und blätterte im Nachtragsband -herum, in der Hoffnung, ich könnte das Wort unter den Abbildungen -finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.« - -»Nun, bester Freund, eine _Abbildung_ davon wäre selbst in der neuesten -Aufl ... Mein werter Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es -absolut nicht böse, aber Sie sehen nicht -- nicht -- so -- äh -- -intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts für ungut -- ich meine -es ja nicht böse.« - -»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von Leuten, die mir niemals -schmeicheln würden und auch gar keine Veranlassung dazu haben -könnten, schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu eine -Sehenswürdigkeit bin. Ja ... ja; sie sprechen immer ganz hingerissen -davon.« - -»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf unser Interview zu kommen. -Wie Sie wohl wissen ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt -geworden ist, sofort zu interviewen.« - -»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich noch nie was gehört. Das muß -sehr interessant sein. Womit machen Sie es?« - -»Ah, ... hem! ... hem! ... hem! ... das ist ja ... Manchmal _sollte_ -es mit ’ner Keule gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es -darin, daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte darauf -antwortet. Man ist ganz darauf versessen. Wollen Sie mir gestatten, -einige Fragen über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen und -privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?« - -»O, mit Vergnügen -- mit Vergnügen! Ich habe ein sehr schlechtes -Gedächtnis, aber ich hoffe, Sie werden nicht so genau darauf sehen. -Das heißt ... es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis -- überaus -unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und dann wieder braucht es -vierzehn Tage, um über einen gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht -mir viel Kummer.« - -»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich nur recht Mühe geben -wollen.« - -»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der Sache sein.« - -»Danke. Sind Sie so weit?« - -»Jawohl.« - - * * * * * - -»Wie alt sind Sie?« - -»Neunzehn, im Juni.« - -»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig gegeben. Wo wurden Sie -geboren?« - -»In Missouri.« - -»Wann fingen Sie an zu schreiben?« - -»1836.« - -»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn Sie jetzt erst neunzehn sind?« - -»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein bißchen sonderbar aus.« - -»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung der Hervorragendste von -allen Männern, mit denen Sie je in Berührung kamen?« - -»Aaron Burr.« - -»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt haben, wenn Sie jetzt -erst neunzehn Jahre alt sind --« - -»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen als ich selber, warum -fragen Sie mich dann?« - -»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts ... Unter welchen -Umständen waren Sie mit Burr zusammen?« - -»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem Begräbnis, und er bat -mich, nicht so viel Lärm zu machen und ...« - -»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei seinem Begräbnis waren, so muß -er tot gewesen sein, und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob -Sie Lärm machten oder nicht?« - -»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung immer ein schnurriger -Kauz.« - -»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie sagen, er habe mit -Ihnen gesprochen, und Sie sagen, er sei tot gewesen.« - -»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.« - -»Aber war er denn nicht tot?« - -»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen, er wär’ es _nicht_!« - -»Und was war Ihre Meinung?« - -»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht mein eigenes Begräbnis.« - -»Hatten Sie ... Indessen, wir kommen damit doch nicht zum Ziel. -Gestatten Sie mir, Sie nach etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr -Geburtstag?« - -»Montag, den 31. Oktober 1693.« - -»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja hundertachtzig Jahre alt. Wie -erklären Sie das?« - -»Ich erkläre es überhaupt nicht.« - -»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn, und jetzt wollen Sie -hundertachtzig Jahre alt sein. Das ist aber ein häßlicher Mißklang.« - -»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte ihm die Hand. -»Manchmal kam es mir selber vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich -konnte mir nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie doch so -etwas bemerken!« - -»Danke für das Kompliment ... Haben oder hatten Sie Bruder oder -Schwester?« - -»Hm ... Ich ... ich glaube, ... ja ... aber ich erinnere mich nicht -genau ...« - -»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste, was ich je gehört habe.« - -»Wieso? warum denn?« - -»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich darüber wundere. -Bitte, sehen Sie mal hier: wen stellt das Bild hier an der Wand vor? -Ist das nicht ein Bruder von Ihnen?« - -»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran; das _war_ ein Bruder von -mir. Das ist William --; Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!« - -»Ach was? Ist er denn tot?« - -»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals genau sagen. Es schwebt -ein großes Geheimnis über der Geschichte.« - -»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl verschwunden?« - -»Sozusagen ja; wir begruben ihn.« - -»_Begruben_ ihn! _Begruben_ ihn!! Ohne zu wissen, ob er tot war oder -nicht?« - -»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.« - -»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.« - -»Er dachte gar nicht dran.« - -»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht gehört! _Jemand_ war -tot. _Jemand_ wurde begraben. Nun, wo lag denn da das Geheimnis?« - -»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen! Wissen Sie, wir waren -Zwillinge -- der Verstorbene und ich -- und wir wurden in der Badewanne -verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt waren, und einer von uns -ertrank. Aber wir wußten nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere -sagen, ich wäre es gewesen.« - -»So, das ist ja wirklich interessant. Und was ist _Ihre_ Meinung -darüber?« - -»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze Welten drum, wenn ich’s wüßte. -Dieses erhabene furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein -ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt einen geheimen Umstand -mitteilen, den ich bisher noch keiner Menschenseele enthüllt habe. -Einer von uns hatte ein besonderes Kennzeichen -- ein großes Muttermal -auf dem Rücken der linken Hand. Das war -- ich! _Und dieses Kind -ertrank!_« - -»Herr ... ich sehe eigentlich nicht, was dabei denn für ein Geheimnis -ist.« - -»Nicht? Aber _ich_ sehe es. Jedenfalls begreife ich nicht, wie man -einen solchen Unsinn machen und das verkehrte Kind begraben konnte. -Aber, schscht! -- erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie davon -hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben schon ohnedies genug -gebranntes Herzeleid.« - -»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick Stoff genug und bin Ihnen -für Ihre Bemühungen sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich, -was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten. Würden Sie mir vielleicht -noch sagen, welcher besondere Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so -hervorragenden Mann zu halten?« - -»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit! Unter 50 Leuten hätte kaum -ein einziger überhaupt darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war, -und das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt dastand, und -der Leichnam schmuck und nett in seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag, -da sagte er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung werfen -und stand auf und setzte sich neben den Kutscher.« - - * * * * * - -Hierauf empfahl der junge Mann sich voller Ehrerbietung. Er war ein -sehr angenehmer Gesellschafter, und es tat mir leid, daß er ging. - -[Illustration] - - - - -Mark Twains - -Ausgew. humoristische Schriften. - - -_Inhalt_: - - Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.= - - Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.= - - Bd. III. =Skizzenbuch.= - - Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.= - { =Nach dem fernen Westen.= - - Bd. V. =Im Gold- und Silberland.= - - Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.= - -Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden. - -Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden. - - -_Neue Folge_: - - Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.= - - Bd. II. =Querkopf Wilson.= - - Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt. - - Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl. - - Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde= u. a. Erzähl. - -Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden. - -Preis _aller_ 6 Bände, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst - wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten. Die Darstellung - der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Vorspannseiten mit dem - Kapitelnamen wurden entfernt. - - Korrekturen: - - S. 147: Schluß → Schuß - ehe es zum {Schuß} kam - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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