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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Adams Tagebuch - und andere Erzählungen - -Author: Mark Twain - -Release Date: December 8, 2021 [eBook #66904] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - Humoristische Schriften - - Neue Folge. 5. Band - - - - - Adams Tagebuch - - und andere Erzählungen - - Von - - Mark Twain - - Autorisiert - - Inhalt: - - Adams Tagebuch -- Mein Reisegefährte, der Reformator - -- Meine Tätigkeit als Reisemarschall -- Von allerhand - Schiffen -- Der Roman einer Eskimo-Maid -- Die Erzählung - des Kaliforniers -- Die Appetit-Anstalt u. s. w. - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - - 1903. - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - -Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart. - - - - -Inhalt - - - Adams Tagebuch 7 - - Mein Reisegefährte, der Reformator 35 - - Meine Tätigkeit als Reisemarschall 69 - - Von allerhand Schiffen 107 - - Der Roman der Eskimo-Maid 143 - - Die Erzählung des Kaliforniers 181 - - Die Appetit-Anstalt 201 - - Mein Eintritt in die Litteratur 231 - - Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹ 277 - - Besuch eines Interviewers 293 - - - - -Adams Tagebuch. - - - _Vorbemerkung_: Ich habe einen Teil dieses Tagebuches bereits - vor mehreren Jahren übersetzt, und ein Freund von mir hat - ein paar Exemplare meiner Arbeit in unvollständigem Zustand - gedruckt; doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. Seitdem - habe ich noch etwas mehr von Adams Hieroglyphen entziffert, - und ich glaube, daß er nachgerade als öffentlicher Charakter - eine genügende Bedeutung besitzt, um die Herausgabe dieser - Uebersetzung zu rechtfertigen. - - Mark Twain. - -_Montag._ Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr -im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um -mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. -Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute -umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe -ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, -- das neue Geschöpf braucht es -immer. - -_Dienstag._ Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf -dem ganzen Grundstück, sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn -den ›Niagara-Fall‹, -- habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen. -Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn. -Es ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich selber komme -gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu benennen. Das neue Geschöpf -tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den -geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und -demselben Vorwand, daß es so ›aussehe‹. - -_Mittwoch._ Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber -ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf -war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte, -vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte -es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, -wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas weh thut oder -sie sich fürchten. Wenn es nur nicht sprechen wollte! Es schwatzt -beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich -über das arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt mir fern. -Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und -fremde Laut, welcher das feierliche Schweigen in dieser träumerischen -Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche Note. Und -obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er ist dicht an -meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der -andern Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder -weniger entfernt von mir sind. - -_Freitag._ Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen thun -was ich will. Ich hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten -Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch zugleich -- Garten von -Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur -verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen Landschaft -nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im mindesten an einen -Garten sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat -es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park -gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen. Und schon kann -man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist -verboten den Rasen zu betreten!« - -Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher. - -_Samstag._ Das neue Geschöpf ißt zu viel Früchte. Wir werden -wahrscheinlich bald Mangel daran haben. Schon wieder ›Wir‹ -- das ist -sein Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen Hören ... Ziemlich -neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das -neue Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit -schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend, -und früher war es hier so angenehm und ruhig. - -_Sonntag._ Hab ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer -ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag -gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs -solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf, -wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel -herunterzuholen. - -_Montag._ Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Das ist ganz -recht, und ich will nichts dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei -dazu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben -wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Dies -Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs. -Und wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von allgemeiner -Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden. -Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine -›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber mir ist’s einerlei; -sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht -beständig reden wollte! - -_Dienstag._ Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und -reinliche Sommerfrische abgeben, für den Fall sich Gäste dafür finden -ließen. Sommerfrische -- was heißt das? Offenbar wieder so ’ne neue -Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch ruheloseren Mundes -- -Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, ich -frage sie gar nicht erst danach -- sie hat ohnehin eine wahre Sucht -alles zu erklären. - -_Freitag._ Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über -den Wasserfall zu gehen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht -denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie schaudern. Ich möchte -nur wissen warum? Ich habe es immer gethan, seit ich hier bin. Das -Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den -größten Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch -immer gedacht, daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er --- soweit ich sehen kann -- sonst keinen Zweck, und irgend einen Zweck -muß er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte -wäre nur um der malerischen Scenerie willen da -- wie das Rhinoceros -und das Mastodon. - -Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -- auch das -war nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte, -- sie war -noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb -des Falls und durch die Stromschnellen oberhalb des Falls in einem -nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in Fetzen -ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht. -Ich fühle mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird -mir gut thun. - -_Samstag._ Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und -habe mir dann, nachdem ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen -neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. Aber wie -sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu -verbergen, -- sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, -welches sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich zu -mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht -hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie -sieht, hervorschießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr -zurückzugehen, -- aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich -die Gelegenheit bietet. Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen -Dingen ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, warum die -Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, auf diesem großen Grundstück -von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine -Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt sind einander -aufzufressen. Das ist einfach Narrheit. - -_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir. - -_Montag._ Ich glaube jetzt dahintergekommen zu sein, wozu die Woche da -ist: sie soll einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags -zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee ... Ich habe Eva schon -wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert und -ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam und sagte, -es hätte ’s ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine -genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu thun. -Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung erregte ihre -Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr -leicht erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort. - -_Dienstag._ Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, daß sie aus einer -von meinem Körper genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine -gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe gefehlt! Besonderes -Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem -sie sich so viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, und -fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich -einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung haben müsse. Ein Habicht -sollte sich, meiner Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. Man -kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge -umkehren. - -_Samstag._ Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog, -um sich im Wasser zu betrachten. Sie thut das immer, sobald sie an -einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. -Sie hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei -ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen -war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser -leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer -nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen. -Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt ihr -nicht das geringste; sie ist nun einmal solche Thörin! Die Folge war, -daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte -und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. Aber ich habe -sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus -nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den -ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie -einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn -sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen -ihnen ist, namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich. - -_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir. - -_Dienstag._ Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die -andern Tiere sind froh, weil sie beständig an ihnen herumhantierte -und sie nicht in Ruhe ließ -- auch ich freue mich darüber, weil die -Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann. - -_Freitag._ Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht -von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine -große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich sagte ihr, es -würde noch etwas anderes daraus entstehen -- der Tod würde in die -Welt kommen. Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und ich hätte -ungleich besser gethan, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte -sie nur auf den Gedanken, daß sie dann den kranken Habicht gesund -machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und Tigern frisches -Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs -dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es -nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder -ans Auswandern. - -_Mittwoch._ Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jenem Abend bin ich -ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd -nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park herauszukommen und -ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach. Aber -das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte -ich die Grenze noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf -einer grasigen, mit Blumen bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren -versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils miteinander -spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen -sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im -nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander. -Wie rasend fielen die Tiere über einander her und zerfleischten sich -gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte -ich sofort, was es zu bedeuten hatte -- Eva hatte von der verbotenen -Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die -Welt gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen -es, ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle zu kehren. -Ja, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht -schnell aus dem Staube gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand -ich diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage -äußerst behaglich befunden, bis -- sie mich auch hier entdeckt hatte -und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir -das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie ich es mir vorher -vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar nicht übel -und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn, -- weil er -gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, daß sie mich -gefunden hatte, da es hier herum weder Früchte noch Beeren gab, wie -drüben im Park, und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen Baumes -mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß ich mich genötigt sah, sie -zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze -- aber ich -habe damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu -bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat. - -Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art -Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte, -was dieser neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne Zeug -herunterriß und es auf die Erde warf, -- da zitterte sie an allen -Gliedern, und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden -zittern und rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern -geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das -bald an mir selbst erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz -meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -- es -war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei -so vorgeschrittener Jahreszeit -- und fing an, mich selber mit dem -Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann -sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch -mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. -Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide nach dem Platz -zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft -hatten und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für -uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen -könnten. Sie sind hart und unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten -Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache. - -Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz gute Gesellschafterin -ist. Ohne sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem -ich meinen Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir eben -gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der Dinge fortan für unsern -Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie -wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen. - -_Nächstes Jahr._ Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen, -während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu -stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, im -Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns -angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht -irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner -Meinung nach ist es ein Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe -allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch -neue Art Tier ist, -- vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser -warf, um mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf sie -ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen, -die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer -der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr so gleichgültig -zu sein scheint, was es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem -neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr -neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf -im Hause hat, scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie sich -schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so -große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund -dafür anzugeben. Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne nicht -mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in -ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser -will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hinein -werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie nur je, als -sie noch bei Verstande war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann -wieder das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den -Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rücken, macht mit ihrem -Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch -vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher dergleichen -nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend einem Tiere thun sehen, -und ich mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm -Grundstück vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge -Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit ihnen getrieben, aber doch nicht -immerfort und niemals bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen -genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam. - -_Sonntag._ Am Sonntag scheint sie sich’s zur Regel zu machen, nicht zu -arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und -den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt sie allerlei -Töne mit dem Munde hervor und behauptet, das belustige ihn; sie steckt -sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er -fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen Fisch lachen sehen, -und dabei kommen mir allerlei Zweifel ... Der Sonntag gefällt mir jetzt -selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, wenn man die -Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen muß. Da sollte -es noch mehr Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem großen -Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, jetzt fangen sie an, -mir ganz gelegen zu kommen. - -_Mittwoch._ Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt -- aber darum -kann ich noch lange nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es -was haben will und bekommt es nicht gleich, macht es den tollsten -und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst -zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, -denn es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen; -es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil -es nicht kriechen kann. Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls -ganz bestimmt, obgleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen zu -lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden -auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei -keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es -stirbt will ich es auseinandernehmen, um seine innere Einrichtung zu -untersuchen. Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen. - -_Drei Monate später._ Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich -kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das -Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen -vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den -übrigen Vierfüßlern, denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So -ragt denn der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig in die -Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im übrigen ist es ganz so -gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, daß es -nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge -der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus der Känguruh-Familie -stammt. Doch unterscheidet es sich auch hier wieder von dem wirklichen -Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muß eine seltsame -und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden -ist. Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt, -mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, daß -ich dem neuen Geschöpf meinen Namen beilege. Ich habe es ~Kaengurum -Adamiensis~ getauft. - -Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem -Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist -es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es -nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang -und Gewalt vermögen nichts dagegen auszurichten, im Gegenteil, sie -machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das Zwangs-System, -mit dem ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich -ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders schwierigen Stand hatte. -Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schönthun und meistens damit, -daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat. - -Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte. -Sie sagte mir, sie habe es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß -es das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze -Zeit über müde und lahm gesucht, um ein zweites Exemplar zu finden, -teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten -für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und sich leichter zähmen -lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur -habe ich aufgefunden. Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben -als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts bewegt, müßte es -doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und -Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere -kann ich fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die -Falle, nur um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt ist, -glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, sie werfen sie höchstens um. - -_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer -fort, was höchst seltsam und beunruhigend ist. Ich habe noch nie -gesehen, daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle Größe zu -erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen -Känguruhpelz, sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich -feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. Wenn das noch -lange so fort geht, verliere ich nächstens den Verstand über die tollen -und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten -zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen, -- doch -das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art und -von dieser das einzige Exemplar, -- soviel steht jetzt fest. Seit -vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte -ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem -Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde, -wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes Tier zu begegnen. Unter -Wildfremden, die nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen -und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie ich glaubte, einen -kleinen Trost finden. Aber welchen Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel -bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche Krämpfe, -daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen. -Mir thut das kleine Tier leid, denn es schreit bei der geringsten -Gelegenheit und ich kann nichts thun, um es glücklich zu machen oder -zu sorgen, daß es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt -- und -doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur -wenigstens zähmen könnte, -- aber auch das ist ganz außer Frage. Und -je mehr ich es versuche, um so schlimmer scheine ich es zu machen. Es -schneidet mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen -von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu sehen. Eigentlich möchte -ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht den Wunsch -auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und -zweitens würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen. -Das scheint sehr grausam und selbstsüchtig von ihr, -- aber vielleicht -hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch einsamer sein als -vorher. Ist es mir nicht gelungen ein zweites Exemplar seiner Gattung -zu finden, so müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen. - -_Fünf Monate später._ Es ist kein Känguruh! Nein, es kann sich seit -wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es -sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten -Finger festhält. Ueber ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch -nicht hinaus, sondern fällt dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere -zurück. Aber das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, daß es -kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist. Nur -hat es keinen Schwanz und, -- wenigstens bis jetzt, -- kein haariges -Fell, außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -- ich -weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde diesem hier, so -gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne -Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht, -Eva ein richtiges, ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches -sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was ich damit -erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern in ihrem Gesicht förmlich -wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als -je von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Thorheit in -neue Gefahr bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie -umgewandelt. - -_Vierzehn Tage später._ Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist -es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es -noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und -namentlich in der Nacht. In den letzten beiden Nächten war es so arg, -daß ich ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und -dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst -einmal den ganzen Mund voll Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein, -Maßregeln zu ergreifen, -- Schwanz oder nicht Schwanz -- denn ein Bär -braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein. - -_Vier Monate später._ Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und -Fischausflug fortgewesen. Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit -hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen allein -fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ und ›Momma‹ klang, zu sagen. -Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie -Worte anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an sich gar nichts -zu bedeuten haben. Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig -genug, und jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese -Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des Pelzes und der -vollständige Mangel eines Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht -nur eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen -beabsichtige ich, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition -auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten -Exemplar zu durchsuchen. - -_Drei Monate später._ Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug, -von dem ich da eben zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar -erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? Ohne sich vom -Platze zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen -gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat -man je von solchem Glück gehört? - -_Tags darauf._ Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten -verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage -sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung -auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im allgemeinen -eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon -wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich -ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen. -Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle -sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen -zurückbliebe! - -Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar -plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel -um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe -der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, -- -vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei -ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es -alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen -Fisch hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere zuerst war; -es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da -einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen -gegeben -- Abel nennt sie es. - -_Zehn Jahre später._ Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit -geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit -hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, daher -unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, -- -auch ein paar Mädel sind schon angekommen. - -Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so -würde das besser für ihn gewesen sein. - -Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, daß ich Eva -im Anfang unrecht gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit -ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche -zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs tiefste betrüben, wenn diese -Stimme verstummen und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte. -Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander so nahe gebracht -hat, daß ich ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen -lernte! - - _Ende._ - - - - -Mein Reisegefährte, der Reformator. - - -Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach Chicago, um die -Weltausstellung zu sehen, sah sie zwar nicht, aber mein Ausflug war -doch nicht ganz fruchtlos -- ich fand Ersatz für die Ausstellung. In -New York machte ich die Bekanntschaft eines Majors von der Armee, der -mir sagte, er wolle ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns, -die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch etwas in Boston zu -tun, aber das machte ihm nichts; er sagte, er wolle den Umweg machen -und mitkommen. Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau wie ein -Gladiator, indes seine Manieren waren ruhig, seine Sprache war sanft -und hatte etwas Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender -Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen Sinn für -Humor. Er nahm Interesse an allem, was um ihn herum vorging, allein -sein Gleichmut war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus der Ruhe, -nichts regte ihn auf. - -Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte ich, daß er tief im Innern -trotz all seiner Ruhe eine Leidenschaft hatte -- eine Leidenschaft für -die Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. Er schwärmte -für Bürgerpflicht -- das war sein Steckenpferd. Er war der Meinung, -jeder Bürger der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen und -unbesoldeten Polizisten betrachten und über den Gesetzen und ihrer -Beobachtung treue Wacht halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte -der Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren und zu schützen, -wenn jeder Bürger für sein Teil dazu half, daß jeder Verstoß, der zu -seiner persönlichen Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde. - -Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, als ob man dabei -fortwährend Unannehmlichkeiten haben müsse und nichts andres mehr -zu tun habe, als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen zu -lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht zu werden. Aber -er sagte nein, ich wäre auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung -vor, irgend jemand absetzen zu lassen, ja es _dürfe_ überhaupt niemand -entlassen werden; das wäre gänzlich verfehlt -- nein, man müßte den -Mann reformieren und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar machen. - -»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige bringen und dann den -Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen -tüchtigen Rüffel zu geben und ihn zu behalten?« - -»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn überhaupt nicht -anzeigen, denn damit bringen Sie sein täglich Brot in Gefahr. Sie -könnten so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten -- wenn alles andre -nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. Das ist schon eine Art -von Gewalt, und Gewalt taugt nicht. Diplomatie -- das hilft! Wenn nun -jemand Takt besitzt -- wenn er Diplomatie anwendet ...« - -Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter gestanden, -und die ganze Zeit über hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit -eines der jungen Beamten zu erregen; aber von denen hatte keiner -Zeit, weil sie alle Maulaffen feil hielten. Schließlich machte sich -der Major bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm -abzunehmen. Er bekam zur Antwort: - -»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?« - -Und der junge Mann sah wieder aus dem Fenster. - -Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. Dann schrieb er ein -zweites Telegramm: - -»Präsident der Western Union Telegraph Company. Bitte, speisen Sie -heute abend bei mir. Kann Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem -Ihrer Bureaus der Dienst gehandhabt wird.« - -Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch geantwortet hatte, -streckte die Hand aus und nahm das Telegramm; als er es las, wurde er -ganz blaß und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde seine -Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm abginge, und -vielleicht bekäme er keine andre wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal -so hinginge, so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr geben. -Daraufhin wurde der Friede geschlossen. - -Als wir weitergingen, sagte der Major: - -»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie -- und Sie haben bemerkt, wie sie -wirkte. Es hätte gar keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die -Leute fortwährend tun -- der junge Mensch kann einem mit gleicher -Münze heimzahlen, und man zieht fast immer den kürzeren dabei und -ärgert sich bloß über sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen -Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche Worte und Diplomatie -- -das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muß.« - -»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so günstiger Lage, wie Sie -in diesem Fall. Es steht eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit -dem Präsidenten der Western Union.« - -»Ich kenne den Präsidenten gar nicht -- ich benutzte ihn nur zu -diplomatischen Zwecken. Es geschieht zu seinem und zum allgemeinen -Besten. Also nichts Böses dabei.« - -Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: »Ist es aber überhaupt -wohl jemals recht oder anständig, zu lügen?« - -Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage lag, beachtete er nicht, -sondern antwortete mit unerschütterlich ernster Einfachheit: - -»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand Schaden zu tun oder um sich -selber einen Vorteil zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen. -Wenn man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen oder um des -allgemeinen Besten willen -- oh, das ist ganz was andres! Das weiß -ja jedes Kind. Aber ganz abgesehen von den Methoden -- Sie sehen das -Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein brauchbarer und höflicher -Beamter werden. Er hatte ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu -retten, -- um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen. -Natürlich hat er eine Mutter -- auch Schwestern. Hol’ der Henker die -Leute, die das fortwährend vergessen. Wissen Sie, ich habe nie in -meinem Leben ein Duell gehabt -- nicht ein einzigesmal --, obwohl ich -so gut wie andre Leute Herausforderungen erhielt. Ich sah immer meines -Gegners unschuldige Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und -mir stehen. _Sie_ hatten ja nichts getan -- ich konnte doch nicht -_ihre_ Herzen brechen.« - -Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche Menge Mißstände, -und stets ohne Reibung, stets mit einer feinen und zartfühlenden -›Diplomatie‹, die keinen Stachel zurückließ. Seine Leistungen -bereiteten ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß ich ihn um -seinen Beruf beneidete und mich vielleicht auch darin versucht haben -würde, wenn ich die notwendigen Abweichungen von der Wahrheit mit -ebensolcher Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen könnte, wie es -mir mittels einer Feder und hinter der Deckung einer Druckerpresse nach -einiger Uebung -- glaube ich -- wohl möglich wäre. - -Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn wieder in die Stadt -hinein fuhren, kamen drei Radaubrüder in den Wagen und begannen -nach rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen um sich zu -werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen und Kinder, hatten Angst, -und kein Mensch wagte, den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu -erwidern; der Schaffner versuchte es mit gütlichem Zureden, aber -die Rauhbeine gaben ihm einfach Schimpfworte zurück und lachten ihn -aus. Sehr bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall seiner -Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich musterte er in Gedanken -seinen Vorrat von diplomatischen Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit -voraus, daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und Hohn, vielleicht -sogar noch Schlimmeres einbringen würde; aber bevor ich ihm diese -Bemerkung zuflüstern konnte, sagte er bereits in gleichmütigem und -leidenschaftslosem Ton: - -»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. Ich will Ihnen -dabei helfen.« - -Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der Blitz fuhren die drei -Knoten auf ihn los, aber kein einziger kam an ihn heran. Er teilte -drei Faustschläge aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes zu -sehen nicht erwarten konnte, und die drei Kerle blieben liegen, wo sie -hingefallen waren. Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der -Plattform des einen Moment haltenden Wagens hinunter; hierauf fuhren -wir weiter. - -Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein Lamm so vorgehen konnte; -erstaunt über die von ihm entfaltete Kraft und über das klare und -allgemeinverständliche Ergebnis; erstaunt über die gewandte und -geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze gemacht hatte. Die Situation -hatte ihre humoristische Seite, insofern ich den ganzen Tag über -von diesem schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über sanfte -Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört hatte. Ich hätte ihn -gern darauf hingewiesen und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber -als ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck haben würde. Auf -seinem ruhigen und zufriedenen Gesicht lag keine Ahnung von Humor; -er würde mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der nächsten -Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich zu ihm: - -»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, oder vielmehr es waren -drei tüchtige diplomatische Streiche.« - -»_Das?_ Das war keine Diplomatie. Sie sind völlig auf dem Holzweg. -Diplomatie ist ganz was andres. Damit ist bei _der_ Sorte nichts -auszurichten; sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war keine -Diplomatie, es war Gewalt.« - -»Da Sie das Wort nennen, so -- ja, ich glaube, Sie können vielleicht -recht haben.« - -»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es _war_ eben Gewalt!« - -»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. Versuchen Sie oft, -Leute auf diese Art zu bessern?« - -»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht öfter, als jedes halbe Jahr -einmal im Durchschnitt.« - -»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?« - -»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich! Sie sind ganz außer Gefahr. -Ich weiß, wie und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl bemerkt, -daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. Das würde sie getötet haben.« - -Ich glaubte das. Ich bemerkte -- und nach meiner Meinung war es ein -ganz guter Witz --, er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, habe -sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, zum Sturmbock; aber -er sagte mit freundlicher Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein -Sturmbock sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im Gebrauch. Das -war, um aus der Haut zu fahren, und ich wäre beinahe mit der Antwort -herausgeplatzt, er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein Trampeltier. -Ich hatte das Wort tatsächlich schon auf der Zunge, aber ich sagte es -doch nicht, denn mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und ich -es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen könne. - -Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Die Rauchabteilung -im Salonwagen war voll, und wir gingen daher in das gewöhnliche -Rauchcoupé. Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, auf dem -vordersten Sitz, saß ein bescheiden aussehender alter Mann -- dem -Anschein nach ein Landmann -- mit bleichem, kränklichem Gesicht und -hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft zu bekommen. Auf -einmal kam polternd ein großer Bremser herein; bei der Tür blieb er -stehen, warf dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und schlug mit -solcher Kraft die Tür zu, daß der alte Mann beinahe seine Stiefelsohle -eingebüßt hätte. Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere -von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah ganz beschämt und -traurig drein. - -Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, und der Major hielt ihn an -und stellte in seiner gewöhnlichen höflichen Weise die Frage: - -»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes Betragen eines -Bremsers? Bei Ihnen?« - -»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn Sie das wollen. Was hat er -getan?« - -Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien den Schaffner zu -amüsieren. Er sagte mit einer ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu -seinen köstlichen Worten: - -»Wenn ich Sie recht verstehe, so _sagte_ der Bremser nichts?« - -»Nein, das tat er nicht.« - -»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?« - -»Ja.« - -»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?« - -»Ja.« - -»Und das ist alles, nicht wahr?« - -»Ja, das ist alles.« - -Der Schaffner lächelte freundlich und sagte: - -»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; aber ich sehe nicht -recht, wohin das führen könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so -wollen Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn hier beleidigt. -Man wird Sie fragen, was er _gesagt_ habe. Sie werden antworten, gesagt -habe er überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, wie Sie -von einer Beleidigung sprechen können, wenn der Mann, wie Sie selber -zugeben, kein Wort gesagt hat.« - -Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner für seine knappen und -bündigen Schlußfolgerungen. Das machte ihm Vergnügen -- man konnte es -seinem Gesicht ansehen. - -Aber der Major war unerschüttert. Er sagte: - -»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand im ganzen -Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -- wie übrigens auch -das Publikum und allem Anschein nach Sie selber -- wissen gar nicht, -daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in Worten bestehen. Darum -wendet sich niemand an die höchste Stelle und beschwert sich wegen -Beleidigungen in Manieren, Gebärden, Blicken und so weiter, und -trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher als Worte. Sie tun -bitterlich weh, weil sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er -von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, immer sagen kann, es -sei ihm nicht im Traum eingefallen, irgend jemand beleidigen zu wollen. -Mir scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend ersuchen, auch -Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die _nicht_ in Worten ausgedrückt -waren, zur Anzeige zu bringen.« - -Der Schaffner lachte und sagte: - -»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs Publikum recht weit treiben!« - -»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen Fall in New Haven zur -Sprache bringen, und ich habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür -sein wird.« - -Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem freundlichen Ausdruck, -oder vielmehr es wurde vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging. -Ich sagte: - -»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer Lappalie Lärm schlagen?« - -»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets angezeigt werden. Es ist -eine öffentliche Angelegenheit, und kein Bürger hat das Recht, darüber -hinwegzusehen. Aber ich werde mich über diesen Fall gar nicht zu -beschweren brauchen.« - -»Wieso?« - -»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird alles in Ordnung bringen. -Sie werden schon sehen.« - -Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder durch den Wagen; als er beim -Major war, beugte er sich zu ihm herüber und sagte: - -»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den Mann nicht anzuzeigen. Er -ist mir verantwortlich, und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm -einen Rüffel geben.« - -Der Major antwortete herzlich: - -»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich hätte aus Rachsucht so -gesprochen, ich tat’s aus Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager -ist einer von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, daß Sie den -Bremser das nächstemal, wenn er einen harmlosen alten Mann gröblich -beleidigt, ganz gehörig vornehmen wollen, so wird ihn das freuen, -darauf können Sie sich verlassen.« - -Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man vielleicht hätte -erwarten können; er machte im Gegenteil den Eindruck, als ob ihm recht -unbehaglich zu Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der Stelle mit ihm -geschehen. Ich will ihn entlassen.« - -»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck haben? Glauben Sie -nicht, es wäre vernünftiger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn -zu behalten?« - -»Hm, da liegt was drin ... Was würden Sie vorschlagen?« - -»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart all dieser Herrschaften. -Wie wär’s, wenn Sie ihn hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart -Abbitte tut?« - -»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte noch eins bemerken: -Wenn alle Leute es so machten wie Sie und solche Sachen sofort bei -mir meldeten, anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher -herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu schimpfen, so sollten Sie -mal sehen, wie schnell sich alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr -verbunden.« - -Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er wieder hinaus war, sagte -der Major: - -»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das war? Der gewöhnliche Bürger -würde nichts ausgerichtet haben -- der Schwager eines Direktors bringt -alles fertig, was er nur will.« - -»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem der Direktoren?« - -»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe -einen Schwager in allen Direktionen -- überall. Das erspart mir endlose -Verdrießlichkeiten.« - -»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.« - -»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.« - -»Wird die Verwandtschaft niemals von einem Schaffner angezweifelt?« - -»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf mein Ehrenwort: _niemals_!« - -»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s wollte, den Bremser -fortjagen? Sie wissen, daß der Mensch es verdiente.« - -Der Major antwortete -- und in seinem Tone lag wirklich ein an ihm ganz -ungewohnter Anflug von Ungeduld: - -»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken wollten, so würden Sie -eine solche Frage nicht stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man -ihn nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein Mensch und hat wie -ein Mensch um seinen Lebensunterhalt zu ringen. Und er hat stets eine -Schwester oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. Immer -- -Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt nehmen, -so nehmen Sie auch den ihrigen weg -- und was haben _sie_ Ihnen getan? -Nichts. Und was hat es für Zweck, einen unhöflichen Bremser fortzujagen -und einen andern anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine -Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das einzig Vernünftige -ist, den Bremser zu _bessern_ und ihn zu behalten? Das ist doch klar.« - -Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß noch ein Erlebnis. -Zwischen Hartford und Springfield kam mit dem üblichen Gebrüll der -Buchhandlungsjunge durch den Wagen; er hatte einen ganzen Armvoll -Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes Heft einem schlafenden Herrn -in den Schoß fallen, so daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr -ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich in sehr hitzigen -Reden über den Frevel. Sie ließen den Salonwagenschaffner kommen, -trugen ihm den Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus -fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer waren reiche Holyoker -Kaufleute, und der Schaffner hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen. -Er suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, der Junge -stehe nicht unter seiner Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der -Eisenbahnbuchhandlung. Aber all sein Reden nutzte ihm nichts. - -Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den Beschuldigten zu -zeugen. Er sagte: - -»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine Herren, haben nicht -übertreiben _wollen_, haben es aber doch getan. Der Junge hat nichts -weiter getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn Sie wünschen, -daß er anständigere Manieren annimmt und sich bessert, so bin ich -mit Ihnen einverstanden und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen zu -helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, ohne ihm eine -Möglichkeit der Besserung zu geben.« - -Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem Vergleich nichts -wissen. Sie wären gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston- und -Albany-Gesellschaft, sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles -andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und dem Jungen zu zeigen, -wer sie wären. - -Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, und er würde alles tun, -was in seinen Kräften stände, um den Jungen zu retten. Einer von den -Herren sah ihn von oben bis unten an und sagte: - -»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer den größten Einfluß beim -Präsidenten der Gesellschaft hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?« - -Der Major sagte in aller Ruhe: - -»Ja; er ist mein Oheim.« - -Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar Minuten lang herrschte -ein peinliches Schweigen. Dann fingen sie an einzulenken und -halbe Zugeständnisse zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig und -überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles wieder friedlich und -gemütlich, und es wurde beschlossen, die Sache fallen zu lassen und dem -Jungen sein Brot (mit Butter) zu lassen. - -Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich nicht des Majors -Oheim -- nur für diesen Tag und diesen Zug adoptiert! - -Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, weil wir mit -einem Nachtzug fuhren und den ganzen Weg über schliefen. - -Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn von New York ab. -Nach dem Frühstück am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen, -fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren nur ein paar Leute -drin und nichts los. Hierauf gingen wir in den kleinen Rauchabteil des -Salonwagens und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen schimpften -über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: daß nämlich Sonntags in den -Zügen nicht Karten gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges -Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, weiter zu spielen. -Der Fall interessierte unsern Major. Er sagte zu dem dritten Herrn: - -»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?« - -»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der Yale-Universität und ein -religiöser Mann, aber das geht mir zu weit.« - -Hierauf sagte der Major zu den beiden andern: - -»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr Spiel wieder aufnehmen, meine -Herren; niemand hier hat etwas dagegen einzuwenden.« - -Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber der andre meinte, er -wolle gern wieder anfangen, wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten -also einen Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen -Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner herein und -sagte in scharfem Tone: - -»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken Sie die Karten ein -- es -ist nicht erlaubt.« - -Der Major war gerade beim Mischen. Er mischte ruhig weiter und sagte: - -»Auf wessen Befehl ist es verboten?« - -»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.« - -Der Major fing an zu geben und fragte: - -»Ist die Idee von Ihnen?« - -»Was für ’ne Idee?« - -»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen zu verbieten.« - -»Nein, natürlich nicht.« - -»Von wem dann?« - -»Von der Gesellschaft.« - -»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von Ihnen, sondern von der -Gesellschaft aus. Stimmt das?« - -»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich muß Sie ersuchen, daß -Sie augenblicklich aufhören.« - -»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. Wer ermächtigte die -Gesellschaft, einen solchen Befehl zu erlassen?« - -»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts an, und ...« - -»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige sind, der hier in -Betracht kommt. Vielleicht geht es _mich_ sehr nahe an. Ja, es ist -in der Tat für mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich kann -eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes nicht verletzen, ohne mich -selber zu entehren; ich kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft -erlauben, meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften einzuschränken --- was Eisenbahnverwaltungen fortwährend zu tun versuchen -- ohne meine -Bürgerwürde zu entehren. Ich komme daher auf meine Frage zurück: auf -welche Autorität hin hat die Verwaltung diesen Befehl erlassen?« - -»Das weiß ich nicht. Das ist _ihre_ Sache!« - -»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft überhaupt ein Recht -hat, eine derartige Vorschrift zu erlassen. Die Bahn führt durch -verschiedene Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich -sind, und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in Bezug auf -das Kartenspielen am Sonntag lauten?« - -»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts an, wohl aber die -Befehle meiner Gesellschaft. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß -dies Spielen aufhört, meine Herren, und es _muß_ aufhören!« - -»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht zu übereilen. In -Gasthäusern schlagen sie gewisse Vorschriften in den Zimmern an, aber -stets führen sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. Hier sehe -ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen Sie Ihre Berechtigung -nach und lassen Sie uns zum Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß -Sie das Spiel aufhalten.« - -»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine Befehle, und das genügt. -Diesen Befehlen muß gehorcht werden.« - -»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen sein. Es wird besser -sein, wenn wir die Sache ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns -erst mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen Mißgriff -macht -- denn wenn die Freiheiten eines Bürgers der Vereinigten Staaten -beschnitten werden, so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und -die Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für meine Person lasse -es mir nicht gefallen, wenn der Betreffende mir nicht die Berechtigung -seines Vorgehens nachweist. Nun ...« - -»Mein werter Herr, _wollen_ Sie Ihre Karten hinlegen?« - -»Alles zu seiner Zeit -- vielleicht. Es kommt darauf an. Sie sagen, -diesem Befehl muß gehorcht werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie -sehen selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung wird Sie --- natürlich! -- nicht mit einem so drastischen Befehl bewaffnen, ohne -eine Buße auf jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte es -leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher Befehl bleiben. Wieviel -beträgt die Buße für Uebertretung dieses Gesetzes?« - -»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.« - -»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft befiehlt -Ihnen, hier hereinzukommen und in schroffer Weise eine unschuldige -Unterhaltung zu verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand, -um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie nicht ein, daß das -Unsinn ist? Was _tun_ Sie denn, wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu -gehorchen? Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?« - -»Nein.« - -»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle aus dem Zug?« - -»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn einer seine Fahrkarte -hat!« - -»Verklagen Sie ihn vor Gericht?« - -Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er verwirrt. Der Major gab -neue Karten und sagte: - -»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß die Gesellschaft Sie in -eine lächerliche Stellung gebracht hat. Man überträgt Ihnen das Amt, -eine anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das mit Lärmen und -Toben, und wenn Sie näher zusehen, so finden Sie, daß Sie kein Mittel -haben, sich Gehorsam zu erzwingen.« - -Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde: - -»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, und damit habe ich meine -Schuldigkeit getan. Ob Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden -Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte er sich zum Gehen. - -»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch nicht zu Ende. Ich -glaube, Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu -haben; aber wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber -eine Schuldigkeit zu erfüllen.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion in Pittsburg zur -Anzeige bringen?« - -»Nein. Wozu auch?« - -»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde _Sie_ anzeigen!« - -»Anzeigen -- weswegen?« - -»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer Gesellschaft, indem Sie -nicht unserm Spiel Einhalt getan haben. Als Bürger habe ich die -Pflicht, den Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten -den Dienst ordentlich versehen.« - -»Meinen Sie das im Ernst?« - -»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Menschen, aber -ich muß Ihnen als Beamten den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl -nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, muß ich Sie -anzeigen. Und das werde ich auch tun.« - -Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und dachte einen Augenblick -nach; dann rief er: - -»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette Patsche -gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; ich werde absolut -nicht mehr klug daraus. So was ist mir noch niemals vorgekommen. Die -Leute haben sich stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe -ich auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl ohne -Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand anzuzeigen, wünsche aber -auch selber nicht angezeigt zu werden -- um Gottes willen, davon könnte -ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie nur ruhig weiter --- spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie Lust haben --, und reden wir -nicht mehr davon!« - -»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, um die Rechte -dieses Herrn hier zu vertreten -- jetzt kann er selbst weiterspielen. -Doch bevor Sie gehen -- wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, weshalb -nach Ihrer Meinung die Gesellschaft diese Vorschrift erlassen hat?« - -»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen klar und einfach; sie -ist erlassen aus Rücksicht auf die Gefühle, ich meine die religiösen -Gefühle der Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, wenn -durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der Sonntag entheiligt wird.« - -»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts dabei, den Sonntag -durch Reisen zu entheiligen, aber sie wollen nicht dulden, daß andre -Leute ...« - -»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf diesen -Gedanken war ich noch nie gekommen. Aber es ist wirklich eine _alberne_ -Vorschrift, wenn man genauer zusieht.« - -In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu und wollte sehr von oben -herab das Kartenspielen untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die -Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir hörten kein Wort mehr -von der Geschichte. - -In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett und bekam daher von -der Weltausstellung keinen Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt, -nach dem Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig war. -Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major eine Salonabteilung -in einem Schlafwagen und bezahlte den Preis dafür. Ich hatte also -einen bequemen großen Raum zur Verfügung; als wir aber auf dem -Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß aus Versehen unser Wagen -nicht angehängt worden war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns -freigehalten -- mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der Major -sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten warten, bis der Wagen -angehängt sei. Hierauf antwortete der Schaffner mit freundlicher Ironie: - -»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie soeben sagten, aber -wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, meine Herren, einsteigen! Lassen -Sie uns nicht warten!« - -Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ auch nicht zu, daß ich -es tat. Er verlangte seinen Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies -machte den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, und er -rief: - -»Wir haben unser möglichstes getan -- Unmögliches können wir nicht -fertig bringen. Sie werden diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es -ist ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in diesem letzten -Augenblick wieder gutgemacht werden. So etwas kommt ab und zu vor, und -man kann nichts andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu -finden. Andre Leute machen’s auch so.« - -»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren Rechten bestanden, so -würden Sie jetzt nicht versuchen, die meinigen so mir nichts dir nichts -unter die Füße zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen -unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist meine Pflicht, -den nächsten, dem das Gleiche passieren könnte, vor derartigem zu -bewahren. Ich muß also meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago -warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung des mit mir -abgeschlossenen Vertrages verklagen.« - -»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer Kleinigkeit?« - -»Gewiß.« - -»Ist das wirklich Ihre Absicht?« - -»Allerdings.« - -Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt prüfenden Blick an; dann -sagte er: - -»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht da -- ist mir noch niemals -vorgekommen. Aber ich will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich -will den Bahnhofsvorsteher holen.« - -Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -- auf den Major, nicht -auf den Mann, der das Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz -angebunden und stellte sich auf den gleichen Standpunkt wie anfangs -der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen durchaus nicht; er -bestand mit seiner freundlichen Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen -haben. Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des Rechts nur auf -der einen Seite, und zwar auf der des Majors. Der Stationsvorsteher -gab sein ärgerliches Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar -halb und halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung von -Vergleichshandlungen, und der Major gab nun auch etwas nach. Er sagte, -er wolle auf die _bestellte_ und bezahlte Salonabteilung verzichten, -aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach einigem Suchen wurde eine -gefunden, deren Inhaber sich überreden ließ; er vertauschte sie mit -unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab. - -Am Abend besuchte der Schaffner uns und war freundlich und höflich -und zuvorkommend. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und -wurden schließlich gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum -beschwerte sich öfter -- das würde von guter Wirkung sein. Man könnte -nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen den Reisenden gegenüber ihre -Schuldigkeit täten, solange nicht die Reisenden sich selber darum -bekümmerten. - -Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug reformiert, aber -dem war nicht so. Am andern Morgen bestellte der Major, als wir im -Speisewagen saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte: - -»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir servieren nichts, was -nicht auf der Karte steht.« - -»Der Herr da drüben ißt Huhn.« - -»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor bei der -Gesellschaft.« - -»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn haben. Solche Unterscheidung -liebe ich nicht. Bitte, schnell -- bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!« - -Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser setzte leise und höflich -dem Major auseinander, es ließe sich unmöglich machen -- es wäre gegen -die Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste. - -»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder sie -unparteiisch brechen. Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder mir -auch eins bringen.« - -Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. Er begann eine -unzusammenhängende Erklärung vom Stapel zu lassen, und in diesem -Augenblick kam der Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward -setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus ein Huhn haben -wollte, obwohl das doch gegen die Vorschrift wäre und jenes Gericht -nicht auf der Speisekarte stände. Der Schaffner sagte: - -»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift -- eine andre Wahl gibt’s nicht -für Sie. Aber warten Sie mal ’nen Augenblick -- ist das der Herr?« -Dann lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre Vorschriften ... -ich rate Ihnen -- und ich weiß warum --, geben Sie ihm alles, was er -verlangt, und wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten und -besorgen Sie’s.« - -Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er täte es nur aus -Pflichtgefühl und des Prinzips wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar -nicht. - -Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, aber ich lernte dafür -ein paar diplomatische Kunstgriffe kennen, die sich mir und dem Leser -vielleicht im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen werden. - - - - -Meine Tätigkeit als Reisemarschall. - - -Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach Genf fahren mußten -und von dort in einer Reihe von tagelangen und höchst verzwickten -Eisenbahnreisen nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen -Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche Gesellschaft -wie meine Familie nach dem Rechten sehen konnte. - -Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit huschte dahin, und als -ich eines Morgens aufwachte, kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß -wir abfahren sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da faßte ich -einen Entschluß; er war, das fühlte ich, wahnwitzig kühn, aber ich war -gerade in der richtigen Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den -ersten Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung übernehmen. -Ich tat es. - -Ich brachte die Gesellschaft -- vier Personen -- höchstselber von Aix -nach Genf. Die Entfernung betrug reichlich zwei Stunden; unterwegs war -einmal Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste Mißgeschick; -allerdings ließ ich eine Reisetasche und einige andre Sachen auf dem -Bahnsteig stehen -- aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick nennen, -so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot mich daher, für den ganzen -Weg bis Bayreuth die Führung der Gesellschaft zu übernehmen. - -Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals nicht so vorkam. -Zur Aufgabe gehörten nämlich mehr Unteraufgaben, als ich vermutete. -Erstens: zwei Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer Genfer -Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt und nach dem Hotel -gebracht werden. Zweitens: ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo -man die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid sagen, daß sieben -von unseren aufbewahrten Koffern nach dem Hotel gebracht und dafür -sieben andre, die die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden, -wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte ausfindig machen, -in welchem Teil von Europa Bayreuth liegt, und sieben Eisenbahnkarten -nach diesem Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm -an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: es war jetzt zwei Uhr -nachmittags und wir mußten scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten -Nachtzug zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. Sechstens: -ich mußte auf der Bank Geld erheben. - -Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es mir, das -Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich mich daher selber nach -dem Bahnhof; Gasthofbedienstete sind nicht immer allzu schlau. Es -war ein heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir aber -sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, wie sich’s herausstellte, -ein Irrtum von mir, denn ich verlief mich und brachte dadurch die -Entfernung auf das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und man -fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen wünschte. Das brachte -mich in Verlegenheit und um meine Besinnung, denn es standen so viele -Leute um mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den Reisewegen und -dachte nicht, es könnte zwei verschiedene geben; ich hielt es daher für -das beste, erst wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte -auszusuchen und dann wieder zu kommen. - -Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im Hotel die Treppen -hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine Zigarren alle waren; ich dachte -daher, es wäre gut, mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder -vergäße. Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte dazu die Droschke -nicht, sagte daher dem Kutscher, er solle warten. Unterwegs dachte -ich an das Telegramm und versuchte den Wortlaut desselben in meinem -Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren und Droschke und -ging weiter und immer weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von -einem der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. Da ich aber -inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts gekommen sein -mußte, so dachte ich, ich wollte es selber tun. Aber es war weiter, -als ich vermutet hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb die -Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der Telegraphenbeamte war -ein streng aussehender aufgeregter Mensch; er begann mit einer solchen -Zungengeläufigkeit französische Fragen auf mich loszufeuern, daß ich -nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte und das andre anfing --- und dadurch verlor ich abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein -Engländer ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte zu wissen, -wohin er das Telegramm schicken sollte. Das konnte ich ihm nicht sagen, -weil es nicht _mein_ Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander, -daß ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft -besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele beruhigen: er mußte -durchaus die Adresse haben! Ich sagte ihm daher, wenn er so heikel -wäre, so wollte ich nach Hause gehen und sie besorgen. - -Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die -beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles -systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu -seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem -Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an -und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen -lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme. - -Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden -Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit, -weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten. -Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere -kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war -- -oder wenigstens kam es mir so vor -- mir däuchte daher, ich könnte -Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit -den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit -schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen -Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich -reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs -brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete, -das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich -und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot -mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück -an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm -gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster -Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab. - -Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.; -ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel -schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob -ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber -alles, was ich in meinem Kopf finden konnte. - -Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen -Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. -Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen -lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also -eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten -Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem -Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der -Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine -Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir -gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und -gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein, -und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder -nach dem Postamt zurückkäme. - -Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen -gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der -diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb -elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei -jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen -Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze -Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person; -wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich -wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur -gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen -lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich -ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen -könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er -sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu -sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das -er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich -dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in -meinen drei Droschken nach Hause. - -Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue -Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei -nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen -Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz -bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die -Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die -Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe, -Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und -Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon -gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend -gefallen. Ja, und sie warteten -- warteten auf mich. Mir schien, bloß -ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter ~tour de -force~ könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung -zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die -Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter: - -»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!« - -Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende -gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich -meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß -bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war. - -Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu -spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und -den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem -ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze -Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser -Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre -dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen -beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus -diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen. -Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das -Haupt der Expedition fiel mir -- plumps! -- ins Wort und fragte -schneidend: »Wo bist du gewesen?« - -Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht -obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. -Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum -schroff unterbrochen: - -»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine fürchterliche Angst um sie -ausgestanden.« - -»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen eine Droschke besorgen. -Ich will mich auch nun flugs auf den Weg machen und ...« - -»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es elf Uhr ist? Wo hast du sie -gelassen?« - -»In ihrer Pension.« - -»Warum brachtest du sie nicht mit her?« - -»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. Darum dachte ich ...« - -»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. Man kann nicht denken, -wenn man nicht den nötigen Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen -bis zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke dorthin?« - -»Ich ..., nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, es kam nur ganz -zufällig so.« - -»Wieso kam es denn zufällig?« - -»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, daß ich eine Droschke -hier vor dem Hotel hatte warten lassen, und so, um die Ausgabe zu -sparen, schickte ich eine andre Droschke, um ... um ...« - -»Um ...?« - -»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so schnell darauf -besinnen; aber ich glaube, der neue Droschkenkutscher sollte im Hotel -Bescheid sagen, daß sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und -wegschickten.« - -»Was sollte das für einen Zweck haben?« - -»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch hätte doch die Ausgabe -für die Droschke aufgehört, nicht wahr?« - -»Indem die neue Droschke an Stelle der alten wartete, und so die -Ausgabe fortdauerte?« - -Hierauf sagte ich nichts. - -»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke zurückkommen, um dich -abzuholen?« - -»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s ein. Jawohl, das tat -ich. Ich erinnere mich nämlich, daß, als ich ...« - -»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und holte dich ab?« - -»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!« - -»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu Fuß nach der Pension zu -gehen?« - -»Ich -- ich weiß nicht mehr so recht, wie das eigentlich zuging. O -ja -- jetzt hab’ ich’s! Richtig! Ich schrieb die Depesche, die nach -Holland geschickt werden sollte, und ...« - -»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens etwas fertig gebracht. -Ich hätte dir auch nicht raten mögen, die Absendung zu verbummeln -- -aber warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? Du versuchst, -bei meinem Auge vorbeizublicken. Die Depesche ist das Allerwichtigste -auf der ... Du hast die Depesche nicht abgeschickt!!« - -»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.« - -»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach Herrje, es ärgert mich -mehr als alles auf der Welt, daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen -ist. Warum schicktest du es nicht ab?« - -»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes zu tun und im Kopfe zu -behalten hat ..., sie nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem -ich das Telegramm geschrieben hatte ...« - -»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes Reden kann es jetzt -auch nicht mehr gut machen. Was soll er aber bloß von uns denken?« - -»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. Er wird denken, -wir hätten das Telegramm den Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und -sie ...« - -»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen denn nicht? Das war ja doch -das einzige Vernünftige.« - -»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, ich müßte der -Sicherheit wegen auf die Bank gehen und etwas Geld erheben.« - -»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß du wenigstens daran -gedacht hast. Ich will dir auch nicht zu nahe treten, aber du mußt -selber zugeben, daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast und -daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. Wieviel hast du dir -geben lassen?« - -»Hm, ich ... ich habe mir gedacht, daß ...« - -»Daß was?« - -»Daß ... hm mir scheint, daß unter den obwaltenden Verhältnissen ... -und da wir so viele, weißt du ... und ... und ...« - -»Was brummelst du denn da in den Bart? Dreh’ dein Gesicht herum und laß -mich ... wahrhaftig, du hast überhaupt kein Geld erhoben!« - -»Ja, der Bankier sagte ...« - -»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt einen ganz besonderen Grund -dafür gehabt haben. Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne -des Wortes, sondern etwas, was ...« - -»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war die, daß ich meinen -Kreditbrief nicht bei mir hatte.« - -»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!« - -»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.« - -»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo war er?« - -»Im Postgebäude.« - -»Was sollte er denn da?« - -»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf dem Tisch liegen lassen.« - -»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle gesehen; -aber von allen Reisemarschällen, die ich jemals ...« - -»Ich habe mein Bestes getan!« - -»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist unrecht von mir, daß ich -dich so ausschelte. Du hast dich ja todmüde gelaufen, während wir -hier saßen und bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir -dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht hast. Es wird -schon alles zurechtkommen. Wir können ebensogut morgen früh mit dem -Halb-Acht-Zug fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?« - -»Jawohl -- und sogar recht billig; 2. Klasse.« - -»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter Klasse, und wir können -die große Extraausgabe ganz gut sparen. Wieviel bezahltest du?« - -»Hundertzehn Francs für das Stück -- direkt bis Bayreuth.« - -»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte Fahrkarten kaufen könnte. Ich -dachte, das könnte man nur in London und in Paris.« - -»Manche Leute können’s vielleicht nicht -- aber manche können’s; und zu -den letzteren gehöre ich, wie es scheint.« - -»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.« - -»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine Kommissionsgebühr ab!« - -»Händler?!« - -»Ja -- ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.« - -»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich früh aufstehen müssen, -und deshalb wäre es gut, wenn wir nichts zu packen hätten. Dein -Regenschirm, deine Gummischuhe, deine Zigarren ..., was ist denn los?« - -»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren in der Bank liegen lassen.« - -»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein Regenschirm?« - -»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die Sache hat ja keine Eile.« - -»Was soll das heißen?« - -»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß ...« - -»Wo ist der Regenschirm?« - -»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja keine fünf Mi ...« - -»Wo ist er?« - -»Aeh ..., ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen stehen lassen; aber -auf jeden Fall ...« - -»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen heraus! Das ist also genau -so, wie ich’s mir gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?« - -»Die ... äh ...« - -»Wo sind deine Gummischuhe?« - -»Es ist ja so trocken ..., sie sagen ja alle, es sei kein Tropfen Regen -mehr zu erw ...« - -»Wo -- sind -- deine -- Gummischuhe?!« - -»Sieh ’mal -- die Sache kam so. Zuerst sagte der Beamte ...« - -»Was für ein Beamter?« - -»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister ...« - -»Was für ’n Bürgermeister?« - -»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte ...« - -»Warte ’mal! Was ist mit dir los?« - -»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten mich beide überreden, ich sollte -dableiben, und ...« - -»Dableiben? Wo?« - -»Die Sache ist nämlich ...« - -»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu -tun gehabt?« - -»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte, -da ...« - -»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir -kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?« - -»Sie ..., nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.« - -Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen, -aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder -vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition -nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht. - -Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen, -und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen -konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte. -Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden, -aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede -auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese -Angelegenheit besorgt. - -»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und -intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht -recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr -darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig -benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches -Wort sagte.« - -Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir -wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher -fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es -schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich -ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine -Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war -schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran! - -Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir -nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu -warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich -dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen. - -Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit -zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas -schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das -könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er -habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, -wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen. - -»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt -sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.« - -»Wieviel bezahlten Sie dafür?« - -»140 Francs.« - -»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in -Ordnung.« - -Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte: - -»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus. -Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten -- ein guter ist -gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir -empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.« - -Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es -gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem -Reisemarschallsamt sprach. - -Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der -Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau -kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn -ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte -der Polizist es wäre ›~défendu~‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm -ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts -wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine -Muttersprache hörte. - -Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte -die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen -- das -tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum -handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden -ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief -wurde hereingebracht und geöffnet -- und es war nichts weiter darin -als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel, -den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können, -und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu -allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit -nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof -sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und -dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei -unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich, -welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben -in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten -auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des -Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs -nach der Bank. - -Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch -bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding -zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort! - -Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in eine Nebenstraße ein -und begab mich auf den Weg, um die beiden fehlenden Mitglieder der -Expedition abzuholen. Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich ließ -mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit gewann ich dadurch -nichts, aber es war eine ruhevolle Abwechslung, und ich liebe recht -viele Ruhe. Der wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten -Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der Begründung der -Eidgenossenschaft war auf seinem Höhepunkt, und alle Straßen waren mit -wehenden Fahnen behangen. - -Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken gewesen und hatten -während dieser ganzen Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus -wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. Aber im Laufe der -Zeit kamen wir trotzdem an. Ich ging ins Haus und klingelte, und bat -ein Dienstmädchen, sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, daß sie -schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf etwas, was ich nicht -verstand, und ich kehrte zu meiner Karre zurück. Wahrscheinlich hatte -das Mädchen mir gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk, -und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und von Stockwerk zu -Stockwerk läutete, bis ich sie fände; denn in diesen schweizerischen -Mietskasernen scheint man jemanden nur dadurch finden zu können, daß -man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach oben die richtige -Wohnung zu erraten trachtet. Ich rechnete mir aus, daß ich fünfzehn -Minuten würde warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets drei -unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens: die Hüte aufsetzen, -herunterkommen, einsteigen; zweitens: Umkehren des einen Mitglieds: -»um meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren des anderen -Mitglieds: »um meinen ›kleinen Franzosen in der Westentasche‹ zu -holen.« Ich beschloß, diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit meinen -Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu ärgern. - -Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; dann fühlte ich -eine Hand auf meiner Schulter und fuhr in die Höhe. Der Störenfried -war ein Polizist. Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick -der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine recht stattliche -Menschenmenge versammelt, und die Leute sahen so vergnügt und neugierig -drein, wie sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu Schaden gekommen -ist. - -Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, und einige Jungen -hatten sie und mich von oben bis unten mit bunten Zieraten behangen, -die sie von den unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war ein -empörender Anblick! Der Beamte sagte: - -»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den ganzen Tag hier -schlafen lassen.« - -Ich war verletzt und sagte voll Würde: - -»Ich bitte recht sehr -- ich schlief nicht; ich dachte!« - -»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen Spaß macht; aber dann müssen -Sie bei sich selber denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.« - -Es war ein armseliger Witz, aber die Menge lachte darüber. Ich -schnarche zuweilen nachts, aber es ist unwahrscheinlich, daß ich bei -Tage und auf offener Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns -die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu tun, und er -gab sich wirklich Mühe, anständig zu sein. Er sagte aber, wir dürften -nicht länger mehr auf der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße -nehmen -- so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte er in -höflicher Weise, ich sähe ein bißchen angegriffen aus, und er möchte -gern wissen ... - -Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten an und sagte, ich wollte -doch hoffen, man dürfte solche Tage ein bißchen feiern, besonders wenn -sie einen ganz persönlich angingen. - -»Persönlich?« fragte er. »Wieso?« - -»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner Vorfahren den Bundesvertrag -mit unterzeichnete.« - -Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann prüfend an und sagte: - -»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn selber unterzeichnet. -Denn von allen alten historischen Gedenkstücken, die ich jemals ... -aber lassen wir das ... Worauf warten Sie hier so lange?« - -Ich sagte: - -»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. Ich warte fünfzehn -Minuten, bis sie einen Handschuh und ein Buch vergessen haben und -wieder umkehren, um sich die Dinger zu holen.« - -Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, die ich abholen wollte. - -Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den Köpfen und Schultern -hinaufzurufen, die reihenweise aus allen Fenstern über uns heraussahen. -Eine Frau rief von ganz oben herunter: - -»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, und sie sind schon vor -langer Zeit von hier abgefahren -- so ungefähr um halb neun!« - -Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, sagte aber -nichts. Der Beamte aber bemerkte: - -»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser -erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen --- und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten -- braun -gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug -verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?« - -Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor -er sich davon erholt hatte, waren wir fort. - -Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer -verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall -das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die -Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto -sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen, -was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener -herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem -Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas -Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine -Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die -den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen. -Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen -seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig -ausgedachten Anordnungen. - -Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn -Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich -sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser -Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die -Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit -abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im -Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten -›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft -vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und -wir stürmten hinaus. - -Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit -den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, -mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen -Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen -dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden -und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie -möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell -ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie -sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich -dieselben gekauft hätte? - -»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die -Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete -ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie -die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für -den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu -sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also: - -»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese -Eisenbahnfahrkarten ...« - -»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.« - -»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?« - -»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose -von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.« - -Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen -nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf -herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und -bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen, -wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern -und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen -zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die -geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem -Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß -sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren -Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen -kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist -etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können. - -Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen, -wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten -die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten -Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs -lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön -abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich -sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der -beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber -die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr -denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen, -als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es -herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht -viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang -zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und -dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden. - -Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige -andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin -leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, -aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!« - -Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend -etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte -einen Vorschlag machen. - -Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen, -und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt -in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische -Kräfte gäbe. - -Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen, -erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern -sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich -und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte. - -»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.« - -»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?« - -»Nein.« - -»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben -abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?« - -»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.« - -»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst -wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr -Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...« - -Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich -alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man -immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in -Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und -kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh -oder sonstwas einen umrennt. - -Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie -nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen -Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es -schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich -absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein, -mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte -das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy -kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen -Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit -versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf -Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme --- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war, -veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß -wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer -hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und -daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder -Güterzug und machten uns auf die Reise. - -Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter, -ich möchte mal hinaufkommen. - -»Ja gewiß,« sagte ich. - -Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine -Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, -um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen -Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke -zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine -Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die -Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen --- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den -höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich -mich da, wo ich war, sehr wohl befand. - -Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den -Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner -Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die -Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre -verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in -aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte. - -So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im -Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem -sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den -guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem -Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften -übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von -_einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde -sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts -weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen -und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach -Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine -kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte -ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich -bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde -niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen -das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe, -so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, -hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und -der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein -wirbliger Kopf. - -[Illustration] - - - - -Von allerhand Schiffen. - - -Der moderne Dampfer. - -Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir -bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt -statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber -lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte -nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein -könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum -größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich -spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich -seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, -auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in -den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, -zwanzig Jahren den Ozean durchquerte. - -Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher -machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So -z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und -hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in -den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für -ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet -sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man -sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die -Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels -gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf -rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den -Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; -auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen -lassen. - -Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war -in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, -die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen -einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und -zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; -diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie -beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch -saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf -der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. -In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller -einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, -gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags -›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist -das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet -täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf -dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares -Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; -jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist -überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen -bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen -halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben -wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach -und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas -recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist -ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller -Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit -versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war -der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere -geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den -alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das -war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum -Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und -schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; -es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach -alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses -Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder -vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und -Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels -haben solche Rauchzimmer. - -Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder -drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen --- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der -moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten -haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn -wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. -Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem -denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of -Paris‹ zustieß. - -Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort -auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, -Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der -Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des -Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht -nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich -feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer -Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, -die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und -deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf -dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und -hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen -sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für -sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von -der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird -aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels -eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim -Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, -daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben -ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören -nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe -selber seine Landung bewerkstelligte. - -Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über -der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum -ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher -angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche -Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, -gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen -Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, -daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen -wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch -sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt -worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes -Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe -Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste -in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, -die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß -das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und -ihn tötete. - -Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der -keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen -gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es -beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche -Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich -erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal -auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr -später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und -eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, -von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber -vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer -hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in -einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer -Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 -Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen -einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn -einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ -vorhanden. - -In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und -wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre -jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen -sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren -Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein -außergewöhnlicher Sturm herrscht. - -Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der -Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit -beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir -unverständliche Inschriften: - - Kielbehälter leer - Doppelboden Nr. 1 voll - Doppelboden Nr. 2 voll - Doppelboden Nr. 3 voll - Doppelboden Nr. 4 voll - -Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, -und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, -kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus -und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz -steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch -irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie -bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente -dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das -Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich -wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen -hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser -Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre -Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung -wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat. - -An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des -Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das -Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese -Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden -eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und -in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes -über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine -400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn -von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im -Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser -- -618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser. - -Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das -Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den -Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, -kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der -Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern -angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht -ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die -Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk -der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem -anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der -Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der -Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht -geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie -zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz -hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden. - -Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die -Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und -herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen -Zweck erfüllen. - -Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; -aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach -den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich -darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis -auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht -zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht -befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit -wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. -Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und -erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs -Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast -von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das -Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht -so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein -eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe -ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr -vorhanden ist. - - -Die Arche Noäh. - -Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte -Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des -guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche -Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in -der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, -daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat -uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf -die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah -nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren -würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen -zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das -Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen. - -Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll, -freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie -der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner -Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und -wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie -groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen -Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und -Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen -würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen -Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu -besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern: - -»Wie lang ist sie?« - -»Sechshundert Fuß.« - -»Wie tief?« - -»Fünfundsechzig.« - -»Die Breite?« - -»Hundert Fuß.« - -»Gebaut aus ...?« - -»Holz.« - -»Was für Holz?« - -»Tannenholz.« - -»Innere und äußere Verzierungen?« - -»Verpicht inwendig und auswendig.« - -»Passagiere?« - -»Acht.« - -»Geschlecht?« - -»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.« - -»Alter?« - -»Von hundert Jahren an aufwärts.« - -»Wie hoch aufwärts?« - -»Sechshundert.« - -»Ah -- gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?« - -»Einen Arzt haben wir nicht.« - -»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -- letzterer -ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht -die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?« - -»Dieselben acht.« - -»Dieselben acht?« - -»Dieselben acht.« - -»Und die Hälfte davon Weiber?« - -»Jawohl.« - -»Haben sie je zur See gedient?« - -»Nein.« - -»Aber die Männer?« - -»Auch nicht.« - -»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?« - -»Nein.« - -»Wo sind Sie denn aufgewachsen?« - -»Alle zusammen auf einem Bauernhof.« - -»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer -ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben. -Wer ist der Kapitän?« - -»Ich.« - -»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner -Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des -Schiffes?« - -»Das tat ich.« - -»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?« - -»Jawohl.« - -»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?« - -»Tiere.« - -»Was für Arten?« - -»Sämtliche Arten.« - -»Fremdländische oder einheimische?« - -»Meistens fremdländische.« - -»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?« - -»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen -- alles -wilde Getier aus allen Zonen -- von jeder Sorte zwei.« - -»Sicher in Käfigen untergebracht?« - -»Nein, nicht in Käfigen.« - -»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die -Menagerie?« - -»Wir.« - -»Die alten Leute?« - -»Ja.« - -»Das ist gefährlich -- für beide Teile. Für die Tiere muß von -sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?« - -»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98000.« - -»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?« - -»Durch zwei Fenster.« - -»Wo sind die?« - -»Oben unter den Dachrinnen.« - -»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie -müssen sich elektrisches Licht zulegen -- ein paar Bogenlampen und 1500 -Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele -Pumpen haben Sie?« - -»Keine, lieber Herr.« - -»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere -und die Tiere?« - -»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.« - -»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?« - -»Was für was?« - -»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?« - -»Keine.« - -»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr -Steuerapparat?« - -»Wir haben gar keinen.« - -»Haben Sie nicht ein Steuerruder?« - -»Nein.« - -»Wie steuern Sie denn das Schiff?« - -»Wir steuern nicht.« - -»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung -versehen. Wie viele Anker haben Sie?« - -»Keine.« - -»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige -nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben -Sie?« - -»Keine, lieber Herr.« - -»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?« - -»Keine.« - -»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise -dauern?« - -»Elf oder zwölf Monate.« - -»Elf oder zwölf Monate ... Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch -rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen -- -mit Kupfer?« - -»Der Schiffsrumpf ist nackt -- ist überhaupt nicht beschlagen.« - -»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das -Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten -auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff _darf_ nicht die Erlaubnis -erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun -noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt -und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?« - -»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu -fahren.« - -»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die -Tiere haben?« - -»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.« - -»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?« - -»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -- ja! Aber der -Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt, -den Vorrat wieder zu ergänzen.« - -»In einer Flut?« - -»Ja.« - -»Wissen Sie das gewiß?« - -»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.« - -»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier -oftmals vor.« - -»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken -und das Land wird völlig unsichtbar werden.« - -»Im Vertrauen -- aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter --- gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; -denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis, -nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder -zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff -kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt -notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden -sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.« - -»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels -Eimer schöpfen werde.« - -»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht, -werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen -sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb -zulegen und Ihr Wasser destillieren ... Nun will ich mich von Ihnen -verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten -Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?« - -»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein -Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste -Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.« - -»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr -bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue -- -völlig neue und unabgedroschene -- Züge als in jedem andern Schiff, das -auf den Meeren schwimmt.« - -»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, -- -unendliche! -- und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung -bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen -gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!« - -Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich -sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber -in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen. - - -Kolumbus und sein Schiffchen. - -In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’ -Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen -zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, -so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger -unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo -gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff -gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer -Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die -spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen -Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen. -Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt -der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, -brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen -würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das -Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen -und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers -besteht aus 250 Menschen. - -Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen -beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene -weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte -nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen -wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und -schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder -auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag. -Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom -Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf -dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen -als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, -unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur -eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und -enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und -Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte -in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß -einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, -wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem -hochaufragenden Hüttendeck -- ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß -Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die -Wellen das Deck. - -Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor, -daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich -daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll -von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und -schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger -auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein -Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser -ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. -Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit. - -Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir -ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers -entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor -dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der -Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom -Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit -Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte -wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen -Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt -mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch -einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten -wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln, -die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und -Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt -mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene -Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus -Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind; -Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der -heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande -gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten -Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist. - -Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels -und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie -nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne -am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und -übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu -läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem -Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt -und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und -wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe ... Das war Kolumbus in seiner -menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte! - -Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das -gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für -ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn -außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu -sagen hat. - -Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück: -Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich -zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und -feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er -allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein. -Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine -Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein -Dankgebet für all die guten Sachen -- deren Wert er vielleicht ein -bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete -Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die -flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen -mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers -geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, -und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und -divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen -Leibe. - -Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des -großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied -zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer -›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen. - -Als er wiederkam -- so berichtet die Weltgeschichte -- da sagte der -König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein. -Leckte es schlimm?« - -»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der -Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.« - -So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von -fünfzehnmal. - - -Verschollene Gefühle. - -Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die -zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem -Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne -halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns -Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese -Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen -vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese -Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer -Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und -sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. -Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen -Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen -Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. -Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen -sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten: - - Der Heimat zu, der Heimat zu, - Vom fernen fremden Strand. - -Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies -das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen -Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen -Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus -auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos. -Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt -hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres. - -Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das -Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen -Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus -der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus -der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben -auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das -poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals -Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige -Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von -der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so -feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes -waren -- sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil -jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür -ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm -drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf -dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm -nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und -barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die -Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten -der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß -am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum -andern Morgen warten muß. - -Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff. -Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der -Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß -wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer -2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der -›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff -damals -- da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein -Dutzend junge Leute -- werden jetzt wohl hübsch alt sein -- und diese -setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht -oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise, -schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für -Humor und sangen fortwährend: - - Der Heimat zu, der Heimat zu, - -ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen -still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte -diesem Gesang das andre schöne Lied: - - ›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹ - Frug die sterbende Maid -- und der Hafen war nah. - -Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte -wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ -- natürlich; -und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt? -Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber -keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber; -keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither -im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll -gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn -wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten -wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden -ihn davon abbringen können. Aber -- man mag es kaum aussprechen -- -er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich -unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben -- und glaube in der Tat --- daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer -Gesinnung zu bekehren. - -Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der -Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam -eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten -unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich -nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber -das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän -war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns -festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen -Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt; -andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an -diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte -Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet, -und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das -Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks --- jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes -Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an. - -Nun, die Woche darauf -- indessen, Sandy Hook ist in Sicht. - -[Illustration] - - - - -Der Roman der Eskimo-Maid. - - -»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem Leben alles erzählen, was -Sie gerne hören möchten,« sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei -sah sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins Gesicht; »denn es -ist lieb und nett von Ihnen, daß Sie mich leiden mögen und etwas über -mich wissen wollen.« - -Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem beinernen Messerchen -Walfischfett von ihren Wangen geschabt und es an ihrem Pelzärmel -abgewischt und dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das seine -flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben über die einsame -Schneeebene und die Dome der Eisberge ergoß -- ein Schauspiel von -fast unerträglich glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte sie -die träumerische Stimmung von sich ab und schickte sich an, mir die -einfache kleine Geschichte zu erzählen, um die ich sie gebeten hatte. -Sie setzte sich bequem auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa -diente, und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers an. - -Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche vom Eskimostandpunkt. Andere -hätten sie für ein bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade -zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste Mädchen ihres -Stammes. Sogar hier in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und -unförmlichen Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln und unter der -großen Kapuze war wenigstens die Schönheit ihres Gesichtes erkennbar; -die Schönheit ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und Glauben -annehmen. Unter allen aus- und eingehenden Gästen hatte ich an ihres -Vaters gastlichem Eßtrog kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig -hätte nennen können. Und dabei war sie unverdorben! Sie war lieblich -und natürlich und aufrichtig, und wenn sie wußte, daß sie eine -Schönheit war, so ließ doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen, -daß sie diese Kenntnis besaß. - -Sie war nun seit einer Woche meine tägliche Kameradin gewesen, und -je besser ich sie kennen lernte, desto besser gefiel sie mir. Sie -war zärtlich und sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft, -die in den Polargegenden als eine außerordentlich verfeinerte gelten -konnte, denn ihr Vater war der einflußreichste Mann seines Stammes -und stand auf der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -- so -hieß sie -- lange Spazierfahrten im Hundeschlitten über die mächtigen -Eisfelder und fand ihre Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre -Unterhaltung angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, aber nicht -in ihrem lebensgefährlich schwachen Boot, sondern ich spazierte bloß -am Eisrande entlang und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden -Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; mehreremale stand -ich dabei, wenn sie und ihre Familie von einem gestrandeten Wal den -Speck ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges auf die -Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum Schuß kam, denn im Grunde -habe ich Angst vor Bären. - -Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte erzählen. Hier ist sie: - -»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie die anderen Stämme über -das gefrorene Meer von Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren -wurde mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich dieses große -Schloß aus Schneeblöcken -- sehen Sie es nur an! Es ist sieben Fuß -hoch und drei- oder viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier -haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr stolz auf sein Haus und -das mit Recht; denn wenn Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen -Sie bemerkt haben, wieviel schöner und vollständiger es ist als die -üblichen Wohnungen. Haben Sie noch nicht darauf geachtet, so müssen Sie -es unbedingt thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung -finden, die sich hoch über das Gewöhnliche erhebt. Zum Beispiel, an dem -Ende, das Sie den ›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte -Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es sich beim Essen bequem -machen. Diese Plattform ist die größte, die Sie je in einem Hause -gesehen haben -- nicht wahr?« - -»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist die größte. Wir haben -selbst in den schönsten Häusern der Vereinigten Staaten nichts -Aehnliches.« - -Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen voll Stolz und Wonne. Ich -bemerkte es und schrieb es mir hinter die Ohren. - -»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht hätte,« sagte sie. -»Und noch eins: Der Boden ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst -üblich ist. Alle Arten Pelzwerk -- vom Seehund, Seeotter, Silberfuchs, -Bär, Marder, Zobel -- alle Arten Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden. -Dasselbe gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die Sie -›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause Plattformen und Schlafbänke -besser ausgestattet?« - -»Das sind sie wirklich nicht, Lasca -- man denkt noch gar nicht mal -daran.« Das gefiel ihr wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze, -die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, nicht an -deren Wert. Ich hätte ihr sagen können, daß diese Massen von kostbarem -Pelzwerk ein Vermögen bedeuteten -- oder wenigstens in meiner Heimat -bedeuten würden -- aber sie hätte das nicht verstanden; solche Sachen -galten bei ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr sagen -können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder die Alltagskleider der -gewöhnlichsten Person ihrer Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert -Dollars wert seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame kenne, die -in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen ginge. Aber auch dies hätte -sie nicht verstanden. Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort: - -»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei im Empfangssalon und außerdem -noch zwei andere im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand zwei im -Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in Ihrem Salon daheim?« - -Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm mir den Atem; ich sammelte -mich aber wieder, bevor sie etwas merkte, und sagte voll Wärme: - -»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, daß ich meine Heimat -bloßstelle, und Sie dürfen es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu -Ihnen im Vertrauen -- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nicht mal der -reichste Mann in der Stadt New York zwei Spülzuber in seinem Salon hat.« - -Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten Hände -zusammen und rief: - -»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das _kann_ nicht Ihr Ernst -sein!« - -»Ja, es ist _wirklich_ mein Ernst, Liebste! Da ist Vanderbilt. -Vanderbilt ist ungefähr der reichste Mann auf der ganzen Welt. Nun, -und wenn ich auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, daß -nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, nicht mal _einen_ hat er -- -ich will auf der Stelle sterben, wenn’s nicht wahr ist!« - -Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen weit aufgerissen, und sie -sagte langsam, mit einem gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam --- wie unglaublich -- man kann es sich gar nicht vorstellen. Ist er -geizig?« - -»Nein -- das ist er nicht. Auf die Ausgabe kommt’s ihm nicht an, -aber -- hm -- wissen Sie, es würde protzig aussehen. Ja, das ist es --- so denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art und hat eine -Abneigung gegen Entfaltung von Pomp und Prunk.« - -»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« sagte Lasca, »wenn -man sie nicht zu weit treibt -- aber wie sieht denn nun der Salon aus?« - -»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, aber ...« - -»Das kann ich mir denken. So was habe ich noch nie gehört! Ist es ein -schönes Haus -- ich meine, abgesehen _davon_?« - -»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute Meinung davon.« - -Das Mädchen saß eine Weile schweigend da und knabberte träumerisch an -einem Lichtstumpf. Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte -einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den Kopf und sprach -frank und frei ihre Meinung aus: - -»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art von Demut, die, wenn man -ihr auf den Grund geht, doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann, -der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten kann, es nicht thut, so -ist er _vielleicht_ wirklich demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher -ist es, daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich lenken will. -Nach meiner Meinung weiß Herr Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.« - -Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn ich fühlte, daß der -Besitz von zwei Spülzubern nicht für jedermann der richtige Prüfstein -sei, obgleich man in der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann. -Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich nichts -einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die reichen Leute bei Ihnen -auch so gute Schlafbänke wie wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken -gemacht?« - -»Na, sie sind ziemlich gut -- gut genug -- aber aus Eisblöcken sind sie -nicht gemacht.« - -»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus Eisblöcken?« - -Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte sie darauf aufmerksam, -wie teuer das Eis in einem Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf -aufpassen muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer wird als das Eis -selber. Da rief sie: - -»Herrje! _Kaufen_ Sie Ihr Eis?« - -»Ganz gewiß, mein liebes Kind.« - -Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen aus und sagte: »O, -so was Albernes habe ich noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft -vorhanden, ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe keine Fischblase -für das Ganze!« - -»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, Sie kleine -Provinzpflanze Sie! Wenn Sie das Eis hier im Hochsommer in New York -hätten, so könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am Markt sind.« - -Sie sah mich zweifelnd an und sagte: - -»Sprechen Sie die Wahrheit?« - -»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.« - -Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte sie mit einem kleinen -Seufzer: - -»Ich wollte, da könnte _ich_ wohnen!« - -Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen wollen, von denen sie sich -einen Begriff machen konnte; aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich -hatte ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New York Walfische -reichlich vorhanden und billig seien, und hatte ihr den Mund wässern -gemacht. Es schien am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler zu -mildern versuchte; so sagte ich denn: - -»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts machen, wenn Sie in -New York wohnten. Kein Mensch dort fragt etwas danach.« - -»Was?!« - -»Nein, wirklich nicht.« - -»Aber warum denn nicht?« - -»T--scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein Vorurteil, denke ich. -Ja, das ist’s -- einfach ein Vorurteil. Wahrscheinlich hat mal irgendwo -und irgendwann irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte, -ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja, wenn so eine -Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert es eine endlose Zeit, bis -sie wieder ausgetrieben wird.« - -»Das stimmt -- das stimmt vollkommen!« sagte das Mädchen nachdenklich. -»Geradeso war es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife -- wissen Sie, -unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil gegen Seife.« - -Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich ja. Ich zögerte -einen Augenblick, dann fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen -Betonung: - -»Entschuldigen Sie: Sie _hatten_ ein Vorurteil gegen Seife? Hatten?« - -»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein Mensch wollte sie essen.« - -»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht gleich, was Sie meinten.« - -Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil. Als zum erstenmal Seife -von den Fremdländischen hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie. -Sobald sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und jetzt hat jeder -welche, der es sich nur leisten kann. Lieben Sie Seife?« - -»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn ich keine haben könnte -- -besonders hier. Haben Sie sie gerne?« - -»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?« - -»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit. Lieben Sie sie?« - -Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief: - -»O, sprechen Sie nicht davon! ... Lichte! ... und Seife!« - -»Und Fischeingeweide ...!« - -»Und Leberthran ...!« - -»Und Bratenfett ...!« - -»Und Walfischspeck ...!« - -»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal! und Sauerkraut! und -Bienenwachs! und Theer! und Terpentin! und Syrup! und ...« - -»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir bleibt die Luft weg vor -Wonne ...« - -»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne angerichtet und die -Nachbarn dazu eingeladen und dann ...« - -Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes war zu viel für sie, und -sie fiel in Ohnmacht, das arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit -Schnee und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile kühlte ihre -Erregung sich ab. Allmählich kam sie wieder so weit, daß sie in ihrer -Geschichte fortfahren konnte: - -»So begannen wir also hier in dem schönen Hause zu wohnen. Aber ich war -nicht glücklich. Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen; -ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück geben. Ich wollte um -meiner selbst willen geliebt sein. Ich wollte anbeten und wollte von -meinem Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als gegenseitige -Anbetung konnte meine glühende Natur befriedigen. Ich hatte Freier -genug -- ja übergenug -- aber in allem und jedem Fall hatten sie einen -verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte ich diesen Mangel --- kein einziger von ihnen vermochte ihn vor mir zu verhehlen: sie -wollten nicht mich, sondern meinen Reichtum!« - -»Ihren Reichtum?« - -»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann in unserem Stamm -- und -überhaupt unter allen Stämmen dieser Gegend.« - -Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres Vaters Reichtum bestehen -möchte. Das Haus konnte es nicht sein -- ein jeder konnte sich so eins -bauen. Die Pelze waren’s auch nicht -- denn die waren hier nichts -wert. Der Schlitten, die Hunde, die Harpunen, das Boot, die beinernen -Fischhaken, Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein -- nein, -das war alles kein Reichtum. Was konnte es denn also sein, das diesen -Mann so reich machte und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein -Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um dies herauszufinden, -das beste, wenn ich sie fragte. Ich that es. Das Mädchen war durch -diese Frage so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte -sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis brannte sie -ebenso sehr wie mich meine Neugier. Sie schmiegte sich traulich an mich -an und sagte: - -»Raten Sie, wie schwerreich er ist -- Sie kriegen es niemals heraus!« - -Ich that, als dächte ich tief über die Sache nach, und sie beobachtete -den Ausdruck meiner Denkanstrengungen auf meinem Gesicht mit atemlosem -und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich aufgab und sie bat, -meine Sehnsucht zu stillen und zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser -Vanderbilt des Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht an mein -Ohr und wisperte eindrucksvoll: - -»_Zweiundzwanzig Angelhaken_ -- keine beinernen, sondern fremdländische --- _aus echtem Eisen_!« - -Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde zurück, um die Wirkung zu -beobachten. Ich gab mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen. -Ich erbleichte und murmelte: - -»Gott Strambach!« - -»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!« - -»Lasca, Sie machen mir was weis -- Sie können es nicht im Ernst meinen!« - -Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus: - -»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr -- jedes Wort. Sie glauben mir --- Sie glauben mir doch, bitte, nicht wahr? _Sagen_ Sie, daß Sie mir -glauben -- bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.« - -»Ich ... hm ... na ja, ich glaube -- ich bemühe mich, es zu glauben. -Aber es kam gar so plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie -sollten so was nicht so mit einemmal machen. Es ...« - -»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur gedacht ...« - -»Nun, es ist schon gut ... und ich mache Ihnen keine Vorwürfe mehr, -denn Sie sind jung und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht -voraussehen, was für ’ne Wirkung ...« - -»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser daran denken sollen. Aber -wie ...« - -»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder sechs Angelhaken angefangen -hätten und dann allmählich ...« - -»O, ich verstehe, ich verstehe ... dann allmählich einen hinzufügen, -und dann zwei und dann ... Ach, warum habe ich denn auch nicht daran -gedacht!« - -»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht. Ich fühle mich jetzt -besser ... binnen kurzem werde ich darüber weg sein. Aber ... einem -unvorbereiteten und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit sämtlichen -zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht springen ...!« - -»O ... es _war_ eine Sünde! Aber Sie verzeihen mir -- sagen Sie, daß -Sie mir verzeihen! Bitte!« - -Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen Streichelns und Hätschelns -und Zuredens eingeheimst hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder -glücklich und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte hinein. Auf -einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz noch irgend was anderes -Ausgezeichnetes enthalten mußte -- augenscheinlich irgend ein Kleinod --- und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu sprechen, damit es -mich nicht abermals umwürfe. Doch ich wünschte auch von diesen Dingen -genau Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen, was es sei. -Sie hatte Angst. Aber ich bestand darauf und sagte, diesmal würde -ich mich zusammennehmen und den Stoß aushalten. Sie war voll böser -Ahnungen, aber die Versuchung, mir das Wunder zu enthüllen und sich -an meinem Erstaunen und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark -für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich, und sagte, wenn -sie _sicher_ wäre, daß ich gefaßt sei -- u. s. w. u. s. w. -- und -damit griff sie in ihren Busen und brachte ein verbeultes viereckiges -Messingstück zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll an meinem -Auge hing. Ich sank an ihren Busen in einer ganz vorzüglich gespielten -Ohnmacht, die ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken -versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie sich begierig, was -ich zu ihrem Kleinod sagte. - -»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das köstlichste Ding, das ich -jemals sah.« - -»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen, daß Sie das sagen. Aber -es ist auch herzig -- ist es nicht?« - -»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es lieber mein eigen nennen, -als den ganzen Aequator!« - -»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,« sagte sie. »Ich meine, -es ist so herzig! Und es giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden! --- Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher gereist, um sich’s -anzusehen. Sahen Sie jemals früher so was?« - -Ich sagte nein; es wäre das erste derartige Juwel, das ich je gesehen -hätte. Es gab mir einen schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu -sagen, denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher Dinger -gesehen -- da ihr Kleinod nichts anderes war, als eine verbogene alte -New Yorker Bahnhofsgepäckmarke. - -»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch nicht mit diesem Juwel auf -Ihrem Leibe so allein und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen -Hund mitzunehmen?« - -»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand weiß, daß ich’s bei mir -habe. Sie denken, es liegt bei Papas Schatz. Und da liegt es auch für -gewöhnlich.« - -»Wo ist der Schatz?« - -Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick lang sah sie verdutzt -und ein wenig mißtrauisch drein; aber ich sagte: - -»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir. Zu Hause sind wir siebzig -Millionen Menschen, und -- ich sollte es eigentlich nicht selber von -mir sagen, aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir nicht -unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.« - -Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir, wo die Angelhaken im -Hause versteckt lägen. Dann machte sie eine kleine Abschweifung, um ein -bißchen mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu renommieren, -die die Fenster ihres Schlosses bildeten, und fragte mich, ob ich zu -Hause je ihresgleichen gesehen, und ich bekannte frei und offen, das -hätte ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß sie keine Worte -finden konnte, ihre Dankbarkeit darin zu kleiden. Es war so leicht -ihr Freude zu machen, und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich -fortfuhr und sagte: - -»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches Mädchen! Dieses schöne -Haus, dies köstliche Juwel, der reiche Schatz, all dieser elegante -Schnee und die prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und die -jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit und weite Natur! Und -jedermanns Augen ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht -steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich, schön, umworben, -gefeiert, beneidet -- von jedem Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch -wird Ihnen erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie wünschen -könnten -- was für ein unermeßliches Glück! Ich habe Myriaden von -Mädchen gesehen, aber keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge -mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie sind ihrer würdig -- -sind ihrer aller würdig, Lasca -- das glaube ich in meines Herzens -Grunde!« - -Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich dies sagen zu hören -und sie dankte mir immer und immer wieder für die Schlußbemerkung, und -an ihrer Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich gerührt -war. Aber plötzlich sagte sie: - -»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein -- es sind auch düstere -Wolken vorhanden. Die Bürde des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals -habe ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre, arm zu -sein -- oder wenigstens nicht so über alle Maßen reich. Es schmerzt -mich, wenn Leute von Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir -vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu einander sagen höre: -›Da! Das ist sie -- die Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer -kummervoll: ›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich -- ich habe nichts!‹ -Das bricht mir das Herz. Als ich ein Kind war und wir arm waren, da -schliefen wir bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt -- jetzt -müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher war mein Vater freundlich -und höflich zu allen; aber jetzt ist er streng und hochfahrend und -kann’s nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst war seine -Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt denkt er, wo er geht und -steht, an seine Angelhaken. Und sein Reichtum macht, daß ein jeder -unterthänigst vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über seine -Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt und armselig und -mangeln des einzigen Elements, das wirklich einen Spaß rechtfertigen -kann -- des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder über diese -greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal nicht thut, so ärgert mein -Vater sich tief und läßt es sich merken. Früher fragte kein Mensch -nach seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts, wenn er sie -’mal ungefragt abgab; diesen Fehler haben seine Meinungen auch jetzt -noch, trotzdem wollen alle sie hören und geben ihren Beifall dazu --- und er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes Zartgefühl -hat er gar nicht, dafür aber eine große Masse Taktlosigkeit. Er hat -den Ton unseres ganzen Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein -freimütiges, mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche Heuchler -und aufgedunsene Liebediener. Von ganzem Herzensgrunde hasse ich all -dies Millionärsgethue. Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes, -einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken ihrer Väter; -jetzt sind sie von Habsucht zerfressen und würden jedes Gefühl von Ehre -und Würde opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne Angelhaken -zu erlangen. Aber ich darf bei diesen traurigen Geschichten nicht -verweilen ... Wie ich gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst -willen geliebt zu werden. - -»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen zu sollen. Eines Tages -kam ein Fremder durch, der sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm -meinen Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz hüpfte hoch vor -Dankbarkeit und Glück, denn ich hatte ihn auf den ersten Blick geliebt, -und nun sagte ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte, -er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem Augenblick. Wir -lustwandelten miteinander weit über die Eisfelder, sprachen immerfort -von uns selber und planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir -endlich müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn er hatte -Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein bißchen Walfischthran -mitgenommen. Wir waren hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut. - -»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe fern im Norden lagen, -und ich fand heraus, daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte, -und das machte mich über alle Maßen froh. Das heißt, er hatte wohl von -dem Millionär gehört, kannte aber dessen Namen nicht -- so konnte er -also, verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war. Sie können -sich denken, daß ich ihm nichts davon sagte. Endlich war ich um meiner -selbst willen geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich war so -glücklich -- o, glücklicher, als Sie sich vorstellen können. - -»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und ich führte ihn nach -unserm Hause. Als wir in dessen Nähe kamen, war er erstaunt und rief: - -»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹ - -»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich diesen Ton hörte und den -bewundernden Glanz in seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald -hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so schmuck und vornehm -aus. Meiner ganzen Familie, Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen -gefiel er gut, viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde dicht -verschlossen, die Thranlampen angezündet, und als alles heiß und recht -zum Ersticken gemütlich war, da begannen wir ein fröhliches Festmahl -zur Feier meiner Verlobung. - -»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein Vater seiner Eitelkeit -und konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Reichtümern -zu protzen und Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück er -hineingetappt wäre -- und vor allem natürlich wollte er sich an des -armen Mannes Erstaunen weiden. Ich hätte weinen mögen -- aber es hätte -nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater abzureden; so -sagte ich denn nichts, sondern saß nur da und litt schweigend. - -»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute geradenweges auf das -Versteck los und holte die Angelhaken hervor und brachte sie -herbei und warf sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in -glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen auf die Plattform -niederfielen. Natürlich stand bei dem erstaunlichen Schauspiel dem -armen Burschen der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger -Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich wundern, wie ein -einzelner Mensch so unglaubliche Reichtümer besitzen könne. Dann auf -einmal leuchtete sein Antlitz auf und er rief aus: - -»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹ - -»Mein Vater und alle übrigen brachen lärmend in ein glückliches -Gelächter aus, und als mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte, -als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle Bedeutung, und ihn -wieder an seinen Platz trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen. Er -sagte: - -»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst ohne sie zu zählen?‹ - -»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes Lachen erschallen und sagte: - -»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter sehen, daß du niemals reich -gewesen bist, wenn eine Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in -deinen Augen ein so mächtiges Ding ist!‹ - -»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann sagte er aber: - -»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals auch nur soviel, wie der -Widerhaken an einer solchen kostbaren Angel wert ist, und ich habe -niemals einen Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt -hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, den ich bis jetzt -gekannt, besaß nur drei.‹ - -»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem Entzücken und mußte -dadurch den Eindruck noch vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine -Angelhaken zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen Sie, das war -Renommisterei. Ob er sie zählte? Ei ja, er zählte sie jeden Tag! - -»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung getroffen -und kennen gelernt; nach unserem Hause gebracht hatte ich ihn genau -drei Stunden später, bei Einbruch der Nacht -- denn die Tage waren -kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht näherten. Viele -Stunden dauerte unser festliches Gelage; endlich gingen die Gäste -fort, und wir Zurückbleibenden verteilten uns die Wände entlang auf -die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken -- außer mir. -Ich war zu glücklich, zu erregt, um schlafen zu können. Nachdem ich -lange, lange Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche -Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende des Raumes verschwand. -Ich konnte nicht unterscheiden wer es war und ob es ein Mann oder eine -Frau sein mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere in der -entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. Ich grübelte in mir darüber -nach, was wohl dies alles bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir -nichts, und während ich noch grübelte, schlief ich ein. - -»Ich weiß nicht wie lange ich schlief -- aber plötzlich war ich hell -wach und hörte meinen Vater mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim -großen Schneegott! Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere Stimme -sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge für mich -- und das Blut in -meinen Adern erstarrte vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben -Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr alle miteinander und -packt mir den Fremden!‹ Dann ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf -allen Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten durch die -Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten zu Hilfe, aber was konnte ich -anders thun als warten und die Hände ringen? - -»Er war bereits durch einen lebenden Wall von mir getrennt, und man -war dabei, ihm Hände und Füße zu binden. Erst als sie sich seiner -versichert hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine arme -mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz an seiner Brust aus, -während mein Vater und meine ganze Familie auf mich schalten und ihn -mit Drohungen und schmählichen Schimpfworten überhäuften. Er ertrug -diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen Würde, die ihn mir teurer -denn je machte und mich mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit -ihm und für ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, die -Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen werden, um über Kalula -auf Leben und Tod zu richten. - -»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem verlorenen Haken gesucht -worden ist?‹ - -»›Nach dem _verlorenen_ Haken!‹ riefen sie alle höhnisch, und mein -Vater fügte spöttisch hinzu: ›Tretet alle beiseite und seid recht -ernst, wie sich’s gehört -- sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹ -Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ -- worauf sie wieder alle -lachten. - -»Auf mich machte dies keinen Eindruck -- ich hatte keine Befürchtungen, -keine Zweifel. Ich sagte: - -»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen auch noch an die -Reihe. Wartet ab und seht!‹ - -»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich würde das elende kleine -Ding in einem Augenblick finden; und ich begab mich mit solcher -Zuversicht auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es dämmerte -ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht zu voreilig gewesen. Aber -ach und je! O, wie bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während -welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte zählen können, -herrschte tiefes Schweigen, dann begann mir das Herz zu sinken, und um -mich herum fingen wieder die Spottreden an und wurden immer lauter und -zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab, Salve auf Salve von -grausamem Gelächter erscholl. - -»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da litt. Aber meine Liebe war -mir Stütze und gab mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden -Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm um seinen Nacken und -flüsterte ihm ins Ohr: - -»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb -- das weiß ich. Aber sage es -selber mir zum Trost. Dann kann ich alles tragen, was immer uns -beschieden sein mag.‹ - -»Er antwortete: - -»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der Schwelle des Todes stehe: -ich bin unschuldig. Tröste dich also, o zertretenes Herz. Sei im -Frieden, o du Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹ - -»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als ich diese Worte sprach, -da kam von draußen ein verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee, -und dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur Thür herein -- die -Aeltesten! - -»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form an und schilderte -die Vorgänge der Nacht in allen ihren Einzelheiten. Er sagte, der -Nachtwächter habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein Mensch -gewesen außer der Familie und dem Fremden. ›Würde die Familie ihr -eigenes Eigentum stehlen?‹ Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele -Minuten lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem andern zu -seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm aus für den Fremden.‹ Kummer -bringende Worte für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich hin. -O, ich Elende -- Elende ich! In demselben Augenblick hätte ich meines -Lieblings Unschuld beweisen können -- aber ich wußte es nicht! - -»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte: - -»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen will?‹ - -»Ich stand auf und sagte: - -»›Warum sollte _er_ denn den Haken stehlen -- einen einzelnen oder sie -alle zusammen? Einen Tag darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes -gewesen!‹ - -»Ich stand und wartete. Es trat ein langes Schweigen ein; der Atemdampf -von den vielen Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte -ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam mit dem Kopf und -murmelte: ›Es liegt Beweiskraft in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was -für eine Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch flüchtig -- -wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich. - -»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht, so möge er jetzt sprechen -- -später aber schweige er,‹ sagte der Vorsitzende. - -»Mein Vater stand auf und sprach: - -»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer eine Gestalt bei mir -vorüber, ging zum Schatz und kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube -jetzt, es war der Fremde.‹ - -»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte gedacht, es sei mein -Geheimnis; nicht der große Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen -reißen sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem armen -Kalula: - -»›Sprich!‹ - -»Kalula zauderte, dann antwortete er: - -»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen Angelhaken ließen mich nicht -schlafen. Ich ging hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen -Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude einzulullen. Dann -legte ich mich wieder hin. Ich habe vielleicht einen fallen lassen, -aber gestohlen habe ich keinen!‹ - -»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis an solchem Ort! -Schauerliches Schweigen herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes -Urteil gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem Antlitz konnte -man die Worte eingegraben lesen: ›Es ist ein Geständnis -- und ein -armseliges, lahmes, schwächliches!‹ - -»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge an -- und wartete. Auf -einmal hörte ich die feierlichen Worte, die, wie ich wußte, kommen -mußten. Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein Messer ins -Herz: - -»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der Angeklagte der -›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹ - -»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der die Wasserprobe in unser -Land brachte! Sie kam vor Menschenaltern aus irgend einem fernen -Lande -- wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten unsere Väter -Zeichendeutung und andere unsichere Beweismittel, und ohne Zweifel kam -dann und wann ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem Leben -davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe; denn diese ist von weiseren -Männern erfunden worden, als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch -sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos für unschuldig -befunden, denn sie ertrinken; die Schuldigen aber werden mit derselben -Sicherheit als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter. Das Herz -brach mir im Busen, denn ich sagte mir: ›Er ist unschuldig und er wird -in die Wogen versinken und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹ - -»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr von seiner Seite. Ich -trauerte in seinen Armen all die kostbaren Stunden lang, und er übergoß -mich mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen sie ihn von mir -und ich folgte ihnen schluchzend und sah sie ihn in die See schleudern --- dann verhüllte ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual? O, ich -kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes! - -»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in ein hämisches -Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend nahm ich meine Hände -vom Gesicht. O bitterer Anblick: _er schwamm_! Augenblicklich wurde -mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte: ›Er war schuldig -- und er log -mir!‹ Voll Verachtung wandte ich meinen Rücken und ging meines Weges -- -nach Hause. - -»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See und setzten ihn auf einen -Eisberg, der nach Süden trieb -- nach Süden zu den großen Gewässern. -Dann kam meine Familie heim und mein Vater sprach zu mir: - -»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft. Er sagt: »Sage ihr, -ich bin unschuldig und alle Tage und alle Stunden und alle Minuten, -während ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben und an sie -denken und den Tag segnen, da ich ihr süßes Antlitz zuerst erblickte.« --- Ganz reizend, geradezu poetisch!‹ - -»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig -- laßt mich niemals wieder ihn nennen -hören.‹ - -»Und ach -- denken zu müssen: Er _war_ unschuldig! - -»Neun Monate -- neun öde traurige Monate gingen dahin und endlich kam -der Tag des großen Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes ihr -Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit dem ersten Strich meines -Kammes kam zum Vorschein der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus -aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate genistet hatte -- -und ich fiel ohnmächtig in die Arme meines von Reue gequälten Vaters! -Stöhnend sagte er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals wieder -lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten ... Höre: von diesem Tage bis heute -verging kein Monat, daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was nützt -das alles jetzt! ...« - - * * * * * - -So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine Geschichte -- und -wir lernen daraus: Sintemalen hundert Millionen Dollars in New York -und zweiundzwanzig Angelhaken am Rande der arktischen Zone dieselbe -finanzielle Uebermacht darstellen, so ist ein Mann in bedrängten -Verhältnissen ein Narr, wenn er in New York bleibt, da er doch nur für -zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern braucht. - -[Illustration] - - - - -Die Erzählung des Kaliforniers. - - -Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus aufwärts auf die -Goldsuche aus. Den lieben langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue, -Waschpfanne und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und dort -einen, und dachte immer, ich würde einen reichen Fund machen. Aber ich -machte keinen. Es war eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich -würziger Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert gewesen, -aber jetzt waren die Menschen verschwunden und es war einsam in dem -entzückenden Paradiese. Als das oberflächliche Graben sich nicht -mehr lohnte, gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo eine -betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und Zeitungen und Feuerwehr -und einem Bürgermeister nebst Stadträten gestanden hatte, da war -jetzt bloß noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und nicht -das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches Leben sich hier -gerührt hatte. Es war in der Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft -daherum, längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen -verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, nett und kosig und so -mit rosenübersätem Weinlaub umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig -dahinter verschwanden -- ein Zeichen, daß diese Heimstätten verlassen -waren, seit vielen Jahren von enttäuschten Familien aufgegeben, die -sie weder verkaufen noch auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so -etwa jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam liegenden Blockhütten -vorbei, die in der Morgenröte der Goldgräberzeit von den ersten -Goldgräbern, den Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In -einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt bewohnt; und wenn -man so eine traf, so konnte man sich darauf verlassen, daß der Bewohner -der Pionier selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und noch -auf eins konnte man sich verlassen: er war da, weil er einmal seine -Gelegenheit, reich nach den ›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte. -Er hatte später seinen Reichtum wieder verloren und dann in seiner -Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen mit den Verwandten und -Freunden daheim abzubrechen und hinfort bei ihnen für tot zu gelten. -Ueber ganz Kalifornien war damals eine Schar von solchen lebendig-toten -Männern verstreut. In ihrem Stolz getroffene arme Burschen, grau -und alt mit vierzig, hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und -Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und Sehnsucht, mit dem -Kampf und allem anderen fertig zu sein. - -Es war ein einsames Land! In all diesen friedlichen weiten Grasebenen -und Wäldern kein Laut als das einschläfernde Summen der Insekten; kein -Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was einem den Sinn aufmuntert -und Freude am Leben giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares -Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag ein menschliches -Wesen zu Gesicht bekam. Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig -Jahren und er stand an der Gartenpforte von einem jener traulichen -rosenumrankten Häuschen, von denen ich vorhin sprach. Dieses hier -machte aber keinen verödeten Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß -Menschen darin wohnten und es pflegten und mit Lust und Liebe sauber -hielten; und in dem Vorhof war ein Garten mit überreichem, buntem -Blumenflor. Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es mir -behaglich zu machen -- so ist es dort zu Lande Brauch. - -Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause zu weilen, nachdem ich -wochenlang täglich und nächtlich nur in Goldgräberhütten verkehrt -hatte -- und das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte Betten, -Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen und schwarzen Kaffee, und -nichts zum Schmuck als Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften -herausgerissen und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt waren. -Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung -- aber hier war -ein Nest, wo das ermüdete Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der -menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn es nach langer -Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst trifft -- mögen sie auch billig -und bescheiden sein -- sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt -nach solcher Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat. -Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich mich so heiter, -so zufrieden machen könnte oder daß ein Seelentrost in Tapeten und -eingerahmten Lithographien läge und in hellfarbigen Sofaschonern und -Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten Nippschränkchen mit -Seemuscheln und Büchern und Porzellanvasen darauf und überhaupt in -all den unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand in einem -Hauswesen anzubringen weiß -- man sieht sie, ohne es zu wissen, und -würde sie doch augenblicklich vermissen, wenn sie weggenommen würden. -Das Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich auf meinem -Gesicht aus und der Mann sah es und freute sich darüber; und als -antwortete er auf eine Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton: - -»Alles _ihr_ Werk! Sie machte es alles selber -- jedes bißchen,« und -er umfaßte das Zimmer mit einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein -japanisches Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, womit Frauen -sorgfältig-nachlässig den oberen Teil eines Bilderrahmens zu verhängen -pflegen, war in Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es mit -vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, wobei er mehreremale -zurücktrat, um den Eindruck zu beurteilen. Endlich fand er es nach -Wunsch, strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit der Hand -darüber und sagte: »Sie macht es immer so. Man kann nicht genau sagen, -was daran fehlt, aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso -gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit fertig ist -- aber -das ist auch alles, was man davon weiß. Warum es so ist, das weiß man -nicht; ’s ist wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers Haar -streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet hat; so ist’s, wie mir -scheint. Ich habe ihr so oft zugesehen, wenn sie all die Dinger hier -festmacht, daß ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl ich -nicht weiß, _warum_ das so und jenes so sein muß. Aber _sie_ kennt auch -das Warum. Sie weiß mit dem Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich -verstehe vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.« - -Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich mir die Hände waschen -könnte. So ein Schlafzimmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße -Bettdecke, weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an den -Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und Nadelkissen und zierlichen -Toilettegegenständen; und in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und -Krug aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf und -an einem Gestell mehr als ein Dutzend Handtücher -- Handtücher so -sauber und weiß, daß einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war, -ihr Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man mußte meinem Gesicht -ansehen, was ich empfand, und er freute sich wieder darüber und sagte: - -»Alles _ihr_ Werk; sie machte es alles selber -- jedes bißchen, kein -Ding hier, das nicht die Berührung ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden -Sie denken ... aber ich darf nicht so viel sprechen ...« - -Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ dabei meine Augen im -Zimmer herum von einem Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne -thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes Ding, das man sieht, -ein Labsal für Auge und Gemüt ist. Und ich merkte -- man merkt so etwas -manchmal auf unerklärliche Weise -- daß da irgendwo irgendwas vorhanden -wäre, was ich nach des Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich -wußte das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir durch verstohlene -Andeutungen mit seinen Augen dabei zu helfen suchte; so gab ich mir -denn viele Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm gerne ein -Vergnügen machen. Mehreremale riet ich falsch -- ich sah es aus dem -Augenwinkel, ohne daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich meinen -Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben; ich merkte das an dem -Behagen, das in unsichtbaren Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein -glückliches Lachen aus, rieb sich die Hände und rief: - -»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich wußte, Sie würden’s finden! -’s ist ihr Bild.« - -Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an der anderen Wand und -fand dort etwas, was ich bisher noch nicht beachtet hatte -- einen -Photographieständer. Der Rahmen umschloß das süßeste Mädchenantlitz und --- wie mir’s vorkam -- das schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank -die Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig befriedigt. - -»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« sagte er, als er das -Bild wieder auf seinen Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir -heirateten. Wenn Sie sie sehen -- aber warten Sie nur, wenn Sie sie -sehen!« - -»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?« - -»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht ihre Leute. Sie wohnen -vierzig oder fünfzig Meilen von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste -sie ab.« - -»Wann erwarten Sie sie zurück?« - -»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag wieder da sein, am Abend -- -wahrscheinlich so um neun Uhr.« - -Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung. »Das thut mir leid, -weil ich dann wieder fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern. - -»Fort? Nein -- warum sollten Sie denn gehen? Gehen Sie nicht. Sie wird -so enttäuscht sein!« - -Sie würde enttäuscht sein -- das schöne Geschöpf. Hätte sie selber -mir diese Worte gesagt, sie könnten mir kaum wohler gethan haben. -Ich fühlte ein tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so -sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir bange machte. Ich -sagte zu mir selbst: Ich will stracks von hier fortgehen -- um meines -Seelenfriedens willen. - -»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen und bei uns bleiben -- -Leute, die was verstehen und sprechen können -- Leute wie Sie. Da hat -sie ihre Wonne dran; denn sie selber weiß -- o sie weiß beinahe alles, -und kann reden, o, wie ein Vogel -- und was für Bücher sie liest -- -wahrhaftig, Sie würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja nur -eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.« - -Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf, so tief war ich in den -Widerstreit meiner Gedanken verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich -merkte es nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer -in seiner Hand und hielt mir das Bild vor die Augen und sagte: - -»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie hätten hier bleiben können um -sie zu sehen, und wollten’s nicht!« - -Dieser zweite Anblick machte alle meine guten Vorsätze zu Schanden. -Ich beschloß, auf jede Gefahr hin zu bleiben. Am Abend rauchten -wir in Ruhe unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht von -allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte ich seit vielen Tagen -nicht einen so angenehmen und ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag -verbrachten wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde kam ein -großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt wohnte -- einer von den -grauhaarigen gestrandeten Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich -er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er: - -»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören wie’s mit dem Frauchen -steht und wann sie heim kommt. Giebt’s was Neues von ihr?« - -»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?« - -»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir recht ist, Henry.« - -Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch hervor und sagte, -wenn’s uns recht wäre, so wollte er ein paar von den Sätzen über -Privatangelegenheiten überschlagen; dann fing er an und las den -Hauptteil des Briefes -- ein liebevolles ruhiges und ganz reizend -anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum voll von freundlichen -Aufmerksamkeiten und Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere uns -befreundete Nachbarn.‹ - -Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an und rief: - -»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg und laß mich deine Augen sehen. -Du machst es immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese. Wart’, -das werde ich ihr schreiben!« - -»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt, ich werde alt und -jede kleine Enttäuschung geht mir zu Herzen, daß ich heulen möchte. -Ich dachte, sie wäre selber hier, und nun hast du bloß einen Brief -gekriegt.« - -»Na nu? Wie hast du dir denn das in den Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder -wüßte, daß sie erst Samstag kommen soll!« - -»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das wußte ich ja. Ich weiß -gar nicht, was in der letzten Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s! -Wir haben ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß nun gehen. Aber -ich bin wieder da, wenn sie kommt, Alter!« - -Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer alter Veteran von seinem -Blockhaus, ungefähr eine Meile weit, herüber gewandert und sagte, die -Burschen hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s am -Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen, wenn Henry nicht dächte, -›sie‹ würde von ihrer Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können. - -»Müde! _Sie_ müde? Nu hör’ einer an! Joe, _du_ weißt doch, sie würde -einem von euch zu Gefallen sechs Wochen lang aufbleiben!« - -Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er, Henry möchte ihn vorlesen -und der liebevolle Gruß, der für ihn drin stand, machte den alten -Knaben ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes Wrack, daß ihm -das passieren würde, wenn sie auch bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber -Gott, wir sehnen uns so nach ihr!« sagte er. - -Am Samstag nachmittag ertappte ich mich darüber, daß ich recht oft die -Uhr zog. Henry bemerkte es und sagte mit einem beunruhigten Blick: - -»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon so früh hier sein, was?« - -Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt hatte. Aber ich lachte -und sagte, es wäre so eine Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer -Erwartung befände. Er schien indessen von dieser Erklärung nicht ganz -befriedigt zu sein und ich sah ihm seit diesem Augenblick an, daß er -sich unbehaglich fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an einen Punkt -der Landstraße, von wo man eine große Strecke überblicken konnte; da -stand er dann und überschattete seine Augen mit der Hand und spähte -aus. Mehreremale sagte er: - -»Ich werde aufgeregt -- ich werde ganz richtig aufgeregt. Ich weiß, sie -kann nicht vor etwa neun Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte -irgend ’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen. Sie -denken doch nicht, es ist ihr was passiert, was?« - -Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre ja so kindisch, daß -es ’ne Schande wäre. Und zuletzt, als er mir noch einmal wieder -seine Frage vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld -und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien ihn so einzuschüchtern -und so kleinlaut zu machen und er sah nachher so verletzt und so -niedergeschlagen drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen -Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als Charley, ebenfalls -einer von den Veteranen, in der Abenddämmerung ankam und sich an Henry -heranmachte, um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen für -ihren Empfang zu besprechen. Charley ließ eine muntere Rede nach der -anderen los und that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen und -Befürchtungen zu zerstreuen. - -»Ihr was _passiert_!? Henry, das ist ja der reine Unsinn! Es giebt -ja gar nichts, was ihr passieren könnte, darüber mach’ dir nur keine -Gedanken! Was stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht -wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde, nicht wahr? Hast du -je bemerkt, daß sie ihr Wort nicht hielt? Du weißt, du hast es nie -bemerkt! Na, dann habe also keine Angst; sie _wird_ hier sein, das -steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß du geboren bist. -Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken gehen; wir haben nicht mehr viel -Zeit.« - -Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an, und dann hatten wir alle -Hände voll zu thun, das Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun -sagten die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente mitgebracht -und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen, denn die Jungens und die -Mädels würden ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich schon -auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt. Eine Fiedel, ein Banjo -und eine Klarinette, das waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz, -einer neben dem andern, und begann eine betäubende Tanzmusik; dazu -stampften sie mit ihren schweren Stiefeln den Takt. - -Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden. Henry stand in der Thür und -hielt die Augen auf den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der -Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon ein paarmal auf seiner -Frau Gesundheit und Wohlergehen angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun, -Jungens, heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!« - -Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller und reichte das -Getränk herum. Ich griff nach dem einen von den zweien, die noch auf -dem Teller standen, aber Joe brummte halblaut: - -»Nicht das! Nehmen Sie das andere!« - -Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein Glas. Kaum hatte er das -Getränk hinuntergegossen, so schlug es neun. Er lauschte, bis der -letzte Schlag verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und immer -bleicher. Dann sagte er: - -»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft mir -- ich möchte mich -hinlegen!« - -Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich bequem zurecht und fing an -einzuschlummern. Aber auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer -im Schlaf spricht: - -»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?« - -Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr: - -»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid gebracht, die Gesellschaft hätte -unterwegs Aufenthalt gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege und -kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer halben Stunde wird sie -hier sein.« - -»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.« - -Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum aus seinem Munde waren. -In einem Augenblick hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider -abgezogen und ihn in die Kammer getragen, wo ich mir die Hände -gewaschen hatte. Dort legten sie ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür -und kamen wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen, aber -ich sagte: - -»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde mich nicht kennen, ich -bin ein Fremder.« - -Sie sahen einander an; dann sagte Joe: - -»Sie? Das arme Ding -- sie ist seit neunzehn Jahren tot.« - -»Tot?« - -»-- oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes Jahr nach ihrer -Hochzeit zu ihren Verwandten auf Besuch, und auf ihrer Rückreise, an -einem Samstag-Abend, raubten die Indianer sie, fünf Meilen von hier, -und man hat niemals wieder was von ihr gehört.« - -»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?« - -»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige Stunde gehabt. Aber -schlimm wird es mit ihm nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann -fangen wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie kommen soll, -und sprechen ihm Mut zu und fragen, ob er was von ihr gehört hat und -am Samstag kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen heraus -und machen alles zu einem Tanz fertig. So haben wir’s seit neunzehn -Jahren jedes Jahr gemacht. Am ersten Samstag, da waren wir unser -siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt sind wir bloß noch -drei und die Mädels sind alle fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk, -sonst würde er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr ganz in -Ordnung mit ihm -- er denkt, sie ist bei ihm, bis die letzten drei oder -vier Tage herankommen, dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt -seinen armen alten Brief heraus und wir kommen und bitten ihn, uns den -Brief vorzulesen. Lieber Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine ...« - -[Illustration] - - - - -Die Appetit-Anstalt. - - -I. - -Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine -Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, -so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter -Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind -alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die -ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht -aus wie Aufopferung -- aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken -haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener -war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im -ersten Bezirk bekommt -- der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist -leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie -gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus -- das nächste Haus ist -die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier -ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit -niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden; -Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume -für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung -ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich -- und doch ist hier -ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist -unvergleichlich -- wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der -ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und -Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle -und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem -Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt --- so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein. - -Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei -- es ist nur eine -flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes -Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz -betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in -Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den -umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug -nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad, -um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um -die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden. -’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen -Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine -Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin -eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem -kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen -und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle -Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses. - -Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte zur Verfügung, die man -bequem von Wien aus erreichen kann -- lauter reizende Plätzchen; Wien -liegt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo hier und da ein -See und Wälder sich finden; in der That, keine andere Großstadt ist so -glücklich gelegen. - -Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten vorhanden. Zu -diesen gehört Hochberghaus. Es liegt einsam auf dem Gipfel eines -dichtbewaldeten Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. Es -nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren Appetit verloren -haben, kommen hierher um ihn sich wieder herstellen zu lassen. Als ich -ankam, nahm Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer und -fragte: - -»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?« - -»Um zwölf.« - -»Was aßen Sie?« - -»Beinahe gar nichts.« - -»Was war auf dem Tisch?« - -»Die üblichen Sachen.« - -»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?« - -»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon -- ich kann’s nicht vertragen.« - -»Sind Sie der Sachen überdrüssig?« - -»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte niemals wieder was davon.« - -»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, nicht wahr?« - -»Mehr als das, er empört mich.« - -Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog er eine lange Speisekarte -hervor und ließ langsam sein Auge daran heruntergleiten. - -»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, ist ... aber hier, -suchen Sie sich selber was aus!« - -Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein Magen schlug einen -Purzelbaum. Von allen barbarischen Gelagen, die jemals ausgesonnen -wurden, war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand: - -›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch angemacht‹; -halbwegs die Karte hinunter las ich: ›Junge Katze; alte Katze; -Katzenklein‹ und ganz unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich -gemacht -- roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der Speisekarte -wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet waren, einem Kannibalen die -Kehle zuzuschnüren. Ich sagte: - -»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem so ernsten Fall, wie -der meinige ist, seinen Scherz zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit -zu kriegen, nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig habe, -loszuwerden.« - -Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte ich scherzen?« - -»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.« - -»Warum nicht?« - -Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls -bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt oder nur gut gespielt sein. - -»Warum nicht? Weil -- ja, Herr Doktor, seit Monaten habe ich selten -einmal andere feste Nahrung verdauen können als Rühreier und -Eierkuchen. Ihre unaussprechlichen Gerichte ...« - -»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. Sie sind sehr gut. -Und Sie _müssen_ sie essen. Das ist eine Vorschrift hier, und zwar eine -strenge. Ich kann durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.« - -Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor werden Sie den Abgang des -Patienten zu erlauben haben. Ich reise.« - -Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, der der Sache ein anderes -Aussehen gab: - -»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches Unrecht nicht anthun. Ich -habe Sie in gutem Glauben aufgenommen -- Sie werden dieses Vertrauen -nicht zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine ganze -Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem Appetit, wie Sie ihn jetzt haben, -so könnte das bekannt werden und Sie sehen selber ein, daß dann die -Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem Fall fehlgeschlagen hätte, -so könnte sie auch in anderen Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht -fortgehen; Sie werden mir das nicht anthun!« - -Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich wollte bleiben. - -»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden nicht gehen; Sie hätten -damit meiner Familie das Essen vor dem Munde weggenommen.« - -»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie denn diesen verteufelten -Kram?« - -»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren voll freundlichen Erstaunens. -»Natürlich nicht.« - -»O, also nicht! Und Sie?« - -»Ganz gewiß nicht.« - -»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des Arztes, der seine eigene -Medizin nicht nimmt.« - -»Ich brauch’ es nicht ... Es ist sechs Stunden her, daß Sie -gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr Abendessen jetzt haben -- oder -später?« - -»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso gut wie sonst ’ne Zeit -und es wäre mir lieb, wenn ich damit fertig wäre und es vom Halse -hätte. Es ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit -wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. Ja, ich will -versuchen, jetzt ein bißchen zu knabbern -- ein kleiner Spazierritt -wäre mir lieber gewesen.« - -Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹. - -»Suchen Sie sich selber was aus -- oder wollen Sie es später haben?« - -»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich vergaß Ihre -strenge Vorschrift.« - -»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden. -Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen, -wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten, -so müssen Sie warten bis es _mir_ beliebt. Sie können von der ganzen -Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.« - -»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu -Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.« - -Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine -sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, -Schlafstube und Baderaum. - -Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen -und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen -- eine vornehme Einsamkeit, -unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine -Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt -mir selber überlassen; dann fuhr er fort: - -»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser, -wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und -bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen -oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke -die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne -Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die -Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.« - -»Mich einschränken -- sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen. -Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes -verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu -wollen ist heller Wahnsinn!« - -Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß -er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach. -Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die -Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes -stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte: - -»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt -vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige -Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die -Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst -von Nr. 15 an zu beginnen.« - -Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war -hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte -am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das -war das erste, woran ich dachte -- dieser unerreichbare Wonnetrank, -dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere -europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine -flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch -Wiener Brot dazu -- diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach -mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte -- aber man -weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich -gestattete ihm zu gehen -- ich hätte ihn nicht weiter nötig. - -Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen --- und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich -klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder -eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis -er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen -nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes! -Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen. -Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei -Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang -war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur -Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen -Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig -genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können. - -Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und -Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von -derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten -verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte -eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert -waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals -hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während -der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten -Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann -kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei -der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit -den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen -gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite -Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar -und Theer. - -Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte -ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte -ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder -abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern; -ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit -näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller, -meine Hoffnungen stiegen höher und höher. - -Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen -gekommen war -- da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15: - -»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen -- mit den Eiern; sechs -Dutzend, heiß und duftig!« - -In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich -die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung: - -»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen. -Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl -- niemals! Sie -haben Ihren Appetit wieder -- Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s -und machen Sie mich glücklich!« - -»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte -steht!« - -»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das -System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?« - -»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt -- und doch mache ich -mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen -Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich, -ich kann’s nicht.« - -Da sagte der Doktor: - -»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel mehr dran und keine -Gefahr mehr vorhanden. Lassen Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich -Ihnen ein Beefsteak anvertrauen.« - -Das Beefsteak kam -- ein ganzer Korb voll -- mit Kartoffeln, und Wiener -Brot und Kaffee; und dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner -umständlichen Vorbereitungen wert war! Und Thränen der Dankbarkeit -troffen mir die ganze Zeit über die Sauce hinein -- Dankbarkeit -gegenüber dem Doktor, daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden -Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, viele Jahre mir -gefehlt hatte. - - -II. - -Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine lange Reise in einem -Segelschiff. An Bord waren fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die -übliche tagtägliche Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine Tasse -schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück: schlechter Kaffee mit -kondensierter Milch, dumpfige Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener -Fisch. Um 1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, kaltes -Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; um 5 -Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch -mit Sauerkraut, gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von -9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, kalte Zunge, -kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, marinierte Austern, -marinierte Schweinsfüße, geröstete Rippchen. - -Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte man aufgehört zu essen; -statt dessen wurde nur an den Speisen herumgepickt. Die Passagiere -kamen freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die Zeit -hinzubringen, teils weil die Weisheit der Menschengeschlechter uns -anempfiehlt, regelmäßig in unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der -derben und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse daran, keinen -Appetit darauf. Den lieben langen Tag lungerten sie auf dem Schiff -herum: halb hungrig, von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich, -mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte Magenkranke; diese -wurden im Lauf von drei Wochen zu reinen Schatten. Dann war da noch -ein bettlägeriger Invalide; der lebte von gekochtem Reis; er konnte -nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen Speisen vertragen. - -Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere und Mannschaft retteten -sich in offenen Boten. Wie üblich waren die Nahrungsmittel knapp. -Die Vorräte wurden gering und immer geringer. Da besserten sich die -Appetite. Als nichts mehr übrig war außer rohem Schinken und als -die tägliche Ration davon auf 55 Gramm für die Person herunterkam, -da waren die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen kauten -die Magenleidenden, der Invalide und die zartestbesaiteten Damen -der Gesellschaft voll Wonne an alten Matrosenstiefeln und beklagten -sich über dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. Und das waren -dieselben Leute, die auf dem Schiff das ewige Pökelfleisch und das -Sauerkraut und die anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen -können! - -Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer Not. Binnen zehn Tagen -waren alle fünfzehn in so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie -schiffbrüchig wurden. - -»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden genommen,« fügte der -Professor hinzu. »Verstehen Sie, was das sagen will?« - -»Ja.« - -»Verstehen Sie’s wirklich?« - -»Ja -- ich glaube doch.« - -»Nein, Sie verstehen es _nicht_. Sie zögern. Sie können sich nicht zum -Verständnis der Bedeutung aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen --- mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von ihnen erlitt irgend -welchen Schaden.« - -»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war in der That merkwürdig.« - -»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. Es war gar kein Grund -vorhanden, warum sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur -der Mutter Natur durchgemacht -- die beste und weiseste Kur auf der -Welt.« - -»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?« - -»Ja, es brachte mich darauf.« - -»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.« - -»Warum meinen Sie das?« - -»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß es für Sie eine solche war.« - -»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin kein Narr!« - -»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?« - -»Sie waren Menschen.« - -»Ist das dasselbe?« - -»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. In Bezug auf seine Gesundheit --- und auf alles übrige -- ist der Durchschnittsmensch das Produkt -seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; das Endergebnis -ist: er wird ein Esel. Er kann nicht drei oder vier für ihn neue -Umstände sich zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; das geht -über seine Kräfte. Er kann nicht selbst Beobachtungen machen, er muß -alles aus zweiter Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten -niederen Tiere so albern wären wie der Mensch -- sie wären alle binnen -einem Jahr vom Erdboden verschwunden.« - -»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur Lehre dienen?« - -»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen Schiff wieder zu ihren -regelmäßigen Mahlzeiten und sehr bald pickten sie wieder anstatt zu -essen -- appetitlos, von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend, -halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten Mägen fluchend und -schimpfend und dabei winselnd und wehklagend. Und das alles ganz -überflüssigerweise, denn ihre Mägen waren die Mägen von Narrenvolk.« - -»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr Verfahren ...« - -»Ganz einfach: _Essen Sie nichts bevor Sie hungrig sind!_ Wenn das -Essen Ihnen nicht mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein -Vergnügen, kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie nicht eher, als -bis Sie _sehr_ hungrig sind. Dann wird es Ihnen Vergnügen machen und -außerdem gut thun.« - -»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für die Mahlzeiten -einzuhalten?« - -»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu kämpfen haben -- nein! -Haben Sie den Feind untergekriegt, so ist Regelmäßigkeit nicht von -Uebel, d. h. so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder ins -Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel -- und dieses -ist: _Hungern_ -- lange oder kurze Zeit je nach dem Erfordernis des -einzelnen Falles.« - -»Die beste Kost, scheint mir -- ich meine die gesündeste ...« - -»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere -- aber -alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf -angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut -schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und -jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen -war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf -Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der -Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit, -sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande -gehalten wurde.« - -»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene -Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.« - -»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten -Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde -ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.« - -»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?« - -»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren -Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln -rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten -die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es -brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften -Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für -eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s -zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie -blieben kränklich -- es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller -Badeärzte?« - -»Worin besteht er?« - -»Es ist mein System in einer Verkleidung -- verschleiertes Hungern. -Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur -- ’s ist alles dasselbe. Die -Trauben, der Brunnen, das Moorbad -- sie geben der Sache einen Anstrich -und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern, -wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt -und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden _seines_ Tages -- nun -sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht -auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang -mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen -Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie -Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn -man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! -- Ich bin dabei, -meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ -- und stapft -weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der -Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht -rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und -beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit -einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten -Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade -wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und -feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein -halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun -Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ -sechs Wochen lang -- denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen -Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte -dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho -- überall.« - -»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter -Verfassung ist?« - -»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es -aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage -der Patienten.« - -»Wie kommt das?« - -»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen -und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier -gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen. -Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden -an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich -fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern --- die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf -bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und -sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit, -Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als -die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das -Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte -- so -drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende -sein sollen -- aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit -meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach -einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder -ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf -den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat -sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne -auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie -hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s -doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen -alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind -jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach -Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich -selber und deshalb warten sie noch eine Weile.« - -»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?« - -»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche -- lernt -seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu -halten -- lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich -was daraus zu machen.« - -»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man -nicht einen Teil weg?« - -»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn -der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt -- sozusagen darnach -schreit -- so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine -wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können -als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von -Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher -einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht -Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von -Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht -und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens ... Wieviele -Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?« - -»Früher -- zweiundzwanzig Jahre lang -- anderthalb; während der beiden -letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun; -Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.« - -»Früher ein und eine halbe Mahlzeit -- das heißt: Kaffee und ein -Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts -- ist’s -nicht so?« - -»Ja.« - -»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?« - -»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie waren besorgt um mich. Sie -dachten, ich brächte mich selber ins Grab.« - -»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre lang anderthalb Mahlzeiten -genug?« - -»Vollkommen!« - -»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand ist die Extramahlzeit -schuld. Lassen Sie sie aus. Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen -es verlangt. Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. Sie nehmen jetzt -in einem Tage bei zwei und einer halben Mahlzeit weniger Nahrung zu -sich als früher in anderthalb.« - -»Das stimmt -- bedeutend weniger; denn in jenen alten Tagen war meine -Hauptmahlzeit ein recht umfangreiches Ding.« - -»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf eine einzige Mahlzeit: -abends, bis Sie eines guten, gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten -Appetits sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren -anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf Ihre Familie. Haben -Sie irgend ein gewöhnliches Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber -verbunden ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden überhaupt -nichts. Das wird Sie kurieren. Es wird sogar den hartnäckigsten -Schnupfen kurieren. Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes -vierundzwanzigstündiges Fasten.« - -»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst erfahren.« - -[Illustration] - - - - -Mein Eintritt in die Litteratur. - - -Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein kleines Ding -- es war ›Der -hüpfende Frosch‹ -- in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber -ich war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner Ansicht nach konnte -eine Person, die in einer gewöhnlichen Zeitung was erscheinen ließ, -keinen Anspruch erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen -Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie mußte in einer Zeitschrift -erscheinen. Dann würde einer eine litterarische Person sein; dann würde -er auch zugleich berühmt sein -- einfach berühmt. Nach diesen beiden -Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker Sehnsucht. - -Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag fertig und sah mich sodann -um, welche Zeitschrift wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen -zu lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New York gab. Mein -Beitrag wurde angenommen. Ich unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn -dieser Name war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich -unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem einzigen -Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. Der Artikel erschien in der -Dezember-Nummer und ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das -Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter des Jahrgangs -enthalten; mein Name würde darunter und ich würde berühmt sein und -könnte das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante. - -Ich gab das Bankett _nicht_. Ich hatte die Worte ›Mark Twain‹ nicht -ganz deutlich geschrieben; es war für die Buchdrucker im Osten ein -neuer Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac Swain‹ -- genau -erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich nicht berühmt und -gab kein Festmahl. Ich war eine litterarische Person, aber was für eine --- eine begrabene, eine lebendig begrabene! - -Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers ›Hornet‹, der am 3. -Mai 1866 auf der Fahrt unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, und -ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden, zu Gespenstern -abgemagert, dort ankamen, nachdem sie mit Lebensmitteln _für zehn -Tage_ versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter der sengenden -Tropensonne gemacht hatten. Ein recht bemerkenswerter Ausflug; aber -der Kapitän, der ihn leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst -würde kein einziger lebend angekommen sein. Er war ein Neuengländer -vom besten Seemannsschlag der tüchtigen alten Zeit -- Kapitän Josiah -Mitchell. - -Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um Briefe für die Wochenausgabe -der ›Union‹ von Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche -Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig hatte, sich’s aber -leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars für nichts auszugeben. Die -Eigentümer waren liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne -Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt wenigstens noch -_ein_ Mensch, der ihnen eine dankbare Erinnerung zollt; denn es lag -mir sehr viel daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine Bitte -und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl nur kümmerliche Aussicht -vorhanden war, daß sie irgend welchen Nutzen davon hätten. - -Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen, als die Schiffbrüchigen -ankamen. Ich war bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande -auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit mein Blatt gut -zu bedienen -- und ich konnte sie mir nicht zunutze machen! Natürlich -ärgerte mich das schmählich. Aber zum guten Glück war damals Excellenz -Anson Burlingame in Honolulu, auf dem Wege zur Uebernahme seines -Postens in China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste -leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre und ließ mich nach dem -Krankenhaus tragen, wo die Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht -einmal eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber und ich -hatte nichts weiter zu thun als die Notizen zu machen. Es war so recht -bezeichnend für ihn, daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer -Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner prächtigen Natur, sich -nicht auf den Standpunkt seiner hohen Würde zu stellen, sondern einen -freundlichen Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte. - -Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit fertig. Ich aß -nichts, denn es war keine Zeit zu verlieren, wenn ich die anderen -Berichterstatter schlagen wollte. Es kostete mich vier Stunden, -meine Notizen in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die -ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der Erfolg war der, -daß ich am Morgen um neun einen langen und umständlichen Bericht -von den Erlebnissen der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während -die Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur eine kurze -Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle schicken konnten -- denn -sie blieben _nicht_ die Nacht auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen -Zwischenräumen den Postverkehr mit San Francisco besorgte, sollte -ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock kam stieß er gerade vom Quai -ab. Mein dickleibiger Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen -und fiel richtig an Bord -- und damit war mein Sieg gewonnen. Das -Schiff landete zur rechten Zeit in San Francisco; mein vollständiger -Bericht schlug wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem -damaligen Vertreter des New York-Herald, an die New Yorker Zeitungen -telegraphiert. - -Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien zurückkehrte, reiste -ich nach Sacramento und präsentierte meine Rechnung für allgemeine -Berichterstattung zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann -kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim Hornetfall‹: drei -Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift zu 100 Dollars die Spalte. Der -Kassierer fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran. -Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten kein Wort. Sie -lachten nur nach ihrer lustigen Art und sagten, es sei Spitzbüberei, -aber es schade nichts; es sei eine großartige Leistung (ob sie meine -Rechnung oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). »Zahlen Sie -aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die besten Zeitungsverleger, die es -jemals gab! - -Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am 15. Juni bei den -Sandwichinseln an. Sie waren bloß noch Haut und Knochen; die Kleider -schlotterten um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, die -bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber sie wurden im Hospital -gut gepflegt und die Einwohner von Honolulu versahen sie mit allen -Leckerbissen, die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell wieder -Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. Nach vierzehn -Tagen reisten die meisten von ihnen nach San Francisco; ich ging mit -demselben Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der ›Hornet‹ -war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen Passagiere, die auf -der ›Hornet‹ gewesen waren. Es waren zwei junge Studenten, Brüder, -aus Stamford, Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. Die ›Hornet‹ -war ein Schnellsegler erster Klasse; die Kajüte der jungen Leute -war geräumig und bequem, gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit -eingemachten Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost -aufzubessern. Als das Schiff in der ersten Januarwoche aus dem New -Yorker Hafen auslief sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn- -oder fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller und angenehmer -Fahrt würden zurückgelegt werden. Sobald die kalten Breiten im Rücken -lagen und das Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu einem -Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts unter einer Wolke von -Segeln, die keine Aufmerksamkeit erforderten, da tagelang keine einzige -Aenderung daran nötig war. Die jungen Leute lasen, schlenderten auf -dem geräumigen Deck herum, ruhten und träumten im Schatten der Segel, -speisten mit dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan hatte, -spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm bis zur Schlafenszeit. -Nach dem Schnee und Eis und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff -wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam, und wieder war die -Spazierfahrt ein Picknick. Bis zum frühen Morgen des 3. Mai. - -Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., 2° n. Br. Kein Wind, -kein Seegang -- tote Stille. Temperatur tropisch d. h. sengend, -blasenziehend von einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in -solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff davon machen -kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« Ein gewissenloser Matrose war -gegen alle Vorschriften mit einem offenen Licht in die Vorratskammer -gegangen, um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. Es kam, wie es kommen -mußte, und des Schiffes Stunden waren gezählt. - -Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der Kapitän wußte sie -vortrefflich anzuwenden. Die drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot -und zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und der Wirrwarr und die -Aufregung sehr beträchtlich waren, geht schon daraus hervor, daß beim -Aussetzen der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen ziemlich -bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten ein Ruder durch die Seite -gerannt wurde. Vor allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke -Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer sicheren Stelle -niedergelegt wurden -- unter ihnen ein Portugiese. Dieser hatte die -ganze Reise über keinen einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate -lang in seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. Als -wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen machten und ein Matrose -Herrn Burlingame diesen Nebenumstand berichtete, hob der Dritte -Steuermann, der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung seinen Kopf -hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, aber feierlich und im Tone -der Ueberzeugung: - -»Er _züchtete_ Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze Familie von solchen -Dingern. Er that es bloß, damit er nicht auf Wache brauchte.« - -Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen war, wurde von den -Leuten und den beiden Passagieren zusammengerafft und auf das Deck -geworfen wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um mehr zu holen. -Der Matrose, der es Herrn Burlingame erzählte, fügte hinzu: - -»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann 32 Tagesrationen -zusammen.« - -Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen Kopf in die Höhe und -verbesserte auch diese Angabe, indem er voller Bitterkeit sagte: - -»Der Portugiese, der da Schildwache spielte, aß zweiundzwanzig davon -auf, während niemand auf ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!« - -Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Rauch und -Flammen trieben die Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge -von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen, Abstand nehmen, und als -sie die Boote bestiegen, hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in -Sicherheit gebracht. - -Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, ein Exemplar von -›Bowditch’s Navigator‹ und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän -und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote hatten Chronometer. Die -Gesamtzahl der Leute betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis -sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt folgendes Ergebnis: -4 Schinken, beinahe 30 Pfund gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe -Kiste Rosinen, 100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern, -Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein Fäßchen mit 4 Pfund -Butter, 12 Gallonen[1] Wasser in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4 -Korbflaschen von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen -Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, Zündhölzer und -etwa 100 Pfund Tabak. Keine Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze -Gesellschaft sofort auf knappe Rationen gesetzt werden. - - [1] 1 Gallone = ungefähr 4½ ~l~. - -Der Kapitän und die beiden Passagiere führten Tagebücher. Auf unserer -Ueberfahrt nach San Francisco gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean -in eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht einen Klafter -vorwärts; dies setzte mich instand, eine Abschrift von den Tagebüchern -zu machen. Das von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; ich -will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende Eintragung gemacht -wurde, hatte das dem Untergang geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen -den Hafen verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit den üblichen -Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige Zeit zu vertreiben; an ein -Unglück dachte kein Mensch. - - 2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein heißer - trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen die Wolken Wind - und es kam wirklich eine leichte Brise -- gerade genug, um uns - in Fahrt zu halten. Zu erwähnen ist heute nichts, als daß sich - große Mengen Fische um unser Schiff zeigen; am Vormittag wurden - 9 Boniten gefangen und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach - dem Essen bekam der Obersteuermann einen großen Burschen an die - Angel; er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem - Kapitän zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit - einem Ruck den Fisch heraus -- aber, schnapp! weg war Leine - und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter unserm - Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der 9 oder 10 - Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm mit allen möglichen - Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch nach; aber er hatte - keine Lust anzubeißen. Ich vermute er hatte mit den über Bord - geworfenen Köpfen und anderen Ueberresten der Boniten seinen - Appetit gestillt. - -Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die Katastrophe. Die drei -Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann. -Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den -Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften -die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und -elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel -und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21 -Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in -dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann -im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel -gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in -seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm, -die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen -großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem -Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete -der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten -erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in -ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück, -einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen -Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck -Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff -noch brannte. - - 4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir - hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein - gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute - Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle - zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18° - oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der - Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff - sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr - heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach - Kräften versuchen, unser Leben zu retten. - -Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche -Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen -hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende -See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und -setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser -zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel -(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen -entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ -bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung -der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung -ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; -Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich, -nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die -einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch -auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als -ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so -errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre --- in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle -zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2] -gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet, -denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen -der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die -Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege -aus den Doldrums herausgekommen -- vorausgesetzt, sie hätten diesen -Punkt erreicht -- und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn -dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne -geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht -binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr -vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen. -Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; -das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht -mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück -vorwärts zu kommen -- und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen -in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator, -ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender, -regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet. - - [2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe - dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache, - unstätige Winde vorkommen. - -Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt, -aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck -beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein -einziger bekam viel Schlaf. - -Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und -gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn -überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein -Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den -Atlantischen Ocean durchquert -- und es ist auch wirklich eins. Aber -_dieses_ Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei -Fuß tief. - - Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten - uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß - unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von - unserer Gefahr nichts wissen. - -Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte -nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein -paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und -steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton -zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es -dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel -bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand. - -Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie -griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie -konnten keinen einzigen fangen. - - Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren - Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden ... Ein Schiff - braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu - kommen -- wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige? - ... Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken - können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun. - -Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer -beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche -Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual -dauerte noch fünf Wochen -- dessen müssen wir uns erinnern, da der -Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch -um so weicher vorkommen. - - Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage - als mir lieb ist ... Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten - gut ... Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung, - aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor - -- ein willkommener Anblick! -- und bestätigte die Angabe des - Kompasses. - - 10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in - den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300 - Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag - in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der - Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir - kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen - schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben - all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde, - aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute - des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen - eines _Mannes_. - - 11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in - der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten -- - wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300 - wieder zurückgekommen. - - Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet - wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag - anbricht; das heitert uns wirklich auf ... Wovon hat er die - ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von - ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? ... Des Zweiten - Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr -- ein Zeichen, - daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach - ziemlich scharf zu ihnen. - -Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war -ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte -ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war. - - In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende - Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen ... Ich hatte drei - Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit - gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der - Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll, - halb Branntwein, halb Wasser ... Die Leute halten regelmäßig - Wache -- vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe ... Der - Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm - eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er - könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht - genug für alle. - - 13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf - die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes - sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir, - die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der - Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein - aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim; - wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein - Telegramm von uns aus San Francisco bekommen. - -Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber -dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes -Wunderzeichen -- ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die -schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson, -daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit -heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter -Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies -nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹. - -Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von -Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa -aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn -beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist -dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen, -die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage -besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen -- und wann?« Ist der -Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen -gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel -kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt. - -Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein -halber Scheffel Zwieback übrig!« -- Und sie haben noch einen Monat über -die See zu wandern! - -Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher -Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme -Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große -Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen -Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen, -denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte -natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in -Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete -den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und -billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe: -sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei -kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich -dachte er über diese knifflichen Fragen nach. - -Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf; -der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst -hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom -Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von -Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹ - -Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und -erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das -Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann -weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt -stets bereit, wenn eine _Männerarbeit_ zu thun war. Er übernahm das -hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu -bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen -waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot. -Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht. -Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie -hätten besser den Portugiesen missen können. - -Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen -wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er -aussieht -- aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je. - - Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den - Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen - Regenschauer mit einem Passatwind. - -Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig -aus den Doldrums heraus sein -- aber sie sind noch drin. Keine Brise; -die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie -schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben -nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am -Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der -hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch -haben, so ist es willkommen‹. - -Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite -Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum -›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch, -das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein -Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim -Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht -ereignisvoller. - - 22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß - wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern - hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns - plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten - es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns - frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden - mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem - wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das - Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot - des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir - uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren; - aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung! - Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es - scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln - zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun, - um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen. - Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem - Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst - nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir - noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen - Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind - wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns - verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot - treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied. - - Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten, - von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag - schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir - nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich - nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot - ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das - gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen - Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr - aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen - Bemühungen Erfolg verleihen! - - 24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den Mann fünf - Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher Wasser und ein - Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars. Wir werden - sichtlich immer schwächer -- habe Gott Gnade mit uns allen! - - 26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden Fisch und - einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! Die Leute - werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, mutlos; sie sagen - jedoch sehr wenig. - -Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren und undenkbaren -Schrecknissen noch das Schweigen hinzu -- das stumme Vorsichhinbrüten, -das einem Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, ›die -anderen Boote sind nach Westen verschlagen und aufgefischt worden.‹ -(Man sollte von ihnen auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!) - - Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ w. L. nach - dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als wir das Schiff - verließen, reichten nach unserer Berechnung unsere Vorräte etwa - für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei strenger Einteilung noch - für eine weitere Woche damit auszukommen.[3] Vorige Nacht fiel - wieder ein fliegender Fisch ins Boot, und heute auch einer - -- beide waren nur klein. Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein - großer Fang für uns, und ein recht großer giebt ein kleines - Mittagessen für uns fünfzehn ab -- d. h. natürlich was wir in - unserm Langboot ein Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen - den ganzen Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für - meine Kräfte; bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht - scharf aufpassen; ich ließ daher die zweite Hälfte für heute - abend übrig. Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören - wird, die heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß - Er sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not - Hilfe und Beistand sendet. - - [3] Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T. - -Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals ein paar Löcher enger -zugezogen: die Brotportion wurde von der bisherigen Menge -- ein -Stückchen Zwieback jedesmal von der Größe eines Silberdollars -- auf -die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei Mahlzeiten wurde -eine ausgelassen. Des Kapitäns Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine -halbe Gallone Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei -kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser. - -Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der hoffnungsvolle Ton. Das ist -bemerkenswert! Das Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´ -w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln; -diese zu erreichen, davon kann bei der mangelhaften Segeltüchtigkeit -des Bootes nicht die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau aus -Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare Land ist die -›Amerikanische Inselgruppe‹, die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem -ist keine Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht einmal eine -Entmutigung zu bemerken. Und dabei heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben -wir noch: eine Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse Suppe; -den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel Gallonen Brotschnitzel.« - -Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem Hut voll Lebensmitteln! -Und zum Glück wissen sie nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200 -noch zurückzulegen haben. - -Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage ist ein Unglück zu -verzeichnen: Gestern waren noch drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute -morgen wird der kleine Sack offen gefunden und _es fehlen ein paar -Stücke Zwieback_! - - Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen Handlung - im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine Frage, daß - dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. In zwei Tagen - wird es mit den übrigen Brocken sicherlich zu Ende sein. Gott - gebe uns die Kraft, die amerikanische Gruppe noch zu erreichen. - -Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu erzählte, erinnerten -die Matrosen sich in jenen Tagen voll bitteren Aergers, daß der -Portugiese 22 Rationen gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck -lag; nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, wenn es zu -Kannibalismus käme, so solle er zuerst für die anderen leiden. Samuel -Ferguson bemerkt vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich sehr -freundlich gegen uns benommen -- beinahe wie ein Vater. Er erzählte: -wenn ihm das Kommando des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so -hätte er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« Man schaudert, -wenn man daran denkt, mit wie knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch -entgingen! - -An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän in seinem Logbuch: - - Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: 14 - Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe eines Pennys zum - Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück Schinken und ein Stück - Brot, beide von der Größe eines Pennys, zum Frühstück. - -Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von der Größe eines Pennys‹ -sich nicht nur auf den Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der -Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch so dünn geschnitten, wie -es nur mit einem ganz scharfen Messer möglich war. - - 1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr böig und es - ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -- nächst - Gottes fürsorglichem Schutz -- uns während dieser 24 Stunden - vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist über alle Begriffe - wunderbar, wie jeder Bissen, der über unsere Lippen kommt, uns - gesegnet ist. Ich muß täglich an das Wunder mit den Fischen - und Broten denken. Henry benimmt sich prachtvoll; dies ist ein - großer Trost für mich. Wie es kommt, weiß ich selbst nicht, - aber ich hege große Zuversicht und hoffe, daß unsere Trauerzeit - bald enden wird, obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur - kreuzen und sehr bald weit davon weg sein werden. Unsere - Haupthoffnungen setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein - Kriegsschiff, oder auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf - die wir steuern, sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner - Karte soll es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden - Stelle wirklich vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien! - -Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche später segelten sie über die -Inseln weg! - -Aus dem Logbuch des Kapitäns: - - 2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn Rationen - Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. _Aber die Sonne - scheint und Gott ist barmherzig._ - -Aus Samuel Fergusons Tagebuch: - - Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich fürchterlich. - Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen nach dem vorderen - Ende des Bootes und war überrascht, wie außerordentlich schwach - ich war, besonders in den Knieen und überhaupt in den Beinen. - Die Sonne hat wieder geschienen, ich habe einige von meinen - Sachen trocknen können und hoffe auf eine bessere Nacht. - - 4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht, - müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹ - sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die - Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu - begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein, - denn länger als 5 oder 6 Tage _können_ wir mit unseren - Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht - es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute - bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind; - sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren. - Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß, - Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32 - Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit - Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir - noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben -- das ist mehr, - als _menschliche_ Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen - könnte. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - 4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt. - -Aus Henry Fergusons Tagebuch: - - Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören - lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem - Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns - zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer. - -Aus Samuels Tagebuch: - - Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser - Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen - ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es - notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten - vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und - drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut - werden -- lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der - Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber, - so gut ich kann, aufrecht zu erhalten ... Von heute an giebt’s - nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um - 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr - abends je einen kleinen Schluck Wasser. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher - Wasser für jeden. - -Jetzt sind sie also herunter auf _eine_ Mahlzeit täglich -- und was -für eine ›Mahlzeit‹! -- und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer -furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei -verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich. -Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde, -war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits -gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in -das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen, -so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den -Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer -Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder -Samuel zu: - - Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän und - uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der Kapitän sei - an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, das Schiff - zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu bringen; er habe - den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie bereits hatten, in - die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung des Essens - parteilich vor, indem er uns begünstige. X. fragte Cox neulich, - ob er lieber hungern oder Menschenfleisch essen wolle. Cox - antwortete, er würde hungern, worauf der andere versetzte, das - wäre ja einfach Selbstmord. Wenn wir die Amerikanischen Inseln - nicht finden, thun wir gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X. - ist der lauteste von allen. - - Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf B. verlassen; - außerdem auf Cox, nicht wahr? - - Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst - wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu - rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox richtig - verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen - oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. Es wäre - gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen aufpaßtest, damit - sie uns nicht gestohlen werden. - -Aus Henrys Tagebuch: - - 6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten etwas, das - wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine Vögel! Wir fangen - an zu befürchten, daß die Inseln nicht da sind. Heute wurde - dem Kapitän ganz laut vor allen Leuten gesagt, einige von den - Matrosen würden unbedenklich Menschenfleisch essen, falls einer - von uns sterben sollte, doch würden sie niemanden totschlagen. - Entsetzlich! Gott erhalte uns allen unsere Vernunft und erspare - uns solche Greuel. »Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg - und Mord und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!« - -Aus Samuels Tagebuch: - - 6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer). - Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das Segel - nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang ein - Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern. - Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er kam auch bis - zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe ohnmächtig, wieder - herunter kommen, ehe er fertig war. Dann ging Joe hinauf; - beim zweiten Versuch konnte er die Taue vorläufig festmachen - und die Blockrolle mit nach unten bringen; aber es war eine - sehr anstrengende Arbeit und er war nachher den ganzen Tag - erschöpft. Wir müssen aber unbedingt das Segel in gute Ordnung - bringen, ehe wir alle unsere Kräfte verlieren. - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Nur noch drei Mahlzeiten übrig. - -Aus Samuels Tagebuch: - - 7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die - volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden - sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen - auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr - nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde - sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es - nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich - zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß - der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem - Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten - müssen! - - 8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und - ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich - ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte - der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und - Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich - die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und - bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es - überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun - nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten - Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben - wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges - Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse - ›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen - aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der - allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe! - -Aus des Kapitäns Logbuch: - - Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung. - -Samuels Tagebuch: - - 9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl - sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir - haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen, - woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der - Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen - Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung, - die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns - liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die - Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt. - Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach - menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben. - Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden - und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die - Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich. - - Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute - ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den - Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry, - der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die - Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag - das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken - Hals. - -Jetzt ist also _nichts_ mehr übrig, was man mit dem besten Willen -›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage -hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen -vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von -jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch. -Henry Ferguson schreibt: - - Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen - Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den - Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt - so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen - wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter - befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im - Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die - Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten. - Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den - Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich - etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht - unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen! - - 11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem - Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte. - Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers - sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben - werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich - jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen - könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man - halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig - ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe - wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei - verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz - ruhig verhalten. _Es ist mein fester Glaube und meine innige - Zuversicht, daß wir werden gerettet werden._[4] - - [4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch - nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.« - Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen - sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten - beim Steuer _eine Million Dollars in Gold_ versteckt; sie - waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden - und sich des Geldes zu bemächtigen. - - M. T. - - 12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin -- gerade auf die - Inseln los. Gute Hoffnung -- aber die Aussicht auf die nächsten - Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der - Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt. - - 13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt - alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem - wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben. - - 14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind - entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott - gebe, daß wir bald Land sehen. _Nichts zu essen_ -- fühle mich - aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen - Regenbogen -- den ersten seit Antritt unserer Reise. Der - Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen -- _es - ist der Bogen der Verheißung_!« - - 15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade: - =Land in Sicht!= Wir kamen schnell näher und waren bald der - Thatsache _gewiß_! ... Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns - herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden - voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und - seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von - Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns - prächtig auf -- halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und - brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber - die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren - über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, - Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach - dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch - nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier. - Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns - einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse - heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche - Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee - und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir - schlafen sollten ... _Heute ist der glücklichste Tag meines - Lebens!_ ... Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört ... - Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür. - - 16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir - hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir - nicht -- dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn - wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß - alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot - befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor. - -Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches, -was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In _einer_ -außerordentlichen Einzelheit -- daß nämlich _alle_ Insassen des Bootes -am Leben bleiben -- steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern -dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung -es aus -- hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die -an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben -Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die -rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen -Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die -meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von -ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich -war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der -Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben. -Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen -einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal -so lange ausgehalten wie die Lebensmittel. - -Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste -nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, -daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein -Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die -Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr -ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem -Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen -hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im -Riff lotsten -- die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen! - -Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf -den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der -›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von -ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit -Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht -durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise -wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und -keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie _schabten_ die -Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der -Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von -Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher -waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will -ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen -Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei -einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar -zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! -Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts. -Viele Tage lang -- ich glaube, einundzwanzig hintereinander -- schlief -der Kapitän überhaupt nicht. - -Nach der Landung gelang es, alle Geretteten davon abzuhalten, daß sie -sich überaßen -- ausgenommen den Portugiesen. Der entkam dem Wärter -und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, sagte -der Dritte Steuermann, wären’s gewesen; aber dies war unzweifelhaft -eine Uebertreibung -- ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig. -Er war schon beinahe ganz voll von Leder; es hing ihm zu den Ohren -heraus. (Dies berichte ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten -Steuermanns, sondern ich übernehme selbst die Verantwortung dafür.) -Der Portugiese hätte natürlich daran krepieren sollen und es thut einem -sogar jetzt noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte -sich und zwar so schnell wie alle andern -- trotz allem Leder und -Butterholz und Taschentüchern und Bananen, die er in sich hatte. Einige -von den Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, auch -Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er. - -Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß sie den Kikerikihahn nicht -schlachteten, der jeden Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang; -dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und machte einen tapferen -aber schwachen Versuch, noch einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb -er. Ein interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen --- der einzige, den man in den 43 Tagen sah; er erhob sich wie ein -Triumphthor in die Lüfte, unter welchem die standhaften Streiter als -Sieger in den Hafen der Rettung segelten! - -Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte Kapitän Josiah Mitchell diese -denkwürdige Reise von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen Boot -- -eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie wirklich zurücklegten, und -3360 Meilen in der Luftlinie -- und brachte jeden Mann gesund an Land. -Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer Mann und lieber -Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage lang mit ihm auf Deck -- (wenn -ich nicht in der Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) -- und ich -erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch lebt, ist er jetzt 86 -Jahre alt. - -Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, bald -nach unserer Ankunft in San Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch -sein Elternhaus erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen sehr -verschlimmert worden. - -Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von den beiden kleinen Booten -etwas vernehmen würde -- aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie -gingen ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord waren, auch -der ritterliche Obersteuermann. - -Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, sie genau so, wie sie -niedergeschrieben waren, abzuschreiben und die Auszüge, die ich daraus -gegeben habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. Die -beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch sind durch keine Kunst -besser zu machen: sie sind litterarisches Gold. - -Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht angesehen, aber ich finde -sie haben in diesem Zeitraum nichts verloren. Verloren? Gewonnen -haben sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche -Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung an Interesse -gewinnt. Wir werden uns dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend -vor der armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten -in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. Sie liegt da, das -Kind, das sie zu retten versuchte, an ihren Busen gedrückt und ihr -verzweiflungsvoller Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den Tod -brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die glühende Lava nahm ihr -das Leben, aber sie überlieferte ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der -Ewigkeit. Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt tagelang unsere -Gedanken -- warum? Das wissen wir nicht, denn sie ist nichts für uns, -sie ist 1800 Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. Würde uns -dagegen heutigen Tages ein solcher Fall vorkommen, so würden wir sagen: -»Die arme Frau! Was für ein Jammer!« -- und hätten sie in einer Stunde -vergessen. - - - - -Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹. - - -Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse zu erzählen. Wie mir -scheint, gehören sie unter die Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber -ich vor Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.[5] - - [5] Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen - Schriften‹. - -Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn George W. Cable eine -Rundreise, um Vorträge zu halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein -Empfang veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags in einem langen -Salon im Windsorhotel. Herr Cable und ich standen am einen Ende des -Raumes, die Damen und Herren traten am anderen Ende ein, gingen die -lange Wand linker Hand entlang, schüttelten uns die Hand, sagten ein -oder zwei Worte und gingen weiter -- die übliche Geschichte. Mein -Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich in dem Gedränge von -Fremden, die sich weit da hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes -Gesicht. Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll Freude bei -mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz vergessen, daß sie eine -Kanadierin ist.« Sie war in meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada, -sehr befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren hatte ich nichts -mehr von ihr gesehen oder gehört. Es war kein Anlaß vorhanden, sie -mir in die Erinnerung zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit -langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war mir völlig aus -dem Gedächtnis entschwunden. Aber ich erkannte sie augenblicklich; ich -sah sie so klar und deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem -Anzug bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und behielt sie im -Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich darauf, daß sie näher herankäme. -Mitten unter all dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen -Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden Reihe -immer näher kam; als sie an der linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht -von vorne sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß von mir -entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, sie müsse doch -irgendwo im Salon sein und würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in -dieser Erwartung hatte ich mich getäuscht. - -Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, sagte jemand zu mir: -»Bitte, kommen Sie mit nach dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie -kennt und Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; Sie -sollen wenn möglich die betreffende Person selber erkennen.« - -Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die Sache wird sehr einfach -sein.« - -Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten unter ihnen, ganz wie ich’s -erwartet hatte, Frau R. Sie war genauso angezogen, wie ich sie am -Nachmittag gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr die Hand, -begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte: - -»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben Augenblick als Sie den -Saal betraten.« - -Sie sah mich überrascht an und antwortete: »Aber ich war ja gar nicht -beim Empfang. Ich komme gerade eben von Quebec an und bin noch keine -Stunde hier in der Stadt gewesen.« - -Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. Ich sagte: - -»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es genau so -ist, wie ich sage. Ich sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so -gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick sagte, ich würde -einen Bekannten in diesem Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir -auf, in Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie beim Empfang -gesehen hatte.« - -Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim Empfang noch irgendwo -in der Nähe; trotzdem sah ich sie dort, klar und deutlich und -unverkennbar. Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man so -etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem Augenblick an sie; ich -hatte seit Jahren nicht an sie gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie -an mich gedacht. Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit durch -die Lüfte zu mir und brachten mit sich das deutliche, hübsche Bild der -Dame? Ich glaube es. - -Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in Bezug auf Erscheinungen --- ich meine Erscheinungen, die man in hellwachem Zustande sieht. Ich -hätte vielleicht für einen Augenblick eingeschlafen sein können; dann -wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber diese Möglichkeit kommt -hier gar nicht in Frage; das Interessante dabei ist, daß es gerade in -dem betreffenden Augenblick passierte -- nicht früher und nicht später; -dies ist ein Beweis dafür, daß der Ursprung in Gedankenübertragung zu -suchen ist. - -Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den meisten Leuten als reines -zufälliges Zusammentreffen erklärt werden: - -Vor Jahren dachte ich manchmal daran, eine Vorlesungstour bei den -Antipoden zu machen, gab aber die Idee stets wieder auf, teils wegen -der Länge der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich machen -konnte, mich zu begleiten. Ende Januar letzten Jahres kam nach langer -Zwischenzeit plötzlich diese Idee mir wieder in den Kopf -- und zwar -mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß. Woher kam sie? Was -regte sie an? Hierauf komme ich gleich zu sprechen. - -Ich war damals, wo ich jetzt bin -- in Paris. Ich schrieb sofort -an Henry M. Stanley in London und fragte ihn nach verschiedenen -Einzelheiten in Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das -Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen wären u. s. w. -Nach ein paar Tagen kam seine Antwort; sie begann: - -»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent par excellence -Herr R. S. Smythe in Melbourne.« - -Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen, eine Aufstellung -der Kosten für die Seefahrt und einiges andere mit und riet mir, an -Herrn Smythe zu schreiben. Das tat ich auch -- am 3. Februar. In den -Eingangszeilen meines Briefes sagte ich ungefähr folgendes: er kennte -mich zwar nicht persönlich, wir hätten aber einen gemeinsamen Freund -in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen. Dann machte ich -meinen Vorschlag und fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen -abschließen wollte wie mit Stanley. - -Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn Smythe auf die Post, und -drei Tage später bekam ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert: -Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch nicht mehr gewundert, -wenn ich einen Brief vom seligen George Washington gekriegt hätte. Der -Brief begann ganz ähnlich wie der meinige -- mit einer Selbsteinführung: - -»Geehrter Herr Clemens! -- Es ist so lange her, seit Archibald Forbes -und ich einen so reizenden Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in -Hartford verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen -haben.« - -Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es: - -»Ich biete Ihnen« -- (hier folgten dieselben Bedingungen, die er -Stanley bewilligt hatte) -- »für eine Vorlesungstour von etwa drei -Monaten bei den Antipoden.« - -Da hatte ich also die Antwort auf die einzige wesentliche Frage meines -Briefes drei Tage nachdem ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die -Mühe und das Porto sparen können -- und ein paar Jahre vorher _hätte_ -ich sie mir auch gespart, denn da hätte ich mir gesagt, der plötzliche -starke Antrieb, an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel -brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen, daß die Anregung -von dem Fremden ausgehe, und er werde mir von selber auf meine Fragen -antworten, wenn ich es einfach abwartete. - -Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an meiner Nase vorbei nach -Amerika, wodurch er drei Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im -Vorbeifahren ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das tun Briefe oft. - -Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von Australien -herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose Brief einem -diesen Gedanken mit, während er unsichtbar im Postsack an einem -vorbeistreift. - -Nächstes Erlebnis: Einen Monat später -- im März -- war ich in Amerika. -Ich verbrachte einen Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John -Brisben Walker, von der Zeitschrift ›~The Cosmopolitan~‹. Den nächsten -Morgen fuhren wir nach New York und gingen, um zu frühstücken, in -den Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den Charakter des -Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die darin herrschte, und über die -angenehme Lage des Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht -hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker Clubs wären für -Mitglieder, die nicht am Ort wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne -daß man viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte. - -»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist der ›Lotos‹ -- -der erste New Yorker Club, bei welchem ich Mitglied wurde -- meine -allererste Liebe in dieser Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre -Mitglied gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal Gelegenheit -gehabt, vorzusprechen und die Leutchen zu sehen. Sie werden alt und -grau, ohne daß ich was davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend -meinen Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar Tage nach -Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin, will ich ganz im geheimen -zu John Elderkin gehen und ihm sagen: - -»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm Ehren, um der alten Zeiten -willen! Macht mich zum Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab. -Wenn ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so besser -- schafft -es zu meiner Ehre und Glorie!‹« - -»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will John Elderkin besuchen, -sobald ich von Hartford zurück bin.« - -Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug, telegraphierte aber -vorher noch an Herrn F. G. Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag -besuchen. Bei seiner Ankunft fragte er: - -»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York einen Brief von Herrn John -Elderkin, dem Sekretär des Lotosklubs?« - -»Nein.« - -»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich gewußt, daß -Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten. Es ist was Schönes, -und Sie werden stolz darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch -einstimmigen Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und den -Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am Abend des dreißigsten, -zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest des Klubs anwesend sein, um Ihre -Auszeichnung entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie -bei dieser Gelegenheit was Großes aufstellen!« - -Wie kam mir an jenem Tage im Century Club die Ehrenmitgliedschaft in -den Kopf? Ich hatte nie zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich -den Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht schon früher, -aber ich bin fest überzeugt, daß er in der Vorstandssitzung des ›Lotos‹ -entsprang und im Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den -geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn nahm. - -Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei Tage in Hartford als -Gast des Rev. Joseph H. Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang -bei seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet und fuhr jetzt -mit ihm nach Farmington, um eine meiner Nichten zu besuchen, die in der -berühmten Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt acht oder -neun englische Meilen. Unterwegs erzählte ich zur Erläuterung irgend -einer Behauptung folgende Anekdote: - - Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie auf der Reise - nach Rom durch Mailand, wo wir Halt machten und im Continental - abstiegen. Nach dem Essen ging ich hinunter und setzte mich - auf einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die üblichen - Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen, und sagte zu mir - selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich -- gemütlich und ruhig, - und kein Mensch kann mich stören; denn ich kenne in ganz - Mailand keinen Menschen.‹ - - In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf und streckte - mir die Hand hin, wodurch meine im Selbstgespräch aufgestellte - Behauptung allerdings ein bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa - folgendes: - - ›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr Clemens, aber ich - erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich war Kadett in West Point, als - Sie mit Rev. Joseph H. Twichell vor einigen Jahren da waren und - eine Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der regulären - Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein in Europa auf - einem bescheidenen kleinen Ausflug; mein Regiment steht in - Arizona.‹ - - Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei erzählte er - mir ein kleines Abenteuer, das er vor kurzem gehabt hatte, - ungefähr in folgender Weise: - - ›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und vor zehn Tagen - verlor ich meinen Kreditbrief. Ich wußte absolut nicht, was ich - anfangen sollte. Ich war ein Fremder, kannte keinen Menschen in - Europa, hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht mal - ein Telegramm nach London bezahlen, um mir für den verlorenen - Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen. Meine Hotelrechnung - war eine Woche alt und mußte mir nächstens vorgelegt werden - -- vielleicht konnte das schon im allernächsten Augenblick - geschehen. Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich verlöre - den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich fortwährend auf und - ab, hin und her. Wenn jemand in meine Nähe kam, drückte ich - mich schleunigst, denn mochte er aussehen wie er wollte, ich - dachte immer, es wäre der Oberkellner mit der Rechnung. - - ›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung, daß - ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich auch nur eine - schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und so beging ich denn - folgende Verrücktheit: Ich sah an einem kleinen Tisch in der - Veranda eine Familie beim Frühstück sitzen und erkannte, daß - es Amerikaner waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter - -- jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg alle - unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks auf sie los, stellte - mich ihnen mit meinem Namen vor, sagte ich sei Leutnant in der - Armee, erzählte meine Geschichte und bat um Hilfe. - - ›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber Sie kommen in - zwanzig Jahren nicht darauf. Er nahm eine Handvoll Goldstücke - heraus und sagte mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen. - Ja, das tat er!‹ - - Am andern Morgen sagte der Leutnant mir, sein neuer Kreditbrief - sei inzwischen angekommen; wir bummelten also zu Cook, und er - ließ sich das Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter - zu bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen Arkade - entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten sind sie; kommen Sie - mit, ich will Sie vorstellen.‹ Ich wurde den Eltern und den - jungen Damen vorgestellt; dann trennten wir uns, und ich sah - weder ihn noch sie jemals w ... - -»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach mich Twichell. - -Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten Boden die -hundert Schritte nach der Schule hin; unterwegs sprachen wir von -der langentschwundenen Zeit, da wir und Warner in jene Gegend -herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen wäre. - -Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im Sprechzimmer; dann brachen -wir auf. Vor dem Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig -oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters Schule, die von einem -Spaziergang nach Hause kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen -Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie uns anzusehen. Auf -einmal trat eine von ihnen aus der Reihe heraus und sagte: - -»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich kenne Ihre Tochter, und -das verschafft mir den Vorzug, Ihnen die Hand zu geben.« - -Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte: - -»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben, Herr Clemens. Sie erinnern -sich meiner nicht, aber Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den -Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.« - -Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte in den Sinn gebracht? -War es wirklich die Nähe des jungen Mädchens oder war es nur ein -eigentümlicher Zufall? - - - - -Besuch eines Interviewers. - - -Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann nahm den Stuhl, den -ich ihm anbot, und sagte, er gehörte zur Redaktion der ›Täglichen -Blitzpost‹; dann fuhr er fort: - -»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie -interviewen.« - -»Möchten Sie ... was?« - -»Sie interviewen.« - -»Ah so! Ja ... ja. Hm. Ja ... ja.« - -Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen nicht gerade sehr hell im -Kopf. In der Tat, meine geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen -umwölkt zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank und nachdem -ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht hatte, sah ich mich -genötigt, mich an den jungen Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte: - -»Wie buchstabieren Sie es?« - -»Buchstabieren? Was denn?« - -»Interviewen.« - -»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es denn zu buchstabieren!« - -»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich möchte nur nachschlagen, -was es bedeutet.« - -»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich sagen. Ich kann Ihnen -sagen, was es bedeutet, wenn Sie ... wenn Sie ...« - -»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr verbun ...« - -»I--n, in, t--e--r, ter, inter--« - -»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?« - -»Natürlich.« - -»So, deshalb brauchte ich so lange!« - -»Nanu, mein _lieber_ Herr, womit wollten Sie es denn buchstabieren?« - -»Ja, ich ... ich ... weiß nicht recht. Ich hatte das -Konversationslexikon, große Ausgabe, vor und blätterte im Nachtragsband -herum, in der Hoffnung, ich könnte das Wort unter den Abbildungen -finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.« - -»Nun, bester Freund, eine _Abbildung_ davon wäre selbst in der neuesten -Aufl ... Mein werter Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es -absolut nicht böse, aber Sie sehen nicht -- nicht -- so -- äh -- -intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts für ungut -- ich meine -es ja nicht böse.« - -»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von Leuten, die mir niemals -schmeicheln würden und auch gar keine Veranlassung dazu haben -könnten, schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu eine -Sehenswürdigkeit bin. Ja ... ja; sie sprechen immer ganz hingerissen -davon.« - -»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf unser Interview zu kommen. -Wie Sie wohl wissen ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt -geworden ist, sofort zu interviewen.« - -»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich noch nie was gehört. Das muß -sehr interessant sein. Womit machen Sie es?« - -»Ah, ... hem! ... hem! ... hem! ... das ist ja ... Manchmal _sollte_ -es mit ’ner Keule gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es -darin, daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte darauf -antwortet. Man ist ganz darauf versessen. Wollen Sie mir gestatten, -einige Fragen über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen und -privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?« - -»O, mit Vergnügen -- mit Vergnügen! Ich habe ein sehr schlechtes -Gedächtnis, aber ich hoffe, Sie werden nicht so genau darauf sehen. -Das heißt ... es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis -- überaus -unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und dann wieder braucht es -vierzehn Tage, um über einen gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht -mir viel Kummer.« - -»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich nur recht Mühe geben -wollen.« - -»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der Sache sein.« - -»Danke. Sind Sie so weit?« - -»Jawohl.« - - * * * * * - -»Wie alt sind Sie?« - -»Neunzehn, im Juni.« - -»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig gegeben. Wo wurden Sie -geboren?« - -»In Missouri.« - -»Wann fingen Sie an zu schreiben?« - -»1836.« - -»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn Sie jetzt erst neunzehn sind?« - -»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein bißchen sonderbar aus.« - -»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung der Hervorragendste von -allen Männern, mit denen Sie je in Berührung kamen?« - -»Aaron Burr.« - -»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt haben, wenn Sie jetzt -erst neunzehn Jahre alt sind --« - -»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen als ich selber, warum -fragen Sie mich dann?« - -»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts ... Unter welchen -Umständen waren Sie mit Burr zusammen?« - -»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem Begräbnis, und er bat -mich, nicht so viel Lärm zu machen und ...« - -»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei seinem Begräbnis waren, so muß -er tot gewesen sein, und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob -Sie Lärm machten oder nicht?« - -»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung immer ein schnurriger -Kauz.« - -»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie sagen, er habe mit -Ihnen gesprochen, und Sie sagen, er sei tot gewesen.« - -»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.« - -»Aber war er denn nicht tot?« - -»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen, er wär’ es _nicht_!« - -»Und was war Ihre Meinung?« - -»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht mein eigenes Begräbnis.« - -»Hatten Sie ... Indessen, wir kommen damit doch nicht zum Ziel. -Gestatten Sie mir, Sie nach etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr -Geburtstag?« - -»Montag, den 31. Oktober 1693.« - -»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja hundertachtzig Jahre alt. Wie -erklären Sie das?« - -»Ich erkläre es überhaupt nicht.« - -»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn, und jetzt wollen Sie -hundertachtzig Jahre alt sein. Das ist aber ein häßlicher Mißklang.« - -»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte ihm die Hand. -»Manchmal kam es mir selber vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich -konnte mir nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie doch so -etwas bemerken!« - -»Danke für das Kompliment ... Haben oder hatten Sie Bruder oder -Schwester?« - -»Hm ... Ich ... ich glaube, ... ja ... aber ich erinnere mich nicht -genau ...« - -»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste, was ich je gehört habe.« - -»Wieso? warum denn?« - -»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich darüber wundere. -Bitte, sehen Sie mal hier: wen stellt das Bild hier an der Wand vor? -Ist das nicht ein Bruder von Ihnen?« - -»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran; das _war_ ein Bruder von -mir. Das ist William --; Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!« - -»Ach was? Ist er denn tot?« - -»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals genau sagen. Es schwebt -ein großes Geheimnis über der Geschichte.« - -»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl verschwunden?« - -»Sozusagen ja; wir begruben ihn.« - -»_Begruben_ ihn! _Begruben_ ihn!! Ohne zu wissen, ob er tot war oder -nicht?« - -»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.« - -»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.« - -»Er dachte gar nicht dran.« - -»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht gehört! _Jemand_ war -tot. _Jemand_ wurde begraben. Nun, wo lag denn da das Geheimnis?« - -»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen! Wissen Sie, wir waren -Zwillinge -- der Verstorbene und ich -- und wir wurden in der Badewanne -verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt waren, und einer von uns -ertrank. Aber wir wußten nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere -sagen, ich wäre es gewesen.« - -»So, das ist ja wirklich interessant. Und was ist _Ihre_ Meinung -darüber?« - -»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze Welten drum, wenn ich’s wüßte. -Dieses erhabene furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein -ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt einen geheimen Umstand -mitteilen, den ich bisher noch keiner Menschenseele enthüllt habe. -Einer von uns hatte ein besonderes Kennzeichen -- ein großes Muttermal -auf dem Rücken der linken Hand. Das war -- ich! _Und dieses Kind -ertrank!_« - -»Herr ... ich sehe eigentlich nicht, was dabei denn für ein Geheimnis -ist.« - -»Nicht? Aber _ich_ sehe es. Jedenfalls begreife ich nicht, wie man -einen solchen Unsinn machen und das verkehrte Kind begraben konnte. -Aber, schscht! -- erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie davon -hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben schon ohnedies genug -gebranntes Herzeleid.« - -»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick Stoff genug und bin Ihnen -für Ihre Bemühungen sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich, -was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten. Würden Sie mir vielleicht -noch sagen, welcher besondere Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so -hervorragenden Mann zu halten?« - -»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit! Unter 50 Leuten hätte kaum -ein einziger überhaupt darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war, -und das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt dastand, und -der Leichnam schmuck und nett in seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag, -da sagte er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung werfen -und stand auf und setzte sich neben den Kutscher.« - - * * * * * - -Hierauf empfahl der junge Mann sich voller Ehrerbietung. Er war ein -sehr angenehmer Gesellschafter, und es tat mir leid, daß er ging. - -[Illustration] - - - - -Mark Twains - -Ausgew. humoristische Schriften. - - -_Inhalt_: - - Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.= - - Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.= - - Bd. III. =Skizzenbuch.= - - Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.= - { =Nach dem fernen Westen.= - - Bd. V. =Im Gold- und Silberland.= - - Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.= - -Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden. - -Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden. - - -_Neue Folge_: - - Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.= - - Bd. II. =Querkopf Wilson.= - - Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt. - - Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl. - - Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde= u. a. Erzähl. - -Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden. - -Preis _aller_ 6 Bände, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst - wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten. Die Darstellung - der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Vorspannseiten mit dem - Kapitelnamen wurden entfernt. - - Korrekturen: - - S. 147: Schluß → Schuß - ehe es zum {Schuß} kam - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Adams Tagebuch</p> -<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>und andere Erzählungen</p> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: December 8, 2021 [eBook #66904]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter" id="cover"> - <img class="w80" src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Mark Twains</p> - -<p class="h2">Humoristische Schriften</p> - -<p class="center">Neue Folge. 5. Band -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Adams Tagebuch<br /> -<span class="smaller">und andere Erzählungen</span></h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Mark Twain</p> - -<p class="center smaller">Autorisiert</p> - -<p class="center">Inhalt:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="noind s90">Adams Tagebuch – Mein Reisegefährte, der Reformator -– Meine Tätigkeit als Reisemarschall – Von allerhand -Schiffen – Der Roman einer Eskimo-Maid – Die Erzählung -des Kaliforniers – Die Appetit-Anstalt u. s. w.</p> -</div> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center p2">Stuttgart</p> - -<p class="center">Verlag von Robert Lutz</p> - -<p class="center">1903.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="center smaller p2">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Adams Tagebuch</td> - <td class="tdr"><a href="#Adams_Tagebuch">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Mein Reisegefährte, der Reformator</td> - <td class="tdr"><a href="#Mein_Reisegefaehrte_der_Reformator">35</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Meine Tätigkeit als Reisemarschall</td> - <td class="tdr"><a href="#Meine_Taetigkeit_als_Reisemarschall">69</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Von allerhand Schiffen</td> - <td class="tdr"><a href="#Von_allerhand_Schiffen">107</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Roman der Eskimo-Maid</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Roman_der_Eskimo-Maid">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Erzählung des Kaliforniers</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Erzaehlung_des_Kaliforniers">181</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Appetit-Anstalt</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Appetit-Anstalt">201</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Mein Eintritt in die Litteratur</td> - <td class="tdr"><a href="#Mein_Eintritt_in_die_Litteratur">231</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹</td> - <td class="tdr"><a href="#Gedankentelegraphie">277</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Besuch eines Interviewers</td> - <td class="tdr"><a href="#Besuch_eines_Interviewers">293</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Adams_Tagebuch">Adams Tagebuch.</h2> -</div> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Vorbemerkung</em>: Ich habe einen Teil dieses -Tagebuches bereits vor mehreren Jahren übersetzt, -und ein Freund von mir hat ein paar Exemplare -meiner Arbeit in unvollständigem Zustand gedruckt; -doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. -Seitdem habe ich noch etwas mehr von Adams -Hieroglyphen entziffert, und ich glaube, daß er nachgerade -als öffentlicher Charakter eine genügende Bedeutung -besitzt, um die Herausgabe dieser Uebersetzung -zu rechtfertigen.</p> - -<p class="mright"> -Mark Twain. -</p> -</div> - -<p class="drop"><em class="gesperrt">Montag.</em> Dieses neue Geschöpf mit dem -langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. -Es ist immer hinter mir her und lungert beständig -um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht -an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei -den übrigen Tieren … Es ist heute umwölkt; denke,<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher -habe ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, – -das neue Geschöpf braucht es immer.</p> - -<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Habe den großen Wasserfall untersucht. -Er ist das Beste auf dem ganzen Grundstück, -sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn den -›Niagara-Fall‹, – habe auch nicht die blasseste -Ahnung, weswegen. Wenn es sagt, das Ding sehe -aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn. Es -ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich -selber komme gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu -benennen. Das neue Geschöpf tauft alles, was uns -gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den -geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das -immer unter einem und demselben Vorwand, daß -es so ›aussehe‹.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Habe mir einen Unterschlupf gegen -den Regen gebaut. Aber ich konnte ihn nicht friedlich -für mich behalten. Das neue Geschöpf war -gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen -versuchte, vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, -mit welchen es sieht, wischte es mit dem Rücken -seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, -wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -weh thut oder sie sich fürchten. Wenn es nur nicht -sprechen wollte! Es schwatzt beständig. Das klingt -fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich über das -arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt -mir fern. Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor -gehört, und jeder neue und fremde Laut, welcher -das feierliche Schweigen in dieser träumerischen Einsamkeit -unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche -Note. Und obendrein ist dieser neue Laut immer so -nahe bei mir, er ist dicht an meiner Schulter, dicht -an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der andern -Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu -hören, die mehr oder weniger entfernt von mir sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Das Benennen geht unaufhaltsam -weiter, ich mag dagegen thun was ich will. Ich -hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten -Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch -zugleich – Garten von Eden. Ich gebrauche den -Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur verstohlen. -Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen -Landschaft nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere -nicht im mindesten an einen Garten sondern -sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So -hat es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -Namen Niagarafall-Park gegeben. Das ist eigenmächtig -genug, sollte ich meinen. Und schon kann -man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten -Warnung sehen: »Es ist verboten den Rasen zu -betreten!«</p> - -<p>Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.</p> - -<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Das neue Geschöpf ißt zu viel -Früchte. Wir werden wahrscheinlich bald Mangel -daran haben. Schon wieder ›Wir‹ – das ist sein -Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen -Hören … Ziemlich neblig heute früh. Ich selbst -gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das neue -Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus -und kommt dann mit schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. -Dabei spricht es fortwährend, und früher -war es hier so angenehm und ruhig.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Hab ihn glücklich hinter mir. -Dieser Tag wird immer ermüdender. Der Sonntag -wurde im letzten November zum Ruhetag gewählt und -abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon -sechs solche Tage. Und heute? Heute morgen fand -ich das neue Geschöpf, wie es mit Erdklumpen nach -dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel herunterzuholen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Montag.</em> Das neue Geschöpf sagt: sein Name -sei Eva. Das ist ganz recht, und ich will nichts dagegen -einwenden. Es sagt, der Name sei dazu da, -damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu -haben wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name -dann überflüssig sei. Dies Wort hob mich augenscheinlich -in der Achtung des neuen Geschöpfs. Und -wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von -allgemeiner Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit -wiederholt zu werden. Darauf sagte mir -das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine -›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber -mir ist’s einerlei; sie mag sein was sie will, wenn -sie nur ihrer Wege gehen und nicht beständig reden -wollte!</p> - -<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Sie sagt, dieser Park würde eine -äußerst erquickende und reinliche Sommerfrische abgeben, -für den Fall sich Gäste dafür finden ließen. -Sommerfrische – was heißt das? Offenbar wieder -so ’ne neue Erfindung ihres rastlosen Hirns und -ihres noch ruheloseren Mundes – Worte ohne jeden -Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, -ich frage sie gar nicht erst danach – sie hat ohnehin -eine wahre Sucht alles zu erklären.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Sie hat es für gut befunden, mich -zu bitten, nicht mehr über den Wasserfall zu gehen, -wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht -denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie -schaudern. Ich möchte nur wissen warum? Ich habe -es immer gethan, seit ich hier bin. Das Hineinspringen, -das Untertauchen und die Aufregung dabei -macht mir den größten Spaß. Und dann die Kühle, -wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch immer gedacht, -daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens -hat er – soweit ich sehen kann – sonst keinen Zweck, -und irgend einen Zweck muß er doch haben. Und -jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte wäre -nur um der malerischen Scenerie willen da – wie -das Rhinoceros und das Mastodon.</p> - -<p>Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -– auch das war nicht nach ihrem -Geschmack. Dann in einer Waschbutte, – sie war -noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den -Strudel unterhalb des Falls und durch die Stromschnellen -oberhalb des Falls in einem nagelneuen -Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast -in Fetzen ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe -wegen meiner Verschwendungssucht. Ich fühle mich<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel -wird mir gut thun.</p> - -<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Am Abend des letzten Dienstag -bin ich durchgebrannt und habe mir dann, nachdem -ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen neuen -Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. -Aber wie sehr ich auch bemüht gewesen war, meine -Spuren zu verwischen und zu verbergen, – sie hat -mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, welches -sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich -zu mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, -das ich nicht hören mag, und ließ das Wasser -aus den beiden Löchern, mit denen sie sieht, hervorschießen. -Es blieb mir nichts anderes übrig, als -mit ihr zurückzugehen, – aber ich werde sofort -wieder ausreißen, wenn sich die Gelegenheit bietet. -Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen Dingen -ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, -warum die Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, -auf diesem großen Grundstück von Gras und Blumen -leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine -Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt -sind einander aufzufressen. Das ist einfach -Narrheit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Habe ihn glücklich hinter mir.</p> - -<p><em class="gesperrt">Montag.</em> Ich glaube jetzt dahintergekommen -zu sein, wozu die Woche da ist: sie soll -einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des -Sonntags zu erholen. Das ist gar keine schlechte -Idee … Ich habe Eva schon wieder an dem verbotenen -Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert -und ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam -und sagte, es hätte ’s ja niemand gesehen. -Ich glaube, sie hält das für eine genügende Rechtfertigung, -um die gefährlichsten Dinge zu thun. -Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung -erregte ihre Bewunderung und zugleich, -wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr leicht -erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.</p> - -<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Das Neueste, was sie mir gesagt -hat, ist, daß sie aus einer von meinem Körper -genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine -gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe -gefehlt! Besonderes Kopfzerbrechen macht ihr seit -einiger Zeit der junge Habicht, mit dem sie sich so -viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, -und fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, -weil er, wie sie sich einbildet, verwestes Fleisch zur<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -Nahrung haben müsse. Ein Habicht sollte sich, meiner -Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. -Man kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe -die ganze Ordnung der Dinge umkehren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Gestern fiel sie in den Teich, als -sie sich zu weit vorbog, um sich im Wasser zu betrachten. -Sie thut das immer, sobald sie an einen Teich kommt, -nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. Sie -hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. -Das sei ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte -sie, als sie wieder draußen war. Es machte sie auch -traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser -leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat -nämlich noch immer nicht aufgehört, allen möglichen -Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen. Sie kommen -gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt -ihr nicht das geringste; sie ist nun einmal -solche Thörin! Die Folge war, daß sie gestern abend -eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte und, -damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. -Aber ich habe sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung -gemacht, daß sie durchaus nicht glücklicher -schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den ganzen -Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -ich sie einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder -mit ihnen schlafen, denn sie sind unangenehm schleimig -und naßkalt, und das Liegen zwischen ihnen ist, -namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Habe ihn glücklich hinter mir.</p> - -<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Jetzt hat sie sich mit einer Schlange -eingelassen. Die andern Tiere sind froh, weil sie beständig -an ihnen herumhantierte und sie nicht in Ruhe -ließ – auch ich freue mich darüber, weil die Schlange -gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.</p> - -<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Sie sagt mir, die Schlange habe -ihr geraten, die Frucht von dem Baum zu kosten, -und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine große, -schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich -sagte ihr, es würde noch etwas anderes daraus entstehen -– der Tod würde in die Welt kommen. -Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und -ich hätte ungleich besser gethan, die Bemerkung für -mich zu behalten. Es brachte sie nur auf den Gedanken, -daß sie dann den kranken Habicht gesund -machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und -Tigern frisches Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. -Ich riet ihr noch einmal aufs dringendste, von dem -Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es nicht.<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke -wieder ans Auswandern.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Ich habe eine bunte Zeit hinter -mir. An jenem Abend bin ich ausgerissen und die -ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd -nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park -herauszukommen und ein anderes Land zu erreichen, -bevor die ganze Not hereinbrach. Aber das sollte -mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang -hatte ich die Grenze noch immer nicht erreicht. -Dafür befand ich mich auf einer grasigen, mit Blumen -bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren versammelt -waren, teils schlafend, teils weidend, teils -miteinander spielend, wie das bei den Tieren Brauch -war. Aber plötzlich stießen sie allesamt ein entsetzliches -Gebrüll und Geheul aus, und schon im nächsten -Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr -durcheinander. Wie rasend fielen die Tiere über einander -her und zerfleischten sich gegenseitig. Ich hätte -so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte ich -sofort, was es zu bedeuten hatte – Eva hatte von -der verbotenen Frucht gegessen, und im selben Augenblick -war auch der Tod in die Welt gekommen! Die -Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen es,<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle -zu kehren. Ja, sie würden mich selber gefressen -haben, hätte ich mich nicht schnell aus dem Staube -gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand ich -diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch -ein paar Tage äußerst behaglich befunden, bis – -sie mich auch hier entdeckt hatte und plötzlich vor -mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir -das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie -ich es mir vorher vielleicht vorgestellt hatte. Auch -sie fand den Platz gar nicht übel und hatte natürlich -wieder sofort einen Namen für ihn, – weil er -gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz -froh, daß sie mich gefunden hatte, da es hier herum -weder Früchte noch Beeren gab, wie drüben im Park, -und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen -Baumes mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß -ich mich genötigt sah, sie zu verspeisen. Eigentlich -ging es gegen meine Grundsätze – aber ich habe -damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen -nur treu zu bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat.</p> - -<p>Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. -Sie kam in einer Art Umhüllung von Zweigen und -Laubgewinden, und als ich sie fragte, was dieser<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne -Zeug herunterriß und es auf die Erde warf, – -da zitterte sie an allen Gliedern, und wurde rot -im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden zittern und -rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, -sondern geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf -meine Frage nur: ich würde das bald an mir selbst -erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz meines -Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -– es war obendrein der feinste, den ich je gekostet -habe, noch dazu bei so vorgeschrittener Jahreszeit -– und fing an, mich selber mit dem Grünzeug zu -behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. -Dann sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl -ihr mit Entrüstung, noch mehr Zweige und Blätter -zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. Sie -gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir -beide nach dem Platz zurück, wo die wilden Tiere vorhin -die Vernichtungsschlacht gekämpft hatten und sammelten -einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus -für uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen -wir uns öffentlich zeigen könnten. Sie sind hart und -unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten Mode, und -das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p> - -<p>Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz -gute Gesellschafterin ist. Ohne sie würde ich jetzt -recht einsam und traurig sein, nachdem ich meinen -Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir -eben gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der -Dinge fortan für unsern Lebensunterhalt arbeiten -müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie wird -arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Nächstes Jahr.</em> Wir haben es Kain getauft, -sie hat es eingefangen, während ich weiter draußen -im Land war, um zu jagen und Fallen zu stellen. -Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, -im Tannengehölz, ein paar Meilen südlich -von der Erdwohnung, die wir uns angelegt haben. -Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht -irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt -dies Eva, aber meiner Meinung nach ist es ein -Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe -allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur -eine andere, noch neue Art Tier ist, – vielleicht -ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser warf, um -mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf -sie ihm nachsprang und es herauszog, ohne -mir die nötige Zeit zu lassen, die Sache durch<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch -immer der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, -während es ihr so gleichgültig zu sein scheint, was -es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem -neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. -Mir ist an ihr neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. -Seit sie das Geschöpf im Hause hat, -scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie -sich schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch -nie auf ein Tier so große Stücke gehalten, wie auf -dieses, doch weiß sie mir keinen Grund dafür anzugeben. -Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne -nicht mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch -halbe Nächte lang in ihren Armen umher, wenn er -jammert und winselt, weil er ins Wasser will, und -wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen -und hinein werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr -dagegen, wie nur je, als sie noch bei Verstande war. -Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann wieder -das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; -sie drückt den Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise -auf den Rücken, macht mit ihrem Munde allerlei Töne, -die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch vor -Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -dergleichen nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend -einem Tiere thun sehen, und ich mache mir viel -Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm Grundstück -vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu -Zeit junge Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit -ihnen getrieben, aber doch nicht immerfort und niemals -bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen genommen, -wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Am Sonntag scheint sie sich’s zur -Regel zu machen, nicht zu arbeiten, sondern ganz -erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und den -Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt -sie allerlei Töne mit dem Munde hervor und behauptet, -das belustige ihn; sie steckt sich auch seine -kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und -er fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen -Fisch lachen sehen, und dabei kommen mir allerlei -Zweifel … Der Sonntag gefällt mir jetzt selber -ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, -wenn man die Woche über fortwährend die Arbeit -anderer beaufsichtigen muß. Da sollte es noch mehr -Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem -großen Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, -jetzt fangen sie an, mir ganz gelegen zu kommen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Es ist kein Fisch. Das weiß ich -jetzt – aber darum kann ich noch lange nicht begreifen, -was es eigentlich ist. Wenn es was haben -will und bekommt es nicht gleich, macht es den -tollsten und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, -was es will, oder sonst zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ -oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, denn -es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte -es fliegen; es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; -und auch keine Schlange, weil es nicht kriechen kann. -Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls ganz bestimmt, -obgleich ich nicht dazu kommen kann, es -schwimmen zu lassen. Wenn Eva es nicht auf den -Armen hat, liegt es meist am Boden auf dem Rücken -und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch -bei keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein -Riesenkäfer sein. Wenn es stirbt will ich es auseinandernehmen, -um seine innere Einrichtung zu untersuchen. -Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Die Geschichte wird -immer rätselhafter. Ich kann kaum noch schlafen, -weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das Geschöpf -liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf -seinen vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -wesentlich von den übrigen Vierfüßlern, denn seine -Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So ragt denn -der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig -in die Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. -Im übrigen ist es ganz so gebaut wie wir, doch beweist -schon die Art seiner Fortbewegung, daß es nicht zu -unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und -die Länge der Hinterbeine deuten darauf hin, daß -es aus der Känguruh-Familie stammt. Doch unterscheidet -es sich auch hier wieder von dem wirklichen -Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. -Es muß eine seltsame und interessante Abart sein, -die bisher noch nicht katalogisiert worden ist. Da -ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für -berechtigt, mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle -Zeiten dadurch zu sichern, daß ich dem neuen Geschöpf -meinen Namen beilege. Ich habe es <em class="antiqua">Kaengurum -Adamiensis</em> getauft.</p> - -<p>Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen -sein, als Eva es in dem Tannengehölz fing, denn es -ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist es wohl -fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas -haben will und es nicht gleich bekommt, macht es -dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang und Gewalt<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -vermögen nichts dagegen auszurichten, im -Gegenteil, sie machen die Sache immer nur schlimmer. -Darum habe ich das Zwangs-System, mit dem -ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, -zumal ich ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders -schwierigen Stand hatte. Sie besänftigt es -immer mit Zureden und Schönthun und meistens -damit, daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst -rundweg abgeschlagen hat.</p> - -<p>Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu -Hause, als sie es brachte. Sie sagte mir, sie habe -es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß es -das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich -die ganze Zeit über müde und lahm gesucht, um -ein zweites Exemplar zu finden, teils um es unserer -Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten -für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und -sich leichter zähmen lassen. Aber ich kann keines entdecken; -auch nicht die leiseste Spur habe ich aufgefunden. -Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders -leben als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts -bewegt, müßte es doch eine Fährte hinterlassen. -Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und -Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -kleinen Tiere kann ich fangen, nur dieses nicht. -Sie gehen meist aus Neugierde in die Falle, nur -um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt -ist, glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, -sie werfen sie höchstens um.</p> - -<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Unser adamitisches -Känguruh wächst noch immer fort, was höchst seltsam -und beunruhigend ist. Ich habe noch nie gesehen, -daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle -Größe zu erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem -Kopf; gar nicht wie einen Känguruhpelz, sondern -viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich -feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. -Wenn das noch lange so fort geht, verliere ich nächstens -den Verstand über die tollen und unberechenbaren -Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten -zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites -fangen, – doch das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. -Es ist eine neue Art und von dieser das -einzige Exemplar, – soviel steht jetzt fest. Seit -vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. -Ich hatte ein wirkliches Känguruh gefangen -und mit nach Hause gebracht, in dem Gedanken, -daß das unserige in seiner Einsamkeit froh<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -sein würde, wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes -Tier zu begegnen. Unter Wildfremden, die -nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen -und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie -ich glaubte, einen kleinen Trost finden. Aber welchen -Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel bei dem bloßen -Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche -Krämpfe, daß ich sofort wußte, es habe noch kein -derartiges Geschöpf gesehen. Mir thut das kleine -Tier leid, denn es schreit bei der geringsten Gelegenheit -und ich kann nichts thun, um es glücklich zu -machen oder zu sorgen, daß es sich bei uns wie -unter seinesgleichen fühlt – und doch möchte ich -es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es -nur wenigstens zähmen könnte, – aber auch das ist -ganz außer Frage. Und je mehr ich es versuche, um -so schlimmer scheine ich es zu machen. Es schneidet -mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen -Anfällen von Kummer und stürmischer Leidenschaft -zu sehen. Eigentlich möchte ich, wir wären es wieder -los; doch wage ich gar nicht den Wunsch auszusprechen. -Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst -damit und zweitens würde Eva von einem solchen -Vorschlag kein Wort hören wollen. Das scheint sehr<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -grausam und selbstsüchtig von ihr, – aber vielleicht -hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch -einsamer sein als vorher. Ist es mir nicht gelungen -ein zweites Exemplar seiner Gattung zu finden, so -müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fünf Monate später.</em> Es ist kein Känguruh! -Nein, es kann sich seit wenigen Tagen selbst -auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es sich -gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten -Finger festhält. Ueber ein paar Schritte -kommt es dabei freilich noch nicht hinaus, sondern fällt -dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere zurück. Aber -das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, -daß es kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, -daß es eine Art Bär ist. Nur hat es keinen Schwanz -und, – wenigstens bis jetzt, – kein haariges Fell, -außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -– ich weiß das von jener Vernichtungsschlacht -her. Ich werde diesem hier, so gerne ich -ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, -sich ohne Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe -ich wieder einen Versuch gemacht, Eva ein richtiges, -ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches -sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -ich damit erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern -in ihrem Gesicht förmlich wie Feuer sprühte und -sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als je -von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch -ihre Thorheit in neue Gefahr bringen. Seit sie den -Verstand verloren hat, ist sie wie umgewandelt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Vierzehn Tage später.</em> Ich habe seinen -Mund untersucht. Noch ist es unschädlich; es hat erst -einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es noch immer -nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. -Und namentlich in der Nacht. In den letzten -beiden Nächten war es so arg, daß ich ausgezogen -bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, -und dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen -hat. Wenn es erst einmal den ganzen Mund voll -Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein, Maßregeln zu -ergreifen, – Schwanz oder nicht Schwanz – denn -ein Bär braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.</p> - -<p><em class="gesperrt">Vier Monate später.</em> Ich bin wieder auf -einem längeren Jagd- und Fischausflug fortgewesen. -Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit hatte -der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen -allein fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ -und ›Momma‹ klang, zu sagen. Es ist sicherlich eine<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie Worte -anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an -sich gar nichts zu bedeuten haben. Aber selbst dann -ist die Sache noch immer merkwürdig genug, und -jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese -Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen -des Pelzes und der vollständige Mangel eines -Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht nur -eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. -Inzwischen beabsichtige ich, seinetwegen auf eine -neue Forschungsexpedition auszugehen und die großen -Wälder weiter im Norden nach einem zweiten Exemplar -zu durchsuchen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Es war ein langer -und langweiliger Jagdausflug, von dem ich da eben -zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar erfolglos. -Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? -Ohne sich vom Platze zu rühren und sich im mindesten -anzustrengen hat sie unterdessen gerade auf -dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! -Hat man je von solchem Glück gehört?</p> - -<p><em class="gesperrt">Tags darauf.</em> Ich habe das neue Geschöpf genau -mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel, -daß sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung -auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im -allgemeinen eingenommen, und in diesem Falle wollte -sie erst recht nichts davon wissen. So habe ich denn -die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich ich denke, -daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen -sollen. Man denke sich, daß sie plötzlich wieder -abhanden kämen, und stelle sich den Verlust für die -Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen zurückbliebe!</p> - -<p>Das ältere von beiden ist auch das weitaus -zahmere. Es kann sogar plappern und lachen, wie -ein Papagei. Und da auch Papageien so viel um -uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, -und die Gabe der Nachahmung überhaupt, von ihnen -gelernt hat. Na, wer weiß, – vielleicht kommt es -zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei -ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, -wenn ich bedenke, was es alles schon gewesen ist -seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen Fisch -hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere -zuerst war; es hat gelblich-rote Fleischfarbe und -auf dem Kopf nur hier und da einen ganz leisen -Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen -Namen gegeben – Abel nennt sie es.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Zehn Jahre später.</em> Es sind Jungens! Wir -wissen das jetzt schon seit geraumer Zeit. Nur ihre -anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit hat uns -so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, -daher unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben -wir uns bereits daran gewöhnt, – auch ein paar -Mädel sind schon angekommen.</p> - -<p>Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain -ein Bär geblieben wäre, so würde das besser für -ihn gewesen sein.</p> - -<p>Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen -Jahren ein, daß ich Eva im Anfang unrecht -gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens -mit ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte -zuerst, sie spräche zuviel. Aber jetzt würde es mich -aufs tiefste betrüben, wenn diese Stimme verstummen -und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte. -Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander -so nahe gebracht hat, daß ich ihre Holdseligkeit und -die Güte ihres Herzens erkennen lernte!</p> - -<p class="center p2"> -<em class="gesperrt">Ende.</em> -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Mein_Reisegefaehrte_der_Reformator">Mein Reisegefährte, der Reformator.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach -Chicago, um die Weltausstellung zu sehen, sah sie -zwar nicht, aber mein Ausflug war doch nicht ganz -fruchtlos – ich fand Ersatz für die Ausstellung. -In New York machte ich die Bekanntschaft eines -Majors von der Armee, der mir sagte, er wolle -ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns, -die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch -etwas in Boston zu tun, aber das machte ihm nichts; -er sagte, er wolle den Umweg machen und mitkommen. -Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau -wie ein Gladiator, indes seine Manieren waren -ruhig, seine Sprache war sanft und hatte etwas -Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender -Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen -Sinn für Humor. Er nahm Interesse an<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -allem, was um ihn herum vorging, allein sein Gleichmut -war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus -der Ruhe, nichts regte ihn auf.</p> - -<p>Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte -ich, daß er tief im Innern trotz all seiner Ruhe -eine Leidenschaft hatte – eine Leidenschaft für die -Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. -Er schwärmte für Bürgerpflicht – das war sein -Steckenpferd. Er war der Meinung, jeder Bürger -der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen -und unbesoldeten Polizisten betrachten und über -den Gesetzen und ihrer Beobachtung treue Wacht -halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte der -Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren -und zu schützen, wenn jeder Bürger für sein Teil -dazu half, daß jeder Verstoß, der zu seiner persönlichen -Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde.</p> - -<p>Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, -als ob man dabei fortwährend Unannehmlichkeiten -haben müsse und nichts andres mehr zu tun habe, -als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen -zu lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht -zu werden. Aber er sagte nein, ich wäre -auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung vor,<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -irgend jemand absetzen zu lassen, ja es <em class="gesperrt">dürfe</em> -überhaupt niemand entlassen werden; das wäre gänzlich -verfehlt – nein, man müßte den Mann reformieren -und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar -machen.</p> - -<p>»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige -bringen und dann den Vorgesetzten bitten, ihn -nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen tüchtigen -Rüffel zu geben und ihn zu behalten?«</p> - -<p>»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn -überhaupt nicht anzeigen, denn damit bringen Sie -sein täglich Brot in Gefahr. Sie könnten so tun, -als ob Sie ihn anzeigen wollten – wenn alles -andre nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. -Das ist schon eine Art von Gewalt, und Gewalt -taugt nicht. Diplomatie – das hilft! Wenn nun -jemand Takt besitzt – wenn er Diplomatie anwendet …«</p> - -<p>Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter -gestanden, und die ganze Zeit über -hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit -eines der jungen Beamten zu erregen; aber von -denen hatte keiner Zeit, weil sie alle Maulaffen -feil hielten. Schließlich machte sich der Major<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm -abzunehmen. Er bekam zur Antwort:</p> - -<p>»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?«</p> - -<p>Und der junge Mann sah wieder aus dem -Fenster.</p> - -<p>Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. -Dann schrieb er ein zweites Telegramm:</p> - -<p>»Präsident der Western Union Telegraph Company. -Bitte, speisen Sie heute abend bei mir. Kann -Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem Ihrer -Bureaus der Dienst gehandhabt wird.«</p> - -<p>Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch -geantwortet hatte, streckte die Hand aus und nahm -das Telegramm; als er es las, wurde er ganz blaß -und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde -seine Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm -abginge, und vielleicht bekäme er keine andre -wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal so hinginge, -so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr -geben. Daraufhin wurde der Friede geschlossen.</p> - -<p>Als wir weitergingen, sagte der Major:</p> - -<p>»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie – und -Sie haben bemerkt, wie sie wirkte. Es hätte gar -keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die Leute<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -fortwährend tun – der junge Mensch kann einem -mit gleicher Münze heimzahlen, und man zieht fast -immer den kürzeren dabei und ärgert sich bloß über -sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen -Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche -Worte und Diplomatie – das sind die Werkzeuge, -mit denen man arbeiten muß.«</p> - -<p>»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so -günstiger Lage, wie Sie in diesem Fall. Es steht -eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit -dem Präsidenten der Western Union.«</p> - -<p>»Ich kenne den Präsidenten gar nicht – ich -benutzte ihn nur zu diplomatischen Zwecken. Es geschieht -zu seinem und zum allgemeinen Besten. Also -nichts Böses dabei.«</p> - -<p>Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: -»Ist es aber überhaupt wohl jemals recht oder anständig, -zu lügen?«</p> - -<p>Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage -lag, beachtete er nicht, sondern antwortete mit unerschütterlich -ernster Einfachheit:</p> - -<p>»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand -Schaden zu tun oder um sich selber einen Vorteil -zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen -oder um des allgemeinen Besten willen – oh, -das ist ganz was andres! Das weiß ja jedes Kind. -Aber ganz abgesehen von den Methoden – Sie sehen -das Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein -brauchbarer und höflicher Beamter werden. Er hatte -ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu retten, – -um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen. -Natürlich hat er eine Mutter – auch Schwestern. -Hol’ der Henker die Leute, die das fortwährend vergessen. -Wissen Sie, ich habe nie in meinem Leben -ein Duell gehabt – nicht ein einzigesmal –, obwohl -ich so gut wie andre Leute Herausforderungen -erhielt. Ich sah immer meines Gegners unschuldige -Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und -mir stehen. <em class="gesperrt">Sie</em> hatten ja nichts getan – ich konnte -doch nicht <em class="gesperrt">ihre</em> Herzen brechen.«</p> - -<p>Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche -Menge Mißstände, und stets ohne Reibung, stets mit -einer feinen und zartfühlenden ›Diplomatie‹, die keinen -Stachel zurückließ. Seine Leistungen bereiteten -ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß -ich ihn um seinen Beruf beneidete und mich vielleicht -auch darin versucht haben würde, wenn ich die notwendigen<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span> -Abweichungen von der Wahrheit mit ebensolcher -Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen -könnte, wie es mir mittels einer Feder und hinter -der Deckung einer Druckerpresse nach einiger Uebung -– glaube ich – wohl möglich wäre.</p> - -<p>Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn -wieder in die Stadt hinein fuhren, kamen drei -Radaubrüder in den Wagen und begannen nach -rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen -um sich zu werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen -und Kinder, hatten Angst, und kein Mensch wagte, -den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu erwidern; -der Schaffner versuchte es mit gütlichem -Zureden, aber die Rauhbeine gaben ihm einfach -Schimpfworte zurück und lachten ihn aus. Sehr -bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall -seiner Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich -musterte er in Gedanken seinen Vorrat von diplomatischen -Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit voraus, -daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und -Hohn, vielleicht sogar noch Schlimmeres einbringen -würde; aber bevor ich ihm diese Bemerkung zuflüstern -konnte, sagte er bereits in gleichmütigem -und leidenschaftslosem Ton:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p> - -<p>»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. -Ich will Ihnen dabei helfen.«</p> - -<p>Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der -Blitz fuhren die drei Knoten auf ihn los, aber kein -einziger kam an ihn heran. Er teilte drei Faustschläge -aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes -zu sehen nicht erwarten konnte, und die -drei Kerle blieben liegen, wo sie hingefallen waren. -Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der -Plattform des einen Moment haltenden Wagens -hinunter; hierauf fuhren wir weiter.</p> - -<p>Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein -Lamm so vorgehen konnte; erstaunt über die von -ihm entfaltete Kraft und über das klare und allgemeinverständliche -Ergebnis; erstaunt über die gewandte -und geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze -gemacht hatte. Die Situation hatte ihre humoristische -Seite, insofern ich den ganzen Tag über von diesem -schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über -sanfte Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört -hatte. Ich hätte ihn gern darauf hingewiesen -und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber als -ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck -haben würde. Auf seinem ruhigen und zufriedenen<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -Gesicht lag keine Ahnung von Humor; er würde -mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der -nächsten Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich -zu ihm:</p> - -<p>»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, -oder vielmehr es waren drei tüchtige diplomatische -Streiche.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Das?</em> Das war keine Diplomatie. Sie sind -völlig auf dem Holzweg. Diplomatie ist ganz was -andres. Damit ist bei <em class="gesperrt">der</em> Sorte nichts auszurichten; -sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war -keine Diplomatie, es war Gewalt.«</p> - -<p>»Da Sie das Wort nennen, so – ja, ich glaube, -Sie können vielleicht recht haben.«</p> - -<p>»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es <em class="gesperrt">war</em> -eben Gewalt!«</p> - -<p>»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. -Versuchen Sie oft, Leute auf diese Art zu -bessern?«</p> - -<p>»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht -öfter, als jedes halbe Jahr einmal im Durchschnitt.«</p> - -<p>»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?«</p> - -<p>»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich!<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -Sie sind ganz außer Gefahr. Ich weiß, wie -und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl -bemerkt, daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. -Das würde sie getötet haben.«</p> - -<p>Ich glaubte das. Ich bemerkte – und nach -meiner Meinung war es ein ganz guter Witz –, -er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, -habe sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, -zum Sturmbock; aber er sagte mit freundlicher -Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein Sturmbock -sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im -Gebrauch. Das war, um aus der Haut zu fahren, -und ich wäre beinahe mit der Antwort herausgeplatzt, -er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein -Trampeltier. Ich hatte das Wort tatsächlich schon -auf der Zunge, aber ich sagte es doch nicht, denn -mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und -ich es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen -könne.</p> - -<p>Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. -Die Rauchabteilung im Salonwagen war voll, -und wir gingen daher in das gewöhnliche Rauchcoupé. -Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, -auf dem vordersten Sitz, saß ein bescheiden<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -aussehender alter Mann – dem Anschein nach ein -Landmann – mit bleichem, kränklichem Gesicht und -hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft -zu bekommen. Auf einmal kam polternd ein großer -Bremser herein; bei der Tür blieb er stehen, warf -dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und -schlug mit solcher Kraft die Tür zu, daß der alte -Mann beinahe seine Stiefelsohle eingebüßt hätte. -Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere -von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah -ganz beschämt und traurig drein.</p> - -<p>Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, -und der Major hielt ihn an und stellte in seiner gewöhnlichen -höflichen Weise die Frage:</p> - -<p>»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes -Betragen eines Bremsers? Bei Ihnen?«</p> - -<p>»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn -Sie das wollen. Was hat er getan?«</p> - -<p>Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien -den Schaffner zu amüsieren. Er sagte mit einer -ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu seinen -köstlichen Worten:</p> - -<p>»Wenn ich Sie recht verstehe, so <em class="gesperrt">sagte</em> der -Bremser nichts?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p> - -<p>»Nein, das tat er nicht.«</p> - -<p>»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und das ist alles, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja, das ist alles.«</p> - -<p>Der Schaffner lächelte freundlich und sagte:</p> - -<p>»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; -aber ich sehe nicht recht, wohin das führen -könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so wollen -Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn -hier beleidigt. Man wird Sie fragen, was er <em class="gesperrt">gesagt</em> -habe. Sie werden antworten, gesagt habe er -überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, -wie Sie von einer Beleidigung sprechen können, -wenn der Mann, wie Sie selber zugeben, kein Wort -gesagt hat.«</p> - -<p>Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner -für seine knappen und bündigen Schlußfolgerungen. -Das machte ihm Vergnügen – man konnte es seinem -Gesicht ansehen.</p> - -<p>Aber der Major war unerschüttert. Er sagte:</p> - -<p>»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -im ganzen Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -– wie übrigens auch das Publikum -und allem Anschein nach Sie selber – wissen gar -nicht, daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in -Worten bestehen. Darum wendet sich niemand an -die höchste Stelle und beschwert sich wegen Beleidigungen -in Manieren, Gebärden, Blicken und so -weiter, und trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher -als Worte. Sie tun bitterlich weh, weil -sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er -von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, -immer sagen kann, es sei ihm nicht im Traum eingefallen, -irgend jemand beleidigen zu wollen. Mir -scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend -ersuchen, auch Beleidigungen und Unhöflichkeiten, -die <em class="gesperrt">nicht</em> in Worten ausgedrückt waren, zur Anzeige -zu bringen.«</p> - -<p>Der Schaffner lachte und sagte:</p> - -<p>»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs -Publikum recht weit treiben!«</p> - -<p>»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen -Fall in New Haven zur Sprache bringen, und ich -habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür -sein wird.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p> - -<p>Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem -freundlichen Ausdruck, oder vielmehr es wurde -vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging. -Ich sagte:</p> - -<p>»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer -Lappalie Lärm schlagen?«</p> - -<p>»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets -angezeigt werden. Es ist eine öffentliche Angelegenheit, -und kein Bürger hat das Recht, darüber hinwegzusehen. -Aber ich werde mich über diesen Fall -gar nicht zu beschweren brauchen.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird -alles in Ordnung bringen. Sie werden schon sehen.«</p> - -<p>Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder -durch den Wagen; als er beim Major war, beugte -er sich zu ihm herüber und sagte:</p> - -<p>»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den -Mann nicht anzuzeigen. Er ist mir verantwortlich, -und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm einen -Rüffel geben.«</p> - -<p>Der Major antwortete herzlich:</p> - -<p>»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich -hätte aus Rachsucht so gesprochen, ich tat’s aus<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager ist einer -von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, -daß Sie den Bremser das nächstemal, wenn er einen -harmlosen alten Mann gröblich beleidigt, ganz gehörig -vornehmen wollen, so wird ihn das freuen, -darauf können Sie sich verlassen.«</p> - -<p>Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man -vielleicht hätte erwarten können; er machte im Gegenteil -den Eindruck, als ob ihm recht unbehaglich zu -Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p> - -<p>»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der -Stelle mit ihm geschehen. Ich will ihn entlassen.«</p> - -<p>»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck -haben? Glauben Sie nicht, es wäre vernünftiger, -ihm bessere Manieren beizubringen und ihn zu behalten?«</p> - -<p>»Hm, da liegt was drin … Was würden Sie -vorschlagen?«</p> - -<p>»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart -all dieser Herrschaften. Wie wär’s, wenn Sie ihn -hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart -Abbitte tut?«</p> - -<p>»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte -noch eins bemerken: Wenn alle Leute es so machten<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -wie Sie und solche Sachen sofort bei mir meldeten, -anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher -herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu -schimpfen, so sollten Sie mal sehen, wie schnell sich -alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr verbunden.«</p> - -<p>Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er -wieder hinaus war, sagte der Major:</p> - -<p>»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das -war? Der gewöhnliche Bürger würde nichts ausgerichtet -haben – der Schwager eines Direktors -bringt alles fertig, was er nur will.«</p> - -<p>»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem -der Direktoren?«</p> - -<p>»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse -es erfordert. Ich habe einen Schwager in -allen Direktionen – überall. Das erspart mir endlose -Verdrießlichkeiten.«</p> - -<p>»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.«</p> - -<p>»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.«</p> - -<p>»Wird die Verwandtschaft niemals von einem -Schaffner angezweifelt?«</p> - -<p>»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf -mein Ehrenwort: <em class="gesperrt">niemals</em>!«</p> - -<p>»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -wollte, den Bremser fortjagen? Sie wissen, daß -der Mensch es verdiente.«</p> - -<p>Der Major antwortete – und in seinem Tone -lag wirklich ein an ihm ganz ungewohnter Anflug -von Ungeduld:</p> - -<p>»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken -wollten, so würden Sie eine solche Frage nicht -stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man ihn -nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein -Mensch und hat wie ein Mensch um seinen Lebensunterhalt -zu ringen. Und er hat stets eine Schwester -oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. -Immer – Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie -ihm seinen Lebensunterhalt nehmen, so nehmen Sie -auch den ihrigen weg – und was haben <em class="gesperrt">sie</em> Ihnen -getan? Nichts. Und was hat es für Zweck, einen -unhöflichen Bremser fortzujagen und einen andern -anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine -Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das -einzig Vernünftige ist, den Bremser zu <em class="gesperrt">bessern</em> -und ihn zu behalten? Das ist doch klar.«</p> - -<p>Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß -noch ein Erlebnis. Zwischen Hartford und Springfield -kam mit dem üblichen Gebrüll der Buchhandlungsjunge<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -durch den Wagen; er hatte einen ganzen -Armvoll Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes -Heft einem schlafenden Herrn in den Schoß fallen, so -daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr -ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich -in sehr hitzigen Reden über den Frevel. Sie ließen -den Salonwagenschaffner kommen, trugen ihm den -Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus -fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer -waren reiche Holyoker Kaufleute, und der Schaffner -hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen. Er -suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, -der Junge stehe nicht unter seiner -Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der Eisenbahnbuchhandlung. -Aber all sein Reden nutzte -ihm nichts.</p> - -<p>Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den -Beschuldigten zu zeugen. Er sagte:</p> - -<p>»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine -Herren, haben nicht übertreiben <em class="gesperrt">wollen</em>, haben -es aber doch getan. Der Junge hat nichts weiter -getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn -Sie wünschen, daß er anständigere Manieren annimmt -und sich bessert, so bin ich mit Ihnen einverstanden<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen -zu helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, -ohne ihm eine Möglichkeit der Besserung -zu geben.«</p> - -<p>Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem -Vergleich nichts wissen. Sie wären gut bekannt mit -dem Präsidenten der Boston- und Albany-Gesellschaft, -sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles -andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und -dem Jungen zu zeigen, wer sie wären.</p> - -<p>Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, -und er würde alles tun, was in seinen Kräften stände, -um den Jungen zu retten. Einer von den Herren sah -ihn von oben bis unten an und sagte:</p> - -<p>»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer -den größten Einfluß beim Präsidenten der Gesellschaft -hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?«</p> - -<p>Der Major sagte in aller Ruhe:</p> - -<p>»Ja; er ist mein Oheim.«</p> - -<p>Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar -Minuten lang herrschte ein peinliches Schweigen. -Dann fingen sie an einzulenken und halbe Zugeständnisse -zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig -und überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -wieder friedlich und gemütlich, und es wurde beschlossen, -die Sache fallen zu lassen und dem Jungen -sein Brot (mit Butter) zu lassen.</p> - -<p>Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich -nicht des Majors Oheim – nur für diesen -Tag und diesen Zug adoptiert!</p> - -<p>Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, -weil wir mit einem Nachtzug fuhren und -den ganzen Weg über schliefen.</p> - -<p>Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn -von New York ab. Nach dem Frühstück -am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen, -fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren -nur ein paar Leute drin und nichts los. Hierauf -gingen wir in den kleinen Rauchabteil des Salonwagens -und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen -schimpften über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: -daß nämlich Sonntags in den Zügen nicht Karten -gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges -Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, -weiter zu spielen. Der Fall interessierte unsern -Major. Er sagte zu dem dritten Herrn:</p> - -<p>»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<p>»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der -Yale-Universität und ein religiöser Mann, aber das -geht mir zu weit.«</p> - -<p>Hierauf sagte der Major zu den beiden andern:</p> - -<p>»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr -Spiel wieder aufnehmen, meine Herren; niemand -hier hat etwas dagegen einzuwenden.«</p> - -<p>Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber -der andre meinte, er wolle gern wieder anfangen, -wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten also einen -Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen -Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner -herein und sagte in scharfem Tone:</p> - -<p>»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken -Sie die Karten ein – es ist nicht erlaubt.«</p> - -<p>Der Major war gerade beim Mischen. Er -mischte ruhig weiter und sagte:</p> - -<p>»Auf wessen Befehl ist es verboten?«</p> - -<p>»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.«</p> - -<p>Der Major fing an zu geben und fragte:</p> - -<p>»Ist die Idee von Ihnen?«</p> - -<p>»Was für ’ne Idee?«</p> - -<p>»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen -zu verbieten.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p> - -<p>»Nein, natürlich nicht.«</p> - -<p>»Von wem dann?«</p> - -<p>»Von der Gesellschaft.«</p> - -<p>»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von -Ihnen, sondern von der Gesellschaft aus. Stimmt -das?«</p> - -<p>»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich -muß Sie ersuchen, daß Sie augenblicklich aufhören.«</p> - -<p>»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. -Wer ermächtigte die Gesellschaft, einen solchen -Befehl zu erlassen?«</p> - -<p>»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts -an, und …«</p> - -<p>»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige -sind, der hier in Betracht kommt. Vielleicht geht -es <em class="gesperrt">mich</em> sehr nahe an. Ja, es ist in der Tat für -mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich -kann eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes -nicht verletzen, ohne mich selber zu entehren; ich -kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft erlauben, -meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften -einzuschränken – was Eisenbahnverwaltungen -fortwährend zu tun versuchen – ohne meine Bürgerwürde -zu entehren. Ich komme daher auf meine<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -Frage zurück: auf welche Autorität hin hat die Verwaltung -diesen Befehl erlassen?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Das ist <em class="gesperrt">ihre</em> Sache!«</p> - -<p>»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft -überhaupt ein Recht hat, eine derartige Vorschrift zu -erlassen. Die Bahn führt durch verschiedene Staaten. -Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich sind, -und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in -Bezug auf das Kartenspielen am Sonntag lauten?«</p> - -<p>»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts -an, wohl aber die Befehle meiner Gesellschaft. Es -ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß dies Spielen -aufhört, meine Herren, und es <em class="gesperrt">muß</em> aufhören!«</p> - -<p>»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht -zu übereilen. In Gasthäusern schlagen sie gewisse -Vorschriften in den Zimmern an, aber stets führen -sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. -Hier sehe ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen -Sie Ihre Berechtigung nach und lassen Sie uns zum -Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß Sie -das Spiel aufhalten.«</p> - -<p>»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine -Befehle, und das genügt. Diesen Befehlen muß -gehorcht werden.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p> - -<p>»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen -sein. Es wird besser sein, wenn wir die Sache -ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns erst -mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen -Mißgriff macht – denn wenn die Freiheiten eines -Bürgers der Vereinigten Staaten beschnitten werden, -so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und die -Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für -meine Person lasse es mir nicht gefallen, wenn der -Betreffende mir nicht die Berechtigung seines Vorgehens -nachweist. Nun …«</p> - -<p>»Mein werter Herr, <em class="gesperrt">wollen</em> Sie Ihre Karten -hinlegen?«</p> - -<p>»Alles zu seiner Zeit – vielleicht. Es kommt -darauf an. Sie sagen, diesem Befehl muß gehorcht -werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie sehen -selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung -wird Sie – natürlich! – nicht mit einem -so drastischen Befehl bewaffnen, ohne eine Buße auf -jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte -es leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher -Befehl bleiben. Wieviel beträgt die Buße für Uebertretung -dieses Gesetzes?«</p> - -<p>»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p> - -<p>»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft -befiehlt Ihnen, hier hereinzukommen und in -schroffer Weise eine unschuldige Unterhaltung zu -verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand, -um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie -nicht ein, daß das Unsinn ist? Was <em class="gesperrt">tun</em> Sie denn, -wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu gehorchen? -Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle -aus dem Zug?«</p> - -<p>»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn -einer seine Fahrkarte hat!«</p> - -<p>»Verklagen Sie ihn vor Gericht?«</p> - -<p>Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er -verwirrt. Der Major gab neue Karten und sagte:</p> - -<p>»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß -die Gesellschaft Sie in eine lächerliche Stellung gebracht -hat. Man überträgt Ihnen das Amt, eine -anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das -mit Lärmen und Toben, und wenn Sie näher zusehen, -so finden Sie, daß Sie kein Mittel haben, -sich Gehorsam zu erzwingen.«</p> - -<p>Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p> - -<p>»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, -und damit habe ich meine Schuldigkeit getan. Ob -Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden -Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte -er sich zum Gehen.</p> - -<p>»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch -nicht zu Ende. Ich glaube, Sie irren sich, wenn -Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu haben; aber -wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber -eine Schuldigkeit zu erfüllen.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?«</p> - -<p>»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion -in Pittsburg zur Anzeige bringen?«</p> - -<p>»Nein. Wozu auch?«</p> - -<p>»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde <em class="gesperrt">Sie</em> -anzeigen!«</p> - -<p>»Anzeigen – weswegen?«</p> - -<p>»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer -Gesellschaft, indem Sie nicht unserm Spiel Einhalt -getan haben. Als Bürger habe ich die Pflicht, den -Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten -den Dienst ordentlich versehen.«</p> - -<p>»Meinen Sie das im Ernst?«</p> - -<p>»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -Sie als Menschen, aber ich muß Ihnen als Beamten -den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl nicht -ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, -muß ich Sie anzeigen. Und das werde ich auch tun.«</p> - -<p>Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und -dachte einen Augenblick nach; dann rief er:</p> - -<p>»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette -Patsche gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; -ich werde absolut nicht mehr klug daraus. So was -ist mir noch niemals vorgekommen. Die Leute haben sich -stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe ich -auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl -ohne Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand -anzuzeigen, wünsche aber auch selber nicht angezeigt -zu werden – um Gottes willen, davon könnte -ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie -nur ruhig weiter – spielen Sie den ganzen Tag, wenn -Sie Lust haben –, und reden wir nicht mehr davon!«</p> - -<p>»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, -um die Rechte dieses Herrn hier zu vertreten -– jetzt kann er selbst weiterspielen. Doch bevor -Sie gehen – wollen Sie mir nicht vielleicht -sagen, weshalb nach Ihrer Meinung die Gesellschaft -diese Vorschrift erlassen hat?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p> - -<p>»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen -klar und einfach; sie ist erlassen aus Rücksicht auf -die Gefühle, ich meine die religiösen Gefühle der -Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, -wenn durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der -Sonntag entheiligt wird.«</p> - -<p>»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts -dabei, den Sonntag durch Reisen zu entheiligen, aber -sie wollen nicht dulden, daß andre Leute …«</p> - -<p>»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den -Kopf getroffen. Auf diesen Gedanken war ich noch nie -gekommen. Aber es ist wirklich eine <em class="gesperrt">alberne</em> Vorschrift, -wenn man genauer zusieht.«</p> - -<p>In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu -und wollte sehr von oben herab das Kartenspielen -untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die -Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir -hörten kein Wort mehr von der Geschichte.</p> - -<p>In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett -und bekam daher von der Weltausstellung keinen -Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt, nach dem -Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig -war. Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major -eine Salonabteilung in einem Schlafwagen und bezahlte<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -den Preis dafür. Ich hatte also einen bequemen -großen Raum zur Verfügung; als wir aber -auf dem Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß -aus Versehen unser Wagen nicht angehängt worden -war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns freigehalten -– mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der -Major sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten -warten, bis der Wagen angehängt sei. Hierauf antwortete -der Schaffner mit freundlicher Ironie:</p> - -<p>»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie -soeben sagten, aber wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, -meine Herren, einsteigen! Lassen Sie uns -nicht warten!«</p> - -<p>Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ -auch nicht zu, daß ich es tat. Er verlangte seinen -Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies machte -den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, -und er rief:</p> - -<p>»Wir haben unser möglichstes getan – Unmögliches -können wir nicht fertig bringen. Sie werden -diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es ist -ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in -diesem letzten Augenblick wieder gutgemacht werden. -So etwas kommt ab und zu vor, und man kann nichts<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu -finden. Andre Leute machen’s auch so.«</p> - -<p>»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren -Rechten bestanden, so würden Sie jetzt nicht versuchen, -die meinigen so mir nichts dir nichts unter die Füße -zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen -unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist -meine Pflicht, den nächsten, dem das Gleiche passieren -könnte, vor derartigem zu bewahren. Ich muß also -meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago -warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung -des mit mir abgeschlossenen Vertrages verklagen.«</p> - -<p>»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer -Kleinigkeit?«</p> - -<p>»Gewiß.«</p> - -<p>»Ist das wirklich Ihre Absicht?«</p> - -<p>»Allerdings.«</p> - -<p>Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt -prüfenden Blick an; dann sagte er:</p> - -<p>»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht -da – ist mir noch niemals vorgekommen. Aber ich -will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich will -den Bahnhofsvorsteher holen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p>Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -– auf den Major, nicht auf den Mann, der das -Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz angebunden -und stellte sich auf den gleichen Standpunkt -wie anfangs der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen -durchaus nicht; er bestand mit seiner freundlichen -Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen haben. -Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des -Rechts nur auf der einen Seite, und zwar auf der des -Majors. Der Stationsvorsteher gab sein ärgerliches -Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar halb und -halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung -von Vergleichshandlungen, und der Major -gab nun auch etwas nach. Er sagte, er wolle auf die -<em class="gesperrt">bestellte</em> und bezahlte Salonabteilung verzichten, -aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach -einigem Suchen wurde eine gefunden, deren Inhaber -sich überreden ließ; er vertauschte sie mit -unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab.</p> - -<p>Am Abend besuchte der Schaffner uns und war -freundlich und höflich und zuvorkommend. Wir hatten -ein langes Gespräch miteinander und wurden schließlich -gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum -beschwerte sich öfter – das würde von guter Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -sein. Man könnte nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen -den Reisenden gegenüber ihre Schuldigkeit -täten, solange nicht die Reisenden sich selber -darum bekümmerten.</p> - -<p>Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug -reformiert, aber dem war nicht so. Am andern -Morgen bestellte der Major, als wir im Speisewagen -saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte:</p> - -<p>»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir -servieren nichts, was nicht auf der Karte steht.«</p> - -<p>»Der Herr da drüben ißt Huhn.«</p> - -<p>»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor -bei der Gesellschaft.«</p> - -<p>»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn -haben. Solche Unterscheidung liebe ich nicht. Bitte, -schnell – bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!«</p> - -<p>Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser -setzte leise und höflich dem Major auseinander, es -ließe sich unmöglich machen – es wäre gegen die -Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste.</p> - -<p>»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch -anwenden oder sie unparteiisch brechen. -Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder -mir auch eins bringen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p> - -<p>Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. -Er begann eine unzusammenhängende Erklärung vom -Stapel zu lassen, und in diesem Augenblick kam der -Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward -setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus -ein Huhn haben wollte, obwohl das doch gegen -die Vorschrift wäre und jenes Gericht nicht auf der -Speisekarte stände. Der Schaffner sagte:</p> - -<p>»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift – eine -andre Wahl gibt’s nicht für Sie. Aber warten Sie -mal ’nen Augenblick – ist das der Herr?« Dann -lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre -Vorschriften … ich rate Ihnen – und ich weiß -warum –, geben Sie ihm alles, was er verlangt, und -wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten -und besorgen Sie’s.«</p> - -<p>Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er -täte es nur aus Pflichtgefühl und des Prinzips -wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar nicht.</p> - -<p>Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, -aber ich lernte dafür ein paar diplomatische Kunstgriffe -kennen, die sich mir und dem Leser vielleicht -im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen -werden.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Meine_Taetigkeit_als_Reisemarschall">Meine Tätigkeit als Reisemarschall.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach -Genf fahren mußten und von dort in einer Reihe von -tagelangen und höchst verzwickten Eisenbahnreisen -nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen -Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche -Gesellschaft wie meine Familie nach dem Rechten -sehen konnte.</p> - -<p>Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit -huschte dahin, und als ich eines Morgens aufwachte, -kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß wir abfahren -sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da -faßte ich einen Entschluß; er war, das fühlte ich, -wahnwitzig kühn, aber ich war gerade in der richtigen -Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den ersten -Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung -übernehmen. Ich tat es.</p> - -<p>Ich brachte die Gesellschaft – vier Personen –<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span> -höchstselber von Aix nach Genf. Die Entfernung betrug -reichlich zwei Stunden; unterwegs war einmal -Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste -Mißgeschick; allerdings ließ ich eine Reisetasche und -einige andre Sachen auf dem Bahnsteig stehen – -aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick -nennen, so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot -mich daher, für den ganzen Weg bis Bayreuth -die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.</p> - -<p>Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals -nicht so vorkam. Zur Aufgabe gehörten nämlich -mehr Unteraufgaben, als ich vermutete. Erstens: zwei -Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer -Genfer Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt -und nach dem Hotel gebracht werden. Zweitens: -ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo man -die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid -sagen, daß sieben von unseren aufbewahrten Koffern -nach dem Hotel gebracht und dafür sieben andre, die -die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden, -wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte -ausfindig machen, in welchem Teil von Europa Bayreuth -liegt, und sieben Eisenbahnkarten nach diesem -Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: -es war jetzt zwei Uhr nachmittags und wir mußten -scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten Nachtzug -zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. -Sechstens: ich mußte auf der Bank Geld erheben.</p> - -<p>Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es -mir, das Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich -mich daher selber nach dem Bahnhof; Gasthofbedienstete -sind nicht immer allzu schlau. Es war ein -heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir -aber sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, -wie sich’s herausstellte, ein Irrtum von mir, denn ich -verlief mich und brachte dadurch die Entfernung auf -das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und -man fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen -wünschte. Das brachte mich in Verlegenheit und um -meine Besinnung, denn es standen so viele Leute um -mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den -Reisewegen und dachte nicht, es könnte zwei verschiedene -geben; ich hielt es daher für das beste, erst -wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte -auszusuchen und dann wieder zu kommen.</p> - -<p>Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im -Hotel die Treppen hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -Zigarren alle waren; ich dachte daher, es wäre gut, -mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder vergäße. -Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte -dazu die Droschke nicht, sagte daher dem Kutscher, er -solle warten. Unterwegs dachte ich an das Telegramm -und versuchte den Wortlaut desselben in -meinem Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren -und Droschke und ging weiter und immer -weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von einem -der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. -Da ich aber inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts -gekommen sein mußte, so dachte ich, ich -wollte es selber tun. Aber es war weiter, als ich vermutet -hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb -die Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der -Telegraphenbeamte war ein streng aussehender aufgeregter -Mensch; er begann mit einer solchen Zungengeläufigkeit -französische Fragen auf mich loszufeuern, -daß ich nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte -und das andre anfing – und dadurch verlor ich -abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein Engländer -ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte -zu wissen, wohin er das Telegramm schicken sollte. -Das konnte ich ihm nicht sagen, weil es nicht <em class="gesperrt">mein</em><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander, daß -ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft -besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele -beruhigen: er mußte durchaus die Adresse haben! Ich -sagte ihm daher, wenn er so heikel wäre, so wollte ich -nach Hause gehen und sie besorgen.</p> - -<p>Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst -gehen und die beiden fehlenden Personen abholen, -denn es sei doch am besten alles systematisch und der -Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu -seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich -da hinten vor dem Hotel mein schweres Geld kostete; -ich rief daher eine andre Droschke an und sagte dem -Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt -kommen lassen, und da könnten sie warten, bis ich -selber käme.</p> - -<p>Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis -ich zu den abzuholenden Leuten kam; und als ich ankam, -sagten sie mir, sie könnten nicht mit, weil sie -schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben -müßten. Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir -aber eine in die Quere kam, bemerkte ich, daß ich in -der Nachbarschaft des Grand Quai war – oder -wenigstens kam es mir so vor – mir däuchte daher,<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -ich könnte Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke -ginge und die Sache mit den Koffern in Ordnung -brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit schnell -um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, -wohl aber einen Zigarrenladen. Da fielen mir denn -die Zigarren ein. Ich sagte, ich reiste nach Bayreuth -und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs -brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich -führe. Ich antwortete, das wüßte ich nicht. Er sagte, -er könnte mir empfehlen, über Zürich und verschiedene -andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot -mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu -110 Francs das Stück an; ich sparte dabei den -Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm gewährten. -Ich hatte es bereits satt bekommen, mit -Fahrkarten erster Klasse stets zweiter Klasse zu -reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.</p> - -<p>Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft -von Natürlich & Cie.; ich sagte ihnen, sie sollten sieben -von unsren Koffern nach dem Hotel schicken und dort in -der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob ich -nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es -war aber alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.</p> - -<p>Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -Geld; aber ich hatte meinen Kreditbrief irgendwo -liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. Nun -fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte -liegen lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben -hatte. Ich nahm also eine Droschke, fuhr -nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten Stock -hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf -dem Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in -den Händen der Polizeibehörde, und ich müsse mich -zu dieser hinbegeben und meine Eigentumsrechte nachweisen. -Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir -gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein -paar Meilen und gelangten zu dem Polizeigebäude. -Dann fielen mir meine Droschken ein, und ich bat den -Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder -nach dem Postamt zurückkäme.</p> - -<p>Inzwischen war es Nacht geworden, und der -Bürgermeister war zum Essen gegangen. Ich dachte, -ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der diensthabende -Beamte dachte anders darüber, und so blieb -ich. Um halb elf sprach der Bürgermeister auf dem -Bureau vor, sagte aber, es sei jetzt zu spät, um am -Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen Sie -morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -mich die ganze Nacht dazubehalten und sagte, ich -wäre eine verdächtige Person; wahrscheinlich gehöre -der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich wüßte -gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte -nur gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf -dem Tisch hätte liegen lassen, und wollte ihn mir -daher aneignen, weil ich wahrscheinlich ein Mensch -wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er -kriegen könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber -der Bürgermeister sagte, er sähe nichts Verdächtiges -an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu sein, dem -weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, -das er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht -bei sich hätte. Ich dankte ihm für seine gute Meinung, -er ließ mich frei, und ich fuhr in meinen drei Droschken -nach Hause.</p> - -<p>Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung -war, auf Fragen genaue Antworten zu geben, so -dachte ich, ich wollte die Expedition bei nachtschlafender -Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am -anderen Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; -aber ich kam nicht ganz bis dorthin, denn -es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die -Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch,<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span> -mich zu sehen. Die Expedition saß steif und unnahbar -auf vier Stühlen in einer Reihe, Tücher -und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen -und Reisehandbücher auf dem Schoß. So -hatten sie vier volle Stunden schon gesessen, und -während dieser ganzen Zeit war das Barometer -fortwährend gefallen. Ja, und sie warteten – -warteten auf mich. Mir schien, bloß ein plötzlich glücklich -ausgedachter und glänzend ausgeführter <em class="antiqua">tour de -force</em> könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen -und eine Wendung zu meinen Gunsten herbeiführen. -Ich trundelte daher meinen Hut in die Arena, folgte -selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:</p> - -<p>»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«</p> - -<p>Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als -der nun folgende gänzlich unhörbare Beifall. Aber -ich blieb bei meiner Taktik, obgleich meine vorher -bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen -Stoß bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig -geschwunden war.</p> - -<p>Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den -Lustigen zu spielen; ich versuchte die andren Herzen -da vor mir zu rühren und den bitterbösen Groll in -ihren Gesichtern zu besänftigen, indem ich fröhliche<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze Trauergeschichte -als einen humorvollen Vorfall darstellte; -aber dieser Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es -war nicht die richtige Atmosphäre dafür. Ich erntete -kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen beleidigt -aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir -aus diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte -ich nicht aufzutauen. Noch einmal machte ich krampfhaft -einen schwachen Versuch, aber das Haupt der -Expedition fiel mir – plumps! – ins Wort und -fragte schneidend: »Wo bist du gewesen?«</p> - -<p>Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer -Betonung, daß die Absicht obwaltete, sich auf einen -kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. Ich begann -also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde -aber wiederum schroff unterbrochen:</p> - -<p>»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine -fürchterliche Angst um sie ausgestanden.«</p> - -<p>»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen -eine Droschke besorgen. Ich will mich auch nun -flugs auf den Weg machen und …«</p> - -<p>»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es -elf Uhr ist? Wo hast du sie gelassen?«</p> - -<p>»In ihrer Pension.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span></p> - -<p>»Warum brachtest du sie nicht mit her?«</p> - -<p>»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. -Darum dachte ich …«</p> - -<p>»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. -Man kann nicht denken, wenn man nicht den nötigen -Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen bis -zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke -dorthin?«</p> - -<p>»Ich …, nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, -es kam nur ganz zufällig so.«</p> - -<p>»Wieso kam es denn zufällig?«</p> - -<p>»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, -daß ich eine Droschke hier vor dem Hotel hatte warten -lassen, und so, um die Ausgabe zu sparen, schickte ich -eine andre Droschke, um … um …«</p> - -<p>»Um …?«</p> - -<p>»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so -schnell darauf besinnen; aber ich glaube, der neue -Droschkenkutscher sollte im Hotel Bescheid sagen, daß -sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und wegschickten.«</p> - -<p>»Was sollte das für einen Zweck haben?«</p> - -<p>»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch -hätte doch die Ausgabe für die Droschke aufgehört, -nicht wahr?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p> - -<p>»Indem die neue Droschke an Stelle der alten -wartete, und so die Ausgabe fortdauerte?«</p> - -<p>Hierauf sagte ich nichts.</p> - -<p>»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke -zurückkommen, um dich abzuholen?«</p> - -<p>»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s -ein. Jawohl, das tat ich. Ich erinnere mich nämlich, -daß, als ich …«</p> - -<p>»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und -holte dich ab?«</p> - -<p>»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!«</p> - -<p>»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu -Fuß nach der Pension zu gehen?«</p> - -<p>»Ich – ich weiß nicht mehr so recht, wie das -eigentlich zuging. O ja – jetzt hab’ ich’s! Richtig! -Ich schrieb die Depesche, die nach Holland geschickt -werden sollte, und …«</p> - -<p>»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens -etwas fertig gebracht. Ich hätte dir auch nicht -raten mögen, die Absendung zu verbummeln – aber -warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? -Du versuchst, bei meinem Auge vorbeizublicken. Die -Depesche ist das Allerwichtigste auf der … Du hast -die Depesche nicht abgeschickt!!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p> - -<p>»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.«</p> - -<p>»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach -Herrje, es ärgert mich mehr als alles auf der Welt, -daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen ist. -Warum schicktest du es nicht ab?«</p> - -<p>»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes -zu tun und im Kopfe zu behalten hat …, sie -nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem ich -das Telegramm geschrieben hatte …«</p> - -<p>»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes -Reden kann es jetzt auch nicht mehr gut machen. Was -soll er aber bloß von uns denken?«</p> - -<p>»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. -Er wird denken, wir hätten das Telegramm den -Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und sie …«</p> - -<p>»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen -denn nicht? Das war ja doch das einzige Vernünftige.«</p> - -<p>»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, -ich müßte der Sicherheit wegen auf die Bank gehen -und etwas Geld erheben.«</p> - -<p>»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß -du wenigstens daran gedacht hast. Ich will dir auch<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> -nicht zu nahe treten, aber du mußt selber zugeben, -daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast -und daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. -Wieviel hast du dir geben lassen?«</p> - -<p>»Hm, ich … ich habe mir gedacht, daß …«</p> - -<p>»Daß was?«</p> - -<p>»Daß … hm mir scheint, daß unter den obwaltenden -Verhältnissen … und da wir so viele, -weißt du … und … und …«</p> - -<p>»Was brummelst du denn da in den Bart? -Dreh’ dein Gesicht herum und laß mich … wahrhaftig, -du hast überhaupt kein Geld erhoben!«</p> - -<p>»Ja, der Bankier sagte …«</p> - -<p>»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt -einen ganz besonderen Grund dafür gehabt haben. -Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne -des Wortes, sondern etwas, was …«</p> - -<p>»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war -die, daß ich meinen Kreditbrief nicht bei mir hatte.«</p> - -<p>»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!«</p> - -<p>»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.«</p> - -<p>»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo -war er?«</p> - -<p>»Im Postgebäude.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p> - -<p>»Was sollte er denn da?«</p> - -<p>»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf -dem Tisch liegen lassen.«</p> - -<p>»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle -gesehen; aber von allen Reisemarschällen, -die ich jemals …«</p> - -<p>»Ich habe mein Bestes getan!«</p> - -<p>»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist -unrecht von mir, daß ich dich so ausschelte. Du hast -dich ja todmüde gelaufen, während wir hier saßen und -bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir -dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht -hast. Es wird schon alles zurechtkommen. Wir -können ebensogut morgen früh mit dem Halb-Acht-Zug -fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?«</p> - -<p>»Jawohl – und sogar recht billig; 2. Klasse.«</p> - -<p>»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter -Klasse, und wir können die große Extraausgabe ganz -gut sparen. Wieviel bezahltest du?«</p> - -<p>»Hundertzehn Francs für das Stück – direkt -bis Bayreuth.«</p> - -<p>»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte -Fahrkarten kaufen könnte. Ich dachte, das könnte -man nur in London und in Paris.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span></p> - -<p>»Manche Leute können’s vielleicht nicht – aber -manche können’s; und zu den letzteren gehöre ich, -wie es scheint.«</p> - -<p>»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.«</p> - -<p>»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine -Kommissionsgebühr ab!«</p> - -<p>»Händler?!«</p> - -<p>»Ja – ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.«</p> - -<p>»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich -früh aufstehen müssen, und deshalb wäre es gut, -wenn wir nichts zu packen hätten. Dein Regenschirm, -deine Gummischuhe, deine Zigarren …, -was ist denn los?«</p> - -<p>»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren -in der Bank liegen lassen.«</p> - -<p>»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein -Regenschirm?«</p> - -<p>»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die -Sache hat ja keine Eile.«</p> - -<p>»Was soll das heißen?«</p> - -<p>»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß …«</p> - -<p>»Wo ist der Regenschirm?«</p> - -<p>»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja -keine fünf Mi …«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p> - -<p>»Wo ist er?«</p> - -<p>»Aeh …, ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen -stehen lassen; aber auf jeden Fall …«</p> - -<p>»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen -heraus! Das ist also genau so, wie ich’s mir -gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?«</p> - -<p>»Die … äh …«</p> - -<p>»Wo sind deine Gummischuhe?«</p> - -<p>»Es ist ja so trocken …, sie sagen ja alle, -es sei kein Tropfen Regen mehr zu erw …«</p> - -<p>»Wo – sind – deine – Gummischuhe?!«</p> - -<p>»Sieh ’mal – die Sache kam so. Zuerst sagte -der Beamte …«</p> - -<p>»Was für ein Beamter?«</p> - -<p>»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister …«</p> - -<p>»Was für ’n Bürgermeister?«</p> - -<p>»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte …«</p> - -<p>»Warte ’mal! Was ist mit dir los?«</p> - -<p>»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten -mich beide überreden, ich sollte dableiben, und …«</p> - -<p>»Dableiben? Wo?«</p> - -<p>»Die Sache ist nämlich …«</p> - -<p>»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb -elf in der Nacht draußen zu tun gehabt?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span></p> - -<p>»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief -verloren hatte, da …«</p> - -<p>»Du gehst mir wie die Katze um den heißen -Brei herum. Nun antworte mir kurz und bündig auf -meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«</p> - -<p>»Sie …, nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«</p> - -<p>Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln -auf meine Lippen, aber es erstarrte zu Eis. Das -Klima war nicht danach. Ein drei- oder vierstündiger -Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition -nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir -eigentlich auch nicht.</p> - -<p>Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und -breit auseinandersetzen, und natürlich stellte sich’s -heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen konnten, -weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen -hätte. Es sah so aus, als ob wir in Aerger -und Hader zu Bett gehen würden, aber dazu kam es -zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede -auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich -hätte diese Angelegenheit besorgt.</p> - -<p>»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam -und eifrig und intelligent gewesen, wie’s in<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -deinen Kräften steht, und es ist nicht recht, so viel an -dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort -mehr darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich -schön, bewunderungswürdig benommen, und es tut -mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches -Wort sagte.«</p> - -<p>Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle -Scheltworte, und mir wurde unbehaglich dabei zu -Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher fühlte, daß ich -das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es -schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung -zu sein, obgleich ich nicht genau wußte, was es -eigentlich war; aber ich verspürte keine Neigung, -gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, -denn es war schon spät, und ich dachte bei mir -selber: O rühret, rühret nicht daran!</p> - -<p>Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s -herausstellte, daß wir nicht mit dem Frühzug reisen -konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu warten; ich -genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte -mich dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief -wiederzubekommen.</p> - -<p>Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um -die Kofferangelegenheit zu bekümmern und sie ins<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -rechte Geleise zu bringen, falls da etwas schief gegangen -wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, -das könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der -Hausknecht sagte, er habe die Koffer am Abend vorher -nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, wie er das -hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.</p> - -<p>»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt -für die Koffer und schickt sie, wohin es einem gefällt. -Frei geht bloß das Handgepäck.«</p> - -<p>»Wieviel bezahlten Sie dafür?«</p> - -<p>»140 Francs.«</p> - -<p>»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt -irgend was nicht in Ordnung.«</p> - -<p>Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:</p> - -<p>»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? -Sie sehen abgespannt aus. Wenn Sie vielleicht gern -einen Reisemarschall hätten – ein guter ist gestern -abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er -heißt Lüdy. Wir empfehlen ihn, das heißt: das -Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«</p> - -<p>Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht -gebrochen. Und es gefiel mir nicht, daß man mit mir -in solcher Art und Weise von meinem Reisemarschallsamt -sprach.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p> - -<p>Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in -der Hoffnung, der Bürgermeister möchte viel früher -als zu seiner Dienststunde aufs Bureau kommen. Das -tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal -wenn ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder -nicht tun wollte, sagte der Polizist es wäre ›<em class="antiqua">défendu</em>‹. -Ich dachte, ich könnte mich bei ihm ein bißchen im -Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts -wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu -machen, wenn er seine Muttersprache hörte.</p> - -<p>Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging -alles glatt, denn er hatte die Minute vorher den -Höchsten Gerichtshof zusammenberufen – das tun sie -immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles -Eigentum handelt. Alles ging nach guter Ordnung -vor sich, Schildwachen wurden ausgestellt, und der -Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief -wurde hereingebracht und geöffnet – und es war -nichts weiter darin als ein paar Photographien. Ich -hatte nämlich, wie mir nun einfiel, den Kreditbrief -herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu -können, und hatte den Brief in einer anderen Tasche -verwahrt, wie ich zu allgemeiner Zufriedenheit nachwies, -indem ich ihn herausnahm und mit nicht geringem<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> -freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren -vom Gerichtshof sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden -Ausdruck erst einander und dann mich an. -Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei -unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch -fragten sie mich, welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, -ich sei Reisemarschall. Sie hoben in einer Art von -staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und -sagten auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach -einige höfliche Worte des Dankes für ihre augenscheinliche -Bewunderung und rannte spornstreichs -nach der Bank.</p> - -<p>Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so -fühlte ich mich auch bereits als großen Herold der -Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding zu seiner -Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!</p> - -<p>Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in -eine Nebenstraße ein und begab mich auf den Weg, um -die beiden fehlenden Mitglieder der Expedition abzuholen. -Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich -ließ mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit -gewann ich dadurch nichts, aber es war eine ruhevolle -Abwechslung, und ich liebe recht viele Ruhe. Der -wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der -Begründung der Eidgenossenschaft war auf seinem -Höhepunkt, und alle Straßen waren mit wehenden -Fahnen behangen.</p> - -<p>Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken -gewesen und hatten während dieser ganzen -Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus -wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. -Aber im Laufe der Zeit kamen wir trotzdem an. Ich -ging ins Haus und klingelte, und bat ein Dienstmädchen, -sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, -daß sie schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf -etwas, was ich nicht verstand, und ich kehrte zu meiner -Karre zurück. Wahrscheinlich hatte das Mädchen mir -gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk, -und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und -von Stockwerk zu Stockwerk läutete, bis ich sie fände; -denn in diesen schweizerischen Mietskasernen scheint -man jemanden nur dadurch finden zu können, daß -man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach -oben die richtige Wohnung zu erraten trachtet. Ich -rechnete mir aus, daß ich fünfzehn Minuten würde -warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets -drei unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens:<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -die Hüte aufsetzen, herunterkommen, einsteigen; -zweitens: Umkehren des einen Mitglieds: »um -meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren -des anderen Mitglieds: »um meinen ›kleinen -Franzosen in der Westentasche‹ zu holen.« Ich beschloß, -diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit -meinen Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu -ärgern.</p> - -<p>Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; -dann fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter und -fuhr in die Höhe. Der Störenfried war ein Polizist. -Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick -der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine -recht stattliche Menschenmenge versammelt, und die -Leute sahen so vergnügt und neugierig drein, wie -sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu -Schaden gekommen ist.</p> - -<p>Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, -und einige Jungen hatten sie und mich von oben bis -unten mit bunten Zieraten behangen, die sie von den -unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war -ein empörender Anblick! Der Beamte sagte:</p> - -<p>»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den -ganzen Tag hier schlafen lassen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p> - -<p>Ich war verletzt und sagte voll Würde:</p> - -<p>»Ich bitte recht sehr – ich schlief nicht; ich -dachte!«</p> - -<p>»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen -Spaß macht; aber dann müssen Sie bei sich selber -denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.«</p> - -<p>Es war ein armseliger Witz, aber die Menge -lachte darüber. Ich schnarche zuweilen nachts, aber es -ist unwahrscheinlich, daß ich bei Tage und auf offener -Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns -die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu -tun, und er gab sich wirklich Mühe, anständig zu -sein. Er sagte aber, wir dürften nicht länger mehr auf -der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße nehmen -– so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte -er in höflicher Weise, ich sähe ein bißchen -angegriffen aus, und er möchte gern wissen …</p> - -<p>Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten -an und sagte, ich wollte doch hoffen, man dürfte solche -Tage ein bißchen feiern, besonders wenn sie einen -ganz persönlich angingen.</p> - -<p>»Persönlich?« fragte er. »Wieso?«</p> - -<p>»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner -Vorfahren den Bundesvertrag mit unterzeichnete.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p> - -<p>Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann -prüfend an und sagte:</p> - -<p>»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn -selber unterzeichnet. Denn von allen alten historischen -Gedenkstücken, die ich jemals … aber lassen -wir das … Worauf warten Sie hier so lange?«</p> - -<p>Ich sagte:</p> - -<p>»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. -Ich warte fünfzehn Minuten, bis sie einen Handschuh -und ein Buch vergessen haben und wieder umkehren, -um sich die Dinger zu holen.«</p> - -<p>Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, -die ich abholen wollte.</p> - -<p>Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den -Köpfen und Schultern hinaufzurufen, die reihenweise -aus allen Fenstern über uns heraussahen. Eine Frau -rief von ganz oben herunter:</p> - -<p>»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, -und sie sind schon vor langer Zeit von hier abgefahren -– so ungefähr um halb neun!«</p> - -<p>Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf -meine Uhr, sagte aber nichts. Der Beamte aber -bemerkte:</p> - -<p>»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -hätten sich besser erkundigen sollen. Sie haben hier -dreiviertel Stunden lang geschlafen – und in was -für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten – braun -gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht -Ihren Zug verpassen. Sie interessieren mich -sehr. Was ist Ihr Beruf?«</p> - -<p>Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn -zu wundern, und bevor er sich davon erholt hatte, -waren wir fort.</p> - -<p>Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand -ich unsere Zimmer verlassen. Das überraschte mich -nicht. Sobald ein Reisemarschall das Auge von seinen -Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die Läden -und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde -ist, desto sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und -versuchte zu überlegen, was ich nun zunächst tun solle, -aber auf einmal kam der Hoteldiener herein und sagte, -die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem -Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, -daß sie etwas Vernünftiges taten, und diese neue -Erfahrung war sehr geeignet, meine Gedanken in -Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den -Dingen, die den Beruf eines Reisemarschalls so -schwierig und so ungewiß machen. Wenn gerade alles<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span> -so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen -seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit -allen so sorgfältig ausgedachten Anordnungen.</p> - -<p>Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. -Jetzt war es zehn Minuten bis zwölf. In -zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich -sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren -hatte, denn unser Zug war der ›Blitzzug‹, und auf -dem europäischen Festlande setzen die Blitzzüge einen -gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit -abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen -Leute, die noch im Wartesaale saßen; alle anderen -waren schon hinausgegangen und hatten ›den Zug -bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz -erschöpft vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete -und munterte sie auf, und wir stürmten hinaus.</p> - -<p>Aber nein – wir hatten wiederum Pech. Der -Türsteher war nicht mit den Fahrkarten einverstanden. -Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, mißtrauisch, -sah mich eine Weile an und winkte hierauf -einen anderen Beamten heran. Die beiden untersuchten -die Fahrkarten und riefen einen dritten. Die -drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt -Reden und Reden und gestikulierte und redete immerzu,<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -bis ich sie bat, sie möchten bedenken, wie flüchtig -die Zeit ist, möchten daher schnell ein paar Beschlüsse -fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie sehr -höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; -wo ich dieselben gekauft hätte?</p> - -<p>»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los -ist!« Ich hatte ja die Fahrkarten in einem Zigarrenladen -gekauft und natürlich haftete ihnen der Geruch -des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie die -Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die -Steuer für den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, -recht frank und frei zu sprechen; das ist zuweilen -das beste. Ich sagte also:</p> - -<p>»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. -Diese Eisenbahnfahrkarten …«</p> - -<p>»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine -Eisenbahnfahrkarten.«</p> - -<p>»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«</p> - -<p>»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, -jawohl; und zwar Lose von einer Lotterie, die -vor zwei Jahren gezogen wurde.«</p> - -<p>Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man -unter solchen Umständen nichts tun, und dabei nützt es -noch nicht mal was. Keiner fällt darauf herein, und<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span> -man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und -bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten -Lebenslagen, wenn man sich ob der kläglichen Rolle, -die man selber spielt, ärgern und schämen muß und -dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen zu -spielen hat, während neben einem die eigene Expedition -steht, die geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe -und Verehrung man nach dem Herkommen zivilisierter -Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß -sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden -Menschen, deren Mitgefühl ein Brandmal, ein -Schandmal ist – ein Brandmal, das einen kennzeichnet -als einen – o, ich kann’s nicht aussprechen, -aber es ist etwas, woran menschliche Gemüter nur -mit Schauder denken können.</p> - -<p>Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein -kleines Versehen, wie es wohl jedem mal passieren -könne. Ich würde binnen zwei Minuten die richtigen -Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur -rechten Zeit in den Zug und hätten außerdem was, -worüber wir unterwegs lachen könnten. Ich bekam -auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön abgestempelt und -vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich sie -nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -Abholen der beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe -gegeben, daß ich darüber die Bank völlig verschwitzt -hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr denn der -Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu -machen, als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten -wir denn auch, aber es herrschte sozusagen eine melancholische -Stimmung, und es wurde nicht viel gesprochen. -Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung -in Gang zu bringen, über die schöne Gegend -und über Seelenwanderung und dergleichen, aber ich -schien damit keinen Anklang zu finden.</p> - -<p>Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch -bekamen wir einige andere, die zwar ein bißchen weit -auseinander lagen, aber immerhin leidlich waren. Ich -dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, aber das -Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer -herauf!«</p> - -<p>Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser -Koffergeschichte war irgend etwas zweifelhaft. Darauf -hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte -einen Vorschlag machen.</p> - -<p>Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich -zum Schweigen zu bringen, und ich erhielt den Bescheid, -wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt in<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> -Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns -wieder frische Kräfte gäbe.</p> - -<p>Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht -die Mühe machen, erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen -und selber nach den Koffern sehen. Ich nahm -eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich -und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen -hätte.</p> - -<p>»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«</p> - -<p>»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, -Sie sollten sieben abholen, die Sie in der Vorhalle -aufgestapelt finden würden?«</p> - -<p>»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«</p> - -<p>»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder -nach Jericho oder sonst wohin gegangen, und es -werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr -Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition …«</p> - -<p>Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem -Gehirn begann nämlich alles rund umzugehen, und -wenn es so weit mit einem ist, so denkt man immer, -man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> -man es in Wirklichkeit <em class="gesperrt">nicht</em> getan hat. Grübelnd -und sinnend geht man weg und kommt erst wieder -zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine -Kuh oder sonstwas einen umrennt.</p> - -<p>Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft – -ich vergaß sie nämlich – und überlegte mir auf dem -Rückweg noch einmal die ganzen Ereignisse und beschloß, -meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es -schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, -daß man mich absetzen würde. Indessen schien -es mir nicht das Richtige zu sein, mein Entlassungsgesuch -in eigener Person einzureichen; ich -konnte das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ -mir daher Herrn Lüdy kommen und setzte ihm auseinander, -ein Reisemarschall sähe sich wegen Unerträglichkeit -oder Ermüdung oder dergleichen in die -Notwendigkeit versetzt, zurückzutreten, und da er, wie -ich gehört, auf vier oder fünf Tage frei wäre, so möchte -ich gern, wenn er den offenen Posten annehme – -falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht -war, veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen -und der Expedition zu sagen, daß wir infolge eines -Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer -hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> -würden, und daß es besser wäre, wir nehmen -den ersten besten Schnell-, Bummel- oder Güterzug -und machten uns auf die Reise.</p> - -<p>Er besorgte das und brachte mir von oben eine -Einladung mit herunter, ich möchte mal hinaufkommen.</p> - -<p>»Ja gewiß,« sagte ich.</p> - -<p>Während wir dann nach der Bank gingen, um -Geld zu holen und meine Zigarren nebst dem Tabak -zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, um -uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu -lassen und meinen Schirm zu holen, und nach Herrn -Natürlichs Geschäft, um die Droschke zu bezahlen und -wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um -meine Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für -den Bürgermeister und die Herren vom Höchsten Gerichtshof -Karten mit <em class="antiqua">p. p. c.</em> zu hinterlassen – -während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das -Wetter, das in den höheren Regionen bei der Expedition -herrschte, und ich sah, daß ich mich da, wo ich -war, sehr wohl befand.</p> - -<p>Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen -vor der Stadt in den Wäldern umher; dann begab -ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner Expedition<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. -Die Expedition befand sich jetzt unter -der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre verwickelten Geschäfte -anscheinend mit geringer Anstrengung und in -aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.</p> - -<p>So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, -so lange ich im Amte war, und hatte mir die allergrößte -Mühe gegeben. Und trotzdem sprachen sie alle -nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den -guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen -in ihrem Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. -Tausend gute Eigenschaften übersprangen sie einfach -und redeten und redeten immer wieder von <em class="gesperrt">einem</em> -Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich -müde sein, davon zu sprechen. Und was war das -für ein Umstand? – nichts weiter, als daß ich mich -in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen und -eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen -Zirkus nach Jerusalem hätte bringen können – und -daß ich damit nicht einmal meine kleine Schar aus der -Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte ich -ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr -zu hören, ich bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich -sagte ihnen ins Gesicht, ich würde niemals wieder<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> -Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen -das Leben retten könnte. Und wenn ich lange -genug am Leben bleibe, so will ich das beweisen. -Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, hirnermüdendes, -nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares -Amt, und der Hauptlohn, den man davon -hat, ist: ein verärgertes Herz und ein wirbliger -Kopf.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-106"> - <img src="images/illu-106.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Von_allerhand_Schiffen">Von allerhand Schiffen.</h2> -</div> - -<h3>Der moderne Dampfer.</h3> - -<p class="drop">Wir leiden an einem allgemein verbreiteten -Aberglauben – wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, -die täglich auf der Welt statthaben, selbst -mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen -und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. -Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine -Ueberraschung für mich sein könnte – aber es ist so! -Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer -sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen -hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der -›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den -Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf -die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder -in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den -Ozean durchquerte.</p> - -<p>Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung -behaglicher machen als in den besten Gasthöfen -des europäischen Festlands. So z. B. hat das -Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und -hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus -in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen -gilt gewöhnlich <em class="gesperrt">eine</em> Badstube für ausreichend, und -meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich -in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; -außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden -anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen -ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den -Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, -die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf -dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird -gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; -auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht -im Schlafzimmer brennen lassen.</p> - -<p>Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor -zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen -zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die -beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> -einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden -diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle -Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; -diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen -könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis -das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste -auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf -der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter -Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die -Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher -Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, -gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte -Pflaumen – Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags -›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das -auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt -und bietet täglich etwas anderes. In der alten -Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer -Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares -Orchester es mit reizender Musik. Früher war das -Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich -trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und -nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen -bewegter See konnte ein Landmensch früher -sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -sind bei derartigem Seegang die Decks so eben -wie ein Tisch. Früher war das Innere eines -Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich -die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht -Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das -moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem -und kostbarem Schmuck und von prachtvoller -Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit -versehen, die für Geld sich beschaffen -läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort -der Speisesaal, die neuen besitzen -mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle. -Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für -den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das -war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, -die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte. -Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle -gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; -es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die -Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der -Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich -naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder -vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten -Sofas und Dampfheizung und elektrischer<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche -Rauchzimmer.</p> - -<p>Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten -in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen -mit Türen, die häufig offen standen – -besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen -auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, -und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen; -sie teilen das Schiff in neun oder zehn -wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist -wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren -Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall -dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹ -zustieß.</p> - -<p>Was einem auf dem großen modernen Schiff vor -allem andern sofort auffällt, ist das vollständige -Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel -und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der -Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim -Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz -vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den -Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich -feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und -Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> -eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden -Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt -und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk -bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls -eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte -bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig -Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen -vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht, -falls die beiden andern brechen sollten. Von der -Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. -Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen, -sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger -Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim -Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden -und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale -nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen -ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere -hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne -menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.</p> - -<p>Diese große Kommandobrücke befindet sich -dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber -die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum -ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder -15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft -einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich -aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt -einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ -zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein -Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man -doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar -noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, -die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem -ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug, -das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine -scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord -eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten; -sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die -Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und -Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem -Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.</p> - -<p>Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund -auf jemanden, der keine Vorstellungen von -modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen -Eindruck machen. An Leibesumfang kann so -ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen, -und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24 -Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, -in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr: -209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr -später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel -›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter -See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag -zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, -aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. -Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und -40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in -einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen -wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen -Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere -über die weiten Räume verstreut, manchmal -bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo -in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich -der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der -›Havel‹ vorhanden.</p> - -<p>In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein -die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern -Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen -Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern -brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. -Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher -Sturm herrscht.</p> - -<p>Wie erfindungsreich sind doch die Menschen – -d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im -Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen -hölzernen Schildern, und auf den Schildern -einige mir unverständliche Inschriften:</p> - -<table summary="Ballasttabelle"> -<tr> -<td>Kielbehälter</td><td class="tdr">leer</td> -</tr> -<tr> -<td>Doppelboden Nr. 1</td><td class="tdr">voll</td> -</tr> -<tr> -<td>Doppelboden Nr. 2</td><td class="tdr">voll</td> -</tr> -<tr> -<td>Doppelboden Nr. 3</td><td class="tdr">voll</td> -</tr> -<tr> -<td>Doppelboden Nr. 4</td><td class="tdr">voll</td> -</tr> -</table> - -<p>Während ich darüber nachdachte, was das wohl -für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich -einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein -Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile -heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es -wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift -ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine -andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin -sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war -bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der -Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende -dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. -Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo -gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt -werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit: -zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und -ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald -man die Brauchbarkeit erprobt hat.</p> - -<p>An der Wand, dicht neben der Schildertafel, -war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung -enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz -ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese -Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und -einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander -durch wasserdichte Querschotten und in der -Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug -des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach -hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette -von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn -von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes -Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In -den andern befindet sich Salzwasser – 618 Tonnen. -Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.</p> - -<p>Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben -ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind -die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, -kommt dieses aus dem Gleichgewicht – der Bug -hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt -einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen -in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist -wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so -oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels -Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees -von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen -überführt werden. Die Aenderung, die heute der -Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf -eine derartige Ueberführung. Der Seegang war -stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr -Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen -hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb -waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz -hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem -Bug gepumpt worden.</p> - -<p>Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder -ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes -bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann. -Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen -Zweck erfüllen.</p> - -<p>Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> -Einrichtungen; aber die Einführung des -Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den -Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so -würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was -andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff -niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem -Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht -befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer -nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es -kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. -Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich -plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen -hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende -lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast -von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen -Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn -nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel -Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. -Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt -wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser -ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr -vorhanden ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p> - -<h3>Die Arche Noäh.</h3> - -<p>Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des -Schiffsbaues gemachte Fortschritt ist sehr bemerkenswert. -Auch steht die in den Tagen des guten alten -Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche -Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der -Festigkeit, womit sie in der Gegenwart zur Anwendung -gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, daß -Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. -Erfahrung hat uns von der Notwendigkeit überzeugt, -es genauer zu nehmen und mehr auf die Erhaltung -von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage -würde Noah nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen -abzusegeln. Die Inspektoren würden kommen -und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen -zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich -den Auftritt und das Gespräch ohne Schwierigkeit -und in allen Einzelheiten vorstellen.</p> - -<p>Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, -ehrerbietig würdevoll, freundlich, ein vollkommener -Gentleman, aber unverrückbar wie der Polarstern in -Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner Dienstpflicht. -Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren -und wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -er gehörte, wie groß sein Einkommen -wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen Rangleiter -er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele -Frauen und Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, -und von ihnen allen würde er Namen, Geschlecht -und Alter angeben müssen; wenn er keinen -Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst -einen zu besorgen. Dann würde der Inspektor -sich um die Arche selber bekümmern:</p> - -<p>»Wie lang ist sie?«</p> - -<p>»Sechshundert Fuß.«</p> - -<p>»Wie tief?«</p> - -<p>»Fünfundsechzig.«</p> - -<p>»Die Breite?«</p> - -<p>»Hundert Fuß.«</p> - -<p>»Gebaut aus …?«</p> - -<p>»Holz.«</p> - -<p>»Was für Holz?«</p> - -<p>»Tannenholz.«</p> - -<p>»Innere und äußere Verzierungen?«</p> - -<p>»Verpicht inwendig und auswendig.«</p> - -<p>»Passagiere?«</p> - -<p>»Acht.«</p> - -<p>»Geschlecht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span></p> - -<p>»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«</p> - -<p>»Alter?«</p> - -<p>»Von hundert Jahren an aufwärts.«</p> - -<p>»Wie hoch aufwärts?«</p> - -<p>»Sechshundert.«</p> - -<p>»Ah – gehen nach Chicago. Uebrigens guter -Einfall. Name des Arztes?«</p> - -<p>»Einen Arzt haben wir nicht.«</p> - -<p>»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -– letzterer ist ganz besonders nötig. Die -Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht die notwendigsten -Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«</p> - -<p>»Dieselben acht.«</p> - -<p>»Dieselben acht?«</p> - -<p>»Dieselben acht.«</p> - -<p>»Und die Hälfte davon Weiber?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Haben sie je zur See gedient?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Aber die Männer?«</p> - -<p>»Auch nicht.«</p> - -<p>»Ist überhaupt jemand von euch je zur See -gewesen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span></p> - -<p>»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«</p> - -<p>»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«</p> - -<p>»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 -Mann, da es kein Dampfer ist. Sie müssen die besorgen. -Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben. -Wer ist der Kapitän?«</p> - -<p>»Ich.«</p> - -<p>»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein -Stubenmädchen. Ferner Krankenpflegerinnen für die -alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des Schiffes?«</p> - -<p>»Das tat ich.«</p> - -<p>»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«</p> - -<p>»Tiere.«</p> - -<p>»Was für Arten?«</p> - -<p>»Sämtliche Arten.«</p> - -<p>»Fremdländische oder einheimische?«</p> - -<p>»Meistens fremdländische.«</p> - -<p>»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«</p> - -<p>»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, -Wolf, Schlangen – alles wilde Getier aus allen -Zonen – von jeder Sorte zwei.«</p> - -<p>»Sicher in Käfigen untergebracht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span></p> - -<p>»Nein, nicht in Käfigen.«</p> - -<p>»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt -Futter und Wasser für die Menagerie?«</p> - -<p>»Wir.«</p> - -<p>»Die alten Leute?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Das ist gefährlich – für beide Teile. Für die -Tiere muß von sachverständigen Leuten gesorgt werden. -Wie viele Tiere sind vorhanden?«</p> - -<p>»Große: 7000; große und kleine zusammen: -98 000.«</p> - -<p>»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das -Schiff beleuchtet?«</p> - -<p>»Durch zwei Fenster.«</p> - -<p>»Wo sind die?«</p> - -<p>»Oben unter den Dachrinnen.«</p> - -<p>»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und -65 Fuß tiefen Tunnel? Sie müssen sich elektrisches -Licht zulegen – ein paar Bogenlampen und 1500 -Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck -wird? Wie viele Pumpen haben Sie?«</p> - -<p>»Keine, lieber Herr.«</p> - -<p>»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen -Sie Wasser für die Passagiere und die Tiere?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span></p> - -<p>»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer -herunter.«</p> - -<p>»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«</p> - -<p>»Was für was?«</p> - -<p>»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um -das Schiff fortzubewegen?«</p> - -<p>»Keine.«</p> - -<p>»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. -Von welcher Art ist Ihr Steuerapparat?«</p> - -<p>»Wir haben gar keinen.«</p> - -<p>»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Wie steuern Sie denn das Schiff?«</p> - -<p>»Wir steuern nicht.«</p> - -<p>»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der -geeigneten Vorrichtung versehen. Wie viele Anker -haben Sie?«</p> - -<p>»Keine.«</p> - -<p>»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem -Schiff wie das Ihrige nicht ohne dieses Schutzmittel -segeln. Wie viele Rettungsboote haben Sie?«</p> - -<p>»Keine, lieber Herr.«</p> - -<p>»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p> - -<p>»Keine.«</p> - -<p>»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, -denken Sie, wird Ihre Reise dauern?«</p> - -<p>»Elf oder zwölf Monate.«</p> - -<p>»Elf oder zwölf Monate … Ziemlich langsam. -Aber Sie werden noch rechtzeitig zur Ausstellung -kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen – mit -Kupfer?«</p> - -<p>»Der Schiffsrumpf ist nackt – ist überhaupt -nicht beschlagen.«</p> - -<p>»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen -in der See würden das Schiff wie ein Sieb durchlöchern, -und in drei Monaten würde es drunten auf -dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff <em class="gesperrt">darf</em> nicht -die Erlaubnis erhalten, in solchem Zustand abzufahren; -es muß beschlagen werden. Nun noch eins: -Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine -Binnenstadt und für Schiffe Ihres Kalibers nicht -erreichbar ist?«</p> - -<p>»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige -nicht nach Schikargo zu fahren.«</p> - -<p>»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, -was für einen Zweck die Tiere haben?«</p> - -<p>»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch -nicht genug haben?«</p> - -<p>»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -– ja! Aber der Rest wird in einer Flut ertrinken, -und diese hier sind dazu bestimmt, den -Vorrat wieder zu ergänzen.«</p> - -<p>»In einer Flut?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Wissen Sie das gewiß?«</p> - -<p>»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und -vierzig Nächte regnen.«</p> - -<p>»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber -Herr; das kommt hier oftmals vor.«</p> - -<p>»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird -die Bergspitzen bedecken und das Land wird völlig -unsichtbar werden.«</p> - -<p>»Im Vertrauen – aber natürlich nicht in meiner -Eigenschaft als Beamter – gesagt: es tut mir leid, -daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; denn -nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte -Erlaubnis, nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder -Dampf zu wählen, wieder zurückzuziehen. Ich muß -Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff kann -nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -Fahrt notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit -sich führen. Sie werden sich eine Destillationsanlage -anschaffen müssen.«</p> - -<p>»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser -auf der Außenseite mittels Eimer schöpfen werde.«</p> - -<p>»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die -Bergspitzen erreicht, werden die süßen Gewässer mit -dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen sein und -werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich -Dampfbetrieb zulegen und Ihr Wasser destillieren … -Nun will ich mich von Ihnen verabschieden, verehrter -Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten -Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der -Schiffsbaukunst?«</p> - -<p>»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe -ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich baute diese Arche, -ohne vorher jemals die geringste Uebung oder Unterweisung -in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«</p> - -<p>»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter -Herr, eine sehr bemerkenswerte Leistung. Es sind -darin meiner Meinung nach mehr neue – völlig -neue und unabgedroschene – Züge als in jedem -andern Schiff, das auf den Meeren schwimmt.«</p> - -<p>»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre,<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -lieber Herr, – unendliche! – und ich werde es mit -Freuden in meiner Erinnerung bewahren, so lange -mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen -meinen gebührenden und tiefst empfundenen Dank. -Adieu!«</p> - -<p>Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah -über die Maßen höflich sein; Noah würde das Gefühl -gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber in -See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht -gehen lassen.</p> - -<h3>Kolumbus und sein Schiffchen.</h3> - -<p>In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der -Arche bis zu Kolumbus’ Entdeckungsfahrt machte die -Schiffsbaukunst etliche Veränderungen zum Bessern -durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, -so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man -als ›weniger unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. -Ich habe mal irgendwo gelesen, eins von Kolumbus’ -Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff gewesen. Vergleicht -man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden -unsrer Tage, so kann man sich einigermaßen einen -Begriff machen, wie klein die spanische Bark war und<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen Passagierverkehr -über das Atlantische Meer den Wettbewerb -aufzunehmen. Nicht weniger als 74 von ihrer -Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt der ›Havel‹ -zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht -täuscht, brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach -unsern heutigen Begriffen würde das als schauderhafte -Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das -Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, -vier Matrosen und einen Schiffsjungen. Die -Bemannung eines modernen Schnelldampfers besteht -aus 250 Menschen.</p> - -<p>Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so -können wir aus diesen beiden Tatsachen mit unumstößlicher -Sicherheit auf verschiedene weniger wichtige -Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte nicht -berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so -wissen wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang -rollte und stampfte und schlingerte und daß es bei -tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder auf dem -Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser -lag. Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord -und wuschen das Deck vom Steven bis zum Stern. Die -ganze Reise über waren die Sturmleisten auf dem<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter -auf die Hosen als in den Magen. Der Speisesaal -maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, unlüftbar -und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner -war nur eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die -Größe eines Grabes und enthielt zwei oder drei übereinander -gestellte Betten von der Größe und Bequemlichkeit -von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, -herrschte in dieser Kajüte eine Finsternis von einer -Dicke und Greifbarkeit, daß einer hineinbeißen und -sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, -wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich -hinten auf dem hochaufragenden Hüttendeck – ein -Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß Breite; überall -sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten -die Wellen das Deck.</p> - -<p>Daß dies alles so war, geht für uns aus der -bloßen Tatsache hervor, daß das Schiff klein war. Da -es zugleich auch alt war, so ergeben sich daraus natürlich -etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war -voll von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei -schwerer See öffneten und schlossen sich die Fugen der -Planken wie wenn ein Mensch seine Finger auseinanderspreizt -und wieder schließt. Es leckte wie ein<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span> -Korb. Wo ein Leck ist, ist notwendigerweise auch -Schlagwasser; und wo Schlagwasser ist, kann bloß ein -Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. -Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner -Ruchlosigkeit.</p> - -<p>Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen -ausgehend, können wir ein wahrheitsgetreues -Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers -entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er -seine Andacht vor dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. -Um acht erschien er auf der Hinterdeckspromenade. -War das Wetter kühl, so erschien er, vom Helmbusch -bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit -Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am -Küchenfeuer hatte wärmen lassen. War das Wetter -warm, so kam er in der gewöhnlichen Seemannstracht -jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem -Samt mit einem wehenden Busch von schneeweißen -Straußfedern, der durch einen blitzenden Klumpen von -Diamanten und Smaragden zusammengehalten wird. -Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten -Aermeln, die ein karmesinrotes Seidenfutter -sehen lassen; breiter Kragen und Handkrausen aus -kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; -perlgraue seidene Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; -zitronengelbe Schlappstiefel aus Lammleder, herunterhängend, -damit die schönen Strümpfe zu sehen -sind; Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, -aus der Werkstatt der heiligen Inquisition, -(früher zur Haut einer Dame von hohem Stande gehörend); -Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide -an einem breiten Wehrgehänge, das mit Rubinen -und Saphiren besetzt ist.</p> - -<p>Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das -Aussehen des Himmels und die Windrichtung; sieht -sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie nach andern -Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib -dem Manne am Steuer einen Rüffel; holt -ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und übt sich in -seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab -und zu läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet -einen Matrosen auf dem Quarterdeck vom Ertrinken. -Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt und dehnt er -sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen -und wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe … -Das war Kolumbus in seiner menschlichen Natürlichkeit, -wenn er nicht für die Nachwelt posierte!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p> - -<p>Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der -Sonne und stellte fest, daß das gute Schiff in 24 -Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für -ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als -Sieger ankommen, wenn außer ihm kein Mensch da -ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu sagen hat.</p> - -<p>Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches -Frühstück: Speck, Bohnen und Branntwein; um -zwölf speist er allein und feierlich zu Mittag: Speck, -Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und -feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; -um elf nimmt er allein und feierlich sein Nachtmahl -ein: Speck, Bohnen und Branntwein. Musik gibt es -bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine -Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit -spricht er ein Dankgebet für all die guten Sachen – -deren Wert er vielleicht ein bißchen übertreibt. Dann -legt er die Seidenpracht oder das vergoldete Eisengeschirr -ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die -flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in -tiefen Atemzügen mit der von den köstlichen Düften -ranzigen Oels und Schlagwassers geschwängerten Luft -zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, -und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -brigade- und divisions- und armeekorpsweise aus -und spielen Zirkus auf seinem ganzen Leibe.</p> - -<p>Das war mehrere historische Wochen lang der -tägliche Lebenslauf des großen Entdeckungsreisenden -in seiner Nußschale, und der Unterschied zwischen den -Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf -unserer ›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.</p> - -<p>Als er wiederkam – so berichtet die Weltgeschichte -– da sagte der König von Spanien voll Verwunderung: -»Das Schiff scheint leck zu sein. Leckte -es schlimm?«</p> - -<p>»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: -Ich pumpte während der Fahrt sechzehnmal den -Atlantischen Ozean durch das Schiff.«</p> - -<p>So berichtet General Horace Porter. Andre -Autoritäten sprechen nur von fünfzehnmal.</p> - -<h3>Verschollene Gefühle.</h3> - -<p>Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik -des Meeres. Die zarte Gefühlsseligkeit, die das -Seewesen umwob, ist aus unserem Werkeltagsleben -verschwunden und gehört nur noch als eine ferne halbverwischte<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -Erinnerung der Vergangenheit an. Aber -viele von uns Mitlebenden können sich noch sehr gut -der Zeit erinnern, da diese Gefühlsseligkeit in jedermanns -Brust lebte; und je weiter die Menschen vom -Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie -diese Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. -Man brauchte in einer Gesellschaft bloß von der See, -der romantischen See zu sprechen, und sofort verfielen -die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. -Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in -den weltabgelegenen Siedelungen gesungen wurden, -hatten zum Helden den schwermütigen Wandrer, und -dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. -Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen -entlang plätscherten, sangen sie unfehlbar, sobald sich -die Dämmerungsschatten herniedersenkten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Der Heimat zu, der Heimat zu,</div> - <div class="verse indent0">Vom fernen fremden Strand.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern -im Westen war dies das Lieblingslied. -Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen -Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; -›Des Schiffsjungen Traum‹; ›Des gefangenen -Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus auf<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist -endlos. Die guten Ackersleute von dazumal lebten -in ihrer Phantasie allesamt hauptsächlich inmitten -der Gefahren des Meeres.</p> - -<p>Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. -Das Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl -nichts mehr sagt und an dessen Bord alles so nüchtern -und streng zugeht, verbannte die Romantik aus der -Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte -sie aus der Handelsflotte. Die Gefahren und -Ungewißheiten, die einst das Leben auf See romantisch -machten, sind verschwunden, und mit ihnen das -poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere -an Bord niemals Seemannslieder, und die Schiffskapelle -spielt niemals derartige Weisen. Die rührenden -Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von -der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft -so feurige Farben vorspiegelten, weil -solche Wandrer so etwas Seltenes waren – sie haben -ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil jetzt -jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die -Teilnahme dafür ist also erstorben. Kein Mensch -bangt sich mehr um den Wandrer; ihm drohen keine -Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -auf dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; -denn dort kann es ihm nimmer passieren, daß er einem -Freund die letzte Ehre erweisen und barhäuptig in -Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf -die Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. -Und die Ungewißheiten der Reise sind auf -die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß -am Nachmittag an der andern Seite ankommen -wird oder noch bis zum andern Morgen -warten muß.</p> - -<p>Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war -ein Segelschiff. Es brauchte 28 Tage von San Francisco -nach den Sandwichinseln. Der Hauptgrund für diese -überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß -wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im -Stillen Weltmeer 2000 Meilen von Land auf einem -und demselben Fleck lagen. Hier auf der ›Havel‹ höre -ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff -damals – da hörte ich alle, die es gibt. Es waren -auf dem Schiff ein Dutzend junge Leute – werden -jetzt wohl hübsch alt sein – und diese setzten sich -jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei -Sternenlicht oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder -in die leise, schweigende, regungslose<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> -Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für Humor -und sangen fortwährend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Der Heimat zu, der Heimat zu,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich -war, denn wir lagen still und kamen überhaupt -nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte diesem -Gesang das andre schöne Lied:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹</div> - <div class="verse indent0">Frug die sterbende Maid – und der Hafen war nah.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen -Leuten, und ich möchte wohl wissen, wo sie jetzt sind. -›Ach, alle zerstreut‹ – natürlich; und die Blüte und -Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt? -Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn -zu bessern, aber keinem gelang es. So überließ man -ihn denn nach und nach sich selber; keiner von uns -wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither -im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, -wie sie gedankenvoll gegen das Heckbord gelehnt stand, -und ich habe bei mir gedacht, wenn wir uns mehr -Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so -hätten wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien -und durch Zureden ihn davon abbringen<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -können. Aber – man mag es kaum aussprechen – -er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen -und wahrscheinlich unverbesserlich. Ich möchte gerne -glauben – und glaube in der Tat – daß ich alles -tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer -Gesinnung zu bekehren.</p> - -<p>Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das -Schiff lag während der Kalme die vollen 14 Tage -lang genau auf demselben Fleck. Dann kam eine -hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir -breiteten unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. -Aber das Schiff rührte sich nicht. Die Segel blähten -sich, der Wind spannte die Taue an, aber das Schiff -bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der -Kapitän war überrascht. Erst nach mehreren Stunden -fanden wir heraus was uns festhielt. Entenmuscheln! -Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen -Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den -Schiffsboden angesetzt; andre hatten sich wieder an -diesen Haufen angesetzt, andre wieder an diese und so -weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte -Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund -angeheftet, und die See ist an jener Stelle -fünf Meilen tief. So war also das Schiff ganz einfach<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks -– jawohl!, und war durch Wind und Segel so -wenig zu bewegen wie festes Land. Jedermann sah -diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.</p> - -<p>Nun, die Woche darauf – indessen, Sandy Hook -ist in Sicht.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-142"> - <img src="images/illu-142.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Der_Roman_der_Eskimo-Maid">Der Roman der Eskimo-Maid.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem -Leben alles erzählen, was Sie gerne hören möchten,« -sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei sah -sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins -Gesicht; »denn es ist lieb und nett von Ihnen, daß -Sie mich leiden mögen und etwas über mich wissen -wollen.«</p> - -<p>Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem -beinernen Messerchen Walfischfett von ihren Wangen -geschabt und es an ihrem Pelzärmel abgewischt und -dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das -seine flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben -über die einsame Schneeebene und die Dome -der Eisberge ergoß – ein Schauspiel von fast unerträglich -glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte -sie die träumerische Stimmung von sich ab und schickte<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -sich an, mir die einfache kleine Geschichte zu erzählen, -um die ich sie gebeten hatte. Sie setzte sich bequem -auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa diente, -und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers -an.</p> - -<p>Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche -vom Eskimostandpunkt. Andere hätten sie für ein -bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade -zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste -Mädchen ihres Stammes. Sogar hier -in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und unförmlichen -Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln -und unter der großen Kapuze war wenigstens die -Schönheit ihres Gesichtes erkennbar; die Schönheit -ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und -Glauben annehmen. Unter allen aus- und eingehenden -Gästen hatte ich an ihres Vaters gastlichem Eßtrog -kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig hätte -nennen können. Und dabei war sie unverdorben! -Sie war lieblich und natürlich und aufrichtig, und -wenn sie wußte, daß sie eine Schönheit war, so ließ -doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen, daß -sie diese Kenntnis besaß.</p> - -<p>Sie war nun seit einer Woche meine tägliche<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> -Kameradin gewesen, und je besser ich sie kennen lernte, -desto besser gefiel sie mir. Sie war zärtlich und -sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft, -die in den Polargegenden als eine außerordentlich -verfeinerte gelten konnte, denn ihr Vater war der -einflußreichste Mann seines Stammes und stand auf -der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -– so hieß sie – lange Spazierfahrten im Hundeschlitten -über die mächtigen Eisfelder und fand ihre -Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre Unterhaltung -angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, -aber nicht in ihrem lebensgefährlich schwachen -Boot, sondern ich spazierte bloß am Eisrande entlang -und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden -Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; -mehreremale stand ich dabei, wenn sie und ihre -Familie von einem gestrandeten Wal den Speck -ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges -auf die Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum -<span id="corr147">Schuß</span> kam, denn im Grunde habe ich Angst vor -Bären.</p> - -<p>Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte -erzählen. Hier ist sie:</p> - -<p>»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -die anderen Stämme über das gefrorene Meer von -Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren wurde -mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich -dieses große Schloß aus Schneeblöcken – sehen Sie -es nur an! Es ist sieben Fuß hoch und drei- oder -viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier -haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr -stolz auf sein Haus und das mit Recht; denn wenn -Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen Sie bemerkt -haben, wieviel schöner und vollständiger es -ist als die üblichen Wohnungen. Haben Sie noch -nicht darauf geachtet, so müssen Sie es unbedingt -thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung -finden, die sich hoch über das Gewöhnliche -erhebt. Zum Beispiel, an dem Ende, das Sie den -›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte -Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es -sich beim Essen bequem machen. Diese Plattform -ist die größte, die Sie je in einem Hause gesehen -haben – nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist -die größte. Wir haben selbst in den schönsten Häusern -der Vereinigten Staaten nichts Aehnliches.«</p> - -<p>Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -voll Stolz und Wonne. Ich bemerkte es und schrieb -es mir hinter die Ohren.</p> - -<p>»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht -hätte,« sagte sie. »Und noch eins: Der Boden -ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst üblich ist. -Alle Arten Pelzwerk – vom Seehund, Seeotter, -Silberfuchs, Bär, Marder, Zobel – alle Arten -Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden. Dasselbe -gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die -Sie ›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause -Plattformen und Schlafbänke besser ausgestattet?«</p> - -<p>»Das sind sie wirklich nicht, Lasca – man -denkt noch gar nicht mal daran.« Das gefiel ihr -wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze, -die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, -nicht an deren Wert. Ich hätte ihr -sagen können, daß diese Massen von kostbarem Pelzwerk -ein Vermögen bedeuteten – oder wenigstens -in meiner Heimat bedeuten würden – aber sie -hätte das nicht verstanden; solche Sachen galten bei -ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr -sagen können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder -die Alltagskleider der gewöhnlichsten Person ihrer -Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert Dollars wert<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame -kenne, die in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen -ginge. Aber auch dies hätte sie nicht verstanden. -Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort:</p> - -<p>»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei -im Empfangssalon und außerdem noch zwei andere -im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand -zwei im Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in -Ihrem Salon daheim?«</p> - -<p>Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm -mir den Atem; ich sammelte mich aber wieder, bevor -sie etwas merkte, und sagte voll Wärme:</p> - -<p>»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, -daß ich meine Heimat bloßstelle, und Sie dürfen -es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu Ihnen im -Vertrauen – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß -nicht mal der reichste Mann in der Stadt New York -zwei Spülzuber in seinem Salon hat.«</p> - -<p>Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten -Hände zusammen und rief:</p> - -<p>»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das -<em class="gesperrt">kann</em> nicht Ihr Ernst sein!«</p> - -<p>»Ja, es ist <em class="gesperrt">wirklich</em> mein Ernst, Liebste! Da -ist Vanderbilt. Vanderbilt ist ungefähr der reichste<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -Mann auf der ganzen Welt. Nun, und wenn ich -auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, -daß nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, -nicht mal <em class="gesperrt">einen</em> hat er – ich will auf der Stelle -sterben, wenn’s nicht wahr ist!«</p> - -<p>Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen -weit aufgerissen, und sie sagte langsam, mit einem -gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam – wie -unglaublich – man kann es sich gar nicht vorstellen. -Ist er geizig?«</p> - -<p>»Nein – das ist er nicht. Auf die Ausgabe -kommt’s ihm nicht an, aber – hm – wissen Sie, -es würde protzig aussehen. Ja, das ist es – so -denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art -und hat eine Abneigung gegen Entfaltung von Pomp -und Prunk.«</p> - -<p>»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« -sagte Lasca, »wenn man sie nicht zu weit treibt -– aber wie sieht denn nun der Salon aus?«</p> - -<p>»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, -aber …«</p> - -<p>»Das kann ich mir denken. So was habe ich -noch nie gehört! Ist es ein schönes Haus – ich -meine, abgesehen <em class="gesperrt">davon</em>?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p> - -<p>»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute -Meinung davon.«</p> - -<p>Das Mädchen saß eine Weile schweigend da -und knabberte träumerisch an einem Lichtstumpf. -Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte -einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den -Kopf und sprach frank und frei ihre Meinung aus:</p> - -<p>»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art -von Demut, die, wenn man ihr auf den Grund geht, -doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann, -der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten -kann, es nicht thut, so ist er <em class="gesperrt">vielleicht</em> wirklich -demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher ist es, -daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich -lenken will. Nach meiner Meinung weiß Herr -Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.«</p> - -<p>Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn -ich fühlte, daß der Besitz von zwei Spülzubern nicht für -jedermann der richtige Prüfstein sei, obgleich man in -der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann. -Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ -sich nichts einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die -reichen Leute bei Ihnen auch so gute Schlafbänke wie -wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken gemacht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span></p> - -<p>»Na, sie sind ziemlich gut – gut genug – -aber aus Eisblöcken sind sie nicht gemacht.«</p> - -<p>»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus -Eisblöcken?«</p> - -<p>Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte -sie darauf aufmerksam, wie teuer das Eis in einem -Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf aufpassen -muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer -wird als das Eis selber. Da rief sie:</p> - -<p>»Herrje! <em class="gesperrt">Kaufen</em> Sie Ihr Eis?«</p> - -<p>»Ganz gewiß, mein liebes Kind.«</p> - -<p>Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen -aus und sagte: »O, so was Albernes habe ich -noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft vorhanden, -ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe -keine Fischblase für das Ganze!«</p> - -<p>»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, -Sie kleine Provinzpflanze Sie! Wenn Sie -das Eis hier im Hochsommer in New York hätten, so -könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am -Markt sind.«</p> - -<p>Sie sah mich zweifelnd an und sagte:</p> - -<p>»Sprechen Sie die Wahrheit?«</p> - -<p>»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span></p> - -<p>Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte -sie mit einem kleinen Seufzer:</p> - -<p>»Ich wollte, da könnte <em class="gesperrt">ich</em> wohnen!«</p> - -<p>Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen -wollen, von denen sie sich einen Begriff machen konnte; -aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich hatte -ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New -York Walfische reichlich vorhanden und billig seien, -und hatte ihr den Mund wässern gemacht. Es schien -am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler -zu mildern versuchte; so sagte ich denn:</p> - -<p>»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts -machen, wenn Sie in New York wohnten. Kein -Mensch dort fragt etwas danach.«</p> - -<p>»Was?!«</p> - -<p>»Nein, wirklich nicht.«</p> - -<p>»Aber warum denn nicht?«</p> - -<p>»T–scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein -Vorurteil, denke ich. Ja, das ist’s – einfach ein Vorurteil. -Wahrscheinlich hat mal irgendwo und irgendwann -irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte, -ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja, -wenn so eine Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert -es eine endlose Zeit, bis sie wieder ausgetrieben wird.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p> - -<p>»Das stimmt – das stimmt vollkommen!« -sagte das Mädchen nachdenklich. »Geradeso war -es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife – wissen -Sie, unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil -gegen Seife.«</p> - -<p>Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich -ja. Ich zögerte einen Augenblick, dann -fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen Betonung:</p> - -<p>»Entschuldigen Sie: Sie <em class="gesperrt">hatten</em> ein Vorurteil -gegen Seife? Hatten?«</p> - -<p>»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein -Mensch wollte sie essen.«</p> - -<p>»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht -gleich, was Sie meinten.«</p> - -<p>Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil. -Als zum erstenmal Seife von den Fremdländischen -hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie. Sobald -sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und -jetzt hat jeder welche, der es sich nur leisten kann. -Lieben Sie Seife?«</p> - -<p>»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn -ich keine haben könnte – besonders hier. Haben -Sie sie gerne?«</p> - -<p>»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p> - -<p>»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit. -Lieben Sie sie?«</p> - -<p>Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief:</p> - -<p>»O, sprechen Sie nicht davon! … Lichte! … -und Seife!«</p> - -<p>»Und Fischeingeweide …!«</p> - -<p>»Und Leberthran …!«</p> - -<p>»Und Bratenfett …!«</p> - -<p>»Und Walfischspeck …!«</p> - -<p>»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal! -und Sauerkraut! und Bienenwachs! und Theer! und -Terpentin! und Syrup! und …«</p> - -<p>»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir -bleibt die Luft weg vor Wonne …«</p> - -<p>»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne -angerichtet und die Nachbarn dazu eingeladen und -dann …«</p> - -<p>Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes -war zu viel für sie, und sie fiel in Ohnmacht, das -arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit Schnee -und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile -kühlte ihre Erregung sich ab. Allmählich kam sie -wieder so weit, daß sie in ihrer Geschichte fortfahren -konnte:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p> - -<p>»So begannen wir also hier in dem schönen -Hause zu wohnen. Aber ich war nicht glücklich. -Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen; -ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück -geben. Ich wollte um meiner selbst willen geliebt -sein. Ich wollte anbeten und wollte von meinem -Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als -gegenseitige Anbetung konnte meine glühende Natur -befriedigen. Ich hatte Freier genug – ja übergenug -– aber in allem und jedem Fall hatten sie einen -verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte -ich diesen Mangel – kein einziger von ihnen vermochte -ihn vor mir zu verhehlen: sie wollten nicht -mich, sondern meinen Reichtum!«</p> - -<p>»Ihren Reichtum?«</p> - -<p>»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann -in unserem Stamm – und überhaupt unter allen -Stämmen dieser Gegend.«</p> - -<p>Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres -Vaters Reichtum bestehen möchte. Das Haus konnte -es nicht sein – ein jeder konnte sich so eins bauen. -Die Pelze waren’s auch nicht – denn die waren -hier nichts wert. Der Schlitten, die Hunde, die -Harpunen, das Boot, die beinernen Fischhaken,<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein – -nein, das war alles kein Reichtum. Was konnte -es denn also sein, das diesen Mann so reich machte -und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein -Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um -dies herauszufinden, das beste, wenn ich sie fragte. -Ich that es. Das Mädchen war durch diese Frage -so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte -sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis -brannte sie ebenso sehr wie mich meine Neugier. -Sie schmiegte sich traulich an mich an und sagte:</p> - -<p>»Raten Sie, wie schwerreich er ist – Sie kriegen -es niemals heraus!«</p> - -<p>Ich that, als dächte ich tief über die Sache -nach, und sie beobachtete den Ausdruck meiner Denkanstrengungen -auf meinem Gesicht mit atemlosem -und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich -aufgab und sie bat, meine Sehnsucht zu stillen und -zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser Vanderbilt des -Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht -an mein Ohr und wisperte eindrucksvoll:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Zweiundzwanzig Angelhaken</em> – keine -beinernen, sondern fremdländische – <em class="gesperrt">aus echtem -Eisen</em>!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p> - -<p>Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde -zurück, um die Wirkung zu beobachten. Ich gab -mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen. -Ich erbleichte und murmelte:</p> - -<p>»Gott Strambach!«</p> - -<p>»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!«</p> - -<p>»Lasca, Sie machen mir was weis – Sie -können es nicht im Ernst meinen!«</p> - -<p>Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus:</p> - -<p>»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr – -jedes Wort. Sie glauben mir – Sie glauben mir -doch, bitte, nicht wahr? <em class="gesperrt">Sagen</em> Sie, daß Sie mir -glauben – bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.«</p> - -<p>»Ich … hm … na ja, ich glaube – ich bemühe -mich, es zu glauben. Aber es kam gar so -plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie -sollten so was nicht so mit einemmal machen. -Es …«</p> - -<p>»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur -gedacht …«</p> - -<p>»Nun, es ist schon gut … und ich mache -Ihnen keine Vorwürfe mehr, denn Sie sind jung -und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht -voraussehen, was für ’ne Wirkung …«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p> - -<p>»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser -daran denken sollen. Aber wie …«</p> - -<p>»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder -sechs Angelhaken angefangen hätten und dann allmählich …«</p> - -<p>»O, ich verstehe, ich verstehe … dann allmählich -einen hinzufügen, und dann zwei und dann … -Ach, warum habe ich denn auch nicht daran gedacht!«</p> - -<p>»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht. -Ich fühle mich jetzt besser … binnen kurzem werde -ich darüber weg sein. Aber … einem unvorbereiteten -und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit -sämtlichen zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht -springen …!«</p> - -<p>»O … es <em class="gesperrt">war</em> eine Sünde! Aber Sie verzeihen -mir – sagen Sie, daß Sie mir verzeihen! -Bitte!«</p> - -<p>Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen -Streichelns und Hätschelns und Zuredens eingeheimst -hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder glücklich -und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte -hinein. Auf einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz -noch irgend was anderes Ausgezeichnetes enthalten -mußte – augenscheinlich irgend ein Kleinod –<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span> -und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu -sprechen, damit es mich nicht abermals umwürfe. -Doch ich wünschte auch von diesen Dingen genau -Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen, -was es sei. Sie hatte Angst. Aber ich bestand -darauf und sagte, diesmal würde ich mich zusammennehmen -und den Stoß aushalten. Sie war voll -böser Ahnungen, aber die Versuchung, mir das -Wunder zu enthüllen und sich an meinem Erstaunen -und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark -für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich, -und sagte, wenn sie <em class="gesperrt">sicher</em> wäre, daß ich gefaßt -sei – u. s. w. u. s. w. – und damit griff sie in ihren -Busen und brachte ein verbeultes viereckiges Messingstück -zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll -an meinem Auge hing. Ich sank an ihren Busen -in einer ganz vorzüglich gespielten Ohnmacht, die -ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken -versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie -sich begierig, was ich zu ihrem Kleinod sagte.</p> - -<p>»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das -köstlichste Ding, das ich jemals sah.«</p> - -<p>»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen, -daß Sie das sagen. Aber es ist auch herzig – ist es nicht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p> - -<p>»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es -lieber mein eigen nennen, als den ganzen Aequator!«</p> - -<p>»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,« -sagte sie. »Ich meine, es ist so herzig! Und es -giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden! – -Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher -gereist, um sich’s anzusehen. Sahen Sie jemals -früher so was?«</p> - -<p>Ich sagte nein; es wäre das erste derartige -Juwel, das ich je gesehen hätte. Es gab mir einen -schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu sagen, -denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher -Dinger gesehen – da ihr Kleinod nichts anderes -war, als eine verbogene alte New Yorker Bahnhofsgepäckmarke.</p> - -<p>»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch -nicht mit diesem Juwel auf Ihrem Leibe so allein -und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen -Hund mitzunehmen?«</p> - -<p>»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand -weiß, daß ich’s bei mir habe. Sie denken, es liegt bei -Papas Schatz. Und da liegt es auch für gewöhnlich.«</p> - -<p>»Wo ist der Schatz?«</p> - -<p>Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -lang sah sie verdutzt und ein wenig mißtrauisch -drein; aber ich sagte:</p> - -<p>»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir. -Zu Hause sind wir siebzig Millionen Menschen, und -– ich sollte es eigentlich nicht selber von mir sagen, -aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir -nicht unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.«</p> - -<p>Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir, -wo die Angelhaken im Hause versteckt lägen. Dann -machte sie eine kleine Abschweifung, um ein bißchen -mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu -renommieren, die die Fenster ihres Schlosses bildeten, -und fragte mich, ob ich zu Hause je ihresgleichen -gesehen, und ich bekannte frei und offen, das hätte -ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß -sie keine Worte finden konnte, ihre Dankbarkeit darin -zu kleiden. Es war so leicht ihr Freude zu machen, -und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich fortfuhr -und sagte:</p> - -<p>»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches -Mädchen! Dieses schöne Haus, dies köstliche Juwel, -der reiche Schatz, all dieser elegante Schnee und die -prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und -die jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span> -und weite Natur! Und jedermanns Augen -ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht -steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich, -schön, umworben, gefeiert, beneidet – von jedem -Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch wird Ihnen -erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie -wünschen könnten – was für ein unermeßliches Glück! -Ich habe Myriaden von Mädchen gesehen, aber -keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge -mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie -sind ihrer würdig – sind ihrer aller würdig, Lasca – -das glaube ich in meines Herzens Grunde!«</p> - -<p>Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich -dies sagen zu hören und sie dankte mir immer und -immer wieder für die Schlußbemerkung, und an ihrer -Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich -gerührt war. Aber plötzlich sagte sie:</p> - -<p>»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein – -es sind auch düstere Wolken vorhanden. Die Bürde -des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals habe -ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre, -arm zu sein – oder wenigstens nicht so über alle -Maßen reich. Es schmerzt mich, wenn Leute von -Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu -einander sagen höre: ›Da! Das ist sie – die -Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer kummervoll: -›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich – ich -habe nichts!‹ Das bricht mir das Herz. Als ich -ein Kind war und wir arm waren, da schliefen wir -bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt – -jetzt müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher -war mein Vater freundlich und höflich zu allen; -aber jetzt ist er streng und hochfahrend und kann’s -nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst -war seine Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt -denkt er, wo er geht und steht, an seine Angelhaken. -Und sein Reichtum macht, daß ein jeder unterthänigst -vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über -seine Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt -und armselig und mangeln des einzigen Elements, -das wirklich einen Spaß rechtfertigen kann – -des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder -über diese greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal -nicht thut, so ärgert mein Vater sich tief und läßt -es sich merken. Früher fragte kein Mensch nach -seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts, -wenn er sie ’mal ungefragt abgab; diesen Fehler<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> -haben seine Meinungen auch jetzt noch, trotzdem wollen -alle sie hören und geben ihren Beifall dazu – und -er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes -Zartgefühl hat er gar nicht, dafür aber eine große -Masse Taktlosigkeit. Er hat den Ton unseres ganzen -Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein freimütiges, -mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche -Heuchler und aufgedunsene Liebediener. Von -ganzem Herzensgrunde hasse ich all dies Millionärsgethue. -Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes, -einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken -ihrer Väter; jetzt sind sie von Habsucht zerfressen -und würden jedes Gefühl von Ehre und Würde -opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne -Angelhaken zu erlangen. Aber ich darf bei diesen -traurigen Geschichten nicht verweilen … Wie ich -gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst willen -geliebt zu werden.</p> - -<p>»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen -zu sollen. Eines Tages kam ein Fremder durch, der -sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm meinen -Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz -hüpfte hoch vor Dankbarkeit und Glück, denn ich -hatte ihn auf den ersten Blick geliebt, und nun sagte<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span> -ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte, -er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem -Augenblick. Wir lustwandelten miteinander weit über -die Eisfelder, sprachen immerfort von uns selber und -planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir endlich -müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn -er hatte Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein -bißchen Walfischthran mitgenommen. Wir waren -hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut.</p> - -<p>»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe -fern im Norden lagen, und ich fand heraus, -daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte, -und das machte mich über alle Maßen froh. Das -heißt, er hatte wohl von dem Millionär gehört, -kannte aber dessen Namen nicht – so konnte er also, -verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war. -Sie können sich denken, daß ich ihm nichts davon -sagte. Endlich war ich um meiner selbst willen -geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich -war so glücklich – o, glücklicher, als Sie sich vorstellen -können.</p> - -<p>»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und -ich führte ihn nach unserm Hause. Als wir in dessen -Nähe kamen, war er erstaunt und rief:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p> - -<p>»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹</p> - -<p>»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich -diesen Ton hörte und den bewundernden Glanz in -seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald -hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so -schmuck und vornehm aus. Meiner ganzen Familie, -Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen gefiel er gut, -viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde -dicht verschlossen, die Thranlampen angezündet, und -als alles heiß und recht zum Ersticken gemütlich war, -da begannen wir ein fröhliches Festmahl zur Feier -meiner Verlobung.</p> - -<p>»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein -Vater seiner Eitelkeit und konnte der Versuchung nicht -widerstehen, mit seinen Reichtümern zu protzen und -Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück -er hineingetappt wäre – und vor allem natürlich -wollte er sich an des armen Mannes Erstaunen -weiden. Ich hätte weinen mögen – aber es hätte -nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater -abzureden; so sagte ich denn nichts, sondern saß -nur da und litt schweigend.</p> - -<p>»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute -geradenweges auf das Versteck los und holte die<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> -Angelhaken hervor und brachte sie herbei und warf -sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in -glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen -auf die Plattform niederfielen. Natürlich stand -bei dem erstaunlichen Schauspiel dem armen Burschen -der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger -Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich -wundern, wie ein einzelner Mensch so unglaubliche -Reichtümer besitzen könne. Dann auf einmal leuchtete -sein Antlitz auf und er rief aus:</p> - -<p>»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹</p> - -<p>»Mein Vater und alle übrigen brachen -lärmend in ein glückliches Gelächter aus, und als -mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte, -als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle -Bedeutung, und ihn wieder an seinen Platz -trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen. -Er sagte:</p> - -<p>»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst -ohne sie zu zählen?‹</p> - -<p>»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes -Lachen erschallen und sagte:</p> - -<p>»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter -sehen, daß du niemals reich gewesen bist, wenn eine<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> -Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in deinen -Augen ein so mächtiges Ding ist!‹</p> - -<p>»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann -sagte er aber:</p> - -<p>»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals -auch nur soviel, wie der Widerhaken an einer solchen -kostbaren Angel wert ist, und ich habe niemals einen -Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt -hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, -den ich bis jetzt gekannt, besaß nur drei.‹</p> - -<p>»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem -Entzücken und mußte dadurch den Eindruck noch -vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine Angelhaken -zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen -Sie, das war Renommisterei. Ob er sie zählte? -Ei ja, er zählte sie jeden Tag!</p> - -<p>»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung -getroffen und kennen gelernt; nach unserem -Hause gebracht hatte ich ihn genau drei Stunden -später, bei Einbruch der Nacht – denn die Tage waren -kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht -näherten. Viele Stunden dauerte unser festliches -Gelage; endlich gingen die Gäste fort, und wir Zurückbleibenden -verteilten uns die Wände entlang auf<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken -– außer mir. Ich war zu glücklich, zu erregt, -um schlafen zu können. Nachdem ich lange, lange -Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche -Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende -des Raumes verschwand. Ich konnte nicht unterscheiden -wer es war und ob es ein Mann oder eine Frau sein -mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere -in der entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. -Ich grübelte in mir darüber nach, was wohl dies alles -bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir nichts, -und während ich noch grübelte, schlief ich ein.</p> - -<p>»Ich weiß nicht wie lange ich schlief – aber -plötzlich war ich hell wach und hörte meinen Vater -mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim großen Schneegott! -Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere -Stimme sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge -für mich – und das Blut in meinen Adern erstarrte -vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben -Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr -alle miteinander und packt mir den Fremden!‹ Dann -ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf allen -Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten -durch die Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> -zu Hilfe, aber was konnte ich anders thun -als warten und die Hände ringen?</p> - -<p>»Er war bereits durch einen lebenden Wall von -mir getrennt, und man war dabei, ihm Hände und -Füße zu binden. Erst als sie sich seiner versichert -hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine -arme mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz -an seiner Brust aus, während mein Vater und meine -ganze Familie auf mich schalten und ihn mit Drohungen -und schmählichen Schimpfworten überhäuften. -Er ertrug diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen -Würde, die ihn mir teurer denn je machte und mich -mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit ihm und für -ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, -die Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen -werden, um über Kalula auf Leben und Tod zu richten.</p> - -<p>»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem -verlorenen Haken gesucht worden ist?‹</p> - -<p>»›Nach dem <em class="gesperrt">verlorenen</em> Haken!‹ riefen sie -alle höhnisch, und mein Vater fügte spöttisch hinzu: -›Tretet alle beiseite und seid recht ernst, wie sich’s -gehört – sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹ -Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ – -worauf sie wieder alle lachten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p> - -<p>»Auf mich machte dies keinen Eindruck – ich -hatte keine Befürchtungen, keine Zweifel. Ich sagte:</p> - -<p>»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen -auch noch an die Reihe. Wartet ab und seht!‹</p> - -<p>»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich -würde das elende kleine Ding in einem Augenblick -finden; und ich begab mich mit solcher Zuversicht -auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es -dämmerte ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht -zu voreilig gewesen. Aber ach und je! O, wie -bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während -welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte -zählen können, herrschte tiefes Schweigen, dann begann -mir das Herz zu sinken, und um mich herum -fingen wieder die Spottreden an und wurden immer -lauter und zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab, -Salve auf Salve von grausamem Gelächter -erscholl.</p> - -<p>»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da -litt. Aber meine Liebe war mir Stütze und gab -mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden -Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm -um seinen Nacken und flüsterte ihm ins Ohr:</p> - -<p>»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb – das weiß<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -ich. Aber sage es selber mir zum Trost. Dann -kann ich alles tragen, was immer uns beschieden -sein mag.‹</p> - -<p>»Er antwortete:</p> - -<p>»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der -Schwelle des Todes stehe: ich bin unschuldig. Tröste -dich also, o zertretenes Herz. Sei im Frieden, o du -Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹</p> - -<p>»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als -ich diese Worte sprach, da kam von draußen ein -verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee, und -dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur -Thür herein – die Aeltesten!</p> - -<p>»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form -an und schilderte die Vorgänge der Nacht in allen -ihren Einzelheiten. Er sagte, der Nachtwächter -habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein -Mensch gewesen außer der Familie und dem Fremden. -›Würde die Familie ihr eigenes Eigentum stehlen?‹ -Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele Minuten -lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem -andern zu seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm -aus für den Fremden.‹ Kummer bringende Worte -für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -hin. O, ich Elende – Elende ich! In demselben -Augenblick hätte ich meines Lieblings Unschuld beweisen -können – aber ich wußte es nicht!</p> - -<p>»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte:</p> - -<p>»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen -will?‹</p> - -<p>»Ich stand auf und sagte:</p> - -<p>»›Warum sollte <em class="gesperrt">er</em> denn den Haken stehlen – -einen einzelnen oder sie alle zusammen? Einen Tag -darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes -gewesen!‹</p> - -<p>»Ich stand und wartete. Es trat ein langes -Schweigen ein; der Atemdampf von den vielen -Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte -ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam -mit dem Kopf und murmelte: ›Es liegt Beweiskraft -in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was für eine -Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch -flüchtig – wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich.</p> - -<p>»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht, -so möge er jetzt sprechen – später aber schweige er,‹ -sagte der Vorsitzende.</p> - -<p>»Mein Vater stand auf und sprach:</p> - -<p>»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -eine Gestalt bei mir vorüber, ging zum Schatz und -kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube jetzt, es -war der Fremde.‹</p> - -<p>»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte -gedacht, es sei mein Geheimnis; nicht der große -Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen reißen -sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem -armen Kalula:</p> - -<p>»›Sprich!‹</p> - -<p>»Kalula zauderte, dann antwortete er:</p> - -<p>»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen -Angelhaken ließen mich nicht schlafen. Ich ging -hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen -Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude -einzulullen. Dann legte ich mich wieder hin. Ich -habe vielleicht einen fallen lassen, aber gestohlen habe -ich keinen!‹</p> - -<p>»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis -an solchem Ort! Schauerliches Schweigen -herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes Urteil -gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem -Antlitz konnte man die Worte eingegraben lesen: -›Es ist ein Geständnis – und ein armseliges, lahmes, -schwächliches!‹</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p> - -<p>»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge -an – und wartete. Auf einmal hörte ich die feierlichen -Worte, die, wie ich wußte, kommen mußten. -Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein -Messer ins Herz:</p> - -<p>»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der -Angeklagte der ›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹</p> - -<p>»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der -die Wasserprobe in unser Land brachte! Sie kam -vor Menschenaltern aus irgend einem fernen Lande -– wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten -unsere Väter Zeichendeutung und andere unsichere -Beweismittel, und ohne Zweifel kam dann und wann -ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem -Leben davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe; -denn diese ist von weiseren Männern erfunden worden, -als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch -sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos -für unschuldig befunden, denn sie ertrinken; die -Schuldigen aber werden mit derselben Sicherheit -als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter. -Das Herz brach mir im Busen, denn ich sagte mir: -›Er ist unschuldig und er wird in die Wogen versinken -und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p> - -<p>»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr -von seiner Seite. Ich trauerte in seinen Armen all -die kostbaren Stunden lang, und er übergoß mich -mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen -sie ihn von mir und ich folgte ihnen schluchzend -und sah sie ihn in die See schleudern – dann verhüllte -ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual? -O, ich kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes!</p> - -<p>»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in -ein hämisches Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend -nahm ich meine Hände vom Gesicht. -O bitterer Anblick: <em class="gesperrt">er schwamm</em>! Augenblicklich -wurde mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte: -›Er war schuldig – und er log mir!‹ Voll Verachtung -wandte ich meinen Rücken und ging meines -Weges – nach Hause.</p> - -<p>»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See -und setzten ihn auf einen Eisberg, der nach Süden -trieb – nach Süden zu den großen Gewässern. -Dann kam meine Familie heim und mein Vater -sprach zu mir:</p> - -<p>»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft. -Er sagt: »Sage ihr, ich bin unschuldig und alle -Tage und alle Stunden und alle Minuten, während<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben -und an sie denken und den Tag segnen, da ich ihr -süßes Antlitz zuerst erblickte.« – Ganz reizend, -geradezu poetisch!‹</p> - -<p>»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig – laßt mich -niemals wieder ihn nennen hören.‹</p> - -<p>»Und ach – denken zu müssen: Er <em class="gesperrt">war</em> -unschuldig!</p> - -<p>»Neun Monate – neun öde traurige Monate -gingen dahin und endlich kam der Tag des großen -Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes -ihr Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit -dem ersten Strich meines Kammes kam zum Vorschein -der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus -aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate -genistet hatte – und ich fiel ohnmächtig in die Arme -meines von Reue gequälten Vaters! Stöhnend sagte -er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals -wieder lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten … -Höre: von diesem Tage bis heute verging kein Monat, -daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was -nützt das alles jetzt! …«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -Geschichte – und wir lernen daraus: Sintemalen -hundert Millionen Dollars in New York und zweiundzwanzig -Angelhaken am Rande der arktischen -Zone dieselbe finanzielle Uebermacht darstellen, so ist -ein Mann in bedrängten Verhältnissen ein Narr, -wenn er in New York bleibt, da er doch nur für -zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern -braucht.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-180"> - <img src="images/illu-180.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Erzaehlung_des_Kaliforniers">Die Erzählung des Kaliforniers.</h2> -</div> - -<p class="drop">Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus -aufwärts auf die Goldsuche aus. Den lieben -langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue, Waschpfanne -und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und -dort einen, und dachte immer, ich würde einen reichen -Fund machen. Aber ich machte keinen. Es war -eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich würziger -Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert -gewesen, aber jetzt waren die Menschen verschwunden -und es war einsam in dem entzückenden Paradiese. -Als das oberflächliche Graben sich nicht mehr lohnte, -gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo -eine betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und -Zeitungen und Feuerwehr und einem Bürgermeister -nebst Stadträten gestanden hatte, da war jetzt bloß -noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -nicht das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches -Leben sich hier gerührt hatte. Es war in der -Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft daherum, -längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen -verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, -nett und kosig und so mit rosenübersätem Weinlaub -umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig dahinter -verschwanden – ein Zeichen, daß diese Heimstätten -verlassen waren, seit vielen Jahren von enttäuschten -Familien aufgegeben, die sie weder verkaufen noch -auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so etwa -jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam -liegenden Blockhütten vorbei, die in der Morgenröte -der Goldgräberzeit von den ersten Goldgräbern, den -Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In -einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt -bewohnt; und wenn man so eine traf, so konnte man -sich darauf verlassen, daß der Bewohner der Pionier -selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und -noch auf eins konnte man sich verlassen: er war da, -weil er einmal seine Gelegenheit, reich nach den -›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte. Er hatte -später seinen Reichtum wieder verloren und dann -in seiner Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span> -mit den Verwandten und Freunden daheim abzubrechen -und hinfort bei ihnen für tot zu gelten. Ueber ganz -Kalifornien war damals eine Schar von solchen -lebendig-toten Männern verstreut. In ihrem Stolz -getroffene arme Burschen, grau und alt mit vierzig, -hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und -Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und -Sehnsucht, mit dem Kampf und allem anderen fertig -zu sein.</p> - -<p>Es war ein einsames Land! In all diesen -friedlichen weiten Grasebenen und Wäldern kein Laut -als das einschläfernde Summen der Insekten; kein -Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was -einem den Sinn aufmuntert und Freude am Leben -giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares -Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag -ein menschliches Wesen zu Gesicht bekam. -Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren -und er stand an der Gartenpforte von einem jener -traulichen rosenumrankten Häuschen, von denen ich -vorhin sprach. Dieses hier machte aber keinen verödeten -Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß -Menschen darin wohnten und es pflegten und mit -Lust und Liebe sauber hielten; und in dem Vorhof<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span> -war ein Garten mit überreichem, buntem Blumenflor. -Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es -mir behaglich zu machen – so ist es dort zu Lande -Brauch.</p> - -<p>Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause -zu weilen, nachdem ich wochenlang täglich und nächtlich -nur in Goldgräberhütten verkehrt hatte – und -das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte -Betten, Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen -und schwarzen Kaffee, und nichts zum Schmuck als -Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften herausgerissen -und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt -waren. Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung -– aber hier war ein Nest, wo das ermüdete -Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der -menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn -es nach langer Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst -trifft – mögen sie auch billig und bescheiden sein – -sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt nach solcher -Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat. -Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich -mich so heiter, so zufrieden machen könnte oder daß -ein Seelentrost in Tapeten und eingerahmten Lithographien -läge und in hellfarbigen Sofaschonern und<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span> -Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten -Nippschränkchen mit Seemuscheln und Büchern und -Porzellanvasen darauf und überhaupt in all den -unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand -in einem Hauswesen anzubringen weiß – man sieht -sie, ohne es zu wissen, und würde sie doch augenblicklich -vermissen, wenn sie weggenommen würden. Das -Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich -auf meinem Gesicht aus und der Mann sah es und -freute sich darüber; und als antwortete er auf eine -Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton:</p> - -<p>»Alles <em class="gesperrt">ihr</em> Werk! Sie machte es alles selber – -jedes bißchen,« und er umfaßte das Zimmer mit -einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein japanisches -Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, -womit Frauen sorgfältig-nachlässig den oberen Teil -eines Bilderrahmens zu verhängen pflegen, war in -Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es -mit vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, -wobei er mehreremale zurücktrat, um den Eindruck -zu beurteilen. Endlich fand er es nach Wunsch, -strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit -der Hand darüber und sagte: »Sie macht es immer -so. Man kann nicht genau sagen, was daran fehlt,<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso -gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit -fertig ist – aber das ist auch alles, was man davon -weiß. Warum es so ist, das weiß man nicht; ’s ist -wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers -Haar streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet -hat; so ist’s, wie mir scheint. Ich habe ihr so oft -zugesehen, wenn sie all die Dinger hier festmacht, daß -ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl -ich nicht weiß, <em class="gesperrt">warum</em> das so und jenes so sein muß. -Aber <em class="gesperrt">sie</em> kennt auch das Warum. Sie weiß mit dem -Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich verstehe -vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.«</p> - -<p>Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich -mir die Hände waschen könnte. So ein Schlafzimmer -hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße Bettdecke, -weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an -den Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und -Nadelkissen und zierlichen Toilettegegenständen; und -in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und Krug -aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf -und an einem Gestell mehr als ein Dutzend -Handtücher – Handtücher so sauber und weiß, daß -einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war, ihr<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span> -Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man -mußte meinem Gesicht ansehen, was ich empfand, -und er freute sich wieder darüber und sagte:</p> - -<p>»Alles <em class="gesperrt">ihr</em> Werk; sie machte es alles selber – -jedes bißchen, kein Ding hier, das nicht die Berührung -ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden Sie -denken … aber ich darf nicht so viel sprechen …«</p> - -<p>Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ -dabei meine Augen im Zimmer herum von einem -Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne -thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes -Ding, das man sieht, ein Labsal für Auge und Gemüt -ist. Und ich merkte – man merkt so etwas -manchmal auf unerklärliche Weise – daß da irgendwo -irgendwas vorhanden wäre, was ich nach des -Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich wußte -das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir -durch verstohlene Andeutungen mit seinen Augen -dabei zu helfen suchte; so gab ich mir denn viele -Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm -gerne ein Vergnügen machen. Mehreremale riet -ich falsch – ich sah es aus dem Augenwinkel, ohne -daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich -meinen Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben;<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span> -ich merkte das an dem Behagen, das in unsichtbaren -Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein glückliches -Lachen aus, rieb sich die Hände und rief:</p> - -<p>»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich -wußte, Sie würden’s finden! ’s ist ihr Bild.«</p> - -<p>Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an -der anderen Wand und fand dort etwas, was ich -bisher noch nicht beachtet hatte – einen Photographieständer. -Der Rahmen umschloß das süßeste -Mädchenantlitz und – wie mir’s vorkam – das -schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank die -Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig -befriedigt.</p> - -<p>»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« -sagte er, als er das Bild wieder auf seinen -Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir -heirateten. Wenn Sie sie sehen – aber warten Sie -nur, wenn Sie sie sehen!«</p> - -<p>»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?«</p> - -<p>»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht -ihre Leute. Sie wohnen vierzig oder fünfzig Meilen -von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste sie ab.«</p> - -<p>»Wann erwarten Sie sie zurück?«</p> - -<p>»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -wieder da sein, am Abend – wahrscheinlich so um -neun Uhr.«</p> - -<p>Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung. -»Das thut mir leid, weil ich dann wieder -fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern.</p> - -<p>»Fort? Nein – warum sollten Sie denn gehen? -Gehen Sie nicht. Sie wird so enttäuscht sein!«</p> - -<p>Sie würde enttäuscht sein – das schöne Geschöpf. -Hätte sie selber mir diese Worte gesagt, sie könnten -mir kaum wohler gethan haben. Ich fühlte ein -tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so -sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir -bange machte. Ich sagte zu mir selbst: Ich will -stracks von hier fortgehen – um meines Seelenfriedens -willen.</p> - -<p>»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen -und bei uns bleiben – Leute, die was verstehen und -sprechen können – Leute wie Sie. Da hat sie ihre -Wonne dran; denn sie selber weiß – o sie weiß -beinahe alles, und kann reden, o, wie ein Vogel – -und was für Bücher sie liest – wahrhaftig, Sie -würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja -nur eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.«</p> - -<p>Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf,<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -so tief war ich in den Widerstreit meiner Gedanken -verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich merkte es -nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer -in seiner Hand und hielt mir das -Bild vor die Augen und sagte:</p> - -<p>»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie -hätten hier bleiben können um sie zu sehen, und -wollten’s nicht!«</p> - -<p>Dieser zweite Anblick machte alle meine guten -Vorsätze zu Schanden. Ich beschloß, auf jede Gefahr -hin zu bleiben. Am Abend rauchten wir in Ruhe -unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht -von allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte -ich seit vielen Tagen nicht einen so angenehmen und -ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag verbrachten -wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde -kam ein großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt -wohnte – einer von den grauhaarigen gestrandeten -Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich -er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er:</p> - -<p>»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören -wie’s mit dem Frauchen steht und wann sie heim -kommt. Giebt’s was Neues von ihr?«</p> - -<p>»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p> - -<p>»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir -recht ist, Henry.«</p> - -<p>Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch -hervor und sagte, wenn’s uns recht wäre, so wollte -er ein paar von den Sätzen über Privatangelegenheiten -überschlagen; dann fing er an und las den -Hauptteil des Briefes – ein liebevolles ruhiges und -ganz reizend anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum -voll von freundlichen Aufmerksamkeiten und -Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere -uns befreundete Nachbarn.‹</p> - -<p>Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an -und rief:</p> - -<p>»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg -und laß mich deine Augen sehen. Du machst es -immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese. -Wart’, das werde ich ihr schreiben!«</p> - -<p>»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt, -ich werde alt und jede kleine Enttäuschung geht mir zu -Herzen, daß ich heulen möchte. Ich dachte, sie wäre -selber hier, und nun hast du bloß einen Brief gekriegt.«</p> - -<p>»Na nu? Wie hast du dir denn das in den -Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder wüßte, daß sie erst -Samstag kommen soll!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span></p> - -<p>»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das -wußte ich ja. Ich weiß gar nicht, was in der letzten -Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s! Wir haben -ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß -nun gehen. Aber ich bin wieder da, wenn sie kommt, -Alter!«</p> - -<p>Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer -alter Veteran von seinem Blockhaus, ungefähr eine -Meile weit, herüber gewandert und sagte, die Burschen -hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s -am Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen, -wenn Henry nicht dächte, ›sie‹ würde von ihrer -Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können.</p> - -<p>»Müde! <em class="gesperrt">Sie</em> müde? Nu hör’ einer an! Joe, -<em class="gesperrt">du</em> weißt doch, sie würde einem von euch zu Gefallen -sechs Wochen lang aufbleiben!«</p> - -<p>Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er, -Henry möchte ihn vorlesen und der liebevolle Gruß, -der für ihn drin stand, machte den alten Knaben -ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes -Wrack, daß ihm das passieren würde, wenn sie auch -bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber Gott, wir -sehnen uns so nach ihr!« sagte er.</p> - -<p>Am Samstag nachmittag ertappte ich mich<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -darüber, daß ich recht oft die Uhr zog. Henry bemerkte -es und sagte mit einem beunruhigten Blick:</p> - -<p>»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon -so früh hier sein, was?«</p> - -<p>Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt -hatte. Aber ich lachte und sagte, es wäre so eine -Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer Erwartung -befände. Er schien indessen von dieser -Erklärung nicht ganz befriedigt zu sein und ich sah -ihm seit diesem Augenblick an, daß er sich unbehaglich -fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an -einen Punkt der Landstraße, von wo man eine große -Strecke überblicken konnte; da stand er dann und -überschattete seine Augen mit der Hand und spähte -aus. Mehreremale sagte er:</p> - -<p>»Ich werde aufgeregt – ich werde ganz richtig -aufgeregt. Ich weiß, sie kann nicht vor etwa neun -Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte irgend -’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen. -Sie denken doch nicht, es ist ihr was -passiert, was?«</p> - -<p>Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre -ja so kindisch, daß es ’ne Schande wäre. Und zuletzt, -als er mir noch einmal wieder seine Frage<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> -vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld -und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien -ihn so einzuschüchtern und so kleinlaut zu machen -und er sah nachher so verletzt und so niedergeschlagen -drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen -Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als -Charley, ebenfalls einer von den Veteranen, in der -Abenddämmerung ankam und sich an Henry heranmachte, -um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen -für ihren Empfang zu besprechen. Charley -ließ eine muntere Rede nach der anderen los und -that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen -und Befürchtungen zu zerstreuen.</p> - -<p>»Ihr was <em class="gesperrt">passiert</em>!? Henry, das ist ja der reine -Unsinn! Es giebt ja gar nichts, was ihr passieren -könnte, darüber mach’ dir nur keine Gedanken! Was -stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht -wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde, -nicht wahr? Hast du je bemerkt, daß sie ihr Wort -nicht hielt? Du weißt, du hast es nie bemerkt! Na, -dann habe also keine Angst; sie <em class="gesperrt">wird</em> hier sein, das -steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß -du geboren bist. Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken -gehen; wir haben nicht mehr viel Zeit.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p> - -<p>Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an, -und dann hatten wir alle Hände voll zu thun, das -Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun sagten -die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente -mitgebracht und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen, -denn die Jungens und die Mädels würden -ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich -schon auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt. -Eine Fiedel, ein Banjo und eine Klarinette, das -waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz, -einer neben dem andern, und begann eine betäubende -Tanzmusik; dazu stampften sie mit ihren schweren -Stiefeln den Takt.</p> - -<p>Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden. -Henry stand in der Thür und hielt die Augen auf -den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der -Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon -ein paarmal auf seiner Frau Gesundheit und Wohlergehen -angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun, Jungens, -heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!«</p> - -<p>Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller -und reichte das Getränk herum. Ich griff -nach dem einen von den zweien, die noch auf dem -Teller standen, aber Joe brummte halblaut:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span></p> - -<p>»Nicht das! Nehmen Sie das andere!«</p> - -<p>Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein -Glas. Kaum hatte er das Getränk hinuntergegossen, -so schlug es neun. Er lauschte, bis der letzte Schlag -verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und -immer bleicher. Dann sagte er:</p> - -<p>»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft -mir – ich möchte mich hinlegen!«</p> - -<p>Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich -bequem zurecht und fing an einzuschlummern. Aber -auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer -im Schlaf spricht:</p> - -<p>»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?«</p> - -<p>Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr:</p> - -<p>»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid -gebracht, die Gesellschaft hätte unterwegs Aufenthalt -gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege -und kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer -halben Stunde wird sie hier sein.«</p> - -<p>»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.«</p> - -<p>Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum -aus seinem Munde waren. In einem Augenblick -hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider abgezogen -und ihn in die Kammer getragen, wo ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> -mir die Hände gewaschen hatte. Dort legten sie -ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür und kamen -wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen, -aber ich sagte:</p> - -<p>»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde -mich nicht kennen, ich bin ein Fremder.«</p> - -<p>Sie sahen einander an; dann sagte Joe:</p> - -<p>»Sie? Das arme Ding – sie ist seit neunzehn -Jahren tot.«</p> - -<p>»Tot?«</p> - -<p>»– oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes -Jahr nach ihrer Hochzeit zu ihren Verwandten auf -Besuch, und auf ihrer Rückreise, an einem Samstag-Abend, -raubten die Indianer sie, fünf Meilen von -hier, und man hat niemals wieder was von ihr -gehört.«</p> - -<p>»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?«</p> - -<p>»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige -Stunde gehabt. Aber schlimm wird es mit ihm -nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann fangen -wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie -kommen soll, und sprechen ihm Mut zu und fragen, -ob er was von ihr gehört hat und am Samstag -kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> -heraus und machen alles zu einem Tanz fertig. So -haben wir’s seit neunzehn Jahren jedes Jahr gemacht. -Am ersten Samstag, da waren wir unser -siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt -sind wir bloß noch drei und die Mädels sind alle -fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk, sonst würde -er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr -ganz in Ordnung mit ihm – er denkt, sie ist bei -ihm, bis die letzten drei oder vier Tage herankommen, -dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt -seinen armen alten Brief heraus und wir kommen -und bitten ihn, uns den Brief vorzulesen. Lieber -Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine …«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-200"> - <img src="images/illu-200.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Appetit-Anstalt">Die Appetit-Anstalt.</h2> -</div> - -<h3>I.</h3> - -<p class="drop">Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es -liegt in Böhmen, eine kleine Tagereise von Wien -und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, so -ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht -aus lauter Kurorten; es versorgt die ganze Welt -mit Gesundheit. Die Quellen sind alle medizinisch. -Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die -ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken -Bier. Dies sieht aus wie Aufopferung – aber Ausländer, -die einmal Wiener Bier getrunken haben, -sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es -jenes Pilsener war, das man in einem kleinen Keller -in einem dunklen Hintergäßchen im ersten Bezirk -bekommt – der Name ist mir entfallen, aber das -Lokal ist leicht zu finden: man frage nach der Griechischen -Kirche; hat man sie gefunden, so gehe man<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span> -rechter Hand gerade aus – das nächste Haus ist die -kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr -und Lärm; hier ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft -besteht aus zwei kleinen Zimmern mit niedrigen -Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen -werden; Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, -sonst könnte man die Räume für Kerkerzellen im -Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung ist -einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich – und doch -ist hier ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, -denn das Bier ist unvergleichlich – wirklich, -es giebt seinesgleichen nicht auf der ganzen Welt! -Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn -Damen und Herren von bürgerlichem Stande finden, -im zweiten ein Dutzend Generäle und Botschafter. -Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von -diesem Ort zu hören. Aber hat man einmal davon -gehört und seine Reize erprobt – so wird man der -Kneipe als Stammgast verfallen sein.</p> - -<p>Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei – -es ist nur eine flüchtige Bemerkung zum Zeichen der -Dankbarkeit für genossenes Glück; mit meinem Aufsatz -hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz betrifft -Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> -in Wien aufschlagen und von dieser Basis auf -von Zeit zu Zeit nach den umliegenden Kurorten, -je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug -nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen -Ausflug nach Karlsbad, um den Rheumatismus loszuwerden; -einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um -die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten -loszuwerden. ’s ist alles so bequem zur -Hand. Man kann in Wien stehen und einen -Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man -braucht bloß eine Dreißigzentimeterkanone dazu. Man -kann zu jeder Tageszeit dorthin eilen; man fährt -mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem -kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der -Hitze der Stadt entronnen und hat dafür waldige -Berge und schattige Waldwege und weiche kühle -Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines -Paradieses.</p> - -<p>Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte -zur Verfügung, die man bequem von Wien aus erreichen -kann – lauter reizende Plätzchen; Wien liegt -im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo -hier und da ein See und Wälder sich finden; in der -That, keine andere Großstadt ist so glücklich gelegen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p> - -<p>Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten -vorhanden. Zu diesen gehört Hochberghaus. -Es liegt einsam auf dem Gipfel eines dichtbewaldeten -Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. -Es nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren -Appetit verloren haben, kommen hierher um ihn sich -wieder herstellen zu lassen. Als ich ankam, nahm -Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer -und fragte:</p> - -<p>»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?«</p> - -<p>»Um zwölf.«</p> - -<p>»Was aßen Sie?«</p> - -<p>»Beinahe gar nichts.«</p> - -<p>»Was war auf dem Tisch?«</p> - -<p>»Die üblichen Sachen.«</p> - -<p>»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?«</p> - -<p>»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon – ich -kann’s nicht vertragen.«</p> - -<p>»Sind Sie der Sachen überdrüssig?«</p> - -<p>»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte -niemals wieder was davon.«</p> - -<p>»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Mehr als das, er empört mich.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span></p> - -<p>Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog -er eine lange Speisekarte hervor und ließ langsam -sein Auge daran heruntergleiten.</p> - -<p>»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, -ist … aber hier, suchen Sie sich selber was aus!«</p> - -<p>Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein -Magen schlug einen Purzelbaum. Von allen barbarischen -Gelagen, die jemals ausgesonnen wurden, -war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand:</p> - -<p>›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch -angemacht‹; halbwegs die Karte hinunter las -ich: ›Junge Katze; alte Katze; Katzenklein‹ und ganz -unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich gemacht -– roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der -Speisekarte wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet -waren, einem Kannibalen die Kehle zuzuschnüren. -Ich sagte:</p> - -<p>»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem -so ernsten Fall, wie der meinige ist, seinen Scherz -zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit zu kriegen, -nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig -habe, loszuwerden.«</p> - -<p>Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte -ich scherzen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p> - -<p>»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.«</p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls -bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt -oder nur gut gespielt sein.</p> - -<p>»Warum nicht? Weil – ja, Herr Doktor, seit -Monaten habe ich selten einmal andere feste Nahrung -verdauen können als Rühreier und Eierkuchen. Ihre -unaussprechlichen Gerichte …«</p> - -<p>»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. -Sie sind sehr gut. Und Sie <em class="gesperrt">müssen</em> sie essen. Das -ist eine Vorschrift hier, und zwar eine strenge. Ich kann -durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.«</p> - -<p>Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor -werden Sie den Abgang des Patienten zu erlauben -haben. Ich reise.«</p> - -<p>Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, -der der Sache ein anderes Aussehen gab:</p> - -<p>»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches -Unrecht nicht anthun. Ich habe Sie in gutem Glauben -aufgenommen – Sie werden dieses Vertrauen nicht -zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine -ganze Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem -Appetit, wie Sie ihn jetzt haben, so könnte das bekannt<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span> -werden und Sie sehen selber ein, daß dann -die Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem -Fall fehlgeschlagen hätte, so könnte sie auch in anderen -Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht fortgehen; -Sie werden mir das nicht anthun!«</p> - -<p>Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich -wollte bleiben.</p> - -<p>»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden -nicht gehen; Sie hätten damit meiner Familie das -Essen vor dem Munde weggenommen.«</p> - -<p>»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie -denn diesen verteufelten Kram?«</p> - -<p>»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren -voll freundlichen Erstaunens. »Natürlich nicht.«</p> - -<p>»O, also nicht! Und Sie?«</p> - -<p>»Ganz gewiß nicht.«</p> - -<p>»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des -Arztes, der seine eigene Medizin nicht nimmt.«</p> - -<p>»Ich brauch’ es nicht … Es ist sechs Stunden -her, daß Sie gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr -Abendessen jetzt haben – oder später?«</p> - -<p>»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso -gut wie sonst ’ne Zeit und es wäre mir lieb, wenn -ich damit fertig wäre und es vom Halse hätte. Es<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span> -ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit -wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. -Ja, ich will versuchen, jetzt ein bißchen zu -knabbern – ein kleiner Spazierritt wäre mir lieber -gewesen.«</p> - -<p>Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹.</p> - -<p>»Suchen Sie sich selber was aus – oder wollen -Sie es später haben?«</p> - -<p>»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein -Zimmer an. Ich vergaß Ihre strenge Vorschrift.«</p> - -<p>»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie -sich endgiltig entscheiden. Es ist noch eine andere -Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen, -wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn -Sie aber warten, so müssen Sie warten bis es <em class="gesperrt">mir</em> -beliebt. Sie können von der ganzen Speisekarte kein -Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«</p> - -<p>»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer -und schicken Sie die Köchin zu Bett; ich habe es -ganz und gar nicht eilig.«</p> - -<p>Der Professor führte mich eine Treppe hinauf -und brachte mich in eine sehr einladende und behagliche -Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, Schlafstube -und Baderaum.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span></p> - -<p>Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht -über grüne Lichtungen und Thäler, über waldbedeckte -Hügelkuppen – eine vornehme Einsamkeit, unberührt -von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer -waren eine Anzahl Gestelle voller Bücher. Der -Professor sagte, er wolle mich jetzt mir selber überlassen; -dann fuhr er fort:</p> - -<p>»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken -Sie soviel Wasser, wie Sie Lust haben. Wenn Sie -Hunger bekommen, so klingeln Sie und bestellen Sie -was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen -dürfen oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger -böser Fall und ich denke die ersten vierzehn Gerichte, -die auf der Karte stehen, sind ohne Ausnahme nicht -stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um -die Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von -ihnen zu bestellen.«</p> - -<p>»Mich einschränken – sagten Sie nicht so? -Seien Sie darum ohne Sorgen. Bei mir werden -Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken -Mannes verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß -zurückschmeicheln zu wollen ist heller Wahnsinn!«</p> - -<p>Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte -mich außer mir, daß er so ruhig und kalt von seinen<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span> -herzlosen neuen Mordmethoden sprach. Der Doktor -sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er -legte die Speisekarte auf das Nachttischchen, das am -Kopfende meines Bettes stand, ›so daß es bequem -zur Hand sein möchte‹ und sagte:</p> - -<p>»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der -mir bis jetzt vorgekommen ist; aber immerhin ist -er schlimm und erfordert kräftige Behandlung; ich -werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die -Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen -und erst von Nr. 15 an zu beginnen.«</p> - -<p>Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich -auszuziehen, denn ich war hundemüde und sehr -schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte -am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. -Wiener Kaffee! Das war das erste, woran ich -dachte – dieser unerreichbare Wonnetrank, dieser -prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller -andere europäische Kaffee und aller amerikanische -Hotelkaffee bloß eine flüssige Armseligkeit ist. Ich -klingelte und bestellte welchen; auch Wiener Brot -dazu – diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter -sprach mit mir durch das Schiebefenster in der Thür -und sagte – aber man weiß schon, was er sagte.<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich gestattete -ihm zu gehen – ich hätte ihn nicht weiter nötig.</p> - -<p>Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte -einen Spaziergang zu machen – und kam bis an -die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich -klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, -das sei wieder eine andere Vorschrift. Der -Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis er die erste -Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher -am Ausgehen nicht übermäßig viel gelegen gewesen; -aber nun war es etwas anderes! Ein Mensch, der -eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen. -Bald begann ich es schwierig zu finden, die -Zeit totzuschlagen. Um zwei Uhr war ich sechsundzwanzig -Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine -Zeitlang war ich immer hungriger geworden; jetzt -merkte ich, daß ich nicht nur Hunger hatte, sondern -daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen -Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich -doch nicht hungrig genug, um es mit der Speisekarte -aufnehmen zu können.</p> - -<p>Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. -Ich dachte an Lesen und Rauchen. Ich that es; -Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span> -derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, -die sich in Wüsten verirrt hatten; von Leuten, die -in verschüttete Bergwerksschächte eingeschlossen waren; -von Leuten, die in belagerten Städten verhungert -waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, -womit jemals hungerleidende Menschen ihre Gier -nach Essen gestillt haben. Während der ersten Stunden -machten diese Geschichten mir übel; dann folgten -Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf -mich machten; dann kamen Stunden, wo ich mich -ab und zu darüber ertappte, daß ich bei der Beschreibung -irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte -mit den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig -Stunden lang ohne Essen gewesen war, lief -ich munter an die Klingel und bestellte das zweite -Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit -Füllungen von Kaviar und Theer.</p> - -<p>Es wurde mir verweigert. Während der nächsten -fünfzehn Stunden machte ich alle Augenblicke ’mal -einen Besuch bei der Klingel und bestellte ein Gericht, -das weiter unten auf der Karte stand. Immer -wieder abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein -Vorurteil nach dem andern; ich machte sichere Fortschritte; -ich kroch mit tödlicher Sicherheit näher an<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> -Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und -schneller, meine Hoffnungen stiegen höher und höher.</p> - -<p>Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung -über meine Lippen gekommen war – da war -der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:</p> - -<p>»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen -– mit den Eiern; sechs Dutzend, heiß und duftig!«</p> - -<p>In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit -ihnen kam, vor Freude sich die Hände reibend, der -Doktor. Er sagte in großer Erregung:</p> - -<p>»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich -wußte, sie würde mir gelingen. Lieber Herr, mein -großes System schlägt niemals fehl – niemals! Sie -haben Ihren Appetit wieder – Sie wissen, Sie -haben ihn; sagen Sie’s und machen Sie mich -glücklich!«</p> - -<p>»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, -was auf der Speisekarte steht!«</p> - -<p>»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich -wußte, es gelänge mir; das System ist unfehlbar. -Wie sind die Vögel?«</p> - -<p>»So was Köstliches war noch niemals auf der -Welt – und doch mache ich mir sonst im allgemeinen -nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen Sie<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> -mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht -entbehren, wirklich, ich kann’s nicht.«</p> - -<p>Da sagte der Doktor:</p> - -<p>»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel -mehr dran und keine Gefahr mehr vorhanden. Lassen -Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich Ihnen ein -Beefsteak anvertrauen.«</p> - -<p>Das Beefsteak kam – ein ganzer Korb voll – -mit Kartoffeln, und Wiener Brot und Kaffee; und -dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner umständlichen -Vorbereitungen wert war! Und Thränen der -Dankbarkeit troffen mir die ganze Zeit über die -Sauce hinein – Dankbarkeit gegenüber dem Doktor, -daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden -Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, -viele Jahre mir gefehlt hatte.</p> - -<h3>II.</h3> - -<p class="drop">Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine -lange Reise in einem Segelschiff. An Bord waren -fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die übliche tagtägliche -Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine -Tasse schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück:<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> -schlechter Kaffee mit kondensierter Milch, dumpfige -Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener Fisch. Um -1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, -kaltes Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; -um 5 Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, -gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch mit Sauerkraut, -gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von -9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, -kalte Zunge, kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, -marinierte Austern, marinierte Schweinsfüße, -geröstete Rippchen.</p> - -<p>Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte -man aufgehört zu essen; statt dessen wurde nur an -den Speisen herumgepickt. Die Passagiere kamen -freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die -Zeit hinzubringen, teils weil die Weisheit der -Menschengeschlechter uns anempfiehlt, regelmäßig in -unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der derben -und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse -daran, keinen Appetit darauf. Den lieben langen Tag -lungerten sie auf dem Schiff herum: halb hungrig, -von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich, -mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte -Magenkranke; diese wurden im Lauf von drei Wochen<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> -zu reinen Schatten. Dann war da noch ein bettlägeriger -Invalide; der lebte von gekochtem Reis; -er konnte nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen -Speisen vertragen.</p> - -<p>Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere -und Mannschaft retteten sich in offenen Boten. Wie -üblich waren die Nahrungsmittel knapp. Die Vorräte -wurden gering und immer geringer. Da besserten -sich die Appetite. Als nichts mehr übrig war außer -rohem Schinken und als die tägliche Ration davon -auf 55 Gramm für die Person herunterkam, da waren -die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen -kauten die Magenleidenden, der Invalide und die -zartestbesaiteten Damen der Gesellschaft voll Wonne -an alten Matrosenstiefeln und beklagten sich über -dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. -Und das waren dieselben Leute, die auf dem Schiff -das ewige Pökelfleisch und das Sauerkraut und die -anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen -können!</p> - -<p>Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer -Not. Binnen zehn Tagen waren alle fünfzehn in -so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie schiffbrüchig -wurden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span></p> - -<p>»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden -genommen,« fügte der Professor hinzu. »Verstehen -Sie, was das sagen will?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Verstehen Sie’s wirklich?«</p> - -<p>»Ja – ich glaube doch.«</p> - -<p>»Nein, Sie verstehen es <em class="gesperrt">nicht</em>. Sie zögern. -Sie können sich nicht zum Verständnis der Bedeutung -aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen – -mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von -ihnen erlitt irgend welchen Schaden.«</p> - -<p>»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war -in der That merkwürdig.«</p> - -<p>»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. -Es war gar kein Grund vorhanden, warum -sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur -der Mutter Natur durchgemacht – die beste und -weiseste Kur auf der Welt.«</p> - -<p>»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?«</p> - -<p>»Ja, es brachte mich darauf.«</p> - -<p>»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.«</p> - -<p>»Warum meinen Sie das?«</p> - -<p>»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß -es für Sie eine solche war.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span></p> - -<p>»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin -kein Narr!«</p> - -<p>»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?«</p> - -<p>»Sie waren Menschen.«</p> - -<p>»Ist das dasselbe?«</p> - -<p>»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. -In Bezug auf seine Gesundheit – und auf alles -übrige – ist der Durchschnittsmensch das Produkt -seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; -das Endergebnis ist: er wird ein Esel. Er -kann nicht drei oder vier für ihn neue Umstände sich -zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; -das geht über seine Kräfte. Er kann nicht selbst -Beobachtungen machen, er muß alles aus zweiter -Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten -niederen Tiere so albern wären wie der Mensch – -sie wären alle binnen einem Jahr vom Erdboden -verschwunden.«</p> - -<p>»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur -Lehre dienen?«</p> - -<p>»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen -Schiff wieder zu ihren regelmäßigen Mahlzeiten und -sehr bald pickten sie wieder anstatt zu essen – appetitlos, -von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend,<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span> -halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten -Mägen fluchend und schimpfend und dabei winselnd -und wehklagend. Und das alles ganz überflüssigerweise, -denn ihre Mägen waren die Mägen von -Narrenvolk.«</p> - -<p>»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr -Verfahren …«</p> - -<p>»Ganz einfach: <em class="gesperrt">Essen Sie nichts bevor -Sie hungrig sind!</em> Wenn das Essen Ihnen nicht -mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein Vergnügen, -kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie -nicht eher, als bis Sie <em class="gesperrt">sehr</em> hungrig sind. Dann -wird es Ihnen Vergnügen machen und außerdem -gut thun.«</p> - -<p>»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für -die Mahlzeiten einzuhalten?«</p> - -<p>»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu -kämpfen haben – nein! Haben Sie den Feind untergekriegt, -so ist Regelmäßigkeit nicht von Uebel, d. h. -so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder -ins Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel -– und dieses ist: <em class="gesperrt">Hungern</em> – lange oder -kurze Zeit je nach dem Erfordernis des einzelnen -Falles.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span></p> - -<p>»Die beste Kost, scheint mir – ich meine die -gesündeste …«</p> - -<p>»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder -als die andere – aber alle gewöhnlichen Gerichte -sind gesund genug für die Leute, die darauf angewiesen -sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, -sie wird gut schmecken und nahrhaft sein, wenn man -auf seinen Appetit acht giebt und jedesmal, wenn -er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. -Nansen war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang -seine Mahlzeiten nur auf Bärenfleisch beschränkt -waren, da machte ihm das weder Schaden an der -Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge -der Schwierigkeit, sich das Bärenfleisch regelmäßig -zu beschaffen, in gutem Stande gehalten wurde.«</p> - -<p>»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte -und auserlesene Zusammenstellungen von Speisen -für Kränkliche.«</p> - -<p>»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist -voll von ererbten Vorurteilen und hungert nicht aus -freien Stücken. Er denkt, das würde ihn ganz bestimmt -ins Grab bringen.«</p> - -<p>»Es würde ihn aber doch schwach machen, -nicht wahr?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p> - -<p>»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken -unter unseren Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn -Tage lang von ein paar Schnipfeln rohen Schinkens, -lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten -die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that -ihnen nichts. Es brachte sie in eine gute Verfassung, -so daß sie von einer herzhaften Kost herzhaft essen -konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für -eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig -genug, sich’s zu nutze zu machen, sie ließen -die Gelegenheit vorübergehen, sie blieben kränklich – -es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller -Badeärzte?«</p> - -<p>»Worin besteht er?«</p> - -<p>»Es ist mein System in einer Verkleidung – -verschleiertes Hungern. Traubenkur, Brunnenkur, -Moorbadekur – ’s ist alles dasselbe. Die Trauben, -der Brunnen, das Moorbad – sie geben der Sache -einen Anstrich und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit -aber macht das Hungern, wovon der Patient -nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt -und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden -<em class="gesperrt">seines</em> Tages – nun sehen Sie sich ’mal an, was -er in einem Kurort zu thun hat: Er steht auf um<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> -sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt -zwei Stunden lang mit den anderen Narren einen -Spazierweg auf und nieder. Ißt einen Schmetterling. -Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, -das wie Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals -zwei Stunden, aber allein; wenn man ihn anredet, -sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! – Ich bin dabei, -meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich -nicht!‹ – und stapft weiter. Ißt ein gezuckertes -Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der Stille -und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, -darf nicht rauchen. Nun kommt der Doktor und -befühlt sein Herz, seinen Puls, und beklopft seine -Brust und seinen Rücken und seinen Magen und -horcht mit einem Kindertrompetchen darauf herum. -Dann befiehlt er des Patienten Bad: ›einen halben -Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade -wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier -Uhr nachmittags, und feierliche Promenade mit den -anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein halbes Spätzle -und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um -halbneun Abendessen: noch einen Schmetterling. -Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ sechs Wochen -lang – denken Sie sich’s mal aus. Es hungert<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> -einen Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle -Verfassung. Es hätte dieselbe Wirkung in -London, New York, Jericho – überall.«</p> - -<p>»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine -Person wieder in guter Verfassung ist?«</p> - -<p>»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; -thatsächlich dauert es aber eine bis sechs Wochen; -je nach dem Charakter und der Geistesanlage der -Patienten.«</p> - -<p>»Wie kommt das?«</p> - -<p>»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die -Fußball spielen, boxen und über die Zäune springen? -Sie sind sechs oder sieben Wochen hier gewesen. Sie -waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen. -Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu -festgesetzten Stunden an Leckereien und Delikatessen -und hatten Appetit auf gar nichts. Ich fragte sie aus -und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu -hungern – die schwächsten für neun oder zehn Stunden, -die anderen für zwölf bis fünfzehn. Es dauerte -nicht lange, so begannen sie zu betteln; und sie litten -in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit, -Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie -sie sollen essen sehen, als die Zeit um war! Sie<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span> -konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das -Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet -hätte – so drückten sie sich wörtlich aus. Damit -hätte denn nun ihre Kur zu Ende sein sollen – -aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder -Mahlzeit meines Hauses teilnehmen und sie wählten -ihre gewohnten vier. Nach einem oder zwei Tagen -hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder -ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das -brachte sie wieder auf den Damm. Dann fingen -sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat -sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, -ohne auf mich zu warten. Bis vor vierzehn -Tagen konnten sie das nicht; sie hatten wirklich -dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten -sie’s doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. -Sie überschlagen alle Augenblicke einmal aus -eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind jetzt prächtig -bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig -nach Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes -Vertrauen zu sich selber und deshalb -warten sie noch eine Weile.«</p> - -<p>»Giebt es auch andere Fälle verschiedener -Natur?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span></p> - -<p>»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst -in einer Woche – lernt seinen Appetit zu regulieren -und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu halten – -lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, -ohne sich was daraus zu machen.«</p> - -<p>»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? -Warum läßt man nicht einen Teil weg?«</p> - -<p>»Das wäre ein schwächliches Verfahren und -ein unzulängliches! Wenn der Magen nicht kräftig -nach Nahrung verlangt – sozusagen darnach schreit – -so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm -eine wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, -die mehr essen können als andere und dabei doch -gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von Menschen -und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde -Ihnen nachher einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt -hatte, täglich an acht Mahlzeiten herumzunibbeln. -Das waren für die ihm eigentümliche -Art von Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf -täglich sechs heruntergebracht und er ist wohl und -munter und freut sich seines Lebens … Wieviele -Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«</p> - -<p>»Früher – zweiundzwanzig Jahre lang – -anderthalb; während der beiden letzten Jahre zwei<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span> -und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun; -Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht -oder acht.«</p> - -<p>»Früher ein und eine halbe Mahlzeit – das -heißt: Kaffee und ein Brötchen um neun, Hauptmahlzeit -abends, zwischendurch nichts – ist’s nicht so?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«</p> - -<p>»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie -waren besorgt um mich. Sie dachten, ich brächte -mich selber ins Grab.«</p> - -<p>»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre -lang anderthalb Mahlzeiten genug?«</p> - -<p>»Vollkommen!«</p> - -<p>»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand -ist die Extramahlzeit schuld. Lassen Sie sie aus. -Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen es verlangt. -Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. -Sie nehmen jetzt in einem Tage bei zwei und einer -halben Mahlzeit weniger Nahrung zu sich als früher -in anderthalb.«</p> - -<p>»Das stimmt – bedeutend weniger; denn in -jenen alten Tagen war meine Hauptmahlzeit ein -recht umfangreiches Ding.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span></p> - -<p>»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf -eine einzige Mahlzeit: abends, bis Sie eines guten, -gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten Appetits -sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren -anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf -Ihre Familie. Haben Sie irgend ein gewöhnliches -Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber verbunden -ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden -überhaupt nichts. Das wird Sie kurieren. Es -wird sogar den hartnäckigsten Schnupfen kurieren. -Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes -vierundzwanzigstündiges Fasten.«</p> - -<p>»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst -erfahren.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-229"> - <img src="images/illu-229.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Mein_Eintritt_in_die_Litteratur">Mein Eintritt in die Litteratur.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein -kleines Ding – es war ›Der hüpfende Frosch‹ – -in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber ich -war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner -Ansicht nach konnte eine Person, die in einer gewöhnlichen -Zeitung was erscheinen ließ, keinen Anspruch -erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen -Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie -mußte in einer Zeitschrift erscheinen. Dann würde -einer eine litterarische Person sein; dann würde er -auch zugleich berühmt sein – einfach berühmt. Nach -diesen beiden Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker -Sehnsucht.</p> - -<p>Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag -fertig und sah mich sodann um, welche Zeitschrift -wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen zu<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New -York gab. Mein Beitrag wurde angenommen. Ich -unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn dieser Name -war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich -unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem -einzigen Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. -Der Artikel erschien in der Dezember-Nummer und -ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das -Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter -des Jahrgangs enthalten; mein Name würde -darunter und ich würde berühmt sein und könnte -das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante.</p> - -<p>Ich gab das Bankett <em class="gesperrt">nicht</em>. Ich hatte die -Worte ›Mark Twain‹ nicht ganz deutlich geschrieben; -es war für die Buchdrucker im Osten ein neuer -Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac -Swain‹ – genau erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls -wurde ich nicht berühmt und gab kein Festmahl. -Ich war eine litterarische Person, aber was für eine – -eine begrabene, eine lebendig begrabene!</p> - -<p>Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers -›Hornet‹, der am 3. Mai 1866 auf der Fahrt -unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, -und ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden,<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span> -zu Gespenstern abgemagert, dort ankamen, -nachdem sie mit Lebensmitteln <em class="gesperrt">für zehn Tage</em> -versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter -der sengenden Tropensonne gemacht hatten. Ein recht -bemerkenswerter Ausflug; aber der Kapitän, der ihn -leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst -würde kein einziger lebend angekommen sein. Er -war ein Neuengländer vom besten Seemannsschlag -der tüchtigen alten Zeit – Kapitän Josiah Mitchell.</p> - -<p>Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um -Briefe für die Wochenausgabe der ›Union‹ von -Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche -Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig -hatte, sich’s aber leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars -für nichts auszugeben. Die Eigentümer waren -liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne -Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt -wenigstens noch <em class="gesperrt">ein</em> Mensch, der ihnen eine dankbare -Erinnerung zollt; denn es lag mir sehr viel -daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine -Bitte und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl -nur kümmerliche Aussicht vorhanden war, daß sie -irgend welchen Nutzen davon hätten.</p> - -<p>Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span> -als die Schiffbrüchigen ankamen. Ich war -bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande -auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit -mein Blatt gut zu bedienen – und ich konnte -sie mir nicht zunutze machen! Natürlich ärgerte -mich das schmählich. Aber zum guten Glück war -damals Excellenz Anson Burlingame in Honolulu, -auf dem Wege zur Uebernahme seines Postens in -China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste -leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre -und ließ mich nach dem Krankenhaus tragen, wo die -Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht einmal -eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber -und ich hatte nichts weiter zu thun als die Notizen -zu machen. Es war so recht bezeichnend für ihn, -daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer -Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner -prächtigen Natur, sich nicht auf den Standpunkt seiner -hohen Würde zu stellen, sondern einen freundlichen -Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte.</p> - -<p>Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit -fertig. Ich aß nichts, denn es war keine Zeit zu -verlieren, wenn ich die anderen Berichterstatter schlagen -wollte. Es kostete mich vier Stunden, meine Notizen<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span> -in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die -ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der -Erfolg war der, daß ich am Morgen um neun einen -langen und umständlichen Bericht von den Erlebnissen -der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während die -Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur -eine kurze Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle -schicken konnten – denn sie blieben <em class="gesperrt">nicht</em> die Nacht -auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen Zwischenräumen -den Postverkehr mit San Francisco besorgte, -sollte ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock -kam stieß er gerade vom Quai ab. Mein dickleibiger -Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen und -fiel richtig an Bord – und damit war mein Sieg -gewonnen. Das Schiff landete zur rechten Zeit in -San Francisco; mein vollständiger Bericht schlug -wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem -damaligen Vertreter des New York-Herald, an die -New Yorker Zeitungen telegraphiert.</p> - -<p>Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien -zurückkehrte, reiste ich nach Sacramento und präsentierte -meine Rechnung für allgemeine Berichterstattung -zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann -kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span> -Hornetfall‹: drei Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift -zu 100 Dollars die Spalte. Der Kassierer fiel zwar -nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran. -Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten -kein Wort. Sie lachten nur nach ihrer lustigen Art -und sagten, es sei Spitzbüberei, aber es schade nichts; -es sei eine großartige Leistung (ob sie meine Rechnung -oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). -»Zahlen Sie aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die -besten Zeitungsverleger, die es jemals gab!</p> - -<p>Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am -15. Juni bei den Sandwichinseln an. Sie waren -bloß noch Haut und Knochen; die Kleider schlotterten -um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, -die bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber -sie wurden im Hospital gut gepflegt und die Einwohner -von Honolulu versahen sie mit allen Leckerbissen, -die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell -wieder Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. -Nach vierzehn Tagen reisten die meisten von -ihnen nach San Francisco; ich ging mit demselben -Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der -›Hornet‹ war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen -Passagiere, die auf der ›Hornet‹ gewesen waren.<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -Es waren zwei junge Studenten, Brüder, aus Stamford, -Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. -Die ›Hornet‹ war ein Schnellsegler erster Klasse; die -Kajüte der jungen Leute war geräumig und bequem, -gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit eingemachten -Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost -aufzubessern. Als das Schiff in der ersten -Januarwoche aus dem New Yorker Hafen auslief -sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn- oder -fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller -und angenehmer Fahrt würden zurückgelegt werden. -Sobald die kalten Breiten im Rücken lagen und das -Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu -einem Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts -unter einer Wolke von Segeln, die keine Aufmerksamkeit -erforderten, da tagelang keine einzige Aenderung -daran nötig war. Die jungen Leute lasen, -schlenderten auf dem geräumigen Deck herum, ruhten -und träumten im Schatten der Segel, speisten mit -dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan -hatte, spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm -bis zur Schlafenszeit. Nach dem Schnee und Eis -und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff -wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam,<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -und wieder war die Spazierfahrt ein Picknick. Bis -zum frühen Morgen des 3. Mai.</p> - -<p>Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., -2° n. Br. Kein Wind, kein Seegang – tote Stille. -Temperatur tropisch d. h. sengend, blasenziehend von -einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in -solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff -davon machen kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« -Ein gewissenloser Matrose war gegen alle Vorschriften -mit einem offenen Licht in die Vorratskammer gegangen, -um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. -Es kam, wie es kommen mußte, und des Schiffes -Stunden waren gezählt.</p> - -<p>Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der -Kapitän wußte sie vortrefflich anzuwenden. Die -drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot und -zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und -der Wirrwarr und die Aufregung sehr beträchtlich -waren, geht schon daraus hervor, daß beim Aussetzen -der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen -ziemlich bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten -ein Ruder durch die Seite gerannt wurde. Vor -allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke -Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -sicheren Stelle niedergelegt wurden – unter ihnen ein -Portugiese. Dieser hatte die ganze Reise über keinen -einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate lang in -seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. -Als wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen -machten und ein Matrose Herrn Burlingame diesen -Nebenumstand berichtete, hob der Dritte Steuermann, -der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung -seinen Kopf hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, -aber feierlich und im Tone der Ueberzeugung:</p> - -<p>»Er <em class="gesperrt">züchtete</em> Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze -Familie von solchen Dingern. Er that es bloß, -damit er nicht auf Wache brauchte.«</p> - -<p>Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen -war, wurde von den Leuten und den beiden Passagieren -zusammengerafft und auf das Deck geworfen -wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um -mehr zu holen. Der Matrose, der es Herrn Burlingame -erzählte, fügte hinzu:</p> - -<p>»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann -32 Tagesrationen zusammen.«</p> - -<p>Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen -Kopf in die Höhe und verbesserte auch diese Angabe, -indem er voller Bitterkeit sagte:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p> - -<p>»Der Portugiese, der da Schildwache spielte, -aß zweiundzwanzig davon auf, während niemand auf -ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!«</p> - -<p>Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. -Rauch und Flammen trieben die -Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge -von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen, -Abstand nehmen, und als sie die Boote bestiegen, -hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in -Sicherheit gebracht.</p> - -<p>Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, -ein Exemplar von ›Bowditch’s Navigator‹ -und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän -und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote -hatten Chronometer. Die Gesamtzahl der Leute -betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis -sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt -folgendes Ergebnis: 4 Schinken, beinahe 30 Pfund -gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe Kiste Rosinen, -100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern, -Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein -Fäßchen mit 4 Pfund Butter, 12 Gallonen<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Wasser<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4 Korbflaschen -von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen -Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, -Zündhölzer und etwa 100 Pfund Tabak. Keine -Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze Gesellschaft -sofort auf knappe Rationen gesetzt werden.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> 1 Gallone = ungefähr 4½ <em class="antiqua">l</em>.</p> -</div> -</div> - -<p>Der Kapitän und die beiden Passagiere führten -Tagebücher. Auf unserer Ueberfahrt nach San Francisco -gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean in -eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht -einen Klafter vorwärts; dies setzte mich instand, -eine Abschrift von den Tagebüchern zu machen. Das -von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; -ich will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende -Eintragung gemacht wurde, hatte das dem Untergang -geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen den Hafen -verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit -den üblichen Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige -Zeit zu vertreiben; an ein Unglück dachte kein Mensch.</p> - -<div class="log"> -<p>2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein -heißer trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen -die Wolken Wind und es kam wirklich eine leichte Brise – -gerade genug, um uns in Fahrt zu halten. Zu erwähnen -ist heute nichts, als daß sich große Mengen Fische um unser -Schiff zeigen; am Vormittag wurden 9 Boniten gefangen<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span> -und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach dem Essen bekam -der Obersteuermann einen großen Burschen an die Angel; -er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem Kapitän -zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit -einem Ruck den Fisch heraus – aber, schnapp! weg war Leine -und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter -unserm Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der -9 oder 10 Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm -mit allen möglichen Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch -nach; aber er hatte keine Lust anzubeißen. Ich vermute -er hatte mit den über Bord geworfenen Köpfen und -anderen Ueberresten der Boniten seinen Appetit gestillt.</p> -</div> - -<p>Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die -Katastrophe. Die drei Boote stießen ab, ruderten -ein kleines Stück hinweg und hielten dann. Die -beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; -einige von den Leuten mußten fortwährend das -Wasser ausschöpfen, andere verstopften die Löcher, -so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere -und elf Mann waren im Langboot; sie hatten -einen Teil der Lebensmittel und des Wassers und -es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur -21 Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann -und 8 Mann waren in dem einen von den -kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann -im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern -bloß die Mäntel gerettet, dazu die Sachen, die sie<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span> -auf dem Leibe trugen. Das Schiff in seinem Flammenmantel -und mit der gewaltigen Säule von schwarzem -Qualm, die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit -des Weltmeers einen großartig malerischen -Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem -Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. -Inzwischen berechnete der Kapitän die ungeheure Entfernung, -die zwischen ihm und dem nächsten erreichbaren -Land lag und setzte dann die Rationen fest, -die ihnen in ihrer Not zur Verfügung standen: einen -halben Zwieback zum Frühstück, einen Zwieback und -ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen Zwieback -als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein -paar Schluck Wasser. Und so begann der Hunger -bereits zu nagen, während das Schiff noch brannte.</p> - -<div class="log"> -<p>4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und -wir hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein -gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen -bis heute Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, -alle zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln -18° oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir -hoffen in der Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu -werden. Das Schiff sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir -finden die Sonne sehr heiß, sie versengt uns die Haut; aber -wir alle wollen nach Kräften versuchen, unser Leben zu retten.</p> -</div> - -<p>Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -warteten noch etliche Stunden auf das Schiff, das -möglicherweise den Feuerschein gesehen hatte und -natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende -See herankommen konnte. Endlich gaben -sie diese Hoffnung auf und setzten ihren Plan fest. -Ein Blick auf die Karte wird dem Leser zeigen, daß -ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel -(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich -beinahe 1000 Meilen entfernt; das im Tagebuch -ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ bezeichnete -Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der -Schätzung der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr -unsicher bestimmten Richtung ungefähr 1000 Meilen -nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; Acapulco, -an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich, -nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird -sagen: »Felseninseln, die einsam im Weltmeer liegen, -können ihnen nichts nützen; mögen sie doch auf -Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht -allerdings aus, als ob dies der natürliche Kurs sei, -aber wenn man die Tagebücher liest, so errät man -sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen -wäre – in der That, der reine Selbstmord! -Hätten die Boote auf Albemarle zugehalten, so wären<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span> -sie den ganzen Weg über in den Doldrums<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> gewesen; -und das hätte sicheren Untergang in den -Fluten bedeutet, denn die Winde sind dort völlig -verrückt, blasen aus allen Richtungen der Windrose -gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten -die Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären -sie auf halbem Wege aus den Doldrums herausgekommen -– vorausgesetzt, sie hätten diesen Punkt erreicht -– und wären dann in kläglicher Lage gewesen, -denn dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde -gerade in die Zähne geweht, und die Boote waren -so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht binnen -8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten -also sehr vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen -Abweichung nach Westen. Ihre Lebensmittel reichten -bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; das Langboot -hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie -konnten nicht mit Sicherheit darauf rechnen, in den -Doldrums ein nennenswertes Stück vorwärts zu -kommen – und sie hatten noch vier- bis fünfhundert -Meilen in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span> -sind der wirkliche Aequator, ein tausend oder zwölfhundert -Meilen breiter wogender, brüllender, regengepeitschter -Belt, der den Erdball umgürtet.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans -nahe dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache, -unstätige Winde vorkommen.</p> -</div> -</div> - -<p>Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und -alle wurden durchnäßt, aber sie füllten dadurch ihr -Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck beim Kapitän, -der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt -voll; kein einziger bekam viel Schlaf.</p> - -<p>Der nächste Morgen war stürmisch, böig und -regnerisch. Schwerer und gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. -Man wundert sich, wie solche Boote ihn überstehen -konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, -wenn ein Mann mit einem Hund in einem -Nachen von der Größe eines Langboots den Atlantischen -Ocean durchquert – und es ist auch -wirklich eins. Aber <em class="gesperrt">dieses</em> Langboot war überladen -mit Menschen und Sachen und nur drei -Fuß tief.</p> - -<div class="log"> -<p>Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; -wir freuten uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag -ist und daß unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel -senden, obwohl sie von unserer Gefahr nichts wissen.</p> -</div> - -<p>Der Kapitän gönnte sich während der ersten -drei Tage und Nächte nicht einmal ein Nickerchen,<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span> -aber in der vierten Nacht nahm er ein paar Augen -voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den -Kurs und steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung -die Felseninsel Clipperton zu erreichen. Verfehlte er -sie, so machte das nichts aus; er würde es dann -näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche -Ziel bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, -daß er den Felsen nicht fand.</p> - -<p>Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, -glühend sengte die Sonne; sie griffen zu den Riemen. -Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie konnten -keinen einzigen fangen.</p> - -<div class="log"> -<p>Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der -furchtbaren Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden … -Ein Schiff braucht oftmals eine volle Woche, um durch die -Doldrums zu kommen – wie lange also erst eine Nußschale -wie die unsrige? … Wir sitzen so gedrängt, daß -wir uns nicht ausstrecken können, um ’mal einen guten -Schlaf zu thun.</p> -</div> - -<p>Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich -mit der Zeit immer beschwerlicher, aber es liegt in -der menschlichen Natur, solche Unannehmlichkeiten nur -im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual -dauerte noch fünf Wochen – dessen müssen wir -uns erinnern, da der Tagebuchschreiber nichts davon<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span> -sagt; unsere Betten werden uns dadurch um so -weicher vorkommen.</p> - -<div class="log"> -<p>Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere -Lage als mir lieb ist … Wir fingen zwei Delphine, sie -schmeckten gut … Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht -in Ordnung, aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern -trat hervor – ein willkommener Anblick! – und bestätigte -die Angabe des Kompasses.</p> - -<p>10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir -haben also in den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, -ungefähr 300 Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben -wir den ganzen Tag in Kalmen. Dabei werden wir von der -Hitze gebraten. Wie der Kapitän sagt: alles Romantische ist -längst entschwunden; wir kommen nur sehr langsam vorwärts; -vom hintersten Boot kommen schlimme Nachrichten; die Leute -sind unverständig, sie haben all ihr Büchsenfleisch, das vom -Schiff mitgenommen wurde, aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. -Nicht so die Leute des Obersteuermanns; diese -stehen offenbar unter den Augen eines <em class="gesperrt">Mannes</em>.</p> - -<p>11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir -verloren in der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern -gemacht hatten – wir sind drei volle Meilen von den mühsam -zurückgelegten 300 wieder zurückgekommen.</p> - -<p>Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot -gerettet wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, -wenn der Tag anbricht; das heitert uns wirklich auf … -Wovon hat er die ganze Woche über gelebt? Haben die -hungernden Männer ihn von ihren armseligen Bissen noch -mitgefüttert? … Des Zweiten Steuermanns Boot hat wieder -kein Wasser mehr – ein Zeichen, daß sie mehr trinken, als -sie dürfen. Der Kapitän sprach ziemlich scharf zu ihnen.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p> - -<p>Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach -Schiffen aus. Der Kapitän war ein bedächtiger Mann -und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte ohne -Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung -war.</p> - -<div class="log"> -<p>In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende -Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen … -Ich hatte drei Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat -in Sicherheit gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen -gute Dienste. Der Kapitän giebt jedem Mann von der Wache -zwei Eßlöffel voll, halb Branntwein, halb Wasser … Die -Leute halten regelmäßig Wache – vier Stunden Dienst, vier -Stunden Ruhe … Der Obersteuermann ist ein ausgezeichneter -Offizier. Ich bot ihm eine Flasche Branntwein an, aber er -lehnte sie ab; er sagte, er könnte auch im hintersten Boot -Ruhe halten und wir hätten nicht genug für alle.</p> - -<p>13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! -uns alle auf die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne -eines Schiffes sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung -standen wir, die Hand über den Augen haltend, und -das Herz stak uns in der Kehle. Dann brach die Hoffnung -zusammen: das Licht war ein aufgehender Stern. Ich dachte -heute oft an unsere Leute daheim; wie enttäuscht werden sie -nächsten Sonntag sein, wenn sie kein Telegramm von uns -aus San Francisco bekommen.</p> -</div> - -<p>Es sollte noch manche Woche dauern bis dies -Telegramm ankam; aber dann kam es wie ein Blitz -aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes Wunderzeichen -– ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span> -schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet -Ferguson, daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback -für jede Mahlzeit heruntergesetzt ist; dazu -haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter Wasser. Und -noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie -dies nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.</p> - -<p>Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen -Freudentaumel von Hoffnung: es kommt ein Landvogel! -Er ruht sich eine Weile auf der Raa aus -und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen -und können ihn beneiden und ihm für die Botschaft -danken. Als neuer Gesprächsstoff ist dieser Vogel -unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die -Zungen, die bis zu tödlicher Ermüdung immer und -immer wieder dieselbe Frage besprechen: »Werden -wir jemals wieder Land sehen – und wann?« Ist -der Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und -sie glauben von Herzen gern, was sie wünschen. -Wie sich später herausstellte, war der Vogel kein -Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.</p> - -<p>Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem -Logbuch: »Nur noch ein halber Scheffel Zwieback -übrig!« – Und sie haben noch einen Monat über -die See zu wandern!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span></p> - -<p>Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; -ein unbehaglicher Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch -jagte einen Boniten; das arme Ding suchte -Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der -große Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot -herum, zum nicht geringen Schrecken aller Insassen. -Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen, -denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; -aber niemand wagte natürlich die Bestie anzurühren, -denn sie hätte ja sofort das Boot in Grund gebohrt, -wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung -behütete den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. -Das war recht und billig. Dann kam die -Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe: -sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und -billig. Aber dabei kam der Schwertfisch zu kurz. -Er machte sich davon; wahrscheinlich dachte er über -diese knifflichen Fragen nach.</p> - -<p>Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem -Anschein nach wohlauf; der schwächste von den Kranken, -der so lange Zeit an Bord keinen Dienst hatte thun -können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der -vom Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der -die ›ganze Familie von Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span></p> - -<p>Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen -Boote herankommen und erklärte, eins von ihnen -müsse auf eigene Hand weiterfahren; das Langboot -könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite -Steuermann weigerte sich, aber der Obersteuermann -war bereit; er war überhaupt stets bereit, wenn eine -<em class="gesperrt">Männerarbeit</em> zu thun war. Er übernahm das -hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich -bereit darin zu bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft -kamen mit ihm; im ganzen waren also acht, -den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im -Boot. Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang -den anderen außer Sicht. Dem Tagebuchschreiber -that es leid, daß er ging; das war -natürlich: sie hätten besser den Portugiesen missen -können.</p> - -<p>Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung -gegen diesen Portugiesen wieder auf. Seit langer -Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er aussieht -– aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig -wie nur je.</p> - -<div class="log"> -<p>Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus -den Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und -zu einen Regenschauer mit einem Passatwind.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p> - -<p>Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. -Sie müßten jetzt völlig aus den Doldrums heraus -sein – aber sie sind noch drin. Keine Brise; die -langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht -kommen. Sie schauen immer noch sehnsüchtig nach -einem Segel aus, aber sie haben nur ›Visionen von -Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am Nachmittag -fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, -einen Vogel, der hauptsächlich aus Federn besteht; -›aber da sie kein anderes Fleisch haben, so ist es -willkommen‹.</p> - -<p>Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. -Der Zweite Steuermann fängt noch drei -Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum -›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes -Fleisch, das unter die Leute verteilt wird -und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein Mann muß -fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das -Boot beim Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. -Der nächste Tag war ein recht ereignisvoller.</p> - -<div class="log"> - -<p>22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so -daß wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern -hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns -plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten -es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span> -frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt -werden mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der -Frühe. Nachdem wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster -Aufregung auf das Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, -daß wir das Boot des Obersteuermanns vor uns hatten. -Natürlich freuten wir uns, sie zu sehen und zu vernehmen, -daß alle gesund waren; aber es war doch für uns alle eine -bittere Enttäuschung! Jetzt, wo wir unter den Passatwinden -sind, können wir, wie es scheint, unmöglich so scharf nördlich -halten, um die Inseln zu erreichen. Wir haben beschlossen, -unser Bestes zu thun, um den von Schiffen befahrenen Strich -der See zu erreichen. Infolgedessen wurde es notwendig, -auch das andere Boot seinem Schicksal zu überlassen. So -geschah es denn auch, aber erst nach recht unerquicklichen -Auseinandersetzungen und nachdem wir noch einmal Wasser -und Lebensmittel geteilt und den Matrosen Cox aus ihrem -Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind wir -jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns -verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr -Boot treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.</p> - -<p>Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten, -von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden -Tag schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. -Wenn wir nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, -so weiß ich nicht, wie wir so weit hätten kommen können. -Vorgestern erbot ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu -lesen und that das gestern abend zum erstenmal. Die Leute, -obwohl verschiedenen Nationen und Glaubensbekenntnissen -angehörend, sind sehr aufmerksam und nehmen die Hüte ab. -Möge Gott meinen schwachen Bemühungen Erfolg verleihen!</p> - -<p>24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den -Mann fünf Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher -Wasser und ein Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars.<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span> -Wir werden sichtlich immer schwächer – habe Gott -Gnade mit uns allen!</p> - -<p>26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden -Fisch und einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! -Die Leute werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, -mutlos; sie sagen jedoch sehr wenig.</p> -</div> - -<p>Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren -und undenkbaren Schrecknissen noch das Schweigen -hinzu – das stumme Vorsichhinbrüten, das einem -Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, -›die anderen Boote sind nach Westen verschlagen -und aufgefischt worden.‹ (Man sollte von ihnen -auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!)</p> - -<div class="log"> -<p>Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ -w. L. nach dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als -wir das Schiff verließen, reichten nach unserer Berechnung -unsere Vorräte etwa für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei -strenger Einteilung noch für eine weitere Woche damit auszukommen.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> -Vorige Nacht fiel wieder ein fliegender Fisch -ins Boot, und heute auch einer – beide waren nur klein. -Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein großer Fang für uns, und -ein recht großer giebt ein kleines Mittagessen für uns fünfzehn -ab – d. h. natürlich was wir in unserm Langboot ein -Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen den ganzen -Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für meine Kräfte; -bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht scharf aufpassen; -ich ließ daher die zweite Hälfte für heute abend übrig. -Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören wird, die<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span> -heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß Er -sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not Hilfe -und Beistand sendet.</p> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T.</p> -</div> -</div> - -<p>Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals -ein paar Löcher enger zugezogen: die Brotportion -wurde von der bisherigen Menge – ein Stückchen Zwieback -jedesmal von der Größe eines Silberdollars – -auf die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei -Mahlzeiten wurde eine ausgelassen. Des Kapitäns -Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine halbe Gallone -Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei -kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser.</p> - -<p>Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der -hoffnungsvolle Ton. Das ist bemerkenswert! Das -Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´ -w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln; -diese zu erreichen, davon kann bei -der mangelhaften Segeltüchtigkeit des Bootes nicht -die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau -aus Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare -Land ist die ›Amerikanische Inselgruppe‹, -die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem ist keine -Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht -einmal eine Entmutigung zu bemerken. Und dabei<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span> -heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben wir noch: eine -Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse -Suppe; den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel -Gallonen Brotschnitzel.«</p> - -<p>Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem -Hut voll Lebensmitteln! Und zum Glück wissen sie -nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200 noch -zurückzulegen haben.</p> - -<p>Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage -ist ein Unglück zu verzeichnen: Gestern waren noch -drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute morgen wird -der kleine Sack offen gefunden und <em class="gesperrt">es fehlen ein -paar Stücke Zwieback</em>!</p> - -<div class="log"> -<p>Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen -Handlung im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine -Frage, daß dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. -In zwei Tagen wird es mit den übrigen Brocken sicherlich -zu Ende sein. Gott gebe uns die Kraft, die amerikanische -Gruppe noch zu erreichen.</p> -</div> - -<p>Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu -erzählte, erinnerten die Matrosen sich in jenen Tagen -voll bitteren Aergers, daß der Portugiese 22 Rationen -gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck lag; -nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, -wenn es zu Kannibalismus käme, so solle er zuerst<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span> -für die anderen leiden. Samuel Ferguson bemerkt -vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich -sehr freundlich gegen uns benommen – beinahe wie -ein Vater. Er erzählte: wenn ihm das Kommando -des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so hätte -er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« -Man schaudert, wenn man daran denkt, mit wie -knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch entgingen!</p> - -<p>An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän -in seinem Logbuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: -14 Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe -eines Pennys zum Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück -Schinken und ein Stück Brot, beide von der Größe eines -Pennys, zum Frühstück.</p> -</div> - -<p>Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von -der Größe eines Pennys‹ sich nicht nur auf den -Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der -Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch -so dünn geschnitten, wie es nur mit einem ganz -scharfen Messer möglich war.</p> - -<div class="log"> -<p>1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr -böig und es ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -– nächst Gottes fürsorglichem Schutz – uns während -dieser 24 Stunden vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist -über alle Begriffe wunderbar, wie jeder Bissen, der über<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span> -unsere Lippen kommt, uns gesegnet ist. Ich muß täglich an -das Wunder mit den Fischen und Broten denken. Henry -benimmt sich prachtvoll; dies ist ein großer Trost für mich. -Wie es kommt, weiß ich selbst nicht, aber ich hege große Zuversicht -und hoffe, daß unsere Trauerzeit bald enden wird, -obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur kreuzen und sehr -bald weit davon weg sein werden. Unsere Haupthoffnungen -setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein Kriegsschiff, oder -auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf die wir steuern, -sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner Karte soll -es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden Stelle wirklich -vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien!</p> -</div> - -<p>Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche -später segelten sie über die Inseln weg!</p> - -<p>Aus dem Logbuch des Kapitäns:</p> - -<div class="log"> -<p>2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn -Rationen Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. -<em class="gesperrt">Aber die Sonne scheint und Gott ist barmherzig.</em></p> -</div> - -<p>Aus Samuel Fergusons Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich -fürchterlich. Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen -nach dem vorderen Ende des Bootes und war überrascht, -wie außerordentlich schwach ich war, besonders in den Knieen -und überhaupt in den Beinen. Die Sonne hat wieder geschienen, -ich habe einige von meinen Sachen trocknen können -und hoffe auf eine bessere Nacht.</p> - -<p>4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig -geht, müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen -Inseln‹ sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur -noch die Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span> -Schiff zu begegnen, aber dies müßte in den allernächsten -Tagen sein, denn länger als 5 oder 6 Tage <em class="gesperrt">können</em> wir -mit unseren Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren -Kräften geht es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt -als ich heute bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert -sind; sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme -waren. Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, -ich bin gewiß, Er wird’s machen, wie es für uns am besten -ist. Daß wir 32 Tage in einem offenen Boot am Leben -geblieben sind, mit Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage -reichten und von denen wir noch dazu zweimal einen Teil -abgegeben haben – das ist mehr, als <em class="gesperrt">menschliche</em> Klugheit -und Kraft ohne Beistand vollbringen könnte.</p> -</div> - -<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p> - -<div class="log"> -<p>4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.</p> -</div> - -<p>Aus Henry Fergusons Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; -wir hören lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte -uns vor einem Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben -müssen, so nehme Er uns zu sich und mache uns den bitteren -Tod nicht noch bitterer.</p> -</div> - -<p>Aus Samuels Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind -unser Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und -müssen ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, -weil es notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von -den Leuten vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit -herrscht und drohende Klagen über ungerechte Verteilung des -Essens laut werden – lauter unvernünftiges Zeug; es gilt -indessen auf der Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach,<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span> -suche mich aber, so gut ich kann, aufrecht zu erhalten … Von heute -an giebt’s nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; -dazu um 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags -und um 5 oder 6 Uhr abends je einen kleinen Schluck Wasser.</p> -</div> - -<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein -Becher Wasser für jeden.</p> -</div> - -<p>Jetzt sind sie also herunter auf <em class="gesperrt">eine</em> Mahlzeit -täglich – und was für eine ›Mahlzeit‹! – und dabei -noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer furchtbarer -wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher -Meuterei verschont blieben, so wurde doch die Haltung -der Leute sehr bedrohlich. Und welch wunderbare -Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt -wurde, war mehrere Tage in des Obersteuermanns -Boot gewesen; er war bereits gänzlich ihrem -Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und -in das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre -er nicht zurückgekommen, so wären wohl der Kapitän -und die beiden jungen Passagiere von den Matrosen -totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge -ihrer Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel -steckte Henry seinem Bruder Samuel zu:</p> - -<div class="log"> -<p>Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän -und uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span> -Kapitän sei an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, -das Schiff zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu -bringen; er habe den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie -bereits hatten, in die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung -des Essens parteilich vor, indem er uns begünstige. -X. fragte Cox neulich, ob er lieber hungern oder Menschenfleisch -essen wolle. Cox antwortete, er würde hungern, worauf -der andere versetzte, das wäre ja einfach Selbstmord. -Wenn wir die Amerikanischen Inseln nicht finden, thun wir -gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X. ist der lauteste -von allen.</p> - -<p>Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf -B. verlassen; außerdem auf Cox, nicht wahr?</p> - -<p>Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst -wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu -rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox -richtig verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen -oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. -Es wäre gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen -aufpaßtest, damit sie uns nicht gestohlen werden.</p> -</div> - -<p>Aus Henrys Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten -etwas, das wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine -Vögel! Wir fangen an zu befürchten, daß die Inseln nicht -da sind. Heute wurde dem Kapitän ganz laut vor allen -Leuten gesagt, einige von den Matrosen würden unbedenklich -Menschenfleisch essen, falls einer von uns sterben sollte, doch -würden sie niemanden totschlagen. Entsetzlich! Gott erhalte -uns allen unsere Vernunft und erspare uns solche Greuel. -»Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg und Mord -und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!«</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p> - -<p>Aus Samuels Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer). -Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das -Segel nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang -ein Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern. -Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er -kam auch bis zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe -ohnmächtig, wieder herunter kommen, ehe er fertig war. Dann -ging Joe hinauf; beim zweiten Versuch konnte er die Taue -vorläufig festmachen und die Blockrolle mit nach unten bringen; -aber es war eine sehr anstrengende Arbeit und er war nachher -den ganzen Tag erschöpft. Wir müssen aber unbedingt -das Segel in gute Ordnung bringen, ehe wir alle unsere -Kräfte verlieren.</p> -</div> - -<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Nur noch drei Mahlzeiten übrig.</p> -</div> - -<p>Aus Samuels Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute -haben wir die volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln -nicht vorhanden sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht -mehr nach ihnen auszuschauen; wir werden von heute abend -an ein bißchen mehr nördlich halten auf die Sandwichinseln -zu. Die Passatwinde sind uns günstig. Sollten wir weiter -westlich sein, als es nach unserem Chronometer der Fall ist, -so wäre dies natürlich zu unserem Vorteil; ich kann mir -eigentlich nicht denken, daß der Zeitmesser richtig geht, denn -was für Stöße hat bei dem Seegang, den wir hatten, das -zartgebaute Instrument aushalten müssen!</p> - -<p>8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich -gequält und ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde -ich mich ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen.<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span> -Gestern brachte der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder -in Ordnung und Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf -und brachte glücklich die Taue an ihren Platz, so daß das -Segel jetzt schnell und bequem zu handhaben ist. Bei dem -Seegang, den wir haben, ist es überhaupt nicht leicht bis zur -Mastspitze hinaufzuklettern, nun nehme man dazu, wie schwach -mein Bruder jetzt ist! Wir konnten Harry nur durch einen -Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben wir gute Fahrt -gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges Essen -bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse ›Suppe -mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen aufgespart. -Henry hält sich immer noch großartig; er ist der allgemeine -Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!</p> -</div> - -<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p> - -<div class="log"> -<p>Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.</p> -</div> - -<p>Samuels Tagebuch:</p> - -<div class="log"> -<p>9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann -ich wohl sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. -Wir haben bloß noch das untere Ende von einem -Schinkenknochen, woran noch ein bißchen von der äußeren -Rinde und Haut ist. Der Wasservorrat indessen reicht, wie -ich glaube, bei der jetzigen Einteilung noch für zehn Tage. -Damit und mit der Nahrung, die unsere Stiefelschäfte und -andere kaubare Gegenstände uns liefern werden, hoffen wir -es noch auszuhalten, bis wir die Sandwichinseln erreichen -oder bis ein Schiff uns aufnimmt. Ich setze meine Hoffnung -auf den letzteren Fall, denn nach menschlicher Berechnung -werde ich den anderen nicht erleben. Doch wir sind bisher -in so wunderbarer Weise beschirmt worden und Gott wird -uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die Leute werden -schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span></p> - -<p>Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; -und heute ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis -jetzt den Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. -Sogar Henry, der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann -ab und zu die Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich -dagegen vermag das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an -meinem kranken Hals.</p> -</div> - -<p>Jetzt ist also <em class="gesperrt">nichts</em> mehr übrig, was man -mit dem besten Willen ›Nahrung‹ nennen kann. Und -doch müssen sie sich noch über 5 Tage hinweghelfen, -denn von der Mittagsstunde an haben sie noch -800 Meilen vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen -auf Leben und Tod. Ich gebe von jetzt an ohne -unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders -Tagebuch. Henry Ferguson schreibt:</p> - -<div class="log"> -<p>Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute -einen Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen -noch den Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals -auf der Welt so einen köstlichen Knabberknochen, der -so mit Wonne genossen wurde. Es kommt mir vor als ob -ich mich nicht schlechter befinde als am vorigen Sonntag, trotz -der Einschränkung im Essen; ich glaube bestimmt, daß wir -alle die Kraft haben, die Leiden und Strapazen der nächsten -Woche noch auszuhalten. Unserer Schätzung nach sind wir -keine 700 Meilen mehr von den Sandwichinseln und da -unsere Tagesleistung durchschnittlich etwa 100 Meilen beträgt, -so sind unsere Hoffnungen nicht unvernünftig. Gebe der -Himmel, daß wir alle Land sehen!</p> - -<p>11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an<span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span> -unserem Schinkenbein saß und haben für morgen noch die -Speckschwarte. Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse -uns nicht Hungers sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit -getrieben werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. -So wie ich mich jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts -mich dazu bringen könnte; aber man kann nicht sagen, was -man thun wird, wenn man halbtot vor Hunger und seines -Verstandes nicht mehr mächtig ist. Ich hoffe und bete, wir -mögen die Inseln erreichen, ehe wir in solche Not kommen; -aber wir haben einen oder zwei verzweifelte Gesellen an -Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz ruhig verhalten. <em class="gesperrt">Es ist -mein fester Glaube und meine innige Zuversicht, -daß wir werden gerettet werden.</em><a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p> -</div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem -Logbuch nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.« -Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen -Matrosen sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe -hinten beim Steuer <em class="gesperrt">eine Million Dollars in Gold</em> versteckt; -sie waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere -zu ermorden und sich des Geldes zu bemächtigen.</p> - -<p class="mright"> -M. T. -</p> -</div> -</div> - -<div class="log"> -<p>12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin – gerade -auf die Inseln los. Gute Hoffnung – aber die Aussicht auf -die nächsten Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. -Der Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.</p> - -<p>13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen -sind jetzt alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, -nachdem wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.</p> - -<p>14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; -aber wir sind entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich -knapp. Gott gebe, daß wir bald Land sehen. <em class="gesperrt">Nichts -zu essen</em> – fühle mich aber besser als gestern. Sahen gegen -Abend einen prachtvollen Regenbogen – den ersten seit Antritt -unserer Reise. Der Kapitän sagte: »Lustig, Jungen!<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span> -Das ist ein Wahrzeichen – <em class="gesperrt">es ist der Bogen der Verheißung</em>!«</p> - -<p>15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche -Gnade: <b>Land in Sicht!</b> Wir kamen schnell näher -und waren bald der Thatsache <em class="gesperrt">gewiß</em>! … Zwei prächtige -Kanaken kamen zu uns herausgeschwommen und brachten das -Boot an Land. Wir wurden voller Freuden von zwei Weißen -aufgenommen: Mr. Jones und seinem Hausdiener Charley; -dazu kam ein ganzer Schwarm von Eingeborenen, Männer, -Weiber und Kinder. Sie nahmen uns prächtig auf – halfen -uns, trugen uns das Ufer hinauf und brachten uns Wasser, -Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber die Weißen paßten -auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren über die Maßen -froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, Gebärden und -Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach dem -Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch -nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen -hier. Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden -von uns einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann -eine Tasse heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben -alle erdenkliche Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch -eine Tasse Thee und wieder etwas Brot. Dann ließen sie -uns allein, damit wir schlafen sollten … <em class="gesperrt">Heute ist der -glücklichste Tag meines Lebens!</em> … Gott in Seiner -Gnade hat unser Gebet erhört … Alle Menschen sind so -freundlich. Finde keine Worte dafür.</p> - -<p>16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und -wir hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten -wir nicht – dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn -wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß -alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem -Boot befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.</p> -</div> - -<p>Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span> -nichts Aehnliches, was es im Möglichmachen von -Unmöglichkeiten übertrifft. In <em class="gesperrt">einer</em> außerordentlichen -Einzelheit – daß nämlich <em class="gesperrt">alle</em> Insassen des -Bootes am Leben bleiben – steht es wahrscheinlich -unter den Abenteuern dieser Art einzig da. Gewöhnlich -hält nur ein Teil der Bootsbesatzung es -aus – hauptsächlich Offiziere und andere gebildete -Leute, die an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht -gewöhnt sind; die derben Faustarbeiter unterliegen. -Aber in diesem Fall überstanden auch die rauhen -und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie -die beiden jungen Studenten und der Kapitän. Das -heißt: körperlich! Geistig brachen die meisten Matrosen -in der vierten Woche zusammen. Immerhin war -die von ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer -erstaunlich. Natürlich war das nicht das -Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der -Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns -zuzuschreiben. Ohne ihn wären sie gewesen wie -Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen einer Woche -ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht -einmal so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.</p> - -<p>Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! -Als es der Küste nahe kam, wurde das Segel<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span> -heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, daß -sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und -es wurde ein Versuch gemacht, das Segel wieder -hochzuziehen. Aber es ging nicht; die Kräfte waren -völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal -mehr ein Ruder halten. Sie waren hilflos und -dem Tode verfallen. In diesem Augenblick wurden -sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen -hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, -kaum bemerkbare Lücke im Riff lotsten – die einzige -Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!</p> - -<p>Binnen zehn Tagen nach der Landung waren -alle bis auf einen wieder auf den Beinen und konnten -herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der ›Nahrung‹ -der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens -einige von ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen -von alten Stiefeln und mit Spähnen von der Buttertonne -beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht -durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte -Weise wieder los! Der Kapitän und die beiden -Passagiere hatten kein Leder und keine Spähne gegessen, -wie die Matrosen, sondern sie <em class="gesperrt">schabten</em> die Stiefel -und das Butterholz und machten mit Wasser einen -Brei davon. Der Dritte Steuermann erzählte mir,<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span> -die Stiefel wären alt und voll von Löchern gewesen; -und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher -waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von -Verdauung sprach, so will ich einen bemerkenswerten -Umstand anführen: während dieser seltsamen Reise -und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, -setzten bei einigen von den Leuten die Gedärme völlig -ihre Arbeit aus, und zwar zwanzig bis dreißig Tage, -in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! Auch -der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den -Leuten nichts. Viele Tage lang – ich glaube, einundzwanzig -hintereinander – schlief der Kapitän -überhaupt nicht.</p> - -<p>Nach der Landung gelang es, alle Geretteten -davon abzuhalten, daß sie sich überaßen – ausgenommen -den Portugiesen. Der entkam dem Wärter -und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, -sagte der Dritte Steuermann, wären’s -gewesen; aber dies war unzweifelhaft eine Uebertreibung -– ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig. -Er war schon beinahe ganz voll von Leder; -es hing ihm zu den Ohren heraus. (Dies berichte -ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten Steuermanns, -sondern ich übernehme selbst die Verantwortung<span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span> -dafür.) Der Portugiese hätte natürlich -daran krepieren sollen und es thut einem sogar jetzt -noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte -sich und zwar so schnell wie alle andern – -trotz allem Leder und Butterholz und Taschentüchern -und Bananen, die er in sich hatte. Einige von den -Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, -auch Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er.</p> - -<p>Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß -sie den Kikerikihahn nicht schlachteten, der jeden -Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang; -dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und -machte einen tapferen aber schwachen Versuch, noch -einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb er. Ein -interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen -– der einzige, den man in den 43 Tagen sah; -er erhob sich wie ein Triumphthor in die Lüfte, unter -welchem die standhaften Streiter als Sieger in den -Hafen der Rettung segelten!</p> - -<p>Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte -Kapitän Josiah Mitchell diese denkwürdige Reise -von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen -Boot – eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie -wirklich zurücklegten, und 3360 Meilen in der Luftlinie<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span> -– und brachte jeden Mann gesund an Land. -Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer -Mann und lieber Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage -lang mit ihm auf Deck – (wenn ich nicht in der -Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) – und ich -erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch -lebt, ist er jetzt 86 Jahre alt.</p> - -<p>Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis -mich nicht täuscht, bald nach unserer Ankunft in San -Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch sein Elternhaus -erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen -sehr verschlimmert worden.</p> - -<p>Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von -den beiden kleinen Booten etwas vernehmen würde – -aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie gingen -ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord -waren, auch der ritterliche Obersteuermann.</p> - -<p>Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, -sie genau so, wie sie niedergeschrieben waren, abzuschreiben -und die Auszüge, die ich daraus gegeben -habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. -Die beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch -sind durch keine Kunst besser zu machen: sie sind -litterarisches Gold.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span></p> - -<p>Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht -angesehen, aber ich finde sie haben in diesem Zeitraum -nichts verloren. Verloren? Gewonnen haben -sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche -Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung -an Interesse gewinnt. Wir werden uns -dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend vor der -armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten -in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. -Sie liegt da, das Kind, das sie zu retten versuchte, -an ihren Busen gedrückt und ihr verzweiflungsvoller -Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den -Tod brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die -glühende Lava nahm ihr das Leben, aber sie überlieferte -ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der Ewigkeit. -Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt -tagelang unsere Gedanken – warum? Das wissen -wir nicht, denn sie ist nichts für uns, sie ist 1800 -Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. -Würde uns dagegen heutigen Tages ein solcher Fall -vorkommen, so würden wir sagen: »Die arme Frau! -Was für ein Jammer!« – und hätten sie in einer -Stunde vergessen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Gedankentelegraphie">Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse -zu erzählen. Wie mir scheint, gehören sie unter die -Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber ich vor -Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen -Schriften‹.</p> -</div> -</div> - -<p>Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn -George W. Cable eine Rundreise, um Vorträge zu -halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein Empfang -veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags -in einem langen Salon im Windsorhotel. -Herr Cable und ich standen am einen Ende des -Raumes, die Damen und Herren traten am anderen -Ende ein, gingen die lange Wand linker Hand entlang, -schüttelten uns die Hand, sagten ein oder zwei -Worte und gingen weiter – die übliche Geschichte. -Mein Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich -in dem Gedränge von Fremden, die sich weit da -hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes Gesicht. -Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll<span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span> -Freude bei mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz -vergessen, daß sie eine Kanadierin ist.« Sie war in -meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada, sehr -befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren -hatte ich nichts mehr von ihr gesehen oder gehört. -Es war kein Anlaß vorhanden, sie mir in die Erinnerung -zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit -langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war -mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Aber -ich erkannte sie augenblicklich; ich sah sie so klar und -deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem Anzug -bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und -behielt sie im Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich -darauf, daß sie näher herankäme. Mitten unter all -dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen -Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden -Reihe immer näher kam; als sie an der -linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht von vorne -sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß -von mir entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, -sie müsse doch irgendwo im Salon sein und -würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in dieser -Erwartung hatte ich mich getäuscht.</p> - -<p>Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, -sagte jemand zu mir: »Bitte, kommen Sie mit nach<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span> -dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie kennt und -Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; -Sie sollen wenn möglich die betreffende Person -selber erkennen.«</p> - -<p>Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die -Sache wird sehr einfach sein.«</p> - -<p>Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten -unter ihnen, ganz wie ich’s erwartet hatte, Frau R. -Sie war genauso angezogen, wie ich sie am Nachmittag -gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr -die Hand, begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte:</p> - -<p>»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben -Augenblick als Sie den Saal betraten.«</p> - -<p>Sie sah mich überrascht an und antwortete: -»Aber ich war ja gar nicht beim Empfang. Ich -komme gerade eben von Quebec an und bin noch -keine Stunde hier in der Stadt gewesen.«</p> - -<p>Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. -Ich sagte:</p> - -<p>»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein -Ehrenwort, daß es genau so ist, wie ich sage. Ich -sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so -gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick -sagte, ich würde einen Bekannten in diesem -Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir auf, in<span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span> -Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie -beim Empfang gesehen hatte.«</p> - -<p>Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim -Empfang noch irgendwo in der Nähe; trotzdem sah -ich sie dort, klar und deutlich und unverkennbar. -Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man -so etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem -Augenblick an sie; ich hatte seit Jahren nicht an sie -gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie an mich gedacht. -Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit -durch die Lüfte zu mir und brachten mit sich das -deutliche, hübsche Bild der Dame? Ich glaube es.</p> - -<p>Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in -Bezug auf Erscheinungen – ich meine Erscheinungen, -die man in hellwachem Zustande sieht. Ich hätte vielleicht -für einen Augenblick eingeschlafen sein können; -dann wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber -diese Möglichkeit kommt hier gar nicht in Frage; das -Interessante dabei ist, daß es gerade in dem betreffenden -Augenblick passierte – nicht früher und -nicht später; dies ist ein Beweis dafür, daß der -Ursprung in Gedankenübertragung zu suchen ist.</p> - -<p>Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den -meisten Leuten als reines zufälliges Zusammentreffen -erklärt werden:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span></p> - -<p>Vor Jahren dachte ich manchmal daran, eine -Vorlesungstour bei den Antipoden zu machen, gab -aber die Idee stets wieder auf, teils wegen der Länge -der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich -machen konnte, mich zu begleiten. Ende Januar -letzten Jahres kam nach langer Zwischenzeit plötzlich -diese Idee mir wieder in den Kopf – und zwar -mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß. -Woher kam sie? Was regte sie an? Hierauf komme -ich gleich zu sprechen.</p> - -<p>Ich war damals, wo ich jetzt bin – in Paris. -Ich schrieb sofort an Henry M. Stanley in London -und fragte ihn nach verschiedenen Einzelheiten in -Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das -Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen -wären u. s. w. Nach ein paar Tagen kam -seine Antwort; sie begann:</p> - -<p>»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent -par excellence Herr R. S. Smythe in -Melbourne.«</p> - -<p>Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen, -eine Aufstellung der Kosten für die Seefahrt und -einiges andere mit und riet mir, an Herrn Smythe -zu schreiben. Das tat ich auch – am 3. Februar. -In den Eingangszeilen meines Briefes sagte ich<span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span> -ungefähr folgendes: er kennte mich zwar nicht persönlich, -wir hätten aber einen gemeinsamen Freund -in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen. -Dann machte ich meinen Vorschlag und -fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen abschließen -wollte wie mit Stanley.</p> - -<p>Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn -Smythe auf die Post, und drei Tage später bekam -ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert: -Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch -nicht mehr gewundert, wenn ich einen Brief vom -seligen George Washington gekriegt hätte. Der Brief -begann ganz ähnlich wie der meinige – mit einer -Selbsteinführung:</p> - -<p>»Geehrter Herr Clemens! – Es ist so lange her, -seit Archibald Forbes und ich einen so reizenden -Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in Hartford -verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen -haben.«</p> - -<p>Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es:</p> - -<p>»Ich biete Ihnen« – (hier folgten dieselben -Bedingungen, die er Stanley bewilligt hatte) – »für -eine Vorlesungstour von etwa drei Monaten bei den -Antipoden.«</p> - -<p>Da hatte ich also die Antwort auf die einzige<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span> -wesentliche Frage meines Briefes drei Tage nachdem -ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die -Mühe und das Porto sparen können – und ein paar -Jahre vorher <em class="gesperrt">hätte</em> ich sie mir auch gespart, denn -da hätte ich mir gesagt, der plötzliche starke Antrieb, -an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel -brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen, -daß die Anregung von dem Fremden ausgehe, und er -werde mir von selber auf meine Fragen antworten, -wenn ich es einfach abwartete.</p> - -<p>Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an -meiner Nase vorbei nach Amerika, wodurch er drei -Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im Vorbeifahren -ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das -tun Briefe oft.</p> - -<p>Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von -Australien herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose -Brief einem diesen Gedanken mit, während -er unsichtbar im Postsack an einem vorbeistreift.</p> - -<p>Nächstes Erlebnis: Einen Monat später – im -März – war ich in Amerika. Ich verbrachte einen -Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John -Brisben Walker, von der Zeitschrift ›<em class="antiqua">The Cosmopolitan</em>‹. -Den nächsten Morgen fuhren wir nach -New York und gingen, um zu frühstücken, in den<span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span> -Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den -Charakter des Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die -darin herrschte, und über die angenehme Lage des -Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht -hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker -Clubs wären für Mitglieder, die nicht am Ort -wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne daß man -viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte.</p> - -<p>»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist -der ›Lotos‹ – der erste New Yorker Club, bei welchem -ich Mitglied wurde – meine allererste Liebe in dieser -Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre Mitglied -gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal -Gelegenheit gehabt, vorzusprechen und die Leutchen -zu sehen. Sie werden alt und grau, ohne daß ich was -davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend meinen -Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar -Tage nach Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin, -will ich ganz im geheimen zu John Elderkin gehen -und ihm sagen:</p> - -<p>»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm -Ehren, um der alten Zeiten willen! Macht mich zum -Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab. Wenn -ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so -besser – schafft es zu meiner Ehre und Glorie!‹«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p> - -<p>»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will -John Elderkin besuchen, sobald ich von Hartford -zurück bin.«</p> - -<p>Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug, -telegraphierte aber vorher noch an Herrn F. G. -Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag besuchen. -Bei seiner Ankunft fragte er:</p> - -<p>»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York -einen Brief von Herrn John Elderkin, dem Sekretär -des Lotosklubs?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich -gewußt, daß Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten. -Es ist was Schönes, und Sie werden stolz -darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch einstimmigen -Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und -den Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am -Abend des dreißigsten, zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest -des Klubs anwesend sein, um Ihre Auszeichnung -entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht -wundern, wenn sie bei dieser Gelegenheit was Großes -aufstellen!«</p> - -<p>Wie kam mir an jenem Tage im Century Club -die Ehrenmitgliedschaft in den Kopf? Ich hatte nie -zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich den<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span> -Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht -schon früher, aber ich bin fest überzeugt, daß er in -der Vorstandssitzung des ›Lotos‹ entsprang und im -Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den -geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn -nahm.</p> - -<p>Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei -Tage in Hartford als Gast des Rev. Joseph H. -Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang bei -seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet -und fuhr jetzt mit ihm nach Farmington, um eine -meiner Nichten zu besuchen, die in der berühmten -Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt -acht oder neun englische Meilen. Unterwegs -erzählte ich zur Erläuterung irgend einer Behauptung -folgende Anekdote:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie -auf der Reise nach Rom durch Mailand, wo wir -Halt machten und im Continental abstiegen. Nach -dem Essen ging ich hinunter und setzte mich auf -einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die -üblichen Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen, -und sagte zu mir selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich -– gemütlich und ruhig, und kein Mensch<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span> -kann mich stören; denn ich kenne in ganz Mailand -keinen Menschen.‹</p> - -<p>In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf -und streckte mir die Hand hin, wodurch meine im -Selbstgespräch aufgestellte Behauptung allerdings ein -bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa folgendes:</p> - -<p>›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr -Clemens, aber ich erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich -war Kadett in West Point, als Sie mit Rev. Joseph -H. Twichell vor einigen Jahren da waren und eine -Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der -regulären Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein -in Europa auf einem bescheidenen kleinen Ausflug; -mein Regiment steht in Arizona.‹</p> - -<p>Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei -erzählte er mir ein kleines Abenteuer, das er vor -kurzem gehabt hatte, ungefähr in folgender Weise:</p> - -<p>›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und -vor zehn Tagen verlor ich meinen Kreditbrief. Ich -wußte absolut nicht, was ich anfangen sollte. Ich war -ein Fremder, kannte keinen Menschen in Europa, -hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht -mal ein Telegramm nach London bezahlen, um mir -für den verlorenen Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen. -Meine Hotelrechnung war eine Woche alt und<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span> -mußte mir nächstens vorgelegt werden – vielleicht -konnte das schon im allernächsten Augenblick geschehen. -Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich -verlöre den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich -fortwährend auf und ab, hin und her. Wenn jemand -in meine Nähe kam, drückte ich mich schleunigst, denn -mochte er aussehen wie er wollte, ich dachte immer, -es wäre der Oberkellner mit der Rechnung.</p> - -<p>›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung, -daß ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich -auch nur eine schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und -so beging ich denn folgende Verrücktheit: Ich sah an -einem kleinen Tisch in der Veranda eine Familie -beim Frühstück sitzen und erkannte, daß es Amerikaner -waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter -– jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg -alle unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks -auf sie los, stellte mich ihnen mit meinem Namen -vor, sagte ich sei Leutnant in der Armee, erzählte -meine Geschichte und bat um Hilfe.</p> - -<p>›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber -Sie kommen in zwanzig Jahren nicht darauf. Er -nahm eine Handvoll Goldstücke heraus und sagte -mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen. Ja, -das tat er!‹</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span></p> - -<p>Am andern Morgen sagte der Leutnant mir, -sein neuer Kreditbrief sei inzwischen angekommen; -wir bummelten also zu Cook, und er ließ sich das -Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter zu -bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen -Arkade entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten -sind sie; kommen Sie mit, ich will Sie vorstellen.‹ -Ich wurde den Eltern und den jungen Damen vorgestellt; -dann trennten wir uns, und ich sah weder -ihn noch sie jemals w …</p> -</div> - -<p>»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach -mich Twichell.</p> - -<p>Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten -Boden die hundert Schritte nach der Schule -hin; unterwegs sprachen wir von der langentschwundenen -Zeit, da wir und Warner in jene Gegend -herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen -wäre.</p> - -<p>Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im -Sprechzimmer; dann brachen wir auf. Vor dem -Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig -oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters -Schule, die von einem Spaziergang nach Hause -kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen<span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span> -Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie -uns anzusehen. Auf einmal trat eine von ihnen -aus der Reihe heraus und sagte:</p> - -<p>»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich -kenne Ihre Tochter, und das verschafft mir den Vorzug, -Ihnen die Hand zu geben.«</p> - -<p>Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte:</p> - -<p>»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben, -Herr Clemens. Sie erinnern sich meiner nicht, aber -Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den -Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.«</p> - -<p>Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte -in den Sinn gebracht? War es wirklich die Nähe -des jungen Mädchens oder war es nur ein eigentümlicher -Zufall?</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Besuch_eines_Interviewers">Besuch eines Interviewers.</h2> -</div> - -<p class="drop">Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann -nahm den Stuhl, den ich ihm anbot, und sagte, er -gehörte zur Redaktion der ›Täglichen Blitzpost‹; dann -fuhr er fort:</p> - -<p>»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen -haben, möchte ich Sie interviewen.«</p> - -<p>»Möchten Sie … was?«</p> - -<p>»Sie interviewen.«</p> - -<p>»Ah so! Ja … ja. Hm. Ja … ja.«</p> - -<p>Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen -nicht gerade sehr hell im Kopf. In der Tat, meine -geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen umwölkt -zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank -und nachdem ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht -hatte, sah ich mich genötigt, mich an den jungen -Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte:</p> - -<p>»Wie buchstabieren Sie es?«</p> - -<p>»Buchstabieren? Was denn?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span></p> - -<p>»Interviewen.«</p> - -<p>»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es -denn zu buchstabieren!«</p> - -<p>»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich -möchte nur nachschlagen, was es bedeutet.«</p> - -<p>»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich -sagen. Ich kann Ihnen sagen, was es bedeutet, wenn -Sie … wenn Sie …«</p> - -<p>»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr -verbun …«</p> - -<p>»I–n, in, t–e–r, ter, inter–«</p> - -<p>»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?«</p> - -<p>»Natürlich.«</p> - -<p>»So, deshalb brauchte ich so lange!«</p> - -<p>»Nanu, mein <em class="gesperrt">lieber</em> Herr, womit wollten Sie -es denn buchstabieren?«</p> - -<p>»Ja, ich … ich … weiß nicht recht. Ich -hatte das Konversationslexikon, große Ausgabe, vor -und blätterte im Nachtragsband herum, in der Hoffnung, -ich könnte das Wort unter den Abbildungen -finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.«</p> - -<p>»Nun, bester Freund, eine <em class="gesperrt">Abbildung</em> davon -wäre selbst in der neuesten Aufl … Mein werter -Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es absolut -nicht böse, aber Sie sehen nicht – nicht – so –<span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span> -äh – intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts -für ungut – ich meine es ja nicht böse.«</p> - -<p>»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von -Leuten, die mir niemals schmeicheln würden und -auch gar keine Veranlassung dazu haben könnten, -schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu -eine Sehenswürdigkeit bin. Ja … ja; sie -sprechen immer ganz hingerissen davon.«</p> - -<p>»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf -unser Interview zu kommen. Wie Sie wohl wissen -ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt -geworden ist, sofort zu interviewen.«</p> - -<p>»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich -noch nie was gehört. Das muß sehr interessant sein. -Womit machen Sie es?«</p> - -<p>»Ah, … hem! … hem! … hem! … das -ist ja … Manchmal <em class="gesperrt">sollte</em> es mit ’ner Keule -gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es darin, -daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte -darauf antwortet. Man ist ganz darauf versessen. -Wollen Sie mir gestatten, einige Fragen -über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen -und privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?«</p> - -<p>»O, mit Vergnügen – mit Vergnügen! Ich -habe ein sehr schlechtes Gedächtnis, aber ich hoffe,<span class="pagenum" id="Seite_298">[298]</span> -Sie werden nicht so genau darauf sehen. Das heißt -… es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis – überaus -unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und -dann wieder braucht es vierzehn Tage, um über einen -gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht mir -viel Kummer.«</p> - -<p>»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich -nur recht Mühe geben wollen.«</p> - -<p>»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der -Sache sein.«</p> - -<p>»Danke. Sind Sie so weit?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Wie alt sind Sie?«</p> - -<p>»Neunzehn, im Juni.«</p> - -<p>»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig -gegeben. Wo wurden Sie geboren?«</p> - -<p>»In Missouri.«</p> - -<p>»Wann fingen Sie an zu schreiben?«</p> - -<p>»1836.«</p> - -<p>»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn -Sie jetzt erst neunzehn sind?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein -bißchen sonderbar aus.«</p> - -<p>»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung<span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span> -der Hervorragendste von allen Männern, mit denen -Sie je in Berührung kamen?«</p> - -<p>»Aaron Burr.«</p> - -<p>»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt -haben, wenn Sie jetzt erst neunzehn Jahre alt -sind –«</p> - -<p>»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen -als ich selber, warum fragen Sie mich dann?«</p> - -<p>»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts -… Unter welchen Umständen waren Sie mit Burr -zusammen?«</p> - -<p>»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem -Begräbnis, und er bat mich, nicht so viel Lärm zu -machen und …«</p> - -<p>»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei -seinem Begräbnis waren, so muß er tot gewesen sein, -und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob -Sie Lärm machten oder nicht?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung -immer ein schnurriger Kauz.«</p> - -<p>»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie -sagen, er habe mit Ihnen gesprochen, und Sie sagen, -er sei tot gewesen.«</p> - -<p>»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.«</p> - -<p>»Aber war er denn nicht tot?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span></p> - -<p>»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen, -er wär’ es <em class="gesperrt">nicht</em>!«</p> - -<p>»Und was war Ihre Meinung?«</p> - -<p>»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht -mein eigenes Begräbnis.«</p> - -<p>»Hatten Sie … Indessen, wir kommen damit -doch nicht zum Ziel. Gestatten Sie mir, Sie nach -etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr Geburtstag?«</p> - -<p>»Montag, den 31. Oktober 1693.«</p> - -<p>»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja -hundertachtzig Jahre alt. Wie erklären Sie das?«</p> - -<p>»Ich erkläre es überhaupt nicht.«</p> - -<p>»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn, -und jetzt wollen Sie hundertachtzig Jahre alt sein. -Das ist aber ein häßlicher Mißklang.«</p> - -<p>»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte -ihm die Hand. »Manchmal kam es mir selber -vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich konnte mir -nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie -doch so etwas bemerken!«</p> - -<p>»Danke für das Kompliment … Haben oder -hatten Sie Bruder oder Schwester?«</p> - -<p>»Hm … Ich … ich glaube, … ja … aber -ich erinnere mich nicht genau …«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p> - -<p>»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste, -was ich je gehört habe.«</p> - -<p>»Wieso? warum denn?«</p> - -<p>»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich -darüber wundere. Bitte, sehen Sie mal hier: wen -stellt das Bild hier an der Wand vor? Ist das nicht -ein Bruder von Ihnen?«</p> - -<p>»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran; -das <em class="gesperrt">war</em> ein Bruder von mir. Das ist William –; -Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!«</p> - -<p>»Ach was? Ist er denn tot?«</p> - -<p>»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals -genau sagen. Es schwebt ein großes Geheimnis über -der Geschichte.«</p> - -<p>»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl -verschwunden?«</p> - -<p>»Sozusagen ja; wir begruben ihn.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Begruben</em> ihn! <em class="gesperrt">Begruben</em> ihn!! Ohne -zu wissen, ob er tot war oder nicht?«</p> - -<p>»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.«</p> - -<p>»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.«</p> - -<p>»Er dachte gar nicht dran.«</p> - -<p>»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht -gehört! <em class="gesperrt">Jemand</em> war tot. <em class="gesperrt">Jemand</em> wurde begraben. -Nun, wo lag denn da das Geheimnis?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span></p> - -<p>»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen! -Wissen Sie, wir waren Zwillinge – der -Verstorbene und ich – und wir wurden in der Badewanne -verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt -waren, und einer von uns ertrank. Aber wir wußten -nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere sagen, -ich wäre es gewesen.«</p> - -<p>»So, das ist ja wirklich interessant. Und was -ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Meinung darüber?«</p> - -<p>»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze -Welten drum, wenn ich’s wüßte. Dieses erhabene -furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein -ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt -einen geheimen Umstand mitteilen, den ich bisher -noch keiner Menschenseele enthüllt habe. Einer -von uns hatte ein besonderes Kennzeichen – -ein großes Muttermal auf dem Rücken der linken -Hand. Das war – ich! <em class="gesperrt">Und dieses Kind -ertrank!</em>«</p> - -<p>»Herr … ich sehe eigentlich nicht, was dabei -denn für ein Geheimnis ist.«</p> - -<p>»Nicht? Aber <em class="gesperrt">ich</em> sehe es. Jedenfalls begreife -ich nicht, wie man einen solchen Unsinn machen und -das verkehrte Kind begraben konnte. Aber, schscht! -– erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie<span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span> -davon hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben -schon ohnedies genug gebranntes Herzeleid.«</p> - -<p>»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick -Stoff genug und bin Ihnen für Ihre Bemühungen -sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich, -was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten. -Würden Sie mir vielleicht noch sagen, welcher besondere -Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so -hervorragenden Mann zu halten?«</p> - -<p>»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit! -Unter 50 Leuten hätte kaum ein einziger überhaupt -darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war, und -das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt -dastand, und der Leichnam schmuck und nett in -seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag, da sagte -er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung -werfen und stand auf und setzte sich neben -den Kutscher.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hierauf empfahl der junge Mann sich voller -Ehrerbietung. Er war ein sehr angenehmer Gesellschafter, -und es tat mir leid, daß er ging.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-303"> - <img src="images/illu-303.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Mark Twains</p> - -<p class="center">Ausgew. humoristische Schriften.</p> -</div> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p> - -<table summary="Buchtitel"> -<tr> -<td>Bd. I.</td> - <td><b>Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. II.</td> - <td><b>Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. III.</td> - <td><b>Skizzenbuch.</b></td> -</tr> -<tr> -<td rowspan="2">Bd. IV. <span class="s200">{</span></td> - <td><b>Leben auf dem Mississippi.</b></td> -</tr> -<tr> - <td><b>Nach dem fernen Westen.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. V.</td> - <td><b>Im Gold- und Silberland.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. VI.</td> - <td><b>Reisebilder u. verschiedene Skizzen.</b></td> -</tr> -</table> - -<p class="center">Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.<br /> -Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen,<br /> -M. 13.50 gebunden.</p> - -<p class="center p2"><span class="u">Neue Folge</span>:</p> - -<table summary="Buchtitel"> -<tr> -<td>Bd. I.</td> - <td><b>Tom Sawyers <em class="gesperrt">Neue</em> Abenteuer.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. II.</td> - <td><b>Querkopf Wilson.</b></td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. III./IV.</td> - <td><b>Meine Reise um die Welt.</b> 2 Abt.</td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. V.</td> - <td><b>Adams Tagebuch</b> u. a. Erzähl.</td> -</tr> -<tr> -<td>Bd. VI.</td> - <td><b>Wie Hadleyburg verderbt wurde</b> u. a. Erzähl.</td> -</tr> -</table> - -<p class="center">Preis des <em class="gesperrt">einzelnen</em> Bandes M. 3.– gebunden.<br /> -Preis <em class="gesperrt">aller</em> 6 Bände, zusammen bezogen,<br /> -M. 17.– gebunden.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Sonst wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Die Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 147: Schluß → Schuß<br /> -ehe es zum <a href="#corr147">Schuß</a> kam</p> -</div> -</div> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> diff --git a/old/66904-h/images/cover.jpg b/old/66904-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f7429bc..0000000 --- a/old/66904-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-106.jpg b/old/66904-h/images/illu-106.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2bfb402..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-106.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-142.jpg b/old/66904-h/images/illu-142.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3976b36..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-142.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-180.jpg b/old/66904-h/images/illu-180.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1fd1e3d..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-180.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-200.jpg b/old/66904-h/images/illu-200.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index aea7c4a..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-200.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-229.jpg b/old/66904-h/images/illu-229.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 983191e..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-229.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/illu-303.jpg b/old/66904-h/images/illu-303.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2505bc0..0000000 --- a/old/66904-h/images/illu-303.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66904-h/images/signet.jpg b/old/66904-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 93d552c..0000000 --- a/old/66904-h/images/signet.jpg +++ /dev/null |
