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-The Project Gutenberg eBook of Adams Tagebuch, by Mark Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Adams Tagebuch
- und andere Erzählungen
-
-Author: Mark Twain
-
-Release Date: December 8, 2021 [eBook #66904]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Mark Twains
-
- Humoristische Schriften
-
- Neue Folge. 5. Band
-
-
-
-
- Adams Tagebuch
-
- und andere Erzählungen
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Autorisiert
-
- Inhalt:
-
- Adams Tagebuch -- Mein Reisegefährte, der Reformator
- -- Meine Tätigkeit als Reisemarschall -- Von allerhand
- Schiffen -- Der Roman einer Eskimo-Maid -- Die Erzählung
- des Kaliforniers -- Die Appetit-Anstalt u. s. w.
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
-
- 1903.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Adams Tagebuch 7
-
- Mein Reisegefährte, der Reformator 35
-
- Meine Tätigkeit als Reisemarschall 69
-
- Von allerhand Schiffen 107
-
- Der Roman der Eskimo-Maid 143
-
- Die Erzählung des Kaliforniers 181
-
- Die Appetit-Anstalt 201
-
- Mein Eintritt in die Litteratur 231
-
- Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹ 277
-
- Besuch eines Interviewers 293
-
-
-
-
-Adams Tagebuch.
-
-
- _Vorbemerkung_: Ich habe einen Teil dieses Tagebuches bereits
- vor mehreren Jahren übersetzt, und ein Freund von mir hat
- ein paar Exemplare meiner Arbeit in unvollständigem Zustand
- gedruckt; doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. Seitdem
- habe ich noch etwas mehr von Adams Hieroglyphen entziffert,
- und ich glaube, daß er nachgerade als öffentlicher Charakter
- eine genügende Bedeutung besitzt, um die Herausgabe dieser
- Uebersetzung zu rechtfertigen.
-
- Mark Twain.
-
-_Montag._ Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr
-im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um
-mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt.
-Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute
-umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe
-ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, -- das neue Geschöpf braucht es
-immer.
-
-_Dienstag._ Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf
-dem ganzen Grundstück, sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn
-den ›Niagara-Fall‹, -- habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen.
-Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn.
-Es ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich selber komme
-gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu benennen. Das neue Geschöpf
-tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den
-geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und
-demselben Vorwand, daß es so ›aussehe‹.
-
-_Mittwoch._ Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber
-ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf
-war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte,
-vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte
-es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich,
-wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas weh thut oder
-sie sich fürchten. Wenn es nur nicht sprechen wollte! Es schwatzt
-beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich
-über das arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt mir fern.
-Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und
-fremde Laut, welcher das feierliche Schweigen in dieser träumerischen
-Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche Note. Und
-obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er ist dicht an
-meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der
-andern Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder
-weniger entfernt von mir sind.
-
-_Freitag._ Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen thun
-was ich will. Ich hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten
-Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch zugleich -- Garten von
-Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur
-verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen Landschaft
-nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im mindesten an einen
-Garten sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat
-es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park
-gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen. Und schon kann
-man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist
-verboten den Rasen zu betreten!«
-
-Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.
-
-_Samstag._ Das neue Geschöpf ißt zu viel Früchte. Wir werden
-wahrscheinlich bald Mangel daran haben. Schon wieder ›Wir‹ -- das ist
-sein Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen Hören ... Ziemlich
-neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das
-neue Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit
-schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend,
-und früher war es hier so angenehm und ruhig.
-
-_Sonntag._ Hab ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer
-ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag
-gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs
-solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf,
-wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel
-herunterzuholen.
-
-_Montag._ Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Das ist ganz
-recht, und ich will nichts dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei
-dazu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben
-wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Dies
-Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs.
-Und wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von allgemeiner
-Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden.
-Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine
-›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber mir ist’s einerlei;
-sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht
-beständig reden wollte!
-
-_Dienstag._ Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und
-reinliche Sommerfrische abgeben, für den Fall sich Gäste dafür finden
-ließen. Sommerfrische -- was heißt das? Offenbar wieder so ’ne neue
-Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch ruheloseren Mundes --
-Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, ich
-frage sie gar nicht erst danach -- sie hat ohnehin eine wahre Sucht
-alles zu erklären.
-
-_Freitag._ Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über
-den Wasserfall zu gehen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht
-denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie schaudern. Ich möchte
-nur wissen warum? Ich habe es immer gethan, seit ich hier bin. Das
-Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den
-größten Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch
-immer gedacht, daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er
--- soweit ich sehen kann -- sonst keinen Zweck, und irgend einen Zweck
-muß er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte
-wäre nur um der malerischen Scenerie willen da -- wie das Rhinoceros
-und das Mastodon.
-
-Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -- auch das
-war nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte, -- sie war
-noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb
-des Falls und durch die Stromschnellen oberhalb des Falls in einem
-nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in Fetzen
-ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht.
-Ich fühle mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird
-mir gut thun.
-
-_Samstag._ Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und
-habe mir dann, nachdem ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen
-neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. Aber wie
-sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu
-verbergen, -- sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres,
-welches sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich zu
-mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht
-hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie
-sieht, hervorschießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr
-zurückzugehen, -- aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich
-die Gelegenheit bietet. Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen
-Dingen ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, warum die
-Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, auf diesem großen Grundstück
-von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine
-Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt sind einander
-aufzufressen. Das ist einfach Narrheit.
-
-_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.
-
-_Montag._ Ich glaube jetzt dahintergekommen zu sein, wozu die Woche da
-ist: sie soll einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags
-zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee ... Ich habe Eva schon
-wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert und
-ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam und sagte,
-es hätte ’s ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine
-genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu thun.
-Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung erregte ihre
-Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr
-leicht erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.
-
-_Dienstag._ Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, daß sie aus einer
-von meinem Körper genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine
-gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe gefehlt! Besonderes
-Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem
-sie sich so viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, und
-fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich
-einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung haben müsse. Ein Habicht
-sollte sich, meiner Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. Man
-kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge
-umkehren.
-
-_Samstag._ Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog,
-um sich im Wasser zu betrachten. Sie thut das immer, sobald sie an
-einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen.
-Sie hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei
-ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen
-war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser
-leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer
-nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen.
-Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt ihr
-nicht das geringste; sie ist nun einmal solche Thörin! Die Folge war,
-daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte
-und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. Aber ich habe
-sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus
-nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den
-ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie
-einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn
-sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen
-ihnen ist, namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich.
-
-_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.
-
-_Dienstag._ Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die
-andern Tiere sind froh, weil sie beständig an ihnen herumhantierte
-und sie nicht in Ruhe ließ -- auch ich freue mich darüber, weil die
-Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.
-
-_Freitag._ Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht
-von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine
-große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich sagte ihr, es
-würde noch etwas anderes daraus entstehen -- der Tod würde in die
-Welt kommen. Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und ich hätte
-ungleich besser gethan, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte
-sie nur auf den Gedanken, daß sie dann den kranken Habicht gesund
-machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und Tigern frisches
-Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs
-dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es
-nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder
-ans Auswandern.
-
-_Mittwoch._ Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jenem Abend bin ich
-ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd
-nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park herauszukommen und
-ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach. Aber
-das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte
-ich die Grenze noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf
-einer grasigen, mit Blumen bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren
-versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils miteinander
-spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen
-sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im
-nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander.
-Wie rasend fielen die Tiere über einander her und zerfleischten sich
-gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte
-ich sofort, was es zu bedeuten hatte -- Eva hatte von der verbotenen
-Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die
-Welt gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen
-es, ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle zu kehren.
-Ja, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht
-schnell aus dem Staube gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand
-ich diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage
-äußerst behaglich befunden, bis -- sie mich auch hier entdeckt hatte
-und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir
-das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie ich es mir vorher
-vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar nicht übel
-und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn, -- weil er
-gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, daß sie mich
-gefunden hatte, da es hier herum weder Früchte noch Beeren gab, wie
-drüben im Park, und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen Baumes
-mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß ich mich genötigt sah, sie
-zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze -- aber ich
-habe damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu
-bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat.
-
-Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art
-Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte,
-was dieser neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne Zeug
-herunterriß und es auf die Erde warf, -- da zitterte sie an allen
-Gliedern, und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden
-zittern und rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern
-geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das
-bald an mir selbst erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz
-meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -- es
-war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei
-so vorgeschrittener Jahreszeit -- und fing an, mich selber mit dem
-Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann
-sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch
-mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei.
-Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide nach dem Platz
-zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft
-hatten und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für
-uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen
-könnten. Sie sind hart und unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten
-Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache.
-
-Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz gute Gesellschafterin
-ist. Ohne sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem
-ich meinen Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir eben
-gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der Dinge fortan für unsern
-Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie
-wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.
-
-_Nächstes Jahr._ Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen,
-während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu
-stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, im
-Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns
-angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht
-irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner
-Meinung nach ist es ein Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe
-allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch
-neue Art Tier ist, -- vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser
-warf, um mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf sie
-ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen,
-die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer
-der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr so gleichgültig
-zu sein scheint, was es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem
-neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr
-neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf
-im Hause hat, scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie sich
-schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so
-große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund
-dafür anzugeben. Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne nicht
-mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in
-ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser
-will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hinein
-werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie nur je, als
-sie noch bei Verstande war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann
-wieder das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den
-Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rücken, macht mit ihrem
-Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch
-vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher dergleichen
-nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend einem Tiere thun sehen,
-und ich mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm
-Grundstück vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge
-Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit ihnen getrieben, aber doch nicht
-immerfort und niemals bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen
-genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.
-
-_Sonntag._ Am Sonntag scheint sie sich’s zur Regel zu machen, nicht zu
-arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und
-den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt sie allerlei
-Töne mit dem Munde hervor und behauptet, das belustige ihn; sie steckt
-sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er
-fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen Fisch lachen sehen,
-und dabei kommen mir allerlei Zweifel ... Der Sonntag gefällt mir jetzt
-selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, wenn man die
-Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen muß. Da sollte
-es noch mehr Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem großen
-Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, jetzt fangen sie an,
-mir ganz gelegen zu kommen.
-
-_Mittwoch._ Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt -- aber darum
-kann ich noch lange nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es
-was haben will und bekommt es nicht gleich, macht es den tollsten
-und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst
-zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ oder etwas der Art. Es ist kein Mensch,
-denn es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen;
-es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil
-es nicht kriechen kann. Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls
-ganz bestimmt, obgleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen zu
-lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden
-auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei
-keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es
-stirbt will ich es auseinandernehmen, um seine innere Einrichtung zu
-untersuchen. Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen.
-
-_Drei Monate später._ Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich
-kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das
-Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen
-vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den
-übrigen Vierfüßlern, denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So
-ragt denn der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig in die
-Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im übrigen ist es ganz so
-gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, daß es
-nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge
-der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus der Känguruh-Familie
-stammt. Doch unterscheidet es sich auch hier wieder von dem wirklichen
-Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muß eine seltsame
-und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden
-ist. Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt,
-mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, daß
-ich dem neuen Geschöpf meinen Namen beilege. Ich habe es ~Kaengurum
-Adamiensis~ getauft.
-
-Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem
-Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist
-es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es
-nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang
-und Gewalt vermögen nichts dagegen auszurichten, im Gegenteil, sie
-machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das Zwangs-System,
-mit dem ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich
-ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders schwierigen Stand hatte.
-Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schönthun und meistens damit,
-daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat.
-
-Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte.
-Sie sagte mir, sie habe es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß
-es das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze
-Zeit über müde und lahm gesucht, um ein zweites Exemplar zu finden,
-teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten
-für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und sich leichter zähmen
-lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur
-habe ich aufgefunden. Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben
-als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts bewegt, müßte es
-doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und
-Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere
-kann ich fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die
-Falle, nur um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt ist,
-glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, sie werfen sie höchstens um.
-
-_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer
-fort, was höchst seltsam und beunruhigend ist. Ich habe noch nie
-gesehen, daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle Größe zu
-erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen
-Känguruhpelz, sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich
-feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. Wenn das noch
-lange so fort geht, verliere ich nächstens den Verstand über die tollen
-und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten
-zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen, -- doch
-das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art und
-von dieser das einzige Exemplar, -- soviel steht jetzt fest. Seit
-vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte
-ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem
-Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde,
-wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes Tier zu begegnen. Unter
-Wildfremden, die nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen
-und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie ich glaubte, einen
-kleinen Trost finden. Aber welchen Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel
-bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche Krämpfe,
-daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen.
-Mir thut das kleine Tier leid, denn es schreit bei der geringsten
-Gelegenheit und ich kann nichts thun, um es glücklich zu machen oder
-zu sorgen, daß es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt -- und
-doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur
-wenigstens zähmen könnte, -- aber auch das ist ganz außer Frage. Und
-je mehr ich es versuche, um so schlimmer scheine ich es zu machen. Es
-schneidet mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen
-von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu sehen. Eigentlich möchte
-ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht den Wunsch
-auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und
-zweitens würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen.
-Das scheint sehr grausam und selbstsüchtig von ihr, -- aber vielleicht
-hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch einsamer sein als
-vorher. Ist es mir nicht gelungen ein zweites Exemplar seiner Gattung
-zu finden, so müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen.
-
-_Fünf Monate später._ Es ist kein Känguruh! Nein, es kann sich seit
-wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es
-sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten
-Finger festhält. Ueber ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch
-nicht hinaus, sondern fällt dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere
-zurück. Aber das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, daß es
-kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist. Nur
-hat es keinen Schwanz und, -- wenigstens bis jetzt, -- kein haariges
-Fell, außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -- ich
-weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde diesem hier, so
-gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne
-Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht,
-Eva ein richtiges, ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches
-sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was ich damit
-erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern in ihrem Gesicht förmlich
-wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als
-je von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Thorheit in
-neue Gefahr bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie
-umgewandelt.
-
-_Vierzehn Tage später._ Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist
-es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es
-noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und
-namentlich in der Nacht. In den letzten beiden Nächten war es so arg,
-daß ich ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und
-dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst
-einmal den ganzen Mund voll Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein,
-Maßregeln zu ergreifen, -- Schwanz oder nicht Schwanz -- denn ein Bär
-braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.
-
-_Vier Monate später._ Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und
-Fischausflug fortgewesen. Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit
-hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen allein
-fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ und ›Momma‹ klang, zu sagen.
-Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie
-Worte anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an sich gar nichts
-zu bedeuten haben. Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig
-genug, und jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese
-Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des Pelzes und der
-vollständige Mangel eines Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht
-nur eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen
-beabsichtige ich, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition
-auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten
-Exemplar zu durchsuchen.
-
-_Drei Monate später._ Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug,
-von dem ich da eben zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar
-erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? Ohne sich vom
-Platze zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen
-gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat
-man je von solchem Glück gehört?
-
-_Tags darauf._ Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten
-verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage
-sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung
-auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im allgemeinen
-eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon
-wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich
-ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen.
-Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle
-sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen
-zurückbliebe!
-
-Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar
-plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel
-um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe
-der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, --
-vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei
-ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es
-alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen
-Fisch hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere zuerst war;
-es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da
-einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen
-gegeben -- Abel nennt sie es.
-
-_Zehn Jahre später._ Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit
-geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit
-hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, daher
-unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, --
-auch ein paar Mädel sind schon angekommen.
-
-Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so
-würde das besser für ihn gewesen sein.
-
-Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, daß ich Eva
-im Anfang unrecht gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit
-ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche
-zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs tiefste betrüben, wenn diese
-Stimme verstummen und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte.
-Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander so nahe gebracht
-hat, daß ich ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen
-lernte!
-
- _Ende._
-
-
-
-
-Mein Reisegefährte, der Reformator.
-
-
-Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach Chicago, um die
-Weltausstellung zu sehen, sah sie zwar nicht, aber mein Ausflug war
-doch nicht ganz fruchtlos -- ich fand Ersatz für die Ausstellung. In
-New York machte ich die Bekanntschaft eines Majors von der Armee, der
-mir sagte, er wolle ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns,
-die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch etwas in Boston zu
-tun, aber das machte ihm nichts; er sagte, er wolle den Umweg machen
-und mitkommen. Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau wie ein
-Gladiator, indes seine Manieren waren ruhig, seine Sprache war sanft
-und hatte etwas Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender
-Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen Sinn für
-Humor. Er nahm Interesse an allem, was um ihn herum vorging, allein
-sein Gleichmut war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus der Ruhe,
-nichts regte ihn auf.
-
-Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte ich, daß er tief im Innern
-trotz all seiner Ruhe eine Leidenschaft hatte -- eine Leidenschaft für
-die Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. Er schwärmte
-für Bürgerpflicht -- das war sein Steckenpferd. Er war der Meinung,
-jeder Bürger der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen und
-unbesoldeten Polizisten betrachten und über den Gesetzen und ihrer
-Beobachtung treue Wacht halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte
-der Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren und zu schützen,
-wenn jeder Bürger für sein Teil dazu half, daß jeder Verstoß, der zu
-seiner persönlichen Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde.
-
-Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, als ob man dabei
-fortwährend Unannehmlichkeiten haben müsse und nichts andres mehr
-zu tun habe, als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen zu
-lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht zu werden. Aber
-er sagte nein, ich wäre auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung
-vor, irgend jemand absetzen zu lassen, ja es _dürfe_ überhaupt niemand
-entlassen werden; das wäre gänzlich verfehlt -- nein, man müßte den
-Mann reformieren und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar machen.
-
-»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige bringen und dann den
-Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen
-tüchtigen Rüffel zu geben und ihn zu behalten?«
-
-»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn überhaupt nicht
-anzeigen, denn damit bringen Sie sein täglich Brot in Gefahr. Sie
-könnten so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten -- wenn alles andre
-nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. Das ist schon eine Art
-von Gewalt, und Gewalt taugt nicht. Diplomatie -- das hilft! Wenn nun
-jemand Takt besitzt -- wenn er Diplomatie anwendet ...«
-
-Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter gestanden,
-und die ganze Zeit über hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit
-eines der jungen Beamten zu erregen; aber von denen hatte keiner
-Zeit, weil sie alle Maulaffen feil hielten. Schließlich machte sich
-der Major bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm
-abzunehmen. Er bekam zur Antwort:
-
-»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?«
-
-Und der junge Mann sah wieder aus dem Fenster.
-
-Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. Dann schrieb er ein
-zweites Telegramm:
-
-»Präsident der Western Union Telegraph Company. Bitte, speisen Sie
-heute abend bei mir. Kann Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem
-Ihrer Bureaus der Dienst gehandhabt wird.«
-
-Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch geantwortet hatte,
-streckte die Hand aus und nahm das Telegramm; als er es las, wurde er
-ganz blaß und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde seine
-Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm abginge, und
-vielleicht bekäme er keine andre wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal
-so hinginge, so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr geben.
-Daraufhin wurde der Friede geschlossen.
-
-Als wir weitergingen, sagte der Major:
-
-»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie -- und Sie haben bemerkt, wie sie
-wirkte. Es hätte gar keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die
-Leute fortwährend tun -- der junge Mensch kann einem mit gleicher
-Münze heimzahlen, und man zieht fast immer den kürzeren dabei und
-ärgert sich bloß über sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen
-Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche Worte und Diplomatie --
-das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muß.«
-
-»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so günstiger Lage, wie Sie
-in diesem Fall. Es steht eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit
-dem Präsidenten der Western Union.«
-
-»Ich kenne den Präsidenten gar nicht -- ich benutzte ihn nur zu
-diplomatischen Zwecken. Es geschieht zu seinem und zum allgemeinen
-Besten. Also nichts Böses dabei.«
-
-Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: »Ist es aber überhaupt
-wohl jemals recht oder anständig, zu lügen?«
-
-Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage lag, beachtete er nicht,
-sondern antwortete mit unerschütterlich ernster Einfachheit:
-
-»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand Schaden zu tun oder um sich
-selber einen Vorteil zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen.
-Wenn man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen oder um des
-allgemeinen Besten willen -- oh, das ist ganz was andres! Das weiß
-ja jedes Kind. Aber ganz abgesehen von den Methoden -- Sie sehen das
-Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein brauchbarer und höflicher
-Beamter werden. Er hatte ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu
-retten, -- um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen.
-Natürlich hat er eine Mutter -- auch Schwestern. Hol’ der Henker die
-Leute, die das fortwährend vergessen. Wissen Sie, ich habe nie in
-meinem Leben ein Duell gehabt -- nicht ein einzigesmal --, obwohl ich
-so gut wie andre Leute Herausforderungen erhielt. Ich sah immer meines
-Gegners unschuldige Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und
-mir stehen. _Sie_ hatten ja nichts getan -- ich konnte doch nicht
-_ihre_ Herzen brechen.«
-
-Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche Menge Mißstände,
-und stets ohne Reibung, stets mit einer feinen und zartfühlenden
-›Diplomatie‹, die keinen Stachel zurückließ. Seine Leistungen
-bereiteten ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß ich ihn um
-seinen Beruf beneidete und mich vielleicht auch darin versucht haben
-würde, wenn ich die notwendigen Abweichungen von der Wahrheit mit
-ebensolcher Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen könnte, wie es
-mir mittels einer Feder und hinter der Deckung einer Druckerpresse nach
-einiger Uebung -- glaube ich -- wohl möglich wäre.
-
-Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn wieder in die Stadt
-hinein fuhren, kamen drei Radaubrüder in den Wagen und begannen
-nach rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen um sich zu
-werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen und Kinder, hatten Angst,
-und kein Mensch wagte, den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu
-erwidern; der Schaffner versuchte es mit gütlichem Zureden, aber
-die Rauhbeine gaben ihm einfach Schimpfworte zurück und lachten ihn
-aus. Sehr bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall seiner
-Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich musterte er in Gedanken
-seinen Vorrat von diplomatischen Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit
-voraus, daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und Hohn, vielleicht
-sogar noch Schlimmeres einbringen würde; aber bevor ich ihm diese
-Bemerkung zuflüstern konnte, sagte er bereits in gleichmütigem und
-leidenschaftslosem Ton:
-
-»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. Ich will Ihnen
-dabei helfen.«
-
-Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der Blitz fuhren die drei
-Knoten auf ihn los, aber kein einziger kam an ihn heran. Er teilte
-drei Faustschläge aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes zu
-sehen nicht erwarten konnte, und die drei Kerle blieben liegen, wo sie
-hingefallen waren. Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der
-Plattform des einen Moment haltenden Wagens hinunter; hierauf fuhren
-wir weiter.
-
-Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein Lamm so vorgehen konnte;
-erstaunt über die von ihm entfaltete Kraft und über das klare und
-allgemeinverständliche Ergebnis; erstaunt über die gewandte und
-geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze gemacht hatte. Die Situation
-hatte ihre humoristische Seite, insofern ich den ganzen Tag über
-von diesem schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über sanfte
-Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört hatte. Ich hätte ihn
-gern darauf hingewiesen und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber
-als ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck haben würde. Auf
-seinem ruhigen und zufriedenen Gesicht lag keine Ahnung von Humor;
-er würde mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der nächsten
-Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich zu ihm:
-
-»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, oder vielmehr es waren
-drei tüchtige diplomatische Streiche.«
-
-»_Das?_ Das war keine Diplomatie. Sie sind völlig auf dem Holzweg.
-Diplomatie ist ganz was andres. Damit ist bei _der_ Sorte nichts
-auszurichten; sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war keine
-Diplomatie, es war Gewalt.«
-
-»Da Sie das Wort nennen, so -- ja, ich glaube, Sie können vielleicht
-recht haben.«
-
-»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es _war_ eben Gewalt!«
-
-»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. Versuchen Sie oft,
-Leute auf diese Art zu bessern?«
-
-»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht öfter, als jedes halbe Jahr
-einmal im Durchschnitt.«
-
-»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?«
-
-»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich! Sie sind ganz außer Gefahr.
-Ich weiß, wie und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl bemerkt,
-daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. Das würde sie getötet haben.«
-
-Ich glaubte das. Ich bemerkte -- und nach meiner Meinung war es ein
-ganz guter Witz --, er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, habe
-sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, zum Sturmbock; aber
-er sagte mit freundlicher Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein
-Sturmbock sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im Gebrauch. Das
-war, um aus der Haut zu fahren, und ich wäre beinahe mit der Antwort
-herausgeplatzt, er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein Trampeltier.
-Ich hatte das Wort tatsächlich schon auf der Zunge, aber ich sagte es
-doch nicht, denn mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und ich
-es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen könne.
-
-Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Die Rauchabteilung
-im Salonwagen war voll, und wir gingen daher in das gewöhnliche
-Rauchcoupé. Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, auf dem
-vordersten Sitz, saß ein bescheiden aussehender alter Mann -- dem
-Anschein nach ein Landmann -- mit bleichem, kränklichem Gesicht und
-hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft zu bekommen. Auf
-einmal kam polternd ein großer Bremser herein; bei der Tür blieb er
-stehen, warf dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und schlug mit
-solcher Kraft die Tür zu, daß der alte Mann beinahe seine Stiefelsohle
-eingebüßt hätte. Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere
-von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah ganz beschämt und
-traurig drein.
-
-Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, und der Major hielt ihn an
-und stellte in seiner gewöhnlichen höflichen Weise die Frage:
-
-»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes Betragen eines
-Bremsers? Bei Ihnen?«
-
-»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn Sie das wollen. Was hat er
-getan?«
-
-Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien den Schaffner zu
-amüsieren. Er sagte mit einer ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu
-seinen köstlichen Worten:
-
-»Wenn ich Sie recht verstehe, so _sagte_ der Bremser nichts?«
-
-»Nein, das tat er nicht.«
-
-»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?«
-
-»Ja.«
-
-»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?«
-
-»Ja.«
-
-»Und das ist alles, nicht wahr?«
-
-»Ja, das ist alles.«
-
-Der Schaffner lächelte freundlich und sagte:
-
-»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; aber ich sehe nicht
-recht, wohin das führen könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so
-wollen Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn hier beleidigt.
-Man wird Sie fragen, was er _gesagt_ habe. Sie werden antworten, gesagt
-habe er überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, wie Sie
-von einer Beleidigung sprechen können, wenn der Mann, wie Sie selber
-zugeben, kein Wort gesagt hat.«
-
-Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner für seine knappen und
-bündigen Schlußfolgerungen. Das machte ihm Vergnügen -- man konnte es
-seinem Gesicht ansehen.
-
-Aber der Major war unerschüttert. Er sagte:
-
-»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand im ganzen
-Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -- wie übrigens auch
-das Publikum und allem Anschein nach Sie selber -- wissen gar nicht,
-daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in Worten bestehen. Darum
-wendet sich niemand an die höchste Stelle und beschwert sich wegen
-Beleidigungen in Manieren, Gebärden, Blicken und so weiter, und
-trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher als Worte. Sie tun
-bitterlich weh, weil sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er
-von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, immer sagen kann, es
-sei ihm nicht im Traum eingefallen, irgend jemand beleidigen zu wollen.
-Mir scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend ersuchen, auch
-Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die _nicht_ in Worten ausgedrückt
-waren, zur Anzeige zu bringen.«
-
-Der Schaffner lachte und sagte:
-
-»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs Publikum recht weit treiben!«
-
-»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen Fall in New Haven zur
-Sprache bringen, und ich habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür
-sein wird.«
-
-Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem freundlichen Ausdruck,
-oder vielmehr es wurde vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging.
-Ich sagte:
-
-»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer Lappalie Lärm schlagen?«
-
-»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets angezeigt werden. Es ist
-eine öffentliche Angelegenheit, und kein Bürger hat das Recht, darüber
-hinwegzusehen. Aber ich werde mich über diesen Fall gar nicht zu
-beschweren brauchen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird alles in Ordnung bringen.
-Sie werden schon sehen.«
-
-Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder durch den Wagen; als er beim
-Major war, beugte er sich zu ihm herüber und sagte:
-
-»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den Mann nicht anzuzeigen. Er
-ist mir verantwortlich, und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm
-einen Rüffel geben.«
-
-Der Major antwortete herzlich:
-
-»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich hätte aus Rachsucht so
-gesprochen, ich tat’s aus Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager
-ist einer von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, daß Sie den
-Bremser das nächstemal, wenn er einen harmlosen alten Mann gröblich
-beleidigt, ganz gehörig vornehmen wollen, so wird ihn das freuen,
-darauf können Sie sich verlassen.«
-
-Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man vielleicht hätte
-erwarten können; er machte im Gegenteil den Eindruck, als ob ihm recht
-unbehaglich zu Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er:
-
-»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der Stelle mit ihm
-geschehen. Ich will ihn entlassen.«
-
-»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck haben? Glauben Sie
-nicht, es wäre vernünftiger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn
-zu behalten?«
-
-»Hm, da liegt was drin ... Was würden Sie vorschlagen?«
-
-»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart all dieser Herrschaften.
-Wie wär’s, wenn Sie ihn hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart
-Abbitte tut?«
-
-»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte noch eins bemerken:
-Wenn alle Leute es so machten wie Sie und solche Sachen sofort bei
-mir meldeten, anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher
-herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu schimpfen, so sollten Sie
-mal sehen, wie schnell sich alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr
-verbunden.«
-
-Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er wieder hinaus war, sagte
-der Major:
-
-»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das war? Der gewöhnliche Bürger
-würde nichts ausgerichtet haben -- der Schwager eines Direktors bringt
-alles fertig, was er nur will.«
-
-»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem der Direktoren?«
-
-»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe
-einen Schwager in allen Direktionen -- überall. Das erspart mir endlose
-Verdrießlichkeiten.«
-
-»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.«
-
-»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.«
-
-»Wird die Verwandtschaft niemals von einem Schaffner angezweifelt?«
-
-»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf mein Ehrenwort: _niemals_!«
-
-»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s wollte, den Bremser
-fortjagen? Sie wissen, daß der Mensch es verdiente.«
-
-Der Major antwortete -- und in seinem Tone lag wirklich ein an ihm ganz
-ungewohnter Anflug von Ungeduld:
-
-»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken wollten, so würden Sie
-eine solche Frage nicht stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man
-ihn nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein Mensch und hat wie
-ein Mensch um seinen Lebensunterhalt zu ringen. Und er hat stets eine
-Schwester oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. Immer --
-Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt nehmen,
-so nehmen Sie auch den ihrigen weg -- und was haben _sie_ Ihnen getan?
-Nichts. Und was hat es für Zweck, einen unhöflichen Bremser fortzujagen
-und einen andern anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine
-Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das einzig Vernünftige
-ist, den Bremser zu _bessern_ und ihn zu behalten? Das ist doch klar.«
-
-Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß noch ein Erlebnis.
-Zwischen Hartford und Springfield kam mit dem üblichen Gebrüll der
-Buchhandlungsjunge durch den Wagen; er hatte einen ganzen Armvoll
-Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes Heft einem schlafenden Herrn
-in den Schoß fallen, so daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr
-ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich in sehr hitzigen
-Reden über den Frevel. Sie ließen den Salonwagenschaffner kommen,
-trugen ihm den Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus
-fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer waren reiche Holyoker
-Kaufleute, und der Schaffner hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen.
-Er suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, der Junge
-stehe nicht unter seiner Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der
-Eisenbahnbuchhandlung. Aber all sein Reden nutzte ihm nichts.
-
-Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den Beschuldigten zu
-zeugen. Er sagte:
-
-»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine Herren, haben nicht
-übertreiben _wollen_, haben es aber doch getan. Der Junge hat nichts
-weiter getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn Sie wünschen,
-daß er anständigere Manieren annimmt und sich bessert, so bin ich
-mit Ihnen einverstanden und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen zu
-helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, ohne ihm eine
-Möglichkeit der Besserung zu geben.«
-
-Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem Vergleich nichts
-wissen. Sie wären gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston- und
-Albany-Gesellschaft, sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles
-andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und dem Jungen zu zeigen,
-wer sie wären.
-
-Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, und er würde alles tun,
-was in seinen Kräften stände, um den Jungen zu retten. Einer von den
-Herren sah ihn von oben bis unten an und sagte:
-
-»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer den größten Einfluß beim
-Präsidenten der Gesellschaft hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?«
-
-Der Major sagte in aller Ruhe:
-
-»Ja; er ist mein Oheim.«
-
-Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar Minuten lang herrschte
-ein peinliches Schweigen. Dann fingen sie an einzulenken und
-halbe Zugeständnisse zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig und
-überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles wieder friedlich und
-gemütlich, und es wurde beschlossen, die Sache fallen zu lassen und dem
-Jungen sein Brot (mit Butter) zu lassen.
-
-Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich nicht des Majors
-Oheim -- nur für diesen Tag und diesen Zug adoptiert!
-
-Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, weil wir mit
-einem Nachtzug fuhren und den ganzen Weg über schliefen.
-
-Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn von New York ab.
-Nach dem Frühstück am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen,
-fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren nur ein paar Leute
-drin und nichts los. Hierauf gingen wir in den kleinen Rauchabteil des
-Salonwagens und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen schimpften
-über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: daß nämlich Sonntags in den
-Zügen nicht Karten gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges
-Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, weiter zu spielen.
-Der Fall interessierte unsern Major. Er sagte zu dem dritten Herrn:
-
-»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?«
-
-»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der Yale-Universität und ein
-religiöser Mann, aber das geht mir zu weit.«
-
-Hierauf sagte der Major zu den beiden andern:
-
-»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr Spiel wieder aufnehmen, meine
-Herren; niemand hier hat etwas dagegen einzuwenden.«
-
-Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber der andre meinte, er
-wolle gern wieder anfangen, wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten
-also einen Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen
-Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner herein und
-sagte in scharfem Tone:
-
-»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken Sie die Karten ein -- es
-ist nicht erlaubt.«
-
-Der Major war gerade beim Mischen. Er mischte ruhig weiter und sagte:
-
-»Auf wessen Befehl ist es verboten?«
-
-»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.«
-
-Der Major fing an zu geben und fragte:
-
-»Ist die Idee von Ihnen?«
-
-»Was für ’ne Idee?«
-
-»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen zu verbieten.«
-
-»Nein, natürlich nicht.«
-
-»Von wem dann?«
-
-»Von der Gesellschaft.«
-
-»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von Ihnen, sondern von der
-Gesellschaft aus. Stimmt das?«
-
-»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich muß Sie ersuchen, daß
-Sie augenblicklich aufhören.«
-
-»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. Wer ermächtigte die
-Gesellschaft, einen solchen Befehl zu erlassen?«
-
-»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts an, und ...«
-
-»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige sind, der hier in
-Betracht kommt. Vielleicht geht es _mich_ sehr nahe an. Ja, es ist
-in der Tat für mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich kann
-eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes nicht verletzen, ohne mich
-selber zu entehren; ich kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft
-erlauben, meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften einzuschränken
--- was Eisenbahnverwaltungen fortwährend zu tun versuchen -- ohne meine
-Bürgerwürde zu entehren. Ich komme daher auf meine Frage zurück: auf
-welche Autorität hin hat die Verwaltung diesen Befehl erlassen?«
-
-»Das weiß ich nicht. Das ist _ihre_ Sache!«
-
-»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft überhaupt ein Recht
-hat, eine derartige Vorschrift zu erlassen. Die Bahn führt durch
-verschiedene Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich
-sind, und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in Bezug auf
-das Kartenspielen am Sonntag lauten?«
-
-»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts an, wohl aber die
-Befehle meiner Gesellschaft. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß
-dies Spielen aufhört, meine Herren, und es _muß_ aufhören!«
-
-»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht zu übereilen. In
-Gasthäusern schlagen sie gewisse Vorschriften in den Zimmern an, aber
-stets führen sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. Hier sehe
-ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen Sie Ihre Berechtigung
-nach und lassen Sie uns zum Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß
-Sie das Spiel aufhalten.«
-
-»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine Befehle, und das genügt.
-Diesen Befehlen muß gehorcht werden.«
-
-»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen sein. Es wird besser
-sein, wenn wir die Sache ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns
-erst mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen Mißgriff
-macht -- denn wenn die Freiheiten eines Bürgers der Vereinigten Staaten
-beschnitten werden, so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und
-die Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für meine Person lasse
-es mir nicht gefallen, wenn der Betreffende mir nicht die Berechtigung
-seines Vorgehens nachweist. Nun ...«
-
-»Mein werter Herr, _wollen_ Sie Ihre Karten hinlegen?«
-
-»Alles zu seiner Zeit -- vielleicht. Es kommt darauf an. Sie sagen,
-diesem Befehl muß gehorcht werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie
-sehen selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung wird Sie
--- natürlich! -- nicht mit einem so drastischen Befehl bewaffnen, ohne
-eine Buße auf jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte es
-leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher Befehl bleiben. Wieviel
-beträgt die Buße für Uebertretung dieses Gesetzes?«
-
-»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.«
-
-»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft befiehlt
-Ihnen, hier hereinzukommen und in schroffer Weise eine unschuldige
-Unterhaltung zu verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand,
-um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie nicht ein, daß das
-Unsinn ist? Was _tun_ Sie denn, wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu
-gehorchen? Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?«
-
-»Nein.«
-
-»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle aus dem Zug?«
-
-»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn einer seine Fahrkarte
-hat!«
-
-»Verklagen Sie ihn vor Gericht?«
-
-Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er verwirrt. Der Major gab
-neue Karten und sagte:
-
-»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß die Gesellschaft Sie in
-eine lächerliche Stellung gebracht hat. Man überträgt Ihnen das Amt,
-eine anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das mit Lärmen und
-Toben, und wenn Sie näher zusehen, so finden Sie, daß Sie kein Mittel
-haben, sich Gehorsam zu erzwingen.«
-
-Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde:
-
-»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, und damit habe ich meine
-Schuldigkeit getan. Ob Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden
-Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte er sich zum Gehen.
-
-»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch nicht zu Ende. Ich
-glaube, Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu
-haben; aber wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber
-eine Schuldigkeit zu erfüllen.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion in Pittsburg zur
-Anzeige bringen?«
-
-»Nein. Wozu auch?«
-
-»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde _Sie_ anzeigen!«
-
-»Anzeigen -- weswegen?«
-
-»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer Gesellschaft, indem Sie
-nicht unserm Spiel Einhalt getan haben. Als Bürger habe ich die
-Pflicht, den Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten
-den Dienst ordentlich versehen.«
-
-»Meinen Sie das im Ernst?«
-
-»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Menschen, aber
-ich muß Ihnen als Beamten den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl
-nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, muß ich Sie
-anzeigen. Und das werde ich auch tun.«
-
-Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und dachte einen Augenblick
-nach; dann rief er:
-
-»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette Patsche
-gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; ich werde absolut
-nicht mehr klug daraus. So was ist mir noch niemals vorgekommen. Die
-Leute haben sich stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe
-ich auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl ohne
-Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand anzuzeigen, wünsche aber
-auch selber nicht angezeigt zu werden -- um Gottes willen, davon könnte
-ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie nur ruhig weiter
--- spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie Lust haben --, und reden wir
-nicht mehr davon!«
-
-»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, um die Rechte
-dieses Herrn hier zu vertreten -- jetzt kann er selbst weiterspielen.
-Doch bevor Sie gehen -- wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, weshalb
-nach Ihrer Meinung die Gesellschaft diese Vorschrift erlassen hat?«
-
-»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen klar und einfach; sie
-ist erlassen aus Rücksicht auf die Gefühle, ich meine die religiösen
-Gefühle der Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, wenn
-durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der Sonntag entheiligt wird.«
-
-»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts dabei, den Sonntag
-durch Reisen zu entheiligen, aber sie wollen nicht dulden, daß andre
-Leute ...«
-
-»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf diesen
-Gedanken war ich noch nie gekommen. Aber es ist wirklich eine _alberne_
-Vorschrift, wenn man genauer zusieht.«
-
-In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu und wollte sehr von oben
-herab das Kartenspielen untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die
-Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir hörten kein Wort mehr
-von der Geschichte.
-
-In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett und bekam daher von
-der Weltausstellung keinen Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt,
-nach dem Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig war.
-Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major eine Salonabteilung
-in einem Schlafwagen und bezahlte den Preis dafür. Ich hatte also
-einen bequemen großen Raum zur Verfügung; als wir aber auf dem
-Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß aus Versehen unser Wagen
-nicht angehängt worden war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns
-freigehalten -- mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der Major
-sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten warten, bis der Wagen
-angehängt sei. Hierauf antwortete der Schaffner mit freundlicher Ironie:
-
-»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie soeben sagten, aber
-wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, meine Herren, einsteigen! Lassen
-Sie uns nicht warten!«
-
-Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ auch nicht zu, daß ich
-es tat. Er verlangte seinen Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies
-machte den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, und er
-rief:
-
-»Wir haben unser möglichstes getan -- Unmögliches können wir nicht
-fertig bringen. Sie werden diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es
-ist ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in diesem letzten
-Augenblick wieder gutgemacht werden. So etwas kommt ab und zu vor, und
-man kann nichts andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu
-finden. Andre Leute machen’s auch so.«
-
-»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren Rechten bestanden, so
-würden Sie jetzt nicht versuchen, die meinigen so mir nichts dir nichts
-unter die Füße zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen
-unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist meine Pflicht,
-den nächsten, dem das Gleiche passieren könnte, vor derartigem zu
-bewahren. Ich muß also meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago
-warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung des mit mir
-abgeschlossenen Vertrages verklagen.«
-
-»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer Kleinigkeit?«
-
-»Gewiß.«
-
-»Ist das wirklich Ihre Absicht?«
-
-»Allerdings.«
-
-Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt prüfenden Blick an; dann
-sagte er:
-
-»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht da -- ist mir noch niemals
-vorgekommen. Aber ich will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich
-will den Bahnhofsvorsteher holen.«
-
-Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -- auf den Major, nicht
-auf den Mann, der das Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz
-angebunden und stellte sich auf den gleichen Standpunkt wie anfangs
-der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen durchaus nicht; er
-bestand mit seiner freundlichen Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen
-haben. Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des Rechts nur auf
-der einen Seite, und zwar auf der des Majors. Der Stationsvorsteher
-gab sein ärgerliches Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar
-halb und halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung von
-Vergleichshandlungen, und der Major gab nun auch etwas nach. Er sagte,
-er wolle auf die _bestellte_ und bezahlte Salonabteilung verzichten,
-aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach einigem Suchen wurde eine
-gefunden, deren Inhaber sich überreden ließ; er vertauschte sie mit
-unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab.
-
-Am Abend besuchte der Schaffner uns und war freundlich und höflich
-und zuvorkommend. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und
-wurden schließlich gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum
-beschwerte sich öfter -- das würde von guter Wirkung sein. Man könnte
-nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen den Reisenden gegenüber ihre
-Schuldigkeit täten, solange nicht die Reisenden sich selber darum
-bekümmerten.
-
-Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug reformiert, aber
-dem war nicht so. Am andern Morgen bestellte der Major, als wir im
-Speisewagen saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte:
-
-»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir servieren nichts, was
-nicht auf der Karte steht.«
-
-»Der Herr da drüben ißt Huhn.«
-
-»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor bei der
-Gesellschaft.«
-
-»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn haben. Solche Unterscheidung
-liebe ich nicht. Bitte, schnell -- bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!«
-
-Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser setzte leise und höflich
-dem Major auseinander, es ließe sich unmöglich machen -- es wäre gegen
-die Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste.
-
-»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder sie
-unparteiisch brechen. Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder mir
-auch eins bringen.«
-
-Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. Er begann eine
-unzusammenhängende Erklärung vom Stapel zu lassen, und in diesem
-Augenblick kam der Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward
-setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus ein Huhn haben
-wollte, obwohl das doch gegen die Vorschrift wäre und jenes Gericht
-nicht auf der Speisekarte stände. Der Schaffner sagte:
-
-»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift -- eine andre Wahl gibt’s nicht
-für Sie. Aber warten Sie mal ’nen Augenblick -- ist das der Herr?«
-Dann lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre Vorschriften ...
-ich rate Ihnen -- und ich weiß warum --, geben Sie ihm alles, was er
-verlangt, und wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten und
-besorgen Sie’s.«
-
-Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er täte es nur aus
-Pflichtgefühl und des Prinzips wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar
-nicht.
-
-Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, aber ich lernte dafür
-ein paar diplomatische Kunstgriffe kennen, die sich mir und dem Leser
-vielleicht im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen werden.
-
-
-
-
-Meine Tätigkeit als Reisemarschall.
-
-
-Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach Genf fahren mußten
-und von dort in einer Reihe von tagelangen und höchst verzwickten
-Eisenbahnreisen nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen
-Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche Gesellschaft
-wie meine Familie nach dem Rechten sehen konnte.
-
-Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit huschte dahin, und als
-ich eines Morgens aufwachte, kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß
-wir abfahren sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da faßte ich
-einen Entschluß; er war, das fühlte ich, wahnwitzig kühn, aber ich war
-gerade in der richtigen Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den
-ersten Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung übernehmen.
-Ich tat es.
-
-Ich brachte die Gesellschaft -- vier Personen -- höchstselber von Aix
-nach Genf. Die Entfernung betrug reichlich zwei Stunden; unterwegs war
-einmal Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste Mißgeschick;
-allerdings ließ ich eine Reisetasche und einige andre Sachen auf dem
-Bahnsteig stehen -- aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick nennen,
-so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot mich daher, für den ganzen
-Weg bis Bayreuth die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.
-
-Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals nicht so vorkam.
-Zur Aufgabe gehörten nämlich mehr Unteraufgaben, als ich vermutete.
-Erstens: zwei Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer Genfer
-Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt und nach dem Hotel
-gebracht werden. Zweitens: ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo
-man die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid sagen, daß sieben
-von unseren aufbewahrten Koffern nach dem Hotel gebracht und dafür
-sieben andre, die die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden,
-wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte ausfindig machen,
-in welchem Teil von Europa Bayreuth liegt, und sieben Eisenbahnkarten
-nach diesem Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm
-an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: es war jetzt zwei Uhr
-nachmittags und wir mußten scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten
-Nachtzug zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. Sechstens:
-ich mußte auf der Bank Geld erheben.
-
-Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es mir, das
-Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich mich daher selber nach
-dem Bahnhof; Gasthofbedienstete sind nicht immer allzu schlau. Es
-war ein heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir aber
-sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, wie sich’s herausstellte,
-ein Irrtum von mir, denn ich verlief mich und brachte dadurch die
-Entfernung auf das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und man
-fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen wünschte. Das brachte
-mich in Verlegenheit und um meine Besinnung, denn es standen so viele
-Leute um mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den Reisewegen und
-dachte nicht, es könnte zwei verschiedene geben; ich hielt es daher für
-das beste, erst wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte
-auszusuchen und dann wieder zu kommen.
-
-Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im Hotel die Treppen
-hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine Zigarren alle waren; ich dachte
-daher, es wäre gut, mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder
-vergäße. Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte dazu die Droschke
-nicht, sagte daher dem Kutscher, er solle warten. Unterwegs dachte
-ich an das Telegramm und versuchte den Wortlaut desselben in meinem
-Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren und Droschke und
-ging weiter und immer weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von
-einem der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. Da ich aber
-inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts gekommen sein
-mußte, so dachte ich, ich wollte es selber tun. Aber es war weiter,
-als ich vermutet hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb die
-Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der Telegraphenbeamte war
-ein streng aussehender aufgeregter Mensch; er begann mit einer solchen
-Zungengeläufigkeit französische Fragen auf mich loszufeuern, daß ich
-nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte und das andre anfing
--- und dadurch verlor ich abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein
-Engländer ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte zu wissen,
-wohin er das Telegramm schicken sollte. Das konnte ich ihm nicht sagen,
-weil es nicht _mein_ Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander,
-daß ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft
-besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele beruhigen: er mußte
-durchaus die Adresse haben! Ich sagte ihm daher, wenn er so heikel
-wäre, so wollte ich nach Hause gehen und sie besorgen.
-
-Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die
-beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles
-systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu
-seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem
-Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an
-und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen
-lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme.
-
-Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden
-Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit,
-weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten.
-Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere
-kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war --
-oder wenigstens kam es mir so vor -- mir däuchte daher, ich könnte
-Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit
-den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit
-schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen
-Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich
-reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs
-brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete,
-das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich
-und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot
-mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück
-an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm
-gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster
-Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.
-
-Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.;
-ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel
-schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob
-ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber
-alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.
-
-Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen
-Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen.
-Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen
-lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also
-eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten
-Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem
-Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der
-Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine
-Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir
-gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und
-gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein,
-und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder
-nach dem Postamt zurückkäme.
-
-Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen
-gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der
-diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb
-elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei
-jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen
-Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze
-Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person;
-wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich
-wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur
-gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen
-lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich
-ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen
-könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er
-sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu
-sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das
-er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich
-dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in
-meinen drei Droschken nach Hause.
-
-Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue
-Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei
-nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen
-Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz
-bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die
-Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die
-Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe,
-Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und
-Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon
-gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend
-gefallen. Ja, und sie warteten -- warteten auf mich. Mir schien, bloß
-ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter ~tour de
-force~ könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung
-zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die
-Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:
-
-»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«
-
-Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende
-gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich
-meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß
-bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war.
-
-Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu
-spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und
-den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem
-ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze
-Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser
-Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre
-dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen
-beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus
-diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen.
-Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das
-Haupt der Expedition fiel mir -- plumps! -- ins Wort und fragte
-schneidend: »Wo bist du gewesen?«
-
-Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht
-obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen.
-Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum
-schroff unterbrochen:
-
-»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine fürchterliche Angst um sie
-ausgestanden.«
-
-»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen eine Droschke besorgen.
-Ich will mich auch nun flugs auf den Weg machen und ...«
-
-»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es elf Uhr ist? Wo hast du sie
-gelassen?«
-
-»In ihrer Pension.«
-
-»Warum brachtest du sie nicht mit her?«
-
-»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. Darum dachte ich ...«
-
-»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. Man kann nicht denken,
-wenn man nicht den nötigen Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen
-bis zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke dorthin?«
-
-»Ich ..., nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, es kam nur ganz
-zufällig so.«
-
-»Wieso kam es denn zufällig?«
-
-»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, daß ich eine Droschke
-hier vor dem Hotel hatte warten lassen, und so, um die Ausgabe zu
-sparen, schickte ich eine andre Droschke, um ... um ...«
-
-»Um ...?«
-
-»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so schnell darauf
-besinnen; aber ich glaube, der neue Droschkenkutscher sollte im Hotel
-Bescheid sagen, daß sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und
-wegschickten.«
-
-»Was sollte das für einen Zweck haben?«
-
-»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch hätte doch die Ausgabe
-für die Droschke aufgehört, nicht wahr?«
-
-»Indem die neue Droschke an Stelle der alten wartete, und so die
-Ausgabe fortdauerte?«
-
-Hierauf sagte ich nichts.
-
-»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke zurückkommen, um dich
-abzuholen?«
-
-»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s ein. Jawohl, das tat
-ich. Ich erinnere mich nämlich, daß, als ich ...«
-
-»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und holte dich ab?«
-
-»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!«
-
-»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu Fuß nach der Pension zu
-gehen?«
-
-»Ich -- ich weiß nicht mehr so recht, wie das eigentlich zuging. O
-ja -- jetzt hab’ ich’s! Richtig! Ich schrieb die Depesche, die nach
-Holland geschickt werden sollte, und ...«
-
-»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens etwas fertig gebracht.
-Ich hätte dir auch nicht raten mögen, die Absendung zu verbummeln --
-aber warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? Du versuchst,
-bei meinem Auge vorbeizublicken. Die Depesche ist das Allerwichtigste
-auf der ... Du hast die Depesche nicht abgeschickt!!«
-
-»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.«
-
-»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach Herrje, es ärgert mich
-mehr als alles auf der Welt, daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen
-ist. Warum schicktest du es nicht ab?«
-
-»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes zu tun und im Kopfe zu
-behalten hat ..., sie nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem
-ich das Telegramm geschrieben hatte ...«
-
-»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes Reden kann es jetzt
-auch nicht mehr gut machen. Was soll er aber bloß von uns denken?«
-
-»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. Er wird denken,
-wir hätten das Telegramm den Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und
-sie ...«
-
-»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen denn nicht? Das war ja doch
-das einzige Vernünftige.«
-
-»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, ich müßte der
-Sicherheit wegen auf die Bank gehen und etwas Geld erheben.«
-
-»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß du wenigstens daran
-gedacht hast. Ich will dir auch nicht zu nahe treten, aber du mußt
-selber zugeben, daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast und
-daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. Wieviel hast du dir
-geben lassen?«
-
-»Hm, ich ... ich habe mir gedacht, daß ...«
-
-»Daß was?«
-
-»Daß ... hm mir scheint, daß unter den obwaltenden Verhältnissen ...
-und da wir so viele, weißt du ... und ... und ...«
-
-»Was brummelst du denn da in den Bart? Dreh’ dein Gesicht herum und laß
-mich ... wahrhaftig, du hast überhaupt kein Geld erhoben!«
-
-»Ja, der Bankier sagte ...«
-
-»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt einen ganz besonderen Grund
-dafür gehabt haben. Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne
-des Wortes, sondern etwas, was ...«
-
-»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war die, daß ich meinen
-Kreditbrief nicht bei mir hatte.«
-
-»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!«
-
-»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.«
-
-»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo war er?«
-
-»Im Postgebäude.«
-
-»Was sollte er denn da?«
-
-»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf dem Tisch liegen lassen.«
-
-»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle gesehen;
-aber von allen Reisemarschällen, die ich jemals ...«
-
-»Ich habe mein Bestes getan!«
-
-»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist unrecht von mir, daß ich
-dich so ausschelte. Du hast dich ja todmüde gelaufen, während wir
-hier saßen und bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir
-dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht hast. Es wird
-schon alles zurechtkommen. Wir können ebensogut morgen früh mit dem
-Halb-Acht-Zug fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?«
-
-»Jawohl -- und sogar recht billig; 2. Klasse.«
-
-»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter Klasse, und wir können
-die große Extraausgabe ganz gut sparen. Wieviel bezahltest du?«
-
-»Hundertzehn Francs für das Stück -- direkt bis Bayreuth.«
-
-»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte Fahrkarten kaufen könnte. Ich
-dachte, das könnte man nur in London und in Paris.«
-
-»Manche Leute können’s vielleicht nicht -- aber manche können’s; und zu
-den letzteren gehöre ich, wie es scheint.«
-
-»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.«
-
-»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine Kommissionsgebühr ab!«
-
-»Händler?!«
-
-»Ja -- ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.«
-
-»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich früh aufstehen müssen,
-und deshalb wäre es gut, wenn wir nichts zu packen hätten. Dein
-Regenschirm, deine Gummischuhe, deine Zigarren ..., was ist denn los?«
-
-»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren in der Bank liegen lassen.«
-
-»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein Regenschirm?«
-
-»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die Sache hat ja keine Eile.«
-
-»Was soll das heißen?«
-
-»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß ...«
-
-»Wo ist der Regenschirm?«
-
-»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja keine fünf Mi ...«
-
-»Wo ist er?«
-
-»Aeh ..., ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen stehen lassen; aber
-auf jeden Fall ...«
-
-»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen heraus! Das ist also genau
-so, wie ich’s mir gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?«
-
-»Die ... äh ...«
-
-»Wo sind deine Gummischuhe?«
-
-»Es ist ja so trocken ..., sie sagen ja alle, es sei kein Tropfen Regen
-mehr zu erw ...«
-
-»Wo -- sind -- deine -- Gummischuhe?!«
-
-»Sieh ’mal -- die Sache kam so. Zuerst sagte der Beamte ...«
-
-»Was für ein Beamter?«
-
-»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister ...«
-
-»Was für ’n Bürgermeister?«
-
-»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte ...«
-
-»Warte ’mal! Was ist mit dir los?«
-
-»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten mich beide überreden, ich sollte
-dableiben, und ...«
-
-»Dableiben? Wo?«
-
-»Die Sache ist nämlich ...«
-
-»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu
-tun gehabt?«
-
-»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte,
-da ...«
-
-»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir
-kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«
-
-»Sie ..., nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«
-
-Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen,
-aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder
-vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition
-nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht.
-
-Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen,
-und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen
-konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte.
-Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden,
-aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede
-auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese
-Angelegenheit besorgt.
-
-»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und
-intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht
-recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr
-darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig
-benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches
-Wort sagte.«
-
-Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir
-wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher
-fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es
-schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich
-ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine
-Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war
-schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran!
-
-Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir
-nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu
-warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich
-dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen.
-
-Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit
-zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas
-schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das
-könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er
-habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn,
-wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.
-
-»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt
-sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.«
-
-»Wieviel bezahlten Sie dafür?«
-
-»140 Francs.«
-
-»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in
-Ordnung.«
-
-Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:
-
-»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus.
-Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten -- ein guter ist
-gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir
-empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«
-
-Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es
-gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem
-Reisemarschallsamt sprach.
-
-Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der
-Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau
-kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn
-ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte
-der Polizist es wäre ›~défendu~‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm
-ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts
-wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine
-Muttersprache hörte.
-
-Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte
-die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen -- das
-tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum
-handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden
-ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief
-wurde hereingebracht und geöffnet -- und es war nichts weiter darin
-als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel,
-den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können,
-und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu
-allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit
-nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof
-sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und
-dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei
-unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich,
-welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben
-in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten
-auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des
-Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs
-nach der Bank.
-
-Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch
-bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding
-zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!
-
-Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in eine Nebenstraße ein
-und begab mich auf den Weg, um die beiden fehlenden Mitglieder der
-Expedition abzuholen. Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich ließ
-mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit gewann ich dadurch
-nichts, aber es war eine ruhevolle Abwechslung, und ich liebe recht
-viele Ruhe. Der wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten
-Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der Begründung der
-Eidgenossenschaft war auf seinem Höhepunkt, und alle Straßen waren mit
-wehenden Fahnen behangen.
-
-Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken gewesen und hatten
-während dieser ganzen Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus
-wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. Aber im Laufe der
-Zeit kamen wir trotzdem an. Ich ging ins Haus und klingelte, und bat
-ein Dienstmädchen, sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, daß sie
-schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf etwas, was ich nicht
-verstand, und ich kehrte zu meiner Karre zurück. Wahrscheinlich hatte
-das Mädchen mir gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk,
-und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und von Stockwerk zu
-Stockwerk läutete, bis ich sie fände; denn in diesen schweizerischen
-Mietskasernen scheint man jemanden nur dadurch finden zu können, daß
-man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach oben die richtige
-Wohnung zu erraten trachtet. Ich rechnete mir aus, daß ich fünfzehn
-Minuten würde warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets drei
-unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens: die Hüte aufsetzen,
-herunterkommen, einsteigen; zweitens: Umkehren des einen Mitglieds:
-»um meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren des anderen
-Mitglieds: »um meinen ›kleinen Franzosen in der Westentasche‹ zu
-holen.« Ich beschloß, diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit meinen
-Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu ärgern.
-
-Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; dann fühlte ich
-eine Hand auf meiner Schulter und fuhr in die Höhe. Der Störenfried
-war ein Polizist. Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick
-der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine recht stattliche
-Menschenmenge versammelt, und die Leute sahen so vergnügt und neugierig
-drein, wie sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu Schaden gekommen
-ist.
-
-Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, und einige Jungen
-hatten sie und mich von oben bis unten mit bunten Zieraten behangen,
-die sie von den unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war ein
-empörender Anblick! Der Beamte sagte:
-
-»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den ganzen Tag hier
-schlafen lassen.«
-
-Ich war verletzt und sagte voll Würde:
-
-»Ich bitte recht sehr -- ich schlief nicht; ich dachte!«
-
-»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen Spaß macht; aber dann müssen
-Sie bei sich selber denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.«
-
-Es war ein armseliger Witz, aber die Menge lachte darüber. Ich
-schnarche zuweilen nachts, aber es ist unwahrscheinlich, daß ich bei
-Tage und auf offener Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns
-die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu tun, und er
-gab sich wirklich Mühe, anständig zu sein. Er sagte aber, wir dürften
-nicht länger mehr auf der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße
-nehmen -- so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte er in
-höflicher Weise, ich sähe ein bißchen angegriffen aus, und er möchte
-gern wissen ...
-
-Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten an und sagte, ich wollte
-doch hoffen, man dürfte solche Tage ein bißchen feiern, besonders wenn
-sie einen ganz persönlich angingen.
-
-»Persönlich?« fragte er. »Wieso?«
-
-»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner Vorfahren den Bundesvertrag
-mit unterzeichnete.«
-
-Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann prüfend an und sagte:
-
-»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn selber unterzeichnet.
-Denn von allen alten historischen Gedenkstücken, die ich jemals ...
-aber lassen wir das ... Worauf warten Sie hier so lange?«
-
-Ich sagte:
-
-»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. Ich warte fünfzehn
-Minuten, bis sie einen Handschuh und ein Buch vergessen haben und
-wieder umkehren, um sich die Dinger zu holen.«
-
-Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, die ich abholen wollte.
-
-Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den Köpfen und Schultern
-hinaufzurufen, die reihenweise aus allen Fenstern über uns heraussahen.
-Eine Frau rief von ganz oben herunter:
-
-»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, und sie sind schon vor
-langer Zeit von hier abgefahren -- so ungefähr um halb neun!«
-
-Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, sagte aber
-nichts. Der Beamte aber bemerkte:
-
-»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser
-erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen
--- und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten -- braun
-gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug
-verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?«
-
-Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor
-er sich davon erholt hatte, waren wir fort.
-
-Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer
-verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall
-das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die
-Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto
-sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen,
-was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener
-herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem
-Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas
-Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine
-Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die
-den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen.
-Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen
-seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig
-ausgedachten Anordnungen.
-
-Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn
-Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich
-sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser
-Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die
-Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit
-abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im
-Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten
-›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft
-vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und
-wir stürmten hinaus.
-
-Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit
-den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig,
-mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen
-Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen
-dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden
-und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie
-möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell
-ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie
-sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich
-dieselben gekauft hätte?
-
-»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die
-Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete
-ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie
-die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für
-den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu
-sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also:
-
-»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese
-Eisenbahnfahrkarten ...«
-
-»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.«
-
-»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«
-
-»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose
-von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.«
-
-Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen
-nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf
-herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und
-bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen,
-wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern
-und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen
-zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die
-geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem
-Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß
-sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren
-Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen
-kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist
-etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können.
-
-Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen,
-wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten
-die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten
-Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs
-lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön
-abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich
-sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der
-beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber
-die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr
-denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen,
-als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es
-herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht
-viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang
-zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und
-dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden.
-
-Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige
-andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin
-leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern,
-aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!«
-
-Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend
-etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte
-einen Vorschlag machen.
-
-Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen,
-und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt
-in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische
-Kräfte gäbe.
-
-Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen,
-erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern
-sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich
-und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte.
-
-»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«
-
-»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«
-
-»Nein.«
-
-»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben
-abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?«
-
-»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«
-
-»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst
-wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr
-Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...«
-
-Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich
-alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man
-immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in
-Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und
-kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh
-oder sonstwas einen umrennt.
-
-Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie
-nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen
-Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es
-schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich
-absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein,
-mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte
-das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy
-kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen
-Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit
-versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf
-Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme
--- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war,
-veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß
-wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer
-hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und
-daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder
-Güterzug und machten uns auf die Reise.
-
-Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter,
-ich möchte mal hinaufkommen.
-
-»Ja gewiß,« sagte ich.
-
-Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine
-Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen,
-um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen
-Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke
-zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine
-Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die
-Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen
--- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den
-höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich
-mich da, wo ich war, sehr wohl befand.
-
-Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den
-Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner
-Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die
-Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre
-verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in
-aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.
-
-So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im
-Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem
-sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den
-guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem
-Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften
-übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von
-_einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde
-sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts
-weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen
-und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach
-Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine
-kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte
-ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich
-bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde
-niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen
-das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe,
-so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges,
-hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und
-der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein
-wirbliger Kopf.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Von allerhand Schiffen.
-
-
-Der moderne Dampfer.
-
-Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir
-bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt
-statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber
-lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte
-nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein
-könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum
-größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich
-spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich
-seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten,
-auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in
-den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn,
-zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.
-
-Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher
-machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So
-z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und
-hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in
-den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für
-ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet
-sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man
-sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die
-Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels
-gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf
-rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den
-Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt;
-auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen
-lassen.
-
-Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war
-in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht,
-die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen
-einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und
-zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien;
-diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie
-beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch
-saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf
-der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne.
-In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller
-einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes,
-gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags
-›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist
-das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet
-täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf
-dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares
-Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß;
-jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist
-überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen
-bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen
-halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben
-wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach
-und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas
-recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist
-ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller
-Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit
-versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war
-der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere
-geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den
-alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das
-war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum
-Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und
-schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel;
-es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach
-alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses
-Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder
-vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und
-Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels
-haben solche Rauchzimmer.
-
-Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder
-drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen
--- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der
-moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten
-haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn
-wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze.
-Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem
-denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of
-Paris‹ zustieß.
-
-Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort
-auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper,
-Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der
-Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des
-Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht
-nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich
-feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer
-Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke,
-die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und
-deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf
-dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und
-hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen
-sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für
-sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von
-der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird
-aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels
-eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim
-Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab,
-daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben
-ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören
-nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe
-selber seine Landung bewerkstelligte.
-
-Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über
-der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum
-ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher
-angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche
-Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch,
-gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen
-Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling,
-daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen
-wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch
-sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt
-worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes
-Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe
-Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste
-in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar,
-die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß
-das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und
-ihn tötete.
-
-Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der
-keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen
-gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es
-beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche
-Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich
-erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal
-auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr
-später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und
-eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde,
-von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber
-vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer
-hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in
-einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer
-Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100
-Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen
-einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn
-einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹
-vorhanden.
-
-In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und
-wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre
-jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen
-sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren
-Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein
-außergewöhnlicher Sturm herrscht.
-
-Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der
-Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit
-beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir
-unverständliche Inschriften:
-
- Kielbehälter leer
- Doppelboden Nr. 1 voll
- Doppelboden Nr. 2 voll
- Doppelboden Nr. 3 voll
- Doppelboden Nr. 4 voll
-
-Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte,
-und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte,
-kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus
-und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz
-steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch
-irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie
-bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente
-dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das
-Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich
-wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen
-hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser
-Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre
-Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung
-wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.
-
-An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des
-Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das
-Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese
-Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden
-eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und
-in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes
-über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine
-400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn
-von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im
-Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser --
-618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.
-
-Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das
-Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den
-Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert,
-kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der
-Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern
-angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht
-ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die
-Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk
-der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem
-anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der
-Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der
-Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht
-geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie
-zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz
-hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.
-
-Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die
-Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und
-herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen
-Zweck erfüllen.
-
-Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen;
-aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach
-den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich
-darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis
-auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht
-zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht
-befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit
-wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen.
-Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und
-erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs
-Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast
-von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das
-Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht
-so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein
-eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe
-ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr
-vorhanden ist.
-
-
-Die Arche Noäh.
-
-Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte
-Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des
-guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche
-Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in
-der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen,
-daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat
-uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf
-die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah
-nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren
-würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen
-zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das
-Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen.
-
-Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll,
-freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie
-der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner
-Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und
-wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie
-groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen
-Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und
-Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen
-würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen
-Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu
-besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern:
-
-»Wie lang ist sie?«
-
-»Sechshundert Fuß.«
-
-»Wie tief?«
-
-»Fünfundsechzig.«
-
-»Die Breite?«
-
-»Hundert Fuß.«
-
-»Gebaut aus ...?«
-
-»Holz.«
-
-»Was für Holz?«
-
-»Tannenholz.«
-
-»Innere und äußere Verzierungen?«
-
-»Verpicht inwendig und auswendig.«
-
-»Passagiere?«
-
-»Acht.«
-
-»Geschlecht?«
-
-»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«
-
-»Alter?«
-
-»Von hundert Jahren an aufwärts.«
-
-»Wie hoch aufwärts?«
-
-»Sechshundert.«
-
-»Ah -- gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?«
-
-»Einen Arzt haben wir nicht.«
-
-»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -- letzterer
-ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht
-die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«
-
-»Dieselben acht.«
-
-»Dieselben acht?«
-
-»Dieselben acht.«
-
-»Und die Hälfte davon Weiber?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Haben sie je zur See gedient?«
-
-»Nein.«
-
-»Aber die Männer?«
-
-»Auch nicht.«
-
-»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?«
-
-»Nein.«
-
-»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«
-
-»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«
-
-»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer
-ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben.
-Wer ist der Kapitän?«
-
-»Ich.«
-
-»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner
-Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des
-Schiffes?«
-
-»Das tat ich.«
-
-»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«
-
-»Tiere.«
-
-»Was für Arten?«
-
-»Sämtliche Arten.«
-
-»Fremdländische oder einheimische?«
-
-»Meistens fremdländische.«
-
-»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«
-
-»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen -- alles
-wilde Getier aus allen Zonen -- von jeder Sorte zwei.«
-
-»Sicher in Käfigen untergebracht?«
-
-»Nein, nicht in Käfigen.«
-
-»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die
-Menagerie?«
-
-»Wir.«
-
-»Die alten Leute?«
-
-»Ja.«
-
-»Das ist gefährlich -- für beide Teile. Für die Tiere muß von
-sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?«
-
-»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98000.«
-
-»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?«
-
-»Durch zwei Fenster.«
-
-»Wo sind die?«
-
-»Oben unter den Dachrinnen.«
-
-»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie
-müssen sich elektrisches Licht zulegen -- ein paar Bogenlampen und 1500
-Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele
-Pumpen haben Sie?«
-
-»Keine, lieber Herr.«
-
-»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere
-und die Tiere?«
-
-»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.«
-
-»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«
-
-»Was für was?«
-
-»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?«
-
-»Keine.«
-
-»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr
-Steuerapparat?«
-
-»Wir haben gar keinen.«
-
-»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«
-
-»Nein.«
-
-»Wie steuern Sie denn das Schiff?«
-
-»Wir steuern nicht.«
-
-»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung
-versehen. Wie viele Anker haben Sie?«
-
-»Keine.«
-
-»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige
-nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben
-Sie?«
-
-»Keine, lieber Herr.«
-
-»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«
-
-»Keine.«
-
-»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise
-dauern?«
-
-»Elf oder zwölf Monate.«
-
-»Elf oder zwölf Monate ... Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch
-rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen --
-mit Kupfer?«
-
-»Der Schiffsrumpf ist nackt -- ist überhaupt nicht beschlagen.«
-
-»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das
-Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten
-auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff _darf_ nicht die Erlaubnis
-erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun
-noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt
-und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?«
-
-»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu
-fahren.«
-
-»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die
-Tiere haben?«
-
-»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«
-
-»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?«
-
-»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -- ja! Aber der
-Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt,
-den Vorrat wieder zu ergänzen.«
-
-»In einer Flut?«
-
-»Ja.«
-
-»Wissen Sie das gewiß?«
-
-»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.«
-
-»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier
-oftmals vor.«
-
-»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken
-und das Land wird völlig unsichtbar werden.«
-
-»Im Vertrauen -- aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter
--- gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben;
-denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis,
-nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder
-zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff
-kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt
-notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden
-sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.«
-
-»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels
-Eimer schöpfen werde.«
-
-»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht,
-werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen
-sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb
-zulegen und Ihr Wasser destillieren ... Nun will ich mich von Ihnen
-verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten
-Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?«
-
-»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein
-Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste
-Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«
-
-»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr
-bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue --
-völlig neue und unabgedroschene -- Züge als in jedem andern Schiff, das
-auf den Meeren schwimmt.«
-
-»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, --
-unendliche! -- und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung
-bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen
-gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!«
-
-Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich
-sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber
-in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen.
-
-
-Kolumbus und sein Schiffchen.
-
-In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’
-Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen
-zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen,
-so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger
-unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo
-gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff
-gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer
-Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die
-spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen
-Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen.
-Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt
-der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht,
-brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen
-würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das
-Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen
-und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers
-besteht aus 250 Menschen.
-
-Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen
-beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene
-weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte
-nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen
-wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und
-schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder
-auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag.
-Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom
-Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf
-dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen
-als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel,
-unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur
-eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und
-enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und
-Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte
-in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß
-einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum,
-wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem
-hochaufragenden Hüttendeck -- ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß
-Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die
-Wellen das Deck.
-
-Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor,
-daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich
-daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll
-von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und
-schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger
-auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein
-Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser
-ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche.
-Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit.
-
-Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir
-ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers
-entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor
-dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der
-Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom
-Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit
-Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte
-wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen
-Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt
-mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch
-einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten
-wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln,
-die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und
-Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt
-mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene
-Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus
-Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind;
-Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der
-heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande
-gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten
-Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist.
-
-Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels
-und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie
-nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne
-am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und
-übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu
-läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem
-Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt
-und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und
-wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe ... Das war Kolumbus in seiner
-menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte!
-
-Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das
-gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für
-ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn
-außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu
-sagen hat.
-
-Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück:
-Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich
-zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und
-feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er
-allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein.
-Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine
-Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein
-Dankgebet für all die guten Sachen -- deren Wert er vielleicht ein
-bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete
-Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die
-flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen
-mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers
-geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen,
-und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und
-divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen
-Leibe.
-
-Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des
-großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied
-zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer
-›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.
-
-Als er wiederkam -- so berichtet die Weltgeschichte -- da sagte der
-König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein.
-Leckte es schlimm?«
-
-»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der
-Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.«
-
-So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von
-fünfzehnmal.
-
-
-Verschollene Gefühle.
-
-Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die
-zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem
-Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne
-halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns
-Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese
-Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen
-vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese
-Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer
-Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und
-sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war.
-Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen
-Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen
-Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime.
-Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen
-sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten:
-
- Der Heimat zu, der Heimat zu,
- Vom fernen fremden Strand.
-
-Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies
-das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen
-Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen
-Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus
-auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos.
-Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt
-hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres.
-
-Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das
-Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen
-Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus
-der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus
-der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben
-auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das
-poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals
-Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige
-Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von
-der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so
-feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes
-waren -- sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil
-jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür
-ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm
-drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf
-dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm
-nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und
-barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die
-Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten
-der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß
-am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum
-andern Morgen warten muß.
-
-Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff.
-Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der
-Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß
-wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer
-2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der
-›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff
-damals -- da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein
-Dutzend junge Leute -- werden jetzt wohl hübsch alt sein -- und diese
-setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht
-oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise,
-schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für
-Humor und sangen fortwährend:
-
- Der Heimat zu, der Heimat zu,
-
-ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen
-still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte
-diesem Gesang das andre schöne Lied:
-
- ›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹
- Frug die sterbende Maid -- und der Hafen war nah.
-
-Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte
-wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ -- natürlich;
-und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt?
-Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber
-keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber;
-keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither
-im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll
-gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn
-wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten
-wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden
-ihn davon abbringen können. Aber -- man mag es kaum aussprechen --
-er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich
-unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben -- und glaube in der Tat
--- daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer
-Gesinnung zu bekehren.
-
-Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der
-Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam
-eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten
-unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich
-nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber
-das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän
-war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns
-festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen
-Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt;
-andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an
-diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte
-Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet,
-und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das
-Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks
--- jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes
-Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.
-
-Nun, die Woche darauf -- indessen, Sandy Hook ist in Sicht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Roman der Eskimo-Maid.
-
-
-»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem Leben alles erzählen, was
-Sie gerne hören möchten,« sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei
-sah sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins Gesicht; »denn es
-ist lieb und nett von Ihnen, daß Sie mich leiden mögen und etwas über
-mich wissen wollen.«
-
-Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem beinernen Messerchen
-Walfischfett von ihren Wangen geschabt und es an ihrem Pelzärmel
-abgewischt und dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das seine
-flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben über die einsame
-Schneeebene und die Dome der Eisberge ergoß -- ein Schauspiel von
-fast unerträglich glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte sie
-die träumerische Stimmung von sich ab und schickte sich an, mir die
-einfache kleine Geschichte zu erzählen, um die ich sie gebeten hatte.
-Sie setzte sich bequem auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa
-diente, und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers an.
-
-Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche vom Eskimostandpunkt. Andere
-hätten sie für ein bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade
-zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste Mädchen ihres
-Stammes. Sogar hier in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und
-unförmlichen Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln und unter der
-großen Kapuze war wenigstens die Schönheit ihres Gesichtes erkennbar;
-die Schönheit ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und Glauben
-annehmen. Unter allen aus- und eingehenden Gästen hatte ich an ihres
-Vaters gastlichem Eßtrog kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig
-hätte nennen können. Und dabei war sie unverdorben! Sie war lieblich
-und natürlich und aufrichtig, und wenn sie wußte, daß sie eine
-Schönheit war, so ließ doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen,
-daß sie diese Kenntnis besaß.
-
-Sie war nun seit einer Woche meine tägliche Kameradin gewesen, und
-je besser ich sie kennen lernte, desto besser gefiel sie mir. Sie
-war zärtlich und sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft,
-die in den Polargegenden als eine außerordentlich verfeinerte gelten
-konnte, denn ihr Vater war der einflußreichste Mann seines Stammes
-und stand auf der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -- so
-hieß sie -- lange Spazierfahrten im Hundeschlitten über die mächtigen
-Eisfelder und fand ihre Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre
-Unterhaltung angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, aber nicht
-in ihrem lebensgefährlich schwachen Boot, sondern ich spazierte bloß
-am Eisrande entlang und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden
-Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; mehreremale stand
-ich dabei, wenn sie und ihre Familie von einem gestrandeten Wal den
-Speck ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges auf die
-Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum Schuß kam, denn im Grunde
-habe ich Angst vor Bären.
-
-Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte erzählen. Hier ist sie:
-
-»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie die anderen Stämme über
-das gefrorene Meer von Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren
-wurde mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich dieses große
-Schloß aus Schneeblöcken -- sehen Sie es nur an! Es ist sieben Fuß
-hoch und drei- oder viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier
-haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr stolz auf sein Haus und
-das mit Recht; denn wenn Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen
-Sie bemerkt haben, wieviel schöner und vollständiger es ist als die
-üblichen Wohnungen. Haben Sie noch nicht darauf geachtet, so müssen Sie
-es unbedingt thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung
-finden, die sich hoch über das Gewöhnliche erhebt. Zum Beispiel, an dem
-Ende, das Sie den ›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte
-Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es sich beim Essen bequem
-machen. Diese Plattform ist die größte, die Sie je in einem Hause
-gesehen haben -- nicht wahr?«
-
-»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist die größte. Wir haben
-selbst in den schönsten Häusern der Vereinigten Staaten nichts
-Aehnliches.«
-
-Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen voll Stolz und Wonne. Ich
-bemerkte es und schrieb es mir hinter die Ohren.
-
-»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht hätte,« sagte sie.
-»Und noch eins: Der Boden ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst
-üblich ist. Alle Arten Pelzwerk -- vom Seehund, Seeotter, Silberfuchs,
-Bär, Marder, Zobel -- alle Arten Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden.
-Dasselbe gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die Sie
-›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause Plattformen und Schlafbänke
-besser ausgestattet?«
-
-»Das sind sie wirklich nicht, Lasca -- man denkt noch gar nicht mal
-daran.« Das gefiel ihr wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze,
-die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, nicht an
-deren Wert. Ich hätte ihr sagen können, daß diese Massen von kostbarem
-Pelzwerk ein Vermögen bedeuteten -- oder wenigstens in meiner Heimat
-bedeuten würden -- aber sie hätte das nicht verstanden; solche Sachen
-galten bei ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr sagen
-können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder die Alltagskleider der
-gewöhnlichsten Person ihrer Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert
-Dollars wert seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame kenne, die
-in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen ginge. Aber auch dies hätte
-sie nicht verstanden. Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort:
-
-»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei im Empfangssalon und außerdem
-noch zwei andere im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand zwei im
-Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in Ihrem Salon daheim?«
-
-Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm mir den Atem; ich sammelte
-mich aber wieder, bevor sie etwas merkte, und sagte voll Wärme:
-
-»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, daß ich meine Heimat
-bloßstelle, und Sie dürfen es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu
-Ihnen im Vertrauen -- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nicht mal der
-reichste Mann in der Stadt New York zwei Spülzuber in seinem Salon hat.«
-
-Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten Hände
-zusammen und rief:
-
-»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das _kann_ nicht Ihr Ernst
-sein!«
-
-»Ja, es ist _wirklich_ mein Ernst, Liebste! Da ist Vanderbilt.
-Vanderbilt ist ungefähr der reichste Mann auf der ganzen Welt. Nun,
-und wenn ich auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, daß
-nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, nicht mal _einen_ hat er --
-ich will auf der Stelle sterben, wenn’s nicht wahr ist!«
-
-Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen weit aufgerissen, und sie
-sagte langsam, mit einem gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam
--- wie unglaublich -- man kann es sich gar nicht vorstellen. Ist er
-geizig?«
-
-»Nein -- das ist er nicht. Auf die Ausgabe kommt’s ihm nicht an,
-aber -- hm -- wissen Sie, es würde protzig aussehen. Ja, das ist es
--- so denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art und hat eine
-Abneigung gegen Entfaltung von Pomp und Prunk.«
-
-»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« sagte Lasca, »wenn
-man sie nicht zu weit treibt -- aber wie sieht denn nun der Salon aus?«
-
-»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, aber ...«
-
-»Das kann ich mir denken. So was habe ich noch nie gehört! Ist es ein
-schönes Haus -- ich meine, abgesehen _davon_?«
-
-»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute Meinung davon.«
-
-Das Mädchen saß eine Weile schweigend da und knabberte träumerisch an
-einem Lichtstumpf. Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte
-einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den Kopf und sprach
-frank und frei ihre Meinung aus:
-
-»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art von Demut, die, wenn man
-ihr auf den Grund geht, doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann,
-der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten kann, es nicht thut, so
-ist er _vielleicht_ wirklich demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher
-ist es, daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich lenken will.
-Nach meiner Meinung weiß Herr Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.«
-
-Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn ich fühlte, daß der
-Besitz von zwei Spülzubern nicht für jedermann der richtige Prüfstein
-sei, obgleich man in der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann.
-Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich nichts
-einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die reichen Leute bei Ihnen
-auch so gute Schlafbänke wie wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken
-gemacht?«
-
-»Na, sie sind ziemlich gut -- gut genug -- aber aus Eisblöcken sind sie
-nicht gemacht.«
-
-»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus Eisblöcken?«
-
-Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte sie darauf aufmerksam,
-wie teuer das Eis in einem Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf
-aufpassen muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer wird als das Eis
-selber. Da rief sie:
-
-»Herrje! _Kaufen_ Sie Ihr Eis?«
-
-»Ganz gewiß, mein liebes Kind.«
-
-Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen aus und sagte: »O,
-so was Albernes habe ich noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft
-vorhanden, ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe keine Fischblase
-für das Ganze!«
-
-»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, Sie kleine
-Provinzpflanze Sie! Wenn Sie das Eis hier im Hochsommer in New York
-hätten, so könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am Markt sind.«
-
-Sie sah mich zweifelnd an und sagte:
-
-»Sprechen Sie die Wahrheit?«
-
-»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.«
-
-Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte sie mit einem kleinen
-Seufzer:
-
-»Ich wollte, da könnte _ich_ wohnen!«
-
-Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen wollen, von denen sie sich
-einen Begriff machen konnte; aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich
-hatte ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New York Walfische
-reichlich vorhanden und billig seien, und hatte ihr den Mund wässern
-gemacht. Es schien am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler zu
-mildern versuchte; so sagte ich denn:
-
-»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts machen, wenn Sie in
-New York wohnten. Kein Mensch dort fragt etwas danach.«
-
-»Was?!«
-
-»Nein, wirklich nicht.«
-
-»Aber warum denn nicht?«
-
-»T--scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein Vorurteil, denke ich.
-Ja, das ist’s -- einfach ein Vorurteil. Wahrscheinlich hat mal irgendwo
-und irgendwann irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte,
-ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja, wenn so eine
-Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert es eine endlose Zeit, bis
-sie wieder ausgetrieben wird.«
-
-»Das stimmt -- das stimmt vollkommen!« sagte das Mädchen nachdenklich.
-»Geradeso war es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife -- wissen Sie,
-unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil gegen Seife.«
-
-Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich ja. Ich zögerte
-einen Augenblick, dann fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen
-Betonung:
-
-»Entschuldigen Sie: Sie _hatten_ ein Vorurteil gegen Seife? Hatten?«
-
-»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein Mensch wollte sie essen.«
-
-»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht gleich, was Sie meinten.«
-
-Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil. Als zum erstenmal Seife
-von den Fremdländischen hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie.
-Sobald sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und jetzt hat jeder
-welche, der es sich nur leisten kann. Lieben Sie Seife?«
-
-»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn ich keine haben könnte --
-besonders hier. Haben Sie sie gerne?«
-
-»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?«
-
-»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit. Lieben Sie sie?«
-
-Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief:
-
-»O, sprechen Sie nicht davon! ... Lichte! ... und Seife!«
-
-»Und Fischeingeweide ...!«
-
-»Und Leberthran ...!«
-
-»Und Bratenfett ...!«
-
-»Und Walfischspeck ...!«
-
-»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal! und Sauerkraut! und
-Bienenwachs! und Theer! und Terpentin! und Syrup! und ...«
-
-»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir bleibt die Luft weg vor
-Wonne ...«
-
-»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne angerichtet und die
-Nachbarn dazu eingeladen und dann ...«
-
-Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes war zu viel für sie, und
-sie fiel in Ohnmacht, das arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit
-Schnee und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile kühlte ihre
-Erregung sich ab. Allmählich kam sie wieder so weit, daß sie in ihrer
-Geschichte fortfahren konnte:
-
-»So begannen wir also hier in dem schönen Hause zu wohnen. Aber ich war
-nicht glücklich. Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen;
-ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück geben. Ich wollte um
-meiner selbst willen geliebt sein. Ich wollte anbeten und wollte von
-meinem Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als gegenseitige
-Anbetung konnte meine glühende Natur befriedigen. Ich hatte Freier
-genug -- ja übergenug -- aber in allem und jedem Fall hatten sie einen
-verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte ich diesen Mangel
--- kein einziger von ihnen vermochte ihn vor mir zu verhehlen: sie
-wollten nicht mich, sondern meinen Reichtum!«
-
-»Ihren Reichtum?«
-
-»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann in unserem Stamm -- und
-überhaupt unter allen Stämmen dieser Gegend.«
-
-Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres Vaters Reichtum bestehen
-möchte. Das Haus konnte es nicht sein -- ein jeder konnte sich so eins
-bauen. Die Pelze waren’s auch nicht -- denn die waren hier nichts
-wert. Der Schlitten, die Hunde, die Harpunen, das Boot, die beinernen
-Fischhaken, Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein -- nein,
-das war alles kein Reichtum. Was konnte es denn also sein, das diesen
-Mann so reich machte und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein
-Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um dies herauszufinden,
-das beste, wenn ich sie fragte. Ich that es. Das Mädchen war durch
-diese Frage so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte
-sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis brannte sie
-ebenso sehr wie mich meine Neugier. Sie schmiegte sich traulich an mich
-an und sagte:
-
-»Raten Sie, wie schwerreich er ist -- Sie kriegen es niemals heraus!«
-
-Ich that, als dächte ich tief über die Sache nach, und sie beobachtete
-den Ausdruck meiner Denkanstrengungen auf meinem Gesicht mit atemlosem
-und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich aufgab und sie bat,
-meine Sehnsucht zu stillen und zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser
-Vanderbilt des Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht an mein
-Ohr und wisperte eindrucksvoll:
-
-»_Zweiundzwanzig Angelhaken_ -- keine beinernen, sondern fremdländische
--- _aus echtem Eisen_!«
-
-Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde zurück, um die Wirkung zu
-beobachten. Ich gab mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen.
-Ich erbleichte und murmelte:
-
-»Gott Strambach!«
-
-»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!«
-
-»Lasca, Sie machen mir was weis -- Sie können es nicht im Ernst meinen!«
-
-Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus:
-
-»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr -- jedes Wort. Sie glauben mir
--- Sie glauben mir doch, bitte, nicht wahr? _Sagen_ Sie, daß Sie mir
-glauben -- bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.«
-
-»Ich ... hm ... na ja, ich glaube -- ich bemühe mich, es zu glauben.
-Aber es kam gar so plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie
-sollten so was nicht so mit einemmal machen. Es ...«
-
-»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur gedacht ...«
-
-»Nun, es ist schon gut ... und ich mache Ihnen keine Vorwürfe mehr,
-denn Sie sind jung und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht
-voraussehen, was für ’ne Wirkung ...«
-
-»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser daran denken sollen. Aber
-wie ...«
-
-»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder sechs Angelhaken angefangen
-hätten und dann allmählich ...«
-
-»O, ich verstehe, ich verstehe ... dann allmählich einen hinzufügen,
-und dann zwei und dann ... Ach, warum habe ich denn auch nicht daran
-gedacht!«
-
-»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht. Ich fühle mich jetzt
-besser ... binnen kurzem werde ich darüber weg sein. Aber ... einem
-unvorbereiteten und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit sämtlichen
-zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht springen ...!«
-
-»O ... es _war_ eine Sünde! Aber Sie verzeihen mir -- sagen Sie, daß
-Sie mir verzeihen! Bitte!«
-
-Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen Streichelns und Hätschelns
-und Zuredens eingeheimst hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder
-glücklich und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte hinein. Auf
-einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz noch irgend was anderes
-Ausgezeichnetes enthalten mußte -- augenscheinlich irgend ein Kleinod
--- und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu sprechen, damit es
-mich nicht abermals umwürfe. Doch ich wünschte auch von diesen Dingen
-genau Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen, was es sei.
-Sie hatte Angst. Aber ich bestand darauf und sagte, diesmal würde
-ich mich zusammennehmen und den Stoß aushalten. Sie war voll böser
-Ahnungen, aber die Versuchung, mir das Wunder zu enthüllen und sich
-an meinem Erstaunen und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark
-für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich, und sagte, wenn
-sie _sicher_ wäre, daß ich gefaßt sei -- u. s. w. u. s. w. -- und
-damit griff sie in ihren Busen und brachte ein verbeultes viereckiges
-Messingstück zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll an meinem
-Auge hing. Ich sank an ihren Busen in einer ganz vorzüglich gespielten
-Ohnmacht, die ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken
-versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie sich begierig, was
-ich zu ihrem Kleinod sagte.
-
-»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das köstlichste Ding, das ich
-jemals sah.«
-
-»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen, daß Sie das sagen. Aber
-es ist auch herzig -- ist es nicht?«
-
-»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es lieber mein eigen nennen,
-als den ganzen Aequator!«
-
-»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,« sagte sie. »Ich meine,
-es ist so herzig! Und es giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden!
--- Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher gereist, um sich’s
-anzusehen. Sahen Sie jemals früher so was?«
-
-Ich sagte nein; es wäre das erste derartige Juwel, das ich je gesehen
-hätte. Es gab mir einen schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu
-sagen, denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher Dinger
-gesehen -- da ihr Kleinod nichts anderes war, als eine verbogene alte
-New Yorker Bahnhofsgepäckmarke.
-
-»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch nicht mit diesem Juwel auf
-Ihrem Leibe so allein und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen
-Hund mitzunehmen?«
-
-»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand weiß, daß ich’s bei mir
-habe. Sie denken, es liegt bei Papas Schatz. Und da liegt es auch für
-gewöhnlich.«
-
-»Wo ist der Schatz?«
-
-Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick lang sah sie verdutzt
-und ein wenig mißtrauisch drein; aber ich sagte:
-
-»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir. Zu Hause sind wir siebzig
-Millionen Menschen, und -- ich sollte es eigentlich nicht selber von
-mir sagen, aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir nicht
-unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.«
-
-Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir, wo die Angelhaken im
-Hause versteckt lägen. Dann machte sie eine kleine Abschweifung, um ein
-bißchen mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu renommieren,
-die die Fenster ihres Schlosses bildeten, und fragte mich, ob ich zu
-Hause je ihresgleichen gesehen, und ich bekannte frei und offen, das
-hätte ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß sie keine Worte
-finden konnte, ihre Dankbarkeit darin zu kleiden. Es war so leicht
-ihr Freude zu machen, und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich
-fortfuhr und sagte:
-
-»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches Mädchen! Dieses schöne
-Haus, dies köstliche Juwel, der reiche Schatz, all dieser elegante
-Schnee und die prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und die
-jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit und weite Natur! Und
-jedermanns Augen ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht
-steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich, schön, umworben,
-gefeiert, beneidet -- von jedem Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch
-wird Ihnen erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie wünschen
-könnten -- was für ein unermeßliches Glück! Ich habe Myriaden von
-Mädchen gesehen, aber keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge
-mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie sind ihrer würdig --
-sind ihrer aller würdig, Lasca -- das glaube ich in meines Herzens
-Grunde!«
-
-Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich dies sagen zu hören
-und sie dankte mir immer und immer wieder für die Schlußbemerkung, und
-an ihrer Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich gerührt
-war. Aber plötzlich sagte sie:
-
-»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein -- es sind auch düstere
-Wolken vorhanden. Die Bürde des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals
-habe ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre, arm zu
-sein -- oder wenigstens nicht so über alle Maßen reich. Es schmerzt
-mich, wenn Leute von Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir
-vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu einander sagen höre:
-›Da! Das ist sie -- die Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer
-kummervoll: ›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich -- ich habe nichts!‹
-Das bricht mir das Herz. Als ich ein Kind war und wir arm waren, da
-schliefen wir bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt -- jetzt
-müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher war mein Vater freundlich
-und höflich zu allen; aber jetzt ist er streng und hochfahrend und
-kann’s nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst war seine
-Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt denkt er, wo er geht und
-steht, an seine Angelhaken. Und sein Reichtum macht, daß ein jeder
-unterthänigst vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über seine
-Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt und armselig und
-mangeln des einzigen Elements, das wirklich einen Spaß rechtfertigen
-kann -- des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder über diese
-greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal nicht thut, so ärgert mein
-Vater sich tief und läßt es sich merken. Früher fragte kein Mensch
-nach seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts, wenn er sie
-’mal ungefragt abgab; diesen Fehler haben seine Meinungen auch jetzt
-noch, trotzdem wollen alle sie hören und geben ihren Beifall dazu
--- und er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes Zartgefühl
-hat er gar nicht, dafür aber eine große Masse Taktlosigkeit. Er hat
-den Ton unseres ganzen Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein
-freimütiges, mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche Heuchler
-und aufgedunsene Liebediener. Von ganzem Herzensgrunde hasse ich all
-dies Millionärsgethue. Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes,
-einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken ihrer Väter;
-jetzt sind sie von Habsucht zerfressen und würden jedes Gefühl von Ehre
-und Würde opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne Angelhaken
-zu erlangen. Aber ich darf bei diesen traurigen Geschichten nicht
-verweilen ... Wie ich gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst
-willen geliebt zu werden.
-
-»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen zu sollen. Eines Tages
-kam ein Fremder durch, der sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm
-meinen Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz hüpfte hoch vor
-Dankbarkeit und Glück, denn ich hatte ihn auf den ersten Blick geliebt,
-und nun sagte ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte,
-er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem Augenblick. Wir
-lustwandelten miteinander weit über die Eisfelder, sprachen immerfort
-von uns selber und planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir
-endlich müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn er hatte
-Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein bißchen Walfischthran
-mitgenommen. Wir waren hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut.
-
-»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe fern im Norden lagen,
-und ich fand heraus, daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte,
-und das machte mich über alle Maßen froh. Das heißt, er hatte wohl von
-dem Millionär gehört, kannte aber dessen Namen nicht -- so konnte er
-also, verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war. Sie können
-sich denken, daß ich ihm nichts davon sagte. Endlich war ich um meiner
-selbst willen geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich war so
-glücklich -- o, glücklicher, als Sie sich vorstellen können.
-
-»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und ich führte ihn nach
-unserm Hause. Als wir in dessen Nähe kamen, war er erstaunt und rief:
-
-»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹
-
-»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich diesen Ton hörte und den
-bewundernden Glanz in seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald
-hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so schmuck und vornehm
-aus. Meiner ganzen Familie, Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen
-gefiel er gut, viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde dicht
-verschlossen, die Thranlampen angezündet, und als alles heiß und recht
-zum Ersticken gemütlich war, da begannen wir ein fröhliches Festmahl
-zur Feier meiner Verlobung.
-
-»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein Vater seiner Eitelkeit
-und konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Reichtümern
-zu protzen und Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück er
-hineingetappt wäre -- und vor allem natürlich wollte er sich an des
-armen Mannes Erstaunen weiden. Ich hätte weinen mögen -- aber es hätte
-nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater abzureden; so
-sagte ich denn nichts, sondern saß nur da und litt schweigend.
-
-»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute geradenweges auf das
-Versteck los und holte die Angelhaken hervor und brachte sie
-herbei und warf sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in
-glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen auf die Plattform
-niederfielen. Natürlich stand bei dem erstaunlichen Schauspiel dem
-armen Burschen der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger
-Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich wundern, wie ein
-einzelner Mensch so unglaubliche Reichtümer besitzen könne. Dann auf
-einmal leuchtete sein Antlitz auf und er rief aus:
-
-»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹
-
-»Mein Vater und alle übrigen brachen lärmend in ein glückliches
-Gelächter aus, und als mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte,
-als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle Bedeutung, und ihn
-wieder an seinen Platz trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen. Er
-sagte:
-
-»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst ohne sie zu zählen?‹
-
-»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes Lachen erschallen und sagte:
-
-»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter sehen, daß du niemals reich
-gewesen bist, wenn eine Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in
-deinen Augen ein so mächtiges Ding ist!‹
-
-»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann sagte er aber:
-
-»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals auch nur soviel, wie der
-Widerhaken an einer solchen kostbaren Angel wert ist, und ich habe
-niemals einen Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt
-hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, den ich bis jetzt
-gekannt, besaß nur drei.‹
-
-»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem Entzücken und mußte
-dadurch den Eindruck noch vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine
-Angelhaken zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen Sie, das war
-Renommisterei. Ob er sie zählte? Ei ja, er zählte sie jeden Tag!
-
-»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung getroffen
-und kennen gelernt; nach unserem Hause gebracht hatte ich ihn genau
-drei Stunden später, bei Einbruch der Nacht -- denn die Tage waren
-kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht näherten. Viele
-Stunden dauerte unser festliches Gelage; endlich gingen die Gäste
-fort, und wir Zurückbleibenden verteilten uns die Wände entlang auf
-die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken -- außer mir.
-Ich war zu glücklich, zu erregt, um schlafen zu können. Nachdem ich
-lange, lange Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche
-Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende des Raumes verschwand.
-Ich konnte nicht unterscheiden wer es war und ob es ein Mann oder eine
-Frau sein mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere in der
-entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. Ich grübelte in mir darüber
-nach, was wohl dies alles bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir
-nichts, und während ich noch grübelte, schlief ich ein.
-
-»Ich weiß nicht wie lange ich schlief -- aber plötzlich war ich hell
-wach und hörte meinen Vater mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim
-großen Schneegott! Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere Stimme
-sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge für mich -- und das Blut in
-meinen Adern erstarrte vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben
-Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr alle miteinander und
-packt mir den Fremden!‹ Dann ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf
-allen Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten durch die
-Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten zu Hilfe, aber was konnte ich
-anders thun als warten und die Hände ringen?
-
-»Er war bereits durch einen lebenden Wall von mir getrennt, und man
-war dabei, ihm Hände und Füße zu binden. Erst als sie sich seiner
-versichert hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine arme
-mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz an seiner Brust aus,
-während mein Vater und meine ganze Familie auf mich schalten und ihn
-mit Drohungen und schmählichen Schimpfworten überhäuften. Er ertrug
-diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen Würde, die ihn mir teurer
-denn je machte und mich mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit
-ihm und für ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, die
-Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen werden, um über Kalula
-auf Leben und Tod zu richten.
-
-»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem verlorenen Haken gesucht
-worden ist?‹
-
-»›Nach dem _verlorenen_ Haken!‹ riefen sie alle höhnisch, und mein
-Vater fügte spöttisch hinzu: ›Tretet alle beiseite und seid recht
-ernst, wie sich’s gehört -- sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹
-Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ -- worauf sie wieder alle
-lachten.
-
-»Auf mich machte dies keinen Eindruck -- ich hatte keine Befürchtungen,
-keine Zweifel. Ich sagte:
-
-»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen auch noch an die
-Reihe. Wartet ab und seht!‹
-
-»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich würde das elende kleine
-Ding in einem Augenblick finden; und ich begab mich mit solcher
-Zuversicht auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es dämmerte
-ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht zu voreilig gewesen. Aber
-ach und je! O, wie bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während
-welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte zählen können,
-herrschte tiefes Schweigen, dann begann mir das Herz zu sinken, und um
-mich herum fingen wieder die Spottreden an und wurden immer lauter und
-zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab, Salve auf Salve von
-grausamem Gelächter erscholl.
-
-»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da litt. Aber meine Liebe war
-mir Stütze und gab mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden
-Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm um seinen Nacken und
-flüsterte ihm ins Ohr:
-
-»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb -- das weiß ich. Aber sage es
-selber mir zum Trost. Dann kann ich alles tragen, was immer uns
-beschieden sein mag.‹
-
-»Er antwortete:
-
-»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der Schwelle des Todes stehe:
-ich bin unschuldig. Tröste dich also, o zertretenes Herz. Sei im
-Frieden, o du Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹
-
-»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als ich diese Worte sprach,
-da kam von draußen ein verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee,
-und dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur Thür herein -- die
-Aeltesten!
-
-»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form an und schilderte
-die Vorgänge der Nacht in allen ihren Einzelheiten. Er sagte, der
-Nachtwächter habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein Mensch
-gewesen außer der Familie und dem Fremden. ›Würde die Familie ihr
-eigenes Eigentum stehlen?‹ Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele
-Minuten lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem andern zu
-seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm aus für den Fremden.‹ Kummer
-bringende Worte für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich hin.
-O, ich Elende -- Elende ich! In demselben Augenblick hätte ich meines
-Lieblings Unschuld beweisen können -- aber ich wußte es nicht!
-
-»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte:
-
-»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen will?‹
-
-»Ich stand auf und sagte:
-
-»›Warum sollte _er_ denn den Haken stehlen -- einen einzelnen oder sie
-alle zusammen? Einen Tag darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes
-gewesen!‹
-
-»Ich stand und wartete. Es trat ein langes Schweigen ein; der Atemdampf
-von den vielen Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte
-ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam mit dem Kopf und
-murmelte: ›Es liegt Beweiskraft in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was
-für eine Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch flüchtig --
-wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich.
-
-»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht, so möge er jetzt sprechen --
-später aber schweige er,‹ sagte der Vorsitzende.
-
-»Mein Vater stand auf und sprach:
-
-»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer eine Gestalt bei mir
-vorüber, ging zum Schatz und kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube
-jetzt, es war der Fremde.‹
-
-»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte gedacht, es sei mein
-Geheimnis; nicht der große Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen
-reißen sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem armen
-Kalula:
-
-»›Sprich!‹
-
-»Kalula zauderte, dann antwortete er:
-
-»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen Angelhaken ließen mich nicht
-schlafen. Ich ging hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen
-Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude einzulullen. Dann
-legte ich mich wieder hin. Ich habe vielleicht einen fallen lassen,
-aber gestohlen habe ich keinen!‹
-
-»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis an solchem Ort!
-Schauerliches Schweigen herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes
-Urteil gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem Antlitz konnte
-man die Worte eingegraben lesen: ›Es ist ein Geständnis -- und ein
-armseliges, lahmes, schwächliches!‹
-
-»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge an -- und wartete. Auf
-einmal hörte ich die feierlichen Worte, die, wie ich wußte, kommen
-mußten. Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein Messer ins
-Herz:
-
-»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der Angeklagte der
-›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹
-
-»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der die Wasserprobe in unser
-Land brachte! Sie kam vor Menschenaltern aus irgend einem fernen
-Lande -- wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten unsere Väter
-Zeichendeutung und andere unsichere Beweismittel, und ohne Zweifel kam
-dann und wann ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem Leben
-davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe; denn diese ist von weiseren
-Männern erfunden worden, als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch
-sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos für unschuldig
-befunden, denn sie ertrinken; die Schuldigen aber werden mit derselben
-Sicherheit als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter. Das Herz
-brach mir im Busen, denn ich sagte mir: ›Er ist unschuldig und er wird
-in die Wogen versinken und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹
-
-»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr von seiner Seite. Ich
-trauerte in seinen Armen all die kostbaren Stunden lang, und er übergoß
-mich mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen sie ihn von mir
-und ich folgte ihnen schluchzend und sah sie ihn in die See schleudern
--- dann verhüllte ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual? O, ich
-kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes!
-
-»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in ein hämisches
-Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend nahm ich meine Hände
-vom Gesicht. O bitterer Anblick: _er schwamm_! Augenblicklich wurde
-mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte: ›Er war schuldig -- und er log
-mir!‹ Voll Verachtung wandte ich meinen Rücken und ging meines Weges --
-nach Hause.
-
-»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See und setzten ihn auf einen
-Eisberg, der nach Süden trieb -- nach Süden zu den großen Gewässern.
-Dann kam meine Familie heim und mein Vater sprach zu mir:
-
-»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft. Er sagt: »Sage ihr,
-ich bin unschuldig und alle Tage und alle Stunden und alle Minuten,
-während ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben und an sie
-denken und den Tag segnen, da ich ihr süßes Antlitz zuerst erblickte.«
--- Ganz reizend, geradezu poetisch!‹
-
-»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig -- laßt mich niemals wieder ihn nennen
-hören.‹
-
-»Und ach -- denken zu müssen: Er _war_ unschuldig!
-
-»Neun Monate -- neun öde traurige Monate gingen dahin und endlich kam
-der Tag des großen Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes ihr
-Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit dem ersten Strich meines
-Kammes kam zum Vorschein der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus
-aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate genistet hatte --
-und ich fiel ohnmächtig in die Arme meines von Reue gequälten Vaters!
-Stöhnend sagte er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals wieder
-lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten ... Höre: von diesem Tage bis heute
-verging kein Monat, daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was nützt
-das alles jetzt! ...«
-
- * * * * *
-
-So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine Geschichte -- und
-wir lernen daraus: Sintemalen hundert Millionen Dollars in New York
-und zweiundzwanzig Angelhaken am Rande der arktischen Zone dieselbe
-finanzielle Uebermacht darstellen, so ist ein Mann in bedrängten
-Verhältnissen ein Narr, wenn er in New York bleibt, da er doch nur für
-zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern braucht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Erzählung des Kaliforniers.
-
-
-Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus aufwärts auf die
-Goldsuche aus. Den lieben langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue,
-Waschpfanne und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und dort
-einen, und dachte immer, ich würde einen reichen Fund machen. Aber ich
-machte keinen. Es war eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich
-würziger Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert gewesen,
-aber jetzt waren die Menschen verschwunden und es war einsam in dem
-entzückenden Paradiese. Als das oberflächliche Graben sich nicht
-mehr lohnte, gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo eine
-betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und Zeitungen und Feuerwehr
-und einem Bürgermeister nebst Stadträten gestanden hatte, da war
-jetzt bloß noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und nicht
-das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches Leben sich hier
-gerührt hatte. Es war in der Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft
-daherum, längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen
-verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, nett und kosig und so
-mit rosenübersätem Weinlaub umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig
-dahinter verschwanden -- ein Zeichen, daß diese Heimstätten verlassen
-waren, seit vielen Jahren von enttäuschten Familien aufgegeben, die
-sie weder verkaufen noch auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so
-etwa jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam liegenden Blockhütten
-vorbei, die in der Morgenröte der Goldgräberzeit von den ersten
-Goldgräbern, den Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In
-einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt bewohnt; und wenn
-man so eine traf, so konnte man sich darauf verlassen, daß der Bewohner
-der Pionier selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und noch
-auf eins konnte man sich verlassen: er war da, weil er einmal seine
-Gelegenheit, reich nach den ›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte.
-Er hatte später seinen Reichtum wieder verloren und dann in seiner
-Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen mit den Verwandten und
-Freunden daheim abzubrechen und hinfort bei ihnen für tot zu gelten.
-Ueber ganz Kalifornien war damals eine Schar von solchen lebendig-toten
-Männern verstreut. In ihrem Stolz getroffene arme Burschen, grau
-und alt mit vierzig, hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und
-Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und Sehnsucht, mit dem
-Kampf und allem anderen fertig zu sein.
-
-Es war ein einsames Land! In all diesen friedlichen weiten Grasebenen
-und Wäldern kein Laut als das einschläfernde Summen der Insekten; kein
-Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was einem den Sinn aufmuntert
-und Freude am Leben giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares
-Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag ein menschliches
-Wesen zu Gesicht bekam. Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig
-Jahren und er stand an der Gartenpforte von einem jener traulichen
-rosenumrankten Häuschen, von denen ich vorhin sprach. Dieses hier
-machte aber keinen verödeten Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß
-Menschen darin wohnten und es pflegten und mit Lust und Liebe sauber
-hielten; und in dem Vorhof war ein Garten mit überreichem, buntem
-Blumenflor. Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es mir
-behaglich zu machen -- so ist es dort zu Lande Brauch.
-
-Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause zu weilen, nachdem ich
-wochenlang täglich und nächtlich nur in Goldgräberhütten verkehrt
-hatte -- und das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte Betten,
-Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen und schwarzen Kaffee, und
-nichts zum Schmuck als Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften
-herausgerissen und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt waren.
-Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung -- aber hier war
-ein Nest, wo das ermüdete Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der
-menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn es nach langer
-Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst trifft -- mögen sie auch billig
-und bescheiden sein -- sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt
-nach solcher Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat.
-Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich mich so heiter,
-so zufrieden machen könnte oder daß ein Seelentrost in Tapeten und
-eingerahmten Lithographien läge und in hellfarbigen Sofaschonern und
-Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten Nippschränkchen mit
-Seemuscheln und Büchern und Porzellanvasen darauf und überhaupt in
-all den unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand in einem
-Hauswesen anzubringen weiß -- man sieht sie, ohne es zu wissen, und
-würde sie doch augenblicklich vermissen, wenn sie weggenommen würden.
-Das Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich auf meinem
-Gesicht aus und der Mann sah es und freute sich darüber; und als
-antwortete er auf eine Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton:
-
-»Alles _ihr_ Werk! Sie machte es alles selber -- jedes bißchen,« und
-er umfaßte das Zimmer mit einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein
-japanisches Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, womit Frauen
-sorgfältig-nachlässig den oberen Teil eines Bilderrahmens zu verhängen
-pflegen, war in Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es mit
-vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, wobei er mehreremale
-zurücktrat, um den Eindruck zu beurteilen. Endlich fand er es nach
-Wunsch, strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit der Hand
-darüber und sagte: »Sie macht es immer so. Man kann nicht genau sagen,
-was daran fehlt, aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso
-gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit fertig ist -- aber
-das ist auch alles, was man davon weiß. Warum es so ist, das weiß man
-nicht; ’s ist wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers Haar
-streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet hat; so ist’s, wie mir
-scheint. Ich habe ihr so oft zugesehen, wenn sie all die Dinger hier
-festmacht, daß ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl ich
-nicht weiß, _warum_ das so und jenes so sein muß. Aber _sie_ kennt auch
-das Warum. Sie weiß mit dem Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich
-verstehe vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.«
-
-Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich mir die Hände waschen
-könnte. So ein Schlafzimmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße
-Bettdecke, weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an den
-Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und Nadelkissen und zierlichen
-Toilettegegenständen; und in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und
-Krug aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf und
-an einem Gestell mehr als ein Dutzend Handtücher -- Handtücher so
-sauber und weiß, daß einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war,
-ihr Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man mußte meinem Gesicht
-ansehen, was ich empfand, und er freute sich wieder darüber und sagte:
-
-»Alles _ihr_ Werk; sie machte es alles selber -- jedes bißchen, kein
-Ding hier, das nicht die Berührung ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden
-Sie denken ... aber ich darf nicht so viel sprechen ...«
-
-Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ dabei meine Augen im
-Zimmer herum von einem Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne
-thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes Ding, das man sieht,
-ein Labsal für Auge und Gemüt ist. Und ich merkte -- man merkt so etwas
-manchmal auf unerklärliche Weise -- daß da irgendwo irgendwas vorhanden
-wäre, was ich nach des Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich
-wußte das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir durch verstohlene
-Andeutungen mit seinen Augen dabei zu helfen suchte; so gab ich mir
-denn viele Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm gerne ein
-Vergnügen machen. Mehreremale riet ich falsch -- ich sah es aus dem
-Augenwinkel, ohne daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich meinen
-Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben; ich merkte das an dem
-Behagen, das in unsichtbaren Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein
-glückliches Lachen aus, rieb sich die Hände und rief:
-
-»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich wußte, Sie würden’s finden!
-’s ist ihr Bild.«
-
-Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an der anderen Wand und
-fand dort etwas, was ich bisher noch nicht beachtet hatte -- einen
-Photographieständer. Der Rahmen umschloß das süßeste Mädchenantlitz und
--- wie mir’s vorkam -- das schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank
-die Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig befriedigt.
-
-»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« sagte er, als er das
-Bild wieder auf seinen Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir
-heirateten. Wenn Sie sie sehen -- aber warten Sie nur, wenn Sie sie
-sehen!«
-
-»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?«
-
-»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht ihre Leute. Sie wohnen
-vierzig oder fünfzig Meilen von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste
-sie ab.«
-
-»Wann erwarten Sie sie zurück?«
-
-»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag wieder da sein, am Abend --
-wahrscheinlich so um neun Uhr.«
-
-Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung. »Das thut mir leid,
-weil ich dann wieder fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern.
-
-»Fort? Nein -- warum sollten Sie denn gehen? Gehen Sie nicht. Sie wird
-so enttäuscht sein!«
-
-Sie würde enttäuscht sein -- das schöne Geschöpf. Hätte sie selber
-mir diese Worte gesagt, sie könnten mir kaum wohler gethan haben.
-Ich fühlte ein tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so
-sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir bange machte. Ich
-sagte zu mir selbst: Ich will stracks von hier fortgehen -- um meines
-Seelenfriedens willen.
-
-»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen und bei uns bleiben --
-Leute, die was verstehen und sprechen können -- Leute wie Sie. Da hat
-sie ihre Wonne dran; denn sie selber weiß -- o sie weiß beinahe alles,
-und kann reden, o, wie ein Vogel -- und was für Bücher sie liest --
-wahrhaftig, Sie würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja nur
-eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.«
-
-Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf, so tief war ich in den
-Widerstreit meiner Gedanken verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich
-merkte es nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer
-in seiner Hand und hielt mir das Bild vor die Augen und sagte:
-
-»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie hätten hier bleiben können um
-sie zu sehen, und wollten’s nicht!«
-
-Dieser zweite Anblick machte alle meine guten Vorsätze zu Schanden.
-Ich beschloß, auf jede Gefahr hin zu bleiben. Am Abend rauchten
-wir in Ruhe unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht von
-allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte ich seit vielen Tagen
-nicht einen so angenehmen und ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag
-verbrachten wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde kam ein
-großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt wohnte -- einer von den
-grauhaarigen gestrandeten Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich
-er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er:
-
-»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören wie’s mit dem Frauchen
-steht und wann sie heim kommt. Giebt’s was Neues von ihr?«
-
-»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?«
-
-»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir recht ist, Henry.«
-
-Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch hervor und sagte,
-wenn’s uns recht wäre, so wollte er ein paar von den Sätzen über
-Privatangelegenheiten überschlagen; dann fing er an und las den
-Hauptteil des Briefes -- ein liebevolles ruhiges und ganz reizend
-anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum voll von freundlichen
-Aufmerksamkeiten und Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere uns
-befreundete Nachbarn.‹
-
-Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an und rief:
-
-»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg und laß mich deine Augen sehen.
-Du machst es immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese. Wart’,
-das werde ich ihr schreiben!«
-
-»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt, ich werde alt und
-jede kleine Enttäuschung geht mir zu Herzen, daß ich heulen möchte.
-Ich dachte, sie wäre selber hier, und nun hast du bloß einen Brief
-gekriegt.«
-
-»Na nu? Wie hast du dir denn das in den Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder
-wüßte, daß sie erst Samstag kommen soll!«
-
-»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das wußte ich ja. Ich weiß
-gar nicht, was in der letzten Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s!
-Wir haben ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß nun gehen. Aber
-ich bin wieder da, wenn sie kommt, Alter!«
-
-Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer alter Veteran von seinem
-Blockhaus, ungefähr eine Meile weit, herüber gewandert und sagte, die
-Burschen hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s am
-Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen, wenn Henry nicht dächte,
-›sie‹ würde von ihrer Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können.
-
-»Müde! _Sie_ müde? Nu hör’ einer an! Joe, _du_ weißt doch, sie würde
-einem von euch zu Gefallen sechs Wochen lang aufbleiben!«
-
-Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er, Henry möchte ihn vorlesen
-und der liebevolle Gruß, der für ihn drin stand, machte den alten
-Knaben ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes Wrack, daß ihm
-das passieren würde, wenn sie auch bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber
-Gott, wir sehnen uns so nach ihr!« sagte er.
-
-Am Samstag nachmittag ertappte ich mich darüber, daß ich recht oft die
-Uhr zog. Henry bemerkte es und sagte mit einem beunruhigten Blick:
-
-»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon so früh hier sein, was?«
-
-Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt hatte. Aber ich lachte
-und sagte, es wäre so eine Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer
-Erwartung befände. Er schien indessen von dieser Erklärung nicht ganz
-befriedigt zu sein und ich sah ihm seit diesem Augenblick an, daß er
-sich unbehaglich fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an einen Punkt
-der Landstraße, von wo man eine große Strecke überblicken konnte; da
-stand er dann und überschattete seine Augen mit der Hand und spähte
-aus. Mehreremale sagte er:
-
-»Ich werde aufgeregt -- ich werde ganz richtig aufgeregt. Ich weiß, sie
-kann nicht vor etwa neun Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte
-irgend ’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen. Sie
-denken doch nicht, es ist ihr was passiert, was?«
-
-Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre ja so kindisch, daß
-es ’ne Schande wäre. Und zuletzt, als er mir noch einmal wieder
-seine Frage vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld
-und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien ihn so einzuschüchtern
-und so kleinlaut zu machen und er sah nachher so verletzt und so
-niedergeschlagen drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen
-Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als Charley, ebenfalls
-einer von den Veteranen, in der Abenddämmerung ankam und sich an Henry
-heranmachte, um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen für
-ihren Empfang zu besprechen. Charley ließ eine muntere Rede nach der
-anderen los und that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen und
-Befürchtungen zu zerstreuen.
-
-»Ihr was _passiert_!? Henry, das ist ja der reine Unsinn! Es giebt
-ja gar nichts, was ihr passieren könnte, darüber mach’ dir nur keine
-Gedanken! Was stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht
-wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde, nicht wahr? Hast du
-je bemerkt, daß sie ihr Wort nicht hielt? Du weißt, du hast es nie
-bemerkt! Na, dann habe also keine Angst; sie _wird_ hier sein, das
-steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß du geboren bist.
-Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken gehen; wir haben nicht mehr viel
-Zeit.«
-
-Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an, und dann hatten wir alle
-Hände voll zu thun, das Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun
-sagten die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente mitgebracht
-und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen, denn die Jungens und die
-Mädels würden ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich schon
-auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt. Eine Fiedel, ein Banjo
-und eine Klarinette, das waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz,
-einer neben dem andern, und begann eine betäubende Tanzmusik; dazu
-stampften sie mit ihren schweren Stiefeln den Takt.
-
-Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden. Henry stand in der Thür und
-hielt die Augen auf den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der
-Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon ein paarmal auf seiner
-Frau Gesundheit und Wohlergehen angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun,
-Jungens, heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!«
-
-Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller und reichte das
-Getränk herum. Ich griff nach dem einen von den zweien, die noch auf
-dem Teller standen, aber Joe brummte halblaut:
-
-»Nicht das! Nehmen Sie das andere!«
-
-Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein Glas. Kaum hatte er das
-Getränk hinuntergegossen, so schlug es neun. Er lauschte, bis der
-letzte Schlag verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und immer
-bleicher. Dann sagte er:
-
-»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft mir -- ich möchte mich
-hinlegen!«
-
-Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich bequem zurecht und fing an
-einzuschlummern. Aber auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer
-im Schlaf spricht:
-
-»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?«
-
-Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr:
-
-»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid gebracht, die Gesellschaft hätte
-unterwegs Aufenthalt gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege und
-kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer halben Stunde wird sie
-hier sein.«
-
-»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.«
-
-Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum aus seinem Munde waren.
-In einem Augenblick hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider
-abgezogen und ihn in die Kammer getragen, wo ich mir die Hände
-gewaschen hatte. Dort legten sie ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür
-und kamen wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen, aber
-ich sagte:
-
-»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde mich nicht kennen, ich
-bin ein Fremder.«
-
-Sie sahen einander an; dann sagte Joe:
-
-»Sie? Das arme Ding -- sie ist seit neunzehn Jahren tot.«
-
-»Tot?«
-
-»-- oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes Jahr nach ihrer
-Hochzeit zu ihren Verwandten auf Besuch, und auf ihrer Rückreise, an
-einem Samstag-Abend, raubten die Indianer sie, fünf Meilen von hier,
-und man hat niemals wieder was von ihr gehört.«
-
-»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?«
-
-»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige Stunde gehabt. Aber
-schlimm wird es mit ihm nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann
-fangen wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie kommen soll,
-und sprechen ihm Mut zu und fragen, ob er was von ihr gehört hat und
-am Samstag kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen heraus
-und machen alles zu einem Tanz fertig. So haben wir’s seit neunzehn
-Jahren jedes Jahr gemacht. Am ersten Samstag, da waren wir unser
-siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt sind wir bloß noch
-drei und die Mädels sind alle fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk,
-sonst würde er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr ganz in
-Ordnung mit ihm -- er denkt, sie ist bei ihm, bis die letzten drei oder
-vier Tage herankommen, dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt
-seinen armen alten Brief heraus und wir kommen und bitten ihn, uns den
-Brief vorzulesen. Lieber Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine ...«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Appetit-Anstalt.
-
-
-I.
-
-Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine
-Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört,
-so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter
-Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind
-alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die
-ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht
-aus wie Aufopferung -- aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken
-haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener
-war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im
-ersten Bezirk bekommt -- der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist
-leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie
-gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus -- das nächste Haus ist
-die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier
-ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit
-niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden;
-Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume
-für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung
-ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich -- und doch ist hier
-ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist
-unvergleichlich -- wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der
-ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und
-Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle
-und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem
-Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt
--- so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein.
-
-Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei -- es ist nur eine
-flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes
-Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz
-betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in
-Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den
-umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug
-nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad,
-um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um
-die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden.
-’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen
-Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine
-Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin
-eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem
-kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen
-und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle
-Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses.
-
-Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte zur Verfügung, die man
-bequem von Wien aus erreichen kann -- lauter reizende Plätzchen; Wien
-liegt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo hier und da ein
-See und Wälder sich finden; in der That, keine andere Großstadt ist so
-glücklich gelegen.
-
-Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten vorhanden. Zu
-diesen gehört Hochberghaus. Es liegt einsam auf dem Gipfel eines
-dichtbewaldeten Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. Es
-nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren Appetit verloren
-haben, kommen hierher um ihn sich wieder herstellen zu lassen. Als ich
-ankam, nahm Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer und
-fragte:
-
-»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?«
-
-»Um zwölf.«
-
-»Was aßen Sie?«
-
-»Beinahe gar nichts.«
-
-»Was war auf dem Tisch?«
-
-»Die üblichen Sachen.«
-
-»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?«
-
-»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon -- ich kann’s nicht vertragen.«
-
-»Sind Sie der Sachen überdrüssig?«
-
-»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte niemals wieder was davon.«
-
-»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, nicht wahr?«
-
-»Mehr als das, er empört mich.«
-
-Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog er eine lange Speisekarte
-hervor und ließ langsam sein Auge daran heruntergleiten.
-
-»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, ist ... aber hier,
-suchen Sie sich selber was aus!«
-
-Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein Magen schlug einen
-Purzelbaum. Von allen barbarischen Gelagen, die jemals ausgesonnen
-wurden, war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand:
-
-›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch angemacht‹;
-halbwegs die Karte hinunter las ich: ›Junge Katze; alte Katze;
-Katzenklein‹ und ganz unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich
-gemacht -- roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der Speisekarte
-wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet waren, einem Kannibalen die
-Kehle zuzuschnüren. Ich sagte:
-
-»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem so ernsten Fall, wie
-der meinige ist, seinen Scherz zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit
-zu kriegen, nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig habe,
-loszuwerden.«
-
-Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte ich scherzen?«
-
-»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.«
-
-»Warum nicht?«
-
-Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls
-bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt oder nur gut gespielt sein.
-
-»Warum nicht? Weil -- ja, Herr Doktor, seit Monaten habe ich selten
-einmal andere feste Nahrung verdauen können als Rühreier und
-Eierkuchen. Ihre unaussprechlichen Gerichte ...«
-
-»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. Sie sind sehr gut.
-Und Sie _müssen_ sie essen. Das ist eine Vorschrift hier, und zwar eine
-strenge. Ich kann durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.«
-
-Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor werden Sie den Abgang des
-Patienten zu erlauben haben. Ich reise.«
-
-Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, der der Sache ein anderes
-Aussehen gab:
-
-»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches Unrecht nicht anthun. Ich
-habe Sie in gutem Glauben aufgenommen -- Sie werden dieses Vertrauen
-nicht zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine ganze
-Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem Appetit, wie Sie ihn jetzt haben,
-so könnte das bekannt werden und Sie sehen selber ein, daß dann die
-Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem Fall fehlgeschlagen hätte,
-so könnte sie auch in anderen Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht
-fortgehen; Sie werden mir das nicht anthun!«
-
-Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich wollte bleiben.
-
-»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden nicht gehen; Sie hätten
-damit meiner Familie das Essen vor dem Munde weggenommen.«
-
-»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie denn diesen verteufelten
-Kram?«
-
-»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren voll freundlichen Erstaunens.
-»Natürlich nicht.«
-
-»O, also nicht! Und Sie?«
-
-»Ganz gewiß nicht.«
-
-»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des Arztes, der seine eigene
-Medizin nicht nimmt.«
-
-»Ich brauch’ es nicht ... Es ist sechs Stunden her, daß Sie
-gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr Abendessen jetzt haben -- oder
-später?«
-
-»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso gut wie sonst ’ne Zeit
-und es wäre mir lieb, wenn ich damit fertig wäre und es vom Halse
-hätte. Es ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit
-wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. Ja, ich will
-versuchen, jetzt ein bißchen zu knabbern -- ein kleiner Spazierritt
-wäre mir lieber gewesen.«
-
-Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹.
-
-»Suchen Sie sich selber was aus -- oder wollen Sie es später haben?«
-
-»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich vergaß Ihre
-strenge Vorschrift.«
-
-»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden.
-Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen,
-wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten,
-so müssen Sie warten bis es _mir_ beliebt. Sie können von der ganzen
-Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«
-
-»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu
-Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.«
-
-Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine
-sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer,
-Schlafstube und Baderaum.
-
-Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen
-und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen -- eine vornehme Einsamkeit,
-unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine
-Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt
-mir selber überlassen; dann fuhr er fort:
-
-»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser,
-wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und
-bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen
-oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke
-die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne
-Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die
-Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.«
-
-»Mich einschränken -- sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen.
-Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes
-verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu
-wollen ist heller Wahnsinn!«
-
-Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß
-er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach.
-Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die
-Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes
-stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte:
-
-»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt
-vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige
-Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die
-Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst
-von Nr. 15 an zu beginnen.«
-
-Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war
-hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte
-am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das
-war das erste, woran ich dachte -- dieser unerreichbare Wonnetrank,
-dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere
-europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine
-flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch
-Wiener Brot dazu -- diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach
-mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte -- aber man
-weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich
-gestattete ihm zu gehen -- ich hätte ihn nicht weiter nötig.
-
-Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen
--- und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich
-klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder
-eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis
-er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen
-nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes!
-Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen.
-Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei
-Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang
-war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur
-Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen
-Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig
-genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können.
-
-Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und
-Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von
-derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten
-verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte
-eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert
-waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals
-hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während
-der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten
-Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann
-kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei
-der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit
-den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen
-gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite
-Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar
-und Theer.
-
-Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte
-ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte
-ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder
-abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern;
-ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit
-näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller,
-meine Hoffnungen stiegen höher und höher.
-
-Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen
-gekommen war -- da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:
-
-»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen -- mit den Eiern; sechs
-Dutzend, heiß und duftig!«
-
-In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich
-die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung:
-
-»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen.
-Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl -- niemals! Sie
-haben Ihren Appetit wieder -- Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s
-und machen Sie mich glücklich!«
-
-»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte
-steht!«
-
-»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das
-System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?«
-
-»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt -- und doch mache ich
-mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen
-Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich,
-ich kann’s nicht.«
-
-Da sagte der Doktor:
-
-»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel mehr dran und keine
-Gefahr mehr vorhanden. Lassen Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich
-Ihnen ein Beefsteak anvertrauen.«
-
-Das Beefsteak kam -- ein ganzer Korb voll -- mit Kartoffeln, und Wiener
-Brot und Kaffee; und dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner
-umständlichen Vorbereitungen wert war! Und Thränen der Dankbarkeit
-troffen mir die ganze Zeit über die Sauce hinein -- Dankbarkeit
-gegenüber dem Doktor, daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden
-Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, viele Jahre mir
-gefehlt hatte.
-
-
-II.
-
-Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine lange Reise in einem
-Segelschiff. An Bord waren fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die
-übliche tagtägliche Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine Tasse
-schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück: schlechter Kaffee mit
-kondensierter Milch, dumpfige Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener
-Fisch. Um 1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, kaltes
-Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; um 5
-Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch
-mit Sauerkraut, gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von
-9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, kalte Zunge,
-kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, marinierte Austern,
-marinierte Schweinsfüße, geröstete Rippchen.
-
-Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte man aufgehört zu essen;
-statt dessen wurde nur an den Speisen herumgepickt. Die Passagiere
-kamen freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die Zeit
-hinzubringen, teils weil die Weisheit der Menschengeschlechter uns
-anempfiehlt, regelmäßig in unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der
-derben und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse daran, keinen
-Appetit darauf. Den lieben langen Tag lungerten sie auf dem Schiff
-herum: halb hungrig, von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich,
-mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte Magenkranke; diese
-wurden im Lauf von drei Wochen zu reinen Schatten. Dann war da noch
-ein bettlägeriger Invalide; der lebte von gekochtem Reis; er konnte
-nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen Speisen vertragen.
-
-Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere und Mannschaft retteten
-sich in offenen Boten. Wie üblich waren die Nahrungsmittel knapp.
-Die Vorräte wurden gering und immer geringer. Da besserten sich die
-Appetite. Als nichts mehr übrig war außer rohem Schinken und als
-die tägliche Ration davon auf 55 Gramm für die Person herunterkam,
-da waren die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen kauten
-die Magenleidenden, der Invalide und die zartestbesaiteten Damen
-der Gesellschaft voll Wonne an alten Matrosenstiefeln und beklagten
-sich über dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. Und das waren
-dieselben Leute, die auf dem Schiff das ewige Pökelfleisch und das
-Sauerkraut und die anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen
-können!
-
-Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer Not. Binnen zehn Tagen
-waren alle fünfzehn in so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie
-schiffbrüchig wurden.
-
-»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden genommen,« fügte der
-Professor hinzu. »Verstehen Sie, was das sagen will?«
-
-»Ja.«
-
-»Verstehen Sie’s wirklich?«
-
-»Ja -- ich glaube doch.«
-
-»Nein, Sie verstehen es _nicht_. Sie zögern. Sie können sich nicht zum
-Verständnis der Bedeutung aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen
--- mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von ihnen erlitt irgend
-welchen Schaden.«
-
-»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war in der That merkwürdig.«
-
-»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. Es war gar kein Grund
-vorhanden, warum sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur
-der Mutter Natur durchgemacht -- die beste und weiseste Kur auf der
-Welt.«
-
-»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?«
-
-»Ja, es brachte mich darauf.«
-
-»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.«
-
-»Warum meinen Sie das?«
-
-»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß es für Sie eine solche war.«
-
-»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin kein Narr!«
-
-»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?«
-
-»Sie waren Menschen.«
-
-»Ist das dasselbe?«
-
-»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. In Bezug auf seine Gesundheit
--- und auf alles übrige -- ist der Durchschnittsmensch das Produkt
-seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; das Endergebnis
-ist: er wird ein Esel. Er kann nicht drei oder vier für ihn neue
-Umstände sich zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; das geht
-über seine Kräfte. Er kann nicht selbst Beobachtungen machen, er muß
-alles aus zweiter Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten
-niederen Tiere so albern wären wie der Mensch -- sie wären alle binnen
-einem Jahr vom Erdboden verschwunden.«
-
-»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur Lehre dienen?«
-
-»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen Schiff wieder zu ihren
-regelmäßigen Mahlzeiten und sehr bald pickten sie wieder anstatt zu
-essen -- appetitlos, von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend,
-halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten Mägen fluchend und
-schimpfend und dabei winselnd und wehklagend. Und das alles ganz
-überflüssigerweise, denn ihre Mägen waren die Mägen von Narrenvolk.«
-
-»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr Verfahren ...«
-
-»Ganz einfach: _Essen Sie nichts bevor Sie hungrig sind!_ Wenn das
-Essen Ihnen nicht mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein
-Vergnügen, kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie nicht eher, als
-bis Sie _sehr_ hungrig sind. Dann wird es Ihnen Vergnügen machen und
-außerdem gut thun.«
-
-»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für die Mahlzeiten
-einzuhalten?«
-
-»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu kämpfen haben -- nein!
-Haben Sie den Feind untergekriegt, so ist Regelmäßigkeit nicht von
-Uebel, d. h. so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder ins
-Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel -- und dieses
-ist: _Hungern_ -- lange oder kurze Zeit je nach dem Erfordernis des
-einzelnen Falles.«
-
-»Die beste Kost, scheint mir -- ich meine die gesündeste ...«
-
-»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere -- aber
-alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf
-angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut
-schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und
-jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen
-war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf
-Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der
-Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit,
-sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande
-gehalten wurde.«
-
-»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene
-Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.«
-
-»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten
-Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde
-ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.«
-
-»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?«
-
-»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren
-Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln
-rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten
-die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es
-brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften
-Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für
-eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s
-zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie
-blieben kränklich -- es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller
-Badeärzte?«
-
-»Worin besteht er?«
-
-»Es ist mein System in einer Verkleidung -- verschleiertes Hungern.
-Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur -- ’s ist alles dasselbe. Die
-Trauben, der Brunnen, das Moorbad -- sie geben der Sache einen Anstrich
-und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern,
-wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt
-und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden _seines_ Tages -- nun
-sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht
-auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang
-mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen
-Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie
-Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn
-man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! -- Ich bin dabei,
-meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ -- und stapft
-weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der
-Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht
-rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und
-beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit
-einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten
-Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade
-wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und
-feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein
-halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun
-Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹
-sechs Wochen lang -- denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen
-Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte
-dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho -- überall.«
-
-»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter
-Verfassung ist?«
-
-»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es
-aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage
-der Patienten.«
-
-»Wie kommt das?«
-
-»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen
-und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier
-gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen.
-Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden
-an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich
-fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern
--- die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf
-bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und
-sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit,
-Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als
-die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das
-Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte -- so
-drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende
-sein sollen -- aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit
-meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach
-einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder
-ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf
-den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat
-sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne
-auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie
-hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s
-doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen
-alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind
-jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach
-Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich
-selber und deshalb warten sie noch eine Weile.«
-
-»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?«
-
-»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche -- lernt
-seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu
-halten -- lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich
-was daraus zu machen.«
-
-»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man
-nicht einen Teil weg?«
-
-»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn
-der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt -- sozusagen darnach
-schreit -- so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine
-wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können
-als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von
-Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher
-einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht
-Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von
-Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht
-und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens ... Wieviele
-Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«
-
-»Früher -- zweiundzwanzig Jahre lang -- anderthalb; während der beiden
-letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun;
-Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.«
-
-»Früher ein und eine halbe Mahlzeit -- das heißt: Kaffee und ein
-Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts -- ist’s
-nicht so?«
-
-»Ja.«
-
-»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«
-
-»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie waren besorgt um mich. Sie
-dachten, ich brächte mich selber ins Grab.«
-
-»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre lang anderthalb Mahlzeiten
-genug?«
-
-»Vollkommen!«
-
-»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand ist die Extramahlzeit
-schuld. Lassen Sie sie aus. Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen
-es verlangt. Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. Sie nehmen jetzt
-in einem Tage bei zwei und einer halben Mahlzeit weniger Nahrung zu
-sich als früher in anderthalb.«
-
-»Das stimmt -- bedeutend weniger; denn in jenen alten Tagen war meine
-Hauptmahlzeit ein recht umfangreiches Ding.«
-
-»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf eine einzige Mahlzeit:
-abends, bis Sie eines guten, gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten
-Appetits sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren
-anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf Ihre Familie. Haben
-Sie irgend ein gewöhnliches Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber
-verbunden ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden überhaupt
-nichts. Das wird Sie kurieren. Es wird sogar den hartnäckigsten
-Schnupfen kurieren. Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes
-vierundzwanzigstündiges Fasten.«
-
-»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst erfahren.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mein Eintritt in die Litteratur.
-
-
-Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein kleines Ding -- es war ›Der
-hüpfende Frosch‹ -- in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber
-ich war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner Ansicht nach konnte
-eine Person, die in einer gewöhnlichen Zeitung was erscheinen ließ,
-keinen Anspruch erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen
-Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie mußte in einer Zeitschrift
-erscheinen. Dann würde einer eine litterarische Person sein; dann würde
-er auch zugleich berühmt sein -- einfach berühmt. Nach diesen beiden
-Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker Sehnsucht.
-
-Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag fertig und sah mich sodann
-um, welche Zeitschrift wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen
-zu lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New York gab. Mein
-Beitrag wurde angenommen. Ich unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn
-dieser Name war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich
-unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem einzigen
-Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. Der Artikel erschien in der
-Dezember-Nummer und ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das
-Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter des Jahrgangs
-enthalten; mein Name würde darunter und ich würde berühmt sein und
-könnte das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante.
-
-Ich gab das Bankett _nicht_. Ich hatte die Worte ›Mark Twain‹ nicht
-ganz deutlich geschrieben; es war für die Buchdrucker im Osten ein
-neuer Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac Swain‹ -- genau
-erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich nicht berühmt und
-gab kein Festmahl. Ich war eine litterarische Person, aber was für eine
--- eine begrabene, eine lebendig begrabene!
-
-Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers ›Hornet‹, der am 3.
-Mai 1866 auf der Fahrt unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, und
-ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden, zu Gespenstern
-abgemagert, dort ankamen, nachdem sie mit Lebensmitteln _für zehn
-Tage_ versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter der sengenden
-Tropensonne gemacht hatten. Ein recht bemerkenswerter Ausflug; aber
-der Kapitän, der ihn leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst
-würde kein einziger lebend angekommen sein. Er war ein Neuengländer
-vom besten Seemannsschlag der tüchtigen alten Zeit -- Kapitän Josiah
-Mitchell.
-
-Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um Briefe für die Wochenausgabe
-der ›Union‹ von Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche
-Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig hatte, sich’s aber
-leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars für nichts auszugeben. Die
-Eigentümer waren liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne
-Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt wenigstens noch
-_ein_ Mensch, der ihnen eine dankbare Erinnerung zollt; denn es lag
-mir sehr viel daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine Bitte
-und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl nur kümmerliche Aussicht
-vorhanden war, daß sie irgend welchen Nutzen davon hätten.
-
-Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen, als die Schiffbrüchigen
-ankamen. Ich war bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande
-auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit mein Blatt gut
-zu bedienen -- und ich konnte sie mir nicht zunutze machen! Natürlich
-ärgerte mich das schmählich. Aber zum guten Glück war damals Excellenz
-Anson Burlingame in Honolulu, auf dem Wege zur Uebernahme seines
-Postens in China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste
-leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre und ließ mich nach dem
-Krankenhaus tragen, wo die Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht
-einmal eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber und ich
-hatte nichts weiter zu thun als die Notizen zu machen. Es war so recht
-bezeichnend für ihn, daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer
-Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner prächtigen Natur, sich
-nicht auf den Standpunkt seiner hohen Würde zu stellen, sondern einen
-freundlichen Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte.
-
-Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit fertig. Ich aß
-nichts, denn es war keine Zeit zu verlieren, wenn ich die anderen
-Berichterstatter schlagen wollte. Es kostete mich vier Stunden,
-meine Notizen in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die
-ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der Erfolg war der,
-daß ich am Morgen um neun einen langen und umständlichen Bericht
-von den Erlebnissen der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während
-die Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur eine kurze
-Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle schicken konnten -- denn
-sie blieben _nicht_ die Nacht auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen
-Zwischenräumen den Postverkehr mit San Francisco besorgte, sollte
-ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock kam stieß er gerade vom Quai
-ab. Mein dickleibiger Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen
-und fiel richtig an Bord -- und damit war mein Sieg gewonnen. Das
-Schiff landete zur rechten Zeit in San Francisco; mein vollständiger
-Bericht schlug wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem
-damaligen Vertreter des New York-Herald, an die New Yorker Zeitungen
-telegraphiert.
-
-Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien zurückkehrte, reiste
-ich nach Sacramento und präsentierte meine Rechnung für allgemeine
-Berichterstattung zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann
-kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim Hornetfall‹: drei
-Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift zu 100 Dollars die Spalte. Der
-Kassierer fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran.
-Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten kein Wort. Sie
-lachten nur nach ihrer lustigen Art und sagten, es sei Spitzbüberei,
-aber es schade nichts; es sei eine großartige Leistung (ob sie meine
-Rechnung oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). »Zahlen Sie
-aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die besten Zeitungsverleger, die es
-jemals gab!
-
-Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am 15. Juni bei den
-Sandwichinseln an. Sie waren bloß noch Haut und Knochen; die Kleider
-schlotterten um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, die
-bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber sie wurden im Hospital
-gut gepflegt und die Einwohner von Honolulu versahen sie mit allen
-Leckerbissen, die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell wieder
-Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. Nach vierzehn
-Tagen reisten die meisten von ihnen nach San Francisco; ich ging mit
-demselben Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der ›Hornet‹
-war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen Passagiere, die auf
-der ›Hornet‹ gewesen waren. Es waren zwei junge Studenten, Brüder,
-aus Stamford, Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. Die ›Hornet‹
-war ein Schnellsegler erster Klasse; die Kajüte der jungen Leute
-war geräumig und bequem, gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit
-eingemachten Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost
-aufzubessern. Als das Schiff in der ersten Januarwoche aus dem New
-Yorker Hafen auslief sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn-
-oder fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller und angenehmer
-Fahrt würden zurückgelegt werden. Sobald die kalten Breiten im Rücken
-lagen und das Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu einem
-Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts unter einer Wolke von
-Segeln, die keine Aufmerksamkeit erforderten, da tagelang keine einzige
-Aenderung daran nötig war. Die jungen Leute lasen, schlenderten auf
-dem geräumigen Deck herum, ruhten und träumten im Schatten der Segel,
-speisten mit dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan hatte,
-spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm bis zur Schlafenszeit.
-Nach dem Schnee und Eis und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff
-wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam, und wieder war die
-Spazierfahrt ein Picknick. Bis zum frühen Morgen des 3. Mai.
-
-Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., 2° n. Br. Kein Wind,
-kein Seegang -- tote Stille. Temperatur tropisch d. h. sengend,
-blasenziehend von einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in
-solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff davon machen
-kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« Ein gewissenloser Matrose war
-gegen alle Vorschriften mit einem offenen Licht in die Vorratskammer
-gegangen, um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. Es kam, wie es kommen
-mußte, und des Schiffes Stunden waren gezählt.
-
-Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der Kapitän wußte sie
-vortrefflich anzuwenden. Die drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot
-und zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und der Wirrwarr und die
-Aufregung sehr beträchtlich waren, geht schon daraus hervor, daß beim
-Aussetzen der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen ziemlich
-bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten ein Ruder durch die Seite
-gerannt wurde. Vor allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke
-Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer sicheren Stelle
-niedergelegt wurden -- unter ihnen ein Portugiese. Dieser hatte die
-ganze Reise über keinen einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate
-lang in seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. Als
-wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen machten und ein Matrose
-Herrn Burlingame diesen Nebenumstand berichtete, hob der Dritte
-Steuermann, der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung seinen Kopf
-hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, aber feierlich und im Tone
-der Ueberzeugung:
-
-»Er _züchtete_ Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze Familie von solchen
-Dingern. Er that es bloß, damit er nicht auf Wache brauchte.«
-
-Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen war, wurde von den
-Leuten und den beiden Passagieren zusammengerafft und auf das Deck
-geworfen wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um mehr zu holen.
-Der Matrose, der es Herrn Burlingame erzählte, fügte hinzu:
-
-»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann 32 Tagesrationen
-zusammen.«
-
-Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen Kopf in die Höhe und
-verbesserte auch diese Angabe, indem er voller Bitterkeit sagte:
-
-»Der Portugiese, der da Schildwache spielte, aß zweiundzwanzig davon
-auf, während niemand auf ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!«
-
-Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Rauch und
-Flammen trieben die Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge
-von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen, Abstand nehmen, und als
-sie die Boote bestiegen, hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in
-Sicherheit gebracht.
-
-Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, ein Exemplar von
-›Bowditch’s Navigator‹ und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän
-und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote hatten Chronometer. Die
-Gesamtzahl der Leute betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis
-sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt folgendes Ergebnis:
-4 Schinken, beinahe 30 Pfund gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe
-Kiste Rosinen, 100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern,
-Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein Fäßchen mit 4 Pfund
-Butter, 12 Gallonen[1] Wasser in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4
-Korbflaschen von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen
-Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, Zündhölzer und
-etwa 100 Pfund Tabak. Keine Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze
-Gesellschaft sofort auf knappe Rationen gesetzt werden.
-
- [1] 1 Gallone = ungefähr 4½ ~l~.
-
-Der Kapitän und die beiden Passagiere führten Tagebücher. Auf unserer
-Ueberfahrt nach San Francisco gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean
-in eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht einen Klafter
-vorwärts; dies setzte mich instand, eine Abschrift von den Tagebüchern
-zu machen. Das von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; ich
-will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende Eintragung gemacht
-wurde, hatte das dem Untergang geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen
-den Hafen verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit den üblichen
-Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige Zeit zu vertreiben; an ein
-Unglück dachte kein Mensch.
-
- 2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein heißer
- trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen die Wolken Wind
- und es kam wirklich eine leichte Brise -- gerade genug, um uns
- in Fahrt zu halten. Zu erwähnen ist heute nichts, als daß sich
- große Mengen Fische um unser Schiff zeigen; am Vormittag wurden
- 9 Boniten gefangen und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach
- dem Essen bekam der Obersteuermann einen großen Burschen an die
- Angel; er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem
- Kapitän zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit
- einem Ruck den Fisch heraus -- aber, schnapp! weg war Leine
- und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter unserm
- Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der 9 oder 10
- Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm mit allen möglichen
- Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch nach; aber er hatte
- keine Lust anzubeißen. Ich vermute er hatte mit den über Bord
- geworfenen Köpfen und anderen Ueberresten der Boniten seinen
- Appetit gestillt.
-
-Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die Katastrophe. Die drei
-Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann.
-Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den
-Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften
-die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und
-elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel
-und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21
-Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in
-dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann
-im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel
-gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in
-seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm,
-die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen
-großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem
-Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete
-der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten
-erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in
-ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück,
-einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen
-Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck
-Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff
-noch brannte.
-
- 4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir
- hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein
- gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute
- Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle
- zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18°
- oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der
- Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff
- sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr
- heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach
- Kräften versuchen, unser Leben zu retten.
-
-Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche
-Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen
-hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende
-See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und
-setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser
-zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel
-(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen
-entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹
-bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung
-der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung
-ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich;
-Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich,
-nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die
-einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch
-auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als
-ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so
-errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre
--- in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle
-zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2]
-gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet,
-denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen
-der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die
-Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege
-aus den Doldrums herausgekommen -- vorausgesetzt, sie hätten diesen
-Punkt erreicht -- und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn
-dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne
-geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht
-binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr
-vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen.
-Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage;
-das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht
-mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück
-vorwärts zu kommen -- und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen
-in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator,
-ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender,
-regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet.
-
- [2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe
- dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache,
- unstätige Winde vorkommen.
-
-Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt,
-aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck
-beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein
-einziger bekam viel Schlaf.
-
-Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und
-gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn
-überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein
-Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den
-Atlantischen Ocean durchquert -- und es ist auch wirklich eins. Aber
-_dieses_ Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei
-Fuß tief.
-
- Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten
- uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß
- unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von
- unserer Gefahr nichts wissen.
-
-Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte
-nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein
-paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und
-steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton
-zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es
-dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel
-bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand.
-
-Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie
-griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie
-konnten keinen einzigen fangen.
-
- Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren
- Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden ... Ein Schiff
- braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu
- kommen -- wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige?
- ... Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken
- können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun.
-
-Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer
-beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche
-Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual
-dauerte noch fünf Wochen -- dessen müssen wir uns erinnern, da der
-Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch
-um so weicher vorkommen.
-
- Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage
- als mir lieb ist ... Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten
- gut ... Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung,
- aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor
- -- ein willkommener Anblick! -- und bestätigte die Angabe des
- Kompasses.
-
- 10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in
- den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300
- Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag
- in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der
- Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir
- kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen
- schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben
- all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde,
- aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute
- des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen
- eines _Mannes_.
-
- 11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in
- der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten --
- wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300
- wieder zurückgekommen.
-
- Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet
- wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag
- anbricht; das heitert uns wirklich auf ... Wovon hat er die
- ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von
- ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? ... Des Zweiten
- Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr -- ein Zeichen,
- daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach
- ziemlich scharf zu ihnen.
-
-Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war
-ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte
-ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war.
-
- In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende
- Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen ... Ich hatte drei
- Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit
- gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der
- Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll,
- halb Branntwein, halb Wasser ... Die Leute halten regelmäßig
- Wache -- vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe ... Der
- Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm
- eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er
- könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht
- genug für alle.
-
- 13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf
- die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes
- sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir,
- die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der
- Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein
- aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim;
- wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein
- Telegramm von uns aus San Francisco bekommen.
-
-Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber
-dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes
-Wunderzeichen -- ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die
-schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson,
-daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit
-heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter
-Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies
-nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.
-
-Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von
-Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa
-aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn
-beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist
-dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen,
-die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage
-besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen -- und wann?« Ist der
-Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen
-gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel
-kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.
-
-Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein
-halber Scheffel Zwieback übrig!« -- Und sie haben noch einen Monat über
-die See zu wandern!
-
-Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher
-Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme
-Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große
-Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen
-Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen,
-denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte
-natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in
-Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete
-den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und
-billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe:
-sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei
-kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich
-dachte er über diese knifflichen Fragen nach.
-
-Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf;
-der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst
-hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom
-Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von
-Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹
-
-Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und
-erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das
-Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann
-weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt
-stets bereit, wenn eine _Männerarbeit_ zu thun war. Er übernahm das
-hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu
-bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen
-waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot.
-Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht.
-Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie
-hätten besser den Portugiesen missen können.
-
-Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen
-wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er
-aussieht -- aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je.
-
- Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den
- Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen
- Regenschauer mit einem Passatwind.
-
-Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig
-aus den Doldrums heraus sein -- aber sie sind noch drin. Keine Brise;
-die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie
-schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben
-nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am
-Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der
-hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch
-haben, so ist es willkommen‹.
-
-Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite
-Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum
-›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch,
-das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein
-Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim
-Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht
-ereignisvoller.
-
- 22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß
- wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern
- hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns
- plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten
- es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns
- frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden
- mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem
- wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das
- Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot
- des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir
- uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren;
- aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung!
- Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es
- scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln
- zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun,
- um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen.
- Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem
- Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst
- nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir
- noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen
- Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind
- wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns
- verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot
- treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.
-
- Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten,
- von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag
- schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir
- nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich
- nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot
- ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das
- gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen
- Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr
- aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen
- Bemühungen Erfolg verleihen!
-
- 24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den Mann fünf
- Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher Wasser und ein
- Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars. Wir werden
- sichtlich immer schwächer -- habe Gott Gnade mit uns allen!
-
- 26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden Fisch und
- einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! Die Leute
- werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, mutlos; sie sagen
- jedoch sehr wenig.
-
-Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren und undenkbaren
-Schrecknissen noch das Schweigen hinzu -- das stumme Vorsichhinbrüten,
-das einem Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, ›die
-anderen Boote sind nach Westen verschlagen und aufgefischt worden.‹
-(Man sollte von ihnen auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!)
-
- Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ w. L. nach
- dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als wir das Schiff
- verließen, reichten nach unserer Berechnung unsere Vorräte etwa
- für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei strenger Einteilung noch
- für eine weitere Woche damit auszukommen.[3] Vorige Nacht fiel
- wieder ein fliegender Fisch ins Boot, und heute auch einer
- -- beide waren nur klein. Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein
- großer Fang für uns, und ein recht großer giebt ein kleines
- Mittagessen für uns fünfzehn ab -- d. h. natürlich was wir in
- unserm Langboot ein Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen
- den ganzen Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für
- meine Kräfte; bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht
- scharf aufpassen; ich ließ daher die zweite Hälfte für heute
- abend übrig. Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören
- wird, die heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß
- Er sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not
- Hilfe und Beistand sendet.
-
- [3] Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T.
-
-Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals ein paar Löcher enger
-zugezogen: die Brotportion wurde von der bisherigen Menge -- ein
-Stückchen Zwieback jedesmal von der Größe eines Silberdollars -- auf
-die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei Mahlzeiten wurde
-eine ausgelassen. Des Kapitäns Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine
-halbe Gallone Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei
-kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser.
-
-Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der hoffnungsvolle Ton. Das ist
-bemerkenswert! Das Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´
-w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln;
-diese zu erreichen, davon kann bei der mangelhaften Segeltüchtigkeit
-des Bootes nicht die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau aus
-Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare Land ist die
-›Amerikanische Inselgruppe‹, die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem
-ist keine Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht einmal eine
-Entmutigung zu bemerken. Und dabei heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben
-wir noch: eine Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse Suppe;
-den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel Gallonen Brotschnitzel.«
-
-Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem Hut voll Lebensmitteln!
-Und zum Glück wissen sie nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200
-noch zurückzulegen haben.
-
-Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage ist ein Unglück zu
-verzeichnen: Gestern waren noch drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute
-morgen wird der kleine Sack offen gefunden und _es fehlen ein paar
-Stücke Zwieback_!
-
- Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen Handlung
- im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine Frage, daß
- dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. In zwei Tagen
- wird es mit den übrigen Brocken sicherlich zu Ende sein. Gott
- gebe uns die Kraft, die amerikanische Gruppe noch zu erreichen.
-
-Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu erzählte, erinnerten
-die Matrosen sich in jenen Tagen voll bitteren Aergers, daß der
-Portugiese 22 Rationen gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck
-lag; nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, wenn es zu
-Kannibalismus käme, so solle er zuerst für die anderen leiden. Samuel
-Ferguson bemerkt vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich sehr
-freundlich gegen uns benommen -- beinahe wie ein Vater. Er erzählte:
-wenn ihm das Kommando des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so
-hätte er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« Man schaudert,
-wenn man daran denkt, mit wie knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch
-entgingen!
-
-An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän in seinem Logbuch:
-
- Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: 14
- Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe eines Pennys zum
- Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück Schinken und ein Stück
- Brot, beide von der Größe eines Pennys, zum Frühstück.
-
-Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von der Größe eines Pennys‹
-sich nicht nur auf den Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der
-Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch so dünn geschnitten, wie
-es nur mit einem ganz scharfen Messer möglich war.
-
- 1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr böig und es
- ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -- nächst
- Gottes fürsorglichem Schutz -- uns während dieser 24 Stunden
- vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist über alle Begriffe
- wunderbar, wie jeder Bissen, der über unsere Lippen kommt, uns
- gesegnet ist. Ich muß täglich an das Wunder mit den Fischen
- und Broten denken. Henry benimmt sich prachtvoll; dies ist ein
- großer Trost für mich. Wie es kommt, weiß ich selbst nicht,
- aber ich hege große Zuversicht und hoffe, daß unsere Trauerzeit
- bald enden wird, obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur
- kreuzen und sehr bald weit davon weg sein werden. Unsere
- Haupthoffnungen setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein
- Kriegsschiff, oder auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf
- die wir steuern, sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner
- Karte soll es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden
- Stelle wirklich vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien!
-
-Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche später segelten sie über die
-Inseln weg!
-
-Aus dem Logbuch des Kapitäns:
-
- 2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn Rationen
- Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. _Aber die Sonne
- scheint und Gott ist barmherzig._
-
-Aus Samuel Fergusons Tagebuch:
-
- Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich fürchterlich.
- Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen nach dem vorderen
- Ende des Bootes und war überrascht, wie außerordentlich schwach
- ich war, besonders in den Knieen und überhaupt in den Beinen.
- Die Sonne hat wieder geschienen, ich habe einige von meinen
- Sachen trocknen können und hoffe auf eine bessere Nacht.
-
- 4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht,
- müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹
- sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die
- Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu
- begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein,
- denn länger als 5 oder 6 Tage _können_ wir mit unseren
- Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht
- es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute
- bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind;
- sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren.
- Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß,
- Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32
- Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit
- Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir
- noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben -- das ist mehr,
- als _menschliche_ Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen
- könnte.
-
-Aus des Kapitäns Logbuch:
-
- 4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.
-
-Aus Henry Fergusons Tagebuch:
-
- Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören
- lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem
- Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns
- zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer.
-
-Aus Samuels Tagebuch:
-
- Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser
- Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen
- ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es
- notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten
- vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und
- drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut
- werden -- lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der
- Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber,
- so gut ich kann, aufrecht zu erhalten ... Von heute an giebt’s
- nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um
- 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr
- abends je einen kleinen Schluck Wasser.
-
-Aus des Kapitäns Logbuch:
-
- Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher
- Wasser für jeden.
-
-Jetzt sind sie also herunter auf _eine_ Mahlzeit täglich -- und was
-für eine ›Mahlzeit‹! -- und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer
-furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei
-verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich.
-Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde,
-war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits
-gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in
-das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen,
-so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den
-Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer
-Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder
-Samuel zu:
-
- Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän und
- uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der Kapitän sei
- an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, das Schiff
- zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu bringen; er habe
- den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie bereits hatten, in
- die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung des Essens
- parteilich vor, indem er uns begünstige. X. fragte Cox neulich,
- ob er lieber hungern oder Menschenfleisch essen wolle. Cox
- antwortete, er würde hungern, worauf der andere versetzte, das
- wäre ja einfach Selbstmord. Wenn wir die Amerikanischen Inseln
- nicht finden, thun wir gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X.
- ist der lauteste von allen.
-
- Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf B. verlassen;
- außerdem auf Cox, nicht wahr?
-
- Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst
- wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu
- rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox richtig
- verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen
- oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. Es wäre
- gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen aufpaßtest, damit
- sie uns nicht gestohlen werden.
-
-Aus Henrys Tagebuch:
-
- 6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten etwas, das
- wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine Vögel! Wir fangen
- an zu befürchten, daß die Inseln nicht da sind. Heute wurde
- dem Kapitän ganz laut vor allen Leuten gesagt, einige von den
- Matrosen würden unbedenklich Menschenfleisch essen, falls einer
- von uns sterben sollte, doch würden sie niemanden totschlagen.
- Entsetzlich! Gott erhalte uns allen unsere Vernunft und erspare
- uns solche Greuel. »Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg
- und Mord und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!«
-
-Aus Samuels Tagebuch:
-
- 6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer).
- Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das Segel
- nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang ein
- Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern.
- Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er kam auch bis
- zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe ohnmächtig, wieder
- herunter kommen, ehe er fertig war. Dann ging Joe hinauf;
- beim zweiten Versuch konnte er die Taue vorläufig festmachen
- und die Blockrolle mit nach unten bringen; aber es war eine
- sehr anstrengende Arbeit und er war nachher den ganzen Tag
- erschöpft. Wir müssen aber unbedingt das Segel in gute Ordnung
- bringen, ehe wir alle unsere Kräfte verlieren.
-
-Aus des Kapitäns Logbuch:
-
- Nur noch drei Mahlzeiten übrig.
-
-Aus Samuels Tagebuch:
-
- 7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die
- volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden
- sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen
- auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr
- nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde
- sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es
- nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich
- zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß
- der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem
- Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten
- müssen!
-
- 8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und
- ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich
- ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte
- der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und
- Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich
- die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und
- bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es
- überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun
- nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten
- Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben
- wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges
- Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse
- ›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen
- aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der
- allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!
-
-Aus des Kapitäns Logbuch:
-
- Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.
-
-Samuels Tagebuch:
-
- 9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl
- sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir
- haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen,
- woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der
- Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen
- Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung,
- die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns
- liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die
- Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt.
- Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach
- menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben.
- Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden
- und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die
- Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.
-
- Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute
- ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den
- Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry,
- der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die
- Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag
- das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken
- Hals.
-
-Jetzt ist also _nichts_ mehr übrig, was man mit dem besten Willen
-›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage
-hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen
-vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von
-jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch.
-Henry Ferguson schreibt:
-
- Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen
- Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den
- Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt
- so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen
- wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter
- befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im
- Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die
- Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten.
- Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den
- Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich
- etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht
- unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen!
-
- 11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem
- Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte.
- Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers
- sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben
- werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich
- jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen
- könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man
- halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig
- ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe
- wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei
- verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz
- ruhig verhalten. _Es ist mein fester Glaube und meine innige
- Zuversicht, daß wir werden gerettet werden._[4]
-
- [4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch
- nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.«
- Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen
- sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten
- beim Steuer _eine Million Dollars in Gold_ versteckt; sie
- waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden
- und sich des Geldes zu bemächtigen.
-
- M. T.
-
- 12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin -- gerade auf die
- Inseln los. Gute Hoffnung -- aber die Aussicht auf die nächsten
- Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der
- Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.
-
- 13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt
- alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem
- wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.
-
- 14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind
- entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott
- gebe, daß wir bald Land sehen. _Nichts zu essen_ -- fühle mich
- aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen
- Regenbogen -- den ersten seit Antritt unserer Reise. Der
- Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen -- _es
- ist der Bogen der Verheißung_!«
-
- 15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade:
- =Land in Sicht!= Wir kamen schnell näher und waren bald der
- Thatsache _gewiß_! ... Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns
- herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden
- voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und
- seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von
- Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns
- prächtig auf -- halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und
- brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber
- die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren
- über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen,
- Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach
- dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch
- nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier.
- Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns
- einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse
- heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche
- Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee
- und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir
- schlafen sollten ... _Heute ist der glücklichste Tag meines
- Lebens!_ ... Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört ...
- Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür.
-
- 16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir
- hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir
- nicht -- dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn
- wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß
- alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot
- befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.
-
-Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches,
-was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In _einer_
-außerordentlichen Einzelheit -- daß nämlich _alle_ Insassen des Bootes
-am Leben bleiben -- steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern
-dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung
-es aus -- hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die
-an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben
-Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die
-rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen
-Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die
-meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von
-ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich
-war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der
-Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben.
-Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen
-einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal
-so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.
-
-Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste
-nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän,
-daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein
-Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die
-Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr
-ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem
-Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen
-hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im
-Riff lotsten -- die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!
-
-Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf
-den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der
-›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von
-ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit
-Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht
-durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise
-wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und
-keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie _schabten_ die
-Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der
-Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von
-Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher
-waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will
-ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen
-Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei
-einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar
-zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang!
-Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts.
-Viele Tage lang -- ich glaube, einundzwanzig hintereinander -- schlief
-der Kapitän überhaupt nicht.
-
-Nach der Landung gelang es, alle Geretteten davon abzuhalten, daß sie
-sich überaßen -- ausgenommen den Portugiesen. Der entkam dem Wärter
-und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, sagte
-der Dritte Steuermann, wären’s gewesen; aber dies war unzweifelhaft
-eine Uebertreibung -- ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig.
-Er war schon beinahe ganz voll von Leder; es hing ihm zu den Ohren
-heraus. (Dies berichte ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten
-Steuermanns, sondern ich übernehme selbst die Verantwortung dafür.)
-Der Portugiese hätte natürlich daran krepieren sollen und es thut einem
-sogar jetzt noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte
-sich und zwar so schnell wie alle andern -- trotz allem Leder und
-Butterholz und Taschentüchern und Bananen, die er in sich hatte. Einige
-von den Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, auch
-Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er.
-
-Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß sie den Kikerikihahn nicht
-schlachteten, der jeden Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang;
-dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und machte einen tapferen
-aber schwachen Versuch, noch einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb
-er. Ein interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen
--- der einzige, den man in den 43 Tagen sah; er erhob sich wie ein
-Triumphthor in die Lüfte, unter welchem die standhaften Streiter als
-Sieger in den Hafen der Rettung segelten!
-
-Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte Kapitän Josiah Mitchell diese
-denkwürdige Reise von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen Boot --
-eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie wirklich zurücklegten, und
-3360 Meilen in der Luftlinie -- und brachte jeden Mann gesund an Land.
-Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer Mann und lieber
-Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage lang mit ihm auf Deck -- (wenn
-ich nicht in der Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) -- und ich
-erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch lebt, ist er jetzt 86
-Jahre alt.
-
-Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, bald
-nach unserer Ankunft in San Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch
-sein Elternhaus erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen sehr
-verschlimmert worden.
-
-Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von den beiden kleinen Booten
-etwas vernehmen würde -- aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie
-gingen ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord waren, auch
-der ritterliche Obersteuermann.
-
-Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, sie genau so, wie sie
-niedergeschrieben waren, abzuschreiben und die Auszüge, die ich daraus
-gegeben habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. Die
-beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch sind durch keine Kunst
-besser zu machen: sie sind litterarisches Gold.
-
-Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht angesehen, aber ich finde
-sie haben in diesem Zeitraum nichts verloren. Verloren? Gewonnen
-haben sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche
-Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung an Interesse
-gewinnt. Wir werden uns dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend
-vor der armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten
-in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. Sie liegt da, das
-Kind, das sie zu retten versuchte, an ihren Busen gedrückt und ihr
-verzweiflungsvoller Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den Tod
-brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die glühende Lava nahm ihr
-das Leben, aber sie überlieferte ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der
-Ewigkeit. Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt tagelang unsere
-Gedanken -- warum? Das wissen wir nicht, denn sie ist nichts für uns,
-sie ist 1800 Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. Würde uns
-dagegen heutigen Tages ein solcher Fall vorkommen, so würden wir sagen:
-»Die arme Frau! Was für ein Jammer!« -- und hätten sie in einer Stunde
-vergessen.
-
-
-
-
-Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹.
-
-
-Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse zu erzählen. Wie mir
-scheint, gehören sie unter die Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber
-ich vor Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.[5]
-
- [5] Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen
- Schriften‹.
-
-Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn George W. Cable eine
-Rundreise, um Vorträge zu halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein
-Empfang veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags in einem langen
-Salon im Windsorhotel. Herr Cable und ich standen am einen Ende des
-Raumes, die Damen und Herren traten am anderen Ende ein, gingen die
-lange Wand linker Hand entlang, schüttelten uns die Hand, sagten ein
-oder zwei Worte und gingen weiter -- die übliche Geschichte. Mein
-Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich in dem Gedränge von
-Fremden, die sich weit da hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes
-Gesicht. Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll Freude bei
-mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz vergessen, daß sie eine
-Kanadierin ist.« Sie war in meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada,
-sehr befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren hatte ich nichts
-mehr von ihr gesehen oder gehört. Es war kein Anlaß vorhanden, sie
-mir in die Erinnerung zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit
-langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war mir völlig aus
-dem Gedächtnis entschwunden. Aber ich erkannte sie augenblicklich; ich
-sah sie so klar und deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem
-Anzug bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und behielt sie im
-Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich darauf, daß sie näher herankäme.
-Mitten unter all dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen
-Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden Reihe
-immer näher kam; als sie an der linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht
-von vorne sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß von mir
-entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, sie müsse doch
-irgendwo im Salon sein und würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in
-dieser Erwartung hatte ich mich getäuscht.
-
-Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, sagte jemand zu mir:
-»Bitte, kommen Sie mit nach dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie
-kennt und Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; Sie
-sollen wenn möglich die betreffende Person selber erkennen.«
-
-Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die Sache wird sehr einfach
-sein.«
-
-Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten unter ihnen, ganz wie ich’s
-erwartet hatte, Frau R. Sie war genauso angezogen, wie ich sie am
-Nachmittag gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr die Hand,
-begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte:
-
-»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben Augenblick als Sie den
-Saal betraten.«
-
-Sie sah mich überrascht an und antwortete: »Aber ich war ja gar nicht
-beim Empfang. Ich komme gerade eben von Quebec an und bin noch keine
-Stunde hier in der Stadt gewesen.«
-
-Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. Ich sagte:
-
-»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es genau so
-ist, wie ich sage. Ich sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so
-gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick sagte, ich würde
-einen Bekannten in diesem Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir
-auf, in Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie beim Empfang
-gesehen hatte.«
-
-Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim Empfang noch irgendwo
-in der Nähe; trotzdem sah ich sie dort, klar und deutlich und
-unverkennbar. Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man so
-etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem Augenblick an sie; ich
-hatte seit Jahren nicht an sie gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie
-an mich gedacht. Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit durch
-die Lüfte zu mir und brachten mit sich das deutliche, hübsche Bild der
-Dame? Ich glaube es.
-
-Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in Bezug auf Erscheinungen
--- ich meine Erscheinungen, die man in hellwachem Zustande sieht. Ich
-hätte vielleicht für einen Augenblick eingeschlafen sein können; dann
-wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber diese Möglichkeit kommt
-hier gar nicht in Frage; das Interessante dabei ist, daß es gerade in
-dem betreffenden Augenblick passierte -- nicht früher und nicht später;
-dies ist ein Beweis dafür, daß der Ursprung in Gedankenübertragung zu
-suchen ist.
-
-Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den meisten Leuten als reines
-zufälliges Zusammentreffen erklärt werden:
-
-Vor Jahren dachte ich manchmal daran, eine Vorlesungstour bei den
-Antipoden zu machen, gab aber die Idee stets wieder auf, teils wegen
-der Länge der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich machen
-konnte, mich zu begleiten. Ende Januar letzten Jahres kam nach langer
-Zwischenzeit plötzlich diese Idee mir wieder in den Kopf -- und zwar
-mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß. Woher kam sie? Was
-regte sie an? Hierauf komme ich gleich zu sprechen.
-
-Ich war damals, wo ich jetzt bin -- in Paris. Ich schrieb sofort
-an Henry M. Stanley in London und fragte ihn nach verschiedenen
-Einzelheiten in Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das
-Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen wären u. s. w.
-Nach ein paar Tagen kam seine Antwort; sie begann:
-
-»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent par excellence
-Herr R. S. Smythe in Melbourne.«
-
-Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen, eine Aufstellung
-der Kosten für die Seefahrt und einiges andere mit und riet mir, an
-Herrn Smythe zu schreiben. Das tat ich auch -- am 3. Februar. In den
-Eingangszeilen meines Briefes sagte ich ungefähr folgendes: er kennte
-mich zwar nicht persönlich, wir hätten aber einen gemeinsamen Freund
-in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen. Dann machte ich
-meinen Vorschlag und fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen
-abschließen wollte wie mit Stanley.
-
-Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn Smythe auf die Post, und
-drei Tage später bekam ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert:
-Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch nicht mehr gewundert,
-wenn ich einen Brief vom seligen George Washington gekriegt hätte. Der
-Brief begann ganz ähnlich wie der meinige -- mit einer Selbsteinführung:
-
-»Geehrter Herr Clemens! -- Es ist so lange her, seit Archibald Forbes
-und ich einen so reizenden Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in
-Hartford verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen
-haben.«
-
-Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es:
-
-»Ich biete Ihnen« -- (hier folgten dieselben Bedingungen, die er
-Stanley bewilligt hatte) -- »für eine Vorlesungstour von etwa drei
-Monaten bei den Antipoden.«
-
-Da hatte ich also die Antwort auf die einzige wesentliche Frage meines
-Briefes drei Tage nachdem ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die
-Mühe und das Porto sparen können -- und ein paar Jahre vorher _hätte_
-ich sie mir auch gespart, denn da hätte ich mir gesagt, der plötzliche
-starke Antrieb, an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel
-brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen, daß die Anregung
-von dem Fremden ausgehe, und er werde mir von selber auf meine Fragen
-antworten, wenn ich es einfach abwartete.
-
-Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an meiner Nase vorbei nach
-Amerika, wodurch er drei Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im
-Vorbeifahren ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das tun Briefe oft.
-
-Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von Australien
-herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose Brief einem
-diesen Gedanken mit, während er unsichtbar im Postsack an einem
-vorbeistreift.
-
-Nächstes Erlebnis: Einen Monat später -- im März -- war ich in Amerika.
-Ich verbrachte einen Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John
-Brisben Walker, von der Zeitschrift ›~The Cosmopolitan~‹. Den nächsten
-Morgen fuhren wir nach New York und gingen, um zu frühstücken, in
-den Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den Charakter des
-Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die darin herrschte, und über die
-angenehme Lage des Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht
-hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker Clubs wären für
-Mitglieder, die nicht am Ort wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne
-daß man viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte.
-
-»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist der ›Lotos‹ --
-der erste New Yorker Club, bei welchem ich Mitglied wurde -- meine
-allererste Liebe in dieser Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre
-Mitglied gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal Gelegenheit
-gehabt, vorzusprechen und die Leutchen zu sehen. Sie werden alt und
-grau, ohne daß ich was davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend
-meinen Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar Tage nach
-Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin, will ich ganz im geheimen
-zu John Elderkin gehen und ihm sagen:
-
-»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm Ehren, um der alten Zeiten
-willen! Macht mich zum Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab.
-Wenn ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so besser -- schafft
-es zu meiner Ehre und Glorie!‹«
-
-»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will John Elderkin besuchen,
-sobald ich von Hartford zurück bin.«
-
-Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug, telegraphierte aber
-vorher noch an Herrn F. G. Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag
-besuchen. Bei seiner Ankunft fragte er:
-
-»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York einen Brief von Herrn John
-Elderkin, dem Sekretär des Lotosklubs?«
-
-»Nein.«
-
-»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich gewußt, daß
-Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten. Es ist was Schönes,
-und Sie werden stolz darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch
-einstimmigen Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und den
-Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am Abend des dreißigsten,
-zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest des Klubs anwesend sein, um Ihre
-Auszeichnung entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie
-bei dieser Gelegenheit was Großes aufstellen!«
-
-Wie kam mir an jenem Tage im Century Club die Ehrenmitgliedschaft in
-den Kopf? Ich hatte nie zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich
-den Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht schon früher,
-aber ich bin fest überzeugt, daß er in der Vorstandssitzung des ›Lotos‹
-entsprang und im Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den
-geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn nahm.
-
-Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei Tage in Hartford als
-Gast des Rev. Joseph H. Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang
-bei seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet und fuhr jetzt
-mit ihm nach Farmington, um eine meiner Nichten zu besuchen, die in der
-berühmten Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt acht oder
-neun englische Meilen. Unterwegs erzählte ich zur Erläuterung irgend
-einer Behauptung folgende Anekdote:
-
- Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie auf der Reise
- nach Rom durch Mailand, wo wir Halt machten und im Continental
- abstiegen. Nach dem Essen ging ich hinunter und setzte mich
- auf einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die üblichen
- Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen, und sagte zu mir
- selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich -- gemütlich und ruhig,
- und kein Mensch kann mich stören; denn ich kenne in ganz
- Mailand keinen Menschen.‹
-
- In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf und streckte
- mir die Hand hin, wodurch meine im Selbstgespräch aufgestellte
- Behauptung allerdings ein bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa
- folgendes:
-
- ›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr Clemens, aber ich
- erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich war Kadett in West Point, als
- Sie mit Rev. Joseph H. Twichell vor einigen Jahren da waren und
- eine Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der regulären
- Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein in Europa auf
- einem bescheidenen kleinen Ausflug; mein Regiment steht in
- Arizona.‹
-
- Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei erzählte er
- mir ein kleines Abenteuer, das er vor kurzem gehabt hatte,
- ungefähr in folgender Weise:
-
- ›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und vor zehn Tagen
- verlor ich meinen Kreditbrief. Ich wußte absolut nicht, was ich
- anfangen sollte. Ich war ein Fremder, kannte keinen Menschen in
- Europa, hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht mal
- ein Telegramm nach London bezahlen, um mir für den verlorenen
- Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen. Meine Hotelrechnung
- war eine Woche alt und mußte mir nächstens vorgelegt werden
- -- vielleicht konnte das schon im allernächsten Augenblick
- geschehen. Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich verlöre
- den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich fortwährend auf und
- ab, hin und her. Wenn jemand in meine Nähe kam, drückte ich
- mich schleunigst, denn mochte er aussehen wie er wollte, ich
- dachte immer, es wäre der Oberkellner mit der Rechnung.
-
- ›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung, daß
- ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich auch nur eine
- schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und so beging ich denn
- folgende Verrücktheit: Ich sah an einem kleinen Tisch in der
- Veranda eine Familie beim Frühstück sitzen und erkannte, daß
- es Amerikaner waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter
- -- jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg alle
- unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks auf sie los, stellte
- mich ihnen mit meinem Namen vor, sagte ich sei Leutnant in der
- Armee, erzählte meine Geschichte und bat um Hilfe.
-
- ›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber Sie kommen in
- zwanzig Jahren nicht darauf. Er nahm eine Handvoll Goldstücke
- heraus und sagte mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen.
- Ja, das tat er!‹
-
- Am andern Morgen sagte der Leutnant mir, sein neuer Kreditbrief
- sei inzwischen angekommen; wir bummelten also zu Cook, und er
- ließ sich das Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter
- zu bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen Arkade
- entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten sind sie; kommen Sie
- mit, ich will Sie vorstellen.‹ Ich wurde den Eltern und den
- jungen Damen vorgestellt; dann trennten wir uns, und ich sah
- weder ihn noch sie jemals w ...
-
-»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach mich Twichell.
-
-Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten Boden die
-hundert Schritte nach der Schule hin; unterwegs sprachen wir von
-der langentschwundenen Zeit, da wir und Warner in jene Gegend
-herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen wäre.
-
-Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im Sprechzimmer; dann brachen
-wir auf. Vor dem Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig
-oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters Schule, die von einem
-Spaziergang nach Hause kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen
-Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie uns anzusehen. Auf
-einmal trat eine von ihnen aus der Reihe heraus und sagte:
-
-»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich kenne Ihre Tochter, und
-das verschafft mir den Vorzug, Ihnen die Hand zu geben.«
-
-Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte:
-
-»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben, Herr Clemens. Sie erinnern
-sich meiner nicht, aber Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den
-Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.«
-
-Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte in den Sinn gebracht?
-War es wirklich die Nähe des jungen Mädchens oder war es nur ein
-eigentümlicher Zufall?
-
-
-
-
-Besuch eines Interviewers.
-
-
-Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann nahm den Stuhl, den
-ich ihm anbot, und sagte, er gehörte zur Redaktion der ›Täglichen
-Blitzpost‹; dann fuhr er fort:
-
-»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie
-interviewen.«
-
-»Möchten Sie ... was?«
-
-»Sie interviewen.«
-
-»Ah so! Ja ... ja. Hm. Ja ... ja.«
-
-Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen nicht gerade sehr hell im
-Kopf. In der Tat, meine geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen
-umwölkt zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank und nachdem
-ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht hatte, sah ich mich
-genötigt, mich an den jungen Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte:
-
-»Wie buchstabieren Sie es?«
-
-»Buchstabieren? Was denn?«
-
-»Interviewen.«
-
-»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es denn zu buchstabieren!«
-
-»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich möchte nur nachschlagen,
-was es bedeutet.«
-
-»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich sagen. Ich kann Ihnen
-sagen, was es bedeutet, wenn Sie ... wenn Sie ...«
-
-»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr verbun ...«
-
-»I--n, in, t--e--r, ter, inter--«
-
-»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?«
-
-»Natürlich.«
-
-»So, deshalb brauchte ich so lange!«
-
-»Nanu, mein _lieber_ Herr, womit wollten Sie es denn buchstabieren?«
-
-»Ja, ich ... ich ... weiß nicht recht. Ich hatte das
-Konversationslexikon, große Ausgabe, vor und blätterte im Nachtragsband
-herum, in der Hoffnung, ich könnte das Wort unter den Abbildungen
-finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.«
-
-»Nun, bester Freund, eine _Abbildung_ davon wäre selbst in der neuesten
-Aufl ... Mein werter Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es
-absolut nicht böse, aber Sie sehen nicht -- nicht -- so -- äh --
-intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts für ungut -- ich meine
-es ja nicht böse.«
-
-»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von Leuten, die mir niemals
-schmeicheln würden und auch gar keine Veranlassung dazu haben
-könnten, schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu eine
-Sehenswürdigkeit bin. Ja ... ja; sie sprechen immer ganz hingerissen
-davon.«
-
-»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf unser Interview zu kommen.
-Wie Sie wohl wissen ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt
-geworden ist, sofort zu interviewen.«
-
-»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich noch nie was gehört. Das muß
-sehr interessant sein. Womit machen Sie es?«
-
-»Ah, ... hem! ... hem! ... hem! ... das ist ja ... Manchmal _sollte_
-es mit ’ner Keule gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es
-darin, daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte darauf
-antwortet. Man ist ganz darauf versessen. Wollen Sie mir gestatten,
-einige Fragen über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen und
-privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?«
-
-»O, mit Vergnügen -- mit Vergnügen! Ich habe ein sehr schlechtes
-Gedächtnis, aber ich hoffe, Sie werden nicht so genau darauf sehen.
-Das heißt ... es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis -- überaus
-unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und dann wieder braucht es
-vierzehn Tage, um über einen gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht
-mir viel Kummer.«
-
-»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich nur recht Mühe geben
-wollen.«
-
-»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der Sache sein.«
-
-»Danke. Sind Sie so weit?«
-
-»Jawohl.«
-
- * * * * *
-
-»Wie alt sind Sie?«
-
-»Neunzehn, im Juni.«
-
-»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig gegeben. Wo wurden Sie
-geboren?«
-
-»In Missouri.«
-
-»Wann fingen Sie an zu schreiben?«
-
-»1836.«
-
-»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn Sie jetzt erst neunzehn sind?«
-
-»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein bißchen sonderbar aus.«
-
-»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung der Hervorragendste von
-allen Männern, mit denen Sie je in Berührung kamen?«
-
-»Aaron Burr.«
-
-»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt haben, wenn Sie jetzt
-erst neunzehn Jahre alt sind --«
-
-»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen als ich selber, warum
-fragen Sie mich dann?«
-
-»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts ... Unter welchen
-Umständen waren Sie mit Burr zusammen?«
-
-»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem Begräbnis, und er bat
-mich, nicht so viel Lärm zu machen und ...«
-
-»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei seinem Begräbnis waren, so muß
-er tot gewesen sein, und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob
-Sie Lärm machten oder nicht?«
-
-»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung immer ein schnurriger
-Kauz.«
-
-»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie sagen, er habe mit
-Ihnen gesprochen, und Sie sagen, er sei tot gewesen.«
-
-»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.«
-
-»Aber war er denn nicht tot?«
-
-»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen, er wär’ es _nicht_!«
-
-»Und was war Ihre Meinung?«
-
-»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht mein eigenes Begräbnis.«
-
-»Hatten Sie ... Indessen, wir kommen damit doch nicht zum Ziel.
-Gestatten Sie mir, Sie nach etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr
-Geburtstag?«
-
-»Montag, den 31. Oktober 1693.«
-
-»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja hundertachtzig Jahre alt. Wie
-erklären Sie das?«
-
-»Ich erkläre es überhaupt nicht.«
-
-»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn, und jetzt wollen Sie
-hundertachtzig Jahre alt sein. Das ist aber ein häßlicher Mißklang.«
-
-»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte ihm die Hand.
-»Manchmal kam es mir selber vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich
-konnte mir nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie doch so
-etwas bemerken!«
-
-»Danke für das Kompliment ... Haben oder hatten Sie Bruder oder
-Schwester?«
-
-»Hm ... Ich ... ich glaube, ... ja ... aber ich erinnere mich nicht
-genau ...«
-
-»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste, was ich je gehört habe.«
-
-»Wieso? warum denn?«
-
-»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich darüber wundere.
-Bitte, sehen Sie mal hier: wen stellt das Bild hier an der Wand vor?
-Ist das nicht ein Bruder von Ihnen?«
-
-»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran; das _war_ ein Bruder von
-mir. Das ist William --; Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!«
-
-»Ach was? Ist er denn tot?«
-
-»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals genau sagen. Es schwebt
-ein großes Geheimnis über der Geschichte.«
-
-»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl verschwunden?«
-
-»Sozusagen ja; wir begruben ihn.«
-
-»_Begruben_ ihn! _Begruben_ ihn!! Ohne zu wissen, ob er tot war oder
-nicht?«
-
-»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.«
-
-»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.«
-
-»Er dachte gar nicht dran.«
-
-»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht gehört! _Jemand_ war
-tot. _Jemand_ wurde begraben. Nun, wo lag denn da das Geheimnis?«
-
-»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen! Wissen Sie, wir waren
-Zwillinge -- der Verstorbene und ich -- und wir wurden in der Badewanne
-verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt waren, und einer von uns
-ertrank. Aber wir wußten nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere
-sagen, ich wäre es gewesen.«
-
-»So, das ist ja wirklich interessant. Und was ist _Ihre_ Meinung
-darüber?«
-
-»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze Welten drum, wenn ich’s wüßte.
-Dieses erhabene furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein
-ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt einen geheimen Umstand
-mitteilen, den ich bisher noch keiner Menschenseele enthüllt habe.
-Einer von uns hatte ein besonderes Kennzeichen -- ein großes Muttermal
-auf dem Rücken der linken Hand. Das war -- ich! _Und dieses Kind
-ertrank!_«
-
-»Herr ... ich sehe eigentlich nicht, was dabei denn für ein Geheimnis
-ist.«
-
-»Nicht? Aber _ich_ sehe es. Jedenfalls begreife ich nicht, wie man
-einen solchen Unsinn machen und das verkehrte Kind begraben konnte.
-Aber, schscht! -- erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie davon
-hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben schon ohnedies genug
-gebranntes Herzeleid.«
-
-»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick Stoff genug und bin Ihnen
-für Ihre Bemühungen sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich,
-was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten. Würden Sie mir vielleicht
-noch sagen, welcher besondere Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so
-hervorragenden Mann zu halten?«
-
-»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit! Unter 50 Leuten hätte kaum
-ein einziger überhaupt darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war,
-und das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt dastand, und
-der Leichnam schmuck und nett in seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag,
-da sagte er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung werfen
-und stand auf und setzte sich neben den Kutscher.«
-
- * * * * *
-
-Hierauf empfahl der junge Mann sich voller Ehrerbietung. Er war ein
-sehr angenehmer Gesellschafter, und es tat mir leid, daß er ging.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mark Twains
-
-Ausgew. humoristische Schriften.
-
-
-_Inhalt_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.=
-
- Bd. III. =Skizzenbuch.=
-
- Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.=
- { =Nach dem fernen Westen.=
-
- Bd. V. =Im Gold- und Silberland.=
-
- Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.=
-
-Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.
-
-Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden.
-
-
-_Neue Folge_:
-
- Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.=
-
- Bd. II. =Querkopf Wilson.=
-
- Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt.
-
- Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl.
-
- Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde= u. a. Erzähl.
-
-Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden.
-
-Preis _aller_ 6 Bände, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
- wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten. Die Darstellung
- der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Vorspannseiten mit dem
- Kapitelnamen wurden entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 147: Schluß → Schuß
- ehe es zum {Schuß} kam
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
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- Adams Tagebuch und andere Erzählungen, by Mark Twain&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Adams Tagebuch, by Mark Twain</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Adams Tagebuch</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>und andere Erzählungen</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: December 8, 2021 [eBook #66904]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter" id="cover">
- <img class="w80" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Mark Twains</p>
-
-<p class="h2">Humoristische Schriften</p>
-
-<p class="center">Neue Folge. 5. Band
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Adams Tagebuch<br />
-<span class="smaller">und andere Erzählungen</span></h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Mark Twain</p>
-
-<p class="center smaller">Autorisiert</p>
-
-<p class="center">Inhalt:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="noind s90">Adams Tagebuch &ndash; Mein Reisegefährte, der Reformator
-&ndash; Meine Tätigkeit als Reisemarschall &ndash; Von allerhand
-Schiffen &ndash; Der Roman einer Eskimo-Maid &ndash; Die Erzählung
-des Kaliforniers &ndash; Die Appetit-Anstalt u. s. w.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter" id="signet">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center p2">Stuttgart</p>
-
-<p class="center">Verlag von Robert Lutz</p>
-
-<p class="center">1903.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<p class="center smaller p2">Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Adams Tagebuch</td>
- <td class="tdr"><a href="#Adams_Tagebuch">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mein Reisegefährte, der Reformator</td>
- <td class="tdr"><a href="#Mein_Reisegefaehrte_der_Reformator">35</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Meine Tätigkeit als Reisemarschall</td>
- <td class="tdr"><a href="#Meine_Taetigkeit_als_Reisemarschall">69</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Von allerhand Schiffen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Von_allerhand_Schiffen">107</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Roman der Eskimo-Maid</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Roman_der_Eskimo-Maid">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Erzählung des Kaliforniers</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Erzaehlung_des_Kaliforniers">181</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Appetit-Anstalt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Appetit-Anstalt">201</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mein Eintritt in die Litteratur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Mein_Eintritt_in_die_Litteratur">231</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹</td>
- <td class="tdr"><a href="#Gedankentelegraphie">277</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Besuch eines Interviewers</td>
- <td class="tdr"><a href="#Besuch_eines_Interviewers">293</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Adams_Tagebuch">Adams Tagebuch.</h2>
-</div>
-
-<div class="blockquot s90">
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Vorbemerkung</em>: Ich habe einen Teil dieses
-Tagebuches bereits vor mehreren Jahren übersetzt,
-und ein Freund von mir hat ein paar Exemplare
-meiner Arbeit in unvollständigem Zustand gedruckt;
-doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen.
-Seitdem habe ich noch etwas mehr von Adams
-Hieroglyphen entziffert, und ich glaube, daß er nachgerade
-als öffentlicher Charakter eine genügende Bedeutung
-besitzt, um die Herausgabe dieser Uebersetzung
-zu rechtfertigen.</p>
-
-<p class="mright">
-Mark Twain.
-</p>
-</div>
-
-<p class="drop"><em class="gesperrt">Montag.</em> Dieses neue Geschöpf mit dem
-langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein.
-Es ist immer hinter mir her und lungert beständig
-um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht
-an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei
-den übrigen Tieren … Es ist heute umwölkt; denke,<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher
-habe ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, &ndash;
-das neue Geschöpf braucht es immer.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Habe den großen Wasserfall untersucht.
-Er ist das Beste auf dem ganzen Grundstück,
-sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn den
-›Niagara-Fall‹, &ndash; habe auch nicht die blasseste
-Ahnung, weswegen. Wenn es sagt, das Ding sehe
-aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn. Es
-ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich
-selber komme gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu
-benennen. Das neue Geschöpf tauft alles, was uns
-gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den
-geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das
-immer unter einem und demselben Vorwand, daß
-es so ›aussehe‹.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Habe mir einen Unterschlupf gegen
-den Regen gebaut. Aber ich konnte ihn nicht friedlich
-für mich behalten. Das neue Geschöpf war
-gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen
-versuchte, vergoß es Wasser aus den beiden Löchern,
-mit welchen es sieht, wischte es mit dem Rücken
-seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich,
-wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-weh thut oder sie sich fürchten. Wenn es nur nicht
-sprechen wollte! Es schwatzt beständig. Das klingt
-fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich über das
-arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt
-mir fern. Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor
-gehört, und jeder neue und fremde Laut, welcher
-das feierliche Schweigen in dieser träumerischen Einsamkeit
-unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche
-Note. Und obendrein ist dieser neue Laut immer so
-nahe bei mir, er ist dicht an meiner Schulter, dicht
-an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der andern
-Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu
-hören, die mehr oder weniger entfernt von mir sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Das Benennen geht unaufhaltsam
-weiter, ich mag dagegen thun was ich will. Ich
-hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten
-Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch
-zugleich &ndash; Garten von Eden. Ich gebrauche den
-Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur verstohlen.
-Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen
-Landschaft nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere
-nicht im mindesten an einen Garten sondern
-sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So
-hat es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-Namen Niagarafall-Park gegeben. Das ist eigenmächtig
-genug, sollte ich meinen. Und schon kann
-man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten
-Warnung sehen: »Es ist verboten den Rasen zu
-betreten!«</p>
-
-<p>Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Das neue Geschöpf ißt zu viel
-Früchte. Wir werden wahrscheinlich bald Mangel
-daran haben. Schon wieder ›Wir‹ &ndash; das ist sein
-Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen
-Hören … Ziemlich neblig heute früh. Ich selbst
-gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das neue
-Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus
-und kommt dann mit schmutzigen Füßen wieder hereingestampft.
-Dabei spricht es fortwährend, und früher
-war es hier so angenehm und ruhig.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Hab ihn glücklich hinter mir.
-Dieser Tag wird immer ermüdender. Der Sonntag
-wurde im letzten November zum Ruhetag gewählt und
-abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon
-sechs solche Tage. Und heute? Heute morgen fand
-ich das neue Geschöpf, wie es mit Erdklumpen nach
-dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel herunterzuholen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Montag.</em> Das neue Geschöpf sagt: sein Name
-sei Eva. Das ist ganz recht, und ich will nichts dagegen
-einwenden. Es sagt, der Name sei dazu da,
-damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu
-haben wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name
-dann überflüssig sei. Dies Wort hob mich augenscheinlich
-in der Achtung des neuen Geschöpfs. Und
-wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von
-allgemeiner Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit
-wiederholt zu werden. Darauf sagte mir
-das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine
-›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber
-mir ist’s einerlei; sie mag sein was sie will, wenn
-sie nur ihrer Wege gehen und nicht beständig reden
-wollte!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Sie sagt, dieser Park würde eine
-äußerst erquickende und reinliche Sommerfrische abgeben,
-für den Fall sich Gäste dafür finden ließen.
-Sommerfrische &ndash; was heißt das? Offenbar wieder
-so ’ne neue Erfindung ihres rastlosen Hirns und
-ihres noch ruheloseren Mundes &ndash; Worte ohne jeden
-Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser,
-ich frage sie gar nicht erst danach &ndash; sie hat ohnehin
-eine wahre Sucht alles zu erklären.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Sie hat es für gut befunden, mich
-zu bitten, nicht mehr über den Wasserfall zu gehen,
-wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht
-denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie
-schaudern. Ich möchte nur wissen warum? Ich habe
-es immer gethan, seit ich hier bin. Das Hineinspringen,
-das Untertauchen und die Aufregung dabei
-macht mir den größten Spaß. Und dann die Kühle,
-wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch immer gedacht,
-daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens
-hat er &ndash; soweit ich sehen kann &ndash; sonst keinen Zweck,
-und irgend einen Zweck muß er doch haben. Und
-jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte wäre
-nur um der malerischen Scenerie willen da &ndash; wie
-das Rhinoceros und das Mastodon.</p>
-
-<p>Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt,
-&ndash; auch das war nicht nach ihrem
-Geschmack. Dann in einer Waschbutte, &ndash; sie war
-noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den
-Strudel unterhalb des Falls und durch die Stromschnellen
-oberhalb des Falls in einem nagelneuen
-Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast
-in Fetzen ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe
-wegen meiner Verschwendungssucht. Ich fühle mich<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel
-wird mir gut thun.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Am Abend des letzten Dienstag
-bin ich durchgebrannt und habe mir dann, nachdem
-ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen neuen
-Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle.
-Aber wie sehr ich auch bemüht gewesen war, meine
-Spuren zu verwischen und zu verbergen, &ndash; sie hat
-mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, welches
-sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich
-zu mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch,
-das ich nicht hören mag, und ließ das Wasser
-aus den beiden Löchern, mit denen sie sieht, hervorschießen.
-Es blieb mir nichts anderes übrig, als
-mit ihr zurückzugehen, &ndash; aber ich werde sofort
-wieder ausreißen, wenn sich die Gelegenheit bietet.
-Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen Dingen
-ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen,
-warum die Tiere, welche Löwen und Tiger heißen,
-auf diesem großen Grundstück von Gras und Blumen
-leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine
-Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt
-sind einander aufzufressen. Das ist einfach
-Narrheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Habe ihn glücklich hinter mir.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Montag.</em> Ich glaube jetzt dahintergekommen
-zu sein, wozu die Woche da ist: sie soll
-einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des
-Sonntags zu erholen. Das ist gar keine schlechte
-Idee … Ich habe Eva schon wieder an dem verbotenen
-Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert
-und ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam
-und sagte, es hätte ’s ja niemand gesehen.
-Ich glaube, sie hält das für eine genügende Rechtfertigung,
-um die gefährlichsten Dinge zu thun.
-Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung
-erregte ihre Bewunderung und zugleich,
-wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr leicht
-erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Das Neueste, was sie mir gesagt
-hat, ist, daß sie aus einer von meinem Körper
-genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine
-gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe
-gefehlt! Besonderes Kopfzerbrechen macht ihr seit
-einiger Zeit der junge Habicht, mit dem sie sich so
-viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen,
-und fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können,
-weil er, wie sie sich einbildet, verwestes Fleisch zur<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-Nahrung haben müsse. Ein Habicht sollte sich, meiner
-Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist.
-Man kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe
-die ganze Ordnung der Dinge umkehren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Samstag.</em> Gestern fiel sie in den Teich, als
-sie sich zu weit vorbog, um sich im Wasser zu betrachten.
-Sie thut das immer, sobald sie an einen Teich kommt,
-nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. Sie
-hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte.
-Das sei ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte
-sie, als sie wieder draußen war. Es machte sie auch
-traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser
-leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat
-nämlich noch immer nicht aufgehört, allen möglichen
-Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen. Sie kommen
-gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt
-ihr nicht das geringste; sie ist nun einmal
-solche Thörin! Die Folge war, daß sie gestern abend
-eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte und,
-damit sie warm werden möchten, in mein Bett that.
-Aber ich habe sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung
-gemacht, daß sie durchaus nicht glücklicher
-schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den ganzen
-Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-ich sie einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder
-mit ihnen schlafen, denn sie sind unangenehm schleimig
-und naßkalt, und das Liegen zwischen ihnen ist,
-namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Habe ihn glücklich hinter mir.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dienstag.</em> Jetzt hat sie sich mit einer Schlange
-eingelassen. Die andern Tiere sind froh, weil sie beständig
-an ihnen herumhantierte und sie nicht in Ruhe
-ließ &ndash; auch ich freue mich darüber, weil die Schlange
-gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Freitag.</em> Sie sagt mir, die Schlange habe
-ihr geraten, die Frucht von dem Baum zu kosten,
-und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine große,
-schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich
-sagte ihr, es würde noch etwas anderes daraus entstehen
-&ndash; der Tod würde in die Welt kommen.
-Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und
-ich hätte ungleich besser gethan, die Bemerkung für
-mich zu behalten. Es brachte sie nur auf den Gedanken,
-daß sie dann den kranken Habicht gesund
-machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und
-Tigern frisches Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte.
-Ich riet ihr noch einmal aufs dringendste, von dem
-Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es nicht.<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke
-wieder ans Auswandern.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Ich habe eine bunte Zeit hinter
-mir. An jenem Abend bin ich ausgerissen und die
-ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd
-nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park
-herauszukommen und ein anderes Land zu erreichen,
-bevor die ganze Not hereinbrach. Aber das sollte
-mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang
-hatte ich die Grenze noch immer nicht erreicht.
-Dafür befand ich mich auf einer grasigen, mit Blumen
-bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren versammelt
-waren, teils schlafend, teils weidend, teils
-miteinander spielend, wie das bei den Tieren Brauch
-war. Aber plötzlich stießen sie allesamt ein entsetzliches
-Gebrüll und Geheul aus, und schon im nächsten
-Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr
-durcheinander. Wie rasend fielen die Tiere über einander
-her und zerfleischten sich gegenseitig. Ich hätte
-so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte ich
-sofort, was es zu bedeuten hatte &ndash; Eva hatte von
-der verbotenen Frucht gegessen, und im selben Augenblick
-war auch der Tod in die Welt gekommen! Die
-Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen es,<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle
-zu kehren. Ja, sie würden mich selber gefressen
-haben, hätte ich mich nicht schnell aus dem Staube
-gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand ich
-diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch
-ein paar Tage äußerst behaglich befunden, bis &ndash;
-sie mich auch hier entdeckt hatte und plötzlich vor
-mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir
-das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie
-ich es mir vorher vielleicht vorgestellt hatte. Auch
-sie fand den Platz gar nicht übel und hatte natürlich
-wieder sofort einen Namen für ihn, &ndash; weil er
-gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz
-froh, daß sie mich gefunden hatte, da es hier herum
-weder Früchte noch Beeren gab, wie drüben im Park,
-und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen
-Baumes mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß
-ich mich genötigt sah, sie zu verspeisen. Eigentlich
-ging es gegen meine Grundsätze &ndash; aber ich habe
-damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen
-nur treu zu bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat.</p>
-
-<p>Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt.
-Sie kam in einer Art Umhüllung von Zweigen und
-Laubgewinden, und als ich sie fragte, was dieser<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne
-Zeug herunterriß und es auf die Erde warf, &ndash;
-da zitterte sie an allen Gliedern, und wurde rot
-im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden zittern und
-rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön,
-sondern geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf
-meine Frage nur: ich würde das bald an mir selbst
-erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz meines
-Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite
-&ndash; es war obendrein der feinste, den ich je gekostet
-habe, noch dazu bei so vorgeschrittener Jahreszeit
-&ndash; und fing an, mich selber mit dem Grünzeug zu
-behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte.
-Dann sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl
-ihr mit Entrüstung, noch mehr Zweige und Blätter
-zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. Sie
-gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir
-beide nach dem Platz zurück, wo die wilden Tiere vorhin
-die Vernichtungsschlacht gekämpft hatten und sammelten
-einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus
-für uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen
-wir uns öffentlich zeigen könnten. Sie sind hart und
-unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten Mode, und
-das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p>
-
-<p>Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz
-gute Gesellschafterin ist. Ohne sie würde ich jetzt
-recht einsam und traurig sein, nachdem ich meinen
-Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir
-eben gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der
-Dinge fortan für unsern Lebensunterhalt arbeiten
-müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie wird
-arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nächstes Jahr.</em> Wir haben es Kain getauft,
-sie hat es eingefangen, während ich weiter draußen
-im Land war, um zu jagen und Fallen zu stellen.
-Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte,
-im Tannengehölz, ein paar Meilen südlich
-von der Erdwohnung, die wir uns angelegt haben.
-Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht
-irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt
-dies Eva, aber meiner Meinung nach ist es ein
-Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe
-allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur
-eine andere, noch neue Art Tier ist, &ndash; vielleicht
-ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser warf, um
-mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf
-sie ihm nachsprang und es herauszog, ohne
-mir die nötige Zeit zu lassen, die Sache durch<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch
-immer der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist,
-während es ihr so gleichgültig zu sein scheint, was
-es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem
-neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht.
-Mir ist an ihr neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich.
-Seit sie das Geschöpf im Hause hat,
-scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie
-sich schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch
-nie auf ein Tier so große Stücke gehalten, wie auf
-dieses, doch weiß sie mir keinen Grund dafür anzugeben.
-Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne
-nicht mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch
-halbe Nächte lang in ihren Armen umher, wenn er
-jammert und winselt, weil er ins Wasser will, und
-wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen
-und hinein werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr
-dagegen, wie nur je, als sie noch bei Verstande war.
-Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann wieder
-das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht;
-sie drückt den Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise
-auf den Rücken, macht mit ihrem Munde allerlei Töne,
-die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch vor
-Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-dergleichen nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend
-einem Tiere thun sehen, und ich mache mir viel
-Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm Grundstück
-vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu
-Zeit junge Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit
-ihnen getrieben, aber doch nicht immerfort und niemals
-bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen genommen,
-wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sonntag.</em> Am Sonntag scheint sie sich’s zur
-Regel zu machen, nicht zu arbeiten, sondern ganz
-erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und den
-Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt
-sie allerlei Töne mit dem Munde hervor und behauptet,
-das belustige ihn; sie steckt sich auch seine
-kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und
-er fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen
-Fisch lachen sehen, und dabei kommen mir allerlei
-Zweifel … Der Sonntag gefällt mir jetzt selber
-ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich,
-wenn man die Woche über fortwährend die Arbeit
-anderer beaufsichtigen muß. Da sollte es noch mehr
-Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem
-großen Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten,
-jetzt fangen sie an, mir ganz gelegen zu kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mittwoch.</em> Es ist kein Fisch. Das weiß ich
-jetzt &ndash; aber darum kann ich noch lange nicht begreifen,
-was es eigentlich ist. Wenn es was haben
-will und bekommt es nicht gleich, macht es den
-tollsten und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat,
-was es will, oder sonst zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹
-oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, denn
-es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte
-es fliegen; es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht;
-und auch keine Schlange, weil es nicht kriechen kann.
-Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls ganz bestimmt,
-obgleich ich nicht dazu kommen kann, es
-schwimmen zu lassen. Wenn Eva es nicht auf den
-Armen hat, liegt es meist am Boden auf dem Rücken
-und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch
-bei keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein
-Riesenkäfer sein. Wenn es stirbt will ich es auseinandernehmen,
-um seine innere Einrichtung zu untersuchen.
-Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Die Geschichte wird
-immer rätselhafter. Ich kann kaum noch schlafen,
-weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das Geschöpf
-liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf
-seinen vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-wesentlich von den übrigen Vierfüßlern, denn seine
-Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So ragt denn
-der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig
-in die Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat.
-Im übrigen ist es ganz so gebaut wie wir, doch beweist
-schon die Art seiner Fortbewegung, daß es nicht zu
-unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und
-die Länge der Hinterbeine deuten darauf hin, daß
-es aus der Känguruh-Familie stammt. Doch unterscheidet
-es sich auch hier wieder von dem wirklichen
-Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses.
-Es muß eine seltsame und interessante Abart sein,
-die bisher noch nicht katalogisiert worden ist. Da
-ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für
-berechtigt, mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle
-Zeiten dadurch zu sichern, daß ich dem neuen Geschöpf
-meinen Namen beilege. Ich habe es <em class="antiqua">Kaengurum
-Adamiensis</em> getauft.</p>
-
-<p>Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen
-sein, als Eva es in dem Tannengehölz fing, denn es
-ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist es wohl
-fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas
-haben will und es nicht gleich bekommt, macht es
-dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang und Gewalt<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-vermögen nichts dagegen auszurichten, im
-Gegenteil, sie machen die Sache immer nur schlimmer.
-Darum habe ich das Zwangs-System, mit dem
-ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben,
-zumal ich ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders
-schwierigen Stand hatte. Sie besänftigt es
-immer mit Zureden und Schönthun und meistens
-damit, daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst
-rundweg abgeschlagen hat.</p>
-
-<p>Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu
-Hause, als sie es brachte. Sie sagte mir, sie habe
-es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß es
-das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich
-die ganze Zeit über müde und lahm gesucht, um
-ein zweites Exemplar zu finden, teils um es unserer
-Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten
-für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und
-sich leichter zähmen lassen. Aber ich kann keines entdecken;
-auch nicht die leiseste Spur habe ich aufgefunden.
-Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders
-leben als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts
-bewegt, müßte es doch eine Fährte hinterlassen.
-Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und
-Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-kleinen Tiere kann ich fangen, nur dieses nicht.
-Sie gehen meist aus Neugierde in die Falle, nur
-um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt
-ist, glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie,
-sie werfen sie höchstens um.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Unser adamitisches
-Känguruh wächst noch immer fort, was höchst seltsam
-und beunruhigend ist. Ich habe noch nie gesehen,
-daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle
-Größe zu erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem
-Kopf; gar nicht wie einen Känguruhpelz, sondern
-viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich
-feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist.
-Wenn das noch lange so fort geht, verliere ich nächstens
-den Verstand über die tollen und unberechenbaren
-Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten
-zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites
-fangen, &ndash; doch das ist eine ganz vergebliche Hoffnung.
-Es ist eine neue Art und von dieser das
-einzige Exemplar, &ndash; soviel steht jetzt fest. Seit
-vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden.
-Ich hatte ein wirkliches Känguruh gefangen
-und mit nach Hause gebracht, in dem Gedanken,
-daß das unserige in seiner Einsamkeit froh<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-sein würde, wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes
-Tier zu begegnen. Unter Wildfremden, die
-nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen
-und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie
-ich glaubte, einen kleinen Trost finden. Aber welchen
-Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel bei dem bloßen
-Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche
-Krämpfe, daß ich sofort wußte, es habe noch kein
-derartiges Geschöpf gesehen. Mir thut das kleine
-Tier leid, denn es schreit bei der geringsten Gelegenheit
-und ich kann nichts thun, um es glücklich zu
-machen oder zu sorgen, daß es sich bei uns wie
-unter seinesgleichen fühlt &ndash; und doch möchte ich
-es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es
-nur wenigstens zähmen könnte, &ndash; aber auch das ist
-ganz außer Frage. Und je mehr ich es versuche, um
-so schlimmer scheine ich es zu machen. Es schneidet
-mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen
-Anfällen von Kummer und stürmischer Leidenschaft
-zu sehen. Eigentlich möchte ich, wir wären es wieder
-los; doch wage ich gar nicht den Wunsch auszusprechen.
-Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst
-damit und zweitens würde Eva von einem solchen
-Vorschlag kein Wort hören wollen. Das scheint sehr<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-grausam und selbstsüchtig von ihr, &ndash; aber vielleicht
-hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch
-einsamer sein als vorher. Ist es mir nicht gelungen
-ein zweites Exemplar seiner Gattung zu finden, so
-müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fünf Monate später.</em> Es ist kein Känguruh!
-Nein, es kann sich seit wenigen Tagen selbst
-auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es sich
-gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten
-Finger festhält. Ueber ein paar Schritte
-kommt es dabei freilich noch nicht hinaus, sondern fällt
-dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere zurück. Aber
-das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen,
-daß es kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher,
-daß es eine Art Bär ist. Nur hat es keinen Schwanz
-und, &ndash; wenigstens bis jetzt, &ndash; kein haariges Fell,
-außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich
-&ndash; ich weiß das von jener Vernichtungsschlacht
-her. Ich werde diesem hier, so gerne ich
-ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben,
-sich ohne Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe
-ich wieder einen Versuch gemacht, Eva ein richtiges,
-ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches
-sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-ich damit erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern
-in ihrem Gesicht förmlich wie Feuer sprühte und
-sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als je
-von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch
-ihre Thorheit in neue Gefahr bringen. Seit sie den
-Verstand verloren hat, ist sie wie umgewandelt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Vierzehn Tage später.</em> Ich habe seinen
-Mund untersucht. Noch ist es unschädlich; es hat erst
-einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es noch immer
-nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor.
-Und namentlich in der Nacht. In den letzten
-beiden Nächten war es so arg, daß ich ausgezogen
-bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber,
-und dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen
-hat. Wenn es erst einmal den ganzen Mund voll
-Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein, Maßregeln zu
-ergreifen, &ndash; Schwanz oder nicht Schwanz &ndash; denn
-ein Bär braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Vier Monate später.</em> Ich bin wieder auf
-einem längeren Jagd- und Fischausflug fortgewesen.
-Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit hatte
-der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen
-allein fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹
-und ›Momma‹ klang, zu sagen. Es ist sicherlich eine<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie Worte
-anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an
-sich gar nichts zu bedeuten haben. Aber selbst dann
-ist die Sache noch immer merkwürdig genug, und
-jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese
-Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen
-des Pelzes und der vollständige Mangel eines
-Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht nur
-eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist.
-Inzwischen beabsichtige ich, seinetwegen auf eine
-neue Forschungsexpedition auszugehen und die großen
-Wälder weiter im Norden nach einem zweiten Exemplar
-zu durchsuchen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Drei Monate später.</em> Es war ein langer
-und langweiliger Jagdausflug, von dem ich da eben
-zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar erfolglos.
-Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan?
-Ohne sich vom Platze zu rühren und sich im mindesten
-anzustrengen hat sie unterdessen gerade auf
-dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen!
-Hat man je von solchem Glück gehört?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tags darauf.</em> Ich habe das neue Geschöpf genau
-mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel,
-daß sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung
-auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im
-allgemeinen eingenommen, und in diesem Falle wollte
-sie erst recht nichts davon wissen. So habe ich denn
-die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich ich denke,
-daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen
-sollen. Man denke sich, daß sie plötzlich wieder
-abhanden kämen, und stelle sich den Verlust für die
-Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen zurückbliebe!</p>
-
-<p>Das ältere von beiden ist auch das weitaus
-zahmere. Es kann sogar plappern und lachen, wie
-ein Papagei. Und da auch Papageien so viel um
-uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles,
-und die Gabe der Nachahmung überhaupt, von ihnen
-gelernt hat. Na, wer weiß, &ndash; vielleicht kommt es
-zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei
-ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern,
-wenn ich bedenke, was es alles schon gewesen ist
-seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen Fisch
-hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere
-zuerst war; es hat gelblich-rote Fleischfarbe und
-auf dem Kopf nur hier und da einen ganz leisen
-Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen
-Namen gegeben &ndash; Abel nennt sie es.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zehn Jahre später.</em> Es sind Jungens! Wir
-wissen das jetzt schon seit geraumer Zeit. Nur ihre
-anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit hat uns
-so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt,
-daher unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben
-wir uns bereits daran gewöhnt, &ndash; auch ein paar
-Mädel sind schon angekommen.</p>
-
-<p>Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain
-ein Bär geblieben wäre, so würde das besser für
-ihn gewesen sein.</p>
-
-<p>Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen
-Jahren ein, daß ich Eva im Anfang unrecht
-gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens
-mit ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte
-zuerst, sie spräche zuviel. Aber jetzt würde es mich
-aufs tiefste betrüben, wenn diese Stimme verstummen
-und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte.
-Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander
-so nahe gebracht hat, daß ich ihre Holdseligkeit und
-die Güte ihres Herzens erkennen lernte!</p>
-
-<p class="center p2">
-<em class="gesperrt">Ende.</em>
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Mein_Reisegefaehrte_der_Reformator">Mein Reisegefährte, der Reformator.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach
-Chicago, um die Weltausstellung zu sehen, sah sie
-zwar nicht, aber mein Ausflug war doch nicht ganz
-fruchtlos &ndash; ich fand Ersatz für die Ausstellung.
-In New York machte ich die Bekanntschaft eines
-Majors von der Armee, der mir sagte, er wolle
-ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns,
-die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch
-etwas in Boston zu tun, aber das machte ihm nichts;
-er sagte, er wolle den Umweg machen und mitkommen.
-Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau
-wie ein Gladiator, indes seine Manieren waren
-ruhig, seine Sprache war sanft und hatte etwas
-Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender
-Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen
-Sinn für Humor. Er nahm Interesse an<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-allem, was um ihn herum vorging, allein sein Gleichmut
-war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus
-der Ruhe, nichts regte ihn auf.</p>
-
-<p>Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte
-ich, daß er tief im Innern trotz all seiner Ruhe
-eine Leidenschaft hatte &ndash; eine Leidenschaft für die
-Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben.
-Er schwärmte für Bürgerpflicht &ndash; das war sein
-Steckenpferd. Er war der Meinung, jeder Bürger
-der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen
-und unbesoldeten Polizisten betrachten und über
-den Gesetzen und ihrer Beobachtung treue Wacht
-halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte der
-Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren
-und zu schützen, wenn jeder Bürger für sein Teil
-dazu half, daß jeder Verstoß, der zu seiner persönlichen
-Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde.</p>
-
-<p>Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen,
-als ob man dabei fortwährend Unannehmlichkeiten
-haben müsse und nichts andres mehr zu tun habe,
-als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen
-zu lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht
-zu werden. Aber er sagte nein, ich wäre
-auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung vor,<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-irgend jemand absetzen zu lassen, ja es <em class="gesperrt">dürfe</em>
-überhaupt niemand entlassen werden; das wäre gänzlich
-verfehlt &ndash; nein, man müßte den Mann reformieren
-und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar
-machen.</p>
-
-<p>»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige
-bringen und dann den Vorgesetzten bitten, ihn
-nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen tüchtigen
-Rüffel zu geben und ihn zu behalten?«</p>
-
-<p>»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn
-überhaupt nicht anzeigen, denn damit bringen Sie
-sein täglich Brot in Gefahr. Sie könnten so tun,
-als ob Sie ihn anzeigen wollten &ndash; wenn alles
-andre nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall.
-Das ist schon eine Art von Gewalt, und Gewalt
-taugt nicht. Diplomatie &ndash; das hilft! Wenn nun
-jemand Takt besitzt &ndash; wenn er Diplomatie anwendet&nbsp;…«</p>
-
-<p>Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter
-gestanden, und die ganze Zeit über
-hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit
-eines der jungen Beamten zu erregen; aber von
-denen hatte keiner Zeit, weil sie alle Maulaffen
-feil hielten. Schließlich machte sich der Major<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm
-abzunehmen. Er bekam zur Antwort:</p>
-
-<p>»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?«</p>
-
-<p>Und der junge Mann sah wieder aus dem
-Fenster.</p>
-
-<p>Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig.
-Dann schrieb er ein zweites Telegramm:</p>
-
-<p>»Präsident der Western Union Telegraph Company.
-Bitte, speisen Sie heute abend bei mir. Kann
-Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem Ihrer
-Bureaus der Dienst gehandhabt wird.«</p>
-
-<p>Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch
-geantwortet hatte, streckte die Hand aus und nahm
-das Telegramm; als er es las, wurde er ganz blaß
-und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde
-seine Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm
-abginge, und vielleicht bekäme er keine andre
-wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal so hinginge,
-so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr
-geben. Daraufhin wurde der Friede geschlossen.</p>
-
-<p>Als wir weitergingen, sagte der Major:</p>
-
-<p>»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie &ndash; und
-Sie haben bemerkt, wie sie wirkte. Es hätte gar
-keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die Leute<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-fortwährend tun &ndash; der junge Mensch kann einem
-mit gleicher Münze heimzahlen, und man zieht fast
-immer den kürzeren dabei und ärgert sich bloß über
-sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen
-Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche
-Worte und Diplomatie &ndash; das sind die Werkzeuge,
-mit denen man arbeiten muß.«</p>
-
-<p>»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so
-günstiger Lage, wie Sie in diesem Fall. Es steht
-eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit
-dem Präsidenten der Western Union.«</p>
-
-<p>»Ich kenne den Präsidenten gar nicht &ndash; ich
-benutzte ihn nur zu diplomatischen Zwecken. Es geschieht
-zu seinem und zum allgemeinen Besten. Also
-nichts Böses dabei.«</p>
-
-<p>Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht:
-»Ist es aber überhaupt wohl jemals recht oder anständig,
-zu lügen?«</p>
-
-<p>Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage
-lag, beachtete er nicht, sondern antwortete mit unerschütterlich
-ernster Einfachheit:</p>
-
-<p>»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand
-Schaden zu tun oder um sich selber einen Vorteil
-zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen
-oder um des allgemeinen Besten willen &ndash; oh,
-das ist ganz was andres! Das weiß ja jedes Kind.
-Aber ganz abgesehen von den Methoden &ndash; Sie sehen
-das Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein
-brauchbarer und höflicher Beamter werden. Er hatte
-ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu retten, &ndash;
-um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen.
-Natürlich hat er eine Mutter &ndash; auch Schwestern.
-Hol’ der Henker die Leute, die das fortwährend vergessen.
-Wissen Sie, ich habe nie in meinem Leben
-ein Duell gehabt &ndash; nicht ein einzigesmal&nbsp;&ndash;, obwohl
-ich so gut wie andre Leute Herausforderungen
-erhielt. Ich sah immer meines Gegners unschuldige
-Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und
-mir stehen. <em class="gesperrt">Sie</em> hatten ja nichts getan &ndash; ich konnte
-doch nicht <em class="gesperrt">ihre</em> Herzen brechen.«</p>
-
-<p>Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche
-Menge Mißstände, und stets ohne Reibung, stets mit
-einer feinen und zartfühlenden ›Diplomatie‹, die keinen
-Stachel zurückließ. Seine Leistungen bereiteten
-ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß
-ich ihn um seinen Beruf beneidete und mich vielleicht
-auch darin versucht haben würde, wenn ich die notwendigen<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span>
-Abweichungen von der Wahrheit mit ebensolcher
-Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen
-könnte, wie es mir mittels einer Feder und hinter
-der Deckung einer Druckerpresse nach einiger Uebung
-&ndash; glaube ich &ndash; wohl möglich wäre.</p>
-
-<p>Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn
-wieder in die Stadt hinein fuhren, kamen drei
-Radaubrüder in den Wagen und begannen nach
-rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen
-um sich zu werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen
-und Kinder, hatten Angst, und kein Mensch wagte,
-den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu erwidern;
-der Schaffner versuchte es mit gütlichem
-Zureden, aber die Rauhbeine gaben ihm einfach
-Schimpfworte zurück und lachten ihn aus. Sehr
-bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall
-seiner Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich
-musterte er in Gedanken seinen Vorrat von diplomatischen
-Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit voraus,
-daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und
-Hohn, vielleicht sogar noch Schlimmeres einbringen
-würde; aber bevor ich ihm diese Bemerkung zuflüstern
-konnte, sagte er bereits in gleichmütigem
-und leidenschaftslosem Ton:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p>
-
-<p>»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen.
-Ich will Ihnen dabei helfen.«</p>
-
-<p>Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der
-Blitz fuhren die drei Knoten auf ihn los, aber kein
-einziger kam an ihn heran. Er teilte drei Faustschläge
-aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes
-zu sehen nicht erwarten konnte, und die
-drei Kerle blieben liegen, wo sie hingefallen waren.
-Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der
-Plattform des einen Moment haltenden Wagens
-hinunter; hierauf fuhren wir weiter.</p>
-
-<p>Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein
-Lamm so vorgehen konnte; erstaunt über die von
-ihm entfaltete Kraft und über das klare und allgemeinverständliche
-Ergebnis; erstaunt über die gewandte
-und geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze
-gemacht hatte. Die Situation hatte ihre humoristische
-Seite, insofern ich den ganzen Tag über von diesem
-schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über
-sanfte Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört
-hatte. Ich hätte ihn gern darauf hingewiesen
-und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber als
-ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck
-haben würde. Auf seinem ruhigen und zufriedenen<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-Gesicht lag keine Ahnung von Humor; er würde
-mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der
-nächsten Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich
-zu ihm:</p>
-
-<p>»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich,
-oder vielmehr es waren drei tüchtige diplomatische
-Streiche.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Das?</em> Das war keine Diplomatie. Sie sind
-völlig auf dem Holzweg. Diplomatie ist ganz was
-andres. Damit ist bei <em class="gesperrt">der</em> Sorte nichts auszurichten;
-sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war
-keine Diplomatie, es war Gewalt.«</p>
-
-<p>»Da Sie das Wort nennen, so &ndash; ja, ich glaube,
-Sie können vielleicht recht haben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es <em class="gesperrt">war</em>
-eben Gewalt!«</p>
-
-<p>»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein.
-Versuchen Sie oft, Leute auf diese Art zu
-bessern?«</p>
-
-<p>»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht
-öfter, als jedes halbe Jahr einmal im Durchschnitt.«</p>
-
-<p>»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?«</p>
-
-<p>»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich!<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span>
-Sie sind ganz außer Gefahr. Ich weiß, wie
-und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl
-bemerkt, daß ich nicht unter die Kinnlade schlug.
-Das würde sie getötet haben.«</p>
-
-<p>Ich glaubte das. Ich bemerkte &ndash; und nach
-meiner Meinung war es ein ganz guter Witz&nbsp;&ndash;,
-er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen,
-habe sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt,
-zum Sturmbock; aber er sagte mit freundlicher
-Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein Sturmbock
-sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im
-Gebrauch. Das war, um aus der Haut zu fahren,
-und ich wäre beinahe mit der Antwort herausgeplatzt,
-er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein
-Trampeltier. Ich hatte das Wort tatsächlich schon
-auf der Zunge, aber ich sagte es doch nicht, denn
-mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und
-ich es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen
-könne.</p>
-
-<p>Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston.
-Die Rauchabteilung im Salonwagen war voll,
-und wir gingen daher in das gewöhnliche Rauchcoupé.
-Drüben auf der andern Seite des Wagenganges,
-auf dem vordersten Sitz, saß ein bescheiden<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-aussehender alter Mann &ndash; dem Anschein nach ein
-Landmann &ndash; mit bleichem, kränklichem Gesicht und
-hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft
-zu bekommen. Auf einmal kam polternd ein großer
-Bremser herein; bei der Tür blieb er stehen, warf
-dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und
-schlug mit solcher Kraft die Tür zu, daß der alte
-Mann beinahe seine Stiefelsohle eingebüßt hätte.
-Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere
-von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah
-ganz beschämt und traurig drein.</p>
-
-<p>Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch,
-und der Major hielt ihn an und stellte in seiner gewöhnlichen
-höflichen Weise die Frage:</p>
-
-<p>»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes
-Betragen eines Bremsers? Bei Ihnen?«</p>
-
-<p>»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn
-Sie das wollen. Was hat er getan?«</p>
-
-<p>Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien
-den Schaffner zu amüsieren. Er sagte mit einer
-ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu seinen
-köstlichen Worten:</p>
-
-<p>»Wenn ich Sie recht verstehe, so <em class="gesperrt">sagte</em> der
-Bremser nichts?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p>
-
-<p>»Nein, das tat er nicht.«</p>
-
-<p>»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und das ist alles, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ja, das ist alles.«</p>
-
-<p>Der Schaffner lächelte freundlich und sagte:</p>
-
-<p>»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen;
-aber ich sehe nicht recht, wohin das führen
-könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so wollen
-Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn
-hier beleidigt. Man wird Sie fragen, was er <em class="gesperrt">gesagt</em>
-habe. Sie werden antworten, gesagt habe er
-überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen,
-wie Sie von einer Beleidigung sprechen können,
-wenn der Mann, wie Sie selber zugeben, kein Wort
-gesagt hat.«</p>
-
-<p>Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner
-für seine knappen und bündigen Schlußfolgerungen.
-Das machte ihm Vergnügen &ndash; man konnte es seinem
-Gesicht ansehen.</p>
-
-<p>Aber der Major war unerschüttert. Er sagte:</p>
-
-<p>»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-im ganzen Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden
-&ndash; wie übrigens auch das Publikum
-und allem Anschein nach Sie selber &ndash; wissen gar
-nicht, daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in
-Worten bestehen. Darum wendet sich niemand an
-die höchste Stelle und beschwert sich wegen Beleidigungen
-in Manieren, Gebärden, Blicken und so
-weiter, und trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher
-als Worte. Sie tun bitterlich weh, weil
-sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er
-von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird,
-immer sagen kann, es sei ihm nicht im Traum eingefallen,
-irgend jemand beleidigen zu wollen. Mir
-scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend
-ersuchen, auch Beleidigungen und Unhöflichkeiten,
-die <em class="gesperrt">nicht</em> in Worten ausgedrückt waren, zur Anzeige
-zu bringen.«</p>
-
-<p>Der Schaffner lachte und sagte:</p>
-
-<p>»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs
-Publikum recht weit treiben!«</p>
-
-<p>»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen
-Fall in New Haven zur Sprache bringen, und ich
-habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür
-sein wird.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p>
-
-<p>Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem
-freundlichen Ausdruck, oder vielmehr es wurde
-vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging.
-Ich sagte:</p>
-
-<p>»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer
-Lappalie Lärm schlagen?«</p>
-
-<p>»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets
-angezeigt werden. Es ist eine öffentliche Angelegenheit,
-und kein Bürger hat das Recht, darüber hinwegzusehen.
-Aber ich werde mich über diesen Fall
-gar nicht zu beschweren brauchen.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird
-alles in Ordnung bringen. Sie werden schon sehen.«</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder
-durch den Wagen; als er beim Major war, beugte
-er sich zu ihm herüber und sagte:</p>
-
-<p>»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den
-Mann nicht anzuzeigen. Er ist mir verantwortlich,
-und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm einen
-Rüffel geben.«</p>
-
-<p>Der Major antwortete herzlich:</p>
-
-<p>»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich
-hätte aus Rachsucht so gesprochen, ich tat’s aus<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager ist einer
-von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt,
-daß Sie den Bremser das nächstemal, wenn er einen
-harmlosen alten Mann gröblich beleidigt, ganz gehörig
-vornehmen wollen, so wird ihn das freuen,
-darauf können Sie sich verlassen.«</p>
-
-<p>Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man
-vielleicht hätte erwarten können; er machte im Gegenteil
-den Eindruck, als ob ihm recht unbehaglich zu
-Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p>
-
-<p>»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der
-Stelle mit ihm geschehen. Ich will ihn entlassen.«</p>
-
-<p>»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck
-haben? Glauben Sie nicht, es wäre vernünftiger,
-ihm bessere Manieren beizubringen und ihn zu behalten?«</p>
-
-<p>»Hm, da liegt was drin … Was würden Sie
-vorschlagen?«</p>
-
-<p>»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart
-all dieser Herrschaften. Wie wär’s, wenn Sie ihn
-hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart
-Abbitte tut?«</p>
-
-<p>»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte
-noch eins bemerken: Wenn alle Leute es so machten<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-wie Sie und solche Sachen sofort bei mir meldeten,
-anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher
-herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu
-schimpfen, so sollten Sie mal sehen, wie schnell sich
-alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr verbunden.«</p>
-
-<p>Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er
-wieder hinaus war, sagte der Major:</p>
-
-<p>»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das
-war? Der gewöhnliche Bürger würde nichts ausgerichtet
-haben &ndash; der Schwager eines Direktors
-bringt alles fertig, was er nur will.«</p>
-
-<p>»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem
-der Direktoren?«</p>
-
-<p>»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse
-es erfordert. Ich habe einen Schwager in
-allen Direktionen &ndash; überall. Das erspart mir endlose
-Verdrießlichkeiten.«</p>
-
-<p>»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.«</p>
-
-<p>»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.«</p>
-
-<p>»Wird die Verwandtschaft niemals von einem
-Schaffner angezweifelt?«</p>
-
-<p>»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf
-mein Ehrenwort: <em class="gesperrt">niemals</em>!«</p>
-
-<p>»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-wollte, den Bremser fortjagen? Sie wissen, daß
-der Mensch es verdiente.«</p>
-
-<p>Der Major antwortete &ndash; und in seinem Tone
-lag wirklich ein an ihm ganz ungewohnter Anflug
-von Ungeduld:</p>
-
-<p>»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken
-wollten, so würden Sie eine solche Frage nicht
-stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man ihn
-nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein
-Mensch und hat wie ein Mensch um seinen Lebensunterhalt
-zu ringen. Und er hat stets eine Schwester
-oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten.
-Immer &ndash; Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie
-ihm seinen Lebensunterhalt nehmen, so nehmen Sie
-auch den ihrigen weg &ndash; und was haben <em class="gesperrt">sie</em> Ihnen
-getan? Nichts. Und was hat es für Zweck, einen
-unhöflichen Bremser fortzujagen und einen andern
-anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine
-Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das
-einzig Vernünftige ist, den Bremser zu <em class="gesperrt">bessern</em>
-und ihn zu behalten? Das ist doch klar.«</p>
-
-<p>Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß
-noch ein Erlebnis. Zwischen Hartford und Springfield
-kam mit dem üblichen Gebrüll der Buchhandlungsjunge<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-durch den Wagen; er hatte einen ganzen
-Armvoll Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes
-Heft einem schlafenden Herrn in den Schoß fallen, so
-daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr
-ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich
-in sehr hitzigen Reden über den Frevel. Sie ließen
-den Salonwagenschaffner kommen, trugen ihm den
-Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus
-fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer
-waren reiche Holyoker Kaufleute, und der Schaffner
-hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen. Er
-suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander,
-der Junge stehe nicht unter seiner
-Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der Eisenbahnbuchhandlung.
-Aber all sein Reden nutzte
-ihm nichts.</p>
-
-<p>Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den
-Beschuldigten zu zeugen. Er sagte:</p>
-
-<p>»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine
-Herren, haben nicht übertreiben <em class="gesperrt">wollen</em>, haben
-es aber doch getan. Der Junge hat nichts weiter
-getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn
-Sie wünschen, daß er anständigere Manieren annimmt
-und sich bessert, so bin ich mit Ihnen einverstanden<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen
-zu helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen,
-ohne ihm eine Möglichkeit der Besserung
-zu geben.«</p>
-
-<p>Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem
-Vergleich nichts wissen. Sie wären gut bekannt mit
-dem Präsidenten der Boston- und Albany-Gesellschaft,
-sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles
-andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und
-dem Jungen zu zeigen, wer sie wären.</p>
-
-<p>Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein,
-und er würde alles tun, was in seinen Kräften stände,
-um den Jungen zu retten. Einer von den Herren sah
-ihn von oben bis unten an und sagte:</p>
-
-<p>»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer
-den größten Einfluß beim Präsidenten der Gesellschaft
-hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?«</p>
-
-<p>Der Major sagte in aller Ruhe:</p>
-
-<p>»Ja; er ist mein Oheim.«</p>
-
-<p>Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar
-Minuten lang herrschte ein peinliches Schweigen.
-Dann fingen sie an einzulenken und halbe Zugeständnisse
-zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig
-und überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-wieder friedlich und gemütlich, und es wurde beschlossen,
-die Sache fallen zu lassen und dem Jungen
-sein Brot (mit Butter) zu lassen.</p>
-
-<p>Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich
-nicht des Majors Oheim &ndash; nur für diesen
-Tag und diesen Zug adoptiert!</p>
-
-<p>Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich,
-weil wir mit einem Nachtzug fuhren und
-den ganzen Weg über schliefen.</p>
-
-<p>Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn
-von New York ab. Nach dem Frühstück
-am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen,
-fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren
-nur ein paar Leute drin und nichts los. Hierauf
-gingen wir in den kleinen Rauchabteil des Salonwagens
-und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen
-schimpften über eine Vorschrift der Bahnverwaltung:
-daß nämlich Sonntags in den Zügen nicht Karten
-gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges
-Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden,
-weiter zu spielen. Der Fall interessierte unsern
-Major. Er sagte zu dem dritten Herrn:</p>
-
-<p>»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der
-Yale-Universität und ein religiöser Mann, aber das
-geht mir zu weit.«</p>
-
-<p>Hierauf sagte der Major zu den beiden andern:</p>
-
-<p>»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr
-Spiel wieder aufnehmen, meine Herren; niemand
-hier hat etwas dagegen einzuwenden.«</p>
-
-<p>Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber
-der andre meinte, er wolle gern wieder anfangen,
-wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten also einen
-Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen
-Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner
-herein und sagte in scharfem Tone:</p>
-
-<p>»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken
-Sie die Karten ein &ndash; es ist nicht erlaubt.«</p>
-
-<p>Der Major war gerade beim Mischen. Er
-mischte ruhig weiter und sagte:</p>
-
-<p>»Auf wessen Befehl ist es verboten?«</p>
-
-<p>»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.«</p>
-
-<p>Der Major fing an zu geben und fragte:</p>
-
-<p>»Ist die Idee von Ihnen?«</p>
-
-<p>»Was für ’ne Idee?«</p>
-
-<p>»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen
-zu verbieten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p>
-
-<p>»Nein, natürlich nicht.«</p>
-
-<p>»Von wem dann?«</p>
-
-<p>»Von der Gesellschaft.«</p>
-
-<p>»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von
-Ihnen, sondern von der Gesellschaft aus. Stimmt
-das?«</p>
-
-<p>»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich
-muß Sie ersuchen, daß Sie augenblicklich aufhören.«</p>
-
-<p>»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden.
-Wer ermächtigte die Gesellschaft, einen solchen
-Befehl zu erlassen?«</p>
-
-<p>»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts
-an, und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige
-sind, der hier in Betracht kommt. Vielleicht geht
-es <em class="gesperrt">mich</em> sehr nahe an. Ja, es ist in der Tat für
-mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich
-kann eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes
-nicht verletzen, ohne mich selber zu entehren; ich
-kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft erlauben,
-meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften
-einzuschränken &ndash; was Eisenbahnverwaltungen
-fortwährend zu tun versuchen &ndash; ohne meine Bürgerwürde
-zu entehren. Ich komme daher auf meine<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-Frage zurück: auf welche Autorität hin hat die Verwaltung
-diesen Befehl erlassen?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht. Das ist <em class="gesperrt">ihre</em> Sache!«</p>
-
-<p>»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft
-überhaupt ein Recht hat, eine derartige Vorschrift zu
-erlassen. Die Bahn führt durch verschiedene Staaten.
-Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich sind,
-und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in
-Bezug auf das Kartenspielen am Sonntag lauten?«</p>
-
-<p>»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts
-an, wohl aber die Befehle meiner Gesellschaft. Es
-ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß dies Spielen
-aufhört, meine Herren, und es <em class="gesperrt">muß</em> aufhören!«</p>
-
-<p>»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht
-zu übereilen. In Gasthäusern schlagen sie gewisse
-Vorschriften in den Zimmern an, aber stets führen
-sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an.
-Hier sehe ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen
-Sie Ihre Berechtigung nach und lassen Sie uns zum
-Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß Sie
-das Spiel aufhalten.«</p>
-
-<p>»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine
-Befehle, und das genügt. Diesen Befehlen muß
-gehorcht werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p>
-
-<p>»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen
-sein. Es wird besser sein, wenn wir die Sache
-ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns erst
-mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen
-Mißgriff macht &ndash; denn wenn die Freiheiten eines
-Bürgers der Vereinigten Staaten beschnitten werden,
-so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und die
-Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für
-meine Person lasse es mir nicht gefallen, wenn der
-Betreffende mir nicht die Berechtigung seines Vorgehens
-nachweist. Nun&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Mein werter Herr, <em class="gesperrt">wollen</em> Sie Ihre Karten
-hinlegen?«</p>
-
-<p>»Alles zu seiner Zeit &ndash; vielleicht. Es kommt
-darauf an. Sie sagen, diesem Befehl muß gehorcht
-werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie sehen
-selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung
-wird Sie &ndash; natürlich! &ndash; nicht mit einem
-so drastischen Befehl bewaffnen, ohne eine Buße auf
-jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte
-es leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher
-Befehl bleiben. Wieviel beträgt die Buße für Uebertretung
-dieses Gesetzes?«</p>
-
-<p>»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p>
-
-<p>»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft
-befiehlt Ihnen, hier hereinzukommen und in
-schroffer Weise eine unschuldige Unterhaltung zu
-verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand,
-um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie
-nicht ein, daß das Unsinn ist? Was <em class="gesperrt">tun</em> Sie denn,
-wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu gehorchen?
-Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle
-aus dem Zug?«</p>
-
-<p>»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn
-einer seine Fahrkarte hat!«</p>
-
-<p>»Verklagen Sie ihn vor Gericht?«</p>
-
-<p>Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er
-verwirrt. Der Major gab neue Karten und sagte:</p>
-
-<p>»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß
-die Gesellschaft Sie in eine lächerliche Stellung gebracht
-hat. Man überträgt Ihnen das Amt, eine
-anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das
-mit Lärmen und Toben, und wenn Sie näher zusehen,
-so finden Sie, daß Sie kein Mittel haben,
-sich Gehorsam zu erzwingen.«</p>
-
-<p>Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p>
-
-<p>»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört,
-und damit habe ich meine Schuldigkeit getan. Ob
-Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden
-Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte
-er sich zum Gehen.</p>
-
-<p>»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch
-nicht zu Ende. Ich glaube, Sie irren sich, wenn
-Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu haben; aber
-wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber
-eine Schuldigkeit zu erfüllen.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion
-in Pittsburg zur Anzeige bringen?«</p>
-
-<p>»Nein. Wozu auch?«</p>
-
-<p>»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde <em class="gesperrt">Sie</em>
-anzeigen!«</p>
-
-<p>»Anzeigen &ndash; weswegen?«</p>
-
-<p>»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer
-Gesellschaft, indem Sie nicht unserm Spiel Einhalt
-getan haben. Als Bürger habe ich die Pflicht, den
-Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten
-den Dienst ordentlich versehen.«</p>
-
-<p>»Meinen Sie das im Ernst?«</p>
-
-<p>»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-Sie als Menschen, aber ich muß Ihnen als Beamten
-den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl nicht
-ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen,
-muß ich Sie anzeigen. Und das werde ich auch tun.«</p>
-
-<p>Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und
-dachte einen Augenblick nach; dann rief er:</p>
-
-<p>»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette
-Patsche gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel;
-ich werde absolut nicht mehr klug daraus. So was
-ist mir noch niemals vorgekommen. Die Leute haben sich
-stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe ich
-auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl
-ohne Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand
-anzuzeigen, wünsche aber auch selber nicht angezeigt
-zu werden &ndash; um Gottes willen, davon könnte
-ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie
-nur ruhig weiter &ndash; spielen Sie den ganzen Tag, wenn
-Sie Lust haben&nbsp;&ndash;, und reden wir nicht mehr davon!«</p>
-
-<p>»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen,
-um die Rechte dieses Herrn hier zu vertreten
-&ndash; jetzt kann er selbst weiterspielen. Doch bevor
-Sie gehen &ndash; wollen Sie mir nicht vielleicht
-sagen, weshalb nach Ihrer Meinung die Gesellschaft
-diese Vorschrift erlassen hat?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p>
-
-<p>»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen
-klar und einfach; sie ist erlassen aus Rücksicht auf
-die Gefühle, ich meine die religiösen Gefühle der
-Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich,
-wenn durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der
-Sonntag entheiligt wird.«</p>
-
-<p>»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts
-dabei, den Sonntag durch Reisen zu entheiligen, aber
-sie wollen nicht dulden, daß andre Leute&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den
-Kopf getroffen. Auf diesen Gedanken war ich noch nie
-gekommen. Aber es ist wirklich eine <em class="gesperrt">alberne</em> Vorschrift,
-wenn man genauer zusieht.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu
-und wollte sehr von oben herab das Kartenspielen
-untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die
-Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir
-hörten kein Wort mehr von der Geschichte.</p>
-
-<p>In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett
-und bekam daher von der Weltausstellung keinen
-Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt, nach dem
-Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig
-war. Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major
-eine Salonabteilung in einem Schlafwagen und bezahlte<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-den Preis dafür. Ich hatte also einen bequemen
-großen Raum zur Verfügung; als wir aber
-auf dem Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß
-aus Versehen unser Wagen nicht angehängt worden
-war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns freigehalten
-&ndash; mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der
-Major sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten
-warten, bis der Wagen angehängt sei. Hierauf antwortete
-der Schaffner mit freundlicher Ironie:</p>
-
-<p>»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie
-soeben sagten, aber wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen,
-meine Herren, einsteigen! Lassen Sie uns
-nicht warten!«</p>
-
-<p>Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ
-auch nicht zu, daß ich es tat. Er verlangte seinen
-Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies machte
-den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig,
-und er rief:</p>
-
-<p>»Wir haben unser möglichstes getan &ndash; Unmögliches
-können wir nicht fertig bringen. Sie werden
-diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es ist
-ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in
-diesem letzten Augenblick wieder gutgemacht werden.
-So etwas kommt ab und zu vor, und man kann nichts<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu
-finden. Andre Leute machen’s auch so.«</p>
-
-<p>»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren
-Rechten bestanden, so würden Sie jetzt nicht versuchen,
-die meinigen so mir nichts dir nichts unter die Füße
-zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen
-unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist
-meine Pflicht, den nächsten, dem das Gleiche passieren
-könnte, vor derartigem zu bewahren. Ich muß also
-meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago
-warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung
-des mit mir abgeschlossenen Vertrages verklagen.«</p>
-
-<p>»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer
-Kleinigkeit?«</p>
-
-<p>»Gewiß.«</p>
-
-<p>»Ist das wirklich Ihre Absicht?«</p>
-
-<p>»Allerdings.«</p>
-
-<p>Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt
-prüfenden Blick an; dann sagte er:</p>
-
-<p>»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht
-da &ndash; ist mir noch niemals vorgekommen. Aber ich
-will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich will
-den Bahnhofsvorsteher holen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich
-&ndash; auf den Major, nicht auf den Mann, der das
-Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz angebunden
-und stellte sich auf den gleichen Standpunkt
-wie anfangs der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen
-durchaus nicht; er bestand mit seiner freundlichen
-Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen haben.
-Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des
-Rechts nur auf der einen Seite, und zwar auf der des
-Majors. Der Stationsvorsteher gab sein ärgerliches
-Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar halb und
-halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung
-von Vergleichshandlungen, und der Major
-gab nun auch etwas nach. Er sagte, er wolle auf die
-<em class="gesperrt">bestellte</em> und bezahlte Salonabteilung verzichten,
-aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach
-einigem Suchen wurde eine gefunden, deren Inhaber
-sich überreden ließ; er vertauschte sie mit
-unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab.</p>
-
-<p>Am Abend besuchte der Schaffner uns und war
-freundlich und höflich und zuvorkommend. Wir hatten
-ein langes Gespräch miteinander und wurden schließlich
-gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum
-beschwerte sich öfter &ndash; das würde von guter Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-sein. Man könnte nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen
-den Reisenden gegenüber ihre Schuldigkeit
-täten, solange nicht die Reisenden sich selber
-darum bekümmerten.</p>
-
-<p>Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug
-reformiert, aber dem war nicht so. Am andern
-Morgen bestellte der Major, als wir im Speisewagen
-saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte:</p>
-
-<p>»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir
-servieren nichts, was nicht auf der Karte steht.«</p>
-
-<p>»Der Herr da drüben ißt Huhn.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor
-bei der Gesellschaft.«</p>
-
-<p>»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn
-haben. Solche Unterscheidung liebe ich nicht. Bitte,
-schnell &ndash; bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!«</p>
-
-<p>Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser
-setzte leise und höflich dem Major auseinander, es
-ließe sich unmöglich machen &ndash; es wäre gegen die
-Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste.</p>
-
-<p>»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch
-anwenden oder sie unparteiisch brechen.
-Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder
-mir auch eins bringen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
-
-<p>Der Steward wußte nicht, was er machen sollte.
-Er begann eine unzusammenhängende Erklärung vom
-Stapel zu lassen, und in diesem Augenblick kam der
-Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward
-setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus
-ein Huhn haben wollte, obwohl das doch gegen
-die Vorschrift wäre und jenes Gericht nicht auf der
-Speisekarte stände. Der Schaffner sagte:</p>
-
-<p>»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift &ndash; eine
-andre Wahl gibt’s nicht für Sie. Aber warten Sie
-mal ’nen Augenblick &ndash; ist das der Herr?« Dann
-lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre
-Vorschriften … ich rate Ihnen &ndash; und ich weiß
-warum&nbsp;&ndash;, geben Sie ihm alles, was er verlangt, und
-wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten
-und besorgen Sie’s.«</p>
-
-<p>Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er
-täte es nur aus Pflichtgefühl und des Prinzips
-wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar nicht.</p>
-
-<p>Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung,
-aber ich lernte dafür ein paar diplomatische Kunstgriffe
-kennen, die sich mir und dem Leser vielleicht
-im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen
-werden.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Meine_Taetigkeit_als_Reisemarschall">Meine Tätigkeit als Reisemarschall.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach
-Genf fahren mußten und von dort in einer Reihe von
-tagelangen und höchst verzwickten Eisenbahnreisen
-nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen
-Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche
-Gesellschaft wie meine Familie nach dem Rechten
-sehen konnte.</p>
-
-<p>Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit
-huschte dahin, und als ich eines Morgens aufwachte,
-kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß wir abfahren
-sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da
-faßte ich einen Entschluß; er war, das fühlte ich,
-wahnwitzig kühn, aber ich war gerade in der richtigen
-Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den ersten
-Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung
-übernehmen. Ich tat es.</p>
-
-<p>Ich brachte die Gesellschaft &ndash; vier Personen &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span>
-höchstselber von Aix nach Genf. Die Entfernung betrug
-reichlich zwei Stunden; unterwegs war einmal
-Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste
-Mißgeschick; allerdings ließ ich eine Reisetasche und
-einige andre Sachen auf dem Bahnsteig stehen &ndash;
-aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick
-nennen, so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot
-mich daher, für den ganzen Weg bis Bayreuth
-die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.</p>
-
-<p>Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals
-nicht so vorkam. Zur Aufgabe gehörten nämlich
-mehr Unteraufgaben, als ich vermutete. Erstens: zwei
-Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer
-Genfer Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt
-und nach dem Hotel gebracht werden. Zweitens:
-ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo man
-die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid
-sagen, daß sieben von unseren aufbewahrten Koffern
-nach dem Hotel gebracht und dafür sieben andre, die
-die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden,
-wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte
-ausfindig machen, in welchem Teil von Europa Bayreuth
-liegt, und sieben Eisenbahnkarten nach diesem
-Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens:
-es war jetzt zwei Uhr nachmittags und wir mußten
-scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten Nachtzug
-zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen.
-Sechstens: ich mußte auf der Bank Geld erheben.</p>
-
-<p>Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es
-mir, das Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich
-mich daher selber nach dem Bahnhof; Gasthofbedienstete
-sind nicht immer allzu schlau. Es war ein
-heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir
-aber sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen,
-wie sich’s herausstellte, ein Irrtum von mir, denn ich
-verlief mich und brachte dadurch die Entfernung auf
-das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und
-man fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen
-wünschte. Das brachte mich in Verlegenheit und um
-meine Besinnung, denn es standen so viele Leute um
-mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den
-Reisewegen und dachte nicht, es könnte zwei verschiedene
-geben; ich hielt es daher für das beste, erst
-wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte
-auszusuchen und dann wieder zu kommen.</p>
-
-<p>Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im
-Hotel die Treppen hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-Zigarren alle waren; ich dachte daher, es wäre gut,
-mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder vergäße.
-Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte
-dazu die Droschke nicht, sagte daher dem Kutscher, er
-solle warten. Unterwegs dachte ich an das Telegramm
-und versuchte den Wortlaut desselben in
-meinem Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren
-und Droschke und ging weiter und immer
-weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von einem
-der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen.
-Da ich aber inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts
-gekommen sein mußte, so dachte ich, ich
-wollte es selber tun. Aber es war weiter, als ich vermutet
-hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb
-die Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der
-Telegraphenbeamte war ein streng aussehender aufgeregter
-Mensch; er begann mit einer solchen Zungengeläufigkeit
-französische Fragen auf mich loszufeuern,
-daß ich nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte
-und das andre anfing &ndash; und dadurch verlor ich
-abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein Engländer
-ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte
-zu wissen, wohin er das Telegramm schicken sollte.
-Das konnte ich ihm nicht sagen, weil es nicht <em class="gesperrt">mein</em><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander, daß
-ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft
-besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele
-beruhigen: er mußte durchaus die Adresse haben! Ich
-sagte ihm daher, wenn er so heikel wäre, so wollte ich
-nach Hause gehen und sie besorgen.</p>
-
-<p>Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst
-gehen und die beiden fehlenden Personen abholen,
-denn es sei doch am besten alles systematisch und der
-Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu
-seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich
-da hinten vor dem Hotel mein schweres Geld kostete;
-ich rief daher eine andre Droschke an und sagte dem
-Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt
-kommen lassen, und da könnten sie warten, bis ich
-selber käme.</p>
-
-<p>Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis
-ich zu den abzuholenden Leuten kam; und als ich ankam,
-sagten sie mir, sie könnten nicht mit, weil sie
-schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben
-müßten. Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir
-aber eine in die Quere kam, bemerkte ich, daß ich in
-der Nachbarschaft des Grand Quai war &ndash; oder
-wenigstens kam es mir so vor &ndash; mir däuchte daher,<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-ich könnte Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke
-ginge und die Sache mit den Koffern in Ordnung
-brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit schnell
-um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai,
-wohl aber einen Zigarrenladen. Da fielen mir denn
-die Zigarren ein. Ich sagte, ich reiste nach Bayreuth
-und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs
-brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich
-führe. Ich antwortete, das wüßte ich nicht. Er sagte,
-er könnte mir empfehlen, über Zürich und verschiedene
-andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot
-mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu
-110&nbsp;Francs das Stück an; ich sparte dabei den
-Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm gewährten.
-Ich hatte es bereits satt bekommen, mit
-Fahrkarten erster Klasse stets zweiter Klasse zu
-reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.</p>
-
-<p>Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft
-von Natürlich &amp; Cie.; ich sagte ihnen, sie sollten sieben
-von unsren Koffern nach dem Hotel schicken und dort in
-der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob ich
-nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es
-war aber alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.</p>
-
-<p>Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-Geld; aber ich hatte meinen Kreditbrief irgendwo
-liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. Nun
-fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte
-liegen lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben
-hatte. Ich nahm also eine Droschke, fuhr
-nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten Stock
-hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf
-dem Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in
-den Händen der Polizeibehörde, und ich müsse mich
-zu dieser hinbegeben und meine Eigentumsrechte nachweisen.
-Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir
-gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein
-paar Meilen und gelangten zu dem Polizeigebäude.
-Dann fielen mir meine Droschken ein, und ich bat den
-Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder
-nach dem Postamt zurückkäme.</p>
-
-<p>Inzwischen war es Nacht geworden, und der
-Bürgermeister war zum Essen gegangen. Ich dachte,
-ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der diensthabende
-Beamte dachte anders darüber, und so blieb
-ich. Um halb elf sprach der Bürgermeister auf dem
-Bureau vor, sagte aber, es sei jetzt zu spät, um am
-Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen Sie
-morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-mich die ganze Nacht dazubehalten und sagte, ich
-wäre eine verdächtige Person; wahrscheinlich gehöre
-der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich wüßte
-gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte
-nur gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf
-dem Tisch hätte liegen lassen, und wollte ihn mir
-daher aneignen, weil ich wahrscheinlich ein Mensch
-wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er
-kriegen könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber
-der Bürgermeister sagte, er sähe nichts Verdächtiges
-an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu sein, dem
-weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand,
-das er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht
-bei sich hätte. Ich dankte ihm für seine gute Meinung,
-er ließ mich frei, und ich fuhr in meinen drei Droschken
-nach Hause.</p>
-
-<p>Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung
-war, auf Fragen genaue Antworten zu geben, so
-dachte ich, ich wollte die Expedition bei nachtschlafender
-Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am
-anderen Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden;
-aber ich kam nicht ganz bis dorthin, denn
-es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die
-Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch,<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span>
-mich zu sehen. Die Expedition saß steif und unnahbar
-auf vier Stühlen in einer Reihe, Tücher
-und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen
-und Reisehandbücher auf dem Schoß. So
-hatten sie vier volle Stunden schon gesessen, und
-während dieser ganzen Zeit war das Barometer
-fortwährend gefallen. Ja, und sie warteten &ndash;
-warteten auf mich. Mir schien, bloß ein plötzlich glücklich
-ausgedachter und glänzend ausgeführter <em class="antiqua">tour de
-force</em> könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen
-und eine Wendung zu meinen Gunsten herbeiführen.
-Ich trundelte daher meinen Hut in die Arena, folgte
-selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:</p>
-
-<p>»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«</p>
-
-<p>Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als
-der nun folgende gänzlich unhörbare Beifall. Aber
-ich blieb bei meiner Taktik, obgleich meine vorher
-bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen
-Stoß bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig
-geschwunden war.</p>
-
-<p>Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den
-Lustigen zu spielen; ich versuchte die andren Herzen
-da vor mir zu rühren und den bitterbösen Groll in
-ihren Gesichtern zu besänftigen, indem ich fröhliche<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span>
-leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze Trauergeschichte
-als einen humorvollen Vorfall darstellte;
-aber dieser Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es
-war nicht die richtige Atmosphäre dafür. Ich erntete
-kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen beleidigt
-aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir
-aus diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte
-ich nicht aufzutauen. Noch einmal machte ich krampfhaft
-einen schwachen Versuch, aber das Haupt der
-Expedition fiel mir &ndash; plumps! &ndash; ins Wort und
-fragte schneidend: »Wo bist du gewesen?«</p>
-
-<p>Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer
-Betonung, daß die Absicht obwaltete, sich auf einen
-kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. Ich begann
-also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde
-aber wiederum schroff unterbrochen:</p>
-
-<p>»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine
-fürchterliche Angst um sie ausgestanden.«</p>
-
-<p>»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen
-eine Droschke besorgen. Ich will mich auch nun
-flugs auf den Weg machen und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es
-elf Uhr ist? Wo hast du sie gelassen?«</p>
-
-<p>»In ihrer Pension.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span></p>
-
-<p>»Warum brachtest du sie nicht mit her?«</p>
-
-<p>»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten.
-Darum dachte ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken.
-Man kann nicht denken, wenn man nicht den nötigen
-Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen bis
-zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke
-dorthin?«</p>
-
-<p>»Ich&nbsp;…, nun ja, ich wollte es eigentlich nicht,
-es kam nur ganz zufällig so.«</p>
-
-<p>»Wieso kam es denn zufällig?«</p>
-
-<p>»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein,
-daß ich eine Droschke hier vor dem Hotel hatte warten
-lassen, und so, um die Ausgabe zu sparen, schickte ich
-eine andre Droschke, um … um&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Um&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so
-schnell darauf besinnen; aber ich glaube, der neue
-Droschkenkutscher sollte im Hotel Bescheid sagen, daß
-sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und wegschickten.«</p>
-
-<p>»Was sollte das für einen Zweck haben?«</p>
-
-<p>»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch
-hätte doch die Ausgabe für die Droschke aufgehört,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p>
-
-<p>»Indem die neue Droschke an Stelle der alten
-wartete, und so die Ausgabe fortdauerte?«</p>
-
-<p>Hierauf sagte ich nichts.</p>
-
-<p>»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke
-zurückkommen, um dich abzuholen?«</p>
-
-<p>»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s
-ein. Jawohl, das tat ich. Ich erinnere mich nämlich,
-daß, als ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und
-holte dich ab?«</p>
-
-<p>»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!«</p>
-
-<p>»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu
-Fuß nach der Pension zu gehen?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; ich weiß nicht mehr so recht, wie das
-eigentlich zuging. O ja &ndash; jetzt hab’ ich’s! Richtig!
-Ich schrieb die Depesche, die nach Holland geschickt
-werden sollte, und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens
-etwas fertig gebracht. Ich hätte dir auch nicht
-raten mögen, die Absendung zu verbummeln &ndash; aber
-warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite?
-Du versuchst, bei meinem Auge vorbeizublicken. Die
-Depesche ist das Allerwichtigste auf der … Du hast
-die Depesche nicht abgeschickt!!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p>
-
-<p>»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.«</p>
-
-<p>»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach
-Herrje, es ärgert mich mehr als alles auf der Welt,
-daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen ist.
-Warum schicktest du es nicht ab?«</p>
-
-<p>»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes
-zu tun und im Kopfe zu behalten hat&nbsp;…, sie
-nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem ich
-das Telegramm geschrieben hatte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes
-Reden kann es jetzt auch nicht mehr gut machen. Was
-soll er aber bloß von uns denken?«</p>
-
-<p>»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach.
-Er wird denken, wir hätten das Telegramm den
-Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen
-denn nicht? Das war ja doch das einzige Vernünftige.«</p>
-
-<p>»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein,
-ich müßte der Sicherheit wegen auf die Bank gehen
-und etwas Geld erheben.«</p>
-
-<p>»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß
-du wenigstens daran gedacht hast. Ich will dir auch<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
-nicht zu nahe treten, aber du mußt selber zugeben,
-daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast
-und daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären.
-Wieviel hast du dir geben lassen?«</p>
-
-<p>»Hm, ich … ich habe mir gedacht, daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Daß was?«</p>
-
-<p>»Daß … hm mir scheint, daß unter den obwaltenden
-Verhältnissen … und da wir so viele,
-weißt du … und … und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was brummelst du denn da in den Bart?
-Dreh’ dein Gesicht herum und laß mich … wahrhaftig,
-du hast überhaupt kein Geld erhoben!«</p>
-
-<p>»Ja, der Bankier sagte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt
-einen ganz besonderen Grund dafür gehabt haben.
-Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne
-des Wortes, sondern etwas, was&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war
-die, daß ich meinen Kreditbrief nicht bei mir hatte.«</p>
-
-<p>»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!«</p>
-
-<p>»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.«</p>
-
-<p>»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo
-war er?«</p>
-
-<p>»Im Postgebäude.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p>
-
-<p>»Was sollte er denn da?«</p>
-
-<p>»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf
-dem Tisch liegen lassen.«</p>
-
-<p>»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle
-gesehen; aber von allen Reisemarschällen,
-die ich jemals&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich habe mein Bestes getan!«</p>
-
-<p>»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist
-unrecht von mir, daß ich dich so ausschelte. Du hast
-dich ja todmüde gelaufen, während wir hier saßen und
-bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir
-dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht
-hast. Es wird schon alles zurechtkommen. Wir
-können ebensogut morgen früh mit dem Halb-Acht-Zug
-fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?«</p>
-
-<p>»Jawohl &ndash; und sogar recht billig; 2. Klasse.«</p>
-
-<p>»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter
-Klasse, und wir können die große Extraausgabe ganz
-gut sparen. Wieviel bezahltest du?«</p>
-
-<p>»Hundertzehn Francs für das Stück &ndash; direkt
-bis Bayreuth.«</p>
-
-<p>»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte
-Fahrkarten kaufen könnte. Ich dachte, das könnte
-man nur in London und in Paris.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span></p>
-
-<p>»Manche Leute können’s vielleicht nicht &ndash; aber
-manche können’s; und zu den letzteren gehöre ich,
-wie es scheint.«</p>
-
-<p>»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.«</p>
-
-<p>»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine
-Kommissionsgebühr ab!«</p>
-
-<p>»Händler?!«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.«</p>
-
-<p>»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich
-früh aufstehen müssen, und deshalb wäre es gut,
-wenn wir nichts zu packen hätten. Dein Regenschirm,
-deine Gummischuhe, deine Zigarren&nbsp;…,
-was ist denn los?«</p>
-
-<p>»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren
-in der Bank liegen lassen.«</p>
-
-<p>»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein
-Regenschirm?«</p>
-
-<p>»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die
-Sache hat ja keine Eile.«</p>
-
-<p>»Was soll das heißen?«</p>
-
-<p>»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wo ist der Regenschirm?«</p>
-
-<p>»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja
-keine fünf Mi&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p>
-
-<p>»Wo ist er?«</p>
-
-<p>»Aeh&nbsp;…, ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen
-stehen lassen; aber auf jeden Fall&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen
-heraus! Das ist also genau so, wie ich’s mir
-gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?«</p>
-
-<p>»Die … äh&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wo sind deine Gummischuhe?«</p>
-
-<p>»Es ist ja so trocken&nbsp;…, sie sagen ja alle,
-es sei kein Tropfen Regen mehr zu erw&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wo &ndash; sind &ndash; deine &ndash; Gummischuhe?!«</p>
-
-<p>»Sieh ’mal &ndash; die Sache kam so. Zuerst sagte
-der Beamte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was für ein Beamter?«</p>
-
-<p>»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was für ’n Bürgermeister?«</p>
-
-<p>»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Warte ’mal! Was ist mit dir los?«</p>
-
-<p>»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten
-mich beide überreden, ich sollte dableiben, und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dableiben? Wo?«</p>
-
-<p>»Die Sache ist nämlich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb
-elf in der Nacht draußen zu tun gehabt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span></p>
-
-<p>»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief
-verloren hatte, da&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Du gehst mir wie die Katze um den heißen
-Brei herum. Nun antworte mir kurz und bündig auf
-meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«</p>
-
-<p>»Sie&nbsp;…, nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«</p>
-
-<p>Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln
-auf meine Lippen, aber es erstarrte zu Eis. Das
-Klima war nicht danach. Ein drei- oder vierstündiger
-Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition
-nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir
-eigentlich auch nicht.</p>
-
-<p>Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und
-breit auseinandersetzen, und natürlich stellte sich’s
-heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen konnten,
-weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen
-hätte. Es sah so aus, als ob wir in Aerger
-und Hader zu Bett gehen würden, aber dazu kam es
-zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede
-auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich
-hätte diese Angelegenheit besorgt.</p>
-
-<p>»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam
-und eifrig und intelligent gewesen, wie’s in<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-deinen Kräften steht, und es ist nicht recht, so viel an
-dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort
-mehr darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich
-schön, bewunderungswürdig benommen, und es tut
-mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches
-Wort sagte.«</p>
-
-<p>Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle
-Scheltworte, und mir wurde unbehaglich dabei zu
-Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher fühlte, daß ich
-das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es
-schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung
-zu sein, obgleich ich nicht genau wußte, was es
-eigentlich war; aber ich verspürte keine Neigung,
-gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren,
-denn es war schon spät, und ich dachte bei mir
-selber: O rühret, rühret nicht daran!</p>
-
-<p>Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s
-herausstellte, daß wir nicht mit dem Frühzug reisen
-konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu warten; ich
-genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte
-mich dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief
-wiederzubekommen.</p>
-
-<p>Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um
-die Kofferangelegenheit zu bekümmern und sie ins<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-rechte Geleise zu bringen, falls da etwas schief gegangen
-wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht,
-das könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der
-Hausknecht sagte, er habe die Koffer am Abend vorher
-nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, wie er das
-hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.</p>
-
-<p>»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt
-für die Koffer und schickt sie, wohin es einem gefällt.
-Frei geht bloß das Handgepäck.«</p>
-
-<p>»Wieviel bezahlten Sie dafür?«</p>
-
-<p>»140 Francs.«</p>
-
-<p>»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt
-irgend was nicht in Ordnung.«</p>
-
-<p>Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:</p>
-
-<p>»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr?
-Sie sehen abgespannt aus. Wenn Sie vielleicht gern
-einen Reisemarschall hätten &ndash; ein guter ist gestern
-abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er
-heißt Lüdy. Wir empfehlen ihn, das heißt: das
-Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«</p>
-
-<p>Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht
-gebrochen. Und es gefiel mir nicht, daß man mit mir
-in solcher Art und Weise von meinem Reisemarschallsamt
-sprach.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p>
-
-<p>Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in
-der Hoffnung, der Bürgermeister möchte viel früher
-als zu seiner Dienststunde aufs Bureau kommen. Das
-tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal
-wenn ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder
-nicht tun wollte, sagte der Polizist es wäre ›<em class="antiqua">défendu</em>‹.
-Ich dachte, ich könnte mich bei ihm ein bißchen im
-Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts
-wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu
-machen, wenn er seine Muttersprache hörte.</p>
-
-<p>Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging
-alles glatt, denn er hatte die Minute vorher den
-Höchsten Gerichtshof zusammenberufen &ndash; das tun sie
-immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles
-Eigentum handelt. Alles ging nach guter Ordnung
-vor sich, Schildwachen wurden ausgestellt, und der
-Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief
-wurde hereingebracht und geöffnet &ndash; und es war
-nichts weiter darin als ein paar Photographien. Ich
-hatte nämlich, wie mir nun einfiel, den Kreditbrief
-herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu
-können, und hatte den Brief in einer anderen Tasche
-verwahrt, wie ich zu allgemeiner Zufriedenheit nachwies,
-indem ich ihn herausnahm und mit nicht geringem<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
-freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren
-vom Gerichtshof sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden
-Ausdruck erst einander und dann mich an.
-Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei
-unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch
-fragten sie mich, welchen Beruf ich hätte. Ich sagte,
-ich sei Reisemarschall. Sie hoben in einer Art von
-staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und
-sagten auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach
-einige höfliche Worte des Dankes für ihre augenscheinliche
-Bewunderung und rannte spornstreichs
-nach der Bank.</p>
-
-<p>Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so
-fühlte ich mich auch bereits als großen Herold der
-Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding zu seiner
-Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!</p>
-
-<p>Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in
-eine Nebenstraße ein und begab mich auf den Weg, um
-die beiden fehlenden Mitglieder der Expedition abzuholen.
-Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich
-ließ mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit
-gewann ich dadurch nichts, aber es war eine ruhevolle
-Abwechslung, und ich liebe recht viele Ruhe. Der
-wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der
-Begründung der Eidgenossenschaft war auf seinem
-Höhepunkt, und alle Straßen waren mit wehenden
-Fahnen behangen.</p>
-
-<p>Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken
-gewesen und hatten während dieser ganzen
-Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus
-wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich.
-Aber im Laufe der Zeit kamen wir trotzdem an. Ich
-ging ins Haus und klingelte, und bat ein Dienstmädchen,
-sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen,
-daß sie schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf
-etwas, was ich nicht verstand, und ich kehrte zu meiner
-Karre zurück. Wahrscheinlich hatte das Mädchen mir
-gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk,
-und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und
-von Stockwerk zu Stockwerk läutete, bis ich sie fände;
-denn in diesen schweizerischen Mietskasernen scheint
-man jemanden nur dadurch finden zu können, daß
-man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach
-oben die richtige Wohnung zu erraten trachtet. Ich
-rechnete mir aus, daß ich fünfzehn Minuten würde
-warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets
-drei unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens:<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-die Hüte aufsetzen, herunterkommen, einsteigen;
-zweitens: Umkehren des einen Mitglieds: »um
-meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren
-des anderen Mitglieds: »um meinen ›kleinen
-Franzosen in der Westentasche‹ zu holen.« Ich beschloß,
-diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit
-meinen Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu
-ärgern.</p>
-
-<p>Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause;
-dann fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter und
-fuhr in die Höhe. Der Störenfried war ein Polizist.
-Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick
-der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine
-recht stattliche Menschenmenge versammelt, und die
-Leute sahen so vergnügt und neugierig drein, wie
-sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu
-Schaden gekommen ist.</p>
-
-<p>Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch,
-und einige Jungen hatten sie und mich von oben bis
-unten mit bunten Zieraten behangen, die sie von den
-unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war
-ein empörender Anblick! Der Beamte sagte:</p>
-
-<p>»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den
-ganzen Tag hier schlafen lassen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span></p>
-
-<p>Ich war verletzt und sagte voll Würde:</p>
-
-<p>»Ich bitte recht sehr &ndash; ich schlief nicht; ich
-dachte!«</p>
-
-<p>»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen
-Spaß macht; aber dann müssen Sie bei sich selber
-denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.«</p>
-
-<p>Es war ein armseliger Witz, aber die Menge
-lachte darüber. Ich schnarche zuweilen nachts, aber es
-ist unwahrscheinlich, daß ich bei Tage und auf offener
-Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns
-die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu
-tun, und er gab sich wirklich Mühe, anständig zu
-sein. Er sagte aber, wir dürften nicht länger mehr auf
-der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße nehmen
-&ndash; so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte
-er in höflicher Weise, ich sähe ein bißchen
-angegriffen aus, und er möchte gern wissen&nbsp;…</p>
-
-<p>Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten
-an und sagte, ich wollte doch hoffen, man dürfte solche
-Tage ein bißchen feiern, besonders wenn sie einen
-ganz persönlich angingen.</p>
-
-<p>»Persönlich?« fragte er. »Wieso?«</p>
-
-<p>»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner
-Vorfahren den Bundesvertrag mit unterzeichnete.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p>
-
-<p>Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann
-prüfend an und sagte:</p>
-
-<p>»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn
-selber unterzeichnet. Denn von allen alten historischen
-Gedenkstücken, die ich jemals … aber lassen
-wir das … Worauf warten Sie hier so lange?«</p>
-
-<p>Ich sagte:</p>
-
-<p>»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier.
-Ich warte fünfzehn Minuten, bis sie einen Handschuh
-und ein Buch vergessen haben und wieder umkehren,
-um sich die Dinger zu holen.«</p>
-
-<p>Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären,
-die ich abholen wollte.</p>
-
-<p>Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den
-Köpfen und Schultern hinaufzurufen, die reihenweise
-aus allen Fenstern über uns heraussahen. Eine Frau
-rief von ganz oben herunter:</p>
-
-<p>»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt,
-und sie sind schon vor langer Zeit von hier abgefahren
-&ndash; so ungefähr um halb neun!«</p>
-
-<p>Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf
-meine Uhr, sagte aber nichts. Der Beamte aber
-bemerkte:</p>
-
-<p>»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-hätten sich besser erkundigen sollen. Sie haben hier
-dreiviertel Stunden lang geschlafen &ndash; und in was
-für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten &ndash; braun
-gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht
-Ihren Zug verpassen. Sie interessieren mich
-sehr. Was ist Ihr Beruf?«</p>
-
-<p>Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn
-zu wundern, und bevor er sich davon erholt hatte,
-waren wir fort.</p>
-
-<p>Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand
-ich unsere Zimmer verlassen. Das überraschte mich
-nicht. Sobald ein Reisemarschall das Auge von seinen
-Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die Läden
-und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde
-ist, desto sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und
-versuchte zu überlegen, was ich nun zunächst tun solle,
-aber auf einmal kam der Hoteldiener herein und sagte,
-die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem
-Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal,
-daß sie etwas Vernünftiges taten, und diese neue
-Erfahrung war sehr geeignet, meine Gedanken in
-Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den
-Dingen, die den Beruf eines Reisemarschalls so
-schwierig und so ungewiß machen. Wenn gerade alles<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen
-seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit
-allen so sorgfältig ausgedachten Anordnungen.</p>
-
-<p>Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren.
-Jetzt war es zehn Minuten bis zwölf. In
-zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich
-sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren
-hatte, denn unser Zug war der ›Blitzzug‹, und auf
-dem europäischen Festlande setzen die Blitzzüge einen
-gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit
-abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen
-Leute, die noch im Wartesaale saßen; alle anderen
-waren schon hinausgegangen und hatten ›den Zug
-bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz
-erschöpft vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete
-und munterte sie auf, und wir stürmten hinaus.</p>
-
-<p>Aber nein &ndash; wir hatten wiederum Pech. Der
-Türsteher war nicht mit den Fahrkarten einverstanden.
-Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, mißtrauisch,
-sah mich eine Weile an und winkte hierauf
-einen anderen Beamten heran. Die beiden untersuchten
-die Fahrkarten und riefen einen dritten. Die
-drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt
-Reden und Reden und gestikulierte und redete immerzu,<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-bis ich sie bat, sie möchten bedenken, wie flüchtig
-die Zeit ist, möchten daher schnell ein paar Beschlüsse
-fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie sehr
-höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung;
-wo ich dieselben gekauft hätte?</p>
-
-<p>»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los
-ist!« Ich hatte ja die Fahrkarten in einem Zigarrenladen
-gekauft und natürlich haftete ihnen der Geruch
-des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie die
-Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die
-Steuer für den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher,
-recht frank und frei zu sprechen; das ist zuweilen
-das beste. Ich sagte also:</p>
-
-<p>»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen.
-Diese Eisenbahnfahrkarten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine
-Eisenbahnfahrkarten.«</p>
-
-<p>»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«</p>
-
-<p>»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose,
-jawohl; und zwar Lose von einer Lotterie, die
-vor zwei Jahren gezogen wurde.«</p>
-
-<p>Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man
-unter solchen Umständen nichts tun, und dabei nützt es
-noch nicht mal was. Keiner fällt darauf herein, und<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
-man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und
-bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten
-Lebenslagen, wenn man sich ob der kläglichen Rolle,
-die man selber spielt, ärgern und schämen muß und
-dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen zu
-spielen hat, während neben einem die eigene Expedition
-steht, die geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe
-und Verehrung man nach dem Herkommen zivilisierter
-Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß
-sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden
-Menschen, deren Mitgefühl ein Brandmal, ein
-Schandmal ist &ndash; ein Brandmal, das einen kennzeichnet
-als einen &ndash; o, ich kann’s nicht aussprechen,
-aber es ist etwas, woran menschliche Gemüter nur
-mit Schauder denken können.</p>
-
-<p>Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein
-kleines Versehen, wie es wohl jedem mal passieren
-könne. Ich würde binnen zwei Minuten die richtigen
-Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur
-rechten Zeit in den Zug und hätten außerdem was,
-worüber wir unterwegs lachen könnten. Ich bekam
-auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön abgestempelt und
-vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich sie
-nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-Abholen der beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe
-gegeben, daß ich darüber die Bank völlig verschwitzt
-hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr denn der
-Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu
-machen, als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten
-wir denn auch, aber es herrschte sozusagen eine melancholische
-Stimmung, und es wurde nicht viel gesprochen.
-Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung
-in Gang zu bringen, über die schöne Gegend
-und über Seelenwanderung und dergleichen, aber ich
-schien damit keinen Anklang zu finden.</p>
-
-<p>Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch
-bekamen wir einige andere, die zwar ein bißchen weit
-auseinander lagen, aber immerhin leidlich waren. Ich
-dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, aber das
-Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer
-herauf!«</p>
-
-<p>Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser
-Koffergeschichte war irgend etwas zweifelhaft. Darauf
-hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte
-einen Vorschlag machen.</p>
-
-<p>Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich
-zum Schweigen zu bringen, und ich erhielt den Bescheid,
-wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt in<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
-Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns
-wieder frische Kräfte gäbe.</p>
-
-<p>Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht
-die Mühe machen, erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen
-und selber nach den Koffern sehen. Ich nahm
-eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich
-und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen
-hätte.</p>
-
-<p>»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«</p>
-
-<p>»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe,
-Sie sollten sieben abholen, die Sie in der Vorhalle
-aufgestapelt finden würden?«</p>
-
-<p>»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«</p>
-
-<p>»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder
-nach Jericho oder sonst wohin gegangen, und es
-werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr
-Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem
-Gehirn begann nämlich alles rund umzugehen, und
-wenn es so weit mit einem ist, so denkt man immer,
-man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
-man es in Wirklichkeit <em class="gesperrt">nicht</em> getan hat. Grübelnd
-und sinnend geht man weg und kommt erst wieder
-zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine
-Kuh oder sonstwas einen umrennt.</p>
-
-<p>Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft &ndash;
-ich vergaß sie nämlich &ndash; und überlegte mir auf dem
-Rückweg noch einmal die ganzen Ereignisse und beschloß,
-meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es
-schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein,
-daß man mich absetzen würde. Indessen schien
-es mir nicht das Richtige zu sein, mein Entlassungsgesuch
-in eigener Person einzureichen; ich
-konnte das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ
-mir daher Herrn Lüdy kommen und setzte ihm auseinander,
-ein Reisemarschall sähe sich wegen Unerträglichkeit
-oder Ermüdung oder dergleichen in die
-Notwendigkeit versetzt, zurückzutreten, und da er, wie
-ich gehört, auf vier oder fünf Tage frei wäre, so möchte
-ich gern, wenn er den offenen Posten annehme &ndash;
-falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht
-war, veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen
-und der Expedition zu sagen, daß wir infolge eines
-Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer
-hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
-würden, und daß es besser wäre, wir nehmen
-den ersten besten Schnell-, Bummel- oder Güterzug
-und machten uns auf die Reise.</p>
-
-<p>Er besorgte das und brachte mir von oben eine
-Einladung mit herunter, ich möchte mal hinaufkommen.</p>
-
-<p>»Ja gewiß,« sagte ich.</p>
-
-<p>Während wir dann nach der Bank gingen, um
-Geld zu holen und meine Zigarren nebst dem Tabak
-zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, um
-uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu
-lassen und meinen Schirm zu holen, und nach Herrn
-Natürlichs Geschäft, um die Droschke zu bezahlen und
-wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um
-meine Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für
-den Bürgermeister und die Herren vom Höchsten Gerichtshof
-Karten mit <em class="antiqua">p. p. c.</em> zu hinterlassen &ndash;
-während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das
-Wetter, das in den höheren Regionen bei der Expedition
-herrschte, und ich sah, daß ich mich da, wo ich
-war, sehr wohl befand.</p>
-
-<p>Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen
-vor der Stadt in den Wäldern umher; dann begab
-ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner Expedition<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß.
-Die Expedition befand sich jetzt unter
-der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre verwickelten Geschäfte
-anscheinend mit geringer Anstrengung und in
-aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.</p>
-
-<p>So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet,
-so lange ich im Amte war, und hatte mir die allergrößte
-Mühe gegeben. Und trotzdem sprachen sie alle
-nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den
-guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen
-in ihrem Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren.
-Tausend gute Eigenschaften übersprangen sie einfach
-und redeten und redeten immer wieder von <em class="gesperrt">einem</em>
-Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich
-müde sein, davon zu sprechen. Und was war das
-für ein Umstand? &ndash; nichts weiter, als daß ich mich
-in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen und
-eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen
-Zirkus nach Jerusalem hätte bringen können &ndash; und
-daß ich damit nicht einmal meine kleine Schar aus der
-Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte ich
-ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr
-zu hören, ich bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich
-sagte ihnen ins Gesicht, ich würde niemals wieder<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
-Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen
-das Leben retten könnte. Und wenn ich lange
-genug am Leben bleibe, so will ich das beweisen.
-Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, hirnermüdendes,
-nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares
-Amt, und der Hauptlohn, den man davon
-hat, ist: ein verärgertes Herz und ein wirbliger
-Kopf.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-106">
- <img src="images/illu-106.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Von_allerhand_Schiffen">Von allerhand Schiffen.</h2>
-</div>
-
-<h3>Der moderne Dampfer.</h3>
-
-<p class="drop">Wir leiden an einem allgemein verbreiteten
-Aberglauben &ndash; wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen,
-die täglich auf der Welt statthaben, selbst
-mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen
-und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben.
-Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine
-Ueberraschung für mich sein könnte &ndash; aber es ist so!
-Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer
-sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen
-hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der
-›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den
-Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf
-die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder
-in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
-vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den
-Ozean durchquerte.</p>
-
-<p>Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung
-behaglicher machen als in den besten Gasthöfen
-des europäischen Festlands. So z. B. hat das
-Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und
-hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus
-in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen
-gilt gewöhnlich <em class="gesperrt">eine</em> Badstube für ausreichend, und
-meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich
-in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses;
-außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden
-anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen
-ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den
-Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche,
-die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf
-dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird
-gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt;
-auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht
-im Schlafzimmer brennen lassen.</p>
-
-<p>Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor
-zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen
-zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die
-beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
-einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden
-diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle
-Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien;
-diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen
-könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis
-das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste
-auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf
-der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter
-Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die
-Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher
-Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes,
-gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte
-Pflaumen &ndash; Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags
-›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das
-auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt
-und bietet täglich etwas anderes. In der alten
-Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer
-Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares
-Orchester es mit reizender Musik. Früher war das
-Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich
-trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und
-nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen
-bewegter See konnte ein Landmensch früher
-sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-sind bei derartigem Seegang die Decks so eben
-wie ein Tisch. Früher war das Innere eines
-Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich
-die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht
-Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das
-moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem
-und kostbarem Schmuck und von prachtvoller
-Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit
-versehen, die für Geld sich beschaffen
-läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort
-der Speisesaal, die neuen besitzen
-mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle.
-Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für
-den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das
-war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude,
-die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte.
-Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle
-gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel;
-es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die
-Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der
-Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich
-naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder
-vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten
-Sofas und Dampfheizung und elektrischer<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
-Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche
-Rauchzimmer.</p>
-
-<p>Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten
-in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen
-mit Türen, die häufig offen standen &ndash;
-besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen
-auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut,
-und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen;
-sie teilen das Schiff in neun oder zehn
-wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist
-wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren
-Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall
-dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹
-zustieß.</p>
-
-<p>Was einem auf dem großen modernen Schiff vor
-allem andern sofort auffällt, ist das vollständige
-Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel
-und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der
-Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim
-Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz
-vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den
-Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich
-feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und
-Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden
-Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt
-und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk
-bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls
-eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte
-bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig
-Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen
-vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht,
-falls die beiden andern brechen sollten. Von der
-Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert.
-Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen,
-sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger
-Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim
-Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden
-und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale
-nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen
-ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere
-hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne
-menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.</p>
-
-<p>Diese große Kommandobrücke befindet sich
-dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber
-die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum
-ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder
-15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft
-einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich
-aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt
-einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹
-zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein
-Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man
-doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar
-noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen,
-die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem
-ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug,
-das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine
-scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord
-eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten;
-sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die
-Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und
-Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem
-Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.</p>
-
-<p>Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund
-auf jemanden, der keine Vorstellungen von
-modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen
-Eindruck machen. An Leibesumfang kann so
-ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen,
-und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24
-Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers,
-in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr:
-209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr
-später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel
-›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter
-See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag
-zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben,
-aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken.
-Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und
-40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in
-einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen
-wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen
-Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere
-über die weiten Räume verstreut, manchmal
-bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo
-in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich
-der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der
-›Havel‹ vorhanden.</p>
-
-<p>In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein
-die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern
-Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen
-Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern
-brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten.
-Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher
-Sturm herrscht.</p>
-
-<p>Wie erfindungsreich sind doch die Menschen &ndash;
-d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im
-Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen
-hölzernen Schildern, und auf den Schildern
-einige mir unverständliche Inschriften:</p>
-
-<table summary="Ballasttabelle">
-<tr>
-<td>Kielbehälter</td><td class="tdr">leer</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Doppelboden Nr. 1</td><td class="tdr">voll</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Doppelboden Nr. 2</td><td class="tdr">voll</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Doppelboden Nr. 3</td><td class="tdr">voll</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Doppelboden Nr. 4</td><td class="tdr">voll</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>Während ich darüber nachdachte, was das wohl
-für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich
-einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein
-Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile
-heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es
-wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift
-ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine
-andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin
-sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war
-bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der
-Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende
-dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand.
-Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo
-gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt
-werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit:
-zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und
-ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald
-man die Brauchbarkeit erprobt hat.</p>
-
-<p>An der Wand, dicht neben der Schildertafel,
-war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung
-enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz
-ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese
-Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und
-einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander
-durch wasserdichte Querschotten und in der
-Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug
-des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach
-hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette
-von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn
-von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes
-Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In
-den andern befindet sich Salzwasser &ndash; 618 Tonnen.
-Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.</p>
-
-<p>Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben
-ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind
-die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert,
-kommt dieses aus dem Gleichgewicht &ndash; der Bug
-hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt
-einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen
-in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist
-wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so
-oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels
-Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees
-von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen
-überführt werden. Die Aenderung, die heute der
-Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf
-eine derartige Ueberführung. Der Seegang war
-stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr
-Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen
-hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb
-waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz
-hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem
-Bug gepumpt worden.</p>
-
-<p>Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder
-ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes
-bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann.
-Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen
-Zweck erfüllen.</p>
-
-<p>Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
-Einrichtungen; aber die Einführung des
-Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den
-Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so
-würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was
-andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff
-niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem
-Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht
-befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer
-nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es
-kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen.
-Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich
-plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen
-hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende
-lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast
-von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen
-Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn
-nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel
-Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen.
-Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt
-wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser
-ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr
-vorhanden ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p>
-
-<h3>Die Arche Noäh.</h3>
-
-<p>Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des
-Schiffsbaues gemachte Fortschritt ist sehr bemerkenswert.
-Auch steht die in den Tagen des guten alten
-Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche
-Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der
-Festigkeit, womit sie in der Gegenwart zur Anwendung
-gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, daß
-Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war.
-Erfahrung hat uns von der Notwendigkeit überzeugt,
-es genauer zu nehmen und mehr auf die Erhaltung
-von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage
-würde Noah nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen
-abzusegeln. Die Inspektoren würden kommen
-und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen
-zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich
-den Auftritt und das Gespräch ohne Schwierigkeit
-und in allen Einzelheiten vorstellen.</p>
-
-<p>Der Inspektor in schöner militärischer Uniform,
-ehrerbietig würdevoll, freundlich, ein vollkommener
-Gentleman, aber unverrückbar wie der Polarstern in
-Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner Dienstpflicht.
-Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren
-und wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-er gehörte, wie groß sein Einkommen
-wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen Rangleiter
-er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele
-Frauen und Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten,
-und von ihnen allen würde er Namen, Geschlecht
-und Alter angeben müssen; wenn er keinen
-Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst
-einen zu besorgen. Dann würde der Inspektor
-sich um die Arche selber bekümmern:</p>
-
-<p>»Wie lang ist sie?«</p>
-
-<p>»Sechshundert Fuß.«</p>
-
-<p>»Wie tief?«</p>
-
-<p>»Fünfundsechzig.«</p>
-
-<p>»Die Breite?«</p>
-
-<p>»Hundert Fuß.«</p>
-
-<p>»Gebaut aus&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Holz.«</p>
-
-<p>»Was für Holz?«</p>
-
-<p>»Tannenholz.«</p>
-
-<p>»Innere und äußere Verzierungen?«</p>
-
-<p>»Verpicht inwendig und auswendig.«</p>
-
-<p>»Passagiere?«</p>
-
-<p>»Acht.«</p>
-
-<p>»Geschlecht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span></p>
-
-<p>»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«</p>
-
-<p>»Alter?«</p>
-
-<p>»Von hundert Jahren an aufwärts.«</p>
-
-<p>»Wie hoch aufwärts?«</p>
-
-<p>»Sechshundert.«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; gehen nach Chicago. Uebrigens guter
-Einfall. Name des Arztes?«</p>
-
-<p>»Einen Arzt haben wir nicht.«</p>
-
-<p>»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister
-&ndash; letzterer ist ganz besonders nötig. Die
-Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht die notwendigsten
-Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«</p>
-
-<p>»Dieselben acht.«</p>
-
-<p>»Dieselben acht?«</p>
-
-<p>»Dieselben acht.«</p>
-
-<p>»Und die Hälfte davon Weiber?«</p>
-
-<p>»Jawohl.«</p>
-
-<p>»Haben sie je zur See gedient?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Aber die Männer?«</p>
-
-<p>»Auch nicht.«</p>
-
-<p>»Ist überhaupt jemand von euch je zur See
-gewesen?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span></p>
-
-<p>»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«</p>
-
-<p>»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«</p>
-
-<p>»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800
-Mann, da es kein Dampfer ist. Sie müssen die besorgen.
-Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben.
-Wer ist der Kapitän?«</p>
-
-<p>»Ich.«</p>
-
-<p>»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein
-Stubenmädchen. Ferner Krankenpflegerinnen für die
-alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des Schiffes?«</p>
-
-<p>»Das tat ich.«</p>
-
-<p>»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«</p>
-
-<p>»Jawohl.«</p>
-
-<p>»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«</p>
-
-<p>»Tiere.«</p>
-
-<p>»Was für Arten?«</p>
-
-<p>»Sämtliche Arten.«</p>
-
-<p>»Fremdländische oder einheimische?«</p>
-
-<p>»Meistens fremdländische.«</p>
-
-<p>»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«</p>
-
-<p>»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger,
-Wolf, Schlangen &ndash; alles wilde Getier aus allen
-Zonen &ndash; von jeder Sorte zwei.«</p>
-
-<p>»Sicher in Käfigen untergebracht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span></p>
-
-<p>»Nein, nicht in Käfigen.«</p>
-
-<p>»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt
-Futter und Wasser für die Menagerie?«</p>
-
-<p>»Wir.«</p>
-
-<p>»Die alten Leute?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Das ist gefährlich &ndash; für beide Teile. Für die
-Tiere muß von sachverständigen Leuten gesorgt werden.
-Wie viele Tiere sind vorhanden?«</p>
-
-<p>»Große: 7000; große und kleine zusammen:
-98&nbsp;000.«</p>
-
-<p>»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das
-Schiff beleuchtet?«</p>
-
-<p>»Durch zwei Fenster.«</p>
-
-<p>»Wo sind die?«</p>
-
-<p>»Oben unter den Dachrinnen.«</p>
-
-<p>»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und
-65 Fuß tiefen Tunnel? Sie müssen sich elektrisches
-Licht zulegen &ndash; ein paar Bogenlampen und 1500
-Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck
-wird? Wie viele Pumpen haben Sie?«</p>
-
-<p>»Keine, lieber Herr.«</p>
-
-<p>»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen
-Sie Wasser für die Passagiere und die Tiere?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span></p>
-
-<p>»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer
-herunter.«</p>
-
-<p>»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«</p>
-
-<p>»Was für was?«</p>
-
-<p>»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um
-das Schiff fortzubewegen?«</p>
-
-<p>»Keine.«</p>
-
-<p>»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen.
-Von welcher Art ist Ihr Steuerapparat?«</p>
-
-<p>»Wir haben gar keinen.«</p>
-
-<p>»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Wie steuern Sie denn das Schiff?«</p>
-
-<p>»Wir steuern nicht.«</p>
-
-<p>»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der
-geeigneten Vorrichtung versehen. Wie viele Anker
-haben Sie?«</p>
-
-<p>»Keine.«</p>
-
-<p>»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem
-Schiff wie das Ihrige nicht ohne dieses Schutzmittel
-segeln. Wie viele Rettungsboote haben Sie?«</p>
-
-<p>»Keine, lieber Herr.«</p>
-
-<p>»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p>
-
-<p>»Keine.«</p>
-
-<p>»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange,
-denken Sie, wird Ihre Reise dauern?«</p>
-
-<p>»Elf oder zwölf Monate.«</p>
-
-<p>»Elf oder zwölf Monate … Ziemlich langsam.
-Aber Sie werden noch rechtzeitig zur Ausstellung
-kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen &ndash; mit
-Kupfer?«</p>
-
-<p>»Der Schiffsrumpf ist nackt &ndash; ist überhaupt
-nicht beschlagen.«</p>
-
-<p>»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen
-in der See würden das Schiff wie ein Sieb durchlöchern,
-und in drei Monaten würde es drunten auf
-dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff <em class="gesperrt">darf</em> nicht
-die Erlaubnis erhalten, in solchem Zustand abzufahren;
-es muß beschlagen werden. Nun noch eins:
-Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine
-Binnenstadt und für Schiffe Ihres Kalibers nicht
-erreichbar ist?«</p>
-
-<p>»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige
-nicht nach Schikargo zu fahren.«</p>
-
-<p>»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben,
-was für einen Zweck die Tiere haben?«</p>
-
-<p>»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p>
-
-<p>»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch
-nicht genug haben?«</p>
-
-<p>»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation
-&ndash; ja! Aber der Rest wird in einer Flut ertrinken,
-und diese hier sind dazu bestimmt, den
-Vorrat wieder zu ergänzen.«</p>
-
-<p>»In einer Flut?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie das gewiß?«</p>
-
-<p>»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und
-vierzig Nächte regnen.«</p>
-
-<p>»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber
-Herr; das kommt hier oftmals vor.«</p>
-
-<p>»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird
-die Bergspitzen bedecken und das Land wird völlig
-unsichtbar werden.«</p>
-
-<p>»Im Vertrauen &ndash; aber natürlich nicht in meiner
-Eigenschaft als Beamter &ndash; gesagt: es tut mir leid,
-daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; denn
-nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte
-Erlaubnis, nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder
-Dampf zu wählen, wieder zurückzuziehen. Ich muß
-Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff kann
-nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-Fahrt notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit
-sich führen. Sie werden sich eine Destillationsanlage
-anschaffen müssen.«</p>
-
-<p>»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser
-auf der Außenseite mittels Eimer schöpfen werde.«</p>
-
-<p>»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die
-Bergspitzen erreicht, werden die süßen Gewässer mit
-dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen sein und
-werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich
-Dampfbetrieb zulegen und Ihr Wasser destillieren …
-Nun will ich mich von Ihnen verabschieden, verehrter
-Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten
-Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der
-Schiffsbaukunst?«</p>
-
-<p>»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe
-ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich baute diese Arche,
-ohne vorher jemals die geringste Uebung oder Unterweisung
-in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«</p>
-
-<p>»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter
-Herr, eine sehr bemerkenswerte Leistung. Es sind
-darin meiner Meinung nach mehr neue &ndash; völlig
-neue und unabgedroschene &ndash; Züge als in jedem
-andern Schiff, das auf den Meeren schwimmt.«</p>
-
-<p>»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre,<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-lieber Herr, &ndash; unendliche! &ndash; und ich werde es mit
-Freuden in meiner Erinnerung bewahren, so lange
-mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen
-meinen gebührenden und tiefst empfundenen Dank.
-Adieu!«</p>
-
-<p>Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah
-über die Maßen höflich sein; Noah würde das Gefühl
-gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber in
-See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht
-gehen lassen.</p>
-
-<h3>Kolumbus und sein Schiffchen.</h3>
-
-<p>In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der
-Arche bis zu Kolumbus’ Entdeckungsfahrt machte die
-Schiffsbaukunst etliche Veränderungen zum Bessern
-durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen,
-so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man
-als ›weniger unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann.
-Ich habe mal irgendwo gelesen, eins von Kolumbus’
-Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff gewesen. Vergleicht
-man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden
-unsrer Tage, so kann man sich einigermaßen einen
-Begriff machen, wie klein die spanische Bark war und<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen Passagierverkehr
-über das Atlantische Meer den Wettbewerb
-aufzunehmen. Nicht weniger als 74 von ihrer
-Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt der ›Havel‹
-zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht
-täuscht, brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach
-unsern heutigen Begriffen würde das als schauderhafte
-Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das
-Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann,
-vier Matrosen und einen Schiffsjungen. Die
-Bemannung eines modernen Schnelldampfers besteht
-aus 250 Menschen.</p>
-
-<p>Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so
-können wir aus diesen beiden Tatsachen mit unumstößlicher
-Sicherheit auf verschiedene weniger wichtige
-Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte nicht
-berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so
-wissen wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang
-rollte und stampfte und schlingerte und daß es bei
-tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder auf dem
-Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser
-lag. Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord
-und wuschen das Deck vom Steven bis zum Stern. Die
-ganze Reise über waren die Sturmleisten auf dem<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter
-auf die Hosen als in den Magen. Der Speisesaal
-maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, unlüftbar
-und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner
-war nur eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die
-Größe eines Grabes und enthielt zwei oder drei übereinander
-gestellte Betten von der Größe und Bequemlichkeit
-von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war,
-herrschte in dieser Kajüte eine Finsternis von einer
-Dicke und Greifbarkeit, daß einer hineinbeißen und
-sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum,
-wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich
-hinten auf dem hochaufragenden Hüttendeck &ndash; ein
-Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß Breite; überall
-sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten
-die Wellen das Deck.</p>
-
-<p>Daß dies alles so war, geht für uns aus der
-bloßen Tatsache hervor, daß das Schiff klein war. Da
-es zugleich auch alt war, so ergeben sich daraus natürlich
-etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war
-voll von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei
-schwerer See öffneten und schlossen sich die Fugen der
-Planken wie wenn ein Mensch seine Finger auseinanderspreizt
-und wieder schließt. Es leckte wie ein<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span>
-Korb. Wo ein Leck ist, ist notwendigerweise auch
-Schlagwasser; und wo Schlagwasser ist, kann bloß ein
-Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche.
-Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner
-Ruchlosigkeit.</p>
-
-<p>Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen
-ausgehend, können wir ein wahrheitsgetreues
-Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers
-entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er
-seine Andacht vor dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau.
-Um acht erschien er auf der Hinterdeckspromenade.
-War das Wetter kühl, so erschien er, vom Helmbusch
-bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit
-Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am
-Küchenfeuer hatte wärmen lassen. War das Wetter
-warm, so kam er in der gewöhnlichen Seemannstracht
-jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem
-Samt mit einem wehenden Busch von schneeweißen
-Straußfedern, der durch einen blitzenden Klumpen von
-Diamanten und Smaragden zusammengehalten wird.
-Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten
-Aermeln, die ein karmesinrotes Seidenfutter
-sehen lassen; breiter Kragen und Handkrausen aus
-kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat;
-perlgraue seidene Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei;
-zitronengelbe Schlappstiefel aus Lammleder, herunterhängend,
-damit die schönen Strümpfe zu sehen
-sind; Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder,
-aus der Werkstatt der heiligen Inquisition,
-(früher zur Haut einer Dame von hohem Stande gehörend);
-Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide
-an einem breiten Wehrgehänge, das mit Rubinen
-und Saphiren besetzt ist.</p>
-
-<p>Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das
-Aussehen des Himmels und die Windrichtung; sieht
-sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie nach andern
-Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib
-dem Manne am Steuer einen Rüffel; holt
-ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und übt sich in
-seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab
-und zu läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet
-einen Matrosen auf dem Quarterdeck vom Ertrinken.
-Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt und dehnt er
-sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen
-und wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe …
-Das war Kolumbus in seiner menschlichen Natürlichkeit,
-wenn er nicht für die Nachwelt posierte!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p>
-
-<p>Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der
-Sonne und stellte fest, daß das gute Schiff in 24
-Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für
-ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als
-Sieger ankommen, wenn außer ihm kein Mensch da
-ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu sagen hat.</p>
-
-<p>Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches
-Frühstück: Speck, Bohnen und Branntwein; um
-zwölf speist er allein und feierlich zu Mittag: Speck,
-Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und
-feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein;
-um elf nimmt er allein und feierlich sein Nachtmahl
-ein: Speck, Bohnen und Branntwein. Musik gibt es
-bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine
-Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit
-spricht er ein Dankgebet für all die guten Sachen &ndash;
-deren Wert er vielleicht ein bißchen übertreibt. Dann
-legt er die Seidenpracht oder das vergoldete Eisengeschirr
-ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die
-flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in
-tiefen Atemzügen mit der von den köstlichen Düften
-ranzigen Oels und Schlagwassers geschwängerten Luft
-zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen,
-und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-brigade- und divisions- und armeekorpsweise aus
-und spielen Zirkus auf seinem ganzen Leibe.</p>
-
-<p>Das war mehrere historische Wochen lang der
-tägliche Lebenslauf des großen Entdeckungsreisenden
-in seiner Nußschale, und der Unterschied zwischen den
-Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf
-unserer ›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.</p>
-
-<p>Als er wiederkam &ndash; so berichtet die Weltgeschichte
-&ndash; da sagte der König von Spanien voll Verwunderung:
-»Das Schiff scheint leck zu sein. Leckte
-es schlimm?«</p>
-
-<p>»Sire, Eure Majestät können selber urteilen:
-Ich pumpte während der Fahrt sechzehnmal den
-Atlantischen Ozean durch das Schiff.«</p>
-
-<p>So berichtet General Horace Porter. Andre
-Autoritäten sprechen nur von fünfzehnmal.</p>
-
-<h3>Verschollene Gefühle.</h3>
-
-<p>Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik
-des Meeres. Die zarte Gefühlsseligkeit, die das
-Seewesen umwob, ist aus unserem Werkeltagsleben
-verschwunden und gehört nur noch als eine ferne halbverwischte<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-Erinnerung der Vergangenheit an. Aber
-viele von uns Mitlebenden können sich noch sehr gut
-der Zeit erinnern, da diese Gefühlsseligkeit in jedermanns
-Brust lebte; und je weiter die Menschen vom
-Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie
-diese Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin.
-Man brauchte in einer Gesellschaft bloß von der See,
-der romantischen See zu sprechen, und sofort verfielen
-die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war.
-Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in
-den weltabgelegenen Siedelungen gesungen wurden,
-hatten zum Helden den schwermütigen Wandrer, und
-dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime.
-Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen
-entlang plätscherten, sangen sie unfehlbar, sobald sich
-die Dämmerungsschatten herniedersenkten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der Heimat zu, der Heimat zu,</div>
- <div class="verse indent0">Vom fernen fremden Strand.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern
-im Westen war dies das Lieblingslied.
-Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen
-Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹;
-›Des Schiffsjungen Traum‹; ›Des gefangenen
-Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus auf<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist
-endlos. Die guten Ackersleute von dazumal lebten
-in ihrer Phantasie allesamt hauptsächlich inmitten
-der Gefahren des Meeres.</p>
-
-<p>Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden.
-Das Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl
-nichts mehr sagt und an dessen Bord alles so nüchtern
-und streng zugeht, verbannte die Romantik aus der
-Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte
-sie aus der Handelsflotte. Die Gefahren und
-Ungewißheiten, die einst das Leben auf See romantisch
-machten, sind verschwunden, und mit ihnen das
-poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere
-an Bord niemals Seemannslieder, und die Schiffskapelle
-spielt niemals derartige Weisen. Die rührenden
-Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von
-der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft
-so feurige Farben vorspiegelten, weil
-solche Wandrer so etwas Seltenes waren &ndash; sie haben
-ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil jetzt
-jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die
-Teilnahme dafür ist also erstorben. Kein Mensch
-bangt sich mehr um den Wandrer; ihm drohen keine
-Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-auf dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause;
-denn dort kann es ihm nimmer passieren, daß er einem
-Freund die letzte Ehre erweisen und barhäuptig in
-Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf
-die Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen.
-Und die Ungewißheiten der Reise sind auf
-die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß
-am Nachmittag an der andern Seite ankommen
-wird oder noch bis zum andern Morgen
-warten muß.</p>
-
-<p>Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war
-ein Segelschiff. Es brauchte 28 Tage von San Francisco
-nach den Sandwichinseln. Der Hauptgrund für diese
-überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß
-wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im
-Stillen Weltmeer 2000 Meilen von Land auf einem
-und demselben Fleck lagen. Hier auf der ›Havel‹ höre
-ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff
-damals &ndash; da hörte ich alle, die es gibt. Es waren
-auf dem Schiff ein Dutzend junge Leute &ndash; werden
-jetzt wohl hübsch alt sein &ndash; und diese setzten sich
-jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei
-Sternenlicht oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder
-in die leise, schweigende, regungslose<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für Humor
-und sangen fortwährend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der Heimat zu, der Heimat zu,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich
-war, denn wir lagen still und kamen überhaupt
-nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte diesem
-Gesang das andre schöne Lied:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹</div>
- <div class="verse indent0">Frug die sterbende Maid &ndash; und der Hafen war nah.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen
-Leuten, und ich möchte wohl wissen, wo sie jetzt sind.
-›Ach, alle zerstreut‹ &ndash; natürlich; und die Blüte und
-Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt?
-Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn
-zu bessern, aber keinem gelang es. So überließ man
-ihn denn nach und nach sich selber; keiner von uns
-wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither
-im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen,
-wie sie gedankenvoll gegen das Heckbord gelehnt stand,
-und ich habe bei mir gedacht, wenn wir uns mehr
-Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so
-hätten wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien
-und durch Zureden ihn davon abbringen<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-können. Aber &ndash; man mag es kaum aussprechen &ndash;
-er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen
-und wahrscheinlich unverbesserlich. Ich möchte gerne
-glauben &ndash; und glaube in der Tat &ndash; daß ich alles
-tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer
-Gesinnung zu bekehren.</p>
-
-<p>Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das
-Schiff lag während der Kalme die vollen 14 Tage
-lang genau auf demselben Fleck. Dann kam eine
-hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir
-breiteten unsre weißen Schwingen zum Fluge aus.
-Aber das Schiff rührte sich nicht. Die Segel blähten
-sich, der Wind spannte die Taue an, aber das Schiff
-bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der
-Kapitän war überrascht. Erst nach mehreren Stunden
-fanden wir heraus was uns festhielt. Entenmuscheln!
-Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen
-Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den
-Schiffsboden angesetzt; andre hatten sich wieder an
-diesen Haufen angesetzt, andre wieder an diese und so
-weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte
-Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund
-angeheftet, und die See ist an jener Stelle
-fünf Meilen tief. So war also das Schiff ganz einfach<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks
-&ndash; jawohl!, und war durch Wind und Segel so
-wenig zu bewegen wie festes Land. Jedermann sah
-diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.</p>
-
-<p>Nun, die Woche darauf &ndash; indessen, Sandy Hook
-ist in Sicht.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-142">
- <img src="images/illu-142.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Der_Roman_der_Eskimo-Maid">Der Roman der Eskimo-Maid.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem
-Leben alles erzählen, was Sie gerne hören möchten,«
-sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei sah
-sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins
-Gesicht; »denn es ist lieb und nett von Ihnen, daß
-Sie mich leiden mögen und etwas über mich wissen
-wollen.«</p>
-
-<p>Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem
-beinernen Messerchen Walfischfett von ihren Wangen
-geschabt und es an ihrem Pelzärmel abgewischt und
-dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das
-seine flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben
-über die einsame Schneeebene und die Dome
-der Eisberge ergoß &ndash; ein Schauspiel von fast unerträglich
-glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte
-sie die träumerische Stimmung von sich ab und schickte<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-sich an, mir die einfache kleine Geschichte zu erzählen,
-um die ich sie gebeten hatte. Sie setzte sich bequem
-auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa diente,
-und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers
-an.</p>
-
-<p>Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche
-vom Eskimostandpunkt. Andere hätten sie für ein
-bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade
-zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste
-Mädchen ihres Stammes. Sogar hier
-in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und unförmlichen
-Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln
-und unter der großen Kapuze war wenigstens die
-Schönheit ihres Gesichtes erkennbar; die Schönheit
-ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und
-Glauben annehmen. Unter allen aus- und eingehenden
-Gästen hatte ich an ihres Vaters gastlichem Eßtrog
-kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig hätte
-nennen können. Und dabei war sie unverdorben!
-Sie war lieblich und natürlich und aufrichtig, und
-wenn sie wußte, daß sie eine Schönheit war, so ließ
-doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen, daß
-sie diese Kenntnis besaß.</p>
-
-<p>Sie war nun seit einer Woche meine tägliche<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-Kameradin gewesen, und je besser ich sie kennen lernte,
-desto besser gefiel sie mir. Sie war zärtlich und
-sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft,
-die in den Polargegenden als eine außerordentlich
-verfeinerte gelten konnte, denn ihr Vater war der
-einflußreichste Mann seines Stammes und stand auf
-der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca
-&ndash; so hieß sie &ndash; lange Spazierfahrten im Hundeschlitten
-über die mächtigen Eisfelder und fand ihre
-Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre Unterhaltung
-angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang,
-aber nicht in ihrem lebensgefährlich schwachen
-Boot, sondern ich spazierte bloß am Eisrande entlang
-und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden
-Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander;
-mehreremale stand ich dabei, wenn sie und ihre
-Familie von einem gestrandeten Wal den Speck
-ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges
-auf die Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum
-<span id="corr147">Schuß</span> kam, denn im Grunde habe ich Angst vor
-Bären.</p>
-
-<p>Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte
-erzählen. Hier ist sie:</p>
-
-<p>»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-die anderen Stämme über das gefrorene Meer von
-Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren wurde
-mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich
-dieses große Schloß aus Schneeblöcken &ndash; sehen Sie
-es nur an! Es ist sieben Fuß hoch und drei- oder
-viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier
-haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr
-stolz auf sein Haus und das mit Recht; denn wenn
-Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen Sie bemerkt
-haben, wieviel schöner und vollständiger es
-ist als die üblichen Wohnungen. Haben Sie noch
-nicht darauf geachtet, so müssen Sie es unbedingt
-thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung
-finden, die sich hoch über das Gewöhnliche
-erhebt. Zum Beispiel, an dem Ende, das Sie den
-›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte
-Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es
-sich beim Essen bequem machen. Diese Plattform
-ist die größte, die Sie je in einem Hause gesehen
-haben &ndash; nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist
-die größte. Wir haben selbst in den schönsten Häusern
-der Vereinigten Staaten nichts Aehnliches.«</p>
-
-<p>Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-voll Stolz und Wonne. Ich bemerkte es und schrieb
-es mir hinter die Ohren.</p>
-
-<p>»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht
-hätte,« sagte sie. »Und noch eins: Der Boden
-ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst üblich ist.
-Alle Arten Pelzwerk &ndash; vom Seehund, Seeotter,
-Silberfuchs, Bär, Marder, Zobel &ndash; alle Arten
-Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden. Dasselbe
-gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die
-Sie ›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause
-Plattformen und Schlafbänke besser ausgestattet?«</p>
-
-<p>»Das sind sie wirklich nicht, Lasca &ndash; man
-denkt noch gar nicht mal daran.« Das gefiel ihr
-wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze,
-die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren,
-nicht an deren Wert. Ich hätte ihr
-sagen können, daß diese Massen von kostbarem Pelzwerk
-ein Vermögen bedeuteten &ndash; oder wenigstens
-in meiner Heimat bedeuten würden &ndash; aber sie
-hätte das nicht verstanden; solche Sachen galten bei
-ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr
-sagen können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder
-die Alltagskleider der gewöhnlichsten Person ihrer
-Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert Dollars wert<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame
-kenne, die in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen
-ginge. Aber auch dies hätte sie nicht verstanden.
-Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort:</p>
-
-<p>»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei
-im Empfangssalon und außerdem noch zwei andere
-im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand
-zwei im Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in
-Ihrem Salon daheim?«</p>
-
-<p>Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm
-mir den Atem; ich sammelte mich aber wieder, bevor
-sie etwas merkte, und sagte voll Wärme:</p>
-
-<p>»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir,
-daß ich meine Heimat bloßstelle, und Sie dürfen
-es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu Ihnen im
-Vertrauen &ndash; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß
-nicht mal der reichste Mann in der Stadt New York
-zwei Spülzuber in seinem Salon hat.«</p>
-
-<p>Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten
-Hände zusammen und rief:</p>
-
-<p>»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das
-<em class="gesperrt">kann</em> nicht Ihr Ernst sein!«</p>
-
-<p>»Ja, es ist <em class="gesperrt">wirklich</em> mein Ernst, Liebste! Da
-ist Vanderbilt. Vanderbilt ist ungefähr der reichste<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-Mann auf der ganzen Welt. Nun, und wenn ich
-auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen,
-daß nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja,
-nicht mal <em class="gesperrt">einen</em> hat er &ndash; ich will auf der Stelle
-sterben, wenn’s nicht wahr ist!«</p>
-
-<p>Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen
-weit aufgerissen, und sie sagte langsam, mit einem
-gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam &ndash; wie
-unglaublich &ndash; man kann es sich gar nicht vorstellen.
-Ist er geizig?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; das ist er nicht. Auf die Ausgabe
-kommt’s ihm nicht an, aber &ndash; hm &ndash; wissen Sie,
-es würde protzig aussehen. Ja, das ist es &ndash; so
-denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art
-und hat eine Abneigung gegen Entfaltung von Pomp
-und Prunk.«</p>
-
-<p>»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,«
-sagte Lasca, »wenn man sie nicht zu weit treibt
-&ndash; aber wie sieht denn nun der Salon aus?«</p>
-
-<p>»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig,
-aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das kann ich mir denken. So was habe ich
-noch nie gehört! Ist es ein schönes Haus &ndash; ich
-meine, abgesehen <em class="gesperrt">davon</em>?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p>
-
-<p>»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute
-Meinung davon.«</p>
-
-<p>Das Mädchen saß eine Weile schweigend da
-und knabberte träumerisch an einem Lichtstumpf.
-Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte
-einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den
-Kopf und sprach frank und frei ihre Meinung aus:</p>
-
-<p>»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art
-von Demut, die, wenn man ihr auf den Grund geht,
-doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann,
-der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten
-kann, es nicht thut, so ist er <em class="gesperrt">vielleicht</em> wirklich
-demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher ist es,
-daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich
-lenken will. Nach meiner Meinung weiß Herr
-Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.«</p>
-
-<p>Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn
-ich fühlte, daß der Besitz von zwei Spülzubern nicht für
-jedermann der richtige Prüfstein sei, obgleich man in
-der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann.
-Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ
-sich nichts einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die
-reichen Leute bei Ihnen auch so gute Schlafbänke wie
-wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken gemacht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span></p>
-
-<p>»Na, sie sind ziemlich gut &ndash; gut genug &ndash;
-aber aus Eisblöcken sind sie nicht gemacht.«</p>
-
-<p>»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus
-Eisblöcken?«</p>
-
-<p>Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte
-sie darauf aufmerksam, wie teuer das Eis in einem
-Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf aufpassen
-muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer
-wird als das Eis selber. Da rief sie:</p>
-
-<p>»Herrje! <em class="gesperrt">Kaufen</em> Sie Ihr Eis?«</p>
-
-<p>»Ganz gewiß, mein liebes Kind.«</p>
-
-<p>Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen
-aus und sagte: »O, so was Albernes habe ich
-noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft vorhanden,
-ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe
-keine Fischblase für das Ganze!«</p>
-
-<p>»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen,
-Sie kleine Provinzpflanze Sie! Wenn Sie
-das Eis hier im Hochsommer in New York hätten, so
-könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am
-Markt sind.«</p>
-
-<p>Sie sah mich zweifelnd an und sagte:</p>
-
-<p>»Sprechen Sie die Wahrheit?«</p>
-
-<p>»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span></p>
-
-<p>Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte
-sie mit einem kleinen Seufzer:</p>
-
-<p>»Ich wollte, da könnte <em class="gesperrt">ich</em> wohnen!«</p>
-
-<p>Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen
-wollen, von denen sie sich einen Begriff machen konnte;
-aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich hatte
-ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New
-York Walfische reichlich vorhanden und billig seien,
-und hatte ihr den Mund wässern gemacht. Es schien
-am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler
-zu mildern versuchte; so sagte ich denn:</p>
-
-<p>»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts
-machen, wenn Sie in New York wohnten. Kein
-Mensch dort fragt etwas danach.«</p>
-
-<p>»Was?!«</p>
-
-<p>»Nein, wirklich nicht.«</p>
-
-<p>»Aber warum denn nicht?«</p>
-
-<p>»T&ndash;scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein
-Vorurteil, denke ich. Ja, das ist’s &ndash; einfach ein Vorurteil.
-Wahrscheinlich hat mal irgendwo und irgendwann
-irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte,
-ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja,
-wenn so eine Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert
-es eine endlose Zeit, bis sie wieder ausgetrieben wird.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p>
-
-<p>»Das stimmt &ndash; das stimmt vollkommen!«
-sagte das Mädchen nachdenklich. »Geradeso war
-es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife &ndash; wissen
-Sie, unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil
-gegen Seife.«</p>
-
-<p>Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich
-ja. Ich zögerte einen Augenblick, dann
-fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen Betonung:</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie: Sie <em class="gesperrt">hatten</em> ein Vorurteil
-gegen Seife? Hatten?«</p>
-
-<p>»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein
-Mensch wollte sie essen.«</p>
-
-<p>»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht
-gleich, was Sie meinten.«</p>
-
-<p>Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil.
-Als zum erstenmal Seife von den Fremdländischen
-hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie. Sobald
-sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und
-jetzt hat jeder welche, der es sich nur leisten kann.
-Lieben Sie Seife?«</p>
-
-<p>»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn
-ich keine haben könnte &ndash; besonders hier. Haben
-Sie sie gerne?«</p>
-
-<p>»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p>
-
-<p>»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit.
-Lieben Sie sie?«</p>
-
-<p>Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief:</p>
-
-<p>»O, sprechen Sie nicht davon! … Lichte! …
-und Seife!«</p>
-
-<p>»Und Fischeingeweide&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Und Leberthran&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Und Bratenfett&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Und Walfischspeck&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal!
-und Sauerkraut! und Bienenwachs! und Theer! und
-Terpentin! und Syrup! und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir
-bleibt die Luft weg vor Wonne&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne
-angerichtet und die Nachbarn dazu eingeladen und
-dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes
-war zu viel für sie, und sie fiel in Ohnmacht, das
-arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit Schnee
-und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile
-kühlte ihre Erregung sich ab. Allmählich kam sie
-wieder so weit, daß sie in ihrer Geschichte fortfahren
-konnte:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p>
-
-<p>»So begannen wir also hier in dem schönen
-Hause zu wohnen. Aber ich war nicht glücklich.
-Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen;
-ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück
-geben. Ich wollte um meiner selbst willen geliebt
-sein. Ich wollte anbeten und wollte von meinem
-Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als
-gegenseitige Anbetung konnte meine glühende Natur
-befriedigen. Ich hatte Freier genug &ndash; ja übergenug
-&ndash; aber in allem und jedem Fall hatten sie einen
-verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte
-ich diesen Mangel &ndash; kein einziger von ihnen vermochte
-ihn vor mir zu verhehlen: sie wollten nicht
-mich, sondern meinen Reichtum!«</p>
-
-<p>»Ihren Reichtum?«</p>
-
-<p>»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann
-in unserem Stamm &ndash; und überhaupt unter allen
-Stämmen dieser Gegend.«</p>
-
-<p>Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres
-Vaters Reichtum bestehen möchte. Das Haus konnte
-es nicht sein &ndash; ein jeder konnte sich so eins bauen.
-Die Pelze waren’s auch nicht &ndash; denn die waren
-hier nichts wert. Der Schlitten, die Hunde, die
-Harpunen, das Boot, die beinernen Fischhaken,<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein &ndash;
-nein, das war alles kein Reichtum. Was konnte
-es denn also sein, das diesen Mann so reich machte
-und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein
-Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um
-dies herauszufinden, das beste, wenn ich sie fragte.
-Ich that es. Das Mädchen war durch diese Frage
-so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte
-sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis
-brannte sie ebenso sehr wie mich meine Neugier.
-Sie schmiegte sich traulich an mich an und sagte:</p>
-
-<p>»Raten Sie, wie schwerreich er ist &ndash; Sie kriegen
-es niemals heraus!«</p>
-
-<p>Ich that, als dächte ich tief über die Sache
-nach, und sie beobachtete den Ausdruck meiner Denkanstrengungen
-auf meinem Gesicht mit atemlosem
-und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich
-aufgab und sie bat, meine Sehnsucht zu stillen und
-zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser Vanderbilt des
-Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht
-an mein Ohr und wisperte eindrucksvoll:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Zweiundzwanzig Angelhaken</em> &ndash; keine
-beinernen, sondern fremdländische &ndash; <em class="gesperrt">aus echtem
-Eisen</em>!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p>
-
-<p>Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde
-zurück, um die Wirkung zu beobachten. Ich gab
-mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen.
-Ich erbleichte und murmelte:</p>
-
-<p>»Gott Strambach!«</p>
-
-<p>»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!«</p>
-
-<p>»Lasca, Sie machen mir was weis &ndash; Sie
-können es nicht im Ernst meinen!«</p>
-
-<p>Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus:</p>
-
-<p>»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr &ndash;
-jedes Wort. Sie glauben mir &ndash; Sie glauben mir
-doch, bitte, nicht wahr? <em class="gesperrt">Sagen</em> Sie, daß Sie mir
-glauben &ndash; bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.«</p>
-
-<p>»Ich … hm … na ja, ich glaube &ndash; ich bemühe
-mich, es zu glauben. Aber es kam gar so
-plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie
-sollten so was nicht so mit einemmal machen.
-Es&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur
-gedacht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, es ist schon gut … und ich mache
-Ihnen keine Vorwürfe mehr, denn Sie sind jung
-und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht
-voraussehen, was für ’ne Wirkung&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
-
-<p>»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser
-daran denken sollen. Aber wie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder
-sechs Angelhaken angefangen hätten und dann allmählich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, ich verstehe, ich verstehe … dann allmählich
-einen hinzufügen, und dann zwei und dann …
-Ach, warum habe ich denn auch nicht daran gedacht!«</p>
-
-<p>»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht.
-Ich fühle mich jetzt besser … binnen kurzem werde
-ich darüber weg sein. Aber … einem unvorbereiteten
-und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit
-sämtlichen zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht
-springen&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»O … es <em class="gesperrt">war</em> eine Sünde! Aber Sie verzeihen
-mir &ndash; sagen Sie, daß Sie mir verzeihen!
-Bitte!«</p>
-
-<p>Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen
-Streichelns und Hätschelns und Zuredens eingeheimst
-hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder glücklich
-und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte
-hinein. Auf einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz
-noch irgend was anderes Ausgezeichnetes enthalten
-mußte &ndash; augenscheinlich irgend ein Kleinod &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu
-sprechen, damit es mich nicht abermals umwürfe.
-Doch ich wünschte auch von diesen Dingen genau
-Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen,
-was es sei. Sie hatte Angst. Aber ich bestand
-darauf und sagte, diesmal würde ich mich zusammennehmen
-und den Stoß aushalten. Sie war voll
-böser Ahnungen, aber die Versuchung, mir das
-Wunder zu enthüllen und sich an meinem Erstaunen
-und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark
-für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich,
-und sagte, wenn sie <em class="gesperrt">sicher</em> wäre, daß ich gefaßt
-sei &ndash; u. s. w. u. s. w. &ndash; und damit griff sie in ihren
-Busen und brachte ein verbeultes viereckiges Messingstück
-zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll
-an meinem Auge hing. Ich sank an ihren Busen
-in einer ganz vorzüglich gespielten Ohnmacht, die
-ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken
-versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie
-sich begierig, was ich zu ihrem Kleinod sagte.</p>
-
-<p>»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das
-köstlichste Ding, das ich jemals sah.«</p>
-
-<p>»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen,
-daß Sie das sagen. Aber es ist auch herzig &ndash; ist es nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
-
-<p>»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es
-lieber mein eigen nennen, als den ganzen Aequator!«</p>
-
-<p>»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,«
-sagte sie. »Ich meine, es ist so herzig! Und es
-giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden! &ndash;
-Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher
-gereist, um sich’s anzusehen. Sahen Sie jemals
-früher so was?«</p>
-
-<p>Ich sagte nein; es wäre das erste derartige
-Juwel, das ich je gesehen hätte. Es gab mir einen
-schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu sagen,
-denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher
-Dinger gesehen &ndash; da ihr Kleinod nichts anderes
-war, als eine verbogene alte New Yorker Bahnhofsgepäckmarke.</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch
-nicht mit diesem Juwel auf Ihrem Leibe so allein
-und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen
-Hund mitzunehmen?«</p>
-
-<p>»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand
-weiß, daß ich’s bei mir habe. Sie denken, es liegt bei
-Papas Schatz. Und da liegt es auch für gewöhnlich.«</p>
-
-<p>»Wo ist der Schatz?«</p>
-
-<p>Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-lang sah sie verdutzt und ein wenig mißtrauisch
-drein; aber ich sagte:</p>
-
-<p>»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir.
-Zu Hause sind wir siebzig Millionen Menschen, und
-&ndash; ich sollte es eigentlich nicht selber von mir sagen,
-aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir
-nicht unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.«</p>
-
-<p>Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir,
-wo die Angelhaken im Hause versteckt lägen. Dann
-machte sie eine kleine Abschweifung, um ein bißchen
-mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu
-renommieren, die die Fenster ihres Schlosses bildeten,
-und fragte mich, ob ich zu Hause je ihresgleichen
-gesehen, und ich bekannte frei und offen, das hätte
-ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß
-sie keine Worte finden konnte, ihre Dankbarkeit darin
-zu kleiden. Es war so leicht ihr Freude zu machen,
-und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich fortfuhr
-und sagte:</p>
-
-<p>»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches
-Mädchen! Dieses schöne Haus, dies köstliche Juwel,
-der reiche Schatz, all dieser elegante Schnee und die
-prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und
-die jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span>
-und weite Natur! Und jedermanns Augen
-ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht
-steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich,
-schön, umworben, gefeiert, beneidet &ndash; von jedem
-Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch wird Ihnen
-erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie
-wünschen könnten &ndash; was für ein unermeßliches Glück!
-Ich habe Myriaden von Mädchen gesehen, aber
-keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge
-mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie
-sind ihrer würdig &ndash; sind ihrer aller würdig, Lasca &ndash;
-das glaube ich in meines Herzens Grunde!«</p>
-
-<p>Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich
-dies sagen zu hören und sie dankte mir immer und
-immer wieder für die Schlußbemerkung, und an ihrer
-Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich
-gerührt war. Aber plötzlich sagte sie:</p>
-
-<p>»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein &ndash;
-es sind auch düstere Wolken vorhanden. Die Bürde
-des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals habe
-ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre,
-arm zu sein &ndash; oder wenigstens nicht so über alle
-Maßen reich. Es schmerzt mich, wenn Leute von
-Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu
-einander sagen höre: ›Da! Das ist sie &ndash; die
-Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer kummervoll:
-›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich &ndash; ich
-habe nichts!‹ Das bricht mir das Herz. Als ich
-ein Kind war und wir arm waren, da schliefen wir
-bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt &ndash;
-jetzt müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher
-war mein Vater freundlich und höflich zu allen;
-aber jetzt ist er streng und hochfahrend und kann’s
-nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst
-war seine Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt
-denkt er, wo er geht und steht, an seine Angelhaken.
-Und sein Reichtum macht, daß ein jeder unterthänigst
-vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über
-seine Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt
-und armselig und mangeln des einzigen Elements,
-das wirklich einen Spaß rechtfertigen kann &ndash;
-des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder
-über diese greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal
-nicht thut, so ärgert mein Vater sich tief und läßt
-es sich merken. Früher fragte kein Mensch nach
-seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts,
-wenn er sie ’mal ungefragt abgab; diesen Fehler<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-haben seine Meinungen auch jetzt noch, trotzdem wollen
-alle sie hören und geben ihren Beifall dazu &ndash; und
-er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes
-Zartgefühl hat er gar nicht, dafür aber eine große
-Masse Taktlosigkeit. Er hat den Ton unseres ganzen
-Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein freimütiges,
-mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche
-Heuchler und aufgedunsene Liebediener. Von
-ganzem Herzensgrunde hasse ich all dies Millionärsgethue.
-Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes,
-einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken
-ihrer Väter; jetzt sind sie von Habsucht zerfressen
-und würden jedes Gefühl von Ehre und Würde
-opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne
-Angelhaken zu erlangen. Aber ich darf bei diesen
-traurigen Geschichten nicht verweilen … Wie ich
-gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst willen
-geliebt zu werden.</p>
-
-<p>»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen
-zu sollen. Eines Tages kam ein Fremder durch, der
-sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm meinen
-Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz
-hüpfte hoch vor Dankbarkeit und Glück, denn ich
-hatte ihn auf den ersten Blick geliebt, und nun sagte<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
-ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte,
-er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem
-Augenblick. Wir lustwandelten miteinander weit über
-die Eisfelder, sprachen immerfort von uns selber und
-planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir endlich
-müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn
-er hatte Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein
-bißchen Walfischthran mitgenommen. Wir waren
-hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut.</p>
-
-<p>»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe
-fern im Norden lagen, und ich fand heraus,
-daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte,
-und das machte mich über alle Maßen froh. Das
-heißt, er hatte wohl von dem Millionär gehört,
-kannte aber dessen Namen nicht &ndash; so konnte er also,
-verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war.
-Sie können sich denken, daß ich ihm nichts davon
-sagte. Endlich war ich um meiner selbst willen
-geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich
-war so glücklich &ndash; o, glücklicher, als Sie sich vorstellen
-können.</p>
-
-<p>»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und
-ich führte ihn nach unserm Hause. Als wir in dessen
-Nähe kamen, war er erstaunt und rief:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p>
-
-<p>»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹</p>
-
-<p>»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich
-diesen Ton hörte und den bewundernden Glanz in
-seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald
-hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so
-schmuck und vornehm aus. Meiner ganzen Familie,
-Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen gefiel er gut,
-viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde
-dicht verschlossen, die Thranlampen angezündet, und
-als alles heiß und recht zum Ersticken gemütlich war,
-da begannen wir ein fröhliches Festmahl zur Feier
-meiner Verlobung.</p>
-
-<p>»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein
-Vater seiner Eitelkeit und konnte der Versuchung nicht
-widerstehen, mit seinen Reichtümern zu protzen und
-Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück
-er hineingetappt wäre &ndash; und vor allem natürlich
-wollte er sich an des armen Mannes Erstaunen
-weiden. Ich hätte weinen mögen &ndash; aber es hätte
-nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater
-abzureden; so sagte ich denn nichts, sondern saß
-nur da und litt schweigend.</p>
-
-<p>»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute
-geradenweges auf das Versteck los und holte die<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
-Angelhaken hervor und brachte sie herbei und warf
-sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in
-glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen
-auf die Plattform niederfielen. Natürlich stand
-bei dem erstaunlichen Schauspiel dem armen Burschen
-der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger
-Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich
-wundern, wie ein einzelner Mensch so unglaubliche
-Reichtümer besitzen könne. Dann auf einmal leuchtete
-sein Antlitz auf und er rief aus:</p>
-
-<p>»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹</p>
-
-<p>»Mein Vater und alle übrigen brachen
-lärmend in ein glückliches Gelächter aus, und als
-mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte,
-als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle
-Bedeutung, und ihn wieder an seinen Platz
-trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen.
-Er sagte:</p>
-
-<p>»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst
-ohne sie zu zählen?‹</p>
-
-<p>»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes
-Lachen erschallen und sagte:</p>
-
-<p>»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter
-sehen, daß du niemals reich gewesen bist, wenn eine<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
-Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in deinen
-Augen ein so mächtiges Ding ist!‹</p>
-
-<p>»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann
-sagte er aber:</p>
-
-<p>»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals
-auch nur soviel, wie der Widerhaken an einer solchen
-kostbaren Angel wert ist, und ich habe niemals einen
-Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt
-hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste,
-den ich bis jetzt gekannt, besaß nur drei.‹</p>
-
-<p>»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem
-Entzücken und mußte dadurch den Eindruck noch
-vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine Angelhaken
-zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen
-Sie, das war Renommisterei. Ob er sie zählte?
-Ei ja, er zählte sie jeden Tag!</p>
-
-<p>»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung
-getroffen und kennen gelernt; nach unserem
-Hause gebracht hatte ich ihn genau drei Stunden
-später, bei Einbruch der Nacht &ndash; denn die Tage waren
-kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht
-näherten. Viele Stunden dauerte unser festliches
-Gelage; endlich gingen die Gäste fort, und wir Zurückbleibenden
-verteilten uns die Wände entlang auf<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken
-&ndash; außer mir. Ich war zu glücklich, zu erregt,
-um schlafen zu können. Nachdem ich lange, lange
-Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche
-Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende
-des Raumes verschwand. Ich konnte nicht unterscheiden
-wer es war und ob es ein Mann oder eine Frau sein
-mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere
-in der entgegengesetzten Richtung an mir vorüber.
-Ich grübelte in mir darüber nach, was wohl dies alles
-bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir nichts,
-und während ich noch grübelte, schlief ich ein.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht wie lange ich schlief &ndash; aber
-plötzlich war ich hell wach und hörte meinen Vater
-mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim großen Schneegott!
-Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere
-Stimme sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge
-für mich &ndash; und das Blut in meinen Adern erstarrte
-vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben
-Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr
-alle miteinander und packt mir den Fremden!‹ Dann
-ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf allen
-Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten
-durch die Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-zu Hilfe, aber was konnte ich anders thun
-als warten und die Hände ringen?</p>
-
-<p>»Er war bereits durch einen lebenden Wall von
-mir getrennt, und man war dabei, ihm Hände und
-Füße zu binden. Erst als sie sich seiner versichert
-hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine
-arme mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz
-an seiner Brust aus, während mein Vater und meine
-ganze Familie auf mich schalten und ihn mit Drohungen
-und schmählichen Schimpfworten überhäuften.
-Er ertrug diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen
-Würde, die ihn mir teurer denn je machte und mich
-mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit ihm und für
-ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl,
-die Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen
-werden, um über Kalula auf Leben und Tod zu richten.</p>
-
-<p>»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem
-verlorenen Haken gesucht worden ist?‹</p>
-
-<p>»›Nach dem <em class="gesperrt">verlorenen</em> Haken!‹ riefen sie
-alle höhnisch, und mein Vater fügte spöttisch hinzu:
-›Tretet alle beiseite und seid recht ernst, wie sich’s
-gehört &ndash; sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹
-Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ &ndash;
-worauf sie wieder alle lachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p>
-
-<p>»Auf mich machte dies keinen Eindruck &ndash; ich
-hatte keine Befürchtungen, keine Zweifel. Ich sagte:</p>
-
-<p>»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen
-auch noch an die Reihe. Wartet ab und seht!‹</p>
-
-<p>»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich
-würde das elende kleine Ding in einem Augenblick
-finden; und ich begab mich mit solcher Zuversicht
-auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es
-dämmerte ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht
-zu voreilig gewesen. Aber ach und je! O, wie
-bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während
-welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte
-zählen können, herrschte tiefes Schweigen, dann begann
-mir das Herz zu sinken, und um mich herum
-fingen wieder die Spottreden an und wurden immer
-lauter und zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab,
-Salve auf Salve von grausamem Gelächter
-erscholl.</p>
-
-<p>»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da
-litt. Aber meine Liebe war mir Stütze und gab
-mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden
-Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm
-um seinen Nacken und flüsterte ihm ins Ohr:</p>
-
-<p>»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb &ndash; das weiß<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-ich. Aber sage es selber mir zum Trost. Dann
-kann ich alles tragen, was immer uns beschieden
-sein mag.‹</p>
-
-<p>»Er antwortete:</p>
-
-<p>»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der
-Schwelle des Todes stehe: ich bin unschuldig. Tröste
-dich also, o zertretenes Herz. Sei im Frieden, o du
-Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹</p>
-
-<p>»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als
-ich diese Worte sprach, da kam von draußen ein
-verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee, und
-dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur
-Thür herein &ndash; die Aeltesten!</p>
-
-<p>»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form
-an und schilderte die Vorgänge der Nacht in allen
-ihren Einzelheiten. Er sagte, der Nachtwächter
-habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein
-Mensch gewesen außer der Familie und dem Fremden.
-›Würde die Familie ihr eigenes Eigentum stehlen?‹
-Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele Minuten
-lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem
-andern zu seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm
-aus für den Fremden.‹ Kummer bringende Worte
-für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
-hin. O, ich Elende &ndash; Elende ich! In demselben
-Augenblick hätte ich meines Lieblings Unschuld beweisen
-können &ndash; aber ich wußte es nicht!</p>
-
-<p>»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte:</p>
-
-<p>»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen
-will?‹</p>
-
-<p>»Ich stand auf und sagte:</p>
-
-<p>»›Warum sollte <em class="gesperrt">er</em> denn den Haken stehlen &ndash;
-einen einzelnen oder sie alle zusammen? Einen Tag
-darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes
-gewesen!‹</p>
-
-<p>»Ich stand und wartete. Es trat ein langes
-Schweigen ein; der Atemdampf von den vielen
-Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte
-ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam
-mit dem Kopf und murmelte: ›Es liegt Beweiskraft
-in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was für eine
-Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch
-flüchtig &ndash; wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich.</p>
-
-<p>»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht,
-so möge er jetzt sprechen &ndash; später aber schweige er,‹
-sagte der Vorsitzende.</p>
-
-<p>»Mein Vater stand auf und sprach:</p>
-
-<p>»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-eine Gestalt bei mir vorüber, ging zum Schatz und
-kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube jetzt, es
-war der Fremde.‹</p>
-
-<p>»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte
-gedacht, es sei mein Geheimnis; nicht der große
-Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen reißen
-sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem
-armen Kalula:</p>
-
-<p>»›Sprich!‹</p>
-
-<p>»Kalula zauderte, dann antwortete er:</p>
-
-<p>»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen
-Angelhaken ließen mich nicht schlafen. Ich ging
-hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen
-Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude
-einzulullen. Dann legte ich mich wieder hin. Ich
-habe vielleicht einen fallen lassen, aber gestohlen habe
-ich keinen!‹</p>
-
-<p>»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis
-an solchem Ort! Schauerliches Schweigen
-herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes Urteil
-gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem
-Antlitz konnte man die Worte eingegraben lesen:
-›Es ist ein Geständnis &ndash; und ein armseliges, lahmes,
-schwächliches!‹</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<p>»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge
-an &ndash; und wartete. Auf einmal hörte ich die feierlichen
-Worte, die, wie ich wußte, kommen mußten.
-Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein
-Messer ins Herz:</p>
-
-<p>»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der
-Angeklagte der ›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹</p>
-
-<p>»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der
-die Wasserprobe in unser Land brachte! Sie kam
-vor Menschenaltern aus irgend einem fernen Lande
-&ndash; wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten
-unsere Väter Zeichendeutung und andere unsichere
-Beweismittel, und ohne Zweifel kam dann und wann
-ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem
-Leben davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe;
-denn diese ist von weiseren Männern erfunden worden,
-als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch
-sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos
-für unschuldig befunden, denn sie ertrinken; die
-Schuldigen aber werden mit derselben Sicherheit
-als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter.
-Das Herz brach mir im Busen, denn ich sagte mir:
-›Er ist unschuldig und er wird in die Wogen versinken
-und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p>
-
-<p>»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr
-von seiner Seite. Ich trauerte in seinen Armen all
-die kostbaren Stunden lang, und er übergoß mich
-mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen
-sie ihn von mir und ich folgte ihnen schluchzend
-und sah sie ihn in die See schleudern &ndash; dann verhüllte
-ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual?
-O, ich kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes!</p>
-
-<p>»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in
-ein hämisches Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend
-nahm ich meine Hände vom Gesicht.
-O bitterer Anblick: <em class="gesperrt">er schwamm</em>! Augenblicklich
-wurde mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte:
-›Er war schuldig &ndash; und er log mir!‹ Voll Verachtung
-wandte ich meinen Rücken und ging meines
-Weges &ndash; nach Hause.</p>
-
-<p>»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See
-und setzten ihn auf einen Eisberg, der nach Süden
-trieb &ndash; nach Süden zu den großen Gewässern.
-Dann kam meine Familie heim und mein Vater
-sprach zu mir:</p>
-
-<p>»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft.
-Er sagt: »Sage ihr, ich bin unschuldig und alle
-Tage und alle Stunden und alle Minuten, während<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben
-und an sie denken und den Tag segnen, da ich ihr
-süßes Antlitz zuerst erblickte.« &ndash; Ganz reizend,
-geradezu poetisch!‹</p>
-
-<p>»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig &ndash; laßt mich
-niemals wieder ihn nennen hören.‹</p>
-
-<p>»Und ach &ndash; denken zu müssen: Er <em class="gesperrt">war</em>
-unschuldig!</p>
-
-<p>»Neun Monate &ndash; neun öde traurige Monate
-gingen dahin und endlich kam der Tag des großen
-Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes
-ihr Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit
-dem ersten Strich meines Kammes kam zum Vorschein
-der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus
-aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate
-genistet hatte &ndash; und ich fiel ohnmächtig in die Arme
-meines von Reue gequälten Vaters! Stöhnend sagte
-er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals
-wieder lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten …
-Höre: von diesem Tage bis heute verging kein Monat,
-daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was
-nützt das alles jetzt!&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-Geschichte &ndash; und wir lernen daraus: Sintemalen
-hundert Millionen Dollars in New York und zweiundzwanzig
-Angelhaken am Rande der arktischen
-Zone dieselbe finanzielle Uebermacht darstellen, so ist
-ein Mann in bedrängten Verhältnissen ein Narr,
-wenn er in New York bleibt, da er doch nur für
-zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern
-braucht.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-180">
- <img src="images/illu-180.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Erzaehlung_des_Kaliforniers">Die Erzählung des Kaliforniers.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus
-aufwärts auf die Goldsuche aus. Den lieben
-langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue, Waschpfanne
-und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und
-dort einen, und dachte immer, ich würde einen reichen
-Fund machen. Aber ich machte keinen. Es war
-eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich würziger
-Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert
-gewesen, aber jetzt waren die Menschen verschwunden
-und es war einsam in dem entzückenden Paradiese.
-Als das oberflächliche Graben sich nicht mehr lohnte,
-gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo
-eine betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und
-Zeitungen und Feuerwehr und einem Bürgermeister
-nebst Stadträten gestanden hatte, da war jetzt bloß
-noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-nicht das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches
-Leben sich hier gerührt hatte. Es war in der
-Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft daherum,
-längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen
-verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser,
-nett und kosig und so mit rosenübersätem Weinlaub
-umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig dahinter
-verschwanden &ndash; ein Zeichen, daß diese Heimstätten
-verlassen waren, seit vielen Jahren von enttäuschten
-Familien aufgegeben, die sie weder verkaufen noch
-auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so etwa
-jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam
-liegenden Blockhütten vorbei, die in der Morgenröte
-der Goldgräberzeit von den ersten Goldgräbern, den
-Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In
-einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt
-bewohnt; und wenn man so eine traf, so konnte man
-sich darauf verlassen, daß der Bewohner der Pionier
-selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und
-noch auf eins konnte man sich verlassen: er war da,
-weil er einmal seine Gelegenheit, reich nach den
-›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte. Er hatte
-später seinen Reichtum wieder verloren und dann
-in seiner Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span>
-mit den Verwandten und Freunden daheim abzubrechen
-und hinfort bei ihnen für tot zu gelten. Ueber ganz
-Kalifornien war damals eine Schar von solchen
-lebendig-toten Männern verstreut. In ihrem Stolz
-getroffene arme Burschen, grau und alt mit vierzig,
-hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und
-Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und
-Sehnsucht, mit dem Kampf und allem anderen fertig
-zu sein.</p>
-
-<p>Es war ein einsames Land! In all diesen
-friedlichen weiten Grasebenen und Wäldern kein Laut
-als das einschläfernde Summen der Insekten; kein
-Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was
-einem den Sinn aufmuntert und Freude am Leben
-giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares
-Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag
-ein menschliches Wesen zu Gesicht bekam.
-Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren
-und er stand an der Gartenpforte von einem jener
-traulichen rosenumrankten Häuschen, von denen ich
-vorhin sprach. Dieses hier machte aber keinen verödeten
-Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß
-Menschen darin wohnten und es pflegten und mit
-Lust und Liebe sauber hielten; und in dem Vorhof<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
-war ein Garten mit überreichem, buntem Blumenflor.
-Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es
-mir behaglich zu machen &ndash; so ist es dort zu Lande
-Brauch.</p>
-
-<p>Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause
-zu weilen, nachdem ich wochenlang täglich und nächtlich
-nur in Goldgräberhütten verkehrt hatte &ndash; und
-das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte
-Betten, Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen
-und schwarzen Kaffee, und nichts zum Schmuck als
-Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften herausgerissen
-und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt
-waren. Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung
-&ndash; aber hier war ein Nest, wo das ermüdete
-Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der
-menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn
-es nach langer Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst
-trifft &ndash; mögen sie auch billig und bescheiden sein &ndash;
-sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt nach solcher
-Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat.
-Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich
-mich so heiter, so zufrieden machen könnte oder daß
-ein Seelentrost in Tapeten und eingerahmten Lithographien
-läge und in hellfarbigen Sofaschonern und<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span>
-Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten
-Nippschränkchen mit Seemuscheln und Büchern und
-Porzellanvasen darauf und überhaupt in all den
-unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand
-in einem Hauswesen anzubringen weiß &ndash; man sieht
-sie, ohne es zu wissen, und würde sie doch augenblicklich
-vermissen, wenn sie weggenommen würden. Das
-Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich
-auf meinem Gesicht aus und der Mann sah es und
-freute sich darüber; und als antwortete er auf eine
-Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton:</p>
-
-<p>»Alles <em class="gesperrt">ihr</em> Werk! Sie machte es alles selber &ndash;
-jedes bißchen,« und er umfaßte das Zimmer mit
-einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein japanisches
-Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff,
-womit Frauen sorgfältig-nachlässig den oberen Teil
-eines Bilderrahmens zu verhängen pflegen, war in
-Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es
-mit vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage,
-wobei er mehreremale zurücktrat, um den Eindruck
-zu beurteilen. Endlich fand er es nach Wunsch,
-strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit
-der Hand darüber und sagte: »Sie macht es immer
-so. Man kann nicht genau sagen, was daran fehlt,<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso
-gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit
-fertig ist &ndash; aber das ist auch alles, was man davon
-weiß. Warum es so ist, das weiß man nicht; ’s ist
-wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers
-Haar streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet
-hat; so ist’s, wie mir scheint. Ich habe ihr so oft
-zugesehen, wenn sie all die Dinger hier festmacht, daß
-ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl
-ich nicht weiß, <em class="gesperrt">warum</em> das so und jenes so sein muß.
-Aber <em class="gesperrt">sie</em> kennt auch das Warum. Sie weiß mit dem
-Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich verstehe
-vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.«</p>
-
-<p>Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich
-mir die Hände waschen könnte. So ein Schlafzimmer
-hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße Bettdecke,
-weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an
-den Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und
-Nadelkissen und zierlichen Toilettegegenständen; und
-in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und Krug
-aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf
-und an einem Gestell mehr als ein Dutzend
-Handtücher &ndash; Handtücher so sauber und weiß, daß
-einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war, ihr<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span>
-Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man
-mußte meinem Gesicht ansehen, was ich empfand,
-und er freute sich wieder darüber und sagte:</p>
-
-<p>»Alles <em class="gesperrt">ihr</em> Werk; sie machte es alles selber &ndash;
-jedes bißchen, kein Ding hier, das nicht die Berührung
-ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden Sie
-denken … aber ich darf nicht so viel sprechen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ
-dabei meine Augen im Zimmer herum von einem
-Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne
-thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes
-Ding, das man sieht, ein Labsal für Auge und Gemüt
-ist. Und ich merkte &ndash; man merkt so etwas
-manchmal auf unerklärliche Weise &ndash; daß da irgendwo
-irgendwas vorhanden wäre, was ich nach des
-Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich wußte
-das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir
-durch verstohlene Andeutungen mit seinen Augen
-dabei zu helfen suchte; so gab ich mir denn viele
-Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm
-gerne ein Vergnügen machen. Mehreremale riet
-ich falsch &ndash; ich sah es aus dem Augenwinkel, ohne
-daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich
-meinen Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben;<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
-ich merkte das an dem Behagen, das in unsichtbaren
-Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein glückliches
-Lachen aus, rieb sich die Hände und rief:</p>
-
-<p>»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich
-wußte, Sie würden’s finden! ’s ist ihr Bild.«</p>
-
-<p>Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an
-der anderen Wand und fand dort etwas, was ich
-bisher noch nicht beachtet hatte &ndash; einen Photographieständer.
-Der Rahmen umschloß das süßeste
-Mädchenantlitz und &ndash; wie mir’s vorkam &ndash; das
-schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank die
-Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig
-befriedigt.</p>
-
-<p>»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,«
-sagte er, als er das Bild wieder auf seinen
-Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir
-heirateten. Wenn Sie sie sehen &ndash; aber warten Sie
-nur, wenn Sie sie sehen!«</p>
-
-<p>»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?«</p>
-
-<p>»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht
-ihre Leute. Sie wohnen vierzig oder fünfzig Meilen
-von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste sie ab.«</p>
-
-<p>»Wann erwarten Sie sie zurück?«</p>
-
-<p>»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-wieder da sein, am Abend &ndash; wahrscheinlich so um
-neun Uhr.«</p>
-
-<p>Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung.
-»Das thut mir leid, weil ich dann wieder
-fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern.</p>
-
-<p>»Fort? Nein &ndash; warum sollten Sie denn gehen?
-Gehen Sie nicht. Sie wird so enttäuscht sein!«</p>
-
-<p>Sie würde enttäuscht sein &ndash; das schöne Geschöpf.
-Hätte sie selber mir diese Worte gesagt, sie könnten
-mir kaum wohler gethan haben. Ich fühlte ein
-tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so
-sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir
-bange machte. Ich sagte zu mir selbst: Ich will
-stracks von hier fortgehen &ndash; um meines Seelenfriedens
-willen.</p>
-
-<p>»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen
-und bei uns bleiben &ndash; Leute, die was verstehen und
-sprechen können &ndash; Leute wie Sie. Da hat sie ihre
-Wonne dran; denn sie selber weiß &ndash; o sie weiß
-beinahe alles, und kann reden, o, wie ein Vogel &ndash;
-und was für Bücher sie liest &ndash; wahrhaftig, Sie
-würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja
-nur eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.«</p>
-
-<p>Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf,<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-so tief war ich in den Widerstreit meiner Gedanken
-verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich merkte es
-nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer
-in seiner Hand und hielt mir das
-Bild vor die Augen und sagte:</p>
-
-<p>»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie
-hätten hier bleiben können um sie zu sehen, und
-wollten’s nicht!«</p>
-
-<p>Dieser zweite Anblick machte alle meine guten
-Vorsätze zu Schanden. Ich beschloß, auf jede Gefahr
-hin zu bleiben. Am Abend rauchten wir in Ruhe
-unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht
-von allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte
-ich seit vielen Tagen nicht einen so angenehmen und
-ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag verbrachten
-wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde
-kam ein großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt
-wohnte &ndash; einer von den grauhaarigen gestrandeten
-Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich
-er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er:</p>
-
-<p>»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören
-wie’s mit dem Frauchen steht und wann sie heim
-kommt. Giebt’s was Neues von ihr?«</p>
-
-<p>»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p>
-
-<p>»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir
-recht ist, Henry.«</p>
-
-<p>Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch
-hervor und sagte, wenn’s uns recht wäre, so wollte
-er ein paar von den Sätzen über Privatangelegenheiten
-überschlagen; dann fing er an und las den
-Hauptteil des Briefes &ndash; ein liebevolles ruhiges und
-ganz reizend anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum
-voll von freundlichen Aufmerksamkeiten und
-Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere
-uns befreundete Nachbarn.‹</p>
-
-<p>Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an
-und rief:</p>
-
-<p>»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg
-und laß mich deine Augen sehen. Du machst es
-immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese.
-Wart’, das werde ich ihr schreiben!«</p>
-
-<p>»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt,
-ich werde alt und jede kleine Enttäuschung geht mir zu
-Herzen, daß ich heulen möchte. Ich dachte, sie wäre
-selber hier, und nun hast du bloß einen Brief gekriegt.«</p>
-
-<p>»Na nu? Wie hast du dir denn das in den
-Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder wüßte, daß sie erst
-Samstag kommen soll!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span></p>
-
-<p>»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das
-wußte ich ja. Ich weiß gar nicht, was in der letzten
-Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s! Wir haben
-ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß
-nun gehen. Aber ich bin wieder da, wenn sie kommt,
-Alter!«</p>
-
-<p>Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer
-alter Veteran von seinem Blockhaus, ungefähr eine
-Meile weit, herüber gewandert und sagte, die Burschen
-hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s
-am Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen,
-wenn Henry nicht dächte, ›sie‹ würde von ihrer
-Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können.</p>
-
-<p>»Müde! <em class="gesperrt">Sie</em> müde? Nu hör’ einer an! Joe,
-<em class="gesperrt">du</em> weißt doch, sie würde einem von euch zu Gefallen
-sechs Wochen lang aufbleiben!«</p>
-
-<p>Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er,
-Henry möchte ihn vorlesen und der liebevolle Gruß,
-der für ihn drin stand, machte den alten Knaben
-ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes
-Wrack, daß ihm das passieren würde, wenn sie auch
-bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber Gott, wir
-sehnen uns so nach ihr!« sagte er.</p>
-
-<p>Am Samstag nachmittag ertappte ich mich<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-darüber, daß ich recht oft die Uhr zog. Henry bemerkte
-es und sagte mit einem beunruhigten Blick:</p>
-
-<p>»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon
-so früh hier sein, was?«</p>
-
-<p>Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt
-hatte. Aber ich lachte und sagte, es wäre so eine
-Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer Erwartung
-befände. Er schien indessen von dieser
-Erklärung nicht ganz befriedigt zu sein und ich sah
-ihm seit diesem Augenblick an, daß er sich unbehaglich
-fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an
-einen Punkt der Landstraße, von wo man eine große
-Strecke überblicken konnte; da stand er dann und
-überschattete seine Augen mit der Hand und spähte
-aus. Mehreremale sagte er:</p>
-
-<p>»Ich werde aufgeregt &ndash; ich werde ganz richtig
-aufgeregt. Ich weiß, sie kann nicht vor etwa neun
-Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte irgend
-’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen.
-Sie denken doch nicht, es ist ihr was
-passiert, was?«</p>
-
-<p>Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre
-ja so kindisch, daß es ’ne Schande wäre. Und zuletzt,
-als er mir noch einmal wieder seine Frage<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld
-und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien
-ihn so einzuschüchtern und so kleinlaut zu machen
-und er sah nachher so verletzt und so niedergeschlagen
-drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen
-Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als
-Charley, ebenfalls einer von den Veteranen, in der
-Abenddämmerung ankam und sich an Henry heranmachte,
-um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen
-für ihren Empfang zu besprechen. Charley
-ließ eine muntere Rede nach der anderen los und
-that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen
-und Befürchtungen zu zerstreuen.</p>
-
-<p>»Ihr was <em class="gesperrt">passiert</em>!? Henry, das ist ja der reine
-Unsinn! Es giebt ja gar nichts, was ihr passieren
-könnte, darüber mach’ dir nur keine Gedanken! Was
-stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht
-wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde,
-nicht wahr? Hast du je bemerkt, daß sie ihr Wort
-nicht hielt? Du weißt, du hast es nie bemerkt! Na,
-dann habe also keine Angst; sie <em class="gesperrt">wird</em> hier sein, das
-steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß
-du geboren bist. Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken
-gehen; wir haben nicht mehr viel Zeit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p>
-
-<p>Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an,
-und dann hatten wir alle Hände voll zu thun, das
-Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun sagten
-die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente
-mitgebracht und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen,
-denn die Jungens und die Mädels würden
-ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich
-schon auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt.
-Eine Fiedel, ein Banjo und eine Klarinette, das
-waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz,
-einer neben dem andern, und begann eine betäubende
-Tanzmusik; dazu stampften sie mit ihren schweren
-Stiefeln den Takt.</p>
-
-<p>Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden.
-Henry stand in der Thür und hielt die Augen auf
-den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der
-Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon
-ein paarmal auf seiner Frau Gesundheit und Wohlergehen
-angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun, Jungens,
-heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!«</p>
-
-<p>Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller
-und reichte das Getränk herum. Ich griff
-nach dem einen von den zweien, die noch auf dem
-Teller standen, aber Joe brummte halblaut:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span></p>
-
-<p>»Nicht das! Nehmen Sie das andere!«</p>
-
-<p>Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein
-Glas. Kaum hatte er das Getränk hinuntergegossen,
-so schlug es neun. Er lauschte, bis der letzte Schlag
-verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und
-immer bleicher. Dann sagte er:</p>
-
-<p>»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft
-mir &ndash; ich möchte mich hinlegen!«</p>
-
-<p>Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich
-bequem zurecht und fing an einzuschlummern. Aber
-auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer
-im Schlaf spricht:</p>
-
-<p>»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?«</p>
-
-<p>Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr:</p>
-
-<p>»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid
-gebracht, die Gesellschaft hätte unterwegs Aufenthalt
-gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege
-und kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer
-halben Stunde wird sie hier sein.«</p>
-
-<p>»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.«</p>
-
-<p>Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum
-aus seinem Munde waren. In einem Augenblick
-hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider abgezogen
-und ihn in die Kammer getragen, wo ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-mir die Hände gewaschen hatte. Dort legten sie
-ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür und kamen
-wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen,
-aber ich sagte:</p>
-
-<p>»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde
-mich nicht kennen, ich bin ein Fremder.«</p>
-
-<p>Sie sahen einander an; dann sagte Joe:</p>
-
-<p>»Sie? Das arme Ding &ndash; sie ist seit neunzehn
-Jahren tot.«</p>
-
-<p>»Tot?«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes
-Jahr nach ihrer Hochzeit zu ihren Verwandten auf
-Besuch, und auf ihrer Rückreise, an einem Samstag-Abend,
-raubten die Indianer sie, fünf Meilen von
-hier, und man hat niemals wieder was von ihr
-gehört.«</p>
-
-<p>»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?«</p>
-
-<p>»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige
-Stunde gehabt. Aber schlimm wird es mit ihm
-nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann fangen
-wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie
-kommen soll, und sprechen ihm Mut zu und fragen,
-ob er was von ihr gehört hat und am Samstag
-kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-heraus und machen alles zu einem Tanz fertig. So
-haben wir’s seit neunzehn Jahren jedes Jahr gemacht.
-Am ersten Samstag, da waren wir unser
-siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt
-sind wir bloß noch drei und die Mädels sind alle
-fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk, sonst würde
-er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr
-ganz in Ordnung mit ihm &ndash; er denkt, sie ist bei
-ihm, bis die letzten drei oder vier Tage herankommen,
-dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt
-seinen armen alten Brief heraus und wir kommen
-und bitten ihn, uns den Brief vorzulesen. Lieber
-Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine&nbsp;…«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-200">
- <img src="images/illu-200.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Appetit-Anstalt">Die Appetit-Anstalt.</h2>
-</div>
-
-<h3>I.</h3>
-
-<p class="drop">Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es
-liegt in Böhmen, eine kleine Tagereise von Wien
-und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, so
-ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht
-aus lauter Kurorten; es versorgt die ganze Welt
-mit Gesundheit. Die Quellen sind alle medizinisch.
-Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die
-ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken
-Bier. Dies sieht aus wie Aufopferung &ndash; aber Ausländer,
-die einmal Wiener Bier getrunken haben,
-sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es
-jenes Pilsener war, das man in einem kleinen Keller
-in einem dunklen Hintergäßchen im ersten Bezirk
-bekommt &ndash; der Name ist mir entfallen, aber das
-Lokal ist leicht zu finden: man frage nach der Griechischen
-Kirche; hat man sie gefunden, so gehe man<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
-rechter Hand gerade aus &ndash; das nächste Haus ist die
-kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr
-und Lärm; hier ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft
-besteht aus zwei kleinen Zimmern mit niedrigen
-Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen
-werden; Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht,
-sonst könnte man die Räume für Kerkerzellen im
-Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung ist
-einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich &ndash; und doch
-ist hier ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker,
-denn das Bier ist unvergleichlich &ndash; wirklich,
-es giebt seinesgleichen nicht auf der ganzen Welt!
-Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn
-Damen und Herren von bürgerlichem Stande finden,
-im zweiten ein Dutzend Generäle und Botschafter.
-Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von
-diesem Ort zu hören. Aber hat man einmal davon
-gehört und seine Reize erprobt &ndash; so wird man der
-Kneipe als Stammgast verfallen sein.</p>
-
-<p>Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei &ndash;
-es ist nur eine flüchtige Bemerkung zum Zeichen der
-Dankbarkeit für genossenes Glück; mit meinem Aufsatz
-hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz betrifft
-Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
-in Wien aufschlagen und von dieser Basis auf
-von Zeit zu Zeit nach den umliegenden Kurorten,
-je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug
-nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen
-Ausflug nach Karlsbad, um den Rheumatismus loszuwerden;
-einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um
-die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten
-loszuwerden. ’s ist alles so bequem zur
-Hand. Man kann in Wien stehen und einen
-Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man
-braucht bloß eine Dreißigzentimeterkanone dazu. Man
-kann zu jeder Tageszeit dorthin eilen; man fährt
-mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem
-kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der
-Hitze der Stadt entronnen und hat dafür waldige
-Berge und schattige Waldwege und weiche kühle
-Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines
-Paradieses.</p>
-
-<p>Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte
-zur Verfügung, die man bequem von Wien aus erreichen
-kann &ndash; lauter reizende Plätzchen; Wien liegt
-im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo
-hier und da ein See und Wälder sich finden; in der
-That, keine andere Großstadt ist so glücklich gelegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p>
-
-<p>Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten
-vorhanden. Zu diesen gehört Hochberghaus.
-Es liegt einsam auf dem Gipfel eines dichtbewaldeten
-Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe.
-Es nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren
-Appetit verloren haben, kommen hierher um ihn sich
-wieder herstellen zu lassen. Als ich ankam, nahm
-Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer
-und fragte:</p>
-
-<p>»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?«</p>
-
-<p>»Um zwölf.«</p>
-
-<p>»Was aßen Sie?«</p>
-
-<p>»Beinahe gar nichts.«</p>
-
-<p>»Was war auf dem Tisch?«</p>
-
-<p>»Die üblichen Sachen.«</p>
-
-<p>»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?«</p>
-
-<p>»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon &ndash; ich
-kann’s nicht vertragen.«</p>
-
-<p>»Sind Sie der Sachen überdrüssig?«</p>
-
-<p>»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte
-niemals wieder was davon.«</p>
-
-<p>»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Mehr als das, er empört mich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span></p>
-
-<p>Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog
-er eine lange Speisekarte hervor und ließ langsam
-sein Auge daran heruntergleiten.</p>
-
-<p>»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen,
-ist … aber hier, suchen Sie sich selber was aus!«</p>
-
-<p>Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein
-Magen schlug einen Purzelbaum. Von allen barbarischen
-Gelagen, die jemals ausgesonnen wurden,
-war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand:</p>
-
-<p>›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch
-angemacht‹; halbwegs die Karte hinunter las
-ich: ›Junge Katze; alte Katze; Katzenklein‹ und ganz
-unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich gemacht
-&ndash; roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der
-Speisekarte wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet
-waren, einem Kannibalen die Kehle zuzuschnüren.
-Ich sagte:</p>
-
-<p>»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem
-so ernsten Fall, wie der meinige ist, seinen Scherz
-zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit zu kriegen,
-nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig
-habe, loszuwerden.«</p>
-
-<p>Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte
-ich scherzen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
-
-<p>»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.«</p>
-
-<p>»Warum nicht?«</p>
-
-<p>Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls
-bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt
-oder nur gut gespielt sein.</p>
-
-<p>»Warum nicht? Weil &ndash; ja, Herr Doktor, seit
-Monaten habe ich selten einmal andere feste Nahrung
-verdauen können als Rühreier und Eierkuchen. Ihre
-unaussprechlichen Gerichte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen.
-Sie sind sehr gut. Und Sie <em class="gesperrt">müssen</em> sie essen. Das
-ist eine Vorschrift hier, und zwar eine strenge. Ich kann
-durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.«</p>
-
-<p>Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor
-werden Sie den Abgang des Patienten zu erlauben
-haben. Ich reise.«</p>
-
-<p>Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton,
-der der Sache ein anderes Aussehen gab:</p>
-
-<p>»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches
-Unrecht nicht anthun. Ich habe Sie in gutem Glauben
-aufgenommen &ndash; Sie werden dieses Vertrauen nicht
-zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine
-ganze Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem
-Appetit, wie Sie ihn jetzt haben, so könnte das bekannt<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-werden und Sie sehen selber ein, daß dann
-die Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem
-Fall fehlgeschlagen hätte, so könnte sie auch in anderen
-Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht fortgehen;
-Sie werden mir das nicht anthun!«</p>
-
-<p>Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich
-wollte bleiben.</p>
-
-<p>»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden
-nicht gehen; Sie hätten damit meiner Familie das
-Essen vor dem Munde weggenommen.«</p>
-
-<p>»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie
-denn diesen verteufelten Kram?«</p>
-
-<p>»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren
-voll freundlichen Erstaunens. »Natürlich nicht.«</p>
-
-<p>»O, also nicht! Und Sie?«</p>
-
-<p>»Ganz gewiß nicht.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des
-Arztes, der seine eigene Medizin nicht nimmt.«</p>
-
-<p>»Ich brauch’ es nicht … Es ist sechs Stunden
-her, daß Sie gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr
-Abendessen jetzt haben &ndash; oder später?«</p>
-
-<p>»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso
-gut wie sonst ’ne Zeit und es wäre mir lieb, wenn
-ich damit fertig wäre und es vom Halse hätte. Es<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span>
-ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit
-wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen.
-Ja, ich will versuchen, jetzt ein bißchen zu
-knabbern &ndash; ein kleiner Spazierritt wäre mir lieber
-gewesen.«</p>
-
-<p>Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹.</p>
-
-<p>»Suchen Sie sich selber was aus &ndash; oder wollen
-Sie es später haben?«</p>
-
-<p>»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein
-Zimmer an. Ich vergaß Ihre strenge Vorschrift.«</p>
-
-<p>»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie
-sich endgiltig entscheiden. Es ist noch eine andere
-Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen,
-wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn
-Sie aber warten, so müssen Sie warten bis es <em class="gesperrt">mir</em>
-beliebt. Sie können von der ganzen Speisekarte kein
-Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«</p>
-
-<p>»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer
-und schicken Sie die Köchin zu Bett; ich habe es
-ganz und gar nicht eilig.«</p>
-
-<p>Der Professor führte mich eine Treppe hinauf
-und brachte mich in eine sehr einladende und behagliche
-Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, Schlafstube
-und Baderaum.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span></p>
-
-<p>Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht
-über grüne Lichtungen und Thäler, über waldbedeckte
-Hügelkuppen &ndash; eine vornehme Einsamkeit, unberührt
-von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer
-waren eine Anzahl Gestelle voller Bücher. Der
-Professor sagte, er wolle mich jetzt mir selber überlassen;
-dann fuhr er fort:</p>
-
-<p>»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken
-Sie soviel Wasser, wie Sie Lust haben. Wenn Sie
-Hunger bekommen, so klingeln Sie und bestellen Sie
-was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen
-dürfen oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger
-böser Fall und ich denke die ersten vierzehn Gerichte,
-die auf der Karte stehen, sind ohne Ausnahme nicht
-stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um
-die Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von
-ihnen zu bestellen.«</p>
-
-<p>»Mich einschränken &ndash; sagten Sie nicht so?
-Seien Sie darum ohne Sorgen. Bei mir werden
-Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken
-Mannes verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß
-zurückschmeicheln zu wollen ist heller Wahnsinn!«</p>
-
-<p>Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte
-mich außer mir, daß er so ruhig und kalt von seinen<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
-herzlosen neuen Mordmethoden sprach. Der Doktor
-sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er
-legte die Speisekarte auf das Nachttischchen, das am
-Kopfende meines Bettes stand, ›so daß es bequem
-zur Hand sein möchte‹ und sagte:</p>
-
-<p>»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der
-mir bis jetzt vorgekommen ist; aber immerhin ist
-er schlimm und erfordert kräftige Behandlung; ich
-werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die
-Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen
-und erst von Nr. 15 an zu beginnen.«</p>
-
-<p>Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich
-auszuziehen, denn ich war hundemüde und sehr
-schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte
-am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf.
-Wiener Kaffee! Das war das erste, woran ich
-dachte &ndash; dieser unerreichbare Wonnetrank, dieser
-prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller
-andere europäische Kaffee und aller amerikanische
-Hotelkaffee bloß eine flüssige Armseligkeit ist. Ich
-klingelte und bestellte welchen; auch Wiener Brot
-dazu &ndash; diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter
-sprach mit mir durch das Schiebefenster in der Thür
-und sagte &ndash; aber man weiß schon, was er sagte.<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich gestattete
-ihm zu gehen &ndash; ich hätte ihn nicht weiter nötig.</p>
-
-<p>Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte
-einen Spaziergang zu machen &ndash; und kam bis an
-die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich
-klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander,
-das sei wieder eine andere Vorschrift. Der
-Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis er die erste
-Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher
-am Ausgehen nicht übermäßig viel gelegen gewesen;
-aber nun war es etwas anderes! Ein Mensch, der
-eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen.
-Bald begann ich es schwierig zu finden, die
-Zeit totzuschlagen. Um zwei Uhr war ich sechsundzwanzig
-Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine
-Zeitlang war ich immer hungriger geworden; jetzt
-merkte ich, daß ich nicht nur Hunger hatte, sondern
-daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen
-Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich
-doch nicht hungrig genug, um es mit der Speisekarte
-aufnehmen zu können.</p>
-
-<p>Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben.
-Ich dachte an Lesen und Rauchen. Ich that es;
-Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
-derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen,
-die sich in Wüsten verirrt hatten; von Leuten, die
-in verschüttete Bergwerksschächte eingeschlossen waren;
-von Leuten, die in belagerten Städten verhungert
-waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen,
-womit jemals hungerleidende Menschen ihre Gier
-nach Essen gestillt haben. Während der ersten Stunden
-machten diese Geschichten mir übel; dann folgten
-Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf
-mich machten; dann kamen Stunden, wo ich mich
-ab und zu darüber ertappte, daß ich bei der Beschreibung
-irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte
-mit den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig
-Stunden lang ohne Essen gewesen war, lief
-ich munter an die Klingel und bestellte das zweite
-Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit
-Füllungen von Kaviar und Theer.</p>
-
-<p>Es wurde mir verweigert. Während der nächsten
-fünfzehn Stunden machte ich alle Augenblicke ’mal
-einen Besuch bei der Klingel und bestellte ein Gericht,
-das weiter unten auf der Karte stand. Immer
-wieder abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein
-Vorurteil nach dem andern; ich machte sichere Fortschritte;
-ich kroch mit tödlicher Sicherheit näher an<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und
-schneller, meine Hoffnungen stiegen höher und höher.</p>
-
-<p>Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung
-über meine Lippen gekommen war &ndash; da war
-der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:</p>
-
-<p>»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen
-&ndash; mit den Eiern; sechs Dutzend, heiß und duftig!«</p>
-
-<p>In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit
-ihnen kam, vor Freude sich die Hände reibend, der
-Doktor. Er sagte in großer Erregung:</p>
-
-<p>»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich
-wußte, sie würde mir gelingen. Lieber Herr, mein
-großes System schlägt niemals fehl &ndash; niemals! Sie
-haben Ihren Appetit wieder &ndash; Sie wissen, Sie
-haben ihn; sagen Sie’s und machen Sie mich
-glücklich!«</p>
-
-<p>»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen,
-was auf der Speisekarte steht!«</p>
-
-<p>»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich
-wußte, es gelänge mir; das System ist unfehlbar.
-Wie sind die Vögel?«</p>
-
-<p>»So was Köstliches war noch niemals auf der
-Welt &ndash; und doch mache ich mir sonst im allgemeinen
-nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen Sie<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht
-entbehren, wirklich, ich kann’s nicht.«</p>
-
-<p>Da sagte der Doktor:</p>
-
-<p>»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel
-mehr dran und keine Gefahr mehr vorhanden. Lassen
-Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich Ihnen ein
-Beefsteak anvertrauen.«</p>
-
-<p>Das Beefsteak kam &ndash; ein ganzer Korb voll &ndash;
-mit Kartoffeln, und Wiener Brot und Kaffee; und
-dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner umständlichen
-Vorbereitungen wert war! Und Thränen der
-Dankbarkeit troffen mir die ganze Zeit über die
-Sauce hinein &ndash; Dankbarkeit gegenüber dem Doktor,
-daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden
-Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele,
-viele Jahre mir gefehlt hatte.</p>
-
-<h3>II.</h3>
-
-<p class="drop">Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine
-lange Reise in einem Segelschiff. An Bord waren
-fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die übliche tagtägliche
-Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine
-Tasse schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück:<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-schlechter Kaffee mit kondensierter Milch, dumpfige
-Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener Fisch. Um
-1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken,
-kaltes Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen;
-um 5 Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe,
-gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch mit Sauerkraut,
-gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von
-9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch,
-kalte Zunge, kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback,
-marinierte Austern, marinierte Schweinsfüße,
-geröstete Rippchen.</p>
-
-<p>Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte
-man aufgehört zu essen; statt dessen wurde nur an
-den Speisen herumgepickt. Die Passagiere kamen
-freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die
-Zeit hinzubringen, teils weil die Weisheit der
-Menschengeschlechter uns anempfiehlt, regelmäßig in
-unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der derben
-und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse
-daran, keinen Appetit darauf. Den lieben langen Tag
-lungerten sie auf dem Schiff herum: halb hungrig,
-von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich,
-mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte
-Magenkranke; diese wurden im Lauf von drei Wochen<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-zu reinen Schatten. Dann war da noch ein bettlägeriger
-Invalide; der lebte von gekochtem Reis;
-er konnte nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen
-Speisen vertragen.</p>
-
-<p>Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere
-und Mannschaft retteten sich in offenen Boten. Wie
-üblich waren die Nahrungsmittel knapp. Die Vorräte
-wurden gering und immer geringer. Da besserten
-sich die Appetite. Als nichts mehr übrig war außer
-rohem Schinken und als die tägliche Ration davon
-auf 55 Gramm für die Person herunterkam, da waren
-die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen
-kauten die Magenleidenden, der Invalide und die
-zartestbesaiteten Damen der Gesellschaft voll Wonne
-an alten Matrosenstiefeln und beklagten sich über
-dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab.
-Und das waren dieselben Leute, die auf dem Schiff
-das ewige Pökelfleisch und das Sauerkraut und die
-anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen
-können!</p>
-
-<p>Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer
-Not. Binnen zehn Tagen waren alle fünfzehn in
-so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie schiffbrüchig
-wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span></p>
-
-<p>»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden
-genommen,« fügte der Professor hinzu. »Verstehen
-Sie, was das sagen will?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Verstehen Sie’s wirklich?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich glaube doch.«</p>
-
-<p>»Nein, Sie verstehen es <em class="gesperrt">nicht</em>. Sie zögern.
-Sie können sich nicht zum Verständnis der Bedeutung
-aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen &ndash;
-mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von
-ihnen erlitt irgend welchen Schaden.«</p>
-
-<p>»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war
-in der That merkwürdig.«</p>
-
-<p>»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich.
-Es war gar kein Grund vorhanden, warum
-sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur
-der Mutter Natur durchgemacht &ndash; die beste und
-weiseste Kur auf der Welt.«</p>
-
-<p>»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?«</p>
-
-<p>»Ja, es brachte mich darauf.«</p>
-
-<p>»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.«</p>
-
-<p>»Warum meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß
-es für Sie eine solche war.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span></p>
-
-<p>»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin
-kein Narr!«</p>
-
-<p>»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?«</p>
-
-<p>»Sie waren Menschen.«</p>
-
-<p>»Ist das dasselbe?«</p>
-
-<p>»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst.
-In Bezug auf seine Gesundheit &ndash; und auf alles
-übrige &ndash; ist der Durchschnittsmensch das Produkt
-seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile;
-das Endergebnis ist: er wird ein Esel. Er
-kann nicht drei oder vier für ihn neue Umstände sich
-zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen;
-das geht über seine Kräfte. Er kann nicht selbst
-Beobachtungen machen, er muß alles aus zweiter
-Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten
-niederen Tiere so albern wären wie der Mensch &ndash;
-sie wären alle binnen einem Jahr vom Erdboden
-verschwunden.«</p>
-
-<p>»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur
-Lehre dienen?«</p>
-
-<p>»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen
-Schiff wieder zu ihren regelmäßigen Mahlzeiten und
-sehr bald pickten sie wieder anstatt zu essen &ndash; appetitlos,
-von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend,<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
-halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten
-Mägen fluchend und schimpfend und dabei winselnd
-und wehklagend. Und das alles ganz überflüssigerweise,
-denn ihre Mägen waren die Mägen von
-Narrenvolk.«</p>
-
-<p>»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr
-Verfahren&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ganz einfach: <em class="gesperrt">Essen Sie nichts bevor
-Sie hungrig sind!</em> Wenn das Essen Ihnen nicht
-mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein Vergnügen,
-kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie
-nicht eher, als bis Sie <em class="gesperrt">sehr</em> hungrig sind. Dann
-wird es Ihnen Vergnügen machen und außerdem
-gut thun.«</p>
-
-<p>»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für
-die Mahlzeiten einzuhalten?«</p>
-
-<p>»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu
-kämpfen haben &ndash; nein! Haben Sie den Feind untergekriegt,
-so ist Regelmäßigkeit nicht von Uebel, d. h.
-so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder
-ins Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel
-&ndash; und dieses ist: <em class="gesperrt">Hungern</em> &ndash; lange oder
-kurze Zeit je nach dem Erfordernis des einzelnen
-Falles.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span></p>
-
-<p>»Die beste Kost, scheint mir &ndash; ich meine die
-gesündeste&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder
-als die andere &ndash; aber alle gewöhnlichen Gerichte
-sind gesund genug für die Leute, die darauf angewiesen
-sind. Mag eine Kost fein oder derb sein,
-sie wird gut schmecken und nahrhaft sein, wenn man
-auf seinen Appetit acht giebt und jedesmal, wenn
-er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt.
-Nansen war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang
-seine Mahlzeiten nur auf Bärenfleisch beschränkt
-waren, da machte ihm das weder Schaden an der
-Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge
-der Schwierigkeit, sich das Bärenfleisch regelmäßig
-zu beschaffen, in gutem Stande gehalten wurde.«</p>
-
-<p>»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte
-und auserlesene Zusammenstellungen von Speisen
-für Kränkliche.«</p>
-
-<p>»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist
-voll von ererbten Vorurteilen und hungert nicht aus
-freien Stücken. Er denkt, das würde ihn ganz bestimmt
-ins Grab bringen.«</p>
-
-<p>»Es würde ihn aber doch schwach machen,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p>
-
-<p>»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken
-unter unseren Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn
-Tage lang von ein paar Schnipfeln rohen Schinkens,
-lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten
-die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that
-ihnen nichts. Es brachte sie in eine gute Verfassung,
-so daß sie von einer herzhaften Kost herzhaft essen
-konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für
-eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig
-genug, sich’s zu nutze zu machen, sie ließen
-die Gelegenheit vorübergehen, sie blieben kränklich &ndash;
-es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller
-Badeärzte?«</p>
-
-<p>»Worin besteht er?«</p>
-
-<p>»Es ist mein System in einer Verkleidung &ndash;
-verschleiertes Hungern. Traubenkur, Brunnenkur,
-Moorbadekur &ndash; ’s ist alles dasselbe. Die Trauben,
-der Brunnen, das Moorbad &ndash; sie geben der Sache
-einen Anstrich und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit
-aber macht das Hungern, wovon der Patient
-nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt
-und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden
-<em class="gesperrt">seines</em> Tages &ndash; nun sehen Sie sich ’mal an, was
-er in einem Kurort zu thun hat: Er steht auf um<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
-sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt
-zwei Stunden lang mit den anderen Narren einen
-Spazierweg auf und nieder. Ißt einen Schmetterling.
-Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff,
-das wie Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals
-zwei Stunden, aber allein; wenn man ihn anredet,
-sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! &ndash; Ich bin dabei,
-meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich
-nicht!‹ &ndash; und stapft weiter. Ißt ein gezuckertes
-Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der Stille
-und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen,
-darf nicht rauchen. Nun kommt der Doktor und
-befühlt sein Herz, seinen Puls, und beklopft seine
-Brust und seinen Rücken und seinen Magen und
-horcht mit einem Kindertrompetchen darauf herum.
-Dann befiehlt er des Patienten Bad: ›einen halben
-Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade
-wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier
-Uhr nachmittags, und feierliche Promenade mit den
-anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein halbes Spätzle
-und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um
-halbneun Abendessen: noch einen Schmetterling.
-Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ sechs Wochen
-lang &ndash; denken Sie sich’s mal aus. Es hungert<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
-einen Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle
-Verfassung. Es hätte dieselbe Wirkung in
-London, New York, Jericho &ndash; überall.«</p>
-
-<p>»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine
-Person wieder in guter Verfassung ist?«</p>
-
-<p>»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern;
-thatsächlich dauert es aber eine bis sechs Wochen;
-je nach dem Charakter und der Geistesanlage der
-Patienten.«</p>
-
-<p>»Wie kommt das?«</p>
-
-<p>»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die
-Fußball spielen, boxen und über die Zäune springen?
-Sie sind sechs oder sieben Wochen hier gewesen. Sie
-waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen.
-Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu
-festgesetzten Stunden an Leckereien und Delikatessen
-und hatten Appetit auf gar nichts. Ich fragte sie aus
-und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu
-hungern &ndash; die schwächsten für neun oder zehn Stunden,
-die anderen für zwölf bis fünfzehn. Es dauerte
-nicht lange, so begannen sie zu betteln; und sie litten
-in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit,
-Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie
-sie sollen essen sehen, als die Zeit um war! Sie<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
-konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das
-Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet
-hätte &ndash; so drückten sie sich wörtlich aus. Damit
-hätte denn nun ihre Kur zu Ende sein sollen &ndash;
-aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder
-Mahlzeit meines Hauses teilnehmen und sie wählten
-ihre gewohnten vier. Nach einem oder zwei Tagen
-hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder
-ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das
-brachte sie wieder auf den Damm. Dann fingen
-sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat
-sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen,
-ohne auf mich zu warten. Bis vor vierzehn
-Tagen konnten sie das nicht; sie hatten wirklich
-dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten
-sie’s doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit.
-Sie überschlagen alle Augenblicke einmal aus
-eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind jetzt prächtig
-bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig
-nach Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes
-Vertrauen zu sich selber und deshalb
-warten sie noch eine Weile.«</p>
-
-<p>»Giebt es auch andere Fälle verschiedener
-Natur?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span></p>
-
-<p>»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst
-in einer Woche &ndash; lernt seinen Appetit zu regulieren
-und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu halten &ndash;
-lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen,
-ohne sich was daraus zu machen.«</p>
-
-<p>»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen?
-Warum läßt man nicht einen Teil weg?«</p>
-
-<p>»Das wäre ein schwächliches Verfahren und
-ein unzulängliches! Wenn der Magen nicht kräftig
-nach Nahrung verlangt &ndash; sozusagen darnach schreit &ndash;
-so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm
-eine wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen,
-die mehr essen können als andere und dabei doch
-gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von Menschen
-und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde
-Ihnen nachher einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt
-hatte, täglich an acht Mahlzeiten herumzunibbeln.
-Das waren für die ihm eigentümliche
-Art von Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf
-täglich sechs heruntergebracht und er ist wohl und
-munter und freut sich seines Lebens … Wieviele
-Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«</p>
-
-<p>»Früher &ndash; zweiundzwanzig Jahre lang &ndash;
-anderthalb; während der beiden letzten Jahre zwei<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
-und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun;
-Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht
-oder acht.«</p>
-
-<p>»Früher ein und eine halbe Mahlzeit &ndash; das
-heißt: Kaffee und ein Brötchen um neun, Hauptmahlzeit
-abends, zwischendurch nichts &ndash; ist’s nicht so?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«</p>
-
-<p>»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie
-waren besorgt um mich. Sie dachten, ich brächte
-mich selber ins Grab.«</p>
-
-<p>»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre
-lang anderthalb Mahlzeiten genug?«</p>
-
-<p>»Vollkommen!«</p>
-
-<p>»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand
-ist die Extramahlzeit schuld. Lassen Sie sie aus.
-Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen es verlangt.
-Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren.
-Sie nehmen jetzt in einem Tage bei zwei und einer
-halben Mahlzeit weniger Nahrung zu sich als früher
-in anderthalb.«</p>
-
-<p>»Das stimmt &ndash; bedeutend weniger; denn in
-jenen alten Tagen war meine Hauptmahlzeit ein
-recht umfangreiches Ding.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span></p>
-
-<p>»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf
-eine einzige Mahlzeit: abends, bis Sie eines guten,
-gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten Appetits
-sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren
-anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf
-Ihre Familie. Haben Sie irgend ein gewöhnliches
-Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber verbunden
-ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden
-überhaupt nichts. Das wird Sie kurieren. Es
-wird sogar den hartnäckigsten Schnupfen kurieren.
-Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes
-vierundzwanzigstündiges Fasten.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst
-erfahren.«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-229">
- <img src="images/illu-229.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Mein_Eintritt_in_die_Litteratur">Mein Eintritt in die Litteratur.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein
-kleines Ding &ndash; es war ›Der hüpfende Frosch‹ &ndash;
-in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber ich
-war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner
-Ansicht nach konnte eine Person, die in einer gewöhnlichen
-Zeitung was erscheinen ließ, keinen Anspruch
-erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen
-Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie
-mußte in einer Zeitschrift erscheinen. Dann würde
-einer eine litterarische Person sein; dann würde er
-auch zugleich berühmt sein &ndash; einfach berühmt. Nach
-diesen beiden Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker
-Sehnsucht.</p>
-
-<p>Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag
-fertig und sah mich sodann um, welche Zeitschrift
-wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen zu<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New
-York gab. Mein Beitrag wurde angenommen. Ich
-unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn dieser Name
-war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich
-unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem
-einzigen Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten.
-Der Artikel erschien in der Dezember-Nummer und
-ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das
-Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter
-des Jahrgangs enthalten; mein Name würde
-darunter und ich würde berühmt sein und könnte
-das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante.</p>
-
-<p>Ich gab das Bankett <em class="gesperrt">nicht</em>. Ich hatte die
-Worte ›Mark Twain‹ nicht ganz deutlich geschrieben;
-es war für die Buchdrucker im Osten ein neuer
-Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac
-Swain‹ &ndash; genau erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls
-wurde ich nicht berühmt und gab kein Festmahl.
-Ich war eine litterarische Person, aber was für eine &ndash;
-eine begrabene, eine lebendig begrabene!</p>
-
-<p>Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers
-›Hornet‹, der am 3. Mai 1866 auf der Fahrt
-unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord,
-und ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden,<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span>
-zu Gespenstern abgemagert, dort ankamen,
-nachdem sie mit Lebensmitteln <em class="gesperrt">für zehn Tage</em>
-versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter
-der sengenden Tropensonne gemacht hatten. Ein recht
-bemerkenswerter Ausflug; aber der Kapitän, der ihn
-leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst
-würde kein einziger lebend angekommen sein. Er
-war ein Neuengländer vom besten Seemannsschlag
-der tüchtigen alten Zeit &ndash; Kapitän Josiah Mitchell.</p>
-
-<p>Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um
-Briefe für die Wochenausgabe der ›Union‹ von
-Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche
-Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig
-hatte, sich’s aber leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars
-für nichts auszugeben. Die Eigentümer waren
-liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne
-Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt
-wenigstens noch <em class="gesperrt">ein</em> Mensch, der ihnen eine dankbare
-Erinnerung zollt; denn es lag mir sehr viel
-daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine
-Bitte und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl
-nur kümmerliche Aussicht vorhanden war, daß sie
-irgend welchen Nutzen davon hätten.</p>
-
-<p>Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span>
-als die Schiffbrüchigen ankamen. Ich war
-bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande
-auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit
-mein Blatt gut zu bedienen &ndash; und ich konnte
-sie mir nicht zunutze machen! Natürlich ärgerte
-mich das schmählich. Aber zum guten Glück war
-damals Excellenz Anson Burlingame in Honolulu,
-auf dem Wege zur Uebernahme seines Postens in
-China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste
-leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre
-und ließ mich nach dem Krankenhaus tragen, wo die
-Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht einmal
-eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber
-und ich hatte nichts weiter zu thun als die Notizen
-zu machen. Es war so recht bezeichnend für ihn,
-daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer
-Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner
-prächtigen Natur, sich nicht auf den Standpunkt seiner
-hohen Würde zu stellen, sondern einen freundlichen
-Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte.</p>
-
-<p>Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit
-fertig. Ich aß nichts, denn es war keine Zeit zu
-verlieren, wenn ich die anderen Berichterstatter schlagen
-wollte. Es kostete mich vier Stunden, meine Notizen<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die
-ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der
-Erfolg war der, daß ich am Morgen um neun einen
-langen und umständlichen Bericht von den Erlebnissen
-der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während die
-Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur
-eine kurze Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle
-schicken konnten &ndash; denn sie blieben <em class="gesperrt">nicht</em> die Nacht
-auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen Zwischenräumen
-den Postverkehr mit San Francisco besorgte,
-sollte ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock
-kam stieß er gerade vom Quai ab. Mein dickleibiger
-Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen und
-fiel richtig an Bord &ndash; und damit war mein Sieg
-gewonnen. Das Schiff landete zur rechten Zeit in
-San Francisco; mein vollständiger Bericht schlug
-wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem
-damaligen Vertreter des New York-Herald, an die
-New Yorker Zeitungen telegraphiert.</p>
-
-<p>Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien
-zurückkehrte, reiste ich nach Sacramento und präsentierte
-meine Rechnung für allgemeine Berichterstattung
-zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann
-kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span>
-Hornetfall‹: drei Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift
-zu 100 Dollars die Spalte. Der Kassierer fiel zwar
-nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran.
-Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten
-kein Wort. Sie lachten nur nach ihrer lustigen Art
-und sagten, es sei Spitzbüberei, aber es schade nichts;
-es sei eine großartige Leistung (ob sie meine Rechnung
-oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht).
-»Zahlen Sie aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die
-besten Zeitungsverleger, die es jemals gab!</p>
-
-<p>Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am
-15. Juni bei den Sandwichinseln an. Sie waren
-bloß noch Haut und Knochen; die Kleider schlotterten
-um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge,
-die bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber
-sie wurden im Hospital gut gepflegt und die Einwohner
-von Honolulu versahen sie mit allen Leckerbissen,
-die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell
-wieder Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt.
-Nach vierzehn Tagen reisten die meisten von
-ihnen nach San Francisco; ich ging mit demselben
-Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der
-›Hornet‹ war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen
-Passagiere, die auf der ›Hornet‹ gewesen waren.<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-Es waren zwei junge Studenten, Brüder, aus Stamford,
-Connecticut: Samuel und Henry Ferguson.
-Die ›Hornet‹ war ein Schnellsegler erster Klasse; die
-Kajüte der jungen Leute war geräumig und bequem,
-gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit eingemachten
-Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost
-aufzubessern. Als das Schiff in der ersten
-Januarwoche aus dem New Yorker Hafen auslief
-sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn- oder
-fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller
-und angenehmer Fahrt würden zurückgelegt werden.
-Sobald die kalten Breiten im Rücken lagen und das
-Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu
-einem Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts
-unter einer Wolke von Segeln, die keine Aufmerksamkeit
-erforderten, da tagelang keine einzige Aenderung
-daran nötig war. Die jungen Leute lasen,
-schlenderten auf dem geräumigen Deck herum, ruhten
-und träumten im Schatten der Segel, speisten mit
-dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan
-hatte, spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm
-bis zur Schlafenszeit. Nach dem Schnee und Eis
-und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff
-wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam,<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-und wieder war die Spazierfahrt ein Picknick. Bis
-zum frühen Morgen des 3. Mai.</p>
-
-<p>Vermutliche Lage des Schiffes: 112°&nbsp;10´ w.&nbsp;L.,
-2° n.&nbsp;Br. Kein Wind, kein Seegang &ndash; tote Stille.
-Temperatur tropisch d. h. sengend, blasenziehend von
-einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in
-solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff
-davon machen kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!«
-Ein gewissenloser Matrose war gegen alle Vorschriften
-mit einem offenen Licht in die Vorratskammer gegangen,
-um etwas Firnis aus einem Faß zu holen.
-Es kam, wie es kommen mußte, und des Schiffes
-Stunden waren gezählt.</p>
-
-<p>Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der
-Kapitän wußte sie vortrefflich anzuwenden. Die
-drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot und
-zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und
-der Wirrwarr und die Aufregung sehr beträchtlich
-waren, geht schon daraus hervor, daß beim Aussetzen
-der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen
-ziemlich bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten
-ein Ruder durch die Seite gerannt wurde. Vor
-allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke
-Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-sicheren Stelle niedergelegt wurden &ndash; unter ihnen ein
-Portugiese. Dieser hatte die ganze Reise über keinen
-einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate lang in
-seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt.
-Als wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen
-machten und ein Matrose Herrn Burlingame diesen
-Nebenumstand berichtete, hob der Dritte Steuermann,
-der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung
-seinen Kopf hoch und berichtigte mit schwacher Stimme,
-aber feierlich und im Tone der Ueberzeugung:</p>
-
-<p>»Er <em class="gesperrt">züchtete</em> Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze
-Familie von solchen Dingern. Er that es bloß,
-damit er nicht auf Wache brauchte.«</p>
-
-<p>Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen
-war, wurde von den Leuten und den beiden Passagieren
-zusammengerafft und auf das Deck geworfen
-wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um
-mehr zu holen. Der Matrose, der es Herrn Burlingame
-erzählte, fügte hinzu:</p>
-
-<p>»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann
-32 Tagesrationen zusammen.«</p>
-
-<p>Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen
-Kopf in die Höhe und verbesserte auch diese Angabe,
-indem er voller Bitterkeit sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p>
-
-<p>»Der Portugiese, der da Schildwache spielte,
-aß zweiundzwanzig davon auf, während niemand auf
-ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!«</p>
-
-<p>Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit.
-Rauch und Flammen trieben die
-Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge
-von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen,
-Abstand nehmen, und als sie die Boote bestiegen,
-hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in
-Sicherheit gebracht.</p>
-
-<p>Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten,
-ein Exemplar von ›Bowditch’s Navigator‹
-und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän
-und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote
-hatten Chronometer. Die Gesamtzahl der Leute
-betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis
-sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt
-folgendes Ergebnis: 4 Schinken, beinahe 30 Pfund
-gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe Kiste Rosinen,
-100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern,
-Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein
-Fäßchen mit 4 Pfund Butter, 12 Gallonen<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Wasser<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4 Korbflaschen
-von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen
-Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen,
-Zündhölzer und etwa 100 Pfund Tabak. Keine
-Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze Gesellschaft
-sofort auf knappe Rationen gesetzt werden.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> 1 Gallone = ungefähr 4½&nbsp;<em class="antiqua">l</em>.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Kapitän und die beiden Passagiere führten
-Tagebücher. Auf unserer Ueberfahrt nach San Francisco
-gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean in
-eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht
-einen Klafter vorwärts; dies setzte mich instand,
-eine Abschrift von den Tagebüchern zu machen. Das
-von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste;
-ich will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende
-Eintragung gemacht wurde, hatte das dem Untergang
-geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen den Hafen
-verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit
-den üblichen Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige
-Zeit zu vertreiben; an ein Unglück dachte kein Mensch.</p>
-
-<div class="log">
-<p>2. Mai. 1°&nbsp;28´ n.&nbsp;Br. 111°&nbsp;38´ w.&nbsp;L. Wieder ein
-heißer trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen
-die Wolken Wind und es kam wirklich eine leichte Brise &ndash;
-gerade genug, um uns in Fahrt zu halten. Zu erwähnen
-ist heute nichts, als daß sich große Mengen Fische um unser
-Schiff zeigen; am Vormittag wurden 9 Boniten gefangen<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span>
-und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach dem Essen bekam
-der Obersteuermann einen großen Burschen an die Angel;
-er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem Kapitän
-zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit
-einem Ruck den Fisch heraus &ndash; aber, schnapp! weg war Leine
-und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter
-unserm Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der
-9 oder 10 Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm
-mit allen möglichen Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch
-nach; aber er hatte keine Lust anzubeißen. Ich vermute
-er hatte mit den über Bord geworfenen Köpfen und
-anderen Ueberresten der Boniten seinen Appetit gestillt.</p>
-</div>
-
-<p>Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die
-Katastrophe. Die drei Boote stießen ab, ruderten
-ein kleines Stück hinweg und hielten dann. Die
-beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck;
-einige von den Leuten mußten fortwährend das
-Wasser ausschöpfen, andere verstopften die Löcher,
-so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere
-und elf Mann waren im Langboot; sie hatten
-einen Teil der Lebensmittel und des Wassers und
-es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur
-21 Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann
-und 8 Mann waren in dem einen von den
-kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann
-im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern
-bloß die Mäntel gerettet, dazu die Sachen, die sie<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span>
-auf dem Leibe trugen. Das Schiff in seinem Flammenmantel
-und mit der gewaltigen Säule von schwarzem
-Qualm, die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit
-des Weltmeers einen großartig malerischen
-Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem
-Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild.
-Inzwischen berechnete der Kapitän die ungeheure Entfernung,
-die zwischen ihm und dem nächsten erreichbaren
-Land lag und setzte dann die Rationen fest,
-die ihnen in ihrer Not zur Verfügung standen: einen
-halben Zwieback zum Frühstück, einen Zwieback und
-ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen Zwieback
-als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein
-paar Schluck Wasser. Und so begann der Hunger
-bereits zu nagen, während das Schiff noch brannte.</p>
-
-<div class="log">
-<p>4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und
-wir hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein
-gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen
-bis heute Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen,
-alle zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln
-18° oder 19° n.&nbsp;Br. und 114° oder 115° w.&nbsp;L. und wir
-hoffen in der Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu
-werden. Das Schiff sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir
-finden die Sonne sehr heiß, sie versengt uns die Haut; aber
-wir alle wollen nach Kräften versuchen, unser Leben zu retten.</p>
-</div>
-
-<p>Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span>
-warteten noch etliche Stunden auf das Schiff, das
-möglicherweise den Feuerschein gesehen hatte und
-natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende
-See herankommen konnte. Endlich gaben
-sie diese Hoffnung auf und setzten ihren Plan fest.
-Ein Blick auf die Karte wird dem Leser zeigen, daß
-ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel
-(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich
-beinahe 1000 Meilen entfernt; das im Tagebuch
-ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ bezeichnete
-Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der
-Schätzung der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr
-unsicher bestimmten Richtung ungefähr 1000 Meilen
-nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; Acapulco,
-an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich,
-nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird
-sagen: »Felseninseln, die einsam im Weltmeer liegen,
-können ihnen nichts nützen; mögen sie doch auf
-Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht
-allerdings aus, als ob dies der natürliche Kurs sei,
-aber wenn man die Tagebücher liest, so errät man
-sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen
-wäre &ndash; in der That, der reine Selbstmord!
-Hätten die Boote auf Albemarle zugehalten, so wären<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span>
-sie den ganzen Weg über in den Doldrums<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> gewesen;
-und das hätte sicheren Untergang in den
-Fluten bedeutet, denn die Winde sind dort völlig
-verrückt, blasen aus allen Richtungen der Windrose
-gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten
-die Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären
-sie auf halbem Wege aus den Doldrums herausgekommen
-&ndash; vorausgesetzt, sie hätten diesen Punkt erreicht
-&ndash; und wären dann in kläglicher Lage gewesen,
-denn dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde
-gerade in die Zähne geweht, und die Boote waren
-so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht binnen
-8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten
-also sehr vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen
-Abweichung nach Westen. Ihre Lebensmittel reichten
-bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; das Langboot
-hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie
-konnten nicht mit Sicherheit darauf rechnen, in den
-Doldrums ein nennenswertes Stück vorwärts zu
-kommen &ndash; und sie hatten noch vier- bis fünfhundert
-Meilen in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span>
-sind der wirkliche Aequator, ein tausend oder zwölfhundert
-Meilen breiter wogender, brüllender, regengepeitschter
-Belt, der den Erdball umgürtet.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans
-nahe dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache,
-unstätige Winde vorkommen.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und
-alle wurden durchnäßt, aber sie füllten dadurch ihr
-Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck beim Kapitän,
-der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt
-voll; kein einziger bekam viel Schlaf.</p>
-
-<p>Der nächste Morgen war stürmisch, böig und
-regnerisch. Schwerer und gefährlicher ›kurzer‹ Seegang.
-Man wundert sich, wie solche Boote ihn überstehen
-konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück,
-wenn ein Mann mit einem Hund in einem
-Nachen von der Größe eines Langboots den Atlantischen
-Ocean durchquert &ndash; und es ist auch
-wirklich eins. Aber <em class="gesperrt">dieses</em> Langboot war überladen
-mit Menschen und Sachen und nur drei
-Fuß tief.</p>
-
-<div class="log">
-<p>Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause;
-wir freuten uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag
-ist und daß unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel
-senden, obwohl sie von unserer Gefahr nichts wissen.</p>
-</div>
-
-<p>Der Kapitän gönnte sich während der ersten
-drei Tage und Nächte nicht einmal ein Nickerchen,<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span>
-aber in der vierten Nacht nahm er ein paar Augen
-voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den
-Kurs und steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung
-die Felseninsel Clipperton zu erreichen. Verfehlte er
-sie, so machte das nichts aus; er würde es dann
-näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche
-Ziel bildeten. Ich will hier gleich erwähnen,
-daß er den Felsen nicht fand.</p>
-
-<p>Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind,
-glühend sengte die Sonne; sie griffen zu den Riemen.
-Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie konnten
-keinen einzigen fangen.</p>
-
-<div class="log">
-<p>Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der
-furchtbaren Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden …
-Ein Schiff braucht oftmals eine volle Woche, um durch die
-Doldrums zu kommen &ndash; wie lange also erst eine Nußschale
-wie die unsrige? … Wir sitzen so gedrängt, daß
-wir uns nicht ausstrecken können, um ’mal einen guten
-Schlaf zu thun.</p>
-</div>
-
-<p>Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich
-mit der Zeit immer beschwerlicher, aber es liegt in
-der menschlichen Natur, solche Unannehmlichkeiten nur
-im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual
-dauerte noch fünf Wochen &ndash; dessen müssen wir
-uns erinnern, da der Tagebuchschreiber nichts davon<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span>
-sagt; unsere Betten werden uns dadurch um so
-weicher vorkommen.</p>
-
-<div class="log">
-<p>Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere
-Lage als mir lieb ist … Wir fingen zwei Delphine, sie
-schmeckten gut … Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht
-in Ordnung, aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern
-trat hervor &ndash; ein willkommener Anblick! &ndash; und bestätigte
-die Angabe des Kompasses.</p>
-
-<p>10. Mai. 7°&nbsp;0´&nbsp;13´´ n.&nbsp;Br., 111°&nbsp;32´ w.&nbsp;L. Wir
-haben also in den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen,
-ungefähr 300 Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben
-wir den ganzen Tag in Kalmen. Dabei werden wir von der
-Hitze gebraten. Wie der Kapitän sagt: alles Romantische ist
-längst entschwunden; wir kommen nur sehr langsam vorwärts;
-vom hintersten Boot kommen schlimme Nachrichten; die Leute
-sind unverständig, sie haben all ihr Büchsenfleisch, das vom
-Schiff mitgenommen wurde, aufgegessen und werden jetzt unzufrieden.
-Nicht so die Leute des Obersteuermanns; diese
-stehen offenbar unter den Augen eines <em class="gesperrt">Mannes</em>.</p>
-
-<p>11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir
-verloren in der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern
-gemacht hatten &ndash; wir sind drei volle Meilen von den mühsam
-zurückgelegten 300 wieder zurückgekommen.</p>
-
-<p>Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot
-gerettet wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen,
-wenn der Tag anbricht; das heitert uns wirklich auf …
-Wovon hat er die ganze Woche über gelebt? Haben die
-hungernden Männer ihn von ihren armseligen Bissen noch
-mitgefüttert? … Des Zweiten Steuermanns Boot hat wieder
-kein Wasser mehr &ndash; ein Zeichen, daß sie mehr trinken, als
-sie dürfen. Der Kapitän sprach ziemlich scharf zu ihnen.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p>
-
-<p>Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach
-Schiffen aus. Der Kapitän war ein bedächtiger Mann
-und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte ohne
-Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung
-war.</p>
-
-<div class="log">
-<p>In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende
-Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen …
-Ich hatte drei Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat
-in Sicherheit gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen
-gute Dienste. Der Kapitän giebt jedem Mann von der Wache
-zwei Eßlöffel voll, halb Branntwein, halb Wasser … Die
-Leute halten regelmäßig Wache &ndash; vier Stunden Dienst, vier
-Stunden Ruhe … Der Obersteuermann ist ein ausgezeichneter
-Offizier. Ich bot ihm eine Flasche Branntwein an, aber er
-lehnte sie ab; er sagte, er könnte auch im hintersten Boot
-Ruhe halten und wir hätten nicht genug für alle.</p>
-
-<p>13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff!
-uns alle auf die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne
-eines Schiffes sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung
-standen wir, die Hand über den Augen haltend, und
-das Herz stak uns in der Kehle. Dann brach die Hoffnung
-zusammen: das Licht war ein aufgehender Stern. Ich dachte
-heute oft an unsere Leute daheim; wie enttäuscht werden sie
-nächsten Sonntag sein, wenn sie kein Telegramm von uns
-aus San Francisco bekommen.</p>
-</div>
-
-<p>Es sollte noch manche Woche dauern bis dies
-Telegramm ankam; aber dann kam es wie ein Blitz
-aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes Wunderzeichen
-&ndash; ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span>
-schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet
-Ferguson, daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback
-für jede Mahlzeit heruntergesetzt ist; dazu
-haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter Wasser. Und
-noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie
-dies nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.</p>
-
-<p>Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen
-Freudentaumel von Hoffnung: es kommt ein Landvogel!
-Er ruht sich eine Weile auf der Raa aus
-und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen
-und können ihn beneiden und ihm für die Botschaft
-danken. Als neuer Gesprächsstoff ist dieser Vogel
-unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die
-Zungen, die bis zu tödlicher Ermüdung immer und
-immer wieder dieselbe Frage besprechen: »Werden
-wir jemals wieder Land sehen &ndash; und wann?« Ist
-der Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und
-sie glauben von Herzen gern, was sie wünschen.
-Wie sich später herausstellte, war der Vogel kein
-Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.</p>
-
-<p>Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem
-Logbuch: »Nur noch ein halber Scheffel Zwieback
-übrig!« &ndash; Und sie haben noch einen Monat über
-die See zu wandern!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span></p>
-
-<p>Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag;
-ein unbehaglicher Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch
-jagte einen Boniten; das arme Ding suchte
-Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der
-große Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot
-herum, zum nicht geringen Schrecken aller Insassen.
-Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen,
-denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben;
-aber niemand wagte natürlich die Bestie anzurühren,
-denn sie hätte ja sofort das Boot in Grund gebohrt,
-wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung
-behütete den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch.
-Das war recht und billig. Dann kam die
-Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe:
-sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und
-billig. Aber dabei kam der Schwertfisch zu kurz.
-Er machte sich davon; wahrscheinlich dachte er über
-diese knifflichen Fragen nach.</p>
-
-<p>Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem
-Anschein nach wohlauf; der schwächste von den Kranken,
-der so lange Zeit an Bord keinen Dienst hatte thun
-können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der
-vom Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der
-die ›ganze Familie von Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span></p>
-
-<p>Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen
-Boote herankommen und erklärte, eins von ihnen
-müsse auf eigene Hand weiterfahren; das Langboot
-könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite
-Steuermann weigerte sich, aber der Obersteuermann
-war bereit; er war überhaupt stets bereit, wenn eine
-<em class="gesperrt">Männerarbeit</em> zu thun war. Er übernahm das
-hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich
-bereit darin zu bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft
-kamen mit ihm; im ganzen waren also acht,
-den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im
-Boot. Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang
-den anderen außer Sicht. Dem Tagebuchschreiber
-that es leid, daß er ging; das war
-natürlich: sie hätten besser den Portugiesen missen
-können.</p>
-
-<p>Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung
-gegen diesen Portugiesen wieder auf. Seit langer
-Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er aussieht
-&ndash; aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig
-wie nur je.</p>
-
-<div class="log">
-<p>Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus
-den Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und
-zu einen Regenschauer mit einem Passatwind.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p>
-
-<p>Am 20. Mai erreichen sie 12°&nbsp;0´&nbsp;9´´ n.&nbsp;Br.
-Sie müßten jetzt völlig aus den Doldrums heraus
-sein &ndash; aber sie sind noch drin. Keine Brise; die
-langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht
-kommen. Sie schauen immer noch sehnsüchtig nach
-einem Segel aus, aber sie haben nur ›Visionen von
-Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am Nachmittag
-fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel,
-einen Vogel, der hauptsächlich aus Federn besteht;
-›aber da sie kein anderes Fleisch haben, so ist es
-willkommen‹.</p>
-
-<p>Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde.
-Der Zweite Steuermann fängt noch drei
-Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum
-›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes
-Fleisch, das unter die Leute verteilt wird
-und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein Mann muß
-fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das
-Boot beim Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft.
-Der nächste Tag war ein recht ereignisvoller.</p>
-
-<div class="log">
-
-<p>22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so
-daß wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern
-hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns
-plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten
-es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span>
-frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt
-werden mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der
-Frühe. Nachdem wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster
-Aufregung auf das Segel zu gehalten hatten, erkannten wir,
-daß wir das Boot des Obersteuermanns vor uns hatten.
-Natürlich freuten wir uns, sie zu sehen und zu vernehmen,
-daß alle gesund waren; aber es war doch für uns alle eine
-bittere Enttäuschung! Jetzt, wo wir unter den Passatwinden
-sind, können wir, wie es scheint, unmöglich so scharf nördlich
-halten, um die Inseln zu erreichen. Wir haben beschlossen,
-unser Bestes zu thun, um den von Schiffen befahrenen Strich
-der See zu erreichen. Infolgedessen wurde es notwendig,
-auch das andere Boot seinem Schicksal zu überlassen. So
-geschah es denn auch, aber erst nach recht unerquicklichen
-Auseinandersetzungen und nachdem wir noch einmal Wasser
-und Lebensmittel geteilt und den Matrosen Cox aus ihrem
-Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind wir
-jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns
-verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr
-Boot treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.</p>
-
-<p>Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten,
-von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden
-Tag schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen.
-Wenn wir nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten,
-so weiß ich nicht, wie wir so weit hätten kommen können.
-Vorgestern erbot ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu
-lesen und that das gestern abend zum erstenmal. Die Leute,
-obwohl verschiedenen Nationen und Glaubensbekenntnissen
-angehörend, sind sehr aufmerksam und nehmen die Hüte ab.
-Möge Gott meinen schwachen Bemühungen Erfolg verleihen!</p>
-
-<p>24. Mai. 14°&nbsp;18´ n.&nbsp;Br. Zum Mittagessen auf den
-Mann fünf Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher
-Wasser und ein Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars.<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span>
-Wir werden sichtlich immer schwächer &ndash; habe Gott
-Gnade mit uns allen!</p>
-
-<p>26. Mai. 15°&nbsp;50´ n.&nbsp;Br. Wir haben einen fliegenden
-Fisch und einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen!
-Die Leute werden immer schwächer und, wie mir vorkommt,
-mutlos; sie sagen jedoch sehr wenig.</p>
-</div>
-
-<p>Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren
-und undenkbaren Schrecknissen noch das Schweigen
-hinzu &ndash; das stumme Vorsichhinbrüten, das einem
-Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft,
-›die anderen Boote sind nach Westen verschlagen
-und aufgefischt worden.‹ (Man sollte von ihnen
-auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!)</p>
-
-<div class="log">
-<p>Sonntag, den 27. Mai. 16°&nbsp;0´&nbsp;5´´ n.&nbsp;Br.; 117°&nbsp;22´
-w.&nbsp;L. nach dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als
-wir das Schiff verließen, reichten nach unserer Berechnung
-unsere Vorräte etwa für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei
-strenger Einteilung noch für eine weitere Woche damit auszukommen.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>
-Vorige Nacht fiel wieder ein fliegender Fisch
-ins Boot, und heute auch einer &ndash; beide waren nur klein.
-Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein großer Fang für uns, und
-ein recht großer giebt ein kleines Mittagessen für uns fünfzehn
-ab &ndash; d. h. natürlich was wir in unserm Langboot ein
-Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen den ganzen
-Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für meine Kräfte;
-bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht scharf aufpassen;
-ich ließ daher die zweite Hälfte für heute abend übrig.
-Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören wird, die<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span>
-heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß Er
-sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not Hilfe
-und Beistand sendet.</p>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals
-ein paar Löcher enger zugezogen: die Brotportion
-wurde von der bisherigen Menge &ndash; ein Stückchen Zwieback
-jedesmal von der Größe eines Silberdollars &ndash;
-auf die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei
-Mahlzeiten wurde eine ausgelassen. Des Kapitäns
-Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine halbe Gallone
-Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei
-kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser.</p>
-
-<p>Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der
-hoffnungsvolle Ton. Das ist bemerkenswert! Das
-Boot ist jetzt, unter 16°&nbsp;44´ n.&nbsp;Br. und 119°&nbsp;20´
-w.&nbsp;L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln;
-diese zu erreichen, davon kann bei
-der mangelhaften Segeltüchtigkeit des Bootes nicht
-die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau
-aus Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare
-Land ist die ›Amerikanische Inselgruppe‹,
-die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem ist keine
-Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht
-einmal eine Entmutigung zu bemerken. Und dabei<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span>
-heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben wir noch: eine
-Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse
-Suppe; den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel
-Gallonen Brotschnitzel.«</p>
-
-<p>Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem
-Hut voll Lebensmitteln! Und zum Glück wissen sie
-nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200 noch
-zurückzulegen haben.</p>
-
-<p>Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage
-ist ein Unglück zu verzeichnen: Gestern waren noch
-drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute morgen wird
-der kleine Sack offen gefunden und <em class="gesperrt">es fehlen ein
-paar Stücke Zwieback</em>!</p>
-
-<div class="log">
-<p>Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen
-Handlung im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine
-Frage, daß dieses schwere Verbrechen begangen worden ist.
-In zwei Tagen wird es mit den übrigen Brocken sicherlich
-zu Ende sein. Gott gebe uns die Kraft, die amerikanische
-Gruppe noch zu erreichen.</p>
-</div>
-
-<p>Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu
-erzählte, erinnerten die Matrosen sich in jenen Tagen
-voll bitteren Aergers, daß der Portugiese 22 Rationen
-gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck lag;
-nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur,
-wenn es zu Kannibalismus käme, so solle er zuerst<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span>
-für die anderen leiden. Samuel Ferguson bemerkt
-vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich
-sehr freundlich gegen uns benommen &ndash; beinahe wie
-ein Vater. Er erzählte: wenn ihm das Kommando
-des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so hätte
-er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.«
-Man schaudert, wenn man daran denkt, mit wie
-knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch entgingen!</p>
-
-<p>An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän
-in seinem Logbuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem:
-14 Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe
-eines Pennys zum Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück
-Schinken und ein Stück Brot, beide von der Größe eines
-Pennys, zum Frühstück.</p>
-</div>
-
-<p>Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von
-der Größe eines Pennys‹ sich nicht nur auf den
-Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der
-Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch
-so dünn geschnitten, wie es nur mit einem ganz
-scharfen Messer möglich war.</p>
-
-<div class="log">
-<p>1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr
-böig und es ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit
-&ndash; nächst Gottes fürsorglichem Schutz &ndash; uns während
-dieser 24 Stunden vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist
-über alle Begriffe wunderbar, wie jeder Bissen, der über<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span>
-unsere Lippen kommt, uns gesegnet ist. Ich muß täglich an
-das Wunder mit den Fischen und Broten denken. Henry
-benimmt sich prachtvoll; dies ist ein großer Trost für mich.
-Wie es kommt, weiß ich selbst nicht, aber ich hege große Zuversicht
-und hoffe, daß unsere Trauerzeit bald enden wird,
-obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur kreuzen und sehr
-bald weit davon weg sein werden. Unsere Haupthoffnungen
-setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein Kriegsschiff, oder
-auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf die wir steuern,
-sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner Karte soll
-es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden Stelle wirklich
-vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien!</p>
-</div>
-
-<p>Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche
-später segelten sie über die Inseln weg!</p>
-
-<p>Aus dem Logbuch des Kapitäns:</p>
-
-<div class="log">
-<p>2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn
-Rationen Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot.
-<em class="gesperrt">Aber die Sonne scheint und Gott ist barmherzig.</em></p>
-</div>
-
-<p>Aus Samuel Fergusons Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich
-fürchterlich. Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen
-nach dem vorderen Ende des Bootes und war überrascht,
-wie außerordentlich schwach ich war, besonders in den Knieen
-und überhaupt in den Beinen. Die Sonne hat wieder geschienen,
-ich habe einige von meinen Sachen trocknen können
-und hoffe auf eine bessere Nacht.</p>
-
-<p>4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig
-geht, müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen
-Inseln‹ sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur
-noch die Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span>
-Schiff zu begegnen, aber dies müßte in den allernächsten
-Tagen sein, denn länger als 5 oder 6 Tage <em class="gesperrt">können</em> wir
-mit unseren Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren
-Kräften geht es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt
-als ich heute bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert
-sind; sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme
-waren. Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade,
-ich bin gewiß, Er wird’s machen, wie es für uns am besten
-ist. Daß wir 32 Tage in einem offenen Boot am Leben
-geblieben sind, mit Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage
-reichten und von denen wir noch dazu zweimal einen Teil
-abgegeben haben &ndash; das ist mehr, als <em class="gesperrt">menschliche</em> Klugheit
-und Kraft ohne Beistand vollbringen könnte.</p>
-</div>
-
-<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.</p>
-</div>
-
-<p>Aus Henry Fergusons Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich;
-wir hören lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte
-uns vor einem Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben
-müssen, so nehme Er uns zu sich und mache uns den bitteren
-Tod nicht noch bitterer.</p>
-</div>
-
-<p>Aus Samuels Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind
-unser Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und
-müssen ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit,
-weil es notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von
-den Leuten vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit
-herrscht und drohende Klagen über ungerechte Verteilung des
-Essens laut werden &ndash; lauter unvernünftiges Zeug; es gilt
-indessen auf der Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach,<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span>
-suche mich aber, so gut ich kann, aufrecht zu erhalten … Von heute
-an giebt’s nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde;
-dazu um 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags
-und um 5 oder 6 Uhr abends je einen kleinen Schluck Wasser.</p>
-</div>
-
-<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein
-Becher Wasser für jeden.</p>
-</div>
-
-<p>Jetzt sind sie also herunter auf <em class="gesperrt">eine</em> Mahlzeit
-täglich &ndash; und was für eine ›Mahlzeit‹! &ndash; und dabei
-noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer furchtbarer
-wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher
-Meuterei verschont blieben, so wurde doch die Haltung
-der Leute sehr bedrohlich. Und welch wunderbare
-Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt
-wurde, war mehrere Tage in des Obersteuermanns
-Boot gewesen; er war bereits gänzlich ihrem
-Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und
-in das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre
-er nicht zurückgekommen, so wären wohl der Kapitän
-und die beiden jungen Passagiere von den Matrosen
-totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge
-ihrer Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel
-steckte Henry seinem Bruder Samuel zu:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän
-und uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span>
-Kapitän sei an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht,
-das Schiff zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu
-bringen; er habe den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie
-bereits hatten, in die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung
-des Essens parteilich vor, indem er uns begünstige.
-X. fragte Cox neulich, ob er lieber hungern oder Menschenfleisch
-essen wolle. Cox antwortete, er würde hungern, worauf
-der andere versetzte, das wäre ja einfach Selbstmord.
-Wenn wir die Amerikanischen Inseln nicht finden, thun wir
-gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X. ist der lauteste
-von allen.</p>
-
-<p>Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf
-B. verlassen; außerdem auf Cox, nicht wahr?</p>
-
-<p>Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst
-wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu
-rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox
-richtig verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen
-oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig.
-Es wäre gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen
-aufpaßtest, damit sie uns nicht gestohlen werden.</p>
-</div>
-
-<p>Aus Henrys Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten
-etwas, das wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine
-Vögel! Wir fangen an zu befürchten, daß die Inseln nicht
-da sind. Heute wurde dem Kapitän ganz laut vor allen
-Leuten gesagt, einige von den Matrosen würden unbedenklich
-Menschenfleisch essen, falls einer von uns sterben sollte, doch
-würden sie niemanden totschlagen. Entsetzlich! Gott erhalte
-uns allen unsere Vernunft und erspare uns solche Greuel.
-»Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg und Mord
-und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!«</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p>
-
-<p>Aus Samuels Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>6. Juni. 16°&nbsp;30´ n.&nbsp;Br. 134° w.&nbsp;L. (nach dem Chronometer).
-Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das
-Segel nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang
-ein Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern.
-Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er
-kam auch bis zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe
-ohnmächtig, wieder herunter kommen, ehe er fertig war. Dann
-ging Joe hinauf; beim zweiten Versuch konnte er die Taue
-vorläufig festmachen und die Blockrolle mit nach unten bringen;
-aber es war eine sehr anstrengende Arbeit und er war nachher
-den ganzen Tag erschöpft. Wir müssen aber unbedingt
-das Segel in gute Ordnung bringen, ehe wir alle unsere
-Kräfte verlieren.</p>
-</div>
-
-<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Nur noch drei Mahlzeiten übrig.</p>
-</div>
-
-<p>Aus Samuels Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute
-haben wir die volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln
-nicht vorhanden sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht
-mehr nach ihnen auszuschauen; wir werden von heute abend
-an ein bißchen mehr nördlich halten auf die Sandwichinseln
-zu. Die Passatwinde sind uns günstig. Sollten wir weiter
-westlich sein, als es nach unserem Chronometer der Fall ist,
-so wäre dies natürlich zu unserem Vorteil; ich kann mir
-eigentlich nicht denken, daß der Zeitmesser richtig geht, denn
-was für Stöße hat bei dem Seegang, den wir hatten, das
-zartgebaute Instrument aushalten müssen!</p>
-
-<p>8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich
-gequält und ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde
-ich mich ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen.<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span>
-Gestern brachte der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder
-in Ordnung und Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf
-und brachte glücklich die Taue an ihren Platz, so daß das
-Segel jetzt schnell und bequem zu handhaben ist. Bei dem
-Seegang, den wir haben, ist es überhaupt nicht leicht bis zur
-Mastspitze hinaufzuklettern, nun nehme man dazu, wie schwach
-mein Bruder jetzt ist! Wir konnten Harry nur durch einen
-Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben wir gute Fahrt
-gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges Essen
-bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse ›Suppe
-mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen aufgespart.
-Henry hält sich immer noch großartig; er ist der allgemeine
-Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!</p>
-</div>
-
-<p>Aus des Kapitäns Logbuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.</p>
-</div>
-
-<p>Samuels Tagebuch:</p>
-
-<div class="log">
-<p>9. Juni. 17°&nbsp;53´ n.&nbsp;Br. Heute sind wir, so kann
-ich wohl sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden.
-Wir haben bloß noch das untere Ende von einem
-Schinkenknochen, woran noch ein bißchen von der äußeren
-Rinde und Haut ist. Der Wasservorrat indessen reicht, wie
-ich glaube, bei der jetzigen Einteilung noch für zehn Tage.
-Damit und mit der Nahrung, die unsere Stiefelschäfte und
-andere kaubare Gegenstände uns liefern werden, hoffen wir
-es noch auszuhalten, bis wir die Sandwichinseln erreichen
-oder bis ein Schiff uns aufnimmt. Ich setze meine Hoffnung
-auf den letzteren Fall, denn nach menschlicher Berechnung
-werde ich den anderen nicht erleben. Doch wir sind bisher
-in so wunderbarer Weise beschirmt worden und Gott wird
-uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die Leute werden
-schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span></p>
-
-<p>Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt;
-und heute ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis
-jetzt den Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot.
-Sogar Henry, der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann
-ab und zu die Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich
-dagegen vermag das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an
-meinem kranken Hals.</p>
-</div>
-
-<p>Jetzt ist also <em class="gesperrt">nichts</em> mehr übrig, was man
-mit dem besten Willen ›Nahrung‹ nennen kann. Und
-doch müssen sie sich noch über 5 Tage hinweghelfen,
-denn von der Mittagsstunde an haben sie noch
-800 Meilen vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen
-auf Leben und Tod. Ich gebe von jetzt an ohne
-unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders
-Tagebuch. Henry Ferguson schreibt:</p>
-
-<div class="log">
-<p>Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute
-einen Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen
-noch den Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals
-auf der Welt so einen köstlichen Knabberknochen, der
-so mit Wonne genossen wurde. Es kommt mir vor als ob
-ich mich nicht schlechter befinde als am vorigen Sonntag, trotz
-der Einschränkung im Essen; ich glaube bestimmt, daß wir
-alle die Kraft haben, die Leiden und Strapazen der nächsten
-Woche noch auszuhalten. Unserer Schätzung nach sind wir
-keine 700 Meilen mehr von den Sandwichinseln und da
-unsere Tagesleistung durchschnittlich etwa 100 Meilen beträgt,
-so sind unsere Hoffnungen nicht unvernünftig. Gebe der
-Himmel, daß wir alle Land sehen!</p>
-
-<p>11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an<span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span>
-unserem Schinkenbein saß und haben für morgen noch die
-Speckschwarte. Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse
-uns nicht Hungers sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit
-getrieben werden, uns von Menschenfleisch zu nähren.
-So wie ich mich jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts
-mich dazu bringen könnte; aber man kann nicht sagen, was
-man thun wird, wenn man halbtot vor Hunger und seines
-Verstandes nicht mehr mächtig ist. Ich hoffe und bete, wir
-mögen die Inseln erreichen, ehe wir in solche Not kommen;
-aber wir haben einen oder zwei verzweifelte Gesellen an
-Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz ruhig verhalten. <em class="gesperrt">Es ist
-mein fester Glaube und meine innige Zuversicht,
-daß wir werden gerettet werden.</em><a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem
-Logbuch nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.«
-Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen
-Matrosen sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe
-hinten beim Steuer <em class="gesperrt">eine Million Dollars in Gold</em> versteckt;
-sie waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere
-zu ermorden und sich des Geldes zu bemächtigen.</p>
-
-<p class="mright">
-M. T.
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<div class="log">
-<p>12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin &ndash; gerade
-auf die Inseln los. Gute Hoffnung &ndash; aber die Aussicht auf
-die nächsten Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen.
-Der Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.</p>
-
-<p>13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen
-sind jetzt alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft,
-nachdem wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.</p>
-
-<p>14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh;
-aber wir sind entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich
-knapp. Gott gebe, daß wir bald Land sehen. <em class="gesperrt">Nichts
-zu essen</em> &ndash; fühle mich aber besser als gestern. Sahen gegen
-Abend einen prachtvollen Regenbogen &ndash; den ersten seit Antritt
-unserer Reise. Der Kapitän sagte: »Lustig, Jungen!<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span>
-Das ist ein Wahrzeichen &ndash; <em class="gesperrt">es ist der Bogen der Verheißung</em>!«</p>
-
-<p>15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche
-Gnade: <b>Land in Sicht!</b> Wir kamen schnell näher
-und waren bald der Thatsache <em class="gesperrt">gewiß</em>! … Zwei prächtige
-Kanaken kamen zu uns herausgeschwommen und brachten das
-Boot an Land. Wir wurden voller Freuden von zwei Weißen
-aufgenommen: Mr. Jones und seinem Hausdiener Charley;
-dazu kam ein ganzer Schwarm von Eingeborenen, Männer,
-Weiber und Kinder. Sie nahmen uns prächtig auf &ndash; halfen
-uns, trugen uns das Ufer hinauf und brachten uns Wasser,
-Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber die Weißen paßten
-auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren über die Maßen
-froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, Gebärden und
-Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach dem
-Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch
-nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen
-hier. Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden
-von uns einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann
-eine Tasse heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben
-alle erdenkliche Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch
-eine Tasse Thee und wieder etwas Brot. Dann ließen sie
-uns allein, damit wir schlafen sollten … <em class="gesperrt">Heute ist der
-glücklichste Tag meines Lebens!</em> … Gott in Seiner
-Gnade hat unser Gebet erhört … Alle Menschen sind so
-freundlich. Finde keine Worte dafür.</p>
-
-<p>16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und
-wir hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten
-wir nicht &ndash; dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn
-wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß
-alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem
-Boot befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.</p>
-</div>
-
-<p>Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span>
-nichts Aehnliches, was es im Möglichmachen von
-Unmöglichkeiten übertrifft. In <em class="gesperrt">einer</em> außerordentlichen
-Einzelheit &ndash; daß nämlich <em class="gesperrt">alle</em> Insassen des
-Bootes am Leben bleiben &ndash; steht es wahrscheinlich
-unter den Abenteuern dieser Art einzig da. Gewöhnlich
-hält nur ein Teil der Bootsbesatzung es
-aus &ndash; hauptsächlich Offiziere und andere gebildete
-Leute, die an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht
-gewöhnt sind; die derben Faustarbeiter unterliegen.
-Aber in diesem Fall überstanden auch die rauhen
-und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie
-die beiden jungen Studenten und der Kapitän. Das
-heißt: körperlich! Geistig brachen die meisten Matrosen
-in der vierten Woche zusammen. Immerhin war
-die von ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer
-erstaunlich. Natürlich war das nicht das
-Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der
-Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns
-zuzuschreiben. Ohne ihn wären sie gewesen wie
-Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen einer Woche
-ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht
-einmal so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.</p>
-
-<p>Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert!
-Als es der Küste nahe kam, wurde das Segel<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span>
-heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, daß
-sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und
-es wurde ein Versuch gemacht, das Segel wieder
-hochzuziehen. Aber es ging nicht; die Kräfte waren
-völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal
-mehr ein Ruder halten. Sie waren hilflos und
-dem Tode verfallen. In diesem Augenblick wurden
-sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen
-hinaus schwammen und das Boot durch eine enge,
-kaum bemerkbare Lücke im Riff lotsten &ndash; die einzige
-Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!</p>
-
-<p>Binnen zehn Tagen nach der Landung waren
-alle bis auf einen wieder auf den Beinen und konnten
-herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der ›Nahrung‹
-der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens
-einige von ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen
-von alten Stiefeln und mit Spähnen von der Buttertonne
-beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht
-durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte
-Weise wieder los! Der Kapitän und die beiden
-Passagiere hatten kein Leder und keine Spähne gegessen,
-wie die Matrosen, sondern sie <em class="gesperrt">schabten</em> die Stiefel
-und das Butterholz und machten mit Wasser einen
-Brei davon. Der Dritte Steuermann erzählte mir,<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span>
-die Stiefel wären alt und voll von Löchern gewesen;
-und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher
-waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von
-Verdauung sprach, so will ich einen bemerkenswerten
-Umstand anführen: während dieser seltsamen Reise
-und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren,
-setzten bei einigen von den Leuten die Gedärme völlig
-ihre Arbeit aus, und zwar zwanzig bis dreißig Tage,
-in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! Auch
-der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den
-Leuten nichts. Viele Tage lang &ndash; ich glaube, einundzwanzig
-hintereinander &ndash; schlief der Kapitän
-überhaupt nicht.</p>
-
-<p>Nach der Landung gelang es, alle Geretteten
-davon abzuhalten, daß sie sich überaßen &ndash; ausgenommen
-den Portugiesen. Der entkam dem Wärter
-und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig,
-sagte der Dritte Steuermann, wären’s
-gewesen; aber dies war unzweifelhaft eine Uebertreibung
-&ndash; ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig.
-Er war schon beinahe ganz voll von Leder;
-es hing ihm zu den Ohren heraus. (Dies berichte
-ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten Steuermanns,
-sondern ich übernehme selbst die Verantwortung<span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span>
-dafür.) Der Portugiese hätte natürlich
-daran krepieren sollen und es thut einem sogar jetzt
-noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte
-sich und zwar so schnell wie alle andern &ndash;
-trotz allem Leder und Butterholz und Taschentüchern
-und Bananen, die er in sich hatte. Einige von den
-Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher,
-auch Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er.</p>
-
-<p>Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß
-sie den Kikerikihahn nicht schlachteten, der jeden
-Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang;
-dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und
-machte einen tapferen aber schwachen Versuch, noch
-einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb er. Ein
-interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen
-&ndash; der einzige, den man in den 43 Tagen sah;
-er erhob sich wie ein Triumphthor in die Lüfte, unter
-welchem die standhaften Streiter als Sieger in den
-Hafen der Rettung segelten!</p>
-
-<p>Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte
-Kapitän Josiah Mitchell diese denkwürdige Reise
-von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen
-Boot &ndash; eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie
-wirklich zurücklegten, und 3360 Meilen in der Luftlinie<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span>
-&ndash; und brachte jeden Mann gesund an Land.
-Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer
-Mann und lieber Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage
-lang mit ihm auf Deck &ndash; (wenn ich nicht in der
-Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) &ndash; und ich
-erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch
-lebt, ist er jetzt 86 Jahre alt.</p>
-
-<p>Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis
-mich nicht täuscht, bald nach unserer Ankunft in San
-Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch sein Elternhaus
-erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen
-sehr verschlimmert worden.</p>
-
-<p>Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von
-den beiden kleinen Booten etwas vernehmen würde &ndash;
-aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie gingen
-ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord
-waren, auch der ritterliche Obersteuermann.</p>
-
-<p>Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir,
-sie genau so, wie sie niedergeschrieben waren, abzuschreiben
-und die Auszüge, die ich daraus gegeben
-habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert.
-Die beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch
-sind durch keine Kunst besser zu machen: sie sind
-litterarisches Gold.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span></p>
-
-<p>Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht
-angesehen, aber ich finde sie haben in diesem Zeitraum
-nichts verloren. Verloren? Gewonnen haben
-sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche
-Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung
-an Interesse gewinnt. Wir werden uns
-dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend vor der
-armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten
-in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging.
-Sie liegt da, das Kind, das sie zu retten versuchte,
-an ihren Busen gedrückt und ihr verzweiflungsvoller
-Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den
-Tod brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die
-glühende Lava nahm ihr das Leben, aber sie überlieferte
-ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der Ewigkeit.
-Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt
-tagelang unsere Gedanken &ndash; warum? Das wissen
-wir nicht, denn sie ist nichts für uns, sie ist 1800
-Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen.
-Würde uns dagegen heutigen Tages ein solcher Fall
-vorkommen, so würden wir sagen: »Die arme Frau!
-Was für ein Jammer!« &ndash; und hätten sie in einer
-Stunde vergessen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Gedankentelegraphie">Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse
-zu erzählen. Wie mir scheint, gehören sie unter die
-Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber ich vor
-Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen
-Schriften‹.</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn
-George W. Cable eine Rundreise, um Vorträge zu
-halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein Empfang
-veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags
-in einem langen Salon im Windsorhotel.
-Herr Cable und ich standen am einen Ende des
-Raumes, die Damen und Herren traten am anderen
-Ende ein, gingen die lange Wand linker Hand entlang,
-schüttelten uns die Hand, sagten ein oder zwei
-Worte und gingen weiter &ndash; die übliche Geschichte.
-Mein Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich
-in dem Gedränge von Fremden, die sich weit da
-hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes Gesicht.
-Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll<span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span>
-Freude bei mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz
-vergessen, daß sie eine Kanadierin ist.« Sie war in
-meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada, sehr
-befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren
-hatte ich nichts mehr von ihr gesehen oder gehört.
-Es war kein Anlaß vorhanden, sie mir in die Erinnerung
-zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit
-langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war
-mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Aber
-ich erkannte sie augenblicklich; ich sah sie so klar und
-deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem Anzug
-bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und
-behielt sie im Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich
-darauf, daß sie näher herankäme. Mitten unter all
-dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen
-Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden
-Reihe immer näher kam; als sie an der
-linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht von vorne
-sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß
-von mir entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend,
-sie müsse doch irgendwo im Salon sein und
-würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in dieser
-Erwartung hatte ich mich getäuscht.</p>
-
-<p>Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat,
-sagte jemand zu mir: »Bitte, kommen Sie mit nach<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span>
-dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie kennt und
-Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen;
-Sie sollen wenn möglich die betreffende Person
-selber erkennen.«</p>
-
-<p>Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die
-Sache wird sehr einfach sein.«</p>
-
-<p>Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten
-unter ihnen, ganz wie ich’s erwartet hatte, Frau R.
-Sie war genauso angezogen, wie ich sie am Nachmittag
-gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr
-die Hand, begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte:</p>
-
-<p>»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben
-Augenblick als Sie den Saal betraten.«</p>
-
-<p>Sie sah mich überrascht an und antwortete:
-»Aber ich war ja gar nicht beim Empfang. Ich
-komme gerade eben von Quebec an und bin noch
-keine Stunde hier in der Stadt gewesen.«</p>
-
-<p>Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein.
-Ich sagte:</p>
-
-<p>»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein
-Ehrenwort, daß es genau so ist, wie ich sage. Ich
-sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so
-gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick
-sagte, ich würde einen Bekannten in diesem
-Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir auf, in<span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span>
-Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie
-beim Empfang gesehen hatte.«</p>
-
-<p>Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim
-Empfang noch irgendwo in der Nähe; trotzdem sah
-ich sie dort, klar und deutlich und unverkennbar.
-Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man
-so etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem
-Augenblick an sie; ich hatte seit Jahren nicht an sie
-gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie an mich gedacht.
-Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit
-durch die Lüfte zu mir und brachten mit sich das
-deutliche, hübsche Bild der Dame? Ich glaube es.</p>
-
-<p>Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in
-Bezug auf Erscheinungen &ndash; ich meine Erscheinungen,
-die man in hellwachem Zustande sieht. Ich hätte vielleicht
-für einen Augenblick eingeschlafen sein können;
-dann wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber
-diese Möglichkeit kommt hier gar nicht in Frage; das
-Interessante dabei ist, daß es gerade in dem betreffenden
-Augenblick passierte &ndash; nicht früher und
-nicht später; dies ist ein Beweis dafür, daß der
-Ursprung in Gedankenübertragung zu suchen ist.</p>
-
-<p>Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den
-meisten Leuten als reines zufälliges Zusammentreffen
-erklärt werden:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span></p>
-
-<p>Vor Jahren dachte ich manchmal daran, eine
-Vorlesungstour bei den Antipoden zu machen, gab
-aber die Idee stets wieder auf, teils wegen der Länge
-der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich
-machen konnte, mich zu begleiten. Ende Januar
-letzten Jahres kam nach langer Zwischenzeit plötzlich
-diese Idee mir wieder in den Kopf &ndash; und zwar
-mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß.
-Woher kam sie? Was regte sie an? Hierauf komme
-ich gleich zu sprechen.</p>
-
-<p>Ich war damals, wo ich jetzt bin &ndash; in Paris.
-Ich schrieb sofort an Henry M. Stanley in London
-und fragte ihn nach verschiedenen Einzelheiten in
-Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das
-Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen
-wären u. s. w. Nach ein paar Tagen kam
-seine Antwort; sie begann:</p>
-
-<p>»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent
-par excellence Herr R. S. Smythe in
-Melbourne.«</p>
-
-<p>Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen,
-eine Aufstellung der Kosten für die Seefahrt und
-einiges andere mit und riet mir, an Herrn Smythe
-zu schreiben. Das tat ich auch &ndash; am 3. Februar.
-In den Eingangszeilen meines Briefes sagte ich<span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span>
-ungefähr folgendes: er kennte mich zwar nicht persönlich,
-wir hätten aber einen gemeinsamen Freund
-in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen.
-Dann machte ich meinen Vorschlag und
-fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen abschließen
-wollte wie mit Stanley.</p>
-
-<p>Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn
-Smythe auf die Post, und drei Tage später bekam
-ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert:
-Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch
-nicht mehr gewundert, wenn ich einen Brief vom
-seligen George Washington gekriegt hätte. Der Brief
-begann ganz ähnlich wie der meinige &ndash; mit einer
-Selbsteinführung:</p>
-
-<p>»Geehrter Herr Clemens! &ndash; Es ist so lange her,
-seit Archibald Forbes und ich einen so reizenden
-Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in Hartford
-verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen
-haben.«</p>
-
-<p>Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es:</p>
-
-<p>»Ich biete Ihnen« &ndash; (hier folgten dieselben
-Bedingungen, die er Stanley bewilligt hatte) &ndash; »für
-eine Vorlesungstour von etwa drei Monaten bei den
-Antipoden.«</p>
-
-<p>Da hatte ich also die Antwort auf die einzige<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span>
-wesentliche Frage meines Briefes drei Tage nachdem
-ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die
-Mühe und das Porto sparen können &ndash; und ein paar
-Jahre vorher <em class="gesperrt">hätte</em> ich sie mir auch gespart, denn
-da hätte ich mir gesagt, der plötzliche starke Antrieb,
-an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel
-brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen,
-daß die Anregung von dem Fremden ausgehe, und er
-werde mir von selber auf meine Fragen antworten,
-wenn ich es einfach abwartete.</p>
-
-<p>Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an
-meiner Nase vorbei nach Amerika, wodurch er drei
-Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im Vorbeifahren
-ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das
-tun Briefe oft.</p>
-
-<p>Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von
-Australien herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose
-Brief einem diesen Gedanken mit, während
-er unsichtbar im Postsack an einem vorbeistreift.</p>
-
-<p>Nächstes Erlebnis: Einen Monat später &ndash; im
-März &ndash; war ich in Amerika. Ich verbrachte einen
-Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John
-Brisben Walker, von der Zeitschrift ›<em class="antiqua">The Cosmopolitan</em>‹.
-Den nächsten Morgen fuhren wir nach
-New York und gingen, um zu frühstücken, in den<span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span>
-Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den
-Charakter des Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die
-darin herrschte, und über die angenehme Lage des
-Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht
-hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker
-Clubs wären für Mitglieder, die nicht am Ort
-wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne daß man
-viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte.</p>
-
-<p>»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist
-der ›Lotos‹ &ndash; der erste New Yorker Club, bei welchem
-ich Mitglied wurde &ndash; meine allererste Liebe in dieser
-Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre Mitglied
-gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal
-Gelegenheit gehabt, vorzusprechen und die Leutchen
-zu sehen. Sie werden alt und grau, ohne daß ich was
-davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend meinen
-Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar
-Tage nach Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin,
-will ich ganz im geheimen zu John Elderkin gehen
-und ihm sagen:</p>
-
-<p>»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm
-Ehren, um der alten Zeiten willen! Macht mich zum
-Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab. Wenn
-ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so
-besser &ndash; schafft es zu meiner Ehre und Glorie!‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p>
-
-<p>»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will
-John Elderkin besuchen, sobald ich von Hartford
-zurück bin.«</p>
-
-<p>Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug,
-telegraphierte aber vorher noch an Herrn F. G.
-Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag besuchen.
-Bei seiner Ankunft fragte er:</p>
-
-<p>»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York
-einen Brief von Herrn John Elderkin, dem Sekretär
-des Lotosklubs?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich
-gewußt, daß Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten.
-Es ist was Schönes, und Sie werden stolz
-darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch einstimmigen
-Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und
-den Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am
-Abend des dreißigsten, zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest
-des Klubs anwesend sein, um Ihre Auszeichnung
-entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht
-wundern, wenn sie bei dieser Gelegenheit was Großes
-aufstellen!«</p>
-
-<p>Wie kam mir an jenem Tage im Century Club
-die Ehrenmitgliedschaft in den Kopf? Ich hatte nie
-zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich den<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span>
-Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht
-schon früher, aber ich bin fest überzeugt, daß er in
-der Vorstandssitzung des ›Lotos‹ entsprang und im
-Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den
-geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn
-nahm.</p>
-
-<p>Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei
-Tage in Hartford als Gast des Rev. Joseph H.
-Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang bei
-seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet
-und fuhr jetzt mit ihm nach Farmington, um eine
-meiner Nichten zu besuchen, die in der berühmten
-Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt
-acht oder neun englische Meilen. Unterwegs
-erzählte ich zur Erläuterung irgend einer Behauptung
-folgende Anekdote:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie
-auf der Reise nach Rom durch Mailand, wo wir
-Halt machten und im Continental abstiegen. Nach
-dem Essen ging ich hinunter und setzte mich auf
-einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die
-üblichen Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen,
-und sagte zu mir selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich
-&ndash; gemütlich und ruhig, und kein Mensch<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span>
-kann mich stören; denn ich kenne in ganz Mailand
-keinen Menschen.‹</p>
-
-<p>In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf
-und streckte mir die Hand hin, wodurch meine im
-Selbstgespräch aufgestellte Behauptung allerdings ein
-bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa folgendes:</p>
-
-<p>›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr
-Clemens, aber ich erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich
-war Kadett in West Point, als Sie mit Rev. Joseph
-H. Twichell vor einigen Jahren da waren und eine
-Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der
-regulären Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein
-in Europa auf einem bescheidenen kleinen Ausflug;
-mein Regiment steht in Arizona.‹</p>
-
-<p>Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei
-erzählte er mir ein kleines Abenteuer, das er vor
-kurzem gehabt hatte, ungefähr in folgender Weise:</p>
-
-<p>›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und
-vor zehn Tagen verlor ich meinen Kreditbrief. Ich
-wußte absolut nicht, was ich anfangen sollte. Ich war
-ein Fremder, kannte keinen Menschen in Europa,
-hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht
-mal ein Telegramm nach London bezahlen, um mir
-für den verlorenen Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen.
-Meine Hotelrechnung war eine Woche alt und<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span>
-mußte mir nächstens vorgelegt werden &ndash; vielleicht
-konnte das schon im allernächsten Augenblick geschehen.
-Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich
-verlöre den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich
-fortwährend auf und ab, hin und her. Wenn jemand
-in meine Nähe kam, drückte ich mich schleunigst, denn
-mochte er aussehen wie er wollte, ich dachte immer,
-es wäre der Oberkellner mit der Rechnung.</p>
-
-<p>›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung,
-daß ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich
-auch nur eine schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und
-so beging ich denn folgende Verrücktheit: Ich sah an
-einem kleinen Tisch in der Veranda eine Familie
-beim Frühstück sitzen und erkannte, daß es Amerikaner
-waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter
-&ndash; jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg
-alle unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks
-auf sie los, stellte mich ihnen mit meinem Namen
-vor, sagte ich sei Leutnant in der Armee, erzählte
-meine Geschichte und bat um Hilfe.</p>
-
-<p>›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber
-Sie kommen in zwanzig Jahren nicht darauf. Er
-nahm eine Handvoll Goldstücke heraus und sagte
-mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen. Ja,
-das tat er!‹</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span></p>
-
-<p>Am andern Morgen sagte der Leutnant mir,
-sein neuer Kreditbrief sei inzwischen angekommen;
-wir bummelten also zu Cook, und er ließ sich das
-Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter zu
-bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen
-Arkade entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten
-sind sie; kommen Sie mit, ich will Sie vorstellen.‹
-Ich wurde den Eltern und den jungen Damen vorgestellt;
-dann trennten wir uns, und ich sah weder
-ihn noch sie jemals w&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach
-mich Twichell.</p>
-
-<p>Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten
-Boden die hundert Schritte nach der Schule
-hin; unterwegs sprachen wir von der langentschwundenen
-Zeit, da wir und Warner in jene Gegend
-herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im
-Sprechzimmer; dann brachen wir auf. Vor dem
-Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig
-oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters
-Schule, die von einem Spaziergang nach Hause
-kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen<span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span>
-Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie
-uns anzusehen. Auf einmal trat eine von ihnen
-aus der Reihe heraus und sagte:</p>
-
-<p>»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich
-kenne Ihre Tochter, und das verschafft mir den Vorzug,
-Ihnen die Hand zu geben.«</p>
-
-<p>Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte:</p>
-
-<p>»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben,
-Herr Clemens. Sie erinnern sich meiner nicht, aber
-Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den
-Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.«</p>
-
-<p>Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte
-in den Sinn gebracht? War es wirklich die Nähe
-des jungen Mädchens oder war es nur ein eigentümlicher
-Zufall?</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Besuch_eines_Interviewers">Besuch eines Interviewers.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann
-nahm den Stuhl, den ich ihm anbot, und sagte, er
-gehörte zur Redaktion der ›Täglichen Blitzpost‹; dann
-fuhr er fort:</p>
-
-<p>»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen
-haben, möchte ich Sie interviewen.«</p>
-
-<p>»Möchten Sie … was?«</p>
-
-<p>»Sie interviewen.«</p>
-
-<p>»Ah so! Ja … ja. Hm. Ja … ja.«</p>
-
-<p>Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen
-nicht gerade sehr hell im Kopf. In der Tat, meine
-geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen umwölkt
-zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank
-und nachdem ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht
-hatte, sah ich mich genötigt, mich an den jungen
-Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte:</p>
-
-<p>»Wie buchstabieren Sie es?«</p>
-
-<p>»Buchstabieren? Was denn?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span></p>
-
-<p>»Interviewen.«</p>
-
-<p>»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es
-denn zu buchstabieren!«</p>
-
-<p>»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich
-möchte nur nachschlagen, was es bedeutet.«</p>
-
-<p>»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich
-sagen. Ich kann Ihnen sagen, was es bedeutet, wenn
-Sie … wenn Sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr
-verbun&nbsp;…«</p>
-
-<p>»I&ndash;n, in, t&ndash;e&ndash;r, ter, inter&ndash;«</p>
-
-<p>»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?«</p>
-
-<p>»Natürlich.«</p>
-
-<p>»So, deshalb brauchte ich so lange!«</p>
-
-<p>»Nanu, mein <em class="gesperrt">lieber</em> Herr, womit wollten Sie
-es denn buchstabieren?«</p>
-
-<p>»Ja, ich … ich … weiß nicht recht. Ich
-hatte das Konversationslexikon, große Ausgabe, vor
-und blätterte im Nachtragsband herum, in der Hoffnung,
-ich könnte das Wort unter den Abbildungen
-finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.«</p>
-
-<p>»Nun, bester Freund, eine <em class="gesperrt">Abbildung</em> davon
-wäre selbst in der neuesten Aufl&nbsp;… Mein werter
-Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es absolut
-nicht böse, aber Sie sehen nicht &ndash; nicht &ndash; so &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span>
-äh &ndash; intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts
-für ungut &ndash; ich meine es ja nicht böse.«</p>
-
-<p>»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von
-Leuten, die mir niemals schmeicheln würden und
-auch gar keine Veranlassung dazu haben könnten,
-schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu
-eine Sehenswürdigkeit bin. Ja … ja; sie
-sprechen immer ganz hingerissen davon.«</p>
-
-<p>»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf
-unser Interview zu kommen. Wie Sie wohl wissen
-ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt
-geworden ist, sofort zu interviewen.«</p>
-
-<p>»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich
-noch nie was gehört. Das muß sehr interessant sein.
-Womit machen Sie es?«</p>
-
-<p>»Ah, … hem! … hem! … hem! … das
-ist ja … Manchmal <em class="gesperrt">sollte</em> es mit ’ner Keule
-gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es darin,
-daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte
-darauf antwortet. Man ist ganz darauf versessen.
-Wollen Sie mir gestatten, einige Fragen
-über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen
-und privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?«</p>
-
-<p>»O, mit Vergnügen &ndash; mit Vergnügen! Ich
-habe ein sehr schlechtes Gedächtnis, aber ich hoffe,<span class="pagenum" id="Seite_298">[298]</span>
-Sie werden nicht so genau darauf sehen. Das heißt
-… es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis &ndash; überaus
-unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und
-dann wieder braucht es vierzehn Tage, um über einen
-gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht mir
-viel Kummer.«</p>
-
-<p>»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich
-nur recht Mühe geben wollen.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der
-Sache sein.«</p>
-
-<p>»Danke. Sind Sie so weit?«</p>
-
-<p>»Jawohl.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Wie alt sind Sie?«</p>
-
-<p>»Neunzehn, im Juni.«</p>
-
-<p>»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig
-gegeben. Wo wurden Sie geboren?«</p>
-
-<p>»In Missouri.«</p>
-
-<p>»Wann fingen Sie an zu schreiben?«</p>
-
-<p>»1836.«</p>
-
-<p>»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn
-Sie jetzt erst neunzehn sind?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein
-bißchen sonderbar aus.«</p>
-
-<p>»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung<span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span>
-der Hervorragendste von allen Männern, mit denen
-Sie je in Berührung kamen?«</p>
-
-<p>»Aaron Burr.«</p>
-
-<p>»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt
-haben, wenn Sie jetzt erst neunzehn Jahre alt
-sind&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen
-als ich selber, warum fragen Sie mich dann?«</p>
-
-<p>»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts
-… Unter welchen Umständen waren Sie mit Burr
-zusammen?«</p>
-
-<p>»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem
-Begräbnis, und er bat mich, nicht so viel Lärm zu
-machen und&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei
-seinem Begräbnis waren, so muß er tot gewesen sein,
-und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob
-Sie Lärm machten oder nicht?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung
-immer ein schnurriger Kauz.«</p>
-
-<p>»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie
-sagen, er habe mit Ihnen gesprochen, und Sie sagen,
-er sei tot gewesen.«</p>
-
-<p>»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.«</p>
-
-<p>»Aber war er denn nicht tot?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span></p>
-
-<p>»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen,
-er wär’ es <em class="gesperrt">nicht</em>!«</p>
-
-<p>»Und was war Ihre Meinung?«</p>
-
-<p>»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht
-mein eigenes Begräbnis.«</p>
-
-<p>»Hatten Sie … Indessen, wir kommen damit
-doch nicht zum Ziel. Gestatten Sie mir, Sie nach
-etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr Geburtstag?«</p>
-
-<p>»Montag, den 31. Oktober 1693.«</p>
-
-<p>»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja
-hundertachtzig Jahre alt. Wie erklären Sie das?«</p>
-
-<p>»Ich erkläre es überhaupt nicht.«</p>
-
-<p>»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn,
-und jetzt wollen Sie hundertachtzig Jahre alt sein.
-Das ist aber ein häßlicher Mißklang.«</p>
-
-<p>»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte
-ihm die Hand. »Manchmal kam es mir selber
-vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich konnte mir
-nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie
-doch so etwas bemerken!«</p>
-
-<p>»Danke für das Kompliment … Haben oder
-hatten Sie Bruder oder Schwester?«</p>
-
-<p>»Hm … Ich … ich glaube, … ja … aber
-ich erinnere mich nicht genau&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p>
-
-<p>»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste,
-was ich je gehört habe.«</p>
-
-<p>»Wieso? warum denn?«</p>
-
-<p>»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich
-darüber wundere. Bitte, sehen Sie mal hier: wen
-stellt das Bild hier an der Wand vor? Ist das nicht
-ein Bruder von Ihnen?«</p>
-
-<p>»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran;
-das <em class="gesperrt">war</em> ein Bruder von mir. Das ist William&nbsp;&ndash;;
-Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!«</p>
-
-<p>»Ach was? Ist er denn tot?«</p>
-
-<p>»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals
-genau sagen. Es schwebt ein großes Geheimnis über
-der Geschichte.«</p>
-
-<p>»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl
-verschwunden?«</p>
-
-<p>»Sozusagen ja; wir begruben ihn.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Begruben</em> ihn! <em class="gesperrt">Begruben</em> ihn!! Ohne
-zu wissen, ob er tot war oder nicht?«</p>
-
-<p>»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.«</p>
-
-<p>»Er dachte gar nicht dran.«</p>
-
-<p>»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht
-gehört! <em class="gesperrt">Jemand</em> war tot. <em class="gesperrt">Jemand</em> wurde begraben.
-Nun, wo lag denn da das Geheimnis?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span></p>
-
-<p>»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen!
-Wissen Sie, wir waren Zwillinge &ndash; der
-Verstorbene und ich &ndash; und wir wurden in der Badewanne
-verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt
-waren, und einer von uns ertrank. Aber wir wußten
-nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere sagen,
-ich wäre es gewesen.«</p>
-
-<p>»So, das ist ja wirklich interessant. Und was
-ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Meinung darüber?«</p>
-
-<p>»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze
-Welten drum, wenn ich’s wüßte. Dieses erhabene
-furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein
-ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt
-einen geheimen Umstand mitteilen, den ich bisher
-noch keiner Menschenseele enthüllt habe. Einer
-von uns hatte ein besonderes Kennzeichen &ndash;
-ein großes Muttermal auf dem Rücken der linken
-Hand. Das war &ndash; ich! <em class="gesperrt">Und dieses Kind
-ertrank!</em>«</p>
-
-<p>»Herr … ich sehe eigentlich nicht, was dabei
-denn für ein Geheimnis ist.«</p>
-
-<p>»Nicht? Aber <em class="gesperrt">ich</em> sehe es. Jedenfalls begreife
-ich nicht, wie man einen solchen Unsinn machen und
-das verkehrte Kind begraben konnte. Aber, schscht!
-&ndash; erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie<span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span>
-davon hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben
-schon ohnedies genug gebranntes Herzeleid.«</p>
-
-<p>»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick
-Stoff genug und bin Ihnen für Ihre Bemühungen
-sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich,
-was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten.
-Würden Sie mir vielleicht noch sagen, welcher besondere
-Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so
-hervorragenden Mann zu halten?«</p>
-
-<p>»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit!
-Unter 50 Leuten hätte kaum ein einziger überhaupt
-darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war, und
-das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt
-dastand, und der Leichnam schmuck und nett in
-seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag, da sagte
-er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung
-werfen und stand auf und setzte sich neben
-den Kutscher.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hierauf empfahl der junge Mann sich voller
-Ehrerbietung. Er war ein sehr angenehmer Gesellschafter,
-und es tat mir leid, daß er ging.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-303">
- <img src="images/illu-303.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Mark Twains</p>
-
-<p class="center">Ausgew. humoristische Schriften.</p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p>
-
-<table summary="Buchtitel">
-<tr>
-<td>Bd. I.</td>
- <td><b>Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. II.</td>
- <td><b>Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. III.</td>
- <td><b>Skizzenbuch.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td rowspan="2">Bd. IV. <span class="s200">{</span></td>
- <td><b>Leben auf dem Mississippi.</b></td>
-</tr>
-<tr>
- <td><b>Nach dem fernen Westen.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. V.</td>
- <td><b>Im Gold- und Silberland.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. VI.</td>
- <td><b>Reisebilder u. verschiedene Skizzen.</b></td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center">Preis des einzelnen Bandes M.&nbsp;2.50 gebunden.<br />
-Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen,<br />
-M.&nbsp;13.50 gebunden.</p>
-
-<p class="center p2"><span class="u">Neue Folge</span>:</p>
-
-<table summary="Buchtitel">
-<tr>
-<td>Bd. I.</td>
- <td><b>Tom Sawyers <em class="gesperrt">Neue</em> Abenteuer.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. II.</td>
- <td><b>Querkopf Wilson.</b></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. III./IV.</td>
- <td><b>Meine Reise um die Welt.</b> 2 Abt.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. V.</td>
- <td><b>Adams Tagebuch</b> u. a. Erzähl.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bd. VI.</td>
- <td><b>Wie Hadleyburg verderbt wurde</b> u. a. Erzähl.</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center">Preis des <em class="gesperrt">einzelnen</em> Bandes M.&nbsp;3.&ndash; gebunden.<br />
-Preis <em class="gesperrt">aller</em> 6 Bände, zusammen bezogen,<br />
-M.&nbsp;17.&ndash; gebunden.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Sonst wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Die Vorspannseiten mit dem Kapitelnamen wurden entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 147: Schluß → Schuß<br />
-ehe es zum <a href="#corr147">Schuß</a> kam</p>
-</div>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ADAMS TAGEBUCH ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
-
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-</div>
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-<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
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-</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
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Binary files differ
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Binary files differ
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