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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Stimme - Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete - Ausgabe. - -Author: Grete Meisel-Heß - -Release Date: December 4, 2021 [eBook #66880] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This file made from scans of public - domain material at Austrian Literature Online.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME *** - - - - - [Illustration] - - - Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten. - - ~Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.~ - - - Druck von H. Carly, Hamburg. - - - - - Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe - - - Grete Meisel-Heß: - - Die Stimme - - Roman in Blättern - - - 6.-8. Tausend - - - Gebrüder Enoch - - Hamburg :: Verlagsbuchhandlung :: Leipzig - - 1919 - - - - -Die #Hauptwerke# von - -Grete Meisel-Heß - -erschienen bei #Eugen Diederichs#, Jena. - - -Es sind dies die Werke über das Sexualproblem: - - -I. Teil: #Die sexuelle Krise# - -1. Bd. erschienen 1909, 5. Tausend, brosch. 5,50 Mk., geb. 6,50 Mk. - - -II. Teil: #Das Wesen der Geschlechtlichkeit# - -2 Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5. Tausend - -Preis brosch. 10,-- Mk., geb. 13,-- Mk. - -Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der ~Dr.~ August Specht-Stiftung in -Gotha. - - -III. Teil: #Die Bedeutung der Monogamie# - -1. Bd. erschienen 1917, 4. Tausend, brosch. 5,-- Mk., geb. 6,50 Mk. - - -Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich. - - -Vorher erschienen von der Verfasserin: - - -#Die Intellektuellen#, Roman - -6. Aufl. Verlag Oesterheld & Co., Berlin W. 15. - - -#Betrachtungen zur Frauenfrage# - -Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W. 80. - - -#Geister#, Novellen - -Verlag ~Dr.~ S. Rabinowitz, Leipzig. - - -#Weiberhaß und Weiberverachtung# - -Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien I. - - -Urteile der Presse am Schluß des Buches. - - - - -Die Stimme. - - - »Was bedeutet diese Entfremdung des innersten Wesens, dieses Versagen - der melodischen Kraft? Wem gehört sie an? Dem Vogel? oder wer - _leiht_ sie ihm nur? Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die - Melodie.« - - Richard Wagner. - - (Briefe an Mathilde Wesendonk.) - - - »Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie - erfährt dabei niemand etwas.« - - Goethe. (Sprüche.) - - - - -Vorwort - -zur ersten Ausgabe 1907 Berlin. - - -Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen, der Rat -meiner Freunde war dagegen. Ich sollte nicht den Schein auf mich laden, als -ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte ich nicht. Ich beabsichtigte -nur, mich vor Identifizierung meiner Person mit dem hier in Ichform -geschilderten Frauenschicksal zu schützen, -- ein Bedenken, das selbst -Goethe nicht außer acht ließ, als er unter den Roman »Aus meinem Leben« -die Bezeichnung »Dichtung und Wahrheit« setzte. Das Lachen und Weinen -dieser Blätter wurde nicht nur »erlebt«, sondern auch geschaut, gehört, -geträumt. Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens jemals -nachging, weiß, daß die Vision da beginnt, wo das Leben uns im Stich -läßt. - - Dezember 1906. - - G. M.-H. - - - - -Vorwort - -zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe. - - -Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen und sehnsüchtigen -Phantasie, auf künstlerischem und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist -die innerste Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck ringt und ihre -Melodie zu finden sucht. Ich habe sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt. - -Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 Berlin. Nach zwölf -Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse und Papiernot, seine Auferstehung -erlebt. Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt. - - _Berlin-Friedenau_, - Oktober 1918. - - G. M.-H. - - - - -Inhalt. - - - I. Teil: Präludium. - - Kindheit. - - Rudi, Yussuf, Dimitri. - - Probleme. - - - II. Teil: Motiv. - - Johannes. - - Ekstatica. - - Melancholica. - - Anima. - - - - -Erster Teil. - - - - - Sollt mir nicht das Lachen schelten, - Und das Weinen, laßt es gelten! - Was mir wollte trüb erscheinen, - Mußt ich mir herunterweinen. - Was mich wollte tanzen machen, - Mußt ich mir herunterlachen. - Lachen, mit den nassen Augen, - Solches Lachen, laßt es taugen! - Weinen, mit dem frohen Mund, - Wer es kann, weint sich gesund. - Drum das Lachen wie das Weinen - Mußt ich in der _Stimme_ einen, - Und die wollt es nimmer halten, - Stärker waren die Gewalten: - Aus der Stimme wollte springen - Hell ein Lied, -- ich ließ es klingen! - - - - -Das Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, Mitte, Schluß, Vorbedacht und -Absicht. Das Leben ist -- ja was ist es? - -Der Tag hält das Individuum. Und so wie es Tage gibt, die uns hoch -emporheben, über unser Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns -schleifen. - -Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen sie -aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder -- werden zusammengefaßt, von -einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie -eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch. - -»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen das Leben. _Blätter_ -sind es, aus denen ein Schicksal wird. - - * * * * * - -Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das Motiv dieses Vielklangs. -Nun aber ist mir, als höre ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer -wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, der nicht nur der deiner -Musik, sondern der deiner selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend -und doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in deiner ganzen Person -verkörpert erscheint. - -Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf alle meine eigenen Töne, das -Einzelne, das Verstreute, das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde -gebracht, und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren sich mir, das -Motiv wird mir deutlich, dunkle Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie -Baßbegleitung zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen meines -Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, sondern notwendig. Das hast du -getan, du guter Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir aus -der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, sie herausgerufen mit -deiner Musik von da, wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und jene --- andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in diesen Blättern, sie -kommt mir vielleicht mit ihr. Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten -dafür nur ein Wort: ~anima~. - -Und »Entfremdung des innersten Wesens« und »Versagen der melodischen -Kraft«, es ist ein und dasselbe! - -Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder belebtest! - -Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, denn es ist ja nur eine, mit -dieser Stimme, die du so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil -gepflegt hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und zersprungen -war, mit ihr will ich dir erzählen alle meine Schicksale, die zugleich die -ihren sind. - -Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen davon, so willst du, -und sie damit ganz befreien. Niedergelegt soll es sein, geopfert. - -Geopfert -- wem? Den Göttern? Werden sie gnädigst als Opferdampf in -die Höhe entführen, was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen -emporsteigt? - -Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie denn nicht von ihrem -eigenen Herd? - - * * * * * - -Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du es willst, so wird das -ja dann wohl ein »Buch«? Wenn es denn schon ein Buch werden soll, -so wünschte ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert träumte: -»-- ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt, das sich durch sich selber -halten würde, aus der inneren Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft -schwebt, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen Stoff hätte, -oder in dem der Stoff fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.« - -Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so will mir scheinen, nur -dann, wenn es notwendig ist. Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn -eben so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst auflöste in -lauter -- Stimme. Also ein Buch der Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung, -die der »Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen und -aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: Stimmung ist eingewoben in -Handlung. Dies Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen -Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, Seele, Hauch, -- ~anima~. - -Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. Sie werden -diktiert. Von irgendwoher. Und wie von selbst entstehen sie unter diesen -wie zu Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt auf und nimmt ihren -Weg. »Wem gehört sie an -- dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und -welch ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht? - -Dieser Zustand -- nicht selbst schon Stoff? Stoff, nicht vom Staube geboren -und zum Staube gehend: Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. Und -der Staubgeborene, über den er kommt, dieser Zustand, ist dann außer dem -Staube, außer sich, -- ekstatisch. - -Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In kurzen oder langen -Zusammenhängen, in wehenden wirbelnden Blättern oder in treulich -geführter Chronik. Wie es über mich kommt. Wie es mir -- diktiert wird. -Vorsatzlos will ich bleiben. - - * * * * * - -Kindheit -- Sehnsucht danach? Was ist dies? Ausgeliefert an alles und -alle, unwissend und doch schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel -erfahren werden müsse, bevor das Chaos Welt seine Gestalt offenbare. O -diese verzweifelte Sehnsucht im kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem -Ähnlichen, und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche gäbe, oder ob -nicht dieses eigene kleine Ich (das da zu reflektieren beginnt) ein großer -Irrtum sei, der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren müsse! - -Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines Mädchen einsam ist. - -Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim Riesen Wilkins. -Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, mit zehn Jahren (Giorgio, -mein Bruder, war im Pensionat). Und ich -- allein, allein. Denn mir war -irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten Leuten. - -Meine Mädchenjahre -- studieren, singen, tanzen -- ohne Ahnung, was daraus -werden sollte. Der Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun konnte. - -Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie müßten mit Ihrem Temperament -zum Theater gehen. Auch haben Sie Stimme.« - -Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, das Theater. Tanzen, singen, -springen, lachen, weinen, jubeln -- das konnte man ja auf jenen Brettern. - -Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und Literat dazu. Sein Papa gab ihm -Essen, Wohnung und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren -Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste Zeit verbrachte er im Café. -Dort kam er in Stimmung. Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft -kennen gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht auf so gewöhnliche -Art wie andere Leute. Er sagte mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft -waren es Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er mich liebe. - -Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht -war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der -leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte -sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß -seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und -dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer. - -Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. Besonders -die Stimme schien ihm interessant. - - * * * * * - -Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. Ich wurde examiniert. -Resultat: Talent, Chance, Ausbildung. - -Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von Rudi. Schwermütige und -doch seltsam anmutige Verse. Und Rudi sprach mir von den Reizen eines -freieren Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«. - -Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine literarische Zukunft. -Er arbeitete an einem Librettotext. - -Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein Libretto war angenommen. Und -der Theaterdirektor wollte mich hören. - -Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem Theaterdirektor. Ich war in -glänzender Laune. Der Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement -»vom Fleck weg«. - -Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. Hatte sich je ein Mensch um -mich gekümmert wie er? Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei war -man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen mich »einließ«, »der -nichts ist und nichts hat«. - -An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi. - - * * * * * - -Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum Theater ginge. Ich war -minderjährig. Als Rudis Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte. - -Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei. Auch war niemand da, der mir -auch nur einigermaßen gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung -gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als Weib empfunden hätte, bei dem -ich _gerne_ unfrei geworden wäre. - -Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war doch etwas, was von ihm -zu mir ging, was ich _fühlte_. Anders fühlte, als wenn ich mit meinen -Freundinnen war. Aber was, was war eigentlich mein Weg? Was war das mit -dieser Stimme? Sollte sie beachtet werden? Und wohin mit ihr? - -An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken. - - * * * * * - -Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim. Dennoch kam die Sache auf. -Meine Eltern wollten von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille -war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung. - -Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis Name stand noch öfter in -den Zeitungen. Das nutzte aber alles nichts. - -Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug der Operette samt Text. Ein -junger, begabter Komponist hatte ihn vertont. - -Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum Heulen. Ich konnte mir einfach -nicht vorstellen, wie man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese -Sätze, diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte. Und einen -»Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff. Ich verschwieg ihm auch nicht -meine Meinung. - -»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht genommen.« (Und da -hatte er recht.) »Literarisch leb' ich mich ja anderweitig aus!« - -»Wo denn?« - -»Die -- Gedichte?!« - -Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein durfte er »sich -ausleben«, hier bei mir. Anderwärts mußte er sich verleugnen! O, der -Arme! - -»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe will ich Geld verdienen?« - -Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung. - -Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen. Rudis Name als Literat -war gemacht. Er verdiente auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun doch -nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix ist und nix hat«. - - * * * * * - -Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich dürfe ihn nie und -nimmer heiraten. Man berichtete mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte -darüber. Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei es, wie es -sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht. Wie ein Verhängnis kam es -mir selbst vor. - -Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein Leben steuern sollte, wenn ich -von diesem Plane abließe. - -Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt, wie jede Frau. Rudi war nicht -dieser »Mann«. Aber ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild -entsprach. Es war wohl ein phantastischer Traum. Konnte ich warten, warten -ins Blinde? Steuerlos mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die heraus -wollte und nicht wußte wohin? - - * * * * * - -Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele kämen. Ich verließ -eines Tages das Elternhaus und war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi -wußte nicht, wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten das -so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne, er wisse nicht, wo ich -wohne, falls man etwas gegen ihn unternehmen sollte. - -Wir hatten uns nicht getäuscht. - -Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich telephonierte zu seinem Papa -und erfuhr, daß Rudi wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht -sitze. - -Entführung einer Minderjährigen, das ist kein Spaß in Österreich. Der -Augenblick, aus meinem Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei -Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist. Sie sprach an diesem -Tage nicht mit mir. Rudi wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes -sofort enthaftet. - -»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte meine Mutter mit -finsterer Miene. - -»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich. Ihn heiraten zu -_müssen_, daran hatte ich nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre -er mir vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn durchaus nicht -heiraten zu dürfen! - -»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts -- geschehen«, sagte ich kleinlaut. - -»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man glauben und auch nicht, -jetzt mußt du ihn heiraten, als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen, -die du dir eingebrockt hast.« - -Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen mir damals wahrhaft böse -war, hat sie mich damals nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint, -weniger erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen gesetzt! - -Und es war wirklich nichts geschehen! - - * * * * * - -Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit der Eltern das Weiseste, -was ihnen übrigbleibt! - -»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht leuchten über euch -und sei euch gnädig!« floß es vom Chor herunter. - -Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer wilder, immer -fassungsloser. - -»Er lasse sein Angesicht leuchten über euch« -- - -O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände? Arme, -arme Kinderhände! Wie müssen sie erst blutig zerfetzt werden, ehe sie -aufhören, mitten ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen da -Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun durch das Gestrüppe nach -diesen Sternen greifen und glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt -- -zum Spielen! - - * * * * * - -Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar nach meiner Trauung, -laß mich sprechen von dem, was du ja weißt, laß es mich hier -niederlegen, wie alles andere. - -Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung der Eltern. Ein kleiner -Kreis war da versammelt, Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging -auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und kam im Reisekleid in den -Salon. Ich begrüßte meine Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer, -wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute. Ich trat da ein und -sah einen Fremden. Ein Verwandter von mir, ein Musiker, Mitglied des -Opernorchesters, sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das ist der -Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker vorgestern hier aufgeführt -haben. Er ist Professor an der Musikhochschule in B.« - -»Wer ist dieser Mann?« sagte ich. - -»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt, ihn hierher -mitzubringen, weil er mit dem Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist -abends wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug. Entschuldige -das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde dich interessieren!« - -Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen Namen. - - * * * * * - -Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr in den Salon zurück. »Sie -sind die Braut«, sagtest du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine -Frau.« Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch von meiner Stimme. - -»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte dir ihn. »Und Sie -reisen?« »Ja, wir reisen.« - -»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.« - -»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich ging in mein Zimmer und kam -wieder mit einem Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der vom -Schleier gerissen war. - -»Darf ich das behalten, -- zur Erinnerung an meinen Einbruch hier im -fremden Haus?« - -Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten Reisetasche. - -»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen nichts. Sehen Sie, sie -öffnen sich ja. Sie werden sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe -sein, ~en miniature~.« - -»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe werden wohl halten.« - -»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du, »denn sonst verlieren -Sie die Tasche. Ich reise erst nachts und kann mir bis dahin noch andere -besorgen.« Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an denen -der Riemen hängt, und befestigtest sie an der meinen. Es waren das feste -Stahlringe, mehrfach gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was sie -zusammenhalten sollen, nicht verloren werden konnte. - -Der Wagen kam. - -»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt -- reisen. Und ich danke Ihnen für -die Ringe.« - -»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.« - -Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten Ringe, die deine wie meine -Hand trug, berührten einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam das? -Zitterten denn die Hände? - -Und dann mußte ich reisen, -- hochzeitsreisen mit Rudi Neudorfer! - -Ja, ich _mußte_. - - * * * * * - -Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration, die Entjungferung -eines Weibes als eine schlechte, schmutzige Sache zu betrachten! Eine -Sklavenarbeit, eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen -germanischen Herrenrecht auf die erste Nacht (welches das Weib -vielleicht viel deutlicher noch zur Benützten machte als jene antike -Degenerationserscheinung) trieben sie die Jungfrauen, die stolzen, die -schönen, die starken, hinunter an den Strand und ließen sie von derben -Sklaven oder von phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern -machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen in Betracht. - -Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult, was ist er anderes als -eine Fluchtstätte der degenerierten Mannheit? - -Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte es geschehen, daß die -Schlechten, die Sklaven, an die Jungfrauen, die stolzen, die starken, die -schönen, herankommen konnten, herankommen mußten. - - * * * * * - -Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos« vor Augen: - -Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet ihn, Siegfried! - -Es kommt ein anderer, ein Geringer. - -»Wer drang zu mir -- wer _drang_ zu mir?« - -Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, -- die Nacht der Hingabe, in -heller, seliger Bewußtheit, mit dem hellen, seligen Willen zu empfangen. - - - - -Nun war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau Neudorfer-Hertz. So wollte es -mein mich managender Mann. Mein Engagement verpflichtete mich von Beginn -der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen nach meiner Heirat. - -Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges Hütchen auf dem -Kopfe, ein weißes Stöckchen keck durch die Luft wippend, kam ich in -meiner ersten Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch hinter -mir schritten. Wir marschierten unter den Klängen einer Polka graziös im -Bogen bis an die Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und sang »mit -reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie: - - »Die klu--gee -- Frau - Die weiß -- gee--nau, - Wie der Mann zu fassen ist, - Wie man ihn am besten küßt! - Die klu--gee -- Frau -- --« - -Ich hatte einen ~grand succès~! - -Rudi strahlte. - - * * * * * - -Die materielle Basis unserer Menage war trotz unserer leichtsinnigen -Sorglosigkeit vor der Eheschließung keine üble. Ich hatte von meinen -Eltern eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er eine sehr -anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich der vollzogenen -Tatsache unserer Vermählung ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als -Feuilletonist, auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein, und ein -zweites Libretto hatte er »unter der Feder«. - -Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen. - -Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas in den Weg, im Gegenteil, -das »interessante« junge Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen -hatte, erfreute sich allseitiger Sympathie. - -Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so wenig mit mir sah. Auch mich -wunderte das schließlich. Aber andererseits, -- mußte er nicht in seinem -Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so handeln, wie es die -»Stimmung« mit sich brachte? Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht -arbeiten. - -Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten Fußtouren bei Nacht durch die -menschenleeren Straßen der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des -Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn daran zu hindern? - -Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh nach Hause kam. -Bis Mitternacht, -- während ich im Theater war, -- hatte er zu -Hause gearbeitet, sagte er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich -verspätete. Dann lief er schnell zum Theater, um mich abzuholen, ich aber -war natürlich schon fortgefahren, -- nun und dann war er eben ein paar -Stunden herumgebummelt. - -Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu binden. Und gewöhnte -mich, allein nach Hause zu fahren. - -Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann galante Ideen. Ließ mir -z. B. ein Bukett aus den Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt, -steckte mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du bist entzückend, -Carmencita.« - - * * * * * - -Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentliche -Sopranheldin (ich war ein Alt und gab die edleren Seelen), die Schöne -Helena des Theaters. Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters -zu finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine Französin, -verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. Wir sprachen manchmal -zusammen, auch so -- nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen. -Neugierige Fragen -- mehr oder minder verblümte Antworten. Daß sie -keine Kinder hatte, erklärte sie mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich -verbotener Vorgang sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. »~On -ne peut pas éviter, vous savez!~« - -Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren bei einer -geeigneten Person -- abonniert hatte! Dadurch käme es billiger. Die ersten -Male sei sie fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie besser -heraus. - -Sie hatte sich abonniert darauf! - -Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch lebte! - -Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi zu erzählen. Mit -Choristinnen und Statistinnen unseres Theaters hätte man ihn da und dort -gesehen. Ich fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte aber nicht -seine Lebensweise. - -Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen Übermenschen -gehört!) gegenseitig ausgemacht worden. Aber ich hatte nie auch nur im -entferntesten daran gedacht, daß man sie anders benützen könnte, als -ich. - -Das -- das fing doch an, mir über den grünen Klee zu gehen. - -Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich wußte nur nicht mehr -recht, was und wie. Ich glaubte es deswegen nicht, weil ich mir nicht -vorstellen konnte, daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr -bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde. Und so betrügen. -Eine Leidenschaft für eine andere Frau hätte ich jederzeit begriffen. -Die Ehe kann zu keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann -ganz friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit auch formell -wiedergegeben. Ohne Groll, ohne Feindschaft. - -Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen herumziehen sollte, war -eine andere Sache. Ich glaubte es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft -der meinen vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt. Wer war -eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben führte er _eigentlich_? War -die Vertraulichkeit seinerseits -- erlogen? Gab es denn Menschen, die so -etwas fingieren konnten? - -Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an allem. - -Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare Angst vor -- ich weiß -nicht was. - -Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn heiratete. - -Und wie stand ich nun da, in den Augen aller Welt, wenn sich die Sache, -für die ich mich so sehr eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies? - -Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir. Später, als es notwendig -wurde, war der Gedanke an die Meinung aller Welt wie fortgeblasen. - - * * * * * - -Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, trotz unserer sehr -anständigen Einkünfte. Ich bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe -an Grauen grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art Zwangsidee -beherrscht wurde. Was immer er hatte und erraffen konnte, er mußte es -ausgeben. Von einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, die -ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, dreimal präsentiert. Unordnung -in Geldsachen war mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine Mutter -von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen vor Schulden, -Überschreitungen des Budgets und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich -übergegangen. - -Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich an mich -heran. Was machte er mit dem Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte -besonders nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen Ausgaben? - -Er, -- er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich nicht, wo es ihm -hinkäme! Es zerschmölze ihm unter den Händen, er wüßte nicht wie. - -Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen Mädeln, aber die -richtigen, die ganz »süaßen«, halfen ihm, unser Geld durchzubringen. - -Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das unheimliche Dunkel der -Situation. Ein Blitz, der mir mit einem Schlage erhellte, was mir an dem -Menschen dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, was an -guten Gefühlen, die besonders nach der Hochzeit fast zärtlich geworden -waren, -- wie begreiflich, -- für ihn in mir dagewesen war. - -Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß eines Toten«. Der Dichter -hatte durch Selbstmord geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not -waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde jetzt von einem Freund -veröffentlicht. Mich interessierte es, von dem Manne zu hören, weil mir -Rudi den Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine Zeitlang in der -Redaktion einer Wiener Wochenschrift gewesen, die dann einging. Damals -hatte sich der Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich in -allen Auslagen zu sehen. - -Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis Liebesgedichte hatten einen -starken Eindruck auf mich gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer -dieser Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht hatte. - -Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und kaufte mir das Buch des -Verstorbenen. Noch in der Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und -las. -- - -Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« hatte, -- ich fand sie -hier, im Nachlaß eines Toten. - -Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und wartete auf mich mit dem -Mittagessen. Er sah das Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch -auf dem Tisch. - -Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und sprachen kein Wort. Als er -sich nach Tisch erhob, sah ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da -warf ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!« - -»Exaltierte Person!« - - * * * * * - -Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener Mensch war. Wie -eine Fabel, wie ein Märchen, wie ein Symbol erscheint mir nun diese -Begebenheit. Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens den Kern -trifft: er war ein Lügner. - - * * * * * - -Es geschah -- nichts. Ich war unfähig, irgendeinen Entschluß zu fassen. -Was hätte ich auch tun sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte -mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? _Sollte_ ich sie -lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, bis irgend etwas geschähe, ich -wußte selbst nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob und von -selbst wirkte und entschied. In diesem Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein -Fatalismus ist eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik jeder -Situation als das in ihr wirkende Prinzip. - -Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell natürlich. In Wahrheit -bestand keine Intimität mehr. - -Es kamen nun Monate eines widerwärtigen Kampfes. Es hieß, sich gegen -etwas wie eine Verführung wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre, -Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als eine solche Situation. -Um das Gefühl des Zornes, der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen, -kommt ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich einem Abenteuer -in die Arme zu stürzen, nur, um mit einem Gefühl, das sie ausreißen -will, fertig zu werden. - -Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber an -eine in »glühender Liebesehe« jung verheiratete Frau wagte sich niemand. - -Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen Horizont aufgetaucht, -der mehr Interesse für mich an den Tag legte, als es sich einer -Jungvermählten gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte -mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor ihm. Aber seine feste -Formenzucht gab mir immer wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler, -holländischer Abstammung. Er führte den klassischen Namen Orest. -Orest van Haer. Er lebte seit mehreren Jahren in Wien und hatte sich -als Porträtist einen großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in -Stein gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen Kaisers denkt. -Undurchdringlich schienen diese Züge. Die Augen aber glühten und -führten ihr eigenes Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt -und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt ist. Was ihm einen -besonderen »Nimbus« in den Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der -Glanz seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines großen alten -Parks erworben und gab da von Zeit zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine -Stätte, zu der zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet -wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen gelebt, meist in -Schottland. - -Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu einer »interessanten« -Persönlichkeit. Auf seine Bitte sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das -erstemal war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites Mal hatte er -mich allein hingehen lassen! An diesem Tag blieb ich, da ich theaterfrei -war, länger als die Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit van -Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. Wir sprachen fast unausgesetzt -von seinen Reisen. Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde nicht -berührt. - -Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte ich mir wohl einen -Augenblick, -- es wird ihn befremden, daß ich seiner Einladung, zu -bleiben, nachgegeben habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über mich -(Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise niemand. Man belächelte meine -Beschäftigung bei der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien -ich niemandem.) - -Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals schwer auf mir zu lasten. -Da mein Mann immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene -Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein fast ekles -Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich damals im Wagen van Haers -nach Hause fuhr. Mochte jener denken, was er wollte. - - * * * * * - -Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, -- das Singen und Springen -auf jenen Brettln war mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte -an dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, -- war Rudi wie -gewöhnlich nicht zu Hause. Er schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein -Hausrock lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich nahm die Sachen, -um sie aus dem Weg zu räumen. Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche -seines Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin vergessen. - -Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie öffnen sollte. -Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. Ich wußte, daß ich irgend etwas -Entscheidendes durch diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst -erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, fern von jeder -Umsicht im Verbergen seiner Machinationen. - -Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher Adressen. Ich nahm mir gar -nicht die Mühe, sie abzuschreiben, nahm einfach die Zettel an mich. - -Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. Sollte er mit all diesen -Weiblichkeiten leben? Ich beschloß, das zu erfahren. - - * * * * * - -Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen und fuhr von Adresse zu -Adresse. Es waren nette kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand. -»Süße Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, dafür erzählten -sie mir hübsche Dinge von Rudi. Einige besaßen seine Photographie. -Alle kannten ihn unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie eine -Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper geführt. - -Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in sein Stammcafé die -telephonische Mitteilung von seinem Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso, -sein gesamtes Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere erfahre er -beim Advokaten Soundso. - - * * * * * - -»Einverständlich« -- oder ein Prozeß lautete meine Devise. Er verbiß -sich nun in mich wie ein wütendes Tier. Nein und nein. Er kam in meine -Wohnung und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor meinen Augen -würde er sich erschießen, wenn usw. Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu -schonen. Darauf stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken. - -Er behauptete, mir »eigentlich« -- treu geblieben zu sein. Möglich. -Vielleicht lebte er nicht, vielleicht lumpte er nur mit diesen Mädchen! - -Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt hätte, -- ich wäre -von ihm fort. Und wenn ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre -von ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle mein Eigen genannt -hätte, ich wäre von ihm fort. Denn er ekelte mich bis in die tiefste -Seele, bis in jeden Blutstropfen hinein! - -Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: -- »der Schuft, der -Lump«. Nein, ich dachte immer nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses -war das Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind. - -Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, erhielt ich eine schriftliche -Nachricht van Haers. Die Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust -dieser Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, mein Mann und -ich, geneigt wären, den Silvesterabend als seine Gäste auf dem Semmering -zu verbringen. Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer genannt -waren, geladen. (Daß wir eben in Scheidung lagen, wußte er natürlich -nicht, so wenig wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß ich -mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich. - -Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug im Hause fremder Leute -und freute mich um so mehr auf den Ausflug zu Silvester. - - * * * * * - -Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich ergriff, die sich meiner -Beherrschung entzog. Es war eine wilde Verzweiflung in mir, die sich -in Form einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die -Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und immer wieder geleert. -Van Haer selbst trank nicht. Wir waren etwa vierzig Personen, von denen -ich mit den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes hatte ich -oberflächlich entschuldigt. - -Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir van Haer einen Spaziergang -vor. Niemand würde unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der Wald im -Schnee und Frieden. Er holte mir einen Pelz, und ich folgte ihm. - -Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips. Er hatte mir den Arm -geboten und nahm meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er fragte -nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine Ausflucht. - -Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen, tanzte ich ein paar -Runden und zog mich dann auf mein Zimmer zurück. - -Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine Tür, die ich auch -früher bemerkt hatte, und die zu einem Nebenzimmer führte, geöffnet und -angelehnt. Der Schlüssel fehlte. - -Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit wieder. Also _so_ -dachte er sich das. - -Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock und legte mich -merkwürdig unbesorgt aufs Sofa. - - * * * * * - -Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer trat ein. Meine Frage nach -dem Schlüssel und nach der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der -Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich in ein sonderbares -Gewand geworfen. Es war eine Art Toga, aber von bunten, orientalischen -Geweben mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt. Meine Spannung -entlud sich in einem Gelächter: »Sie hätten mich auf elegantere Weise -verführen müssen, Herr van Haer.« - -Und ich lachte und lachte. - -Er war dunkelrot geworden. - -Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir, bitte, die Situation. -Sollte man sich, als man mein Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben? -Gehört dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?« - -»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe den Schlüssel an mich -genommen. Gestatten Sie, daß ich ihn hole.« - -Er entfernte sich. - -Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte diesen Mann zu dieser -Handlungsweise? Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen war. -Wahrscheinlich hatte er die Tatsache, daß ich die Einladung nur für mich -allein annahm, in diesem Sinne gedeutet. - -Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen war durch das Unheil -meiner Ehe, sie hatte wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen. - -Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel. Sein Gesicht war -noch immer gerötet, und er sah mich fast feindselig an. Er war jetzt im -Jagdkostüm, das er während der Fahrt herauf getragen hatte. - -»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte ich, und ich weiß, -daß es so weich und freundlich klang, als müsse _ich ihn_ um Verzeihung -bitten. Und plötzlich brach ich in Tränen aus. - -»Verzeihung -- Verzeihung. Um Gottes willen, verzeihen Sie mir!« - -Und er bat und bat, während ich still weinte. - -Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen für das, was ihn -verführt hatte, mich zu beleidigen, ihm alles zu erzählen. Er hörte mit -innigem Interesse. - -Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er, mir dann von sich zu -erzählen. Und das Geheimnis, das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die -Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er hatte etwas wie einen -Glauben. Eine »Lehre« beherrschte ihn. - -Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte. Eine überschlanke -Erscheinung mit fast harten Zügen; unnahbar, unbeugsam, fanatisch war -der Ausdruck dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen -Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von ihm. Am Tage ihrer -Großjährigkeit wollte sie das Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen. - -Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau seiner Liebe sprach, gestand -er die volle Größe des Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In -diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte. - -Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über unserem so vertraulichen -Geplauder fast Morgen geworden war. - - * * * * * - -Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein christlicher. Ein Magier -war er. Während der Sitzungen bei ihm, in denen er mein Bild vollendete, -erfuhr ich von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«. Das Bild -selbst war damals wenig ähnlich. Aber das Interessante daran war dieses: -es zeigte mich so, wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später -aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«. Ich habe mich sehr -verändert in diesen drei Jahren, Bekannte von früher erkannten mich oft -nicht. - -Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«. - -Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare Gabe nicht, behielt -nur die Skizze. Ein schottischer Earl, den er im Hause jener Dame kennen -gelernt hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft. - -Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er ging von Wien fort, auf -Reisen, und man wußte lange nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte -ich wieder von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere Schicksale -gehabt. Ob er an ihnen -- Christ geworden ist? - - * * * * * - -Wir schieden dennoch, -- genau so, wie wir geheiratet hatten: ohne -»Einwilligung«. - -Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben. Hier schien mir meine -Zeit greulich vergeudet. Auch verschlangen die Toilettenkosten die Gage, -so daß materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte, wenn ich das -Toilettebudget -- anderweitig hätte decken lassen. Aus dieser _Stimme_ -konnte ich eben, außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und -der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden und ähnlichen -Gelegenheiten noch keinen materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch -_werden_ lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage, in die man lange, -lange einlegen muß, bevor man von den Zinsen, die sie schließlich trägt, -leben kann! - -Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck: was wird mit mir? Wie -soll ich mich allein fortbringen? - -Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so vieler Frauen! Nicht _ihre_ -Schmach, freilich! Anders, anders wird das einmal alles sein. - -Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach preisgegeben, ohne irgendein -Talent, irgendeine »Stimme« zu besitzen, die sie -- vielleicht -- doch -schließlich einmal frei macht. - -Gouvernante werden??? - -Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie habe ich gezittert! - -Frei, frei werden, um Gottes willen, -- frei! - -O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine Stimme! Ganz frei! -Klinge mir voll auf, meine Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte, -heißerflehte Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich brauche, um -_singen_ zu können, um atmen zu können! Dankbar werde ich sein, dankbar -und helfend, wenn ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme, diese -Sicherheit, die einzig die Freiheit ist! - - - - -Ich besaß, um mein kleines Heim zu erhalten, meine elterliche Rente -als Grundlage meines Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr -sie konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden und -wirkte während der Saison in Konzerten, Akademien und künstlerischen -Veranstaltungen in privaten Kreisen mit. - -Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche Erfolge zu bringen. -Diese _Stimme_ interessierte, so unfertig sie auch war. Vom ersten -Piepser an, den sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde nicht -zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte und ermutigte mich, -wenn ich mich stimmlos fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme, -verzweifeln wollte. - -Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und obwohl die Menschen meist -inkognito leben, bemühte ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken. -Brennend interessierte mich immer der Mensch. Besonders in dem Punkt, wo -sich sein Dasein mit einem andern verbindet. Die Ehe interessierte mich. -Eine Einrichtung, ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom selben -Menschen immer wieder verstümpert. - - * * * * * - -Was es mit dieser Stimme eigentlich werden sollte, wußte ich nicht. Mein -Leben selbst erschien mir nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt, -sein »Sinn«? - -Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen Sinn aufzufinden und ihm -gemäß, meiner gemäß zu leben. Kraft des Leibes und der Seele. - -Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens, beim Erwachen schon, Kraft -fühlte für den neuen Tag! Kraft in Hand und Blut und -- Stimme! O das -fühlt man, gleich morgens schon! - -Und wenn ich matt erwachte -- ach, wie so oft, matt wie eine Fliege, müde, -kampfmüde, von Bangigkeiten belastet! -- wenn ich so erwachte, ich weinte -darüber in den Morgen hinein! - -Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?! - - * * * * * - -Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie länger als zwei bis drei -Monate freiwillig in Wien aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma« -hatte mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch diese -flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, meine Wanderlust. Fort, wenn -es nur irgend ging! - -Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die nie zur Ruhe kämen. Sie -konnten kein Moos ansetzen, diese rollenden Koffer, -- so wenig wie das -Moos an ihrer Herrin hängen bleiben wollte. - -Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, ich wußte nie recht -warum. So stand ich einmal in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße, -im Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, vor mir auf -der Erde, im Staub, fünf Kolli Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der -Gepäckträger hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, ahnungslos, wie -ich je wieder weiterkäme, weit und breit kein Mensch, nur die staubige -Landstraße, in der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte mit der -Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? Aber ein Narr wartet auf Antwort. - -Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen sein, denn am nächsten Tage -promenierte ich unterm Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen, -mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma! - - * * * * * - -Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den sonderbarsten Verkleidungen: -an der Table d'hôte saß sie, unter hundert Personen, im Glanz der -elektrischen Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, wenn ich in -Gesellschaft, die mir gestern der Zufall an die Seite gewirbelt hatte, zur -Stunde des Kurkonzertes da erschien. In langen Stunden, die ich einsam -im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster hinausblickend in eine fremde -Gegend, ohne Ahnung, warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem -Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu bestimmen, war sie da. - -Aber manchmal erschien sie mir auch in holder Gestalt. Auf einer Alpenwiese -lag sie neben mir im Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, wenn ich -in langer Wanderung an seinem Ufer schritt und mich dem Sturm überließ in -wilder Freude. Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, -- -Einsamkeit war sie dann geworden. - - * * * * * - -Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen Nester zu Füßen der -Seealpen, in der Nähe der vornehmen Badeorte der azurenen Küste. -Villenkolonien, die wie Vororte jener Städte sind und von den -Ruheliebenderen ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt gewählt werden. - -Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der eigentlichen Erholung -kam heran, und dem Pseudofrühling, der der Winter hier ist, sollte der -wirkliche folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten ihn ein. -_Die_ Regen, ~les pluis~. Sie dauerten nun schon einige Tage. Man konnte -nicht viel anfangen. - -Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel und las die Zeitungen, -die gerade bei der Hand waren. Es war sehr voll, das Café. Kaum ein -Plätzchen zu haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat um -Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, es war kein Platz sonst -frei. Ich erteilte sie, ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger -Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, mit denen ich -hier zusammengetroffen war und viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie -sahen mich und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner roten Sammetbank -beiseite. Es war gerade an jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu -hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. Die Fremden waren meist -Russen, Franzosen, Engländer. Meine Freunde gingen zum Theater, ich blieb. - -Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte mich nach neuen um. - -Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, schien das zu bemerken. -Er reichte mir über den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt, -und fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. Ich verneinte -dankend, weil es ein italienisches Blatt war und ich zu mangelhaft -italienisch verstehe. - -Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu gepflegt vielleicht und allzu -geschont. Aber von edlem Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen -Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, ohne daß ich es -bemerkt hatte. - -Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. Der Bart, rund um -das Kinn, lief mit dem Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche Bärte? -Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. Die Stirn vielleicht zu weiß, die -Haare sorgfältig gescheitelt, lebhafte Augen, die die meinen suchten, und -ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm im Bart verbargen. Sehr -kultiviert, und doch, sonderbarerweise dachte ich plötzlich französisch, --- ich dachte das Wort: ~féroce~. - - * * * * * - -Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation mit großer Gewandtheit -über mich. Er hatte dabei eine so respektvolle Art, daß ein -Zurückweichen unmöglich war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, die -der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt und beinahe feurig und -dabei ernsthaft vor. Nach einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich -viel Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. Darauf waren -Lettern zu sehen, die mir fremd waren, darunter stand in französischer -Sprache: - - ~Yussuff Hilmi Pascha Excellence~ - ~Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.~ - - * * * * * - -Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi Pascha ließ mich -nicht mehr aus den Augen. Um mich durch seine Gesellschaft nicht zu -kompromittieren, führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche -Freundin -- er nannte sie »~ma seconde mére~« -- Madame Barozzi, die -Gattin eines Balkandiplomaten, nahm mich unter ihren besonderen Schutz. -Eine andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische ~Consulesse -génerale~, ungarischer Abstammung, kam mir nicht minder liebenswürdig -entgegen. Jeden Tag gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im -Grünen oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons und ließ mir -Liebenswürdigkeiten sagen. - - * * * * * - -Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter sich. Zuletzt war er -Botschaftsrat gewesen, dann zum bevollmächtigten Minister vorgerückt und -nun seit kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer alten, -christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren waren souverän -gewesen bis zu ihrer Unterwerfung durch die Türken. Man hatte nun an -leitender Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter Karriere -machen zu lassen und ihre Interessen mit denen der Dynastie zu verknüpfen. -Hilmi Paschas Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig Jahren eine -ungewöhnliche. - -Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß ich ihm meine -»Geschichte« und meine Verhältnisse so unverhohlen mitteilte, als er mir -die seinen. - -Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein Wagen stand mir immer zur -Verfügung und seinen braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.« -Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und verstand es -ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern der Corniche mit großer -Gewandtheit ein Tischleindeckdich aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen -wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, tief unten, -funkelnd und unbeweglich das Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück -wurde aus geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und wenn Hilmi -Pascha sah, wie ich an den fremdartigen Leckereien herumknabberte, dann -freute er sich, wie er sagte: »~plus que jamais~«. - - * * * * * - -Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn so ganz und gar -»gefangen« genommen habe. »~Je suis votre prisonnier, chére madame.~« -Und er empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das Thema. Aber er -kam immer wieder darauf zurück. Der »~coup de foudre~« wurde mir -beschrieben, der ihn damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges -Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem deutschen Ehepaar sprach -(also in einer Sprache, die er nicht einmal verstand), war's geschehen. -Was es gewesen sei, wisse er nicht. »~Le sourire? Le regard? Le son de la -voix? Ah, cette voix, cette voix!~« - -Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner fürstlichen Hand die -meine und flüsterte: »~Le regard? Le sourire? La voix? Le sais-je, le -sais-je?~« - - * * * * * - -Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog mich zurück. Er wußte mich -zu finden. Und je mehr ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir. - -Er sprach meinen Namen »Maja« gerne aus; das j ist der arabischen Zunge -geläufig und kommt in dem zärtlichen Kosenamen Ajuni vor. Ajuni-Habibi -hörte ich ihn öfters sagen. - -Eines Tages fragte er mich: »~Maja-Ajuni, pouririez-vous m'aimer un petit -peu?~« - -Ich wußte nichts zu antworten. Aber ich überließ ihm meine Hände. Und -er nahm ein Päckchen aus der Tasche und legte es mir in den Schoß. Seine -Mutter sende es mir. Es war eine Perlenschnur, eine einzige lange Kette, -die er mir dreimal um den Hals schlang. Er warf sie über mich, -- wie -damals im Café die Schlinge des Gesprächs. - -Ich empfand das alles wie im Traum. Es »geschah« mit mir. - - * * * * * - -Liebte ich ihn? Ich fragte mich danach, als ich nachts, ruhelos und doch -von einer köstlichen Wärme erfüllt, in meinem Zimmer auf und ab schritt. -Ich trat auf die Terrasse. Magnoliendüfte schlugen mir entgegen. Das Meer -rauschte auf. Liebte ich ihn? - -Aber eine Antwort kam mir nirgends. - - - - -Da ich die Mutter nicht an der Seite hatte, so wurde die Verlobung nicht -offiziell bekannt gegeben. Aber er ließ es seine Freunde vertraulich -wissen, wie es um uns stand, und man verdoppelte die Aufmerksamkeit gegen -mich. Im übrigen war er noch viel vorsichtiger als bisher, in allem, was -meinen Ruf betraf. Ich durfte um keinen Preis kompromittiert werden, da -ich als seine Frau hier leben würde. Ohne Begleitung waren wir überhaupt -nicht mehr zu sehen, weder zu Fuß noch zu Wagen. Mich auf meinem Zimmer -aufzusuchen, wagte er nicht. Mich im Salon des Hotels zu treffen und abends -im öffentlichen Saal mit mir zu speisen, war das Äußerste, was er sich -gestattete. - -Dennoch sehnte er sich natürlich nach vertraulichem Beisammensein mit mir. -Seine Wohnung durfte ich ohne Begleitung noch weniger betreten, als er die -meine. - -Endlich verfiel er auf einen Ausweg. Seine Chancellerie, sein offizielles -Büro, war des Abends leer und gesperrt. Da sollte ich ihn aufsuchen. - -Ängstlich schlich ich eines Abends dahin. Er erwartete mich im Finstern. -Er hatte kein Licht zu machen gewagt. Eine Türe öffnete sich, und ein -fremder Mann zog mich in ein dunkles Zimmer. Ich wollte fort. Augenblicks. -Er beschwor mich, zu warten, er könne erst um zehn Uhr das Zimmer -unbemerkt elektrisch beleuchten. Da ich nicht nachgab, zündete er -schließlich eine Kerze an, und das beruhigte mich. Ich fand mich in einem -Büro, zwischen Pulten und Sesseln, und atmete auf. - -Hier verplauderten wir nun an freien Abenden, wenn wir nicht eingeladen -waren, die Stunden. - -Er schilderte mir das Leben, das mich an seiner Seite erwartete, mit seinen -vielen Verpflichtungen. Und das »Ideal«, das er von seiner zukünftigen -Frau sich gemacht hatte. In der Politik sollte sie so wohlunterrichtet sein -wie er. Über alles wünsche er mit seiner Frau zu sprechen. »~Même la -philosophie~«. _Sogar_ über Philosophie. Ich wunderte mich über diesen -Wunsch, denn die Namen der großen Philosophen waren ihm fremd. Goethe, -Schopenhauer, Kant -- sie hatten mit seiner Kultur nichts zu tun. - -Er wünschte also seine Frau »~intelligente~«. »~Pourtant elle doit -être _soumise_. Car elle a besoin de protection.~« - -Dennoch sollte sie -- ~soumise~ (wie ist das zu übersetzen? Unterwürfig?) -sein, da sie des Schutzes bedarf. Daß sie des Schutzes bedarf, die Frau, -räumte ich ein, aber gerade deswegen sollte sie, meiner Meinung nach, -nicht allzu ~soumise~ sein! - -In der freiwilligen, zarten Soumission dessen, der den Schutz spendet, -schien mir der Begriff aller Kultur zu liegen. - -Er schnitt das Thema ab und sagte mir: »~Tu pourra me mener à un fil de -soie, si tu seras prudente.~« - -An einem Seidenfaden konnte ich ihn führen? Mit Vorsicht? - - * * * * * - -Seine Muttersprache, in der er dachte, sollte mir nicht fremd bleiben. - -Er trieb also in diesen Stunden in der Chancellerie Arabisch mit mir. Und -da wir kein anderes Hilfsbuch hatten, nahm er seine Ausgabe des Koran -vor. Er übersetzte mir Satz für Satz und Wort für Wort. Ich folgte mit -großem Interesse. Und machte meine Einwürfe und fragte ihn dies und das, -was über das Interesse an der Sprache hinausging und sich auf den Inhalt, -den geheimnisvollen und bilderreichen Inhalt dessen, was wir da lasen, -bezog. Er hatte diese Abstecher von dem Sprachunterricht eigentlich nicht -gern und war nicht einverstanden, daß ich so sehr nach Deutungen suchte: -»~Je ne veux pas que tu soies trop profonde!~« - -Überhaupt hörte ich oft: »~Je ne veux pas que tu soies~« --, oder: -»~Je veux que tu soies~«, oder: »~La femme doit être~« -- und immer -als Schluß aller seiner Ermahnungen: »~Ai-je raison, oui ou non?~« - - * * * * * - -Mit meiner öffentlichen Betätigung als Sängerin mußte es -natürlich vorbei sein. Ausnahmsweise gestattete er mir bei einem -Wohltätigkeitskonzert, das zu Gunsten der Ortsarmen von Damen der -Gesellschaft veranstaltet wurde, mitzuwirken. Das Konzert trug einen -dilettantischen Charakter. Die es veranstalteten, bestritten zum großen -Teil das Programm, Damen und Herren, die einen vornehmen Namen als -Anziehungspunkt aufs Programm setzten und sich wohltätig unterhalten -wollten. Darum eben gestattete er mir die Mitwirkung. - -Nicht als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft durfte ich da -öffentlich singen. - -Meine Stimme schlug die der Salondilettanten, und meine Nummer hatte den -stärksten Erfolg. Zum Schluß mußte ich eine Zugabe machen. Ich sang das -italienische Lied »~L'ombra di Carmen~«: »Was du siehst, o Don José, es -ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José« ... - -Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »~Ah cette voix, cette voix! -Mais c'est la dernière fois que tu la fasses entendre publiquement. Dès -aujourd'hui -- pour le salon.~« - -Und er reichte mir den Arm und führte mich zum Ausgang, zurück durch den -Saal, durch die Reihen des Publikums, stolz wie ein König. - - * * * * * - -Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land der häufigsten -Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, besonders da ja aus meinen -Scheidungspapieren (die er von mir verlangt hatte und verwahrte) -hervorging, aus wessen Verschulden meine Ehe getrennt wurde. - -Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte ich verschweigen. Ich -war Österreicherin, geschieden aus Verschulden des Mannes, Tochter eines -Wiener Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang trieb, vielleicht -auch mal zu Gunsten der Armen ihre Stimme öffentlich hören ließ, und -damit basta. - -Er war turcophil seiner innersten Überzeugung nach, wie es schien. -Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten aller Mächte, der Türkei -gegenüber. Auf Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals diese -Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er vorziehen, Muselman zu werden, -wenn das dann nötig würde, und in den internen Dienst der nach Asien -zurückgedrängten Türkei treten. - -Wie mich's durchgruselte: Muselman -- und ich dann seine Frau! - -Aber, so wie ich damals zum erstenmal in seine Chancellerie trat, in dieses -nächtliche Zimmer, mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir -könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend auf -dem Semmering hatte, als ich die Türe zum Nebenzimmer unverschlossen -und unverschließbar fand, -- wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses -starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen habe ich oft -gehabt. Und ich mußte dann -- oder glaubte zu müssen, was ja wohl -dasselbe ist, -- in diese dunklen, dunklen Zimmer. - - * * * * * - -Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer angenommen, seit sie wußte, -daß ich mit Exzellenz Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, daß -ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen fand. Aber da Yussuff sie -seine ~seconde mère~ nannte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre -Bemutterung gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig dicke, kleine -Dame, mit unnatürlich schwarzen Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den -alten, verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, und Yussuff -aus doppelten Gründen. Erstlich weil er ihr Landsmann (sie war geborene -Türkin, aus christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er Garçon -war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. Ihr Gatte war ein hoher -Funktionär, die »Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger« -aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem Monarchen. - -Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags und nahm den Tee bei mir. -Ich wußte, daß ihre Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht -unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten Kreuzverhör -suchte sie mir immer wieder meine Personalien zu entlocken. Warum ich -~divorcée~ sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein Mann meine -~dot~ durchgebracht habe usw. Auch wollte sie wissen, ob ich als Sängerin -in Wien bekannt sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte nicht -übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. Aber Yussuff hatte -gewünscht, daß ich Zurückhaltung bewahre über alle meine Verhältnisse. -So stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie eigentlich wissen -wollte. - -An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen Tönen von Yussuff. Sie lobte -seine diplomatische Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, die -ihn in so jungen Jahren »~sur un poste si important~« gebracht -hatten. Ich fand den Posten hier, an diesem unpolitischen Platz, mehr -repräsentativ als important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung -einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte natürlich nichts -dergleichen. - -Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob Komtesse Etelka noch immer -meine Freundin sei. Und sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »~Car --- la jalousie~ -- -- --.« - -»~Jalousie?~« - -Sie gab mir zu verstehen -- daß -- mein Gott, man hatte gemunkelt -- Hilmi -Pascha und die schöne Gräfin -- ihr Mann, der kleine Italiener, konnte -sich neben ihm nicht blicken lassen. »~Dans la diplomatie -- eh bien, que -voulez-vous!~« - -Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte Geschichte zum Besten: von -Hilmi Paschas -- Köchin, die er schließlich entlassen mußte, _mußte_. -»~En garçon -- que voulez-vous!~« - -Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ mich die Holde. - -Abends, als er zum Speisen kam und wir uns im Speisesaal des Hotels trafen, -erzählte ich ihm von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte mich -in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter. Aber das mit Etelka -mußte angetippt werden. So ganz -- leichthin: »~Est -- ce vrai, que -vous avez été l'amant de cette femme?~« Er raste und schäumte. Welch -schändliche Verleumdung! »~Ah cette vipère!~« Damit meinte er die -Barozzi. - -»~Mais voyons, -- c'est ta seconde mère!~« - -»~Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je! Méprise-la, cette -vipère!~« - -Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen können. Denn da hätte -ich ihn in einem Punkt getroffen, in dem er keinen Spaß verstand. Dieser -Punkt hieß »~dignité~!« Die männliche »Würde« lernte ich an Yussuff -Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen Wucht kennen und fürchten. -Nimmermehr hätte er seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der -abfahren wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß eines seiner Beamten -so erwidert, wie den eines Kollegen. Nimmermehr einer -- Frau erlaubt, in -irgend etwas Kritik an ihm zu üben: ~dignité~! - - * * * * * - -Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er nun und nimmermehr glauben, -daß ich seit meiner Scheidung -- allein gelebt hatte. Unmöglich. Er -verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen. Käme er mir später -auf etwas, so würde er sich betrogen fühlen. Und mein Nein wollte er -durchaus nicht glauben. - -Daß man ohne so einen lumpigen ~amant~ auskommen könne, schien ihm eine -ganz unmögliche Sache, »~Mais voyons, c'est impossible, étant separée -de ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!~« - -Und er preßte und drückte meine Hände und bohrte seine Augen in die -meinen, wie Schrauben. - -Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, mir etwas zu »verzeihen«. -Wäre es nicht mein gutes Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir -zu tun, was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, -- so war es -wahrlich nicht um der »Verzeihung« des unbekannten Zukünftigen -willen unterblieben, sondern deshalb, weil mir unter den Leuten meiner -Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele oder auch nur in mein -Blut etwas hätte werfen können, was da Flammen aufschlagen machte. Wie -erloschen schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein Geschlecht -nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da -war doch etwas, was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. In dem, -was mir aus seiner Werbung gekommen war, hatte ich etwas anderes gefühlt -als in dem, was mir von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle -Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach mir, sie hatte mich -erobert. - -Und nun saß er vor mir und malmte meine Hände und wollte wissen, ob ich -einen amant gehabt hätte. - - * * * * * - -Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber noch ihm, nicht wenig -Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, den wir bei einem diplomatischen ~five -o'clock~ kennen lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem -geäußert haben, ob der türkische Minister zu der deutschen Sängerin -»Beziehungen« habe. Die mütterliche Madame Barozzi hatte das -hinterbracht. - -Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. Umsonst versicherte der, -diese Bemerkungen durchaus nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben. -Schließlich sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen erfahren hatte) -tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst machte er sich zu jeder Art von -friedlicher Satisfaktion erbötig, -- »~n'étant pas venu ici pour se -battre~«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen. - -»~Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, s'agissant de -l'honneur de madame Neudorfer.~« (Sprich: ~Nödorffère~!) - -Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in die Luft geknallt, und -~l'honneur de madame Nödorffère~ war wieder hergestellt. - -Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, nach diesem famosen -Duell -- Freunde. Der Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein -Mißverständnis gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, sei ihm nie -in den Sinn gekommen. Er blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit -konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. Ich fand in ihm einen -unterrichteten Mann von Kultur, der besonders über die Kunstschätze -in den Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr gründlich -unterrichtet war. Er erbot sich, mir den Führer zu machen und mir alles -aus erster Hand zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. Yussuff -fand das unerhört. Er konnte aber nichts dagegen tun, denn sonst wäre -es ja wieder zum Duell gekommen! »~Mais voilà ce que je te dis pour tout -l'avenir~«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, bis ich seine Frau -sei, mich außerhalb meines Jour in Konversation mit einem ~jeune homme~ -finden würde, ja dann -- »~je suis d'une jalousie féroce~!« ~Féroce~: -das war das Wort, das ich -- gedacht hatte, als ich ihn das erstemal sah. - -Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte ich denken: -»Wüstensohn!« - - * * * * * - -Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein müssen, war für Yussuff -ein Fundamentalprinzip. Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht. -Nur meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis und aus -einer gewissen Großzügigkeit der Natur des andern Menschen gegenüber -erwachsen. Auch mußte man, meiner Meinung nach, durch freimütige -Aussprachen einander kennen und erkennen zu lernen bemüht sein. - -Diese blinde Zustimmung, diese »~entente complette~«, die er da immer -verlangte, -- sie hatte für mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß -er schlechterdings keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt auf -seinem ersten Wort (wie man es eigentlich den Frauen nachsagt). Wollte -man erklären, seine Meinung begründen, so nannte er das »~des -discussions~«, und diese seien der Todfeind der Liebe, sagte er. - -»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets -funestes.~« - -Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien es mir, wenn man doch -anderer Meinung war. Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen -Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? Da könnten nur solche -Leute sich verheiraten, die zur Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge -verschiedenen Geschlechtes, dann mittels genialer Operation getrennt wurden -und hierauf Inzest beginnen. Der gemeinsame Nabelstrang, die angeborene -Einheitlichkeit ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte -einigermaßen jenes -- Ideal. - - * * * * * - -Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich bis in die kleinlichsten -Einzelheiten. Wenn ich eine andere Speise, ein anderes Getränk im -Restaurant wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, während -er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, -- sofort ging er darauf ein, aber er -belud mich während des ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«. -Erst wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu machen: »~Tu a eu -raison~«, war er zufrieden. Ich hatte dann mein »Unrecht« eingesehen, -nun war es an ihm, generös zu sein. - -Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: »~Comme tu veux~« -- ich -sagte es oft aus Gleichgültigkeit dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage -erschien, -- dann kannte seine »~generosité~« keine Grenzen, und er tat -dann sicher, was er glaubte, daß ich wollte. - -Den »~fil invisible~«, an dem ich ihn führen konnte, sah ich -schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, diesen Mann zu -beherrschen. Ich mußte nur unbedingte Nachgiebigkeit zur Schau tragen, -meine Lippen sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf diese Art -bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte recht. Man konnte ihn ~mener à -un fil de soie~. - -Und ich sah diesen ~fil~, brauchte ihn nur zu ergreifen! - -Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem Gedanken? - -Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber, entgingen wir dem -Klatsch natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte -sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz natürlich und hielt -es für das Vornehmste, es nicht zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich -bemerkte, sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich fand -mein Leben lang, daß, sich um die Meinung anderer viel zu bekümmern, eine -hoffnungslose Aufgabe sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch -nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt sein, solchen -Meinungen über mich zu begegnen. Konnte, sollte das etwas an meinem Leben, -meinem Schicksal ändern? - -Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse zu mir kommen. Dann -konnte die Beziehung erklärt werden und aller Klatsch hatte ein Ende. - -»~Il faut que tu fasses venir maman! il le faut absolument!~« - -Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen lassen. So ginge das nicht -länger. Da entschloß ich mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen, -eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. Wie verdutzt wäre -meine gute Mutter über diesen aus meinem Munde so ungewohnten Wunsch -gewesen! Ich rüstete also zur Abreise. - -Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich ihm dankend wieder -zurückgestellt. Wo ihn unterbringen zu Hause in Wien? Meine alte -Resi wäre in nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr -»Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. Resi und -Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames Gespann vor meiner -Junggesellinnenwirtschaft! Göttlich! - -Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch mittags, während -sein Personal fort war, hinüber zu ihm in die Chancellerie. Es war -das erstemal, daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er es -wünschte. »~En plein soleil?~« -- »~En plein soleil.~« Denn es war ja -die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich zum Abschied zu küssen. Auf dem -Schiff selbst, das um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des ganzen -Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt hatten, sehen würde, konnte -sein Abschied nur ein offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer -aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, am Mittag, ~en plein -soleil~. Und er verschloß die Tür hinter uns und nahm mich in die Arme -und küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied. - - * * * * * - -Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, als ich da ankam, und nahm -ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten entgegen. Yussuff empfahl mich noch -dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund war. - -Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von der Kommandobrücke nach ihm -blicken würde. Er war bleich und erregt und drückte immer wieder meine -Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel gebracht. Als ich nach -den Blumen fragte, sagte man mir, daß sie samt meinem Gepäck in der -»Fürstenkajüte« untergebracht seien. - -Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich bestellt. - -Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben und stand nun auf dem -Molo. Wahrscheinlich machte sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber -Yussuff ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat: - -»~Pardon, Excellence, nous allons partir.~« - - * * * * * - -Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle Würdebedenken den Sieg -davontragend, -- er, dem »~dignité~« über alles ging! -- ja, das war -schön. Ich sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke aus, und er -blieb stehen, damit ich ihn sehen könne, obwohl er mich längst nicht mehr -sehen konnte. - -Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo bei der Abfahrt eines -Schiffes herumtreiben, umstanden ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er -blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie die Gesellschaft sich -verabschiedete und auseinander ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm -ihres Mannes, des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi, die dicke -~vipère~, wegrollte. - -Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer Punkt für mein Auge -war und der Hafen von C. mir entschwand. - -Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte ich, daß neben -der Schiffsflagge noch eine zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die -ottomanische Flagge hissen lassen, -- eine Aufmerksamkeit für die Braut -des Funktionärs einer fremden Großmacht. Die Flagge blieb auf Mast, -solange ich an Bord war, -- ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds. - - - - -Die Abmachung, die wir getroffen hatten, ging dahin, daß er im Sommer -seinen Urlaub nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien kommen -sollte, mich zu holen. - -Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten von Vorschriften. Ohne -Mamas »Begleitung« auszugehen, würde er durchaus unpassend finden. -Theater zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren Bräutigam, -überhaupt nicht für angezeigt. Daß er den Besuch eines Cafés, eines -Restaurants u. dgl. unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich -auseinandergesetzt. Vergebens versuchte ich, ihm das Lächerliche -klarzumachen, das darin lag, wenn ich, eine Frau, die jahrelang -selbständig gelebt hatte, nun plötzlich auf Schritt und Tritt den -»Schutz« meiner Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. Er -interpellierte mich unaufhörlich über alle diese Dinge. Daß Hunger Grund -genug sei, in ein Café zu treten, leuchtete ihm nicht ein. - -Und immer war ich gesehen worden und immer so, wie er es nicht wünschte. - -So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter Streit. Und öde -erschienen mir alle diese Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit -abhandelte. - -Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer ein Ideal war, aber als -Ehemann ein böser Fall sein mußte. - - * * * * * - -Immer im Namen der ganzen Gattung wurden mir alle diese Vorschriften -gemacht: _der_ Mann ist, _die_ Frau soll, ~la femme doit être~ usw. - -Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt gestellt, am -wenigsten in meinen Beziehungen zum Mann. Als Weib voll genommen zu -werden, genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann auch diesen -mannmännlichen Standpunkt von der anderen Seite nicht vertragen. Diesen -ehernen Brustton: Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! Dieses -»ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte Überlegensein-Wollen. -»~La femme doit être~«, -- öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen, -klingt's. - -Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer ist, sollte wissen, daß es -einen gefährlichen Punkt gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese -ihre Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, dann ist sie -wie ein Vogel, der seine Melodie verloren hat, und ihres Gepiepses wird er -wenig froh. - -So erging es mir. Der freie Herzenston war weg. Und er wollte sich gar -nicht wieder einfinden. Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber, -ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir einander mitteilten, -war ohne richtige Verbindung. Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander. - -Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? Hatten wir _eine_ Sprache -gesprochen? Wir hatten uns einer -- Dolmetschsprache bedient. Nicht seine, -nicht meine war es, in der wir uns verständigten. In der Dolmetschsprache -der Verliebtheit hatten wir miteinander Konversation gemacht. Die -unverbindliche, charmante Liebenswürdigkeit des gallischen Idioms hatte -uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer sagt sich's im Deutschen: ich liebe -dich. Und zaghaft flüstert man da erst und stammelt: -- ich -- hab' dich --- lieb. - -Aber wie gewandt rollt es heraus: »~Je t'aime! Mais je t'aime -éperduement!~« -- »~J'aime et je veux mourir, j'aime et je veux pâtir, -j'aime et pour un baiser je donnerais ma vie.~« - -Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache hatten, meine ich -natürlich. Nur wie ein Symbol erscheint es mir, daß wir einer uns fremden -Zunge bedurften, um uns überhaupt einander verständlich zu machen. Es -gibt eine Zusammengehörigkeit, die international ist und Brücken wirft -über Erdteile und, was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig -ist's dann, welcher Sprache sie sich bedient. - -Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die Begriffe waren fremd, -sowie sie das zärtliche Gehege des Eros verließen und, wie es schien, -unverdolmetschbar. - -»~Écorcher~« ist ein prächtiger Ausdruck. ~Écorcher une langue.~ -Das heißt, eine Sprache radebrechen, sie zu Tode schinden. ~Écorcher -- -l'amour?~ - - * * * * * - -Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, das der Liebe zugefügt -wird. Es ist ein Zeichen, daß man irgendwie miteinander aus dem Geleise -gekommen ist, wenn man mit dem schwerfälligen, dräuenden Geschütz des -Stolzes, der Berufung auf seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man -sich mißhandelt fühlt. - -Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die Liebe der Liebe nichts -schuldig, ach, wie wird man da so demütig. Nichts weiß man mehr von -seinem »Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in dem Sinn, -daß man seine Person irgendwie ausspielen würde. Nur die andere geliebte -Person wird gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, sie -aufzunehmen. - -Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen ist's umgekehrt: sie zerfließen -in »Hingabe«, je mehr sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn -ihnen Liebe erwiesen wird. - - * * * * * - -Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr persönlich vor mir -hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich nie von ihm ein Wort über mich -gehört hatte, durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, _erkannt_ -hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die Entdeckungsreise der Liebe, -die einer im andern macht, alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in -Entdeckerlust? Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, Land, mein Eiland, -das ich suchte, ahnte, wußte, an das ich _glaubte_, bevor ich noch einen -Streifen seiner Küste sah! Wo war es hier, -- dieses Kolumbusgefühl der -Liebe? - -»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens -siehst du nur, o Don José ...« - -Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung wahrscheinlich -versetzt würden. Das sei gebräuchlich in der Diplomatie. Sein Bruder, der -Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß wir wahrscheinlich nach -Indien kämen oder sonst auf einen asiatischen Posten. - -Wir blieben also nicht an der ~Côte d'Azur~. Nach Indien sollte ich ihm -folgen. - -Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos dem, den man liebt, -und wäre es in ein Blockhaus auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die -Heimat. - -Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? Warum, warum? Ich war -dann in der Macht, oder besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens, -fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land. - -Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder ratlos und erwartete wieder -- -eine Entscheidung. - - * * * * * - -Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im letzten Moment hatte ich mich -entschlossen, meine Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese -Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn Tage erhielt ich keine -Antwort. - -In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein Abenteuer von der ~Côte -d'Azur~. - -Sein Brief kam und tat das übrige. »~Je suis despote de toute ma -nature~«, hieß es da. Ich sah das Gesicht, sah es so, wie es bei der -geringsten Meinungsverschiedenheit gewesen war, -- mit dem grausamen Zug -um den Mund, der sich im Bart verbarg, mit den Augen, die immer gleich -»rollten«. - -Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem Stillschweigen, gab den -Ausschlag. Er schrieb es ganz ohne Scham: »~J'ai voulu te punir.~« - -Es war wieder einer jener Momente, wo ich deutlich fühlte, daß ich -mußte, wo ich mich geschoben fühlte, wie an einem Marionettendraht. - -»~Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de divorce, mes lettres et -mes photographies. Moi je m'engage de vous rendre vos lettres et votre -photographie au moment où j'aurai les miens.~« - -Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich. - - * * * * * - -Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war mir, als hörte ich eine -drohende, flehende, zwingende Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir! -Mich, deine _Stimme_! - -So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi Pascha, ~Ministre -plénipotentiaire de la Porte Sublime~. Sie zerbrach mir unter den Händen. -Warum, weshalb? - -»~Le sais-je?~« - -Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen, die ihrem innersten Wesen -nach zusammengehören. Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die -Unvollständigkeit der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit der -Stimmung, in der ein Brief empfangen wird, Gereiztheit und Mißverstehen -auch zwischen wirklich Liebenden. - -Aber unter allem Papiergeknister behält doch das Wesentliche einer -Beziehung seine Stimme. Die Tinte ist ein dräuender schwarzer Mann. -Macht er aber allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die wahre -Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut und jagt ihn in die Flucht. Und -alle geschriebenen Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren -schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen. - -Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten und mich. Das Wesen -selbst, die innere Stimme dieser Beziehung war laut geworden und hatte es -getan. - - * * * * * - -Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich tat. Ich kann nicht sagen, -daß es leicht war, und ich trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts -weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu bleiben« oder nicht. -Doppelt schwer deshalb, weil man sich selbst ja noch nicht bestätigt -worden war! Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar umfaßt hätte -und das, was er also umfaßte, für gut befand. - -Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen Seite die Wahrheit liege, -ob man nicht besser täte, sich nachzubilden den Forderungen, die dort -gestellt wurden und sich -- als das, was man im Widerspruch mit jenem -anderen war, -- aufzugeben. - -Aber die _Stimme_ rief mit einer Gewalt, die nicht zu übertönen war! Und -wie eine mächtige Hand erfaßt es einen und schob und schob! - -Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken Willens sein, heißt -nicht wollen, sondern wollen _müssen_. - - * * * * * - -Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres angenommen? Warum so -zugegriffen? Neben den reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert -hatten und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist auch eines nicht -zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung, dieser schreckliche Mangel -an auch nur normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht irgend -etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser Mangel, der sich heute in -allen gesellschaftlichen Kreisen so sehr fühlbar macht! - -Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß wir uns vom _Menschen_ -immer mehr entfernen? Daß es unter all den hunderttausend Leuten so wenig -Menschen gibt, -- so wenig Schönheit, an die man sich vertrauend und -heiter anschmiegen könnte, ohne Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben? - - * * * * * - -Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer Tochter des Ministers -der Zivilliste des Padischah vermählt habe, und daß er durch diese -Karriereheirat Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war. Er -sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere sei. »~Tu seras -ambassaderesse un jour, tu le sais?~« - -Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses Klima vertragen haben? - -Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen in -dieser Stellung: vier große Diners müßten wir mindestens während des -Karnevals geben. Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen Jour -bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie sei das nun einmal nicht -anders. Darin bestehe sie ja eben (teilweise). - -Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses Klima vertragen haben? - - * * * * * - -Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das etwas anderes noch ist, als -das Fazit eines unkonstruierbaren Rechenexempels, etwas anderes, als die -nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte Summe, in die wir -hineinleben, bis sie voll ist? - -Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein. Warum kann ich mir -nichts wegdenken, nicht anders denken in meinem Schicksal? Ist _sie_ das -Schicksal, ~anima~? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung, Motor -geworden, in mir? Schiebend und zeugend geworden in mir, Folgen zeugend, -unerbittlich, Folgen aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen -innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung ihres eigenen -Wesens und damit zur Erfüllung ihrer »Bestimmung« -- Schicksal, Gott? -- -Gott -- das logische Prinzip? - -Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich vor zehn Jahren gefunden -hättest und ich allen meinen »Schicksalen« entronnen wäre? Warum das -Gefühl, daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf einem Passionsweg? - - * * * * * - -Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, -- was denke ich mir doch -darunter? - -Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt werden _muß_, bis -sie stimmt? - -Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn sie ist gegeben -- durch -die Ziffern, mit denen wir zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar, -unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen sich kreuzen und wollen -Resultate herausbringen, ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe -kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung muß sich erschöpfen, -immer enger und enger muß sie werden, auf die letzten gemeinsamsten -Nenner will alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange geteilt und -gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«. - -Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip. - -Auch das denkende? Wenn rechnen -- denken ist, auch das denkende. - -Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar aus ihnen -folgen, was der Art ihrer Begegnung entspricht: Verminderung, Vermehrung, -Vervielfältigung, Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat sind aufs Haar -genau »bestimmt«. - -Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele stände, es könnte -nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer »ausgehen«, als dieses -Ziffernspiel. - -War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl sei Gott? -- - -Gott, Schicksal? - -Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller wäre? Einen noch -lenkenderen Lenker als diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte? -Noch mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr, um in die Knie zu -zwingen? - -Gott, Schicksal -- das logische Prinzip! - -Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner selbst als Motor, als -Schieber seines Tuns und Erleidens in sich, trägt Gott und Schicksal -unentrinnbar in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus, wie -die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer, ohne die sie nicht zu -denken ist. Das den Dingen innewohnende, immanente logische Prinzip ist -Gott. - - * * * * * - -Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je. - -Was uns verband, Freund, für den ich diese Blätter schreibe, du, dem ich -an meinem Hochzeitstage begegnete, es waren flüchtige Grüße. - -Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles. Grüße und -- Gratulationen. -Von meiner Scheidung erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung -einging. - -»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.« - -»Ich danke, Herr Professor.« - -Und dann -- später: »Ich habe mich wieder verheiratet. Aber nicht mit -dem, mit dem ich verlobt war.« - -Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.« - - - - -Wie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich dir davon sprechen will, so -muß ich mitten hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht lange -erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen jener gescheiterten -Verlobung und dieser, meiner neuen Ehe lagen. Jahre waren es des -schmerzlichen Kampfes um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes -erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese Wärme nicht nur -mein Leben behaupten, sondern noch das retten, was ein Überschuß an -Lebenskraft ist: die Stimme. - -Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen wäre. Auch fürchtete -ich mich nun beinahe vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung -des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von »Abenteuern«. - -Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn erzwingen wollen. Nur -wenn es selbst mich zwang, erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, -- -verhängt. - -Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene solide, ehrbare Anträge, -wie sie ja wohl im Leben keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff, -geschah's deshalb, -- weil ich nicht _mußte_. Nur wo ich ein -Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu wem es mich nicht -_zuwarf_, zu dem konnte ich nimmermehr gehen. Ich konnte immer nur Wege -gehen, die ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein. - - * * * * * - -Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer und sagte: »Du, ich muß dir -einen interessanten Menschen vorstellen.« - -Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere mich nicht für -›interessante Menschen‹.« - -»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast, bist du unausstehlich -geworden.« - -»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein Araber. Das sind die Feinde -der Türken.« - -»Übrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir, -- vielmehr war es.« - -»Wer?« - -»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er war Konzipist bei der -Finanz-Landesdirektion in Slavonien.« - -»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.« - -Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören für gut fand. Schließlich -sagte ich resigniert: »Also leg' los.« - -Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich Luft machen. Der Konzipist -hatte ihm's angetan. Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen -Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt. Ein Mann, der _Mut_ hatte. -Seine Stellung hatte er aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich -fand, als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen und dem Bauer -die fünf Gulden aus der Tasche zu reißen. Und dann war er ein Dichter. - -»So?« - -Und wollte jetzt davon leben. - -»So???« - -Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren versorgt. - -»Er hat eine Frau?« - -Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war geschieden. In aller -»Freundschaft« hatten sie sich getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener -Geschäftsmann, hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen. Da war sie -mit ihren drei Kindern aus Slavonien nach Wien gekommen und führte mit -großer Tüchtigkeit das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter. Sie und -die Kinder hatten zu leben. Einverständlich hatten sie sich getrennt. - -»Warum?« - -»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre Gründe gehabt haben. -Sie haben sich eben aufgebraucht.« - -»So, so.« - -»Übrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich miteinander und -erziehen ihre Kinder. Ich glaube, _er_ wollte frei sein.« - -»So wird es wohl sein.« - -Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein Drama geschrieben, einen -Roman begonnen und seine philosophischen Artikel erregten Sensation. -»Kurzum -- du mußt ihn kennen lernen.« - - * * * * * - -Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung einen »Abend«. -Diese Abende bei Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man -redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie man. Sein Kanzlist -Peterka wurde in einen schwarzen Rock gesteckt und fungierte als Diener. -Peterka erschien mir an diesen Abenden immer als der einzige nüchterne -Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte er Lindenblütentee und reichte -ihn den Gästen zur Beruhigung. - -Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen Mann in der Mitte des Zimmers -stehen und ungefähr zwanzig andere Personen »an seinen Lippen hängen«. -Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was über die Liebe zu sagen sei, sei -in diesem Buche gesagt. Der Triumph des Werkes sei die Deutung der Liebe -durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates wiedererzählt: Eros ist kein -Gott, er ist ein Dämon. - -Es war, als wäre nun das Thema gegeben für den Abend: Dämon oder Gott. - -Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, ein Durcheinander von -Stimmen war es. Man rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung. - -~Dr.~ Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf zurück. Ich weiß nicht, -warum ich an das abgeschlagene Haupt des Jochanaan denken mußte. Es schien -mir, als läge dieses Haupt flach auf einem Teller. Ich glaube, die Stirn, -die stark zurückfloh, erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare -fielen in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes herab. Die -blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, grau, blitzten auf, verdunkelten -sich wieder. Wie wenn ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen, -unter denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen -Jünglingskörper, von dem man den Eindruck hatte, er sei noch nicht -»fertig«. - -Schließlich übertönte die Stimme ~Dr.~ Gruschks die Gesellschaft. -Er rettete das Gespräch vor Verflachung. Wollte man abbiegen ins -Konkret-Gemeine, so zwang er immer wieder ins Uferlose hinein. - -Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker. Die Flaschen waren leer. -Die Gesichter rot. Mir schien es, als suche die Stimme ~Dr.~ Gruschks -einzig mein Ohr. Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu _Diotima_ -drang die große Not: Priesterin, -- was weißt du zu sagen? Eros -- Dämon --- Gott? -- - -Peterka kam mit dem Lindenblütentee. - - * * * * * - -Am nächsten Abend besuchte mich ~Dr.~ Gruschk. Er hatte seine Geige -mitgebracht. Er spielte. Ich sang. - -Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete mich am nächsten Abend bei -sich. - -Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte ihm das am Vormittag durch -eine Rohrpostkarte mit. Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme -dennoch. Am Abend war ich entschlossen, auf keinen Fall hinzugehen und -kleidete mich fürs Theater an. Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur -Oper. Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem Fenster und rief -dem Kutscher die Adresse von ~Dr.~ Gruschks Wohnung zu. - -Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert hat. -- -- -- - -Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen ich in einer Wüste gelebt -hatte. - - * * * * * - -Das Sonderbarste war, daß Dimitri -- er hieß Zdenko Dimitri, dankte diese -beiden Namen einem slovenischen Vater und einer russischen Mutter und wurde -von allen anderen Zdenko genannt, -- das Sonderbarste war, daß er durchaus -heiraten wollte. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte ja -kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »~Je ne veux pas te posséder, je veux -_t'avoir_~«, hatte er gesagt, als wir uns verlobten. - -Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte ihm, er täusche sich -über sich selbst. Die Unbequemlichkeit des Nachhausegehens, die vielen -»Sperrsechser«, das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht. -Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu? - - * * * * * - -Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war ich zum zweitenmal -verheiratet. - - * * * * * - -Es blieb bei der getrennten Menage und der doppelten Wohnung. Ich behielt -die meine, er sein mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht anders, -da er weniger hatte als ich und an meinem »Sichern« nicht teilnehmen -wollte. Er war ungemein stolz in diesem Punkt. - -Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten lassen, ich würde -dich ausbeuten, wenn du reich wärst!« - -Dann war er zufrieden und nahm leichteren Herzens die Tasse Tee bei mir. -Aber wahr war's nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war. - - * * * * * - -Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, ernsthafte Person. - -Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine Stirn, die sich hoch über -den Augenbrauen wölbte, dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich -zurückbog. Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn vor. Sie war, -von innerstem Beruf, Naturforscherin. Hatte Physik studiert, bevor sie sich -mit Dimitri verheiratet hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie achtzehn. - -Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, wie in eine Verbannung. -Weil er da gleich Konzipist wurde, während man hier »oben« jahrelang auf -Ernennung warten mußte. - -Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel Kinder geboren in dieser -Zeit. Zwei waren nicht ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine -Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe in seinem Kopf war von -der Faust des Erwerbszwanges niedergedrückt und scheinbar niedergehalten -worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. An einander aufgerieben -hatten sich diese beiden. - -Dann wurden sie vom Vater der Frau nach Wien gerufen. Eine andere Existenz -winkte. So kamen sie los von da unten. - -Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war mir seltsam und -schmerzlich: dieser arme verschreckte Blick. Doppelt bange wirkte er, da er -hier an einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu finden -war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht etwa an einem hilflosen, -schwächlichen, anlehnungsbedürftigen kleinen Frauenzimmer. Eine latente -Angst vor wilden Griffen war in diesem Blick. - -Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. »In Frieden«. Er -wollte frei sein. Und sie war -- weise. - -Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses absolute Laufenlassen -nicht wenig imponierte. So anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen, -Tränen, Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo sie, Helene, eben -schon da angelangt war. Vorher -- mag es Szenen, Tränen und Jammer genug -gegeben haben. - -»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts antun,« sagte Dimitri, -»und das ist mir ein wunderbar angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den -Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.« - -Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu diesem wunderbar angenehmen -Gedanken. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. Denn er -hatte ihr schon alles angetan. - -Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, sie nannte ihn Zdenko, war -der Vater ihrer Kinder. Nun gehörten wir alle drei zusammen. - -Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit dieser drei -Kinder: niemand hätte sie für Geschwister gehalten. (Das soll so sein, -wenn die elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias war ein -weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, brauner Bär und Zora ein -schwarzes Mäuschen mit wunderbar blanken Äuglein. - - * * * * * - -Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich spät nachmittags. Bis dahin -arbeitete er, oder suchte zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören. - -Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast feindselige. Er warf -Spieße, Lanzen, Keulen. - -In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das Aggressive seines Wesens -zurück. Doch das dauerte nicht lange. Dann hatte er sich -- gewöhnt. - -Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl Künstler durch und durch, -hatte er mehr die schwebenden Elemente als die beharrenden in sich. Der -Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der Stephansturm -- er sieht ihn -immer wieder das erstemal. Er staunt und schaut und _sieht_. Dimitri -ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, allzubald -selbstverständlich. »Ich _seh'_ nichts«, war eine seiner -Lieblingsredensarten. »Ich bin _leer_.« Und ich »füllte« ihn. Aber, -ach, alles rann blitzesgeschwind durch ihn hindurch! Man hatte immer das -Gefühl, es sei zu schnell entwichen. - -Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und voll Haß gegen alles, -wenn er es nicht konnte. - -»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer _dich_ angreifen, als das, was -mir trotzdem wohltut.« - -Und das hat er redlich gehalten. Angefallen hat er mich oft. Zuzeiten war -er wie überfüllt von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern Tag: -»Warum waren wir eigentlich gestern -- im Widerstreit?« - -Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens, nahm das alles -ernst, beantwortete seine »Angriffe« -- sachlich! - -Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner eigenen Abwesenheit, fast -wie hinter meinem Rücken. - - * * * * * - -Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch für ihn: -»Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie leeren mich aus«. »Entwurzeln«. - -Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie von dir gehört? Entwurzeln: -Maulwurfsarbeit. - -In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich hinein. Er verachtete -alles, was Menschen ersonnen haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor -einander zu schützen, als »konventionell«. - -Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur. Ich wollte ihn ja -kennen lernen. Ich war hinein_gestürzt_ in diese Gemeinschaft. Nun war ich -darin. Und alles, was ich tun konnte, war, -- sehen, was daraus wurde. - - * * * * * - -Ist ein Liebesverhältnis das, -- was der Mann daraus macht? Nein: was die -Frau daraus macht. Aber das ist das, was der Mann _ist_. Denn die Frau kann -nichts anderes daraus machen, als das, was ihm gemäß ist. - - * * * * * - -Das Sonderbare war, daß mir nach und nach meine _Stimme_ verloren ging. -Wenn ich sah, wie er dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als -würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht wurde eine Grimasse, die -Hand, die spielen wollte, zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging, -und ein dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang, war alles, -was ich ihr abzwang. Und die Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren -Mut. - -Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer wieder, besonders wenn er -nicht da war. Dachte ich aber auch nur an ihn, war's aus. - - * * * * * - -Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der Divergenzen, die man -mit einem Menschen hat, dieses Memorieren der Reden und Gegenreden, die -»gehalten« wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe, diese Sorge, -Unruhe und Qual, die aus diesem Wust von Kampf und Gier erwächst, das -alles verschüttet die _Stimme_, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen -Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre von dieser Krankheit (so -kann man es fast nennen), die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich -freien Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen, der stark und -rein wäre. - -Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses, das Merkzeichen, daß -man an den »Richtigen« gekommen ist, daß alles so ist in der Liebe, wie -es ihrer _Idee_ entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den man -liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor« (sich und ihn) -in Anschauungen, aber man »denkt« nicht an ihn in Theorien. Er -»beschäftigt« einen nicht, in dem Sinn, daß die produktiven Energien -davon aufgezehrt würden. Man wendet sich, im Gegenteil, von einem -feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt, seiner Arbeit zu, beschäftigt -sich mit _ihr_ und trägt _ihn_ dabei tief und fest im Gemüt. Und die -»Stimmen« springen auf. - -Das war meine Insel, meine Insel der irdisch Seligen, meine »Heimat«, von -der ich immer träumte! - -Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr Erlösertum besteht darin, -daß einer dem andern die Spannung löst, diese Spannung seines eigenen -isolierten Selbst. Und daran erkennt man den falschen Messias: daß der -diese Spannung _nicht_ löst. - -Du bist die Ruh', du bist der Friede! -- spricht die erlöste Liebe. - - * * * * * - -Er, -- er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich. Mit Hangen, Bangen, -Sorgen, Kombinationen, mit seiner ganzen Person füllte er mich, daß -nichts anderes mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer wenn er -wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen und Schmerzen machte und mit -dessen »Erwägung«, besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis zum -nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu tun hatte. - -Er »füllte« mich mit sich, -- daß ich mir selbst abhanden kam, ob -dieser »Fülle«. - - * * * * * - -Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang mich, sie mit zu wechseln. -Läßt es sich ermessen, das Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee« -der Zerstörung: eine Seele will Form werden, und eine andre Hand preßt -sie immer wieder in eine andere Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine -Zeitlang wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig -geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu _allem_ in sich, so eine Seele, -Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen, irrezuleiten, sie durcheinander -zu brauen, in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk. - -Diese »Spannung«, -- _wie_ wird er heute kommen, -- fraß meine ganze -Zeit und meine ganze Kraft. Noch heute ist es mir in der Erinnerung. - - * * * * * - -Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing', sing'«. Nicht einen Ton -konnte ich _singen_, -- wie ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen -Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte, war heiser, holprig, ein -armes Gekrächze. - -Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm, hörte auch er meine Stimme -gern. - -Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen. - -»Du hast keine Kraft«, sagte er. - -Nein, ich hatte keine Kraft. - -Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas, fraß und sog an meiner -Kraft, meiner Stimme. Wie man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst -- -später. - - * * * * * - -Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es, die er als Gegensatz zu -der »mondänen« Gesellschaft hoch pries. - -Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur _ein_ beherrschendes Wort -bei uns: »Sünde«. »Aber das verstehst du so wenig wie die Sprache des -Zambesinegers«, sagte er in seiner wenig liebevollen Art. »Eine Frau -fühlt sich nie schuldig, außer etwa in erotischen Dingen. Sünde, -Gewissen, -- was wißt _ihr_ davon?« - -»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen Adelsmenschen verkehrte, -die jeden verachteten, der geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel -»die Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die Schleppe deiner -Hauskleider über den Teppich schleifen läßt, wie du in einen Fauteuil -sinkst! Sie entzückt mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben -ist das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in deinem und meinem -Wesen!« - -Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen: »Das korrumpiert mich!« -(Korrumpieren war das zweite Zambesinegerwort.) - -Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von dem kriegen, was ihn angeblich -»korrumpierte«, wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu spenden. - -Heute sollte ich »Hetäre« sein, -- morgen als Frau Diogenes in die Tonne -ziehen. - - * * * * * - -Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich ihm das schon beim -Betreten meiner Wohnung an. Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du -würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn du wüßtest, wie abhängig -du bist von all diesen Dingen da!« - -Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen Teppich, spie auf meinen -Toilettetisch, und spie dreimal auf meine Ottomane. -- -- -- - - * * * * * - -Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er, und betrachtete mit -finsterer Miene meinen Toilettetisch. - -»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf dem Toilettetisch siehst, eben -das Notwendige.« - -»Warum?« - -»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe, sondern mit dir.« - -»Nun und?« - -»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht, überhaupt für -notwendig hältst --« - -»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch zu tun?« - -»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen ich meinen Körper -pflege.« - -»Und demnach pflegst du ihn, -- um Leidenschaften zu erregen, nicht -wahr?« - -»Nicht allein deswegen. Aber auch.« - -»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?« - -»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur Erhaltung der Gattung nicht -ganz entbehrlich sein soll, einfach nicht -- zustande käme.« - -Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile vor sich hin: »Das Weib muß -reizend sein, -- gewiß.« - -Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen kam er zu dem, was andere, -heil Geborene, im Blute haben. - - * * * * * - -Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe war, nannte er -»Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies ihm, daß man in diesem seinem Sinne -schon abhängig würde, wenn man sich einem Blumenstrauß zuwendete. - -»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß, gerät man in -Abhängigkeit!« - -Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir herumbohrte, mir Tränen des -stummen Zorns in die Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde mir -Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, -- mein Gott, wohin bin ich -geraten! - - * * * * * - -Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten hatte er: - -»Ich weiß nicht, was es ist, -- ob ich liebe oder hasse.« Oder: »Ich -muß es zerschlagen, -- um zu sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein -Spielzeug. »Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich einen -Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu verhüten. »In alles -hineinblicken, alles auseinanderlegen und dann -- von frischem aufbauen!« -Das war seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte mich! Wie ein -Fabelwesen kam er mir vor, das dann, wenn es alles getan hat, was es als -solches tun muß und die Glocke eins schlägt, -- sich umwandelt in einen -liebenswürdigen Prinzen. - -Oft mußte ich auch an den Golem denken, den Lehmdiener des Wunderrabbi, -der zu rasen anfing, weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige -Gotteswort aus dem Munde zu nehmen. - - * * * * * - -Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer sind sie, die das -zarte Instrument Seele zerrütten. Kein Heil kann durch grobe Worte kommen. - -»Ich fange an,« sagte er, »dich zu -- hassen. Für diese deine Güte. Du -hast mich enttäuscht. Du erschienst mir, als ich dich kennen lernte, wie -ein wunderbar wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du dabei das Herz -eines Engels hast, das dachte ich mir nicht. Ich hoffte, du würdest mich -vernichten. Aber du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als mir -auch nur ein Haar krümmen!« - -»Ich -- verstehe nicht. Was heißt das alles?« - -Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht -- erlösen, du -- du -- -Engel!« - -Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur unter diesen furchtbaren -Griffen. Erst zum Schluß unserer Freundschaft -- am letzten Tag -- -verstand ich. - - * * * * * - -Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte, dann sprach er die Sprache -der »Askese«. »Einsam sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit, -seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr zu vertauschen, so zog -ihn die fremde Natur so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß. - -Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«. Meine Ottomane -betitelte er innerlich wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu -essen fand er »mondäne«. - -Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum normalen irdischen -Wohlleben. - -Dimitri -- Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer Halbgott! - -Weib ist gleich Genuß -- und Feindschaft dem Genuß! war zuzeiten seine -Devise. Und dabei hatte er doch diese Neugier, -- Gier nach Neuem -- allem -Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen mögen. - -Und später, in der anderen, der »heiligen« Stimmung: der strafende -Prophet mit dem Flammenschwert und dem Donnerwort. - -Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag ihm ferner. Ein -Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, vor dem mir anfing zu -- grauen. - - * * * * * - -Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele hineingewühlten Natur, die -alles nur aus _sich_ herausholte, in sich wieder zurückführte, in sich -nur ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte. - -Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug in die Natur: -erlebter Pantheismus. Ichsucht: verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel -Selbstanschauung -- keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich zusammen. - - * * * * * - -Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu ernst; ich vor allem. Man -hätte über vieles hinweggehen müssen. Aber so schonungslos er in -seiner Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, ins Innerste -hineinzuleuchten, für seine Person liebte er das nicht. Wenn ein scharfes -Wort zu ihm flog, er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um sich -meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. Und immer war die Art -seines »Angriffes« so -- interessant, daß man gespannt hinhorchte, wenn -es auch in den Nerven stach und brannte. Und wenn man nicht darauf einging, -litt er drunter, »Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst dich -in eine feindliche Festung, du bist ein platter Mensch« -- war dann sein -Refrain. Und ich wollte ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden, -Frieden! - -Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts -alles an! Mit erstaunlicher Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem -Ernst. - -Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen: - - »Und der Himmel voller Huld - Hört das alles mit Geduld!« - - * * * * * - -Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich ernst. Wie ein Kind -erschien er mir manchmal, wie ein unersättliches Kind. -- Alles, dem er -eben begegnete, war das Wahre. Allzu schnell gab er sich hin. Auch an ganze -Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung und mit tiefer Verachtung für -alles »Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck mir gegenüber, -von der Art des Fräulein X. Y. »Diese _voraussetzungslose_ Art, sich -hinzugeben, heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse folgend und alle -mit derselben Gleichgültigkeit beglückend, -- die reine Seligkeit muß -das für den Mann sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein Teil -an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als zehn andere. Es ist -_schön_, es ist nichts Moralinsaures darin.« Und er sah mir, -- ja ich -kann es nicht anders sagen, -- herausfordernd ins Gesicht. - -Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare Dummheit über sich -selbst (denn der Ekel hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen, -gebeutelt bei Fräulein X. Y.), diese seine Torheit war es, die mir das -Gefühl einflößte: ich müßte auch hier wieder _fliehen_ ... aber der -Schmerz ließ das noch nicht zu -- -- -- - -In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi. Gerade auch ~in puncto~ -der Frauen. Nur war er, Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein -Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, -- hier war hohe Gedankenkraft und -tiefehrliches Streben zur Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden, -Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft. Hier bevor, dort nachdem -sie Tat geworden waren. Dort platt! Hier interessant! - -»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt hängt es aus den Mäulern der -Heutigen.« Also sprach Zarathustra. - - * * * * * - -Auf der Treppe wußte er noch nicht, -- laut eigener Aussage, -- ob er -mich liebe oder »hasse«. Dann bei der Tür: -- »wie kann einen -ein Geschöpfchen, mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so -_füllen_?« - -Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich immer weniger und -weniger. Was keinen Boden hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt -werden? Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige Ganges selbst -hindurchflösse. - -Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den Tartaros ersonnen, -dieses Füllen eines durchlöcherten Fasses. Neunundvierzig Unselige -arbeiteten daran, teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein -besorgen. - - * * * * * - -Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien mir seine Ungebärdigkeit. - -Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem sogenannten »toten -Punkt« gegenüber, ob der nun bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen -Tempo zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in seinen äußeren -Verhältnissen oder seiner inneren Produktivität, genug, wo und wann immer -der tote Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in diesem Leben nicht -vorbeikommt, er fand ihn unweise, ungebärdig, machte ihn verblendet und -wild. - -Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten. - -Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag bei den Kindern zu verbringen, -da ihre Kinderfrau fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue -aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die Kinder beaufsichtigen. -Ludo schlief und schnarchte wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen -Augen hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein, immer ganz und -gar erfüllt wollte er sein, wie sein Vater. Ich liebte dieses Kind sehr, -es hatte für mein Herz irgend etwas, das mich ganz betörte. - -Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich ihm aus dem Bilderbuch -»Jugendland« vorlas. Als wir aber fertig waren, mußte schnell etwas -Neues ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes Verlangen. - - * * * * * - -Es waren aber auch schöne Tage in dieser unseren Gemeinschaft. Wir lasen -zusammen die Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen zusammen -durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer, Helmholtz, Mach. Dimitri -studierte gern mit mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen -hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt und vielleicht mehr -davon hinter mir als er. Er hatte ja bisher in einer »Zwangsehe mit -Frau Justitia« gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine wahre -Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen können. Er hatte nicht -viel studiert bisher. Und wußte doch viel, erstaunlich viel. - -»Ich habe alles _in mir_, alle Argumente, pro und kontra: die -Gegengewichte aller Möglichkeiten!« - -Ja, besonders _die_ hatte er in sich. Viel, viel hatte er in sich. Tausend -Wege trafen sich da, in ihm. Ströme und Straßen trafen sich, gangbare -Flächen waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame Höhen, wo man -»Jäger sein« mußte und »gemsengleich«. Und Grotten, in die wunderbar -war, zu blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde, wie jene -nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten des Inferno hindurch -mußten. Eine Welt war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie. - -Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige »Welt« sei: -jener geheimnisvolle eingeborene _Ordnungstrieb_, jene _Stimme_, die die -Elemente verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander -bringt, in dem sie eines aus dem andern nehmen, wessen eines aus dem andern -bedarf, bis aus den also _geordneten_ Stoffen ein Bau ward! - - * * * * * - -In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri konnte er sich über eines -nicht genug wundern: über diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf -mich! Das Studium der Philosophie, es regte mich immer -- musikalisch an. -Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis um. Je tiefer die Weisheit -war, je heißer und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde mir's zum --- Singen! - - * * * * * - -Über Weiningers großes Werk waren wir in besonderem Eifer. »Wie -willst _du_ ihn denn kontrollieren?« sagte er, indem er meine sachlichen -Einwendungen abwehrte. - -»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn kontrollieren kann.« - -»Wo denn?« - -»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst, -- an der -Wahrheit der Tatsache an sich -- der Tatsache: Weib.« - -Aber wenn schon meine Argumente gegen den Weininger ihn nur ärgerten, -mußte er doch zugeben, daß manches an meiner Person ihn einigermaßen ~ad -absurdum~ führe. - - - - -Eine besondere Verachtung hatte Dimitri für Frauenbücher. Er analysierte -sie mir im Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm sie vor -und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe. - -»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des _Wortes_. Sie wissen -nicht, was für ein furchtbares Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um, -wie ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser herumspielt. Und, was -das Schlimmste ist: sie haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern -an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine, niedliche Motive haben sie. -Aber gibt es ein Frauenbuch, um ein Problem herum, um ein ewiges und -doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß man doch das Zeitliche -rauschen hörte darin? Und Gestalten sähe? Gestalten _und_ Gesichte? -Fleisch _und_ Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein Frauenbuch, -empfangen in einem besonderen Rhythmus? In einem Rhythmus, der nicht -geplant werden kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres -Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?! - -Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie nur eine einzige Person sie -schaffen konnte, keine zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja, was -Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im Dorian Gray gab! Das sind -Mußbücher, wie es keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein -Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.« - -»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen -- Priesterinnen waren! Es -›kam‹ über Pythia, es ›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates -belehren konnte über das Wesen des Eros.« - -»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber seit damals ist es eben -nicht mehr über sie gekommen.« - -Ich nannte einen Namen: Lagerlöf. - -»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen. Aber neben _Gesichten_, -die nur einem Einzigen werden, will ich _Gestalten_ sehen, die der Zeit -gehören. Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins Herz der Zeit, daß -sie, die Zeit, auflachen und aufweinen müßte darüber, -- wo wäre es, -solch ein Frauenbuch?« - - * * * * * - -So oder ähnlich, -- ich habe mir die Worte nicht genau gemerkt, -- sprach -Dimitri über Frauenbücher. Ich glaube, es war viel Wahres an dieser -seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher vielleicht, -ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle explodieren ließ, ohne -abzuwarten, bis das, was aus ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium« -(o Weininger!) sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch eine -Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose Kritik aufgerüttelt -werden müssen. - -Und dann -- dann hätte sie entweder für immer verstummen müssen, -- -oder -- - -Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin! - - * * * * * - -Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort! Jedes einzelne: ein bewußt -herbeigeholter und behauener Quader. Jedes einzelne! Aber -- als ganze -Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier dräuend. Und -wuchteten nieder, wie ein Bau, den keine Kuppel, keine Wölbung, keine -_Weitung_ von der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken -scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein. Auch fehlten diesen Bauten -oft die -- Fenster. Innen war alles solid, gediegen, durchaus anständig -und komplett eingerichtet. Aber die -- Fenster, durch die man hätte -herausblicken können ins Unbegrenzte, ins Freie, ins _andere_, die, ja -die fehlten meistens, wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren -Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des ahnungslosen -Besuchers auftaten und ihn angähnten in undurchdringlicher Abgründigkeit. - -Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte Was war es, daß -sie trotzdem bei denen, die für uns in Frage kamen, nicht eine volle -Würdigung finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist, aus dem -diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der verfallen schien, jenen Mächten -verfallen, die wir in der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in -den Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«, wie Beethoven -selbst es nannte. In vier Noten klopft da das Schicksal an die Tür: - -[Illustration: Musiknoten] - -Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte, die die _lichte -Lebensstimme_, die beschwörend, beschwichtigend hineinsingt in sie, -- so -süß, ach, so süß, -- - -[Illustration: Musiknoten] - -immer wieder überdröhnen. - -Ihnen gehörte er, -- er konnte nicht anders. - - * * * * * - -Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod: Schottische Balladen. - -Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken hätte interessieren -können, aber »geschrieben« war es! Die Kraft der Anschauung, die -reinliche Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch wie -notwendig sich ergebender Bilder, die er an Frauenbüchern immer vermißte, -hier waren sie. - -Er las und -- staunte. »Allerdings,« sagte er, »das hätte ich einer -Frau nicht zugetraut! Allerdings.« - - * * * * * - -Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café. Beide hinter Zeitungen -vergraben. Plötzlich fährt Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen« -(warum soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde umsehen, da -dieses alte von so anschaulicher Kraft ist?) empor. - -»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt in einem Tempo über -den Tisch, daß ein Wasserglas davor herunterfliegt. »Da, da!« - -Was war da? - -Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher Stirn, klugen Augen und -stattlichem Vollbart und darunter stand: Fiona Macleod. - -So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört! - - * * * * * - -»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte er. Ja, welche Fehler -waren denn das? - -Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht auffinden, und dennoch -weiß ich, daß er nicht ganz unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es -war, glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in mir hervorrief. Und -nicht nur indem ich ihm entgegen war, sondern auch, indem ich -- schmiegsam -war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht zu dem gewünschten -Austausch in Harmonie. Daß er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte -auf mich zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war, was -ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von gestern zu entsprechen. Als -zerwühlend empfand ich es schon damals triebhaft, -- diesen verwirrenden -Wirbeltanz mitgemacht zu haben. - -Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur möglich? Ja, warum war es mir, da -ich mit ihm war, nicht anders möglich, als eben so? - - * * * * * - -Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun wieder besonders kräftig. -Dieses Hinschwingen zu ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen -hatte, noch bevor er mich kannte, -- es zeigte so recht seine Not über -die verwirrenden Geschehnisse, sein Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine -neue Liebe im Gemüt zu einen -- mit der unterdrückten Liebe zur eigenen -Frau. - -Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe Schmerzen erzeugen -- diese -Trennung von den Kindern und von ihr. - -Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, Gefühlsgedächtnis -(denn für abstrakte Gedankenketten war sein Gedächtnis sehr stark). -Der Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der Vergessende -- der -Ausgelieferte. - -Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. Eng verknüpft mit -Treue. Treue -- eine Kraft der Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des -Gehirns. Alles Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert sie ab, -als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber setzt Fülle voraus, -Fülle und Sammlung, die festhält, ökonomisch anlegt, nichts verschüttet -und nichts verrieseln läßt. Treue ist _Abgrenzung im Gefühl_, und hier -waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte zu sehr von Theorien. - -Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die Leute rein blöde mache. -Sie fanden sich nicht mehr zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste -der, der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein Intellektueller, -bei dem durch den Intellektualismus der »innerste Sinn« nicht gelitten -hätte, dieser Sinn, der von der hohen Instanz der _Gefühle_ dirigiert -wird, ein Intellektueller, der _doch_ vernünftig wäre, -- das war mein -»Ideal«, das ich seit Jahren suchte! - - * * * * * - -Eines Abends, während er bei mir war, nannte ich -- deinen Namen. Ich -hatte am Vormittag ein Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört. -Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft an meinem -Hochzeitstag. - -»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du -- nennst einen fremden Namen, -einen fremden Männernamen, du -- du! -- -- --« - - * * * * * - -Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte sich. Er war kein -Liebloser. Nur ein Ungebärdiger war er. Aber aus dieser seiner -erschreckenden Ungebärdigkeit kam all dieses Zerstörende. Er war -ungebärdig, selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber. Wenn -etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen war, zum Beispiel unser -Zusammensein, nun _mußte_ es anders sein! Er hätte es nicht ertragen, -wenn es heute wieder schön gewesen wäre! - -Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal schön gewesen war, es -heute anders sein -- mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine -Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle. - -Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit -- Helene. Mit mir? - - * * * * * - -Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom ersten Bekanntwerden bis zum -letzten Fallen des Vorhangs -- hundert Tage. Und welch' eine Fülle war in -dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen. Wie war sie da schon ganz und -gar gewährt. - -Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein dreimal dreißig -- Jahre? - -Hundert Jahre fühlte ich über mir! - -O mein Elba! - -Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein halbes Jahr ist seit deinem -ersten Besuch verflossen. War es gestern? Es muß gestern gewesen sein. -Ein erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer so gewesen. Hold und -zeitlos ist das, was zwischen uns. - -Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich dir von Dimitri und -meinem Leben mit ihm sprechen, Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch -herunterfließt. Unendlich ferne liegt es hinter mir und zittert doch noch -nach ... - - * * * * * - -Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du wirst alt an diesem -Mann«, sagte meine Mutter. - -Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«, dessen Winkel er immer -»schwebend« sehen wollte, ach, er preßte sich zusammen unter dem, was -aus _seinem_ Munde kam. Und die Mundwinkel, die »schweben« sollten, -sanken -- traurig und vergrämt. - -Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er mir nicht genügend -Sicherheit für mein Frauenbedürfen und zu wenig Gewähr. Unsicher -in seinem Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals bis zu -Überzeugungen festigten, unsicher in der Beobachtung, unsicher in seinen -verschiedenen einander so widersprechenden Anschauungen, mischten sich -doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu einer Persönlichkeit von -unerhörter Tragik und Gewalt, der niemand die Erkennung versagte und -niemand den Gruß am Weg und die doch noch nicht begnaden konnte, weil -sie noch nicht die ausgleichenden Kräfte der Reife hatte und daher im -augenblicklichen Gefühl zerstob ... - -Auch in der äußern Form entbehrte er manches, auch sie entnahm er zu sehr -dem Augenblick, ohne ihre Bedeutung genügend zu würdigen. - -Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend für die Frau. Er hätte -mich mehr beschützen müssen, aber er war zu sehr mit sich selbst -beschäftigt. Und so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und schutzlos. - - * * * * * - -Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von gestern zu heut. Thmyan, -die Hetäre, Rebekka, die Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine, -schlanke Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine, ach so wenig -verläßliche Gunst. - -Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen, jedem Tag einem anderen Idol. - -Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu mehren, um das was -- _ich_ -war. - -Eine »Herrin«, die sich _nicht_ von ihm zerstören ließe, so sagte er -einmal, wäre sein Ideal. - -Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn eine selbst die -Schönheit einer Venus und das Temperament einer Bajadere hätte -- und -die Heiligkeit einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach dem -fehlenden begehren. - - * * * * * - -Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was immer er sah, hörte, las, -erfuhr, er war's, den es betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis -wurde daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das tänzelnde, -leichtgeschürzte weibliche Element war drei Tage lang sein Ideal. So -etwas, was man »bewachen« müßte. - -Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das wir sind, die da oben?« -fragte er mich im Zwischenakt, und sein »strenges« Gesicht verhieß mir -nichts Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen werden müßte! - -»Siehst du nicht, daß das wir sind?« - -Nein ich sah es nicht. - -Und er war es wirklich, der das alles war. Alles und -- nichts? Nein. Etwas -immerhin. Viel! Aber -- ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form. Er -zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte er selbst von sich zu -sagen. Nein. Aber gestaltlos, ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den -geheimnisvollen, eingeborenen, unerwerbbaren _Willen zur Form_. - - * * * * * - -Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele -- in unendlichen Ausstrahlungen. -Andre wollen umgekehrt: sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, festigen. -Und so wollten wir Entgegengesetztes und begegneten uns nur selten. - - * * * * * - -Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, war doch da in ihm: sentimental -war er zu Zeiten, pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals), -und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. Daß er seine erste Ehe -gelöst hatte, schien ihm eine ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in -der Welt hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch legte -er sie tagtäglich auf den immer geheizten Rost seines Gewissens. Er wurde -aber nie fertig mit dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der -zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst einen freundlichen, -erträglichen Ton fand, seit er von ihr fort war und die er in dieser Ehe -zerstört hatte bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, -- wäre er -bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht minder geröstet wie sein -Gehen. - - * * * * * - -Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. Etwas wie eine geheime -Gehässigkeit lag zwischen uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in -meiner Gegenwart, sagte ich: »Das ist ~mauvais genre~, lieber Dimitri,« -ich sagte es sehr sanft, »durchaus ~mauvais genre~.« - -Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, als wenn ich ihm auf diese -Weise weltlich kam. Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio, -zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie tun. Obwohl er mein Bruder -ist. Es zeigt, nun wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht -von -- Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art von Courtoisie, sitzt -eben im Blut.« - -Er warf mir einen Blick zu, -- wenn Blicke töten könnten! Aber, -suggestibel wie er war, hatte er von Stund an Respekt vor meinem -- -Geblüt. - - * * * * * - -Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding _nicht_ war, wußte er -am ehesten davon auszusagen. »Nichts behält neben ihm den eigenen, -unbedingten Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, immer wollte -und brauchte er »Auseinandersetzungen«. »Intensiv« sein, nannte er -dieses Herumwühlen in dem -- Innersten der Seele. In Wahrheit war es eine, -wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die alle diese Szenen entlud. - -Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin heil blieb. - -Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund des Subjektes« (Goethe). -Jene Gegend, die, meiner Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor -sich selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling zu Sais -erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte! - -Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das Symbol zerstört. »Alles -Vergängliche ist nur Gleichnis.« Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen, -dann fahr' wohl, Kunst! - -»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein anderer, Wilde. Ein -tiefes Wahrwort. Darin, daß wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines -Gleichnisses, eines Bildes (also immer wieder nur durch Vergleich mit einem -anderen Ding) dichterisch sinnfällig, anschaulich gestalten können, darin -liegt ein Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung seiner -Oberfläche, von allen ihren zahlreichen Seiten, nahekommen können. - -Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung, die »tiefer« dringen will, -als zum Symbol, im Irrsinn scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen -vor sich selbst! - -Das wollte er nimmermehr begreifen. Das heißt, theoretisch begriff er es -wohl. Aber praktisch ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes war -sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem anstrengenden Pfad seine -Begleiterin. - - * * * * * - -Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte und wühlte und ich laut -schluchzend neben ihm ging. - -Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar für solche, die so etwas -nicht erlebt haben. - -Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs Sofa. Er deckte mich mit -einer Decke zu, legte mir einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee, -den er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich und spielte ganz -leise, pianissimo, oft auch nur mit zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie -Mandoline), auf der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein Gesicht. -Seine blauen Augen schienen unnatürlich groß und flackerten dunkel. - -Keiner von uns beiden hätte das Substrat des »Streites«, der -aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt. - -Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise. Er saß und zupfte die -Fiedel, pianissimo. - -Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri Gruschk und ich. - -Stunden vergingen so ... - - * * * * * - -Eines Tages kam er: »Sprich nicht, -- deine Worte sind umsonst! Schau -nicht, -- deine Blicke sind umsonst! Ich bin leer, leer.« - -Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über uns geschwebt hatte, war also -richtig hereingebrochen: Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«? -Unmöglichkeit. - - - - -Um diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief von seiner Schwester, die in -Zürich Medizin studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam auf -der Durchreise nach der Heimat nach Wien und hatte hier eine -Erbschaftsangelegenheit zu ordnen. Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat -beistehen. - -Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in Anspruch, daß er manchmal nur -auf einen Sprung zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in ihrer -Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch »als Mensch« brauchte sie -ihn, wie er mir sagte. - -So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich die russische Studentin in -lebhafter Konferenz mit Dimitri. - -Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte sich überhaupt sehr -freundschaftlich um sie. Er habe eine wahre Verehrung für dieses Mädchen, -sagte er mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so »moralisch -leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller Horizont sei begrenzt. -Aber die »Moral« sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei -Männern für möglich gehalten. _Sie_ verstehe, was es heiße, »an sich -selbst schuldig werden«. Sie war ein »Adelsmensch«. - -Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei Kritik üben, denn mir -gegenüber gab sie sich ja nicht zu erkennen. - - * * * * * - -Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre Idol für die Sehnsucht -des Mannes hinstellte, so nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im -Weibe verkörperte »ethische« Prinzip. - -Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender« Mann könnte -für sie in Frage kommen, hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie -hinzugefügt: ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell und moralisch -genügen könnte? Sie habe sich darauf gefaßt gemacht, »einsam« zu -bleiben, weil sie nicht »besser« sei! - -_Und Dimitri sagte_: »Hast du dich jemals gefragt, ob du einem solchen -Manne genügen könntest?! Hast du dich jemals bemüht, _besser_ zu -sein?!« - -Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du, für den ich diese Blätter -schreibe! - -Er sagte es wörtlich, Johannes! - -Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen schreibe. Mein Gesicht -ist über und über bedeckt davon. Meine Hand zittert, -- ich kann nicht -weiterschreiben für heute. - - * * * * * - -Unter meinen Freunden befand sich auch ein Schauspieler, der von Zeit zu -Zeit öffentliche Vortragsabende veranstaltete, an denen man sicher sein -konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt zu erhalten. -In dem Geschäfts- und Snobgetriebe der Literaturhyänen der Großstadt -bildeten diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung und -Verständnis der _Lyrik_ tat dieser Künstler viel. Er sprach auch oft -mit Dimitri und mir über das Wesen der Lyrik, dieser, nach der -Musik unmittelbarsten Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs der -_künstlerischen Exstase_, -- _der Stimme_. - -Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher und notwendiger Poesie -unterscheiden. Und an solchen _echten_ Produkten nicht vorüberzugehen, wie -jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein Kunstwerk zu sich nimmt wie -ein Glas Bier und weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen. - -In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei nichts zu verspüren. -Frei und doch notwendig finden sich die Verse zueinander, ohne daß -Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim zuliebe -notwendig wären. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa. -Neue starke, seltsame Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in -lauter Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte es noch so glatt, -macht aber noch kein Gedicht: der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt -erscheinen. So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche -Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des Ganzen. Erst diese Logik verleiht -jedem Bilde _Macht_. Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes, -es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und -bimmelt doch leicht und lieblich -- und geheimnisvoll. Und er demonstrierte -diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten. - -Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum zu vermitteln. Erst dann -könne es ermessen, was ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf, -darin niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß. - -Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris Gedichte. Ich selbst -hatte niemals ein Gedicht gemacht. - - * * * * * - -Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen Abend erhalten. Dimitri -kam, mich abzuholen. Er teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin -abgetreten, er selbst werde sich ein anderes an der Kasse besorgen. Im -Saale würden wir sie treffen. Ich fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen -sei, mich abzuholen. - -»Sie -- sie findet keinen Kontakt mit dir.« - -»So.« - -Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in ihnen den Blick, den Helene -hatte. - - * * * * * - -In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, sprachen wir den -Vortragenden im Künstlerzimmer. Wir hatten einander mehrere Wochen -nicht gesehen. Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah mich -schweigend an, dann sagte er: »Wenn man wissen will, was Zerstörung ist, -so braucht man nur Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick auf -Dimitri. - -Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche Mann war unhöflich gewesen. -Endlich fand man einige Worte zum Thema des Abends. - -Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil er mich zerstört sah. Wie -kann man sich so nur blicken lassen, -- mag er sich wohl gedacht haben. - - * * * * * - -Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden Sonntag besuchen. Die -»Fünfte« war zu hören. Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte -Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir sollten uns vor dem -Musikvereinssaal treffen. Giorgio, Helene und ich warteten vergeblich -auf Dimitri. Er kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er war sonst -verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten unsere Karten und gingen hinein. -Eine mir selbst nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was war -vorgefallen, warum war er nicht da? - -»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene. - -»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich. - -Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf setzte ein. -Hoffnung blitzt auf in dem wilden Getümmel. Die Violinen tragen sie durch -zwei Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die Zweifel mischen sich -hinein, Flöte, Klarinett und Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang. -Aber die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der Bedrückung -immer wieder heraus, sprengt und durchbricht ihre Gruft: Triumphlied der -Posaunen. - -Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich war überzeugt, ein -Unglück müsse geschehen sein. Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich -meinte: einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie waren allein zu -Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, was da geschehen war. - -Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen hinauf, rüttelte an der -Glocke. - -Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder friedlich schlafend in ihren -Bettchen. - -Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig die rosigen -Füßchen, die der kleine Elias unter der Bettdecke hervorstreckte. - - * * * * * - -Ich fragte in seiner Wohnung an. - -Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen Hut und Mantel im -Vorzimmer hängen. - -»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und stellte sich breit -vor mich hin. - -Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite und ging direkt auf -Dimitris Türe zu, klopfte und drückte die Klinke nieder. - -Aber die Türe gab nicht nach, -- sie war versperrt. Drinnen aufgescheuchte -Stimmen, erschrecktes Geflüster, -- Dimitri und die ethische Dame aus -Rußland. - - * * * * * - -Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam und beinahe heiter durch die -Straßen. Ich weiß nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte ich -mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen nach, als darin Platz fanden. -Mich fror sehr. Der Herbst war naßkalt und neblig. - -Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht warm genug für mich. Schließlich -hüllte ich mich in Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe -neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel Wilhelm von Humboldts mit -seiner Braut und Frau -- -- -- - - * * * * * - -Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses Läuten: Dimitri. Das hatte -ich nicht erwartet. - -Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen, klinkte die Türe auf und -ging zurück in mein Zimmer. Er folgte. - -Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich obdachlos herumgetrieben, -kam er mir vor. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im -Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach er in Schluchzen aus. -Als wollte er sein Gesicht verbergen, warf er es in meinen Schoß. - -Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn mit den besten Worten, die -ich fand. - -Er blieb lange so, dann gestand er alles. - - * * * * * - -Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine empfindliche Natur; für -sensible Menschen gibt es in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es -ist immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe. Geschieht -sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein Chock, eine Verwundung des -innersten Wesens zurück. - -Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden. Ich hatte verziehen und ohne -merken zu lassen, _daß_ ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß -ich etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch zerfaserte er jede -meiner Äußerungen. Überall vermutete er Scheu und Überwindung. - - * * * * * - -Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte Gemüt zu »wirken«, -mit allen Mitteln, ach! »Wozu sonst bist du gut, -- _Stimmlose_,« dachte -ich bei mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!« - - * * * * * - -»Du -- du Frau, -- ich weiß nicht, -- ich werde immer verwirrter. Wenn -ich von dir bin, -- habe ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht, -warum. Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach Glück. Ich -weiß nichts mehr, ich weiß nichts mehr.« - -Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah ihn an, voller Weh: -»Dimitrino!« Lange, lange hatte ich ihn nicht mehr so genannt. - -Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub seinen Kopf in meinem -Schoß und weinte da bitterlich. - - * * * * * - -Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen gehabt. Oft geschah es, -daß ich nachts erwachte, in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren -Druck im Herzen. - -Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über seine Leiden. Er war sehr -zart, disponierte zu Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst -darüber. - - * * * * * - -Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen führen solltest, wie Liebe -tut, -- es wird dir oft salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies. - -Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der Art, die Schopenhauer mit -dem Welschwort benennt, dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà. - -Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches Leid, das schier alle -Kreatur zu umfassen sich sehnt, ist in solcher Liebe: Pietà. - -Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser meiner Liebe zu ihm. - -Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in dieser meiner Liebe zu ihm. - - * * * * * - -Immer fremder, immer unheimlicher wurde es zwischen uns. Ein Dunkles war -da, ungreifbar. Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene Stunden, --- wo Menschen sonst alles vergessen. Er nahm mir die Unbefangenheit -- -auch da! Das Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann gesagt -werden, was von ihm einer Frau geschehen kann. - -In den letzten Tagen vor meiner Abreise, -- wie sie zustande kam, wirst du -erst später erfahren, -- in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten -ja hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts Gutes mehr von Dimitris -Munde. Seine Arbeit lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner -Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder andere auch. Aber wo -fand ihn ein toter Punkt je weise? - -Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene Sinnlichkeit in ihm. -Schöne Frauen und hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, -- er -begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am liebsten. Und er erzählte -es mir, er schilderte mir diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen, -»objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«. - -Und ich blieb -- objektiv. Hörte das alles, entgegnete darauf ganz -»sachlich« und nahm es alles -- ernst. - -Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie ertragen, diese Art -»Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet. Nur Unabhängige ertragen diese -Abhängigkeit und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem Weibe lächelnd -beide Hände: Binde mich, du! - -Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte ich dich, lasse mich -wieder einwohnen in der Heimat deines Herzens!« - -Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir abhänge, du Geliebte! Das habe -ich in dieser Zeit wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie ihn -auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein wahrer Ernst ist nicht -dabei! -- -- -- O glaube! glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!« - -Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen. Wohl mir, daß ich es bin!« - -Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es, ist es zu Ende mit mir und -mein Licht ist ausgeblasen.« - -Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit« geraten -waren, sondern, die Sonderbaren, alle Throne der Welt hätten sie -ausgeschlagen gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk selbst, -es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen Lebenswert. Ein Wagner -nannte sein Werk -- _sein_ Werk! -- unernsthaft gegen diesen Ernst seiner -Liebe. - -Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten nicht nur diesen -Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich! - - * * * * * - -Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere als ich ihm diese -Bewußtheit und Seligkeit und darum Erlösung wird geben können? Ich -glaube es nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte. Die Sphinx mit -der Tatze sollte kommen und sein Bewußtsein betäuben. (So wünschte -er sich's: Untergang in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung -zusammengefallen mit Vernichtung. Die Melodie der dunkeln Mächte behielt -die führende Stimme in ihm, nichts konnte sie übertönen. - - * * * * * - -Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich neue Wurf ins Ungewisse, -war _mit_ Schuld an seinen tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein -Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die bleiche Brotangst die -Kehle zuschnürt, -- ein Unding ist's, ein grausames, widersinniges Unding! -Denn das Material, das kostbare, geht dahin in diesem verzweifelten Ringen -mit ihr, der bleichen, der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn -der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer Sorgen hat, so wird ihm -doch nicht sein Holz oder sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der -Sänger ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste Sorge sein -Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche Material: _die Stimme_. -Das Zarteste im Menschen, das _Tönen_ seiner Seele, -- ~anima~, die Stimme -wird gebrochen von der Not. - - * * * * * - -Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren diese Stimmen? Warum -duldet ihr, daß sie in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet ihr -sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden? - -Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer Not und Jammer sie zu ersticken -und zu erwürgen drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen -überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft! - -Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die vernehmbarsten Stimmen der -Nation? - - * * * * * - -Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre an seiner Bestimmung, an -seiner Berufung. Irr und wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte. -Sünde und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten Fingern. - -Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein Schicksal mit diesem Elend -verknüpft?« Meine Sache war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen -mochte über ihn, -- von außen und aus ihm selbst. Tragen, tragen. - -Aber das erstemal kam ich auf den Grund des Begriffes »Irrsinn«. - -Irr -- irr -- ich wußte nichts mehr. Nichts mehr von mir vor allem. -Zerpflückt und zernagt war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst? -Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit? - -Und keine _Stimme_ war da, das war das Schlimmste. Die Stimme, die Stimme, -sie schwieg mir, -- die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes _besaß_ mich, -es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war in Besitz von etwas anderem, -- -Dunklem, Fremdem, Grauenhaftem, Unerklärlichem, -- ich hatte mich nicht -mehr, es _besaß_ mich, und konnte mit mir machen, was es wollte. - -Irrsinn -- Besessenheit ... - - * * * * * - -Ich muß es tragen, -- so hatte ich mir gedacht. Aber es kam anders. - -Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel. Es gab ja keine Stunde des -Friedens mehr. Ich war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich weiß, -daß ich aufschrie und meine Hände ballte gegen ihn. - -»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann nicht aufkommen für dein -Elend. Ich richte Unheil an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich -an« -- und er riß mich beinahe zum Spiegel --, »du bist nicht -wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die ich vor drei Monaten sah? Warum -läßt du dich denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich -zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt habe, dafür -verachte ich euch alle zusammen. - -Und was habe ich denn davon. _Furcht_ habe ich vor dir --« - -Es blieb totenstill. - -Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob. - -Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden Halbdunkel und -hörte, wie er mit rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend, -mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir zurief: »Maja, rette dich -vor mir!« - -Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die mir rieten, zu fliehen. - - * * * * * - -Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden geholt. Aber nicht gepackt -wie sonst, wo sorgliche Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt, -hineingeworfen wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur schnell. In drei -Stunden war ich reisefertig. - -Und als mir, während der Zug an der Donau dahinbrauste, die Türme von -Wien verschwanden, da holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes, -schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten, aber nicht der -Werdenden! - -Und ich fuhr dahin -- in ein härteres Klima. - - - - -Ich kam hier an. Ich schrieb einen Brief an Dimitri. »Da es aus sein -soll, soll es ganz aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange keine von -mir.« -- Er ist frei, wie er es im Grunde sein wollte und wohl auch sein -muß. Unser »Eheband« wird keinen von beiden stören. Braucht einer -von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder, so wird er keiner -Schwierigkeit beim anderen begegnen. Auch die Grimasse der »Freundschaft« -wollen wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn die Liebe -geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit Zwerghaftem, das in seiner Art -ganz und heil ist -- dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten« --, als -daß ich den Torso von etwas, das größer war, als dieses Zwerghafte, mit -mir weiterschleppe. Auf den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand -- -eine Handvoll Asche -- Einsamkeit. - - * * * * * - -Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält sich an meinen Wunsch. Auch -ich gebe keine. Wozu Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug. Wir wissen -alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen, uns wiederzufinden, -- -nicht einander wiederzufinden, nimmermehr! -- sondern jeder sich selbst -wiederzufinden, _frei_ vom andern. - - * * * * * - -Gute Genien waren um mich in dieser Stadt. Große, stolze, gleichgültige -Stadt. Gibt Raum dem Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien, da -fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand es nicht, dieses Wien, da -ich darin festsaß. Ich litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag. - -Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen, -- Himmelsmanna der werdenden -Seele, die »gläubiger und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg -sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen Kräfte, derer -die Zarte, ~anima~, bedarf? - -Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen äußeren Lage meines -Lebens, jemals in innerer Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich -hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet war meine Situation -zeitweilig, innerlich und äußerlich. Ich glaubte kaum je wieder -herauszukommen aus solchem Zusammenbruch. - -Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige denn, daß eine Hand sich mir -entgegengestreckt hätte. Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so: -komme herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene, innere -Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine und erlöse dich selbst, o -messianische Seele, oder -- bleibe unten und vermodere. - -Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte. - - * * * * * - -Irgendwo müßte es doch jemanden geben, dachte ich mir immer, von dem -es einen nicht fortschleuderte, bei dem man gern und willig bliebe. -»Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für dieses Fortwollen, -Fortmüssen. - -Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang, als den zu finden, über den -ich _nicht_ »hinauskäme«. Von dem ich nicht hätte -- wegreisen wollen. - -Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte mich fort von ihnen. Wo wäre -ein Mensch, zu dem man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke -sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so schön!« - -Einmal einem solchen »Menschen« begegnen und mit ihm verbunden sein, -einmal nichts Häßliches erleben an einem Menschen, und gefeit wäre -ich gegen alle Gefahr, -- gegen alle Versuchung, auf falsche Geleise zu -geraten, wenn ich es einmal nur erlebte! - -An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen fertig geworden. An -einem einzigen, resoluten und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer -abwenden und weitergehen müssen -- in Einsamkeit. Und meine Treue blieb -unbelohnt. - - * * * * * - -Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung überkam mich öfters. -Diese Versuchung -- abzuschwören den Glauben, mit dem ich geboren war. Zur -wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören zu glauben an mein -- Eiland. -Zu kapitulieren, bevor alle Meere durchkreuzt waren. - -Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen Glauben daran. Und meine -Abschwörungsformel hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche, -damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf Deinen Traum von einem -Eiland irdischer Seeligkeit! Es gibt nicht das, was du dir vorstellst. -Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme, wo du sie findest, und -erwarte nichts weiter von denen, denen du in diesem Sinne begegnest. - - * * * * * - -Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von denen ich die meisten -verrinnen lassen mußte, sie, die das Leben mit sich führen und es mir -zuströmen sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie verrannen mir, -sie verrieselten im Sand, im Nichts. Und eilig, eilig geht es mit solchen -verschütteten, verrinnenden, versandenden Tagen! - -Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare Lebenssaft, der Lebenstropfen, -der _Tag_, und nichts _wird_ durch ihn! - -Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die Tage so verströmen sah und -doch nichts, nichts daran ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein. -Es gab nichts anderes, als -- warten. Man mußte sich hineinsetzen, die -Hände im Schoß, und warten, warten, ob nicht doch angespült würde von -ihnen, den Tagen, angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, -- Leben. - - * * * * * - -Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie ich es auf dem ersten dieser -Blätter sagte. Schleifen und verschütten und begraben unter sich selbst. -Sie wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen, Monaten, so lange, -bis jene Kraft, welche Grüfte sprengt, auch diese Leichenhaufen toter -Tage, unter denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und aus -ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann immer breiter und breiter, -bis sie nicht mehr zu verdrängen und zu verschütten ist und, erlöst, -sich _über_ den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen. - - * * * * * - -Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen. Ich wußte, daß vieles zu -erfahren sei. Aber niemand konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte -eben selbst -- erfahren werden. Man mußte es selbst herausbekommen, das -Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich hinzusetzen sei, auf daß man schön und -sicher stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke! Zickzackwege, von -denen keiner ein Ziel hatte, als das, wieder zurückzuführen auf die -- -Linie. Aber die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine Straße und -man kam doch weiter und weiter auf ihr. - -Wanderjahre! - -Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter. - -Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den Wegweisern zu sich -geboren sind! Das _Ideal ihrer Linie_ führt sie, trotz allen -Zickzackgeschlängels, immer wieder -- zu sich. - -Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige Biegung zu einer -Hauptlinie haben. Deren Wege in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein -Zurück mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe zerschellen. -Oder in die Runde führen, ohne auffindbare, ruhende Ausgangsstelle, ein -narreteiendes Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen münden. -Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend und den armen Läufer zu Tode -hetzend. Betörend und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, -- -wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach buddhistischer -Vorstellung, alle die durchirren müssen, die dem Sakyasohne nicht -nachwandeln -- -- -- oder zu Christus nicht finden. - - - - -Wie wild mein Leben doch eigentlich aussieht! Und dabei bin ich eine so -treue, kleine Klette. Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß, -hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig sein. Und ich hielt ja -auch aus, -- ach -- so ewig wie möglich! - - * * * * * - -Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen Blättern. - -»Für _wen_ aber führt sie diese Blätter?« Ja, das ist das Geheimnis. -»Wo ist der Freund, von dem sie immer spricht?« - -Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das Buch um, dreht es nach allen -Seiten, und vielleicht merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild. - - * * * * * - -Der Freund kam in das Buch, der Freund kam in das Leben, -- _während_ ich -plauderte. Er trat ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß _er_ -es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern merken lassen -sollen, früher, da ich es doch selbst so spät merkte. - -Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich Sie nun wiedersehe, nach so -vielen Jahren! Wie kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen -seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah, -- an Ihrem -Hochzeitstage?« - -Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen. - -Auch daß ich meine _Stimme_ verloren hätte, erzählte ich ihm. Aber das -wollte er nicht glauben. - -Und da er ein Musiker ist und ein Meister -- nahm er sich meiner Stimme an. -Musik kam mir von ihm. Und er rief und lockte die _Stimme_. - -Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm gekommen war, -- da schien -mir's, als wäre ein Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes -und Stechendes aus meiner Kehle genommen. - -Frei und rein erklang der Ton. - -Und da sagte er: »Siehst du --«, und aus seinen Augen floß in mich, was -nur mir gehörte, mir ganz allein. - -Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und von meinem Leben zu -erzählen. Ihm sollte ich es erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte. - -Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart sich berühren, sollte ich -ihm das Buch führen. - -Der Augenblick ist da. - - - - -Zweiter Teil. - - - - -So sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es an dich richte. Darum bist -auch du es, an den ich alles schreibe, sage, denke, -- singe. Ohne diese -Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe, nie schreiben können. -Ich hätte den Rhythmus nicht gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton. -Indem mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir die Stimme. Die in der -Kehle und jene andere. Sind sie denn nicht eines? - -Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle. Es war sein Unglaube, -verstehst du? Er hat zuviel gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser -Mühle des Zweifels formlos. - -Du, du gibst ihr -- Form. Form und Ton. - -Und das, gerade das will die Seele: Form werden. Das ist ihre Erlösung, -wie der Stimme Erlösung ist, zu tönen, Melodie zu werden. - -Form und Ton gibst du mir, ihr! - - * * * * * - -Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen. In einem Fach des Schreibtisches -hatte ich es liegen, das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild, ein -Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber wie es darin war, schien es mir -ganz trüb und befleckt. Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts, das -Glas blieb fleckig, trüb. - -Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris Bild lag daneben auf dem -Tisch. - -Du kamst dazu. - -»Du weinst?« - -»Ja, -- es will nicht blank werden, das -- das Glas.« - -Und du hast mir geholfen, -- hast den Rahmen angehaucht und das Glas -geputzt. - -»Er -- hat es -- getrübt«, sagte ich. - -»Ach nein, -- dafür mußt du ihn nicht verantwortlich machen«, sagtest -du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit. - -Und dann putzten wir und hauchten wir -- zusammen. - -Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du hast mir ja die Tränen von den -Augen geküßt, die ich um Dimitri geweint. - - * * * * * - -Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses Bild herausnahm, -- da -hatte ich etwas wie Furcht. Hatte er immer Furcht vor _mir_, jetzt habe -ich sie vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann es nicht -ertragen, es benimmt mir den Atem und erregt mir Beklommenheit. - - Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt. - Wie sollt' ich's anders meinen? - Dies Bild hatt' ich dem Rahmen längst entnommen, - Ein liebes Frauenantlitz war an seine Statt gekommen, - Und trüb, befleckt will's hinter diesem Glas erscheinen, - Wo deine strengen Augen durchgeglüht. - - Wo dieser wilde Blick hineingelodert, - Da ist ein Lebendes daran vermodert. - Wo dieser Stirne Dräuen ward gesehen, - Da mußt' ein Herz in Bangen stille stehen. - Und war einst wie Kristallglas ein Gemüt, -- - Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt. - - Aus diesem Mund ist nie ein Heil geblüht! - Fort mit dem Rahmen, der zu seiner Zeit - Gedient! Fort auf den Schutt: Vergangenheit. - Fort mit dem trüben Glas, fort mit dem toten Rahmen, - Denn ungemahnt nur geht sich's neue Bahnen, - Fort mit dem Bild, das mich mir selbst getrübt! - - * * * * * - -Das ist ja ein Gedicht? - - * * * * * - -Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen hat zwischen uns. Den Tag -möchte ich wissen. Und kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie jenen, -an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern. - -Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit den Blättern und -- jenes -andere? Geheimnisvoll verbunden beides. - -Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie man den Augenblick nicht -feststellen kann, in dem ein Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße -der Maschine, man hört, wie die Schraube sich wühlend in die Tiefe bohrt, -schäumend und brausend wallt es auf ringsum, -- liegt man noch, fährt man -schon? - -Plötzlich ist man draußen auf See. - - * * * * * - -Was ist es, das uns so verbindet? - -Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden? Noch viel weniger. -So wenig gleich und so wenig verschieden wie -- Verse, die sich reimen. - -Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom Wesen der Lyrik, die jener -Künstler und Kenner gab? Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden? -»Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns? Ich glaube, ich -glaube ganz wie in der echten Lyrik: »Ohne Umstellungen, Inversionen, -Gewalttaten, Kompromisse. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht -Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und der Gedanke, der Gedanke in dem -Gedicht »Wir« ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form strömt -aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, -klaren Sinn und bimmelt _doch_, leicht, lieblich und -- geheimnisvoll!« - -Stimmt! Stimmt alles! - - * * * * * - -Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos wurde an ihm, hatte jener -Künstler mir gesagt: »In diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.« - -Ja, sie war in einen Katarakt geraten. - -Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die so einen Katarakt -durchfließen? Für verloren gehalten werden, so lange sie da drinnen sind, --- bis sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und ihres Weges -ziehen. Solche Gewässer, die ihre _Form_ bewahren, auch wenn sie in andere -Gewässer geraten, ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der -ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem Flußbett -dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt. - -Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben Uhr, wenn ich die Augen -aufschlage, bis Mitternacht und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich -gehe nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern. Ich denke, denke, -auch da ich nicht denken will. Die Stimmen überfallen mich. Und ich halte -krampfhaft zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen will, ich -halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer, bis zu dem Augenblick, wo -sie münden dürfen, jedes einzelne dort, wo es soll. - -Schaffen -- Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch als die Frage einer Kraft -des Schöpfens, die des Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen = -Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage bricht! - -Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern! - - * * * * * - -Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir so, Lieber! Denn was ist -denn schön an mir. Es kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles -das, was da ist, schön _scheinen_ läßt. Auch Dimitri kannte dieses Licht --- anfangs. Er sagte dann: ~Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja.~ -Das ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du mich immer schön -findest, kommt eben daher, daß dieses »Licht« nun _dauert_; von einer -großen, stillen Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie speisest, -priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie Tag und Nacht brennt und -nimmer erlöschen kann. - -Darum siehst du die ~Lux in Maja~, und Maja ist -- schön. - -Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner geliebten Gegenwart, -- die -Lux verhuschte mir nicht! - - * * * * * - -»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn ich meine »guten -Momente« hatte. Aber er vergaß, vergaß sofort, daß er sich eben noch -entzündet hatte an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter -seinen wilden Worten verschwand, verhuschte. - -Er vergaß. Gedächtnis, _Treue_ und Ethik, ein Zusammenhang, den Weininger -in einer jener Partien seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus -dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat. - -Und ich wurde älter und älter an ihm, -- uralt in rasendem Tempo, in -dieser wilden, allzu wilden Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem -letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist _das_ die Frau, die ich -vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen lernte, warum läßt du dich denn -_zerstören_, du?«, da, da war ich hundertjährig geworden. - -Jetzt? »In _seiner_ Liebe leucht' ich und lach' ich nun auf!« - - * * * * * - -Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war ich ein grauer Schatten, -ein zerstörtes Weib. Mit meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren! - - * * * * * - -»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt und blüht! Die reine -Rose von Jericho!« - -»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt worden! Da streckt und dehnt -sie die zusammengerollten Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder -blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.« - -O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon am Klavier, und wir sangen -in Duo: - - »Wie riecht sie süß, -- nach Zimmet und Zymmanen, - Die Rose, - Die Rose, - Die Rose von Jericho!« -- -- -- - - * * * * * - -Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst. Wenn nur beide -in fröhlicher Spielkraft bleiben! Sonderbare Figuren entstehen, -Konstellationen sind plötzlich da, -- man weiß nicht woher, wie Gestalten -auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei Licht als gewöhnliche -Gegenstände entpuppen. Nur Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar -bleiben! Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster, soferne ihr -wollt. - -Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten ungebärdig. Und -furchtsam. Und werfen die Flinte ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen, -dieser der Kunst so nahe verwandte. - - * * * * * - -Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine Seruminjektion. Mit einer -feinen Nadel unter die Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das -Gift bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und wie eine solche -Kränkungs-Seruminjektion gleich wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die -Seele und auf das Aussehen. - -Dann _kam_ er, schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte: -»Sonderbar, wie du dich verändert hast!« - - * * * * * - -Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige Definition von Glück -gelesen: »Was ist Glück? -- Einen langen Spaziergang in engen -Lackstiefeletten gemacht zu haben und die dann auszuziehen.« - -Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt zu haben, -- und dann -nicht mehr mit ihm in »Liebe« zu leben. - -Das ist Glück! - - * * * * * - -Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper. Nicht etwa der eines -schwachen Mannes war es, -- der eines Jünglings. - -Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und Irren. - - * * * * * - -Weißt du, diese Blätter da, -- in denen bin ich drin. Mit ganzer Person, -ganzer Stimme, mit meinem Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch -in dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und Weinen nicht -nur hineingeschrieben habe in diese Blätter, sondern auch wirklich -hineingelacht und hineingeweint, während ich schrieb. - -Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was wohl nicht vor, beim -Schreiben, -- wie? - - * * * * * - -»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer. Und »komm, komm -an meine Brust! Schütte da alles aus! Alles, was vom Heulsäckchen, -Lachsäckchen kommt, gehört hierher.« - -Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen, hier kann ich weinen. Hier -kann ich alles hineinplaudern, hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann -ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich -- schweigen, schweigen -und ruhen! - - * * * * * - -»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir nicht so erscheine wie -eine Frau, so eine richtige, verheiratete, oder doch verheiratet gewesene -»Ehefrau«, -- eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares -Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin. Dann mit modernisierter -Orthographie: Frowelin. - -»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint geboten«, sagtest du mir -heute mit gründlichem Professorenernst. - -»Nun?« - -»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe Welle, Frohwelle, -Frowelle!« - -Und da kam es auch schon unter deinen Händen aus dem Klavier, -- das -Rheintöchterlied: - - »Wigala weia, woge, du Welle --« - -Und -- »Frohwelle du, Frowelle du« wurde hineinparaphrasiert. - - »Herzeliebez Frouwelin - Kunt ich baz gedenk dîn«, - -so singt unser vieltrauter Vogelweid. - - »Herzeliebez Frouwelîn -- -- -- --« - - - - -Diese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend gespitzter, gezückter -Kohinore, die ich mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur _einen_ -traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, einmal welche in Hülle -und Fülle zu haben), -- sechs Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal -stumpf, bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden als Notizen. -Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in mich ein, über mich her, lassen -mich nicht, jagen mich, bis ich sie -- habe. Ich »denke und dichte« in -einer halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben kann. - -Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man muß ja auch denken! Ja, wenn -man nur denken müßte! Aber man muß ja auch schreiben! - -Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren und sie mit -Jägertüchtigkeit erlegen und sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade -das ist hier die Frage. - -Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor sechs Uhr schon, erwache -(ich Langschläferin schlief sonst immer bis gegen elf Uhr vormittags so -tief und fest, wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) --, wenn »es« -mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt und mir den Schlaf aus den -Augen scheucht, ist mein erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische -neben meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten Stifte. Und ich -schreibe, schreibe im Bett, -- eine Figur für die Meggendorfer. Fast -täglich wird solch ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues -nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir immer beschwerlich. Aber -fertige Hefte kaufen? Das »tragt's nicht« bei einer -- Sängerin, die -ihre Stimme bisher nicht zum richtigen Klingen brachte. - -Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während ich nähe, _schreibe_ ich -schon in die halbgehefteten Bogen, -- schreibe, während die Nadel am Faden -baumelt! - -Wäre ich eine -- Schriftstellerin, man könnte von einer »produktiven -Epoche« sprechen! - -Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht eine Schreibmaschine -erfindet, die direkt mit den Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?) -in Verbindung gebracht werden kann, während das Schreibpapier sich -baldachinartig über dem »denkenden Haupte« wölbt, so daß, sowie »es« -dadrinnen denkt, die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier tippt, -- -so lange ist die ganze Schreiberei eine Art Tortur. - -Aber -- eine wollüstige Pönitenz! - - * * * * * - -»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir einmal Günther von Werfeld, -einer meiner Freunde, ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!« - -»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß das Reitkleid mich kleiden -müßte, weil es die kleine Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er -sie hebt?« - -»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an Ihr Gesicht, zu Pferde, auf -der Jagd, an dies Gesicht, wie es sein müßte, wenn Sie -- _jagen_.« - -Jagen, verfolgen, erlegen! - -Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich auszuprobieren. Denn ich -habe nicht Roß noch Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie. - -Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa! - -Hier ein paar Hasen, dort ein paar _Enten_, aufgescheucht wirbeln sie empor --- Wildenten! --, und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa, -hussa! Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem Gestrüpp? Ein -Sechzehnender! - -»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht auf Hasen, aber kommt ein -Edelhirsch --«, sang ich einst in der Operette. - -Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles zusammen -- von allen Seiten, -ihr Treiber, ihr Helfenden! - -Und -- was begegnet mir da? Ungetüme, die man in Europa längst -ausgestorben glaubte, -- Urochsen, Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen -fertig? Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle Fälle -habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem bloßen jagdlichen Anblick -tun sie, was die Sphinx tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich -selbst. Diese da? Ich jage auf sie zu, -- holla, holla, nur Mut, blast mir -das Jagdhorn dazu, halali, -- ich bin in der Nähe, schon hören sie das -Keuchen meines Rosses, die Lanze ist gezückt, -- da trifft sie mein Blick! -Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die man längst ausgestorben -glaubte in Europa, -- sie fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen -Anblick, sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«, mausetot! - -Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in seiner Katastrophaltheorie -auseinandersetzte: - -Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte Fauna wurde von ihr -»hingerafft«, streckte sich aus und war »dod«. Bekam dann später, -viel später, ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das bedeutet in der -Zoologie: ausgestorben. Am Tage nach der »Katastrophe« war dann die Erde -mit funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt. - -Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa! Hussa! Vorwärts durch die -grünen, die immergrünen Wälder! - - »Ein Luftroß jagt - Im Laufe daher, - Auf der Wolke fährt es - Wetternd zum Fels! - Hussa, hussa!« - -O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du wärest nicht enttäuscht! - - * * * * * - -Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt käme, ohne Arme, er würde -doch ein Maler. Wie? Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument -schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden. - -Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem alles Musik ist, der in Rhythmen -denkt, in Melodien fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in sich -trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel der singenden _Stimme_, -jenem, das dem Geheimnis am nächsten ist, -- der Musik, -- angehört, -wie seiner wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt kam, daß er kein -Musikinstrument meistern konnte?! - -Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich Klavierspielen -erlernten, trotz -- sagen wir -- zwölfjähriger Lehrzeit? - -Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne daß ihm »mit einem Finger« -zumindest, die Melodie zur Begleitung mitgespielt wird? - -Und der doch schier birst vor Musik in sich? - -Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie? Womit? - -Er würde sich das Instrument, das ihm _zur Melodie verhilft_, schaffen, -und gälte es, mit der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa -gar mit der -- Feder zu musizieren. - - * * * * * - -Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, -- soll ich's verklingen lassen? - -Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt, nicht festzuhalten, ihm -nicht nachzugehen, -- eine Todsünde. Etwas will geboren werden, und du -achtest es nicht? - - Empfang. - - Königliche Gäste kommen! - Den Weg gekehrt - Und das Haus geblankt, - Die Pfosten umrankt - Und den Störern gewehrt! - Königliche Gäste kommen, - Die Botschaft hab' ich vernommen, - Du Bote sei mir bedankt! - - Verlassen lag mir das Haus, - Von ihnen gemieden, - Von ihnen geschieden. - Freudlos wohnt' ich im Haus. - Schatten kamen und Schatten gingen - Zu dumpfen Gespensterfesten, - Doch nach den Gästen, den Königsgästen, - Sah ich das Herze mir aus. - - Königliche Gäste kommen! - Die Botschaft hab' ich vernommen, - Dem Boten will ich es danken. - Um die Pfosten soll es sich ranken, - Festlich stehe das Haus! - Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden, - Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, -- - Meine blühenden, jungen Gedanken! - - * * * * * - -Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte einmal ein Dichter etwas -schreiben, woraus man entnimmt, wie es in diesem Kessel aussieht, während -er, -- hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige Wort, -- schafft. -Wie es in ihn hineinkam, in den Kessel oder den Dichter, wie es nun _ist_ -in ihm, wie es wird und wie es herausquillt -- Tropfen für Tropfen.« - -Das Schaffen selbst, -- ersichtlich aus dem Geschaffenen? - -Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst? Und das -eigentliche Produkt -- nur Nebenprodukt? - -Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte! - -Die _Stimme_ beobachten, die Stimme selbst, -- während sie quillt? - -Ist es denn -- möglich? - -Das Lied _und_ die »Stimme«? - -Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ... - - * * * * * - -Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage: woher hat's der Dichter? geht -auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.« - -Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des künstlerischen Schaffens -gemeint haben. Die kann jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt -und das Spielwerk darin untersucht. - -Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen und vermissen. -Geheimnisvolleres: _im Gesange selbst soll es sich offenbaren_. - -Das Schaffen selbst -- ersichtlich aus dem Geschaffenen? - -Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst? - -Das Lied _und_ die »Stimme«? - -War es denn noch nie? - -Das wäre -- das Buch der Inspiration. - -Wäre es denn möglich? ... - - * * * * * - -Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen hatte, war mir, -als stieße nur _eine_ Seite meines Wesens, irgendeine schmale Kante, -nachbarlich an sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da bin -ich ganz und gar hineingeschwommen in dich, wie so ein Fischlein in -einen tiefen See. Da kann es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten -Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten durchkreuzen, ohne -doch auf irgendwelche Klippen zu stoßen, an die es wild angeworfen werden -könnte. Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue Tiefe, wie -solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es den Grund des Gewässers -heraufleuchten, -- wunderbar licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend. - -Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach, ich weiß ja! Der See -mag ja das Fischlein so gern! - - * * * * * - -Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt, vor dir bei mir -behalten, nicht einmal, was ich von gestern auf heute in diese Blätter -schreibe, -- wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor sie fertig -sind. (Fertig? Wie? Wann? -- Ach!) - -Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung holen, mir alles -saldieren lassen von dir. So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen -unsterblichen Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest ein See und -ich das, was darin plätschert. - -Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du, kleine Maja, es gibt -verschiedene Fische. Solche, die sich lustig und flink an der Oberfläche -der Gewässer tummeln und manchmal sogar darüber hinaus einen Satz in -die Luft machen. Andere wieder, die sich hinunterwälzen, in gewundenen, -spiralartigen Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in lauter breiten -Umwegen, in lauter Serpentinen. Und dann gibt's noch andere Fischlein,« -- -und du sahst mich so lieb und so froh an, -- »die pflegen blitzesgeschwind -direkt auf den Grund der Dinge, -- der Gewässer will ich sagen, -- -hinunterzuschnellen.« - -Und du sahst mich wieder an, wie -- nun, »wie ein edler Papa sein -vergöttertes Baby« (nach Peter Altenberg das Merkmal echter Liebespaare), -und lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles, schnellendes -Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder umgekehrt: sehr viel -Mütterlichkeit soll in jeder echten Liebe sein. - -Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse, mit denen alle unsere -Diskussionen schön mosaikartig durchsprenkelt sind. - - * * * * * - -»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets -funestes.~« Ich halte dieses erkenntnistheoretische Wort Yussuffs -- -Friede sei mit ihm! -- an unsere: Diskussionen. - - * * * * * - -Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks. Jeder bringt was mit. Du -besorgst die Weisheit, ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide! - - * * * * * - -Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen Mahlzeiten. Ich meine -die wirklichen, diese lieben, lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich -entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs Leckermäulchen«. -Das hast du schon glücklich herausbekommen, diese Achillesferse. Und dann, --- ach, es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du mir zusiehst, -wenn ich esse! Es ist alles so voll Güte und Liebe und herzensfroh dabei. - - * * * * * - -Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer »an Rucker« (ein -wienerisches Wort, das du zum Glück nicht verstehst, -- sonst würdest -du sagen: du Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in dieser -degenerierten Welt begegnet bin, waren einige nicht üble Exemplare. Rudi, -mein erster Mann, war ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm -nicht sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt dahin, wie ein -morgenländischer König. Sollte ich ihn recht deutlich machen, so möchte -ich mich auf das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges und -sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch bei dieser für mich -so frappierenden Ähnlichkeit mit dieser Kainzschen Maske viel an der -Barttracht gelegen sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske des -Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten, intuitiv wahrscheinlich, -vollendet getroffen hat. Dimitri, -- er hatte den Körper eines -Hinduknaben, die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons. Aber eine Stirn, -ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft war auch der Mund, so prachtvoll -auch das Gebiß daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand. - -Du -- bist anders als sie alle: einwandfreier. - -Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich schildern? Fällt mir gar nicht -ein. (Oder, wie man hier sagt, -- ich denke gar nicht daran.) Die andern -habe ich »geschildert«, weil ich sie _dir_ zeigen wollte. Dich -- will -ich niemandem zeigen. Bleibe du mir nur hübsch in der Tarnkappe, mein -lieber »Held«! Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt, -oder du warst einst für eine kurz bemessene Frist -- mein Gast. - - * * * * * - -Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter, mysteriöser als Märchen -sind. Die Märchen haben immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn -ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht das wirkliche -Feenland, nach dem ich ausgezogen war. Und daß ich vorsichtig sein müsse, --- sehr vorsichtig, um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu finden. -Ach, und ich wachte immer auf, und immer so, wie ich es gefürchtet hatte. - -Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich schüttele und rüttele -mich, -- und wache nicht auf! Es ist, ist. - - * * * * * - -Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder dieses Dinges kann ich -mit dem Verstand nicht beikommen. Und was immer ich schreibe, -- in -diese Blätter, -- das, was wir zusammen erleben, ist noch viel, viel -wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach so, daß ich mich, wenn ich allein -bin und der Gedanke daran mich überfällt, aufs Sofa werfen muß und den -Kopf in die Polster vergrabe. - -Das »Wunderbare«, _es kann sich offenbaren_, nicht sich deuten lassen. - -Nur niederstürzen -- beten, beten! - - * * * * * - -Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische Mächte in Händen -gehabt und mir die _Stimme_ in der Kehle -- und in der Seele -- erwürgt -und erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es hinter mir. Und kam -doch -- aus mir? - - Dämonen. - - Was war es denn, - Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt? - Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück, - Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen. - Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen, - Schon kam es näher mit dem Eisesblick - Und drängte sich heran in dunkeln Wellen. - - So blickt der Tod. - Das ist die ewige Öde, - Die mich mir selber will begraben. - So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt, - Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest! - Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben, - Die mich mir selbst erpreßt?! - - Was war es denn? - Es flieht, es scheut das Licht! - Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten - Dem Tage zu. - Was war es denn? - O frage nicht, -- Vermessenheit des lauten Wortes. - Nur niederstürzen: beten, beten! - - - - -Du sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit dir von allen anderen früheren -Schicksalen mit Frauen unterscheidet«, -- du hast ja gleich mir Schicksale -hinter dir --, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit. Gegen dich gibt es -keine Stimme, auch nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir: -sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein. Alles ist Gewißheit.« - -O diese deine Worte! Und dennoch: gemeinsame Bahn zu gehen, für Zeit -und Ewigkeit -- Freund, wir wissen nicht, ob es beschlossen ist -- aber -bewahren wir uns: unsterbliche Güte! - - * * * * * - -Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen sollen, in dem -Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart sich berühren«. Bis dahin, sagtest -du ja, solle ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen, deutlich -sehen, ach, meine Festlandsreise! - -Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und: wir sind jetzt auf hoher -See. Wer kann da sagen: Halt! Es fährt, nicht ich und du. - -Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns an den bebenden Händen -und blicken hinaus, mit den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die -Märtyrer haben und die -- Entdecker. - -Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland vor uns liegt, das wir -beide dort drüben wissen, weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden. -Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste, die wir schon ahnten, da -nichts sie uns bestätigte, da wir schier unüberklimmbare Gebirge um -uns fühlten, da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir uns -rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief drinnen im Binnenland. - - * * * * * - -Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich häufen, sich aufstapeln. -Wie wieder eins und wieder eins, über das diese meine geheimnisvoll -geschobene Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen, zu Boden -gleitet, und wie wieder ein neues weißes Blatt vor mir liegt, sich -wieder füllend mit diesen seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst -unheimlich, und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu Füßen, -- -weil die Blätter zu fassen und wegzulegen keine Zeit ist! Und wie sie da -rascheln, wenn der Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie -stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen, sie türmen -sich, sie häufen sich, -- ein Opferstoß! - -Wer ist in mir, _wer ist in mir_, daß es also über mich kommt, zu -- -opfern? - -»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die Melodie.« -- -- -- - -An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen seinen geliebten Briefen an -Sophie: »Genie, wer hat es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage. Mann -und Weib haben es zusammen.« - - * * * * * - -»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir von dir! Jeder Blick -auf dich, Freude. Die Worte von deinen geliebten Lippen, Freude. Jede -Berührung mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele, eine einzige -Freude. Ich habe keinen Augenblick noch neben dir verlebt, ohne diese -Freude in mir zu fühlen.« - -»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich. - -»Pfui doch!« und du klopftest mich böse. - -»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte ich, da ich meine -Schläge weg hatte, »es ist was dran: ich hatte immer das Gefühl, -daß, wie soll ich sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort -›Freudenmädchen‹ ein wunderbarer, transzendenter Gedanke verborgen -sei: das Weib als einziger Freudenborn des Mannes, aus dem er sich Ekstase -antrinkt, um seiner ihm aufgetragenen _Melodie_ mächtig zu werden.« - -»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen? Besonders wenn es mit -einer Singvogelkehle zur Welt kam?« - -»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig die Freudespendenden -sein, soll ein edles Konzert zustande kommen. Man müßte sie erziehen zur -Freude.« - -»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem tiefen deutschen Blick. -»Erziehen zur Freude? Nein, Maja, das kann man nicht. Der schöne, das -ist der freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja, hier liegt's. Aber -_daß_ er schön geboren werde und daß der also Geborene dauern könne, --- das ist die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler und der -Gesetzgeber.« - - * * * * * - -Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich -einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in -ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten -muß das Höchste zu seiner Höhe kommen!« - -So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die Eingeborenen der Liebe, die -echten ~Grands Amoureux~. - - * * * * * - -Mann und Weib -- ungeheuere, unerschöpfliche Gütespender für einander! -Einander »zugewiesen«, um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu -verhundertfachen, mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar sich auseinander -zu speisen! Und um die gesuchte _eigene_ Melodie einer aus dem andern -klingen zu hören, während dieser Ernte, in all der holden Üppigkeit. - -Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es wuchert, das Pfund, wenn es -sich verdoppelt, verhundertfacht und wenn es fröhlich klingt dabei, -- -horch: Erntemotiv! -- dann »stimmt's«. - - * * * * * - -Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin! Menschenlaune, die sich -über Dinge ergießt, horcht ihnen ihre Geheimnisse ab. - -Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner Gesangsstudien erkundigten, -pflegte meine Mutter zu erwidern: »Ja, wenn sie bei _Laune_ ist!« - -Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur einmal durchhalten, diese -wunderbare, göttliche Laune, die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches -über mich herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im -Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«, und aus war's mit -dem Segen. - -Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang, ein richtiges Menschenlied, -in dem es lacht und weint, wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum -fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus! - -Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein, ein trauriges Puttel bin ich -zum Bäumlein der göttlichen Laune gelaufen und halte mich da versteckt -vor euch, bis ich alles heruntergeholt habe. - - »Bäumlein rüttle und schüttle dich, - Wirf Gold und Silber über mich!« - -Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin wieder, paßt nur auf, als -ganz waschechte Prinzessin, -- ihr werdet es gar nicht wiedererkennen. - - * * * * * - -Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna« geweint. Ja, ja, wie ich -sie hasse! »Die Menna muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt -die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!« Ja, ja, wie ich sie -hasse. Aber fast noch mehr habe ich über sie, durch sie, »mit sie« -- -gelacht. Und das stimmte mich immer wieder -- versöhnlich. - -Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem Leben -- über dieses -Leben! Mich ausgeschüttet vor Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn -ich selbst darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand immer noch, -außerdem, irgendwie über oder _neben_ der Szene, in der ich agierte. -Neben der Szene, in den Kulissen des Theaters stand eine zweite Person, -die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich sah, -- und wollte sich -ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten »Peripethien« des Dramas -wollte jene sich darüber erheitern -- oder sich gelassen darein ergeben. - -Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher _Wille_ war es, der mich aus -Schutt und Flammen immer wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir -selbst unbewußt -- als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige, starke, -schiebende Hand. Ein Wollenmüssen war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm, -diesem Willen zu mir, danke ich -- mich. Er auch führte mich weiter, ja -über mich selbst hinaus, ein gut Stück. - -Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter, strenger, schöner -Wille! - - * * * * * - -Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser mein Wille zu mir, mit -jener Ichsucht, die den von ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom -Objekte trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille zur Bewußtheit. -Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit meines Selbst, in allen seinen Elementen, -ist sein Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn man will. Der -Wille ist es, meiner wahren Gestalt auf die Spur zu kommen und diese meine -Gestalt nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn man will. Ja, -man heiße es meinetwegen Egoismus. Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem -Sinne), nur Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben. Denn -Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein deutliches, bewußtes Selbst -_hat_, vermag es hinzugeben. Nur der vermag auch abzuschätzen, was -er empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, -- man hänge ihnen einen -Purpurmantel um die Schultern und sie werden nur bemerken, daß da etwas -ist, was wärmt. Sie werden sich _behaglich_ einrichten -- im Purpurmantel! -Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen, wenn sie ein bißchen Gekribbel -empfinden in den dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht -in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen Blut. Verhaßt sind mir -die Laublütigen, die Purpurmäntel benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe -sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn sie Liebe über sich -- -ergehen lassen. - -Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne, sind fähig, um der Liebe willen -sich hinzugeben. - - * * * * * - -»Johannes, -- wenn _du_ mich enttäuschest, singe ich keinen Ton mehr«, -sagte ich gestern. - -»So.« - -»Johannes, -- ich habe Beweise, daß du mich nicht liebst.« - -»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?« - -»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus, von meinem Balkon, gegen -Westen, wo du ja wohnst, du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.« - -»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja, Maja!« - -»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der -- Luft finden müssen, -wenn du mich wahrhaft liebtest!« - -»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt. Aber behalte mich trotzdem -noch ein Weilchen, ja?« - -»Johannes -- ich hab' da was.« - -»Was denn? -- Der Tausend! Laß sehn! Ein Gedicht? ein Gedicht! Ja -wahrhaftig -- ein Gedicht -- ein Lied. -- -- -- - - Du liebst mich nicht, - Da solang mir fernzubleiben dir gelingt. - Du liebst mich nicht! - Du liebst mich nicht, - Da meiner Sehnsucht stummes Rufen - Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt! - Du liebst mich nicht! - - Du liebst mich nicht, - Da meinem Blick du nicht begegnet, - Wenn über _Meilen_ er zu dir gesandt, - Du liebst mich nicht, - Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt - Und in der _Luft_ das deine nicht erkannt! - Du liebst mich nicht! - - Du liebst -- - Was hör' ich an der Tür, - Wer pocht, als wollt' er sprengen, - Was ihm verstellt den Weg zu mir? - Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot. - Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen, - Du liebst mich nicht? -- auf Tod und Leben bot! - -»Du -- wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen Ton?« - -Ja, das weiß Gott allein! - -Und dann, -- dann setzest du dich ans Klavier. Ein paar Griffe, ein -weniges, kurzes Tasten und Suchen, -- und eine Melodie war da. Kindische -Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, -- ich sang ganz keck in -die werdende Komposition hinein und schmetterte es aus dem offenen Fenster -über alle Dächer: »Du liebst mich nicht -- du liebst mich nicht!« - -Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest du in dieser deiner -ernsthaften und doch lachenden Art, die ich vergöttere: »Dieses unser -Lied ›Du liebst mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!« - - * * * * * - -Was mir so lieb ist an dir, ist -- ist auch, denn was ist mir nicht lieb -an dir? -- daß dir die ironische Note so vollkommen fehlt. Du lieber, -ernsthafter Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst an dir. -Aber nicht bitterer, -- süßer Ernst! Sonnig ernsthaft bist du. Ironie und -alles, was ihres Wesens ist, -- Hohn, Witz, -- ist dir fern. Und das ist -gut für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und hast doch ein so gutes -Lachen: Humor. - -Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist gute Sonne, die wohlwill, da -sie lacht. Dimitri hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er konnte -»ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«. Er verschonte dann -niemanden mit dieser Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten -mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«. Diese -- Lustigkeit -ergoß sich in einer Flut von »Späßen«, die wie Distelköpfe auf die -Leute geschleudert wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die -Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis Dimitri das plötzlich -bemerkte und seine Lustigkeit mit einem Ruck stoppte. - -Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund Dimitris, ein Knabe von -achtzehn Jahren, ein Jüngelchen von dürftigem Körper, aber mit den Augen -Wolfgang Goethes, -- auch ein Ernsthafter, aber ein ernsthafter Jude, -- -gesagt hat: »Nicht über die Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!« - -Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes! - - - - -Wenn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt und ihm meine Wünsche vortrug -(was vorzukommen pflegt!), so bat ich früher immer hübsch detailliert. -Ich wünschte mir das und das und das. Gott, -- ich will een Ding haben, -- -wat forn Ding, min Herzenskind, -- Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht een -Püppche ha'n, nee, Gott, -- nee -- -- -- - -Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu bitten. Da wußte ich nur zu -blicken. Und der Blick bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und -mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich vor dem Wünschen. -Wünsche pflegen in Erfüllung zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des -Gebets: das Gebet ist der _Wille_, der sich sammelt und zusammenrafft. -Drum Vorsicht mit dem Wünschen. Denk an die Frau, die sich mit ihren -begierlichen Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du Wunschmaid, Maja -Hertz! - -Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst wieder von der Nase zu -wünschen! Die Normalnase wird dann für eine Zeit zum wahren Idol. - -Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: frohe _Gefühle_. Oder -sagen wir, gute Gefühle. Meine Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib -mir gute Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber der Grund gar -zu schwer aufbringen, dann laß ihn meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir -handeln in diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser die -frohen Gefühle ohne besondern Grund als haufenweise Grund, glücklich zu -sein, und stumpfe Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles! -Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden zu segnen, ich würde -ihm sagen, Gott gebe dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. Fluch: -Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein hierfür. Das Bewußtsein -macht erst Glück und Unglück. Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem -Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die _Stimmung_, _Stimme_. -»Seele ist Stimmung«, klang es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem -Herzen kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, bevor sie als -Überschuß an Lebenskraft schmetternd der Kehle entströmt. - -Gute Gefühle. - - * * * * * - -Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, Johannes, wie ich bade im -Glück, wie die Vögel im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das -Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. Aber selbst der gelassene -Sokrates räumt ein, daß kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder -friert, oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende Lerche, die doch -sicher eine frohe Seele hat, nicht die Nachtigall, noch der Wiedehopf, -von dem die Menschen lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in -Todesnähe, singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil er, »wie alle, -die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) Gutes ahnt. - -Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in meinem Leben umklammert. Und -das war schlimm für einen Vogel wie mich. - -Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle meine Kraft, mühsam diese -zerschmetterte, zerrissene Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein -Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was da war, zum bloßen -Weiterfristen, zum Herausheben, Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden -Enge. - -Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror entsetzlich. Rette dich, -trotz dieser Erstarrung. Dann Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in -dem ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern, daß ich -unter die Räder käme. Gefangenschaft, Frost, Hunger, -- die schlimmsten -Dinge, die so ein Vogel mitmachen kann. - -Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben: Angstgefühle, -die in einer Ecke des Herzens sitzen und herausschleichen, zu Zeiten, -zu Zeiten. Das preßt und drückt und zieht und krampft zusammen. Das -schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in lauter Gift und jagt und -erjagt die Seele und schlägt sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie -tot liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen, ein Stück -Weges. - -Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden. Ein »Angstherz« haben, wie -andere ein Fettherz. Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«, muß -ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo diese Angstgefühle nicht -herausgetrieben werden von den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie -sich), sagen: »Ich bin bei Seele.« - -Gute Gefühle, Gott! - - * * * * * - -Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle. Wie es über mich kroch, -kalt, kalt. Wie Schauer des Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang -ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm. Und Vereisung rings -um mich her und fahle Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie -von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen, nahe, nahe zum Herzen. -Und das Herz -- wie ein einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein -deutliches _anderes_, wie das Schwarze in der Scheibe, das auf die Kugel -wartet. - -Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war die Sehnsucht. - -Eisige Verödung -- jüngster Tag. Und das Schaurigste: Leben um mich herum -und nur ich -- wie ausgeschaltet aus der Kette des Lebens. - -Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an den ich geglaubt hatte, als an -das schiebende, logische Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie -zu ihrer »Bestimmung« schiebt. - -Frost -- Todesöde. - - * * * * * - -Verödung, Vereisung. - -Nicht, daß man noch liebt, daß man _nicht_ mehr liebt ist das Vereisende. -Und wo _ist_ der, den man liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn -die Erde verschlungen? Denn der da, den man _nicht_ liebt, eher haßt, -verabscheut, ist denn das der, den man liebte? Wo ist er hin? - -Und wo ist das, was ihm hingab all die warme Lebensfreude? Fort. Aus den -Adern genommen und nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet. - -Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser flutenden Lebenswärme, die -von Mensch zu Mensch strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts kommt -dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich. - -Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die Bretter gebracht, in »Wenn -wir Toten erwachen«. - -Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht aus Tücke, Schlechtigkeit -werden Schicksale zerstört: aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich -kraftlos entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, ist das typische -Verbrechen der Heutigen. Und was da entgleitet, versickert, in Schutt und -Sand zerrinnt, ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut eines -andern. - -In dieser Verödung, Verzweiflung war alles versiegt. Alle Kraft der -_Stimme_. Alle Kraft kommt ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist -kraftlos. Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, von dem die -Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: -- »Das war etwas, das -lebte, noch hätte leben können, _unendlich Jubel in seiner Kehle barg_ -und doch in Not und bitterem Frost verging.« - -Wie _Heimat_ fühle ich es nun um mich, Johannes. So ganz, als ginge ich -meinen Weg, meinen wahrhaftigen, mir bestimmten Weg, ist mir's zumute. -Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an die Lippen gedrückt. -Gute, frische Höhenluft -- und dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine -geliebte, braune, ernteschwangere Erde! - - * * * * * - -Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den anderen, die ich lieb -hatte. Dafür hatte ich sie ja lieb: für dies bißchen minutenlange -Heimatsgefühl. Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben ließ. -Mit wachen, klaren, frischen Augen kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn -ich mich einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen, dann kam dieses -Gefühl, und wie war ich jenen dann so gut dafür! Nahm es doch dieses -Furchtbare von mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses Gefühl -der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und des verzehrenden Heimwehs. Ein -Heimweh nach Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht überfiel -es mich oft. Dann kamen -- jene, streichelten mich ein bißchen und -vertrieben mir mit diesem Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare, -das Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen dafür gefolgt! Mein -Seelenheil hätte ich verkauft für das bißchen -- »weiches Gezottel«. - - »Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem - Furchtbaren. Jedes Ungetüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch - warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze --: und gleich - warst du bereit, es zu lieben und zu locken. - - Die Liebe ist _die Gefahr des Einsamsten_, die Liebe zu allem, wenn - es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine - Bescheidenheit in der Liebe! -- Also sprach Zarathustra und _lachte_ - dabei zum andern Male.«*) - - *) Nietzsche. - - - - -Dein erster Kuß -- ich weiß ihn. Wenn ich auch nicht weiß, -- wie er -so kam. Er erreichte mich. Er ward mir -- angehaucht. Auf meine Lippen mir -gehaucht. Ich glaube, es war, -- ich glaube, wir saßen nebeneinander und -sprachen. Sprachen wir nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause? Oder -kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir weiter? Ich weiß es nicht, -Johannes, und möchte es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir --- angehaucht -- auf meine Lippen. Und zweier Augen Licht sah ich in mich -hineinfließen, wie einen goldenen Strom, von dem nie noch früher eine -Welle mich traf. Nie noch! - -Golden war, ja golden, was da in mich floß, und lange dauerte es an, der -zitternde Hauch auf den Lippen, und das Goldene, das da in mich floß. - -Was -- war es doch, -- Johannes? - -Und du hältst mich in den Armen und fragst: »Was ist dir? Warum zitterst -du so?« Und deine eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so fragt. -Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen halten, ich fühle, -- wie sie -selbst -- zittern. Du Ruhiger, -- was bist du nicht ruhig? - -Und ich, ich? - -Was ist das mit mir? - -Du, -- deine Hand berührt die meine, dein Blick ruht auf meinen -Fingerspitzen, und ich fange an zu zittern. Bis du erbleichend fragst: -»Was ist dir?« - -Was ist das, Johannes? - -Was ist es? - -Ist es das -- Mysterium? - -Wäre es -- da? - -Geoffenbart -- das -- Mysterium? - -Was -- was geschah doch -- dort in den Tempeln -- zu Eleusis? - -Was war es doch? - -Mir ist, als sollte ich mich -- erinnern, was dort geschah, zu -Eleusis .... - - * * * * * - -Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich wenden, auf dieser unserer -Wanderung, -- wohin ich es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger -rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus, gingst lachend und -ganz, ganz schwindelfrei! Und ich, ich folgte, ließ mich führen -- -meinen, meinen Weg! - -Schwindelfrei! - - * * * * * - -Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und »Übermenschentum« -- es -ist nur das typische Kampferlebnis des edleren Mannes. Nur freilich bei -ihm zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten durchwühltem Wesen -werden mußte. Ein Ringender stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle -steht. Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend. In früheren -Zeiten hieß die Markierung: Schönheit _oder_ Geist, Tugend. Heute wissen -wir, daß die Schönheit als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend, -des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener andere Weg --- Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat der Idee an die Materie. Aber -nicht: Schönheit. Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist; -der Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als er damals war. -Vielleicht noch schwieriger: gilt es doch, die Fackel nicht zu verlieren! -Gilt es doch, nicht nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu -erringen, die umdornte! - -Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner Art du, in seiner er. Beide -suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen. Die verschiedensten Gestalten gehen -diesen Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen wunderlichen -Heiligen, den er den »Erhabenen« nennt: »-- o wie lachte meine Seele -ob seiner Häßlichkeit .... Noch lernte er das Lachen nicht und -die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der -Erkenntnis.« - -Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche, deren Haupt umschwirrt ist -von dunkelm Flügelschlag und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und -Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche Ritter, Ritter der -überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen, wie jubilierende »eiserne -Lerchen«. - -Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben Weg, auf dem sie -wandeln, jeder als ein anderer, jeder gemäß seiner selbst, jeder unter -eigener Fahne. - -Und doch _ein_ Weg! - -Auch -- Frauen gehen mitunter diesen Weg. Auch sie stehen mitunter am -Kreuzweg vor der Wahl. - -Wahl? Wird man denn nicht geboren für den einen oder anderen Weg? - -Wahl? Freiheit? Schicksal? - - - - -Verstört vermochte meine Seele niemals zu singen! Sie war dann nicht -- -Stimme. - -Die mir die Seele, die Stimme verstörten, ~anima~, die Zarte, die vom -Herzen lebt, sie waren die wahren, furchtbaren Störer, die Verstörer, die -Dämonen, vor denen ich zitterte mein Lebenlang! - - * * * * * - -In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich, deren Herz die Freude und -die Güte braucht, um nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande. - -Ihr, die ihr in Verödung lebt, -- betet, betet zur Sonne! Und wendet -den Kopf nur immer wieder fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren -goldenen Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch aus Sand und -Schutt und Staub heraus- und in ihr Element hinüberzieht, indem ihr -so leicht und frei werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige -Fischhaut losgeworden sind und frei, -- frei und erlöst im Äther -schweben. - - * * * * * - -Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter mir. Verzweiflungen, aus -denen ich mich zusammenklauben mußte, Stück für Stück. Das war, da -sie, die Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen zu mir. Schwer -rangen sie miteinander, er und jene. Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber -die Stimme, _seine_ Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn empor. -Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich! Entfloh _sie_ mir, war _er_ -verloren und ich mit ihm und das Leben verwettet. - -Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe, das war die Frage. - -O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich verlassen wollte! Wie -ich sie, die flüchtige, die verzweifelte, immer noch gerade an einem -Zipfelchen erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, -- sich aus mir zu -stürzen. Halt! - - * * * * * - -Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum. Auf einer Bahre lag ein -Leichnam, ein Frauenleichnam. Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war -es selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht, hatte getan, wovor ich -wachend immer zurückgebebt. - -Aber, nicht doch, das war nicht _ich_. Eine andere war es. Wo hatte ich -dieses Gesicht schon gesehen? Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine -Nacht tauchte auf, -- ein Bild, -- jetzt weiß ich es: jenes Mädchen -ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine Frau geworden, wie ich später -erfuhr. Und sie hat ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man -sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland ist sie in die See -gesprungen. - -Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern sich die Züge, es sind -wieder die meinen. Ist sie es, bin ich es? - -Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein kommt, -- nein -wallt, -- eine Schar schöner Mädchen. Unhörbar gleiten sie, schweben sie -näher zur Bahre, auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet, -und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die Genien der Freude sind es. -Glühende Gewänder tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre -Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst. - -Die Genien der Freude sind's, -- die Seligkeiten, die ich nun mit dir -erlebe, Johannes! - -Und sie treten an die Bahre und singen mir -- ihr -- ein Lied. - - * * * * * - -Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus dieses Liedes wieder, das ich -im Traum gehört. - - * * * * * - - Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte, - War dies dein Sinn? - Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte, - Was dich dir barg, zur Tiefe hin? - Zerschmettert den Becher, den übervollen, - Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen! - - Trinken und warten und trinken - Und warten, von gestern zu heut, - Wie jenes zugrunde will sinken, - Wie dieses sich ewig erneut. - Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen, - Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen! - - Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben, - Was aus den versenkten Särgen, - In jugendlich ewigem Grün getrieben, - Was die strandzerschmetterten Wellen bergen, - Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen, - Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen! - - * * * * * - -Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, es genügte, -um tausend andere tausend Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen, -daß, wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere -- erlöse. -Denn dieses tausendfache Leiden muß irgendwie aus ihm bluten. Und dieses -Blut ist der wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. Und wenn -einer hohe Lust seliger erlebt, denn die andern, er beseligt sie mit dieser -seiner Lust. Vertausendfachte Freude und vertausendfachtes Leiden einzelner --- Erlösung, Messiastum. - -Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese Opfer, die alle Tode -sterben und alle Himmel bewahren, in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie -heißen sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht -- Sänger, -Dichter, diese Messiasherzen? - -Wenn einer litt, wie der, der der größte aller Dichter war, der zu -Golgatha am Kreuze verstarb, mußte es nicht balsamisch über die Welt -tropfen, sein Blut? - -Zuckende, strömende, tönende Herzen, -- Dichterherzen, flammende -Erlöserherzen! - - - - -Flaubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, wenn man nie etwas -anderes als Schönes gesehen, Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!« -(An anderer Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel -betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die Größe der Seele bilde, -alle die widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den Gram, den man -erleiden, die Qualen, die man ertragen mußte, bevor man eine gute Seite zu -schreiben imstande war.« -- Beides ist wahr.) - -Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit. Und, ich Frevlerin, -immer hatte ich mir diesen Zustand als den natürlichen vorgestellt, und -was anders war, Leid, Elend als Unnatur empfunden. - -Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn die Erde ist gut. Und -reich. Die Sonne nicht erloschen. Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt -wachsen und reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben. -Als Schande wird es einmal empfunden werden, gleich Krankheit. Armut -- -Schande. Krankheit -- Schande. Häßlichkeit -- Schande. - -Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist es -Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und reich. Und die Sonne -glüht. - -Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern um schön da zu sein. - - * * * * * - -Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen Blättern geschrieben. -Dann bin ich hinausgetreten auf den Balkon und habe, wie so oft schon, -»mein Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte ich wirklich -in der Luft das deine zu erkennen und deinem Blick in der Dunkelheit zu -begegnen. Wunderbar strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's, als -hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme ganz dicht an -meinem Ohr flüstern, -- jenen Gruß Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du -Heißverlangte!« - - * * * * * - -April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um des Geruches von -Geburtstagskuchen willen, der mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn, -weil er der Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und schwer in -der Stadt. Hold und verheißend ist der April. - - * * * * * - - Aprilmorgen. - - Ich sehe auf einen Friedhofsgarten - Von meinem Fenster herab. - Ich höre die Särge knarren - Und sehe, wie sie verscharren, - Worauf die Gruben warten. - Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte, -- - Der Friedhof steht in Blüte. - - Im Ostermorgen zerfließen - Schwere Gewitterdünste, - Die der eilige Frühling hineingeweht - In den wunderzarten April. - Und Tränen den Friedhof gießen: - Daß er treu das Geliehene hüte! - Der Friedhof steht in Blüte. - - * * * * * - -Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir, ein teures Bild: von der -Mutter. Ja, das sind ihre Augen. Und _mein_ Lachen und Weinen, -- ich finde -es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält, und das tut sie ja -nur auf dem Bild.) Wieviel müssen die geweint haben, diese Augen! Und wie -blinken sie doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem. Seid -gesegnet, liebe Augen! - -Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen Brief! - -Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag. - -Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach Zarathustra«. Und meine -Lieblingsblumen brachtest du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her, -hierzulande? - -Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare Blume das erstemal -gesehen habe. In Genua war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich -nach jener -- azurenen Küste fuhr. Allein war ich. Und saß am Strand von -Nervi. Im Schoß lagen mir die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich -damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit. Beinahe wie Glück war -es, damals, eine kurze Stunde lang. - -»Siehe,« sagte ich, -- »ihre Blätter, der Gardenia weiße Blätter, sie -beben, wie in Ekstase! Und sind doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist -das Wunderbarste an der Gardenia: du kannst sie rütteln und schütteln, -soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer weißen, samtenen Krone zausen, -soviel er mag, sie entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze -Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines ihrer sphärenhellen, -frohen Blütenblätter entfällt ihr. Sie hält sie fest in ihrem -wunderbaren Kelch. _So, so müßte man sein: so unverwehbar!_« - -Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten. Als er fertig war, setztest -du mir ihn aufs Haar. Und Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung. - -Und dann sahest du mich lange, lange an, und unsere Blicke flossen -zusammen. Und endlich sagtest du, schweratmend flüsternd: »Was bist du -schön! Wie blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!« - -Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber in diesem meinem Herzen -habe ich für dies Wort einen Altar errichtet, dir und mir. - - * * * * * - -Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was ich mit dir erlebe. Alles -wird Stimme. Der Blumen Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, ~anima~, -- ihr -_Duft_, -- ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier, nicht -notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir diese Stimme quillt. Und ich -höre auch Stimmen, Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele meiner -Seele, _die_ Stimme selbst, nimmt sie auf und trägt sie in sich, bis sie -ihr Eigen werden und dann meiner genesenen Brust entströmen. - - * * * * * - - Weiße Gardenia. - - Weiße Gardenia: - Von allen Blumen du die Blume, - Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme. - - So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn, - So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn, - Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht - In weißer Glut. - Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht, - Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht, - Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt. - - So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir, - Weiße Gardenia, du. - So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz, - So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz. - So _unverwehbar_ deine keusche Krone! - Wie einst du dies zu solcher holden Ruh, - Weiße Gardenia, du? - - Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand, - Blau lag das Meer vor mir. - Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß, - Weiße Gardenia, du. - Gesegnet war die Seele mir. - Und, Seele _deiner_ Seele, hauchst du mir - Den süßen Atem zu. - - Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme, - Im Schoße mir, ein reicher Kranz. - Und anders ist die Seele mir gesegnet, - Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht? - Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet: - Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume, - Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume! - - * * * * * - -Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme geworden in mir! - -Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen, dein und meinem Altar, -vor dem ich jungfräulich stehe, neben dir, jungfräulich, -- Frouvelin. - - * * * * * - -Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, -- so fühle ich, wie die Luft mich -streichelt. Und wenn ich meinen Blumen frisches Wasser gebe, -- sie nicken -mir zu! Alles _liebt_ mich! Woher kommt mir, woher kommt mir dieser Segen? - - * * * * * - -Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst. - -Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer überdachten Loggia, eng -aneinandergeschmiegt, und blickten hinein in diesen gelben, schweren -Glast, der sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte. Und wir -blickten uns in die Augen. Von dir zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom, -in dem wir untergehen wollten. - -Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es flammte auf, in dem gelben -Glast und rollte und brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war es -vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte es uns. April! - - * * * * * - -Und daß du nichts -- wagst, es ist das Süßeste, das Schönste. - - * * * * * - -»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es. - -Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam. - -Und ich sah dich erbleichen. - -»Wann wirst du mich -- erdulden?« - -_So_ sagtest du es. - -»Es darf kein Opfer sein.« - -Ich legte dir die Hand auf die Lippen. - -Du vergrubst den Kopf an meiner Brust. - -So demütig sind nur die Freien! - - * * * * * - -»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer. Aber nicht: »Ich -opfere mich«, sondern: »Ich opfere.« Ich trage einen Kelch, einen -geweihten Kelch: opfernd trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine -frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen Handlung -- eine frohe, -heidnische Melodie: Evoë! - -Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll sei dir dieser Trunk --- wie jener andere Trunk, der auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen -wurde. - - * * * * * - - Evoë! - - Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase, - In der die Blume deiner Liebe blüht, - Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht - Von dieser irdisch heiligen Ekstase. - - Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase, - Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt, - Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied, - Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase. - - Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle - Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot - Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde! - - Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale - Den, der ihn _wissend_ tat, entwunden aller Not, - So dir der Trunk von diesem Kelche werde! - - * * * * * - -Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht gesehen. Unsere -Pflichten da draußen, abseits von der »Insel«, trennen uns oft für -Tage. Ach, und auch das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in -solchen drei Tagen! - -Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich. - -Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für den Geliebten! Selbst -wenn es so wenig schön ist, wie ich. Wie wellte es sich mir unter der -Hand, dieses weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken kann in -nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus jeder Pore meines Leibes, da ich -ihn mit Wohlgerüchen wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm auf, alle -Fenster der Seele erhellend, -- eine einzige, aufflammende Illumination. - -Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen Schränken. Welch grelle, bunte -Lappen hatte ich da getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend -ernstes, weißes Kleid! - -Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter. - -Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und du sahest, wie ich ging. Du -sahest, daß ich etwas dir zutrug, -- opfernd, -- diesen Kelch, von dem du -trinken solltest. - -Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche, brennende Blüten. - -Brennende Blüten fielen in meinen Schoß. - -Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die Gestirne leben! -- -- -- - - * * * * * - -Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon hinaus und blickte dir nach. -Sternfunkelnd war die Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, -- wie -ein Weib, von dem eben der Geliebte gegangen. - - * * * * * - -Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in alle Winde? In dieses -Offene, Grenzenlose, wo es weiter und weitergetragen wird? Daß meine -_Stimme_ nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten Melodie? - -_Ward_ sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich sie sänge? Nicht -vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«? - -Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über mich kam, aus der die -großen, die bekennenden Gesänge quellen, die Psalmen, die Hohenlieder. - -Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug, hineinhauchte mit dem -Schöpferhauch seiner eigenen _Stimme_ in diese meine Menschenkehle, solch -ein Lied unterschlagen?! - -Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein Wiederklang davon bleibe, -wenn ich selbst nicht mehr bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für -weiteres, -- Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! -- als ein -rettender Rhythmus vielleicht, eine führende Melodie für jene, die -auf _die Stimme_ warten, die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie, -unbestätigten Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos geworden, -umherfahren auf hoher See. - -Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde dich tragen mögen! Und wenn -ich, dich aushauchend, mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich -dich sang, dich singen durfte, singen mußte! - - * * * * * - -Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden Welt zu singen, dazu, so will -es mir scheinen, mußte ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie -trank: nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren! In meinem mir -nun einmal »eingeborenen« überheblichen Frevelwahn schien es mir -immer, als ob er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als ob uns -Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild dessen -- gedacht sind, der über -allen Sonnen -- denkt, als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne, -die Ekstase! Gebühre -- jawohl, gebühre! Ich hörte immer, »es müsse -nun einmal so sein«, um uns und in uns, wie es meistens eben ist: so -staubig, so dämmrig, so melodielos, und schlimmer. _So_ sollte sein -_müssen_, dachte ich immer hinter dieser meiner »Empörerstirn«. So -sollte es gedacht sein, als Gesetz, von dem, der über allen Sonnen -- -denkt, so gedacht für uns, die nach ihm -- Gedachten? Dies der _Gedanke_, -im Stoff und in der Melodie, von der er ja nur wiederklingt, der Stoff? - -Dies die -- Stimme? - -Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht zufrieden geben. - -Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief mir auch die Stirn -in den Staub gedrückt wurde. Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es -mußte erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen, und fromm. - -In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand, wie du sie nennst, mußte -ich »richtig« -- die Sonne selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen -Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten« vertragen. - -Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen, lodernden Trunke. Und ich -fing an zu beten. Zu ihr: zur Sonne! - - * * * * * - -Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und glaubet nicht, daß sie euch -nicht erhöre! Der Kult wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes. - - * * * * * - -Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen zärtlich vom Staube -heben, in die sie, -- die Gottähnlichen! -- gedrückt wurden, wer besser -aufrichten das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich zur Sonne -wenden, wer besser könnte es, wer einzig dürfte es, als wer selbst im -Staube verwühlt und tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann die -_Macht_ trat, das Haupt ihm hebend und es zart und zärtlich ihm zur Sonne -wendend? - -Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden, gedemütigten Welt zu singen, -ward mir -- aufgetragen. Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit -dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife, die nach dem, der über allen -Sonnen denkt, gedacht sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen und -glauben lernen an die Gnade der Liebe, die sie einstmals erreichen muß, -wenn sie selbst liebten! -- -- -- - -So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig, da mir hohe Freude -ward, da mir Rhythmus, Melodie und _Stimme_ ward, -- während Millionen in -tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen. - -Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden, demütig-frommen Lied, das -mir aufgetragen wurde, damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend, -mein Geschick erfüllen. - - - - -»Sonderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn du mir plaudernd und -lachend zuhörst, -- was bist du da doch, du weißt, das vergötterte -Baby --« - -»Ich weiß: -- mit dem edlen Papa!« - -»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem Gespräch, da -empfinde ich dich, nun, als was ich bisher eine Frau noch nie empfand.« - -»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner Gegenwart zu -unterdrücken.« - -»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes Jünglingsgesicht aus -dem Uffizien, das des Philosophenschülers -- du weißt!« - -»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst noch? Habe ich denn noch -mehr Verwandte, Ahnen, Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen -Inkarnation?« - -»Wenn deine Lider so schwer werden -- --« - -»Dann?« - -»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern, -- es ist dann etwas -- -etwas wie Urmüttertum darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus -- -du weißt?« - -»Diana -- eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß ich von solcher -Diana.« - -»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie wurde verehrt als eine -Fruchtbare. Mit vielen Brüsten ist sie gebildet, so wie du mit vielen -- -Gesichtern. Diana von Ephesus -- eine andere Ceres. Ceres -- das ist die -naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen, was bleibt oder nicht -bleibt, erhalten wird oder ausgerottet. Diana von Ephesus ist eine andere -Fruchtbare. Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine Opfernde! - -Und sie müßte dein Antlitz haben, das -- mit den schweren -Lidern. -- -- -- - -Welch ein Glück, daß ich dich _sehe_, du mir immer Vertraute!« - - * * * * * - -Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie davor. »Thumpe«, wenn auch -nicht »Klare«, »Vale«, wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber -nur dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer vom Staub in den Geist -Entrückbaren und Entrückenden, nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk -vom Weibe das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem, »der ihn -_wissend_ tat«. - - * * * * * - -Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende, in mich eindringende -Lächeln, wenn du mit mir bist. Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen -waren, dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln dagewesen -wäre in deinem Blick, um deine frohen Lippen, auf deiner lichten, -freudigen Stirn. - -Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt es sich in mir in -freudige, feurige Säfte, in Kräfte, die die Seele mächtig werden lassen, --- lebensmächtig und sangesmächtig. - - * * * * * - -Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht mich sehr, dir -- für -ein weniges nur, ich verspreche es, ein ganz klein weniges nur, -- die -Tarnkappe vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen! Einen einzigen, -kurzen, blitzgeschwinden Augenblick. - -Ja? Ja? - -Daß du mir sichtbar wirst, -- einen einzigen kleinen Augenblick. Das -geschah ja auch andern, vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen -(vielleicht stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke), -- -die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach sahen erstaunt eine -Erscheinung, die gleich wieder verschwand, versteht sich, da sie ja die -heruntergeglittene Tarnkappe schnell erwischte. - -Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo Rhodope plötzlich den Gyges -sah: einen kurzen Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich verschob. - -Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen ~Laterna magica~ zu. -Plötzlich sieht man auf einer weißen Fläche -- ein Bild. Ein farbiges, -bewegliches Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die irgendwo -versteckt ist im Hintergrund. Und die Person an der Laterne kann das Glas, -das den Zauber wirkt, beliebig einschieben und wieder herausziehen. - -Also -- schieben wir's hinein. - -Jetzt schnell, ein Bild. - -Ihr schaut -- eine Küstenlandschaft. - -Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf der magisch -beleuchteten Fläche -- dieser Blätter. - -Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt die Sonne. In diesem -Sturm und Sonnengefunkel zugleich (es ist das alles herstellbar bei der -modernen Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste. - -Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den Segeln braust's! Und -jetzt -- jetzt seht ihr -- jetzt könnt ihr ihn erkennen: ihn, -- den -Steuermann. Er versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich merken, -wenn er an die Küste herankommt. Denn es ist gefährlich und schwer -anzulegen an dieser Küste. Aber -- Wikinger waren ja seine Leute! Und die -verstanden das doch. Jetzt -- jetzt seht ihr ihn in voller Figur. Und zwei -Köpfe zumindest überragt er, was ihr drinnen im Binnenland an Leuten -zu sehen gewohnt seid. Denn die von -- oben -- es ist eben ein anderer -Menschenschlag da. - -Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, -- die Augen beleuchten dazu -den Weg. Denn ein ordentliches Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne -Sache. - -Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die Augen und verfurchen -die Stirn, wenn hinter ihr (angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken -verlieren sie gleich ihr Gesicht. - -Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das Leuchten! - -Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund! - -Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das Unbeirrbare. Wie liegt sie -am Steuer, greift und lenkt. - -Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar. - -Seht ihr's, -- seht ihr's deutlich? - -Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die Küste heran. - -Aber -- das Glas heraus, aus der Laterna Magica. - -Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch! - - * * * * * - -Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In dem, was du bautest, in dir -erst bautest, bis es klingend ward, -- Musik. Und dann aus dir herausbauen -konntest, was also geworden war. Werk deiner _Stimme_, es wird leben -- -_deine_ Tat. - -Aber -- die Gestalt! - -Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese Blätter tragen, sie -hier hereinretten durfte, -- es macht mir die Blätter teuer. - -Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter eingezeichnet zu -haben -- trotz der Tarnkappe! -- meine Tat! - -Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe steckt, -- er wirft doch -einen Schatten, wie? Die Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten -unsichtbar, wie? Und wenn nun die _Sonne_ recht voll auf ihn fällt, -(auf den in der Tarnkappe), dann wird sein Schatten, in der Sonne, recht -deutlich. Fast so deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn -wirft. - -Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen! Einzeichnen in diese -darum so teueren Blätter. - -Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen darf, das -- -Wunderbare -- unabhängig davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's, -geborgen, hier, hier in den Blättern. - - - - -Was ich in diesen Blättern den Göttern entzünden will, wie ich es -nannte, es verläßt mich keinen Augenblick. Ich muß es _tragen_, wo immer -ich gehe und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines Werkes bis ins -kleinste, darauf kommt es, nach Goethe, einzig an. Ausgetragen muß sein, -was geboren werden soll. - -Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art kann ich sagen und -schreiben, was ich hier schreibe, -- auf zehnerlei Arten könnte ich es und -tue ich es oft. Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst -kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung der _Gestalt_, -- -morphologische Strebung des Stoffes, möchte ich es nennen, (sein Wille zur -_Form_, der ihm innewohnt!) -- daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne -es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder schreibe, bis ich mir unter -zehn Blättern eines erkiese, welches ich da niederlege?! - -Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa, oder Briefe) in der einen -armselig herausgedrückten Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte, -blieb es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden, wie etwa ein -wackliges Häuschen angeblasen werden darf. - -Jetzt, -- ich bücke mich und die Wellen meiner Quelle bleiben mir als -schimmernde feste Kugeln in der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges -erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in die Luft und spiele -mit ihnen und werfe sie wieder hinein in die Quelle und fange sie wieder -und forme sie wieder, wieder, wieder. - -Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff, das Element, aus dem ich -diese Wellen greife, von so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in -sich. Der Stoff. - -Oder -- sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber meine Hand berührt? - - * * * * * - -Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist eine von den Narreteien, die -jetzt gerade im Kurs sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert -werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt« verfertigten Machwerk -an, daß es eine fingierte Gestalt des Lebens ist, gleich jener Olympia -in »Hoffmanns Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat, und sei es -selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine. - -Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere, ist ganz »Herz«. Alles -muß ihn »angehen«. Er lebt hunderttausendfach. Wie der Bäcker für -andere backt, der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der Maler sieht, -der Musiker hört, so -- _lebt_ der Dichter für alle andern. Er lebt ihnen -etwas vor, erlebt es bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt -so die andern das Leben durch und durch leben, wie sie es allein nie -könnten. - - * * * * * - -Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe. Das will sagen, -in besonderer _Form_. Nicht nur ein Gedanke »fällt« mir ein, der sich -dann eine Gestalt _sucht_, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich -daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den Gott in sich tragend. -Sie fällt mir in den Schoß, wie vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich -fiel in der Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn -der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen. Und die Gestalt, in der er -erscheint, ist sehr wesentlich. Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt -es dann einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt. Denn wäre der -Goldregen nicht gerade in der Danaë brünstigen Schoß gefallen, die -kostbare Begierde des Zeus wäre verloren gewesen. - - * * * * * - -Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen. Oder meinetwegen -Esperanto. Irgendeiner allgemeinen Verständigungssprache mich bedient, -bedienen müssen. Aber _meine_ Sprache, die dieser Blätter, hatte ich -sie jemals früher gefunden? Wer hat sie je von mir gehört, diese meine -Sprache? Ähnlich klang's, Esperanto ähnelt ja allem. - -Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch reden. An dir nur es -finden. - -Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht erscheinen, was ich -zu sagen habe und wie ich es sage. Dir, dir ist's -- was mir _dein_ Wort -ist: heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie missen, diese -meine Heimat. Und verlöre ich Dich, so würde mein Herz doch immer die -Heimat begehren -- im Herzen eines Menschen. - - * * * * * - -Mir ist, als hätte ich sie -- dich -- nur wiedergefunden. - -Vorher -- wo war es doch? - -War es zu Eleusis -- Priester? Oder zu Padua -- Meister? Oder zu Ephesus -- -Opfernder? - -Träumereien wagen sich zu dir. - - * * * * * - -Oft scheint es mir auch, als wären wir -- einst, einst -- -zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du, mein lieber Herr, und hätten -uns damals schon, »am stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk -kredenzen lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk ist, -- -mein Landsmann Vogelweid, Freund Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein -teurer Hausgast, ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit« war -uns Haus und Hof. Und wir saßen alle drei auf der Bank um den Ofen herum -und brieten da Äpfel. - -»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund Walther. - -Und wir beide, du und ich, sahen uns an und schwiegen und lösten dann die -Blicke voneinander und lächelten ihm zu, dem lieben Dritten. - -»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari fragt uns um Minne.« - -»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich. - -»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?« fragte er und horchte -gespannt. - -»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich. - -»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«, sprachst du, mein lieber -Herr, -- »ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.« Und zogest -dabei, umsichtig und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist, die Äpfel aus -der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet hatten. - -»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei --« - -»-- so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den Freund. »Sprecht ja! -Minn' ist zweier Herzen Freude! Sprechet ja!« - -»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach mein lieber Herr -und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich geschält hatte, auf den -blitzenden zinnernen Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in -die Nase stieg. - -»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«, meinte nachdenklich -Freund Walther. - -»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach mein Herr und -blickte mich an. - -»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr recht, vieledle Frouve«, -sagte Walther. - -Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr sie dann?« - -»Die könnt' _Unminne_ heißen ehr«, sagte mein Herr. - -»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's treuherzig, kreuzte -Bein auf Bein und biß herzhaft in seinen leckern Bratapfel. - -»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«, meinte er, da wir alle drei -speisten. - -»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein Herr. - -»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht! Nicht kann gefallen mir, -zu meiner Freude _Tod_, _daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen -macht_!« - -»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr. - -Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied! Wolltet Ihr Eure Laute -holen? Wir sängen dann alle, zum süßen Spiel.« - -Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute zu holen, die fremdartig, -seltsam an der Wand hing. Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?« - -»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was klingt sie mir deutsch!« - -»Die Laute?« - -»Die Frouve, die traute!« - -Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen Herd, ein Lied von der -heiligen Minne! -- -- - -Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm sangen und rieten, am selbigen -Abend noch nieder, mit gar zierlichen Zeichen. - -Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein Roß gesattelt stand -und ihn uns entführte, ein Röllchen. »Nehmet ein armes Gastgeschenk, -vieltraute Frouve!« - -Und ich entrollte es, und da stand: - -»_Minn' ist zweier Herzen Freude._« - -Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee und winkte uns, die wir -unter dem Tore standen, grüßend mit dem Hute zurück. -- -- -- - - * * * * * - -Pietà war meine Liebe zu _ihm_. - -Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In jede hohe Freude mischt -sich ein Gefühl der Dankbarkeit«, schrieb Wagner an Mathilde. Und jede -solche demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen, religiös. -Fromm macht diese Freudigkeit. - - * * * * * - -Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen, die küßten mich um -ihretwillen. Du aber küssest mich um meinetwillen. So deutlich, so -sichtbarlich, so unverkennbar ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene, -rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine Küsse, so werden sie über -mich gestreut, wie Blüten, die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und -niederfallen und immer wieder neu sprießen und fallen, fallen auf das, -dem der Segen bestimmt ist, und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu -Lippen und Augen und Haaren. - -Und um meinetwillen! - -Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig, nicht von mir fort -entführt zu jenen Mächten, die den Mann erschüttern, wie das Rollen der -Lava den Krater. - -Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie lenken mir ihn keinen -Augenblick fort aus seinem Bette, meinen goldenen Strom, der aus der Quelle -deiner Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges Bett. - -Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen regnet es Blüten, rote, -samtene Blüten. - - * * * * * - -Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht, -- Süchten, mehr ein -Süchtiger, denn ein Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen -liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom Morgen Umwobene, zum -Tage Ahnende -- die Schwebende, Lockende, -- die die Seele in den Garten -der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht. Er, der doch -ein Dichter war, hatte keinen Träumerblick. Und den des Wissenden, den -hatte er noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand ich seinen -Blick, silbern, rollend, wohin? woher? Rollend, ohne Möglichkeit, -innezuhalten. - -Seine Sehnsucht _hatte_ ihn, wie eine wilde Reiterin ihr Roß. Sie saß -auf ihm -- und peitschte und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten -Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es dahin, unter den -Hieben und Sporen der Furchtbaren, die seine Meisterin ist, das Roß, -- -das edle. - -Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die Sporen ins Fleisch. Wohin -_sie_ will, muß der Weg führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst -will. Ein Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine Sehnsucht, -peitscht ihn -- mit Begierde, spornt ihn, mit schneidenden Eisen der Not, -die tief in sein Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die beiden, -diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da lassen sie hinter sich -- -Zerstampfung, Zerstörung, Schrecken. - -Und doch, und doch -- ein _edles_ Roß, das also gejagte, ein unfreies, -gehetztes, geknechtetes, und doch ein edles! - - * * * * * - -Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere. Eine mütterliche, im -Schoße tragende, wohnt sie dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse -erstickter, verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und betender -Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt, löst, _ordnet_ nach geheimem -Gesetz. Nach den geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die -Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, -- daß etwas werde! Ordnung -werde! So trägt sie -- die Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit. - -Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend, ahnend, ihnen -entgegenlauschend, gehst du, suchst du, sammelst du: Töne, -- Töne -zur Ordnung! Und mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein -Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher Melodie geführt, dorthin, -wo es klingt, wo _sie_ wohnt -- Sehnsucht. - -Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der Sehnsucht Geführte -- es ist -zweierlei. - - * * * * * - -Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe, -- »bezähmt, bewacht«. - -Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst. Dieses die Ruhe, die -die Darbenden speiset und die Gehetzten erquickt, wie der Schatten des -festwurzelnden, blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe, die -die Griechen -- träumten, in Marmor, durch dessen Geäder man die -Leidenschaften fließen sah, ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten! - -Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust. - -Wie klingt es doch im Hohenlied: - -»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und lehnet sich an ihren -Freund?« - -Fürwahr -- aus einer Wüste fuhr ich herauf. Nichts war da, woran ich -mich hätte lehnen können, mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen -Wüstenfahrt. Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren bin. An -meinen Freund mich lehnen. - -»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den -Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht -ist meiner Kehle süße.« - -»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, -- und wehe durch meinen Garten, -daß seine Würze triefen!« - - * * * * * - -Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht: das Weib möge sich an ihn -lehnen. Und ich wollte es so gern und tat es auch, und siehe -- es bog ihn, -verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger Busch war er, -mit seltsamen, üppigen Blüten und Beeren an seinen Zweigen, seinen -tausendfältigen Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch, dessen -Gezweig sich schier undurchdringlich ineinander schlingt. Und lehnte -man sich da hinein, so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine -Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen. Kleine Vögelchen -auch auf diesen Zweigen sich wiegen und Schatten da suchen und finden. Und -gar wohl wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben, nach Art der -starken, festverwurzelten, hoch in den Stamm geschossenen, dichtbelaubten -und befruchteten Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte kein -Vögelchen naschen, es stürbe daran. - -Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da nicht eine Menschenseele in -ihm, die von Sehnsucht gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt -ist und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war. Eine Seele, deren -eigene Ideale sie verwirren und verraten. Die heute vermeint, ein paar -Vögelchen, hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude brächte. -Und die morgen das gefiederte Getier am liebsten hinauswürfe und von einer -Herrin träumet -- die sich neiget -- und seine Blüten bricht, -- daß die -verwundeten Zweige -- bluten. - - * * * * * - -Alles _sah_ er am Anfang, was er, balde, ach balde, nicht mehr sah. - -»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich _vor_setzen. - -»Wie sie sich lehnt!« -- »Lehn' dich, bitte, lehn' dich da an die -Portiere!« - -Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt und schaute. - -Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch, der in der Zimmerecke -stand. An der anderen Wand, gegen die ich den Rücken kehrte, stand die -Ottomane. Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er hatte es -gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich schrieb gern für ihn, ich, die -ich meine eigenen »Skripten«, -- wenn ich eine Schriftstellerin wäre, -- -niemals selbst abschreiben könnte. -- -- - -Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb. - -»Du -- bitte!« - -»Was denn?« - -»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so, nein, nicht an die Wange, -mehr in den Nacken die Hand, so, ans Haar!« - -»Warum denn?« - -»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen kann.« - -Oder er trat an den Schreibtisch, während ich schrieb, und legte seine -Hand, leicht, ganz leicht, auf meine schreibende Hand. - -Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen lassen: wenn nicht jeder von -ihnen ununterbrochen die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es« -nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare« verlassen -- die -Liebe. - - * * * * * - -Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot und vergraben waren sie, -längst. Wie kamen sie herauf? - -In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch die große Sonnenflut, die -hineinbrach. So lebendig, daß selbst -- Gräber darin zu blühen beginnen. - -Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige, üppiger denn alle anderen -Blumen, die auf gemeinem Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus -Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol! - - * * * * * - -Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris Art in der Liebe. - -Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung an sich selbst, »zu Liebe« -dem andern. - -Und was anders ist, denn das »Wunderbare«, verdient nicht den Namen -Liebe. - - * * * * * - -Wie umklammert halten wir uns, immer. - -Stunden vergehen, -- wir lösen uns nicht. Das Abendbrot steht bereit, vor -uns auf dem Tisch. Du füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst -die Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist, als wären wir -versunken in einander. - -»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden mir in den Mund -hineingedrängt. Ich kann schwer essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann -ich nur schwer essen. - -»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du. - -Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine Hand frei, habe beide -Hände um deinen Hals, und da gehen sie nicht fort. - -Und du nimmst die Tasse in die eine und den Löffel in die andere Hand, und -Löffel für Löffel wird mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer -ist. - -Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein absonderliches erschiene. - -Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist, was weniger ist, verdient -nicht den Namen des -- Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis. - - * * * * * - -Sommer ist es geworden über alledem. - - - - -Lieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen machen. Es ganz und gar -_begreifen_, das, was man also begriffen hat, begreifen _wollen_ und sich -freudig erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder -gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun herrscht aber diese -Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. Diese »Schwäche«. Diese -Bröckligkeit der Gefühle. Wie kann man da »begreifen«? Begreifen heißt -ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, umfassen. Um einzugreifen, -muß aber erst eingedrungen worden sein in das, was begriffen werden soll. -Eindringen aber kann nicht der -- seelisch Geschwächte. Ganz und gar -eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, so gibt es auch _Halbentjungferer_. Die -letzten Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum Fallen. Nicht -vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe fertig. Nicht gänzlich vermögen -sie, sich des Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird nicht -komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der Liebe und die ersten -Präludien bewältigen sie, aber was _dann_ kommt, der schönste, aber auch -der schwerste Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert. - -Physiologisch -- _da_ reicht es bis zur Orgie. Nicht solche Schwäche -ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, diese viel ärgere, diese -Gefühlsimpotenz, die den Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe -den an ihr Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen sind fähig, -Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf emporwachsen zu lassen, »aus der -Tiefe zur Höhe«, sie durchzuhalten, sie zu behaupten. - -Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer wieder, fangen am liebsten -immer wieder neu an. Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So -sehr man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint er banal, dieser -Liebhaber in die flache Breite. In die Tiefe lieben, das ist die Frage, die -Kraftfrage. - -_Wissend_ trinken, das ist die Liebe. Synthese! Schwächlinge sind aber -nicht synthetisch. Entweder sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«. -Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn und kommen vor lauter -Gegrübel nicht zum Trunk. - - * * * * * - -»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, und »fesseln« -liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, wie manchem Mann »erobern«. -Nicht dieses aufs immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht -»Behandeln« ist meine Sache. Nur _sein_ kann ich. - -Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, daß du mich lieb hast, -weil ich _bin_. Nie habe ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«. - - * * * * * - -Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. Das sind die Menschen -der starken Lebensgefühle. Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es -auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die Gefühlskraft gehört -der Antike an. Anarchronistisch, wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein -Mensch solcher Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich. - -Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike an. Solche, die verbunden -waren durch überpersönliche Gefühle, -- Gefühle, die der Idee -»Mensch« gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie die -Renaissance ausgrub und unter deren Studium sie Humanismus wurde. - - * * * * * - -Brüderlichkeit -- diesen Gedanken habe ich tief im Herzen! Liebe war meine -Lebensquelle immer. Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so -wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und ich glaubte so gern -an Geneigtheit, Freundlichkeit, an die Idee der Vertraulichkeit, des -Wohlwollens von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit. - -O meine Brüder und Schwestern, -- möchte doch dieser Glaube über euch -alle kommen! - - * * * * * - -Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand sprach zu mir, wenn ich litt: -»Sei geduldig! Sei friedlich! Sie wird dir wiederkommen, deine Seele. -Denn du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit da, so eine -Seele. Sie verläßt einen -- scheinbar -- manchesmal. Aber sie wird dir -wiederkommen. Und dann mußt du sie in beide Hände fassen und sie tief und -fest verankern. Und zu ihr sprechen: Bleibe da, sei ruhig!« - -Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war: »Menschenskind! deine hellen -Augen freuen mich!« - -Und doch und doch, -- mein Glaube blieb leben und sprach zu mir, da ich -tief daniedergedrückt war: »Einer wird kommen einmal, der deine Blicke -trinkt. Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen, imstande -sein, dich zu nehmen, so wie du bist. Der Freund wird es sein, _der_ -Freund! Und _lehnen_ wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren -bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an niemanden ungestraft -lehnen durftest, auf dieser deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich -lehnen. Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt seine Gestalt, -wie Zedern auf Libanon«. - - * * * * * - -Wenn ich sie auch an dir erlebte diese -- Gefühlsverbröckelung? Was dann? -Würde das _Herz_ es ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz? - -Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch noch lieb, Frowelin?« Und -ich erwidere Dir: »Freund! Wenn Du mich auch verlässest -- so bleibt mir --- Gott!« -- -- -- - -Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was ist sie zweifelsüchtig! -Die süße, die närrische, die furchtbare! - - * * * * * - - Wie willst du denn die Macht in deine Hand bekommen, - Ist sie so schwach? - Besinne dich, wie oft das Schicksal dir in tausend Trümmer - In dieser Hand zerbrach. - Es sollte wohl so sein. - Es mußte ihr entgleiten, - Was nicht geschaffen war, dich führend zu geleiten, - In dieser deiner Hand dir magisch aufzublinken, - Zur Heimat leuchtend, die du sahst von Ferne winken. - Doch siehe zu, daß dir die rechte Kraft in deine Hand nun kommt, - Sie taste nimmermehr, -- sie wisse, was ihr frommt. - Und jene Sehnsucht, die dir grausam überstrahlte, - Was du umklammert hieltst zu unrecht in der Hand, - Die Sehnsucht, die jedwedem Irrtum unbeugsam - schmerzlich dich entwand, - Sie leuchte heller dir und wandle sich in Macht: - Daß du beharren darfst, wenn dir die Heimat lacht! - - - - -Ob ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du mich enttäuschtest, -Johannes? Mich aus allen Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes -Wunder, unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest? - -Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas begeht, was man ihm durchaus -und niemals zugemutet hätte. Enttäuschen heißt vernichten. - -Wenn du nun begingest, was ich dir niemals zumute, ja mit aller Phantasie -mir nicht vorstellen kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn du -die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen Liebe? - -Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser Liebe wurden, -unvernichtet? - -Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es, als zwänge mich eine -Stimme, mich zu entscheiden. Als lebte ich in beständiger -Einsturzgefahr, bevor ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser -unwahrscheinlichen Frage. - -Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon öfter mir aus dunkler -Bewußtlosigkeit hell heraustönte: »Was immer geschehen mag mit dir, -- -rette mich, deine Stimme!« - -Und die Stimme, die Stimme -- sie ist in den Blättern! - -Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag mit -- mir. - -Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches, ein Seiendes, wie -ich dachte und wähnte, so wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die -Idee davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen die das -»Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird, gegen die es erbleicht, wie ein -fahles Abbild des einzigen wahrhaft Seienden. - -Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um jener »Idee« willen, die -vernehmbar und sichtbar ward durch _mich_, -- rettete ich die Blätter, was -immer geschehen möge mit mir. - - * * * * * - -Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb -- ich weiß es nicht. -Aber geschehen könnte es, sicherlich. Es könnte geschehen, daß ich -an Johannes erlebte, was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo, -sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und tausendmal schlimmer, -sicherlich. Denn dort war ein Wildes und Banges, was zusammen erlebt -wurde, von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an dem meine Seele -klingend wurde. Es könnte dennoch geschehen. - -Und daß ich mich hingab an das, was ich mit Johannes erlebte, nicht nur -mit meiner weiblichen Person (das wäre keine so große Sache, das), aber -mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben des Stroms an seine Mündung, -daß ich das ganze wunderholde Erleben für gültig nahm, über den -Augenblick hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle Zweifelei -so gern und so willig verscheuchen ließ, es wäre -- eine maßlose -Überhebung von mir gewesen. Überhebung eben das, was das ganze Glück -war! Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern und von ihnen mit -Vernichtung bestraft. - - * * * * * - -Das Wunderbare, das Wunderbare -- es wäre aber doch. Hier in den -Blättern. Würden sie mich denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz -begraben, gerade diese Blätter? - -Das Wunderbare -- das war ja diese Hybris! Das war ja der bestätigte -Glaube, der holde Glaube. Und _seine_ Gestalt, des Freundes Gestalt, war -es, die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt, mit diesem -Glauben, mit diesem Wunderbaren? - -Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben zu lassen? - - * * * * * - -Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt, die ich liebte, -- er, -er löste sich dann von der Gestalt. Und _mein_ Johannes, der, den ich in -diese Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee, ihr, die -uns wachsen macht über uns selbst hinaus, näher ihr wäre er dann, denn -ihm, dem -- andern. - -Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was sie in eins verschmolz war -dies Herz, dies Herz. Menschenherz, das denkende, -- dessen pochen -kein Sphärengedonner übertönt. Mein Menschenherz, das bei jenem -Auseinanderriß der beiden, die eins waren, wohl zerrissen würde, mitten -durch. - -Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre dann für -- Spätere. Um -Spätere, Bessere, Stärkere, Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen, -zur Idee -- dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden wähnte. - -Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich mich tiefatmend lehnte, da ich -heraufgefahren kam aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten in mein -Lied? Wirst du wohl über den von dir fort und der »Idee« dafür näher -rückenden, über den also »idealisierten« Johannes dein Lachen finden, --- dein gutes, gutes Lachen? - - * * * * * - -Ein Glaube, dem ich einen -- Opferstoß entzündete. - -Und dem ich einen Tempel baute. - -Wenn sie mich trotzdem erreichte, die -- Verödung? Und da ich in diesem -Erleben gewesen, wär's eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der -Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt es Maeterlinck. - -Sie wäre es, die mich erwartete. - -Den Gott verjagen und den Tempel -- lassen? - -Und -- aus ihm heraustreten -- und meine Straße gehen -- und führte -sie -- -- -- - - * * * * * - -Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine Welle nicht genug an den -großen Ozean denke, dem sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der -kleinen Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt so eine Welle -ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar tut sie das. Solange sie -Welle ist, solange sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an -eine andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst wurde, in einer -größeren Einheit, muß sie, gerade gemäß ihrer Rolle im großen Ozean, -die Rolle ihrer winzigen Einheit mit großem Eifer und großer Wichtigkeit -durchführen. Würden nicht Milliarden Wellen mit hunderten weißer -Füßchen ihr kleines Ich eifrig dahin tragen, wohin es _will_ (oder -muß?), keinen Ozean gäbe es dann. - -Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint? - -Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die Welle, ihre Kraft. Ihre -Kraft -- zu fließen. Sich aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll. -Ihres Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es! Tief unter ihrer -Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel, das ihr Fuß wird und sie zu ihrer -Küste trägt, weiß sie sich ihres Elementes. - -Du verstehst, Johannes? - -Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem Buch, das seine Briefe an -Sophie sammelt? - -Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte. Und er -suchte und antwortete: - - »O still -- ich könnte sonst erschrecken, - Könnt' ich den Winkel nicht entdecken, - Der unzerstört für Gott verbliebe, - Beim Tode deiner Liebe.« - -Unter der Brandung -- weiß sich die Welle ihres Elementes. - -O still -- ich könnte sonst erschrecken ... - - * * * * * - -In einer Ode von Walt Whitman heißt es: »Kommt dir, Träumer, denn -kein Gedanke, daß dies alles nur _Maja_ sein könnte und Täuschung?« -Maja ... Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter -erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner Täuschung dessen, -- der -ihrem Herzen Treue hält! Und bist nicht _Du_ es, so ist es der Geliebte -ihrer Sehnsucht und sie gehört _ihm_ -- für _Zeit und Ewigkeit_. - -Warum, warum sind diese Gefühle über mich gekommen? Woher? Was fiel mir -da ins Herz und wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen, -düsteren Tönen? - -Wie ein Saitenspiel ist dieses mein _Herz_. Und mit lebenbebenden Händen -greife ich selbst hinein, mitten hinein. Und was mir da unter diesen -bebenden Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr kommen vom -Instrument, geheimnisvoll gezwungen zum Spiel, erbraust, -- o großer -Gott, es ist ein volles Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser -meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust. - -Warum geschah es mir, -- daß dieses Dunkle mir hineinklingen mußte in -mein Lied? War es vielleicht, damit das Lied -- ein echtes Menschenlied? -Ward es deswegen über mich verhängt? - -Sym -- phonie! Phoné -- die Stimme, der Ruf. Stimmenzusammenklang! - -War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die dem Leben gehört? - -Und in die jubelnden Passagen der Violinen und in das Geschmetter der -Hörner mußte es hineintönen -- wie die Stimme der Dunkelheit: - -»So klopft das Schicksal an die Tür.« - -Und ich greife und greife die Saiten. Und sie zucken und schwingen und -_tönen_. - -Und das Blut rieselt unter meinen spielenden Händen und strömt dahin, mir -zu Füßen. - -Fließe, fließe über die Erde, die braune, die geliebte, laß dich -trinken von ihr und wachse auf aus ihr in glühender Glorie. Verströme -mein Blut, und verströmte mein Leben darob. - - * * * * * - -Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war sie. Verstrich und verblich -so schnell. Wir merkten es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in -sie, in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete ihn, den Tag, -bevor er sich selbst noch deutlich war, wie mit Flötenton, kündete es -ihn, -- horch! - -_Heller_ als er selbst noch war, der Tag, drang es in ihn: tirillili. - - * * * * * - - Die Nacht verstrich. Es drang in sie - So flötenfroh, es kam vom Hag: - Tirillili -- tirillili. - Ein Vogel rang um Melodie. - Auf grauen Wellen trug der Tag - Zum Bett, wo ich im Arm dir lag, - Den Amselschlag - Und sie, - Die heller war, die Melodie: - Tirillili -- tirillili. - - Die Nacht verblich. Es drang in sie, - So wachensfroh, ein Flüsterwort: - »Ich seh' das Licht, - Das stärker denn der bleiche Tag - Und heller denn der Amselschlag - Dir aus den Augen bricht - Und eindringt in den bleichen Tag, - Wie sie, - Die heller war, die Melodie: - Tirillili -- tirillili.« - - Die Nacht entwich. Der in sie drang, - So flötenfroh, der Amselschlag, - Verklang im Hag. - Das Bette stand im Morgenlicht, - Und dein Gesicht und mein Gesicht - Blickt in den Tag, - Den jüngsten, den die Welt gebar, - Und trug in ihn, die heller war, - Die _unser_ war, die Melodie: - Tirillili -- tirillili. - -Da liegt es vor mir, -- ein Lied. Ich finde es hier und mich dabei, eine -Feder liegt daneben und die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so -sein, daß ich es _schrieb_. Aber wie, wie geschah es? - -_Wie_ drang in das, was dämmerhaft, -- »die heller war, die Melodie?« - - * * * * * - -»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende, das Stärkere. -Der Tag, das männliche Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker -und heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels Stimme, da nach -Melodie sie ringt, entquillt. Sie, die Melodie, überklingt den Tag. - -Aber heller noch als diese Melodie, um die der Vogel rang, ist jene andere: -die aus den Augen bricht als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste -Melodie der Menschenstimme, -- ~anima~. - -_Sie_ überdringt, überklingt, überwältigt alles, alles, was -dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend. - -Und siehe, -- ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar: Ursymbol des -Gesanges von der Begattung des Dämmernden durch das Lichtere. - -Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der Mann. Näher dem -Kreißenden, aus dem -- Welt ward, da die _Stimme_ hineindrang, die das -Licht befahl. - -Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte, -- die heller war: -die Melodie, -- der Logos. Da ward sie Form und -- Welt. - - * * * * * - -»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das Licht, das zeugende? - -Woher? - -Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang es in mich, so licht, so -zeugend? - -Mich schaudert. - -Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die sich schlingende, in sich -selbst eindringende, niederschrieb, nicht wußt' ich da, Johannes, -- ihren -Sinn. - -Verstehe, verstehe, -- Geheimnisvolles, Unsagbares: ich _wußt'_ ihn nicht, -den Sinn, der aus mir brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied! - - »Es drang in sie, - die heller war, -- die Melodie.« - Es drang, woher? - Und wer ist -- er? - -Und sonnenklar darniederliegt -- ein Sinn: Urgeheimnisse nahe. Und -sonnenklar, schuf er, der Sinn, sich selbst die Form. Die Form, die wieder -durch sich selbst schon -- deutet, auf ihn, der sich sie schuf. - - * * * * * - -O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied nicht einmal, ich schrieb es -mehrere Male. Und immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff, der -Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt. Ich hatte es hingeschrieben -und dachte damit fertig zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter. -Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe Lied, in anderer Tonart, und -ich mußte ihnen nach, diesen Tönen. - -O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet flügge, ihr Füße, werdet -erbeutend ihr Hände, ihnen nach, meinen Liedern, ihnen nach! - - * * * * * - -Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe doch! singe!« Und ich -würgte und preßte an meiner Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es -sei denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte Dimitri. So war es. -Unminne zerfraß meine Kraft! - -Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll klingt mein Lied. Und das -Lied, das Lied, das ist ja gerade -- _das Lied von dem Gesange_! Was ich an -ihr, der Stimme, erlebte, künde ich _mit_ ihr! Und die vielen Lieder, -die mir aufspringen, -- ein einziger Gesang sind sie nur, tief in sich -verbunden: der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben, bis zum -heutigen Tag. - -Ich -- bezahle. Für mich bezahle ich und alle die, die jemals sangen, -denen Verkündigung ward, gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben, -bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner Stimme! - - * * * * * - -Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf mich, eine schwere Hand. -Ein eisiger Hauch kann mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem -Geheimnis. Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus einem Auge, das mir -unsichtbar. - -Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt, versinkt mir, mit einem -Schlag. - -Es _kann_ geschehen. - -Aber ich will geopfert haben. Will entzündet haben den Stoß, für die -hohe Zeit, da mir die Stimme, die eigene, einzige, mir selbst gehörende -Stimme, -- klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in den Schlaf der -Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg! Da ich außer mir war, außer -dem Staube, ekstatisch, tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott -überlassen. - - * * * * * - -»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie -erfährt dabei niemand etwas.« Goethe. - -Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden? Dieses »Wie«? - -Doch vielleicht einem Dichter gelänge? - -»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«. Geschehen muß es, mit -ihm geschehen. - -Und wenn es mit einer -- Frau geschähe? - -Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend -- das Schaffen. Aus dem -Gesange selbst -- die Stimme! - -Wenn es -- geschähe? - -Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf? - - Wenn ihr klänge Amselflöte, - Hell ins Dämmergrau, - Wenn ihr sprühte Morgenröte, - Flammend aus dem Tau, - Wenn sie, opfernd, im Gebete - Ein Gesicht erschau', - Eine Antwort dann für Goethe - Fände eine -- Frau? - - - - -Eine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach zu ihm: »Mach und treibe -Musik!« - -Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie die vortrefflichste -Musik sei. - -Viel -- Musik kommt mir von dir, du Musiker! - -Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff ist's, über Menschenmaß. -Diese Erde -- eine Winzigkeit, gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos -erscheint. - -Und ich, und ich? - -Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären, Sonnensysteme mit ihren -Trabanten, unendlich, unermeßlich, unvergänglich. - -Und ich, und ich? - -Ich -- denke sie. Ich bin das denkende Prinzip. Und nicht nur dies: Ich bin -die Wärme. Die einzige Wärme im All -- ist mein Menschenherz. - -Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende Sonne. Allein das -Menschenherz hat Wärme. - -Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist Helle. Und Helle ist der -Gedanke. Und der Gedanke ist die _Stimme_, die rufende! - -Und die Stimme ist Gott. - -Das Herz ist Gott! - -Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen an der Unendlichkeit, -ein Stecknadelknopf ein Kosmos ist, -- ich trage es in mir, das Wärmende, -Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht werden und die -Milchstraßen -- und der Amselschlag, am jüngsten Morgen. - -Hörtest du das Tirillili? - -Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte es, wie es die Sphären -denkt. Kein Gott nimmt uns das Tirillili. Kein Sphärengedonner -übertönt's. - - * * * * * - -Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein -- Herz. Es preßt und -zieht sich oft so sonderbar zusammen -- Johannes? - -Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir reisen. Das Herz -- - -Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter denke? Wenn wir reisen, ende -ich die Blätter. Dann -- singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme. - -Zwei? Eine? - -Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht durch sie, ~anima -mea~. - -Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz -- - - * * * * * - -Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte meine Stimme, bis zur -Brünhildhöhe. Und sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen -fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang. »Und das wird alles -noch wachsen«, sagtest du, im Spiel. - -Ich aber -- sang: - - »Geh hin zu der Götter - Heiligem Rat! - Von meinem Ringe - Raun' ihnen zu: - Die Liebe ließe ich nie, - Mir nehmen nie sie, die Liebe!« - - * * * * * - -Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns gnädig vor Dämonen behüten -mögen. Denn mir war immer bange vor Dämonen. - -Und da entzündete ich diesen -- Stoß. - -Die Asche dir! - -Hier stehe ich, -- eine heidnische Priesterin. Eine »Stimme« habe ich -gehört, die mir zu opfern befahl. Mit eigener Hand zu verbrennen, mein -Eigenstes. - -Und ich tue, wie mir geboten wurde. - -Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß war ich, in dem der -Gott wohnte. - -Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll, den kostbaren Stoff: diese -verrauschten Liebesjahre. - -Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine Leichen. - -Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand. - -Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines Amtes ist! - -Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel, mitten hinein, mit eigener -Hand. - -Wild und prasselnd schlägt es auf. Und _Stimmen_ höre ich aus dem Brande: - -»-- -- -- Priesterin, -- nahe, nahe bist du den Flammen! Siehe zu, daß -sie nicht dein Gewand ergreifen!« - -Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein Priestergewand, ein -geheimnisvoll geweihtes, gefeites, wenn sie es verzehren könnten, diese -Flammen? - -Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den Becher, voll bis zum Rande, -den vollen, wahrlich übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus, -auf Opfer und Altar. - -Und hier -- die Lust, die ich genossen habe, ich streue sie hinein in die -Flammen, wie reifes Getreide. - -Seid ihr's zufrieden, Götter? - -Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein wildes und doch heiliges -Lied: ein christliches Lied, aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches -Büßerlied, wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den irdisch -Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte mir entgegen aus dem wilden -Geprassel: »Rette, rette deine Seele!« - -Und bange starrte ich in das Flammenmeer. - -Und da -- siehe, -- da, was ist dies? Was flog da auf aus der Glut? -Flammengerettet, schmetternd, alle Stimmen überschmetternd, übertönend, -_die_ Stimme, ~anima~, mein Phönix, mein unverbrennbarer! - -Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß das Opfer den Göttern -gefällig sei. Wie es zischend hineinfällt und sie sprühen macht. Und -wie mir alles, alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt mir im -Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen auf aus der Lohe, Dämpfe, die -in den Lüften immer reiner, immer klarer und klarer werden. - -_In die Höhen entführt, was ich irdisch verbrannte!_ - -Wohl mir: die Götter sind gnädig. - - - - -Ich habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe getan, was meines Amtes -war, was mir geboten wurde. - -Und nun, nun? - -Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet. - -Und nun, nun?! - -Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die frohen Noten, die da noch die -Köpfchen heben und herausspringen möchten aus dem Lied, -- ich glaube, -- -Scherze, Scherze. - -Was wird kommen? Das Singen, das große Singen, Johannes, und das frohe, -verfolgende Jagen und das Tragen dabei, und in alledem, -- dazwischen, -darüber, darunter, -- das Strömen der gewaltigen Welle! Blutrot war, ist -sie gefärbt, diese Lebenswelle. - -Denn von meinem Herzen nährte sie sich. - -Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen, mein Lieben, mein Sein. - -Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt, das Herz, -- es zieht, -es preßt sich mir oft so sonderbar zusammen, es wird nicht mehr wollen, -Johannes, nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was ich noch -schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe aus mir, -- was ich noch -schuldig bin. - -Es wird dann nicht mehr können, das Herz, -- Johannes! - -Und die Stimme, die Stimme, auch sie -- was soll nun noch kommen mit ihr, -von ihr? - -Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu kommen. Nicht nur über -Schwäne, auch über die farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die -Richard Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte. Ein großer -Gesang kommt über sie und bricht heraus, strömt, strömt. - -Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn davon nährte sich das Lied, -und nahm es mit, da es verklang. - -Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht jetzt nicht in Blüte, -- -es kommt ja jetzt der Herbst. Und wir wollen nach Italien, zur Sonne, -wallfahren, opfern. - -Wenn es, wenn ich -- wenn es geschehen sollte, -- nicht trauern, niemals -trauern! Es bleibt ja von mir -- all mein Gesang und all meine _Seele_ ... - -Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch. - -Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde, in alle Weiten, denn -Majas _Stimme_ ist darin, die du so sehr liebtest und die du gehört haben -wolltest, über alle Weiten! - -Und dann, dann? - -Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht trauern. - -»Daß er treu das Geliehene hüte!« - -Das Geliehene -- es bleibt ja. - -Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht die wahrhaft -Geretteten? - - * * * * * - -Werde ich _doch_ leben? - -Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen, pflegenden Händen, -allem, was mich bedroht, allen Dämonen entrissen werden, von deinen -starken, liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil gepflegt von -dir? - -Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle? Vergehen, bevor sie ein -einziges Mal noch ebbte, -- es wäre ein seliges Sterben. - -Muß ich vergehen -- weil das Lied so stark war? - -Die Melodie, die Melodie, -- wer _lieh_ sie mir doch? Wer war denn da in -mir? Wer lieh, -- wer war -- wie kam -- wie war das doch, Johannes, das mit -der -- -- -- Stimme? - -Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte .... - -Wie -- war das doch -- Johannes? - - - - -Urteile der Presse - -über die Werke von #Grete Meisel-Heß#: - - -Über »#Die sexuelle Krise#« schreibt _Karl Jentsch_ in der »Zeit« in -Wien: »Schon dieser erste Teil ist ein großartiges Werk. Großartig durch -die erschöpfende Darstellung aller erdenkbaren und wirklich vorkommenden -Seelenzustände, die das Geschlechtsleben verursacht. (Die Verfasserin -kennt auch die Psyche des Mannes auf das genaueste und wird ihr -gerecht, was sie mehrfach in Gegensatz zu bekannten Forderungen der -Frauenrechtlerinnen bringt.) Großartig auch durch die naive Kühnheit oder -kühne Naivität, mit der sie das Intimste ausspricht, die aber, eben als -Naivität einer edlen und reinen Seele, nichts Anstößiges hat und jeden -Versuch einer Verdächtigung entwaffnen muß.« - - -Über »#Das Wesen der Geschlechtlichkeit#« urteilt u. a. _Professor -Gramzow_: »Schon der Titel deutet die gewaltige, umfassende Aufgabe an, -die hier in Angriff genommen ist. Aber nicht nur _riesenhaftes Wissen_ -liegt ihrem Buch zugrunde, sondern auch eindringende Denkkraft .... Man -möchte vermuten, daß sich _bodenlose Tiefen des Erlebens_ hinter dem -Buche auftun. Kein Teilproblem der sexuellen Frage bleibt unerörtert. -Nicht nur der Zusammenhang der Formen und Forderungen des sexuellen Lebens -mit allen Angelegenheiten der Gesellschaft, sondern auch die -Verschärfung der sexuellen Krise durch den Weltkrieg erfährt eingehende -Behandlung .... Mit größtem Wahrheitsmut wird überall _das letzte Wort -der erreichten Erkenntnis_ ausgesprochen. Mir scheint es Bewunderung und -Dank zu verdienen.« - - (»Zeitgeist« des Berliner Tageblatts.) - - -#Franz Graetzer#: »Daß das Werk ein _monumentales Kunstwerk_ geworden -ist, daß es auf keiner Seite das _Dichtertum_ seiner gedankenreichen -Verfasserin verleugnet, ist dem Kritiker, der die Gesamterscheinung der --- vielseitig bedeutenden -- Frau im Auge behält, wesentlich. Wer in -wesentlichen sachlichen Voraussetzungen anderer Meinung ist, wer so manchen -Teil der großen Sexualsoziologie, die sie gibt, nicht restlos anzuerkennen -vermag: _der_ gerade legt Wert darauf, vor alle Einschränkungen und -Einwände den Ausdruck seiner unbedingtesten Bewunderung und Verehrung -gegenüber der hier vollbrachten Leistung und der genialen Persönlichkeit, -die sie schuf, gesetzt zu wissen .... Das Werk weitesten Kreisen und -_allen Schichten_ unserer Zeitgenossen zugänglich und vertraut zu machen, -sollten alle einflußreichen Deutschen, _Parlamentarier, Ärzte, Erzieher, -Kirchenfürsten und Künstler_ sich zur Pflicht machen! Die unmittelbarsten -positiven Werte des Buches empfehlen sich allen Einsichtigen von -_selbst_.« - - (~Exzerpta medica.~) - - -#Danziger Zeitung#: »Das Buch ragt _leuchtturmartig_ aus der Masse der -Sexualliteratur hervor ....« - - (Professor ~Dr.~ Kafemann.) - - -#Der März#: »Ihre Darlegungen lesen sich, wie sie geschrieben sind, -»in einem Zuge«; sie ermüden trotz strenger Wissenschaftlichkeit -nirgends ....« - - (Otto Corbach.) - - -Über »#Die Bedeutung der Monogamie#« schreibt Professor -~Dr.~ _Silbermann_ in der »Volkskraft«: »Alle Vorzüge der Einehe und -all die Nachteile der Polygamie hat mit beredter Zunge unter Verwendung -reichen und interessanten Materials _Grete Meisel-Heß_ hierin geboten. Die -Verfasserin hat in ergreifender Weise das dämonische Unheil ausgemalt, -mit dem die Untreue Ehe und Familie schlägt. Ein »Hohes Lied« der Einehe -wird angestimmt. Akkorde erhebenden Glücks paaren sich mit den finsteren -Melodien unheilvoller Weissagungen. Die Art der Darstellung erinnert an -Schopenhauer. Gleich ihm entwickelt die Verfasserin in ihrer ausführlichen -Schrift nur einen einzigen Gedanken, den sie aber nach allen Seiten hin -wendet, aus allen Ecken und Winkeln beleuchtet, bis nichts mehr an ihm -dunkel und unklar bleibt. Aus Kunst, Wissenschaft, Literatur schafft sie -reiches Material für und gegen ihre These herbei. Keinen Einwand läßt -sie unerwidert, keine Behauptung ohne logischen oder materiellen Beweis.« - - - Alle drei Werke sind zu beziehen - durch jede Buchhandlung oder den Verlag - #Eugen Diederichs, Jena#. - - - - -Neuerscheinungen 1919 - - -Die Türme des Schweigens - -Phantastischer Roman aus Indien von - -Maxim. Maulbecker - - -Das Heiratsgesuch - -Heiterer Roman von - -Marianne Westerlind - - -Seegespenster - -Ein Nordseeroman von - -Anny Wothe - - -Was ist Liebe? - -Erotisch-sozialer Roman von - -Arthur Zapp - - - Preis jedes Romans - In Geschenbd. 6,50 Mk., broschiert 5,-- Mk. - - -Die Lore auf dem Dach - -Heiterer Roman von - -Fritz Skowronnek - -In imit. Lederband 4,50 Mk. - - -Wie sie lieben - -Zwölf Geschichten aus dem Leben von - -Fr. W. v. Oestéren - -Mit mehrfarb. Umschlag von Lutz Ehrenberger - -Kartoniert 2,80 Mk. - - -Durch alle Buchhandlungen zu beziehen - - - - -Sehr geeignet zu Geschenkzwecken! - - -Sterngucker - -Roman von - -Max Geißler - -Mit künstlerischer, mehrfarbiger Titelzeichnung - -10. Tausend. Broschiert M. 5,--; gebunden M. 6,50 - - -Roda Roda: - -Das Rosenland - -Bulgarische Gestalter und Gestalten - -Das umfangreiche Buch bringt neben einer kurzweilig geschriebenen -Geschichte des Bulgarenvolkes meisterhaft gelungene Übersetzungen seiner -hauptsächlichsten Literatur. Der Leser ist erstaunt über die Schönheit -und dichterische Fülle, die sich ihm dabei offenbart. Wir lernen durch das -Werk die ganze Wesensart des bulgarischen Volkes kennen. - -In farbenprächtigem Originaleinband M. 8,80 - - -Die Nebenehe - -Eine unmögliche Geschichte von _Hedda Vernon_ - -Mit Einleitung von - -Artur Landsberger - -Reich illustriert, mit farbigem Titelbild, kartoniert M. 4,-- - - -#Gebrüder Enoch#, Verlagsbuchhdlg., #Hamburg I# - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#. - -Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils zu Beginn und Ende einfachen -floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde. - -Die Überschrift "Erster Teil." ist im Originalbuch nicht enthalten und -wurde in dieser Transkription eingefügt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 16: - im Original "aufgelöst haben in sich zu, lauter Stimme" - geändert in "aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme" - - Seite 28: - im Original "der vollzogenen Tatsche unserer Vermählung" - geändert in "der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung" - - Seite 47: - im Original "Die Fremdenwaren meist Russen" - geändert in "Die Fremden waren meist Russen" - - Seite 51: - im Original "~Le regard, Le sourire? La voix?~" - geändert in "~Le regard? Le sourire? La voix?~" - - Seite 55: - im Original "~L'ombro di Carmen~" - geändert in "~L'ombra di Carmen~" - - Seite 81: - im Original "Die sehr hellen Hare fielen" - geändert in "Die sehr hellen Haare fielen" - - Seite 93: - im Original "In alles hineinblicken" - geändert in "»In alles hineinblicken" - - Seite 108: - im Original "welch' eine Fülle war in in dieser Zuversicht" - geändert in "welch' eine Fülle war in dieser Zuversicht" - - Seite 132: - im Original "Man wußte sich hineinsetzen" - geändert in "Man mußte sich hineinsetzen" - - Seite 143: - im Original "wenn ich die Augen ausfchlage" - geändert in "wenn ich die Augen aufschlage" - - Seite 145: - im Original "sich bei Licht, als gewöhnliche Gegenstände entpuppen" - geändert in "sich bei Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen" - - Seite 151: - im Original "Holla! Hussa! hussa!" - geändert in "Holla! Hussa! Hussa!" - - Seite 154: - im Original "Geheimnisvollerers" - geändert in "Geheimnisvolleres" - - Seite 158: - im Original "wie ich es gefürchtet hatte" - geändert in "wie ich es gefürchtet hatte." - - Seite 162: - im Original "Feilich. Darum müssen sie einander" - geändert in "Freilich. Darum müssen sie einander" - - Seite 165: - im Original "sich gelasseu darein ergeben" - geändert in "sich gelassen darein ergeben" - - Seite 196: - im Original "Eine Erdgeheimnisse -- Wissende ist sie." - geändert in "Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie." ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. 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Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/66880-0.zip b/old/66880-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 36a7b05..0000000 --- a/old/66880-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/66880-h.zip b/old/66880-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 09794ea..0000000 --- a/old/66880-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/66880-h/66880-h.htm b/old/66880-h/66880-h.htm deleted file mode 100644 index d6cbf8d..0000000 --- a/old/66880-h/66880-h.htm +++ /dev/null @@ -1,9548 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Die Stimme -by -Grete Meisel-Heß</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 300%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 1em;} -h2 {font-size: 125%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 4em; margin-bottom: 1em; line-height: 1.3;} -h3 {font-size: 125%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em; line-height: 1.3;} - -p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em; vertical-align: bottom; line-height: normal;} - -hr {width: 10%; margin-top: 1.2em; margin-bottom: 1.2em; page-break-before: avoid;} -img {padding: 0; border: 0;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.si {text-align: right; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent:0;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.in0 {text-indent: 0;} -.pb {page-break-before: always;} -.nopb {page-break-before: avoid;} -.ul {text-decoration: underline;} -.ndcbl {text-decoration: none; color: black;} -.bo {border: 1px solid black;} - -.mw18 {max-width: 18em; margin-left: auto; margin-right: auto;} -.mw24 {max-width: 24em; margin-left: auto; margin-right: auto;} -.mw36 {max-width: 36em; margin-left: auto; margin-right: auto;} - -.lh1 {line-height: 1.3;} - -.fsxl {font-size: 140%;} -.fsl {font-size: 125%;} -.fss {font-size: 80%;} -.fsxs {font-size: 70%;} - -.ml1 {margin-left: 1em;} -.mr0 {margin-right: 0;} -.mr1 {margin-right: 1em;} -.mb0 {margin-bottom: 0;} - -.mt0 {margin-top: 0;} -.mt1 {margin-top: 1.5em;} -.mt2 {margin-top: 2em;} -.mt4 {margin-top: 4em;} - -table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} -.tdl {text-align: left; vertical-align: top; padding-left: 1em; text-indent: -1em;} -.tdc {text-align: center; vertical-align: top;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - - -<body> - -<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Die Stimme, by Grete Meisel-Heß</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Die Stimme</p> -<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe.</p> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Grete Meisel-Heß</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: December 4, 2021 [eBook #66880]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made from scans of public domain material at Austrian Literature Online.)</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME ***</div> - - -<div class="pb mw24"> -<p class="mt4 si"><img src="images/p001i.png" alt="" /></p> - -<p class="ce mt2 lh1">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.<br /> -<i>Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.</i></p> - -<p class="ce mt2 fsxs">Druck von H. Carly, Hamburg.</p> -</div> - - - - -<p class="pb ce mt4 ul"><a class="pagenum" id="page_003" > </a> -<b>Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe</b></p> - -<p class="ce mt2 fsxl">Grete Meisel-Heß:</p> - -<h1>Die Stimme</h1> - -<p class="ce mt2 fsxl">Roman in Blättern</p> - -<p class="ce mt4 fss">6.-8. <span class="ge">Tausend</span></p> - -<p class="ce mt4 lh1"><span class="fsl ge">Gebrüder Enoch</span><br /> -Hamburg :: Verlagsbuchhandlung :: Leipzig<br /> -1919</p> - - - - -<h2 class="lh1"><a class="pagenum" id="page_004"> </a> -Die <b>Hauptwerke</b> von<br /> -<span class="ge fsl"><b>Grete Meisel-Heß</b></span><br /> -erschienen bei <b>Eugen Diederichs</b>, Jena.</h2> - - -<p class="ce">Es sind dies die Werke über das Sexualproblem:</p> - - -<p class="ce">I. Teil: <span class="fsl"><b>Die sexuelle Krise</b></span><br /> -1. Bd. erschienen 1909, 5. Tausend, brosch. 5,50 Mk., geb. 6,50 Mk.</p> - - -<p class="ce">II. Teil: <span class="fsl"><b>Das Wesen der Geschlechtlichkeit</b></span><br /> -2 Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5. Tausend<br /> -Preis brosch. 10,– Mk., geb. 13,– Mk.</p> - -<p class="ce">Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der<br /> -<i>Dr.</i> August Specht-Stiftung in Gotha.</p> - - -<p class="ce">III. Teil: <span class="fsl"><b>Die Bedeutung der Monogamie</b></span><br /> -1. Bd. erschienen 1917, 4. Tausend, brosch. 5,– Mk., geb. 6,50 Mk.</p> - -<table summary="" class="bo" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc"> Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich. </td></tr> -</table> - -<p class="ce">Vorher erschienen von der Verfasserin:   </p> - -<p class="ce"><span class="fsl"><b>Die Intellektuellen</b></span>, Roman<br /> -6. Aufl. Verlag Oesterheld & Co., Berlin W. 15.</p> - -<p class="ce"><span class="fsl"><b>Betrachtungen zur Frauenfrage</b></span><br /> -Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W. 80.</p> - -<p class="ce"><span class="fsl"><b>Geister</b></span>, Novellen<br /> -Verlag <i>Dr.</i> S. Rabinowitz, Leipzig.</p> - -<p class="ce"><span class="fsl"><b>Weiberhaß und Weiberverachtung</b></span><br /> -Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien I.</p> - -<hr /> - -<p class="ce">Urteile der Presse am Schluß des Buches.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_005"> </a> -<span class="fsl">Die Stimme.</span></h2> - - -<div class="mw18"> -<p class="mt4">»Was bedeutet diese Entfremdung -des innersten Wesens, dieses -Versagen der melodischen Kraft? -Wem gehört sie an? Dem Vogel? -oder wer <em class="ge">leiht</em> sie ihm nur? Nur -ein ekstatischer Zustand ermöglicht -ihm die Melodie.«</p> - -<table class="mr0 mt0" summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc">Richard Wagner.<br /> -<span class="fss">(Briefe an Mathilde Wesendonk.)</span></td></tr> -</table> - - -<p class="mt2">»Die Frage: Woher hat's der -Dichter? geht auch nur aufs Was, -vom Wie erfährt dabei niemand -etwas.«</p> - -<p class="si mt0">Goethe. <span class="fss">(Sprüche.)</span></p> -</div> - - - - -<div class="mw24"> -<h2 class="lh1"><a class="pagenum" id="page_007"> </a> -Vorwort<br /> -<span class="fss ge">zur ersten Ausgabe 1907 Berlin.</span></h2> - - -<p>Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym -veröffentlichen, der Rat meiner Freunde war dagegen. -Ich sollte nicht den Schein auf mich laden, -als ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte -ich nicht. Ich beabsichtigte nur, mich vor Identifizierung -meiner Person mit dem hier in Ichform -geschilderten Frauenschicksal zu schützen, – ein Bedenken, -das selbst Goethe nicht außer acht ließ, als -er unter den Roman »Aus meinem Leben« die Bezeichnung -»Dichtung und Wahrheit« setzte. Das -Lachen und Weinen dieser Blätter wurde nicht nur -»erlebt«, sondern auch geschaut, gehört, geträumt. -Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens -jemals nachging, weiß, daß die Vision da -beginnt, wo das Leben uns im Stich läßt.</p> - -<p class="mb0 fss">Dezember 1906.</p> - -<p class="si mt0 mb0 mr1">G. M.-H.</p> - - - - -<h2 class="nopb lh1 mt2">Vorwort<br /> -<span class="fss ge">zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe.</span></h2> - - -<p>Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen -und sehnsüchtigen Phantasie, auf künstlerischem -und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist die innerste -Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck -<a class="pagenum" id="page_008"> </a> -ringt und ihre Melodie zu finden sucht. Ich habe -sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.</p> - -<p>Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 -Berlin. Nach zwölf Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse -und Papiernot, seine Auferstehung erlebt. -Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.</p> - -<table class="ml1 mb0" summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc"><span class="ge">Berlin-Friedenau</span><br /> -<span class="fss">Oktober 1918.</span></td></tr> -</table> - -<p class="si mt0 mr1">G. M.-H.</p> -</div> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_009"> </a> -Inhalt.</h2> - - -<table summary="" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl lh1 ge" colspan="2"> <a class="ndcbl" href="#page_010">I. Teil: Präludium.</a></td></tr> - <tr><td>      </td><td class="tdl">Kindheit.</td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Rudi, Yussuf, Dimitri.</td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Probleme.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl lh1 ge" colspan="2"><a class="ndcbl" href="#page_137">II. Teil: Motiv.</a></td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Johannes.</td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Ekstatica.</td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Melancholica.</td></tr> - <tr><td> </td><td class="tdl">Anima.</td></tr> -</table> - - - - -<h2>Erster Teil.<a class="pagenum" id="page_010"> </a></h2> - - - - -<p> <a class="pagenum" id="page_011"> </a></p> - -<table class="pb mt2" summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Sollt mir nicht das Lachen schelten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und das Weinen, laßt es gelten!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was mir wollte trüb erscheinen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mußt ich mir herunterweinen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was mich wollte tanzen machen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mußt ich mir herunterlachen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Lachen, mit den nassen Augen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Solches Lachen, laßt es taugen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weinen, mit dem frohen Mund,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wer es kann, weint sich gesund.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Drum das Lachen wie das Weinen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mußt ich in der <em class="ge">Stimme</em> einen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und die wollt es nimmer halten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Stärker waren die Gewalten:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus der Stimme wollte springen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hell ein Lied, – ich ließ es klingen!</td></tr> -</table> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>as Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, -Mitte, Schluß, Vorbedacht und Absicht. Das -Leben ist – ja was ist es?</p> - -<p>Der Tag hält das Individuum. Und so wie es -Tage gibt, die uns hoch emporheben, über unser -Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns -schleifen.</p> - -<p>Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne -Buchblätter fallen sie aufeinander, zerfliegen und zerstieben -oder – werden zusammengefaßt, von einer -stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein -Schicksal, wie eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden -Blättern ein Buch.</p> - -<p>»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen -das Leben. <em class="ge">Blätter</em> sind es, aus denen ein Schicksal -wird.</p> - -<hr /> - -<p>Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das -Motiv dieses Vielklangs. Nun aber ist mir, als höre -ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer -wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, -der nicht nur der deiner Musik, sondern der deiner -selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend und -doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in -deiner ganzen Person verkörpert erscheint.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf -alle meine eigenen Töne, das Einzelne, das Verstreute, -das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde gebracht, -und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren -sich mir, das Motiv wird mir deutlich, dunkle -Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie Baßbegleitung -zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen -meines Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, -sondern notwendig. Das hast du getan, du guter -Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir -aus der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, -sie herausgerufen mit deiner Musik von da, -wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und -jene – andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in -diesen Blättern, sie kommt mir vielleicht mit ihr. -Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten dafür nur -ein Wort: <i>anima</i>.</p> - -<p>Und »Entfremdung des innersten Wesens« und -»Versagen der melodischen Kraft«, es ist ein und -dasselbe!</p> - -<p>Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder -belebtest!</p> - -<p>Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, -denn es ist ja nur eine, mit dieser Stimme, die du -so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil gepflegt -hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und -zersprungen war, mit ihr will ich dir erzählen alle -meine Schicksale, die zugleich die ihren sind.</p> - -<p>Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen -davon, so willst du, und sie damit ganz befreien. -Niedergelegt soll es sein, geopfert.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Geopfert – wem? Den Göttern? Werden sie -gnädigst als Opferdampf in die Höhe entführen, -was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen -emporsteigt?</p> - -<p>Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie -denn nicht von ihrem eigenen Herd?</p> - -<hr /> - -<p>Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du -es willst, so wird das ja dann wohl ein »Buch«? -Wenn es denn schon ein Buch werden soll, so wünschte -ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert -träumte: »– ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt, -das sich durch sich selber halten würde, aus der inneren -Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft schwebt, -ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen -Stoff hätte, oder in dem der Stoff fast unsichtbar -wäre, wenn das möglich ist.«</p> - -<p>Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so -will mir scheinen, nur dann, wenn es notwendig ist. -Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn eben -so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst -auflöste in lauter – Stimme. Also ein Buch der -Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung, die der -»Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen -und aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: -Stimmung ist eingewoben in Handlung. Dies -Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen -Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, -Seele, Hauch, – <i>anima</i>.</p> - -<p>Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. -Sie werden diktiert. Von irgendwoher. -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Und wie von selbst entstehen sie unter diesen wie zu -Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt -auf und nimmt ihren Weg. »Wem gehört sie an – -dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und welch -ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?</p> - -<p>Dieser Zustand – nicht selbst schon Stoff? Stoff, -nicht vom Staube geboren und zum Staube gehend: -Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. -Und der Staubgeborene, über den er kommt, dieser -Zustand, ist dann außer dem Staube, außer sich, – -ekstatisch.</p> - -<p>Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In -kurzen oder langen Zusammenhängen, in wehenden -wirbelnden Blättern oder in treulich geführter Chronik. -Wie es über mich kommt. Wie es mir – diktiert -wird. Vorsatzlos will ich bleiben.</p> - -<hr /> - -<p>Kindheit – Sehnsucht danach? Was ist dies? -Ausgeliefert an alles und alle, unwissend und doch -schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel erfahren -werden müsse, bevor das Chaos Welt seine -Gestalt offenbare. O diese verzweifelte Sehnsucht im -kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem Ähnlichen, -und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche -gäbe, oder ob nicht dieses eigene kleine Ich (das da -zu reflektieren beginnt) ein großer Irrtum sei, -der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren -müsse!</p> - -<p>Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines -Mädchen einsam ist.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim -Riesen Wilkins. Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, -mit zehn Jahren (Giorgio, mein Bruder, war -im Pensionat). Und ich – allein, allein. Denn -mir war irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten -Leuten.</p> - -<p>Meine Mädchenjahre – studieren, singen, tanzen -– ohne Ahnung, was daraus werden sollte. Der -Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun -konnte.</p> - -<p>Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie -müßten mit Ihrem Temperament zum Theater gehen. -Auch haben Sie Stimme.«</p> - -<p>Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, -das Theater. Tanzen, singen, springen, lachen, weinen, -jubeln – das konnte man ja auf jenen Brettern.</p> - -<p>Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und -Literat dazu. Sein Papa gab ihm Essen, Wohnung -und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren -Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste -Zeit verbrachte er im Café. Dort kam er in Stimmung. -Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft kennen -gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht -auf so gewöhnliche Art wie andere Leute. Er sagte -mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft waren es -Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er -mich liebe.</p> - -<p>Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. -Sein bartloses Gesicht war nicht uninteressant. Eine -gewisse schwermütige Müdigkeit war in der leicht vornüber -gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er -pflegte sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -aufzurichten, daß seine schwarzen Locken, die -ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und dann -schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.</p> - -<p>Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. -Besonders die Stimme schien ihm interessant.</p> - -<hr /> - -<p>Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. -Ich wurde examiniert. Resultat: Talent, -Chance, Ausbildung.</p> - -<p>Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von -Rudi. Schwermütige und doch seltsam anmutige Verse. -Und Rudi sprach mir von den Reizen eines freieren -Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.</p> - -<p>Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine -literarische Zukunft. Er arbeitete an einem Librettotext.</p> - -<p>Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein -Libretto war angenommen. Und der Theaterdirektor -wollte mich hören.</p> - -<p>Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem -Theaterdirektor. Ich war in glänzender Laune. Der -Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement -»vom Fleck weg«.</p> - -<p>Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. -Hatte sich je ein Mensch um mich gekümmert wie er? -Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei -war man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen -mich »einließ«, »der nichts ist und nichts hat«.</p> - -<p>An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum -Theater ginge. Ich war minderjährig. Als Rudis -Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte.</p> - -<p>Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei. -Auch war niemand da, der mir auch nur einigermaßen -gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung -gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als -Weib empfunden hätte, bei dem ich <em class="ge">gerne</em> unfrei -geworden wäre.</p> - -<p>Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war -doch etwas, was von ihm zu mir ging, was ich <em class="ge">fühlte</em>. -Anders fühlte, als wenn ich mit meinen Freundinnen -war. Aber was, was war eigentlich mein Weg? -Was war das mit dieser Stimme? Sollte sie beachtet -werden? Und wohin mit ihr?</p> - -<p>An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken.</p> - -<hr /> - -<p>Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim. -Dennoch kam die Sache auf. Meine Eltern wollten -von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille -war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung.</p> - -<p>Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis -Name stand noch öfter in den Zeitungen. Das nutzte -aber alles nichts.</p> - -<p>Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug -der Operette samt Text. Ein junger, begabter Komponist -hatte ihn vertont.</p> - -<p>Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum -Heulen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie -man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese Sätze, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte. -Und einen »Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff. -Ich verschwieg ihm auch nicht meine Meinung.</p> - -<p>»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht -genommen.« (Und da hatte er recht.) »Literarisch -leb' ich mich ja anderweitig aus!«</p> - -<p>»Wo denn?«</p> - -<p>»Die – Gedichte?!«</p> - -<p>Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein -durfte er »sich ausleben«, hier bei mir. Anderwärts -mußte er sich verleugnen! O, der Arme!</p> - -<p>»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe -will ich Geld verdienen?«</p> - -<p>Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung.</p> - -<p>Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen. -Rudis Name als Literat war gemacht. Er verdiente -auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun -doch nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix -ist und nix hat«.</p> - -<hr /> - -<p>Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich -dürfe ihn nie und nimmer heiraten. Man berichtete -mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte darüber. -Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei -es, wie es sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht. -Wie ein Verhängnis kam es mir selbst vor.</p> - -<p>Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein -Leben steuern sollte, wenn ich von diesem Plane abließe.</p> - -<p>Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt, -wie jede Frau. Rudi war nicht dieser »Mann«. Aber -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild entsprach. -Es war wohl ein phantastischer Traum. -Konnte ich warten, warten ins Blinde? Steuerlos -mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die -heraus wollte und nicht wußte wohin?</p> - -<hr /> - -<p>Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele -kämen. Ich verließ eines Tages das Elternhaus und -war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi wußte nicht, -wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten -das so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne, -er wisse nicht, wo ich wohne, falls man etwas gegen -ihn unternehmen sollte.</p> - -<p>Wir hatten uns nicht getäuscht.</p> - -<p>Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich -telephonierte zu seinem Papa und erfuhr, daß Rudi -wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht -sitze.</p> - -<p>Entführung einer Minderjährigen, das ist kein -Spaß in Österreich. Der Augenblick, aus meinem -Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei -Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist. -Sie sprach an diesem Tage nicht mit mir. Rudi -wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes -sofort enthaftet.</p> - -<p>»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte -meine Mutter mit finsterer Miene.</p> - -<p>»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich. -Ihn heiraten zu <em class="ge">müssen</em>, daran hatte ich -nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre er mir -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn -durchaus nicht heiraten zu dürfen!</p> - -<p>»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts – geschehen«, -sagte ich kleinlaut.</p> - -<p>»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man -glauben und auch nicht, jetzt mußt du ihn heiraten, -als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen, die -du dir eingebrockt hast.«</p> - -<p>Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen -mir damals wahrhaft böse war, hat sie mich damals -nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint, weniger -erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen -gesetzt!</p> - -<p>Und es war wirklich nichts geschehen!</p> - -<hr /> - -<p>Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit -der Eltern das Weiseste, was ihnen übrigbleibt!</p> - -<p>»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht -leuchten über euch und sei euch gnädig!« -floß es vom Chor herunter.</p> - -<p>Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer -wilder, immer fassungsloser.</p> - -<p>»Er lasse sein Angesicht leuchten über -euch« –</p> - -<p>O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände? -Arme, arme Kinderhände! Wie müssen sie -erst blutig zerfetzt werden, ehe sie aufhören, mitten -ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen -da Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -durch das Gestrüppe nach diesen Sternen greifen und -glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt – zum -Spielen!</p> - -<hr /> - -<p>Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar -nach meiner Trauung, laß mich sprechen -von dem, was du ja weißt, laß es mich hier niederlegen, -wie alles andere.</p> - -<p>Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung -der Eltern. Ein kleiner Kreis war da versammelt, -Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging -auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und -kam im Reisekleid in den Salon. Ich begrüßte meine -Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer, -wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute. -Ich trat da ein und sah einen Fremden. Ein Verwandter -von mir, ein Musiker, Mitglied des Opernorchesters, -sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das -ist der Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker -vorgestern hier aufgeführt haben. Er ist -Professor an der Musikhochschule in B.«</p> - -<p>»Wer ist dieser Mann?« sagte ich.</p> - -<p>»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt, -ihn hierher mitzubringen, weil er mit dem -Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist abends -wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug. -Entschuldige das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde -dich interessieren!«</p> - -<p>Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen -Namen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr -in den Salon zurück. »Sie sind die Braut«, sagtest -du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine Frau.« -Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch -von meiner Stimme.</p> - -<p>»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte -dir ihn. »Und Sie reisen?« »Ja, wir reisen.«</p> - -<p>»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.«</p> - -<p>»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich -ging in mein Zimmer und kam wieder mit einem -Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der -vom Schleier gerissen war.</p> - -<p>»Darf ich das behalten, – zur Erinnerung an -meinen Einbruch hier im fremden Haus?«</p> - -<p>Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten -Reisetasche.</p> - -<p>»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen -nichts. Sehen Sie, sie öffnen sich ja. Sie werden -sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe sein, <i>en -miniature</i>.«</p> - -<p>»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe -werden wohl halten.«</p> - -<p>»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du, -»denn sonst verlieren Sie die Tasche. Ich reise erst -nachts und kann mir bis dahin noch andere besorgen.« -Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an -denen der Riemen hängt, und befestigtest sie an der -meinen. Es waren das feste Stahlringe, mehrfach -gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was -sie zusammenhalten sollen, nicht verloren werden -konnte.</p> - -<p>Der Wagen kam.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt – reisen. -Und ich danke Ihnen für die Ringe.«</p> - -<p>»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.«</p> - -<p>Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten -Ringe, die deine wie meine Hand trug, berührten -einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam -das? Zitterten denn die Hände?</p> - -<p>Und dann mußte ich reisen, – hochzeitsreisen mit -Rudi Neudorfer!</p> - -<p>Ja, ich <em class="ge">mußte</em>.</p> - -<hr /> - -<p>Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration, -die Entjungferung eines Weibes als eine schlechte, -schmutzige Sache zu betrachten! Eine Sklavenarbeit, -eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen -germanischen Herrenrecht auf die erste -Nacht (welches das Weib vielleicht viel deutlicher -noch zur Benützten machte als jene antike Degenerationserscheinung) -trieben sie die Jungfrauen, die -stolzen, die schönen, die starken, hinunter an den -Strand und ließen sie von derben Sklaven oder von -phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern -machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen -in Betracht.</p> - -<p>Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult, -was ist er anderes als eine Fluchtstätte der degenerierten -Mannheit?</p> - -<p>Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte -es geschehen, daß die Schlechten, die Sklaven, an die -Jungfrauen, die stolzen, die starken, die schönen, herankommen -konnten, herankommen mußten.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos« -vor Augen:</p> - -<p>Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet -ihn, Siegfried!</p> - -<p>Es kommt ein anderer, ein Geringer.</p> - -<p>»Wer drang zu mir – wer <em class="ge">drang</em> zu mir?«</p> - -<p>Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, – die -Nacht der Hingabe, in heller, seliger Bewußtheit, mit -dem hellen, seligen Willen zu empfangen.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>N</b>un war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau -Neudorfer-Hertz. So wollte es mein mich managender -Mann. Mein Engagement verpflichtete mich -von Beginn der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen -nach meiner Heirat.</p> - -<p>Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges -Hütchen auf dem Kopfe, ein weißes Stöckchen -keck durch die Luft wippend, kam ich in meiner ersten -Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch -hinter mir schritten. Wir marschierten unter den -Klängen einer Polka graziös im Bogen bis an die -Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und -sang »mit reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie:</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Die klu–gee – Frau</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die weiß – gee–nau,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie der Mann zu fassen ist,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie man ihn am besten küßt!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die klu–gee – Frau – –«</td></tr> -</table> - -<p>Ich hatte einen <i>grand succès</i>!</p> - -<p>Rudi strahlte.</p> - -<hr /> - -<p>Die materielle Basis unserer Menage war trotz -unserer leichtsinnigen Sorglosigkeit vor der Eheschließung -keine üble. Ich hatte von meinen Eltern -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er -eine sehr anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich -der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung -ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als Feuilletonist, -auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein, -und ein zweites Libretto hatte er »unter der Feder«.</p> - -<p>Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen.</p> - -<p>Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas -in den Weg, im Gegenteil, das »interessante« junge -Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen hatte, -erfreute sich allseitiger Sympathie.</p> - -<p>Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so -wenig mit mir sah. Auch mich wunderte das schließlich. -Aber andererseits, – mußte er nicht in seinem -Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so -handeln, wie es die »Stimmung« mit sich brachte? -Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht arbeiten.</p> - -<p>Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten -Fußtouren bei Nacht durch die menschenleeren Straßen -der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des -Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn -daran zu hindern?</p> - -<p>Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh -nach Hause kam. Bis Mitternacht, – während ich im -Theater war, – hatte er zu Hause gearbeitet, sagte -er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich verspätete. -Dann lief er schnell zum Theater, um mich -abzuholen, ich aber war natürlich schon fortgefahren, -– nun und dann war er eben ein paar Stunden herumgebummelt.</p> - -<p>Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu -binden. Und gewöhnte mich, allein nach Hause zu fahren.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann -galante Ideen. Ließ mir z. B. ein Bukett aus den -Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt, steckte -mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du -bist entzückend, Carmencita.«</p> - -<hr /> - -<p>Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die -eigentliche Sopranheldin (ich war ein Alt und gab -die edleren Seelen), die Schöne Helena des Theaters. -Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters zu -finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine -Französin, verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. -Wir sprachen manchmal zusammen, auch so -– nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen. -Neugierige Fragen – mehr oder minder verblümte -Antworten. Daß sie keine Kinder hatte, erklärte sie -mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich verbotener Vorgang -sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. -»<i>On ne peut pas éviter, vous savez!</i>«</p> - -<p>Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren -bei einer geeigneten Person – abonniert hatte! -Dadurch käme es billiger. Die ersten Male sei sie -fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie -besser heraus.</p> - -<p>Sie hatte sich abonniert darauf!</p> - -<p>Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch -lebte!</p> - -<p>Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi -zu erzählen. Mit Choristinnen und Statistinnen unseres -Theaters hätte man ihn da und dort gesehen. Ich -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte -aber nicht seine Lebensweise.</p> - -<p>Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen -Übermenschen gehört!) gegenseitig ausgemacht worden. -Aber ich hatte nie auch nur im entferntesten daran -gedacht, daß man sie anders benützen könnte, -als ich.</p> - -<p>Das – das fing doch an, mir über den grünen -Klee zu gehen.</p> - -<p>Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich -wußte nur nicht mehr recht, was und wie. Ich glaubte -es deswegen nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, -daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr -bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde. -Und so betrügen. Eine Leidenschaft für eine andere -Frau hätte ich jederzeit begriffen. Die Ehe kann zu -keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann ganz -friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit -auch formell wiedergegeben. Ohne Groll, ohne -Feindschaft.</p> - -<p>Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen -herumziehen sollte, war eine andere Sache. Ich glaubte -es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft der meinen -vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt. -Wer war eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben -führte er <em class="ge">eigentlich</em>? War die Vertraulichkeit seinerseits -– erlogen? Gab es denn Menschen, die so etwas -fingieren konnten?</p> - -<p>Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an -allem.</p> - -<p>Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare -Angst vor – ich weiß nicht was.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn -heiratete.</p> - -<p>Und wie stand ich nun da, in den Augen aller -Welt, wenn sich die Sache, für die ich mich so sehr -eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies?</p> - -<p>Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir. -Später, als es notwendig wurde, war der Gedanke an -die Meinung aller Welt wie fortgeblasen.</p> - -<hr /> - -<p>Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, -trotz unserer sehr anständigen Einkünfte. Ich -bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe an Grauen -grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art -Zwangsidee beherrscht wurde. Was immer er hatte -und erraffen konnte, er mußte es ausgeben. Von -einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, -die ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, -dreimal präsentiert. Unordnung in Geldsachen war -mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine -Mutter von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen -vor Schulden, Überschreitungen des Budgets -und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich übergegangen.</p> - -<p>Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich -an mich heran. Was machte er mit dem -Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte besonders -nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen -Ausgaben?</p> - -<p>Er, – er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich -nicht, wo es ihm hinkäme! Es zerschmölze ihm -unter den Händen, er wüßte nicht wie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen -Mädeln, aber die richtigen, die ganz »süaßen«, halfen -ihm, unser Geld durchzubringen.</p> - -<p>Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das -unheimliche Dunkel der Situation. Ein Blitz, der mir -mit einem Schlage erhellte, was mir an dem Menschen -dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, -was an guten Gefühlen, die besonders nach der -Hochzeit fast zärtlich geworden waren, – wie begreiflich, -– für ihn in mir dagewesen war.</p> - -<p>Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß -eines Toten«. Der Dichter hatte durch Selbstmord -geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not -waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde -jetzt von einem Freund veröffentlicht. Mich interessierte -es, von dem Manne zu hören, weil mir Rudi den -Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine -Zeitlang in der Redaktion einer Wiener Wochenschrift -gewesen, die dann einging. Damals hatte sich der -Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich -in allen Auslagen zu sehen.</p> - -<p>Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis -Liebesgedichte hatten einen starken Eindruck auf mich -gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer dieser -Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht -hatte.</p> - -<p>Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und -kaufte mir das Buch des Verstorbenen. Noch in der -Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und las. –</p> - -<p>Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« -hatte, – ich fand sie hier, im Nachlaß eines -Toten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und -wartete auf mich mit dem Mittagessen. Er sah das -Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch -auf dem Tisch.</p> - -<p>Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und -sprachen kein Wort. Als er sich nach Tisch erhob, sah -ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da warf -ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«</p> - -<p>»Exaltierte Person!«</p> - -<hr /> - -<p>Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener -Mensch war. Wie eine Fabel, wie ein Märchen, -wie ein Symbol erscheint mir nun diese Begebenheit. -Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens -den Kern trifft: er war ein Lügner.</p> - -<hr /> - -<p>Es geschah – nichts. Ich war unfähig, irgendeinen -Entschluß zu fassen. Was hätte ich auch tun -sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte -mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? -<em class="ge">Sollte</em> ich sie lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, -bis irgend etwas geschähe, ich wußte selbst -nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob -und von selbst wirkte und entschied. In diesem -Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein Fatalismus ist -eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik -jeder Situation als das in ihr wirkende Prinzip.</p> - -<p>Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell -natürlich. In Wahrheit bestand keine Intimität mehr.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Es kamen nun Monate eines widerwärtigen -Kampfes. Es hieß, sich gegen etwas wie eine Verführung -wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre, -Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als -eine solche Situation. Um das Gefühl des Zornes, -der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen, kommt -ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich -einem Abenteuer in die Arme zu stürzen, nur, um -mit einem Gefühl, das sie ausreißen will, fertig zu -werden.</p> - -<p>Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was -geschehen wäre. Aber an eine in »glühender Liebesehe« -jung verheiratete Frau wagte sich niemand.</p> - -<p>Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen -Horizont aufgetaucht, der mehr Interesse für -mich an den Tag legte, als es sich einer Jungvermählten -gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte -mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor -ihm. Aber seine feste Formenzucht gab mir immer -wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler, -holländischer Abstammung. Er führte den klassischen -Namen Orest. Orest van Haer. Er lebte seit mehreren -Jahren in Wien und hatte sich als Porträtist einen -großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in Stein -gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen -Kaisers denkt. Undurchdringlich schienen diese Züge. -Die Augen aber glühten und führten ihr eigenes -Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt -und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt -ist. Was ihm einen besonderen »Nimbus« in den -Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der Glanz -seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -großen alten Parks erworben und gab da von Zeit -zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine Stätte, zu der -zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet -wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen -gelebt, meist in Schottland.</p> - -<p>Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu -einer »interessanten« Persönlichkeit. Auf seine Bitte -sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das erstemal -war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites -Mal hatte er mich allein hingehen lassen! An diesem -Tag blieb ich, da ich theaterfrei war, länger als die -Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit -van Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. -Wir sprachen fast unausgesetzt von seinen Reisen. -Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde -nicht berührt.</p> - -<p>Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte -ich mir wohl einen Augenblick, – es wird ihn befremden, -daß ich seiner Einladung, zu bleiben, nachgegeben -habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über -mich (Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise -niemand. Man belächelte meine Beschäftigung bei -der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien -ich niemandem.)</p> - -<p>Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals -schwer auf mir zu lasten. Da mein Mann -immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene -Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein -fast ekles Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich -damals im Wagen van Haers nach Hause fuhr. Mochte -jener denken, was er wollte.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, -– das Singen und Springen auf jenen Brettln war -mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte an -dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, -– war Rudi wie gewöhnlich nicht zu Hause. Er -schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein Hausrock -lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich -nahm die Sachen, um sie aus dem Weg zu räumen. -Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche seines -Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin -vergessen.</p> - -<p>Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie -öffnen sollte. Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. -Ich wußte, daß ich irgend etwas Entscheidendes durch -diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst -erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, -fern von jeder Umsicht im Verbergen seiner -Machinationen.</p> - -<p>Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher -Adressen. Ich nahm mir gar nicht die Mühe, sie abzuschreiben, -nahm einfach die Zettel an mich.</p> - -<p>Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. -Sollte er mit all diesen Weiblichkeiten leben? Ich -beschloß, das zu erfahren.</p> - -<hr /> - -<p>Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen -und fuhr von Adresse zu Adresse. Es waren nette -kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand. »Süße -Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, -dafür erzählten sie mir hübsche Dinge von Rudi. -Einige besaßen seine Photographie. Alle kannten ihn -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie -eine Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper -geführt.</p> - -<p>Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in -sein Stammcafé die telephonische Mitteilung von seinem -Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso, sein gesamtes -Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere -erfahre er beim Advokaten Soundso.</p> - -<hr /> - -<p>»Einverständlich« – oder ein Prozeß lautete meine -Devise. Er verbiß sich nun in mich wie ein wütendes -Tier. Nein und nein. Er kam in meine Wohnung -und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor -meinen Augen würde er sich erschießen, wenn usw. -Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu schonen. Darauf -stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.</p> - -<p>Er behauptete, mir »eigentlich« – treu geblieben -zu sein. Möglich. Vielleicht lebte er nicht, vielleicht -lumpte er nur mit diesen Mädchen!</p> - -<p>Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt -hätte, – ich wäre von ihm fort. Und wenn -ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre von -ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle -mein Eigen genannt hätte, ich wäre von ihm fort. -Denn er ekelte mich bis in die tiefste Seele, bis in -jeden Blutstropfen hinein!</p> - -<p>Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: -– »der Schuft, der Lump«. Nein, ich dachte immer -nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses war das -Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, -erhielt ich eine schriftliche Nachricht van Haers. Die -Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust dieser -Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, -mein Mann und ich, geneigt wären, den Silvesterabend -als seine Gäste auf dem Semmering zu verbringen. -Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer -genannt waren, geladen. (Daß wir eben in -Scheidung lagen, wußte er natürlich nicht, so wenig -wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß -ich mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.</p> - -<p>Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug -im Hause fremder Leute und freute mich um so -mehr auf den Ausflug zu Silvester.</p> - -<hr /> - -<p>Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich -ergriff, die sich meiner Beherrschung entzog. Es war -eine wilde Verzweiflung in mir, die sich in Form -einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die -Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und -immer wieder geleert. Van Haer selbst trank nicht. -Wir waren etwa vierzig Personen, von denen ich mit -den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes -hatte ich oberflächlich entschuldigt.</p> - -<p>Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir -van Haer einen Spaziergang vor. Niemand würde -unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der -Wald im Schnee und Frieden. Er holte mir einen -Pelz, und ich folgte ihm.</p> - -<p>Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips. -Er hatte mir den Arm geboten und nahm -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er -fragte nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine -Ausflucht.</p> - -<p>Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen, -tanzte ich ein paar Runden und zog mich -dann auf mein Zimmer zurück.</p> - -<p>Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine -Tür, die ich auch früher bemerkt hatte, und die zu -einem Nebenzimmer führte, geöffnet und angelehnt. -Der Schlüssel fehlte.</p> - -<p>Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit -wieder. Also <em class="ge">so</em> dachte er sich das.</p> - -<p>Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock -und legte mich merkwürdig unbesorgt aufs Sofa.</p> - -<hr /> - -<p>Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer -trat ein. Meine Frage nach dem Schlüssel und nach -der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der -Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich -in ein sonderbares Gewand geworfen. Es war eine -Art Toga, aber von bunten, orientalischen Geweben -mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt. -Meine Spannung entlud sich in einem Gelächter: -»Sie hätten mich auf elegantere Weise verführen -müssen, Herr van Haer.«</p> - -<p>Und ich lachte und lachte.</p> - -<p>Er war dunkelrot geworden.</p> - -<p>Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir, -bitte, die Situation. Sollte man sich, als man mein -Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben? Gehört -dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe -den Schlüssel an mich genommen. Gestatten Sie, daß -ich ihn hole.«</p> - -<p>Er entfernte sich.</p> - -<p>Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte -diesen Mann zu dieser Handlungsweise? -Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen -war. Wahrscheinlich hatte er die Tatsache, -daß ich die Einladung nur für mich allein annahm, -in diesem Sinne gedeutet.</p> - -<p>Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen -war durch das Unheil meiner Ehe, sie hatte -wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen.</p> - -<p>Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel. -Sein Gesicht war noch immer gerötet, und er sah mich -fast feindselig an. Er war jetzt im Jagdkostüm, das -er während der Fahrt herauf getragen hatte.</p> - -<p>»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte -ich, und ich weiß, daß es so weich und freundlich klang, -als müsse <em class="ge">ich ihn</em> um Verzeihung bitten. Und plötzlich -brach ich in Tränen aus.</p> - -<p>»Verzeihung – Verzeihung. Um Gottes willen, -verzeihen Sie mir!«</p> - -<p>Und er bat und bat, während ich still weinte.</p> - -<p>Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen -für das, was ihn verführt hatte, mich zu beleidigen, -ihm alles zu erzählen. Er hörte mit innigem -Interesse.</p> - -<p>Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er, -mir dann von sich zu erzählen. Und das Geheimnis, -das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die -Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -hatte etwas wie einen Glauben. Eine »Lehre« beherrschte -ihn.</p> - -<p>Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte. -Eine überschlanke Erscheinung mit fast harten Zügen; -unnahbar, unbeugsam, fanatisch war der Ausdruck -dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen -Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von -ihm. Am Tage ihrer Großjährigkeit wollte sie das -Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen.</p> - -<p>Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau -seiner Liebe sprach, gestand er die volle Größe des -Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In -diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte.</p> - -<p>Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über -unserem so vertraulichen Geplauder fast Morgen geworden -war.</p> - -<hr /> - -<p>Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein -christlicher. Ein Magier war er. Während der Sitzungen -bei ihm, in denen er mein Bild vollendete, erfuhr ich -von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«. -Das Bild selbst war damals wenig ähnlich. Aber -das Interessante daran war dieses: es zeigte mich so, -wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später -aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«. -Ich habe mich sehr verändert in diesen drei Jahren, -Bekannte von früher erkannten mich oft nicht.</p> - -<p>Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«.</p> - -<p>Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare -Gabe nicht, behielt nur die Skizze. Ein schottischer -Earl, den er im Hause jener Dame kennen gelernt -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft.</p> - -<p>Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er -ging von Wien fort, auf Reisen, und man wußte lange -nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte ich wieder -von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere -Schicksale gehabt. Ob er an ihnen – Christ geworden -ist?</p> - -<hr /> - -<p>Wir schieden dennoch, – genau so, wie wir geheiratet -hatten: ohne »Einwilligung«.</p> - -<p>Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben. -Hier schien mir meine Zeit greulich vergeudet. Auch -verschlangen die Toilettenkosten die Gage, so daß -materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte, -wenn ich das Toilettebudget – anderweitig hätte -decken lassen. Aus dieser <em class="ge">Stimme</em> konnte ich eben, -außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und -der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden -und ähnlichen Gelegenheiten noch keinen -materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch -<em class="ge">werden</em> lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage, -in die man lange, lange einlegen muß, bevor -man von den Zinsen, die sie schließlich trägt, -leben kann!</p> - -<p>Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck: -was wird mit mir? Wie soll ich mich allein -fortbringen?</p> - -<p>Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so -vieler Frauen! Nicht <em class="ge">ihre</em> Schmach, freilich! Anders, -anders wird das einmal alles sein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach -preisgegeben, ohne irgendein Talent, irgendeine -»Stimme« zu besitzen, die sie – vielleicht – doch -schließlich einmal frei macht.</p> - -<p>Gouvernante werden???</p> - -<p>Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie -habe ich gezittert!</p> - -<p>Frei, frei werden, um Gottes willen, – frei!</p> - -<p>O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine -Stimme! Ganz frei! Klinge mir voll auf, meine -Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte, heißerflehte -Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich -brauche, um <em class="ge">singen</em> zu können, um atmen zu können! -Dankbar werde ich sein, dankbar und helfend, wenn -ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme, -diese Sicherheit, die einzig die Freiheit ist!</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>I</b>ch besaß, um mein kleines Heim zu erhalten, -meine elterliche Rente als Grundlage meines -Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr sie -konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden -und wirkte während der Saison in Konzerten, -Akademien und künstlerischen Veranstaltungen in privaten -Kreisen mit.</p> - -<p>Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche -Erfolge zu bringen. Diese <em class="ge">Stimme</em> interessierte, -so unfertig sie auch war. Vom ersten Piepser an, den -sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde -nicht zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte -und ermutigte mich, wenn ich mich stimmlos -fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme, -verzweifeln wollte.</p> - -<p>Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und -obwohl die Menschen meist inkognito leben, bemühte -ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken. Brennend -interessierte mich immer der Mensch. Besonders in -dem Punkt, wo sich sein Dasein mit einem andern -verbindet. Die Ehe interessierte mich. Eine Einrichtung, -ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom -selben Menschen immer wieder verstümpert.</p> - -<hr /> - -<p>Was es mit dieser Stimme eigentlich werden -sollte, wußte ich nicht. Mein Leben selbst erschien mir -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt, -sein »Sinn«?</p> - -<p>Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen -Sinn aufzufinden und ihm gemäß, meiner gemäß zu -leben. Kraft des Leibes und der Seele.</p> - -<p>Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens, -beim Erwachen schon, Kraft fühlte für den neuen -Tag! Kraft in Hand und Blut und – Stimme! -O das fühlt man, gleich morgens schon!</p> - -<p>Und wenn ich matt erwachte – ach, wie so oft, -matt wie eine Fliege, müde, kampfmüde, von Bangigkeiten -belastet! – wenn ich so erwachte, ich weinte -darüber in den Morgen hinein!</p> - -<p>Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?!</p> - -<hr /> - -<p>Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie -länger als zwei bis drei Monate freiwillig in Wien -aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma« hatte -mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch -diese flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, -meine Wanderlust. Fort, wenn es nur irgend ging!</p> - -<p>Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die -nie zur Ruhe kämen. Sie konnten kein Moos ansetzen, -diese rollenden Koffer, – so wenig wie das Moos -an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.</p> - -<p>Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, -ich wußte nie recht warum. So stand ich einmal -in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße, im -Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, -vor mir auf der Erde, im Staub, fünf Kolli -Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der Gepäckträger -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, -ahnungslos, wie ich je wieder weiterkäme, weit und -breit kein Mensch, nur die staubige Landstraße, in -der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte -mit der Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? -Aber ein Narr wartet auf Antwort.</p> - -<p>Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen -sein, denn am nächsten Tage promenierte ich unterm -Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen, -mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!</p> - -<hr /> - -<p>Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den -sonderbarsten Verkleidungen: an der Table d'hôte saß -sie, unter hundert Personen, im Glanz der elektrischen -Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, -wenn ich in Gesellschaft, die mir gestern der Zufall -an die Seite gewirbelt hatte, zur Stunde des Kurkonzertes -da erschien. In langen Stunden, die ich -einsam im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster -hinausblickend in eine fremde Gegend, ohne Ahnung, -warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem -Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu -bestimmen, war sie da.</p> - -<p>Aber manchmal erschien sie mir auch in holder -Gestalt. Auf einer Alpenwiese lag sie neben mir im -Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, -wenn ich in langer Wanderung an seinem Ufer schritt -und mich dem Sturm überließ in wilder Freude. -Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, -– Einsamkeit war sie dann geworden.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen -Nester zu Füßen der Seealpen, in der Nähe der vornehmen -Badeorte der azurenen Küste. Villenkolonien, -die wie Vororte jener Städte sind und von den Ruheliebenderen -ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt -gewählt werden.</p> - -<p>Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der -eigentlichen Erholung kam heran, und dem Pseudofrühling, -der der Winter hier ist, sollte der wirkliche -folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten -ihn ein. <em class="ge">Die</em> Regen, <i>les pluis</i>. Sie dauerten nun -schon einige Tage. Man konnte nicht viel anfangen.</p> - -<p>Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel -und las die Zeitungen, die gerade bei der Hand waren. -Es war sehr voll, das Café. Kaum ein Plätzchen zu -haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat -um Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu -dürfen, es war kein Platz sonst frei. Ich erteilte sie, -ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger -Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, -mit denen ich hier zusammengetroffen war und -viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie sahen mich -und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner -roten Sammetbank beiseite. Es war gerade an -jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu -hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. -Die Fremden waren meist Russen, Franzosen, -Engländer. Meine Freunde gingen zum -Theater, ich blieb.</p> - -<p>Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte -mich nach neuen um.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen -hatte, schien das zu bemerken. Er reichte mir über -den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt, und -fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. -Ich verneinte dankend, weil es ein italienisches Blatt -war und ich zu mangelhaft italienisch verstehe.</p> - -<p>Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu -gepflegt vielleicht und allzu geschont. Aber von edlem -Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen -Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, -ohne daß ich es bemerkt hatte.</p> - -<p>Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. -Der Bart, rund um das Kinn, lief mit dem -Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche -Bärte? Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. -Die Stirn vielleicht zu weiß, die Haare sorgfältig gescheitelt, -lebhafte Augen, die die meinen suchten, und -ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm -im Bart verbargen. Sehr kultiviert, und doch, sonderbarerweise -dachte ich plötzlich französisch, – ich -dachte das Wort: <i>féroce</i>.</p> - -<hr /> - -<p>Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation -mit großer Gewandtheit über mich. Er hatte dabei -eine so respektvolle Art, daß ein Zurückweichen unmöglich -war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, -die der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt -und beinahe feurig und dabei ernsthaft vor. Nach -einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich viel -Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Darauf waren Lettern zu sehen, die mir fremd waren, -darunter stand in französischer Sprache:</p> - -<p class="ce"><i>Yussuff Hilmi Pascha Excellence</i><br /> -<i>Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.</i></p> - -<hr /> - -<p>Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi -Pascha ließ mich nicht mehr aus den Augen. Um -mich durch seine Gesellschaft nicht zu kompromittieren, -führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche -Freundin – er nannte sie »<i>ma seconde mére</i>« – -Madame Barozzi, die Gattin eines Balkandiplomaten, -nahm mich unter ihren besonderen Schutz. Eine -andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische -<i>Consulesse génerale</i>, ungarischer Abstammung, kam -mir nicht minder liebenswürdig entgegen. Jeden Tag -gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im Grünen -oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons -und ließ mir Liebenswürdigkeiten sagen.</p> - -<hr /> - -<p>Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter -sich. Zuletzt war er Botschaftsrat gewesen, dann zum -bevollmächtigten Minister vorgerückt und nun seit -kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer -alten, christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren -waren souverän gewesen bis zu ihrer Unterwerfung -durch die Türken. Man hatte nun an leitender -Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter -Karriere machen zu lassen und ihre Interessen mit -denen der Dynastie zu verknüpfen. Hilmi Paschas -Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig -Jahren eine ungewöhnliche.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß -ich ihm meine »Geschichte« und meine Verhältnisse -so unverhohlen mitteilte, als er mir die seinen.</p> - -<p>Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein -Wagen stand mir immer zur Verfügung und seinen -braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.« -Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und -verstand es ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern -der Corniche mit großer Gewandtheit ein Tischleindeckdich -aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen -wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, -tief unten, funkelnd und unbeweglich das -Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück wurde aus -geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und -wenn Hilmi Pascha sah, wie ich an den fremdartigen -Leckereien herumknabberte, dann freute er sich, wie -er sagte: »<i>plus que jamais</i>«.</p> - -<hr /> - -<p>Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn -so ganz und gar »gefangen« genommen habe. »<i>Je -suis votre prisonnier, chére madame.</i>« Und er -empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das -Thema. Aber er kam immer wieder darauf zurück. -Der »<i>coup de foudre</i>« wurde mir beschrieben, der ihn -damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges -Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem -deutschen Ehepaar sprach (also in einer Sprache, die -er nicht einmal verstand), war's geschehen. Was es -gewesen sei, wisse er nicht. »<i>Le sourire? Le regard? -Le son de la voix? Ah, cette voix, cette voix!</i>«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner -fürstlichen Hand die meine und flüsterte: »<i>Le regard? -Le sourire? La voix? Le sais-je, le sais-je?</i>«</p> - -<hr /> - -<p>Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog -mich zurück. Er wußte mich zu finden. Und je mehr -ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.</p> - -<p>Er sprach meinen Namen »Maja« gerne aus; -das j ist der arabischen Zunge geläufig und kommt -in dem zärtlichen Kosenamen Ajuni vor. Ajuni-Habibi -hörte ich ihn öfters sagen.</p> - -<p>Eines Tages fragte er mich: »<i>Maja-Ajuni, pouririez-vous -m'aimer un petit peu?</i>«</p> - -<p>Ich wußte nichts zu antworten. Aber ich überließ -ihm meine Hände. Und er nahm ein Päckchen aus -der Tasche und legte es mir in den Schoß. Seine -Mutter sende es mir. Es war eine Perlenschnur, eine -einzige lange Kette, die er mir dreimal um den Hals -schlang. Er warf sie über mich, – wie damals im -Café die Schlinge des Gesprächs.</p> - -<p>Ich empfand das alles wie im Traum. Es »geschah« -mit mir.</p> - -<hr /> - -<p>Liebte ich ihn? Ich fragte mich danach, als ich -nachts, ruhelos und doch von einer köstlichen Wärme -erfüllt, in meinem Zimmer auf und ab schritt. Ich -trat auf die Terrasse. Magnoliendüfte schlugen mir -entgegen. Das Meer rauschte auf. Liebte ich ihn?</p> - -<p>Aber eine Antwort kam mir nirgends.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>a ich die Mutter nicht an der Seite hatte, so -wurde die Verlobung nicht offiziell bekannt -gegeben. Aber er ließ es seine Freunde vertraulich -wissen, wie es um uns stand, und man verdoppelte -die Aufmerksamkeit gegen mich. Im übrigen war er -noch viel vorsichtiger als bisher, in allem, was meinen -Ruf betraf. Ich durfte um keinen Preis kompromittiert -werden, da ich als seine Frau hier leben würde. -Ohne Begleitung waren wir überhaupt nicht mehr zu -sehen, weder zu Fuß noch zu Wagen. Mich auf meinem -Zimmer aufzusuchen, wagte er nicht. Mich im Salon -des Hotels zu treffen und abends im öffentlichen -Saal mit mir zu speisen, war das Äußerste, was er -sich gestattete.</p> - -<p>Dennoch sehnte er sich natürlich nach vertraulichem -Beisammensein mit mir. Seine Wohnung durfte ich -ohne Begleitung noch weniger betreten, als er die -meine.</p> - -<p>Endlich verfiel er auf einen Ausweg. Seine -Chancellerie, sein offizielles Büro, war des Abends -leer und gesperrt. Da sollte ich ihn aufsuchen.</p> - -<p>Ängstlich schlich ich eines Abends dahin. Er erwartete -mich im Finstern. Er hatte kein Licht zu -machen gewagt. Eine Türe öffnete sich, und ein fremder -Mann zog mich in ein dunkles Zimmer. Ich wollte -fort. Augenblicks. Er beschwor mich, zu warten, er -könne erst um zehn Uhr das Zimmer unbemerkt -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -elektrisch beleuchten. Da ich nicht nachgab, zündete -er schließlich eine Kerze an, und das beruhigte mich. -Ich fand mich in einem Büro, zwischen Pulten und -Sesseln, und atmete auf.</p> - -<p>Hier verplauderten wir nun an freien Abenden, -wenn wir nicht eingeladen waren, die Stunden.</p> - -<p>Er schilderte mir das Leben, das mich an seiner -Seite erwartete, mit seinen vielen Verpflichtungen. -Und das »Ideal«, das er von seiner zukünftigen Frau -sich gemacht hatte. In der Politik sollte sie so wohlunterrichtet -sein wie er. Über alles wünsche er mit -seiner Frau zu sprechen. »<i>Même la philosophie</i>«. -<em class="ge">Sogar</em> über Philosophie. Ich wunderte mich über -diesen Wunsch, denn die Namen der großen Philosophen -waren ihm fremd. Goethe, Schopenhauer, -Kant – sie hatten mit seiner Kultur nichts zu tun.</p> - -<p>Er wünschte also seine Frau »<i>intelligente</i>«. »<i>Pourtant -elle doit être <em class="ge">soumise</em>. Car elle a besoin de -protection.</i>«</p> - -<p>Dennoch sollte sie – <i>soumise</i> (wie ist das zu übersetzen? -Unterwürfig?) sein, da sie des Schutzes bedarf. -Daß sie des Schutzes bedarf, die Frau, räumte ich -ein, aber gerade deswegen sollte sie, meiner Meinung -nach, nicht allzu <i>soumise</i> sein!</p> - -<p>In der freiwilligen, zarten Soumission dessen, der -den Schutz spendet, schien mir der Begriff aller Kultur -zu liegen.</p> - -<p>Er schnitt das Thema ab und sagte mir: »<i>Tu -pourra me mener à un fil de soie, si tu seras -prudente.</i>«</p> - -<p>An einem Seidenfaden konnte ich ihn führen? -Mit Vorsicht?</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Seine Muttersprache, in der er dachte, sollte mir -nicht fremd bleiben.</p> - -<p>Er trieb also in diesen Stunden in der Chancellerie -Arabisch mit mir. Und da wir kein anderes Hilfsbuch -hatten, nahm er seine Ausgabe des Koran vor. -Er übersetzte mir Satz für Satz und Wort für Wort. -Ich folgte mit großem Interesse. Und machte meine -Einwürfe und fragte ihn dies und das, was über -das Interesse an der Sprache hinausging und sich -auf den Inhalt, den geheimnisvollen und bilderreichen -Inhalt dessen, was wir da lasen, bezog. Er hatte -diese Abstecher von dem Sprachunterricht eigentlich -nicht gern und war nicht einverstanden, daß ich so sehr -nach Deutungen suchte: »<i>Je ne veux pas que tu -soies trop profonde!</i>«</p> - -<p>Überhaupt hörte ich oft: »<i>Je ne veux pas que tu -soies</i>« –, oder: »<i>Je veux que tu soies</i>«, oder: »<i>La -femme doit être</i>« – und immer als Schluß aller -seiner Ermahnungen: »<i>Ai-je raison, oui ou non?</i>«</p> - -<hr /> - -<p>Mit meiner öffentlichen Betätigung als Sängerin -mußte es natürlich vorbei sein. Ausnahmsweise gestattete -er mir bei einem Wohltätigkeitskonzert, das -zu Gunsten der Ortsarmen von Damen der Gesellschaft -veranstaltet wurde, mitzuwirken. Das Konzert trug -einen dilettantischen Charakter. Die es veranstalteten, -bestritten zum großen Teil das Programm, Damen -und Herren, die einen vornehmen Namen als Anziehungspunkt -aufs Programm setzten und sich wohltätig -unterhalten wollten. Darum eben gestattete er -mir die Mitwirkung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Nicht als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft -durfte ich da öffentlich singen.</p> - -<p>Meine Stimme schlug die der Salondilettanten, -und meine Nummer hatte den stärksten Erfolg. Zum -Schluß mußte ich eine Zugabe machen. Ich sang das -italienische Lied »<i>L'ombra di Carmen</i>«: »Was du siehst, -o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens -siehst du nur, o Don José« ...</p> - -<p>Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »<i>Ah -cette voix, cette voix! Mais c'est la dernière fois -que tu la fasses entendre publiquement. Dès aujourd'hui -– pour le salon.</i>«</p> - -<p>Und er reichte mir den Arm und führte mich -zum Ausgang, zurück durch den Saal, durch die Reihen -des Publikums, stolz wie ein König.</p> - -<hr /> - -<p>Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land -der häufigsten Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, -besonders da ja aus meinen Scheidungspapieren -(die er von mir verlangt hatte und verwahrte) -hervorging, aus wessen Verschulden meine -Ehe getrennt wurde.</p> - -<p>Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte -ich verschweigen. Ich war Österreicherin, geschieden -aus Verschulden des Mannes, Tochter eines Wiener -Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang -trieb, vielleicht auch mal zu Gunsten der Armen ihre -Stimme öffentlich hören ließ, und damit basta.</p> - -<p>Er war turcophil seiner innersten Überzeugung -nach, wie es schien. Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten -aller Mächte, der Türkei gegenüber. Auf -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals -diese Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er -vorziehen, Muselman zu werden, wenn das dann -nötig würde, und in den internen Dienst der nach -Asien zurückgedrängten Türkei treten.</p> - -<p>Wie mich's durchgruselte: Muselman – und -ich dann seine Frau!</p> - -<p>Aber, so wie ich damals zum erstenmal in -seine Chancellerie trat, in dieses nächtliche Zimmer, -mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir -könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend -auf dem Semmering hatte, als ich die Türe -zum Nebenzimmer unverschlossen und unverschließbar -fand, – wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses -starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen -habe ich oft gehabt. Und ich mußte dann – oder -glaubte zu müssen, was ja wohl dasselbe ist, – in -diese dunklen, dunklen Zimmer.</p> - -<hr /> - -<p>Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer -angenommen, seit sie wußte, daß ich mit Exzellenz -Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, -daß ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen -fand. Aber da Yussuff sie seine <i>seconde mère</i> nannte, -blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre Bemutterung -gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig -dicke, kleine Dame, mit unnatürlich schwarzen -Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den alten, -verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, -und Yussuff aus doppelten Gründen. Erstlich weil -er ihr Landsmann (sie war geborene Türkin, aus -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er -Garçon war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. -Ihr Gatte war ein hoher Funktionär, die -»Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger« -aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem -Monarchen.</p> - -<p>Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags -und nahm den Tee bei mir. Ich wußte, daß ihre -Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht -unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten -Kreuzverhör suchte sie mir immer wieder -meine Personalien zu entlocken. Warum ich <i>divorcée</i> -sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein -Mann meine <i>dot</i> durchgebracht habe usw. Auch -wollte sie wissen, ob ich als Sängerin in Wien bekannt -sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte -nicht übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. -Aber Yussuff hatte gewünscht, daß ich Zurückhaltung -bewahre über alle meine Verhältnisse. So -stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie -eigentlich wissen wollte.</p> - -<p>An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen -Tönen von Yussuff. Sie lobte seine diplomatische -Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, -die ihn in so jungen Jahren »<i>sur un poste si important</i>« -gebracht hatten. Ich fand den Posten hier, -an diesem unpolitischen Platz, mehr repräsentativ als -important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung -einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte -natürlich nichts dergleichen.</p> - -<p>Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob -Komtesse Etelka noch immer meine Freundin sei. Und -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »<i>Car – -la jalousie</i> – – –.«</p> - -<p>»<i>Jalousie?</i>«</p> - -<p>Sie gab mir zu verstehen – daß – mein Gott, -man hatte gemunkelt – Hilmi Pascha und die schöne -Gräfin – ihr Mann, der kleine Italiener, konnte -sich neben ihm nicht blicken lassen. »<i>Dans la diplomatie -– eh bien, que voulez-vous!</i>«</p> - -<p>Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte -Geschichte zum Besten: von Hilmi Paschas – Köchin, -die er schließlich entlassen mußte, <em class="ge">mußte</em>. »<i>En -garçon – que voulez-vous!</i>«</p> - -<p>Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ -mich die Holde.</p> - -<p>Abends, als er zum Speisen kam und wir uns -im Speisesaal des Hotels trafen, erzählte ich ihm -von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte -mich in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter. -Aber das mit Etelka mußte angetippt werden. So -ganz – leichthin: »<i>Est – ce vrai, que vous avez -été l'amant de cette femme?</i>« Er raste und schäumte. -Welch schändliche Verleumdung! »<i>Ah cette vipère!</i>« -Damit meinte er die Barozzi.</p> - -<p>»<i>Mais voyons, – c'est ta seconde mère!</i>«</p> - -<p>»<i>Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je! -Méprise-la, cette vipère!</i>«</p> - -<p>Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen -können. Denn da hätte ich ihn in einem Punkt getroffen, -in dem er keinen Spaß verstand. Dieser Punkt -hieß »<i>dignité</i>!« Die männliche »Würde« lernte ich -an Yussuff Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen -Wucht kennen und fürchten. Nimmermehr hätte er -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der abfahren -wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß -eines seiner Beamten so erwidert, wie den eines -Kollegen. Nimmermehr einer – Frau erlaubt, in -irgend etwas Kritik an ihm zu üben: <i>dignité</i>!</p> - -<hr /> - -<p>Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er -nun und nimmermehr glauben, daß ich seit meiner -Scheidung – allein gelebt hatte. Unmöglich. Er -verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen. -Käme er mir später auf etwas, so würde er sich betrogen -fühlen. Und mein Nein wollte er durchaus -nicht glauben.</p> - -<p>Daß man ohne so einen lumpigen <i>amant</i> auskommen -könne, schien ihm eine ganz unmögliche Sache, -»<i>Mais voyons, c'est impossible, étant separée de -ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!</i>«</p> - -<p>Und er preßte und drückte meine Hände und -bohrte seine Augen in die meinen, wie Schrauben.</p> - -<p>Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, -mir etwas zu »verzeihen«. Wäre es nicht mein gutes -Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir zu tun, -was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, – -so war es wahrlich nicht um der »Verzeihung« des -unbekannten Zukünftigen willen unterblieben, sondern -deshalb, weil mir unter den Leuten meiner -Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele -oder auch nur in mein Blut etwas hätte werfen können, -was da Flammen aufschlagen machte. Wie erloschen -schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein -Geschlecht nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da war doch etwas, -was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. -In dem, was mir aus seiner Werbung gekommen war, -hatte ich etwas anderes gefühlt als in dem, was mir -von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle -Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach -mir, sie hatte mich erobert.</p> - -<p>Und nun saß er vor mir und malmte meine -Hände und wollte wissen, ob ich einen amant gehabt -hätte.</p> - -<hr /> - -<p>Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber -noch ihm, nicht wenig Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, -den wir bei einem diplomatischen <i>five o'clock</i> kennen -lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem -geäußert haben, ob der türkische Minister zu -der deutschen Sängerin »Beziehungen« habe. Die -mütterliche Madame Barozzi hatte das hinterbracht.</p> - -<p>Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. -Umsonst versicherte der, diese Bemerkungen durchaus -nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben. Schließlich -sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen -erfahren hatte) tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst -machte er sich zu jeder Art von friedlicher Satisfaktion -erbötig, – »<i>n'étant pas venu ici pour se -battre</i>«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.</p> - -<p>»<i>Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, -s'agissant de l'honneur de madame Neudorfer.</i>« -(Sprich: <i>Nödorffère</i>!)</p> - -<p>Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in -die Luft geknallt, und <i>l'honneur de madame Nödorffère</i> -war wieder hergestellt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, -nach diesem famosen Duell – Freunde. Der -Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein Mißverständnis -gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, -sei ihm nie in den Sinn gekommen. Er -blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit -konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. -Ich fand in ihm einen unterrichteten Mann von -Kultur, der besonders über die Kunstschätze in den -Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr -gründlich unterrichtet war. Er erbot sich, mir den -Führer zu machen und mir alles aus erster Hand -zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. -Yussuff fand das unerhört. Er konnte aber nichts -dagegen tun, denn sonst wäre es ja wieder zum Duell -gekommen! »<i>Mais voilà ce que je te dis pour -tout l'avenir</i>«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, -bis ich seine Frau sei, mich außerhalb meines Jour -in Konversation mit einem <i>jeune homme</i> finden -würde, ja dann – »<i>je suis d'une jalousie féroce</i>!« -<i>Féroce</i>: das war das Wort, das ich – gedacht hatte, -als ich ihn das erstemal sah.</p> - -<p>Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte -ich denken: »Wüstensohn!«</p> - -<hr /> - -<p>Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein -müssen, war für Yussuff ein Fundamentalprinzip. -Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht. Nur -meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis -und aus einer gewissen Großzügigkeit der Natur des -andern Menschen gegenüber erwachsen. Auch mußte -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -man, meiner Meinung nach, durch freimütige Aussprachen -einander kennen und erkennen zu lernen bemüht -sein.</p> - -<p>Diese blinde Zustimmung, diese »<i>entente complette</i>«, -die er da immer verlangte, – sie hatte für -mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß er schlechterdings -keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt -auf seinem ersten Wort (wie man es eigentlich -den Frauen nachsagt). Wollte man erklären, seine -Meinung begründen, so nannte er das »<i>des discussions</i>«, -und diese seien der Todfeind der Liebe, -sagte er.</p> - -<p>»<i>Des discussions entre des amants produisent -toujours des effets funestes.</i>«</p> - -<p>Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien -es mir, wenn man doch anderer Meinung war. -Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen -Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? -Da könnten nur solche Leute sich verheiraten, die zur -Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge verschiedenen -Geschlechtes, dann mittels genialer Operation -getrennt wurden und hierauf Inzest beginnen. Der -gemeinsame Nabelstrang, die angeborene Einheitlichkeit -ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte -einigermaßen jenes – Ideal.</p> - -<hr /> - -<p>Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich -bis in die kleinlichsten Einzelheiten. Wenn ich eine -andere Speise, ein anderes Getränk im Restaurant -wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, -während er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, – sofort -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -ging er darauf ein, aber er belud mich während des -ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«. Erst -wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu -machen: »<i>Tu a eu raison</i>«, war er zufrieden. Ich -hatte dann mein »Unrecht« eingesehen, nun war es -an ihm, generös zu sein.</p> - -<p>Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: -»<i>Comme tu veux</i>« – ich sagte es oft aus Gleichgültigkeit -dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage -erschien, – dann kannte seine »<i>generosité</i>« keine -Grenzen, und er tat dann sicher, was er glaubte, -daß ich wollte.</p> - -<p>Den »<i>fil invisible</i>«, an dem ich ihn führen konnte, -sah ich schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, -diesen Mann zu beherrschen. Ich mußte nur unbedingte -Nachgiebigkeit zur Schau tragen, meine Lippen -sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf -diese Art bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte -recht. Man konnte ihn <i>mener à un fil de soie</i>.</p> - -<p>Und ich sah diesen <i>fil</i>, brauchte ihn nur zu ergreifen!</p> - -<p>Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem -Gedanken?</p> - -<p>Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber, -entgingen wir dem Klatsch natürlich nicht. -Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte -sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz -natürlich und hielt es für das Vornehmste, es nicht -zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich bemerkte, -sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich -fand mein Leben lang, daß, sich um die Meinung -anderer viel zu bekümmern, eine hoffnungslose Aufgabe -sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt -sein, solchen Meinungen über mich zu begegnen. -Konnte, sollte das etwas an meinem Leben, meinem -Schicksal ändern?</p> - -<p>Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse -zu mir kommen. Dann konnte die Beziehung erklärt -werden und aller Klatsch hatte ein Ende.</p> - -<p>»<i>Il faut que tu fasses venir maman! il le faut -absolument!</i>«</p> - -<p>Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen -lassen. So ginge das nicht länger. Da entschloß ich -mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen, -eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. -Wie verdutzt wäre meine gute Mutter über diesen aus -meinem Munde so ungewohnten Wunsch gewesen! Ich -rüstete also zur Abreise.</p> - -<p>Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich -ihm dankend wieder zurückgestellt. Wo ihn unterbringen -zu Hause in Wien? Meine alte Resi wäre in -nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr -»Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. -Resi und Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames -Gespann vor meiner Junggesellinnenwirtschaft! -Göttlich!</p> - -<p>Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch -mittags, während sein Personal fort war, hinüber -zu ihm in die Chancellerie. Es war das erstemal, -daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er -es wünschte. »<i>En plein soleil?</i>« – »<i>En plein soleil.</i>« -Denn es war ja die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich -zum Abschied zu küssen. Auf dem Schiff selbst, das -um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -ganzen Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt -hatten, sehen würde, konnte sein Abschied nur ein -offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer -aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, -am Mittag, <i>en plein soleil</i>. Und er verschloß die -Tür hinter uns und nahm mich in die Arme und -küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.</p> - -<hr /> - -<p>Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, -als ich da ankam, und nahm ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten -entgegen. Yussuff empfahl mich noch -dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund -war.</p> - -<p>Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von -der Kommandobrücke nach ihm blicken würde. Er -war bleich und erregt und drückte immer wieder meine -Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel -gebracht. Als ich nach den Blumen fragte, sagte man -mir, daß sie samt meinem Gepäck in der »Fürstenkajüte« -untergebracht seien.</p> - -<p>Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich -bestellt.</p> - -<p>Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben -und stand nun auf dem Molo. Wahrscheinlich machte -sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber Yussuff -ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat:</p> - -<p>»<i>Pardon, Excellence, nous allons partir.</i>«</p> - -<hr /> - -<p>Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle -Würdebedenken den Sieg davontragend, – er, dem -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -»<i>dignité</i>« über alles ging! – ja, das war schön. Ich -sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke -aus, und er blieb stehen, damit ich ihn sehen könne, -obwohl er mich längst nicht mehr sehen konnte.</p> - -<p>Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo -bei der Abfahrt eines Schiffes herumtreiben, umstanden -ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er -blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie -die Gesellschaft sich verabschiedete und auseinander -ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm ihres Mannes, -des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi, -die dicke <i>vipère</i>, wegrollte.</p> - -<p>Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer -Punkt für mein Auge war und der Hafen von C. mir -entschwand.</p> - -<p>Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte -ich, daß neben der Schiffsflagge noch eine -zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die ottomanische -Flagge hissen lassen, – eine Aufmerksamkeit für die -Braut des Funktionärs einer fremden Großmacht. -Die Flagge blieb auf Mast, solange ich an Bord war, – -ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>ie Abmachung, die wir getroffen hatten, ging -dahin, daß er im Sommer seinen Urlaub -nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien -kommen sollte, mich zu holen.</p> - -<p>Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten -von Vorschriften. Ohne Mamas »Begleitung« auszugehen, -würde er durchaus unpassend finden. Theater -zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren -Bräutigam, überhaupt nicht für angezeigt. Daß er -den Besuch eines Cafés, eines Restaurants u. dgl. -unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich auseinandergesetzt. -Vergebens versuchte ich, ihm das -Lächerliche klarzumachen, das darin lag, wenn ich, -eine Frau, die jahrelang selbständig gelebt hatte, nun -plötzlich auf Schritt und Tritt den »Schutz« meiner -Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. -Er interpellierte mich unaufhörlich über alle diese -Dinge. Daß Hunger Grund genug sei, in ein Café -zu treten, leuchtete ihm nicht ein.</p> - -<p>Und immer war ich gesehen worden und immer -so, wie er es nicht wünschte.</p> - -<p>So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter -Streit. Und öde erschienen mir alle diese -Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit abhandelte.</p> - -<p>Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer -ein Ideal war, aber als Ehemann ein böser Fall -sein mußte.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Immer im Namen der ganzen Gattung wurden -mir alle diese Vorschriften gemacht: <em class="ge">der</em> Mann ist, -<em class="ge">die</em> Frau soll, <i>la femme doit être</i> usw.</p> - -<p>Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt -gestellt, am wenigsten in meinen Beziehungen -zum Mann. Als Weib voll genommen zu werden, -genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann -auch diesen mannmännlichen Standpunkt von der -anderen Seite nicht vertragen. Diesen ehernen Brustton: -Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! -Dieses »ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte -Überlegensein-Wollen. »<i>La femme doit être</i>«, -– öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen, -klingt's.</p> - -<p>Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer -ist, sollte wissen, daß es einen gefährlichen Punkt -gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese ihre -Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, -dann ist sie wie ein Vogel, der seine Melodie verloren -hat, und ihres Gepiepses wird er wenig froh.</p> - -<p>So erging es mir. Der freie Herzenston war -weg. Und er wollte sich gar nicht wieder einfinden. -Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber, -ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir -einander mitteilten, war ohne richtige Verbindung. -Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.</p> - -<p>Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? -Hatten wir <em class="ge">eine</em> Sprache gesprochen? Wir hatten -uns einer – Dolmetschsprache bedient. Nicht seine, -nicht meine war es, in der wir uns verständigten. -In der Dolmetschsprache der Verliebtheit hatten wir -miteinander Konversation gemacht. Die unverbindliche, -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -charmante Liebenswürdigkeit des gallischen -Idioms hatte uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer -sagt sich's im Deutschen: ich liebe dich. Und zaghaft -flüstert man da erst und stammelt: – ich – hab' -dich – lieb.</p> - -<p>Aber wie gewandt rollt es heraus: »<i>Je t'aime! -Mais je t'aime éperduement!</i>« – »<i>J'aime et je -veux mourir, j'aime et je veux pâtir, j'aime et -pour un baiser je donnerais ma vie.</i>«</p> - -<p>Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache -hatten, meine ich natürlich. Nur wie ein Symbol -erscheint es mir, daß wir einer uns fremden Zunge -bedurften, um uns überhaupt einander verständlich -zu machen. Es gibt eine Zusammengehörigkeit, die -international ist und Brücken wirft über Erdteile und, -was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig ist's -dann, welcher Sprache sie sich bedient.</p> - -<p>Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die -Begriffe waren fremd, sowie sie das zärtliche Gehege -des Eros verließen und, wie es schien, unverdolmetschbar.</p> - -<p>»<i>Écorcher</i>« ist ein prächtiger Ausdruck. <i>Écorcher -une langue.</i> Das heißt, eine Sprache radebrechen, -sie zu Tode schinden. <i>Écorcher – l'amour?</i></p> - -<hr /> - -<p>Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, -das der Liebe zugefügt wird. Es ist ein Zeichen, daß -man irgendwie miteinander aus dem Geleise gekommen -ist, wenn man mit dem schwerfälligen, -dräuenden Geschütz des Stolzes, der Berufung auf -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man -sich mißhandelt fühlt.</p> - -<p>Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die -Liebe der Liebe nichts schuldig, ach, wie wird man -da so demütig. Nichts weiß man mehr von seinem -»Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in -dem Sinn, daß man seine Person irgendwie ausspielen -würde. Nur die andere geliebte Person wird -gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, -sie aufzunehmen.</p> - -<p>Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen -ist's umgekehrt: sie zerfließen in »Hingabe«, je mehr -sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn -ihnen Liebe erwiesen wird.</p> - -<hr /> - -<p>Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr -persönlich vor mir hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich -nie von ihm ein Wort über mich gehört hatte, -durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, -<em class="ge">erkannt</em> hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die -Entdeckungsreise der Liebe, die einer im andern macht, -alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in Entdeckerlust? -Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, -Land, mein Eiland, das ich suchte, ahnte, wußte, an -das ich <em class="ge">glaubte</em>, bevor ich noch einen Streifen seiner -Küste sah! Wo war es hier, – dieses Kolumbusgefühl -der Liebe?</p> - -<p>»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. -Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José ...«</p> - -<p>Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung -wahrscheinlich versetzt würden. Das sei gebräuchlich -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -in der Diplomatie. Sein Bruder, der -Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß -wir wahrscheinlich nach Indien kämen oder sonst auf -einen asiatischen Posten.</p> - -<p>Wir blieben also nicht an der <i>Côte d'Azur</i>. Nach -Indien sollte ich ihm folgen.</p> - -<p>Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos -dem, den man liebt, und wäre es in ein Blockhaus -auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die -Heimat.</p> - -<p>Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? -Warum, warum? Ich war dann in der Macht, oder -besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens, -fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.</p> - -<p>Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder -ratlos und erwartete wieder – eine Entscheidung.</p> - -<hr /> - -<p>Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im -letzten Moment hatte ich mich entschlossen, meine -Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese -Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn -Tage erhielt ich keine Antwort.</p> - -<p>In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein -Abenteuer von der <i>Côte d'Azur</i>.</p> - -<p>Sein Brief kam und tat das übrige. »<i>Je suis -despote de toute ma nature</i>«, hieß es da. Ich sah -das Gesicht, sah es so, wie es bei der geringsten Meinungsverschiedenheit -gewesen war, – mit dem grausamen -Zug um den Mund, der sich im Bart verbarg, -mit den Augen, die immer gleich »rollten«.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem -Stillschweigen, gab den Ausschlag. Er schrieb es ganz -ohne Scham: »<i>J'ai voulu te punir.</i>«</p> - -<p>Es war wieder einer jener Momente, wo ich -deutlich fühlte, daß ich mußte, wo ich mich geschoben -fühlte, wie an einem Marionettendraht.</p> - -<p>»<i>Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de -divorce, mes lettres et mes photographies. Moi je -m'engage de vous rendre vos lettres et votre photographie -au moment où j'aurai les miens.</i>«</p> - -<p>Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich.</p> - -<hr /> - -<p>Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war -mir, als hörte ich eine drohende, flehende, zwingende -Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir! Mich, -deine <em class="ge">Stimme</em>!</p> - -<p>So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi -Pascha, <i>Ministre plénipotentiaire de la Porte Sublime</i>. -Sie zerbrach mir unter den Händen. Warum, weshalb?</p> - -<p>»<i>Le sais-je?</i>«</p> - -<p>Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen, -die ihrem innersten Wesen nach zusammengehören. -Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die Unvollständigkeit -der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit -der Stimmung, in der ein Brief empfangen -wird, Gereiztheit und Mißverstehen auch zwischen -wirklich Liebenden.</p> - -<p>Aber unter allem Papiergeknister behält doch das -Wesentliche einer Beziehung seine Stimme. Die Tinte -ist ein dräuender schwarzer Mann. Macht er aber -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die -wahre Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut -und jagt ihn in die Flucht. Und alle geschriebenen -Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren -schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen.</p> - -<p>Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten -und mich. Das Wesen selbst, die innere -Stimme dieser Beziehung war laut geworden und -hatte es getan.</p> - -<hr /> - -<p>Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich -tat. Ich kann nicht sagen, daß es leicht war, und ich -trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts -weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu -bleiben« oder nicht. Doppelt schwer deshalb, weil -man sich selbst ja noch nicht bestätigt worden war! -Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar -umfaßt hätte und das, was er also umfaßte, für gut -befand.</p> - -<p>Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen -Seite die Wahrheit liege, ob man nicht besser täte, -sich nachzubilden den Forderungen, die dort gestellt -wurden und sich – als das, was man im Widerspruch -mit jenem anderen war, – aufzugeben.</p> - -<p>Aber die <em class="ge">Stimme</em> rief mit einer Gewalt, die -nicht zu übertönen war! Und wie eine mächtige Hand -erfaßt es einen und schob und schob!</p> - -<p>Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken -Willens sein, heißt nicht wollen, sondern wollen -<em class="ge">müssen</em>.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres -angenommen? Warum so zugegriffen? Neben den -reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert hatten -und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist -auch eines nicht zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung, -dieser schreckliche Mangel an auch nur -normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht -irgend etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser -Mangel, der sich heute in allen gesellschaftlichen Kreisen -so sehr fühlbar macht!</p> - -<p>Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß -wir uns vom <em class="ge">Menschen</em> immer mehr entfernen? Daß -es unter all den hunderttausend Leuten so wenig -Menschen gibt, – so wenig Schönheit, an die man -sich vertrauend und heiter anschmiegen könnte, ohne -Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben?</p> - -<hr /> - -<p>Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer -Tochter des Ministers der Zivilliste des Padischah -vermählt habe, und daß er durch diese Karriereheirat -Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war. -Er sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere -sei. »<i>Tu seras ambassaderesse un jour, tu -le sais?</i>«</p> - -<p>Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses -Klima vertragen haben?</p> - -<p>Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen -Verpflichtungen in dieser Stellung: vier große Diners -müßten wir mindestens während des Karnevals geben. -Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen -Jour bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -sei das nun einmal nicht anders. Darin bestehe -sie ja eben (teilweise).</p> - -<p>Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses -Klima vertragen haben?</p> - -<hr /> - -<p>Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das -etwas anderes noch ist, als das Fazit eines unkonstruierbaren -Rechenexempels, etwas anderes, als die -nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte -Summe, in die wir hineinleben, bis sie voll ist?</p> - -<p>Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein. -Warum kann ich mir nichts wegdenken, nicht anders -denken in meinem Schicksal? Ist <em class="ge">sie</em> das Schicksal, -<i>anima</i>? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung, -Motor geworden, in mir? Schiebend und zeugend -geworden in mir, Folgen zeugend, unerbittlich, Folgen -aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen -innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung -ihres eigenen Wesens und damit zur Erfüllung -ihrer »Bestimmung« – Schicksal, Gott? – -Gott – das logische Prinzip?</p> - -<p>Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich -vor zehn Jahren gefunden hättest und ich allen meinen -»Schicksalen« entronnen wäre? Warum das Gefühl, -daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf -einem Passionsweg?</p> - -<hr /> - -<p>Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, – was denke -ich mir doch darunter?</p> - -<p>Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt -werden <em class="ge">muß</em>, bis sie stimmt?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn -sie ist gegeben – durch die Ziffern, mit denen wir -zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar, -unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen -sich kreuzen und wollen Resultate herausbringen, -ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe -kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung -muß sich erschöpfen, immer enger und enger muß sie -werden, auf die letzten gemeinsamsten Nenner will -alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange -geteilt und gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«.</p> - -<p>Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip.</p> - -<p>Auch das denkende? Wenn rechnen – denken -ist, auch das denkende.</p> - -<p>Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar -aus ihnen folgen, was der Art ihrer Begegnung -entspricht: Verminderung, Vermehrung, Vervielfältigung, -Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat -sind aufs Haar genau »bestimmt«.</p> - -<p>Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele -stände, es könnte nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer -»ausgehen«, als dieses Ziffernspiel.</p> - -<p>War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl -sei Gott? –</p> - -<p>Gott, Schicksal?</p> - -<p>Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller -wäre? Einen noch lenkenderen Lenker als -diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte? Noch -mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr, -um in die Knie zu zwingen?</p> - -<p>Gott, Schicksal – das logische Prinzip!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner -selbst als Motor, als Schieber seines Tuns und Erleidens -in sich, trägt Gott und Schicksal unentrinnbar -in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus, -wie die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer, -ohne die sie nicht zu denken ist. Das den Dingen -innewohnende, immanente logische Prinzip ist Gott.</p> - -<hr /> - -<p>Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je.</p> - -<p>Was uns verband, Freund, für den ich diese -Blätter schreibe, du, dem ich an meinem Hochzeitstage -begegnete, es waren flüchtige Grüße.</p> - -<p>Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles. -Grüße und – Gratulationen. Von meiner Scheidung -erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung einging.</p> - -<p>»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.«</p> - -<p>»Ich danke, Herr Professor.«</p> - -<p>Und dann – später: »Ich habe mich wieder -verheiratet. Aber nicht mit dem, mit dem ich verlobt -war.«</p> - -<p>Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.«</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>W</b>ie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich -dir davon sprechen will, so muß ich mitten -hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht -lange erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen -jener gescheiterten Verlobung und dieser, meiner neuen -Ehe lagen. Jahre waren es des schmerzlichen Kampfes -um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes -erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese -Wärme nicht nur mein Leben behaupten, sondern noch -das retten, was ein Überschuß an Lebenskraft ist: -die Stimme.</p> - -<p>Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen -wäre. Auch fürchtete ich mich nun beinahe -vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung -des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von -»Abenteuern«.</p> - -<p>Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn -erzwingen wollen. Nur wenn es selbst mich zwang, -erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, – -verhängt.</p> - -<p>Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene -solide, ehrbare Anträge, wie sie ja wohl im Leben -keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff, geschah's -deshalb, – weil ich nicht <em class="ge">mußte</em>. Nur wo ich ein -Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu -wem es mich nicht <em class="ge">zuwarf</em>, zu dem konnte ich nimmermehr -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -gehen. Ich konnte immer nur Wege gehen, die -ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein.</p> - -<hr /> - -<p>Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer -und sagte: »Du, ich muß dir einen interessanten -Menschen vorstellen.«</p> - -<p>Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere -mich nicht für ›interessante Menschen‹.«</p> - -<p>»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast, -bist du unausstehlich geworden.«</p> - -<p>»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein -Araber. Das sind die Feinde der Türken.«</p> - -<p>»Übrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir, -– vielmehr war es.«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er -war Konzipist bei der Finanz-Landesdirektion in -Slavonien.«</p> - -<p>»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.«</p> - -<p>Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören -für gut fand. Schließlich sagte ich resigniert: »Also -leg' los.«</p> - -<p>Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich -Luft machen. Der Konzipist hatte ihm's angetan. -Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen -Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt. -Ein Mann, der <em class="ge">Mut</em> hatte. Seine Stellung hatte er -aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich fand, -als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen -und dem Bauer die fünf Gulden aus der Tasche zu -reißen. Und dann war er ein Dichter.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -»So?«</p> - -<p>Und wollte jetzt davon leben.</p> - -<p>»So???«</p> - -<p>Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren -versorgt.</p> - -<p>»Er hat eine Frau?«</p> - -<p>Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war -geschieden. In aller »Freundschaft« hatten sie sich -getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener Geschäftsmann, -hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen. -Da war sie mit ihren drei Kindern aus Slavonien -nach Wien gekommen und führte mit großer Tüchtigkeit -das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter. -Sie und die Kinder hatten zu leben. Einverständlich -hatten sie sich getrennt.</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre -Gründe gehabt haben. Sie haben sich eben aufgebraucht.«</p> - -<p>»So, so.«</p> - -<p>»Übrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich -miteinander und erziehen ihre Kinder. Ich glaube, -<em class="ge">er</em> wollte frei sein.«</p> - -<p>»So wird es wohl sein.«</p> - -<p>Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein -Drama geschrieben, einen Roman begonnen und seine -philosophischen Artikel erregten Sensation. »Kurzum -– du mußt ihn kennen lernen.«</p> - -<hr /> - -<p>Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung -einen »Abend«. Diese Abende bei -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man -redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie -man. Sein Kanzlist Peterka wurde in einen schwarzen -Rock gesteckt und fungierte als Diener. Peterka erschien -mir an diesen Abenden immer als der einzige -nüchterne Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte -er Lindenblütentee und reichte ihn den Gästen zur -Beruhigung.</p> - -<p>Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen -Mann in der Mitte des Zimmers stehen und ungefähr -zwanzig andere Personen »an seinen Lippen -hängen«. Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was -über die Liebe zu sagen sei, sei in diesem Buche gesagt. -Der Triumph des Werkes sei die Deutung der -Liebe durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates -wiedererzählt: Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.</p> - -<p>Es war, als wäre nun das Thema gegeben für -den Abend: Dämon oder Gott.</p> - -<p>Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, -ein Durcheinander von Stimmen war es. Man -rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.</p> - -<p><i>Dr.</i> Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf -zurück. Ich weiß nicht, warum ich an das abgeschlagene -Haupt des Jochanaan denken mußte. Es -schien mir, als läge dieses Haupt flach auf einem -Teller. Ich glaube, die Stirn, die stark zurückfloh, -erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare fielen -in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes -herab. Die blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, -grau, blitzten auf, verdunkelten sich wieder. Wie wenn -ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen, unter -denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Jünglingskörper, von dem man den Eindruck -hatte, er sei noch nicht »fertig«.</p> - -<p>Schließlich übertönte die Stimme <i>Dr.</i> Gruschks die -Gesellschaft. Er rettete das Gespräch vor Verflachung. -Wollte man abbiegen ins Konkret-Gemeine, so zwang -er immer wieder ins Uferlose hinein.</p> - -<p>Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker. -Die Flaschen waren leer. Die Gesichter rot. Mir schien -es, als suche die Stimme <i>Dr.</i> Gruschks einzig mein Ohr. -Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu -<em class="ge">Diotima</em> drang die große Not: Priesterin, – was -weißt du zu sagen? Eros – Dämon – Gott? –</p> - -<p>Peterka kam mit dem Lindenblütentee.</p> - -<hr /> - -<p>Am nächsten Abend besuchte mich <i>Dr.</i> Gruschk. -Er hatte seine Geige mitgebracht. Er spielte. Ich sang.</p> - -<p>Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete -mich am nächsten Abend bei sich.</p> - -<p>Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte -ihm das am Vormittag durch eine Rohrpostkarte mit. -Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme dennoch. -Am Abend war ich entschlossen, auf keinen -Fall hinzugehen und kleidete mich fürs Theater an. -Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur Oper. -Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem -Fenster und rief dem Kutscher die Adresse von <i>Dr.</i> Gruschks -Wohnung zu.</p> - -<p>Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert -hat. – – –</p> - -<p>Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen -ich in einer Wüste gelebt hatte.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Das Sonderbarste war, daß Dimitri – er hieß -Zdenko Dimitri, dankte diese beiden Namen einem -slovenischen Vater und einer russischen Mutter und -wurde von allen anderen Zdenko genannt, – das -Sonderbarste war, daß er durchaus heiraten wollte. -Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte -ja kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »<i>Je ne veux -pas te posséder, je veux <em class="ge">t'avoir</em></i>«, hatte er gesagt, -als wir uns verlobten.</p> - -<p>Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte -ihm, er täusche sich über sich selbst. Die Unbequemlichkeit -des Nachhausegehens, die vielen »Sperrsechser«, -das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht. -Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu?</p> - -<hr /> - -<p>Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war -ich zum zweitenmal verheiratet.</p> - -<hr /> - -<p>Es blieb bei der getrennten Menage und der -doppelten Wohnung. Ich behielt die meine, er sein -mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht -anders, da er weniger hatte als ich und an meinem -»Sichern« nicht teilnehmen wollte. Er war ungemein -stolz in diesem Punkt.</p> - -<p>Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten -lassen, ich würde dich ausbeuten, wenn du -reich wärst!«</p> - -<p>Dann war er zufrieden und nahm leichteren -Herzens die Tasse Tee bei mir. Aber wahr war's -nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, -ernsthafte Person.</p> - -<p>Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine -Stirn, die sich hoch über den Augenbrauen wölbte, -dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich zurückbog. -Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn -vor. Sie war, von innerstem Beruf, Naturforscherin. -Hatte Physik studiert, bevor sie sich mit Dimitri verheiratet -hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie -achtzehn.</p> - -<p>Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, -wie in eine Verbannung. Weil er da gleich Konzipist -wurde, während man hier »oben« jahrelang auf Ernennung -warten mußte.</p> - -<p>Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel -Kinder geboren in dieser Zeit. Zwei waren nicht -ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine -Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe -in seinem Kopf war von der Faust des Erwerbszwanges -niedergedrückt und scheinbar niedergehalten -worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. -An einander aufgerieben hatten sich diese -beiden.</p> - -<p>Dann wurden sie vom Vater der Frau nach -Wien gerufen. Eine andere Existenz winkte. So -kamen sie los von da unten.</p> - -<p>Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war -mir seltsam und schmerzlich: dieser arme verschreckte -Blick. Doppelt bange wirkte er, da er hier an -einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu -finden war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht -etwa an einem hilflosen, schwächlichen, anlehnungsbedürftigen -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -kleinen Frauenzimmer. Eine latente Angst -vor wilden Griffen war in diesem Blick.</p> - -<p>Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. -»In Frieden«. Er wollte frei sein. Und -sie war – weise.</p> - -<p>Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses -absolute Laufenlassen nicht wenig imponierte. So -anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen, Tränen, -Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo -sie, Helene, eben schon da angelangt war. Vorher -– mag es Szenen, Tränen und Jammer genug gegeben -haben.</p> - -<p>»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts -antun,« sagte Dimitri, »und das ist mir ein wunderbar -angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den -Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«</p> - -<p>Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu -diesem wunderbar angenehmen Gedanken. Er konnte -ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. -Denn er hatte ihr schon alles angetan.</p> - -<p>Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, -sie nannte ihn Zdenko, war der Vater ihrer Kinder. -Nun gehörten wir alle drei zusammen.</p> - -<p>Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit -dieser drei Kinder: niemand hätte sie für -Geschwister gehalten. (Das soll so sein, wenn die -elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias -war ein weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, -brauner Bär und Zora ein schwarzes Mäuschen mit -wunderbar blanken Äuglein.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich -spät nachmittags. Bis dahin arbeitete er, oder suchte -zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.</p> - -<p>Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast -feindselige. Er warf Spieße, Lanzen, Keulen.</p> - -<p>In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das -Aggressive seines Wesens zurück. Doch das dauerte -nicht lange. Dann hatte er sich – gewöhnt.</p> - -<p>Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl -Künstler durch und durch, hatte er mehr die schwebenden -Elemente als die beharrenden in sich. -Der Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der -Stephansturm – er sieht ihn immer wieder das -erstemal. Er staunt und schaut und <em class="ge">sieht</em>. Dimitri -ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, -allzubald selbstverständlich. »Ich <em class="ge">seh'</em> nichts«, war -eine seiner Lieblingsredensarten. »Ich bin <em class="ge">leer</em>.« Und -ich »füllte« ihn. Aber, ach, alles rann blitzesgeschwind -durch ihn hindurch! Man hatte immer das Gefühl, -es sei zu schnell entwichen.</p> - -<p>Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und -voll Haß gegen alles, wenn er es nicht konnte.</p> - -<p>»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer -<em class="ge">dich</em> angreifen, als das, was mir trotzdem wohltut.«</p> - -<p>Und das hat er redlich gehalten. Angefallen -hat er mich oft. Zuzeiten war er wie überfüllt -von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern -Tag: »Warum waren wir eigentlich gestern – im -Widerstreit?«</p> - -<p>Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens, -nahm das alles ernst, beantwortete -seine »Angriffe« – sachlich!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner -eigenen Abwesenheit, fast wie hinter meinem Rücken.</p> - -<hr /> - -<p>Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch -für ihn: »Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie -leeren mich aus«. »Entwurzeln«.</p> - -<p>Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie -von dir gehört? Entwurzeln: Maulwurfsarbeit.</p> - -<p>In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich -hinein. Er verachtete alles, was Menschen ersonnen -haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor einander -zu schützen, als »konventionell«.</p> - -<p>Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur. -Ich wollte ihn ja kennen lernen. Ich war hinein<em class="ge">gestürzt</em> -in diese Gemeinschaft. Nun war ich darin. -Und alles, was ich tun konnte, war, – sehen, was -daraus wurde.</p> - -<hr /> - -<p>Ist ein Liebesverhältnis das, – was der Mann -daraus macht? Nein: was die Frau daraus macht. -Aber das ist das, was der Mann <em class="ge">ist</em>. Denn die Frau -kann nichts anderes daraus machen, als das, was -ihm gemäß ist.</p> - -<hr /> - -<p>Das Sonderbare war, daß mir nach und nach -meine <em class="ge">Stimme</em> verloren ging. Wenn ich sah, wie er -dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als -würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht -wurde eine Grimasse, die Hand, die spielen wollte, -zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging, und ein -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang, -war alles, was ich ihr abzwang. Und die -Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren Mut.</p> - -<p>Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer -wieder, besonders wenn er nicht da war. Dachte ich -aber auch nur an ihn, war's aus.</p> - -<hr /> - -<p>Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der -Divergenzen, die man mit einem Menschen hat, dieses -Memorieren der Reden und Gegenreden, die »gehalten« -wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe, -diese Sorge, Unruhe und Qual, die aus diesem Wust -von Kampf und Gier erwächst, das alles verschüttet -die <em class="ge">Stimme</em>, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen -Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre -von dieser Krankheit (so kann man es fast nennen), -die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich freien -Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen, -der stark und rein wäre.</p> - -<p>Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses, -das Merkzeichen, daß man an den »Richtigen« gekommen -ist, daß alles so ist in der Liebe, wie es ihrer -<em class="ge">Idee</em> entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den -man liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor« -(sich und ihn) in Anschauungen, aber man »denkt« nicht -an ihn in Theorien. Er »beschäftigt« einen nicht, in -dem Sinn, daß die produktiven Energien davon aufgezehrt -würden. Man wendet sich, im Gegenteil, -von einem feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt, -seiner Arbeit zu, beschäftigt sich mit <em class="ge">ihr</em> und trägt -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -<em class="ge">ihn</em> dabei tief und fest im Gemüt. Und die »Stimmen« -springen auf.</p> - -<p>Das war meine Insel, meine Insel der irdisch -Seligen, meine »Heimat«, von der ich immer träumte!</p> - -<p>Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr -Erlösertum besteht darin, daß einer dem andern die -Spannung löst, diese Spannung seines eigenen isolierten -Selbst. Und daran erkennt man den falschen -Messias: daß der diese Spannung <em class="ge">nicht</em> löst.</p> - -<p>Du bist die Ruh', du bist der Friede! – spricht -die erlöste Liebe.</p> - -<hr /> - -<p>Er, – er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich. -Mit Hangen, Bangen, Sorgen, Kombinationen, mit -seiner ganzen Person füllte er mich, daß nichts anderes -mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer -wenn er wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen -und Schmerzen machte und mit dessen »Erwägung«, -besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis -zum nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu -tun hatte.</p> - -<p>Er »füllte« mich mit sich, – daß ich mir selbst -abhanden kam, ob dieser »Fülle«.</p> - -<hr /> - -<p>Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang -mich, sie mit zu wechseln. Läßt es sich ermessen, das -Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee« der Zerstörung: -eine Seele will Form werden, und eine -andre Hand preßt sie immer wieder in eine andere -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine Zeitlang -wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig -geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu <em class="ge">allem</em> in -sich, so eine Seele, Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen, -irrezuleiten, sie durcheinander zu brauen, -in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk.</p> - -<p>Diese »Spannung«, – <em class="ge">wie</em> wird er heute kommen, -– fraß meine ganze Zeit und meine ganze Kraft. -Noch heute ist es mir in der Erinnerung.</p> - -<hr /> - -<p>Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing', -sing'«. Nicht einen Ton konnte ich <em class="ge">singen</em>, – wie -ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen -Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte, -war heiser, holprig, ein armes Gekrächze.</p> - -<p>Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm, -hörte auch er meine Stimme gern.</p> - -<p>Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen.</p> - -<p>»Du hast keine Kraft«, sagte er.</p> - -<p>Nein, ich hatte keine Kraft.</p> - -<p>Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas, -fraß und sog an meiner Kraft, meiner Stimme. Wie -man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst – -später.</p> - -<hr /> - -<p>Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es, -die er als Gegensatz zu der »mondänen« Gesellschaft -hoch pries.</p> - -<p>Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur -<em class="ge">ein</em> beherrschendes Wort bei uns: »Sünde«. »Aber -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -das verstehst du so wenig wie die Sprache des Zambesinegers«, -sagte er in seiner wenig liebevollen Art. -»Eine Frau fühlt sich nie schuldig, außer etwa in -erotischen Dingen. Sünde, Gewissen, – was wißt -<em class="ge">ihr</em> davon?«</p> - -<p>»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen -Adelsmenschen verkehrte, die jeden verachteten, der -geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel »die -Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die -Schleppe deiner Hauskleider über den Teppich schleifen -läßt, wie du in einen Fauteuil sinkst! Sie entzückt -mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben ist -das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in -deinem und meinem Wesen!«</p> - -<p>Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen: -»Das korrumpiert mich!« (Korrumpieren war das -zweite Zambesinegerwort.)</p> - -<p>Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von -dem kriegen, was ihn angeblich »korrumpierte«, -wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu -spenden.</p> - -<p>Heute sollte ich »Hetäre« sein, – morgen als -Frau Diogenes in die Tonne ziehen.</p> - -<hr /> - -<p>Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich -ihm das schon beim Betreten meiner Wohnung an. -Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du -würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn -du wüßtest, wie abhängig du bist von all diesen -Dingen da!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen -Teppich, spie auf meinen Toilettetisch, und spie dreimal -auf meine Ottomane. – – –</p> - -<hr /> - -<p>Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er, -und betrachtete mit finsterer Miene meinen Toilettetisch.</p> - -<p>»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf -dem Toilettetisch siehst, eben das Notwendige.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe, -sondern mit dir.«</p> - -<p>»Nun und?«</p> - -<p>»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht, -überhaupt für notwendig hältst –«</p> - -<p>»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch -zu tun?«</p> - -<p>»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen -ich meinen Körper pflege.«</p> - -<p>»Und demnach pflegst du ihn, – um Leidenschaften -zu erregen, nicht wahr?«</p> - -<p>»Nicht allein deswegen. Aber auch.«</p> - -<p>»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?«</p> - -<p>»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur -Erhaltung der Gattung nicht ganz entbehrlich sein -soll, einfach nicht – zustande käme.«</p> - -<p>Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile -vor sich hin: »Das Weib muß reizend sein, – gewiß.«</p> - -<p>Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen -kam er zu dem, was andere, heil Geborene, im -Blute haben.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe -war, nannte er »Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies -ihm, daß man in diesem seinem Sinne schon abhängig -würde, wenn man sich einem Blumenstrauß -zuwendete.</p> - -<p>»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß, -gerät man in Abhängigkeit!«</p> - -<p>Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir -herumbohrte, mir Tränen des stummen Zorns in die -Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde -mir Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, – -mein Gott, wohin bin ich geraten!</p> - -<hr /> - -<p>Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten -hatte er:</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was es ist, – ob ich liebe oder -hasse.« Oder: »Ich muß es zerschlagen, – um zu -sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein Spielzeug. -»Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich -einen Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu -verhüten. »In alles hineinblicken, alles auseinanderlegen -und dann – von frischem aufbauen!« Das war -seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte -mich! Wie ein Fabelwesen kam er mir vor, das -dann, wenn es alles getan hat, was es als solches -tun muß und die Glocke eins schlägt, – sich umwandelt -in einen liebenswürdigen Prinzen.</p> - -<p>Oft mußte ich auch an den Golem denken, den -Lehmdiener des Wunderrabbi, der zu rasen anfing, -weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige -Gotteswort aus dem Munde zu nehmen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer -sind sie, die das zarte Instrument Seele zerrütten. -Kein Heil kann durch grobe Worte kommen.</p> - -<p>»Ich fange an,« sagte er, »dich zu – hassen. Für -diese deine Güte. Du hast mich enttäuscht. Du erschienst -mir, als ich dich kennen lernte, wie ein wunderbar -wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du -dabei das Herz eines Engels hast, das dachte ich mir -nicht. Ich hoffte, du würdest mich vernichten. Aber -du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als -mir auch nur ein Haar krümmen!«</p> - -<p>»Ich – verstehe nicht. Was heißt das alles?«</p> - -<p>Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht -– erlösen, du – du – Engel!«</p> - -<p>Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur -unter diesen furchtbaren Griffen. Erst zum Schluß -unserer Freundschaft – am letzten Tag – verstand ich.</p> - -<hr /> - -<p>Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte, -dann sprach er die Sprache der »Askese«. »Einsam -sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit, -seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr -zu vertauschen, so zog ihn die fremde Natur -so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß.</p> - -<p>Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«. -Meine Ottomane betitelte er innerlich -wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu -essen fand er »mondäne«.</p> - -<p>Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum -normalen irdischen Wohlleben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Dimitri – Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer -Halbgott!</p> - -<p>Weib ist gleich Genuß – und Feindschaft dem -Genuß! war zuzeiten seine Devise. Und dabei -hatte er doch diese Neugier, – Gier nach Neuem – -allem Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen -mögen.</p> - -<p>Und später, in der anderen, der »heiligen« -Stimmung: der strafende Prophet mit dem Flammenschwert -und dem Donnerwort.</p> - -<p>Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag -ihm ferner. Ein Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, -vor dem mir anfing zu – grauen.</p> - -<hr /> - -<p>Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele -hineingewühlten Natur, die alles nur aus <em class="ge">sich</em> herausholte, -in sich wieder zurückführte, in sich nur -ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.</p> - -<p>Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug -in die Natur: erlebter Pantheismus. Ichsucht: -verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel Selbstanschauung -– keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich -zusammen.</p> - -<hr /> - -<p>Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu -ernst; ich vor allem. Man hätte über vieles hinweggehen -müssen. Aber so schonungslos er in seiner -Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, -ins Innerste hineinzuleuchten, für seine Person liebte -er das nicht. Wenn ein scharfes Wort zu ihm flog, -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um -sich meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. -Und immer war die Art seines »Angriffes« -so – interessant, daß man gespannt hinhorchte, -wenn es auch in den Nerven stach und brannte. -Und wenn man nicht darauf einging, litt er drunter, -»Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst -dich in eine feindliche Festung, du bist ein platter -Mensch« – war dann sein Refrain. Und ich wollte -ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden, -Frieden!</p> - -<p>Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags -bis zwei Uhr nachts alles an! Mit erstaunlicher -Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem -Ernst.</p> - -<p>Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:</p> - -<table class="mt0" summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Und der Himmel voller Huld</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hört das alles mit Geduld!«</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich -ernst. Wie ein Kind erschien er mir manchmal, wie -ein unersättliches Kind. – Alles, dem er eben begegnete, -war das Wahre. Allzu schnell gab er sich -hin. Auch an ganze Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung -und mit tiefer Verachtung für alles -»Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck -mir gegenüber, von der Art des Fräulein X. Y. -»Diese <em class="ge">voraussetzungslose</em> Art, sich hinzugeben, -heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse -folgend und alle mit derselben Gleichgültigkeit beglückend, -– die reine Seligkeit muß das für den Mann -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein -Teil an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als -zehn andere. Es ist <em class="ge">schön</em>, es ist nichts Moralinsaures -darin.« Und er sah mir, – ja ich kann es -nicht anders sagen, – herausfordernd ins Gesicht.</p> - -<p>Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare -Dummheit über sich selbst (denn der Ekel -hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen, gebeutelt -bei Fräulein X. Y.), diese seine Torheit war es, -die mir das Gefühl einflößte: ich müßte auch hier -wieder <em class="ge">fliehen</em> ... aber der Schmerz ließ das -noch nicht zu – – –</p> - -<p>In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi. -Gerade auch <i>in puncto</i> der Frauen. Nur war er, -Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein -Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, – hier war -hohe Gedankenkraft und tiefehrliches Streben zur -Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden, -Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft. -Hier bevor, dort nachdem sie Tat geworden waren. -Dort platt! Hier interessant!</p> - -<p>»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt -hängt es aus den Mäulern der Heutigen.« Also -sprach Zarathustra.</p> - -<hr /> - -<p>Auf der Treppe wußte er noch nicht, – laut eigener -Aussage, – ob er mich liebe oder »hasse«. Dann -bei der Tür: – »wie kann einen ein Geschöpfchen, -mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so -<em class="ge">füllen</em>?«</p> - -<p>Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich -immer weniger und weniger. Was keinen Boden -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt werden? -Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige -Ganges selbst hindurchflösse.</p> - -<p>Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den -Tartaros ersonnen, dieses Füllen eines durchlöcherten -Fasses. Neunundvierzig Unselige arbeiteten daran, -teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein -besorgen.</p> - -<hr /> - -<p>Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien -mir seine Ungebärdigkeit.</p> - -<p>Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem -sogenannten »toten Punkt« gegenüber, ob der nun -bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen Tempo -zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in -seinen äußeren Verhältnissen oder seiner inneren -Produktivität, genug, wo und wann immer der tote -Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in -diesem Leben nicht vorbeikommt, er fand ihn unweise, -ungebärdig, machte ihn verblendet und wild.</p> - -<p>Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten.</p> - -<p>Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag -bei den Kindern zu verbringen, da ihre Kinderfrau -fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue -aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die -Kinder beaufsichtigen. Ludo schlief und schnarchte -wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen Augen -hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein, -immer ganz und gar erfüllt wollte er sein, wie sein -Vater. Ich liebte dieses Kind sehr, es hatte für mein -Herz irgend etwas, das mich ganz betörte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich -ihm aus dem Bilderbuch »Jugendland« vorlas. Als -wir aber fertig waren, mußte schnell etwas Neues -ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes -Verlangen.</p> - -<hr /> - -<p>Es waren aber auch schöne Tage in dieser -unseren Gemeinschaft. Wir lasen zusammen die -Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen -zusammen durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer, -Helmholtz, Mach. Dimitri studierte gern mit -mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen -hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt -und vielleicht mehr davon hinter mir als er. Er hatte -ja bisher in einer »Zwangsehe mit Frau Justitia« -gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine -wahre Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen -können. Er hatte nicht viel studiert bisher. -Und wußte doch viel, erstaunlich viel.</p> - -<p>»Ich habe alles <em class="ge">in mir</em>, alle Argumente, pro und -kontra: die Gegengewichte aller Möglichkeiten!«</p> - -<p>Ja, besonders <em class="ge">die</em> hatte er in sich. Viel, viel hatte -er in sich. Tausend Wege trafen sich da, in ihm. -Ströme und Straßen trafen sich, gangbare Flächen -waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame -Höhen, wo man »Jäger sein« mußte und »gemsengleich«. -Und Grotten, in die wunderbar war, zu -blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde, -wie jene nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten -des Inferno hindurch mußten. Eine Welt -war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige -»Welt« sei: jener geheimnisvolle eingeborene -<em class="ge">Ordnungstrieb</em>, jene <em class="ge">Stimme</em>, die die Elemente -verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander -bringt, in dem sie eines aus dem andern -nehmen, wessen eines aus dem andern bedarf, bis -aus den also <em class="ge">geordneten</em> Stoffen ein Bau ward!</p> - -<hr /> - -<p>In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri -konnte er sich über eines nicht genug wundern: über -diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf mich! -Das Studium der Philosophie, es regte mich immer -– musikalisch an. Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis -um. Je tiefer die Weisheit war, je heißer -und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde -mir's zum – Singen!</p> - -<hr /> - -<p>Über Weiningers großes Werk waren wir in -besonderem Eifer. »Wie willst <em class="ge">du</em> ihn denn kontrollieren?« -sagte er, indem er meine sachlichen Einwendungen -abwehrte.</p> - -<p>»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn -kontrollieren kann.«</p> - -<p>»Wo denn?«</p> - -<p>»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst, -– an der Wahrheit der Tatsache an sich -– der Tatsache: Weib.«</p> - -<p>Aber wenn schon meine Argumente gegen den -Weininger ihn nur ärgerten, mußte er doch zugeben, -daß manches an meiner Person ihn einigermaßen <i>ad -absurdum</i> führe.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>E</b>ine besondere Verachtung hatte Dimitri für -Frauenbücher. Er analysierte sie mir im -Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm -sie vor und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe.</p> - -<p>»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des -<em class="ge">Wortes</em>. Sie wissen nicht, was für ein furchtbares -Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um, wie -ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser -herumspielt. Und, was das Schlimmste ist: sie -haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern -an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine, -niedliche Motive haben sie. Aber gibt es ein Frauenbuch, -um ein Problem herum, um ein ewiges und -doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß -man doch das Zeitliche rauschen hörte darin? Und -Gestalten sähe? Gestalten <em class="ge">und</em> Gesichte? Fleisch -<em class="ge">und</em> Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein -Frauenbuch, empfangen in einem besonderen Rhythmus? -In einem Rhythmus, der nicht geplant werden -kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres -Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?!</p> - -<p>Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie -nur eine einzige Person sie schaffen konnte, keine -zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja, -was Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im -Dorian Gray gab! Das sind Mußbücher, wie es -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein -Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.«</p> - -<p>»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen – -Priesterinnen waren! Es ›kam‹ über Pythia, es -›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates belehren -konnte über das Wesen des Eros.«</p> - -<p>»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber -seit damals ist es eben nicht mehr über sie gekommen.«</p> - -<p>Ich nannte einen Namen: Lagerlöf.</p> - -<p>»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen. -Aber neben <em class="ge">Gesichten</em>, die nur einem Einzigen -werden, will ich <em class="ge">Gestalten</em> sehen, die der Zeit gehören. -Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins -Herz der Zeit, daß sie, die Zeit, auflachen und aufweinen -müßte darüber, – wo wäre es, solch ein -Frauenbuch?«</p> - -<hr /> - -<p>So oder ähnlich, – ich habe mir die Worte nicht -genau gemerkt, – sprach Dimitri über Frauenbücher. -Ich glaube, es war viel Wahres an dieser -seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher -vielleicht, ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle -explodieren ließ, ohne abzuwarten, bis das, was aus -ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium« (o Weininger!) -sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch -eine Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose -Kritik aufgerüttelt werden müssen.</p> - -<p>Und dann – dann hätte sie entweder für immer -verstummen müssen, – oder –</p> - -<p>Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin!</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort! -Jedes einzelne: ein bewußt herbeigeholter und behauener -Quader. Jedes einzelne! Aber – als ganze -Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier -dräuend. Und wuchteten nieder, wie ein Bau, den -keine Kuppel, keine Wölbung, keine <em class="ge">Weitung</em> von -der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken -scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein. -Auch fehlten diesen Bauten oft die – Fenster. Innen -war alles solid, gediegen, durchaus anständig und -komplett eingerichtet. Aber die – Fenster, durch die -man hätte herausblicken können ins Unbegrenzte, -ins Freie, ins <em class="ge">andere</em>, die, ja die fehlten meistens, -wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren -Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des -ahnungslosen Besuchers auftaten und ihn angähnten -in undurchdringlicher Abgründigkeit.</p> - -<p>Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte -Was war es, daß sie trotzdem bei denen, die -für uns in Frage kamen, nicht eine volle Würdigung -finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist, -aus dem diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der -verfallen schien, jenen Mächten verfallen, die wir in -der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in den -Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«, -wie Beethoven selbst es nannte. In vier Noten klopft -da das Schicksal an die Tür:</p> - -<p class="ce"><img src="images/p103i.png" alt="Musiknoten" /></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte, -die die <em class="ge">lichte Lebensstimme</em>, die beschwörend, -beschwichtigend hineinsingt in sie, – so süß, ach, so -süß, –</p> - -<p class="ce"><img src="images/p104i.png" alt="Musiknoten" /></p> - -<p class="in0">immer wieder überdröhnen.</p> - -<p>Ihnen gehörte er, – er konnte nicht anders.</p> - -<hr /> - -<p>Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod: -Schottische Balladen.</p> - -<p>Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken -hätte interessieren können, aber »geschrieben« -war es! Die Kraft der Anschauung, die reinliche -Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch -wie notwendig sich ergebender Bilder, die er an -Frauenbüchern immer vermißte, hier waren sie.</p> - -<p>Er las und – staunte. »Allerdings,« sagte er, -»das hätte ich einer Frau nicht zugetraut! Allerdings.«</p> - -<hr /> - -<p>Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café. -Beide hinter Zeitungen vergraben. Plötzlich fährt -Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen« (warum -soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde -umsehen, da dieses alte von so anschaulicher Kraft -ist?) empor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt -in einem Tempo über den Tisch, daß ein Wasserglas -davor herunterfliegt. »Da, da!«</p> - -<p>Was war da?</p> - -<p>Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher -Stirn, klugen Augen und stattlichem Vollbart und -darunter stand: Fiona Macleod.</p> - -<p>So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem -ganzen Leben nicht gehört!</p> - -<hr /> - -<p>»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte -er. Ja, welche Fehler waren denn das?</p> - -<p>Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht -auffinden, und dennoch weiß ich, daß er nicht ganz -unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es war, -glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in -mir hervorrief. Und nicht nur indem ich ihm entgegen -war, sondern auch, indem ich – schmiegsam -war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht -zu dem gewünschten Austausch in Harmonie. Daß -er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte auf mich -zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war, -was ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von -gestern zu entsprechen. Als zerwühlend empfand ich -es schon damals triebhaft, – diesen verwirrenden -Wirbeltanz mitgemacht zu haben.</p> - -<p>Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur -möglich? Ja, warum war es mir, da ich mit ihm war, -nicht anders möglich, als eben so?</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun -wieder besonders kräftig. Dieses Hinschwingen zu -ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen hatte, -noch bevor er mich kannte, – es zeigte so recht -seine Not über die verwirrenden Geschehnisse, sein -Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine neue -Liebe im Gemüt zu einen – mit der unterdrückten -Liebe zur eigenen Frau.</p> - -<p>Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe -Schmerzen erzeugen – diese Trennung von den -Kindern und von ihr.</p> - -<p>Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, -Gefühlsgedächtnis (denn für abstrakte Gedankenketten -war sein Gedächtnis sehr stark). Der -Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der -Vergessende – der Ausgelieferte.</p> - -<p>Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. -Eng verknüpft mit Treue. Treue – eine Kraft der -Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des Gehirns. Alles -Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert -sie ab, als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber -setzt Fülle voraus, Fülle und Sammlung, die festhält, -ökonomisch anlegt, nichts verschüttet und nichts verrieseln -läßt. Treue ist <em class="ge">Abgrenzung im Gefühl</em>, -und hier waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte -zu sehr von Theorien.</p> - -<p>Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die -Leute rein blöde mache. Sie fanden sich nicht mehr -zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste der, -der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein -Intellektueller, bei dem durch den Intellektualismus -der »innerste Sinn« nicht gelitten hätte, dieser Sinn, -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -der von der hohen Instanz der <em class="ge">Gefühle</em> dirigiert -wird, ein Intellektueller, der <em class="ge">doch</em> vernünftig wäre, -– das war mein »Ideal«, das ich seit Jahren suchte!</p> - -<hr /> - -<p>Eines Abends, während er bei mir war, nannte -ich – deinen Namen. Ich hatte am Vormittag ein -Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört. -Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft -an meinem Hochzeitstag.</p> - -<p>»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du – nennst -einen fremden Namen, einen fremden Männernamen, -du – du! – – –«</p> - -<hr /> - -<p>Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte -sich. Er war kein Liebloser. Nur ein Ungebärdiger -war er. Aber aus dieser seiner erschreckenden Ungebärdigkeit -kam all dieses Zerstörende. Er war ungebärdig, -selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber. -Wenn etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen -war, zum Beispiel unser Zusammensein, nun -<em class="ge">mußte</em> es anders sein! Er hätte es nicht ertragen, -wenn es heute wieder schön gewesen wäre!</p> - -<p>Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal -schön gewesen war, es heute anders sein – -mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine -Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle.</p> - -<p>Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit – -Helene. Mit mir?</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom -ersten Bekanntwerden bis zum letzten Fallen des -Vorhangs – hundert Tage. Und welch' eine Fülle -war in dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen. -Wie war sie da schon ganz und gar gewährt.</p> - -<p>Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein -dreimal dreißig – Jahre?</p> - -<p>Hundert Jahre fühlte ich über mir!</p> - -<p>O mein Elba!</p> - -<p>Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein -halbes Jahr ist seit deinem ersten Besuch verflossen. -War es gestern? Es muß gestern gewesen sein. Ein -erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer -so gewesen. Hold und zeitlos ist das, was zwischen uns.</p> - -<p>Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich -dir von Dimitri und meinem Leben mit ihm sprechen, -Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch herunterfließt. -Unendlich ferne liegt es hinter mir und -zittert doch noch nach ...</p> - -<hr /> - -<p>Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du -wirst alt an diesem Mann«, sagte meine Mutter.</p> - -<p>Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«, -dessen Winkel er immer »schwebend« sehen wollte, -ach, er preßte sich zusammen unter dem, was aus -<em class="ge">seinem</em> Munde kam. Und die Mundwinkel, die -»schweben« sollten, sanken – traurig und vergrämt.</p> - -<p>Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er -mir nicht genügend Sicherheit für mein Frauenbedürfen -und zu wenig Gewähr. Unsicher in seinem -Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -bis zu Überzeugungen festigten, unsicher in der -Beobachtung, unsicher in seinen verschiedenen einander -so widersprechenden Anschauungen, mischten -sich doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu -einer Persönlichkeit von unerhörter Tragik und Gewalt, -der niemand die Erkennung versagte und niemand -den Gruß am Weg und die doch noch nicht -begnaden konnte, weil sie noch nicht die ausgleichenden -Kräfte der Reife hatte und daher im -augenblicklichen Gefühl zerstob ...</p> - -<p>Auch in der äußern Form entbehrte er manches, -auch sie entnahm er zu sehr dem Augenblick, ohne -ihre Bedeutung genügend zu würdigen.</p> - -<p>Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend -für die Frau. Er hätte mich mehr beschützen müssen, -aber er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und -so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und -schutzlos.</p> - -<hr /> - -<p>Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von -gestern zu heut. Thmyan, die Hetäre, Rebekka, die -Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine, schlanke -Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine, -ach so wenig verläßliche Gunst.</p> - -<p>Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen, -jedem Tag einem anderen Idol.</p> - -<p>Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu -mehren, um das was – <em class="ge">ich</em> war.</p> - -<p>Eine »Herrin«, die sich <em class="ge">nicht</em> von ihm zerstören -ließe, so sagte er einmal, wäre sein Ideal.</p> - -<p>Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn -eine selbst die Schönheit einer Venus und das Temperament -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -einer Bajadere hätte – und die Heiligkeit -einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach -dem fehlenden begehren.</p> - -<hr /> - -<p>Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was -immer er sah, hörte, las, erfuhr, er war's, den es -betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis wurde -daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das -tänzelnde, leichtgeschürzte weibliche Element war drei -Tage lang sein Ideal. So etwas, was man »bewachen« -müßte.</p> - -<p>Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das -wir sind, die da oben?« fragte er mich im Zwischenakt, -und sein »strenges« Gesicht verhieß mir nichts -Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen -werden müßte!</p> - -<p>»Siehst du nicht, daß das wir sind?«</p> - -<p>Nein ich sah es nicht.</p> - -<p>Und er war es wirklich, der das alles war. Alles -und – nichts? Nein. Etwas immerhin. Viel! Aber -– ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form. -Er zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte -er selbst von sich zu sagen. Nein. Aber gestaltlos, -ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den geheimnisvollen, -eingeborenen, unerwerbbaren <em class="ge">Willen zur -Form</em>.</p> - -<hr /> - -<p>Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele – in -unendlichen Ausstrahlungen. Andre wollen umgekehrt: -sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -festigen. Und so wollten wir Entgegengesetztes und -begegneten uns nur selten.</p> - -<hr /> - -<p>Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, -war doch da in ihm: sentimental war er zu Zeiten, -pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals), -und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. -Daß er seine erste Ehe gelöst hatte, schien ihm eine -ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in der Welt -hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch -legte er sie tagtäglich auf den immer geheizten -Rost seines Gewissens. Er wurde aber nie fertig mit -dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der -zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst -einen freundlichen, erträglichen Ton fand, seit er von -ihr fort war und die er in dieser Ehe zerstört hatte -bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, – -wäre er bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht -minder geröstet wie sein Gehen.</p> - -<hr /> - -<p>Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. -Etwas wie eine geheime Gehässigkeit lag zwischen -uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in meiner -Gegenwart, sagte ich: »Das ist <i>mauvais genre</i>, -lieber Dimitri,« ich sagte es sehr sanft, »durchaus -<i>mauvais genre</i>.«</p> - -<p>Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, -als wenn ich ihm auf diese Weise weltlich kam. -Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio, -zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -tun. Obwohl er mein Bruder ist. Es zeigt, nun -wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht -von – Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art -von Courtoisie, sitzt eben im Blut.«</p> - -<p>Er warf mir einen Blick zu, – wenn Blicke töten -könnten! Aber, suggestibel wie er war, hatte er -von Stund an Respekt vor meinem – Geblüt.</p> - -<hr /> - -<p>Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding -<em class="ge">nicht</em> war, wußte er am ehesten davon auszusagen. -»Nichts behält neben ihm den eigenen, unbedingten -Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, -immer wollte und brauchte er »Auseinandersetzungen«. -»Intensiv« sein, nannte er dieses Herumwühlen in -dem – Innersten der Seele. In Wahrheit war es -eine, wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die -alle diese Szenen entlud.</p> - -<p>Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin -heil blieb.</p> - -<p>Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund -des Subjektes« (Goethe). Jene Gegend, die, meiner -Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor sich -selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling -zu Sais erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte!</p> - -<p>Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das -Symbol zerstört. »Alles Vergängliche ist nur Gleichnis.« -Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen, -dann fahr' wohl, Kunst!</p> - -<p>»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein -anderer, Wilde. Ein tiefes Wahrwort. Darin, daß -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines Gleichnisses, -eines Bildes (also immer wieder nur durch -Vergleich mit einem anderen Ding) dichterisch sinnfällig, -anschaulich gestalten können, darin liegt ein -Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung -seiner Oberfläche, von allen ihren zahlreichen -Seiten, nahekommen können.</p> - -<p>Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung, -die »tiefer« dringen will, als zum Symbol, im Irrsinn -scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen -vor sich selbst!</p> - -<p>Das wollte er nimmermehr begreifen. Das -heißt, theoretisch begriff er es wohl. Aber praktisch -ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes -war sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem -anstrengenden Pfad seine Begleiterin.</p> - -<hr /> - -<p>Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte -und wühlte und ich laut schluchzend neben ihm ging.</p> - -<p>Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar -für solche, die so etwas nicht erlebt haben.</p> - -<p>Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs -Sofa. Er deckte mich mit einer Decke zu, legte mir -einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee, den -er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich -und spielte ganz leise, pianissimo, oft auch nur mit -zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie Mandoline), auf -der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein -Gesicht. Seine blauen Augen schienen unnatürlich -groß und flackerten dunkel.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -Keiner von uns beiden hätte das Substrat des -»Streites«, der aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt.</p> - -<p>Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise. -Er saß und zupfte die Fiedel, pianissimo.</p> - -<p>Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri -Gruschk und ich.</p> - -<p>Stunden vergingen so ...</p> - -<hr /> - -<p>Eines Tages kam er: »Sprich nicht, – deine -Worte sind umsonst! Schau nicht, – deine Blicke -sind umsonst! Ich bin leer, leer.«</p> - -<p>Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über -uns geschwebt hatte, war also richtig hereingebrochen: -Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«? Unmöglichkeit.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>U</b>m diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief -von seiner Schwester, die in Zürich Medizin -studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam -auf der Durchreise nach der Heimat nach Wien und -hatte hier eine Erbschaftsangelegenheit zu ordnen. -Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat beistehen.</p> - -<p>Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in -Anspruch, daß er manchmal nur auf einen Sprung -zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in -ihrer Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch -»als Mensch« brauchte sie ihn, wie er mir sagte.</p> - -<p>So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich -die russische Studentin in lebhafter Konferenz mit -Dimitri.</p> - -<p>Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte -sich überhaupt sehr freundschaftlich um sie. Er habe -eine wahre Verehrung für dieses Mädchen, sagte er -mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so -»moralisch leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller -Horizont sei begrenzt. Aber die »Moral« -sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei -Männern für möglich gehalten. <em class="ge">Sie</em> verstehe, was -es heiße, »an sich selbst schuldig werden«. Sie war -ein »Adelsmensch«.</p> - -<p>Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei -Kritik üben, denn mir gegenüber gab sie sich ja nicht -zu erkennen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre -Idol für die Sehnsucht des Mannes hinstellte, so -nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im Weibe -verkörperte »ethische« Prinzip.</p> - -<p>Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender« -Mann könnte für sie in Frage kommen, -hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie hinzugefügt: -ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell -und moralisch genügen könnte? Sie habe sich darauf -gefaßt gemacht, »einsam« zu bleiben, weil sie nicht -»besser« sei!</p> - -<p><em class="ge">Und Dimitri sagte</em>: »Hast du dich jemals gefragt, -ob du einem solchen Manne genügen könntest?! -Hast du dich jemals bemüht, <em class="ge">besser</em> zu sein?!«</p> - -<p>Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du, -für den ich diese Blätter schreibe!</p> - -<p>Er sagte es wörtlich, Johannes!</p> - -<p>Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen -schreibe. Mein Gesicht ist über und über bedeckt davon. -Meine Hand zittert, – ich kann nicht weiterschreiben -für heute.</p> - -<hr /> - -<p>Unter meinen Freunden befand sich auch ein -Schauspieler, der von Zeit zu Zeit öffentliche Vortragsabende -veranstaltete, an denen man sicher sein -konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt -zu erhalten. In dem Geschäfts- und Snobgetriebe -der Literaturhyänen der Großstadt bildeten -diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung -und Verständnis der <em class="ge">Lyrik</em> tat dieser Künstler viel. -Er sprach auch oft mit Dimitri und mir über das -Wesen der Lyrik, dieser, nach der Musik unmittelbarsten -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs -der <em class="ge">künstlerischen Exstase</em>, – <em class="ge">der -Stimme</em>.</p> - -<p>Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher -und notwendiger Poesie unterscheiden. Und -an solchen <em class="ge">echten</em> Produkten nicht vorüberzugehen, -wie jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein -Kunstwerk zu sich nimmt wie ein Glas Bier und -weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.</p> - -<p>In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei -nichts zu verspüren. Frei und doch notwendig finden -sich die Verse zueinander, ohne daß Umstellungen, -Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim -zuliebe notwendig wären. Es fließt dahin wie edle -Prosa und doch nicht Prosa. Neue starke, seltsame -Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in lauter -Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte -es noch so glatt, macht aber noch kein Gedicht: -der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt erscheinen. -So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche -Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des -Ganzen. Erst diese Logik verleiht jedem Bilde <em class="ge">Macht</em>. -Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes, -es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, -hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt doch leicht und -lieblich – und geheimnisvoll. Und er demonstrierte -diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.</p> - -<p>Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum -zu vermitteln. Erst dann könne es ermessen, was -ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf, darin -niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris -Gedichte. Ich selbst hatte niemals ein Gedicht gemacht.</p> - -<hr /> - -<p>Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen -Abend erhalten. Dimitri kam, mich abzuholen. Er -teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin abgetreten, -er selbst werde sich ein anderes an der Kasse -besorgen. Im Saale würden wir sie treffen. Ich -fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen sei, mich -abzuholen.</p> - -<p>»Sie – sie findet keinen Kontakt mit dir.«</p> - -<p>»So.«</p> - -<p>Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in -ihnen den Blick, den Helene hatte.</p> - -<hr /> - -<p>In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, -sprachen wir den Vortragenden im Künstlerzimmer. -Wir hatten einander mehrere Wochen nicht gesehen. -Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah -mich schweigend an, dann sagte er: »Wenn man -wissen will, was Zerstörung ist, so braucht man nur -Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick -auf Dimitri.</p> - -<p>Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche -Mann war unhöflich gewesen. Endlich fand man -einige Worte zum Thema des Abends.</p> - -<p>Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil -er mich zerstört sah. Wie kann man sich so nur blicken -lassen, – mag er sich wohl gedacht haben.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden -Sonntag besuchen. Die »Fünfte« war zu hören. -Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte -Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir -sollten uns vor dem Musikvereinssaal treffen. Giorgio, -Helene und ich warteten vergeblich auf Dimitri. Er -kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er -war sonst verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten -unsere Karten und gingen hinein. Eine mir selbst -nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was -war vorgefallen, warum war er nicht da?</p> - -<p>»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.</p> - -<p>»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.</p> - -<p>Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf -setzte ein. Hoffnung blitzt auf in dem wilden -Getümmel. Die Violinen tragen sie durch zwei -Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die -Zweifel mischen sich hinein, Flöte, Klarinett und -Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang. Aber -die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der -Bedrückung immer wieder heraus, sprengt und durchbricht -ihre Gruft: Triumphlied der Posaunen.</p> - -<p>Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich -war überzeugt, ein Unglück müsse geschehen sein. -Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich meinte: -einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie -waren allein zu Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, -was da geschehen war.</p> - -<p>Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen -hinauf, rüttelte an der Glocke.</p> - -<p>Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder -friedlich schlafend in ihren Bettchen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig -die rosigen Füßchen, die der kleine Elias unter -der Bettdecke hervorstreckte.</p> - -<hr /> - -<p>Ich fragte in seiner Wohnung an.</p> - -<p>Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen -Hut und Mantel im Vorzimmer hängen.</p> - -<p>»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und -stellte sich breit vor mich hin.</p> - -<p>Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite -und ging direkt auf Dimitris Türe zu, klopfte -und drückte die Klinke nieder.</p> - -<p>Aber die Türe gab nicht nach, – sie war versperrt. -Drinnen aufgescheuchte Stimmen, erschrecktes -Geflüster, – Dimitri und die ethische Dame aus -Rußland.</p> - -<hr /> - -<p>Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam -und beinahe heiter durch die Straßen. Ich weiß -nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte -ich mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen -nach, als darin Platz fanden. Mich fror sehr. Der -Herbst war naßkalt und neblig.</p> - -<p>Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht -warm genug für mich. Schließlich hüllte ich mich in -Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe -neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel -Wilhelm von Humboldts mit seiner Braut und -Frau – – –</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses -Läuten: Dimitri. Das hatte ich nicht erwartet.</p> - -<p>Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen, -klinkte die Türe auf und ging zurück in mein Zimmer. -Er folgte.</p> - -<p>Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich -obdachlos herumgetrieben, kam er mir vor. Seine -Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im -Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach -er in Schluchzen aus. Als wollte er sein Gesicht -verbergen, warf er es in meinen Schoß.</p> - -<p>Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn -mit den besten Worten, die ich fand.</p> - -<p>Er blieb lange so, dann gestand er alles.</p> - -<hr /> - -<p>Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine -empfindliche Natur; für sensible Menschen gibt es -in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es ist -immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe. -Geschieht sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein -Chock, eine Verwundung des innersten Wesens zurück.</p> - -<p>Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden. -Ich hatte verziehen und ohne merken zu lassen, <em class="ge">daß</em> -ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß ich -etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch -zerfaserte er jede meiner Äußerungen. Überall vermutete -er Scheu und Überwindung.</p> - -<hr /> - -<p>Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte -Gemüt zu »wirken«, mit allen Mitteln, ach! »Wozu -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -sonst bist du gut, – <em class="ge">Stimmlose</em>,« dachte ich bei -mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!«</p> - -<hr /> - -<p>»Du – du Frau, – ich weiß nicht, – ich werde -immer verwirrter. Wenn ich von dir bin, – habe -ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht, warum. -Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach -Glück. Ich weiß nichts mehr, ich weiß nichts -mehr.«</p> - -<p>Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah -ihn an, voller Weh: »Dimitrino!« Lange, lange -hatte ich ihn nicht mehr so genannt.</p> - -<p>Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub -seinen Kopf in meinem Schoß und weinte da -bitterlich.</p> - -<hr /> - -<p>Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen -gehabt. Oft geschah es, daß ich nachts erwachte, -in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren -Druck im Herzen.</p> - -<p>Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über -seine Leiden. Er war sehr zart, disponierte zu -Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst -darüber.</p> - -<hr /> - -<p>Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen -führen solltest, wie Liebe tut, – es wird dir oft -salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der -Art, die Schopenhauer mit dem Welschwort benennt, -dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.</p> - -<p>Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches -Leid, das schier alle Kreatur zu umfassen sich sehnt, -ist in solcher Liebe: Pietà.</p> - -<p>Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser -meiner Liebe zu ihm.</p> - -<p>Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in -dieser meiner Liebe zu ihm.</p> - -<hr /> - -<p>Immer fremder, immer unheimlicher wurde es -zwischen uns. Ein Dunkles war da, ungreifbar. -Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene -Stunden, – wo Menschen sonst alles vergessen. Er -nahm mir die Unbefangenheit – auch da! Das -Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann -gesagt werden, was von ihm einer Frau geschehen -kann.</p> - -<p>In den letzten Tagen vor meiner Abreise, – -wie sie zustande kam, wirst du erst später erfahren, -– in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten ja -hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts -Gutes mehr von Dimitris Munde. Seine Arbeit -lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner -Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder -andere auch. Aber wo fand ihn ein toter Punkt je -weise?</p> - -<p>Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene -Sinnlichkeit in ihm. Schöne Frauen und -hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, – er -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am -liebsten. Und er erzählte es mir, er schilderte mir -diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen, -»objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.</p> - -<p>Und ich blieb – objektiv. Hörte das alles, entgegnete -darauf ganz »sachlich« und nahm es alles -– ernst.</p> - -<p>Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie -ertragen, diese Art »Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet. -Nur Unabhängige ertragen diese Abhängigkeit -und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem -Weibe lächelnd beide Hände: Binde mich, du!</p> - -<p>Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte -ich dich, lasse mich wieder einwohnen in der Heimat -deines Herzens!«</p> - -<p>Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir -abhänge, du Geliebte! Das habe ich in dieser Zeit -wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie -ihn auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein -wahrer Ernst ist nicht dabei! – – – O glaube! -glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!«</p> - -<p>Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen. -Wohl mir, daß ich es bin!«</p> - -<p>Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es, -ist es zu Ende mit mir und mein Licht ist ausgeblasen.«</p> - -<p>Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit« -geraten waren, sondern, die Sonderbaren, -alle Throne der Welt hätten sie ausgeschlagen -gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk -selbst, es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen -Lebenswert. Ein Wagner nannte sein Werk – <em class="ge">sein</em> -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Werk! – unernsthaft gegen diesen Ernst seiner -Liebe.</p> - -<p>Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten -nicht nur diesen Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich!</p> - -<hr /> - -<p>Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere -als ich ihm diese Bewußtheit und Seligkeit und darum -Erlösung wird geben können? Ich glaube es -nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte. -Die Sphinx mit der Tatze sollte kommen und sein -Bewußtsein betäuben. (So wünschte er sich's: Untergang -in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung zusammengefallen -mit Vernichtung. Die Melodie -der dunkeln Mächte behielt die führende Stimme -in ihm, nichts konnte sie übertönen.</p> - -<hr /> - -<p>Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich -neue Wurf ins Ungewisse, war <em class="ge">mit</em> Schuld an seinen -tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein -Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die -bleiche Brotangst die Kehle zuschnürt, – ein Unding -ist's, ein grausames, widersinniges Unding! -Denn das Material, das kostbare, geht dahin in -diesem verzweifelten Ringen mit ihr, der bleichen, -der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn -der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer -Sorgen hat, so wird ihm doch nicht sein Holz oder -sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der Sänger -ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste -Sorge sein Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Material: <em class="ge">die Stimme</em>. Das Zarteste im -Menschen, das <em class="ge">Tönen</em> seiner Seele, – <i>anima</i>, die -Stimme wird gebrochen von der Not.</p> - -<hr /> - -<p>Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren -diese Stimmen? Warum duldet ihr, daß sie -in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet -ihr sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden?</p> - -<p>Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer -Not und Jammer sie zu ersticken und zu erwürgen -drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen -überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft!</p> - -<p>Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die -vernehmbarsten Stimmen der Nation?</p> - -<hr /> - -<p>Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre -an seiner Bestimmung, an seiner Berufung. Irr und -wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte. Sünde -und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten -Fingern.</p> - -<p>Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein -Schicksal mit diesem Elend verknüpft?« Meine Sache -war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen mochte -über ihn, – von außen und aus ihm selbst. Tragen, -tragen.</p> - -<p>Aber das erstemal kam ich auf den Grund des -Begriffes »Irrsinn«.</p> - -<p>Irr – irr – ich wußte nichts mehr. Nichts -mehr von mir vor allem. Zerpflückt und zernagt -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst? -Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit?</p> - -<p>Und keine <em class="ge">Stimme</em> war da, das war das -Schlimmste. Die Stimme, die Stimme, sie schwieg -mir, – die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes <em class="ge">besaß</em> -mich, es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war -in Besitz von etwas anderem, – Dunklem, Fremdem, -Grauenhaftem, Unerklärlichem, – ich hatte mich -nicht mehr, es <em class="ge">besaß</em> mich, und konnte mit mir -machen, was es wollte.</p> - -<p>Irrsinn – Besessenheit ...</p> - -<hr /> - -<p>Ich muß es tragen, – so hatte ich mir gedacht. -Aber es kam anders.</p> - -<p>Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel. -Es gab ja keine Stunde des Friedens mehr. Ich -war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich -weiß, daß ich aufschrie und meine Hände ballte -gegen ihn.</p> - -<p>»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann -nicht aufkommen für dein Elend. Ich richte Unheil -an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich an« -– und er riß mich beinahe zum Spiegel –, »du -bist nicht wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die -ich vor drei Monaten sah? Warum läßt du dich -denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich -zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt -habe, dafür verachte ich euch alle zusammen.</p> - -<p>Und was habe ich denn davon. <em class="ge">Furcht</em> habe -ich vor dir –«</p> - -<p>Es blieb totenstill.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob.</p> - -<p>Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden -Halbdunkel und hörte, wie er mit -rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend, -mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir -zurief: »Maja, rette dich vor mir!«</p> - -<p>Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die -mir rieten, zu fliehen.</p> - -<hr /> - -<p>Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden -geholt. Aber nicht gepackt wie sonst, wo sorgliche -Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt, hineingeworfen -wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur -schnell. In drei Stunden war ich reisefertig.</p> - -<p>Und als mir, während der Zug an der Donau -dahinbrauste, die Türme von Wien verschwanden, da -holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes, -schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten, -aber nicht der Werdenden!</p> - -<p>Und ich fuhr dahin – in ein härteres Klima.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>I</b>ch kam hier an. Ich schrieb einen Brief an -Dimitri. »Da es aus sein soll, soll es ganz -aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange -keine von mir.« – Er ist frei, wie er es im Grunde -sein wollte und wohl auch sein muß. Unser »Eheband« -wird keinen von beiden stören. Braucht einer -von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder, -so wird er keiner Schwierigkeit beim anderen begegnen. -Auch die Grimasse der »Freundschaft« wollen -wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn -die Liebe geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit -Zwerghaftem, das in seiner Art ganz und heil ist – -dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten« –, -als daß ich den Torso von etwas, das größer war, -als dieses Zwerghafte, mit mir weiterschleppe. Auf -den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand – -eine Handvoll Asche – Einsamkeit.</p> - -<hr /> - -<p>Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält -sich an meinen Wunsch. Auch ich gebe keine. Wozu -Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug. -Wir wissen alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen, -uns wiederzufinden, – nicht einander wiederzufinden, -nimmermehr! – sondern jeder sich selbst wiederzufinden, -<em class="ge">frei</em> vom andern.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Gute Genien waren um mich in dieser Stadt. -Große, stolze, gleichgültige Stadt. Gibt Raum dem -Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien, -da fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand -es nicht, dieses Wien, da ich darin festsaß. Ich -litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag.</p> - -<p>Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen, -– Himmelsmanna der werdenden Seele, die »gläubiger -und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg -sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen -Kräfte, derer die Zarte, <i>anima</i>, bedarf?</p> - -<p>Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen -äußeren Lage meines Lebens, jemals in innerer -Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich -hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet -war meine Situation zeitweilig, innerlich und äußerlich. -Ich glaubte kaum je wieder herauszukommen -aus solchem Zusammenbruch.</p> - -<p>Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige -denn, daß eine Hand sich mir entgegengestreckt hätte. -Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so: komme -herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene, -innere Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine -und erlöse dich selbst, o messianische Seele, oder – -bleibe unten und vermodere.</p> - -<p>Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte.</p> - -<hr /> - -<p>Irgendwo müßte es doch jemanden geben, -dachte ich mir immer, von dem es einen nicht fortschleuderte, -bei dem man gern und willig bliebe. -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -»Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für -dieses Fortwollen, Fortmüssen.</p> - -<p>Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang, -als den zu finden, über den ich <em class="ge">nicht</em> »hinauskäme«. -Von dem ich nicht hätte – wegreisen wollen.</p> - -<p>Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte -mich fort von ihnen. Wo wäre ein Mensch, zu dem -man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke -sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so -schön!«</p> - -<p>Einmal einem solchen »Menschen« begegnen -und mit ihm verbunden sein, einmal nichts Häßliches -erleben an einem Menschen, und gefeit wäre -ich gegen alle Gefahr, – gegen alle Versuchung, auf -falsche Geleise zu geraten, wenn ich es einmal nur -erlebte!</p> - -<p>An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen -fertig geworden. An einem einzigen, resoluten -und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer -abwenden und weitergehen müssen – in Einsamkeit. -Und meine Treue blieb unbelohnt.</p> - -<hr /> - -<p>Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung -überkam mich öfters. Diese Versuchung – abzuschwören -den Glauben, mit dem ich geboren war. -Zur wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören -zu glauben an mein – Eiland. Zu kapitulieren, -bevor alle Meere durchkreuzt waren.</p> - -<p>Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen -Glauben daran. Und meine Abschwörungsformel -hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche, -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf -Deinen Traum von einem Eiland irdischer Seeligkeit! -Es gibt nicht das, was du dir vorstellst. -Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme, -wo du sie findest, und erwarte nichts weiter von -denen, denen du in diesem Sinne begegnest.</p> - -<hr /> - -<p>Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von -denen ich die meisten verrinnen lassen mußte, -sie, die das Leben mit sich führen und es mir zuströmen -sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie -verrannen mir, sie verrieselten im Sand, im Nichts. -Und eilig, eilig geht es mit solchen verschütteten, verrinnenden, -versandenden Tagen!</p> - -<p>Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare -Lebenssaft, der Lebenstropfen, der <em class="ge">Tag</em>, und nichts -<em class="ge">wird</em> durch ihn!</p> - -<p>Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die -Tage so verströmen sah und doch nichts, nichts daran -ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein. Es -gab nichts anderes, als – warten. Man mußte sich -hineinsetzen, die Hände im Schoß, und warten, warten, -ob nicht doch angespült würde von ihnen, den Tagen, -angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, – -Leben.</p> - -<hr /> - -<p>Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie -ich es auf dem ersten dieser Blätter sagte. Schleifen -und verschütten und begraben unter sich selbst. Sie -wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen, -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Monaten, so lange, bis jene Kraft, welche Grüfte -sprengt, auch diese Leichenhaufen toter Tage, unter -denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und -aus ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann -immer breiter und breiter, bis sie nicht mehr zu verdrängen -und zu verschütten ist und, erlöst, sich <em class="ge">über</em> -den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen.</p> - -<hr /> - -<p>Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen. -Ich wußte, daß vieles zu erfahren sei. Aber niemand -konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte eben -selbst – erfahren werden. Man mußte es selbst -herausbekommen, das Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich -hinzusetzen sei, auf daß man schön und sicher -stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke! -Zickzackwege, von denen keiner ein Ziel hatte, als -das, wieder zurückzuführen auf die – Linie. Aber -die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine -Straße und man kam doch weiter und weiter auf ihr.</p> - -<p>Wanderjahre!</p> - -<p>Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter.</p> - -<p>Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den -Wegweisern zu sich geboren sind! Das <em class="ge">Ideal ihrer -Linie</em> führt sie, trotz allen Zickzackgeschlängels, immer -wieder – zu sich.</p> - -<p>Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige -Biegung zu einer Hauptlinie haben. Deren Wege -in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein Zurück -mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe -zerschellen. Oder in die Runde führen, ohne auffindbare, -ruhende Ausgangsstelle, ein narreteiendes -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen -münden. Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend -und den armen Läufer zu Tode hetzend. Betörend -und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, – -wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach -buddhistischer Vorstellung, alle die durchirren müssen, -die dem Sakyasohne nicht nachwandeln – – – -oder zu Christus nicht finden.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>W</b>ie wild mein Leben doch eigentlich aussieht! -Und dabei bin ich eine so treue, kleine Klette. -Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß, -hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig -sein. Und ich hielt ja auch aus, – ach – so ewig -wie möglich!</p> - -<hr /> - -<p>Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen -Blättern.</p> - -<p>»Für <em class="ge">wen</em> aber führt sie diese Blätter?« Ja, -das ist das Geheimnis. »Wo ist der Freund, von -dem sie immer spricht?«</p> - -<p>Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das -Buch um, dreht es nach allen Seiten, und vielleicht -merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild.</p> - -<hr /> - -<p>Der Freund kam in das Buch, der Freund kam -in das Leben, – <em class="ge">während</em> ich plauderte. Er trat -ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß <em class="ge">er</em> -es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern -merken lassen sollen, früher, da ich es doch selbst so -spät merkte.</p> - -<p>Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich -Sie nun wiedersehe, nach so vielen Jahren! Wie -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen -seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah, -– an Ihrem Hochzeitstage?«</p> - -<p>Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen.</p> - -<p>Auch daß ich meine <em class="ge">Stimme</em> verloren hätte, -erzählte ich ihm. Aber das wollte er nicht glauben.</p> - -<p>Und da er ein Musiker ist und ein Meister – -nahm er sich meiner Stimme an. Musik kam mir -von ihm. Und er rief und lockte die <em class="ge">Stimme</em>.</p> - -<p>Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm -gekommen war, – da schien mir's, als wäre ein -Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes -und Stechendes aus meiner Kehle genommen.</p> - -<p>Frei und rein erklang der Ton.</p> - -<p>Und da sagte er: »Siehst du –«, und aus seinen -Augen floß in mich, was nur mir gehörte, mir ganz -allein.</p> - -<p>Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und -von meinem Leben zu erzählen. Ihm sollte ich es -erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte.</p> - -<p>Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart -sich berühren, sollte ich ihm das Buch führen.</p> - -<p>Der Augenblick ist da.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Zweiter Teil.</h2> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>S</b>o sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es -an dich richte. Darum bist auch du es, an -den ich alles schreibe, sage, denke, – singe. Ohne -diese Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe, -nie schreiben können. Ich hätte den Rhythmus nicht -gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton. Indem -mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir -die Stimme. Die in der Kehle und jene andere. -Sind sie denn nicht eines?</p> - -<p>Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle. -Es war sein Unglaube, verstehst du? Er hat zuviel -gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser Mühle -des Zweifels formlos.</p> - -<p>Du, du gibst ihr – Form. Form und Ton.</p> - -<p>Und das, gerade das will die Seele: Form werden. -Das ist ihre Erlösung, wie der Stimme Erlösung ist, -zu tönen, Melodie zu werden.</p> - -<p>Form und Ton gibst du mir, ihr!</p> - -<hr /> - -<p>Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen. -In einem Fach des Schreibtisches hatte ich es liegen, -das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild, -ein Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber -wie es darin war, schien es mir ganz trüb und befleckt. -Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts, -das Glas blieb fleckig, trüb.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris -Bild lag daneben auf dem Tisch.</p> - -<p>Du kamst dazu.</p> - -<p>»Du weinst?«</p> - -<p>»Ja, – es will nicht blank werden, das – das -Glas.«</p> - -<p>Und du hast mir geholfen, – hast den Rahmen -angehaucht und das Glas geputzt.</p> - -<p>»Er – hat es – getrübt«, sagte ich.</p> - -<p>»Ach nein, – dafür mußt du ihn nicht verantwortlich -machen«, sagtest du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit.</p> - -<p>Und dann putzten wir und hauchten wir – zusammen.</p> - -<p>Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du -hast mir ja die Tränen von den Augen geküßt, die -ich um Dimitri geweint.</p> - -<hr /> - -<p>Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses -Bild herausnahm, – da hatte ich etwas wie Furcht. -Hatte er immer Furcht vor <em class="ge">mir</em>, jetzt habe ich sie -vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann -es nicht ertragen, es benimmt mir den Atem und -erregt mir Beklommenheit.</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie sollt' ich's anders meinen?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dies Bild hatt' ich dem Rahmen längst entnommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein liebes Frauenantlitz war an seine Statt gekommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und trüb, befleckt will's hinter diesem Glas erscheinen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wo deine strengen Augen durchgeglüht.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Wo dieser wilde Blick hineingelodert,<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Da ist ein Lebendes daran vermodert.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wo dieser Stirne Dräuen ward gesehen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da mußt' ein Herz in Bangen stille stehen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und war einst wie Kristallglas ein Gemüt, –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus diesem Mund ist nie ein Heil geblüht!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fort mit dem Rahmen, der zu seiner Zeit</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gedient! Fort auf den Schutt: Vergangenheit.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fort mit dem trüben Glas, fort mit dem toten Rahmen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Denn ungemahnt nur geht sich's neue Bahnen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fort mit dem Bild, das mich mir selbst getrübt!</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Das ist ja ein Gedicht?</p> - -<hr /> - -<p>Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen -hat zwischen uns. Den Tag möchte ich wissen. Und -kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie -jenen, an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern.</p> - -<p>Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit -den Blättern und – jenes andere? Geheimnisvoll -verbunden beides.</p> - -<p>Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie -man den Augenblick nicht feststellen kann, in dem ein -Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße der Maschine, -man hört, wie die Schraube sich wühlend -in die Tiefe bohrt, schäumend und brausend wallt -es auf ringsum, – liegt man noch, fährt man schon?</p> - -<p>Plötzlich ist man draußen auf See.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Was ist es, das uns so verbindet?</p> - -<p>Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden? -Noch viel weniger. So wenig gleich und -so wenig verschieden wie – Verse, die sich reimen.</p> - -<p>Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom -Wesen der Lyrik, die jener Künstler und Kenner gab? -Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden? -»Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns? -Ich glaube, ich glaube ganz wie in der echten Lyrik: -»Ohne Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten, Kompromisse. -Es fließt dahin wie edle Prosa und doch -nicht Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und -der Gedanke, der Gedanke in dem Gedicht »Wir« -ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form -strömt aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur, -es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt -<em class="ge">doch</em>, leicht, lieblich und – geheimnisvoll!«</p> - -<p>Stimmt! Stimmt alles!</p> - -<hr /> - -<p>Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos -wurde an ihm, hatte jener Künstler mir gesagt: »In -diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.«</p> - -<p>Ja, sie war in einen Katarakt geraten.</p> - -<p>Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die -so einen Katarakt durchfließen? Für verloren gehalten -werden, so lange sie da drinnen sind, – bis -sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und -ihres Weges ziehen. Solche Gewässer, die ihre <em class="ge">Form</em> -bewahren, auch wenn sie in andere Gewässer geraten, -ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der -ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem -Flußbett dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben -Uhr, wenn ich die Augen aufschlage, bis Mitternacht -und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich gehe -nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern. -Ich denke, denke, auch da ich nicht denken will. Die -Stimmen überfallen mich. Und ich halte krampfhaft -zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen -will, ich halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer, -bis zu dem Augenblick, wo sie münden dürfen, jedes einzelne -dort, wo es soll.</p> - -<p>Schaffen – Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch -als die Frage einer Kraft des Schöpfens, die des -Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen = -Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage -bricht!</p> - -<p>Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern!</p> - -<hr /> - -<p>Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir -so, Lieber! Denn was ist denn schön an mir. Es -kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles -das, was da ist, schön <em class="ge">scheinen</em> läßt. Auch Dimitri -kannte dieses Licht – anfangs. Er sagte dann: -<i>Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja.</i> Das -ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du -mich immer schön findest, kommt eben daher, daß -dieses »Licht« nun <em class="ge">dauert</em>; von einer großen, stillen -Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie -speisest, priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie -Tag und Nacht brennt und nimmer erlöschen kann.</p> - -<p>Darum siehst du die <i>Lux in Maja</i>, und Maja -ist – schön.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner -geliebten Gegenwart, – die Lux verhuschte mir nicht!</p> - -<hr /> - -<p>»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn -ich meine »guten Momente« hatte. Aber er vergaß, -vergaß sofort, daß er sich eben noch entzündet hatte -an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter -seinen wilden Worten verschwand, verhuschte.</p> - -<p>Er vergaß. Gedächtnis, <em class="ge">Treue</em> und Ethik, ein -Zusammenhang, den Weininger in einer jener Partien -seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus -dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat.</p> - -<p>Und ich wurde älter und älter an ihm, – uralt -in rasendem Tempo, in dieser wilden, allzu wilden -Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem -letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist <em class="ge">das</em> die -Frau, die ich vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen -lernte, warum läßt du dich denn <em class="ge">zerstören</em>, du?«, -da, da war ich hundertjährig geworden.</p> - -<p>Jetzt? »In <em class="ge">seiner</em> Liebe leucht' ich und lach' -ich nun auf!«</p> - -<hr /> - -<p>Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war -ich ein grauer Schatten, ein zerstörtes Weib. Mit -meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren!</p> - -<hr /> - -<p>»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt -und blüht! Die reine Rose von Jericho!«</p> - -<p>»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt -worden! Da streckt und dehnt sie die zusammengerollten -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder -blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.«</p> - -<p>O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon -am Klavier, und wir sangen in Duo:</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Wie riecht sie süß, – nach Zimmet und Zymmanen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Rose,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Rose,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Rose von Jericho!« – – –</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst. -Wenn nur beide in fröhlicher Spielkraft bleiben! -Sonderbare Figuren entstehen, Konstellationen sind -plötzlich da, – man weiß nicht woher, wie Gestalten -auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei -Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen. Nur -Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar bleiben! -Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster, -soferne ihr wollt.</p> - -<p>Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten -ungebärdig. Und furchtsam. Und werfen die Flinte -ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen, dieser der Kunst -so nahe verwandte.</p> - -<hr /> - -<p>Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine -Seruminjektion. Mit einer feinen Nadel unter die -Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das Gift -bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und -wie eine solche Kränkungs-Seruminjektion gleich -wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die Seele und auf -das Aussehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Dann <em class="ge">kam</em> er, schaute mich an, schüttelte den Kopf -und sagte: »Sonderbar, wie du dich verändert hast!«</p> - -<hr /> - -<p>Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige -Definition von Glück gelesen: »Was ist Glück? – -Einen langen Spaziergang in engen Lackstiefeletten -gemacht zu haben und die dann auszuziehen.«</p> - -<p>Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt -zu haben, – und dann nicht mehr mit ihm in -»Liebe« zu leben.</p> - -<p>Das ist Glück!</p> - -<hr /> - -<p>Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper. -Nicht etwa der eines schwachen Mannes war es, – -der eines Jünglings.</p> - -<p>Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und -Irren.</p> - -<hr /> - -<p>Weißt du, diese Blätter da, – in denen bin ich -drin. Mit ganzer Person, ganzer Stimme, mit meinem -Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch in -dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und -Weinen nicht nur hineingeschrieben habe in diese -Blätter, sondern auch wirklich hineingelacht und hineingeweint, -während ich schrieb.</p> - -<p>Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was -wohl nicht vor, beim Schreiben, – wie?</p> - -<hr /> - -<p>»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer. -Und »komm, komm an meine Brust! Schütte da alles -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -aus! Alles, was vom Heulsäckchen, Lachsäckchen kommt, -gehört hierher.«</p> - -<p>Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen, -hier kann ich weinen. Hier kann ich alles hineinplaudern, -hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann -ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich – -schweigen, schweigen und ruhen!</p> - -<hr /> - -<p>»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir -nicht so erscheine wie eine Frau, so eine richtige, verheiratete, -oder doch verheiratet gewesene »Ehefrau«, -– eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares -Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin. -Dann mit modernisierter Orthographie: Frowelin.</p> - -<p>»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint -geboten«, sagtest du mir heute mit gründlichem -Professorenernst.</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe -Welle, Frohwelle, Frowelle!«</p> - -<p>Und da kam es auch schon unter deinen Händen -aus dem Klavier, – das Rheintöchterlied:</p> - -<p class="ce">»Wigala weia, woge, du Welle –«</p> - -<p>Und – »Frohwelle du, Frowelle du« wurde -hineinparaphrasiert.</p> - -<table class="mt0" summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Herzeliebez Frouwelin</td></tr> - <tr><td class="tdl">Kunt ich baz gedenk dîn«,</td></tr> -</table> - -<p class="in0">so singt unser vieltrauter Vogelweid.</p> - -<p class="ce">»Herzeliebez Frouwelîn – – – –«</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>iese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend -gespitzter, gezückter Kohinore, die ich -mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur <em class="ge">einen</em> -traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, -einmal welche in Hülle und Fülle zu haben), – sechs -Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal stumpf, -bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden -als Notizen. Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in -mich ein, über mich her, lassen mich nicht, jagen mich, -bis ich sie – habe. Ich »denke und dichte« in einer -halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben -kann.</p> - -<p>Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man -muß ja auch denken! Ja, wenn man nur denken -müßte! Aber man muß ja auch schreiben!</p> - -<p>Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren -und sie mit Jägertüchtigkeit erlegen und -sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade das ist hier -die Frage.</p> - -<p>Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor -sechs Uhr schon, erwache (ich Langschläferin schlief sonst -immer bis gegen elf Uhr vormittags so tief und fest, -wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) –, wenn -»es« mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt -und mir den Schlaf aus den Augen scheucht, ist mein -erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische neben -meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Stifte. Und ich schreibe, schreibe im Bett, – eine -Figur für die Meggendorfer. Fast täglich wird solch -ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues -nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir -immer beschwerlich. Aber fertige Hefte kaufen? Das -»tragt's nicht« bei einer – Sängerin, die ihre Stimme -bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.</p> - -<p>Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während -ich nähe, <em class="ge">schreibe</em> ich schon in die halbgehefteten -Bogen, – schreibe, während die Nadel am Faden -baumelt!</p> - -<p>Wäre ich eine – Schriftstellerin, man könnte -von einer »produktiven Epoche« sprechen!</p> - -<p>Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht -eine Schreibmaschine erfindet, die direkt mit den -Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?) in Verbindung -gebracht werden kann, während das Schreibpapier -sich baldachinartig über dem »denkenden -Haupte« wölbt, so daß, sowie »es« dadrinnen denkt, -die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier -tippt, – so lange ist die ganze Schreiberei eine Art -Tortur.</p> - -<p>Aber – eine wollüstige Pönitenz!</p> - -<hr /> - -<p>»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir -einmal Günther von Werfeld, einer meiner Freunde, -ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!«</p> - -<p>»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß -das Reitkleid mich kleiden müßte, weil es die kleine -Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er sie hebt?«</p> - -<p>»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -Ihr Gesicht, zu Pferde, auf der Jagd, an dies Gesicht, -wie es sein müßte, wenn Sie – <em class="ge">jagen</em>.«</p> - -<p>Jagen, verfolgen, erlegen!</p> - -<p>Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich -auszuprobieren. Denn ich habe nicht Roß noch -Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie.</p> - -<p>Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa!</p> - -<p>Hier ein paar Hasen, dort ein paar <em class="ge">Enten</em>, -aufgescheucht wirbeln sie empor – Wildenten! –, -und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa, hussa! -Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem -Gestrüpp? Ein Sechzehnender!</p> - -<p>»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht -auf Hasen, aber kommt ein Edelhirsch –«, sang ich -einst in der Operette.</p> - -<p>Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles -zusammen – von allen Seiten, ihr Treiber, ihr -Helfenden!</p> - -<p>Und – was begegnet mir da? Ungetüme, die -man in Europa längst ausgestorben glaubte, – Urochsen, -Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen fertig? -Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle -Fälle habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem -bloßen jagdlichen Anblick tun sie, was die Sphinx -tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich selbst. -Diese da? Ich jage auf sie zu, – holla, holla, nur -Mut, blast mir das Jagdhorn dazu, halali, – ich -bin in der Nähe, schon hören sie das Keuchen meines -Rosses, die Lanze ist gezückt, – da trifft sie mein -Blick! Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die -man längst ausgestorben glaubte in Europa, – sie -fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen Anblick, -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«, -mausetot!</p> - -<p>Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in -seiner Katastrophaltheorie auseinandersetzte:</p> - -<p>Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte -Fauna wurde von ihr »hingerafft«, streckte sich aus -und war »dod«. Bekam dann später, viel später, -ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das -bedeutet in der Zoologie: ausgestorben. Am Tage -nach der »Katastrophe« war dann die Erde mit -funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt.</p> - -<p>Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa! -Hussa! Vorwärts durch die grünen, die immergrünen -Wälder!</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Ein Luftroß jagt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Laufe daher,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Auf der Wolke fährt es</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wetternd zum Fels!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hussa, hussa!«</td></tr> -</table> - -<p>O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du -wärest nicht enttäuscht!</p> - -<hr /> - -<p>Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt -käme, ohne Arme, er würde doch ein Maler. Wie? -Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument -schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden.</p> - -<p>Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem -alles Musik ist, der in Rhythmen denkt, in Melodien -fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in -sich trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel -der singenden <em class="ge">Stimme</em>, jenem, das dem Geheimnis -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -am nächsten ist, – der Musik, – angehört, wie seiner -wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt -kam, daß er kein Musikinstrument meistern konnte?!</p> - -<p>Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich -Klavierspielen erlernten, trotz – sagen wir – -zwölfjähriger Lehrzeit?</p> - -<p>Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne -daß ihm »mit einem Finger« zumindest, die Melodie -zur Begleitung mitgespielt wird?</p> - -<p>Und der doch schier birst vor Musik in sich?</p> - -<p>Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie? -Womit?</p> - -<p>Er würde sich das Instrument, das ihm <em class="ge">zur -Melodie verhilft</em>, schaffen, und gälte es, mit -der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa -gar mit der – Feder zu musizieren.</p> - -<hr /> - -<p>Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, – -soll ich's verklingen lassen?</p> - -<p>Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt, -nicht festzuhalten, ihm nicht nachzugehen, – eine -Todsünde. Etwas will geboren werden, und du -achtest es nicht?</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Empfang.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Königliche Gäste kommen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den Weg gekehrt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und das Haus geblankt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Pfosten umrankt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und den Störern gewehrt!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Königliche Gäste kommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Botschaft hab' ich vernommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du Bote sei mir bedankt!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Verlassen lag mir das Haus,<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Von ihnen gemieden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von ihnen geschieden.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Freudlos wohnt' ich im Haus.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schatten kamen und Schatten gingen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zu dumpfen Gespensterfesten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch nach den Gästen, den Königsgästen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sah ich das Herze mir aus.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Königliche Gäste kommen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Botschaft hab' ich vernommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem Boten will ich es danken.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Um die Pfosten soll es sich ranken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Festlich stehe das Haus!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meine blühenden, jungen Gedanken!</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte -einmal ein Dichter etwas schreiben, woraus man entnimmt, -wie es in diesem Kessel aussieht, während er, -– hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige -Wort, – schafft. Wie es in ihn hineinkam, in den -Kessel oder den Dichter, wie es nun <em class="ge">ist</em> in ihm, wie -es wird und wie es herausquillt – Tropfen für -Tropfen.«</p> - -<p>Das Schaffen selbst, – ersichtlich aus dem Geschaffenen?</p> - -<p>Als Hauptprodukt des ganzen Treibens – das -Treiben selbst? Und das eigentliche Produkt – nur -Nebenprodukt?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte!</p> - -<p>Die <em class="ge">Stimme</em> beobachten, die Stimme selbst, – -während sie quillt?</p> - -<p>Ist es denn – möglich?</p> - -<p>Das Lied <em class="ge">und</em> die »Stimme«?</p> - -<p>Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ...</p> - -<hr /> - -<p>Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage: -woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, -vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«</p> - -<p>Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des -künstlerischen Schaffens gemeint haben. Die kann -jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt -und das Spielwerk darin untersucht.</p> - -<p>Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen -und vermissen. Geheimnisvolleres: <em class="ge">im -Gesange selbst soll es sich offenbaren</em>.</p> - -<p>Das Schaffen selbst – ersichtlich aus dem Geschaffenen?</p> - -<p>Als Hauptprodukt des ganzen Treibens – das -Treiben selbst?</p> - -<p>Das Lied <em class="ge">und</em> die »Stimme«?</p> - -<p>War es denn noch nie?</p> - -<p>Das wäre – das Buch der Inspiration.</p> - -<p>Wäre es denn möglich? ...</p> - -<hr /> - -<p>Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen -hatte, war mir, als stieße nur <em class="ge">eine</em> Seite meines -Wesens, irgendeine schmale Kante, nachbarlich an -sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -bin ich ganz und gar hineingeschwommen in dich, -wie so ein Fischlein in einen tiefen See. Da kann -es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten -Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten -durchkreuzen, ohne doch auf irgendwelche Klippen -zu stoßen, an die es wild angeworfen werden könnte. -Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue -Tiefe, wie solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es -den Grund des Gewässers heraufleuchten, – wunderbar -licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend.</p> - -<p>Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach, -ich weiß ja! Der See mag ja das Fischlein so gern!</p> - -<hr /> - -<p>Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt, -vor dir bei mir behalten, nicht einmal, was -ich von gestern auf heute in diese Blätter schreibe, -– wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor -sie fertig sind. (Fertig? Wie? Wann? – Ach!)</p> - -<p>Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung -holen, mir alles saldieren lassen von dir. -So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen unsterblichen -Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest -ein See und ich das, was darin plätschert.</p> - -<p>Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du, -kleine Maja, es gibt verschiedene Fische. Solche, -die sich lustig und flink an der Oberfläche der Gewässer -tummeln und manchmal sogar darüber hinaus -einen Satz in die Luft machen. Andere wieder, die -sich hinunterwälzen, in gewundenen, spiralartigen -Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in -lauter breiten Umwegen, in lauter Serpentinen. -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Und dann gibt's noch andere Fischlein,« – und du -sahst mich so lieb und so froh an, – »die pflegen -blitzesgeschwind direkt auf den Grund der Dinge, -– der Gewässer will ich sagen, – hinunterzuschnellen.«</p> - -<p>Und du sahst mich wieder an, wie – nun, »wie -ein edler Papa sein vergöttertes Baby« (nach Peter -Altenberg das Merkmal echter Liebespaare), und -lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles, -schnellendes Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder -umgekehrt: sehr viel Mütterlichkeit soll in jeder -echten Liebe sein.</p> - -<p>Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse, -mit denen alle unsere Diskussionen schön mosaikartig -durchsprenkelt sind.</p> - -<hr /> - -<p>»<i>Des discussions entre des amants produisent -toujours des effets funestes.</i>« Ich halte dieses erkenntnistheoretische -Wort Yussuffs – Friede sei mit -ihm! – an unsere: Diskussionen.</p> - -<hr /> - -<p>Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks. -Jeder bringt was mit. Du besorgst die Weisheit, -ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide!</p> - -<hr /> - -<p>Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen -Mahlzeiten. Ich meine die wirklichen, diese lieben, -lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich -entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs -Leckermäulchen«. Das hast du schon glücklich herausbekommen, -diese Achillesferse. Und dann, – ach, -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du -mir zusiehst, wenn ich esse! Es ist alles so voll -Güte und Liebe und herzensfroh dabei.</p> - -<hr /> - -<p>Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer -»an Rucker« (ein wienerisches Wort, das du zum -Glück nicht verstehst, – sonst würdest du sagen: du -Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in -dieser degenerierten Welt begegnet bin, waren einige -nicht üble Exemplare. Rudi, mein erster Mann, war -ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm nicht -sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt -dahin, wie ein morgenländischer König. Sollte ich -ihn recht deutlich machen, so möchte ich mich auf -das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges -und sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch -bei dieser für mich so frappierenden Ähnlichkeit mit -dieser Kainzschen Maske viel an der Barttracht gelegen -sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske -des Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten, -intuitiv wahrscheinlich, vollendet getroffen hat. Dimitri, -– er hatte den Körper eines Hinduknaben, -die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons. -Aber eine Stirn, ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft -war auch der Mund, so prachtvoll auch das Gebiß -daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand.</p> - -<p>Du – bist anders als sie alle: einwandfreier.</p> - -<p>Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich -schildern? Fällt mir gar nicht ein. (Oder, wie man -hier sagt, – ich denke gar nicht daran.) Die andern -habe ich »geschildert«, weil ich sie <em class="ge">dir</em> zeigen wollte. -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Dich – will ich niemandem zeigen. Bleibe du mir -nur hübsch in der Tarnkappe, mein lieber »Held«! -Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt, -oder du warst einst für eine kurz bemessene -Frist – mein Gast.</p> - -<hr /> - -<p>Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter, -mysteriöser als Märchen sind. Die Märchen haben -immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn -ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht -das wirkliche Feenland, nach dem ich ausgezogen war. -Und daß ich vorsichtig sein müsse, – sehr vorsichtig, -um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu -finden. Ach, und ich wachte immer auf, und immer -so, wie ich es gefürchtet hatte.</p> - -<p>Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich -schüttele und rüttele mich, – und wache nicht auf! -Es ist, ist.</p> - -<hr /> - -<p>Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder -dieses Dinges kann ich mit dem Verstand nicht beikommen. -Und was immer ich schreibe, – in diese -Blätter, – das, was wir zusammen erleben, ist -noch viel, viel wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach -so, daß ich mich, wenn ich allein bin und der Gedanke -daran mich überfällt, aufs Sofa werfen -muß und den Kopf in die Polster vergrabe.</p> - -<p>Das »Wunderbare«, <em class="ge">es kann sich offenbaren</em>, -nicht sich deuten lassen.</p> - -<p>Nur niederstürzen – beten, beten!</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische -Mächte in Händen gehabt und mir die <em class="ge">Stimme</em> -in der Kehle – und in der Seele – erwürgt und -erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es -hinter mir. Und kam doch – aus mir?</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Dämonen.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Was war es denn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schon kam es näher mit dem Eisesblick</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und drängte sich heran in dunkeln Wellen.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> So blickt der Tod.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das ist die ewige Öde,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die mich mir selber will begraben.</td></tr> - <tr><td class="tdl">So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die mich mir selbst erpreßt?!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Was war es denn?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es flieht, es scheut das Licht!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem Tage zu.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was war es denn?</td></tr> - <tr><td class="tdl">O frage nicht, – Vermessenheit des lauten Wortes.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nur niederstürzen: beten, beten!</td></tr> -</table> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>u sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit -dir von allen anderen früheren Schicksalen -mit Frauen unterscheidet«, – du hast ja gleich mir -Schicksale hinter dir –, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit. -Gegen dich gibt es keine Stimme, auch -nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir: -sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein. -Alles ist Gewißheit.«</p> - -<p>O diese deine Worte! Und dennoch: gemeinsame -Bahn zu gehen, für Zeit und Ewigkeit – Freund, -wir wissen nicht, ob es beschlossen ist – aber bewahren -wir uns: unsterbliche Güte!</p> - -<hr /> - -<p>Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen -sollen, in dem Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart -sich berühren«. Bis dahin, sagtest du ja, solle -ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen, -deutlich sehen, ach, meine Festlandsreise!</p> - -<p>Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und: -wir sind jetzt auf hoher See. Wer kann da sagen: -Halt! Es fährt, nicht ich und du.</p> - -<p>Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns -an den bebenden Händen und blicken hinaus, mit -den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die -Märtyrer haben und die – Entdecker.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland -vor uns liegt, das wir beide dort drüben wissen, -weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden. -Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste, -die wir schon ahnten, da nichts sie uns bestätigte, da -wir schier unüberklimmbare Gebirge um uns fühlten, -da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir -uns rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief -drinnen im Binnenland.</p> - -<hr /> - -<p>Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich -häufen, sich aufstapeln. Wie wieder eins und wieder -eins, über das diese meine geheimnisvoll geschobene -Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen, -zu Boden gleitet, und wie wieder ein neues weißes -Blatt vor mir liegt, sich wieder füllend mit diesen -seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst unheimlich, -und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu -Füßen, – weil die Blätter zu fassen und wegzulegen -keine Zeit ist! Und wie sie da rascheln, wenn der -Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie -stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen, -sie türmen sich, sie häufen sich, – ein Opferstoß!</p> - -<p>Wer ist in mir, <em class="ge">wer ist in mir</em>, daß es also -über mich kommt, zu – opfern?</p> - -<p>»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die -Melodie.« – – –</p> - -<p>An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen -seinen geliebten Briefen an Sophie: »Genie, wer hat -es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage. -Mann und Weib haben es zusammen.«</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir -von dir! Jeder Blick auf dich, Freude. Die Worte von -deinen geliebten Lippen, Freude. Jede Berührung -mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele, -eine einzige Freude. Ich habe keinen Augenblick noch -neben dir verlebt, ohne diese Freude in mir zu fühlen.«</p> - -<p>»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich.</p> - -<p>»Pfui doch!« und du klopftest mich böse.</p> - -<p>»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte -ich, da ich meine Schläge weg hatte, »es ist was -dran: ich hatte immer das Gefühl, daß, wie soll ich -sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort ›Freudenmädchen‹ -ein wunderbarer, transzendenter Gedanke -verborgen sei: das Weib als einziger Freudenborn -des Mannes, aus dem er sich Ekstase antrinkt, um -seiner ihm aufgetragenen <em class="ge">Melodie</em> mächtig zu -werden.«</p> - -<p>»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen? -Besonders wenn es mit einer Singvogelkehle -zur Welt kam?«</p> - -<p>»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig -die Freudespendenden sein, soll ein edles Konzert zustande -kommen. Man müßte sie erziehen zur Freude.«</p> - -<p>»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem -tiefen deutschen Blick. »Erziehen zur Freude? Nein, -Maja, das kann man nicht. Der schöne, das ist der -freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja, -hier liegt's. Aber <em class="ge">daß</em> er schön geboren werde und -daß der also Geborene dauern könne, – das ist -die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler -und der Gesetzgeber.«</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten -Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie -aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr -Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. -Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe -kommen!«</p> - -<p>So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die -Eingeborenen der Liebe, die echten <i>Grands Amoureux</i>.</p> - -<hr /> - -<p>Mann und Weib – ungeheuere, unerschöpfliche -Gütespender für einander! Einander »zugewiesen«, -um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu verhundertfachen, -mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar -sich auseinander zu speisen! Und um die gesuchte -<em class="ge">eigene</em> Melodie einer aus dem andern klingen zu -hören, während dieser Ernte, in all der holden -Üppigkeit.</p> - -<p>Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es -wuchert, das Pfund, wenn es sich verdoppelt, verhundertfacht -und wenn es fröhlich klingt dabei, – -horch: Erntemotiv! – dann »stimmt's«.</p> - -<hr /> - -<p>Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin! -Menschenlaune, die sich über Dinge ergießt, -horcht ihnen ihre Geheimnisse ab.</p> - -<p>Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner -Gesangsstudien erkundigten, pflegte meine Mutter zu -erwidern: »Ja, wenn sie bei <em class="ge">Laune</em> ist!«</p> - -<p>Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur -einmal durchhalten, diese wunderbare, göttliche Laune, -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches über mich -herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im -Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«, -und aus war's mit dem Segen.</p> - -<p>Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang, -ein richtiges Menschenlied, in dem es lacht und weint, -wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum -fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus!</p> - -<p>Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein, -ein trauriges Puttel bin ich zum Bäumlein der göttlichen -Laune gelaufen und halte mich da versteckt vor -euch, bis ich alles heruntergeholt habe.</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Bäumlein rüttle und schüttle dich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wirf Gold und Silber über mich!«</td></tr> -</table> - -<p>Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin -wieder, paßt nur auf, als ganz waschechte Prinzessin, -– ihr werdet es gar nicht wiedererkennen.</p> - -<hr /> - -<p>Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna« -geweint. Ja, ja, wie ich sie hasse! »Die Menna -muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt -die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!« -Ja, ja, wie ich sie hasse. Aber fast noch mehr habe -ich über sie, durch sie, »mit sie« – gelacht. Und -das stimmte mich immer wieder – versöhnlich.</p> - -<p>Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem -Leben – über dieses Leben! Mich ausgeschüttet vor -Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn ich selbst -darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -immer noch, außerdem, irgendwie über oder <em class="ge">neben</em> -der Szene, in der ich agierte. Neben der Szene, -in den Kulissen des Theaters stand eine zweite -Person, die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich -sah, – und wollte sich ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten -»Peripethien« des Dramas wollte -jene sich darüber erheitern – oder sich gelassen -darein ergeben.</p> - -<p>Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher <em class="ge">Wille</em> -war es, der mich aus Schutt und Flammen immer -wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir selbst -unbewußt – als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige, -starke, schiebende Hand. Ein Wollenmüssen -war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm, diesem -Willen zu mir, danke ich – mich. Er auch führte -mich weiter, ja über mich selbst hinaus, ein gut Stück.</p> - -<p>Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter, -strenger, schöner Wille!</p> - -<hr /> - -<p>Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser -mein Wille zu mir, mit jener Ichsucht, die den von -ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom Objekte -trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille -zur Bewußtheit. Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit -meines Selbst, in allen seinen Elementen, ist sein -Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn -man will. Der Wille ist es, meiner wahren Gestalt -auf die Spur zu kommen und diese meine Gestalt -nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn -man will. Ja, man heiße es meinetwegen Egoismus. -Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem Sinne), nur -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben. -Denn Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein -deutliches, bewußtes Selbst <em class="ge">hat</em>, vermag es hinzugeben. -Nur der vermag auch abzuschätzen, was er -empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, – man hänge -ihnen einen Purpurmantel um die Schultern und sie -werden nur bemerken, daß da etwas ist, was wärmt. -Sie werden sich <em class="ge">behaglich</em> einrichten – im Purpurmantel! -Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen, -wenn sie ein bißchen Gekribbel empfinden in den -dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht -in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen -Blut. Verhaßt sind mir die Laublütigen, die Purpurmäntel -benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe -sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn -sie Liebe über sich – ergehen lassen.</p> - -<p>Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne, -sind fähig, um der Liebe willen sich hinzugeben.</p> - -<hr /> - -<p>»Johannes, – wenn <em class="ge">du</em> mich enttäuschest, singe -ich keinen Ton mehr«, sagte ich gestern.</p> - -<p>»So.«</p> - -<p>»Johannes, – ich habe Beweise, daß du mich -nicht liebst.«</p> - -<p>»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?«</p> - -<p>»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus, -von meinem Balkon, gegen Westen, wo du ja wohnst, -du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.«</p> - -<p>»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja, -Maja!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der -– Luft finden müssen, wenn du mich wahrhaft -liebtest!«</p> - -<p>»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt. -Aber behalte mich trotzdem noch ein Weilchen, ja?«</p> - -<p>»Johannes – ich hab' da was.«</p> - -<p>»Was denn? – Der Tausend! Laß sehn! Ein -Gedicht? ein Gedicht! Ja wahrhaftig – ein Gedicht -– ein Lied. – – –</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da solang mir fernzubleiben dir gelingt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da meiner Sehnsucht stummes Rufen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Du liebst mich nicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da meinem Blick du nicht begegnet,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn über <em class="ge">Meilen</em> er zu dir gesandt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und in der <em class="ge">Luft</em> das deine nicht erkannt!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Du liebst –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was hör' ich an der Tür,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wer pocht, als wollt' er sprengen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was ihm verstellt den Weg zu mir?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht? – auf Tod und Leben bot!</td></tr> -</table> - -<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -»Du – wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen -Ton?«</p> - -<p>Ja, das weiß Gott allein!</p> - -<p>Und dann, – dann setzest du dich ans Klavier. -Ein paar Griffe, ein weniges, kurzes Tasten und -Suchen, – und eine Melodie war da. Kindische -Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, – -ich sang ganz keck in die werdende Komposition hinein -und schmetterte es aus dem offenen Fenster über -alle Dächer: »Du liebst mich nicht – du liebst mich -nicht!«</p> - -<p>Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest -du in dieser deiner ernsthaften und doch lachenden -Art, die ich vergöttere: »Dieses unser Lied ›Du liebst -mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!«</p> - -<hr /> - -<p>Was mir so lieb ist an dir, ist – ist auch, denn -was ist mir nicht lieb an dir? – daß dir die ironische -Note so vollkommen fehlt. Du lieber, ernsthafter -Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst -an dir. Aber nicht bitterer, – süßer Ernst! Sonnig -ernsthaft bist du. Ironie und alles, was ihres Wesens -ist, – Hohn, Witz, – ist dir fern. Und das ist gut -für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und -hast doch ein so gutes Lachen: Humor.</p> - -<p>Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist -gute Sonne, die wohlwill, da sie lacht. Dimitri -hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er -konnte »ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«. -Er verschonte dann niemanden mit dieser -Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«. -Diese – Lustigkeit ergoß sich in einer Flut von »Späßen«, -die wie Distelköpfe auf die Leute geschleudert -wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die -Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis -Dimitri das plötzlich bemerkte und seine Lustigkeit -mit einem Ruck stoppte.</p> - -<p>Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund -Dimitris, ein Knabe von achtzehn Jahren, ein Jüngelchen -von dürftigem Körper, aber mit den Augen -Wolfgang Goethes, – auch ein Ernsthafter, aber ein -ernsthafter Jude, – gesagt hat: »Nicht über die -Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!«</p> - -<p>Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes!</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>W</b>enn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt -und ihm meine Wünsche vortrug (was vorzukommen -pflegt!), so bat ich früher immer hübsch -detailliert. Ich wünschte mir das und das und das. -Gott, – ich will een Ding haben, – wat forn Ding, min -Herzenskind, – Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht -een Püppche ha'n, nee, Gott, – nee – – –</p> - -<p>Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu -bitten. Da wußte ich nur zu blicken. Und der Blick -bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und -mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich -vor dem Wünschen. Wünsche pflegen in Erfüllung -zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des -Gebets: das Gebet ist der <em class="ge">Wille</em>, der sich sammelt -und zusammenrafft. Drum Vorsicht mit dem Wünschen. -Denk an die Frau, die sich mit ihren begierlichen -Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du -Wunschmaid, Maja Hertz!</p> - -<p>Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst -wieder von der Nase zu wünschen! Die Normalnase -wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.</p> - -<p>Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: -frohe <em class="ge">Gefühle</em>. Oder sagen wir, gute Gefühle. Meine -Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib mir gute -Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber -der Grund gar zu schwer aufbringen, dann laß ihn -meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir handeln in -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser -die frohen Gefühle ohne besondern Grund als -haufenweise Grund, glücklich zu sein, und stumpfe -Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles! -Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden -zu segnen, ich würde ihm sagen, Gott gebe -dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. -Fluch: Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein -hierfür. Das Bewußtsein macht erst Glück und Unglück. -Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem -Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die -<em class="ge">Stimmung</em>, <em class="ge">Stimme</em>. »Seele ist Stimmung«, klang -es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem Herzen -kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, -bevor sie als Überschuß an Lebenskraft schmetternd -der Kehle entströmt.</p> - -<p>Gute Gefühle.</p> - -<hr /> - -<p>Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, -Johannes, wie ich bade im Glück, wie die Vögel -im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das -Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. -Aber selbst der gelassene Sokrates räumt ein, daß -kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder friert, -oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende -Lerche, die doch sicher eine frohe Seele hat, nicht die -Nachtigall, noch der Wiedehopf, von dem die Menschen -lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in Todesnähe, -singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil -er, »wie alle, die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) -Gutes ahnt.</p> - -<p>Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -meinem Leben umklammert. Und das war schlimm -für einen Vogel wie mich.</p> - -<p>Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle -meine Kraft, mühsam diese zerschmetterte, zerrissene -Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein -Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was -da war, zum bloßen Weiterfristen, zum Herausheben, -Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden Enge.</p> - -<p>Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror -entsetzlich. Rette dich, trotz dieser Erstarrung. Dann -Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in dem -ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern, -daß ich unter die Räder käme. Gefangenschaft, -Frost, Hunger, – die schlimmsten Dinge, die -so ein Vogel mitmachen kann.</p> - -<p>Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben: -Angstgefühle, die in einer Ecke des Herzens -sitzen und herausschleichen, zu Zeiten, zu Zeiten. Das -preßt und drückt und zieht und krampft zusammen. -Das schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in -lauter Gift und jagt und erjagt die Seele und schlägt -sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie tot -liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen, -ein Stück Weges.</p> - -<p>Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden. -Ein »Angstherz« haben, wie andere ein Fettherz. -Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«, -muß ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo -diese Angstgefühle nicht herausgetrieben werden von -den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie sich), -sagen: »Ich bin bei Seele.«</p> - -<p>Gute Gefühle, Gott!</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle. -Wie es über mich kroch, kalt, kalt. Wie Schauer des -Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang -ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm. -Und Vereisung rings um mich her und fahle -Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie -von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen, -nahe, nahe zum Herzen. Und das Herz – wie ein -einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein -deutliches <em class="ge">anderes</em>, wie das Schwarze in der Scheibe, -das auf die Kugel wartet.</p> - -<p>Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war -die Sehnsucht.</p> - -<p>Eisige Verödung – jüngster Tag. Und das -Schaurigste: Leben um mich herum und nur ich – wie -ausgeschaltet aus der Kette des Lebens.</p> - -<p>Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an -den ich geglaubt hatte, als an das schiebende, logische -Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie -zu ihrer »Bestimmung« schiebt.</p> - -<p>Frost – Todesöde.</p> - -<hr /> - -<p>Verödung, Vereisung.</p> - -<p>Nicht, daß man noch liebt, daß man <em class="ge">nicht</em> mehr -liebt ist das Vereisende. Und wo <em class="ge">ist</em> der, den man -liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn die -Erde verschlungen? Denn der da, den man <em class="ge">nicht</em> -liebt, eher haßt, verabscheut, ist denn das der, den -man liebte? Wo ist er hin?</p> - -<p>Und wo ist das, was ihm hingab all die warme -Lebensfreude? Fort. Aus den Adern genommen und -nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser -flutenden Lebenswärme, die von Mensch zu Mensch -strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts -kommt dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.</p> - -<p>Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die -Bretter gebracht, in »Wenn wir Toten erwachen«.</p> - -<p>Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht -aus Tücke, Schlechtigkeit werden Schicksale zerstört: -aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich kraftlos -entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, -ist das typische Verbrechen der Heutigen. Und was -da entgleitet, versickert, in Schutt und Sand zerrinnt, -ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut -eines andern.</p> - -<p>In dieser Verödung, Verzweiflung war alles -versiegt. Alle Kraft der <em class="ge">Stimme</em>. Alle Kraft kommt -ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist kraftlos. -Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, -von dem die Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: -– »Das war etwas, das lebte, noch hätte -leben können, <em class="ge">unendlich Jubel in seiner Kehle -barg</em> und doch in Not und bitterem Frost verging.«</p> - -<p>Wie <em class="ge">Heimat</em> fühle ich es nun um mich, Johannes. -So ganz, als ginge ich meinen Weg, meinen wahrhaftigen, -mir bestimmten Weg, ist mir's zumute. -Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an -die Lippen gedrückt. Gute, frische Höhenluft – und -dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine geliebte, -braune, ernteschwangere Erde!</p> - -<hr /> - -<p>Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den -anderen, die ich lieb hatte. Dafür hatte ich sie ja -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -lieb: für dies bißchen minutenlange Heimatsgefühl. -Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben -ließ. Mit wachen, klaren, frischen Augen -kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn ich mich -einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen, -dann kam dieses Gefühl, und wie war ich jenen dann -so gut dafür! Nahm es doch dieses Furchtbare von -mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses -Gefühl der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und -des verzehrenden Heimwehs. Ein Heimweh nach -Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht -überfiel es mich oft. Dann kamen – jene, streichelten -mich ein bißchen und vertrieben mir mit diesem -Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare, das -Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen -dafür gefolgt! Mein Seelenheil hätte ich verkauft -für das bißchen – »weiches Gezottel«.</p> - -<div class="ci"> -<p>»Aber so warst du immer: immer kamst du -vertraulich zu allem Furchtbaren. Jedes Ungetüm -wolltest du noch streicheln. Ein Hauch -warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an -der Tatze –: und gleich warst du bereit, es zu -lieben und zu locken.</p> - -<p>Die Liebe ist <em class="ge">die Gefahr des Einsamsten</em>, -die Liebe zu allem, wenn es nur lebt! Zum -Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine -Bescheidenheit in der Liebe! – Also sprach Zarathustra -und <em class="ge">lachte</em> dabei zum andern Male.«*)</p> - -<p class="fss"> *) Nietzsche.</p> -</div> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>D</b>ein erster Kuß – ich weiß ihn. Wenn ich auch -nicht weiß, – wie er so kam. Er erreichte mich. -Er ward mir – angehaucht. Auf meine Lippen mir -gehaucht. Ich glaube, es war, – ich glaube, wir -saßen nebeneinander und sprachen. Sprachen wir -nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause? -Oder kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir -weiter? Ich weiß es nicht, Johannes, und möchte -es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir – -angehaucht – auf meine Lippen. Und zweier Augen -Licht sah ich in mich hineinfließen, wie einen goldenen -Strom, von dem nie noch früher eine Welle -mich traf. Nie noch!</p> - -<p>Golden war, ja golden, was da in mich floß, und -lange dauerte es an, der zitternde Hauch auf den -Lippen, und das Goldene, das da in mich floß.</p> - -<p>Was – war es doch, – Johannes?</p> - -<p>Und du hältst mich in den Armen und fragst: -»Was ist dir? Warum zitterst du so?« Und deine -eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so -fragt. Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen -halten, ich fühle, – wie sie selbst – zittern. Du -Ruhiger, – was bist du nicht ruhig?</p> - -<p>Und ich, ich?</p> - -<p>Was ist das mit mir?</p> - -<p>Du, – deine Hand berührt die meine, dein Blick -ruht auf meinen Fingerspitzen, und ich fange an zu -zittern. Bis du erbleichend fragst: »Was ist dir?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Was ist das, Johannes?</p> - -<p>Was ist es?</p> - -<p>Ist es das – Mysterium?</p> - -<p>Wäre es – da?</p> - -<p>Geoffenbart – das – Mysterium?</p> - -<p>Was – was geschah doch – dort in den Tempeln -– zu Eleusis?</p> - -<p>Was war es doch?</p> - -<p>Mir ist, als sollte ich mich – erinnern, was dort -geschah, zu Eleusis ....</p> - -<hr /> - -<p>Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich -wenden, auf dieser unserer Wanderung, – wohin ich -es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger -rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus, -gingst lachend und ganz, ganz schwindelfrei! Und -ich, ich folgte, ließ mich führen – meinen, meinen Weg!</p> - -<p>Schwindelfrei!</p> - -<hr /> - -<p>Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und -»Übermenschentum« – es ist nur das typische Kampferlebnis -des edleren Mannes. Nur freilich bei ihm -zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten -durchwühltem Wesen werden mußte. Ein Ringender -stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle steht. -Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend. -In früheren Zeiten hieß die Markierung: Schönheit -<em class="ge">oder</em> Geist, Tugend. Heute wissen wir, daß die Schönheit -als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend, -des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener -andere Weg – Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -der Idee an die Materie. Aber nicht: Schönheit. -Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist; der -Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als -er damals war. Vielleicht noch schwieriger: gilt es -doch, die Fackel nicht zu verlieren! Gilt es doch, nicht -nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu -erringen, die umdornte!</p> - -<p>Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner -Art du, in seiner er. Beide suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen. -Die verschiedensten Gestalten gehen diesen -Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen -wunderlichen Heiligen, den er den »Erhabenen« -nennt: »– o wie lachte meine Seele ob seiner Häßlichkeit .... -Noch lernte er das Lachen nicht und -die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus -dem Walde der Erkenntnis.«</p> - -<p>Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche, -deren Haupt umschwirrt ist von dunkelm Flügelschlag -und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und -Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche -Ritter, Ritter der überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen, -wie jubilierende »eiserne Lerchen«.</p> - -<p>Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben -Weg, auf dem sie wandeln, jeder als ein anderer, -jeder gemäß seiner selbst, jeder unter eigener Fahne.</p> - -<p>Und doch <em class="ge">ein</em> Weg!</p> - -<p>Auch – Frauen gehen mitunter diesen Weg. Auch -sie stehen mitunter am Kreuzweg vor der Wahl.</p> - -<p>Wahl? Wird man denn nicht geboren für den -einen oder anderen Weg?</p> - -<p>Wahl? Freiheit? Schicksal?</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>V</b>erstört vermochte meine Seele niemals zu singen! -Sie war dann nicht – Stimme.</p> - -<p>Die mir die Seele, die Stimme verstörten, <i>anima</i>, -die Zarte, die vom Herzen lebt, sie waren die wahren, -furchtbaren Störer, die Verstörer, die Dämonen, vor -denen ich zitterte mein Lebenlang!</p> - -<hr /> - -<p>In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich, -deren Herz die Freude und die Güte braucht, um -nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande.</p> - -<p>Ihr, die ihr in Verödung lebt, – betet, betet zur -Sonne! Und wendet den Kopf nur immer wieder -fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren goldenen -Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch -aus Sand und Schutt und Staub heraus- und in ihr -Element hinüberzieht, indem ihr so leicht und frei -werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige -Fischhaut losgeworden sind und frei, – frei und erlöst -im Äther schweben.</p> - -<hr /> - -<p>Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter -mir. Verzweiflungen, aus denen ich mich zusammenklauben -mußte, Stück für Stück. Das war, da sie, die -Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -zu mir. Schwer rangen sie miteinander, er und jene. -Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber die Stimme, -<em class="ge">seine</em> Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn -empor. Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich! -Entfloh <em class="ge">sie</em> mir, war <em class="ge">er</em> verloren und ich mit ihm -und das Leben verwettet.</p> - -<p>Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe, -das war die Frage.</p> - -<p>O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich -verlassen wollte! Wie ich sie, die flüchtige, die verzweifelte, -immer noch gerade an einem Zipfelchen -erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, – sich -aus mir zu stürzen. Halt!</p> - -<hr /> - -<p>Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum. -Auf einer Bahre lag ein Leichnam, ein Frauenleichnam. -Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war es -selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht, -hatte getan, wovor ich wachend immer zurückgebebt.</p> - -<p>Aber, nicht doch, das war nicht <em class="ge">ich</em>. Eine andere -war es. Wo hatte ich dieses Gesicht schon gesehen? -Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine Nacht -tauchte auf, – ein Bild, – jetzt weiß ich es: jenes -Mädchen ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine -Frau geworden, wie ich später erfuhr. Und sie hat -ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man -sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland -ist sie in die See gesprungen.</p> - -<p>Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern -sich die Züge, es sind wieder die meinen. Ist sie es, -bin ich es?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein -kommt, – nein wallt, – eine Schar schöner Mädchen. -Unhörbar gleiten sie, schweben sie näher zur Bahre, -auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet, -und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die -Genien der Freude sind es. Glühende Gewänder -tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre -Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst.</p> - -<p>Die Genien der Freude sind's, – die Seligkeiten, -die ich nun mit dir erlebe, Johannes!</p> - -<p>Und sie treten an die Bahre und singen mir – -ihr – ein Lied.</p> - -<hr /> - -<p>Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus -dieses Liedes wieder, das ich im Traum gehört.</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">War dies dein Sinn?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was dich dir barg, zur Tiefe hin?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zerschmettert den Becher, den übervollen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Trinken und warten und trinken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und warten, von gestern zu heut,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie jenes zugrunde will sinken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie dieses sich ewig erneut.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was aus den versenkten Särgen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">In jugendlich ewigem Grün getrieben,<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, -es genügte, um tausend andere tausend -Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen, daß, -wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere -– erlöse. Denn dieses tausendfache Leiden muß -irgendwie aus ihm bluten. Und dieses Blut ist der -wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. -Und wenn einer hohe Lust seliger erlebt, denn die -andern, er beseligt sie mit dieser seiner Lust. Vertausendfachte -Freude und vertausendfachtes Leiden -einzelner – Erlösung, Messiastum.</p> - -<p>Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese -Opfer, die alle Tode sterben und alle Himmel bewahren, -in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie heißen -sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht -– Sänger, Dichter, diese Messiasherzen?</p> - -<p>Wenn einer litt, wie der, der der größte aller -Dichter war, der zu Golgatha am Kreuze verstarb, -mußte es nicht balsamisch über die Welt tropfen, sein -Blut?</p> - -<p>Zuckende, strömende, tönende Herzen, – Dichterherzen, -flammende Erlöserherzen!</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>F</b>laubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, -wenn man nie etwas anderes als Schönes gesehen, -Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!« (An anderer -Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel -betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die -Größe der Seele bilde, alle die widerwärtigen Miasmen, -die man verschlucken, den Gram, den man erleiden, -die Qualen, die man ertragen mußte, bevor -man eine gute Seite zu schreiben imstande war.« – -Beides ist wahr.)</p> - -<p>Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit. -Und, ich Frevlerin, immer hatte ich mir diesen Zustand -als den natürlichen vorgestellt, und was anders -war, Leid, Elend als Unnatur empfunden.</p> - -<p>Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn -die Erde ist gut. Und reich. Die Sonne nicht erloschen. -Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt wachsen und -reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben. -Als Schande wird es einmal empfunden werden, -gleich Krankheit. Armut – Schande. Krankheit – -Schande. Häßlichkeit – Schande.</p> - -<p>Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist -es Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und -reich. Und die Sonne glüht.</p> - -<p>Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern -um schön da zu sein.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen -Blättern geschrieben. Dann bin ich hinausgetreten -auf den Balkon und habe, wie so oft schon, »mein -Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte -ich wirklich in der Luft das deine zu erkennen und -deinem Blick in der Dunkelheit zu begegnen. Wunderbar -strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's, -als hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme -ganz dicht an meinem Ohr flüstern, – jenen Gruß -Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du Heißverlangte!«</p> - -<hr /> - -<p>April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um -des Geruches von Geburtstagskuchen willen, der -mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn, weil er der -Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und -schwer in der Stadt. Hold und verheißend ist der April.</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Aprilmorgen.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich sehe auf einen Friedhofsgarten</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von meinem Fenster herab.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich höre die Särge knarren</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sehe, wie sie verscharren,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Worauf die Gruben warten.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte, –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Friedhof steht in Blüte.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Ostermorgen zerfließen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schwere Gewitterdünste,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die der eilige Frühling hineingeweht</td></tr> - <tr><td class="tdl">In den wunderzarten April.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und Tränen den Friedhof gießen:<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß er treu das Geliehene hüte!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Friedhof steht in Blüte.</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir, -ein teures Bild: von der Mutter. Ja, das sind ihre -Augen. Und <em class="ge">mein</em> Lachen und Weinen, – ich finde -es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält, -und das tut sie ja nur auf dem Bild.) Wieviel müssen -die geweint haben, diese Augen! Und wie blinken sie -doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem. -Seid gesegnet, liebe Augen!</p> - -<p>Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen -Brief!</p> - -<p>Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag.</p> - -<p>Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach -Zarathustra«. Und meine Lieblingsblumen brachtest -du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her, -hierzulande?</p> - -<p>Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare -Blume das erstemal gesehen habe. In Genua -war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich -nach jener – azurenen Küste fuhr. Allein war ich. -Und saß am Strand von Nervi. Im Schoß lagen mir -die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich -damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit. -Beinahe wie Glück war es, damals, eine kurze Stunde -lang.</p> - -<p>»Siehe,« sagte ich, – »ihre Blätter, der Gardenia -weiße Blätter, sie beben, wie in Ekstase! Und sind -doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist das Wunderbarste -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -an der Gardenia: du kannst sie rütteln und -schütteln, soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer -weißen, samtenen Krone zausen, soviel er mag, sie -entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze -Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines -ihrer sphärenhellen, frohen Blütenblätter entfällt ihr. -Sie hält sie fest in ihrem wunderbaren Kelch. <em class="ge">So, so -müßte man sein: so unverwehbar!</em>«</p> - -<p>Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten. -Als er fertig war, setztest du mir ihn aufs Haar. Und -Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung.</p> - -<p>Und dann sahest du mich lange, lange an, und -unsere Blicke flossen zusammen. Und endlich sagtest -du, schweratmend flüsternd: »Was bist du schön! Wie -blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!«</p> - -<p>Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber -in diesem meinem Herzen habe ich für dies Wort einen -Altar errichtet, dir und mir.</p> - -<hr /> - -<p>Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was -ich mit dir erlebe. Alles wird Stimme. Der Blumen -Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, <i>anima</i>, – ihr <em class="ge">Duft</em>, -– ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier, -nicht notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir -diese Stimme quillt. Und ich höre auch Stimmen, -Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele -meiner Seele, <em class="ge">die</em> Stimme selbst, nimmt sie auf und -trägt sie in sich, bis sie ihr Eigen werden und dann -meiner genesenen Brust entströmen.</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Weiße Gardenia.<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a></td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von allen Blumen du die Blume,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht</td></tr> - <tr><td class="tdl">In weißer Glut.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du.</td></tr> - <tr><td class="tdl">So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz.</td></tr> - <tr><td class="tdl">So <em class="ge">unverwehbar</em> deine keusche Krone!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie einst du dies zu solcher holden Ruh,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du?</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blau lag das Meer vor mir.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gesegnet war die Seele mir.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und, Seele <em class="ge">deiner</em> Seele, hauchst du mir</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den süßen Atem zu.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Schoße mir, ein reicher Kranz.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und anders ist die Seele mir gesegnet,<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume!</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme -geworden in mir!</p> - -<p>Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen, -dein und meinem Altar, vor dem ich jungfräulich -stehe, neben dir, jungfräulich, – Frouvelin.</p> - -<hr /> - -<p>Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, – so -fühle ich, wie die Luft mich streichelt. Und wenn ich -meinen Blumen frisches Wasser gebe, – sie nicken -mir zu! Alles <em class="ge">liebt</em> mich! Woher kommt mir, woher -kommt mir dieser Segen?</p> - -<hr /> - -<p>Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst.</p> - -<p>Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer -überdachten Loggia, eng aneinandergeschmiegt, und -blickten hinein in diesen gelben, schweren Glast, der -sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte. -Und wir blickten uns in die Augen. Von dir -zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom, in dem wir -untergehen wollten.</p> - -<p>Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es -flammte auf, in dem gelben Glast und rollte und -brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -es vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte -es uns. April!</p> - -<hr /> - -<p>Und daß du nichts – wagst, es ist das Süßeste, -das Schönste.</p> - -<hr /> - -<p>»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es.</p> - -<p>Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam.</p> - -<p>Und ich sah dich erbleichen.</p> - -<p>»Wann wirst du mich – erdulden?«</p> - -<p><em class="ge">So</em> sagtest du es.</p> - -<p>»Es darf kein Opfer sein.«</p> - -<p>Ich legte dir die Hand auf die Lippen.</p> - -<p>Du vergrubst den Kopf an meiner Brust.</p> - -<p>So demütig sind nur die Freien!</p> - -<hr /> - -<p>»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer. -Aber nicht: »Ich opfere mich«, sondern: »Ich opfere.« -Ich trage einen Kelch, einen geweihten Kelch: opfernd -trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine -frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen -Handlung – eine frohe, heidnische Melodie: Evoë!</p> - -<p>Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll -sei dir dieser Trunk – wie jener andere Trunk, der -auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen wurde.</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Evoë!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase,</td></tr> - <tr><td class="tdl">In der die Blume deiner Liebe blüht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Von dieser irdisch heiligen Ekstase.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde!</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den, der ihn <em class="ge">wissend</em> tat, entwunden aller Not,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So dir der Trunk von diesem Kelche werde!</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht -gesehen. Unsere Pflichten da draußen, abseits von -der »Insel«, trennen uns oft für Tage. Ach, und auch -das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in -solchen drei Tagen!</p> - -<p>Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich.</p> - -<p>Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für -den Geliebten! Selbst wenn es so wenig schön ist, -wie ich. Wie wellte es sich mir unter der Hand, dieses -weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken -kann in nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus -jeder Pore meines Leibes, da ich ihn mit Wohlgerüchen -wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm -auf, alle Fenster der Seele erhellend, – eine einzige, -aufflammende Illumination.</p> - -<p>Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen -Schränken. Welch grelle, bunte Lappen hatte ich da -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend -ernstes, weißes Kleid!</p> - -<p>Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter.</p> - -<p>Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und -du sahest, wie ich ging. Du sahest, daß ich etwas dir -zutrug, – opfernd, – diesen Kelch, von dem du -trinken solltest.</p> - -<p>Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche, -brennende Blüten.</p> - -<p>Brennende Blüten fielen in meinen Schoß.</p> - -<p>Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die -Gestirne leben! – – –</p> - -<hr /> - -<p>Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon -hinaus und blickte dir nach. Sternfunkelnd war die -Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, – wie ein -Weib, von dem eben der Geliebte gegangen.</p> - -<hr /> - -<p>Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in -alle Winde? In dieses Offene, Grenzenlose, wo es -weiter und weitergetragen wird? Daß meine <em class="ge">Stimme</em> -nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten -Melodie?</p> - -<p><em class="ge">Ward</em> sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich -sie sänge? Nicht vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«?</p> - -<p>Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über -mich kam, aus der die großen, die bekennenden Gesänge -quellen, die Psalmen, die Hohenlieder.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug, -hineinhauchte mit dem Schöpferhauch seiner -eigenen <em class="ge">Stimme</em> in diese meine Menschenkehle, solch -ein Lied unterschlagen?!</p> - -<p>Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein -Wiederklang davon bleibe, wenn ich selbst nicht mehr -bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für weiteres, – -Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! – als -ein rettender Rhythmus vielleicht, eine führende -Melodie für jene, die auf <em class="ge">die Stimme</em> warten, -die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie, unbestätigten -Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos -geworden, umherfahren auf hoher See.</p> - -<p>Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde -dich tragen mögen! Und wenn ich, dich aushauchend, -mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich dich -sang, dich singen durfte, singen mußte!</p> - -<hr /> - -<p>Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden -Welt zu singen, dazu, so will es mir scheinen, mußte -ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie trank: -nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren! -In meinem mir nun einmal »eingeborenen« überheblichen -Frevelwahn schien es mir immer, als ob -er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als -ob uns Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild -dessen – gedacht sind, der über allen Sonnen – denkt, -als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne, -die Ekstase! Gebühre – jawohl, gebühre! Ich hörte -immer, »es müsse nun einmal so sein«, um uns und -in uns, wie es meistens eben ist: so staubig, so dämmrig, -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -so melodielos, und schlimmer. <em class="ge">So</em> sollte sein -<em class="ge">müssen</em>, dachte ich immer hinter dieser meiner -»Empörerstirn«. So sollte es gedacht sein, als Gesetz, -von dem, der über allen Sonnen – denkt, so gedacht -für uns, die nach ihm – Gedachten? Dies der <em class="ge">Gedanke</em>, -im Stoff und in der Melodie, von der er ja -nur wiederklingt, der Stoff?</p> - -<p>Dies die – Stimme?</p> - -<p>Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht -zufrieden geben.</p> - -<p>Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief -mir auch die Stirn in den Staub gedrückt wurde. -Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es mußte -erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen, -und fromm.</p> - -<p>In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand, -wie du sie nennst, mußte ich »richtig« – die Sonne -selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen -Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten« -vertragen.</p> - -<p>Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen, -lodernden Trunke. Und ich fing an zu beten. Zu ihr: -zur Sonne!</p> - -<hr /> - -<p>Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und -glaubet nicht, daß sie euch nicht erhöre! Der Kult -wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes.</p> - -<hr /> - -<p>Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen -zärtlich vom Staube heben, in die sie, – die Gottähnlichen! -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -– gedrückt wurden, wer besser aufrichten -das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich -zur Sonne wenden, wer besser könnte es, wer einzig -dürfte es, als wer selbst im Staube verwühlt und -tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann -die <em class="ge">Macht</em> trat, das Haupt ihm hebend und es zart -und zärtlich ihm zur Sonne wendend?</p> - -<p>Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden, -gedemütigten Welt zu singen, ward mir – aufgetragen. -Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit -dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife, -die nach dem, der über allen Sonnen denkt, gedacht -sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen -und glauben lernen an die Gnade der Liebe, die -sie einstmals erreichen muß, wenn sie selbst liebten! – – –</p> - -<p>So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig, -da mir hohe Freude ward, da mir Rhythmus, Melodie -und <em class="ge">Stimme</em> ward, – während Millionen in -tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen.</p> - -<p>Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden, -demütig-frommen Lied, das mir aufgetragen wurde, -damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend, -mein Geschick erfüllen.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a></h3> - -<p class="in0">»<b>S</b>onderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn -du mir plaudernd und lachend zuhörst, – -was bist du da doch, du weißt, das vergötterte -Baby –«</p> - -<p>»Ich weiß: – mit dem edlen Papa!«</p> - -<p>»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem -Gespräch, da empfinde ich dich, nun, als was -ich bisher eine Frau noch nie empfand.«</p> - -<p>»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner -Gegenwart zu unterdrücken.«</p> - -<p>»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes -Jünglingsgesicht aus dem Uffizien, das des Philosophenschülers -– du weißt!«</p> - -<p>»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst -noch? Habe ich denn noch mehr Verwandte, Ahnen, -Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen Inkarnation?«</p> - -<p>»Wenn deine Lider so schwer werden – –«</p> - -<p>»Dann?«</p> - -<p>»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern, -– es ist dann etwas – etwas wie Urmüttertum -darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus – -du weißt?«</p> - -<p>»Diana – eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß -ich von solcher Diana.«</p> - -<p>»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie -wurde verehrt als eine Fruchtbare. Mit vielen Brüsten -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -ist sie gebildet, so wie du mit vielen – Gesichtern. -Diana von Ephesus – eine andere Ceres. Ceres – -das ist die naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen, -was bleibt oder nicht bleibt, erhalten wird oder ausgerottet. -Diana von Ephesus ist eine andere Fruchtbare. -Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine -Opfernde!</p> - -<p>Und sie müßte dein Antlitz haben, das – mit den -schweren Lidern. – – –</p> - -<p>Welch ein Glück, daß ich dich <em class="ge">sehe</em>, du mir immer -Vertraute!«</p> - -<hr /> - -<p>Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie -davor. »Thumpe«, wenn auch nicht »Klare«, »Vale«, -wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber nur -dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer -vom Staub in den Geist Entrückbaren und Entrückenden, -nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk vom Weibe -das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem, -»der ihn <em class="ge">wissend</em> tat«.</p> - -<hr /> - -<p>Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende, -in mich eindringende Lächeln, wenn du mit mir bist. -Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen waren, -dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln -dagewesen wäre in deinem Blick, um deine frohen -Lippen, auf deiner lichten, freudigen Stirn.</p> - -<p>Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt -es sich in mir in freudige, feurige Säfte, in Kräfte, -die die Seele mächtig werden lassen, – lebensmächtig -und sangesmächtig.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht -mich sehr, dir – für ein weniges nur, ich verspreche -es, ein ganz klein weniges nur, – die Tarnkappe -vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen! -Einen einzigen, kurzen, blitzgeschwinden Augenblick.</p> - -<p>Ja? Ja?</p> - -<p>Daß du mir sichtbar wirst, – einen einzigen -kleinen Augenblick. Das geschah ja auch andern, -vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen (vielleicht -stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke), -– die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach -sahen erstaunt eine Erscheinung, die gleich wieder -verschwand, versteht sich, da sie ja die heruntergeglittene -Tarnkappe schnell erwischte.</p> - -<p>Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo -Rhodope plötzlich den Gyges sah: einen kurzen -Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich -verschob.</p> - -<p>Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen -<i>Laterna magica</i> zu. Plötzlich sieht man auf einer -weißen Fläche – ein Bild. Ein farbiges, bewegliches -Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die -irgendwo versteckt ist im Hintergrund. Und die Person -an der Laterne kann das Glas, das den Zauber wirkt, -beliebig einschieben und wieder herausziehen.</p> - -<p>Also – schieben wir's hinein.</p> - -<p>Jetzt schnell, ein Bild.</p> - -<p>Ihr schaut – eine Küstenlandschaft.</p> - -<p>Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf -der magisch beleuchteten Fläche – dieser Blätter.</p> - -<p>Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt -die Sonne. In diesem Sturm und Sonnengefunkel -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -zugleich (es ist das alles herstellbar bei der modernen -Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste.</p> - -<p>Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den -Segeln braust's! Und jetzt – jetzt seht ihr – jetzt -könnt ihr ihn erkennen: ihn, – den Steuermann. Er -versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich -merken, wenn er an die Küste herankommt. Denn es -ist gefährlich und schwer anzulegen an dieser Küste. -Aber – Wikinger waren ja seine Leute! Und die -verstanden das doch. Jetzt – jetzt seht ihr ihn in voller -Figur. Und zwei Köpfe zumindest überragt er, was -ihr drinnen im Binnenland an Leuten zu sehen gewohnt -seid. Denn die von – oben – es ist eben ein -anderer Menschenschlag da.</p> - -<p>Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, – die -Augen beleuchten dazu den Weg. Denn ein ordentliches -Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne -Sache.</p> - -<p>Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die -Augen und verfurchen die Stirn, wenn hinter ihr -(angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken -verlieren sie gleich ihr Gesicht.</p> - -<p>Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das -Leuchten!</p> - -<p>Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund!</p> - -<p>Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das -Unbeirrbare. Wie liegt sie am Steuer, greift und -lenkt.</p> - -<p>Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar.</p> - -<p>Seht ihr's, – seht ihr's deutlich?</p> - -<p>Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die -Küste heran.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Aber – das Glas heraus, aus der Laterna Magica.</p> - -<p>Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch!</p> - -<hr /> - -<p>Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In -dem, was du bautest, in dir erst bautest, bis es klingend -ward, – Musik. Und dann aus dir herausbauen -konntest, was also geworden war. Werk deiner -<em class="ge">Stimme</em>, es wird leben – <em class="ge">deine</em> Tat.</p> - -<p>Aber – die Gestalt!</p> - -<p>Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese -Blätter tragen, sie hier hereinretten durfte, – es -macht mir die Blätter teuer.</p> - -<p>Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter -eingezeichnet zu haben – trotz der Tarnkappe! – -meine Tat!</p> - -<p>Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe -steckt, – er wirft doch einen Schatten, wie? Die -Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten unsichtbar, -wie? Und wenn nun die <em class="ge">Sonne</em> recht voll -auf ihn fällt, (auf den in der Tarnkappe), dann wird -sein Schatten, in der Sonne, recht deutlich. Fast so -deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn -wirft.</p> - -<p>Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen! -Einzeichnen in diese darum so teueren Blätter.</p> - -<p>Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen -darf, das – Wunderbare – unabhängig -davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's, geborgen, -hier, hier in den Blättern.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>W</b>as ich in diesen Blättern den Göttern entzünden -will, wie ich es nannte, es verläßt mich keinen -Augenblick. Ich muß es <em class="ge">tragen</em>, wo immer ich gehe -und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines -Werkes bis ins kleinste, darauf kommt es, nach Goethe, -einzig an. Ausgetragen muß sein, was geboren werden -soll.</p> - -<p>Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art -kann ich sagen und schreiben, was ich hier schreibe, – -auf zehnerlei Arten könnte ich es und tue ich es oft. -Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst -kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung -der <em class="ge">Gestalt</em>, – morphologische Strebung des Stoffes, -möchte ich es nennen, (sein Wille zur <em class="ge">Form</em>, der ihm -innewohnt!) – daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne -es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder -schreibe, bis ich mir unter zehn Blättern eines erkiese, -welches ich da niederlege?!</p> - -<p>Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa, -oder Briefe) in der einen armselig herausgedrückten -Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte, blieb -es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden, -wie etwa ein wackliges Häuschen angeblasen werden -darf.</p> - -<p>Jetzt, – ich bücke mich und die Wellen meiner -Quelle bleiben mir als schimmernde feste Kugeln in -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges -erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in -die Luft und spiele mit ihnen und werfe sie wieder -hinein in die Quelle und fange sie wieder und forme -sie wieder, wieder, wieder.</p> - -<p>Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff, -das Element, aus dem ich diese Wellen greife, von -so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in sich. -Der Stoff.</p> - -<p>Oder – sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber -meine Hand berührt?</p> - -<hr /> - -<p>Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist -eine von den Narreteien, die jetzt gerade im Kurs -sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert -werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt« -verfertigten Machwerk an, daß es eine fingierte Gestalt -des Lebens ist, gleich jener Olympia in »Hoffmanns -Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat, -und sei es selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine.</p> - -<p>Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere, -ist ganz »Herz«. Alles muß ihn »angehen«. Er lebt -hunderttausendfach. Wie der Bäcker für andere backt, -der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der -Maler sieht, der Musiker hört, so – <em class="ge">lebt</em> der Dichter -für alle andern. Er lebt ihnen etwas vor, erlebt es -bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt -so die andern das Leben durch und durch leben, wie -sie es allein nie könnten.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe. -Das will sagen, in besonderer <em class="ge">Form</em>. Nicht nur ein -Gedanke »fällt« mir ein, der sich dann eine Gestalt -<em class="ge">sucht</em>, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich -daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den -Gott in sich tragend. Sie fällt mir in den Schoß, wie -vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich fiel in der -Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn -der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen. -Und die Gestalt, in der er erscheint, ist sehr wesentlich. -Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt es dann -einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt. -Denn wäre der Goldregen nicht gerade in der Danaë -brünstigen Schoß gefallen, die kostbare Begierde des -Zeus wäre verloren gewesen.</p> - -<hr /> - -<p>Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen. -Oder meinetwegen Esperanto. Irgendeiner allgemeinen -Verständigungssprache mich bedient, bedienen -müssen. Aber <em class="ge">meine</em> Sprache, die dieser -Blätter, hatte ich sie jemals früher gefunden? Wer hat -sie je von mir gehört, diese meine Sprache? Ähnlich -klang's, Esperanto ähnelt ja allem.</p> - -<p>Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch -reden. An dir nur es finden.</p> - -<p>Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht -erscheinen, was ich zu sagen habe und wie ich -es sage. Dir, dir ist's – was mir <em class="ge">dein</em> Wort ist: -heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie -missen, diese meine Heimat. Und verlöre ich Dich, -so würde mein Herz doch immer die Heimat begehren -– im Herzen eines Menschen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Mir ist, als hätte ich sie – dich – nur wiedergefunden.</p> - -<p>Vorher – wo war es doch?</p> - -<p>War es zu Eleusis – Priester? Oder zu Padua – -Meister? Oder zu Ephesus – Opfernder?</p> - -<p>Träumereien wagen sich zu dir.</p> - -<hr /> - -<p>Oft scheint es mir auch, als wären wir – einst, -einst – zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du, -mein lieber Herr, und hätten uns damals schon, »am -stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk kredenzen -lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk -ist, – mein Landsmann Vogelweid, Freund -Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein teurer Hausgast, -ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit« -war uns Haus und Hof. Und wir saßen -alle drei auf der Bank um den Ofen herum und brieten -da Äpfel.</p> - -<p>»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund -Walther.</p> - -<p>Und wir beide, du und ich, sahen uns an und -schwiegen und lösten dann die Blicke voneinander und -lächelten ihm zu, dem lieben Dritten.</p> - -<p>»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari -fragt uns um Minne.«</p> - -<p>»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich.</p> - -<p>»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?« -fragte er und horchte gespannt.</p> - -<p>»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich.</p> - -<p>»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«, -sprachst du, mein lieber Herr, – »ich weiß nicht, wie -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -man sie dann nennen soll.« Und zogest dabei, umsichtig -und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist, -die Äpfel aus der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet -hatten.</p> - -<p>»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei –«</p> - -<p>»– so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den -Freund. »Sprecht ja! Minn' ist zweier Herzen Freude! -Sprechet ja!«</p> - -<p>»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach -mein lieber Herr und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich -geschält hatte, auf den blitzenden zinnernen -Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in -die Nase stieg.</p> - -<p>»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«, -meinte nachdenklich Freund Walther.</p> - -<p>»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach -mein Herr und blickte mich an.</p> - -<p>»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr -recht, vieledle Frouve«, sagte Walther.</p> - -<p>Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr -sie dann?«</p> - -<p>»Die könnt' <em class="ge">Unminne</em> heißen ehr«, sagte mein -Herr.</p> - -<p>»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's -treuherzig, kreuzte Bein auf Bein und biß herzhaft -in seinen leckern Bratapfel.</p> - -<p>»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«, -meinte er, da wir alle drei speisten.</p> - -<p>»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein -Herr.</p> - -<p>»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht! -Nicht kann gefallen mir, zu meiner Freude <em class="ge">Tod</em>, -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -<em class="ge">daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen -macht</em>!«</p> - -<p>»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr.</p> - -<p>Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied! -Wolltet Ihr Eure Laute holen? Wir sängen dann alle, -zum süßen Spiel.«</p> - -<p>Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute -zu holen, die fremdartig, seltsam an der Wand hing. -Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?«</p> - -<p>»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was -klingt sie mir deutsch!«</p> - -<p>»Die Laute?«</p> - -<p>»Die Frouve, die traute!«</p> - -<p>Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen -Herd, ein Lied von der heiligen Minne! – –</p> - -<p>Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm -sangen und rieten, am selbigen Abend noch nieder, -mit gar zierlichen Zeichen.</p> - -<p>Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein -Roß gesattelt stand und ihn uns entführte, ein Röllchen. -»Nehmet ein armes Gastgeschenk, vieltraute -Frouve!«</p> - -<p>Und ich entrollte es, und da stand:</p> - -<p>»<em class="ge">Minn' ist zweier Herzen Freude.</em>«</p> - -<p>Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee -und winkte uns, die wir unter dem Tore standen, -grüßend mit dem Hute zurück. – – –</p> - -<hr /> - -<p>Pietà war meine Liebe zu <em class="ge">ihm</em>.</p> - -<p>Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In -jede hohe Freude mischt sich ein Gefühl der Dankbarkeit«, -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -schrieb Wagner an Mathilde. Und jede solche -demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen, -religiös. Fromm macht diese Freudigkeit.</p> - -<hr /> - -<p>Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen, -die küßten mich um ihretwillen. Du aber küssest mich -um meinetwillen. So deutlich, so sichtbarlich, so unverkennbar -ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene, -rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine -Küsse, so werden sie über mich gestreut, wie Blüten, -die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und -niederfallen und immer wieder neu sprießen und -fallen, fallen auf das, dem der Segen bestimmt ist, -und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu -Lippen und Augen und Haaren.</p> - -<p>Und um meinetwillen!</p> - -<p>Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig, -nicht von mir fort entführt zu jenen Mächten, die -den Mann erschüttern, wie das Rollen der Lava den -Krater.</p> - -<p>Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie -lenken mir ihn keinen Augenblick fort aus seinem Bette, -meinen goldenen Strom, der aus der Quelle deiner -Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges -Bett.</p> - -<p>Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen -regnet es Blüten, rote, samtene Blüten.</p> - -<hr /> - -<p>Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht, -– Süchten, mehr ein Süchtiger, denn ein -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen -liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom -Morgen Umwobene, zum Tage Ahnende – die -Schwebende, Lockende, – die die Seele in den Garten -der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht. -Er, der doch ein Dichter war, hatte keinen -Träumerblick. Und den des Wissenden, den hatte er -noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand -ich seinen Blick, silbern, rollend, wohin? woher? -Rollend, ohne Möglichkeit, innezuhalten.</p> - -<p>Seine Sehnsucht <em class="ge">hatte</em> ihn, wie eine wilde -Reiterin ihr Roß. Sie saß auf ihm – und peitschte -und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten -Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es -dahin, unter den Hieben und Sporen der Furchtbaren, -die seine Meisterin ist, das Roß, – das edle.</p> - -<p>Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die -Sporen ins Fleisch. Wohin <em class="ge">sie</em> will, muß der Weg -führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst will. Ein -Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine -Sehnsucht, peitscht ihn – mit Begierde, spornt ihn, -mit schneidenden Eisen der Not, die tief in sein -Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die -beiden, diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da -lassen sie hinter sich – Zerstampfung, Zerstörung, -Schrecken.</p> - -<p>Und doch, und doch – ein <em class="ge">edles</em> Roß, das also -gejagte, ein unfreies, gehetztes, geknechtetes, und -doch ein edles!</p> - -<hr /> - -<p>Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere. -Eine mütterliche, im Schoße tragende, wohnt sie -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse erstickter, -verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und -betender Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt, -löst, <em class="ge">ordnet</em> nach geheimem Gesetz. Nach den -geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die -Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, – daß -etwas werde! Ordnung werde! So trägt sie – die -Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit.</p> - -<p>Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend, -ahnend, ihnen entgegenlauschend, gehst du, suchst du, -sammelst du: Töne, – Töne zur Ordnung! Und -mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein -Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher -Melodie geführt, dorthin, wo es klingt, wo <em class="ge">sie</em> wohnt -– Sehnsucht.</p> - -<p>Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der -Sehnsucht Geführte – es ist zweierlei.</p> - -<hr /> - -<p>Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe, -– »bezähmt, bewacht«.</p> - -<p>Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst. -Dieses die Ruhe, die die Darbenden speiset und die -Gehetzten erquickt, wie der Schatten des festwurzelnden, -blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe, -die die Griechen – träumten, in Marmor, durch -dessen Geäder man die Leidenschaften fließen sah, -ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten!</p> - -<p>Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust.</p> - -<p>Wie klingt es doch im Hohenlied:</p> - -<p>»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und -lehnet sich an ihren Freund?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Fürwahr – aus einer Wüste fuhr ich herauf. -Nichts war da, woran ich mich hätte lehnen können, -mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen Wüstenfahrt. -Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren -bin. An meinen Freund mich lehnen.</p> - -<p>»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, -so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter -dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht ist -meiner Kehle süße.«</p> - -<p>»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, – -und wehe durch meinen Garten, daß seine Würze -triefen!«</p> - -<hr /> - -<p>Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht: -das Weib möge sich an ihn lehnen. Und ich wollte -es so gern und tat es auch, und siehe – es bog ihn, -verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger -Busch war er, mit seltsamen, üppigen Blüten -und Beeren an seinen Zweigen, seinen tausendfältigen -Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch, -dessen Gezweig sich schier undurchdringlich -ineinander schlingt. Und lehnte man sich da hinein, -so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine -Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen. -Kleine Vögelchen auch auf diesen Zweigen sich wiegen -und Schatten da suchen und finden. Und gar wohl -wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben, -nach Art der starken, festverwurzelten, hoch in den -Stamm geschossenen, dichtbelaubten und befruchteten -Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte -kein Vögelchen naschen, es stürbe daran.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da -nicht eine Menschenseele in ihm, die von Sehnsucht -gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt ist -und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war. -Eine Seele, deren eigene Ideale sie verwirren und -verraten. Die heute vermeint, ein paar Vögelchen, -hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude -brächte. Und die morgen das gefiederte Getier am -liebsten hinauswürfe und von einer Herrin träumet -– die sich neiget – und seine Blüten bricht, – daß -die verwundeten Zweige – bluten.</p> - -<hr /> - -<p>Alles <em class="ge">sah</em> er am Anfang, was er, balde, ach balde, -nicht mehr sah.</p> - -<p>»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich <em class="ge">vor</em>setzen.</p> - -<p>»Wie sie sich lehnt!« – »Lehn' dich, bitte, lehn' -dich da an die Portiere!«</p> - -<p>Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt -und schaute.</p> - -<p>Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch, -der in der Zimmerecke stand. An der anderen Wand, -gegen die ich den Rücken kehrte, stand die Ottomane. -Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er -hatte es gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich -schrieb gern für ihn, ich, die ich meine eigenen »Skripten«, -– wenn ich eine Schriftstellerin wäre, – niemals -selbst abschreiben könnte. – –</p> - -<p>Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb.</p> - -<p>»Du – bitte!«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so, -nein, nicht an die Wange, mehr in den Nacken die -Hand, so, ans Haar!«</p> - -<p>»Warum denn?«</p> - -<p>»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen -kann.«</p> - -<p>Oder er trat an den Schreibtisch, während ich -schrieb, und legte seine Hand, leicht, ganz leicht, auf -meine schreibende Hand.</p> - -<p>Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen -lassen: wenn nicht jeder von ihnen ununterbrochen -die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es« -nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare« -verlassen – die Liebe.</p> - -<hr /> - -<p>Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot -und vergraben waren sie, längst. Wie kamen sie -herauf?</p> - -<p>In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch -die große Sonnenflut, die hineinbrach. So lebendig, -daß selbst – Gräber darin zu blühen beginnen.</p> - -<p>Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige, -üppiger denn alle anderen Blumen, die auf gemeinem -Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus -Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol!</p> - -<hr /> - -<p>Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris -Art in der Liebe.</p> - -<p>Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung -an sich selbst, »zu Liebe« dem andern.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -Und was anders ist, denn das »Wunderbare«, -verdient nicht den Namen Liebe.</p> - -<hr /> - -<p>Wie umklammert halten wir uns, immer.</p> - -<p>Stunden vergehen, – wir lösen uns nicht. Das -Abendbrot steht bereit, vor uns auf dem Tisch. Du -füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst die -Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist, -als wären wir versunken in einander.</p> - -<p>»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden -mir in den Mund hineingedrängt. Ich kann schwer -essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann ich nur -schwer essen.</p> - -<p>»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du.</p> - -<p>Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine -Hand frei, habe beide Hände um deinen Hals, und -da gehen sie nicht fort.</p> - -<p>Und du nimmst die Tasse in die eine und den -Löffel in die andere Hand, und Löffel für Löffel wird -mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer ist.</p> - -<p>Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein -absonderliches erschiene.</p> - -<p>Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist, -was weniger ist, verdient nicht den Namen des – -Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis.</p> - -<hr /> - -<p>Sommer ist es geworden über alledem.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>L</b>ieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen -machen. Es ganz und gar <em class="ge">begreifen</em>, das, was -man also begriffen hat, begreifen <em class="ge">wollen</em> und sich freudig -erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder -gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun -herrscht aber diese Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. -Diese »Schwäche«. Diese Bröckligkeit der Gefühle. -Wie kann man da »begreifen«? Begreifen -heißt ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, -umfassen. Um einzugreifen, muß aber erst eingedrungen -worden sein in das, was begriffen werden -soll. Eindringen aber kann nicht der – seelisch Geschwächte. -Ganz und gar eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, -so gibt es auch <em class="ge">Halbentjungferer</em>. Die letzten -Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum -Fallen. Nicht vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe -fertig. Nicht gänzlich vermögen sie, sich des -Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird -nicht komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der -Liebe und die ersten Präludien bewältigen sie, aber -was <em class="ge">dann</em> kommt, der schönste, aber auch der schwerste -Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.</p> - -<p>Physiologisch – <em class="ge">da</em> reicht es bis zur Orgie. Nicht -solche Schwäche ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, -diese viel ärgere, diese Gefühlsimpotenz, die den -Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe den an ihr -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen -sind fähig, Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf -emporwachsen zu lassen, »aus der Tiefe zur Höhe«, -sie durchzuhalten, sie zu behaupten.</p> - -<p>Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer -wieder, fangen am liebsten immer wieder neu an. -Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So sehr -man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint -er banal, dieser Liebhaber in die flache Breite. In -die Tiefe lieben, das ist die Frage, die Kraftfrage.</p> - -<p><em class="ge">Wissend</em> trinken, das ist die Liebe. Synthese! -Schwächlinge sind aber nicht synthetisch. Entweder -sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«. -Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn -und kommen vor lauter Gegrübel nicht zum Trunk.</p> - -<hr /> - -<p>»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, -und »fesseln« liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, -wie manchem Mann »erobern«. Nicht dieses aufs -immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht »Behandeln« -ist meine Sache. Nur <em class="ge">sein</em> kann ich.</p> - -<p>Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, -daß du mich lieb hast, weil ich <em class="ge">bin</em>. Nie habe -ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.</p> - -<hr /> - -<p>Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. -Das sind die Menschen der starken Lebensgefühle. -Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es -auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die -Gefühlskraft gehört der Antike an. Anarchronistisch, -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein Mensch solcher -Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.</p> - -<p>Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike -an. Solche, die verbunden waren durch überpersönliche -Gefühle, – Gefühle, die der Idee »Mensch« -gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie -die Renaissance ausgrub und unter deren Studium -sie Humanismus wurde.</p> - -<hr /> - -<p>Brüderlichkeit – diesen Gedanken habe ich tief -im Herzen! Liebe war meine Lebensquelle immer. -Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so -wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und -ich glaubte so gern an Geneigtheit, Freundlichkeit, -an die Idee der Vertraulichkeit, des Wohlwollens -von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit.</p> - -<p>O meine Brüder und Schwestern, – möchte doch -dieser Glaube über euch alle kommen!</p> - -<hr /> - -<p>Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand -sprach zu mir, wenn ich litt: »Sei geduldig! Sei friedlich! -Sie wird dir wiederkommen, deine Seele. Denn -du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit -da, so eine Seele. Sie verläßt einen – scheinbar -– manchesmal. Aber sie wird dir wiederkommen. -Und dann mußt du sie in beide Hände fassen -und sie tief und fest verankern. Und zu ihr sprechen: -Bleibe da, sei ruhig!«</p> - -<p>Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war: -»Menschenskind! deine hellen Augen freuen mich!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Und doch und doch, – mein Glaube blieb leben -und sprach zu mir, da ich tief daniedergedrückt war: -»Einer wird kommen einmal, der deine Blicke trinkt. -Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen, -imstande sein, dich zu nehmen, so wie du bist. -Der Freund wird es sein, <em class="ge">der</em> Freund! Und <em class="ge">lehnen</em> -wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren -bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an -niemanden ungestraft lehnen durftest, auf dieser -deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich lehnen. -Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt -seine Gestalt, wie Zedern auf Libanon«.</p> - -<hr /> - -<p>Wenn ich sie auch an dir erlebte diese – Gefühlsverbröckelung? -Was dann? Würde das <em class="ge">Herz</em> es -ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz?</p> - -<p>Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch -noch lieb, Frowelin?« Und ich erwidere Dir: -»Freund! Wenn Du mich auch verlässest – so bleibt -mir – Gott!« – – –</p> - -<p>Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was -ist sie zweifelsüchtig! Die süße, die närrische, die -furchtbare!</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Wie willst du denn die Macht in deine Hand bekommen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist sie so schwach?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Besinne dich, wie oft das Schicksal dir in tausend Trümmer</td></tr> - <tr><td class="tdl">In dieser Hand zerbrach.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es sollte wohl so sein.<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Es mußte ihr entgleiten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was nicht geschaffen war, dich führend zu geleiten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">In dieser deiner Hand dir magisch aufzublinken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zur Heimat leuchtend, die du sahst von Ferne winken.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch siehe zu, daß dir die rechte Kraft in deine Hand nun kommt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie taste nimmermehr, – sie wisse, was ihr frommt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und jene Sehnsucht, die dir grausam überstrahlte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was du umklammert hieltst zu unrecht in der Hand,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Sehnsucht, die jedwedem Irrtum unbeugsam</td></tr> - <tr><td class="tdl">schmerzlich dich entwand,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie leuchte heller dir und wandle sich in Macht:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß du beharren darfst, wenn dir die Heimat lacht!</td></tr> -</table> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>O</b>b ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du -mich enttäuschtest, Johannes? Mich aus allen -Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes Wunder, -unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest?</p> - -<p>Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas -begeht, was man ihm durchaus und niemals zugemutet -hätte. Enttäuschen heißt vernichten.</p> - -<p>Wenn du nun begingest, was ich dir niemals -zumute, ja mit aller Phantasie mir nicht vorstellen -kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn -du die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen -Liebe?</p> - -<p>Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser -Liebe wurden, unvernichtet?</p> - -<p>Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es, -als zwänge mich eine Stimme, mich zu entscheiden. -Als lebte ich in beständiger Einsturzgefahr, bevor -ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser -unwahrscheinlichen Frage.</p> - -<p>Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon -öfter mir aus dunkler Bewußtlosigkeit hell heraustönte: -»Was immer geschehen mag mit dir, – -rette mich, deine Stimme!«</p> - -<p>Und die Stimme, die Stimme – sie ist in den -Blättern!</p> - -<p>Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag -mit – mir.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches, -ein Seiendes, wie ich dachte und wähnte, so -wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die Idee -davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen -die das »Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird, -gegen die es erbleicht, wie ein fahles Abbild des einzigen -wahrhaft Seienden.</p> - -<p>Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um -jener »Idee« willen, die vernehmbar und sichtbar -ward durch <em class="ge">mich</em>, – rettete ich die Blätter, was immer -geschehen möge mit mir.</p> - -<hr /> - -<p>Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb – -ich weiß es nicht. Aber geschehen könnte es, sicherlich. -Es könnte geschehen, daß ich an Johannes erlebte, -was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo, -sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und -tausendmal schlimmer, sicherlich. Denn dort war ein -Wildes und Banges, was zusammen erlebt wurde, -von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an -dem meine Seele klingend wurde. Es könnte dennoch -geschehen.</p> - -<p>Und daß ich mich hingab an das, was ich mit -Johannes erlebte, nicht nur mit meiner weiblichen -Person (das wäre keine so große Sache, das), aber -mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben -des Stroms an seine Mündung, daß ich das ganze -wunderholde Erleben für gültig nahm, über den Augenblick -hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle -Zweifelei so gern und so willig verscheuchen ließ, es -wäre – eine maßlose Überhebung von mir gewesen. -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -Überhebung eben das, was das ganze Glück war! -Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern -und von ihnen mit Vernichtung bestraft.</p> - -<hr /> - -<p>Das Wunderbare, das Wunderbare – es wäre -aber doch. Hier in den Blättern. Würden sie mich -denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz begraben, -gerade diese Blätter?</p> - -<p>Das Wunderbare – das war ja diese Hybris! -Das war ja der bestätigte Glaube, der holde Glaube. -Und <em class="ge">seine</em> Gestalt, des Freundes Gestalt, war es, -die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt, -mit diesem Glauben, mit diesem Wunderbaren?</p> - -<p>Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben -zu lassen?</p> - -<hr /> - -<p>Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt, -die ich liebte, – er, er löste sich dann von der -Gestalt. Und <em class="ge">mein</em> Johannes, der, den ich in diese -Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee, -ihr, die uns wachsen macht über uns selbst hinaus, -näher ihr wäre er dann, denn ihm, dem – andern.</p> - -<p>Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was -sie in eins verschmolz war dies Herz, dies Herz. Menschenherz, -das denkende, – dessen pochen kein Sphärengedonner -übertönt. Mein Menschenherz, das bei -jenem Auseinanderriß der beiden, die eins waren, -wohl zerrissen würde, mitten durch.</p> - -<p>Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre -dann für – Spätere. Um Spätere, Bessere, Stärkere, -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen, zur Idee -– dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden -wähnte.</p> - -<p>Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich -mich tiefatmend lehnte, da ich heraufgefahren kam -aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten -in mein Lied? Wirst du wohl über den von dir fort -und der »Idee« dafür näher rückenden, über den also -»idealisierten« Johannes dein Lachen finden, – -dein gutes, gutes Lachen?</p> - -<hr /> - -<p>Ein Glaube, dem ich einen – Opferstoß entzündete.</p> - -<p>Und dem ich einen Tempel baute.</p> - -<p>Wenn sie mich trotzdem erreichte, die – Verödung? -Und da ich in diesem Erleben gewesen, wär's -eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der -Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt -es Maeterlinck.</p> - -<p>Sie wäre es, die mich erwartete.</p> - -<p>Den Gott verjagen und den Tempel – lassen?</p> - -<p>Und – aus ihm heraustreten – und meine Straße -gehen – und führte sie – – –</p> - -<hr /> - -<p>Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine -Welle nicht genug an den großen Ozean denke, dem -sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der kleinen -Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt -so eine Welle ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar -tut sie das. Solange sie Welle ist, solange -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an eine -andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst -wurde, in einer größeren Einheit, muß sie, gerade -gemäß ihrer Rolle im großen Ozean, die Rolle ihrer -winzigen Einheit mit großem Eifer und großer -Wichtigkeit durchführen. Würden nicht Milliarden -Wellen mit hunderten weißer Füßchen ihr kleines Ich -eifrig dahin tragen, wohin es <em class="ge">will</em> (oder muß?), -keinen Ozean gäbe es dann.</p> - -<p>Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint?</p> - -<p>Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die -Welle, ihre Kraft. Ihre Kraft – zu fließen. Sich -aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll. Ihres -Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es! -Tief unter ihrer Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel, -das ihr Fuß wird und sie zu ihrer Küste -trägt, weiß sie sich ihres Elementes.</p> - -<p>Du verstehst, Johannes?</p> - -<p>Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem -Buch, das seine Briefe an Sophie sammelt?</p> - -<p>Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn -nicht mehr liebte. Und er suchte und antwortete:</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»O still – ich könnte sonst erschrecken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Könnt' ich den Winkel nicht entdecken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der unzerstört für Gott verbliebe,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Beim Tode deiner Liebe.«</td></tr> -</table> - -<p>Unter der Brandung – weiß sich die Welle ihres -Elementes.</p> - -<p>O still – ich könnte sonst erschrecken ...</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -In einer Ode von Walt Whitman heißt es: -»Kommt dir, Träumer, denn kein Gedanke, daß dies -alles nur <em class="ge">Maja</em> sein könnte und Täuschung?« Maja ... -Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter -erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner -Täuschung dessen, – der ihrem Herzen Treue hält! -Und bist nicht <em class="ge">Du</em> es, so ist es der Geliebte ihrer -Sehnsucht und sie gehört <em class="ge">ihm</em> – für <em class="ge">Zeit und -Ewigkeit</em>.</p> - -<p>Warum, warum sind diese Gefühle über mich -gekommen? Woher? Was fiel mir da ins Herz und -wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen, -düsteren Tönen?</p> - -<p>Wie ein Saitenspiel ist dieses mein <em class="ge">Herz</em>. Und -mit lebenbebenden Händen greife ich selbst hinein, -mitten hinein. Und was mir da unter diesen bebenden -Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr -kommen vom Instrument, geheimnisvoll gezwungen -zum Spiel, erbraust, – o großer Gott, es ist ein volles -Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser -meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust.</p> - -<p>Warum geschah es mir, – daß dieses Dunkle -mir hineinklingen mußte in mein Lied? War es -vielleicht, damit das Lied – ein echtes Menschenlied? -Ward es deswegen über mich verhängt?</p> - -<p>Sym – phonie! Phoné – die Stimme, der Ruf. -Stimmenzusammenklang!</p> - -<p>War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die -dem Leben gehört?</p> - -<p>Und in die jubelnden Passagen der Violinen und -in das Geschmetter der Hörner mußte es hineintönen -– wie die Stimme der Dunkelheit:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -»So klopft das Schicksal an die Tür.«</p> - -<p>Und ich greife und greife die Saiten. Und sie -zucken und schwingen und <em class="ge">tönen</em>.</p> - -<p>Und das Blut rieselt unter meinen spielenden -Händen und strömt dahin, mir zu Füßen.</p> - -<p>Fließe, fließe über die Erde, die braune, die -geliebte, laß dich trinken von ihr und wachse auf aus -ihr in glühender Glorie. Verströme mein Blut, und -verströmte mein Leben darob.</p> - -<hr /> - -<p>Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war -sie. Verstrich und verblich so schnell. Wir merkten -es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in sie, -in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete -ihn, den Tag, bevor er sich selbst noch deutlich -war, wie mit Flötenton, kündete es ihn, – horch!</p> - -<p><em class="ge">Heller</em> als er selbst noch war, der Tag, drang es -in ihn: tirillili.</p> - -<hr /> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Die Nacht verstrich. Es drang in sie</td></tr> - <tr><td class="tdl">So flötenfroh, es kam vom Hag:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Tirillili – tirillili.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein Vogel rang um Melodie.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Auf grauen Wellen trug der Tag</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zum Bett, wo ich im Arm dir lag,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den Amselschlag</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sie,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die heller war, die Melodie:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Tirillili – tirillili.</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Nacht verblich. Es drang in sie,<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">So wachensfroh, ein Flüsterwort:</td></tr> - <tr><td class="tdl">»Ich seh' das Licht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das stärker denn der bleiche Tag</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und heller denn der Amselschlag</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dir aus den Augen bricht</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und eindringt in den bleichen Tag,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie sie,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die heller war, die Melodie:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Tirillili – tirillili.«</td></tr> - <tr><td class="fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Nacht entwich. Der in sie drang,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So flötenfroh, der Amselschlag,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Verklang im Hag.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Bette stand im Morgenlicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und dein Gesicht und mein Gesicht</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blickt in den Tag,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den jüngsten, den die Welt gebar,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und trug in ihn, die heller war,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die <em class="ge">unser</em> war, die Melodie:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Tirillili – tirillili.</td></tr> -</table> - -<p>Da liegt es vor mir, – ein Lied. Ich finde es -hier und mich dabei, eine Feder liegt daneben und -die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so -sein, daß ich es <em class="ge">schrieb</em>. Aber wie, wie geschah es?</p> - -<p><em class="ge">Wie</em> drang in das, was dämmerhaft, – »die -heller war, die Melodie?«</p> - -<hr /> - -<p>»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende, -das Stärkere. Der Tag, das männliche -Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker und -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels -Stimme, da nach Melodie sie ringt, entquillt. Sie, -die Melodie, überklingt den Tag.</p> - -<p>Aber heller noch als diese Melodie, um die der -Vogel rang, ist jene andere: die aus den Augen bricht -als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste Melodie -der Menschenstimme, – <i>anima</i>.</p> - -<p><em class="ge">Sie</em> überdringt, überklingt, überwältigt alles, -alles, was dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend.</p> - -<p>Und siehe, – ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar: -Ursymbol des Gesanges von der Begattung -des Dämmernden durch das Lichtere.</p> - -<p>Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der -Mann. Näher dem Kreißenden, aus dem – Welt -ward, da die <em class="ge">Stimme</em> hineindrang, die das Licht befahl.</p> - -<p>Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte, -– die heller war: die Melodie, – der Logos. Da -ward sie Form und – Welt.</p> - -<hr /> - -<p>»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das -Licht, das zeugende?</p> - -<p>Woher?</p> - -<p>Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang -es in mich, so licht, so zeugend?</p> - -<p>Mich schaudert.</p> - -<p>Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die -sich schlingende, in sich selbst eindringende, niederschrieb, -nicht wußt' ich da, Johannes, – ihren Sinn.</p> - -<p>Verstehe, verstehe, – Geheimnisvolles, Unsagbares: -ich <em class="ge">wußt'</em> ihn nicht, den Sinn, der aus mir -brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied!</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Es drang in sie,<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">die heller war, – die Melodie.«</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es drang, woher?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und wer ist – er?</td></tr> -</table> - -<p>Und sonnenklar darniederliegt – ein Sinn: Urgeheimnisse -nahe. Und sonnenklar, schuf er, der Sinn, -sich selbst die Form. Die Form, die wieder durch sich -selbst schon – deutet, auf ihn, der sich sie schuf.</p> - -<hr /> - -<p>O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied -nicht einmal, ich schrieb es mehrere Male. Und -immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff, -der Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt. -Ich hatte es hingeschrieben und dachte damit fertig -zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter. -Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe -Lied, in anderer Tonart, und ich mußte ihnen nach, -diesen Tönen.</p> - -<p>O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet -flügge, ihr Füße, werdet erbeutend ihr Hände, ihnen -nach, meinen Liedern, ihnen nach!</p> - -<hr /> - -<p>Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe -doch! singe!« Und ich würgte und preßte an meiner -Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es sei -denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte -Dimitri. So war es. Unminne zerfraß meine Kraft!</p> - -<p>Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll -klingt mein Lied. Und das Lied, das Lied, das ist ja -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -gerade – <em class="ge">das Lied von dem Gesange</em>! Was -ich an ihr, der Stimme, erlebte, künde ich <em class="ge">mit</em> ihr! -Und die vielen Lieder, die mir aufspringen, – ein -einziger Gesang sind sie nur, tief in sich verbunden: -der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben, -bis zum heutigen Tag.</p> - -<p>Ich – bezahle. Für mich bezahle ich und alle -die, die jemals sangen, denen Verkündigung ward, -gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben, -bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner -Stimme!</p> - -<hr /> - -<p>Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf -mich, eine schwere Hand. Ein eisiger Hauch kann -mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem Geheimnis. -Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus -einem Auge, das mir unsichtbar.</p> - -<p>Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt, -versinkt mir, mit einem Schlag.</p> - -<p>Es <em class="ge">kann</em> geschehen.</p> - -<p>Aber ich will geopfert haben. Will entzündet -haben den Stoß, für die hohe Zeit, da mir die Stimme, -die eigene, einzige, mir selbst gehörende Stimme, – -klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in -den Schlaf der Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg! -Da ich außer mir war, außer dem Staube, ekstatisch, -tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott -überlassen.</p> - -<hr /> - -<p>»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch -nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand -etwas.« Goethe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden? -Dieses »Wie«?</p> - -<p>Doch vielleicht einem Dichter gelänge?</p> - -<p>»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«. -Geschehen muß es, mit ihm geschehen.</p> - -<p>Und wenn es mit einer – Frau geschähe?</p> - -<p>Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend – -das Schaffen. Aus dem Gesange selbst – die Stimme!</p> - -<p>Wenn es – geschähe?</p> - -<p>Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf?</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Wenn ihr klänge Amselflöte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hell ins Dämmergrau,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ihr sprühte Morgenröte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Flammend aus dem Tau,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn sie, opfernd, im Gebete</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein Gesicht erschau',</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eine Antwort dann für Goethe</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fände eine – Frau?</td></tr> -</table> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>E</b>ine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach -zu ihm: »Mach und treibe Musik!«</p> - -<p>Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie -die vortrefflichste Musik sei.</p> - -<p>Viel – Musik kommt mir von dir, du Musiker!</p> - -<p>Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff -ist's, über Menschenmaß. Diese Erde – eine Winzigkeit, -gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos erscheint.</p> - -<p>Und ich, und ich?</p> - -<p>Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären, -Sonnensysteme mit ihren Trabanten, unendlich, unermeßlich, -unvergänglich.</p> - -<p>Und ich, und ich?</p> - -<p>Ich – denke sie. Ich bin das denkende Prinzip. -Und nicht nur dies: Ich bin die Wärme. Die einzige -Wärme im All – ist mein Menschenherz.</p> - -<p>Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende -Sonne. Allein das Menschenherz hat Wärme.</p> - -<p>Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist -Helle. Und Helle ist der Gedanke. Und der Gedanke -ist die <em class="ge">Stimme</em>, die rufende!</p> - -<p>Und die Stimme ist Gott.</p> - -<p>Das Herz ist Gott!</p> - -<p>Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen -an der Unendlichkeit, ein Stecknadelknopf ein -Kosmos ist, – ich trage es in mir, das Wärmende, -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht -werden und die Milchstraßen – und der Amselschlag, -am jüngsten Morgen.</p> - -<p>Hörtest du das Tirillili?</p> - -<p>Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte -es, wie es die Sphären denkt. Kein Gott nimmt uns -das Tirillili. Kein Sphärengedonner übertönt's.</p> - -<hr /> - -<p>Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein -– Herz. Es preßt und zieht sich oft so sonderbar zusammen -– Johannes?</p> - -<p>Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir -reisen. Das Herz –</p> - -<p>Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter -denke? Wenn wir reisen, ende ich die Blätter. Dann -– singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme.</p> - -<p>Zwei? Eine?</p> - -<p>Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht -durch sie, <i>anima mea</i>.</p> - -<p>Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz –</p> - -<hr /> - -<p>Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte -meine Stimme, bis zur Brünhildhöhe. Und -sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen -fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang. -»Und das wird alles noch wachsen«, sagtest du, im Spiel.</p> - -<p>Ich aber – sang:</p> - -<table summary="" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Geh hin zu der Götter</td></tr> - <tr><td class="tdl">Heiligem Rat!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von meinem Ringe</td></tr> - <tr><td class="tdl">Raun' ihnen zu:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Liebe ließe ich nie,<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Mir nehmen nie sie, die Liebe!«</td></tr> -</table> - -<hr /> - -<p>Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns -gnädig vor Dämonen behüten mögen. Denn mir -war immer bange vor Dämonen.</p> - -<p>Und da entzündete ich diesen – Stoß.</p> - -<p>Die Asche dir!</p> - -<p>Hier stehe ich, – eine heidnische Priesterin. Eine -»Stimme« habe ich gehört, die mir zu opfern befahl. -Mit eigener Hand zu verbrennen, mein Eigenstes.</p> - -<p>Und ich tue, wie mir geboten wurde.</p> - -<p>Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß -war ich, in dem der Gott wohnte.</p> - -<p>Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll, -den kostbaren Stoff: diese verrauschten Liebesjahre.</p> - -<p>Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine -Leichen.</p> - -<p>Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand.</p> - -<p>Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines -Amtes ist!</p> - -<p>Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel, -mitten hinein, mit eigener Hand.</p> - -<p>Wild und prasselnd schlägt es auf. Und <em class="ge">Stimmen</em> -höre ich aus dem Brande:</p> - -<p>»– – – Priesterin, – nahe, nahe bist du den -Flammen! Siehe zu, daß sie nicht dein Gewand ergreifen!«</p> - -<p>Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein -Priestergewand, ein geheimnisvoll geweihtes, gefeites, -wenn sie es verzehren könnten, diese Flammen?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den -Becher, voll bis zum Rande, den vollen, wahrlich -übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus, -auf Opfer und Altar.</p> - -<p>Und hier – die Lust, die ich genossen habe, ich -streue sie hinein in die Flammen, wie reifes Getreide.</p> - -<p>Seid ihr's zufrieden, Götter?</p> - -<p>Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein -wildes und doch heiliges Lied: ein christliches Lied, -aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches Büßerlied, -wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den -irdisch Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte -mir entgegen aus dem wilden Geprassel: »Rette, -rette deine Seele!«</p> - -<p>Und bange starrte ich in das Flammenmeer.</p> - -<p>Und da – siehe, – da, was ist dies? Was flog -da auf aus der Glut? Flammengerettet, schmetternd, -alle Stimmen überschmetternd, übertönend, <em class="ge">die</em> -Stimme, <i>anima</i>, mein Phönix, mein unverbrennbarer!</p> - -<p>Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß -das Opfer den Göttern gefällig sei. Wie es zischend -hineinfällt und sie sprühen macht. Und wie mir alles, -alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt -mir im Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen -auf aus der Lohe, Dämpfe, die in den Lüften immer -reiner, immer klarer und klarer werden.</p> - -<p><em class="ge">In die Höhen entführt, was ich irdisch -verbrannte!</em></p> - -<p>Wohl mir: die Götter sind gnädig.</p> - - - - -<h3 class="pb"> <a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a></h3> - -<p class="in0"><b>I</b>ch habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe -getan, was meines Amtes war, was mir geboten -wurde.</p> - -<p>Und nun, nun?</p> - -<p>Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet.</p> - -<p>Und nun, nun?!</p> - -<p>Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die -frohen Noten, die da noch die Köpfchen heben und -herausspringen möchten aus dem Lied, – ich glaube, -– Scherze, Scherze.</p> - -<p>Was wird kommen? Das Singen, das große -Singen, Johannes, und das frohe, verfolgende Jagen -und das Tragen dabei, und in alledem, – dazwischen, -darüber, darunter, – das Strömen der gewaltigen -Welle! Blutrot war, ist sie gefärbt, diese Lebenswelle.</p> - -<p>Denn von meinem Herzen nährte sie sich.</p> - -<p>Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen, -mein Lieben, mein Sein.</p> - -<p>Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt, -das Herz, – es zieht, es preßt sich mir oft so sonderbar -zusammen, es wird nicht mehr wollen, Johannes, -nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was -ich noch schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe -aus mir, – was ich noch schuldig bin.</p> - -<p>Es wird dann nicht mehr können, das Herz, – -Johannes!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -Und die Stimme, die Stimme, auch sie – was -soll nun noch kommen mit ihr, von ihr?</p> - -<p>Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu -kommen. Nicht nur über Schwäne, auch über die -farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die Richard -Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte. -Ein großer Gesang kommt über sie und bricht heraus, -strömt, strömt.</p> - -<p>Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn -davon nährte sich das Lied, und nahm es mit, da es -verklang.</p> - -<p>Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht -jetzt nicht in Blüte, – es kommt ja jetzt der Herbst. -Und wir wollen nach Italien, zur Sonne, wallfahren, -opfern.</p> - -<p>Wenn es, wenn ich – wenn es geschehen sollte, -– nicht trauern, niemals trauern! Es bleibt ja von -mir – all mein Gesang und all meine <em class="ge">Seele</em> ...</p> - -<p>Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch.</p> - -<p>Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde, -in alle Weiten, denn Majas <em class="ge">Stimme</em> ist darin, die -du so sehr liebtest und die du gehört haben wolltest, -über alle Weiten!</p> - -<p>Und dann, dann?</p> - -<p>Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht -trauern.</p> - -<p>»Daß er treu das Geliehene hüte!«</p> - -<p>Das Geliehene – es bleibt ja.</p> - -<p>Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht -die wahrhaft Geretteten?</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -Werde ich <em class="ge">doch</em> leben?</p> - -<p>Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen, -pflegenden Händen, allem, was mich bedroht, -allen Dämonen entrissen werden, von deinen starken, -liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil -gepflegt von dir?</p> - -<p>Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle? -Vergehen, bevor sie ein einziges Mal noch ebbte, – -es wäre ein seliges Sterben.</p> - -<p>Muß ich vergehen – weil das Lied so stark war?</p> - -<p>Die Melodie, die Melodie, – wer <em class="ge">lieh</em> sie mir -doch? Wer war denn da in mir? Wer lieh, – wer -war – wie kam – wie war das doch, Johannes, -das mit der – – – Stimme?</p> - -<p>Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ....</p> - -<p>Wie – war das doch – Johannes?</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_237"> </a> -<b>Urteile der Presse</b><br /> -<span class="fss ge">über die Werke von <b>Grete Meisel-Heß</b>:</span></h2> - - -<p>Über »<b>Die sexuelle Krise</b>« schreibt <em class="ge">Karl Jentsch</em> in -der »Zeit« in Wien: »Schon dieser erste Teil ist ein großartiges -Werk. Großartig durch die erschöpfende Darstellung -aller erdenkbaren und wirklich vorkommenden Seelenzustände, -die das Geschlechtsleben verursacht. (Die Verfasserin kennt -auch die Psyche des Mannes auf das genaueste und wird -ihr gerecht, was sie mehrfach in Gegensatz zu bekannten -Forderungen der Frauenrechtlerinnen bringt.) Großartig -auch durch die naive Kühnheit oder kühne Naivität, mit -der sie das Intimste ausspricht, die aber, eben als Naivität -einer edlen und reinen Seele, nichts Anstößiges hat -und jeden Versuch einer Verdächtigung entwaffnen muß.«</p> - - -<p class="mt1">Über »<b>Das Wesen der Geschlechtlichkeit</b>« urteilt u. a. -<em class="ge">Professor Gramzow</em>: »Schon der Titel deutet die gewaltige, -umfassende Aufgabe an, die hier in Angriff genommen -ist. Aber nicht nur <em class="ge">riesenhaftes Wissen</em> liegt ihrem -Buch zugrunde, sondern auch eindringende Denkkraft .... -Man möchte vermuten, daß sich <em class="ge">bodenlose Tiefen des -Erlebens</em> hinter dem Buche auftun. Kein Teilproblem -der sexuellen Frage bleibt unerörtert. Nicht nur der Zusammenhang -der Formen und Forderungen des sexuellen -Lebens mit allen Angelegenheiten der Gesellschaft, sondern -auch die Verschärfung der sexuellen Krise durch den Weltkrieg -erfährt eingehende Behandlung .... Mit größtem -Wahrheitsmut wird überall <em class="ge">das letzte Wort der erreichten -Erkenntnis</em> ausgesprochen. Mir scheint es Bewunderung -und Dank zu verdienen.«</p> - -<p class="fss si mt0">(»Zeitgeist« des Berliner Tageblatts.)</p> - - -<p class="mt1"><b>Franz Graetzer</b>: »Daß das Werk ein <em class="ge">monumentales -Kunstwerk</em> geworden ist, daß es auf keiner Seite das -<em class="ge">Dichtertum</em> seiner gedankenreichen Verfasserin verleugnet, -ist dem Kritiker, der die Gesamterscheinung der – vielseitig -bedeutenden – Frau im Auge behält, wesentlich. Wer in -wesentlichen sachlichen Voraussetzungen anderer Meinung -ist, wer so manchen Teil der großen Sexualsoziologie, die -sie gibt, nicht restlos anzuerkennen vermag: <em class="ge">der</em> gerade legt -<a class="pagenum" id="page_238"> </a> -Wert darauf, vor alle Einschränkungen und Einwände den -Ausdruck seiner unbedingtesten Bewunderung und Verehrung -gegenüber der hier vollbrachten Leistung und der genialen -Persönlichkeit, die sie schuf, gesetzt zu wissen .... -Das Werk weitesten Kreisen und <em class="ge">allen Schichten</em> unserer -Zeitgenossen zugänglich und vertraut zu machen, sollten alle -einflußreichen Deutschen, <em class="ge">Parlamentarier, Ärzte, Erzieher, -Kirchenfürsten und Künstler</em> sich zur Pflicht -machen! Die unmittelbarsten positiven Werte des Buches -empfehlen sich allen Einsichtigen von <em class="ge">selbst</em>.«</p> - -<p class="fss si mt0">(<i>Exzerpta medica.</i>)</p> - - -<p class="mt1"><b>Danziger Zeitung</b>: »Das Buch ragt <em class="ge">leuchtturmartig</em> -aus der Masse der Sexualliteratur hervor ....«</p> - -<p class="fss si mt0">(Professor <i>Dr.</i> Kafemann.)</p> - - -<p class="mt1"><b>Der März</b>: »Ihre Darlegungen lesen sich, wie sie geschrieben -sind, »in einem Zuge«; sie ermüden trotz strenger -Wissenschaftlichkeit nirgends ....«</p> - -<p class="fss si mt0">(Otto Corbach.)</p> - - -<p class="mt1">Über »<b>Die Bedeutung der Monogamie</b>« schreibt Professor -<i>Dr.</i> <em class="ge">Silbermann</em> in der »Volkskraft«: »Alle Vorzüge -der Einehe und all die Nachteile der Polygamie hat -mit beredter Zunge unter Verwendung reichen und interessanten -Materials <em class="ge">Grete Meisel-Heß</em> hierin geboten. -Die Verfasserin hat in ergreifender Weise das dämonische -Unheil ausgemalt, mit dem die Untreue Ehe und Familie -schlägt. Ein »Hohes Lied« der Einehe wird angestimmt. -Akkorde erhebenden Glücks paaren sich mit den finsteren -Melodien unheilvoller Weissagungen. Die Art der Darstellung -erinnert an Schopenhauer. Gleich ihm entwickelt -die Verfasserin in ihrer ausführlichen Schrift nur einen -einzigen Gedanken, den sie aber nach allen Seiten hin wendet, -aus allen Ecken und Winkeln beleuchtet, bis nichts -mehr an ihm dunkel und unklar bleibt. Aus Kunst, Wissenschaft, -Literatur schafft sie reiches Material für und gegen -ihre These herbei. Keinen Einwand läßt sie unerwidert, -keine Behauptung ohne logischen oder materiellen Beweis.«</p> - -<hr /> - -<p class="ce fsl">Alle drei Werke sind zu beziehen<br /> -durch jede Buchhandlung oder den Verlag<br /> -<b>Eugen Diederichs, Jena</b>.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_239"> </a> -<span class="ge">Neuerscheinungen 1919</span></h2> - - -<p class="ce"><span class="fsl">Die Türme des Schweigens</span><br /> -Phantastischer Roman aus Indien von<br /> -<span class="fsl">Maxim. Maulbecker</span></p> - -<p class="ce"><span class="fsl">Das Heiratsgesuch</span><br /> -Heiterer Roman von<br /> -<span class="fsxl">Marianne Westerlind</span></p> - -<p class="ce"><span class="fsl">Seegespenster</span><br /> -Ein Nordseeroman von<br /> -<span class="fsxl">Anny Wothe</span></p> - -<p class="ce"><span class="fsl">Was ist Liebe?</span><br /> -Erotisch-sozialer Roman von<br /> -<span class="fsxl">Arthur Zapp</span></p> - -<table summary="" class="bo" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdc ge">Preis jedes Romans</td></tr> - <tr><td class="tdc"> In Geschenbd. 6,50 Mk., broschiert 5,– Mk. </td></tr> -</table> - -<p class="ce"><span class="fsl">Die Lore auf dem Dach</span><br /> -Heiterer Roman von<br /> -<span class="fsxl">Fritz Skowronnek</span><br /> -In imit. Lederband 4,50 Mk.</p> - -<p class="ce"><span class="fsl">Wie sie lieben</span><br /> -Zwölf Geschichten aus dem Leben von<br /> -<span class="fsxl">Fr. W. v. Oestéren</span><br /> -Mit mehrfarb. Umschlag von Lutz Ehrenberger<br /> -Kartoniert 2,80 Mk.</p> - -<hr /> - -<p class="ce ge">Durch alle Buchhandlungen zu beziehen</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_240"> </a> -<span class="ge">Sehr geeignet zu Geschenkzwecken!</span></h2> - - -<p class="ce lh1"><span class="fsxl ge">Sterngucker</span><br /> -Roman von<br /> -<span class="fsl ge">Max Geißler</span><br /> -Mit künstlerischer, mehrfarbiger Titelzeichnung<br /> -10. Tausend. Broschiert M. 5,–; gebunden M. 6,50</p> - - -<p class="mt1 ce lh1"><span class="fsl ge">Roda Roda:</span><br /> -<span class="fsxl ge">Das Rosenland</span><br /> -Bulgarische Gestalter und Gestalten</p> - -<div class="mw24"> -<p class="in0">Das umfangreiche Buch bringt neben einer kurzweilig geschriebenen -Geschichte des Bulgarenvolkes meisterhaft gelungene -Übersetzungen seiner hauptsächlichsten Literatur. -Der Leser ist erstaunt über die Schönheit und dichterische -Fülle, die sich ihm dabei offenbart. Wir lernen durch das -Werk die ganze Wesensart des bulgarischen -Volkes kennen.</p> - -<p class="ce">In farbenprächtigem Originaleinband M. 8,80</p> -</div> - -<p class="mt1 ce lh1"><span class="fsxl ge">Die Nebenehe</span><br /> -Eine unmögliche Geschichte von <em class="ge">Hedda Vernon</em><br /> -Mit Einleitung von<br /> -<span class="fsl ge">Artur Landsberger</span><br /> -Reich illustriert, mit farbigem Titelbild, kartoniert M. 4,–</p> - -<hr /> - -<p class="ce"><span class="fsl"><b>Gebrüder Enoch</b></span>, Verlagsbuchhdlg., <span class="fsl"><b>Hamburg I</b></span></p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<div class="mw36"> -<p class="ci">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p> - -<p class="ci">Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils zu -Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription -verzichtet wurde.</p> - -<p class="ci">Die Überschrift "Erster Teil." ist im Originalbuch nicht enthalten und wurde in dieser -Transkription eingefügt.</p> - -<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_016">16</a>:<br /> -im Original "aufgelöst haben in sich zu, lauter Stimme"<br /> -geändert in "aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_028">28</a>:<br /> -im Original "der vollzogenen Tatsche unserer Vermählung"<br /> -geändert in "der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_047">47</a>:<br /> -im Original "Die Fremdenwaren meist Russen"<br /> -geändert in "Die Fremden waren meist Russen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_051">51</a>:<br /> -im Original "<i>Le regard, Le sourire? La voix?</i>"<br /> -geändert in "<i>Le regard? Le sourire? La voix?</i>"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_055">55</a>:<br /> -im Original "<i>L'ombro di Carmen</i>"<br /> -geändert in "<i>L'ombra di Carmen</i>"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_081">81</a>:<br /> -im Original "Die sehr hellen Hare fielen"<br /> -geändert in "Die sehr hellen Haare fielen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_093">93</a>:<br /> -im Original "In alles hineinblicken"<br /> -geändert in "»In alles hineinblicken"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br /> -im Original "welch' eine Fülle war in in dieser Zuversicht"<br /> -geändert in "welch' eine Fülle war in dieser Zuversicht"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_132">132</a>:<br /> -im Original "Man wußte sich hineinsetzen"<br /> -geändert in "Man mußte sich hineinsetzen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_143">143</a>:<br /> -im Original "wenn ich die Augen ausfchlage"<br /> -geändert in "wenn ich die Augen aufschlage"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_145">145</a>:<br /> -im Original "sich bei Licht, als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"<br /> -geändert in "sich bei Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_151">151</a>:<br /> -im Original "Holla! Hussa! hussa!"<br /> -geändert in "Holla! Hussa! Hussa!"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_154">154</a>:<br /> -im Original "Geheimnisvollerers"<br /> -geändert in "Geheimnisvolleres"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_158">158</a>:<br /> -im Original "wie ich es gefürchtet hatte"<br /> -geändert in "wie ich es gefürchtet hatte."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_162">162</a>:<br /> -im Original "Feilich. Darum müssen sie einander"<br /> -geändert in "Freilich. Darum müssen sie einander"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_165">165</a>:<br /> -im Original "sich gelasseu darein ergeben"<br /> -geändert in "sich gelassen darein ergeben"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_196">196</a>:<br /> -im Original "Eine Erdgeheimnisse – Wissende ist sie."<br /> -geändert in "Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie."</p> -</div> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. 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