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-The Project Gutenberg eBook of Die Stimme, by Grete Meisel-Heß
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Die Stimme
- Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete
- Ausgabe.
-
-Author: Grete Meisel-Heß
-
-Release Date: December 4, 2021 [eBook #66880]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file made from scans of public
- domain material at Austrian Literature Online.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME ***
-
-
-
-
- [Illustration]
-
-
- Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.
-
- ~Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.~
-
-
- Druck von H. Carly, Hamburg.
-
-
-
-
- Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe
-
-
- Grete Meisel-Heß:
-
- Die Stimme
-
- Roman in Blättern
-
-
- 6.-8. Tausend
-
-
- Gebrüder Enoch
-
- Hamburg :: Verlagsbuchhandlung :: Leipzig
-
- 1919
-
-
-
-
-Die #Hauptwerke# von
-
-Grete Meisel-Heß
-
-erschienen bei #Eugen Diederichs#, Jena.
-
-
-Es sind dies die Werke über das Sexualproblem:
-
-
-I. Teil: #Die sexuelle Krise#
-
-1. Bd. erschienen 1909, 5. Tausend, brosch. 5,50 Mk., geb. 6,50 Mk.
-
-
-II. Teil: #Das Wesen der Geschlechtlichkeit#
-
-2 Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5. Tausend
-
-Preis brosch. 10,-- Mk., geb.  13,-- Mk.
-
-Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der ~Dr.~ August Specht-Stiftung in
-Gotha.
-
-
-III. Teil: #Die Bedeutung der Monogamie#
-
-1. Bd. erschienen 1917, 4. Tausend, brosch. 5,-- Mk., geb. 6,50 Mk.
-
-
-Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich.
-
-
-Vorher erschienen von der Verfasserin:
-
-
-#Die Intellektuellen#, Roman
-
-6. Aufl. Verlag Oesterheld & Co., Berlin W. 15.
-
-
-#Betrachtungen zur Frauenfrage#
-
-Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W. 80.
-
-
-#Geister#, Novellen
-
-Verlag ~Dr.~ S. Rabinowitz, Leipzig.
-
-
-#Weiberhaß und Weiberverachtung#
-
-Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien I.
-
-
-Urteile der Presse am Schluß des Buches.
-
-
-
-
-Die Stimme.
-
-
- »Was bedeutet diese Entfremdung des innersten Wesens, dieses Versagen
- der melodischen Kraft? Wem gehört sie an? Dem Vogel? oder wer
- _leiht_ sie ihm nur? Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die
- Melodie.«
-
- Richard Wagner.
-
- (Briefe an Mathilde Wesendonk.)
-
-
- »Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie
- erfährt dabei niemand etwas.«
-
- Goethe. (Sprüche.)
-
-
-
-
-Vorwort
-
-zur ersten Ausgabe 1907 Berlin.
-
-
-Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen, der Rat
-meiner Freunde war dagegen. Ich sollte nicht den Schein auf mich laden, als
-ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte ich nicht. Ich beabsichtigte
-nur, mich vor Identifizierung meiner Person mit dem hier in Ichform
-geschilderten Frauenschicksal zu schützen, -- ein Bedenken, das selbst
-Goethe nicht außer acht ließ, als er unter den Roman »Aus meinem Leben«
-die Bezeichnung »Dichtung und Wahrheit« setzte. Das Lachen und Weinen
-dieser Blätter wurde nicht nur »erlebt«, sondern auch geschaut, gehört,
-geträumt. Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens jemals
-nachging, weiß, daß die Vision da beginnt, wo das Leben uns im Stich
-läßt.
-
- Dezember 1906.
-
- G. M.-H.
-
-
-
-
-Vorwort
-
-zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe.
-
-
-Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen und sehnsüchtigen
-Phantasie, auf künstlerischem und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist
-die innerste Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck ringt und ihre
-Melodie zu finden sucht. Ich habe sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.
-
-Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 Berlin. Nach zwölf
-Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse und Papiernot, seine Auferstehung
-erlebt. Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.
-
- _Berlin-Friedenau_,
- Oktober 1918.
-
- G. M.-H.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- I. Teil: Präludium.
-
- Kindheit.
-
- Rudi, Yussuf, Dimitri.
-
- Probleme.
-
-
- II. Teil: Motiv.
-
- Johannes.
-
- Ekstatica.
-
- Melancholica.
-
- Anima.
-
-
-
-
-Erster Teil.
-
-
-
-
- Sollt mir nicht das Lachen schelten,
- Und das Weinen, laßt es gelten!
- Was mir wollte trüb erscheinen,
- Mußt ich mir herunterweinen.
- Was mich wollte tanzen machen,
- Mußt ich mir herunterlachen.
- Lachen, mit den nassen Augen,
- Solches Lachen, laßt es taugen!
- Weinen, mit dem frohen Mund,
- Wer es kann, weint sich gesund.
- Drum das Lachen wie das Weinen
- Mußt ich in der _Stimme_ einen,
- Und die wollt es nimmer halten,
- Stärker waren die Gewalten:
- Aus der Stimme wollte springen
- Hell ein Lied, -- ich ließ es klingen!
-
-
-
-
-Das Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, Mitte, Schluß, Vorbedacht und
-Absicht. Das Leben ist -- ja was ist es?
-
-Der Tag hält das Individuum. Und so wie es Tage gibt, die uns hoch
-emporheben, über unser Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns
-schleifen.
-
-Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen sie
-aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder -- werden zusammengefaßt, von
-einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie
-eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch.
-
-»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen das Leben. _Blätter_
-sind es, aus denen ein Schicksal wird.
-
- * * * * *
-
-Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das Motiv dieses Vielklangs.
-Nun aber ist mir, als höre ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer
-wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, der nicht nur der deiner
-Musik, sondern der deiner selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend
-und doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in deiner ganzen Person
-verkörpert erscheint.
-
-Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf alle meine eigenen Töne, das
-Einzelne, das Verstreute, das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde
-gebracht, und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren sich mir, das
-Motiv wird mir deutlich, dunkle Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie
-Baßbegleitung zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen meines
-Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, sondern notwendig. Das hast du
-getan, du guter Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir aus
-der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, sie herausgerufen mit
-deiner Musik von da, wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und jene
--- andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in diesen Blättern, sie
-kommt mir vielleicht mit ihr. Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten
-dafür nur ein Wort: ~anima~.
-
-Und »Entfremdung des innersten Wesens« und »Versagen der melodischen
-Kraft«, es ist ein und dasselbe!
-
-Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder belebtest!
-
-Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, denn es ist ja nur eine, mit
-dieser Stimme, die du so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil
-gepflegt hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und zersprungen
-war, mit ihr will ich dir erzählen alle meine Schicksale, die zugleich die
-ihren sind.
-
-Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen davon, so willst du,
-und sie damit ganz befreien. Niedergelegt soll es sein, geopfert.
-
-Geopfert -- wem? Den Göttern? Werden sie gnädigst als Opferdampf in
-die Höhe entführen, was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen
-emporsteigt?
-
-Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie denn nicht von ihrem
-eigenen Herd?
-
- * * * * *
-
-Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du es willst, so wird das
-ja dann wohl ein »Buch«? Wenn es denn schon ein Buch werden soll,
-so wünschte ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert träumte:
-»-- ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt, das sich durch sich selber
-halten würde, aus der inneren Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft
-schwebt, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen Stoff hätte,
-oder in dem der Stoff fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.«
-
-Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so will mir scheinen, nur
-dann, wenn es notwendig ist. Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn
-eben so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst auflöste in
-lauter -- Stimme. Also ein Buch der Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung,
-die der »Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen und
-aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: Stimmung ist eingewoben in
-Handlung. Dies Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen
-Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, Seele, Hauch, -- ~anima~.
-
-Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. Sie werden
-diktiert. Von irgendwoher. Und wie von selbst entstehen sie unter diesen
-wie zu Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt auf und nimmt ihren
-Weg. »Wem gehört sie an -- dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und
-welch ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?
-
-Dieser Zustand -- nicht selbst schon Stoff? Stoff, nicht vom Staube geboren
-und zum Staube gehend: Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. Und
-der Staubgeborene, über den er kommt, dieser Zustand, ist dann außer dem
-Staube, außer sich, -- ekstatisch.
-
-Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In kurzen oder langen
-Zusammenhängen, in wehenden wirbelnden Blättern oder in treulich
-geführter Chronik. Wie es über mich kommt. Wie es mir -- diktiert wird.
-Vorsatzlos will ich bleiben.
-
- * * * * *
-
-Kindheit -- Sehnsucht danach? Was ist dies? Ausgeliefert an alles und
-alle, unwissend und doch schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel
-erfahren werden müsse, bevor das Chaos Welt seine Gestalt offenbare. O
-diese verzweifelte Sehnsucht im kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem
-Ähnlichen, und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche gäbe, oder ob
-nicht dieses eigene kleine Ich (das da zu reflektieren beginnt) ein großer
-Irrtum sei, der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren müsse!
-
-Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines Mädchen einsam ist.
-
-Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim Riesen Wilkins.
-Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, mit zehn Jahren (Giorgio,
-mein Bruder, war im Pensionat). Und ich -- allein, allein. Denn mir war
-irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten Leuten.
-
-Meine Mädchenjahre -- studieren, singen, tanzen -- ohne Ahnung, was daraus
-werden sollte. Der Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun konnte.
-
-Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie müßten mit Ihrem Temperament
-zum Theater gehen. Auch haben Sie Stimme.«
-
-Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, das Theater. Tanzen, singen,
-springen, lachen, weinen, jubeln -- das konnte man ja auf jenen Brettern.
-
-Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und Literat dazu. Sein Papa gab ihm
-Essen, Wohnung und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren
-Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste Zeit verbrachte er im Café.
-Dort kam er in Stimmung. Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft
-kennen gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht auf so gewöhnliche
-Art wie andere Leute. Er sagte mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft
-waren es Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er mich liebe.
-
-Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht
-war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der
-leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte
-sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß
-seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und
-dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.
-
-Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. Besonders
-die Stimme schien ihm interessant.
-
- * * * * *
-
-Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. Ich wurde examiniert.
-Resultat: Talent, Chance, Ausbildung.
-
-Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von Rudi. Schwermütige und
-doch seltsam anmutige Verse. Und Rudi sprach mir von den Reizen eines
-freieren Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.
-
-Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine literarische Zukunft.
-Er arbeitete an einem Librettotext.
-
-Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein Libretto war angenommen. Und
-der Theaterdirektor wollte mich hören.
-
-Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem Theaterdirektor. Ich war in
-glänzender Laune. Der Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement
-»vom Fleck weg«.
-
-Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. Hatte sich je ein Mensch um
-mich gekümmert wie er? Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei war
-man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen mich »einließ«, »der
-nichts ist und nichts hat«.
-
-An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.
-
- * * * * *
-
-Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum Theater ginge. Ich war
-minderjährig. Als Rudis Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte.
-
-Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei. Auch war niemand da, der mir
-auch nur einigermaßen gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung
-gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als Weib empfunden hätte, bei dem
-ich _gerne_ unfrei geworden wäre.
-
-Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war doch etwas, was von ihm
-zu mir ging, was ich _fühlte_. Anders fühlte, als wenn ich mit meinen
-Freundinnen war. Aber was, was war eigentlich mein Weg? Was war das mit
-dieser Stimme? Sollte sie beachtet werden? Und wohin mit ihr?
-
-An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken.
-
- * * * * *
-
-Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim. Dennoch kam die Sache auf.
-Meine Eltern wollten von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille
-war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung.
-
-Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis Name stand noch öfter in
-den Zeitungen. Das nutzte aber alles nichts.
-
-Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug der Operette samt Text. Ein
-junger, begabter Komponist hatte ihn vertont.
-
-Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum Heulen. Ich konnte mir einfach
-nicht vorstellen, wie man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese
-Sätze, diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte. Und einen
-»Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff. Ich verschwieg ihm auch nicht
-meine Meinung.
-
-»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht genommen.« (Und da
-hatte er recht.) »Literarisch leb' ich mich ja anderweitig aus!«
-
-»Wo denn?«
-
-»Die -- Gedichte?!«
-
-Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein durfte er »sich
-ausleben«, hier bei mir. Anderwärts mußte er sich verleugnen! O, der
-Arme!
-
-»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe will ich Geld verdienen?«
-
-Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung.
-
-Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen. Rudis Name als Literat
-war gemacht. Er verdiente auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun doch
-nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix ist und nix hat«.
-
- * * * * *
-
-Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich dürfe ihn nie und
-nimmer heiraten. Man berichtete mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte
-darüber. Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei es, wie es
-sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht. Wie ein Verhängnis kam es
-mir selbst vor.
-
-Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein Leben steuern sollte, wenn ich
-von diesem Plane abließe.
-
-Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt, wie jede Frau. Rudi war nicht
-dieser »Mann«. Aber ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild
-entsprach. Es war wohl ein phantastischer Traum. Konnte ich warten, warten
-ins Blinde? Steuerlos mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die heraus
-wollte und nicht wußte wohin?
-
- * * * * *
-
-Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele kämen. Ich verließ
-eines Tages das Elternhaus und war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi
-wußte nicht, wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten das
-so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne, er wisse nicht, wo ich
-wohne, falls man etwas gegen ihn unternehmen sollte.
-
-Wir hatten uns nicht getäuscht.
-
-Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich telephonierte zu seinem Papa
-und erfuhr, daß Rudi wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht
-sitze.
-
-Entführung einer Minderjährigen, das ist kein Spaß in Österreich. Der
-Augenblick, aus meinem Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei
-Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist. Sie sprach an diesem
-Tage nicht mit mir. Rudi wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes
-sofort enthaftet.
-
-»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte meine Mutter mit
-finsterer Miene.
-
-»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich. Ihn heiraten zu
-_müssen_, daran hatte ich nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre
-er mir vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn durchaus nicht
-heiraten zu dürfen!
-
-»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts -- geschehen«, sagte ich kleinlaut.
-
-»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man glauben und auch nicht,
-jetzt mußt du ihn heiraten, als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen,
-die du dir eingebrockt hast.«
-
-Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen mir damals wahrhaft böse
-war, hat sie mich damals nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint,
-weniger erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen gesetzt!
-
-Und es war wirklich nichts geschehen!
-
- * * * * *
-
-Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit der Eltern das Weiseste,
-was ihnen übrigbleibt!
-
-»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht leuchten über euch
-und sei euch gnädig!« floß es vom Chor herunter.
-
-Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer wilder, immer
-fassungsloser.
-
-»Er lasse sein Angesicht leuchten über euch« --
-
-O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände? Arme,
-arme Kinderhände! Wie müssen sie erst blutig zerfetzt werden, ehe sie
-aufhören, mitten ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen da
-Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun durch das Gestrüppe nach
-diesen Sternen greifen und glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt --
-zum Spielen!
-
- * * * * *
-
-Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar nach meiner Trauung,
-laß mich sprechen von dem, was du ja weißt, laß es mich hier
-niederlegen, wie alles andere.
-
-Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung der Eltern. Ein kleiner
-Kreis war da versammelt, Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging
-auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und kam im Reisekleid in den
-Salon. Ich begrüßte meine Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer,
-wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute. Ich trat da ein und
-sah einen Fremden. Ein Verwandter von mir, ein Musiker, Mitglied des
-Opernorchesters, sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das ist der
-Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker vorgestern hier aufgeführt
-haben. Er ist Professor an der Musikhochschule in B.«
-
-»Wer ist dieser Mann?« sagte ich.
-
-»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt, ihn hierher
-mitzubringen, weil er mit dem Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist
-abends wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug. Entschuldige
-das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde dich interessieren!«
-
-Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen Namen.
-
- * * * * *
-
-Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr in den Salon zurück. »Sie
-sind die Braut«, sagtest du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine
-Frau.« Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch von meiner Stimme.
-
-»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte dir ihn. »Und Sie
-reisen?« »Ja, wir reisen.«
-
-»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.«
-
-»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich ging in mein Zimmer und kam
-wieder mit einem Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der vom
-Schleier gerissen war.
-
-»Darf ich das behalten, -- zur Erinnerung an meinen Einbruch hier im
-fremden Haus?«
-
-Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten Reisetasche.
-
-»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen nichts. Sehen Sie, sie
-öffnen sich ja. Sie werden sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe
-sein, ~en miniature~.«
-
-»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe werden wohl halten.«
-
-»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du, »denn sonst verlieren
-Sie die Tasche. Ich reise erst nachts und kann mir bis dahin noch andere
-besorgen.« Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an denen
-der Riemen hängt, und befestigtest sie an der meinen. Es waren das feste
-Stahlringe, mehrfach gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was sie
-zusammenhalten sollen, nicht verloren werden konnte.
-
-Der Wagen kam.
-
-»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt -- reisen. Und ich danke Ihnen für
-die Ringe.«
-
-»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.«
-
-Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten Ringe, die deine wie meine
-Hand trug, berührten einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam das?
-Zitterten denn die Hände?
-
-Und dann mußte ich reisen, -- hochzeitsreisen mit Rudi Neudorfer!
-
-Ja, ich _mußte_.
-
- * * * * *
-
-Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration, die Entjungferung
-eines Weibes als eine schlechte, schmutzige Sache zu betrachten! Eine
-Sklavenarbeit, eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen
-germanischen Herrenrecht auf die erste Nacht (welches das Weib
-vielleicht viel deutlicher noch zur Benützten machte als jene antike
-Degenerationserscheinung) trieben sie die Jungfrauen, die stolzen, die
-schönen, die starken, hinunter an den Strand und ließen sie von derben
-Sklaven oder von phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern
-machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen in Betracht.
-
-Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult, was ist er anderes als
-eine Fluchtstätte der degenerierten Mannheit?
-
-Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte es geschehen, daß die
-Schlechten, die Sklaven, an die Jungfrauen, die stolzen, die starken, die
-schönen, herankommen konnten, herankommen mußten.
-
- * * * * *
-
-Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos« vor Augen:
-
-Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet ihn, Siegfried!
-
-Es kommt ein anderer, ein Geringer.
-
-»Wer drang zu mir -- wer _drang_ zu mir?«
-
-Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, -- die Nacht der Hingabe, in
-heller, seliger Bewußtheit, mit dem hellen, seligen Willen zu empfangen.
-
-
-
-
-Nun war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau Neudorfer-Hertz. So wollte es
-mein mich managender Mann. Mein Engagement verpflichtete mich von Beginn
-der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen nach meiner Heirat.
-
-Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges Hütchen auf dem
-Kopfe, ein weißes Stöckchen keck durch die Luft wippend, kam ich in
-meiner ersten Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch hinter
-mir schritten. Wir marschierten unter den Klängen einer Polka graziös im
-Bogen bis an die Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und sang »mit
-reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie:
-
- »Die klu--gee -- Frau
- Die weiß -- gee--nau,
- Wie der Mann zu fassen ist,
- Wie man ihn am besten küßt!
- Die klu--gee -- Frau -- --«
-
-Ich hatte einen ~grand succès~!
-
-Rudi strahlte.
-
- * * * * *
-
-Die materielle Basis unserer Menage war trotz unserer leichtsinnigen
-Sorglosigkeit vor der Eheschließung keine üble. Ich hatte von meinen
-Eltern eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er eine sehr
-anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich der vollzogenen
-Tatsache unserer Vermählung ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als
-Feuilletonist, auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein, und ein
-zweites Libretto hatte er »unter der Feder«.
-
-Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen.
-
-Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas in den Weg, im Gegenteil,
-das »interessante« junge Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen
-hatte, erfreute sich allseitiger Sympathie.
-
-Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so wenig mit mir sah. Auch mich
-wunderte das schließlich. Aber andererseits, -- mußte er nicht in seinem
-Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so handeln, wie es die
-»Stimmung« mit sich brachte? Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht
-arbeiten.
-
-Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten Fußtouren bei Nacht durch die
-menschenleeren Straßen der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des
-Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn daran zu hindern?
-
-Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh nach Hause kam.
-Bis Mitternacht, -- während ich im Theater war, -- hatte er zu
-Hause gearbeitet, sagte er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich
-verspätete. Dann lief er schnell zum Theater, um mich abzuholen, ich aber
-war natürlich schon fortgefahren, -- nun und dann war er eben ein paar
-Stunden herumgebummelt.
-
-Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu binden. Und gewöhnte
-mich, allein nach Hause zu fahren.
-
-Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann galante Ideen. Ließ mir
-z. B. ein Bukett aus den Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt,
-steckte mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du bist entzückend,
-Carmencita.«
-
- * * * * *
-
-Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentliche
-Sopranheldin (ich war ein Alt und gab die edleren Seelen), die Schöne
-Helena des Theaters. Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters
-zu finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine Französin,
-verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. Wir sprachen manchmal
-zusammen, auch so -- nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen.
-Neugierige Fragen -- mehr oder minder verblümte Antworten. Daß sie
-keine Kinder hatte, erklärte sie mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich
-verbotener Vorgang sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. »~On
-ne peut pas éviter, vous savez!~«
-
-Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren bei einer
-geeigneten Person -- abonniert hatte! Dadurch käme es billiger. Die ersten
-Male sei sie fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie besser
-heraus.
-
-Sie hatte sich abonniert darauf!
-
-Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch lebte!
-
-Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi zu erzählen. Mit
-Choristinnen und Statistinnen unseres Theaters hätte man ihn da und dort
-gesehen. Ich fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte aber nicht
-seine Lebensweise.
-
-Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen Übermenschen
-gehört!) gegenseitig ausgemacht worden. Aber ich hatte nie auch nur im
-entferntesten daran gedacht, daß man sie anders benützen könnte, als
-ich.
-
-Das -- das fing doch an, mir über den grünen Klee zu gehen.
-
-Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich wußte nur nicht mehr
-recht, was und wie. Ich glaubte es deswegen nicht, weil ich mir nicht
-vorstellen konnte, daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr
-bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde. Und so betrügen.
-Eine Leidenschaft für eine andere Frau hätte ich jederzeit begriffen.
-Die Ehe kann zu keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann
-ganz friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit auch formell
-wiedergegeben. Ohne Groll, ohne Feindschaft.
-
-Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen herumziehen sollte, war
-eine andere Sache. Ich glaubte es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft
-der meinen vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt. Wer war
-eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben führte er _eigentlich_? War
-die Vertraulichkeit seinerseits -- erlogen? Gab es denn Menschen, die so
-etwas fingieren konnten?
-
-Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an allem.
-
-Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare Angst vor -- ich weiß
-nicht was.
-
-Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn heiratete.
-
-Und wie stand ich nun da, in den Augen aller Welt, wenn sich die Sache,
-für die ich mich so sehr eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies?
-
-Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir. Später, als es notwendig
-wurde, war der Gedanke an die Meinung aller Welt wie fortgeblasen.
-
- * * * * *
-
-Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, trotz unserer sehr
-anständigen Einkünfte. Ich bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe
-an Grauen grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art Zwangsidee
-beherrscht wurde. Was immer er hatte und erraffen konnte, er mußte es
-ausgeben. Von einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, die
-ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, dreimal präsentiert. Unordnung
-in Geldsachen war mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine Mutter
-von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen vor Schulden,
-Überschreitungen des Budgets und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich
-übergegangen.
-
-Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich an mich
-heran. Was machte er mit dem Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte
-besonders nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen Ausgaben?
-
-Er, -- er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich nicht, wo es ihm
-hinkäme! Es zerschmölze ihm unter den Händen, er wüßte nicht wie.
-
-Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen Mädeln, aber die
-richtigen, die ganz »süaßen«, halfen ihm, unser Geld durchzubringen.
-
-Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das unheimliche Dunkel der
-Situation. Ein Blitz, der mir mit einem Schlage erhellte, was mir an dem
-Menschen dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, was an
-guten Gefühlen, die besonders nach der Hochzeit fast zärtlich geworden
-waren, -- wie begreiflich, -- für ihn in mir dagewesen war.
-
-Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß eines Toten«. Der Dichter
-hatte durch Selbstmord geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not
-waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde jetzt von einem Freund
-veröffentlicht. Mich interessierte es, von dem Manne zu hören, weil mir
-Rudi den Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine Zeitlang in der
-Redaktion einer Wiener Wochenschrift gewesen, die dann einging. Damals
-hatte sich der Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich in
-allen Auslagen zu sehen.
-
-Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis Liebesgedichte hatten einen
-starken Eindruck auf mich gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer
-dieser Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht hatte.
-
-Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und kaufte mir das Buch des
-Verstorbenen. Noch in der Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und
-las. --
-
-Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« hatte, -- ich fand sie
-hier, im Nachlaß eines Toten.
-
-Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und wartete auf mich mit dem
-Mittagessen. Er sah das Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch
-auf dem Tisch.
-
-Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und sprachen kein Wort. Als er
-sich nach Tisch erhob, sah ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da
-warf ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«
-
-»Exaltierte Person!«
-
- * * * * *
-
-Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener Mensch war. Wie
-eine Fabel, wie ein Märchen, wie ein Symbol erscheint mir nun diese
-Begebenheit. Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens den Kern
-trifft: er war ein Lügner.
-
- * * * * *
-
-Es geschah -- nichts. Ich war unfähig, irgendeinen Entschluß zu fassen.
-Was hätte ich auch tun sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte
-mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? _Sollte_ ich sie
-lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, bis irgend etwas geschähe, ich
-wußte selbst nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob und von
-selbst wirkte und entschied. In diesem Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein
-Fatalismus ist eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik jeder
-Situation als das in ihr wirkende Prinzip.
-
-Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell natürlich. In Wahrheit
-bestand keine Intimität mehr.
-
-Es kamen nun Monate eines widerwärtigen Kampfes. Es hieß, sich gegen
-etwas wie eine Verführung wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre,
-Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als eine solche Situation.
-Um das Gefühl des Zornes, der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen,
-kommt ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich einem Abenteuer
-in die Arme zu stürzen, nur, um mit einem Gefühl, das sie ausreißen
-will, fertig zu werden.
-
-Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber an
-eine in »glühender Liebesehe« jung verheiratete Frau wagte sich niemand.
-
-Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen Horizont aufgetaucht,
-der mehr Interesse für mich an den Tag legte, als es sich einer
-Jungvermählten gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte
-mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor ihm. Aber seine feste
-Formenzucht gab mir immer wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler,
-holländischer Abstammung. Er führte den klassischen Namen Orest.
-Orest van Haer. Er lebte seit mehreren Jahren in Wien und hatte sich
-als Porträtist einen großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in
-Stein gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen Kaisers denkt.
-Undurchdringlich schienen diese Züge. Die Augen aber glühten und
-führten ihr eigenes Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt
-und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt ist. Was ihm einen
-besonderen »Nimbus« in den Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der
-Glanz seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines großen alten
-Parks erworben und gab da von Zeit zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine
-Stätte, zu der zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet
-wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen gelebt, meist in
-Schottland.
-
-Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu einer »interessanten«
-Persönlichkeit. Auf seine Bitte sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das
-erstemal war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites Mal hatte er
-mich allein hingehen lassen! An diesem Tag blieb ich, da ich theaterfrei
-war, länger als die Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit van
-Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. Wir sprachen fast unausgesetzt
-von seinen Reisen. Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde nicht
-berührt.
-
-Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte ich mir wohl einen
-Augenblick, -- es wird ihn befremden, daß ich seiner Einladung, zu
-bleiben, nachgegeben habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über mich
-(Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise niemand. Man belächelte meine
-Beschäftigung bei der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien
-ich niemandem.)
-
-Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals schwer auf mir zu lasten.
-Da mein Mann immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene
-Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein fast ekles
-Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich damals im Wagen van Haers
-nach Hause fuhr. Mochte jener denken, was er wollte.
-
- * * * * *
-
-Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, -- das Singen und Springen
-auf jenen Brettln war mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte
-an dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, -- war Rudi wie
-gewöhnlich nicht zu Hause. Er schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein
-Hausrock lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich nahm die Sachen,
-um sie aus dem Weg zu räumen. Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche
-seines Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin vergessen.
-
-Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie öffnen sollte.
-Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. Ich wußte, daß ich irgend etwas
-Entscheidendes durch diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst
-erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, fern von jeder
-Umsicht im Verbergen seiner Machinationen.
-
-Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher Adressen. Ich nahm mir gar
-nicht die Mühe, sie abzuschreiben, nahm einfach die Zettel an mich.
-
-Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. Sollte er mit all diesen
-Weiblichkeiten leben? Ich beschloß, das zu erfahren.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen und fuhr von Adresse zu
-Adresse. Es waren nette kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand.
-»Süße Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, dafür erzählten
-sie mir hübsche Dinge von Rudi. Einige besaßen seine Photographie.
-Alle kannten ihn unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie eine
-Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper geführt.
-
-Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in sein Stammcafé die
-telephonische Mitteilung von seinem Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso,
-sein gesamtes Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere erfahre er
-beim Advokaten Soundso.
-
- * * * * *
-
-»Einverständlich« -- oder ein Prozeß lautete meine Devise. Er verbiß
-sich nun in mich wie ein wütendes Tier. Nein und nein. Er kam in meine
-Wohnung und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor meinen Augen
-würde er sich erschießen, wenn usw. Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu
-schonen. Darauf stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.
-
-Er behauptete, mir »eigentlich« -- treu geblieben zu sein. Möglich.
-Vielleicht lebte er nicht, vielleicht lumpte er nur mit diesen Mädchen!
-
-Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt hätte, -- ich wäre
-von ihm fort. Und wenn ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre
-von ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle mein Eigen genannt
-hätte, ich wäre von ihm fort. Denn er ekelte mich bis in die tiefste
-Seele, bis in jeden Blutstropfen hinein!
-
-Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: -- »der Schuft, der
-Lump«. Nein, ich dachte immer nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses
-war das Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.
-
-Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, erhielt ich eine schriftliche
-Nachricht van Haers. Die Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust
-dieser Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, mein Mann und
-ich, geneigt wären, den Silvesterabend als seine Gäste auf dem Semmering
-zu verbringen. Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer genannt
-waren, geladen. (Daß wir eben in Scheidung lagen, wußte er natürlich
-nicht, so wenig wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß ich
-mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.
-
-Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug im Hause fremder Leute
-und freute mich um so mehr auf den Ausflug zu Silvester.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich ergriff, die sich meiner
-Beherrschung entzog. Es war eine wilde Verzweiflung in mir, die sich
-in Form einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die
-Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und immer wieder geleert.
-Van Haer selbst trank nicht. Wir waren etwa vierzig Personen, von denen
-ich mit den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes hatte ich
-oberflächlich entschuldigt.
-
-Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir van Haer einen Spaziergang
-vor. Niemand würde unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der Wald im
-Schnee und Frieden. Er holte mir einen Pelz, und ich folgte ihm.
-
-Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips. Er hatte mir den Arm
-geboten und nahm meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er fragte
-nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine Ausflucht.
-
-Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen, tanzte ich ein paar
-Runden und zog mich dann auf mein Zimmer zurück.
-
-Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine Tür, die ich auch
-früher bemerkt hatte, und die zu einem Nebenzimmer führte, geöffnet und
-angelehnt. Der Schlüssel fehlte.
-
-Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit wieder. Also _so_
-dachte er sich das.
-
-Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock und legte mich
-merkwürdig unbesorgt aufs Sofa.
-
- * * * * *
-
-Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer trat ein. Meine Frage nach
-dem Schlüssel und nach der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der
-Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich in ein sonderbares
-Gewand geworfen. Es war eine Art Toga, aber von bunten, orientalischen
-Geweben mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt. Meine Spannung
-entlud sich in einem Gelächter: »Sie hätten mich auf elegantere Weise
-verführen müssen, Herr van Haer.«
-
-Und ich lachte und lachte.
-
-Er war dunkelrot geworden.
-
-Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir, bitte, die Situation.
-Sollte man sich, als man mein Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben?
-Gehört dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?«
-
-»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe den Schlüssel an mich
-genommen. Gestatten Sie, daß ich ihn hole.«
-
-Er entfernte sich.
-
-Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte diesen Mann zu dieser
-Handlungsweise? Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen war.
-Wahrscheinlich hatte er die Tatsache, daß ich die Einladung nur für mich
-allein annahm, in diesem Sinne gedeutet.
-
-Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen war durch das Unheil
-meiner Ehe, sie hatte wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen.
-
-Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel. Sein Gesicht war
-noch immer gerötet, und er sah mich fast feindselig an. Er war jetzt im
-Jagdkostüm, das er während der Fahrt herauf getragen hatte.
-
-»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte ich, und ich weiß,
-daß es so weich und freundlich klang, als müsse _ich ihn_ um Verzeihung
-bitten. Und plötzlich brach ich in Tränen aus.
-
-»Verzeihung -- Verzeihung. Um Gottes willen, verzeihen Sie mir!«
-
-Und er bat und bat, während ich still weinte.
-
-Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen für das, was ihn
-verführt hatte, mich zu beleidigen, ihm alles zu erzählen. Er hörte mit
-innigem Interesse.
-
-Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er, mir dann von sich zu
-erzählen. Und das Geheimnis, das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die
-Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er hatte etwas wie einen
-Glauben. Eine »Lehre« beherrschte ihn.
-
-Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte. Eine überschlanke
-Erscheinung mit fast harten Zügen; unnahbar, unbeugsam, fanatisch war
-der Ausdruck dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen
-Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von ihm. Am Tage ihrer
-Großjährigkeit wollte sie das Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen.
-
-Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau seiner Liebe sprach, gestand
-er die volle Größe des Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In
-diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte.
-
-Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über unserem so vertraulichen
-Geplauder fast Morgen geworden war.
-
- * * * * *
-
-Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein christlicher. Ein Magier
-war er. Während der Sitzungen bei ihm, in denen er mein Bild vollendete,
-erfuhr ich von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«. Das Bild
-selbst war damals wenig ähnlich. Aber das Interessante daran war dieses:
-es zeigte mich so, wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später
-aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«. Ich habe mich sehr
-verändert in diesen drei Jahren, Bekannte von früher erkannten mich oft
-nicht.
-
-Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«.
-
-Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare Gabe nicht, behielt
-nur die Skizze. Ein schottischer Earl, den er im Hause jener Dame kennen
-gelernt hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft.
-
-Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er ging von Wien fort, auf
-Reisen, und man wußte lange nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte
-ich wieder von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere Schicksale
-gehabt. Ob er an ihnen -- Christ geworden ist?
-
- * * * * *
-
-Wir schieden dennoch, -- genau so, wie wir geheiratet hatten: ohne
-»Einwilligung«.
-
-Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben. Hier schien mir meine
-Zeit greulich vergeudet. Auch verschlangen die Toilettenkosten die Gage,
-so daß materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte, wenn ich das
-Toilettebudget -- anderweitig hätte decken lassen. Aus dieser _Stimme_
-konnte ich eben, außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und
-der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden und ähnlichen
-Gelegenheiten noch keinen materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch
-_werden_ lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage, in die man lange,
-lange einlegen muß, bevor man von den Zinsen, die sie schließlich trägt,
-leben kann!
-
-Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck: was wird mit mir? Wie
-soll ich mich allein fortbringen?
-
-Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so vieler Frauen! Nicht _ihre_
-Schmach, freilich! Anders, anders wird das einmal alles sein.
-
-Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach preisgegeben, ohne irgendein
-Talent, irgendeine »Stimme« zu besitzen, die sie -- vielleicht -- doch
-schließlich einmal frei macht.
-
-Gouvernante werden???
-
-Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie habe ich gezittert!
-
-Frei, frei werden, um Gottes willen, -- frei!
-
-O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine Stimme! Ganz frei!
-Klinge mir voll auf, meine Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte,
-heißerflehte Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich brauche, um
-_singen_ zu können, um atmen zu können! Dankbar werde ich sein, dankbar
-und helfend, wenn ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme, diese
-Sicherheit, die einzig die Freiheit ist!
-
-
-
-
-Ich besaß, um mein kleines Heim zu erhalten, meine elterliche Rente
-als Grundlage meines Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr
-sie konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden und
-wirkte während der Saison in Konzerten, Akademien und künstlerischen
-Veranstaltungen in privaten Kreisen mit.
-
-Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche Erfolge zu bringen.
-Diese _Stimme_ interessierte, so unfertig sie auch war. Vom ersten
-Piepser an, den sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde nicht
-zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte und ermutigte mich,
-wenn ich mich stimmlos fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme,
-verzweifeln wollte.
-
-Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und obwohl die Menschen meist
-inkognito leben, bemühte ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken.
-Brennend interessierte mich immer der Mensch. Besonders in dem Punkt, wo
-sich sein Dasein mit einem andern verbindet. Die Ehe interessierte mich.
-Eine Einrichtung, ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom selben
-Menschen immer wieder verstümpert.
-
- * * * * *
-
-Was es mit dieser Stimme eigentlich werden sollte, wußte ich nicht. Mein
-Leben selbst erschien mir nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt,
-sein »Sinn«?
-
-Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen Sinn aufzufinden und ihm
-gemäß, meiner gemäß zu leben. Kraft des Leibes und der Seele.
-
-Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens, beim Erwachen schon, Kraft
-fühlte für den neuen Tag! Kraft in Hand und Blut und -- Stimme! O das
-fühlt man, gleich morgens schon!
-
-Und wenn ich matt erwachte -- ach, wie so oft, matt wie eine Fliege, müde,
-kampfmüde, von Bangigkeiten belastet! -- wenn ich so erwachte, ich weinte
-darüber in den Morgen hinein!
-
-Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?!
-
- * * * * *
-
-Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie länger als zwei bis drei
-Monate freiwillig in Wien aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma«
-hatte mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch diese
-flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, meine Wanderlust. Fort, wenn
-es nur irgend ging!
-
-Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die nie zur Ruhe kämen. Sie
-konnten kein Moos ansetzen, diese rollenden Koffer, -- so wenig wie das
-Moos an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.
-
-Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, ich wußte nie recht
-warum. So stand ich einmal in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße,
-im Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, vor mir auf
-der Erde, im Staub, fünf Kolli Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der
-Gepäckträger hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, ahnungslos, wie
-ich je wieder weiterkäme, weit und breit kein Mensch, nur die staubige
-Landstraße, in der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte mit der
-Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? Aber ein Narr wartet auf Antwort.
-
-Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen sein, denn am nächsten Tage
-promenierte ich unterm Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen,
-mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!
-
- * * * * *
-
-Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den sonderbarsten Verkleidungen:
-an der Table d'hôte saß sie, unter hundert Personen, im Glanz der
-elektrischen Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, wenn ich in
-Gesellschaft, die mir gestern der Zufall an die Seite gewirbelt hatte, zur
-Stunde des Kurkonzertes da erschien. In langen Stunden, die ich einsam
-im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster hinausblickend in eine fremde
-Gegend, ohne Ahnung, warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem
-Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu bestimmen, war sie da.
-
-Aber manchmal erschien sie mir auch in holder Gestalt. Auf einer Alpenwiese
-lag sie neben mir im Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, wenn ich
-in langer Wanderung an seinem Ufer schritt und mich dem Sturm überließ in
-wilder Freude. Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, --
-Einsamkeit war sie dann geworden.
-
- * * * * *
-
-Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen Nester zu Füßen der
-Seealpen, in der Nähe der vornehmen Badeorte der azurenen Küste.
-Villenkolonien, die wie Vororte jener Städte sind und von den
-Ruheliebenderen ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt gewählt werden.
-
-Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der eigentlichen Erholung
-kam heran, und dem Pseudofrühling, der der Winter hier ist, sollte der
-wirkliche folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten ihn ein.
-_Die_ Regen, ~les pluis~. Sie dauerten nun schon einige Tage. Man konnte
-nicht viel anfangen.
-
-Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel und las die Zeitungen,
-die gerade bei der Hand waren. Es war sehr voll, das Café. Kaum ein
-Plätzchen zu haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat um
-Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, es war kein Platz sonst
-frei. Ich erteilte sie, ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger
-Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, mit denen ich
-hier zusammengetroffen war und viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie
-sahen mich und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner roten Sammetbank
-beiseite. Es war gerade an jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu
-hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. Die Fremden waren meist
-Russen, Franzosen, Engländer. Meine Freunde gingen zum Theater, ich blieb.
-
-Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte mich nach neuen um.
-
-Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, schien das zu bemerken.
-Er reichte mir über den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt,
-und fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. Ich verneinte
-dankend, weil es ein italienisches Blatt war und ich zu mangelhaft
-italienisch verstehe.
-
-Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu gepflegt vielleicht und allzu
-geschont. Aber von edlem Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen
-Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, ohne daß ich es
-bemerkt hatte.
-
-Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. Der Bart, rund um
-das Kinn, lief mit dem Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche Bärte?
-Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. Die Stirn vielleicht zu weiß, die
-Haare sorgfältig gescheitelt, lebhafte Augen, die die meinen suchten, und
-ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm im Bart verbargen. Sehr
-kultiviert, und doch, sonderbarerweise dachte ich plötzlich französisch,
--- ich dachte das Wort: ~féroce~.
-
- * * * * *
-
-Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation mit großer Gewandtheit
-über mich. Er hatte dabei eine so respektvolle Art, daß ein
-Zurückweichen unmöglich war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, die
-der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt und beinahe feurig und
-dabei ernsthaft vor. Nach einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich
-viel Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. Darauf waren
-Lettern zu sehen, die mir fremd waren, darunter stand in französischer
-Sprache:
-
- ~Yussuff Hilmi Pascha Excellence~
- ~Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.~
-
- * * * * *
-
-Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi Pascha ließ mich
-nicht mehr aus den Augen. Um mich durch seine Gesellschaft nicht zu
-kompromittieren, führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche
-Freundin -- er nannte sie »~ma seconde mére~« -- Madame Barozzi, die
-Gattin eines Balkandiplomaten, nahm mich unter ihren besonderen Schutz.
-Eine andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische ~Consulesse
-génerale~, ungarischer Abstammung, kam mir nicht minder liebenswürdig
-entgegen. Jeden Tag gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im
-Grünen oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons und ließ mir
-Liebenswürdigkeiten sagen.
-
- * * * * *
-
-Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter sich. Zuletzt war er
-Botschaftsrat gewesen, dann zum bevollmächtigten Minister vorgerückt und
-nun seit kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer alten,
-christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren waren souverän
-gewesen bis zu ihrer Unterwerfung durch die Türken. Man hatte nun an
-leitender Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter Karriere
-machen zu lassen und ihre Interessen mit denen der Dynastie zu verknüpfen.
-Hilmi Paschas Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig Jahren eine
-ungewöhnliche.
-
-Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß ich ihm meine
-»Geschichte« und meine Verhältnisse so unverhohlen mitteilte, als er mir
-die seinen.
-
-Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein Wagen stand mir immer zur
-Verfügung und seinen braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.«
-Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und verstand es
-ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern der Corniche mit großer
-Gewandtheit ein Tischleindeckdich aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen
-wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, tief unten,
-funkelnd und unbeweglich das Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück
-wurde aus geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und wenn Hilmi
-Pascha sah, wie ich an den fremdartigen Leckereien herumknabberte, dann
-freute er sich, wie er sagte: »~plus que jamais~«.
-
- * * * * *
-
-Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn so ganz und gar
-»gefangen« genommen habe. »~Je suis votre prisonnier, chére madame.~«
-Und er empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das Thema. Aber er
-kam immer wieder darauf zurück. Der »~coup de foudre~« wurde mir
-beschrieben, der ihn damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges
-Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem deutschen Ehepaar sprach
-(also in einer Sprache, die er nicht einmal verstand), war's geschehen.
-Was es gewesen sei, wisse er nicht. »~Le sourire? Le regard? Le son de la
-voix? Ah, cette voix, cette voix!~«
-
-Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner fürstlichen Hand die
-meine und flüsterte: »~Le regard? Le sourire? La voix? Le sais-je, le
-sais-je?~«
-
- * * * * *
-
-Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog mich zurück. Er wußte mich
-zu finden. Und je mehr ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.
-
-Er sprach meinen Namen »Maja« gerne aus; das j ist der arabischen Zunge
-geläufig und kommt in dem zärtlichen Kosenamen Ajuni vor. Ajuni-Habibi
-hörte ich ihn öfters sagen.
-
-Eines Tages fragte er mich: »~Maja-Ajuni, pouririez-vous m'aimer un petit
-peu?~«
-
-Ich wußte nichts zu antworten. Aber ich überließ ihm meine Hände. Und
-er nahm ein Päckchen aus der Tasche und legte es mir in den Schoß. Seine
-Mutter sende es mir. Es war eine Perlenschnur, eine einzige lange Kette,
-die er mir dreimal um den Hals schlang. Er warf sie über mich, -- wie
-damals im Café die Schlinge des Gesprächs.
-
-Ich empfand das alles wie im Traum. Es »geschah« mit mir.
-
- * * * * *
-
-Liebte ich ihn? Ich fragte mich danach, als ich nachts, ruhelos und doch
-von einer köstlichen Wärme erfüllt, in meinem Zimmer auf und ab schritt.
-Ich trat auf die Terrasse. Magnoliendüfte schlugen mir entgegen. Das Meer
-rauschte auf. Liebte ich ihn?
-
-Aber eine Antwort kam mir nirgends.
-
-
-
-
-Da ich die Mutter nicht an der Seite hatte, so wurde die Verlobung nicht
-offiziell bekannt gegeben. Aber er ließ es seine Freunde vertraulich
-wissen, wie es um uns stand, und man verdoppelte die Aufmerksamkeit gegen
-mich. Im übrigen war er noch viel vorsichtiger als bisher, in allem, was
-meinen Ruf betraf. Ich durfte um keinen Preis kompromittiert werden, da
-ich als seine Frau hier leben würde. Ohne Begleitung waren wir überhaupt
-nicht mehr zu sehen, weder zu Fuß noch zu Wagen. Mich auf meinem Zimmer
-aufzusuchen, wagte er nicht. Mich im Salon des Hotels zu treffen und abends
-im öffentlichen Saal mit mir zu speisen, war das Äußerste, was er sich
-gestattete.
-
-Dennoch sehnte er sich natürlich nach vertraulichem Beisammensein mit mir.
-Seine Wohnung durfte ich ohne Begleitung noch weniger betreten, als er die
-meine.
-
-Endlich verfiel er auf einen Ausweg. Seine Chancellerie, sein offizielles
-Büro, war des Abends leer und gesperrt. Da sollte ich ihn aufsuchen.
-
-Ängstlich schlich ich eines Abends dahin. Er erwartete mich im Finstern.
-Er hatte kein Licht zu machen gewagt. Eine Türe öffnete sich, und ein
-fremder Mann zog mich in ein dunkles Zimmer. Ich wollte fort. Augenblicks.
-Er beschwor mich, zu warten, er könne erst um zehn Uhr das Zimmer
-unbemerkt elektrisch beleuchten. Da ich nicht nachgab, zündete er
-schließlich eine Kerze an, und das beruhigte mich. Ich fand mich in einem
-Büro, zwischen Pulten und Sesseln, und atmete auf.
-
-Hier verplauderten wir nun an freien Abenden, wenn wir nicht eingeladen
-waren, die Stunden.
-
-Er schilderte mir das Leben, das mich an seiner Seite erwartete, mit seinen
-vielen Verpflichtungen. Und das »Ideal«, das er von seiner zukünftigen
-Frau sich gemacht hatte. In der Politik sollte sie so wohlunterrichtet sein
-wie er. Über alles wünsche er mit seiner Frau zu sprechen. »~Même la
-philosophie~«. _Sogar_ über Philosophie. Ich wunderte mich über diesen
-Wunsch, denn die Namen der großen Philosophen waren ihm fremd. Goethe,
-Schopenhauer, Kant -- sie hatten mit seiner Kultur nichts zu tun.
-
-Er wünschte also seine Frau »~intelligente~«. »~Pourtant elle doit
-être _soumise_. Car elle a besoin de protection.~«
-
-Dennoch sollte sie -- ~soumise~ (wie ist das zu übersetzen? Unterwürfig?)
-sein, da sie des Schutzes bedarf. Daß sie des Schutzes bedarf, die Frau,
-räumte ich ein, aber gerade deswegen sollte sie, meiner Meinung nach,
-nicht allzu ~soumise~ sein!
-
-In der freiwilligen, zarten Soumission dessen, der den Schutz spendet,
-schien mir der Begriff aller Kultur zu liegen.
-
-Er schnitt das Thema ab und sagte mir: »~Tu pourra me mener à un fil de
-soie, si tu seras prudente.~«
-
-An einem Seidenfaden konnte ich ihn führen? Mit Vorsicht?
-
- * * * * *
-
-Seine Muttersprache, in der er dachte, sollte mir nicht fremd bleiben.
-
-Er trieb also in diesen Stunden in der Chancellerie Arabisch mit mir. Und
-da wir kein anderes Hilfsbuch hatten, nahm er seine Ausgabe des Koran
-vor. Er übersetzte mir Satz für Satz und Wort für Wort. Ich folgte mit
-großem Interesse. Und machte meine Einwürfe und fragte ihn dies und das,
-was über das Interesse an der Sprache hinausging und sich auf den Inhalt,
-den geheimnisvollen und bilderreichen Inhalt dessen, was wir da lasen,
-bezog. Er hatte diese Abstecher von dem Sprachunterricht eigentlich nicht
-gern und war nicht einverstanden, daß ich so sehr nach Deutungen suchte:
-»~Je ne veux pas que tu soies trop profonde!~«
-
-Überhaupt hörte ich oft: »~Je ne veux pas que tu soies~« --, oder:
-»~Je veux que tu soies~«, oder: »~La femme doit être~« -- und immer
-als Schluß aller seiner Ermahnungen: »~Ai-je raison, oui ou non?~«
-
- * * * * *
-
-Mit meiner öffentlichen Betätigung als Sängerin mußte es
-natürlich vorbei sein. Ausnahmsweise gestattete er mir bei einem
-Wohltätigkeitskonzert, das zu Gunsten der Ortsarmen von Damen der
-Gesellschaft veranstaltet wurde, mitzuwirken. Das Konzert trug einen
-dilettantischen Charakter. Die es veranstalteten, bestritten zum großen
-Teil das Programm, Damen und Herren, die einen vornehmen Namen als
-Anziehungspunkt aufs Programm setzten und sich wohltätig unterhalten
-wollten. Darum eben gestattete er mir die Mitwirkung.
-
-Nicht als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft durfte ich da
-öffentlich singen.
-
-Meine Stimme schlug die der Salondilettanten, und meine Nummer hatte den
-stärksten Erfolg. Zum Schluß mußte ich eine Zugabe machen. Ich sang das
-italienische Lied »~L'ombra di Carmen~«: »Was du siehst, o Don José, es
-ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José« ...
-
-Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »~Ah cette voix, cette voix!
-Mais c'est la dernière fois que tu la fasses entendre publiquement. Dès
-aujourd'hui -- pour le salon.~«
-
-Und er reichte mir den Arm und führte mich zum Ausgang, zurück durch den
-Saal, durch die Reihen des Publikums, stolz wie ein König.
-
- * * * * *
-
-Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land der häufigsten
-Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, besonders da ja aus meinen
-Scheidungspapieren (die er von mir verlangt hatte und verwahrte)
-hervorging, aus wessen Verschulden meine Ehe getrennt wurde.
-
-Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte ich verschweigen. Ich
-war Österreicherin, geschieden aus Verschulden des Mannes, Tochter eines
-Wiener Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang trieb, vielleicht
-auch mal zu Gunsten der Armen ihre Stimme öffentlich hören ließ, und
-damit basta.
-
-Er war turcophil seiner innersten Überzeugung nach, wie es schien.
-Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten aller Mächte, der Türkei
-gegenüber. Auf Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals diese
-Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er vorziehen, Muselman zu werden,
-wenn das dann nötig würde, und in den internen Dienst der nach Asien
-zurückgedrängten Türkei treten.
-
-Wie mich's durchgruselte: Muselman -- und ich dann seine Frau!
-
-Aber, so wie ich damals zum erstenmal in seine Chancellerie trat, in dieses
-nächtliche Zimmer, mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir
-könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend auf
-dem Semmering hatte, als ich die Türe zum Nebenzimmer unverschlossen
-und unverschließbar fand, -- wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses
-starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen habe ich oft
-gehabt. Und ich mußte dann -- oder glaubte zu müssen, was ja wohl
-dasselbe ist, -- in diese dunklen, dunklen Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer angenommen, seit sie wußte,
-daß ich mit Exzellenz Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, daß
-ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen fand. Aber da Yussuff sie
-seine ~seconde mère~ nannte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre
-Bemutterung gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig dicke, kleine
-Dame, mit unnatürlich schwarzen Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den
-alten, verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, und Yussuff
-aus doppelten Gründen. Erstlich weil er ihr Landsmann (sie war geborene
-Türkin, aus christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er Garçon
-war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. Ihr Gatte war ein hoher
-Funktionär, die »Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger«
-aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem Monarchen.
-
-Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags und nahm den Tee bei mir.
-Ich wußte, daß ihre Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht
-unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten Kreuzverhör
-suchte sie mir immer wieder meine Personalien zu entlocken. Warum ich
-~divorcée~ sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein Mann meine
-~dot~ durchgebracht habe usw. Auch wollte sie wissen, ob ich als Sängerin
-in Wien bekannt sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte nicht
-übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. Aber Yussuff hatte
-gewünscht, daß ich Zurückhaltung bewahre über alle meine Verhältnisse.
-So stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie eigentlich wissen
-wollte.
-
-An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen Tönen von Yussuff. Sie lobte
-seine diplomatische Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, die
-ihn in so jungen Jahren »~sur un poste si important~« gebracht
-hatten. Ich fand den Posten hier, an diesem unpolitischen Platz, mehr
-repräsentativ als important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung
-einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte natürlich nichts
-dergleichen.
-
-Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob Komtesse Etelka noch immer
-meine Freundin sei. Und sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »~Car
--- la jalousie~ -- -- --.«
-
-»~Jalousie?~«
-
-Sie gab mir zu verstehen -- daß -- mein Gott, man hatte gemunkelt -- Hilmi
-Pascha und die schöne Gräfin -- ihr Mann, der kleine Italiener, konnte
-sich neben ihm nicht blicken lassen. »~Dans la diplomatie -- eh bien, que
-voulez-vous!~«
-
-Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte Geschichte zum Besten: von
-Hilmi Paschas -- Köchin, die er schließlich entlassen mußte, _mußte_.
-»~En garçon -- que voulez-vous!~«
-
-Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ mich die Holde.
-
-Abends, als er zum Speisen kam und wir uns im Speisesaal des Hotels trafen,
-erzählte ich ihm von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte mich
-in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter. Aber das mit Etelka
-mußte angetippt werden. So ganz -- leichthin: »~Est -- ce vrai, que
-vous avez été l'amant de cette femme?~« Er raste und schäumte. Welch
-schändliche Verleumdung! »~Ah cette vipère!~« Damit meinte er die
-Barozzi.
-
-»~Mais voyons, -- c'est ta seconde mère!~«
-
-»~Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je! Méprise-la, cette
-vipère!~«
-
-Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen können. Denn da hätte
-ich ihn in einem Punkt getroffen, in dem er keinen Spaß verstand. Dieser
-Punkt hieß »~dignité~!« Die männliche »Würde« lernte ich an Yussuff
-Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen Wucht kennen und fürchten.
-Nimmermehr hätte er seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der
-abfahren wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß eines seiner Beamten
-so erwidert, wie den eines Kollegen. Nimmermehr einer -- Frau erlaubt, in
-irgend etwas Kritik an ihm zu üben: ~dignité~!
-
- * * * * *
-
-Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er nun und nimmermehr glauben,
-daß ich seit meiner Scheidung -- allein gelebt hatte. Unmöglich. Er
-verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen. Käme er mir später
-auf etwas, so würde er sich betrogen fühlen. Und mein Nein wollte er
-durchaus nicht glauben.
-
-Daß man ohne so einen lumpigen ~amant~ auskommen könne, schien ihm eine
-ganz unmögliche Sache, »~Mais voyons, c'est impossible, étant separée
-de ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!~«
-
-Und er preßte und drückte meine Hände und bohrte seine Augen in die
-meinen, wie Schrauben.
-
-Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, mir etwas zu »verzeihen«.
-Wäre es nicht mein gutes Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir
-zu tun, was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, -- so war es
-wahrlich nicht um der »Verzeihung« des unbekannten Zukünftigen
-willen unterblieben, sondern deshalb, weil mir unter den Leuten meiner
-Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele oder auch nur in mein
-Blut etwas hätte werfen können, was da Flammen aufschlagen machte. Wie
-erloschen schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein Geschlecht
-nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da
-war doch etwas, was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. In dem,
-was mir aus seiner Werbung gekommen war, hatte ich etwas anderes gefühlt
-als in dem, was mir von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle
-Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach mir, sie hatte mich
-erobert.
-
-Und nun saß er vor mir und malmte meine Hände und wollte wissen, ob ich
-einen amant gehabt hätte.
-
- * * * * *
-
-Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber noch ihm, nicht wenig
-Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, den wir bei einem diplomatischen ~five
-o'clock~ kennen lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem
-geäußert haben, ob der türkische Minister zu der deutschen Sängerin
-»Beziehungen« habe. Die mütterliche Madame Barozzi hatte das
-hinterbracht.
-
-Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. Umsonst versicherte der,
-diese Bemerkungen durchaus nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben.
-Schließlich sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen erfahren hatte)
-tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst machte er sich zu jeder Art von
-friedlicher Satisfaktion erbötig, -- »~n'étant pas venu ici pour se
-battre~«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.
-
-»~Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, s'agissant de
-l'honneur de madame Neudorfer.~« (Sprich: ~Nödorffère~!)
-
-Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in die Luft geknallt, und
-~l'honneur de madame Nödorffère~ war wieder hergestellt.
-
-Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, nach diesem famosen
-Duell -- Freunde. Der Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein
-Mißverständnis gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, sei ihm nie
-in den Sinn gekommen. Er blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit
-konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. Ich fand in ihm einen
-unterrichteten Mann von Kultur, der besonders über die Kunstschätze
-in den Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr gründlich
-unterrichtet war. Er erbot sich, mir den Führer zu machen und mir alles
-aus erster Hand zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. Yussuff
-fand das unerhört. Er konnte aber nichts dagegen tun, denn sonst wäre
-es ja wieder zum Duell gekommen! »~Mais voilà ce que je te dis pour tout
-l'avenir~«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, bis ich seine Frau
-sei, mich außerhalb meines Jour in Konversation mit einem ~jeune homme~
-finden würde, ja dann -- »~je suis d'une jalousie féroce~!« ~Féroce~:
-das war das Wort, das ich -- gedacht hatte, als ich ihn das erstemal sah.
-
-Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte ich denken:
-»Wüstensohn!«
-
- * * * * *
-
-Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein müssen, war für Yussuff
-ein Fundamentalprinzip. Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht.
-Nur meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis und aus
-einer gewissen Großzügigkeit der Natur des andern Menschen gegenüber
-erwachsen. Auch mußte man, meiner Meinung nach, durch freimütige
-Aussprachen einander kennen und erkennen zu lernen bemüht sein.
-
-Diese blinde Zustimmung, diese »~entente complette~«, die er da immer
-verlangte, -- sie hatte für mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß
-er schlechterdings keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt auf
-seinem ersten Wort (wie man es eigentlich den Frauen nachsagt). Wollte
-man erklären, seine Meinung begründen, so nannte er das »~des
-discussions~«, und diese seien der Todfeind der Liebe, sagte er.
-
-»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets
-funestes.~«
-
-Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien es mir, wenn man doch
-anderer Meinung war. Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen
-Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? Da könnten nur solche
-Leute sich verheiraten, die zur Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge
-verschiedenen Geschlechtes, dann mittels genialer Operation getrennt wurden
-und hierauf Inzest beginnen. Der gemeinsame Nabelstrang, die angeborene
-Einheitlichkeit ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte
-einigermaßen jenes -- Ideal.
-
- * * * * *
-
-Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich bis in die kleinlichsten
-Einzelheiten. Wenn ich eine andere Speise, ein anderes Getränk im
-Restaurant wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, während
-er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, -- sofort ging er darauf ein, aber er
-belud mich während des ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«.
-Erst wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu machen: »~Tu a eu
-raison~«, war er zufrieden. Ich hatte dann mein »Unrecht« eingesehen,
-nun war es an ihm, generös zu sein.
-
-Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: »~Comme tu veux~« -- ich
-sagte es oft aus Gleichgültigkeit dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage
-erschien, -- dann kannte seine »~generosité~« keine Grenzen, und er tat
-dann sicher, was er glaubte, daß ich wollte.
-
-Den »~fil invisible~«, an dem ich ihn führen konnte, sah ich
-schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, diesen Mann zu
-beherrschen. Ich mußte nur unbedingte Nachgiebigkeit zur Schau tragen,
-meine Lippen sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf diese Art
-bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte recht. Man konnte ihn ~mener à
-un fil de soie~.
-
-Und ich sah diesen ~fil~, brauchte ihn nur zu ergreifen!
-
-Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem Gedanken?
-
-Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber, entgingen wir dem
-Klatsch natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte
-sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz natürlich und hielt
-es für das Vornehmste, es nicht zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich
-bemerkte, sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich fand
-mein Leben lang, daß, sich um die Meinung anderer viel zu bekümmern, eine
-hoffnungslose Aufgabe sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch
-nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt sein, solchen
-Meinungen über mich zu begegnen. Konnte, sollte das etwas an meinem Leben,
-meinem Schicksal ändern?
-
-Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse zu mir kommen. Dann
-konnte die Beziehung erklärt werden und aller Klatsch hatte ein Ende.
-
-»~Il faut que tu fasses venir maman! il le faut absolument!~«
-
-Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen lassen. So ginge das nicht
-länger. Da entschloß ich mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen,
-eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. Wie verdutzt wäre
-meine gute Mutter über diesen aus meinem Munde so ungewohnten Wunsch
-gewesen! Ich rüstete also zur Abreise.
-
-Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich ihm dankend wieder
-zurückgestellt. Wo ihn unterbringen zu Hause in Wien? Meine alte
-Resi wäre in nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr
-»Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. Resi und
-Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames Gespann vor meiner
-Junggesellinnenwirtschaft! Göttlich!
-
-Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch mittags, während
-sein Personal fort war, hinüber zu ihm in die Chancellerie. Es war
-das erstemal, daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er es
-wünschte. »~En plein soleil?~« -- »~En plein soleil.~« Denn es war ja
-die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich zum Abschied zu küssen. Auf dem
-Schiff selbst, das um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des ganzen
-Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt hatten, sehen würde, konnte
-sein Abschied nur ein offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer
-aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, am Mittag, ~en plein
-soleil~. Und er verschloß die Tür hinter uns und nahm mich in die Arme
-und küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.
-
- * * * * *
-
-Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, als ich da ankam, und nahm
-ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten entgegen. Yussuff empfahl mich noch
-dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund war.
-
-Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von der Kommandobrücke nach ihm
-blicken würde. Er war bleich und erregt und drückte immer wieder meine
-Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel gebracht. Als ich nach
-den Blumen fragte, sagte man mir, daß sie samt meinem Gepäck in der
-»Fürstenkajüte« untergebracht seien.
-
-Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich bestellt.
-
-Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben und stand nun auf dem
-Molo. Wahrscheinlich machte sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber
-Yussuff ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat:
-
-»~Pardon, Excellence, nous allons partir.~«
-
- * * * * *
-
-Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle Würdebedenken den Sieg
-davontragend, -- er, dem »~dignité~« über alles ging! -- ja, das war
-schön. Ich sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke aus, und er
-blieb stehen, damit ich ihn sehen könne, obwohl er mich längst nicht mehr
-sehen konnte.
-
-Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo bei der Abfahrt eines
-Schiffes herumtreiben, umstanden ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er
-blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie die Gesellschaft sich
-verabschiedete und auseinander ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm
-ihres Mannes, des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi, die dicke
-~vipère~, wegrollte.
-
-Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer Punkt für mein Auge
-war und der Hafen von C. mir entschwand.
-
-Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte ich, daß neben
-der Schiffsflagge noch eine zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die
-ottomanische Flagge hissen lassen, -- eine Aufmerksamkeit für die Braut
-des Funktionärs einer fremden Großmacht. Die Flagge blieb auf Mast,
-solange ich an Bord war, -- ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds.
-
-
-
-
-Die Abmachung, die wir getroffen hatten, ging dahin, daß er im Sommer
-seinen Urlaub nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien kommen
-sollte, mich zu holen.
-
-Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten von Vorschriften. Ohne
-Mamas »Begleitung« auszugehen, würde er durchaus unpassend finden.
-Theater zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren Bräutigam,
-überhaupt nicht für angezeigt. Daß er den Besuch eines Cafés, eines
-Restaurants u. dgl. unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich
-auseinandergesetzt. Vergebens versuchte ich, ihm das Lächerliche
-klarzumachen, das darin lag, wenn ich, eine Frau, die jahrelang
-selbständig gelebt hatte, nun plötzlich auf Schritt und Tritt den
-»Schutz« meiner Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. Er
-interpellierte mich unaufhörlich über alle diese Dinge. Daß Hunger Grund
-genug sei, in ein Café zu treten, leuchtete ihm nicht ein.
-
-Und immer war ich gesehen worden und immer so, wie er es nicht wünschte.
-
-So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter Streit. Und öde
-erschienen mir alle diese Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit
-abhandelte.
-
-Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer ein Ideal war, aber als
-Ehemann ein böser Fall sein mußte.
-
- * * * * *
-
-Immer im Namen der ganzen Gattung wurden mir alle diese Vorschriften
-gemacht: _der_ Mann ist, _die_ Frau soll, ~la femme doit être~ usw.
-
-Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt gestellt, am
-wenigsten in meinen Beziehungen zum Mann. Als Weib voll genommen zu
-werden, genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann auch diesen
-mannmännlichen Standpunkt von der anderen Seite nicht vertragen. Diesen
-ehernen Brustton: Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! Dieses
-»ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte Überlegensein-Wollen.
-»~La femme doit être~«, -- öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen,
-klingt's.
-
-Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer ist, sollte wissen, daß es
-einen gefährlichen Punkt gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese
-ihre Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, dann ist sie
-wie ein Vogel, der seine Melodie verloren hat, und ihres Gepiepses wird er
-wenig froh.
-
-So erging es mir. Der freie Herzenston war weg. Und er wollte sich gar
-nicht wieder einfinden. Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber,
-ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir einander mitteilten,
-war ohne richtige Verbindung. Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.
-
-Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? Hatten wir _eine_ Sprache
-gesprochen? Wir hatten uns einer -- Dolmetschsprache bedient. Nicht seine,
-nicht meine war es, in der wir uns verständigten. In der Dolmetschsprache
-der Verliebtheit hatten wir miteinander Konversation gemacht. Die
-unverbindliche, charmante Liebenswürdigkeit des gallischen Idioms hatte
-uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer sagt sich's im Deutschen: ich liebe
-dich. Und zaghaft flüstert man da erst und stammelt: -- ich -- hab' dich
--- lieb.
-
-Aber wie gewandt rollt es heraus: »~Je t'aime! Mais je t'aime
-éperduement!~« -- »~J'aime et je veux mourir, j'aime et je veux pâtir,
-j'aime et pour un baiser je donnerais ma vie.~«
-
-Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache hatten, meine ich
-natürlich. Nur wie ein Symbol erscheint es mir, daß wir einer uns fremden
-Zunge bedurften, um uns überhaupt einander verständlich zu machen. Es
-gibt eine Zusammengehörigkeit, die international ist und Brücken wirft
-über Erdteile und, was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig
-ist's dann, welcher Sprache sie sich bedient.
-
-Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die Begriffe waren fremd,
-sowie sie das zärtliche Gehege des Eros verließen und, wie es schien,
-unverdolmetschbar.
-
-»~Écorcher~« ist ein prächtiger Ausdruck. ~Écorcher une langue.~
-Das heißt, eine Sprache radebrechen, sie zu Tode schinden. ~Écorcher --
-l'amour?~
-
- * * * * *
-
-Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, das der Liebe zugefügt
-wird. Es ist ein Zeichen, daß man irgendwie miteinander aus dem Geleise
-gekommen ist, wenn man mit dem schwerfälligen, dräuenden Geschütz des
-Stolzes, der Berufung auf seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man
-sich mißhandelt fühlt.
-
-Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die Liebe der Liebe nichts
-schuldig, ach, wie wird man da so demütig. Nichts weiß man mehr von
-seinem »Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in dem Sinn,
-daß man seine Person irgendwie ausspielen würde. Nur die andere geliebte
-Person wird gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, sie
-aufzunehmen.
-
-Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen ist's umgekehrt: sie zerfließen
-in »Hingabe«, je mehr sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn
-ihnen Liebe erwiesen wird.
-
- * * * * *
-
-Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr persönlich vor mir
-hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich nie von ihm ein Wort über mich
-gehört hatte, durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, _erkannt_
-hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die Entdeckungsreise der Liebe,
-die einer im andern macht, alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in
-Entdeckerlust? Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, Land, mein Eiland,
-das ich suchte, ahnte, wußte, an das ich _glaubte_, bevor ich noch einen
-Streifen seiner Küste sah! Wo war es hier, -- dieses Kolumbusgefühl der
-Liebe?
-
-»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens
-siehst du nur, o Don José ...«
-
-Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung wahrscheinlich
-versetzt würden. Das sei gebräuchlich in der Diplomatie. Sein Bruder, der
-Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß wir wahrscheinlich nach
-Indien kämen oder sonst auf einen asiatischen Posten.
-
-Wir blieben also nicht an der ~Côte d'Azur~. Nach Indien sollte ich ihm
-folgen.
-
-Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos dem, den man liebt,
-und wäre es in ein Blockhaus auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die
-Heimat.
-
-Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? Warum, warum? Ich war
-dann in der Macht, oder besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens,
-fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.
-
-Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder ratlos und erwartete wieder --
-eine Entscheidung.
-
- * * * * *
-
-Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im letzten Moment hatte ich mich
-entschlossen, meine Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese
-Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn Tage erhielt ich keine
-Antwort.
-
-In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein Abenteuer von der ~Côte
-d'Azur~.
-
-Sein Brief kam und tat das übrige. »~Je suis despote de toute ma
-nature~«, hieß es da. Ich sah das Gesicht, sah es so, wie es bei der
-geringsten Meinungsverschiedenheit gewesen war, -- mit dem grausamen Zug
-um den Mund, der sich im Bart verbarg, mit den Augen, die immer gleich
-»rollten«.
-
-Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem Stillschweigen, gab den
-Ausschlag. Er schrieb es ganz ohne Scham: »~J'ai voulu te punir.~«
-
-Es war wieder einer jener Momente, wo ich deutlich fühlte, daß ich
-mußte, wo ich mich geschoben fühlte, wie an einem Marionettendraht.
-
-»~Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de divorce, mes lettres et
-mes photographies. Moi je m'engage de vous rendre vos lettres et votre
-photographie au moment où j'aurai les miens.~«
-
-Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich.
-
- * * * * *
-
-Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war mir, als hörte ich eine
-drohende, flehende, zwingende Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir!
-Mich, deine _Stimme_!
-
-So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi Pascha, ~Ministre
-plénipotentiaire de la Porte Sublime~. Sie zerbrach mir unter den Händen.
-Warum, weshalb?
-
-»~Le sais-je?~«
-
-Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen, die ihrem innersten Wesen
-nach zusammengehören. Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die
-Unvollständigkeit der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit der
-Stimmung, in der ein Brief empfangen wird, Gereiztheit und Mißverstehen
-auch zwischen wirklich Liebenden.
-
-Aber unter allem Papiergeknister behält doch das Wesentliche einer
-Beziehung seine Stimme. Die Tinte ist ein dräuender schwarzer Mann.
-Macht er aber allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die wahre
-Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut und jagt ihn in die Flucht. Und
-alle geschriebenen Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren
-schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen.
-
-Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten und mich. Das Wesen
-selbst, die innere Stimme dieser Beziehung war laut geworden und hatte es
-getan.
-
- * * * * *
-
-Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich tat. Ich kann nicht sagen,
-daß es leicht war, und ich trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts
-weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu bleiben« oder nicht.
-Doppelt schwer deshalb, weil man sich selbst ja noch nicht bestätigt
-worden war! Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar umfaßt hätte
-und das, was er also umfaßte, für gut befand.
-
-Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen Seite die Wahrheit liege,
-ob man nicht besser täte, sich nachzubilden den Forderungen, die dort
-gestellt wurden und sich -- als das, was man im Widerspruch mit jenem
-anderen war, -- aufzugeben.
-
-Aber die _Stimme_ rief mit einer Gewalt, die nicht zu übertönen war! Und
-wie eine mächtige Hand erfaßt es einen und schob und schob!
-
-Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken Willens sein, heißt
-nicht wollen, sondern wollen _müssen_.
-
- * * * * *
-
-Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres angenommen? Warum so
-zugegriffen? Neben den reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert
-hatten und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist auch eines nicht
-zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung, dieser schreckliche Mangel
-an auch nur normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht irgend
-etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser Mangel, der sich heute in
-allen gesellschaftlichen Kreisen so sehr fühlbar macht!
-
-Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß wir uns vom _Menschen_
-immer mehr entfernen? Daß es unter all den hunderttausend Leuten so wenig
-Menschen gibt, -- so wenig Schönheit, an die man sich vertrauend und
-heiter anschmiegen könnte, ohne Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben?
-
- * * * * *
-
-Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer Tochter des Ministers
-der Zivilliste des Padischah vermählt habe, und daß er durch diese
-Karriereheirat Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war. Er
-sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere sei. »~Tu seras
-ambassaderesse un jour, tu le sais?~«
-
-Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses Klima vertragen haben?
-
-Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen in
-dieser Stellung: vier große Diners müßten wir mindestens während des
-Karnevals geben. Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen Jour
-bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie sei das nun einmal nicht
-anders. Darin bestehe sie ja eben (teilweise).
-
-Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses Klima vertragen haben?
-
- * * * * *
-
-Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das etwas anderes noch ist, als
-das Fazit eines unkonstruierbaren Rechenexempels, etwas anderes, als die
-nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte Summe, in die wir
-hineinleben, bis sie voll ist?
-
-Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein. Warum kann ich mir
-nichts wegdenken, nicht anders denken in meinem Schicksal? Ist _sie_ das
-Schicksal, ~anima~? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung, Motor
-geworden, in mir? Schiebend und zeugend geworden in mir, Folgen zeugend,
-unerbittlich, Folgen aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen
-innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung ihres eigenen
-Wesens und damit zur Erfüllung ihrer »Bestimmung« -- Schicksal, Gott? --
-Gott -- das logische Prinzip?
-
-Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich vor zehn Jahren gefunden
-hättest und ich allen meinen »Schicksalen« entronnen wäre? Warum das
-Gefühl, daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf einem Passionsweg?
-
- * * * * *
-
-Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, -- was denke ich mir doch
-darunter?
-
-Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt werden _muß_, bis
-sie stimmt?
-
-Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn sie ist gegeben -- durch
-die Ziffern, mit denen wir zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar,
-unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen sich kreuzen und wollen
-Resultate herausbringen, ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe
-kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung muß sich erschöpfen,
-immer enger und enger muß sie werden, auf die letzten gemeinsamsten
-Nenner will alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange geteilt und
-gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«.
-
-Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip.
-
-Auch das denkende? Wenn rechnen -- denken ist, auch das denkende.
-
-Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar aus ihnen
-folgen, was der Art ihrer Begegnung entspricht: Verminderung, Vermehrung,
-Vervielfältigung, Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat sind aufs Haar
-genau »bestimmt«.
-
-Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele stände, es könnte
-nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer »ausgehen«, als dieses
-Ziffernspiel.
-
-War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl sei Gott? --
-
-Gott, Schicksal?
-
-Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller wäre? Einen noch
-lenkenderen Lenker als diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte?
-Noch mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr, um in die Knie zu
-zwingen?
-
-Gott, Schicksal -- das logische Prinzip!
-
-Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner selbst als Motor, als
-Schieber seines Tuns und Erleidens in sich, trägt Gott und Schicksal
-unentrinnbar in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus, wie
-die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer, ohne die sie nicht zu
-denken ist. Das den Dingen innewohnende, immanente logische Prinzip ist
-Gott.
-
- * * * * *
-
-Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je.
-
-Was uns verband, Freund, für den ich diese Blätter schreibe, du, dem ich
-an meinem Hochzeitstage begegnete, es waren flüchtige Grüße.
-
-Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles. Grüße und -- Gratulationen.
-Von meiner Scheidung erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung
-einging.
-
-»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.«
-
-»Ich danke, Herr Professor.«
-
-Und dann -- später: »Ich habe mich wieder verheiratet. Aber nicht mit
-dem, mit dem ich verlobt war.«
-
-Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.«
-
-
-
-
-Wie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich dir davon sprechen will, so
-muß ich mitten hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht lange
-erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen jener gescheiterten
-Verlobung und dieser, meiner neuen Ehe lagen. Jahre waren es des
-schmerzlichen Kampfes um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes
-erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese Wärme nicht nur
-mein Leben behaupten, sondern noch das retten, was ein Überschuß an
-Lebenskraft ist: die Stimme.
-
-Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen wäre. Auch fürchtete
-ich mich nun beinahe vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung
-des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von »Abenteuern«.
-
-Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn erzwingen wollen. Nur
-wenn es selbst mich zwang, erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, --
-verhängt.
-
-Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene solide, ehrbare Anträge,
-wie sie ja wohl im Leben keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff,
-geschah's deshalb, -- weil ich nicht _mußte_. Nur wo ich ein
-Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu wem es mich nicht
-_zuwarf_, zu dem konnte ich nimmermehr gehen. Ich konnte immer nur Wege
-gehen, die ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein.
-
- * * * * *
-
-Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer und sagte: »Du, ich muß dir
-einen interessanten Menschen vorstellen.«
-
-Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere mich nicht für
-›interessante Menschen‹.«
-
-»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast, bist du unausstehlich
-geworden.«
-
-»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein Araber. Das sind die Feinde
-der Türken.«
-
-»Übrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir, -- vielmehr war es.«
-
-»Wer?«
-
-»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er war Konzipist bei der
-Finanz-Landesdirektion in Slavonien.«
-
-»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.«
-
-Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören für gut fand. Schließlich
-sagte ich resigniert: »Also leg' los.«
-
-Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich Luft machen. Der Konzipist
-hatte ihm's angetan. Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen
-Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt. Ein Mann, der _Mut_ hatte.
-Seine Stellung hatte er aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich
-fand, als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen und dem Bauer
-die fünf Gulden aus der Tasche zu reißen. Und dann war er ein Dichter.
-
-»So?«
-
-Und wollte jetzt davon leben.
-
-»So???«
-
-Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren versorgt.
-
-»Er hat eine Frau?«
-
-Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war geschieden. In aller
-»Freundschaft« hatten sie sich getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener
-Geschäftsmann, hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen. Da war sie
-mit ihren drei Kindern aus Slavonien nach Wien gekommen und führte mit
-großer Tüchtigkeit das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter. Sie und
-die Kinder hatten zu leben. Einverständlich hatten sie sich getrennt.
-
-»Warum?«
-
-»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre Gründe gehabt haben.
-Sie haben sich eben aufgebraucht.«
-
-»So, so.«
-
-Ȇbrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich miteinander und
-erziehen ihre Kinder. Ich glaube, _er_ wollte frei sein.«
-
-»So wird es wohl sein.«
-
-Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein Drama geschrieben, einen
-Roman begonnen und seine philosophischen Artikel erregten Sensation.
-»Kurzum -- du mußt ihn kennen lernen.«
-
- * * * * *
-
-Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung einen »Abend«.
-Diese Abende bei Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man
-redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie man. Sein Kanzlist
-Peterka wurde in einen schwarzen Rock gesteckt und fungierte als Diener.
-Peterka erschien mir an diesen Abenden immer als der einzige nüchterne
-Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte er Lindenblütentee und reichte
-ihn den Gästen zur Beruhigung.
-
-Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen Mann in der Mitte des Zimmers
-stehen und ungefähr zwanzig andere Personen »an seinen Lippen hängen«.
-Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was über die Liebe zu sagen sei, sei
-in diesem Buche gesagt. Der Triumph des Werkes sei die Deutung der Liebe
-durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates wiedererzählt: Eros ist kein
-Gott, er ist ein Dämon.
-
-Es war, als wäre nun das Thema gegeben für den Abend: Dämon oder Gott.
-
-Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, ein Durcheinander von
-Stimmen war es. Man rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.
-
-~Dr.~ Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf zurück. Ich weiß nicht,
-warum ich an das abgeschlagene Haupt des Jochanaan denken mußte. Es schien
-mir, als läge dieses Haupt flach auf einem Teller. Ich glaube, die Stirn,
-die stark zurückfloh, erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare
-fielen in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes herab. Die
-blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, grau, blitzten auf, verdunkelten
-sich wieder. Wie wenn ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen,
-unter denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen
-Jünglingskörper, von dem man den Eindruck hatte, er sei noch nicht
-»fertig«.
-
-Schließlich übertönte die Stimme ~Dr.~ Gruschks die Gesellschaft.
-Er rettete das Gespräch vor Verflachung. Wollte man abbiegen ins
-Konkret-Gemeine, so zwang er immer wieder ins Uferlose hinein.
-
-Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker. Die Flaschen waren leer.
-Die Gesichter rot. Mir schien es, als suche die Stimme ~Dr.~ Gruschks
-einzig mein Ohr. Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu _Diotima_
-drang die große Not: Priesterin, -- was weißt du zu sagen? Eros -- Dämon
--- Gott? --
-
-Peterka kam mit dem Lindenblütentee.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Abend besuchte mich ~Dr.~ Gruschk. Er hatte seine Geige
-mitgebracht. Er spielte. Ich sang.
-
-Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete mich am nächsten Abend bei
-sich.
-
-Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte ihm das am Vormittag durch
-eine Rohrpostkarte mit. Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme
-dennoch. Am Abend war ich entschlossen, auf keinen Fall hinzugehen und
-kleidete mich fürs Theater an. Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur
-Oper. Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem Fenster und rief
-dem Kutscher die Adresse von ~Dr.~ Gruschks Wohnung zu.
-
-Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert hat. -- -- --
-
-Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen ich in einer Wüste gelebt
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Das Sonderbarste war, daß Dimitri -- er hieß Zdenko Dimitri, dankte diese
-beiden Namen einem slovenischen Vater und einer russischen Mutter und wurde
-von allen anderen Zdenko genannt, -- das Sonderbarste war, daß er durchaus
-heiraten wollte. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte ja
-kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »~Je ne veux pas te posséder, je veux
-_t'avoir_~«, hatte er gesagt, als wir uns verlobten.
-
-Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte ihm, er täusche sich
-über sich selbst. Die Unbequemlichkeit des Nachhausegehens, die vielen
-»Sperrsechser«, das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht.
-Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu?
-
- * * * * *
-
-Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war ich zum zweitenmal
-verheiratet.
-
- * * * * *
-
-Es blieb bei der getrennten Menage und der doppelten Wohnung. Ich behielt
-die meine, er sein mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht anders,
-da er weniger hatte als ich und an meinem »Sichern« nicht teilnehmen
-wollte. Er war ungemein stolz in diesem Punkt.
-
-Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten lassen, ich würde
-dich ausbeuten, wenn du reich wärst!«
-
-Dann war er zufrieden und nahm leichteren Herzens die Tasse Tee bei mir.
-Aber wahr war's nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.
-
- * * * * *
-
-Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, ernsthafte Person.
-
-Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine Stirn, die sich hoch über
-den Augenbrauen wölbte, dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich
-zurückbog. Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn vor. Sie war,
-von innerstem Beruf, Naturforscherin. Hatte Physik studiert, bevor sie sich
-mit Dimitri verheiratet hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie achtzehn.
-
-Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, wie in eine Verbannung.
-Weil er da gleich Konzipist wurde, während man hier »oben« jahrelang auf
-Ernennung warten mußte.
-
-Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel Kinder geboren in dieser
-Zeit. Zwei waren nicht ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine
-Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe in seinem Kopf war von
-der Faust des Erwerbszwanges niedergedrückt und scheinbar niedergehalten
-worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. An einander aufgerieben
-hatten sich diese beiden.
-
-Dann wurden sie vom Vater der Frau nach Wien gerufen. Eine andere Existenz
-winkte. So kamen sie los von da unten.
-
-Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war mir seltsam und
-schmerzlich: dieser arme verschreckte Blick. Doppelt bange wirkte er, da er
-hier an einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu finden
-war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht etwa an einem hilflosen,
-schwächlichen, anlehnungsbedürftigen kleinen Frauenzimmer. Eine latente
-Angst vor wilden Griffen war in diesem Blick.
-
-Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. »In Frieden«. Er
-wollte frei sein. Und sie war -- weise.
-
-Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses absolute Laufenlassen
-nicht wenig imponierte. So anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen,
-Tränen, Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo sie, Helene, eben
-schon da angelangt war. Vorher -- mag es Szenen, Tränen und Jammer genug
-gegeben haben.
-
-»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts antun,« sagte Dimitri,
-»und das ist mir ein wunderbar angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den
-Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«
-
-Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu diesem wunderbar angenehmen
-Gedanken. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. Denn er
-hatte ihr schon alles angetan.
-
-Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, sie nannte ihn Zdenko, war
-der Vater ihrer Kinder. Nun gehörten wir alle drei zusammen.
-
-Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit dieser drei
-Kinder: niemand hätte sie für Geschwister gehalten. (Das soll so sein,
-wenn die elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias war ein
-weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, brauner Bär und Zora ein
-schwarzes Mäuschen mit wunderbar blanken Äuglein.
-
- * * * * *
-
-Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich spät nachmittags. Bis dahin
-arbeitete er, oder suchte zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.
-
-Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast feindselige. Er warf
-Spieße, Lanzen, Keulen.
-
-In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das Aggressive seines Wesens
-zurück. Doch das dauerte nicht lange. Dann hatte er sich -- gewöhnt.
-
-Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl Künstler durch und durch,
-hatte er mehr die schwebenden Elemente als die beharrenden in sich. Der
-Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der Stephansturm -- er sieht ihn
-immer wieder das erstemal. Er staunt und schaut und _sieht_. Dimitri
-ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, allzubald
-selbstverständlich. »Ich _seh'_ nichts«, war eine seiner
-Lieblingsredensarten. »Ich bin _leer_.« Und ich »füllte« ihn. Aber,
-ach, alles rann blitzesgeschwind durch ihn hindurch! Man hatte immer das
-Gefühl, es sei zu schnell entwichen.
-
-Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und voll Haß gegen alles,
-wenn er es nicht konnte.
-
-»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer _dich_ angreifen, als das, was
-mir trotzdem wohltut.«
-
-Und das hat er redlich gehalten. Angefallen hat er mich oft. Zuzeiten war
-er wie überfüllt von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern Tag:
-»Warum waren wir eigentlich gestern -- im Widerstreit?«
-
-Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens, nahm das alles
-ernst, beantwortete seine »Angriffe« -- sachlich!
-
-Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner eigenen Abwesenheit, fast
-wie hinter meinem Rücken.
-
- * * * * *
-
-Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch für ihn:
-»Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie leeren mich aus«. »Entwurzeln«.
-
-Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie von dir gehört? Entwurzeln:
-Maulwurfsarbeit.
-
-In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich hinein. Er verachtete
-alles, was Menschen ersonnen haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor
-einander zu schützen, als »konventionell«.
-
-Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur. Ich wollte ihn ja
-kennen lernen. Ich war hinein_gestürzt_ in diese Gemeinschaft. Nun war ich
-darin. Und alles, was ich tun konnte, war, -- sehen, was daraus wurde.
-
- * * * * *
-
-Ist ein Liebesverhältnis das, -- was der Mann daraus macht? Nein: was die
-Frau daraus macht. Aber das ist das, was der Mann _ist_. Denn die Frau kann
-nichts anderes daraus machen, als das, was ihm gemäß ist.
-
- * * * * *
-
-Das Sonderbare war, daß mir nach und nach meine _Stimme_ verloren ging.
-Wenn ich sah, wie er dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als
-würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht wurde eine Grimasse, die
-Hand, die spielen wollte, zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging,
-und ein dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang, war alles,
-was ich ihr abzwang. Und die Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren
-Mut.
-
-Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer wieder, besonders wenn er
-nicht da war. Dachte ich aber auch nur an ihn, war's aus.
-
- * * * * *
-
-Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der Divergenzen, die man
-mit einem Menschen hat, dieses Memorieren der Reden und Gegenreden, die
-»gehalten« wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe, diese Sorge,
-Unruhe und Qual, die aus diesem Wust von Kampf und Gier erwächst, das
-alles verschüttet die _Stimme_, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen
-Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre von dieser Krankheit (so
-kann man es fast nennen), die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich
-freien Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen, der stark und
-rein wäre.
-
-Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses, das Merkzeichen, daß
-man an den »Richtigen« gekommen ist, daß alles so ist in der Liebe, wie
-es ihrer _Idee_ entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den man
-liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor« (sich und ihn)
-in Anschauungen, aber man »denkt« nicht an ihn in Theorien. Er
-»beschäftigt« einen nicht, in dem Sinn, daß die produktiven Energien
-davon aufgezehrt würden. Man wendet sich, im Gegenteil, von einem
-feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt, seiner Arbeit zu, beschäftigt
-sich mit _ihr_ und trägt _ihn_ dabei tief und fest im Gemüt. Und die
-»Stimmen« springen auf.
-
-Das war meine Insel, meine Insel der irdisch Seligen, meine »Heimat«, von
-der ich immer träumte!
-
-Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr Erlösertum besteht darin,
-daß einer dem andern die Spannung löst, diese Spannung seines eigenen
-isolierten Selbst. Und daran erkennt man den falschen Messias: daß der
-diese Spannung _nicht_ löst.
-
-Du bist die Ruh', du bist der Friede! -- spricht die erlöste Liebe.
-
- * * * * *
-
-Er, -- er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich. Mit Hangen, Bangen,
-Sorgen, Kombinationen, mit seiner ganzen Person füllte er mich, daß
-nichts anderes mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer wenn er
-wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen und Schmerzen machte und mit
-dessen »Erwägung«, besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis zum
-nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu tun hatte.
-
-Er »füllte« mich mit sich, -- daß ich mir selbst abhanden kam, ob
-dieser »Fülle«.
-
- * * * * *
-
-Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang mich, sie mit zu wechseln.
-Läßt es sich ermessen, das Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee«
-der Zerstörung: eine Seele will Form werden, und eine andre Hand preßt
-sie immer wieder in eine andere Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine
-Zeitlang wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig
-geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu _allem_ in sich, so eine Seele,
-Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen, irrezuleiten, sie durcheinander
-zu brauen, in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk.
-
-Diese »Spannung«, -- _wie_ wird er heute kommen, -- fraß meine ganze
-Zeit und meine ganze Kraft. Noch heute ist es mir in der Erinnerung.
-
- * * * * *
-
-Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing', sing'«. Nicht einen Ton
-konnte ich _singen_, -- wie ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen
-Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte, war heiser, holprig, ein
-armes Gekrächze.
-
-Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm, hörte auch er meine Stimme
-gern.
-
-Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen.
-
-»Du hast keine Kraft«, sagte er.
-
-Nein, ich hatte keine Kraft.
-
-Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas, fraß und sog an meiner
-Kraft, meiner Stimme. Wie man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst --
-später.
-
- * * * * *
-
-Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es, die er als Gegensatz zu
-der »mondänen« Gesellschaft hoch pries.
-
-Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur _ein_ beherrschendes Wort
-bei uns: »Sünde«. »Aber das verstehst du so wenig wie die Sprache des
-Zambesinegers«, sagte er in seiner wenig liebevollen Art. »Eine Frau
-fühlt sich nie schuldig, außer etwa in erotischen Dingen. Sünde,
-Gewissen, -- was wißt _ihr_ davon?«
-
-»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen Adelsmenschen verkehrte,
-die jeden verachteten, der geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel
-»die Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die Schleppe deiner
-Hauskleider über den Teppich schleifen läßt, wie du in einen Fauteuil
-sinkst! Sie entzückt mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben
-ist das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in deinem und meinem
-Wesen!«
-
-Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen: »Das korrumpiert mich!«
-(Korrumpieren war das zweite Zambesinegerwort.)
-
-Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von dem kriegen, was ihn angeblich
-»korrumpierte«, wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu spenden.
-
-Heute sollte ich »Hetäre« sein, -- morgen als Frau Diogenes in die Tonne
-ziehen.
-
- * * * * *
-
-Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich ihm das schon beim
-Betreten meiner Wohnung an. Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du
-würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn du wüßtest, wie abhängig
-du bist von all diesen Dingen da!«
-
-Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen Teppich, spie auf meinen
-Toilettetisch, und spie dreimal auf meine Ottomane. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er, und betrachtete mit
-finsterer Miene meinen Toilettetisch.
-
-»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf dem Toilettetisch siehst, eben
-das Notwendige.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe, sondern mit dir.«
-
-»Nun und?«
-
-»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht, überhaupt für
-notwendig hältst --«
-
-»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch zu tun?«
-
-»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen ich meinen Körper
-pflege.«
-
-»Und demnach pflegst du ihn, -- um Leidenschaften zu erregen, nicht
-wahr?«
-
-»Nicht allein deswegen. Aber auch.«
-
-»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?«
-
-»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur Erhaltung der Gattung nicht
-ganz entbehrlich sein soll, einfach nicht -- zustande käme.«
-
-Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile vor sich hin: »Das Weib muß
-reizend sein, -- gewiß.«
-
-Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen kam er zu dem, was andere,
-heil Geborene, im Blute haben.
-
- * * * * *
-
-Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe war, nannte er
-»Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies ihm, daß man in diesem seinem Sinne
-schon abhängig würde, wenn man sich einem Blumenstrauß zuwendete.
-
-»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß, gerät man in
-Abhängigkeit!«
-
-Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir herumbohrte, mir Tränen des
-stummen Zorns in die Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde mir
-Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, -- mein Gott, wohin bin ich
-geraten!
-
- * * * * *
-
-Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten hatte er:
-
-»Ich weiß nicht, was es ist, -- ob ich liebe oder hasse.« Oder: »Ich
-muß es zerschlagen, -- um zu sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein
-Spielzeug. »Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich einen
-Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu verhüten. »In alles
-hineinblicken, alles auseinanderlegen und dann -- von frischem aufbauen!«
-Das war seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte mich! Wie ein
-Fabelwesen kam er mir vor, das dann, wenn es alles getan hat, was es als
-solches tun muß und die Glocke eins schlägt, -- sich umwandelt in einen
-liebenswürdigen Prinzen.
-
-Oft mußte ich auch an den Golem denken, den Lehmdiener des Wunderrabbi,
-der zu rasen anfing, weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige
-Gotteswort aus dem Munde zu nehmen.
-
- * * * * *
-
-Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer sind sie, die das
-zarte Instrument Seele zerrütten. Kein Heil kann durch grobe Worte kommen.
-
-»Ich fange an,« sagte er, »dich zu -- hassen. Für diese deine Güte. Du
-hast mich enttäuscht. Du erschienst mir, als ich dich kennen lernte, wie
-ein wunderbar wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du dabei das Herz
-eines Engels hast, das dachte ich mir nicht. Ich hoffte, du würdest mich
-vernichten. Aber du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als mir
-auch nur ein Haar krümmen!«
-
-»Ich -- verstehe nicht. Was heißt das alles?«
-
-Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht -- erlösen, du -- du --
-Engel!«
-
-Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur unter diesen furchtbaren
-Griffen. Erst zum Schluß unserer Freundschaft -- am letzten Tag --
-verstand ich.
-
- * * * * *
-
-Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte, dann sprach er die Sprache
-der »Askese«. »Einsam sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit,
-seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr zu vertauschen, so zog
-ihn die fremde Natur so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß.
-
-Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«. Meine Ottomane
-betitelte er innerlich wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu
-essen fand er »mondäne«.
-
-Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum normalen irdischen
-Wohlleben.
-
-Dimitri -- Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer Halbgott!
-
-Weib ist gleich Genuß -- und Feindschaft dem Genuß! war zuzeiten seine
-Devise. Und dabei hatte er doch diese Neugier, -- Gier nach Neuem -- allem
-Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen mögen.
-
-Und später, in der anderen, der »heiligen« Stimmung: der strafende
-Prophet mit dem Flammenschwert und dem Donnerwort.
-
-Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag ihm ferner. Ein
-Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, vor dem mir anfing zu -- grauen.
-
- * * * * *
-
-Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele hineingewühlten Natur, die
-alles nur aus _sich_ herausholte, in sich wieder zurückführte, in sich
-nur ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.
-
-Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug in die Natur:
-erlebter Pantheismus. Ichsucht: verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel
-Selbstanschauung -- keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich zusammen.
-
- * * * * *
-
-Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu ernst; ich vor allem. Man
-hätte über vieles hinweggehen müssen. Aber so schonungslos er in
-seiner Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, ins Innerste
-hineinzuleuchten, für seine Person liebte er das nicht. Wenn ein scharfes
-Wort zu ihm flog, er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um sich
-meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. Und immer war die Art
-seines »Angriffes« so -- interessant, daß man gespannt hinhorchte, wenn
-es auch in den Nerven stach und brannte. Und wenn man nicht darauf einging,
-litt er drunter, »Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst dich
-in eine feindliche Festung, du bist ein platter Mensch« -- war dann sein
-Refrain. Und ich wollte ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden,
-Frieden!
-
-Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts
-alles an! Mit erstaunlicher Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem
-Ernst.
-
-Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:
-
- »Und der Himmel voller Huld
- Hört das alles mit Geduld!«
-
- * * * * *
-
-Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich ernst. Wie ein Kind
-erschien er mir manchmal, wie ein unersättliches Kind. -- Alles, dem er
-eben begegnete, war das Wahre. Allzu schnell gab er sich hin. Auch an ganze
-Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung und mit tiefer Verachtung für
-alles »Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck mir gegenüber,
-von der Art des Fräulein X. Y. »Diese _voraussetzungslose_ Art, sich
-hinzugeben, heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse folgend und alle
-mit derselben Gleichgültigkeit beglückend, -- die reine Seligkeit muß
-das für den Mann sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein Teil
-an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als zehn andere. Es ist
-_schön_, es ist nichts Moralinsaures darin.« Und er sah mir, -- ja ich
-kann es nicht anders sagen, -- herausfordernd ins Gesicht.
-
-Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare Dummheit über sich
-selbst (denn der Ekel hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen,
-gebeutelt bei Fräulein X. Y.), diese seine Torheit war es, die mir das
-Gefühl einflößte: ich müßte auch hier wieder _fliehen_ ... aber der
-Schmerz ließ das noch nicht zu -- -- --
-
-In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi. Gerade auch ~in puncto~
-der Frauen. Nur war er, Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein
-Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, -- hier war hohe Gedankenkraft und
-tiefehrliches Streben zur Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden,
-Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft. Hier bevor, dort nachdem
-sie Tat geworden waren. Dort platt! Hier interessant!
-
-»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt hängt es aus den Mäulern der
-Heutigen.« Also sprach Zarathustra.
-
- * * * * *
-
-Auf der Treppe wußte er noch nicht, -- laut eigener Aussage, -- ob er
-mich liebe oder »hasse«. Dann bei der Tür: -- »wie kann einen
-ein Geschöpfchen, mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so
-_füllen_?«
-
-Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich immer weniger und
-weniger. Was keinen Boden hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt
-werden? Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige Ganges selbst
-hindurchflösse.
-
-Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den Tartaros ersonnen,
-dieses Füllen eines durchlöcherten Fasses. Neunundvierzig Unselige
-arbeiteten daran, teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein
-besorgen.
-
- * * * * *
-
-Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien mir seine Ungebärdigkeit.
-
-Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem sogenannten »toten
-Punkt« gegenüber, ob der nun bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen
-Tempo zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in seinen äußeren
-Verhältnissen oder seiner inneren Produktivität, genug, wo und wann immer
-der tote Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in diesem Leben nicht
-vorbeikommt, er fand ihn unweise, ungebärdig, machte ihn verblendet und
-wild.
-
-Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten.
-
-Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag bei den Kindern zu verbringen,
-da ihre Kinderfrau fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue
-aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die Kinder beaufsichtigen.
-Ludo schlief und schnarchte wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen
-Augen hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein, immer ganz und
-gar erfüllt wollte er sein, wie sein Vater. Ich liebte dieses Kind sehr,
-es hatte für mein Herz irgend etwas, das mich ganz betörte.
-
-Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich ihm aus dem Bilderbuch
-»Jugendland« vorlas. Als wir aber fertig waren, mußte schnell etwas
-Neues ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes Verlangen.
-
- * * * * *
-
-Es waren aber auch schöne Tage in dieser unseren Gemeinschaft. Wir lasen
-zusammen die Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen zusammen
-durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer, Helmholtz, Mach. Dimitri
-studierte gern mit mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen
-hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt und vielleicht mehr
-davon hinter mir als er. Er hatte ja bisher in einer »Zwangsehe mit
-Frau Justitia« gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine wahre
-Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen können. Er hatte nicht
-viel studiert bisher. Und wußte doch viel, erstaunlich viel.
-
-»Ich habe alles _in mir_, alle Argumente, pro und kontra: die
-Gegengewichte aller Möglichkeiten!«
-
-Ja, besonders _die_ hatte er in sich. Viel, viel hatte er in sich. Tausend
-Wege trafen sich da, in ihm. Ströme und Straßen trafen sich, gangbare
-Flächen waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame Höhen, wo man
-»Jäger sein« mußte und »gemsengleich«. Und Grotten, in die wunderbar
-war, zu blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde, wie jene
-nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten des Inferno hindurch
-mußten. Eine Welt war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie.
-
-Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige »Welt« sei:
-jener geheimnisvolle eingeborene _Ordnungstrieb_, jene _Stimme_, die die
-Elemente verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander
-bringt, in dem sie eines aus dem andern nehmen, wessen eines aus dem andern
-bedarf, bis aus den also _geordneten_ Stoffen ein Bau ward!
-
- * * * * *
-
-In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri konnte er sich über eines
-nicht genug wundern: über diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf
-mich! Das Studium der Philosophie, es regte mich immer -- musikalisch an.
-Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis um. Je tiefer die Weisheit
-war, je heißer und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde mir's zum
--- Singen!
-
- * * * * *
-
-Über Weiningers großes Werk waren wir in besonderem Eifer. »Wie
-willst _du_ ihn denn kontrollieren?« sagte er, indem er meine sachlichen
-Einwendungen abwehrte.
-
-»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn kontrollieren kann.«
-
-»Wo denn?«
-
-»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst, -- an der
-Wahrheit der Tatsache an sich -- der Tatsache: Weib.«
-
-Aber wenn schon meine Argumente gegen den Weininger ihn nur ärgerten,
-mußte er doch zugeben, daß manches an meiner Person ihn einigermaßen ~ad
-absurdum~ führe.
-
-
-
-
-Eine besondere Verachtung hatte Dimitri für Frauenbücher. Er analysierte
-sie mir im Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm sie vor
-und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe.
-
-»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des _Wortes_. Sie wissen
-nicht, was für ein furchtbares Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um,
-wie ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser herumspielt. Und, was
-das Schlimmste ist: sie haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern
-an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine, niedliche Motive haben sie.
-Aber gibt es ein Frauenbuch, um ein Problem herum, um ein ewiges und
-doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß man doch das Zeitliche
-rauschen hörte darin? Und Gestalten sähe? Gestalten _und_ Gesichte?
-Fleisch _und_ Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein Frauenbuch,
-empfangen in einem besonderen Rhythmus? In einem Rhythmus, der nicht
-geplant werden kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres
-Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?!
-
-Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie nur eine einzige Person sie
-schaffen konnte, keine zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja, was
-Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im Dorian Gray gab! Das sind
-Mußbücher, wie es keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein
-Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.«
-
-»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen -- Priesterinnen waren! Es
-›kam‹ über Pythia, es ›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates
-belehren konnte über das Wesen des Eros.«
-
-»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber seit damals ist es eben
-nicht mehr über sie gekommen.«
-
-Ich nannte einen Namen: Lagerlöf.
-
-»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen. Aber neben _Gesichten_,
-die nur einem Einzigen werden, will ich _Gestalten_ sehen, die der Zeit
-gehören. Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins Herz der Zeit, daß
-sie, die Zeit, auflachen und aufweinen müßte darüber, -- wo wäre es,
-solch ein Frauenbuch?«
-
- * * * * *
-
-So oder ähnlich, -- ich habe mir die Worte nicht genau gemerkt, -- sprach
-Dimitri über Frauenbücher. Ich glaube, es war viel Wahres an dieser
-seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher vielleicht,
-ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle explodieren ließ, ohne
-abzuwarten, bis das, was aus ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium«
-(o Weininger!) sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch eine
-Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose Kritik aufgerüttelt
-werden müssen.
-
-Und dann -- dann hätte sie entweder für immer verstummen müssen, --
-oder --
-
-Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin!
-
- * * * * *
-
-Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort! Jedes einzelne: ein bewußt
-herbeigeholter und behauener Quader. Jedes einzelne! Aber -- als ganze
-Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier dräuend. Und
-wuchteten nieder, wie ein Bau, den keine Kuppel, keine Wölbung, keine
-_Weitung_ von der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken
-scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein. Auch fehlten diesen Bauten
-oft die -- Fenster. Innen war alles solid, gediegen, durchaus anständig
-und komplett eingerichtet. Aber die -- Fenster, durch die man hätte
-herausblicken können ins Unbegrenzte, ins Freie, ins _andere_, die, ja
-die fehlten meistens, wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren
-Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des ahnungslosen
-Besuchers auftaten und ihn angähnten in undurchdringlicher Abgründigkeit.
-
-Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte Was war es, daß
-sie trotzdem bei denen, die für uns in Frage kamen, nicht eine volle
-Würdigung finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist, aus dem
-diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der verfallen schien, jenen Mächten
-verfallen, die wir in der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in
-den Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«, wie Beethoven
-selbst es nannte. In vier Noten klopft da das Schicksal an die Tür:
-
-[Illustration: Musiknoten]
-
-Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte, die die _lichte
-Lebensstimme_, die beschwörend, beschwichtigend hineinsingt in sie, -- so
-süß, ach, so süß, --
-
-[Illustration: Musiknoten]
-
-immer wieder überdröhnen.
-
-Ihnen gehörte er, -- er konnte nicht anders.
-
- * * * * *
-
-Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod: Schottische Balladen.
-
-Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken hätte interessieren
-können, aber »geschrieben« war es! Die Kraft der Anschauung, die
-reinliche Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch wie
-notwendig sich ergebender Bilder, die er an Frauenbüchern immer vermißte,
-hier waren sie.
-
-Er las und -- staunte. »Allerdings,« sagte er, »das hätte ich einer
-Frau nicht zugetraut! Allerdings.«
-
- * * * * *
-
-Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café. Beide hinter Zeitungen
-vergraben. Plötzlich fährt Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen«
-(warum soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde umsehen, da
-dieses alte von so anschaulicher Kraft ist?) empor.
-
-»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt in einem Tempo über
-den Tisch, daß ein Wasserglas davor herunterfliegt. »Da, da!«
-
-Was war da?
-
-Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher Stirn, klugen Augen und
-stattlichem Vollbart und darunter stand: Fiona Macleod.
-
-So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört!
-
- * * * * *
-
-»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte er. Ja, welche Fehler
-waren denn das?
-
-Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht auffinden, und dennoch
-weiß ich, daß er nicht ganz unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es
-war, glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in mir hervorrief. Und
-nicht nur indem ich ihm entgegen war, sondern auch, indem ich -- schmiegsam
-war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht zu dem gewünschten
-Austausch in Harmonie. Daß er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte
-auf mich zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war, was
-ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von gestern zu entsprechen. Als
-zerwühlend empfand ich es schon damals triebhaft, -- diesen verwirrenden
-Wirbeltanz mitgemacht zu haben.
-
-Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur möglich? Ja, warum war es mir, da
-ich mit ihm war, nicht anders möglich, als eben so?
-
- * * * * *
-
-Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun wieder besonders kräftig.
-Dieses Hinschwingen zu ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen
-hatte, noch bevor er mich kannte, -- es zeigte so recht seine Not über
-die verwirrenden Geschehnisse, sein Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine
-neue Liebe im Gemüt zu einen -- mit der unterdrückten Liebe zur eigenen
-Frau.
-
-Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe Schmerzen erzeugen -- diese
-Trennung von den Kindern und von ihr.
-
-Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, Gefühlsgedächtnis
-(denn für abstrakte Gedankenketten war sein Gedächtnis sehr stark).
-Der Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der Vergessende -- der
-Ausgelieferte.
-
-Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. Eng verknüpft mit
-Treue. Treue -- eine Kraft der Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des
-Gehirns. Alles Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert sie ab,
-als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber setzt Fülle voraus,
-Fülle und Sammlung, die festhält, ökonomisch anlegt, nichts verschüttet
-und nichts verrieseln läßt. Treue ist _Abgrenzung im Gefühl_, und hier
-waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte zu sehr von Theorien.
-
-Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die Leute rein blöde mache.
-Sie fanden sich nicht mehr zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste
-der, der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein Intellektueller,
-bei dem durch den Intellektualismus der »innerste Sinn« nicht gelitten
-hätte, dieser Sinn, der von der hohen Instanz der _Gefühle_ dirigiert
-wird, ein Intellektueller, der _doch_ vernünftig wäre, -- das war mein
-»Ideal«, das ich seit Jahren suchte!
-
- * * * * *
-
-Eines Abends, während er bei mir war, nannte ich -- deinen Namen. Ich
-hatte am Vormittag ein Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört.
-Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft an meinem
-Hochzeitstag.
-
-»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du -- nennst einen fremden Namen,
-einen fremden Männernamen, du -- du! -- -- --«
-
- * * * * *
-
-Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte sich. Er war kein
-Liebloser. Nur ein Ungebärdiger war er. Aber aus dieser seiner
-erschreckenden Ungebärdigkeit kam all dieses Zerstörende. Er war
-ungebärdig, selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber. Wenn
-etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen war, zum Beispiel unser
-Zusammensein, nun _mußte_ es anders sein! Er hätte es nicht ertragen,
-wenn es heute wieder schön gewesen wäre!
-
-Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal schön gewesen war, es
-heute anders sein -- mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine
-Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle.
-
-Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit -- Helene. Mit mir?
-
- * * * * *
-
-Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom ersten Bekanntwerden bis zum
-letzten Fallen des Vorhangs -- hundert Tage. Und welch' eine Fülle war in
-dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen. Wie war sie da schon ganz und
-gar gewährt.
-
-Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein dreimal dreißig -- Jahre?
-
-Hundert Jahre fühlte ich über mir!
-
-O mein Elba!
-
-Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein halbes Jahr ist seit deinem
-ersten Besuch verflossen. War es gestern? Es muß gestern gewesen sein.
-Ein erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer so gewesen. Hold und
-zeitlos ist das, was zwischen uns.
-
-Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich dir von Dimitri und
-meinem Leben mit ihm sprechen, Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch
-herunterfließt. Unendlich ferne liegt es hinter mir und zittert doch noch
-nach ...
-
- * * * * *
-
-Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du wirst alt an diesem
-Mann«, sagte meine Mutter.
-
-Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«, dessen Winkel er immer
-»schwebend« sehen wollte, ach, er preßte sich zusammen unter dem, was
-aus _seinem_ Munde kam. Und die Mundwinkel, die »schweben« sollten,
-sanken -- traurig und vergrämt.
-
-Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er mir nicht genügend
-Sicherheit für mein Frauenbedürfen und zu wenig Gewähr. Unsicher
-in seinem Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals bis zu
-Überzeugungen festigten, unsicher in der Beobachtung, unsicher in seinen
-verschiedenen einander so widersprechenden Anschauungen, mischten sich
-doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu einer Persönlichkeit von
-unerhörter Tragik und Gewalt, der niemand die Erkennung versagte und
-niemand den Gruß am Weg und die doch noch nicht begnaden konnte, weil
-sie noch nicht die ausgleichenden Kräfte der Reife hatte und daher im
-augenblicklichen Gefühl zerstob ...
-
-Auch in der äußern Form entbehrte er manches, auch sie entnahm er zu sehr
-dem Augenblick, ohne ihre Bedeutung genügend zu würdigen.
-
-Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend für die Frau. Er hätte
-mich mehr beschützen müssen, aber er war zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt. Und so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und schutzlos.
-
- * * * * *
-
-Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von gestern zu heut. Thmyan,
-die Hetäre, Rebekka, die Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine,
-schlanke Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine, ach so wenig
-verläßliche Gunst.
-
-Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen, jedem Tag einem anderen Idol.
-
-Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu mehren, um das was -- _ich_
-war.
-
-Eine »Herrin«, die sich _nicht_ von ihm zerstören ließe, so sagte er
-einmal, wäre sein Ideal.
-
-Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn eine selbst die
-Schönheit einer Venus und das Temperament einer Bajadere hätte -- und
-die Heiligkeit einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach dem
-fehlenden begehren.
-
- * * * * *
-
-Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was immer er sah, hörte, las,
-erfuhr, er war's, den es betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis
-wurde daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das tänzelnde,
-leichtgeschürzte weibliche Element war drei Tage lang sein Ideal. So
-etwas, was man »bewachen« müßte.
-
-Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das wir sind, die da oben?«
-fragte er mich im Zwischenakt, und sein »strenges« Gesicht verhieß mir
-nichts Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen werden müßte!
-
-»Siehst du nicht, daß das wir sind?«
-
-Nein ich sah es nicht.
-
-Und er war es wirklich, der das alles war. Alles und -- nichts? Nein. Etwas
-immerhin. Viel! Aber -- ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form. Er
-zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte er selbst von sich zu
-sagen. Nein. Aber gestaltlos, ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den
-geheimnisvollen, eingeborenen, unerwerbbaren _Willen zur Form_.
-
- * * * * *
-
-Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele -- in unendlichen Ausstrahlungen.
-Andre wollen umgekehrt: sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, festigen.
-Und so wollten wir Entgegengesetztes und begegneten uns nur selten.
-
- * * * * *
-
-Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, war doch da in ihm: sentimental
-war er zu Zeiten, pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals),
-und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. Daß er seine erste Ehe
-gelöst hatte, schien ihm eine ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in
-der Welt hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch legte
-er sie tagtäglich auf den immer geheizten Rost seines Gewissens. Er wurde
-aber nie fertig mit dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der
-zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst einen freundlichen,
-erträglichen Ton fand, seit er von ihr fort war und die er in dieser Ehe
-zerstört hatte bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, -- wäre er
-bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht minder geröstet wie sein
-Gehen.
-
- * * * * *
-
-Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. Etwas wie eine geheime
-Gehässigkeit lag zwischen uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in
-meiner Gegenwart, sagte ich: »Das ist ~mauvais genre~, lieber Dimitri,«
-ich sagte es sehr sanft, »durchaus ~mauvais genre~.«
-
-Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, als wenn ich ihm auf diese
-Weise weltlich kam. Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio,
-zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie tun. Obwohl er mein Bruder
-ist. Es zeigt, nun wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht
-von -- Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art von Courtoisie, sitzt
-eben im Blut.«
-
-Er warf mir einen Blick zu, -- wenn Blicke töten könnten! Aber,
-suggestibel wie er war, hatte er von Stund an Respekt vor meinem --
-Geblüt.
-
- * * * * *
-
-Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding _nicht_ war, wußte er
-am ehesten davon auszusagen. »Nichts behält neben ihm den eigenen,
-unbedingten Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, immer wollte
-und brauchte er »Auseinandersetzungen«. »Intensiv« sein, nannte er
-dieses Herumwühlen in dem -- Innersten der Seele. In Wahrheit war es eine,
-wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die alle diese Szenen entlud.
-
-Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin heil blieb.
-
-Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund des Subjektes« (Goethe).
-Jene Gegend, die, meiner Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor
-sich selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling zu Sais
-erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte!
-
-Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das Symbol zerstört. »Alles
-Vergängliche ist nur Gleichnis.« Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen,
-dann fahr' wohl, Kunst!
-
-»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein anderer, Wilde. Ein
-tiefes Wahrwort. Darin, daß wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines
-Gleichnisses, eines Bildes (also immer wieder nur durch Vergleich mit einem
-anderen Ding) dichterisch sinnfällig, anschaulich gestalten können, darin
-liegt ein Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung seiner
-Oberfläche, von allen ihren zahlreichen Seiten, nahekommen können.
-
-Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung, die »tiefer« dringen will,
-als zum Symbol, im Irrsinn scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen
-vor sich selbst!
-
-Das wollte er nimmermehr begreifen. Das heißt, theoretisch begriff er es
-wohl. Aber praktisch ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes war
-sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem anstrengenden Pfad seine
-Begleiterin.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte und wühlte und ich laut
-schluchzend neben ihm ging.
-
-Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar für solche, die so etwas
-nicht erlebt haben.
-
-Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs Sofa. Er deckte mich mit
-einer Decke zu, legte mir einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee,
-den er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich und spielte ganz
-leise, pianissimo, oft auch nur mit zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie
-Mandoline), auf der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein Gesicht.
-Seine blauen Augen schienen unnatürlich groß und flackerten dunkel.
-
-Keiner von uns beiden hätte das Substrat des »Streites«, der
-aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt.
-
-Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise. Er saß und zupfte die
-Fiedel, pianissimo.
-
-Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri Gruschk und ich.
-
-Stunden vergingen so ...
-
- * * * * *
-
-Eines Tages kam er: »Sprich nicht, -- deine Worte sind umsonst! Schau
-nicht, -- deine Blicke sind umsonst! Ich bin leer, leer.«
-
-Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über uns geschwebt hatte, war also
-richtig hereingebrochen: Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«?
-Unmöglichkeit.
-
-
-
-
-Um diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief von seiner Schwester, die in
-Zürich Medizin studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam auf
-der Durchreise nach der Heimat nach Wien und hatte hier eine
-Erbschaftsangelegenheit zu ordnen. Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat
-beistehen.
-
-Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in Anspruch, daß er manchmal nur
-auf einen Sprung zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in ihrer
-Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch »als Mensch« brauchte sie
-ihn, wie er mir sagte.
-
-So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich die russische Studentin in
-lebhafter Konferenz mit Dimitri.
-
-Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte sich überhaupt sehr
-freundschaftlich um sie. Er habe eine wahre Verehrung für dieses Mädchen,
-sagte er mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so »moralisch
-leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller Horizont sei begrenzt.
-Aber die »Moral« sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei
-Männern für möglich gehalten. _Sie_ verstehe, was es heiße, »an sich
-selbst schuldig werden«. Sie war ein »Adelsmensch«.
-
-Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei Kritik üben, denn mir
-gegenüber gab sie sich ja nicht zu erkennen.
-
- * * * * *
-
-Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre Idol für die Sehnsucht
-des Mannes hinstellte, so nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im
-Weibe verkörperte »ethische« Prinzip.
-
-Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender« Mann könnte
-für sie in Frage kommen, hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie
-hinzugefügt: ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell und moralisch
-genügen könnte? Sie habe sich darauf gefaßt gemacht, »einsam« zu
-bleiben, weil sie nicht »besser« sei!
-
-_Und Dimitri sagte_: »Hast du dich jemals gefragt, ob du einem solchen
-Manne genügen könntest?! Hast du dich jemals bemüht, _besser_ zu
-sein?!«
-
-Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du, für den ich diese Blätter
-schreibe!
-
-Er sagte es wörtlich, Johannes!
-
-Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen schreibe. Mein Gesicht
-ist über und über bedeckt davon. Meine Hand zittert, -- ich kann nicht
-weiterschreiben für heute.
-
- * * * * *
-
-Unter meinen Freunden befand sich auch ein Schauspieler, der von Zeit zu
-Zeit öffentliche Vortragsabende veranstaltete, an denen man sicher sein
-konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt zu erhalten.
-In dem Geschäfts- und Snobgetriebe der Literaturhyänen der Großstadt
-bildeten diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung und
-Verständnis der _Lyrik_ tat dieser Künstler viel. Er sprach auch oft
-mit Dimitri und mir über das Wesen der Lyrik, dieser, nach der
-Musik unmittelbarsten Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs der
-_künstlerischen Exstase_, -- _der Stimme_.
-
-Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher und notwendiger Poesie
-unterscheiden. Und an solchen _echten_ Produkten nicht vorüberzugehen, wie
-jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein Kunstwerk zu sich nimmt wie
-ein Glas Bier und weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.
-
-In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei nichts zu verspüren.
-Frei und doch notwendig finden sich die Verse zueinander, ohne daß
-Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim zuliebe
-notwendig wären. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa.
-Neue starke, seltsame Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in
-lauter Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte es noch so glatt,
-macht aber noch kein Gedicht: der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt
-erscheinen. So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche
-Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des Ganzen. Erst diese Logik verleiht
-jedem Bilde _Macht_. Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes,
-es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und
-bimmelt doch leicht und lieblich -- und geheimnisvoll. Und er demonstrierte
-diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.
-
-Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum zu vermitteln. Erst dann
-könne es ermessen, was ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf,
-darin niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.
-
-Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris Gedichte. Ich selbst
-hatte niemals ein Gedicht gemacht.
-
- * * * * *
-
-Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen Abend erhalten. Dimitri
-kam, mich abzuholen. Er teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin
-abgetreten, er selbst werde sich ein anderes an der Kasse besorgen. Im
-Saale würden wir sie treffen. Ich fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen
-sei, mich abzuholen.
-
-»Sie -- sie findet keinen Kontakt mit dir.«
-
-»So.«
-
-Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in ihnen den Blick, den Helene
-hatte.
-
- * * * * *
-
-In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, sprachen wir den
-Vortragenden im Künstlerzimmer. Wir hatten einander mehrere Wochen
-nicht gesehen. Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah mich
-schweigend an, dann sagte er: »Wenn man wissen will, was Zerstörung ist,
-so braucht man nur Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick auf
-Dimitri.
-
-Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche Mann war unhöflich gewesen.
-Endlich fand man einige Worte zum Thema des Abends.
-
-Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil er mich zerstört sah. Wie
-kann man sich so nur blicken lassen, -- mag er sich wohl gedacht haben.
-
- * * * * *
-
-Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden Sonntag besuchen. Die
-»Fünfte« war zu hören. Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte
-Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir sollten uns vor dem
-Musikvereinssaal treffen. Giorgio, Helene und ich warteten vergeblich
-auf Dimitri. Er kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er war sonst
-verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten unsere Karten und gingen hinein.
-Eine mir selbst nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was war
-vorgefallen, warum war er nicht da?
-
-»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.
-
-»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.
-
-Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf setzte ein.
-Hoffnung blitzt auf in dem wilden Getümmel. Die Violinen tragen sie durch
-zwei Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die Zweifel mischen sich
-hinein, Flöte, Klarinett und Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang.
-Aber die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der Bedrückung
-immer wieder heraus, sprengt und durchbricht ihre Gruft: Triumphlied der
-Posaunen.
-
-Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich war überzeugt, ein
-Unglück müsse geschehen sein. Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich
-meinte: einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie waren allein zu
-Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, was da geschehen war.
-
-Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen hinauf, rüttelte an der
-Glocke.
-
-Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder friedlich schlafend in ihren
-Bettchen.
-
-Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig die rosigen
-Füßchen, die der kleine Elias unter der Bettdecke hervorstreckte.
-
- * * * * *
-
-Ich fragte in seiner Wohnung an.
-
-Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen Hut und Mantel im
-Vorzimmer hängen.
-
-»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und stellte sich breit
-vor mich hin.
-
-Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite und ging direkt auf
-Dimitris Türe zu, klopfte und drückte die Klinke nieder.
-
-Aber die Türe gab nicht nach, -- sie war versperrt. Drinnen aufgescheuchte
-Stimmen, erschrecktes Geflüster, -- Dimitri und die ethische Dame aus
-Rußland.
-
- * * * * *
-
-Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam und beinahe heiter durch die
-Straßen. Ich weiß nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte ich
-mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen nach, als darin Platz fanden.
-Mich fror sehr. Der Herbst war naßkalt und neblig.
-
-Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht warm genug für mich. Schließlich
-hüllte ich mich in Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe
-neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel Wilhelm von Humboldts mit
-seiner Braut und Frau -- -- --
-
- * * * * *
-
-Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses Läuten: Dimitri. Das hatte
-ich nicht erwartet.
-
-Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen, klinkte die Türe auf und
-ging zurück in mein Zimmer. Er folgte.
-
-Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich obdachlos herumgetrieben,
-kam er mir vor. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im
-Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach er in Schluchzen aus.
-Als wollte er sein Gesicht verbergen, warf er es in meinen Schoß.
-
-Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn mit den besten Worten, die
-ich fand.
-
-Er blieb lange so, dann gestand er alles.
-
- * * * * *
-
-Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine empfindliche Natur; für
-sensible Menschen gibt es in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es
-ist immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe. Geschieht
-sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein Chock, eine Verwundung des
-innersten Wesens zurück.
-
-Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden. Ich hatte verziehen und ohne
-merken zu lassen, _daß_ ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß
-ich etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch zerfaserte er jede
-meiner Äußerungen. Überall vermutete er Scheu und Überwindung.
-
- * * * * *
-
-Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte Gemüt zu »wirken«,
-mit allen Mitteln, ach! »Wozu sonst bist du gut, -- _Stimmlose_,« dachte
-ich bei mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!«
-
- * * * * *
-
-»Du -- du Frau, -- ich weiß nicht, -- ich werde immer verwirrter. Wenn
-ich von dir bin, -- habe ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht,
-warum. Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach Glück. Ich
-weiß nichts mehr, ich weiß nichts mehr.«
-
-Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah ihn an, voller Weh:
-»Dimitrino!« Lange, lange hatte ich ihn nicht mehr so genannt.
-
-Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub seinen Kopf in meinem
-Schoß und weinte da bitterlich.
-
- * * * * *
-
-Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen gehabt. Oft geschah es,
-daß ich nachts erwachte, in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren
-Druck im Herzen.
-
-Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über seine Leiden. Er war sehr
-zart, disponierte zu Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst
-darüber.
-
- * * * * *
-
-Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen führen solltest, wie Liebe
-tut, -- es wird dir oft salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.
-
-Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der Art, die Schopenhauer mit
-dem Welschwort benennt, dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.
-
-Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches Leid, das schier alle
-Kreatur zu umfassen sich sehnt, ist in solcher Liebe: Pietà.
-
-Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser meiner Liebe zu ihm.
-
-Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in dieser meiner Liebe zu ihm.
-
- * * * * *
-
-Immer fremder, immer unheimlicher wurde es zwischen uns. Ein Dunkles war
-da, ungreifbar. Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene Stunden,
--- wo Menschen sonst alles vergessen. Er nahm mir die Unbefangenheit --
-auch da! Das Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann gesagt
-werden, was von ihm einer Frau geschehen kann.
-
-In den letzten Tagen vor meiner Abreise, -- wie sie zustande kam, wirst du
-erst später erfahren, -- in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten
-ja hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts Gutes mehr von Dimitris
-Munde. Seine Arbeit lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner
-Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder andere auch. Aber wo
-fand ihn ein toter Punkt je weise?
-
-Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene Sinnlichkeit in ihm.
-Schöne Frauen und hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, -- er
-begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am liebsten. Und er erzählte
-es mir, er schilderte mir diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen,
-»objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.
-
-Und ich blieb -- objektiv. Hörte das alles, entgegnete darauf ganz
-»sachlich« und nahm es alles -- ernst.
-
-Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie ertragen, diese Art
-»Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet. Nur Unabhängige ertragen diese
-Abhängigkeit und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem Weibe lächelnd
-beide Hände: Binde mich, du!
-
-Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte ich dich, lasse mich
-wieder einwohnen in der Heimat deines Herzens!«
-
-Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir abhänge, du Geliebte! Das habe
-ich in dieser Zeit wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie ihn
-auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein wahrer Ernst ist nicht
-dabei! -- -- -- O glaube! glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!«
-
-Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen. Wohl mir, daß ich es bin!«
-
-Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es, ist es zu Ende mit mir und
-mein Licht ist ausgeblasen.«
-
-Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit« geraten
-waren, sondern, die Sonderbaren, alle Throne der Welt hätten sie
-ausgeschlagen gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk selbst,
-es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen Lebenswert. Ein Wagner
-nannte sein Werk -- _sein_ Werk! -- unernsthaft gegen diesen Ernst seiner
-Liebe.
-
-Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten nicht nur diesen
-Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich!
-
- * * * * *
-
-Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere als ich ihm diese
-Bewußtheit und Seligkeit und darum Erlösung wird geben können? Ich
-glaube es nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte. Die Sphinx mit
-der Tatze sollte kommen und sein Bewußtsein betäuben. (So wünschte
-er sich's: Untergang in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung
-zusammengefallen mit Vernichtung. Die Melodie der dunkeln Mächte behielt
-die führende Stimme in ihm, nichts konnte sie übertönen.
-
- * * * * *
-
-Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich neue Wurf ins Ungewisse,
-war _mit_ Schuld an seinen tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein
-Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die bleiche Brotangst die
-Kehle zuschnürt, -- ein Unding ist's, ein grausames, widersinniges Unding!
-Denn das Material, das kostbare, geht dahin in diesem verzweifelten Ringen
-mit ihr, der bleichen, der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn
-der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer Sorgen hat, so wird ihm
-doch nicht sein Holz oder sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der
-Sänger ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste Sorge sein
-Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche Material: _die Stimme_.
-Das Zarteste im Menschen, das _Tönen_ seiner Seele, -- ~anima~, die Stimme
-wird gebrochen von der Not.
-
- * * * * *
-
-Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren diese Stimmen? Warum
-duldet ihr, daß sie in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet ihr
-sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden?
-
-Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer Not und Jammer sie zu ersticken
-und zu erwürgen drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen
-überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft!
-
-Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die vernehmbarsten Stimmen der
-Nation?
-
- * * * * *
-
-Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre an seiner Bestimmung, an
-seiner Berufung. Irr und wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte.
-Sünde und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten Fingern.
-
-Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein Schicksal mit diesem Elend
-verknüpft?« Meine Sache war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen
-mochte über ihn, -- von außen und aus ihm selbst. Tragen, tragen.
-
-Aber das erstemal kam ich auf den Grund des Begriffes »Irrsinn«.
-
-Irr -- irr -- ich wußte nichts mehr. Nichts mehr von mir vor allem.
-Zerpflückt und zernagt war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst?
-Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit?
-
-Und keine _Stimme_ war da, das war das Schlimmste. Die Stimme, die Stimme,
-sie schwieg mir, -- die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes _besaß_ mich,
-es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war in Besitz von etwas anderem, --
-Dunklem, Fremdem, Grauenhaftem, Unerklärlichem, -- ich hatte mich nicht
-mehr, es _besaß_ mich, und konnte mit mir machen, was es wollte.
-
-Irrsinn -- Besessenheit ...
-
- * * * * *
-
-Ich muß es tragen, -- so hatte ich mir gedacht. Aber es kam anders.
-
-Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel. Es gab ja keine Stunde des
-Friedens mehr. Ich war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich weiß,
-daß ich aufschrie und meine Hände ballte gegen ihn.
-
-»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann nicht aufkommen für dein
-Elend. Ich richte Unheil an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich
-an« -- und er riß mich beinahe zum Spiegel --, »du bist nicht
-wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die ich vor drei Monaten sah? Warum
-läßt du dich denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich
-zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt habe, dafür
-verachte ich euch alle zusammen.
-
-Und was habe ich denn davon. _Furcht_ habe ich vor dir --«
-
-Es blieb totenstill.
-
-Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob.
-
-Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden Halbdunkel und
-hörte, wie er mit rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend,
-mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir zurief: »Maja, rette dich
-vor mir!«
-
-Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die mir rieten, zu fliehen.
-
- * * * * *
-
-Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden geholt. Aber nicht gepackt
-wie sonst, wo sorgliche Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt,
-hineingeworfen wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur schnell. In drei
-Stunden war ich reisefertig.
-
-Und als mir, während der Zug an der Donau dahinbrauste, die Türme von
-Wien verschwanden, da holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes,
-schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten, aber nicht der
-Werdenden!
-
-Und ich fuhr dahin -- in ein härteres Klima.
-
-
-
-
-Ich kam hier an. Ich schrieb einen Brief an Dimitri. »Da es aus sein
-soll, soll es ganz aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange keine von
-mir.« -- Er ist frei, wie er es im Grunde sein wollte und wohl auch sein
-muß. Unser »Eheband« wird keinen von beiden stören. Braucht einer
-von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder, so wird er keiner
-Schwierigkeit beim anderen begegnen. Auch die Grimasse der »Freundschaft«
-wollen wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn die Liebe
-geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit Zwerghaftem, das in seiner Art
-ganz und heil ist -- dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten« --, als
-daß ich den Torso von etwas, das größer war, als dieses Zwerghafte, mit
-mir weiterschleppe. Auf den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand --
-eine Handvoll Asche -- Einsamkeit.
-
- * * * * *
-
-Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält sich an meinen Wunsch. Auch
-ich gebe keine. Wozu Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug. Wir wissen
-alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen, uns wiederzufinden, --
-nicht einander wiederzufinden, nimmermehr! -- sondern jeder sich selbst
-wiederzufinden, _frei_ vom andern.
-
- * * * * *
-
-Gute Genien waren um mich in dieser Stadt. Große, stolze, gleichgültige
-Stadt. Gibt Raum dem Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien, da
-fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand es nicht, dieses Wien, da
-ich darin festsaß. Ich litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag.
-
-Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen, -- Himmelsmanna der werdenden
-Seele, die »gläubiger und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg
-sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen Kräfte, derer
-die Zarte, ~anima~, bedarf?
-
-Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen äußeren Lage meines
-Lebens, jemals in innerer Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich
-hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet war meine Situation
-zeitweilig, innerlich und äußerlich. Ich glaubte kaum je wieder
-herauszukommen aus solchem Zusammenbruch.
-
-Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige denn, daß eine Hand sich mir
-entgegengestreckt hätte. Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so:
-komme herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene, innere
-Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine und erlöse dich selbst, o
-messianische Seele, oder -- bleibe unten und vermodere.
-
-Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte.
-
- * * * * *
-
-Irgendwo müßte es doch jemanden geben, dachte ich mir immer, von dem
-es einen nicht fortschleuderte, bei dem man gern und willig bliebe.
-»Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für dieses Fortwollen,
-Fortmüssen.
-
-Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang, als den zu finden, über den
-ich _nicht_ »hinauskäme«. Von dem ich nicht hätte -- wegreisen wollen.
-
-Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte mich fort von ihnen. Wo wäre
-ein Mensch, zu dem man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke
-sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so schön!«
-
-Einmal einem solchen »Menschen« begegnen und mit ihm verbunden sein,
-einmal nichts Häßliches erleben an einem Menschen, und gefeit wäre
-ich gegen alle Gefahr, -- gegen alle Versuchung, auf falsche Geleise zu
-geraten, wenn ich es einmal nur erlebte!
-
-An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen fertig geworden. An
-einem einzigen, resoluten und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer
-abwenden und weitergehen müssen -- in Einsamkeit. Und meine Treue blieb
-unbelohnt.
-
- * * * * *
-
-Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung überkam mich öfters.
-Diese Versuchung -- abzuschwören den Glauben, mit dem ich geboren war. Zur
-wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören zu glauben an mein -- Eiland.
-Zu kapitulieren, bevor alle Meere durchkreuzt waren.
-
-Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen Glauben daran. Und meine
-Abschwörungsformel hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche,
-damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf Deinen Traum von einem
-Eiland irdischer Seeligkeit! Es gibt nicht das, was du dir vorstellst.
-Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme, wo du sie findest, und
-erwarte nichts weiter von denen, denen du in diesem Sinne begegnest.
-
- * * * * *
-
-Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von denen ich die meisten
-verrinnen lassen mußte, sie, die das Leben mit sich führen und es mir
-zuströmen sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie verrannen mir,
-sie verrieselten im Sand, im Nichts. Und eilig, eilig geht es mit solchen
-verschütteten, verrinnenden, versandenden Tagen!
-
-Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare Lebenssaft, der Lebenstropfen,
-der _Tag_, und nichts _wird_ durch ihn!
-
-Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die Tage so verströmen sah und
-doch nichts, nichts daran ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein.
-Es gab nichts anderes, als -- warten. Man mußte sich hineinsetzen, die
-Hände im Schoß, und warten, warten, ob nicht doch angespült würde von
-ihnen, den Tagen, angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, -- Leben.
-
- * * * * *
-
-Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie ich es auf dem ersten dieser
-Blätter sagte. Schleifen und verschütten und begraben unter sich selbst.
-Sie wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen, Monaten, so lange,
-bis jene Kraft, welche Grüfte sprengt, auch diese Leichenhaufen toter
-Tage, unter denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und aus
-ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann immer breiter und breiter,
-bis sie nicht mehr zu verdrängen und zu verschütten ist und, erlöst,
-sich _über_ den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen.
-
- * * * * *
-
-Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen. Ich wußte, daß vieles zu
-erfahren sei. Aber niemand konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte
-eben selbst -- erfahren werden. Man mußte es selbst herausbekommen, das
-Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich hinzusetzen sei, auf daß man schön und
-sicher stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke! Zickzackwege, von
-denen keiner ein Ziel hatte, als das, wieder zurückzuführen auf die --
-Linie. Aber die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine Straße und
-man kam doch weiter und weiter auf ihr.
-
-Wanderjahre!
-
-Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter.
-
-Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den Wegweisern zu sich
-geboren sind! Das _Ideal ihrer Linie_ führt sie, trotz allen
-Zickzackgeschlängels, immer wieder -- zu sich.
-
-Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige Biegung zu einer
-Hauptlinie haben. Deren Wege in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein
-Zurück mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe zerschellen.
-Oder in die Runde führen, ohne auffindbare, ruhende Ausgangsstelle, ein
-narreteiendes Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen münden.
-Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend und den armen Läufer zu Tode
-hetzend. Betörend und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, --
-wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach buddhistischer
-Vorstellung, alle die durchirren müssen, die dem Sakyasohne nicht
-nachwandeln -- -- -- oder zu Christus nicht finden.
-
-
-
-
-Wie wild mein Leben doch eigentlich aussieht! Und dabei bin ich eine so
-treue, kleine Klette. Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß,
-hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig sein. Und ich hielt ja
-auch aus, -- ach -- so ewig wie möglich!
-
- * * * * *
-
-Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen Blättern.
-
-»Für _wen_ aber führt sie diese Blätter?« Ja, das ist das Geheimnis.
-»Wo ist der Freund, von dem sie immer spricht?«
-
-Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das Buch um, dreht es nach allen
-Seiten, und vielleicht merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild.
-
- * * * * *
-
-Der Freund kam in das Buch, der Freund kam in das Leben, -- _während_ ich
-plauderte. Er trat ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß _er_
-es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern merken lassen
-sollen, früher, da ich es doch selbst so spät merkte.
-
-Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich Sie nun wiedersehe, nach so
-vielen Jahren! Wie kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen
-seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah, -- an Ihrem
-Hochzeitstage?«
-
-Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen.
-
-Auch daß ich meine _Stimme_ verloren hätte, erzählte ich ihm. Aber das
-wollte er nicht glauben.
-
-Und da er ein Musiker ist und ein Meister -- nahm er sich meiner Stimme an.
-Musik kam mir von ihm. Und er rief und lockte die _Stimme_.
-
-Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm gekommen war, -- da schien
-mir's, als wäre ein Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes
-und Stechendes aus meiner Kehle genommen.
-
-Frei und rein erklang der Ton.
-
-Und da sagte er: »Siehst du --«, und aus seinen Augen floß in mich, was
-nur mir gehörte, mir ganz allein.
-
-Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und von meinem Leben zu
-erzählen. Ihm sollte ich es erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte.
-
-Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart sich berühren, sollte ich
-ihm das Buch führen.
-
-Der Augenblick ist da.
-
-
-
-
-Zweiter Teil.
-
-
-
-
-So sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es an dich richte. Darum bist
-auch du es, an den ich alles schreibe, sage, denke, -- singe. Ohne diese
-Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe, nie schreiben können.
-Ich hätte den Rhythmus nicht gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton.
-Indem mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir die Stimme. Die in der
-Kehle und jene andere. Sind sie denn nicht eines?
-
-Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle. Es war sein Unglaube,
-verstehst du? Er hat zuviel gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser
-Mühle des Zweifels formlos.
-
-Du, du gibst ihr -- Form. Form und Ton.
-
-Und das, gerade das will die Seele: Form werden. Das ist ihre Erlösung,
-wie der Stimme Erlösung ist, zu tönen, Melodie zu werden.
-
-Form und Ton gibst du mir, ihr!
-
- * * * * *
-
-Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen. In einem Fach des Schreibtisches
-hatte ich es liegen, das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild, ein
-Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber wie es darin war, schien es mir
-ganz trüb und befleckt. Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts, das
-Glas blieb fleckig, trüb.
-
-Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris Bild lag daneben auf dem
-Tisch.
-
-Du kamst dazu.
-
-»Du weinst?«
-
-»Ja, -- es will nicht blank werden, das -- das Glas.«
-
-Und du hast mir geholfen, -- hast den Rahmen angehaucht und das Glas
-geputzt.
-
-»Er -- hat es -- getrübt«, sagte ich.
-
-»Ach nein, -- dafür mußt du ihn nicht verantwortlich machen«, sagtest
-du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit.
-
-Und dann putzten wir und hauchten wir -- zusammen.
-
-Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du hast mir ja die Tränen von den
-Augen geküßt, die ich um Dimitri geweint.
-
- * * * * *
-
-Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses Bild herausnahm, -- da
-hatte ich etwas wie Furcht. Hatte er immer Furcht vor _mir_, jetzt habe
-ich sie vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann es nicht
-ertragen, es benimmt mir den Atem und erregt mir Beklommenheit.
-
- Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.
- Wie sollt' ich's anders meinen?
- Dies Bild hatt' ich dem Rahmen längst entnommen,
- Ein liebes Frauenantlitz war an seine Statt gekommen,
- Und trüb, befleckt will's hinter diesem Glas erscheinen,
- Wo deine strengen Augen durchgeglüht.
-
- Wo dieser wilde Blick hineingelodert,
- Da ist ein Lebendes daran vermodert.
- Wo dieser Stirne Dräuen ward gesehen,
- Da mußt' ein Herz in Bangen stille stehen.
- Und war einst wie Kristallglas ein Gemüt, --
- Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.
-
- Aus diesem Mund ist nie ein Heil geblüht!
- Fort mit dem Rahmen, der zu seiner Zeit
- Gedient! Fort auf den Schutt: Vergangenheit.
- Fort mit dem trüben Glas, fort mit dem toten Rahmen,
- Denn ungemahnt nur geht sich's neue Bahnen,
- Fort mit dem Bild, das mich mir selbst getrübt!
-
- * * * * *
-
-Das ist ja ein Gedicht?
-
- * * * * *
-
-Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen hat zwischen uns. Den Tag
-möchte ich wissen. Und kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie jenen,
-an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern.
-
-Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit den Blättern und -- jenes
-andere? Geheimnisvoll verbunden beides.
-
-Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie man den Augenblick nicht
-feststellen kann, in dem ein Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße
-der Maschine, man hört, wie die Schraube sich wühlend in die Tiefe bohrt,
-schäumend und brausend wallt es auf ringsum, -- liegt man noch, fährt man
-schon?
-
-Plötzlich ist man draußen auf See.
-
- * * * * *
-
-Was ist es, das uns so verbindet?
-
-Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden? Noch viel weniger.
-So wenig gleich und so wenig verschieden wie -- Verse, die sich reimen.
-
-Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom Wesen der Lyrik, die jener
-Künstler und Kenner gab? Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden?
-»Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns? Ich glaube, ich
-glaube ganz wie in der echten Lyrik: »Ohne Umstellungen, Inversionen,
-Gewalttaten, Kompromisse. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht
-Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und der Gedanke, der Gedanke in dem
-Gedicht »Wir« ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form strömt
-aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen,
-klaren Sinn und bimmelt _doch_, leicht, lieblich und -- geheimnisvoll!«
-
-Stimmt! Stimmt alles!
-
- * * * * *
-
-Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos wurde an ihm, hatte jener
-Künstler mir gesagt: »In diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.«
-
-Ja, sie war in einen Katarakt geraten.
-
-Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die so einen Katarakt
-durchfließen? Für verloren gehalten werden, so lange sie da drinnen sind,
--- bis sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und ihres Weges
-ziehen. Solche Gewässer, die ihre _Form_ bewahren, auch wenn sie in andere
-Gewässer geraten, ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der
-ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem Flußbett
-dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt.
-
-Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben Uhr, wenn ich die Augen
-aufschlage, bis Mitternacht und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich
-gehe nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern. Ich denke, denke,
-auch da ich nicht denken will. Die Stimmen überfallen mich. Und ich halte
-krampfhaft zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen will, ich
-halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer, bis zu dem Augenblick, wo
-sie münden dürfen, jedes einzelne dort, wo es soll.
-
-Schaffen -- Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch als die Frage einer Kraft
-des Schöpfens, die des Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen =
-Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage bricht!
-
-Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern!
-
- * * * * *
-
-Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir so, Lieber! Denn was ist
-denn schön an mir. Es kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles
-das, was da ist, schön _scheinen_ läßt. Auch Dimitri kannte dieses Licht
--- anfangs. Er sagte dann: ~Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja.~
-Das ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du mich immer schön
-findest, kommt eben daher, daß dieses »Licht« nun _dauert_; von einer
-großen, stillen Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie speisest,
-priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie Tag und Nacht brennt und
-nimmer erlöschen kann.
-
-Darum siehst du die ~Lux in Maja~, und Maja ist -- schön.
-
-Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner geliebten Gegenwart, -- die
-Lux verhuschte mir nicht!
-
- * * * * *
-
-»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn ich meine »guten
-Momente« hatte. Aber er vergaß, vergaß sofort, daß er sich eben noch
-entzündet hatte an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter
-seinen wilden Worten verschwand, verhuschte.
-
-Er vergaß. Gedächtnis, _Treue_ und Ethik, ein Zusammenhang, den Weininger
-in einer jener Partien seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus
-dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat.
-
-Und ich wurde älter und älter an ihm, -- uralt in rasendem Tempo, in
-dieser wilden, allzu wilden Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem
-letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist _das_ die Frau, die ich
-vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen lernte, warum läßt du dich denn
-_zerstören_, du?«, da, da war ich hundertjährig geworden.
-
-Jetzt? »In _seiner_ Liebe leucht' ich und lach' ich nun auf!«
-
- * * * * *
-
-Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war ich ein grauer Schatten,
-ein zerstörtes Weib. Mit meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren!
-
- * * * * *
-
-»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt und blüht! Die reine
-Rose von Jericho!«
-
-»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt worden! Da streckt und dehnt
-sie die zusammengerollten Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder
-blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.«
-
-O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon am Klavier, und wir sangen
-in Duo:
-
- »Wie riecht sie süß, -- nach Zimmet und Zymmanen,
- Die Rose,
- Die Rose,
- Die Rose von Jericho!« -- -- --
-
- * * * * *
-
-Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst. Wenn nur beide
-in fröhlicher Spielkraft bleiben! Sonderbare Figuren entstehen,
-Konstellationen sind plötzlich da, -- man weiß nicht woher, wie Gestalten
-auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei Licht als gewöhnliche
-Gegenstände entpuppen. Nur Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar
-bleiben! Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster, soferne ihr
-wollt.
-
-Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten ungebärdig. Und
-furchtsam. Und werfen die Flinte ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen,
-dieser der Kunst so nahe verwandte.
-
- * * * * *
-
-Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine Seruminjektion. Mit einer
-feinen Nadel unter die Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das
-Gift bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und wie eine solche
-Kränkungs-Seruminjektion gleich wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die
-Seele und auf das Aussehen.
-
-Dann _kam_ er, schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte:
-»Sonderbar, wie du dich verändert hast!«
-
- * * * * *
-
-Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige Definition von Glück
-gelesen: »Was ist Glück? -- Einen langen Spaziergang in engen
-Lackstiefeletten gemacht zu haben und die dann auszuziehen.«
-
-Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt zu haben, -- und dann
-nicht mehr mit ihm in »Liebe« zu leben.
-
-Das ist Glück!
-
- * * * * *
-
-Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper. Nicht etwa der eines
-schwachen Mannes war es, -- der eines Jünglings.
-
-Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und Irren.
-
- * * * * *
-
-Weißt du, diese Blätter da, -- in denen bin ich drin. Mit ganzer Person,
-ganzer Stimme, mit meinem Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch
-in dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und Weinen nicht
-nur hineingeschrieben habe in diese Blätter, sondern auch wirklich
-hineingelacht und hineingeweint, während ich schrieb.
-
-Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was wohl nicht vor, beim
-Schreiben, -- wie?
-
- * * * * *
-
-»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer. Und »komm, komm
-an meine Brust! Schütte da alles aus! Alles, was vom Heulsäckchen,
-Lachsäckchen kommt, gehört hierher.«
-
-Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen, hier kann ich weinen. Hier
-kann ich alles hineinplaudern, hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann
-ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich -- schweigen, schweigen
-und ruhen!
-
- * * * * *
-
-»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir nicht so erscheine wie
-eine Frau, so eine richtige, verheiratete, oder doch verheiratet gewesene
-»Ehefrau«, -- eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares
-Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin. Dann mit modernisierter
-Orthographie: Frowelin.
-
-»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint geboten«, sagtest du mir
-heute mit gründlichem Professorenernst.
-
-»Nun?«
-
-»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe Welle, Frohwelle,
-Frowelle!«
-
-Und da kam es auch schon unter deinen Händen aus dem Klavier, -- das
-Rheintöchterlied:
-
- »Wigala weia, woge, du Welle --«
-
-Und -- »Frohwelle du, Frowelle du« wurde hineinparaphrasiert.
-
- »Herzeliebez Frouwelin
- Kunt ich baz gedenk dîn«,
-
-so singt unser vieltrauter Vogelweid.
-
- »Herzeliebez Frouwelîn -- -- -- --«
-
-
-
-
-Diese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend gespitzter, gezückter
-Kohinore, die ich mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur _einen_
-traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, einmal welche in Hülle
-und Fülle zu haben), -- sechs Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal
-stumpf, bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden als Notizen.
-Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in mich ein, über mich her, lassen
-mich nicht, jagen mich, bis ich sie -- habe. Ich »denke und dichte« in
-einer halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben kann.
-
-Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man muß ja auch denken! Ja, wenn
-man nur denken müßte! Aber man muß ja auch schreiben!
-
-Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren und sie mit
-Jägertüchtigkeit erlegen und sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade
-das ist hier die Frage.
-
-Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor sechs Uhr schon, erwache
-(ich Langschläferin schlief sonst immer bis gegen elf Uhr vormittags so
-tief und fest, wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) --, wenn »es«
-mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt und mir den Schlaf aus den
-Augen scheucht, ist mein erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische
-neben meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten Stifte. Und ich
-schreibe, schreibe im Bett, -- eine Figur für die Meggendorfer. Fast
-täglich wird solch ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues
-nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir immer beschwerlich. Aber
-fertige Hefte kaufen? Das »tragt's nicht« bei einer -- Sängerin, die
-ihre Stimme bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.
-
-Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während ich nähe, _schreibe_ ich
-schon in die halbgehefteten Bogen, -- schreibe, während die Nadel am Faden
-baumelt!
-
-Wäre ich eine -- Schriftstellerin, man könnte von einer »produktiven
-Epoche« sprechen!
-
-Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht eine Schreibmaschine
-erfindet, die direkt mit den Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?)
-in Verbindung gebracht werden kann, während das Schreibpapier sich
-baldachinartig über dem »denkenden Haupte« wölbt, so daß, sowie »es«
-dadrinnen denkt, die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier tippt, --
-so lange ist die ganze Schreiberei eine Art Tortur.
-
-Aber -- eine wollüstige Pönitenz!
-
- * * * * *
-
-»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir einmal Günther von Werfeld,
-einer meiner Freunde, ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!«
-
-»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß das Reitkleid mich kleiden
-müßte, weil es die kleine Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er
-sie hebt?«
-
-»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an Ihr Gesicht, zu Pferde, auf
-der Jagd, an dies Gesicht, wie es sein müßte, wenn Sie -- _jagen_.«
-
-Jagen, verfolgen, erlegen!
-
-Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich auszuprobieren. Denn ich
-habe nicht Roß noch Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie.
-
-Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa!
-
-Hier ein paar Hasen, dort ein paar _Enten_, aufgescheucht wirbeln sie empor
--- Wildenten! --, und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa,
-hussa! Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem Gestrüpp? Ein
-Sechzehnender!
-
-»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht auf Hasen, aber kommt ein
-Edelhirsch --«, sang ich einst in der Operette.
-
-Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles zusammen -- von allen Seiten,
-ihr Treiber, ihr Helfenden!
-
-Und -- was begegnet mir da? Ungetüme, die man in Europa längst
-ausgestorben glaubte, -- Urochsen, Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen
-fertig? Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle Fälle
-habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem bloßen jagdlichen Anblick
-tun sie, was die Sphinx tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich
-selbst. Diese da? Ich jage auf sie zu, -- holla, holla, nur Mut, blast mir
-das Jagdhorn dazu, halali, -- ich bin in der Nähe, schon hören sie das
-Keuchen meines Rosses, die Lanze ist gezückt, -- da trifft sie mein Blick!
-Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die man längst ausgestorben
-glaubte in Europa, -- sie fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen
-Anblick, sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«, mausetot!
-
-Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in seiner Katastrophaltheorie
-auseinandersetzte:
-
-Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte Fauna wurde von ihr
-»hingerafft«, streckte sich aus und war »dod«. Bekam dann später,
-viel später, ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das bedeutet in der
-Zoologie: ausgestorben. Am Tage nach der »Katastrophe« war dann die Erde
-mit funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt.
-
-Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa! Hussa! Vorwärts durch die
-grünen, die immergrünen Wälder!
-
- »Ein Luftroß jagt
- Im Laufe daher,
- Auf der Wolke fährt es
- Wetternd zum Fels!
- Hussa, hussa!«
-
-O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du wärest nicht enttäuscht!
-
- * * * * *
-
-Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt käme, ohne Arme, er würde
-doch ein Maler. Wie? Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument
-schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden.
-
-Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem alles Musik ist, der in Rhythmen
-denkt, in Melodien fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in sich
-trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel der singenden _Stimme_,
-jenem, das dem Geheimnis am nächsten ist, -- der Musik, -- angehört,
-wie seiner wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt kam, daß er kein
-Musikinstrument meistern konnte?!
-
-Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich Klavierspielen
-erlernten, trotz -- sagen wir -- zwölfjähriger Lehrzeit?
-
-Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne daß ihm »mit einem Finger«
-zumindest, die Melodie zur Begleitung mitgespielt wird?
-
-Und der doch schier birst vor Musik in sich?
-
-Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie? Womit?
-
-Er würde sich das Instrument, das ihm _zur Melodie verhilft_, schaffen,
-und gälte es, mit der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa
-gar mit der -- Feder zu musizieren.
-
- * * * * *
-
-Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, -- soll ich's verklingen lassen?
-
-Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt, nicht festzuhalten, ihm
-nicht nachzugehen, -- eine Todsünde. Etwas will geboren werden, und du
-achtest es nicht?
-
- Empfang.
-
- Königliche Gäste kommen!
- Den Weg gekehrt
- Und das Haus geblankt,
- Die Pfosten umrankt
- Und den Störern gewehrt!
- Königliche Gäste kommen,
- Die Botschaft hab' ich vernommen,
- Du Bote sei mir bedankt!
-
- Verlassen lag mir das Haus,
- Von ihnen gemieden,
- Von ihnen geschieden.
- Freudlos wohnt' ich im Haus.
- Schatten kamen und Schatten gingen
- Zu dumpfen Gespensterfesten,
- Doch nach den Gästen, den Königsgästen,
- Sah ich das Herze mir aus.
-
- Königliche Gäste kommen!
- Die Botschaft hab' ich vernommen,
- Dem Boten will ich es danken.
- Um die Pfosten soll es sich ranken,
- Festlich stehe das Haus!
- Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden,
- Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, --
- Meine blühenden, jungen Gedanken!
-
- * * * * *
-
-Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte einmal ein Dichter etwas
-schreiben, woraus man entnimmt, wie es in diesem Kessel aussieht, während
-er, -- hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige Wort, -- schafft.
-Wie es in ihn hineinkam, in den Kessel oder den Dichter, wie es nun _ist_
-in ihm, wie es wird und wie es herausquillt -- Tropfen für Tropfen.«
-
-Das Schaffen selbst, -- ersichtlich aus dem Geschaffenen?
-
-Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst? Und das
-eigentliche Produkt -- nur Nebenprodukt?
-
-Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte!
-
-Die _Stimme_ beobachten, die Stimme selbst, -- während sie quillt?
-
-Ist es denn -- möglich?
-
-Das Lied _und_ die »Stimme«?
-
-Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ...
-
- * * * * *
-
-Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage: woher hat's der Dichter? geht
-auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«
-
-Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des künstlerischen Schaffens
-gemeint haben. Die kann jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt
-und das Spielwerk darin untersucht.
-
-Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen und vermissen.
-Geheimnisvolleres: _im Gesange selbst soll es sich offenbaren_.
-
-Das Schaffen selbst -- ersichtlich aus dem Geschaffenen?
-
-Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst?
-
-Das Lied _und_ die »Stimme«?
-
-War es denn noch nie?
-
-Das wäre -- das Buch der Inspiration.
-
-Wäre es denn möglich? ...
-
- * * * * *
-
-Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen hatte, war mir,
-als stieße nur _eine_ Seite meines Wesens, irgendeine schmale Kante,
-nachbarlich an sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da bin
-ich ganz und gar hineingeschwommen in dich, wie so ein Fischlein in
-einen tiefen See. Da kann es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten
-Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten durchkreuzen, ohne
-doch auf irgendwelche Klippen zu stoßen, an die es wild angeworfen werden
-könnte. Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue Tiefe, wie
-solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es den Grund des Gewässers
-heraufleuchten, -- wunderbar licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend.
-
-Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach, ich weiß ja! Der See
-mag ja das Fischlein so gern!
-
- * * * * *
-
-Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt, vor dir bei mir
-behalten, nicht einmal, was ich von gestern auf heute in diese Blätter
-schreibe, -- wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor sie fertig
-sind. (Fertig? Wie? Wann? -- Ach!)
-
-Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung holen, mir alles
-saldieren lassen von dir. So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen
-unsterblichen Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest ein See und
-ich das, was darin plätschert.
-
-Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du, kleine Maja, es gibt
-verschiedene Fische. Solche, die sich lustig und flink an der Oberfläche
-der Gewässer tummeln und manchmal sogar darüber hinaus einen Satz in
-die Luft machen. Andere wieder, die sich hinunterwälzen, in gewundenen,
-spiralartigen Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in lauter breiten
-Umwegen, in lauter Serpentinen. Und dann gibt's noch andere Fischlein,« --
-und du sahst mich so lieb und so froh an, -- »die pflegen blitzesgeschwind
-direkt auf den Grund der Dinge, -- der Gewässer will ich sagen, --
-hinunterzuschnellen.«
-
-Und du sahst mich wieder an, wie -- nun, »wie ein edler Papa sein
-vergöttertes Baby« (nach Peter Altenberg das Merkmal echter Liebespaare),
-und lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles, schnellendes
-Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder umgekehrt: sehr viel
-Mütterlichkeit soll in jeder echten Liebe sein.
-
-Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse, mit denen alle unsere
-Diskussionen schön mosaikartig durchsprenkelt sind.
-
- * * * * *
-
-»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets
-funestes.~« Ich halte dieses erkenntnistheoretische Wort Yussuffs --
-Friede sei mit ihm! -- an unsere: Diskussionen.
-
- * * * * *
-
-Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks. Jeder bringt was mit. Du
-besorgst die Weisheit, ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide!
-
- * * * * *
-
-Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen Mahlzeiten. Ich meine
-die wirklichen, diese lieben, lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich
-entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs Leckermäulchen«.
-Das hast du schon glücklich herausbekommen, diese Achillesferse. Und dann,
--- ach, es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du mir zusiehst,
-wenn ich esse! Es ist alles so voll Güte und Liebe und herzensfroh dabei.
-
- * * * * *
-
-Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer »an Rucker« (ein
-wienerisches Wort, das du zum Glück nicht verstehst, -- sonst würdest
-du sagen: du Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in dieser
-degenerierten Welt begegnet bin, waren einige nicht üble Exemplare. Rudi,
-mein erster Mann, war ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm
-nicht sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt dahin, wie ein
-morgenländischer König. Sollte ich ihn recht deutlich machen, so möchte
-ich mich auf das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges und
-sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch bei dieser für mich
-so frappierenden Ähnlichkeit mit dieser Kainzschen Maske viel an der
-Barttracht gelegen sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske des
-Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten, intuitiv wahrscheinlich,
-vollendet getroffen hat. Dimitri, -- er hatte den Körper eines
-Hinduknaben, die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons. Aber eine Stirn,
-ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft war auch der Mund, so prachtvoll
-auch das Gebiß daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand.
-
-Du -- bist anders als sie alle: einwandfreier.
-
-Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich schildern? Fällt mir gar nicht
-ein. (Oder, wie man hier sagt, -- ich denke gar nicht daran.) Die andern
-habe ich »geschildert«, weil ich sie _dir_ zeigen wollte. Dich -- will
-ich niemandem zeigen. Bleibe du mir nur hübsch in der Tarnkappe, mein
-lieber »Held«! Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt,
-oder du warst einst für eine kurz bemessene Frist -- mein Gast.
-
- * * * * *
-
-Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter, mysteriöser als Märchen
-sind. Die Märchen haben immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn
-ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht das wirkliche
-Feenland, nach dem ich ausgezogen war. Und daß ich vorsichtig sein müsse,
--- sehr vorsichtig, um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu finden.
-Ach, und ich wachte immer auf, und immer so, wie ich es gefürchtet hatte.
-
-Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich schüttele und rüttele
-mich, -- und wache nicht auf! Es ist, ist.
-
- * * * * *
-
-Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder dieses Dinges kann ich
-mit dem Verstand nicht beikommen. Und was immer ich schreibe, -- in
-diese Blätter, -- das, was wir zusammen erleben, ist noch viel, viel
-wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach so, daß ich mich, wenn ich allein
-bin und der Gedanke daran mich überfällt, aufs Sofa werfen muß und den
-Kopf in die Polster vergrabe.
-
-Das »Wunderbare«, _es kann sich offenbaren_, nicht sich deuten lassen.
-
-Nur niederstürzen -- beten, beten!
-
- * * * * *
-
-Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische Mächte in Händen
-gehabt und mir die _Stimme_ in der Kehle -- und in der Seele -- erwürgt
-und erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es hinter mir. Und kam
-doch -- aus mir?
-
- Dämonen.
-
- Was war es denn,
- Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt?
- Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück,
- Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen.
- Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen,
- Schon kam es näher mit dem Eisesblick
- Und drängte sich heran in dunkeln Wellen.
-
- So blickt der Tod.
- Das ist die ewige Öde,
- Die mich mir selber will begraben.
- So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt,
- Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest!
- Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben,
- Die mich mir selbst erpreßt?!
-
- Was war es denn?
- Es flieht, es scheut das Licht!
- Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten
- Dem Tage zu.
- Was war es denn?
- O frage nicht, -- Vermessenheit des lauten Wortes.
- Nur niederstürzen: beten, beten!
-
-
-
-
-Du sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit dir von allen anderen früheren
-Schicksalen mit Frauen unterscheidet«, -- du hast ja gleich mir Schicksale
-hinter dir --, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit. Gegen dich gibt es
-keine Stimme, auch nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir:
-sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein. Alles ist Gewißheit.«
-
-O diese deine Worte! Und dennoch: gemeinsame Bahn zu gehen, für Zeit
-und Ewigkeit -- Freund, wir wissen nicht, ob es beschlossen ist -- aber
-bewahren wir uns: unsterbliche Güte!
-
- * * * * *
-
-Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen sollen, in dem
-Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart sich berühren«. Bis dahin, sagtest
-du ja, solle ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen, deutlich
-sehen, ach, meine Festlandsreise!
-
-Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und: wir sind jetzt auf hoher
-See. Wer kann da sagen: Halt! Es fährt, nicht ich und du.
-
-Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns an den bebenden Händen
-und blicken hinaus, mit den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die
-Märtyrer haben und die -- Entdecker.
-
-Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland vor uns liegt, das wir
-beide dort drüben wissen, weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden.
-Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste, die wir schon ahnten, da
-nichts sie uns bestätigte, da wir schier unüberklimmbare Gebirge um
-uns fühlten, da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir uns
-rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief drinnen im Binnenland.
-
- * * * * *
-
-Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich häufen, sich aufstapeln.
-Wie wieder eins und wieder eins, über das diese meine geheimnisvoll
-geschobene Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen, zu Boden
-gleitet, und wie wieder ein neues weißes Blatt vor mir liegt, sich
-wieder füllend mit diesen seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst
-unheimlich, und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu Füßen, --
-weil die Blätter zu fassen und wegzulegen keine Zeit ist! Und wie sie da
-rascheln, wenn der Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie
-stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen, sie türmen
-sich, sie häufen sich, -- ein Opferstoß!
-
-Wer ist in mir, _wer ist in mir_, daß es also über mich kommt, zu --
-opfern?
-
-»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die Melodie.« -- -- --
-
-An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen seinen geliebten Briefen an
-Sophie: »Genie, wer hat es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage. Mann
-und Weib haben es zusammen.«
-
- * * * * *
-
-»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir von dir! Jeder Blick
-auf dich, Freude. Die Worte von deinen geliebten Lippen, Freude. Jede
-Berührung mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele, eine einzige
-Freude. Ich habe keinen Augenblick noch neben dir verlebt, ohne diese
-Freude in mir zu fühlen.«
-
-»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich.
-
-»Pfui doch!« und du klopftest mich böse.
-
-»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte ich, da ich meine
-Schläge weg hatte, »es ist was dran: ich hatte immer das Gefühl,
-daß, wie soll ich sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort
-›Freudenmädchen‹ ein wunderbarer, transzendenter Gedanke verborgen
-sei: das Weib als einziger Freudenborn des Mannes, aus dem er sich Ekstase
-antrinkt, um seiner ihm aufgetragenen _Melodie_ mächtig zu werden.«
-
-»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen? Besonders wenn es mit
-einer Singvogelkehle zur Welt kam?«
-
-»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig die Freudespendenden
-sein, soll ein edles Konzert zustande kommen. Man müßte sie erziehen zur
-Freude.«
-
-»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem tiefen deutschen Blick.
-»Erziehen zur Freude? Nein, Maja, das kann man nicht. Der schöne, das
-ist der freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja, hier liegt's. Aber
-_daß_ er schön geboren werde und daß der also Geborene dauern könne,
--- das ist die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler und der
-Gesetzgeber.«
-
- * * * * *
-
-Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich
-einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in
-ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten
-muß das Höchste zu seiner Höhe kommen!«
-
-So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die Eingeborenen der Liebe, die
-echten ~Grands Amoureux~.
-
- * * * * *
-
-Mann und Weib -- ungeheuere, unerschöpfliche Gütespender für einander!
-Einander »zugewiesen«, um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu
-verhundertfachen, mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar sich auseinander
-zu speisen! Und um die gesuchte _eigene_ Melodie einer aus dem andern
-klingen zu hören, während dieser Ernte, in all der holden Üppigkeit.
-
-Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es wuchert, das Pfund, wenn es
-sich verdoppelt, verhundertfacht und wenn es fröhlich klingt dabei, --
-horch: Erntemotiv! -- dann »stimmt's«.
-
- * * * * *
-
-Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin! Menschenlaune, die sich
-über Dinge ergießt, horcht ihnen ihre Geheimnisse ab.
-
-Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner Gesangsstudien erkundigten,
-pflegte meine Mutter zu erwidern: »Ja, wenn sie bei _Laune_ ist!«
-
-Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur einmal durchhalten, diese
-wunderbare, göttliche Laune, die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches
-über mich herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im
-Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«, und aus war's mit
-dem Segen.
-
-Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang, ein richtiges Menschenlied,
-in dem es lacht und weint, wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum
-fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus!
-
-Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein, ein trauriges Puttel bin ich
-zum Bäumlein der göttlichen Laune gelaufen und halte mich da versteckt
-vor euch, bis ich alles heruntergeholt habe.
-
- »Bäumlein rüttle und schüttle dich,
- Wirf Gold und Silber über mich!«
-
-Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin wieder, paßt nur auf, als
-ganz waschechte Prinzessin, -- ihr werdet es gar nicht wiedererkennen.
-
- * * * * *
-
-Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna« geweint. Ja, ja, wie ich
-sie hasse! »Die Menna muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt
-die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!« Ja, ja, wie ich sie
-hasse. Aber fast noch mehr habe ich über sie, durch sie, »mit sie« --
-gelacht. Und das stimmte mich immer wieder -- versöhnlich.
-
-Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem Leben -- über dieses
-Leben! Mich ausgeschüttet vor Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn
-ich selbst darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand immer noch,
-außerdem, irgendwie über oder _neben_ der Szene, in der ich agierte.
-Neben der Szene, in den Kulissen des Theaters stand eine zweite Person,
-die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich sah, -- und wollte sich
-ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten »Peripethien« des Dramas
-wollte jene sich darüber erheitern -- oder sich gelassen darein ergeben.
-
-Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher _Wille_ war es, der mich aus
-Schutt und Flammen immer wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir
-selbst unbewußt -- als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige, starke,
-schiebende Hand. Ein Wollenmüssen war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm,
-diesem Willen zu mir, danke ich -- mich. Er auch führte mich weiter, ja
-über mich selbst hinaus, ein gut Stück.
-
-Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter, strenger, schöner
-Wille!
-
- * * * * *
-
-Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser mein Wille zu mir, mit
-jener Ichsucht, die den von ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom
-Objekte trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille zur Bewußtheit.
-Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit meines Selbst, in allen seinen Elementen,
-ist sein Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn man will. Der
-Wille ist es, meiner wahren Gestalt auf die Spur zu kommen und diese meine
-Gestalt nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn man will. Ja,
-man heiße es meinetwegen Egoismus. Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem
-Sinne), nur Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben. Denn
-Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein deutliches, bewußtes Selbst
-_hat_, vermag es hinzugeben. Nur der vermag auch abzuschätzen, was
-er empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, -- man hänge ihnen einen
-Purpurmantel um die Schultern und sie werden nur bemerken, daß da etwas
-ist, was wärmt. Sie werden sich _behaglich_ einrichten -- im Purpurmantel!
-Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen, wenn sie ein bißchen Gekribbel
-empfinden in den dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht
-in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen Blut. Verhaßt sind mir
-die Laublütigen, die Purpurmäntel benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe
-sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn sie Liebe über sich --
-ergehen lassen.
-
-Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne, sind fähig, um der Liebe willen
-sich hinzugeben.
-
- * * * * *
-
-»Johannes, -- wenn _du_ mich enttäuschest, singe ich keinen Ton mehr«,
-sagte ich gestern.
-
-»So.«
-
-»Johannes, -- ich habe Beweise, daß du mich nicht liebst.«
-
-»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?«
-
-»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus, von meinem Balkon, gegen
-Westen, wo du ja wohnst, du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.«
-
-»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja, Maja!«
-
-»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der -- Luft finden müssen,
-wenn du mich wahrhaft liebtest!«
-
-»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt. Aber behalte mich trotzdem
-noch ein Weilchen, ja?«
-
-»Johannes -- ich hab' da was.«
-
-»Was denn? -- Der Tausend! Laß sehn! Ein Gedicht? ein Gedicht! Ja
-wahrhaftig -- ein Gedicht -- ein Lied. -- -- --
-
- Du liebst mich nicht,
- Da solang mir fernzubleiben dir gelingt.
- Du liebst mich nicht!
- Du liebst mich nicht,
- Da meiner Sehnsucht stummes Rufen
- Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt!
- Du liebst mich nicht!
-
- Du liebst mich nicht,
- Da meinem Blick du nicht begegnet,
- Wenn über _Meilen_ er zu dir gesandt,
- Du liebst mich nicht,
- Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt
- Und in der _Luft_ das deine nicht erkannt!
- Du liebst mich nicht!
-
- Du liebst --
- Was hör' ich an der Tür,
- Wer pocht, als wollt' er sprengen,
- Was ihm verstellt den Weg zu mir?
- Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot.
- Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen,
- Du liebst mich nicht? -- auf Tod und Leben bot!
-
-»Du -- wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen Ton?«
-
-Ja, das weiß Gott allein!
-
-Und dann, -- dann setzest du dich ans Klavier. Ein paar Griffe, ein
-weniges, kurzes Tasten und Suchen, -- und eine Melodie war da. Kindische
-Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, -- ich sang ganz keck in
-die werdende Komposition hinein und schmetterte es aus dem offenen Fenster
-über alle Dächer: »Du liebst mich nicht -- du liebst mich nicht!«
-
-Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest du in dieser deiner
-ernsthaften und doch lachenden Art, die ich vergöttere: »Dieses unser
-Lied ›Du liebst mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!«
-
- * * * * *
-
-Was mir so lieb ist an dir, ist -- ist auch, denn was ist mir nicht lieb
-an dir? -- daß dir die ironische Note so vollkommen fehlt. Du lieber,
-ernsthafter Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst an dir.
-Aber nicht bitterer, -- süßer Ernst! Sonnig ernsthaft bist du. Ironie und
-alles, was ihres Wesens ist, -- Hohn, Witz, -- ist dir fern. Und das ist
-gut für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und hast doch ein so gutes
-Lachen: Humor.
-
-Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist gute Sonne, die wohlwill, da
-sie lacht. Dimitri hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er konnte
-»ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«. Er verschonte dann
-niemanden mit dieser Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten
-mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«. Diese -- Lustigkeit
-ergoß sich in einer Flut von »Späßen«, die wie Distelköpfe auf die
-Leute geschleudert wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die
-Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis Dimitri das plötzlich
-bemerkte und seine Lustigkeit mit einem Ruck stoppte.
-
-Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund Dimitris, ein Knabe von
-achtzehn Jahren, ein Jüngelchen von dürftigem Körper, aber mit den Augen
-Wolfgang Goethes, -- auch ein Ernsthafter, aber ein ernsthafter Jude, --
-gesagt hat: »Nicht über die Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!«
-
-Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes!
-
-
-
-
-Wenn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt und ihm meine Wünsche vortrug
-(was vorzukommen pflegt!), so bat ich früher immer hübsch detailliert.
-Ich wünschte mir das und das und das. Gott, -- ich will een Ding haben, --
-wat forn Ding, min Herzenskind, -- Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht een
-Püppche ha'n, nee, Gott, -- nee -- -- --
-
-Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu bitten. Da wußte ich nur zu
-blicken. Und der Blick bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und
-mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich vor dem Wünschen.
-Wünsche pflegen in Erfüllung zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des
-Gebets: das Gebet ist der _Wille_, der sich sammelt und zusammenrafft.
-Drum Vorsicht mit dem Wünschen. Denk an die Frau, die sich mit ihren
-begierlichen Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du Wunschmaid, Maja
-Hertz!
-
-Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst wieder von der Nase zu
-wünschen! Die Normalnase wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.
-
-Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: frohe _Gefühle_. Oder
-sagen wir, gute Gefühle. Meine Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib
-mir gute Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber der Grund gar
-zu schwer aufbringen, dann laß ihn meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir
-handeln in diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser die
-frohen Gefühle ohne besondern Grund als haufenweise Grund, glücklich zu
-sein, und stumpfe Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles!
-Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden zu segnen, ich würde
-ihm sagen, Gott gebe dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. Fluch:
-Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein hierfür. Das Bewußtsein
-macht erst Glück und Unglück. Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem
-Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die _Stimmung_, _Stimme_.
-»Seele ist Stimmung«, klang es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem
-Herzen kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, bevor sie als
-Überschuß an Lebenskraft schmetternd der Kehle entströmt.
-
-Gute Gefühle.
-
- * * * * *
-
-Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, Johannes, wie ich bade im
-Glück, wie die Vögel im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das
-Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. Aber selbst der gelassene
-Sokrates räumt ein, daß kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder
-friert, oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende Lerche, die doch
-sicher eine frohe Seele hat, nicht die Nachtigall, noch der Wiedehopf,
-von dem die Menschen lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in
-Todesnähe, singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil er, »wie alle,
-die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) Gutes ahnt.
-
-Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in meinem Leben umklammert. Und
-das war schlimm für einen Vogel wie mich.
-
-Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle meine Kraft, mühsam diese
-zerschmetterte, zerrissene Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein
-Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was da war, zum bloßen
-Weiterfristen, zum Herausheben, Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden
-Enge.
-
-Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror entsetzlich. Rette dich,
-trotz dieser Erstarrung. Dann Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in
-dem ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern, daß ich
-unter die Räder käme. Gefangenschaft, Frost, Hunger, -- die schlimmsten
-Dinge, die so ein Vogel mitmachen kann.
-
-Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben: Angstgefühle,
-die in einer Ecke des Herzens sitzen und herausschleichen, zu Zeiten,
-zu Zeiten. Das preßt und drückt und zieht und krampft zusammen. Das
-schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in lauter Gift und jagt und
-erjagt die Seele und schlägt sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie
-tot liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen, ein Stück
-Weges.
-
-Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden. Ein »Angstherz« haben, wie
-andere ein Fettherz. Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«, muß
-ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo diese Angstgefühle nicht
-herausgetrieben werden von den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie
-sich), sagen: »Ich bin bei Seele.«
-
-Gute Gefühle, Gott!
-
- * * * * *
-
-Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle. Wie es über mich kroch,
-kalt, kalt. Wie Schauer des Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang
-ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm. Und Vereisung rings
-um mich her und fahle Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie
-von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen, nahe, nahe zum Herzen.
-Und das Herz -- wie ein einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein
-deutliches _anderes_, wie das Schwarze in der Scheibe, das auf die Kugel
-wartet.
-
-Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war die Sehnsucht.
-
-Eisige Verödung -- jüngster Tag. Und das Schaurigste: Leben um mich herum
-und nur ich -- wie ausgeschaltet aus der Kette des Lebens.
-
-Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an den ich geglaubt hatte, als an
-das schiebende, logische Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie
-zu ihrer »Bestimmung« schiebt.
-
-Frost -- Todesöde.
-
- * * * * *
-
-Verödung, Vereisung.
-
-Nicht, daß man noch liebt, daß man _nicht_ mehr liebt ist das Vereisende.
-Und wo _ist_ der, den man liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn
-die Erde verschlungen? Denn der da, den man _nicht_ liebt, eher haßt,
-verabscheut, ist denn das der, den man liebte? Wo ist er hin?
-
-Und wo ist das, was ihm hingab all die warme Lebensfreude? Fort. Aus den
-Adern genommen und nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.
-
-Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser flutenden Lebenswärme, die
-von Mensch zu Mensch strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts kommt
-dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.
-
-Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die Bretter gebracht, in »Wenn
-wir Toten erwachen«.
-
-Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht aus Tücke, Schlechtigkeit
-werden Schicksale zerstört: aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich
-kraftlos entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, ist das typische
-Verbrechen der Heutigen. Und was da entgleitet, versickert, in Schutt und
-Sand zerrinnt, ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut eines
-andern.
-
-In dieser Verödung, Verzweiflung war alles versiegt. Alle Kraft der
-_Stimme_. Alle Kraft kommt ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist
-kraftlos. Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, von dem die
-Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: -- »Das war etwas, das
-lebte, noch hätte leben können, _unendlich Jubel in seiner Kehle barg_
-und doch in Not und bitterem Frost verging.«
-
-Wie _Heimat_ fühle ich es nun um mich, Johannes. So ganz, als ginge ich
-meinen Weg, meinen wahrhaftigen, mir bestimmten Weg, ist mir's zumute.
-Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an die Lippen gedrückt.
-Gute, frische Höhenluft -- und dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine
-geliebte, braune, ernteschwangere Erde!
-
- * * * * *
-
-Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den anderen, die ich lieb
-hatte. Dafür hatte ich sie ja lieb: für dies bißchen minutenlange
-Heimatsgefühl. Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben ließ.
-Mit wachen, klaren, frischen Augen kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn
-ich mich einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen, dann kam dieses
-Gefühl, und wie war ich jenen dann so gut dafür! Nahm es doch dieses
-Furchtbare von mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses Gefühl
-der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und des verzehrenden Heimwehs. Ein
-Heimweh nach Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht überfiel
-es mich oft. Dann kamen -- jene, streichelten mich ein bißchen und
-vertrieben mir mit diesem Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare,
-das Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen dafür gefolgt! Mein
-Seelenheil hätte ich verkauft für das bißchen -- »weiches Gezottel«.
-
- »Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem
- Furchtbaren. Jedes Ungetüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch
- warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze --: und gleich
- warst du bereit, es zu lieben und zu locken.
-
- Die Liebe ist _die Gefahr des Einsamsten_, die Liebe zu allem, wenn
- es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
- Bescheidenheit in der Liebe! -- Also sprach Zarathustra und _lachte_
- dabei zum andern Male.«*)
-
- *) Nietzsche.
-
-
-
-
-Dein erster Kuß -- ich weiß ihn. Wenn ich auch nicht weiß, -- wie er
-so kam. Er erreichte mich. Er ward mir -- angehaucht. Auf meine Lippen mir
-gehaucht. Ich glaube, es war, -- ich glaube, wir saßen nebeneinander und
-sprachen. Sprachen wir nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause? Oder
-kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir weiter? Ich weiß es nicht,
-Johannes, und möchte es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir
--- angehaucht -- auf meine Lippen. Und zweier Augen Licht sah ich in mich
-hineinfließen, wie einen goldenen Strom, von dem nie noch früher eine
-Welle mich traf. Nie noch!
-
-Golden war, ja golden, was da in mich floß, und lange dauerte es an, der
-zitternde Hauch auf den Lippen, und das Goldene, das da in mich floß.
-
-Was -- war es doch, -- Johannes?
-
-Und du hältst mich in den Armen und fragst: »Was ist dir? Warum zitterst
-du so?« Und deine eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so fragt.
-Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen halten, ich fühle, -- wie sie
-selbst -- zittern. Du Ruhiger, -- was bist du nicht ruhig?
-
-Und ich, ich?
-
-Was ist das mit mir?
-
-Du, -- deine Hand berührt die meine, dein Blick ruht auf meinen
-Fingerspitzen, und ich fange an zu zittern. Bis du erbleichend fragst:
-»Was ist dir?«
-
-Was ist das, Johannes?
-
-Was ist es?
-
-Ist es das -- Mysterium?
-
-Wäre es -- da?
-
-Geoffenbart -- das -- Mysterium?
-
-Was -- was geschah doch -- dort in den Tempeln -- zu Eleusis?
-
-Was war es doch?
-
-Mir ist, als sollte ich mich -- erinnern, was dort geschah, zu
-Eleusis ....
-
- * * * * *
-
-Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich wenden, auf dieser unserer
-Wanderung, -- wohin ich es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger
-rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus, gingst lachend und
-ganz, ganz schwindelfrei! Und ich, ich folgte, ließ mich führen --
-meinen, meinen Weg!
-
-Schwindelfrei!
-
- * * * * *
-
-Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und »Übermenschentum« -- es
-ist nur das typische Kampferlebnis des edleren Mannes. Nur freilich bei
-ihm zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten durchwühltem Wesen
-werden mußte. Ein Ringender stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle
-steht. Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend. In früheren
-Zeiten hieß die Markierung: Schönheit _oder_ Geist, Tugend. Heute wissen
-wir, daß die Schönheit als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend,
-des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener andere Weg
--- Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat der Idee an die Materie. Aber
-nicht: Schönheit. Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist;
-der Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als er damals war.
-Vielleicht noch schwieriger: gilt es doch, die Fackel nicht zu verlieren!
-Gilt es doch, nicht nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu
-erringen, die umdornte!
-
-Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner Art du, in seiner er. Beide
-suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen. Die verschiedensten Gestalten gehen
-diesen Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen wunderlichen
-Heiligen, den er den »Erhabenen« nennt: »-- o wie lachte meine Seele
-ob seiner Häßlichkeit .... Noch lernte er das Lachen nicht und
-die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der
-Erkenntnis.«
-
-Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche, deren Haupt umschwirrt ist
-von dunkelm Flügelschlag und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und
-Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche Ritter, Ritter der
-überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen, wie jubilierende »eiserne
-Lerchen«.
-
-Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben Weg, auf dem sie
-wandeln, jeder als ein anderer, jeder gemäß seiner selbst, jeder unter
-eigener Fahne.
-
-Und doch _ein_ Weg!
-
-Auch -- Frauen gehen mitunter diesen Weg. Auch sie stehen mitunter am
-Kreuzweg vor der Wahl.
-
-Wahl? Wird man denn nicht geboren für den einen oder anderen Weg?
-
-Wahl? Freiheit? Schicksal?
-
-
-
-
-Verstört vermochte meine Seele niemals zu singen! Sie war dann nicht --
-Stimme.
-
-Die mir die Seele, die Stimme verstörten, ~anima~, die Zarte, die vom
-Herzen lebt, sie waren die wahren, furchtbaren Störer, die Verstörer, die
-Dämonen, vor denen ich zitterte mein Lebenlang!
-
- * * * * *
-
-In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich, deren Herz die Freude und
-die Güte braucht, um nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande.
-
-Ihr, die ihr in Verödung lebt, -- betet, betet zur Sonne! Und wendet
-den Kopf nur immer wieder fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren
-goldenen Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch aus Sand und
-Schutt und Staub heraus- und in ihr Element hinüberzieht, indem ihr
-so leicht und frei werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige
-Fischhaut losgeworden sind und frei, -- frei und erlöst im Äther
-schweben.
-
- * * * * *
-
-Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter mir. Verzweiflungen, aus
-denen ich mich zusammenklauben mußte, Stück für Stück. Das war, da
-sie, die Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen zu mir. Schwer
-rangen sie miteinander, er und jene. Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber
-die Stimme, _seine_ Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn empor.
-Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich! Entfloh _sie_ mir, war _er_
-verloren und ich mit ihm und das Leben verwettet.
-
-Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe, das war die Frage.
-
-O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich verlassen wollte! Wie
-ich sie, die flüchtige, die verzweifelte, immer noch gerade an einem
-Zipfelchen erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, -- sich aus mir zu
-stürzen. Halt!
-
- * * * * *
-
-Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum. Auf einer Bahre lag ein
-Leichnam, ein Frauenleichnam. Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war
-es selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht, hatte getan, wovor ich
-wachend immer zurückgebebt.
-
-Aber, nicht doch, das war nicht _ich_. Eine andere war es. Wo hatte ich
-dieses Gesicht schon gesehen? Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine
-Nacht tauchte auf, -- ein Bild, -- jetzt weiß ich es: jenes Mädchen
-ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine Frau geworden, wie ich später
-erfuhr. Und sie hat ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man
-sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland ist sie in die See
-gesprungen.
-
-Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern sich die Züge, es sind
-wieder die meinen. Ist sie es, bin ich es?
-
-Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein kommt, -- nein
-wallt, -- eine Schar schöner Mädchen. Unhörbar gleiten sie, schweben sie
-näher zur Bahre, auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet,
-und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die Genien der Freude sind es.
-Glühende Gewänder tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre
-Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst.
-
-Die Genien der Freude sind's, -- die Seligkeiten, die ich nun mit dir
-erlebe, Johannes!
-
-Und sie treten an die Bahre und singen mir -- ihr -- ein Lied.
-
- * * * * *
-
-Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus dieses Liedes wieder, das ich
-im Traum gehört.
-
- * * * * *
-
- Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,
- War dies dein Sinn?
- Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,
- Was dich dir barg, zur Tiefe hin?
- Zerschmettert den Becher, den übervollen,
- Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
-
- Trinken und warten und trinken
- Und warten, von gestern zu heut,
- Wie jenes zugrunde will sinken,
- Wie dieses sich ewig erneut.
- Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,
- Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
-
- Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,
- Was aus den versenkten Särgen,
- In jugendlich ewigem Grün getrieben,
- Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,
- Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,
- Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
-
- * * * * *
-
-Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, es genügte,
-um tausend andere tausend Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen,
-daß, wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere -- erlöse.
-Denn dieses tausendfache Leiden muß irgendwie aus ihm bluten. Und dieses
-Blut ist der wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. Und wenn
-einer hohe Lust seliger erlebt, denn die andern, er beseligt sie mit dieser
-seiner Lust. Vertausendfachte Freude und vertausendfachtes Leiden einzelner
--- Erlösung, Messiastum.
-
-Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese Opfer, die alle Tode
-sterben und alle Himmel bewahren, in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie
-heißen sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht -- Sänger,
-Dichter, diese Messiasherzen?
-
-Wenn einer litt, wie der, der der größte aller Dichter war, der zu
-Golgatha am Kreuze verstarb, mußte es nicht balsamisch über die Welt
-tropfen, sein Blut?
-
-Zuckende, strömende, tönende Herzen, -- Dichterherzen, flammende
-Erlöserherzen!
-
-
-
-
-Flaubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, wenn man nie etwas
-anderes als Schönes gesehen, Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!«
-(An anderer Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel
-betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die Größe der Seele bilde,
-alle die widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den Gram, den man
-erleiden, die Qualen, die man ertragen mußte, bevor man eine gute Seite zu
-schreiben imstande war.« -- Beides ist wahr.)
-
-Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit. Und, ich Frevlerin,
-immer hatte ich mir diesen Zustand als den natürlichen vorgestellt, und
-was anders war, Leid, Elend als Unnatur empfunden.
-
-Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn die Erde ist gut. Und
-reich. Die Sonne nicht erloschen. Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt
-wachsen und reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben.
-Als Schande wird es einmal empfunden werden, gleich Krankheit. Armut --
-Schande. Krankheit -- Schande. Häßlichkeit -- Schande.
-
-Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist es
-Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und reich. Und die Sonne
-glüht.
-
-Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern um schön da zu sein.
-
- * * * * *
-
-Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen Blättern geschrieben.
-Dann bin ich hinausgetreten auf den Balkon und habe, wie so oft schon,
-»mein Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte ich wirklich
-in der Luft das deine zu erkennen und deinem Blick in der Dunkelheit zu
-begegnen. Wunderbar strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's, als
-hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme ganz dicht an
-meinem Ohr flüstern, -- jenen Gruß Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du
-Heißverlangte!«
-
- * * * * *
-
-April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um des Geruches von
-Geburtstagskuchen willen, der mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn,
-weil er der Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und schwer in
-der Stadt. Hold und verheißend ist der April.
-
- * * * * *
-
- Aprilmorgen.
-
- Ich sehe auf einen Friedhofsgarten
- Von meinem Fenster herab.
- Ich höre die Särge knarren
- Und sehe, wie sie verscharren,
- Worauf die Gruben warten.
- Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte, --
- Der Friedhof steht in Blüte.
-
- Im Ostermorgen zerfließen
- Schwere Gewitterdünste,
- Die der eilige Frühling hineingeweht
- In den wunderzarten April.
- Und Tränen den Friedhof gießen:
- Daß er treu das Geliehene hüte!
- Der Friedhof steht in Blüte.
-
- * * * * *
-
-Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir, ein teures Bild: von der
-Mutter. Ja, das sind ihre Augen. Und _mein_ Lachen und Weinen, -- ich finde
-es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält, und das tut sie ja
-nur auf dem Bild.) Wieviel müssen die geweint haben, diese Augen! Und wie
-blinken sie doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem. Seid
-gesegnet, liebe Augen!
-
-Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen Brief!
-
-Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag.
-
-Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach Zarathustra«. Und meine
-Lieblingsblumen brachtest du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her,
-hierzulande?
-
-Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare Blume das erstemal
-gesehen habe. In Genua war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich
-nach jener -- azurenen Küste fuhr. Allein war ich. Und saß am Strand von
-Nervi. Im Schoß lagen mir die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich
-damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit. Beinahe wie Glück war
-es, damals, eine kurze Stunde lang.
-
-»Siehe,« sagte ich, -- »ihre Blätter, der Gardenia weiße Blätter, sie
-beben, wie in Ekstase! Und sind doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist
-das Wunderbarste an der Gardenia: du kannst sie rütteln und schütteln,
-soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer weißen, samtenen Krone zausen,
-soviel er mag, sie entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze
-Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines ihrer sphärenhellen,
-frohen Blütenblätter entfällt ihr. Sie hält sie fest in ihrem
-wunderbaren Kelch. _So, so müßte man sein: so unverwehbar!_«
-
-Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten. Als er fertig war, setztest
-du mir ihn aufs Haar. Und Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung.
-
-Und dann sahest du mich lange, lange an, und unsere Blicke flossen
-zusammen. Und endlich sagtest du, schweratmend flüsternd: »Was bist du
-schön! Wie blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!«
-
-Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber in diesem meinem Herzen
-habe ich für dies Wort einen Altar errichtet, dir und mir.
-
- * * * * *
-
-Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was ich mit dir erlebe. Alles
-wird Stimme. Der Blumen Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, ~anima~, -- ihr
-_Duft_, -- ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier, nicht
-notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir diese Stimme quillt. Und ich
-höre auch Stimmen, Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele meiner
-Seele, _die_ Stimme selbst, nimmt sie auf und trägt sie in sich, bis sie
-ihr Eigen werden und dann meiner genesenen Brust entströmen.
-
- * * * * *
-
- Weiße Gardenia.
-
- Weiße Gardenia:
- Von allen Blumen du die Blume,
- Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme.
-
- So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn,
- So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn,
- Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht
- In weißer Glut.
- Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht,
- Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht,
- Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt.
-
- So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir,
- Weiße Gardenia, du.
- So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz,
- So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz.
- So _unverwehbar_ deine keusche Krone!
- Wie einst du dies zu solcher holden Ruh,
- Weiße Gardenia, du?
-
- Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand,
- Blau lag das Meer vor mir.
- Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß,
- Weiße Gardenia, du.
- Gesegnet war die Seele mir.
- Und, Seele _deiner_ Seele, hauchst du mir
- Den süßen Atem zu.
-
- Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme,
- Im Schoße mir, ein reicher Kranz.
- Und anders ist die Seele mir gesegnet,
- Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht?
- Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet:
- Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume,
- Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume!
-
- * * * * *
-
-Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme geworden in mir!
-
-Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen, dein und meinem Altar,
-vor dem ich jungfräulich stehe, neben dir, jungfräulich, -- Frouvelin.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, -- so fühle ich, wie die Luft mich
-streichelt. Und wenn ich meinen Blumen frisches Wasser gebe, -- sie nicken
-mir zu! Alles _liebt_ mich! Woher kommt mir, woher kommt mir dieser Segen?
-
- * * * * *
-
-Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst.
-
-Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer überdachten Loggia, eng
-aneinandergeschmiegt, und blickten hinein in diesen gelben, schweren
-Glast, der sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte. Und wir
-blickten uns in die Augen. Von dir zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom,
-in dem wir untergehen wollten.
-
-Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es flammte auf, in dem gelben
-Glast und rollte und brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war es
-vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte es uns. April!
-
- * * * * *
-
-Und daß du nichts -- wagst, es ist das Süßeste, das Schönste.
-
- * * * * *
-
-»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es.
-
-Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam.
-
-Und ich sah dich erbleichen.
-
-»Wann wirst du mich -- erdulden?«
-
-_So_ sagtest du es.
-
-»Es darf kein Opfer sein.«
-
-Ich legte dir die Hand auf die Lippen.
-
-Du vergrubst den Kopf an meiner Brust.
-
-So demütig sind nur die Freien!
-
- * * * * *
-
-»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer. Aber nicht: »Ich
-opfere mich«, sondern: »Ich opfere.« Ich trage einen Kelch, einen
-geweihten Kelch: opfernd trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine
-frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen Handlung -- eine frohe,
-heidnische Melodie: Evoë!
-
-Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll sei dir dieser Trunk
--- wie jener andere Trunk, der auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen
-wurde.
-
- * * * * *
-
- Evoë!
-
- Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase,
- In der die Blume deiner Liebe blüht,
- Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht
- Von dieser irdisch heiligen Ekstase.
-
- Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase,
- Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt,
- Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied,
- Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase.
-
- Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle
- Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot
- Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde!
-
- Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale
- Den, der ihn _wissend_ tat, entwunden aller Not,
- So dir der Trunk von diesem Kelche werde!
-
- * * * * *
-
-Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht gesehen. Unsere
-Pflichten da draußen, abseits von der »Insel«, trennen uns oft für
-Tage. Ach, und auch das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in
-solchen drei Tagen!
-
-Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich.
-
-Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für den Geliebten! Selbst
-wenn es so wenig schön ist, wie ich. Wie wellte es sich mir unter der
-Hand, dieses weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken kann in
-nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus jeder Pore meines Leibes, da ich
-ihn mit Wohlgerüchen wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm auf, alle
-Fenster der Seele erhellend, -- eine einzige, aufflammende Illumination.
-
-Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen Schränken. Welch grelle, bunte
-Lappen hatte ich da getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend
-ernstes, weißes Kleid!
-
-Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter.
-
-Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und du sahest, wie ich ging. Du
-sahest, daß ich etwas dir zutrug, -- opfernd, -- diesen Kelch, von dem du
-trinken solltest.
-
-Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche, brennende Blüten.
-
-Brennende Blüten fielen in meinen Schoß.
-
-Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die Gestirne leben! -- -- --
-
- * * * * *
-
-Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon hinaus und blickte dir nach.
-Sternfunkelnd war die Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, -- wie
-ein Weib, von dem eben der Geliebte gegangen.
-
- * * * * *
-
-Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in alle Winde? In dieses
-Offene, Grenzenlose, wo es weiter und weitergetragen wird? Daß meine
-_Stimme_ nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten Melodie?
-
-_Ward_ sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich sie sänge? Nicht
-vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«?
-
-Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über mich kam, aus der die
-großen, die bekennenden Gesänge quellen, die Psalmen, die Hohenlieder.
-
-Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug, hineinhauchte mit dem
-Schöpferhauch seiner eigenen _Stimme_ in diese meine Menschenkehle, solch
-ein Lied unterschlagen?!
-
-Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein Wiederklang davon bleibe,
-wenn ich selbst nicht mehr bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für
-weiteres, -- Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! -- als ein
-rettender Rhythmus vielleicht, eine führende Melodie für jene, die
-auf _die Stimme_ warten, die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie,
-unbestätigten Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos geworden,
-umherfahren auf hoher See.
-
-Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde dich tragen mögen! Und wenn
-ich, dich aushauchend, mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich
-dich sang, dich singen durfte, singen mußte!
-
- * * * * *
-
-Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden Welt zu singen, dazu, so will
-es mir scheinen, mußte ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie
-trank: nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren! In meinem mir
-nun einmal »eingeborenen« überheblichen Frevelwahn schien es mir
-immer, als ob er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als ob uns
-Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild dessen -- gedacht sind, der über
-allen Sonnen -- denkt, als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne,
-die Ekstase! Gebühre -- jawohl, gebühre! Ich hörte immer, »es müsse
-nun einmal so sein«, um uns und in uns, wie es meistens eben ist: so
-staubig, so dämmrig, so melodielos, und schlimmer. _So_ sollte sein
-_müssen_, dachte ich immer hinter dieser meiner »Empörerstirn«. So
-sollte es gedacht sein, als Gesetz, von dem, der über allen Sonnen --
-denkt, so gedacht für uns, die nach ihm -- Gedachten? Dies der _Gedanke_,
-im Stoff und in der Melodie, von der er ja nur wiederklingt, der Stoff?
-
-Dies die -- Stimme?
-
-Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht zufrieden geben.
-
-Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief mir auch die Stirn
-in den Staub gedrückt wurde. Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es
-mußte erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen, und fromm.
-
-In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand, wie du sie nennst, mußte
-ich »richtig« -- die Sonne selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen
-Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten« vertragen.
-
-Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen, lodernden Trunke. Und ich
-fing an zu beten. Zu ihr: zur Sonne!
-
- * * * * *
-
-Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und glaubet nicht, daß sie euch
-nicht erhöre! Der Kult wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes.
-
- * * * * *
-
-Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen zärtlich vom Staube
-heben, in die sie, -- die Gottähnlichen! -- gedrückt wurden, wer besser
-aufrichten das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich zur Sonne
-wenden, wer besser könnte es, wer einzig dürfte es, als wer selbst im
-Staube verwühlt und tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann die
-_Macht_ trat, das Haupt ihm hebend und es zart und zärtlich ihm zur Sonne
-wendend?
-
-Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden, gedemütigten Welt zu singen,
-ward mir -- aufgetragen. Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit
-dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife, die nach dem, der über allen
-Sonnen denkt, gedacht sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen und
-glauben lernen an die Gnade der Liebe, die sie einstmals erreichen muß,
-wenn sie selbst liebten! -- -- --
-
-So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig, da mir hohe Freude
-ward, da mir Rhythmus, Melodie und _Stimme_ ward, -- während Millionen in
-tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen.
-
-Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden, demütig-frommen Lied, das
-mir aufgetragen wurde, damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend,
-mein Geschick erfüllen.
-
-
-
-
-»Sonderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn du mir plaudernd und
-lachend zuhörst, -- was bist du da doch, du weißt, das vergötterte
-Baby --«
-
-»Ich weiß: -- mit dem edlen Papa!«
-
-»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem Gespräch, da
-empfinde ich dich, nun, als was ich bisher eine Frau noch nie empfand.«
-
-»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner Gegenwart zu
-unterdrücken.«
-
-»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes Jünglingsgesicht aus
-dem Uffizien, das des Philosophenschülers -- du weißt!«
-
-»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst noch? Habe ich denn noch
-mehr Verwandte, Ahnen, Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen
-Inkarnation?«
-
-»Wenn deine Lider so schwer werden -- --«
-
-»Dann?«
-
-»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern, -- es ist dann etwas --
-etwas wie Urmüttertum darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus --
-du weißt?«
-
-»Diana -- eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß ich von solcher
-Diana.«
-
-»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie wurde verehrt als eine
-Fruchtbare. Mit vielen Brüsten ist sie gebildet, so wie du mit vielen --
-Gesichtern. Diana von Ephesus -- eine andere Ceres. Ceres -- das ist die
-naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen, was bleibt oder nicht
-bleibt, erhalten wird oder ausgerottet. Diana von Ephesus ist eine andere
-Fruchtbare. Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine Opfernde!
-
-Und sie müßte dein Antlitz haben, das -- mit den schweren
-Lidern. -- -- --
-
-Welch ein Glück, daß ich dich _sehe_, du mir immer Vertraute!«
-
- * * * * *
-
-Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie davor. »Thumpe«, wenn auch
-nicht »Klare«, »Vale«, wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber
-nur dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer vom Staub in den Geist
-Entrückbaren und Entrückenden, nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk
-vom Weibe das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem, »der ihn
-_wissend_ tat«.
-
- * * * * *
-
-Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende, in mich eindringende
-Lächeln, wenn du mit mir bist. Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen
-waren, dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln dagewesen
-wäre in deinem Blick, um deine frohen Lippen, auf deiner lichten,
-freudigen Stirn.
-
-Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt es sich in mir in
-freudige, feurige Säfte, in Kräfte, die die Seele mächtig werden lassen,
--- lebensmächtig und sangesmächtig.
-
- * * * * *
-
-Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht mich sehr, dir -- für
-ein weniges nur, ich verspreche es, ein ganz klein weniges nur, -- die
-Tarnkappe vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen! Einen einzigen,
-kurzen, blitzgeschwinden Augenblick.
-
-Ja? Ja?
-
-Daß du mir sichtbar wirst, -- einen einzigen kleinen Augenblick. Das
-geschah ja auch andern, vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen
-(vielleicht stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke), --
-die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach sahen erstaunt eine
-Erscheinung, die gleich wieder verschwand, versteht sich, da sie ja die
-heruntergeglittene Tarnkappe schnell erwischte.
-
-Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo Rhodope plötzlich den Gyges
-sah: einen kurzen Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich verschob.
-
-Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen ~Laterna magica~ zu.
-Plötzlich sieht man auf einer weißen Fläche -- ein Bild. Ein farbiges,
-bewegliches Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die irgendwo
-versteckt ist im Hintergrund. Und die Person an der Laterne kann das Glas,
-das den Zauber wirkt, beliebig einschieben und wieder herausziehen.
-
-Also -- schieben wir's hinein.
-
-Jetzt schnell, ein Bild.
-
-Ihr schaut -- eine Küstenlandschaft.
-
-Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf der magisch
-beleuchteten Fläche -- dieser Blätter.
-
-Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt die Sonne. In diesem
-Sturm und Sonnengefunkel zugleich (es ist das alles herstellbar bei der
-modernen Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste.
-
-Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den Segeln braust's! Und
-jetzt -- jetzt seht ihr -- jetzt könnt ihr ihn erkennen: ihn, -- den
-Steuermann. Er versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich merken,
-wenn er an die Küste herankommt. Denn es ist gefährlich und schwer
-anzulegen an dieser Küste. Aber -- Wikinger waren ja seine Leute! Und die
-verstanden das doch. Jetzt -- jetzt seht ihr ihn in voller Figur. Und zwei
-Köpfe zumindest überragt er, was ihr drinnen im Binnenland an Leuten
-zu sehen gewohnt seid. Denn die von -- oben -- es ist eben ein anderer
-Menschenschlag da.
-
-Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, -- die Augen beleuchten dazu
-den Weg. Denn ein ordentliches Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne
-Sache.
-
-Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die Augen und verfurchen
-die Stirn, wenn hinter ihr (angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken
-verlieren sie gleich ihr Gesicht.
-
-Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das Leuchten!
-
-Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund!
-
-Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das Unbeirrbare. Wie liegt sie
-am Steuer, greift und lenkt.
-
-Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar.
-
-Seht ihr's, -- seht ihr's deutlich?
-
-Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die Küste heran.
-
-Aber -- das Glas heraus, aus der Laterna Magica.
-
-Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch!
-
- * * * * *
-
-Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In dem, was du bautest, in dir
-erst bautest, bis es klingend ward, -- Musik. Und dann aus dir herausbauen
-konntest, was also geworden war. Werk deiner _Stimme_, es wird leben --
-_deine_ Tat.
-
-Aber -- die Gestalt!
-
-Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese Blätter tragen, sie
-hier hereinretten durfte, -- es macht mir die Blätter teuer.
-
-Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter eingezeichnet zu
-haben -- trotz der Tarnkappe! -- meine Tat!
-
-Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe steckt, -- er wirft doch
-einen Schatten, wie? Die Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten
-unsichtbar, wie? Und wenn nun die _Sonne_ recht voll auf ihn fällt,
-(auf den in der Tarnkappe), dann wird sein Schatten, in der Sonne, recht
-deutlich. Fast so deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn
-wirft.
-
-Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen! Einzeichnen in diese
-darum so teueren Blätter.
-
-Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen darf, das --
-Wunderbare -- unabhängig davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's,
-geborgen, hier, hier in den Blättern.
-
-
-
-
-Was ich in diesen Blättern den Göttern entzünden will, wie ich es
-nannte, es verläßt mich keinen Augenblick. Ich muß es _tragen_, wo immer
-ich gehe und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines Werkes bis ins
-kleinste, darauf kommt es, nach Goethe, einzig an. Ausgetragen muß sein,
-was geboren werden soll.
-
-Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art kann ich sagen und
-schreiben, was ich hier schreibe, -- auf zehnerlei Arten könnte ich es und
-tue ich es oft. Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst
-kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung der _Gestalt_, --
-morphologische Strebung des Stoffes, möchte ich es nennen, (sein Wille zur
-_Form_, der ihm innewohnt!) -- daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne
-es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder schreibe, bis ich mir unter
-zehn Blättern eines erkiese, welches ich da niederlege?!
-
-Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa, oder Briefe) in der einen
-armselig herausgedrückten Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte,
-blieb es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden, wie etwa ein
-wackliges Häuschen angeblasen werden darf.
-
-Jetzt, -- ich bücke mich und die Wellen meiner Quelle bleiben mir als
-schimmernde feste Kugeln in der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges
-erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in die Luft und spiele
-mit ihnen und werfe sie wieder hinein in die Quelle und fange sie wieder
-und forme sie wieder, wieder, wieder.
-
-Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff, das Element, aus dem ich
-diese Wellen greife, von so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in
-sich. Der Stoff.
-
-Oder -- sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber meine Hand berührt?
-
- * * * * *
-
-Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist eine von den Narreteien, die
-jetzt gerade im Kurs sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert
-werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt« verfertigten Machwerk
-an, daß es eine fingierte Gestalt des Lebens ist, gleich jener Olympia
-in »Hoffmanns Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat, und sei es
-selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine.
-
-Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere, ist ganz »Herz«. Alles
-muß ihn »angehen«. Er lebt hunderttausendfach. Wie der Bäcker für
-andere backt, der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der Maler sieht,
-der Musiker hört, so -- _lebt_ der Dichter für alle andern. Er lebt ihnen
-etwas vor, erlebt es bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt
-so die andern das Leben durch und durch leben, wie sie es allein nie
-könnten.
-
- * * * * *
-
-Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe. Das will sagen,
-in besonderer _Form_. Nicht nur ein Gedanke »fällt« mir ein, der sich
-dann eine Gestalt _sucht_, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich
-daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den Gott in sich tragend.
-Sie fällt mir in den Schoß, wie vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich
-fiel in der Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn
-der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen. Und die Gestalt, in der er
-erscheint, ist sehr wesentlich. Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt
-es dann einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt. Denn wäre der
-Goldregen nicht gerade in der Danaë brünstigen Schoß gefallen, die
-kostbare Begierde des Zeus wäre verloren gewesen.
-
- * * * * *
-
-Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen. Oder meinetwegen
-Esperanto. Irgendeiner allgemeinen Verständigungssprache mich bedient,
-bedienen müssen. Aber _meine_ Sprache, die dieser Blätter, hatte ich
-sie jemals früher gefunden? Wer hat sie je von mir gehört, diese meine
-Sprache? Ähnlich klang's, Esperanto ähnelt ja allem.
-
-Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch reden. An dir nur es
-finden.
-
-Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht erscheinen, was ich
-zu sagen habe und wie ich es sage. Dir, dir ist's -- was mir _dein_ Wort
-ist: heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie missen, diese
-meine Heimat. Und verlöre ich Dich, so würde mein Herz doch immer die
-Heimat begehren -- im Herzen eines Menschen.
-
- * * * * *
-
-Mir ist, als hätte ich sie -- dich -- nur wiedergefunden.
-
-Vorher -- wo war es doch?
-
-War es zu Eleusis -- Priester? Oder zu Padua -- Meister? Oder zu Ephesus --
-Opfernder?
-
-Träumereien wagen sich zu dir.
-
- * * * * *
-
-Oft scheint es mir auch, als wären wir -- einst, einst --
-zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du, mein lieber Herr, und hätten
-uns damals schon, »am stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk
-kredenzen lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk ist, --
-mein Landsmann Vogelweid, Freund Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein
-teurer Hausgast, ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit« war
-uns Haus und Hof. Und wir saßen alle drei auf der Bank um den Ofen herum
-und brieten da Äpfel.
-
-»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund Walther.
-
-Und wir beide, du und ich, sahen uns an und schwiegen und lösten dann die
-Blicke voneinander und lächelten ihm zu, dem lieben Dritten.
-
-»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari fragt uns um Minne.«
-
-»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich.
-
-»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?« fragte er und horchte
-gespannt.
-
-»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich.
-
-»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«, sprachst du, mein lieber
-Herr, -- »ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.« Und zogest
-dabei, umsichtig und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist, die Äpfel aus
-der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet hatten.
-
-»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei --«
-
-»-- so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den Freund. »Sprecht ja!
-Minn' ist zweier Herzen Freude! Sprechet ja!«
-
-»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach mein lieber Herr
-und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich geschält hatte, auf den
-blitzenden zinnernen Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in
-die Nase stieg.
-
-»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«, meinte nachdenklich
-Freund Walther.
-
-»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach mein Herr und
-blickte mich an.
-
-»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr recht, vieledle Frouve«,
-sagte Walther.
-
-Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr sie dann?«
-
-»Die könnt' _Unminne_ heißen ehr«, sagte mein Herr.
-
-»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's treuherzig, kreuzte
-Bein auf Bein und biß herzhaft in seinen leckern Bratapfel.
-
-»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«, meinte er, da wir alle drei
-speisten.
-
-»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein Herr.
-
-»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht! Nicht kann gefallen mir,
-zu meiner Freude _Tod_, _daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen
-macht_!«
-
-»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr.
-
-Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied! Wolltet Ihr Eure Laute
-holen? Wir sängen dann alle, zum süßen Spiel.«
-
-Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute zu holen, die fremdartig,
-seltsam an der Wand hing. Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?«
-
-»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was klingt sie mir deutsch!«
-
-»Die Laute?«
-
-»Die Frouve, die traute!«
-
-Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen Herd, ein Lied von der
-heiligen Minne! -- --
-
-Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm sangen und rieten, am selbigen
-Abend noch nieder, mit gar zierlichen Zeichen.
-
-Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein Roß gesattelt stand
-und ihn uns entführte, ein Röllchen. »Nehmet ein armes Gastgeschenk,
-vieltraute Frouve!«
-
-Und ich entrollte es, und da stand:
-
-»_Minn' ist zweier Herzen Freude._«
-
-Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee und winkte uns, die wir
-unter dem Tore standen, grüßend mit dem Hute zurück. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Pietà war meine Liebe zu _ihm_.
-
-Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In jede hohe Freude mischt
-sich ein Gefühl der Dankbarkeit«, schrieb Wagner an Mathilde. Und jede
-solche demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen, religiös.
-Fromm macht diese Freudigkeit.
-
- * * * * *
-
-Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen, die küßten mich um
-ihretwillen. Du aber küssest mich um meinetwillen. So deutlich, so
-sichtbarlich, so unverkennbar ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene,
-rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine Küsse, so werden sie über
-mich gestreut, wie Blüten, die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und
-niederfallen und immer wieder neu sprießen und fallen, fallen auf das,
-dem der Segen bestimmt ist, und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu
-Lippen und Augen und Haaren.
-
-Und um meinetwillen!
-
-Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig, nicht von mir fort
-entführt zu jenen Mächten, die den Mann erschüttern, wie das Rollen der
-Lava den Krater.
-
-Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie lenken mir ihn keinen
-Augenblick fort aus seinem Bette, meinen goldenen Strom, der aus der Quelle
-deiner Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges Bett.
-
-Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen regnet es Blüten, rote,
-samtene Blüten.
-
- * * * * *
-
-Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht, -- Süchten, mehr ein
-Süchtiger, denn ein Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen
-liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom Morgen Umwobene, zum
-Tage Ahnende -- die Schwebende, Lockende, -- die die Seele in den Garten
-der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht. Er, der doch
-ein Dichter war, hatte keinen Träumerblick. Und den des Wissenden, den
-hatte er noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand ich seinen
-Blick, silbern, rollend, wohin? woher? Rollend, ohne Möglichkeit,
-innezuhalten.
-
-Seine Sehnsucht _hatte_ ihn, wie eine wilde Reiterin ihr Roß. Sie saß
-auf ihm -- und peitschte und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten
-Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es dahin, unter den
-Hieben und Sporen der Furchtbaren, die seine Meisterin ist, das Roß, --
-das edle.
-
-Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die Sporen ins Fleisch. Wohin
-_sie_ will, muß der Weg führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst
-will. Ein Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine Sehnsucht,
-peitscht ihn -- mit Begierde, spornt ihn, mit schneidenden Eisen der Not,
-die tief in sein Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die beiden,
-diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da lassen sie hinter sich --
-Zerstampfung, Zerstörung, Schrecken.
-
-Und doch, und doch -- ein _edles_ Roß, das also gejagte, ein unfreies,
-gehetztes, geknechtetes, und doch ein edles!
-
- * * * * *
-
-Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere. Eine mütterliche, im
-Schoße tragende, wohnt sie dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse
-erstickter, verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und betender
-Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt, löst, _ordnet_ nach geheimem
-Gesetz. Nach den geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die
-Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, -- daß etwas werde! Ordnung
-werde! So trägt sie -- die Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit.
-
-Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend, ahnend, ihnen
-entgegenlauschend, gehst du, suchst du, sammelst du: Töne, -- Töne
-zur Ordnung! Und mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein
-Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher Melodie geführt, dorthin,
-wo es klingt, wo _sie_ wohnt -- Sehnsucht.
-
-Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der Sehnsucht Geführte -- es ist
-zweierlei.
-
- * * * * *
-
-Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe, -- »bezähmt, bewacht«.
-
-Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst. Dieses die Ruhe, die
-die Darbenden speiset und die Gehetzten erquickt, wie der Schatten des
-festwurzelnden, blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe, die
-die Griechen -- träumten, in Marmor, durch dessen Geäder man die
-Leidenschaften fließen sah, ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten!
-
-Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust.
-
-Wie klingt es doch im Hohenlied:
-
-»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und lehnet sich an ihren
-Freund?«
-
-Fürwahr -- aus einer Wüste fuhr ich herauf. Nichts war da, woran ich
-mich hätte lehnen können, mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen
-Wüstenfahrt. Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren bin. An
-meinen Freund mich lehnen.
-
-»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den
-Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht
-ist meiner Kehle süße.«
-
-»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, -- und wehe durch meinen Garten,
-daß seine Würze triefen!«
-
- * * * * *
-
-Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht: das Weib möge sich an ihn
-lehnen. Und ich wollte es so gern und tat es auch, und siehe -- es bog ihn,
-verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger Busch war er,
-mit seltsamen, üppigen Blüten und Beeren an seinen Zweigen, seinen
-tausendfältigen Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch, dessen
-Gezweig sich schier undurchdringlich ineinander schlingt. Und lehnte
-man sich da hinein, so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine
-Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen. Kleine Vögelchen
-auch auf diesen Zweigen sich wiegen und Schatten da suchen und finden. Und
-gar wohl wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben, nach Art der
-starken, festverwurzelten, hoch in den Stamm geschossenen, dichtbelaubten
-und befruchteten Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte kein
-Vögelchen naschen, es stürbe daran.
-
-Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da nicht eine Menschenseele in
-ihm, die von Sehnsucht gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt
-ist und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war. Eine Seele, deren
-eigene Ideale sie verwirren und verraten. Die heute vermeint, ein paar
-Vögelchen, hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude brächte.
-Und die morgen das gefiederte Getier am liebsten hinauswürfe und von einer
-Herrin träumet -- die sich neiget -- und seine Blüten bricht, -- daß die
-verwundeten Zweige -- bluten.
-
- * * * * *
-
-Alles _sah_ er am Anfang, was er, balde, ach balde, nicht mehr sah.
-
-»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich _vor_setzen.
-
-»Wie sie sich lehnt!« -- »Lehn' dich, bitte, lehn' dich da an die
-Portiere!«
-
-Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt und schaute.
-
-Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch, der in der Zimmerecke
-stand. An der anderen Wand, gegen die ich den Rücken kehrte, stand die
-Ottomane. Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er hatte es
-gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich schrieb gern für ihn, ich, die
-ich meine eigenen »Skripten«, -- wenn ich eine Schriftstellerin wäre, --
-niemals selbst abschreiben könnte. -- --
-
-Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb.
-
-»Du -- bitte!«
-
-»Was denn?«
-
-»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so, nein, nicht an die Wange,
-mehr in den Nacken die Hand, so, ans Haar!«
-
-»Warum denn?«
-
-»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen kann.«
-
-Oder er trat an den Schreibtisch, während ich schrieb, und legte seine
-Hand, leicht, ganz leicht, auf meine schreibende Hand.
-
-Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen lassen: wenn nicht jeder von
-ihnen ununterbrochen die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es«
-nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare« verlassen -- die
-Liebe.
-
- * * * * *
-
-Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot und vergraben waren sie,
-längst. Wie kamen sie herauf?
-
-In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch die große Sonnenflut, die
-hineinbrach. So lebendig, daß selbst -- Gräber darin zu blühen beginnen.
-
-Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige, üppiger denn alle anderen
-Blumen, die auf gemeinem Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus
-Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol!
-
- * * * * *
-
-Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris Art in der Liebe.
-
-Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung an sich selbst, »zu Liebe«
-dem andern.
-
-Und was anders ist, denn das »Wunderbare«, verdient nicht den Namen
-Liebe.
-
- * * * * *
-
-Wie umklammert halten wir uns, immer.
-
-Stunden vergehen, -- wir lösen uns nicht. Das Abendbrot steht bereit, vor
-uns auf dem Tisch. Du füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst
-die Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist, als wären wir
-versunken in einander.
-
-»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden mir in den Mund
-hineingedrängt. Ich kann schwer essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann
-ich nur schwer essen.
-
-»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du.
-
-Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine Hand frei, habe beide
-Hände um deinen Hals, und da gehen sie nicht fort.
-
-Und du nimmst die Tasse in die eine und den Löffel in die andere Hand, und
-Löffel für Löffel wird mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer
-ist.
-
-Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein absonderliches erschiene.
-
-Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist, was weniger ist, verdient
-nicht den Namen des -- Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis.
-
- * * * * *
-
-Sommer ist es geworden über alledem.
-
-
-
-
-Lieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen machen. Es ganz und gar
-_begreifen_, das, was man also begriffen hat, begreifen _wollen_ und sich
-freudig erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder
-gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun herrscht aber diese
-Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. Diese »Schwäche«. Diese
-Bröckligkeit der Gefühle. Wie kann man da »begreifen«? Begreifen heißt
-ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, umfassen. Um einzugreifen,
-muß aber erst eingedrungen worden sein in das, was begriffen werden soll.
-Eindringen aber kann nicht der -- seelisch Geschwächte. Ganz und gar
-eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, so gibt es auch _Halbentjungferer_. Die
-letzten Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum Fallen. Nicht
-vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe fertig. Nicht gänzlich vermögen
-sie, sich des Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird nicht
-komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der Liebe und die ersten
-Präludien bewältigen sie, aber was _dann_ kommt, der schönste, aber auch
-der schwerste Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.
-
-Physiologisch -- _da_ reicht es bis zur Orgie. Nicht solche Schwäche
-ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, diese viel ärgere, diese
-Gefühlsimpotenz, die den Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe
-den an ihr Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen sind fähig,
-Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf emporwachsen zu lassen, »aus der
-Tiefe zur Höhe«, sie durchzuhalten, sie zu behaupten.
-
-Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer wieder, fangen am liebsten
-immer wieder neu an. Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So
-sehr man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint er banal, dieser
-Liebhaber in die flache Breite. In die Tiefe lieben, das ist die Frage, die
-Kraftfrage.
-
-_Wissend_ trinken, das ist die Liebe. Synthese! Schwächlinge sind aber
-nicht synthetisch. Entweder sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«.
-Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn und kommen vor lauter
-Gegrübel nicht zum Trunk.
-
- * * * * *
-
-»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, und »fesseln«
-liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, wie manchem Mann »erobern«.
-Nicht dieses aufs immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht
-»Behandeln« ist meine Sache. Nur _sein_ kann ich.
-
-Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, daß du mich lieb hast,
-weil ich _bin_. Nie habe ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.
-
- * * * * *
-
-Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. Das sind die Menschen
-der starken Lebensgefühle. Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es
-auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die Gefühlskraft gehört
-der Antike an. Anarchronistisch, wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein
-Mensch solcher Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.
-
-Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike an. Solche, die verbunden
-waren durch überpersönliche Gefühle, -- Gefühle, die der Idee
-»Mensch« gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie die
-Renaissance ausgrub und unter deren Studium sie Humanismus wurde.
-
- * * * * *
-
-Brüderlichkeit -- diesen Gedanken habe ich tief im Herzen! Liebe war meine
-Lebensquelle immer. Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so
-wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und ich glaubte so gern
-an Geneigtheit, Freundlichkeit, an die Idee der Vertraulichkeit, des
-Wohlwollens von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit.
-
-O meine Brüder und Schwestern, -- möchte doch dieser Glaube über euch
-alle kommen!
-
- * * * * *
-
-Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand sprach zu mir, wenn ich litt:
-»Sei geduldig! Sei friedlich! Sie wird dir wiederkommen, deine Seele.
-Denn du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit da, so eine
-Seele. Sie verläßt einen -- scheinbar -- manchesmal. Aber sie wird dir
-wiederkommen. Und dann mußt du sie in beide Hände fassen und sie tief und
-fest verankern. Und zu ihr sprechen: Bleibe da, sei ruhig!«
-
-Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war: »Menschenskind! deine hellen
-Augen freuen mich!«
-
-Und doch und doch, -- mein Glaube blieb leben und sprach zu mir, da ich
-tief daniedergedrückt war: »Einer wird kommen einmal, der deine Blicke
-trinkt. Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen, imstande
-sein, dich zu nehmen, so wie du bist. Der Freund wird es sein, _der_
-Freund! Und _lehnen_ wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren
-bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an niemanden ungestraft
-lehnen durftest, auf dieser deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich
-lehnen. Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt seine Gestalt,
-wie Zedern auf Libanon«.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich sie auch an dir erlebte diese -- Gefühlsverbröckelung? Was dann?
-Würde das _Herz_ es ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz?
-
-Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch noch lieb, Frowelin?« Und
-ich erwidere Dir: »Freund! Wenn Du mich auch verlässest -- so bleibt mir
--- Gott!« -- -- --
-
-Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was ist sie zweifelsüchtig!
-Die süße, die närrische, die furchtbare!
-
- * * * * *
-
- Wie willst du denn die Macht in deine Hand bekommen,
- Ist sie so schwach?
- Besinne dich, wie oft das Schicksal dir in tausend Trümmer
- In dieser Hand zerbrach.
- Es sollte wohl so sein.
- Es mußte ihr entgleiten,
- Was nicht geschaffen war, dich führend zu geleiten,
- In dieser deiner Hand dir magisch aufzublinken,
- Zur Heimat leuchtend, die du sahst von Ferne winken.
- Doch siehe zu, daß dir die rechte Kraft in deine Hand nun kommt,
- Sie taste nimmermehr, -- sie wisse, was ihr frommt.
- Und jene Sehnsucht, die dir grausam überstrahlte,
- Was du umklammert hieltst zu unrecht in der Hand,
- Die Sehnsucht, die jedwedem Irrtum unbeugsam
- schmerzlich dich entwand,
- Sie leuchte heller dir und wandle sich in Macht:
- Daß du beharren darfst, wenn dir die Heimat lacht!
-
-
-
-
-Ob ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du mich enttäuschtest,
-Johannes? Mich aus allen Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes
-Wunder, unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest?
-
-Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas begeht, was man ihm durchaus
-und niemals zugemutet hätte. Enttäuschen heißt vernichten.
-
-Wenn du nun begingest, was ich dir niemals zumute, ja mit aller Phantasie
-mir nicht vorstellen kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn du
-die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen Liebe?
-
-Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser Liebe wurden,
-unvernichtet?
-
-Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es, als zwänge mich eine
-Stimme, mich zu entscheiden. Als lebte ich in beständiger
-Einsturzgefahr, bevor ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser
-unwahrscheinlichen Frage.
-
-Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon öfter mir aus dunkler
-Bewußtlosigkeit hell heraustönte: »Was immer geschehen mag mit dir, --
-rette mich, deine Stimme!«
-
-Und die Stimme, die Stimme -- sie ist in den Blättern!
-
-Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag mit -- mir.
-
-Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches, ein Seiendes, wie
-ich dachte und wähnte, so wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die
-Idee davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen die das
-»Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird, gegen die es erbleicht, wie ein
-fahles Abbild des einzigen wahrhaft Seienden.
-
-Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um jener »Idee« willen, die
-vernehmbar und sichtbar ward durch _mich_, -- rettete ich die Blätter, was
-immer geschehen möge mit mir.
-
- * * * * *
-
-Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb -- ich weiß es nicht.
-Aber geschehen könnte es, sicherlich. Es könnte geschehen, daß ich
-an Johannes erlebte, was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo,
-sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und tausendmal schlimmer,
-sicherlich. Denn dort war ein Wildes und Banges, was zusammen erlebt
-wurde, von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an dem meine Seele
-klingend wurde. Es könnte dennoch geschehen.
-
-Und daß ich mich hingab an das, was ich mit Johannes erlebte, nicht nur
-mit meiner weiblichen Person (das wäre keine so große Sache, das), aber
-mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben des Stroms an seine Mündung,
-daß ich das ganze wunderholde Erleben für gültig nahm, über den
-Augenblick hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle Zweifelei
-so gern und so willig verscheuchen ließ, es wäre -- eine maßlose
-Überhebung von mir gewesen. Überhebung eben das, was das ganze Glück
-war! Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern und von ihnen mit
-Vernichtung bestraft.
-
- * * * * *
-
-Das Wunderbare, das Wunderbare -- es wäre aber doch. Hier in den
-Blättern. Würden sie mich denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz
-begraben, gerade diese Blätter?
-
-Das Wunderbare -- das war ja diese Hybris! Das war ja der bestätigte
-Glaube, der holde Glaube. Und _seine_ Gestalt, des Freundes Gestalt, war
-es, die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt, mit diesem
-Glauben, mit diesem Wunderbaren?
-
-Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben zu lassen?
-
- * * * * *
-
-Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt, die ich liebte, -- er,
-er löste sich dann von der Gestalt. Und _mein_ Johannes, der, den ich in
-diese Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee, ihr, die
-uns wachsen macht über uns selbst hinaus, näher ihr wäre er dann, denn
-ihm, dem -- andern.
-
-Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was sie in eins verschmolz war
-dies Herz, dies Herz. Menschenherz, das denkende, -- dessen pochen
-kein Sphärengedonner übertönt. Mein Menschenherz, das bei jenem
-Auseinanderriß der beiden, die eins waren, wohl zerrissen würde, mitten
-durch.
-
-Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre dann für -- Spätere. Um
-Spätere, Bessere, Stärkere, Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen,
-zur Idee -- dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden wähnte.
-
-Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich mich tiefatmend lehnte, da ich
-heraufgefahren kam aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten in mein
-Lied? Wirst du wohl über den von dir fort und der »Idee« dafür näher
-rückenden, über den also »idealisierten« Johannes dein Lachen finden,
--- dein gutes, gutes Lachen?
-
- * * * * *
-
-Ein Glaube, dem ich einen -- Opferstoß entzündete.
-
-Und dem ich einen Tempel baute.
-
-Wenn sie mich trotzdem erreichte, die -- Verödung? Und da ich in diesem
-Erleben gewesen, wär's eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der
-Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt es Maeterlinck.
-
-Sie wäre es, die mich erwartete.
-
-Den Gott verjagen und den Tempel -- lassen?
-
-Und -- aus ihm heraustreten -- und meine Straße gehen -- und führte
-sie -- -- --
-
- * * * * *
-
-Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine Welle nicht genug an den
-großen Ozean denke, dem sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der
-kleinen Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt so eine Welle
-ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar tut sie das. Solange sie
-Welle ist, solange sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an
-eine andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst wurde, in einer
-größeren Einheit, muß sie, gerade gemäß ihrer Rolle im großen Ozean,
-die Rolle ihrer winzigen Einheit mit großem Eifer und großer Wichtigkeit
-durchführen. Würden nicht Milliarden Wellen mit hunderten weißer
-Füßchen ihr kleines Ich eifrig dahin tragen, wohin es _will_ (oder
-muß?), keinen Ozean gäbe es dann.
-
-Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint?
-
-Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die Welle, ihre Kraft. Ihre
-Kraft -- zu fließen. Sich aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll.
-Ihres Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es! Tief unter ihrer
-Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel, das ihr Fuß wird und sie zu ihrer
-Küste trägt, weiß sie sich ihres Elementes.
-
-Du verstehst, Johannes?
-
-Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem Buch, das seine Briefe an
-Sophie sammelt?
-
-Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte. Und er
-suchte und antwortete:
-
- »O still -- ich könnte sonst erschrecken,
- Könnt' ich den Winkel nicht entdecken,
- Der unzerstört für Gott verbliebe,
- Beim Tode deiner Liebe.«
-
-Unter der Brandung -- weiß sich die Welle ihres Elementes.
-
-O still -- ich könnte sonst erschrecken ...
-
- * * * * *
-
-In einer Ode von Walt Whitman heißt es: »Kommt dir, Träumer, denn
-kein Gedanke, daß dies alles nur _Maja_ sein könnte und Täuschung?«
-Maja ... Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter
-erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner Täuschung dessen, -- der
-ihrem Herzen Treue hält! Und bist nicht _Du_ es, so ist es der Geliebte
-ihrer Sehnsucht und sie gehört _ihm_ -- für _Zeit und Ewigkeit_.
-
-Warum, warum sind diese Gefühle über mich gekommen? Woher? Was fiel mir
-da ins Herz und wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen,
-düsteren Tönen?
-
-Wie ein Saitenspiel ist dieses mein _Herz_. Und mit lebenbebenden Händen
-greife ich selbst hinein, mitten hinein. Und was mir da unter diesen
-bebenden Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr kommen vom
-Instrument, geheimnisvoll gezwungen zum Spiel, erbraust, -- o großer
-Gott, es ist ein volles Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser
-meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust.
-
-Warum geschah es mir, -- daß dieses Dunkle mir hineinklingen mußte in
-mein Lied? War es vielleicht, damit das Lied -- ein echtes Menschenlied?
-Ward es deswegen über mich verhängt?
-
-Sym -- phonie! Phoné -- die Stimme, der Ruf. Stimmenzusammenklang!
-
-War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die dem Leben gehört?
-
-Und in die jubelnden Passagen der Violinen und in das Geschmetter der
-Hörner mußte es hineintönen -- wie die Stimme der Dunkelheit:
-
-»So klopft das Schicksal an die Tür.«
-
-Und ich greife und greife die Saiten. Und sie zucken und schwingen und
-_tönen_.
-
-Und das Blut rieselt unter meinen spielenden Händen und strömt dahin, mir
-zu Füßen.
-
-Fließe, fließe über die Erde, die braune, die geliebte, laß dich
-trinken von ihr und wachse auf aus ihr in glühender Glorie. Verströme
-mein Blut, und verströmte mein Leben darob.
-
- * * * * *
-
-Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war sie. Verstrich und verblich
-so schnell. Wir merkten es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in
-sie, in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete ihn, den Tag,
-bevor er sich selbst noch deutlich war, wie mit Flötenton, kündete es
-ihn, -- horch!
-
-_Heller_ als er selbst noch war, der Tag, drang es in ihn: tirillili.
-
- * * * * *
-
- Die Nacht verstrich. Es drang in sie
- So flötenfroh, es kam vom Hag:
- Tirillili -- tirillili.
- Ein Vogel rang um Melodie.
- Auf grauen Wellen trug der Tag
- Zum Bett, wo ich im Arm dir lag,
- Den Amselschlag
- Und sie,
- Die heller war, die Melodie:
- Tirillili -- tirillili.
-
- Die Nacht verblich. Es drang in sie,
- So wachensfroh, ein Flüsterwort:
- »Ich seh' das Licht,
- Das stärker denn der bleiche Tag
- Und heller denn der Amselschlag
- Dir aus den Augen bricht
- Und eindringt in den bleichen Tag,
- Wie sie,
- Die heller war, die Melodie:
- Tirillili -- tirillili.«
-
- Die Nacht entwich. Der in sie drang,
- So flötenfroh, der Amselschlag,
- Verklang im Hag.
- Das Bette stand im Morgenlicht,
- Und dein Gesicht und mein Gesicht
- Blickt in den Tag,
- Den jüngsten, den die Welt gebar,
- Und trug in ihn, die heller war,
- Die _unser_ war, die Melodie:
- Tirillili -- tirillili.
-
-Da liegt es vor mir, -- ein Lied. Ich finde es hier und mich dabei, eine
-Feder liegt daneben und die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so
-sein, daß ich es _schrieb_. Aber wie, wie geschah es?
-
-_Wie_ drang in das, was dämmerhaft, -- »die heller war, die Melodie?«
-
- * * * * *
-
-»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende, das Stärkere.
-Der Tag, das männliche Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker
-und heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels Stimme, da nach
-Melodie sie ringt, entquillt. Sie, die Melodie, überklingt den Tag.
-
-Aber heller noch als diese Melodie, um die der Vogel rang, ist jene andere:
-die aus den Augen bricht als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste
-Melodie der Menschenstimme, -- ~anima~.
-
-_Sie_ überdringt, überklingt, überwältigt alles, alles, was
-dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend.
-
-Und siehe, -- ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar: Ursymbol des
-Gesanges von der Begattung des Dämmernden durch das Lichtere.
-
-Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der Mann. Näher dem
-Kreißenden, aus dem -- Welt ward, da die _Stimme_ hineindrang, die das
-Licht befahl.
-
-Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte, -- die heller war:
-die Melodie, -- der Logos. Da ward sie Form und -- Welt.
-
- * * * * *
-
-»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das Licht, das zeugende?
-
-Woher?
-
-Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang es in mich, so licht, so
-zeugend?
-
-Mich schaudert.
-
-Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die sich schlingende, in sich
-selbst eindringende, niederschrieb, nicht wußt' ich da, Johannes, -- ihren
-Sinn.
-
-Verstehe, verstehe, -- Geheimnisvolles, Unsagbares: ich _wußt'_ ihn nicht,
-den Sinn, der aus mir brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied!
-
- »Es drang in sie,
- die heller war, -- die Melodie.«
- Es drang, woher?
- Und wer ist -- er?
-
-Und sonnenklar darniederliegt -- ein Sinn: Urgeheimnisse nahe. Und
-sonnenklar, schuf er, der Sinn, sich selbst die Form. Die Form, die wieder
-durch sich selbst schon -- deutet, auf ihn, der sich sie schuf.
-
- * * * * *
-
-O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied nicht einmal, ich schrieb es
-mehrere Male. Und immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff, der
-Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt. Ich hatte es hingeschrieben
-und dachte damit fertig zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter.
-Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe Lied, in anderer Tonart, und
-ich mußte ihnen nach, diesen Tönen.
-
-O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet flügge, ihr Füße, werdet
-erbeutend ihr Hände, ihnen nach, meinen Liedern, ihnen nach!
-
- * * * * *
-
-Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe doch! singe!« Und ich
-würgte und preßte an meiner Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es
-sei denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte Dimitri. So war es.
-Unminne zerfraß meine Kraft!
-
-Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll klingt mein Lied. Und das
-Lied, das Lied, das ist ja gerade -- _das Lied von dem Gesange_! Was ich an
-ihr, der Stimme, erlebte, künde ich _mit_ ihr! Und die vielen Lieder,
-die mir aufspringen, -- ein einziger Gesang sind sie nur, tief in sich
-verbunden: der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben, bis zum
-heutigen Tag.
-
-Ich -- bezahle. Für mich bezahle ich und alle die, die jemals sangen,
-denen Verkündigung ward, gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben,
-bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner Stimme!
-
- * * * * *
-
-Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf mich, eine schwere Hand.
-Ein eisiger Hauch kann mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem
-Geheimnis. Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus einem Auge, das mir
-unsichtbar.
-
-Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt, versinkt mir, mit einem
-Schlag.
-
-Es _kann_ geschehen.
-
-Aber ich will geopfert haben. Will entzündet haben den Stoß, für die
-hohe Zeit, da mir die Stimme, die eigene, einzige, mir selbst gehörende
-Stimme, -- klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in den Schlaf der
-Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg! Da ich außer mir war, außer
-dem Staube, ekstatisch, tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott
-überlassen.
-
- * * * * *
-
-»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie
-erfährt dabei niemand etwas.« Goethe.
-
-Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden? Dieses »Wie«?
-
-Doch vielleicht einem Dichter gelänge?
-
-»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«. Geschehen muß es, mit
-ihm geschehen.
-
-Und wenn es mit einer -- Frau geschähe?
-
-Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend -- das Schaffen. Aus dem
-Gesange selbst -- die Stimme!
-
-Wenn es -- geschähe?
-
-Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf?
-
- Wenn ihr klänge Amselflöte,
- Hell ins Dämmergrau,
- Wenn ihr sprühte Morgenröte,
- Flammend aus dem Tau,
- Wenn sie, opfernd, im Gebete
- Ein Gesicht erschau',
- Eine Antwort dann für Goethe
- Fände eine -- Frau?
-
-
-
-
-Eine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach zu ihm: »Mach und treibe
-Musik!«
-
-Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie die vortrefflichste
-Musik sei.
-
-Viel -- Musik kommt mir von dir, du Musiker!
-
-Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff ist's, über Menschenmaß.
-Diese Erde -- eine Winzigkeit, gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos
-erscheint.
-
-Und ich, und ich?
-
-Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären, Sonnensysteme mit ihren
-Trabanten, unendlich, unermeßlich, unvergänglich.
-
-Und ich, und ich?
-
-Ich -- denke sie. Ich bin das denkende Prinzip. Und nicht nur dies: Ich bin
-die Wärme. Die einzige Wärme im All -- ist mein Menschenherz.
-
-Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende Sonne. Allein das
-Menschenherz hat Wärme.
-
-Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist Helle. Und Helle ist der
-Gedanke. Und der Gedanke ist die _Stimme_, die rufende!
-
-Und die Stimme ist Gott.
-
-Das Herz ist Gott!
-
-Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen an der Unendlichkeit,
-ein Stecknadelknopf ein Kosmos ist, -- ich trage es in mir, das Wärmende,
-Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht werden und die
-Milchstraßen -- und der Amselschlag, am jüngsten Morgen.
-
-Hörtest du das Tirillili?
-
-Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte es, wie es die Sphären
-denkt. Kein Gott nimmt uns das Tirillili. Kein Sphärengedonner
-übertönt's.
-
- * * * * *
-
-Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein -- Herz. Es preßt und
-zieht sich oft so sonderbar zusammen -- Johannes?
-
-Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir reisen. Das Herz --
-
-Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter denke? Wenn wir reisen, ende
-ich die Blätter. Dann -- singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme.
-
-Zwei? Eine?
-
-Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht durch sie, ~anima
-mea~.
-
-Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz --
-
- * * * * *
-
-Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte meine Stimme, bis zur
-Brünhildhöhe. Und sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen
-fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang. »Und das wird alles
-noch wachsen«, sagtest du, im Spiel.
-
-Ich aber -- sang:
-
- »Geh hin zu der Götter
- Heiligem Rat!
- Von meinem Ringe
- Raun' ihnen zu:
- Die Liebe ließe ich nie,
- Mir nehmen nie sie, die Liebe!«
-
- * * * * *
-
-Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns gnädig vor Dämonen behüten
-mögen. Denn mir war immer bange vor Dämonen.
-
-Und da entzündete ich diesen -- Stoß.
-
-Die Asche dir!
-
-Hier stehe ich, -- eine heidnische Priesterin. Eine »Stimme« habe ich
-gehört, die mir zu opfern befahl. Mit eigener Hand zu verbrennen, mein
-Eigenstes.
-
-Und ich tue, wie mir geboten wurde.
-
-Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß war ich, in dem der
-Gott wohnte.
-
-Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll, den kostbaren Stoff: diese
-verrauschten Liebesjahre.
-
-Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine Leichen.
-
-Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand.
-
-Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines Amtes ist!
-
-Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel, mitten hinein, mit eigener
-Hand.
-
-Wild und prasselnd schlägt es auf. Und _Stimmen_ höre ich aus dem Brande:
-
-»-- -- -- Priesterin, -- nahe, nahe bist du den Flammen! Siehe zu, daß
-sie nicht dein Gewand ergreifen!«
-
-Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein Priestergewand, ein
-geheimnisvoll geweihtes, gefeites, wenn sie es verzehren könnten, diese
-Flammen?
-
-Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den Becher, voll bis zum Rande,
-den vollen, wahrlich übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus,
-auf Opfer und Altar.
-
-Und hier -- die Lust, die ich genossen habe, ich streue sie hinein in die
-Flammen, wie reifes Getreide.
-
-Seid ihr's zufrieden, Götter?
-
-Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein wildes und doch heiliges
-Lied: ein christliches Lied, aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches
-Büßerlied, wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den irdisch
-Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte mir entgegen aus dem wilden
-Geprassel: »Rette, rette deine Seele!«
-
-Und bange starrte ich in das Flammenmeer.
-
-Und da -- siehe, -- da, was ist dies? Was flog da auf aus der Glut?
-Flammengerettet, schmetternd, alle Stimmen überschmetternd, übertönend,
-_die_ Stimme, ~anima~, mein Phönix, mein unverbrennbarer!
-
-Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß das Opfer den Göttern
-gefällig sei. Wie es zischend hineinfällt und sie sprühen macht. Und
-wie mir alles, alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt mir im
-Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen auf aus der Lohe, Dämpfe, die
-in den Lüften immer reiner, immer klarer und klarer werden.
-
-_In die Höhen entführt, was ich irdisch verbrannte!_
-
-Wohl mir: die Götter sind gnädig.
-
-
-
-
-Ich habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe getan, was meines Amtes
-war, was mir geboten wurde.
-
-Und nun, nun?
-
-Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet.
-
-Und nun, nun?!
-
-Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die frohen Noten, die da noch die
-Köpfchen heben und herausspringen möchten aus dem Lied, -- ich glaube, --
-Scherze, Scherze.
-
-Was wird kommen? Das Singen, das große Singen, Johannes, und das frohe,
-verfolgende Jagen und das Tragen dabei, und in alledem, -- dazwischen,
-darüber, darunter, -- das Strömen der gewaltigen Welle! Blutrot war, ist
-sie gefärbt, diese Lebenswelle.
-
-Denn von meinem Herzen nährte sie sich.
-
-Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen, mein Lieben, mein Sein.
-
-Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt, das Herz, -- es zieht,
-es preßt sich mir oft so sonderbar zusammen, es wird nicht mehr wollen,
-Johannes, nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was ich noch
-schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe aus mir, -- was ich noch
-schuldig bin.
-
-Es wird dann nicht mehr können, das Herz, -- Johannes!
-
-Und die Stimme, die Stimme, auch sie -- was soll nun noch kommen mit ihr,
-von ihr?
-
-Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu kommen. Nicht nur über
-Schwäne, auch über die farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die
-Richard Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte. Ein großer
-Gesang kommt über sie und bricht heraus, strömt, strömt.
-
-Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn davon nährte sich das Lied,
-und nahm es mit, da es verklang.
-
-Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht jetzt nicht in Blüte, --
-es kommt ja jetzt der Herbst. Und wir wollen nach Italien, zur Sonne,
-wallfahren, opfern.
-
-Wenn es, wenn ich -- wenn es geschehen sollte, -- nicht trauern, niemals
-trauern! Es bleibt ja von mir -- all mein Gesang und all meine _Seele_ ...
-
-Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch.
-
-Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde, in alle Weiten, denn
-Majas _Stimme_ ist darin, die du so sehr liebtest und die du gehört haben
-wolltest, über alle Weiten!
-
-Und dann, dann?
-
-Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht trauern.
-
-»Daß er treu das Geliehene hüte!«
-
-Das Geliehene -- es bleibt ja.
-
-Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht die wahrhaft
-Geretteten?
-
- * * * * *
-
-Werde ich _doch_ leben?
-
-Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen, pflegenden Händen,
-allem, was mich bedroht, allen Dämonen entrissen werden, von deinen
-starken, liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil gepflegt von
-dir?
-
-Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle? Vergehen, bevor sie ein
-einziges Mal noch ebbte, -- es wäre ein seliges Sterben.
-
-Muß ich vergehen -- weil das Lied so stark war?
-
-Die Melodie, die Melodie, -- wer _lieh_ sie mir doch? Wer war denn da in
-mir? Wer lieh, -- wer war -- wie kam -- wie war das doch, Johannes, das mit
-der -- -- -- Stimme?
-
-Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ....
-
-Wie -- war das doch -- Johannes?
-
-
-
-
-Urteile der Presse
-
-über die Werke von #Grete Meisel-Heß#:
-
-
-Über »#Die sexuelle Krise#« schreibt _Karl Jentsch_ in der »Zeit« in
-Wien: »Schon dieser erste Teil ist ein großartiges Werk. Großartig durch
-die erschöpfende Darstellung aller erdenkbaren und wirklich vorkommenden
-Seelenzustände, die das Geschlechtsleben verursacht. (Die Verfasserin
-kennt auch die Psyche des Mannes auf das genaueste und wird ihr
-gerecht, was sie mehrfach in Gegensatz zu bekannten Forderungen der
-Frauenrechtlerinnen bringt.) Großartig auch durch die naive Kühnheit oder
-kühne Naivität, mit der sie das Intimste ausspricht, die aber, eben als
-Naivität einer edlen und reinen Seele, nichts Anstößiges hat und jeden
-Versuch einer Verdächtigung entwaffnen muß.«
-
-
-Über »#Das Wesen der Geschlechtlichkeit#« urteilt u. a. _Professor
-Gramzow_: »Schon der Titel deutet die gewaltige, umfassende Aufgabe an,
-die hier in Angriff genommen ist. Aber nicht nur _riesenhaftes Wissen_
-liegt ihrem Buch zugrunde, sondern auch eindringende Denkkraft .... Man
-möchte vermuten, daß sich _bodenlose Tiefen des Erlebens_ hinter dem
-Buche auftun. Kein Teilproblem der sexuellen Frage bleibt unerörtert.
-Nicht nur der Zusammenhang der Formen und Forderungen des sexuellen Lebens
-mit allen Angelegenheiten der Gesellschaft, sondern auch die
-Verschärfung der sexuellen Krise durch den Weltkrieg erfährt eingehende
-Behandlung .... Mit größtem Wahrheitsmut wird überall _das letzte Wort
-der erreichten Erkenntnis_ ausgesprochen. Mir scheint es Bewunderung und
-Dank zu verdienen.«
-
- (»Zeitgeist« des Berliner Tageblatts.)
-
-
-#Franz Graetzer#: »Daß das Werk ein _monumentales Kunstwerk_ geworden
-ist, daß es auf keiner Seite das _Dichtertum_ seiner gedankenreichen
-Verfasserin verleugnet, ist dem Kritiker, der die Gesamterscheinung der
--- vielseitig bedeutenden -- Frau im Auge behält, wesentlich. Wer in
-wesentlichen sachlichen Voraussetzungen anderer Meinung ist, wer so manchen
-Teil der großen Sexualsoziologie, die sie gibt, nicht restlos anzuerkennen
-vermag: _der_ gerade legt Wert darauf, vor alle Einschränkungen und
-Einwände den Ausdruck seiner unbedingtesten Bewunderung und Verehrung
-gegenüber der hier vollbrachten Leistung und der genialen Persönlichkeit,
-die sie schuf, gesetzt zu wissen .... Das Werk weitesten Kreisen und
-_allen Schichten_ unserer Zeitgenossen zugänglich und vertraut zu machen,
-sollten alle einflußreichen Deutschen, _Parlamentarier, Ärzte, Erzieher,
-Kirchenfürsten und Künstler_ sich zur Pflicht machen! Die unmittelbarsten
-positiven Werte des Buches empfehlen sich allen Einsichtigen von
-_selbst_.«
-
- (~Exzerpta medica.~)
-
-
-#Danziger Zeitung#: »Das Buch ragt _leuchtturmartig_ aus der Masse der
-Sexualliteratur hervor ....«
-
- (Professor ~Dr.~ Kafemann.)
-
-
-#Der März#: »Ihre Darlegungen lesen sich, wie sie geschrieben sind,
-»in einem Zuge«; sie ermüden trotz strenger Wissenschaftlichkeit
-nirgends ....«
-
- (Otto Corbach.)
-
-
-Über »#Die Bedeutung der Monogamie#« schreibt Professor
-~Dr.~ _Silbermann_ in der »Volkskraft«: »Alle Vorzüge der Einehe und
-all die Nachteile der Polygamie hat mit beredter Zunge unter Verwendung
-reichen und interessanten Materials _Grete Meisel-Heß_ hierin geboten. Die
-Verfasserin hat in ergreifender Weise das dämonische Unheil ausgemalt,
-mit dem die Untreue Ehe und Familie schlägt. Ein »Hohes Lied« der Einehe
-wird angestimmt. Akkorde erhebenden Glücks paaren sich mit den finsteren
-Melodien unheilvoller Weissagungen. Die Art der Darstellung erinnert an
-Schopenhauer. Gleich ihm entwickelt die Verfasserin in ihrer ausführlichen
-Schrift nur einen einzigen Gedanken, den sie aber nach allen Seiten hin
-wendet, aus allen Ecken und Winkeln beleuchtet, bis nichts mehr an ihm
-dunkel und unklar bleibt. Aus Kunst, Wissenschaft, Literatur schafft sie
-reiches Material für und gegen ihre These herbei. Keinen Einwand läßt
-sie unerwidert, keine Behauptung ohne logischen oder materiellen Beweis.«
-
-
- Alle drei Werke sind zu beziehen
- durch jede Buchhandlung oder den Verlag
- #Eugen Diederichs, Jena#.
-
-
-
-
-Neuerscheinungen 1919
-
-
-Die Türme des Schweigens
-
-Phantastischer Roman aus Indien von
-
-Maxim. Maulbecker
-
-
-Das Heiratsgesuch
-
-Heiterer Roman von
-
-Marianne Westerlind
-
-
-Seegespenster
-
-Ein Nordseeroman von
-
-Anny Wothe
-
-
-Was ist Liebe?
-
-Erotisch-sozialer Roman von
-
-Arthur Zapp
-
-
- Preis jedes Romans
- In Geschenbd. 6,50 Mk., broschiert 5,-- Mk.
-
-
-Die Lore auf dem Dach
-
-Heiterer Roman von
-
-Fritz Skowronnek
-
-In imit. Lederband 4,50 Mk.
-
-
-Wie sie lieben
-
-Zwölf Geschichten aus dem Leben von
-
-Fr. W. v. Oestéren
-
-Mit mehrfarb. Umschlag von Lutz Ehrenberger
-
-Kartoniert 2,80 Mk.
-
-
-Durch alle Buchhandlungen zu beziehen
-
-
-
-
-Sehr geeignet zu Geschenkzwecken!
-
-
-Sterngucker
-
-Roman von
-
-Max Geißler
-
-Mit künstlerischer, mehrfarbiger Titelzeichnung
-
-10. Tausend. Broschiert M. 5,--; gebunden M. 6,50
-
-
-Roda Roda:
-
-Das Rosenland
-
-Bulgarische Gestalter und Gestalten
-
-Das umfangreiche Buch bringt neben einer kurzweilig geschriebenen
-Geschichte des Bulgarenvolkes meisterhaft gelungene Übersetzungen seiner
-hauptsächlichsten Literatur. Der Leser ist erstaunt über die Schönheit
-und dichterische Fülle, die sich ihm dabei offenbart. Wir lernen durch das
-Werk die ganze Wesensart des bulgarischen Volkes kennen.
-
-In farbenprächtigem Originaleinband M. 8,80
-
-
-Die Nebenehe
-
-Eine unmögliche Geschichte von _Hedda Vernon_
-
-Mit Einleitung von
-
-Artur Landsberger
-
-Reich illustriert, mit farbigem Titelbild, kartoniert M. 4,--
-
-
-#Gebrüder Enoch#, Verlagsbuchhdlg., #Hamburg I#
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#.
-
-Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils zu Beginn und Ende einfachen
-floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.
-
-Die Überschrift "Erster Teil." ist im Originalbuch nicht enthalten und
-wurde in dieser Transkription eingefügt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 16:
- im Original "aufgelöst haben in sich zu, lauter Stimme"
- geändert in "aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme"
-
- Seite 28:
- im Original "der vollzogenen Tatsche unserer Vermählung"
- geändert in "der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung"
-
- Seite 47:
- im Original "Die Fremdenwaren meist Russen"
- geändert in "Die Fremden waren meist Russen"
-
- Seite 51:
- im Original "~Le regard, Le sourire? La voix?~"
- geändert in "~Le regard? Le sourire? La voix?~"
-
- Seite 55:
- im Original "~L'ombro di Carmen~"
- geändert in "~L'ombra di Carmen~"
-
- Seite 81:
- im Original "Die sehr hellen Hare fielen"
- geändert in "Die sehr hellen Haare fielen"
-
- Seite 93:
- im Original "In alles hineinblicken"
- geändert in "»In alles hineinblicken"
-
- Seite 108:
- im Original "welch' eine Fülle war in in dieser Zuversicht"
- geändert in "welch' eine Fülle war in dieser Zuversicht"
-
- Seite 132:
- im Original "Man wußte sich hineinsetzen"
- geändert in "Man mußte sich hineinsetzen"
-
- Seite 143:
- im Original "wenn ich die Augen ausfchlage"
- geändert in "wenn ich die Augen aufschlage"
-
- Seite 145:
- im Original "sich bei Licht, als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"
- geändert in "sich bei Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"
-
- Seite 151:
- im Original "Holla! Hussa! hussa!"
- geändert in "Holla! Hussa! Hussa!"
-
- Seite 154:
- im Original "Geheimnisvollerers"
- geändert in "Geheimnisvolleres"
-
- Seite 158:
- im Original "wie ich es gefürchtet hatte"
- geändert in "wie ich es gefürchtet hatte."
-
- Seite 162:
- im Original "Feilich. Darum müssen sie einander"
- geändert in "Freilich. Darum müssen sie einander"
-
- Seite 165:
- im Original "sich gelasseu darein ergeben"
- geändert in "sich gelassen darein ergeben"
-
- Seite 196:
- im Original "Eine Erdgeheimnisse -- Wissende ist sie."
- geändert in "Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie." ]
-
-
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-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
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-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
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-Literary Archive Foundation
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Die Stimme, by Grete Meisel-Heß</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
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-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Die Stimme</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe.</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Grete Meisel-Heß</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: December 4, 2021 [eBook #66880]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made from scans of public domain material at Austrian Literature Online.)</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME ***</div>
-
-
-<div class="pb mw24">
-<p class="mt4 si"><img src="images/p001i.png" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mt2 lh1">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.<br />
-<i>Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.</i></p>
-
-<p class="ce mt2 fsxs">Druck von H. Carly, Hamburg.</p>
-</div>
-
-
-
-
-<p class="pb ce mt4 ul"><a class="pagenum" id="page_003" > </a>
-<b>Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe</b></p>
-
-<p class="ce mt2 fsxl">Grete Meisel-Heß:</p>
-
-<h1>Die Stimme</h1>
-
-<p class="ce mt2 fsxl">Roman in Blättern</p>
-
-<p class="ce mt4 fss">6.-8. <span class="ge">Tausend</span></p>
-
-<p class="ce mt4 lh1"><span class="fsl ge">Gebrüder Enoch</span><br />
-Hamburg&ensp;::&ensp;Verlagsbuchhandlung&ensp;::&ensp;Leipzig<br />
-1919</p>
-
-
-
-
-<h2 class="lh1"><a class="pagenum" id="page_004"> </a>
-Die <b>Hauptwerke</b> von<br />
-<span class="ge fsl"><b>Grete Meisel-Heß</b></span><br />
-erschienen bei <b>Eugen Diederichs</b>, Jena.</h2>
-
-
-<p class="ce">Es sind dies die Werke über das Sexualproblem:</p>
-
-
-<p class="ce">I.&nbsp;Teil: <span class="fsl"><b>Die sexuelle Krise</b></span><br />
-1.&nbsp;Bd. erschienen 1909, 5.&nbsp;Tausend, brosch.&nbsp;5,50 Mk., geb.&nbsp;6,50 Mk.</p>
-
-
-<p class="ce">II.&nbsp;Teil: <span class="fsl"><b>Das Wesen der Geschlechtlichkeit</b></span><br />
-2&nbsp;Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5.&nbsp;Tausend<br />
-Preis brosch.&nbsp;10,&ndash; Mk., geb.&nbsp; 13,&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="ce">Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der<br />
-<i>Dr.</i>&nbsp;August Specht-Stiftung in Gotha.</p>
-
-
-<p class="ce">III.&nbsp;Teil: <span class="fsl"><b>Die Bedeutung der Monogamie</b></span><br />
-1.&nbsp;Bd. erschienen 1917, 4.&nbsp;Tausend, brosch.&nbsp;5,&ndash; Mk., geb.&nbsp;6,50 Mk.</p>
-
-<table summary="" class="bo" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc">&emsp;Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich.&emsp;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">Vorher erschienen von der Verfasserin:&emsp;&emsp;&emsp;</p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl"><b>Die Intellektuellen</b></span>, Roman<br />
-6.&nbsp;Aufl. Verlag Oesterheld&nbsp;&amp;&nbsp;Co., Berlin W.&nbsp;15.</p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl"><b>Betrachtungen zur Frauenfrage</b></span><br />
-Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W.&nbsp;80.</p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl"><b>Geister</b></span>, Novellen<br />
-Verlag <i>Dr.</i>&nbsp;S.&nbsp;Rabinowitz, Leipzig.</p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl"><b>Weiberhaß und Weiberverachtung</b></span><br />
-Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien&nbsp;I.</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce">Urteile der Presse am Schluß des Buches.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_005"> </a>
-<span class="fsl">Die Stimme.</span></h2>
-
-
-<div class="mw18">
-<p class="mt4">»Was bedeutet diese Entfremdung
-des innersten Wesens, dieses
-Versagen der melodischen Kraft?
-Wem gehört sie an? Dem Vogel?
-oder wer <em class="ge">leiht</em> sie ihm nur? Nur
-ein ekstatischer Zustand ermöglicht
-ihm die Melodie.«</p>
-
-<table class="mr0 mt0" summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc">Richard Wagner.<br />
-<span class="fss">(Briefe an Mathilde Wesendonk.)</span></td></tr>
-</table>
-
-
-<p class="mt2">»Die Frage: Woher hat's der
-Dichter? geht auch nur aufs Was,
-vom Wie erfährt dabei niemand
-etwas.«</p>
-
-<p class="si mt0">Goethe. <span class="fss">(Sprüche.)</span></p>
-</div>
-
-
-
-
-<div class="mw24">
-<h2 class="lh1"><a class="pagenum" id="page_007"> </a>
-Vorwort<br />
-<span class="fss ge">zur ersten Ausgabe 1907 Berlin.</span></h2>
-
-
-<p>Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym
-veröffentlichen, der Rat meiner Freunde war dagegen.
-Ich sollte nicht den Schein auf mich laden,
-als ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte
-ich nicht. Ich beabsichtigte nur, mich vor Identifizierung
-meiner Person mit dem hier in Ichform
-geschilderten Frauenschicksal zu schützen, &ndash; ein Bedenken,
-das selbst Goethe nicht außer acht ließ, als
-er unter den Roman »Aus meinem Leben« die Bezeichnung
-»Dichtung und Wahrheit« setzte. Das
-Lachen und Weinen dieser Blätter wurde nicht nur
-»erlebt«, sondern auch geschaut, gehört, geträumt.
-Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens
-jemals nachging, weiß, daß die Vision da
-beginnt, wo das Leben uns im Stich läßt.</p>
-
-<p class="mb0 fss">Dezember 1906.</p>
-
-<p class="si mt0 mb0 mr1">G.&nbsp;M.-H.</p>
-
-
-
-
-<h2 class="nopb lh1 mt2">Vorwort<br />
-<span class="fss ge">zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe.</span></h2>
-
-
-<p>Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen
-und sehnsüchtigen Phantasie, auf künstlerischem
-und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist die innerste
-Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck
-<a class="pagenum" id="page_008"> </a>
-ringt und ihre Melodie zu finden sucht. Ich habe
-sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.</p>
-
-<p>Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907
-Berlin. Nach zwölf Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse
-und Papiernot, seine Auferstehung erlebt.
-Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.</p>
-
-<table class="ml1 mb0" summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc"><span class="ge">Berlin-Friedenau</span><br />
-<span class="fss">Oktober 1918.</span></td></tr>
-</table>
-
-<p class="si mt0 mr1">G.&nbsp;M.-H.</p>
-</div>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_009"> </a>
-Inhalt.</h2>
-
-
-<table summary="" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl lh1 ge" colspan="2">&ensp;<a class="ndcbl" href="#page_010">I. Teil: Präludium.</a></td></tr>
- <tr><td>&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;</td><td class="tdl">Kindheit.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Rudi, Yussuf, Dimitri.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Probleme.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl lh1 ge" colspan="2"><a class="ndcbl" href="#page_137">II. Teil: Motiv.</a></td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Johannes.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Ekstatica.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Melancholica.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td><td class="tdl">Anima.</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2>Erster Teil.<a class="pagenum" id="page_010"> </a></h2>
-
-
-
-
-<p>&nbsp;<a class="pagenum" id="page_011"> </a></p>
-
-<table class="pb mt2" summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Sollt mir nicht das Lachen schelten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und das Weinen, laßt es gelten!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was mir wollte trüb erscheinen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mußt ich mir herunterweinen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was mich wollte tanzen machen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mußt ich mir herunterlachen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lachen, mit den nassen Augen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Solches Lachen, laßt es taugen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weinen, mit dem frohen Mund,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wer es kann, weint sich gesund.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Drum das Lachen wie das Weinen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mußt ich in der <em class="ge">Stimme</em> einen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und die wollt es nimmer halten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Stärker waren die Gewalten:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus der Stimme wollte springen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hell ein Lied, &ndash; ich ließ es klingen!</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>as Leben ist keine Geschichte, mit Anfang,
-Mitte, Schluß, Vorbedacht und Absicht. Das
-Leben ist &ndash; ja was ist es?</p>
-
-<p>Der Tag hält das Individuum. Und so wie es
-Tage gibt, die uns hoch emporheben, über unser
-Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns
-schleifen.</p>
-
-<p>Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne
-Buchblätter fallen sie aufeinander, zerfliegen und zerstieben
-oder &ndash; werden zusammengefaßt, von einer
-stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein
-Schicksal, wie eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden
-Blättern ein Buch.</p>
-
-<p>»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen
-das Leben. <em class="ge">Blätter</em> sind es, aus denen ein Schicksal
-wird.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das
-Motiv dieses Vielklangs. Nun aber ist mir, als höre
-ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer
-wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton,
-der nicht nur der deiner Musik, sondern der deiner
-selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend und
-doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in
-deiner ganzen Person verkörpert erscheint.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf
-alle meine eigenen Töne, das Einzelne, das Verstreute,
-das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde gebracht,
-und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren
-sich mir, das Motiv wird mir deutlich, dunkle
-Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie Baßbegleitung
-zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen
-meines Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos,
-sondern notwendig. Das hast du getan, du guter
-Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir
-aus der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt,
-sie herausgerufen mit deiner Musik von da,
-wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und
-jene &ndash; andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in
-diesen Blättern, sie kommt mir vielleicht mit ihr.
-Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten dafür nur
-ein Wort: <i>anima</i>.</p>
-
-<p>Und »Entfremdung des innersten Wesens« und
-»Versagen der melodischen Kraft«, es ist ein und
-dasselbe!</p>
-
-<p>Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder
-belebtest!</p>
-
-<p>Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme,
-denn es ist ja nur eine, mit dieser Stimme, die du
-so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil gepflegt
-hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und
-zersprungen war, mit ihr will ich dir erzählen alle
-meine Schicksale, die zugleich die ihren sind.</p>
-
-<p>Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen
-davon, so willst du, und sie damit ganz befreien.
-Niedergelegt soll es sein, geopfert.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Geopfert &ndash; wem? Den Göttern? Werden sie
-gnädigst als Opferdampf in die Höhe entführen,
-was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen
-emporsteigt?</p>
-
-<p>Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie
-denn nicht von ihrem eigenen Herd?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du
-es willst, so wird das ja dann wohl ein »Buch«?
-Wenn es denn schon ein Buch werden soll, so wünschte
-ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert
-träumte: »&ndash;&nbsp;ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt,
-das sich durch sich selber halten würde, aus der inneren
-Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft schwebt,
-ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen
-Stoff hätte, oder in dem der Stoff fast unsichtbar
-wäre, wenn das möglich ist.«</p>
-
-<p>Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so
-will mir scheinen, nur dann, wenn es notwendig ist.
-Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn eben
-so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst
-auflöste in lauter &ndash; Stimme. Also ein Buch der
-Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung, die der
-»Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen
-und aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt:
-Stimmung ist eingewoben in Handlung. Dies
-Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen
-Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme,
-Seele, Hauch, &ndash; <i>anima</i>.</p>
-
-<p>Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben.
-Sie werden diktiert. Von irgendwoher.
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Und wie von selbst entstehen sie unter diesen wie zu
-Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt
-auf und nimmt ihren Weg. »Wem gehört sie an &ndash;
-dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und welch
-ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?</p>
-
-<p>Dieser Zustand &ndash; nicht selbst schon Stoff? Stoff,
-nicht vom Staube geboren und zum Staube gehend:
-Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend.
-Und der Staubgeborene, über den er kommt, dieser
-Zustand, ist dann außer dem Staube, außer sich, &ndash;
-ekstatisch.</p>
-
-<p>Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In
-kurzen oder langen Zusammenhängen, in wehenden
-wirbelnden Blättern oder in treulich geführter Chronik.
-Wie es über mich kommt. Wie es mir &ndash; diktiert
-wird. Vorsatzlos will ich bleiben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Kindheit &ndash; Sehnsucht danach? Was ist dies?
-Ausgeliefert an alles und alle, unwissend und doch
-schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel erfahren
-werden müsse, bevor das Chaos Welt seine
-Gestalt offenbare. O diese verzweifelte Sehnsucht im
-kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem Ähnlichen,
-und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche
-gäbe, oder ob nicht dieses eigene kleine Ich (das da
-zu reflektieren beginnt) ein großer Irrtum sei,
-der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren
-müsse!</p>
-
-<p>Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines
-Mädchen einsam ist.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim
-Riesen Wilkins. Mutterseelenallein machte ich Ausflüge,
-mit zehn Jahren (Giorgio, mein Bruder, war
-im Pensionat). Und ich &ndash; allein, allein. Denn
-mir war irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten
-Leuten.</p>
-
-<p>Meine Mädchenjahre &ndash; studieren, singen, tanzen
-&ndash; ohne Ahnung, was daraus werden sollte. Der
-Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun
-konnte.</p>
-
-<p>Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie
-müßten mit Ihrem Temperament zum Theater gehen.
-Auch haben Sie Stimme.«</p>
-
-<p>Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin,
-das Theater. Tanzen, singen, springen, lachen, weinen,
-jubeln &ndash; das konnte man ja auf jenen Brettern.</p>
-
-<p>Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und
-Literat dazu. Sein Papa gab ihm Essen, Wohnung
-und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren
-Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste
-Zeit verbrachte er im Café. Dort kam er in Stimmung.
-Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft kennen
-gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht
-auf so gewöhnliche Art wie andere Leute. Er sagte
-mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft waren es
-Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er
-mich liebe.</p>
-
-<p>Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen.
-Sein bartloses Gesicht war nicht uninteressant. Eine
-gewisse schwermütige Müdigkeit war in der leicht vornüber
-gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er
-pflegte sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-aufzurichten, daß seine schwarzen Locken, die
-ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und dann
-schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.</p>
-
-<p>Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«.
-Besonders die Stimme schien ihm interessant.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau.
-Ich wurde examiniert. Resultat: Talent,
-Chance, Ausbildung.</p>
-
-<p>Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von
-Rudi. Schwermütige und doch seltsam anmutige Verse.
-Und Rudi sprach mir von den Reizen eines freieren
-Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.</p>
-
-<p>Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine
-literarische Zukunft. Er arbeitete an einem Librettotext.</p>
-
-<p>Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein
-Libretto war angenommen. Und der Theaterdirektor
-wollte mich hören.</p>
-
-<p>Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem
-Theaterdirektor. Ich war in glänzender Laune. Der
-Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement
-»vom Fleck weg«.</p>
-
-<p>Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten.
-Hatte sich je ein Mensch um mich gekümmert wie er?
-Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei
-war man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen
-mich »einließ«, »der nichts ist und nichts hat«.</p>
-
-<p>An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum
-Theater ginge. Ich war minderjährig. Als Rudis
-Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte.</p>
-
-<p>Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei.
-Auch war niemand da, der mir auch nur einigermaßen
-gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung
-gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als
-Weib empfunden hätte, bei dem ich <em class="ge">gerne</em> unfrei
-geworden wäre.</p>
-
-<p>Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war
-doch etwas, was von ihm zu mir ging, was ich <em class="ge">fühlte</em>.
-Anders fühlte, als wenn ich mit meinen Freundinnen
-war. Aber was, was war eigentlich mein Weg?
-Was war das mit dieser Stimme? Sollte sie beachtet
-werden? Und wohin mit ihr?</p>
-
-<p>An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim.
-Dennoch kam die Sache auf. Meine Eltern wollten
-von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille
-war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung.</p>
-
-<p>Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis
-Name stand noch öfter in den Zeitungen. Das nutzte
-aber alles nichts.</p>
-
-<p>Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug
-der Operette samt Text. Ein junger, begabter Komponist
-hatte ihn vertont.</p>
-
-<p>Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum
-Heulen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie
-man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese Sätze,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte.
-Und einen »Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff.
-Ich verschwieg ihm auch nicht meine Meinung.</p>
-
-<p>»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht
-genommen.« (Und da hatte er recht.) »Literarisch
-leb' ich mich ja anderweitig aus!«</p>
-
-<p>»Wo denn?«</p>
-
-<p>»Die &ndash; Gedichte?!«</p>
-
-<p>Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein
-durfte er »sich ausleben«, hier bei mir. Anderwärts
-mußte er sich verleugnen! O, der Arme!</p>
-
-<p>»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe
-will ich Geld verdienen?«</p>
-
-<p>Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung.</p>
-
-<p>Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen.
-Rudis Name als Literat war gemacht. Er verdiente
-auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun
-doch nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix
-ist und nix hat«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich
-dürfe ihn nie und nimmer heiraten. Man berichtete
-mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte darüber.
-Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei
-es, wie es sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht.
-Wie ein Verhängnis kam es mir selbst vor.</p>
-
-<p>Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein
-Leben steuern sollte, wenn ich von diesem Plane abließe.</p>
-
-<p>Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt,
-wie jede Frau. Rudi war nicht dieser »Mann«. Aber
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild entsprach.
-Es war wohl ein phantastischer Traum.
-Konnte ich warten, warten ins Blinde? Steuerlos
-mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die
-heraus wollte und nicht wußte wohin?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele
-kämen. Ich verließ eines Tages das Elternhaus und
-war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi wußte nicht,
-wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten
-das so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne,
-er wisse nicht, wo ich wohne, falls man etwas gegen
-ihn unternehmen sollte.</p>
-
-<p>Wir hatten uns nicht getäuscht.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich
-telephonierte zu seinem Papa und erfuhr, daß Rudi
-wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht
-sitze.</p>
-
-<p>Entführung einer Minderjährigen, das ist kein
-Spaß in Österreich. Der Augenblick, aus meinem
-Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei
-Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist.
-Sie sprach an diesem Tage nicht mit mir. Rudi
-wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes
-sofort enthaftet.</p>
-
-<p>»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte
-meine Mutter mit finsterer Miene.</p>
-
-<p>»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich.
-Ihn heiraten zu <em class="ge">müssen</em>, daran hatte ich
-nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre er mir
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn
-durchaus nicht heiraten zu dürfen!</p>
-
-<p>»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts &ndash; geschehen«,
-sagte ich kleinlaut.</p>
-
-<p>»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man
-glauben und auch nicht, jetzt mußt du ihn heiraten,
-als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen, die
-du dir eingebrockt hast.«</p>
-
-<p>Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen
-mir damals wahrhaft böse war, hat sie mich damals
-nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint, weniger
-erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen
-gesetzt!</p>
-
-<p>Und es war wirklich nichts geschehen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit
-der Eltern das Weiseste, was ihnen übrigbleibt!</p>
-
-<p>»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht
-leuchten über euch und sei euch gnädig!«
-floß es vom Chor herunter.</p>
-
-<p>Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer
-wilder, immer fassungsloser.</p>
-
-<p>»Er lasse sein Angesicht leuchten über
-euch«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände?
-Arme, arme Kinderhände! Wie müssen sie
-erst blutig zerfetzt werden, ehe sie aufhören, mitten
-ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen
-da Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-durch das Gestrüppe nach diesen Sternen greifen und
-glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt &ndash; zum
-Spielen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar
-nach meiner Trauung, laß mich sprechen
-von dem, was du ja weißt, laß es mich hier niederlegen,
-wie alles andere.</p>
-
-<p>Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung
-der Eltern. Ein kleiner Kreis war da versammelt,
-Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging
-auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und
-kam im Reisekleid in den Salon. Ich begrüßte meine
-Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer,
-wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute.
-Ich trat da ein und sah einen Fremden. Ein Verwandter
-von mir, ein Musiker, Mitglied des Opernorchesters,
-sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das
-ist der Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker
-vorgestern hier aufgeführt haben. Er ist
-Professor an der Musikhochschule in B.«</p>
-
-<p>»Wer ist dieser Mann?« sagte ich.</p>
-
-<p>»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt,
-ihn hierher mitzubringen, weil er mit dem
-Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist abends
-wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug.
-Entschuldige das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde
-dich interessieren!«</p>
-
-<p>Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen
-Namen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr
-in den Salon zurück. »Sie sind die Braut«, sagtest
-du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine Frau.«
-Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch
-von meiner Stimme.</p>
-
-<p>»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte
-dir ihn. »Und Sie reisen?« »Ja, wir reisen.«</p>
-
-<p>»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.«</p>
-
-<p>»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich
-ging in mein Zimmer und kam wieder mit einem
-Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der
-vom Schleier gerissen war.</p>
-
-<p>»Darf ich das behalten, &ndash; zur Erinnerung an
-meinen Einbruch hier im fremden Haus?«</p>
-
-<p>Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten
-Reisetasche.</p>
-
-<p>»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen
-nichts. Sehen Sie, sie öffnen sich ja. Sie werden
-sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe sein, <i>en
-miniature</i>.«</p>
-
-<p>»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe
-werden wohl halten.«</p>
-
-<p>»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du,
-»denn sonst verlieren Sie die Tasche. Ich reise erst
-nachts und kann mir bis dahin noch andere besorgen.«
-Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an
-denen der Riemen hängt, und befestigtest sie an der
-meinen. Es waren das feste Stahlringe, mehrfach
-gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was
-sie zusammenhalten sollen, nicht verloren werden
-konnte.</p>
-
-<p>Der Wagen kam.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt &ndash; reisen.
-Und ich danke Ihnen für die Ringe.«</p>
-
-<p>»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.«</p>
-
-<p>Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten
-Ringe, die deine wie meine Hand trug, berührten
-einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam
-das? Zitterten denn die Hände?</p>
-
-<p>Und dann mußte ich reisen, &ndash; hochzeitsreisen mit
-Rudi Neudorfer!</p>
-
-<p>Ja, ich <em class="ge">mußte</em>.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration,
-die Entjungferung eines Weibes als eine schlechte,
-schmutzige Sache zu betrachten! Eine Sklavenarbeit,
-eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen
-germanischen Herrenrecht auf die erste
-Nacht (welches das Weib vielleicht viel deutlicher
-noch zur Benützten machte als jene antike Degenerationserscheinung)
-trieben sie die Jungfrauen, die
-stolzen, die schönen, die starken, hinunter an den
-Strand und ließen sie von derben Sklaven oder von
-phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern
-machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen
-in Betracht.</p>
-
-<p>Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult,
-was ist er anderes als eine Fluchtstätte der degenerierten
-Mannheit?</p>
-
-<p>Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte
-es geschehen, daß die Schlechten, die Sklaven, an die
-Jungfrauen, die stolzen, die starken, die schönen, herankommen
-konnten, herankommen mußten.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos«
-vor Augen:</p>
-
-<p>Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet
-ihn, Siegfried!</p>
-
-<p>Es kommt ein anderer, ein Geringer.</p>
-
-<p>»Wer drang zu mir &ndash; wer <em class="ge">drang</em> zu mir?«</p>
-
-<p>Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, &ndash; die
-Nacht der Hingabe, in heller, seliger Bewußtheit, mit
-dem hellen, seligen Willen zu empfangen.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>N</b>un war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau
-Neudorfer-Hertz. So wollte es mein mich managender
-Mann. Mein Engagement verpflichtete mich
-von Beginn der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen
-nach meiner Heirat.</p>
-
-<p>Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges
-Hütchen auf dem Kopfe, ein weißes Stöckchen
-keck durch die Luft wippend, kam ich in meiner ersten
-Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch
-hinter mir schritten. Wir marschierten unter den
-Klängen einer Polka graziös im Bogen bis an die
-Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und
-sang »mit reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie:</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Die klu&ndash;gee &ndash; Frau</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die weiß &ndash; gee&ndash;nau,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie der Mann zu fassen ist,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie man ihn am besten küßt!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die klu&ndash;gee &ndash; Frau&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Ich hatte einen <i>grand succès</i>!</p>
-
-<p>Rudi strahlte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die materielle Basis unserer Menage war trotz
-unserer leichtsinnigen Sorglosigkeit vor der Eheschließung
-keine üble. Ich hatte von meinen Eltern
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er
-eine sehr anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich
-der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung
-ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als Feuilletonist,
-auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein,
-und ein zweites Libretto hatte er »unter der Feder«.</p>
-
-<p>Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen.</p>
-
-<p>Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas
-in den Weg, im Gegenteil, das »interessante« junge
-Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen hatte,
-erfreute sich allseitiger Sympathie.</p>
-
-<p>Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so
-wenig mit mir sah. Auch mich wunderte das schließlich.
-Aber andererseits, &ndash; mußte er nicht in seinem
-Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so
-handeln, wie es die »Stimmung« mit sich brachte?
-Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht arbeiten.</p>
-
-<p>Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten
-Fußtouren bei Nacht durch die menschenleeren Straßen
-der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des
-Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn
-daran zu hindern?</p>
-
-<p>Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4&nbsp;Uhr früh
-nach Hause kam. Bis Mitternacht, &ndash; während ich im
-Theater war, &ndash; hatte er zu Hause gearbeitet, sagte
-er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich verspätete.
-Dann lief er schnell zum Theater, um mich
-abzuholen, ich aber war natürlich schon fortgefahren,
-&ndash; nun und dann war er eben ein paar Stunden herumgebummelt.</p>
-
-<p>Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu
-binden. Und gewöhnte mich, allein nach Hause zu fahren.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann
-galante Ideen. Ließ mir z.&nbsp;B. ein Bukett aus den
-Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt, steckte
-mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du
-bist entzückend, Carmencita.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die
-eigentliche Sopranheldin (ich war ein Alt und gab
-die edleren Seelen), die Schöne Helena des Theaters.
-Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters zu
-finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine
-Französin, verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten.
-Wir sprachen manchmal zusammen, auch so
-&ndash; nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen.
-Neugierige Fragen &ndash; mehr oder minder verblümte
-Antworten. Daß sie keine Kinder hatte, erklärte sie
-mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich verbotener Vorgang
-sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen.
-»<i>On ne peut pas éviter, vous savez!</i>«</p>
-
-<p>Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren
-bei einer geeigneten Person &ndash; abonniert hatte!
-Dadurch käme es billiger. Die ersten Male sei sie
-fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie
-besser heraus.</p>
-
-<p>Sie hatte sich abonniert darauf!</p>
-
-<p>Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch
-lebte!</p>
-
-<p>Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi
-zu erzählen. Mit Choristinnen und Statistinnen unseres
-Theaters hätte man ihn da und dort gesehen. Ich
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte
-aber nicht seine Lebensweise.</p>
-
-<p>Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen
-Übermenschen gehört!) gegenseitig ausgemacht worden.
-Aber ich hatte nie auch nur im entferntesten daran
-gedacht, daß man sie anders benützen könnte,
-als ich.</p>
-
-<p>Das &ndash; das fing doch an, mir über den grünen
-Klee zu gehen.</p>
-
-<p>Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich
-wußte nur nicht mehr recht, was und wie. Ich glaubte
-es deswegen nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte,
-daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr
-bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde.
-Und so betrügen. Eine Leidenschaft für eine andere
-Frau hätte ich jederzeit begriffen. Die Ehe kann zu
-keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann ganz
-friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit
-auch formell wiedergegeben. Ohne Groll, ohne
-Feindschaft.</p>
-
-<p>Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen
-herumziehen sollte, war eine andere Sache. Ich glaubte
-es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft der meinen
-vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt.
-Wer war eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben
-führte er <em class="ge">eigentlich</em>? War die Vertraulichkeit seinerseits
-&ndash; erlogen? Gab es denn Menschen, die so etwas
-fingieren konnten?</p>
-
-<p>Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an
-allem.</p>
-
-<p>Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare
-Angst vor &ndash; ich weiß nicht was.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn
-heiratete.</p>
-
-<p>Und wie stand ich nun da, in den Augen aller
-Welt, wenn sich die Sache, für die ich mich so sehr
-eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies?</p>
-
-<p>Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir.
-Später, als es notwendig wurde, war der Gedanke an
-die Meinung aller Welt wie fortgeblasen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten,
-trotz unserer sehr anständigen Einkünfte. Ich
-bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe an Grauen
-grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art
-Zwangsidee beherrscht wurde. Was immer er hatte
-und erraffen konnte, er mußte es ausgeben. Von
-einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen,
-die ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-,
-dreimal präsentiert. Unordnung in Geldsachen war
-mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine
-Mutter von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen
-vor Schulden, Überschreitungen des Budgets
-und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich übergegangen.</p>
-
-<p>Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich
-an mich heran. Was machte er mit dem
-Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte besonders
-nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen
-Ausgaben?</p>
-
-<p>Er, &ndash; er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich
-nicht, wo es ihm hinkäme! Es zerschmölze ihm
-unter den Händen, er wüßte nicht wie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen
-Mädeln, aber die richtigen, die ganz »süaßen«, halfen
-ihm, unser Geld durchzubringen.</p>
-
-<p>Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das
-unheimliche Dunkel der Situation. Ein Blitz, der mir
-mit einem Schlage erhellte, was mir an dem Menschen
-dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte,
-was an guten Gefühlen, die besonders nach der
-Hochzeit fast zärtlich geworden waren, &ndash; wie begreiflich,
-&ndash; für ihn in mir dagewesen war.</p>
-
-<p>Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß
-eines Toten«. Der Dichter hatte durch Selbstmord
-geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not
-waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde
-jetzt von einem Freund veröffentlicht. Mich interessierte
-es, von dem Manne zu hören, weil mir Rudi den
-Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine
-Zeitlang in der Redaktion einer Wiener Wochenschrift
-gewesen, die dann einging. Damals hatte sich der
-Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich
-in allen Auslagen zu sehen.</p>
-
-<p>Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis
-Liebesgedichte hatten einen starken Eindruck auf mich
-gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer dieser
-Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht
-hatte.</p>
-
-<p>Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und
-kaufte mir das Buch des Verstorbenen. Noch in der
-Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und las.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert«
-hatte, &ndash; ich fand sie hier, im Nachlaß eines
-Toten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und
-wartete auf mich mit dem Mittagessen. Er sah das
-Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch
-auf dem Tisch.</p>
-
-<p>Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und
-sprachen kein Wort. Als er sich nach Tisch erhob, sah
-ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da warf
-ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«</p>
-
-<p>»Exaltierte Person!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener
-Mensch war. Wie eine Fabel, wie ein Märchen,
-wie ein Symbol erscheint mir nun diese Begebenheit.
-Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens
-den Kern trifft: er war ein Lügner.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es geschah &ndash; nichts. Ich war unfähig, irgendeinen
-Entschluß zu fassen. Was hätte ich auch tun
-sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte
-mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen?
-<em class="ge">Sollte</em> ich sie lösen? Mir war, als müßte ich abwarten,
-bis irgend etwas geschähe, ich wußte selbst
-nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob
-und von selbst wirkte und entschied. In diesem
-Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein Fatalismus ist
-eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik
-jeder Situation als das in ihr wirkende Prinzip.</p>
-
-<p>Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell
-natürlich. In Wahrheit bestand keine Intimität mehr.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Es kamen nun Monate eines widerwärtigen
-Kampfes. Es hieß, sich gegen etwas wie eine Verführung
-wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre,
-Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als
-eine solche Situation. Um das Gefühl des Zornes,
-der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen, kommt
-ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich
-einem Abenteuer in die Arme zu stürzen, nur, um
-mit einem Gefühl, das sie ausreißen will, fertig zu
-werden.</p>
-
-<p>Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was
-geschehen wäre. Aber an eine in »glühender Liebesehe«
-jung verheiratete Frau wagte sich niemand.</p>
-
-<p>Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen
-Horizont aufgetaucht, der mehr Interesse für
-mich an den Tag legte, als es sich einer Jungvermählten
-gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte
-mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor
-ihm. Aber seine feste Formenzucht gab mir immer
-wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler,
-holländischer Abstammung. Er führte den klassischen
-Namen Orest. Orest van Haer. Er lebte seit mehreren
-Jahren in Wien und hatte sich als Porträtist einen
-großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in Stein
-gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen
-Kaisers denkt. Undurchdringlich schienen diese Züge.
-Die Augen aber glühten und führten ihr eigenes
-Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt
-und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt
-ist. Was ihm einen besonderen »Nimbus« in den
-Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der Glanz
-seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-großen alten Parks erworben und gab da von Zeit
-zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine Stätte, zu der
-zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet
-wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen
-gelebt, meist in Schottland.</p>
-
-<p>Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu
-einer »interessanten« Persönlichkeit. Auf seine Bitte
-sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das erstemal
-war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites
-Mal hatte er mich allein hingehen lassen! An diesem
-Tag blieb ich, da ich theaterfrei war, länger als die
-Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit
-van Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee.
-Wir sprachen fast unausgesetzt von seinen Reisen.
-Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde
-nicht berührt.</p>
-
-<p>Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte
-ich mir wohl einen Augenblick, &ndash; es wird ihn befremden,
-daß ich seiner Einladung, zu bleiben, nachgegeben
-habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über
-mich (Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise
-niemand. Man belächelte meine Beschäftigung bei
-der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien
-ich niemandem.)</p>
-
-<p>Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals
-schwer auf mir zu lasten. Da mein Mann
-immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene
-Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein
-fast ekles Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich
-damals im Wagen van Haers nach Hause fuhr. Mochte
-jener denken, was er wollte.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam,
-&ndash; das Singen und Springen auf jenen Brettln war
-mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte an
-dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe,
-&ndash; war Rudi wie gewöhnlich nicht zu Hause. Er
-schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein Hausrock
-lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich
-nahm die Sachen, um sie aus dem Weg zu räumen.
-Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche seines
-Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin
-vergessen.</p>
-
-<p>Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie
-öffnen sollte. Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir.
-Ich wußte, daß ich irgend etwas Entscheidendes durch
-diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst
-erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers,
-fern von jeder Umsicht im Verbergen seiner
-Machinationen.</p>
-
-<p>Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher
-Adressen. Ich nahm mir gar nicht die Mühe, sie abzuschreiben,
-nahm einfach die Zettel an mich.</p>
-
-<p>Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich.
-Sollte er mit all diesen Weiblichkeiten leben? Ich
-beschloß, das zu erfahren.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen
-und fuhr von Adresse zu Adresse. Es waren nette
-kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand. »Süße
-Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte,
-dafür erzählten sie mir hübsche Dinge von Rudi.
-Einige besaßen seine Photographie. Alle kannten ihn
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie
-eine Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper
-geführt.</p>
-
-<p>Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in
-sein Stammcafé die telephonische Mitteilung von seinem
-Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso, sein gesamtes
-Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere
-erfahre er beim Advokaten Soundso.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Einverständlich« &ndash; oder ein Prozeß lautete meine
-Devise. Er verbiß sich nun in mich wie ein wütendes
-Tier. Nein und nein. Er kam in meine Wohnung
-und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor
-meinen Augen würde er sich erschießen, wenn usw.
-Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu schonen. Darauf
-stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.</p>
-
-<p>Er behauptete, mir »eigentlich« &ndash; treu geblieben
-zu sein. Möglich. Vielleicht lebte er nicht, vielleicht
-lumpte er nur mit diesen Mädchen!</p>
-
-<p>Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt
-hätte, &ndash; ich wäre von ihm fort. Und wenn
-ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre von
-ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle
-mein Eigen genannt hätte, ich wäre von ihm fort.
-Denn er ekelte mich bis in die tiefste Seele, bis in
-jeden Blutstropfen hinein!</p>
-
-<p>Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte:
-&ndash; »der Schuft, der Lump«. Nein, ich dachte immer
-nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses war das
-Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Während diese Angelegenheit ihren Gang ging,
-erhielt ich eine schriftliche Nachricht van Haers. Die
-Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust dieser
-Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir,
-mein Mann und ich, geneigt wären, den Silvesterabend
-als seine Gäste auf dem Semmering zu verbringen.
-Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer
-genannt waren, geladen. (Daß wir eben in
-Scheidung lagen, wußte er natürlich nicht, so wenig
-wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß
-ich mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.</p>
-
-<p>Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug
-im Hause fremder Leute und freute mich um so
-mehr auf den Ausflug zu Silvester.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich
-ergriff, die sich meiner Beherrschung entzog. Es war
-eine wilde Verzweiflung in mir, die sich in Form
-einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die
-Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und
-immer wieder geleert. Van Haer selbst trank nicht.
-Wir waren etwa vierzig Personen, von denen ich mit
-den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes
-hatte ich oberflächlich entschuldigt.</p>
-
-<p>Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir
-van Haer einen Spaziergang vor. Niemand würde
-unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der
-Wald im Schnee und Frieden. Er holte mir einen
-Pelz, und ich folgte ihm.</p>
-
-<p>Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips.
-Er hatte mir den Arm geboten und nahm
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er
-fragte nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine
-Ausflucht.</p>
-
-<p>Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen,
-tanzte ich ein paar Runden und zog mich
-dann auf mein Zimmer zurück.</p>
-
-<p>Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine
-Tür, die ich auch früher bemerkt hatte, und die zu
-einem Nebenzimmer führte, geöffnet und angelehnt.
-Der Schlüssel fehlte.</p>
-
-<p>Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit
-wieder. Also <em class="ge">so</em> dachte er sich das.</p>
-
-<p>Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock
-und legte mich merkwürdig unbesorgt aufs Sofa.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer
-trat ein. Meine Frage nach dem Schlüssel und nach
-der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der
-Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich
-in ein sonderbares Gewand geworfen. Es war eine
-Art Toga, aber von bunten, orientalischen Geweben
-mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt.
-Meine Spannung entlud sich in einem Gelächter:
-»Sie hätten mich auf elegantere Weise verführen
-müssen, Herr van Haer.«</p>
-
-<p>Und ich lachte und lachte.</p>
-
-<p>Er war dunkelrot geworden.</p>
-
-<p>Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir,
-bitte, die Situation. Sollte man sich, als man mein
-Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben? Gehört
-dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe
-den Schlüssel an mich genommen. Gestatten Sie, daß
-ich ihn hole.«</p>
-
-<p>Er entfernte sich.</p>
-
-<p>Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte
-diesen Mann zu dieser Handlungsweise?
-Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen
-war. Wahrscheinlich hatte er die Tatsache,
-daß ich die Einladung nur für mich allein annahm,
-in diesem Sinne gedeutet.</p>
-
-<p>Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen
-war durch das Unheil meiner Ehe, sie hatte
-wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen.</p>
-
-<p>Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel.
-Sein Gesicht war noch immer gerötet, und er sah mich
-fast feindselig an. Er war jetzt im Jagdkostüm, das
-er während der Fahrt herauf getragen hatte.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte
-ich, und ich weiß, daß es so weich und freundlich klang,
-als müsse <em class="ge">ich ihn</em> um Verzeihung bitten. Und plötzlich
-brach ich in Tränen aus.</p>
-
-<p>»Verzeihung &ndash; Verzeihung. Um Gottes willen,
-verzeihen Sie mir!«</p>
-
-<p>Und er bat und bat, während ich still weinte.</p>
-
-<p>Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen
-für das, was ihn verführt hatte, mich zu beleidigen,
-ihm alles zu erzählen. Er hörte mit innigem
-Interesse.</p>
-
-<p>Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er,
-mir dann von sich zu erzählen. Und das Geheimnis,
-das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die
-Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-hatte etwas wie einen Glauben. Eine »Lehre« beherrschte
-ihn.</p>
-
-<p>Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte.
-Eine überschlanke Erscheinung mit fast harten Zügen;
-unnahbar, unbeugsam, fanatisch war der Ausdruck
-dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen
-Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von
-ihm. Am Tage ihrer Großjährigkeit wollte sie das
-Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen.</p>
-
-<p>Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau
-seiner Liebe sprach, gestand er die volle Größe des
-Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In
-diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte.</p>
-
-<p>Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über
-unserem so vertraulichen Geplauder fast Morgen geworden
-war.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein
-christlicher. Ein Magier war er. Während der Sitzungen
-bei ihm, in denen er mein Bild vollendete, erfuhr ich
-von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«.
-Das Bild selbst war damals wenig ähnlich. Aber
-das Interessante daran war dieses: es zeigte mich so,
-wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später
-aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«.
-Ich habe mich sehr verändert in diesen drei Jahren,
-Bekannte von früher erkannten mich oft nicht.</p>
-
-<p>Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«.</p>
-
-<p>Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare
-Gabe nicht, behielt nur die Skizze. Ein schottischer
-Earl, den er im Hause jener Dame kennen gelernt
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft.</p>
-
-<p>Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er
-ging von Wien fort, auf Reisen, und man wußte lange
-nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte ich wieder
-von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere
-Schicksale gehabt. Ob er an ihnen &ndash; Christ geworden
-ist?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wir schieden dennoch, &ndash; genau so, wie wir geheiratet
-hatten: ohne »Einwilligung«.</p>
-
-<p>Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben.
-Hier schien mir meine Zeit greulich vergeudet. Auch
-verschlangen die Toilettenkosten die Gage, so daß
-materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte,
-wenn ich das Toilettebudget &ndash; anderweitig hätte
-decken lassen. Aus dieser <em class="ge">Stimme</em> konnte ich eben,
-außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und
-der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden
-und ähnlichen Gelegenheiten noch keinen
-materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch
-<em class="ge">werden</em> lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage,
-in die man lange, lange einlegen muß, bevor
-man von den Zinsen, die sie schließlich trägt,
-leben kann!</p>
-
-<p>Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck:
-was wird mit mir? Wie soll ich mich allein
-fortbringen?</p>
-
-<p>Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so
-vieler Frauen! Nicht <em class="ge">ihre</em> Schmach, freilich! Anders,
-anders wird das einmal alles sein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach
-preisgegeben, ohne irgendein Talent, irgendeine
-»Stimme« zu besitzen, die sie &ndash; vielleicht &ndash; doch
-schließlich einmal frei macht.</p>
-
-<p>Gouvernante werden???</p>
-
-<p>Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie
-habe ich gezittert!</p>
-
-<p>Frei, frei werden, um Gottes willen, &ndash; frei!</p>
-
-<p>O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine
-Stimme! Ganz frei! Klinge mir voll auf, meine
-Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte, heißerflehte
-Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich
-brauche, um <em class="ge">singen</em> zu können, um atmen zu können!
-Dankbar werde ich sein, dankbar und helfend, wenn
-ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme,
-diese Sicherheit, die einzig die Freiheit ist!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>I</b>ch besaß, um mein kleines Heim zu erhalten,
-meine elterliche Rente als Grundlage meines
-Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr sie
-konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden
-und wirkte während der Saison in Konzerten,
-Akademien und künstlerischen Veranstaltungen in privaten
-Kreisen mit.</p>
-
-<p>Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche
-Erfolge zu bringen. Diese <em class="ge">Stimme</em> interessierte,
-so unfertig sie auch war. Vom ersten Piepser an, den
-sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde
-nicht zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte
-und ermutigte mich, wenn ich mich stimmlos
-fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme,
-verzweifeln wollte.</p>
-
-<p>Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und
-obwohl die Menschen meist inkognito leben, bemühte
-ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken. Brennend
-interessierte mich immer der Mensch. Besonders in
-dem Punkt, wo sich sein Dasein mit einem andern
-verbindet. Die Ehe interessierte mich. Eine Einrichtung,
-ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom
-selben Menschen immer wieder verstümpert.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was es mit dieser Stimme eigentlich werden
-sollte, wußte ich nicht. Mein Leben selbst erschien mir
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt,
-sein »Sinn«?</p>
-
-<p>Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen
-Sinn aufzufinden und ihm gemäß, meiner gemäß zu
-leben. Kraft des Leibes und der Seele.</p>
-
-<p>Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens,
-beim Erwachen schon, Kraft fühlte für den neuen
-Tag! Kraft in Hand und Blut und &ndash; Stimme!
-O das fühlt man, gleich morgens schon!</p>
-
-<p>Und wenn ich matt erwachte &ndash; ach, wie so oft,
-matt wie eine Fliege, müde, kampfmüde, von Bangigkeiten
-belastet! &ndash; wenn ich so erwachte, ich weinte
-darüber in den Morgen hinein!</p>
-
-<p>Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie
-länger als zwei bis drei Monate freiwillig in Wien
-aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma« hatte
-mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch
-diese flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt,
-meine Wanderlust. Fort, wenn es nur irgend ging!</p>
-
-<p>Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die
-nie zur Ruhe kämen. Sie konnten kein Moos ansetzen,
-diese rollenden Koffer, &ndash; so wenig wie das Moos
-an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.</p>
-
-<p>Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin,
-ich wußte nie recht warum. So stand ich einmal
-in St.&nbsp;Gallen auf einer staubigen Landstraße, im
-Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt,
-vor mir auf der Erde, im Staub, fünf Kolli
-Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der Gepäckträger
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-hatte mich da stehen lassen. Da stand ich,
-ahnungslos, wie ich je wieder weiterkäme, weit und
-breit kein Mensch, nur die staubige Landstraße, in
-der Nähe von St.&nbsp;Gallen. Ich stand da und haderte
-mit der Vorsehung: Warum, warum bin ich hier?
-Aber ein Narr wartet auf Antwort.</p>
-
-<p>Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen
-sein, denn am nächsten Tage promenierte ich unterm
-Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen,
-mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den
-sonderbarsten Verkleidungen: an der Table d'hôte saß
-sie, unter hundert Personen, im Glanz der elektrischen
-Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich,
-wenn ich in Gesellschaft, die mir gestern der Zufall
-an die Seite gewirbelt hatte, zur Stunde des Kurkonzertes
-da erschien. In langen Stunden, die ich
-einsam im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster
-hinausblickend in eine fremde Gegend, ohne Ahnung,
-warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem
-Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu
-bestimmen, war sie da.</p>
-
-<p>Aber manchmal erschien sie mir auch in holder
-Gestalt. Auf einer Alpenwiese lag sie neben mir im
-Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir,
-wenn ich in langer Wanderung an seinem Ufer schritt
-und mich dem Sturm überließ in wilder Freude.
-Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit,
-&ndash; Einsamkeit war sie dann geworden.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen
-Nester zu Füßen der Seealpen, in der Nähe der vornehmen
-Badeorte der azurenen Küste. Villenkolonien,
-die wie Vororte jener Städte sind und von den Ruheliebenderen
-ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt
-gewählt werden.</p>
-
-<p>Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der
-eigentlichen Erholung kam heran, und dem Pseudofrühling,
-der der Winter hier ist, sollte der wirkliche
-folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten
-ihn ein. <em class="ge">Die</em> Regen, <i>les pluis</i>. Sie dauerten nun
-schon einige Tage. Man konnte nicht viel anfangen.</p>
-
-<p>Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel
-und las die Zeitungen, die gerade bei der Hand waren.
-Es war sehr voll, das Café. Kaum ein Plätzchen zu
-haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat
-um Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu
-dürfen, es war kein Platz sonst frei. Ich erteilte sie,
-ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger
-Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland,
-mit denen ich hier zusammengetroffen war und
-viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie sahen mich
-und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner
-roten Sammetbank beiseite. Es war gerade an
-jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu
-hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch.
-Die Fremden waren meist Russen, Franzosen,
-Engländer. Meine Freunde gingen zum
-Theater, ich blieb.</p>
-
-<p>Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte
-mich nach neuen um.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen
-hatte, schien das zu bemerken. Er reichte mir über
-den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt, und
-fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche.
-Ich verneinte dankend, weil es ein italienisches Blatt
-war und ich zu mangelhaft italienisch verstehe.</p>
-
-<p>Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu
-gepflegt vielleicht und allzu geschont. Aber von edlem
-Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen
-Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß,
-ohne daß ich es bemerkt hatte.</p>
-
-<p>Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges.
-Der Bart, rund um das Kinn, lief mit dem
-Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche
-Bärte? Ein schöner Männerkopf im allgemeinen.
-Die Stirn vielleicht zu weiß, die Haare sorgfältig gescheitelt,
-lebhafte Augen, die die meinen suchten, und
-ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm
-im Bart verbargen. Sehr kultiviert, und doch, sonderbarerweise
-dachte ich plötzlich französisch, &ndash; ich
-dachte das Wort: <i>féroce</i>.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation
-mit großer Gewandtheit über mich. Er hatte dabei
-eine so respektvolle Art, daß ein Zurückweichen unmöglich
-war. Er sprach weltmännische Dinge, solche,
-die der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt
-und beinahe feurig und dabei ernsthaft vor. Nach
-einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich viel
-Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte.
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Darauf waren Lettern zu sehen, die mir fremd waren,
-darunter stand in französischer Sprache:</p>
-
-<p class="ce"><i>Yussuff Hilmi Pascha Excellence</i><br />
-<i>Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.</i></p>
-
-<hr />
-
-<p>Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi
-Pascha ließ mich nicht mehr aus den Augen. Um
-mich durch seine Gesellschaft nicht zu kompromittieren,
-führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche
-Freundin &ndash; er nannte sie »<i>ma seconde mére</i>« &ndash;
-Madame Barozzi, die Gattin eines Balkandiplomaten,
-nahm mich unter ihren besonderen Schutz. Eine
-andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische
-<i>Consulesse génerale</i>, ungarischer Abstammung, kam
-mir nicht minder liebenswürdig entgegen. Jeden Tag
-gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im Grünen
-oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons
-und ließ mir Liebenswürdigkeiten sagen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter
-sich. Zuletzt war er Botschaftsrat gewesen, dann zum
-bevollmächtigten Minister vorgerückt und nun seit
-kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer
-alten, christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren
-waren souverän gewesen bis zu ihrer Unterwerfung
-durch die Türken. Man hatte nun an leitender
-Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter
-Karriere machen zu lassen und ihre Interessen mit
-denen der Dynastie zu verknüpfen. Hilmi Paschas
-Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig
-Jahren eine ungewöhnliche.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß
-ich ihm meine »Geschichte« und meine Verhältnisse
-so unverhohlen mitteilte, als er mir die seinen.</p>
-
-<p>Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein
-Wagen stand mir immer zur Verfügung und seinen
-braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.«
-Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und
-verstand es ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern
-der Corniche mit großer Gewandtheit ein Tischleindeckdich
-aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen
-wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen,
-tief unten, funkelnd und unbeweglich das
-Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück wurde aus
-geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und
-wenn Hilmi Pascha sah, wie ich an den fremdartigen
-Leckereien herumknabberte, dann freute er sich, wie
-er sagte: »<i>plus que jamais</i>«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn
-so ganz und gar »gefangen« genommen habe. »<i>Je
-suis votre prisonnier, chére madame.</i>« Und er
-empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das
-Thema. Aber er kam immer wieder darauf zurück.
-Der »<i>coup de foudre</i>« wurde mir beschrieben, der ihn
-damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges
-Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem
-deutschen Ehepaar sprach (also in einer Sprache, die
-er nicht einmal verstand), war's geschehen. Was es
-gewesen sei, wisse er nicht. »<i>Le sourire? Le regard?
-Le son de la voix? Ah, cette voix, cette voix!</i>«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner
-fürstlichen Hand die meine und flüsterte: »<i>Le regard?
-Le sourire? La voix? Le sais-je, le sais-je?</i>«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog
-mich zurück. Er wußte mich zu finden. Und je mehr
-ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.</p>
-
-<p>Er sprach meinen Namen »Maja« gerne aus;
-das j ist der arabischen Zunge geläufig und kommt
-in dem zärtlichen Kosenamen Ajuni vor. Ajuni-Habibi
-hörte ich ihn öfters sagen.</p>
-
-<p>Eines Tages fragte er mich: »<i>Maja-Ajuni, pouririez-vous
-m'aimer un petit peu?</i>«</p>
-
-<p>Ich wußte nichts zu antworten. Aber ich überließ
-ihm meine Hände. Und er nahm ein Päckchen aus
-der Tasche und legte es mir in den Schoß. Seine
-Mutter sende es mir. Es war eine Perlenschnur, eine
-einzige lange Kette, die er mir dreimal um den Hals
-schlang. Er warf sie über mich, &ndash; wie damals im
-Café die Schlinge des Gesprächs.</p>
-
-<p>Ich empfand das alles wie im Traum. Es »geschah«
-mit mir.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Liebte ich ihn? Ich fragte mich danach, als ich
-nachts, ruhelos und doch von einer köstlichen Wärme
-erfüllt, in meinem Zimmer auf und ab schritt. Ich
-trat auf die Terrasse. Magnoliendüfte schlugen mir
-entgegen. Das Meer rauschte auf. Liebte ich ihn?</p>
-
-<p>Aber eine Antwort kam mir nirgends.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>a ich die Mutter nicht an der Seite hatte, so
-wurde die Verlobung nicht offiziell bekannt
-gegeben. Aber er ließ es seine Freunde vertraulich
-wissen, wie es um uns stand, und man verdoppelte
-die Aufmerksamkeit gegen mich. Im übrigen war er
-noch viel vorsichtiger als bisher, in allem, was meinen
-Ruf betraf. Ich durfte um keinen Preis kompromittiert
-werden, da ich als seine Frau hier leben würde.
-Ohne Begleitung waren wir überhaupt nicht mehr zu
-sehen, weder zu Fuß noch zu Wagen. Mich auf meinem
-Zimmer aufzusuchen, wagte er nicht. Mich im Salon
-des Hotels zu treffen und abends im öffentlichen
-Saal mit mir zu speisen, war das Äußerste, was er
-sich gestattete.</p>
-
-<p>Dennoch sehnte er sich natürlich nach vertraulichem
-Beisammensein mit mir. Seine Wohnung durfte ich
-ohne Begleitung noch weniger betreten, als er die
-meine.</p>
-
-<p>Endlich verfiel er auf einen Ausweg. Seine
-Chancellerie, sein offizielles Büro, war des Abends
-leer und gesperrt. Da sollte ich ihn aufsuchen.</p>
-
-<p>Ängstlich schlich ich eines Abends dahin. Er erwartete
-mich im Finstern. Er hatte kein Licht zu
-machen gewagt. Eine Türe öffnete sich, und ein fremder
-Mann zog mich in ein dunkles Zimmer. Ich wollte
-fort. Augenblicks. Er beschwor mich, zu warten, er
-könne erst um zehn Uhr das Zimmer unbemerkt
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-elektrisch beleuchten. Da ich nicht nachgab, zündete
-er schließlich eine Kerze an, und das beruhigte mich.
-Ich fand mich in einem Büro, zwischen Pulten und
-Sesseln, und atmete auf.</p>
-
-<p>Hier verplauderten wir nun an freien Abenden,
-wenn wir nicht eingeladen waren, die Stunden.</p>
-
-<p>Er schilderte mir das Leben, das mich an seiner
-Seite erwartete, mit seinen vielen Verpflichtungen.
-Und das »Ideal«, das er von seiner zukünftigen Frau
-sich gemacht hatte. In der Politik sollte sie so wohlunterrichtet
-sein wie er. Über alles wünsche er mit
-seiner Frau zu sprechen. »<i>Même la philosophie</i>«.
-<em class="ge">Sogar</em> über Philosophie. Ich wunderte mich über
-diesen Wunsch, denn die Namen der großen Philosophen
-waren ihm fremd. Goethe, Schopenhauer,
-Kant &ndash; sie hatten mit seiner Kultur nichts zu tun.</p>
-
-<p>Er wünschte also seine Frau »<i>intelligente</i>«. »<i>Pourtant
-elle doit être <em class="ge">soumise</em>. Car elle a besoin de
-protection.</i>«</p>
-
-<p>Dennoch sollte sie &ndash; <i>soumise</i> (wie ist das zu übersetzen?
-Unterwürfig?) sein, da sie des Schutzes bedarf.
-Daß sie des Schutzes bedarf, die Frau, räumte ich
-ein, aber gerade deswegen sollte sie, meiner Meinung
-nach, nicht allzu <i>soumise</i> sein!</p>
-
-<p>In der freiwilligen, zarten Soumission dessen, der
-den Schutz spendet, schien mir der Begriff aller Kultur
-zu liegen.</p>
-
-<p>Er schnitt das Thema ab und sagte mir: »<i>Tu
-pourra me mener à un fil de soie, si tu seras
-prudente.</i>«</p>
-
-<p>An einem Seidenfaden konnte ich ihn führen?
-Mit Vorsicht?</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Seine Muttersprache, in der er dachte, sollte mir
-nicht fremd bleiben.</p>
-
-<p>Er trieb also in diesen Stunden in der Chancellerie
-Arabisch mit mir. Und da wir kein anderes Hilfsbuch
-hatten, nahm er seine Ausgabe des Koran vor.
-Er übersetzte mir Satz für Satz und Wort für Wort.
-Ich folgte mit großem Interesse. Und machte meine
-Einwürfe und fragte ihn dies und das, was über
-das Interesse an der Sprache hinausging und sich
-auf den Inhalt, den geheimnisvollen und bilderreichen
-Inhalt dessen, was wir da lasen, bezog. Er hatte
-diese Abstecher von dem Sprachunterricht eigentlich
-nicht gern und war nicht einverstanden, daß ich so sehr
-nach Deutungen suchte: »<i>Je ne veux pas que tu
-soies trop profonde!</i>«</p>
-
-<p>Überhaupt hörte ich oft: »<i>Je ne veux pas que tu
-soies</i>«&nbsp;&ndash;, oder: »<i>Je veux que tu soies</i>«, oder: »<i>La
-femme doit être</i>« &ndash; und immer als Schluß aller
-seiner Ermahnungen: »<i>Ai-je raison, oui ou non?</i>«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Mit meiner öffentlichen Betätigung als Sängerin
-mußte es natürlich vorbei sein. Ausnahmsweise gestattete
-er mir bei einem Wohltätigkeitskonzert, das
-zu Gunsten der Ortsarmen von Damen der Gesellschaft
-veranstaltet wurde, mitzuwirken. Das Konzert trug
-einen dilettantischen Charakter. Die es veranstalteten,
-bestritten zum großen Teil das Programm, Damen
-und Herren, die einen vornehmen Namen als Anziehungspunkt
-aufs Programm setzten und sich wohltätig
-unterhalten wollten. Darum eben gestattete er
-mir die Mitwirkung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Nicht als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft
-durfte ich da öffentlich singen.</p>
-
-<p>Meine Stimme schlug die der Salondilettanten,
-und meine Nummer hatte den stärksten Erfolg. Zum
-Schluß mußte ich eine Zugabe machen. Ich sang das
-italienische Lied »<i>L'ombra di Carmen</i>«: »Was du siehst,
-o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens
-siehst du nur, o Don José«&nbsp;...</p>
-
-<p>Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »<i>Ah
-cette voix, cette voix! Mais c'est la dernière fois
-que tu la fasses entendre publiquement. Dès aujourd'hui
-&ndash; pour le salon.</i>«</p>
-
-<p>Und er reichte mir den Arm und führte mich
-zum Ausgang, zurück durch den Saal, durch die Reihen
-des Publikums, stolz wie ein König.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land
-der häufigsten Scheidungen nicht die geringste Bedeutung,
-besonders da ja aus meinen Scheidungspapieren
-(die er von mir verlangt hatte und verwahrte)
-hervorging, aus wessen Verschulden meine
-Ehe getrennt wurde.</p>
-
-<p>Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte
-ich verschweigen. Ich war Österreicherin, geschieden
-aus Verschulden des Mannes, Tochter eines Wiener
-Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang
-trieb, vielleicht auch mal zu Gunsten der Armen ihre
-Stimme öffentlich hören ließ, und damit basta.</p>
-
-<p>Er war turcophil seiner innersten Überzeugung
-nach, wie es schien. Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten
-aller Mächte, der Türkei gegenüber. Auf
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals
-diese Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er
-vorziehen, Muselman zu werden, wenn das dann
-nötig würde, und in den internen Dienst der nach
-Asien zurückgedrängten Türkei treten.</p>
-
-<p>Wie mich's durchgruselte: Muselman &ndash; und
-ich dann seine Frau!</p>
-
-<p>Aber, so wie ich damals zum erstenmal in
-seine Chancellerie trat, in dieses nächtliche Zimmer,
-mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir
-könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend
-auf dem Semmering hatte, als ich die Türe
-zum Nebenzimmer unverschlossen und unverschließbar
-fand, &ndash; wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses
-starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen
-habe ich oft gehabt. Und ich mußte dann &ndash; oder
-glaubte zu müssen, was ja wohl dasselbe ist, &ndash; in
-diese dunklen, dunklen Zimmer.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer
-angenommen, seit sie wußte, daß ich mit Exzellenz
-Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen,
-daß ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen
-fand. Aber da Yussuff sie seine <i>seconde mère</i> nannte,
-blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre Bemutterung
-gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig
-dicke, kleine Dame, mit unnatürlich schwarzen
-Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den alten,
-verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute,
-und Yussuff aus doppelten Gründen. Erstlich weil
-er ihr Landsmann (sie war geborene Türkin, aus
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er
-Garçon war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen.
-Ihr Gatte war ein hoher Funktionär, die
-»Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger«
-aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem
-Monarchen.</p>
-
-<p>Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags
-und nahm den Tee bei mir. Ich wußte, daß ihre
-Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht
-unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten
-Kreuzverhör suchte sie mir immer wieder
-meine Personalien zu entlocken. Warum ich <i>divorcée</i>
-sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein
-Mann meine <i>dot</i> durchgebracht habe usw. Auch
-wollte sie wissen, ob ich als Sängerin in Wien bekannt
-sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte
-nicht übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden.
-Aber Yussuff hatte gewünscht, daß ich Zurückhaltung
-bewahre über alle meine Verhältnisse. So
-stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie
-eigentlich wissen wollte.</p>
-
-<p>An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen
-Tönen von Yussuff. Sie lobte seine diplomatische
-Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein,
-die ihn in so jungen Jahren »<i>sur un poste si important</i>«
-gebracht hatten. Ich fand den Posten hier,
-an diesem unpolitischen Platz, mehr repräsentativ als
-important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung
-einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte
-natürlich nichts dergleichen.</p>
-
-<p>Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob
-Komtesse Etelka noch immer meine Freundin sei. Und
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »<i>Car &ndash;
-la jalousie</i>&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>»<i>Jalousie?</i>«</p>
-
-<p>Sie gab mir zu verstehen &ndash; daß &ndash; mein Gott,
-man hatte gemunkelt &ndash; Hilmi Pascha und die schöne
-Gräfin &ndash; ihr Mann, der kleine Italiener, konnte
-sich neben ihm nicht blicken lassen. »<i>Dans la diplomatie
-&ndash; eh bien, que voulez-vous!</i>«</p>
-
-<p>Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte
-Geschichte zum Besten: von Hilmi Paschas &ndash; Köchin,
-die er schließlich entlassen mußte, <em class="ge">mußte</em>. »<i>En
-garçon &ndash; que voulez-vous!</i>«</p>
-
-<p>Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ
-mich die Holde.</p>
-
-<p>Abends, als er zum Speisen kam und wir uns
-im Speisesaal des Hotels trafen, erzählte ich ihm
-von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte
-mich in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter.
-Aber das mit Etelka mußte angetippt werden. So
-ganz &ndash; leichthin: »<i>Est &ndash; ce vrai, que vous avez
-été l'amant de cette femme?</i>« Er raste und schäumte.
-Welch schändliche Verleumdung! »<i>Ah cette vipère!</i>«
-Damit meinte er die Barozzi.</p>
-
-<p>»<i>Mais voyons, &ndash; c'est ta seconde mère!</i>«</p>
-
-<p>»<i>Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je!
-Méprise-la, cette vipère!</i>«</p>
-
-<p>Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen
-können. Denn da hätte ich ihn in einem Punkt getroffen,
-in dem er keinen Spaß verstand. Dieser Punkt
-hieß »<i>dignité</i>!« Die männliche »Würde« lernte ich
-an Yussuff Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen
-Wucht kennen und fürchten. Nimmermehr hätte er
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der abfahren
-wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß
-eines seiner Beamten so erwidert, wie den eines
-Kollegen. Nimmermehr einer &ndash; Frau erlaubt, in
-irgend etwas Kritik an ihm zu üben: <i>dignité</i>!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er
-nun und nimmermehr glauben, daß ich seit meiner
-Scheidung &ndash; allein gelebt hatte. Unmöglich. Er
-verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen.
-Käme er mir später auf etwas, so würde er sich betrogen
-fühlen. Und mein Nein wollte er durchaus
-nicht glauben.</p>
-
-<p>Daß man ohne so einen lumpigen <i>amant</i> auskommen
-könne, schien ihm eine ganz unmögliche Sache,
-»<i>Mais voyons, c'est impossible, étant separée de
-ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!</i>«</p>
-
-<p>Und er preßte und drückte meine Hände und
-bohrte seine Augen in die meinen, wie Schrauben.</p>
-
-<p>Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu,
-mir etwas zu »verzeihen«. Wäre es nicht mein gutes
-Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir zu tun,
-was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, &ndash;
-so war es wahrlich nicht um der »Verzeihung« des
-unbekannten Zukünftigen willen unterblieben, sondern
-deshalb, weil mir unter den Leuten meiner
-Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele
-oder auch nur in mein Blut etwas hätte werfen können,
-was da Flammen aufschlagen machte. Wie erloschen
-schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein
-Geschlecht nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er,
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da war doch etwas,
-was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes.
-In dem, was mir aus seiner Werbung gekommen war,
-hatte ich etwas anderes gefühlt als in dem, was mir
-von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle
-Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach
-mir, sie hatte mich erobert.</p>
-
-<p>Und nun saß er vor mir und malmte meine
-Hände und wollte wissen, ob ich einen amant gehabt
-hätte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber
-noch ihm, nicht wenig Aufregung. Ein Prinz Odescalchi,
-den wir bei einem diplomatischen <i>five o'clock</i> kennen
-lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem
-geäußert haben, ob der türkische Minister zu
-der deutschen Sängerin »Beziehungen« habe. Die
-mütterliche Madame Barozzi hatte das hinterbracht.</p>
-
-<p>Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen.
-Umsonst versicherte der, diese Bemerkungen durchaus
-nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben. Schließlich
-sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen
-erfahren hatte) tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst
-machte er sich zu jeder Art von friedlicher Satisfaktion
-erbötig, &ndash; »<i>n'étant pas venu ici pour se
-battre</i>«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.</p>
-
-<p>»<i>Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction,
-s'agissant de l'honneur de madame Neudorfer.</i>«
-(Sprich: <i>Nödorffère</i>!)</p>
-
-<p>Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in
-die Luft geknallt, und <i>l'honneur de madame Nödorffère</i>
-war wieder hergestellt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger,
-nach diesem famosen Duell &ndash; Freunde. Der
-Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein Mißverständnis
-gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten,
-sei ihm nie in den Sinn gekommen. Er
-blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit
-konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern.
-Ich fand in ihm einen unterrichteten Mann von
-Kultur, der besonders über die Kunstschätze in den
-Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr
-gründlich unterrichtet war. Er erbot sich, mir den
-Führer zu machen und mir alles aus erster Hand
-zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde.
-Yussuff fand das unerhört. Er konnte aber nichts
-dagegen tun, denn sonst wäre es ja wieder zum Duell
-gekommen! »<i>Mais voilà ce que je te dis pour
-tout l'avenir</i>«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals,
-bis ich seine Frau sei, mich außerhalb meines Jour
-in Konversation mit einem <i>jeune homme</i> finden
-würde, ja dann &ndash; »<i>je suis d'une jalousie féroce</i>!«
-<i>Féroce</i>: das war das Wort, das ich &ndash; gedacht hatte,
-als ich ihn das erstemal sah.</p>
-
-<p>Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte
-ich denken: »Wüstensohn!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein
-müssen, war für Yussuff ein Fundamentalprinzip.
-Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht. Nur
-meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis
-und aus einer gewissen Großzügigkeit der Natur des
-andern Menschen gegenüber erwachsen. Auch mußte
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-man, meiner Meinung nach, durch freimütige Aussprachen
-einander kennen und erkennen zu lernen bemüht
-sein.</p>
-
-<p>Diese blinde Zustimmung, diese »<i>entente complette</i>«,
-die er da immer verlangte, &ndash; sie hatte für
-mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß er schlechterdings
-keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt
-auf seinem ersten Wort (wie man es eigentlich
-den Frauen nachsagt). Wollte man erklären, seine
-Meinung begründen, so nannte er das »<i>des discussions</i>«,
-und diese seien der Todfeind der Liebe,
-sagte er.</p>
-
-<p>»<i>Des discussions entre des amants produisent
-toujours des effets funestes.</i>«</p>
-
-<p>Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien
-es mir, wenn man doch anderer Meinung war.
-Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen
-Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein?
-Da könnten nur solche Leute sich verheiraten, die zur
-Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge verschiedenen
-Geschlechtes, dann mittels genialer Operation
-getrennt wurden und hierauf Inzest beginnen. Der
-gemeinsame Nabelstrang, die angeborene Einheitlichkeit
-ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte
-einigermaßen jenes &ndash; Ideal.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich
-bis in die kleinlichsten Einzelheiten. Wenn ich eine
-andere Speise, ein anderes Getränk im Restaurant
-wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen,
-während er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, &ndash; sofort
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-ging er darauf ein, aber er belud mich während des
-ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«. Erst
-wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu
-machen: »<i>Tu a eu raison</i>«, war er zufrieden. Ich
-hatte dann mein »Unrecht« eingesehen, nun war es
-an ihm, generös zu sein.</p>
-
-<p>Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug:
-»<i>Comme tu veux</i>« &ndash; ich sagte es oft aus Gleichgültigkeit
-dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage
-erschien, &ndash; dann kannte seine »<i>generosité</i>« keine
-Grenzen, und er tat dann sicher, was er glaubte,
-daß ich wollte.</p>
-
-<p>Den »<i>fil invisible</i>«, an dem ich ihn führen konnte,
-sah ich schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's,
-diesen Mann zu beherrschen. Ich mußte nur unbedingte
-Nachgiebigkeit zur Schau tragen, meine Lippen
-sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf
-diese Art bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte
-recht. Man konnte ihn <i>mener à un fil de soie</i>.</p>
-
-<p>Und ich sah diesen <i>fil</i>, brauchte ihn nur zu ergreifen!</p>
-
-<p>Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem
-Gedanken?</p>
-
-<p>Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber,
-entgingen wir dem Klatsch natürlich nicht.
-Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte
-sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz
-natürlich und hielt es für das Vornehmste, es nicht
-zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich bemerkte,
-sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich
-fand mein Leben lang, daß, sich um die Meinung
-anderer viel zu bekümmern, eine hoffnungslose Aufgabe
-sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt
-sein, solchen Meinungen über mich zu begegnen.
-Konnte, sollte das etwas an meinem Leben, meinem
-Schicksal ändern?</p>
-
-<p>Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse
-zu mir kommen. Dann konnte die Beziehung erklärt
-werden und aller Klatsch hatte ein Ende.</p>
-
-<p>»<i>Il faut que tu fasses venir maman! il le faut
-absolument!</i>«</p>
-
-<p>Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen
-lassen. So ginge das nicht länger. Da entschloß ich
-mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen,
-eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig.
-Wie verdutzt wäre meine gute Mutter über diesen aus
-meinem Munde so ungewohnten Wunsch gewesen! Ich
-rüstete also zur Abreise.</p>
-
-<p>Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich
-ihm dankend wieder zurückgestellt. Wo ihn unterbringen
-zu Hause in Wien? Meine alte Resi wäre in
-nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr
-»Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen.
-Resi und Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames
-Gespann vor meiner Junggesellinnenwirtschaft!
-Göttlich!</p>
-
-<p>Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch
-mittags, während sein Personal fort war, hinüber
-zu ihm in die Chancellerie. Es war das erstemal,
-daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er
-es wünschte. »<i>En plein soleil?</i>« &ndash; »<i>En plein soleil.</i>«
-Denn es war ja die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich
-zum Abschied zu küssen. Auf dem Schiff selbst, das
-um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-ganzen Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt
-hatten, sehen würde, konnte sein Abschied nur ein
-offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer
-aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber,
-am Mittag, <i>en plein soleil</i>. Und er verschloß die
-Tür hinter uns und nahm mich in die Arme und
-küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes,
-als ich da ankam, und nahm ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten
-entgegen. Yussuff empfahl mich noch
-dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund
-war.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von
-der Kommandobrücke nach ihm blicken würde. Er
-war bleich und erregt und drückte immer wieder meine
-Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel
-gebracht. Als ich nach den Blumen fragte, sagte man
-mir, daß sie samt meinem Gepäck in der »Fürstenkajüte«
-untergebracht seien.</p>
-
-<p>Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich
-bestellt.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben
-und stand nun auf dem Molo. Wahrscheinlich machte
-sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber Yussuff
-ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat:</p>
-
-<p>»<i>Pardon, Excellence, nous allons partir.</i>«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle
-Würdebedenken den Sieg davontragend, &ndash; er, dem
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-»<i>dignité</i>« über alles ging! &ndash; ja, das war schön. Ich
-sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke
-aus, und er blieb stehen, damit ich ihn sehen könne,
-obwohl er mich längst nicht mehr sehen konnte.</p>
-
-<p>Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo
-bei der Abfahrt eines Schiffes herumtreiben, umstanden
-ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er
-blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie
-die Gesellschaft sich verabschiedete und auseinander
-ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm ihres Mannes,
-des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi,
-die dicke <i>vipère</i>, wegrollte.</p>
-
-<p>Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer
-Punkt für mein Auge war und der Hafen von C. mir
-entschwand.</p>
-
-<p>Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte
-ich, daß neben der Schiffsflagge noch eine
-zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die ottomanische
-Flagge hissen lassen, &ndash; eine Aufmerksamkeit für die
-Braut des Funktionärs einer fremden Großmacht.
-Die Flagge blieb auf Mast, solange ich an Bord war, &ndash;
-ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>ie Abmachung, die wir getroffen hatten, ging
-dahin, daß er im Sommer seinen Urlaub
-nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien
-kommen sollte, mich zu holen.</p>
-
-<p>Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten
-von Vorschriften. Ohne Mamas »Begleitung« auszugehen,
-würde er durchaus unpassend finden. Theater
-zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren
-Bräutigam, überhaupt nicht für angezeigt. Daß er
-den Besuch eines Cafés, eines Restaurants u.&nbsp;dgl.
-unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich auseinandergesetzt.
-Vergebens versuchte ich, ihm das
-Lächerliche klarzumachen, das darin lag, wenn ich,
-eine Frau, die jahrelang selbständig gelebt hatte, nun
-plötzlich auf Schritt und Tritt den »Schutz« meiner
-Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht.
-Er interpellierte mich unaufhörlich über alle diese
-Dinge. Daß Hunger Grund genug sei, in ein Café
-zu treten, leuchtete ihm nicht ein.</p>
-
-<p>Und immer war ich gesehen worden und immer
-so, wie er es nicht wünschte.</p>
-
-<p>So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter
-Streit. Und öde erschienen mir alle diese
-Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit abhandelte.</p>
-
-<p>Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer
-ein Ideal war, aber als Ehemann ein böser Fall
-sein mußte.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Immer im Namen der ganzen Gattung wurden
-mir alle diese Vorschriften gemacht: <em class="ge">der</em> Mann ist,
-<em class="ge">die</em> Frau soll, <i>la femme doit être</i> usw.</p>
-
-<p>Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt
-gestellt, am wenigsten in meinen Beziehungen
-zum Mann. Als Weib voll genommen zu werden,
-genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann
-auch diesen mannmännlichen Standpunkt von der
-anderen Seite nicht vertragen. Diesen ehernen Brustton:
-Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann!
-Dieses »ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte
-Überlegensein-Wollen. »<i>La femme doit être</i>«,
-&ndash; öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen,
-klingt's.</p>
-
-<p>Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer
-ist, sollte wissen, daß es einen gefährlichen Punkt
-gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese ihre
-Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die,
-dann ist sie wie ein Vogel, der seine Melodie verloren
-hat, und ihres Gepiepses wird er wenig froh.</p>
-
-<p>So erging es mir. Der freie Herzenston war
-weg. Und er wollte sich gar nicht wieder einfinden.
-Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber,
-ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir
-einander mitteilten, war ohne richtige Verbindung.
-Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.</p>
-
-<p>Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen?
-Hatten wir <em class="ge">eine</em> Sprache gesprochen? Wir hatten
-uns einer &ndash; Dolmetschsprache bedient. Nicht seine,
-nicht meine war es, in der wir uns verständigten.
-In der Dolmetschsprache der Verliebtheit hatten wir
-miteinander Konversation gemacht. Die unverbindliche,
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-charmante Liebenswürdigkeit des gallischen
-Idioms hatte uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer
-sagt sich's im Deutschen: ich liebe dich. Und zaghaft
-flüstert man da erst und stammelt: &ndash; ich &ndash; hab'
-dich &ndash; lieb.</p>
-
-<p>Aber wie gewandt rollt es heraus: »<i>Je t'aime!
-Mais je t'aime éperduement!</i>« &ndash; »<i>J'aime et je
-veux mourir, j'aime et je veux pâtir, j'aime et
-pour un baiser je donnerais ma vie.</i>«</p>
-
-<p>Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache
-hatten, meine ich natürlich. Nur wie ein Symbol
-erscheint es mir, daß wir einer uns fremden Zunge
-bedurften, um uns überhaupt einander verständlich
-zu machen. Es gibt eine Zusammengehörigkeit, die
-international ist und Brücken wirft über Erdteile und,
-was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig ist's
-dann, welcher Sprache sie sich bedient.</p>
-
-<p>Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die
-Begriffe waren fremd, sowie sie das zärtliche Gehege
-des Eros verließen und, wie es schien, unverdolmetschbar.</p>
-
-<p>»<i>Écorcher</i>« ist ein prächtiger Ausdruck. <i>Écorcher
-une langue.</i> Das heißt, eine Sprache radebrechen,
-sie zu Tode schinden. <i>Écorcher &ndash; l'amour?</i></p>
-
-<hr />
-
-<p>Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht,
-das der Liebe zugefügt wird. Es ist ein Zeichen, daß
-man irgendwie miteinander aus dem Geleise gekommen
-ist, wenn man mit dem schwerfälligen,
-dräuenden Geschütz des Stolzes, der Berufung auf
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man
-sich mißhandelt fühlt.</p>
-
-<p>Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die
-Liebe der Liebe nichts schuldig, ach, wie wird man
-da so demütig. Nichts weiß man mehr von seinem
-»Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in
-dem Sinn, daß man seine Person irgendwie ausspielen
-würde. Nur die andere geliebte Person wird
-gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da,
-sie aufzunehmen.</p>
-
-<p>Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen
-ist's umgekehrt: sie zerfließen in »Hingabe«, je mehr
-sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn
-ihnen Liebe erwiesen wird.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr
-persönlich vor mir hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich
-nie von ihm ein Wort über mich gehört hatte,
-durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück,
-<em class="ge">erkannt</em> hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die
-Entdeckungsreise der Liebe, die einer im andern macht,
-alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in Entdeckerlust?
-Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land,
-Land, mein Eiland, das ich suchte, ahnte, wußte, an
-das ich <em class="ge">glaubte</em>, bevor ich noch einen Streifen seiner
-Küste sah! Wo war es hier, &ndash; dieses Kolumbusgefühl
-der Liebe?</p>
-
-<p>»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen.
-Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José&nbsp;...«</p>
-
-<p>Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung
-wahrscheinlich versetzt würden. Das sei gebräuchlich
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-in der Diplomatie. Sein Bruder, der
-Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß
-wir wahrscheinlich nach Indien kämen oder sonst auf
-einen asiatischen Posten.</p>
-
-<p>Wir blieben also nicht an der <i>Côte d'Azur</i>. Nach
-Indien sollte ich ihm folgen.</p>
-
-<p>Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos
-dem, den man liebt, und wäre es in ein Blockhaus
-auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die
-Heimat.</p>
-
-<p>Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen?
-Warum, warum? Ich war dann in der Macht, oder
-besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens,
-fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.</p>
-
-<p>Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder
-ratlos und erwartete wieder &ndash; eine Entscheidung.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im
-letzten Moment hatte ich mich entschlossen, meine
-Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese
-Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn
-Tage erhielt ich keine Antwort.</p>
-
-<p>In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein
-Abenteuer von der <i>Côte d'Azur</i>.</p>
-
-<p>Sein Brief kam und tat das übrige. »<i>Je suis
-despote de toute ma nature</i>«, hieß es da. Ich sah
-das Gesicht, sah es so, wie es bei der geringsten Meinungsverschiedenheit
-gewesen war, &ndash; mit dem grausamen
-Zug um den Mund, der sich im Bart verbarg,
-mit den Augen, die immer gleich »rollten«.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem
-Stillschweigen, gab den Ausschlag. Er schrieb es ganz
-ohne Scham: »<i>J'ai voulu te punir.</i>«</p>
-
-<p>Es war wieder einer jener Momente, wo ich
-deutlich fühlte, daß ich mußte, wo ich mich geschoben
-fühlte, wie an einem Marionettendraht.</p>
-
-<p>»<i>Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de
-divorce, mes lettres et mes photographies. Moi je
-m'engage de vous rendre vos lettres et votre photographie
-au moment où j'aurai les miens.</i>«</p>
-
-<p>Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war
-mir, als hörte ich eine drohende, flehende, zwingende
-Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir! Mich,
-deine <em class="ge">Stimme</em>!</p>
-
-<p>So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi
-Pascha, <i>Ministre plénipotentiaire de la Porte Sublime</i>.
-Sie zerbrach mir unter den Händen. Warum, weshalb?</p>
-
-<p>»<i>Le sais-je?</i>«</p>
-
-<p>Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen,
-die ihrem innersten Wesen nach zusammengehören.
-Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die Unvollständigkeit
-der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit
-der Stimmung, in der ein Brief empfangen
-wird, Gereiztheit und Mißverstehen auch zwischen
-wirklich Liebenden.</p>
-
-<p>Aber unter allem Papiergeknister behält doch das
-Wesentliche einer Beziehung seine Stimme. Die Tinte
-ist ein dräuender schwarzer Mann. Macht er aber
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die
-wahre Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut
-und jagt ihn in die Flucht. Und alle geschriebenen
-Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren
-schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen.</p>
-
-<p>Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten
-und mich. Das Wesen selbst, die innere
-Stimme dieser Beziehung war laut geworden und
-hatte es getan.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich
-tat. Ich kann nicht sagen, daß es leicht war, und ich
-trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts
-weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu
-bleiben« oder nicht. Doppelt schwer deshalb, weil
-man sich selbst ja noch nicht bestätigt worden war!
-Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar
-umfaßt hätte und das, was er also umfaßte, für gut
-befand.</p>
-
-<p>Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen
-Seite die Wahrheit liege, ob man nicht besser täte,
-sich nachzubilden den Forderungen, die dort gestellt
-wurden und sich &ndash; als das, was man im Widerspruch
-mit jenem anderen war, &ndash; aufzugeben.</p>
-
-<p>Aber die <em class="ge">Stimme</em> rief mit einer Gewalt, die
-nicht zu übertönen war! Und wie eine mächtige Hand
-erfaßt es einen und schob und schob!</p>
-
-<p>Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken
-Willens sein, heißt nicht wollen, sondern wollen
-<em class="ge">müssen</em>.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres
-angenommen? Warum so zugegriffen? Neben den
-reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert hatten
-und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist
-auch eines nicht zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung,
-dieser schreckliche Mangel an auch nur
-normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht
-irgend etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser
-Mangel, der sich heute in allen gesellschaftlichen Kreisen
-so sehr fühlbar macht!</p>
-
-<p>Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß
-wir uns vom <em class="ge">Menschen</em> immer mehr entfernen? Daß
-es unter all den hunderttausend Leuten so wenig
-Menschen gibt, &ndash; so wenig Schönheit, an die man
-sich vertrauend und heiter anschmiegen könnte, ohne
-Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer
-Tochter des Ministers der Zivilliste des Padischah
-vermählt habe, und daß er durch diese Karriereheirat
-Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war.
-Er sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere
-sei. »<i>Tu seras ambassaderesse un jour, tu
-le sais?</i>«</p>
-
-<p>Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses
-Klima vertragen haben?</p>
-
-<p>Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen
-Verpflichtungen in dieser Stellung: vier große Diners
-müßten wir mindestens während des Karnevals geben.
-Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen
-Jour bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-sei das nun einmal nicht anders. Darin bestehe
-sie ja eben (teilweise).</p>
-
-<p>Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses
-Klima vertragen haben?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das
-etwas anderes noch ist, als das Fazit eines unkonstruierbaren
-Rechenexempels, etwas anderes, als die
-nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte
-Summe, in die wir hineinleben, bis sie voll ist?</p>
-
-<p>Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein.
-Warum kann ich mir nichts wegdenken, nicht anders
-denken in meinem Schicksal? Ist <em class="ge">sie</em> das Schicksal,
-<i>anima</i>? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung,
-Motor geworden, in mir? Schiebend und zeugend
-geworden in mir, Folgen zeugend, unerbittlich, Folgen
-aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen
-innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung
-ihres eigenen Wesens und damit zur Erfüllung
-ihrer »Bestimmung« &ndash; Schicksal, Gott? &ndash;
-Gott &ndash; das logische Prinzip?</p>
-
-<p>Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich
-vor zehn Jahren gefunden hättest und ich allen meinen
-»Schicksalen« entronnen wäre? Warum das Gefühl,
-daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf
-einem Passionsweg?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, &ndash; was denke
-ich mir doch darunter?</p>
-
-<p>Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt
-werden <em class="ge">muß</em>, bis sie stimmt?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn
-sie ist gegeben &ndash; durch die Ziffern, mit denen wir
-zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar,
-unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen
-sich kreuzen und wollen Resultate herausbringen,
-ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe
-kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung
-muß sich erschöpfen, immer enger und enger muß sie
-werden, auf die letzten gemeinsamsten Nenner will
-alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange
-geteilt und gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«.</p>
-
-<p>Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip.</p>
-
-<p>Auch das denkende? Wenn rechnen &ndash; denken
-ist, auch das denkende.</p>
-
-<p>Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar
-aus ihnen folgen, was der Art ihrer Begegnung
-entspricht: Verminderung, Vermehrung, Vervielfältigung,
-Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat
-sind aufs Haar genau »bestimmt«.</p>
-
-<p>Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele
-stände, es könnte nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer
-»ausgehen«, als dieses Ziffernspiel.</p>
-
-<p>War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl
-sei Gott?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gott, Schicksal?</p>
-
-<p>Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller
-wäre? Einen noch lenkenderen Lenker als
-diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte? Noch
-mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr,
-um in die Knie zu zwingen?</p>
-
-<p>Gott, Schicksal &ndash; das logische Prinzip!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner
-selbst als Motor, als Schieber seines Tuns und Erleidens
-in sich, trägt Gott und Schicksal unentrinnbar
-in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus,
-wie die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer,
-ohne die sie nicht zu denken ist. Das den Dingen
-innewohnende, immanente logische Prinzip ist Gott.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je.</p>
-
-<p>Was uns verband, Freund, für den ich diese
-Blätter schreibe, du, dem ich an meinem Hochzeitstage
-begegnete, es waren flüchtige Grüße.</p>
-
-<p>Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles.
-Grüße und &ndash; Gratulationen. Von meiner Scheidung
-erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung einging.</p>
-
-<p>»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.«</p>
-
-<p>»Ich danke, Herr Professor.«</p>
-
-<p>Und dann &ndash; später: »Ich habe mich wieder
-verheiratet. Aber nicht mit dem, mit dem ich verlobt
-war.«</p>
-
-<p>Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.«</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>W</b>ie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich
-dir davon sprechen will, so muß ich mitten
-hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht
-lange erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen
-jener gescheiterten Verlobung und dieser, meiner neuen
-Ehe lagen. Jahre waren es des schmerzlichen Kampfes
-um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes
-erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese
-Wärme nicht nur mein Leben behaupten, sondern noch
-das retten, was ein Überschuß an Lebenskraft ist:
-die Stimme.</p>
-
-<p>Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen
-wäre. Auch fürchtete ich mich nun beinahe
-vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung
-des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von
-»Abenteuern«.</p>
-
-<p>Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn
-erzwingen wollen. Nur wenn es selbst mich zwang,
-erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, &ndash;
-verhängt.</p>
-
-<p>Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene
-solide, ehrbare Anträge, wie sie ja wohl im Leben
-keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff, geschah's
-deshalb, &ndash; weil ich nicht <em class="ge">mußte</em>. Nur wo ich ein
-Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu
-wem es mich nicht <em class="ge">zuwarf</em>, zu dem konnte ich nimmermehr
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-gehen. Ich konnte immer nur Wege gehen, die
-ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer
-und sagte: »Du, ich muß dir einen interessanten
-Menschen vorstellen.«</p>
-
-<p>Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere
-mich nicht für ›interessante Menschen‹.«</p>
-
-<p>»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast,
-bist du unausstehlich geworden.«</p>
-
-<p>»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein
-Araber. Das sind die Feinde der Türken.«</p>
-
-<p>Ȇbrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir,
-&ndash; vielmehr war es.«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er
-war Konzipist bei der Finanz-Landesdirektion in
-Slavonien.«</p>
-
-<p>»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.«</p>
-
-<p>Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören
-für gut fand. Schließlich sagte ich resigniert: »Also
-leg' los.«</p>
-
-<p>Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich
-Luft machen. Der Konzipist hatte ihm's angetan.
-Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen
-Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt.
-Ein Mann, der <em class="ge">Mut</em> hatte. Seine Stellung hatte er
-aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich fand,
-als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen
-und dem Bauer die fünf Gulden aus der Tasche zu
-reißen. Und dann war er ein Dichter.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-»So?«</p>
-
-<p>Und wollte jetzt davon leben.</p>
-
-<p>»So???«</p>
-
-<p>Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren
-versorgt.</p>
-
-<p>»Er hat eine Frau?«</p>
-
-<p>Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war
-geschieden. In aller »Freundschaft« hatten sie sich
-getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener Geschäftsmann,
-hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen.
-Da war sie mit ihren drei Kindern aus Slavonien
-nach Wien gekommen und führte mit großer Tüchtigkeit
-das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter.
-Sie und die Kinder hatten zu leben. Einverständlich
-hatten sie sich getrennt.</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre
-Gründe gehabt haben. Sie haben sich eben aufgebraucht.«</p>
-
-<p>»So, so.«</p>
-
-<p>Ȇbrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich
-miteinander und erziehen ihre Kinder. Ich glaube,
-<em class="ge">er</em> wollte frei sein.«</p>
-
-<p>»So wird es wohl sein.«</p>
-
-<p>Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein
-Drama geschrieben, einen Roman begonnen und seine
-philosophischen Artikel erregten Sensation. »Kurzum
-&ndash; du mußt ihn kennen lernen.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung
-einen »Abend«. Diese Abende bei
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man
-redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie
-man. Sein Kanzlist Peterka wurde in einen schwarzen
-Rock gesteckt und fungierte als Diener. Peterka erschien
-mir an diesen Abenden immer als der einzige
-nüchterne Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte
-er Lindenblütentee und reichte ihn den Gästen zur
-Beruhigung.</p>
-
-<p>Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen
-Mann in der Mitte des Zimmers stehen und ungefähr
-zwanzig andere Personen »an seinen Lippen
-hängen«. Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was
-über die Liebe zu sagen sei, sei in diesem Buche gesagt.
-Der Triumph des Werkes sei die Deutung der
-Liebe durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates
-wiedererzählt: Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.</p>
-
-<p>Es war, als wäre nun das Thema gegeben für
-den Abend: Dämon oder Gott.</p>
-
-<p>Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang,
-ein Durcheinander von Stimmen war es. Man
-rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.</p>
-
-<p><i>Dr.</i>&nbsp;Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf
-zurück. Ich weiß nicht, warum ich an das abgeschlagene
-Haupt des Jochanaan denken mußte. Es
-schien mir, als läge dieses Haupt flach auf einem
-Teller. Ich glaube, die Stirn, die stark zurückfloh,
-erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare fielen
-in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes
-herab. Die blauen Augen schienen silbrig, schimmernd,
-grau, blitzten auf, verdunkelten sich wieder. Wie wenn
-ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen, unter
-denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Jünglingskörper, von dem man den Eindruck
-hatte, er sei noch nicht »fertig«.</p>
-
-<p>Schließlich übertönte die Stimme <i>Dr.</i>&nbsp;Gruschks die
-Gesellschaft. Er rettete das Gespräch vor Verflachung.
-Wollte man abbiegen ins Konkret-Gemeine, so zwang
-er immer wieder ins Uferlose hinein.</p>
-
-<p>Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker.
-Die Flaschen waren leer. Die Gesichter rot. Mir schien
-es, als suche die Stimme <i>Dr.</i>&nbsp;Gruschks einzig mein Ohr.
-Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu
-<em class="ge">Diotima</em> drang die große Not: Priesterin, &ndash; was
-weißt du zu sagen? Eros &ndash; Dämon &ndash; Gott?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Peterka kam mit dem Lindenblütentee.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am nächsten Abend besuchte mich <i>Dr.</i>&nbsp;Gruschk.
-Er hatte seine Geige mitgebracht. Er spielte. Ich sang.</p>
-
-<p>Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete
-mich am nächsten Abend bei sich.</p>
-
-<p>Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte
-ihm das am Vormittag durch eine Rohrpostkarte mit.
-Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme dennoch.
-Am Abend war ich entschlossen, auf keinen
-Fall hinzugehen und kleidete mich fürs Theater an.
-Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur Oper.
-Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem
-Fenster und rief dem Kutscher die Adresse von <i>Dr.</i>&nbsp;Gruschks
-Wohnung zu.</p>
-
-<p>Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert
-hat.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen
-ich in einer Wüste gelebt hatte.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Das Sonderbarste war, daß Dimitri &ndash; er hieß
-Zdenko Dimitri, dankte diese beiden Namen einem
-slovenischen Vater und einer russischen Mutter und
-wurde von allen anderen Zdenko genannt, &ndash; das
-Sonderbarste war, daß er durchaus heiraten wollte.
-Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte
-ja kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »<i>Je ne veux
-pas te posséder, je veux <em class="ge">t'avoir</em></i>«, hatte er gesagt,
-als wir uns verlobten.</p>
-
-<p>Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte
-ihm, er täusche sich über sich selbst. Die Unbequemlichkeit
-des Nachhausegehens, die vielen »Sperrsechser«,
-das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht.
-Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war
-ich zum zweitenmal verheiratet.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es blieb bei der getrennten Menage und der
-doppelten Wohnung. Ich behielt die meine, er sein
-mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht
-anders, da er weniger hatte als ich und an meinem
-»Sichern« nicht teilnehmen wollte. Er war ungemein
-stolz in diesem Punkt.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten
-lassen, ich würde dich ausbeuten, wenn du
-reich wärst!«</p>
-
-<p>Dann war er zufrieden und nahm leichteren
-Herzens die Tasse Tee bei mir. Aber wahr war's
-nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge,
-ernsthafte Person.</p>
-
-<p>Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine
-Stirn, die sich hoch über den Augenbrauen wölbte,
-dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich zurückbog.
-Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn
-vor. Sie war, von innerstem Beruf, Naturforscherin.
-Hatte Physik studiert, bevor sie sich mit Dimitri verheiratet
-hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie
-achtzehn.</p>
-
-<p>Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien,
-wie in eine Verbannung. Weil er da gleich Konzipist
-wurde, während man hier »oben« jahrelang auf Ernennung
-warten mußte.</p>
-
-<p>Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel
-Kinder geboren in dieser Zeit. Zwei waren nicht
-ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine
-Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe
-in seinem Kopf war von der Faust des Erwerbszwanges
-niedergedrückt und scheinbar niedergehalten
-worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit.
-An einander aufgerieben hatten sich diese
-beiden.</p>
-
-<p>Dann wurden sie vom Vater der Frau nach
-Wien gerufen. Eine andere Existenz winkte. So
-kamen sie los von da unten.</p>
-
-<p>Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war
-mir seltsam und schmerzlich: dieser arme verschreckte
-Blick. Doppelt bange wirkte er, da er hier an
-einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu
-finden war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht
-etwa an einem hilflosen, schwächlichen, anlehnungsbedürftigen
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-kleinen Frauenzimmer. Eine latente Angst
-vor wilden Griffen war in diesem Blick.</p>
-
-<p>Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden.
-»In Frieden«. Er wollte frei sein. Und
-sie war &ndash; weise.</p>
-
-<p>Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses
-absolute Laufenlassen nicht wenig imponierte. So
-anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen, Tränen,
-Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo
-sie, Helene, eben schon da angelangt war. Vorher
-&ndash; mag es Szenen, Tränen und Jammer genug gegeben
-haben.</p>
-
-<p>»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts
-antun,« sagte Dimitri, »und das ist mir ein wunderbar
-angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den
-Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«</p>
-
-<p>Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu
-diesem wunderbar angenehmen Gedanken. Er konnte
-ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun.
-Denn er hatte ihr schon alles angetan.</p>
-
-<p>Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri,
-sie nannte ihn Zdenko, war der Vater ihrer Kinder.
-Nun gehörten wir alle drei zusammen.</p>
-
-<p>Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit
-dieser drei Kinder: niemand hätte sie für
-Geschwister gehalten. (Das soll so sein, wenn die
-elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias
-war ein weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner,
-brauner Bär und Zora ein schwarzes Mäuschen mit
-wunderbar blanken Äuglein.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich
-spät nachmittags. Bis dahin arbeitete er, oder suchte
-zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.</p>
-
-<p>Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast
-feindselige. Er warf Spieße, Lanzen, Keulen.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das
-Aggressive seines Wesens zurück. Doch das dauerte
-nicht lange. Dann hatte er sich &ndash; gewöhnt.</p>
-
-<p>Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl
-Künstler durch und durch, hatte er mehr die schwebenden
-Elemente als die beharrenden in sich.
-Der Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der
-Stephansturm &ndash; er sieht ihn immer wieder das
-erstemal. Er staunt und schaut und <em class="ge">sieht</em>. Dimitri
-ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte,
-allzubald selbstverständlich. »Ich <em class="ge">seh'</em> nichts«, war
-eine seiner Lieblingsredensarten. »Ich bin <em class="ge">leer</em>.« Und
-ich »füllte« ihn. Aber, ach, alles rann blitzesgeschwind
-durch ihn hindurch! Man hatte immer das Gefühl,
-es sei zu schnell entwichen.</p>
-
-<p>Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und
-voll Haß gegen alles, wenn er es nicht konnte.</p>
-
-<p>»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer
-<em class="ge">dich</em> angreifen, als das, was mir trotzdem wohltut.«</p>
-
-<p>Und das hat er redlich gehalten. Angefallen
-hat er mich oft. Zuzeiten war er wie überfüllt
-von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern
-Tag: »Warum waren wir eigentlich gestern &ndash; im
-Widerstreit?«</p>
-
-<p>Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens,
-nahm das alles ernst, beantwortete
-seine »Angriffe« &ndash; sachlich!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner
-eigenen Abwesenheit, fast wie hinter meinem Rücken.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch
-für ihn: »Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie
-leeren mich aus«. »Entwurzeln«.</p>
-
-<p>Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie
-von dir gehört? Entwurzeln: Maulwurfsarbeit.</p>
-
-<p>In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich
-hinein. Er verachtete alles, was Menschen ersonnen
-haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor einander
-zu schützen, als »konventionell«.</p>
-
-<p>Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur.
-Ich wollte ihn ja kennen lernen. Ich war hinein<em class="ge">gestürzt</em>
-in diese Gemeinschaft. Nun war ich darin.
-Und alles, was ich tun konnte, war, &ndash; sehen, was
-daraus wurde.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ist ein Liebesverhältnis das, &ndash; was der Mann
-daraus macht? Nein: was die Frau daraus macht.
-Aber das ist das, was der Mann <em class="ge">ist</em>. Denn die Frau
-kann nichts anderes daraus machen, als das, was
-ihm gemäß ist.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Das Sonderbare war, daß mir nach und nach
-meine <em class="ge">Stimme</em> verloren ging. Wenn ich sah, wie er
-dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als
-würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht
-wurde eine Grimasse, die Hand, die spielen wollte,
-zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging, und ein
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang,
-war alles, was ich ihr abzwang. Und die
-Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren Mut.</p>
-
-<p>Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer
-wieder, besonders wenn er nicht da war. Dachte ich
-aber auch nur an ihn, war's aus.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der
-Divergenzen, die man mit einem Menschen hat, dieses
-Memorieren der Reden und Gegenreden, die »gehalten«
-wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe,
-diese Sorge, Unruhe und Qual, die aus diesem Wust
-von Kampf und Gier erwächst, das alles verschüttet
-die <em class="ge">Stimme</em>, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen
-Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre
-von dieser Krankheit (so kann man es fast nennen),
-die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich freien
-Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen,
-der stark und rein wäre.</p>
-
-<p>Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses,
-das Merkzeichen, daß man an den »Richtigen« gekommen
-ist, daß alles so ist in der Liebe, wie es ihrer
-<em class="ge">Idee</em> entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den
-man liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor«
-(sich und ihn) in Anschauungen, aber man »denkt« nicht
-an ihn in Theorien. Er »beschäftigt« einen nicht, in
-dem Sinn, daß die produktiven Energien davon aufgezehrt
-würden. Man wendet sich, im Gegenteil,
-von einem feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt,
-seiner Arbeit zu, beschäftigt sich mit <em class="ge">ihr</em> und trägt
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-<em class="ge">ihn</em> dabei tief und fest im Gemüt. Und die »Stimmen«
-springen auf.</p>
-
-<p>Das war meine Insel, meine Insel der irdisch
-Seligen, meine »Heimat«, von der ich immer träumte!</p>
-
-<p>Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr
-Erlösertum besteht darin, daß einer dem andern die
-Spannung löst, diese Spannung seines eigenen isolierten
-Selbst. Und daran erkennt man den falschen
-Messias: daß der diese Spannung <em class="ge">nicht</em> löst.</p>
-
-<p>Du bist die Ruh', du bist der Friede! &ndash; spricht
-die erlöste Liebe.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er, &ndash; er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich.
-Mit Hangen, Bangen, Sorgen, Kombinationen, mit
-seiner ganzen Person füllte er mich, daß nichts anderes
-mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer
-wenn er wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen
-und Schmerzen machte und mit dessen »Erwägung«,
-besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis
-zum nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu
-tun hatte.</p>
-
-<p>Er »füllte« mich mit sich, &ndash; daß ich mir selbst
-abhanden kam, ob dieser »Fülle«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang
-mich, sie mit zu wechseln. Läßt es sich ermessen, das
-Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee« der Zerstörung:
-eine Seele will Form werden, und eine
-andre Hand preßt sie immer wieder in eine andere
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine Zeitlang
-wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig
-geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu <em class="ge">allem</em> in
-sich, so eine Seele, Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen,
-irrezuleiten, sie durcheinander zu brauen,
-in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk.</p>
-
-<p>Diese »Spannung«, &ndash; <em class="ge">wie</em> wird er heute kommen,
-&ndash; fraß meine ganze Zeit und meine ganze Kraft.
-Noch heute ist es mir in der Erinnerung.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing',
-sing'«. Nicht einen Ton konnte ich <em class="ge">singen</em>, &ndash; wie
-ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen
-Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte,
-war heiser, holprig, ein armes Gekrächze.</p>
-
-<p>Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm,
-hörte auch er meine Stimme gern.</p>
-
-<p>Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen.</p>
-
-<p>»Du hast keine Kraft«, sagte er.</p>
-
-<p>Nein, ich hatte keine Kraft.</p>
-
-<p>Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas,
-fraß und sog an meiner Kraft, meiner Stimme. Wie
-man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst &ndash;
-später.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es,
-die er als Gegensatz zu der »mondänen« Gesellschaft
-hoch pries.</p>
-
-<p>Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur
-<em class="ge">ein</em> beherrschendes Wort bei uns: »Sünde«. »Aber
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-das verstehst du so wenig wie die Sprache des Zambesinegers«,
-sagte er in seiner wenig liebevollen Art.
-»Eine Frau fühlt sich nie schuldig, außer etwa in
-erotischen Dingen. Sünde, Gewissen, &ndash; was wißt
-<em class="ge">ihr</em> davon?«</p>
-
-<p>»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen
-Adelsmenschen verkehrte, die jeden verachteten, der
-geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel »die
-Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die
-Schleppe deiner Hauskleider über den Teppich schleifen
-läßt, wie du in einen Fauteuil sinkst! Sie entzückt
-mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben ist
-das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in
-deinem und meinem Wesen!«</p>
-
-<p>Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen:
-»Das korrumpiert mich!« (Korrumpieren war das
-zweite Zambesinegerwort.)</p>
-
-<p>Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von
-dem kriegen, was ihn angeblich »korrumpierte«,
-wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu
-spenden.</p>
-
-<p>Heute sollte ich »Hetäre« sein, &ndash; morgen als
-Frau Diogenes in die Tonne ziehen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich
-ihm das schon beim Betreten meiner Wohnung an.
-Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du
-würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn
-du wüßtest, wie abhängig du bist von all diesen
-Dingen da!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen
-Teppich, spie auf meinen Toilettetisch, und spie dreimal
-auf meine Ottomane.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er,
-und betrachtete mit finsterer Miene meinen Toilettetisch.</p>
-
-<p>»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf
-dem Toilettetisch siehst, eben das Notwendige.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe,
-sondern mit dir.«</p>
-
-<p>»Nun und?«</p>
-
-<p>»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht,
-überhaupt für notwendig hältst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch
-zu tun?«</p>
-
-<p>»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen
-ich meinen Körper pflege.«</p>
-
-<p>»Und demnach pflegst du ihn, &ndash; um Leidenschaften
-zu erregen, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Nicht allein deswegen. Aber auch.«</p>
-
-<p>»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?«</p>
-
-<p>»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur
-Erhaltung der Gattung nicht ganz entbehrlich sein
-soll, einfach nicht &ndash; zustande käme.«</p>
-
-<p>Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile
-vor sich hin: »Das Weib muß reizend sein, &ndash; gewiß.«</p>
-
-<p>Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen
-kam er zu dem, was andere, heil Geborene, im
-Blute haben.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe
-war, nannte er »Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies
-ihm, daß man in diesem seinem Sinne schon abhängig
-würde, wenn man sich einem Blumenstrauß
-zuwendete.</p>
-
-<p>»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß,
-gerät man in Abhängigkeit!«</p>
-
-<p>Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir
-herumbohrte, mir Tränen des stummen Zorns in die
-Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde
-mir Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, &ndash;
-mein Gott, wohin bin ich geraten!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten
-hatte er:</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was es ist, &ndash; ob ich liebe oder
-hasse.« Oder: »Ich muß es zerschlagen, &ndash; um zu
-sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein Spielzeug.
-»Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich
-einen Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu
-verhüten. »In alles hineinblicken, alles auseinanderlegen
-und dann &ndash; von frischem aufbauen!« Das war
-seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte
-mich! Wie ein Fabelwesen kam er mir vor, das
-dann, wenn es alles getan hat, was es als solches
-tun muß und die Glocke eins schlägt, &ndash; sich umwandelt
-in einen liebenswürdigen Prinzen.</p>
-
-<p>Oft mußte ich auch an den Golem denken, den
-Lehmdiener des Wunderrabbi, der zu rasen anfing,
-weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige
-Gotteswort aus dem Munde zu nehmen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer
-sind sie, die das zarte Instrument Seele zerrütten.
-Kein Heil kann durch grobe Worte kommen.</p>
-
-<p>»Ich fange an,« sagte er, »dich zu &ndash; hassen. Für
-diese deine Güte. Du hast mich enttäuscht. Du erschienst
-mir, als ich dich kennen lernte, wie ein wunderbar
-wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du
-dabei das Herz eines Engels hast, das dachte ich mir
-nicht. Ich hoffte, du würdest mich vernichten. Aber
-du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als
-mir auch nur ein Haar krümmen!«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; verstehe nicht. Was heißt das alles?«</p>
-
-<p>Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht
-&ndash; erlösen, du &ndash; du &ndash; Engel!«</p>
-
-<p>Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur
-unter diesen furchtbaren Griffen. Erst zum Schluß
-unserer Freundschaft &ndash; am letzten Tag &ndash; verstand ich.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte,
-dann sprach er die Sprache der »Askese«. »Einsam
-sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit,
-seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr
-zu vertauschen, so zog ihn die fremde Natur
-so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß.</p>
-
-<p>Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«.
-Meine Ottomane betitelte er innerlich
-wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu
-essen fand er »mondäne«.</p>
-
-<p>Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum
-normalen irdischen Wohlleben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Dimitri &ndash; Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer
-Halbgott!</p>
-
-<p>Weib ist gleich Genuß &ndash; und Feindschaft dem
-Genuß! war zuzeiten seine Devise. Und dabei
-hatte er doch diese Neugier, &ndash; Gier nach Neuem &ndash;
-allem Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen
-mögen.</p>
-
-<p>Und später, in der anderen, der »heiligen«
-Stimmung: der strafende Prophet mit dem Flammenschwert
-und dem Donnerwort.</p>
-
-<p>Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag
-ihm ferner. Ein Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht,
-vor dem mir anfing zu &ndash; grauen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele
-hineingewühlten Natur, die alles nur aus <em class="ge">sich</em> herausholte,
-in sich wieder zurückführte, in sich nur
-ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.</p>
-
-<p>Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug
-in die Natur: erlebter Pantheismus. Ichsucht:
-verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel Selbstanschauung
-&ndash; keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich
-zusammen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu
-ernst; ich vor allem. Man hätte über vieles hinweggehen
-müssen. Aber so schonungslos er in seiner
-Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb,
-ins Innerste hineinzuleuchten, für seine Person liebte
-er das nicht. Wenn ein scharfes Wort zu ihm flog,
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um
-sich meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten.
-Und immer war die Art seines »Angriffes«
-so &ndash; interessant, daß man gespannt hinhorchte,
-wenn es auch in den Nerven stach und brannte.
-Und wenn man nicht darauf einging, litt er drunter,
-»Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst
-dich in eine feindliche Festung, du bist ein platter
-Mensch« &ndash; war dann sein Refrain. Und ich wollte
-ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden,
-Frieden!</p>
-
-<p>Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags
-bis zwei Uhr nachts alles an! Mit erstaunlicher
-Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem
-Ernst.</p>
-
-<p>Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:</p>
-
-<table class="mt0" summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Und der Himmel voller Huld</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hört das alles mit Geduld!«</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich
-ernst. Wie ein Kind erschien er mir manchmal, wie
-ein unersättliches Kind. &ndash; Alles, dem er eben begegnete,
-war das Wahre. Allzu schnell gab er sich
-hin. Auch an ganze Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung
-und mit tiefer Verachtung für alles
-»Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck
-mir gegenüber, von der Art des Fräulein X.&nbsp;Y.
-»Diese <em class="ge">voraussetzungslose</em> Art, sich hinzugeben,
-heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse
-folgend und alle mit derselben Gleichgültigkeit beglückend,
-&ndash; die reine Seligkeit muß das für den Mann
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein
-Teil an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als
-zehn andere. Es ist <em class="ge">schön</em>, es ist nichts Moralinsaures
-darin.« Und er sah mir, &ndash; ja ich kann es
-nicht anders sagen, &ndash; herausfordernd ins Gesicht.</p>
-
-<p>Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare
-Dummheit über sich selbst (denn der Ekel
-hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen, gebeutelt
-bei Fräulein X.&nbsp;Y.), diese seine Torheit war es,
-die mir das Gefühl einflößte: ich müßte auch hier
-wieder <em class="ge">fliehen</em>&nbsp;... aber der Schmerz ließ das
-noch nicht zu&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi.
-Gerade auch <i>in puncto</i> der Frauen. Nur war er,
-Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein
-Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, &ndash; hier war
-hohe Gedankenkraft und tiefehrliches Streben zur
-Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden,
-Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft.
-Hier bevor, dort nachdem sie Tat geworden waren.
-Dort platt! Hier interessant!</p>
-
-<p>»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt
-hängt es aus den Mäulern der Heutigen.« Also
-sprach Zarathustra.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Auf der Treppe wußte er noch nicht, &ndash; laut eigener
-Aussage, &ndash; ob er mich liebe oder »hasse«. Dann
-bei der Tür: &ndash; »wie kann einen ein Geschöpfchen,
-mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so
-<em class="ge">füllen</em>?«</p>
-
-<p>Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich
-immer weniger und weniger. Was keinen Boden
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt werden?
-Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige
-Ganges selbst hindurchflösse.</p>
-
-<p>Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den
-Tartaros ersonnen, dieses Füllen eines durchlöcherten
-Fasses. Neunundvierzig Unselige arbeiteten daran,
-teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein
-besorgen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien
-mir seine Ungebärdigkeit.</p>
-
-<p>Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem
-sogenannten »toten Punkt« gegenüber, ob der nun
-bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen Tempo
-zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in
-seinen äußeren Verhältnissen oder seiner inneren
-Produktivität, genug, wo und wann immer der tote
-Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in
-diesem Leben nicht vorbeikommt, er fand ihn unweise,
-ungebärdig, machte ihn verblendet und wild.</p>
-
-<p>Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten.</p>
-
-<p>Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag
-bei den Kindern zu verbringen, da ihre Kinderfrau
-fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue
-aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die
-Kinder beaufsichtigen. Ludo schlief und schnarchte
-wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen Augen
-hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein,
-immer ganz und gar erfüllt wollte er sein, wie sein
-Vater. Ich liebte dieses Kind sehr, es hatte für mein
-Herz irgend etwas, das mich ganz betörte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich
-ihm aus dem Bilderbuch »Jugendland« vorlas. Als
-wir aber fertig waren, mußte schnell etwas Neues
-ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes
-Verlangen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es waren aber auch schöne Tage in dieser
-unseren Gemeinschaft. Wir lasen zusammen die
-Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen
-zusammen durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer,
-Helmholtz, Mach. Dimitri studierte gern mit
-mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen
-hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt
-und vielleicht mehr davon hinter mir als er. Er hatte
-ja bisher in einer »Zwangsehe mit Frau Justitia«
-gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine
-wahre Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen
-können. Er hatte nicht viel studiert bisher.
-Und wußte doch viel, erstaunlich viel.</p>
-
-<p>»Ich habe alles <em class="ge">in mir</em>, alle Argumente, pro und
-kontra: die Gegengewichte aller Möglichkeiten!«</p>
-
-<p>Ja, besonders <em class="ge">die</em> hatte er in sich. Viel, viel hatte
-er in sich. Tausend Wege trafen sich da, in ihm.
-Ströme und Straßen trafen sich, gangbare Flächen
-waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame
-Höhen, wo man »Jäger sein« mußte und »gemsengleich«.
-Und Grotten, in die wunderbar war, zu
-blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde,
-wie jene nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten
-des Inferno hindurch mußten. Eine Welt
-war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige
-»Welt« sei: jener geheimnisvolle eingeborene
-<em class="ge">Ordnungstrieb</em>, jene <em class="ge">Stimme</em>, die die Elemente
-verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander
-bringt, in dem sie eines aus dem andern
-nehmen, wessen eines aus dem andern bedarf, bis
-aus den also <em class="ge">geordneten</em> Stoffen ein Bau ward!</p>
-
-<hr />
-
-<p>In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri
-konnte er sich über eines nicht genug wundern: über
-diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf mich!
-Das Studium der Philosophie, es regte mich immer
-&ndash; musikalisch an. Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis
-um. Je tiefer die Weisheit war, je heißer
-und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde
-mir's zum &ndash; Singen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Über Weiningers großes Werk waren wir in
-besonderem Eifer. »Wie willst <em class="ge">du</em> ihn denn kontrollieren?«
-sagte er, indem er meine sachlichen Einwendungen
-abwehrte.</p>
-
-<p>»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn
-kontrollieren kann.«</p>
-
-<p>»Wo denn?«</p>
-
-<p>»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst,
-&ndash; an der Wahrheit der Tatsache an sich
-&ndash; der Tatsache: Weib.«</p>
-
-<p>Aber wenn schon meine Argumente gegen den
-Weininger ihn nur ärgerten, mußte er doch zugeben,
-daß manches an meiner Person ihn einigermaßen <i>ad
-absurdum</i> führe.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>E</b>ine besondere Verachtung hatte Dimitri für
-Frauenbücher. Er analysierte sie mir im
-Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm
-sie vor und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe.</p>
-
-<p>»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des
-<em class="ge">Wortes</em>. Sie wissen nicht, was für ein furchtbares
-Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um, wie
-ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser
-herumspielt. Und, was das Schlimmste ist: sie
-haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern
-an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine,
-niedliche Motive haben sie. Aber gibt es ein Frauenbuch,
-um ein Problem herum, um ein ewiges und
-doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß
-man doch das Zeitliche rauschen hörte darin? Und
-Gestalten sähe? Gestalten <em class="ge">und</em> Gesichte? Fleisch
-<em class="ge">und</em> Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein
-Frauenbuch, empfangen in einem besonderen Rhythmus?
-In einem Rhythmus, der nicht geplant werden
-kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres
-Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?!</p>
-
-<p>Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie
-nur eine einzige Person sie schaffen konnte, keine
-zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja,
-was Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im
-Dorian Gray gab! Das sind Mußbücher, wie es
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein
-Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.«</p>
-
-<p>»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen &ndash;
-Priesterinnen waren! Es ›kam‹ über Pythia, es
-›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates belehren
-konnte über das Wesen des Eros.«</p>
-
-<p>»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber
-seit damals ist es eben nicht mehr über sie gekommen.«</p>
-
-<p>Ich nannte einen Namen: Lagerlöf.</p>
-
-<p>»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen.
-Aber neben <em class="ge">Gesichten</em>, die nur einem Einzigen
-werden, will ich <em class="ge">Gestalten</em> sehen, die der Zeit gehören.
-Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins
-Herz der Zeit, daß sie, die Zeit, auflachen und aufweinen
-müßte darüber, &ndash; wo wäre es, solch ein
-Frauenbuch?«</p>
-
-<hr />
-
-<p>So oder ähnlich, &ndash; ich habe mir die Worte nicht
-genau gemerkt, &ndash; sprach Dimitri über Frauenbücher.
-Ich glaube, es war viel Wahres an dieser
-seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher
-vielleicht, ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle
-explodieren ließ, ohne abzuwarten, bis das, was aus
-ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium« (o Weininger!)
-sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch
-eine Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose
-Kritik aufgerüttelt werden müssen.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; dann hätte sie entweder für immer
-verstummen müssen, &ndash; oder&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin!</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort!
-Jedes einzelne: ein bewußt herbeigeholter und behauener
-Quader. Jedes einzelne! Aber &ndash; als ganze
-Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier
-dräuend. Und wuchteten nieder, wie ein Bau, den
-keine Kuppel, keine Wölbung, keine <em class="ge">Weitung</em> von
-der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken
-scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein.
-Auch fehlten diesen Bauten oft die &ndash; Fenster. Innen
-war alles solid, gediegen, durchaus anständig und
-komplett eingerichtet. Aber die &ndash; Fenster, durch die
-man hätte herausblicken können ins Unbegrenzte,
-ins Freie, ins <em class="ge">andere</em>, die, ja die fehlten meistens,
-wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren
-Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des
-ahnungslosen Besuchers auftaten und ihn angähnten
-in undurchdringlicher Abgründigkeit.</p>
-
-<p>Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte
-Was war es, daß sie trotzdem bei denen, die
-für uns in Frage kamen, nicht eine volle Würdigung
-finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist,
-aus dem diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der
-verfallen schien, jenen Mächten verfallen, die wir in
-der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in den
-Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«,
-wie Beethoven selbst es nannte. In vier Noten klopft
-da das Schicksal an die Tür:</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p103i.png" alt="Musiknoten" /></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte,
-die die <em class="ge">lichte Lebensstimme</em>, die beschwörend,
-beschwichtigend hineinsingt in sie, &ndash; so süß, ach, so
-süß,&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p104i.png" alt="Musiknoten" /></p>
-
-<p class="in0">immer wieder überdröhnen.</p>
-
-<p>Ihnen gehörte er, &ndash; er konnte nicht anders.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod:
-Schottische Balladen.</p>
-
-<p>Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken
-hätte interessieren können, aber »geschrieben«
-war es! Die Kraft der Anschauung, die reinliche
-Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch
-wie notwendig sich ergebender Bilder, die er an
-Frauenbüchern immer vermißte, hier waren sie.</p>
-
-<p>Er las und &ndash; staunte. »Allerdings,« sagte er,
-»das hätte ich einer Frau nicht zugetraut! Allerdings.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café.
-Beide hinter Zeitungen vergraben. Plötzlich fährt
-Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen« (warum
-soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde
-umsehen, da dieses alte von so anschaulicher Kraft
-ist?) empor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt
-in einem Tempo über den Tisch, daß ein Wasserglas
-davor herunterfliegt. »Da, da!«</p>
-
-<p>Was war da?</p>
-
-<p>Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher
-Stirn, klugen Augen und stattlichem Vollbart und
-darunter stand: Fiona Macleod.</p>
-
-<p>So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem
-ganzen Leben nicht gehört!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte
-er. Ja, welche Fehler waren denn das?</p>
-
-<p>Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht
-auffinden, und dennoch weiß ich, daß er nicht ganz
-unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es war,
-glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in
-mir hervorrief. Und nicht nur indem ich ihm entgegen
-war, sondern auch, indem ich &ndash; schmiegsam
-war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht
-zu dem gewünschten Austausch in Harmonie. Daß
-er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte auf mich
-zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war,
-was ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von
-gestern zu entsprechen. Als zerwühlend empfand ich
-es schon damals triebhaft, &ndash; diesen verwirrenden
-Wirbeltanz mitgemacht zu haben.</p>
-
-<p>Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur
-möglich? Ja, warum war es mir, da ich mit ihm war,
-nicht anders möglich, als eben so?</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun
-wieder besonders kräftig. Dieses Hinschwingen zu
-ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen hatte,
-noch bevor er mich kannte, &ndash; es zeigte so recht
-seine Not über die verwirrenden Geschehnisse, sein
-Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine neue
-Liebe im Gemüt zu einen &ndash; mit der unterdrückten
-Liebe zur eigenen Frau.</p>
-
-<p>Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe
-Schmerzen erzeugen &ndash; diese Trennung von den
-Kindern und von ihr.</p>
-
-<p>Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen,
-Gefühlsgedächtnis (denn für abstrakte Gedankenketten
-war sein Gedächtnis sehr stark). Der
-Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der
-Vergessende &ndash; der Ausgelieferte.</p>
-
-<p>Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das.
-Eng verknüpft mit Treue. Treue &ndash; eine Kraft der
-Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des Gehirns. Alles
-Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert
-sie ab, als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber
-setzt Fülle voraus, Fülle und Sammlung, die festhält,
-ökonomisch anlegt, nichts verschüttet und nichts verrieseln
-läßt. Treue ist <em class="ge">Abgrenzung im Gefühl</em>,
-und hier waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte
-zu sehr von Theorien.</p>
-
-<p>Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die
-Leute rein blöde mache. Sie fanden sich nicht mehr
-zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste der,
-der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein
-Intellektueller, bei dem durch den Intellektualismus
-der »innerste Sinn« nicht gelitten hätte, dieser Sinn,
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-der von der hohen Instanz der <em class="ge">Gefühle</em> dirigiert
-wird, ein Intellektueller, der <em class="ge">doch</em> vernünftig wäre,
-&ndash; das war mein »Ideal«, das ich seit Jahren suchte!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eines Abends, während er bei mir war, nannte
-ich &ndash; deinen Namen. Ich hatte am Vormittag ein
-Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört.
-Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft
-an meinem Hochzeitstag.</p>
-
-<p>»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du &ndash; nennst
-einen fremden Namen, einen fremden Männernamen,
-du &ndash; du!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte
-sich. Er war kein Liebloser. Nur ein Ungebärdiger
-war er. Aber aus dieser seiner erschreckenden Ungebärdigkeit
-kam all dieses Zerstörende. Er war ungebärdig,
-selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber.
-Wenn etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen
-war, zum Beispiel unser Zusammensein, nun
-<em class="ge">mußte</em> es anders sein! Er hätte es nicht ertragen,
-wenn es heute wieder schön gewesen wäre!</p>
-
-<p>Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal
-schön gewesen war, es heute anders sein &ndash;
-mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine
-Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle.</p>
-
-<p>Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit &ndash;
-Helene. Mit mir?</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom
-ersten Bekanntwerden bis zum letzten Fallen des
-Vorhangs &ndash; hundert Tage. Und welch' eine Fülle
-war in dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen.
-Wie war sie da schon ganz und gar gewährt.</p>
-
-<p>Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein
-dreimal dreißig &ndash; Jahre?</p>
-
-<p>Hundert Jahre fühlte ich über mir!</p>
-
-<p>O mein Elba!</p>
-
-<p>Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein
-halbes Jahr ist seit deinem ersten Besuch verflossen.
-War es gestern? Es muß gestern gewesen sein. Ein
-erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer
-so gewesen. Hold und zeitlos ist das, was zwischen uns.</p>
-
-<p>Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich
-dir von Dimitri und meinem Leben mit ihm sprechen,
-Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch herunterfließt.
-Unendlich ferne liegt es hinter mir und
-zittert doch noch nach&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du
-wirst alt an diesem Mann«, sagte meine Mutter.</p>
-
-<p>Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«,
-dessen Winkel er immer »schwebend« sehen wollte,
-ach, er preßte sich zusammen unter dem, was aus
-<em class="ge">seinem</em> Munde kam. Und die Mundwinkel, die
-»schweben« sollten, sanken &ndash; traurig und vergrämt.</p>
-
-<p>Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er
-mir nicht genügend Sicherheit für mein Frauenbedürfen
-und zu wenig Gewähr. Unsicher in seinem
-Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-bis zu Überzeugungen festigten, unsicher in der
-Beobachtung, unsicher in seinen verschiedenen einander
-so widersprechenden Anschauungen, mischten
-sich doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu
-einer Persönlichkeit von unerhörter Tragik und Gewalt,
-der niemand die Erkennung versagte und niemand
-den Gruß am Weg und die doch noch nicht
-begnaden konnte, weil sie noch nicht die ausgleichenden
-Kräfte der Reife hatte und daher im
-augenblicklichen Gefühl zerstob&nbsp;...</p>
-
-<p>Auch in der äußern Form entbehrte er manches,
-auch sie entnahm er zu sehr dem Augenblick, ohne
-ihre Bedeutung genügend zu würdigen.</p>
-
-<p>Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend
-für die Frau. Er hätte mich mehr beschützen müssen,
-aber er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und
-so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und
-schutzlos.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von
-gestern zu heut. Thmyan, die Hetäre, Rebekka, die
-Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine, schlanke
-Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine,
-ach so wenig verläßliche Gunst.</p>
-
-<p>Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen,
-jedem Tag einem anderen Idol.</p>
-
-<p>Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu
-mehren, um das was &ndash; <em class="ge">ich</em> war.</p>
-
-<p>Eine »Herrin«, die sich <em class="ge">nicht</em> von ihm zerstören
-ließe, so sagte er einmal, wäre sein Ideal.</p>
-
-<p>Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn
-eine selbst die Schönheit einer Venus und das Temperament
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-einer Bajadere hätte &ndash; und die Heiligkeit
-einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach
-dem fehlenden begehren.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was
-immer er sah, hörte, las, erfuhr, er war's, den es
-betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis wurde
-daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das
-tänzelnde, leichtgeschürzte weibliche Element war drei
-Tage lang sein Ideal. So etwas, was man »bewachen«
-müßte.</p>
-
-<p>Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das
-wir sind, die da oben?« fragte er mich im Zwischenakt,
-und sein »strenges« Gesicht verhieß mir nichts
-Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen
-werden müßte!</p>
-
-<p>»Siehst du nicht, daß das wir sind?«</p>
-
-<p>Nein ich sah es nicht.</p>
-
-<p>Und er war es wirklich, der das alles war. Alles
-und &ndash; nichts? Nein. Etwas immerhin. Viel! Aber
-&ndash; ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form.
-Er zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte
-er selbst von sich zu sagen. Nein. Aber gestaltlos,
-ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den geheimnisvollen,
-eingeborenen, unerwerbbaren <em class="ge">Willen zur
-Form</em>.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele &ndash; in
-unendlichen Ausstrahlungen. Andre wollen umgekehrt:
-sammeln, begrenzen, abschließen, bergen,
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-festigen. Und so wollten wir Entgegengesetztes und
-begegneten uns nur selten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien,
-war doch da in ihm: sentimental war er zu Zeiten,
-pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals),
-und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«.
-Daß er seine erste Ehe gelöst hatte, schien ihm eine
-ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in der Welt
-hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch
-legte er sie tagtäglich auf den immer geheizten
-Rost seines Gewissens. Er wurde aber nie fertig mit
-dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der
-zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst
-einen freundlichen, erträglichen Ton fand, seit er von
-ihr fort war und die er in dieser Ehe zerstört hatte
-bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, &ndash;
-wäre er bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht
-minder geröstet wie sein Gehen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor.
-Etwas wie eine geheime Gehässigkeit lag zwischen
-uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in meiner
-Gegenwart, sagte ich: »Das ist <i>mauvais genre</i>,
-lieber Dimitri,« ich sagte es sehr sanft, »durchaus
-<i>mauvais genre</i>.«</p>
-
-<p>Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern,
-als wenn ich ihm auf diese Weise weltlich kam.
-Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio,
-zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-tun. Obwohl er mein Bruder ist. Es zeigt, nun
-wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht
-von &ndash; Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art
-von Courtoisie, sitzt eben im Blut.«</p>
-
-<p>Er warf mir einen Blick zu, &ndash; wenn Blicke töten
-könnten! Aber, suggestibel wie er war, hatte er
-von Stund an Respekt vor meinem &ndash; Geblüt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding
-<em class="ge">nicht</em> war, wußte er am ehesten davon auszusagen.
-»Nichts behält neben ihm den eigenen, unbedingten
-Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer,
-immer wollte und brauchte er »Auseinandersetzungen«.
-»Intensiv« sein, nannte er dieses Herumwühlen in
-dem &ndash; Innersten der Seele. In Wahrheit war es
-eine, wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die
-alle diese Szenen entlud.</p>
-
-<p>Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin
-heil blieb.</p>
-
-<p>Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund
-des Subjektes« (Goethe). Jene Gegend, die, meiner
-Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor sich
-selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling
-zu Sais erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte!</p>
-
-<p>Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das
-Symbol zerstört. »Alles Vergängliche ist nur Gleichnis.«
-Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen,
-dann fahr' wohl, Kunst!</p>
-
-<p>»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein
-anderer, Wilde. Ein tiefes Wahrwort. Darin, daß
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines Gleichnisses,
-eines Bildes (also immer wieder nur durch
-Vergleich mit einem anderen Ding) dichterisch sinnfällig,
-anschaulich gestalten können, darin liegt ein
-Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung
-seiner Oberfläche, von allen ihren zahlreichen
-Seiten, nahekommen können.</p>
-
-<p>Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung,
-die »tiefer« dringen will, als zum Symbol, im Irrsinn
-scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen
-vor sich selbst!</p>
-
-<p>Das wollte er nimmermehr begreifen. Das
-heißt, theoretisch begriff er es wohl. Aber praktisch
-ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes
-war sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem
-anstrengenden Pfad seine Begleiterin.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte
-und wühlte und ich laut schluchzend neben ihm ging.</p>
-
-<p>Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar
-für solche, die so etwas nicht erlebt haben.</p>
-
-<p>Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs
-Sofa. Er deckte mich mit einer Decke zu, legte mir
-einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee, den
-er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich
-und spielte ganz leise, pianissimo, oft auch nur mit
-zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie Mandoline), auf
-der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein
-Gesicht. Seine blauen Augen schienen unnatürlich
-groß und flackerten dunkel.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Keiner von uns beiden hätte das Substrat des
-»Streites«, der aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt.</p>
-
-<p>Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise.
-Er saß und zupfte die Fiedel, pianissimo.</p>
-
-<p>Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri
-Gruschk und ich.</p>
-
-<p>Stunden vergingen so&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eines Tages kam er: »Sprich nicht, &ndash; deine
-Worte sind umsonst! Schau nicht, &ndash; deine Blicke
-sind umsonst! Ich bin leer, leer.«</p>
-
-<p>Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über
-uns geschwebt hatte, war also richtig hereingebrochen:
-Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«? Unmöglichkeit.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>U</b>m diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief
-von seiner Schwester, die in Zürich Medizin
-studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam
-auf der Durchreise nach der Heimat nach Wien und
-hatte hier eine Erbschaftsangelegenheit zu ordnen.
-Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat beistehen.</p>
-
-<p>Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in
-Anspruch, daß er manchmal nur auf einen Sprung
-zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in
-ihrer Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch
-»als Mensch« brauchte sie ihn, wie er mir sagte.</p>
-
-<p>So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich
-die russische Studentin in lebhafter Konferenz mit
-Dimitri.</p>
-
-<p>Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte
-sich überhaupt sehr freundschaftlich um sie. Er habe
-eine wahre Verehrung für dieses Mädchen, sagte er
-mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so
-»moralisch leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller
-Horizont sei begrenzt. Aber die »Moral«
-sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei
-Männern für möglich gehalten. <em class="ge">Sie</em> verstehe, was
-es heiße, »an sich selbst schuldig werden«. Sie war
-ein »Adelsmensch«.</p>
-
-<p>Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei
-Kritik üben, denn mir gegenüber gab sie sich ja nicht
-zu erkennen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre
-Idol für die Sehnsucht des Mannes hinstellte, so
-nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im Weibe
-verkörperte »ethische« Prinzip.</p>
-
-<p>Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender«
-Mann könnte für sie in Frage kommen,
-hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie hinzugefügt:
-ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell
-und moralisch genügen könnte? Sie habe sich darauf
-gefaßt gemacht, »einsam« zu bleiben, weil sie nicht
-»besser« sei!</p>
-
-<p><em class="ge">Und Dimitri sagte</em>: »Hast du dich jemals gefragt,
-ob du einem solchen Manne genügen könntest?!
-Hast du dich jemals bemüht, <em class="ge">besser</em> zu sein?!«</p>
-
-<p>Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du,
-für den ich diese Blätter schreibe!</p>
-
-<p>Er sagte es wörtlich, Johannes!</p>
-
-<p>Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen
-schreibe. Mein Gesicht ist über und über bedeckt davon.
-Meine Hand zittert, &ndash; ich kann nicht weiterschreiben
-für heute.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Unter meinen Freunden befand sich auch ein
-Schauspieler, der von Zeit zu Zeit öffentliche Vortragsabende
-veranstaltete, an denen man sicher sein
-konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt
-zu erhalten. In dem Geschäfts- und Snobgetriebe
-der Literaturhyänen der Großstadt bildeten
-diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung
-und Verständnis der <em class="ge">Lyrik</em> tat dieser Künstler viel.
-Er sprach auch oft mit Dimitri und mir über das
-Wesen der Lyrik, dieser, nach der Musik unmittelbarsten
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs
-der <em class="ge">künstlerischen Exstase</em>, &ndash; <em class="ge">der
-Stimme</em>.</p>
-
-<p>Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher
-und notwendiger Poesie unterscheiden. Und
-an solchen <em class="ge">echten</em> Produkten nicht vorüberzugehen,
-wie jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein
-Kunstwerk zu sich nimmt wie ein Glas Bier und
-weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.</p>
-
-<p>In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei
-nichts zu verspüren. Frei und doch notwendig finden
-sich die Verse zueinander, ohne daß Umstellungen,
-Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim
-zuliebe notwendig wären. Es fließt dahin wie edle
-Prosa und doch nicht Prosa. Neue starke, seltsame
-Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in lauter
-Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte
-es noch so glatt, macht aber noch kein Gedicht:
-der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt erscheinen.
-So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche
-Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des
-Ganzen. Erst diese Logik verleiht jedem Bilde <em class="ge">Macht</em>.
-Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes,
-es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn,
-hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt doch leicht und
-lieblich &ndash; und geheimnisvoll. Und er demonstrierte
-diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.</p>
-
-<p>Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum
-zu vermitteln. Erst dann könne es ermessen, was
-ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf, darin
-niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris
-Gedichte. Ich selbst hatte niemals ein Gedicht gemacht.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen
-Abend erhalten. Dimitri kam, mich abzuholen. Er
-teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin abgetreten,
-er selbst werde sich ein anderes an der Kasse
-besorgen. Im Saale würden wir sie treffen. Ich
-fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen sei, mich
-abzuholen.</p>
-
-<p>»Sie &ndash; sie findet keinen Kontakt mit dir.«</p>
-
-<p>»So.«</p>
-
-<p>Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in
-ihnen den Blick, den Helene hatte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends,
-sprachen wir den Vortragenden im Künstlerzimmer.
-Wir hatten einander mehrere Wochen nicht gesehen.
-Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah
-mich schweigend an, dann sagte er: »Wenn man
-wissen will, was Zerstörung ist, so braucht man nur
-Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick
-auf Dimitri.</p>
-
-<p>Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche
-Mann war unhöflich gewesen. Endlich fand man
-einige Worte zum Thema des Abends.</p>
-
-<p>Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil
-er mich zerstört sah. Wie kann man sich so nur blicken
-lassen, &ndash; mag er sich wohl gedacht haben.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden
-Sonntag besuchen. Die »Fünfte« war zu hören.
-Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte
-Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir
-sollten uns vor dem Musikvereinssaal treffen. Giorgio,
-Helene und ich warteten vergeblich auf Dimitri. Er
-kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er
-war sonst verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten
-unsere Karten und gingen hinein. Eine mir selbst
-nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was
-war vorgefallen, warum war er nicht da?</p>
-
-<p>»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.</p>
-
-<p>»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.</p>
-
-<p>Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf
-setzte ein. Hoffnung blitzt auf in dem wilden
-Getümmel. Die Violinen tragen sie durch zwei
-Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die
-Zweifel mischen sich hinein, Flöte, Klarinett und
-Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang. Aber
-die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der
-Bedrückung immer wieder heraus, sprengt und durchbricht
-ihre Gruft: Triumphlied der Posaunen.</p>
-
-<p>Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich
-war überzeugt, ein Unglück müsse geschehen sein.
-Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich meinte:
-einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie
-waren allein zu Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß,
-was da geschehen war.</p>
-
-<p>Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen
-hinauf, rüttelte an der Glocke.</p>
-
-<p>Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder
-friedlich schlafend in ihren Bettchen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig
-die rosigen Füßchen, die der kleine Elias unter
-der Bettdecke hervorstreckte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich fragte in seiner Wohnung an.</p>
-
-<p>Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen
-Hut und Mantel im Vorzimmer hängen.</p>
-
-<p>»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und
-stellte sich breit vor mich hin.</p>
-
-<p>Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite
-und ging direkt auf Dimitris Türe zu, klopfte
-und drückte die Klinke nieder.</p>
-
-<p>Aber die Türe gab nicht nach, &ndash; sie war versperrt.
-Drinnen aufgescheuchte Stimmen, erschrecktes
-Geflüster, &ndash; Dimitri und die ethische Dame aus
-Rußland.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam
-und beinahe heiter durch die Straßen. Ich weiß
-nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte
-ich mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen
-nach, als darin Platz fanden. Mich fror sehr. Der
-Herbst war naßkalt und neblig.</p>
-
-<p>Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht
-warm genug für mich. Schließlich hüllte ich mich in
-Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe
-neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel
-Wilhelm von Humboldts mit seiner Braut und
-Frau&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses
-Läuten: Dimitri. Das hatte ich nicht erwartet.</p>
-
-<p>Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen,
-klinkte die Türe auf und ging zurück in mein Zimmer.
-Er folgte.</p>
-
-<p>Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich
-obdachlos herumgetrieben, kam er mir vor. Seine
-Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im
-Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach
-er in Schluchzen aus. Als wollte er sein Gesicht
-verbergen, warf er es in meinen Schoß.</p>
-
-<p>Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn
-mit den besten Worten, die ich fand.</p>
-
-<p>Er blieb lange so, dann gestand er alles.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine
-empfindliche Natur; für sensible Menschen gibt es
-in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es ist
-immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe.
-Geschieht sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein
-Chock, eine Verwundung des innersten Wesens zurück.</p>
-
-<p>Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden.
-Ich hatte verziehen und ohne merken zu lassen, <em class="ge">daß</em>
-ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß ich
-etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch
-zerfaserte er jede meiner Äußerungen. Überall vermutete
-er Scheu und Überwindung.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte
-Gemüt zu »wirken«, mit allen Mitteln, ach! »Wozu
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-sonst bist du gut, &ndash; <em class="ge">Stimmlose</em>,« dachte ich bei
-mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Du &ndash; du Frau, &ndash; ich weiß nicht, &ndash; ich werde
-immer verwirrter. Wenn ich von dir bin, &ndash; habe
-ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht, warum.
-Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach
-Glück. Ich weiß nichts mehr, ich weiß nichts
-mehr.«</p>
-
-<p>Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah
-ihn an, voller Weh: »Dimitrino!« Lange, lange
-hatte ich ihn nicht mehr so genannt.</p>
-
-<p>Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub
-seinen Kopf in meinem Schoß und weinte da
-bitterlich.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen
-gehabt. Oft geschah es, daß ich nachts erwachte,
-in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren
-Druck im Herzen.</p>
-
-<p>Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über
-seine Leiden. Er war sehr zart, disponierte zu
-Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst
-darüber.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen
-führen solltest, wie Liebe tut, &ndash; es wird dir oft
-salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der
-Art, die Schopenhauer mit dem Welschwort benennt,
-dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.</p>
-
-<p>Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches
-Leid, das schier alle Kreatur zu umfassen sich sehnt,
-ist in solcher Liebe: Pietà.</p>
-
-<p>Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser
-meiner Liebe zu ihm.</p>
-
-<p>Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in
-dieser meiner Liebe zu ihm.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Immer fremder, immer unheimlicher wurde es
-zwischen uns. Ein Dunkles war da, ungreifbar.
-Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene
-Stunden, &ndash; wo Menschen sonst alles vergessen. Er
-nahm mir die Unbefangenheit &ndash; auch da! Das
-Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann
-gesagt werden, was von ihm einer Frau geschehen
-kann.</p>
-
-<p>In den letzten Tagen vor meiner Abreise, &ndash;
-wie sie zustande kam, wirst du erst später erfahren,
-&ndash; in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten ja
-hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts
-Gutes mehr von Dimitris Munde. Seine Arbeit
-lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner
-Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder
-andere auch. Aber wo fand ihn ein toter Punkt je
-weise?</p>
-
-<p>Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene
-Sinnlichkeit in ihm. Schöne Frauen und
-hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, &ndash; er
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am
-liebsten. Und er erzählte es mir, er schilderte mir
-diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen,
-»objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.</p>
-
-<p>Und ich blieb &ndash; objektiv. Hörte das alles, entgegnete
-darauf ganz »sachlich« und nahm es alles
-&ndash; ernst.</p>
-
-<p>Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie
-ertragen, diese Art »Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet.
-Nur Unabhängige ertragen diese Abhängigkeit
-und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem
-Weibe lächelnd beide Hände: Binde mich, du!</p>
-
-<p>Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte
-ich dich, lasse mich wieder einwohnen in der Heimat
-deines Herzens!«</p>
-
-<p>Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir
-abhänge, du Geliebte! Das habe ich in dieser Zeit
-wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie
-ihn auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein
-wahrer Ernst ist nicht dabei! &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; O glaube!
-glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!«</p>
-
-<p>Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen.
-Wohl mir, daß ich es bin!«</p>
-
-<p>Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es,
-ist es zu Ende mit mir und mein Licht ist ausgeblasen.«</p>
-
-<p>Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit«
-geraten waren, sondern, die Sonderbaren,
-alle Throne der Welt hätten sie ausgeschlagen
-gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk
-selbst, es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen
-Lebenswert. Ein Wagner nannte sein Werk &ndash; <em class="ge">sein</em>
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Werk! &ndash; unernsthaft gegen diesen Ernst seiner
-Liebe.</p>
-
-<p>Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten
-nicht nur diesen Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere
-als ich ihm diese Bewußtheit und Seligkeit und darum
-Erlösung wird geben können? Ich glaube es
-nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte.
-Die Sphinx mit der Tatze sollte kommen und sein
-Bewußtsein betäuben. (So wünschte er sich's: Untergang
-in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung zusammengefallen
-mit Vernichtung. Die Melodie
-der dunkeln Mächte behielt die führende Stimme
-in ihm, nichts konnte sie übertönen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich
-neue Wurf ins Ungewisse, war <em class="ge">mit</em> Schuld an seinen
-tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein
-Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die
-bleiche Brotangst die Kehle zuschnürt, &ndash; ein Unding
-ist's, ein grausames, widersinniges Unding!
-Denn das Material, das kostbare, geht dahin in
-diesem verzweifelten Ringen mit ihr, der bleichen,
-der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn
-der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer
-Sorgen hat, so wird ihm doch nicht sein Holz oder
-sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der Sänger
-ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste
-Sorge sein Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Material: <em class="ge">die Stimme</em>. Das Zarteste im
-Menschen, das <em class="ge">Tönen</em> seiner Seele, &ndash; <i>anima</i>, die
-Stimme wird gebrochen von der Not.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren
-diese Stimmen? Warum duldet ihr, daß sie
-in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet
-ihr sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden?</p>
-
-<p>Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer
-Not und Jammer sie zu ersticken und zu erwürgen
-drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen
-überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft!</p>
-
-<p>Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die
-vernehmbarsten Stimmen der Nation?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre
-an seiner Bestimmung, an seiner Berufung. Irr und
-wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte. Sünde
-und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten
-Fingern.</p>
-
-<p>Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein
-Schicksal mit diesem Elend verknüpft?« Meine Sache
-war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen mochte
-über ihn, &ndash; von außen und aus ihm selbst. Tragen,
-tragen.</p>
-
-<p>Aber das erstemal kam ich auf den Grund des
-Begriffes »Irrsinn«.</p>
-
-<p>Irr &ndash; irr &ndash; ich wußte nichts mehr. Nichts
-mehr von mir vor allem. Zerpflückt und zernagt
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst?
-Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit?</p>
-
-<p>Und keine <em class="ge">Stimme</em> war da, das war das
-Schlimmste. Die Stimme, die Stimme, sie schwieg
-mir, &ndash; die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes <em class="ge">besaß</em>
-mich, es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war
-in Besitz von etwas anderem, &ndash; Dunklem, Fremdem,
-Grauenhaftem, Unerklärlichem, &ndash; ich hatte mich
-nicht mehr, es <em class="ge">besaß</em> mich, und konnte mit mir
-machen, was es wollte.</p>
-
-<p>Irrsinn &ndash; Besessenheit&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich muß es tragen, &ndash; so hatte ich mir gedacht.
-Aber es kam anders.</p>
-
-<p>Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel.
-Es gab ja keine Stunde des Friedens mehr. Ich
-war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich
-weiß, daß ich aufschrie und meine Hände ballte
-gegen ihn.</p>
-
-<p>»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann
-nicht aufkommen für dein Elend. Ich richte Unheil
-an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich an«
-&ndash; und er riß mich beinahe zum Spiegel&nbsp;&ndash;, »du
-bist nicht wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die
-ich vor drei Monaten sah? Warum läßt du dich
-denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich
-zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt
-habe, dafür verachte ich euch alle zusammen.</p>
-
-<p>Und was habe ich denn davon. <em class="ge">Furcht</em> habe
-ich vor dir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Es blieb totenstill.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob.</p>
-
-<p>Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden
-Halbdunkel und hörte, wie er mit
-rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend,
-mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir
-zurief: »Maja, rette dich vor mir!«</p>
-
-<p>Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die
-mir rieten, zu fliehen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden
-geholt. Aber nicht gepackt wie sonst, wo sorgliche
-Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt, hineingeworfen
-wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur
-schnell. In drei Stunden war ich reisefertig.</p>
-
-<p>Und als mir, während der Zug an der Donau
-dahinbrauste, die Türme von Wien verschwanden, da
-holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes,
-schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten,
-aber nicht der Werdenden!</p>
-
-<p>Und ich fuhr dahin &ndash; in ein härteres Klima.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>I</b>ch kam hier an. Ich schrieb einen Brief an
-Dimitri. »Da es aus sein soll, soll es ganz
-aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange
-keine von mir.« &ndash; Er ist frei, wie er es im Grunde
-sein wollte und wohl auch sein muß. Unser »Eheband«
-wird keinen von beiden stören. Braucht einer
-von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder,
-so wird er keiner Schwierigkeit beim anderen begegnen.
-Auch die Grimasse der »Freundschaft« wollen
-wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn
-die Liebe geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit
-Zwerghaftem, das in seiner Art ganz und heil ist &ndash;
-dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten«&nbsp;&ndash;,
-als daß ich den Torso von etwas, das größer war,
-als dieses Zwerghafte, mit mir weiterschleppe. Auf
-den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand &ndash;
-eine Handvoll Asche &ndash; Einsamkeit.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält
-sich an meinen Wunsch. Auch ich gebe keine. Wozu
-Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug.
-Wir wissen alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen,
-uns wiederzufinden, &ndash; nicht einander wiederzufinden,
-nimmermehr! &ndash; sondern jeder sich selbst wiederzufinden,
-<em class="ge">frei</em> vom andern.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Gute Genien waren um mich in dieser Stadt.
-Große, stolze, gleichgültige Stadt. Gibt Raum dem
-Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien,
-da fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand
-es nicht, dieses Wien, da ich darin festsaß. Ich
-litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag.</p>
-
-<p>Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen,
-&ndash; Himmelsmanna der werdenden Seele, die »gläubiger
-und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg
-sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen
-Kräfte, derer die Zarte, <i>anima</i>, bedarf?</p>
-
-<p>Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen
-äußeren Lage meines Lebens, jemals in innerer
-Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich
-hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet
-war meine Situation zeitweilig, innerlich und äußerlich.
-Ich glaubte kaum je wieder herauszukommen
-aus solchem Zusammenbruch.</p>
-
-<p>Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige
-denn, daß eine Hand sich mir entgegengestreckt hätte.
-Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so: komme
-herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene,
-innere Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine
-und erlöse dich selbst, o messianische Seele, oder &ndash;
-bleibe unten und vermodere.</p>
-
-<p>Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Irgendwo müßte es doch jemanden geben,
-dachte ich mir immer, von dem es einen nicht fortschleuderte,
-bei dem man gern und willig bliebe.
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-»Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für
-dieses Fortwollen, Fortmüssen.</p>
-
-<p>Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang,
-als den zu finden, über den ich <em class="ge">nicht</em> »hinauskäme«.
-Von dem ich nicht hätte &ndash; wegreisen wollen.</p>
-
-<p>Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte
-mich fort von ihnen. Wo wäre ein Mensch, zu dem
-man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke
-sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so
-schön!«</p>
-
-<p>Einmal einem solchen »Menschen« begegnen
-und mit ihm verbunden sein, einmal nichts Häßliches
-erleben an einem Menschen, und gefeit wäre
-ich gegen alle Gefahr, &ndash; gegen alle Versuchung, auf
-falsche Geleise zu geraten, wenn ich es einmal nur
-erlebte!</p>
-
-<p>An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen
-fertig geworden. An einem einzigen, resoluten
-und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer
-abwenden und weitergehen müssen &ndash; in Einsamkeit.
-Und meine Treue blieb unbelohnt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung
-überkam mich öfters. Diese Versuchung &ndash; abzuschwören
-den Glauben, mit dem ich geboren war.
-Zur wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören
-zu glauben an mein &ndash; Eiland. Zu kapitulieren,
-bevor alle Meere durchkreuzt waren.</p>
-
-<p>Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen
-Glauben daran. Und meine Abschwörungsformel
-hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche,
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf
-Deinen Traum von einem Eiland irdischer Seeligkeit!
-Es gibt nicht das, was du dir vorstellst.
-Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme,
-wo du sie findest, und erwarte nichts weiter von
-denen, denen du in diesem Sinne begegnest.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von
-denen ich die meisten verrinnen lassen mußte,
-sie, die das Leben mit sich führen und es mir zuströmen
-sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie
-verrannen mir, sie verrieselten im Sand, im Nichts.
-Und eilig, eilig geht es mit solchen verschütteten, verrinnenden,
-versandenden Tagen!</p>
-
-<p>Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare
-Lebenssaft, der Lebenstropfen, der <em class="ge">Tag</em>, und nichts
-<em class="ge">wird</em> durch ihn!</p>
-
-<p>Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die
-Tage so verströmen sah und doch nichts, nichts daran
-ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein. Es
-gab nichts anderes, als &ndash; warten. Man mußte sich
-hineinsetzen, die Hände im Schoß, und warten, warten,
-ob nicht doch angespült würde von ihnen, den Tagen,
-angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, &ndash;
-Leben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie
-ich es auf dem ersten dieser Blätter sagte. Schleifen
-und verschütten und begraben unter sich selbst. Sie
-wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen,
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Monaten, so lange, bis jene Kraft, welche Grüfte
-sprengt, auch diese Leichenhaufen toter Tage, unter
-denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und
-aus ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann
-immer breiter und breiter, bis sie nicht mehr zu verdrängen
-und zu verschütten ist und, erlöst, sich <em class="ge">über</em>
-den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen.
-Ich wußte, daß vieles zu erfahren sei. Aber niemand
-konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte eben
-selbst &ndash; erfahren werden. Man mußte es selbst
-herausbekommen, das Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich
-hinzusetzen sei, auf daß man schön und sicher
-stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke!
-Zickzackwege, von denen keiner ein Ziel hatte, als
-das, wieder zurückzuführen auf die &ndash; Linie. Aber
-die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine
-Straße und man kam doch weiter und weiter auf ihr.</p>
-
-<p>Wanderjahre!</p>
-
-<p>Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter.</p>
-
-<p>Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den
-Wegweisern zu sich geboren sind! Das <em class="ge">Ideal ihrer
-Linie</em> führt sie, trotz allen Zickzackgeschlängels, immer
-wieder &ndash; zu sich.</p>
-
-<p>Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige
-Biegung zu einer Hauptlinie haben. Deren Wege
-in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein Zurück
-mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe
-zerschellen. Oder in die Runde führen, ohne auffindbare,
-ruhende Ausgangsstelle, ein narreteiendes
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen
-münden. Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend
-und den armen Läufer zu Tode hetzend. Betörend
-und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, &ndash;
-wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach
-buddhistischer Vorstellung, alle die durchirren müssen,
-die dem Sakyasohne nicht nachwandeln &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-oder zu Christus nicht finden.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>W</b>ie wild mein Leben doch eigentlich aussieht!
-Und dabei bin ich eine so treue, kleine Klette.
-Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß,
-hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig
-sein. Und ich hielt ja auch aus, &ndash; ach &ndash; so ewig
-wie möglich!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen
-Blättern.</p>
-
-<p>»Für <em class="ge">wen</em> aber führt sie diese Blätter?« Ja,
-das ist das Geheimnis. »Wo ist der Freund, von
-dem sie immer spricht?«</p>
-
-<p>Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das
-Buch um, dreht es nach allen Seiten, und vielleicht
-merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Freund kam in das Buch, der Freund kam
-in das Leben, &ndash; <em class="ge">während</em> ich plauderte. Er trat
-ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß <em class="ge">er</em>
-es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern
-merken lassen sollen, früher, da ich es doch selbst so
-spät merkte.</p>
-
-<p>Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich
-Sie nun wiedersehe, nach so vielen Jahren! Wie
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen
-seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah,
-&ndash; an Ihrem Hochzeitstage?«</p>
-
-<p>Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen.</p>
-
-<p>Auch daß ich meine <em class="ge">Stimme</em> verloren hätte,
-erzählte ich ihm. Aber das wollte er nicht glauben.</p>
-
-<p>Und da er ein Musiker ist und ein Meister &ndash;
-nahm er sich meiner Stimme an. Musik kam mir
-von ihm. Und er rief und lockte die <em class="ge">Stimme</em>.</p>
-
-<p>Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm
-gekommen war, &ndash; da schien mir's, als wäre ein
-Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes
-und Stechendes aus meiner Kehle genommen.</p>
-
-<p>Frei und rein erklang der Ton.</p>
-
-<p>Und da sagte er: »Siehst du&nbsp;&ndash;«, und aus seinen
-Augen floß in mich, was nur mir gehörte, mir ganz
-allein.</p>
-
-<p>Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und
-von meinem Leben zu erzählen. Ihm sollte ich es
-erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte.</p>
-
-<p>Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart
-sich berühren, sollte ich ihm das Buch führen.</p>
-
-<p>Der Augenblick ist da.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Zweiter Teil.</h2>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>S</b>o sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es
-an dich richte. Darum bist auch du es, an
-den ich alles schreibe, sage, denke, &ndash; singe. Ohne
-diese Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe,
-nie schreiben können. Ich hätte den Rhythmus nicht
-gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton. Indem
-mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir
-die Stimme. Die in der Kehle und jene andere.
-Sind sie denn nicht eines?</p>
-
-<p>Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle.
-Es war sein Unglaube, verstehst du? Er hat zuviel
-gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser Mühle
-des Zweifels formlos.</p>
-
-<p>Du, du gibst ihr &ndash; Form. Form und Ton.</p>
-
-<p>Und das, gerade das will die Seele: Form werden.
-Das ist ihre Erlösung, wie der Stimme Erlösung ist,
-zu tönen, Melodie zu werden.</p>
-
-<p>Form und Ton gibst du mir, ihr!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen.
-In einem Fach des Schreibtisches hatte ich es liegen,
-das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild,
-ein Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber
-wie es darin war, schien es mir ganz trüb und befleckt.
-Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts,
-das Glas blieb fleckig, trüb.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris
-Bild lag daneben auf dem Tisch.</p>
-
-<p>Du kamst dazu.</p>
-
-<p>»Du weinst?«</p>
-
-<p>»Ja, &ndash; es will nicht blank werden, das &ndash; das
-Glas.«</p>
-
-<p>Und du hast mir geholfen, &ndash; hast den Rahmen
-angehaucht und das Glas geputzt.</p>
-
-<p>»Er &ndash; hat es &ndash; getrübt«, sagte ich.</p>
-
-<p>»Ach nein, &ndash; dafür mußt du ihn nicht verantwortlich
-machen«, sagtest du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit.</p>
-
-<p>Und dann putzten wir und hauchten wir &ndash; zusammen.</p>
-
-<p>Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du
-hast mir ja die Tränen von den Augen geküßt, die
-ich um Dimitri geweint.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses
-Bild herausnahm, &ndash; da hatte ich etwas wie Furcht.
-Hatte er immer Furcht vor <em class="ge">mir</em>, jetzt habe ich sie
-vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann
-es nicht ertragen, es benimmt mir den Atem und
-erregt mir Beklommenheit.</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie sollt' ich's anders meinen?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dies Bild hatt' ich dem Rahmen längst entnommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein liebes Frauenantlitz war an seine Statt gekommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und trüb, befleckt will's hinter diesem Glas erscheinen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wo deine strengen Augen durchgeglüht.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wo dieser wilde Blick hineingelodert,<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da ist ein Lebendes daran vermodert.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wo dieser Stirne Dräuen ward gesehen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da mußt' ein Herz in Bangen stille stehen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und war einst wie Kristallglas ein Gemüt,&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus diesem Mund ist nie ein Heil geblüht!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fort mit dem Rahmen, der zu seiner Zeit</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gedient! Fort auf den Schutt: Vergangenheit.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fort mit dem trüben Glas, fort mit dem toten Rahmen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Denn ungemahnt nur geht sich's neue Bahnen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fort mit dem Bild, das mich mir selbst getrübt!</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Das ist ja ein Gedicht?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen
-hat zwischen uns. Den Tag möchte ich wissen. Und
-kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie
-jenen, an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern.</p>
-
-<p>Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit
-den Blättern und &ndash; jenes andere? Geheimnisvoll
-verbunden beides.</p>
-
-<p>Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie
-man den Augenblick nicht feststellen kann, in dem ein
-Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße der Maschine,
-man hört, wie die Schraube sich wühlend
-in die Tiefe bohrt, schäumend und brausend wallt
-es auf ringsum, &ndash; liegt man noch, fährt man schon?</p>
-
-<p>Plötzlich ist man draußen auf See.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Was ist es, das uns so verbindet?</p>
-
-<p>Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden?
-Noch viel weniger. So wenig gleich und
-so wenig verschieden wie &ndash; Verse, die sich reimen.</p>
-
-<p>Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom
-Wesen der Lyrik, die jener Künstler und Kenner gab?
-Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden?
-»Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns?
-Ich glaube, ich glaube ganz wie in der echten Lyrik:
-»Ohne Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten, Kompromisse.
-Es fließt dahin wie edle Prosa und doch
-nicht Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und
-der Gedanke, der Gedanke in dem Gedicht »Wir«
-ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form
-strömt aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur,
-es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt
-<em class="ge">doch</em>, leicht, lieblich und &ndash; geheimnisvoll!«</p>
-
-<p>Stimmt! Stimmt alles!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos
-wurde an ihm, hatte jener Künstler mir gesagt: »In
-diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.«</p>
-
-<p>Ja, sie war in einen Katarakt geraten.</p>
-
-<p>Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die
-so einen Katarakt durchfließen? Für verloren gehalten
-werden, so lange sie da drinnen sind, &ndash; bis
-sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und
-ihres Weges ziehen. Solche Gewässer, die ihre <em class="ge">Form</em>
-bewahren, auch wenn sie in andere Gewässer geraten,
-ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der
-ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem
-Flußbett dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben
-Uhr, wenn ich die Augen aufschlage, bis Mitternacht
-und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich gehe
-nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern.
-Ich denke, denke, auch da ich nicht denken will. Die
-Stimmen überfallen mich. Und ich halte krampfhaft
-zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen
-will, ich halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer,
-bis zu dem Augenblick, wo sie münden dürfen, jedes einzelne
-dort, wo es soll.</p>
-
-<p>Schaffen &ndash; Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch
-als die Frage einer Kraft des Schöpfens, die des
-Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen =
-Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage
-bricht!</p>
-
-<p>Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir
-so, Lieber! Denn was ist denn schön an mir. Es
-kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles
-das, was da ist, schön <em class="ge">scheinen</em> läßt. Auch Dimitri
-kannte dieses Licht &ndash; anfangs. Er sagte dann:
-<i>Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja.</i> Das
-ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du
-mich immer schön findest, kommt eben daher, daß
-dieses »Licht« nun <em class="ge">dauert</em>; von einer großen, stillen
-Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie
-speisest, priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie
-Tag und Nacht brennt und nimmer erlöschen kann.</p>
-
-<p>Darum siehst du die <i>Lux in Maja</i>, und Maja
-ist &ndash; schön.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner
-geliebten Gegenwart, &ndash; die Lux verhuschte mir nicht!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn
-ich meine »guten Momente« hatte. Aber er vergaß,
-vergaß sofort, daß er sich eben noch entzündet hatte
-an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter
-seinen wilden Worten verschwand, verhuschte.</p>
-
-<p>Er vergaß. Gedächtnis, <em class="ge">Treue</em> und Ethik, ein
-Zusammenhang, den Weininger in einer jener Partien
-seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus
-dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat.</p>
-
-<p>Und ich wurde älter und älter an ihm, &ndash; uralt
-in rasendem Tempo, in dieser wilden, allzu wilden
-Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem
-letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist <em class="ge">das</em> die
-Frau, die ich vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen
-lernte, warum läßt du dich denn <em class="ge">zerstören</em>, du?«,
-da, da war ich hundertjährig geworden.</p>
-
-<p>Jetzt? »In <em class="ge">seiner</em> Liebe leucht' ich und lach'
-ich nun auf!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war
-ich ein grauer Schatten, ein zerstörtes Weib. Mit
-meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt
-und blüht! Die reine Rose von Jericho!«</p>
-
-<p>»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt
-worden! Da streckt und dehnt sie die zusammengerollten
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder
-blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.«</p>
-
-<p>O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon
-am Klavier, und wir sangen in Duo:</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Wie riecht sie süß, &ndash; nach Zimmet und Zymmanen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Rose,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Rose,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Rose von Jericho!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst.
-Wenn nur beide in fröhlicher Spielkraft bleiben!
-Sonderbare Figuren entstehen, Konstellationen sind
-plötzlich da, &ndash; man weiß nicht woher, wie Gestalten
-auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei
-Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen. Nur
-Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar bleiben!
-Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster,
-soferne ihr wollt.</p>
-
-<p>Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten
-ungebärdig. Und furchtsam. Und werfen die Flinte
-ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen, dieser der Kunst
-so nahe verwandte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine
-Seruminjektion. Mit einer feinen Nadel unter die
-Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das Gift
-bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und
-wie eine solche Kränkungs-Seruminjektion gleich
-wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die Seele und auf
-das Aussehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Dann <em class="ge">kam</em> er, schaute mich an, schüttelte den Kopf
-und sagte: »Sonderbar, wie du dich verändert hast!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige
-Definition von Glück gelesen: »Was ist Glück? &ndash;
-Einen langen Spaziergang in engen Lackstiefeletten
-gemacht zu haben und die dann auszuziehen.«</p>
-
-<p>Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt
-zu haben, &ndash; und dann nicht mehr mit ihm in
-»Liebe« zu leben.</p>
-
-<p>Das ist Glück!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper.
-Nicht etwa der eines schwachen Mannes war es, &ndash;
-der eines Jünglings.</p>
-
-<p>Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und
-Irren.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Weißt du, diese Blätter da, &ndash; in denen bin ich
-drin. Mit ganzer Person, ganzer Stimme, mit meinem
-Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch in
-dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und
-Weinen nicht nur hineingeschrieben habe in diese
-Blätter, sondern auch wirklich hineingelacht und hineingeweint,
-während ich schrieb.</p>
-
-<p>Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was
-wohl nicht vor, beim Schreiben, &ndash; wie?</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer.
-Und »komm, komm an meine Brust! Schütte da alles
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-aus! Alles, was vom Heulsäckchen, Lachsäckchen kommt,
-gehört hierher.«</p>
-
-<p>Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen,
-hier kann ich weinen. Hier kann ich alles hineinplaudern,
-hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann
-ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich &ndash;
-schweigen, schweigen und ruhen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir
-nicht so erscheine wie eine Frau, so eine richtige, verheiratete,
-oder doch verheiratet gewesene »Ehefrau«,
-&ndash; eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares
-Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin.
-Dann mit modernisierter Orthographie: Frowelin.</p>
-
-<p>»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint
-geboten«, sagtest du mir heute mit gründlichem
-Professorenernst.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe
-Welle, Frohwelle, Frowelle!«</p>
-
-<p>Und da kam es auch schon unter deinen Händen
-aus dem Klavier, &ndash; das Rheintöchterlied:</p>
-
-<p class="ce">»Wigala weia, woge, du Welle&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und &ndash; »Frohwelle du, Frowelle du« wurde
-hineinparaphrasiert.</p>
-
-<table class="mt0" summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Herzeliebez Frouwelin</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Kunt ich baz gedenk dîn«,</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">so singt unser vieltrauter Vogelweid.</p>
-
-<p class="ce">»Herzeliebez Frouwelîn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>iese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend
-gespitzter, gezückter Kohinore, die ich
-mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur <em class="ge">einen</em>
-traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war,
-einmal welche in Hülle und Fülle zu haben), &ndash; sechs
-Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal stumpf,
-bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden
-als Notizen. Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in
-mich ein, über mich her, lassen mich nicht, jagen mich,
-bis ich sie &ndash; habe. Ich »denke und dichte« in einer
-halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben
-kann.</p>
-
-<p>Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man
-muß ja auch denken! Ja, wenn man nur denken
-müßte! Aber man muß ja auch schreiben!</p>
-
-<p>Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren
-und sie mit Jägertüchtigkeit erlegen und
-sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade das ist hier
-die Frage.</p>
-
-<p>Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor
-sechs Uhr schon, erwache (ich Langschläferin schlief sonst
-immer bis gegen elf Uhr vormittags so tief und fest,
-wie andere Leute angeblich vor Mitternacht)&nbsp;&ndash;, wenn
-»es« mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt
-und mir den Schlaf aus den Augen scheucht, ist mein
-erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische neben
-meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Stifte. Und ich schreibe, schreibe im Bett, &ndash; eine
-Figur für die Meggendorfer. Fast täglich wird solch
-ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues
-nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir
-immer beschwerlich. Aber fertige Hefte kaufen? Das
-»tragt's nicht« bei einer &ndash; Sängerin, die ihre Stimme
-bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.</p>
-
-<p>Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während
-ich nähe, <em class="ge">schreibe</em> ich schon in die halbgehefteten
-Bogen, &ndash; schreibe, während die Nadel am Faden
-baumelt!</p>
-
-<p>Wäre ich eine &ndash; Schriftstellerin, man könnte
-von einer »produktiven Epoche« sprechen!</p>
-
-<p>Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht
-eine Schreibmaschine erfindet, die direkt mit den
-Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?) in Verbindung
-gebracht werden kann, während das Schreibpapier
-sich baldachinartig über dem »denkenden
-Haupte« wölbt, so daß, sowie »es« dadrinnen denkt,
-die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier
-tippt, &ndash; so lange ist die ganze Schreiberei eine Art
-Tortur.</p>
-
-<p>Aber &ndash; eine wollüstige Pönitenz!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir
-einmal Günther von Werfeld, einer meiner Freunde,
-ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!«</p>
-
-<p>»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß
-das Reitkleid mich kleiden müßte, weil es die kleine
-Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er sie hebt?«</p>
-
-<p>»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-Ihr Gesicht, zu Pferde, auf der Jagd, an dies Gesicht,
-wie es sein müßte, wenn Sie &ndash; <em class="ge">jagen</em>.«</p>
-
-<p>Jagen, verfolgen, erlegen!</p>
-
-<p>Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich
-auszuprobieren. Denn ich habe nicht Roß noch
-Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie.</p>
-
-<p>Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa!</p>
-
-<p>Hier ein paar Hasen, dort ein paar <em class="ge">Enten</em>,
-aufgescheucht wirbeln sie empor &ndash; Wildenten!&nbsp;&ndash;,
-und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa, hussa!
-Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem
-Gestrüpp? Ein Sechzehnender!</p>
-
-<p>»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht
-auf Hasen, aber kommt ein Edelhirsch&nbsp;&ndash;«, sang ich
-einst in der Operette.</p>
-
-<p>Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles
-zusammen &ndash; von allen Seiten, ihr Treiber, ihr
-Helfenden!</p>
-
-<p>Und &ndash; was begegnet mir da? Ungetüme, die
-man in Europa längst ausgestorben glaubte, &ndash; Urochsen,
-Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen fertig?
-Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle
-Fälle habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem
-bloßen jagdlichen Anblick tun sie, was die Sphinx
-tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich selbst.
-Diese da? Ich jage auf sie zu, &ndash; holla, holla, nur
-Mut, blast mir das Jagdhorn dazu, halali, &ndash; ich
-bin in der Nähe, schon hören sie das Keuchen meines
-Rosses, die Lanze ist gezückt, &ndash; da trifft sie mein
-Blick! Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die
-man längst ausgestorben glaubte in Europa, &ndash; sie
-fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen Anblick,
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«,
-mausetot!</p>
-
-<p>Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in
-seiner Katastrophaltheorie auseinandersetzte:</p>
-
-<p>Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte
-Fauna wurde von ihr »hingerafft«, streckte sich aus
-und war »dod«. Bekam dann später, viel später,
-ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das
-bedeutet in der Zoologie: ausgestorben. Am Tage
-nach der »Katastrophe« war dann die Erde mit
-funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt.</p>
-
-<p>Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa!
-Hussa! Vorwärts durch die grünen, die immergrünen
-Wälder!</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Ein Luftroß jagt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Laufe daher,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Auf der Wolke fährt es</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wetternd zum Fels!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hussa, hussa!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du
-wärest nicht enttäuscht!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt
-käme, ohne Arme, er würde doch ein Maler. Wie?
-Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument
-schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden.</p>
-
-<p>Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem
-alles Musik ist, der in Rhythmen denkt, in Melodien
-fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in
-sich trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel
-der singenden <em class="ge">Stimme</em>, jenem, das dem Geheimnis
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-am nächsten ist, &ndash; der Musik, &ndash; angehört, wie seiner
-wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt
-kam, daß er kein Musikinstrument meistern konnte?!</p>
-
-<p>Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich
-Klavierspielen erlernten, trotz &ndash; sagen wir &ndash;
-zwölfjähriger Lehrzeit?</p>
-
-<p>Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne
-daß ihm »mit einem Finger« zumindest, die Melodie
-zur Begleitung mitgespielt wird?</p>
-
-<p>Und der doch schier birst vor Musik in sich?</p>
-
-<p>Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie?
-Womit?</p>
-
-<p>Er würde sich das Instrument, das ihm <em class="ge">zur
-Melodie verhilft</em>, schaffen, und gälte es, mit
-der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa
-gar mit der &ndash; Feder zu musizieren.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, &ndash;
-soll ich's verklingen lassen?</p>
-
-<p>Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt,
-nicht festzuhalten, ihm nicht nachzugehen, &ndash; eine
-Todsünde. Etwas will geboren werden, und du
-achtest es nicht?</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Empfang.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Königliche Gäste kommen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den Weg gekehrt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und das Haus geblankt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Pfosten umrankt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und den Störern gewehrt!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Königliche Gäste kommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Botschaft hab' ich vernommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du Bote sei mir bedankt!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Verlassen lag mir das Haus,<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von ihnen gemieden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von ihnen geschieden.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Freudlos wohnt' ich im Haus.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schatten kamen und Schatten gingen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zu dumpfen Gespensterfesten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch nach den Gästen, den Königsgästen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sah ich das Herze mir aus.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Königliche Gäste kommen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Botschaft hab' ich vernommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem Boten will ich es danken.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Um die Pfosten soll es sich ranken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Festlich stehe das Haus!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meine blühenden, jungen Gedanken!</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte
-einmal ein Dichter etwas schreiben, woraus man entnimmt,
-wie es in diesem Kessel aussieht, während er,
-&ndash; hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige
-Wort, &ndash; schafft. Wie es in ihn hineinkam, in den
-Kessel oder den Dichter, wie es nun <em class="ge">ist</em> in ihm, wie
-es wird und wie es herausquillt &ndash; Tropfen für
-Tropfen.«</p>
-
-<p>Das Schaffen selbst, &ndash; ersichtlich aus dem Geschaffenen?</p>
-
-<p>Als Hauptprodukt des ganzen Treibens &ndash; das
-Treiben selbst? Und das eigentliche Produkt &ndash; nur
-Nebenprodukt?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte!</p>
-
-<p>Die <em class="ge">Stimme</em> beobachten, die Stimme selbst, &ndash;
-während sie quillt?</p>
-
-<p>Ist es denn &ndash; möglich?</p>
-
-<p>Das Lied <em class="ge">und</em> die »Stimme«?</p>
-
-<p>Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage:
-woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was,
-vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«</p>
-
-<p>Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des
-künstlerischen Schaffens gemeint haben. Die kann
-jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt
-und das Spielwerk darin untersucht.</p>
-
-<p>Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen
-und vermissen. Geheimnisvolleres: <em class="ge">im
-Gesange selbst soll es sich offenbaren</em>.</p>
-
-<p>Das Schaffen selbst &ndash; ersichtlich aus dem Geschaffenen?</p>
-
-<p>Als Hauptprodukt des ganzen Treibens &ndash; das
-Treiben selbst?</p>
-
-<p>Das Lied <em class="ge">und</em> die »Stimme«?</p>
-
-<p>War es denn noch nie?</p>
-
-<p>Das wäre &ndash; das Buch der Inspiration.</p>
-
-<p>Wäre es denn möglich?&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p>Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen
-hatte, war mir, als stieße nur <em class="ge">eine</em> Seite meines
-Wesens, irgendeine schmale Kante, nachbarlich an
-sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-bin ich ganz und gar hineingeschwommen in dich,
-wie so ein Fischlein in einen tiefen See. Da kann
-es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten
-Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten
-durchkreuzen, ohne doch auf irgendwelche Klippen
-zu stoßen, an die es wild angeworfen werden könnte.
-Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue
-Tiefe, wie solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es
-den Grund des Gewässers heraufleuchten, &ndash; wunderbar
-licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend.</p>
-
-<p>Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach,
-ich weiß ja! Der See mag ja das Fischlein so gern!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt,
-vor dir bei mir behalten, nicht einmal, was
-ich von gestern auf heute in diese Blätter schreibe,
-&ndash; wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor
-sie fertig sind. (Fertig? Wie? Wann? &ndash; Ach!)</p>
-
-<p>Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung
-holen, mir alles saldieren lassen von dir.
-So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen unsterblichen
-Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest
-ein See und ich das, was darin plätschert.</p>
-
-<p>Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du,
-kleine Maja, es gibt verschiedene Fische. Solche,
-die sich lustig und flink an der Oberfläche der Gewässer
-tummeln und manchmal sogar darüber hinaus
-einen Satz in die Luft machen. Andere wieder, die
-sich hinunterwälzen, in gewundenen, spiralartigen
-Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in
-lauter breiten Umwegen, in lauter Serpentinen.
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Und dann gibt's noch andere Fischlein,« &ndash; und du
-sahst mich so lieb und so froh an, &ndash; »die pflegen
-blitzesgeschwind direkt auf den Grund der Dinge,
-&ndash; der Gewässer will ich sagen, &ndash; hinunterzuschnellen.«</p>
-
-<p>Und du sahst mich wieder an, wie &ndash; nun, »wie
-ein edler Papa sein vergöttertes Baby« (nach Peter
-Altenberg das Merkmal echter Liebespaare), und
-lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles,
-schnellendes Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder
-umgekehrt: sehr viel Mütterlichkeit soll in jeder
-echten Liebe sein.</p>
-
-<p>Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse,
-mit denen alle unsere Diskussionen schön mosaikartig
-durchsprenkelt sind.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»<i>Des discussions entre des amants produisent
-toujours des effets funestes.</i>« Ich halte dieses erkenntnistheoretische
-Wort Yussuffs &ndash; Friede sei mit
-ihm! &ndash; an unsere: Diskussionen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks.
-Jeder bringt was mit. Du besorgst die Weisheit,
-ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen
-Mahlzeiten. Ich meine die wirklichen, diese lieben,
-lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich
-entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs
-Leckermäulchen«. Das hast du schon glücklich herausbekommen,
-diese Achillesferse. Und dann, &ndash; ach,
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du
-mir zusiehst, wenn ich esse! Es ist alles so voll
-Güte und Liebe und herzensfroh dabei.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer
-»an Rucker« (ein wienerisches Wort, das du zum
-Glück nicht verstehst, &ndash; sonst würdest du sagen: du
-Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in
-dieser degenerierten Welt begegnet bin, waren einige
-nicht üble Exemplare. Rudi, mein erster Mann, war
-ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm nicht
-sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt
-dahin, wie ein morgenländischer König. Sollte ich
-ihn recht deutlich machen, so möchte ich mich auf
-das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges
-und sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch
-bei dieser für mich so frappierenden Ähnlichkeit mit
-dieser Kainzschen Maske viel an der Barttracht gelegen
-sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske
-des Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten,
-intuitiv wahrscheinlich, vollendet getroffen hat. Dimitri,
-&ndash; er hatte den Körper eines Hinduknaben,
-die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons.
-Aber eine Stirn, ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft
-war auch der Mund, so prachtvoll auch das Gebiß
-daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand.</p>
-
-<p>Du &ndash; bist anders als sie alle: einwandfreier.</p>
-
-<p>Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich
-schildern? Fällt mir gar nicht ein. (Oder, wie man
-hier sagt, &ndash; ich denke gar nicht daran.) Die andern
-habe ich »geschildert«, weil ich sie <em class="ge">dir</em> zeigen wollte.
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Dich &ndash; will ich niemandem zeigen. Bleibe du mir
-nur hübsch in der Tarnkappe, mein lieber »Held«!
-Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt,
-oder du warst einst für eine kurz bemessene
-Frist &ndash; mein Gast.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter,
-mysteriöser als Märchen sind. Die Märchen haben
-immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn
-ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht
-das wirkliche Feenland, nach dem ich ausgezogen war.
-Und daß ich vorsichtig sein müsse, &ndash; sehr vorsichtig,
-um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu
-finden. Ach, und ich wachte immer auf, und immer
-so, wie ich es gefürchtet hatte.</p>
-
-<p>Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich
-schüttele und rüttele mich, &ndash; und wache nicht auf!
-Es ist, ist.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder
-dieses Dinges kann ich mit dem Verstand nicht beikommen.
-Und was immer ich schreibe, &ndash; in diese
-Blätter, &ndash; das, was wir zusammen erleben, ist
-noch viel, viel wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach
-so, daß ich mich, wenn ich allein bin und der Gedanke
-daran mich überfällt, aufs Sofa werfen
-muß und den Kopf in die Polster vergrabe.</p>
-
-<p>Das »Wunderbare«, <em class="ge">es kann sich offenbaren</em>,
-nicht sich deuten lassen.</p>
-
-<p>Nur niederstürzen &ndash; beten, beten!</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische
-Mächte in Händen gehabt und mir die <em class="ge">Stimme</em>
-in der Kehle &ndash; und in der Seele &ndash; erwürgt und
-erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es
-hinter mir. Und kam doch &ndash; aus mir?</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Dämonen.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Was war es denn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schon kam es näher mit dem Eisesblick</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und drängte sich heran in dunkeln Wellen.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;So blickt der Tod.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das ist die ewige Öde,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die mich mir selber will begraben.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die mich mir selbst erpreßt?!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Was war es denn?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es flieht, es scheut das Licht!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem Tage zu.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was war es denn?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">O frage nicht, &ndash; Vermessenheit des lauten Wortes.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nur niederstürzen: beten, beten!</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>u sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit
-dir von allen anderen früheren Schicksalen
-mit Frauen unterscheidet«, &ndash; du hast ja gleich mir
-Schicksale hinter dir&nbsp;&ndash;, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit.
-Gegen dich gibt es keine Stimme, auch
-nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir:
-sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein.
-Alles ist Gewißheit.«</p>
-
-<p>O diese deine Worte! Und dennoch: gemeinsame
-Bahn zu gehen, für Zeit und Ewigkeit &ndash; Freund,
-wir wissen nicht, ob es beschlossen ist &ndash; aber bewahren
-wir uns: unsterbliche Güte!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen
-sollen, in dem Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart
-sich berühren«. Bis dahin, sagtest du ja, solle
-ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen,
-deutlich sehen, ach, meine Festlandsreise!</p>
-
-<p>Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und:
-wir sind jetzt auf hoher See. Wer kann da sagen:
-Halt! Es fährt, nicht ich und du.</p>
-
-<p>Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns
-an den bebenden Händen und blicken hinaus, mit
-den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die
-Märtyrer haben und die &ndash; Entdecker.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland
-vor uns liegt, das wir beide dort drüben wissen,
-weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden.
-Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste,
-die wir schon ahnten, da nichts sie uns bestätigte, da
-wir schier unüberklimmbare Gebirge um uns fühlten,
-da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir
-uns rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief
-drinnen im Binnenland.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich
-häufen, sich aufstapeln. Wie wieder eins und wieder
-eins, über das diese meine geheimnisvoll geschobene
-Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen,
-zu Boden gleitet, und wie wieder ein neues weißes
-Blatt vor mir liegt, sich wieder füllend mit diesen
-seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst unheimlich,
-und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu
-Füßen, &ndash; weil die Blätter zu fassen und wegzulegen
-keine Zeit ist! Und wie sie da rascheln, wenn der
-Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie
-stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen,
-sie türmen sich, sie häufen sich, &ndash; ein Opferstoß!</p>
-
-<p>Wer ist in mir, <em class="ge">wer ist in mir</em>, daß es also
-über mich kommt, zu &ndash; opfern?</p>
-
-<p>»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die
-Melodie.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen
-seinen geliebten Briefen an Sophie: »Genie, wer hat
-es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage.
-Mann und Weib haben es zusammen.«</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir
-von dir! Jeder Blick auf dich, Freude. Die Worte von
-deinen geliebten Lippen, Freude. Jede Berührung
-mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele,
-eine einzige Freude. Ich habe keinen Augenblick noch
-neben dir verlebt, ohne diese Freude in mir zu fühlen.«</p>
-
-<p>»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich.</p>
-
-<p>»Pfui doch!« und du klopftest mich böse.</p>
-
-<p>»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte
-ich, da ich meine Schläge weg hatte, »es ist was
-dran: ich hatte immer das Gefühl, daß, wie soll ich
-sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort ›Freudenmädchen‹
-ein wunderbarer, transzendenter Gedanke
-verborgen sei: das Weib als einziger Freudenborn
-des Mannes, aus dem er sich Ekstase antrinkt, um
-seiner ihm aufgetragenen <em class="ge">Melodie</em> mächtig zu
-werden.«</p>
-
-<p>»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen?
-Besonders wenn es mit einer Singvogelkehle
-zur Welt kam?«</p>
-
-<p>»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig
-die Freudespendenden sein, soll ein edles Konzert zustande
-kommen. Man müßte sie erziehen zur Freude.«</p>
-
-<p>»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem
-tiefen deutschen Blick. »Erziehen zur Freude? Nein,
-Maja, das kann man nicht. Der schöne, das ist der
-freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja,
-hier liegt's. Aber <em class="ge">daß</em> er schön geboren werde und
-daß der also Geborene dauern könne, &ndash; das ist
-die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler
-und der Gesetzgeber.«</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten
-Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie
-aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr
-Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel.
-Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe
-kommen!«</p>
-
-<p>So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die
-Eingeborenen der Liebe, die echten <i>Grands Amoureux</i>.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Mann und Weib &ndash; ungeheuere, unerschöpfliche
-Gütespender für einander! Einander »zugewiesen«,
-um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu verhundertfachen,
-mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar
-sich auseinander zu speisen! Und um die gesuchte
-<em class="ge">eigene</em> Melodie einer aus dem andern klingen zu
-hören, während dieser Ernte, in all der holden
-Üppigkeit.</p>
-
-<p>Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es
-wuchert, das Pfund, wenn es sich verdoppelt, verhundertfacht
-und wenn es fröhlich klingt dabei, &ndash;
-horch: Erntemotiv! &ndash; dann »stimmt's«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin!
-Menschenlaune, die sich über Dinge ergießt,
-horcht ihnen ihre Geheimnisse ab.</p>
-
-<p>Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner
-Gesangsstudien erkundigten, pflegte meine Mutter zu
-erwidern: »Ja, wenn sie bei <em class="ge">Laune</em> ist!«</p>
-
-<p>Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur
-einmal durchhalten, diese wunderbare, göttliche Laune,
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches über mich
-herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im
-Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«,
-und aus war's mit dem Segen.</p>
-
-<p>Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang,
-ein richtiges Menschenlied, in dem es lacht und weint,
-wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum
-fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus!</p>
-
-<p>Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein,
-ein trauriges Puttel bin ich zum Bäumlein der göttlichen
-Laune gelaufen und halte mich da versteckt vor
-euch, bis ich alles heruntergeholt habe.</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Bäumlein rüttle und schüttle dich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wirf Gold und Silber über mich!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin
-wieder, paßt nur auf, als ganz waschechte Prinzessin,
-&ndash; ihr werdet es gar nicht wiedererkennen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna«
-geweint. Ja, ja, wie ich sie hasse! »Die Menna
-muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt
-die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!«
-Ja, ja, wie ich sie hasse. Aber fast noch mehr habe
-ich über sie, durch sie, »mit sie« &ndash; gelacht. Und
-das stimmte mich immer wieder &ndash; versöhnlich.</p>
-
-<p>Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem
-Leben &ndash; über dieses Leben! Mich ausgeschüttet vor
-Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn ich selbst
-darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-immer noch, außerdem, irgendwie über oder <em class="ge">neben</em>
-der Szene, in der ich agierte. Neben der Szene,
-in den Kulissen des Theaters stand eine zweite
-Person, die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich
-sah, &ndash; und wollte sich ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten
-»Peripethien« des Dramas wollte
-jene sich darüber erheitern &ndash; oder sich gelassen
-darein ergeben.</p>
-
-<p>Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher <em class="ge">Wille</em>
-war es, der mich aus Schutt und Flammen immer
-wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir selbst
-unbewußt &ndash; als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige,
-starke, schiebende Hand. Ein Wollenmüssen
-war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm, diesem
-Willen zu mir, danke ich &ndash; mich. Er auch führte
-mich weiter, ja über mich selbst hinaus, ein gut Stück.</p>
-
-<p>Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter,
-strenger, schöner Wille!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser
-mein Wille zu mir, mit jener Ichsucht, die den von
-ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom Objekte
-trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille
-zur Bewußtheit. Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit
-meines Selbst, in allen seinen Elementen, ist sein
-Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn
-man will. Der Wille ist es, meiner wahren Gestalt
-auf die Spur zu kommen und diese meine Gestalt
-nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn
-man will. Ja, man heiße es meinetwegen Egoismus.
-Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem Sinne), nur
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben.
-Denn Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein
-deutliches, bewußtes Selbst <em class="ge">hat</em>, vermag es hinzugeben.
-Nur der vermag auch abzuschätzen, was er
-empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, &ndash; man hänge
-ihnen einen Purpurmantel um die Schultern und sie
-werden nur bemerken, daß da etwas ist, was wärmt.
-Sie werden sich <em class="ge">behaglich</em> einrichten &ndash; im Purpurmantel!
-Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen,
-wenn sie ein bißchen Gekribbel empfinden in den
-dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht
-in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen
-Blut. Verhaßt sind mir die Laublütigen, die Purpurmäntel
-benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe
-sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn
-sie Liebe über sich &ndash; ergehen lassen.</p>
-
-<p>Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne,
-sind fähig, um der Liebe willen sich hinzugeben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Johannes, &ndash; wenn <em class="ge">du</em> mich enttäuschest, singe
-ich keinen Ton mehr«, sagte ich gestern.</p>
-
-<p>»So.«</p>
-
-<p>»Johannes, &ndash; ich habe Beweise, daß du mich
-nicht liebst.«</p>
-
-<p>»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?«</p>
-
-<p>»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus,
-von meinem Balkon, gegen Westen, wo du ja wohnst,
-du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.«</p>
-
-<p>»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja,
-Maja!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der
-&ndash; Luft finden müssen, wenn du mich wahrhaft
-liebtest!«</p>
-
-<p>»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt.
-Aber behalte mich trotzdem noch ein Weilchen, ja?«</p>
-
-<p>»Johannes &ndash; ich hab' da was.«</p>
-
-<p>»Was denn? &ndash; Der Tausend! Laß sehn! Ein
-Gedicht? ein Gedicht! Ja wahrhaftig &ndash; ein Gedicht
-&ndash; ein Lied.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da solang mir fernzubleiben dir gelingt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da meiner Sehnsucht stummes Rufen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Du liebst mich nicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da meinem Blick du nicht begegnet,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn über <em class="ge">Meilen</em> er zu dir gesandt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und in der <em class="ge">Luft</em> das deine nicht erkannt!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Du liebst&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was hör' ich an der Tür,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wer pocht, als wollt' er sprengen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was ihm verstellt den Weg zu mir?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du liebst mich nicht? &ndash; auf Tod und Leben bot!</td></tr>
-</table>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-»Du &ndash; wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen
-Ton?«</p>
-
-<p>Ja, das weiß Gott allein!</p>
-
-<p>Und dann, &ndash; dann setzest du dich ans Klavier.
-Ein paar Griffe, ein weniges, kurzes Tasten und
-Suchen, &ndash; und eine Melodie war da. Kindische
-Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, &ndash;
-ich sang ganz keck in die werdende Komposition hinein
-und schmetterte es aus dem offenen Fenster über
-alle Dächer: »Du liebst mich nicht &ndash; du liebst mich
-nicht!«</p>
-
-<p>Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest
-du in dieser deiner ernsthaften und doch lachenden
-Art, die ich vergöttere: »Dieses unser Lied ›Du liebst
-mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Was mir so lieb ist an dir, ist &ndash; ist auch, denn
-was ist mir nicht lieb an dir? &ndash; daß dir die ironische
-Note so vollkommen fehlt. Du lieber, ernsthafter
-Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst
-an dir. Aber nicht bitterer, &ndash; süßer Ernst! Sonnig
-ernsthaft bist du. Ironie und alles, was ihres Wesens
-ist, &ndash; Hohn, Witz, &ndash; ist dir fern. Und das ist gut
-für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und
-hast doch ein so gutes Lachen: Humor.</p>
-
-<p>Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist
-gute Sonne, die wohlwill, da sie lacht. Dimitri
-hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er
-konnte »ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«.
-Er verschonte dann niemanden mit dieser
-Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«.
-Diese &ndash; Lustigkeit ergoß sich in einer Flut von »Späßen«,
-die wie Distelköpfe auf die Leute geschleudert
-wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die
-Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis
-Dimitri das plötzlich bemerkte und seine Lustigkeit
-mit einem Ruck stoppte.</p>
-
-<p>Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund
-Dimitris, ein Knabe von achtzehn Jahren, ein Jüngelchen
-von dürftigem Körper, aber mit den Augen
-Wolfgang Goethes, &ndash; auch ein Ernsthafter, aber ein
-ernsthafter Jude, &ndash; gesagt hat: »Nicht über die
-Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!«</p>
-
-<p>Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>W</b>enn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt
-und ihm meine Wünsche vortrug (was vorzukommen
-pflegt!), so bat ich früher immer hübsch
-detailliert. Ich wünschte mir das und das und das.
-Gott, &ndash; ich will een Ding haben, &ndash; wat forn Ding, min
-Herzenskind, &ndash; Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht
-een Püppche ha'n, nee, Gott, &ndash; nee&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu
-bitten. Da wußte ich nur zu blicken. Und der Blick
-bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und
-mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich
-vor dem Wünschen. Wünsche pflegen in Erfüllung
-zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des
-Gebets: das Gebet ist der <em class="ge">Wille</em>, der sich sammelt
-und zusammenrafft. Drum Vorsicht mit dem Wünschen.
-Denk an die Frau, die sich mit ihren begierlichen
-Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du
-Wunschmaid, Maja Hertz!</p>
-
-<p>Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst
-wieder von der Nase zu wünschen! Die Normalnase
-wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.</p>
-
-<p>Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei:
-frohe <em class="ge">Gefühle</em>. Oder sagen wir, gute Gefühle. Meine
-Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib mir gute
-Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber
-der Grund gar zu schwer aufbringen, dann laß ihn
-meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir handeln in
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser
-die frohen Gefühle ohne besondern Grund als
-haufenweise Grund, glücklich zu sein, und stumpfe
-Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles!
-Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden
-zu segnen, ich würde ihm sagen, Gott gebe
-dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür.
-Fluch: Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein
-hierfür. Das Bewußtsein macht erst Glück und Unglück.
-Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem
-Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die
-<em class="ge">Stimmung</em>, <em class="ge">Stimme</em>. »Seele ist Stimmung«, klang
-es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem Herzen
-kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn,
-bevor sie als Überschuß an Lebenskraft schmetternd
-der Kehle entströmt.</p>
-
-<p>Gute Gefühle.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt,
-Johannes, wie ich bade im Glück, wie die Vögel
-im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das
-Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele.
-Aber selbst der gelassene Sokrates räumt ein, daß
-kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder friert,
-oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende
-Lerche, die doch sicher eine frohe Seele hat, nicht die
-Nachtigall, noch der Wiedehopf, von dem die Menschen
-lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in Todesnähe,
-singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil
-er, »wie alle, die dem Apollo angehören, wahrsagerisch«&nbsp;(!)
-Gutes ahnt.</p>
-
-<p>Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-meinem Leben umklammert. Und das war schlimm
-für einen Vogel wie mich.</p>
-
-<p>Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle
-meine Kraft, mühsam diese zerschmetterte, zerrissene
-Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein
-Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was
-da war, zum bloßen Weiterfristen, zum Herausheben,
-Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden Enge.</p>
-
-<p>Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror
-entsetzlich. Rette dich, trotz dieser Erstarrung. Dann
-Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in dem
-ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern,
-daß ich unter die Räder käme. Gefangenschaft,
-Frost, Hunger, &ndash; die schlimmsten Dinge, die
-so ein Vogel mitmachen kann.</p>
-
-<p>Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben:
-Angstgefühle, die in einer Ecke des Herzens
-sitzen und herausschleichen, zu Zeiten, zu Zeiten. Das
-preßt und drückt und zieht und krampft zusammen.
-Das schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in
-lauter Gift und jagt und erjagt die Seele und schlägt
-sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie tot
-liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen,
-ein Stück Weges.</p>
-
-<p>Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden.
-Ein »Angstherz« haben, wie andere ein Fettherz.
-Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«,
-muß ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo
-diese Angstgefühle nicht herausgetrieben werden von
-den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie sich),
-sagen: »Ich bin bei Seele.«</p>
-
-<p>Gute Gefühle, Gott!</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle.
-Wie es über mich kroch, kalt, kalt. Wie Schauer des
-Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang
-ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm.
-Und Vereisung rings um mich her und fahle
-Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie
-von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen,
-nahe, nahe zum Herzen. Und das Herz &ndash; wie ein
-einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein
-deutliches <em class="ge">anderes</em>, wie das Schwarze in der Scheibe,
-das auf die Kugel wartet.</p>
-
-<p>Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war
-die Sehnsucht.</p>
-
-<p>Eisige Verödung &ndash; jüngster Tag. Und das
-Schaurigste: Leben um mich herum und nur ich &ndash; wie
-ausgeschaltet aus der Kette des Lebens.</p>
-
-<p>Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an
-den ich geglaubt hatte, als an das schiebende, logische
-Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie
-zu ihrer »Bestimmung« schiebt.</p>
-
-<p>Frost &ndash; Todesöde.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Verödung, Vereisung.</p>
-
-<p>Nicht, daß man noch liebt, daß man <em class="ge">nicht</em> mehr
-liebt ist das Vereisende. Und wo <em class="ge">ist</em> der, den man
-liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn die
-Erde verschlungen? Denn der da, den man <em class="ge">nicht</em>
-liebt, eher haßt, verabscheut, ist denn das der, den
-man liebte? Wo ist er hin?</p>
-
-<p>Und wo ist das, was ihm hingab all die warme
-Lebensfreude? Fort. Aus den Adern genommen und
-nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser
-flutenden Lebenswärme, die von Mensch zu Mensch
-strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts
-kommt dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.</p>
-
-<p>Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die
-Bretter gebracht, in »Wenn wir Toten erwachen«.</p>
-
-<p>Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht
-aus Tücke, Schlechtigkeit werden Schicksale zerstört:
-aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich kraftlos
-entgleiten lassen, was man eben noch begehrte,
-ist das typische Verbrechen der Heutigen. Und was
-da entgleitet, versickert, in Schutt und Sand zerrinnt,
-ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut
-eines andern.</p>
-
-<p>In dieser Verödung, Verzweiflung war alles
-versiegt. Alle Kraft der <em class="ge">Stimme</em>. Alle Kraft kommt
-ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist kraftlos.
-Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken,
-von dem die Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt:
-&ndash; »Das war etwas, das lebte, noch hätte
-leben können, <em class="ge">unendlich Jubel in seiner Kehle
-barg</em> und doch in Not und bitterem Frost verging.«</p>
-
-<p>Wie <em class="ge">Heimat</em> fühle ich es nun um mich, Johannes.
-So ganz, als ginge ich meinen Weg, meinen wahrhaftigen,
-mir bestimmten Weg, ist mir's zumute.
-Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an
-die Lippen gedrückt. Gute, frische Höhenluft &ndash; und
-dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine geliebte,
-braune, ernteschwangere Erde!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den
-anderen, die ich lieb hatte. Dafür hatte ich sie ja
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-lieb: für dies bißchen minutenlange Heimatsgefühl.
-Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben
-ließ. Mit wachen, klaren, frischen Augen
-kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn ich mich
-einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen,
-dann kam dieses Gefühl, und wie war ich jenen dann
-so gut dafür! Nahm es doch dieses Furchtbare von
-mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses
-Gefühl der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und
-des verzehrenden Heimwehs. Ein Heimweh nach
-Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht
-überfiel es mich oft. Dann kamen &ndash; jene, streichelten
-mich ein bißchen und vertrieben mir mit diesem
-Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare, das
-Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen
-dafür gefolgt! Mein Seelenheil hätte ich verkauft
-für das bißchen &ndash; »weiches Gezottel«.</p>
-
-<div class="ci">
-<p>»Aber so warst du immer: immer kamst du
-vertraulich zu allem Furchtbaren. Jedes Ungetüm
-wolltest du noch streicheln. Ein Hauch
-warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an
-der Tatze&nbsp;&ndash;: und gleich warst du bereit, es zu
-lieben und zu locken.</p>
-
-<p>Die Liebe ist <em class="ge">die Gefahr des Einsamsten</em>,
-die Liebe zu allem, wenn es nur lebt! Zum
-Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
-Bescheidenheit in der Liebe! &ndash; Also sprach Zarathustra
-und <em class="ge">lachte</em> dabei zum andern Male.«*)</p>
-
-<p class="fss">&emsp;*) Nietzsche.</p>
-</div>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>D</b>ein erster Kuß &ndash; ich weiß ihn. Wenn ich auch
-nicht weiß, &ndash; wie er so kam. Er erreichte mich.
-Er ward mir &ndash; angehaucht. Auf meine Lippen mir
-gehaucht. Ich glaube, es war, &ndash; ich glaube, wir
-saßen nebeneinander und sprachen. Sprachen wir
-nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause?
-Oder kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir
-weiter? Ich weiß es nicht, Johannes, und möchte
-es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir &ndash;
-angehaucht &ndash; auf meine Lippen. Und zweier Augen
-Licht sah ich in mich hineinfließen, wie einen goldenen
-Strom, von dem nie noch früher eine Welle
-mich traf. Nie noch!</p>
-
-<p>Golden war, ja golden, was da in mich floß, und
-lange dauerte es an, der zitternde Hauch auf den
-Lippen, und das Goldene, das da in mich floß.</p>
-
-<p>Was &ndash; war es doch, &ndash; Johannes?</p>
-
-<p>Und du hältst mich in den Armen und fragst:
-»Was ist dir? Warum zitterst du so?« Und deine
-eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so
-fragt. Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen
-halten, ich fühle, &ndash; wie sie selbst &ndash; zittern. Du
-Ruhiger, &ndash; was bist du nicht ruhig?</p>
-
-<p>Und ich, ich?</p>
-
-<p>Was ist das mit mir?</p>
-
-<p>Du, &ndash; deine Hand berührt die meine, dein Blick
-ruht auf meinen Fingerspitzen, und ich fange an zu
-zittern. Bis du erbleichend fragst: »Was ist dir?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Was ist das, Johannes?</p>
-
-<p>Was ist es?</p>
-
-<p>Ist es das &ndash; Mysterium?</p>
-
-<p>Wäre es &ndash; da?</p>
-
-<p>Geoffenbart &ndash; das &ndash; Mysterium?</p>
-
-<p>Was &ndash; was geschah doch &ndash; dort in den Tempeln
-&ndash; zu Eleusis?</p>
-
-<p>Was war es doch?</p>
-
-<p>Mir ist, als sollte ich mich &ndash; erinnern, was dort
-geschah, zu Eleusis&nbsp;....</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich
-wenden, auf dieser unserer Wanderung, &ndash; wohin ich
-es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger
-rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus,
-gingst lachend und ganz, ganz schwindelfrei! Und
-ich, ich folgte, ließ mich führen &ndash; meinen, meinen Weg!</p>
-
-<p>Schwindelfrei!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und
-»Übermenschentum« &ndash; es ist nur das typische Kampferlebnis
-des edleren Mannes. Nur freilich bei ihm
-zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten
-durchwühltem Wesen werden mußte. Ein Ringender
-stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle steht.
-Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend.
-In früheren Zeiten hieß die Markierung: Schönheit
-<em class="ge">oder</em> Geist, Tugend. Heute wissen wir, daß die Schönheit
-als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend,
-des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener
-andere Weg &ndash; Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-der Idee an die Materie. Aber nicht: Schönheit.
-Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist; der
-Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als
-er damals war. Vielleicht noch schwieriger: gilt es
-doch, die Fackel nicht zu verlieren! Gilt es doch, nicht
-nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu
-erringen, die umdornte!</p>
-
-<p>Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner
-Art du, in seiner er. Beide suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen.
-Die verschiedensten Gestalten gehen diesen
-Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen
-wunderlichen Heiligen, den er den »Erhabenen«
-nennt: »&ndash;&nbsp;o wie lachte meine Seele ob seiner Häßlichkeit&nbsp;....
-Noch lernte er das Lachen nicht und
-die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus
-dem Walde der Erkenntnis.«</p>
-
-<p>Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche,
-deren Haupt umschwirrt ist von dunkelm Flügelschlag
-und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und
-Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche
-Ritter, Ritter der überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen,
-wie jubilierende »eiserne Lerchen«.</p>
-
-<p>Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben
-Weg, auf dem sie wandeln, jeder als ein anderer,
-jeder gemäß seiner selbst, jeder unter eigener Fahne.</p>
-
-<p>Und doch <em class="ge">ein</em> Weg!</p>
-
-<p>Auch &ndash; Frauen gehen mitunter diesen Weg. Auch
-sie stehen mitunter am Kreuzweg vor der Wahl.</p>
-
-<p>Wahl? Wird man denn nicht geboren für den
-einen oder anderen Weg?</p>
-
-<p>Wahl? Freiheit? Schicksal?</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>V</b>erstört vermochte meine Seele niemals zu singen!
-Sie war dann nicht &ndash; Stimme.</p>
-
-<p>Die mir die Seele, die Stimme verstörten, <i>anima</i>,
-die Zarte, die vom Herzen lebt, sie waren die wahren,
-furchtbaren Störer, die Verstörer, die Dämonen, vor
-denen ich zitterte mein Lebenlang!</p>
-
-<hr />
-
-<p>In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich,
-deren Herz die Freude und die Güte braucht, um
-nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande.</p>
-
-<p>Ihr, die ihr in Verödung lebt, &ndash; betet, betet zur
-Sonne! Und wendet den Kopf nur immer wieder
-fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren goldenen
-Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch
-aus Sand und Schutt und Staub heraus- und in ihr
-Element hinüberzieht, indem ihr so leicht und frei
-werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige
-Fischhaut losgeworden sind und frei, &ndash; frei und erlöst
-im Äther schweben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter
-mir. Verzweiflungen, aus denen ich mich zusammenklauben
-mußte, Stück für Stück. Das war, da sie, die
-Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-zu mir. Schwer rangen sie miteinander, er und jene.
-Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber die Stimme,
-<em class="ge">seine</em> Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn
-empor. Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich!
-Entfloh <em class="ge">sie</em> mir, war <em class="ge">er</em> verloren und ich mit ihm
-und das Leben verwettet.</p>
-
-<p>Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe,
-das war die Frage.</p>
-
-<p>O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich
-verlassen wollte! Wie ich sie, die flüchtige, die verzweifelte,
-immer noch gerade an einem Zipfelchen
-erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, &ndash; sich
-aus mir zu stürzen. Halt!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum.
-Auf einer Bahre lag ein Leichnam, ein Frauenleichnam.
-Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war es
-selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht,
-hatte getan, wovor ich wachend immer zurückgebebt.</p>
-
-<p>Aber, nicht doch, das war nicht <em class="ge">ich</em>. Eine andere
-war es. Wo hatte ich dieses Gesicht schon gesehen?
-Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine Nacht
-tauchte auf, &ndash; ein Bild, &ndash; jetzt weiß ich es: jenes
-Mädchen ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine
-Frau geworden, wie ich später erfuhr. Und sie hat
-ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man
-sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland
-ist sie in die See gesprungen.</p>
-
-<p>Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern
-sich die Züge, es sind wieder die meinen. Ist sie es,
-bin ich es?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein
-kommt, &ndash; nein wallt, &ndash; eine Schar schöner Mädchen.
-Unhörbar gleiten sie, schweben sie näher zur Bahre,
-auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet,
-und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die
-Genien der Freude sind es. Glühende Gewänder
-tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre
-Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst.</p>
-
-<p>Die Genien der Freude sind's, &ndash; die Seligkeiten,
-die ich nun mit dir erlebe, Johannes!</p>
-
-<p>Und sie treten an die Bahre und singen mir &ndash;
-ihr &ndash; ein Lied.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus
-dieses Liedes wieder, das ich im Traum gehört.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">War dies dein Sinn?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was dich dir barg, zur Tiefe hin?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zerschmettert den Becher, den übervollen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, &ndash; ach, du hättest nicht sollen!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Trinken und warten und trinken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und warten, von gestern zu heut,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie jenes zugrunde will sinken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie dieses sich ewig erneut.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, &ndash; ach, du hättest nicht sollen!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was aus den versenkten Särgen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In jugendlich ewigem Grün getrieben,<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, du hättest nicht sollen, &ndash; ach, du hättest nicht sollen!</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem,
-es genügte, um tausend andere tausend
-Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen, daß,
-wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere
-&ndash; erlöse. Denn dieses tausendfache Leiden muß
-irgendwie aus ihm bluten. Und dieses Blut ist der
-wahre Balsam für die Leiden der tausend andern.
-Und wenn einer hohe Lust seliger erlebt, denn die
-andern, er beseligt sie mit dieser seiner Lust. Vertausendfachte
-Freude und vertausendfachtes Leiden
-einzelner &ndash; Erlösung, Messiastum.</p>
-
-<p>Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese
-Opfer, die alle Tode sterben und alle Himmel bewahren,
-in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie heißen
-sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht
-&ndash; Sänger, Dichter, diese Messiasherzen?</p>
-
-<p>Wenn einer litt, wie der, der der größte aller
-Dichter war, der zu Golgatha am Kreuze verstarb,
-mußte es nicht balsamisch über die Welt tropfen, sein
-Blut?</p>
-
-<p>Zuckende, strömende, tönende Herzen, &ndash; Dichterherzen,
-flammende Erlöserherzen!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>F</b>laubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man,
-wenn man nie etwas anderes als Schönes gesehen,
-Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!« (An anderer
-Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel
-betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die
-Größe der Seele bilde, alle die widerwärtigen Miasmen,
-die man verschlucken, den Gram, den man erleiden,
-die Qualen, die man ertragen mußte, bevor
-man eine gute Seite zu schreiben imstande war.« &ndash;
-Beides ist wahr.)</p>
-
-<p>Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit.
-Und, ich Frevlerin, immer hatte ich mir diesen Zustand
-als den natürlichen vorgestellt, und was anders
-war, Leid, Elend als Unnatur empfunden.</p>
-
-<p>Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn
-die Erde ist gut. Und reich. Die Sonne nicht erloschen.
-Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt wachsen und
-reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben.
-Als Schande wird es einmal empfunden werden,
-gleich Krankheit. Armut &ndash; Schande. Krankheit &ndash;
-Schande. Häßlichkeit &ndash; Schande.</p>
-
-<p>Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist
-es Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und
-reich. Und die Sonne glüht.</p>
-
-<p>Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern
-um schön da zu sein.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen
-Blättern geschrieben. Dann bin ich hinausgetreten
-auf den Balkon und habe, wie so oft schon, »mein
-Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte
-ich wirklich in der Luft das deine zu erkennen und
-deinem Blick in der Dunkelheit zu begegnen. Wunderbar
-strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's,
-als hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme
-ganz dicht an meinem Ohr flüstern, &ndash; jenen Gruß
-Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du Heißverlangte!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um
-des Geruches von Geburtstagskuchen willen, der
-mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn, weil er der
-Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und
-schwer in der Stadt. Hold und verheißend ist der April.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Aprilmorgen.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich sehe auf einen Friedhofsgarten</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von meinem Fenster herab.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich höre die Särge knarren</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sehe, wie sie verscharren,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Worauf die Gruben warten.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte,&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Friedhof steht in Blüte.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Ostermorgen zerfließen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schwere Gewitterdünste,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die der eilige Frühling hineingeweht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In den wunderzarten April.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und Tränen den Friedhof gießen:<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß er treu das Geliehene hüte!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Friedhof steht in Blüte.</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir,
-ein teures Bild: von der Mutter. Ja, das sind ihre
-Augen. Und <em class="ge">mein</em> Lachen und Weinen, &ndash; ich finde
-es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält,
-und das tut sie ja nur auf dem Bild.) Wieviel müssen
-die geweint haben, diese Augen! Und wie blinken sie
-doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem.
-Seid gesegnet, liebe Augen!</p>
-
-<p>Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen
-Brief!</p>
-
-<p>Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag.</p>
-
-<p>Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach
-Zarathustra«. Und meine Lieblingsblumen brachtest
-du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her,
-hierzulande?</p>
-
-<p>Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare
-Blume das erstemal gesehen habe. In Genua
-war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich
-nach jener &ndash; azurenen Küste fuhr. Allein war ich.
-Und saß am Strand von Nervi. Im Schoß lagen mir
-die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich
-damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit.
-Beinahe wie Glück war es, damals, eine kurze Stunde
-lang.</p>
-
-<p>»Siehe,« sagte ich, &ndash; »ihre Blätter, der Gardenia
-weiße Blätter, sie beben, wie in Ekstase! Und sind
-doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist das Wunderbarste
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-an der Gardenia: du kannst sie rütteln und
-schütteln, soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer
-weißen, samtenen Krone zausen, soviel er mag, sie
-entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze
-Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines
-ihrer sphärenhellen, frohen Blütenblätter entfällt ihr.
-Sie hält sie fest in ihrem wunderbaren Kelch. <em class="ge">So, so
-müßte man sein: so unverwehbar!</em>«</p>
-
-<p>Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten.
-Als er fertig war, setztest du mir ihn aufs Haar. Und
-Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung.</p>
-
-<p>Und dann sahest du mich lange, lange an, und
-unsere Blicke flossen zusammen. Und endlich sagtest
-du, schweratmend flüsternd: »Was bist du schön! Wie
-blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!«</p>
-
-<p>Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber
-in diesem meinem Herzen habe ich für dies Wort einen
-Altar errichtet, dir und mir.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was
-ich mit dir erlebe. Alles wird Stimme. Der Blumen
-Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, <i>anima</i>, &ndash; ihr <em class="ge">Duft</em>,
-&ndash; ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier,
-nicht notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir
-diese Stimme quillt. Und ich höre auch Stimmen,
-Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele
-meiner Seele, <em class="ge">die</em> Stimme selbst, nimmt sie auf und
-trägt sie in sich, bis sie ihr Eigen werden und dann
-meiner genesenen Brust entströmen.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Weiße Gardenia.<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a></td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von allen Blumen du die Blume,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In weißer Glut.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So <em class="ge">unverwehbar</em> deine keusche Krone!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie einst du dies zu solcher holden Ruh,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du?</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blau lag das Meer vor mir.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gesegnet war die Seele mir.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und, Seele <em class="ge">deiner</em> Seele, hauchst du mir</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den süßen Atem zu.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Schoße mir, ein reicher Kranz.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und anders ist die Seele mir gesegnet,<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume!</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme
-geworden in mir!</p>
-
-<p>Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen,
-dein und meinem Altar, vor dem ich jungfräulich
-stehe, neben dir, jungfräulich, &ndash; Frouvelin.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, &ndash; so
-fühle ich, wie die Luft mich streichelt. Und wenn ich
-meinen Blumen frisches Wasser gebe, &ndash; sie nicken
-mir zu! Alles <em class="ge">liebt</em> mich! Woher kommt mir, woher
-kommt mir dieser Segen?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst.</p>
-
-<p>Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer
-überdachten Loggia, eng aneinandergeschmiegt, und
-blickten hinein in diesen gelben, schweren Glast, der
-sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte.
-Und wir blickten uns in die Augen. Von dir
-zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom, in dem wir
-untergehen wollten.</p>
-
-<p>Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es
-flammte auf, in dem gelben Glast und rollte und
-brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-es vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte
-es uns. April!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und daß du nichts &ndash; wagst, es ist das Süßeste,
-das Schönste.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam.</p>
-
-<p>Und ich sah dich erbleichen.</p>
-
-<p>»Wann wirst du mich &ndash; erdulden?«</p>
-
-<p><em class="ge">So</em> sagtest du es.</p>
-
-<p>»Es darf kein Opfer sein.«</p>
-
-<p>Ich legte dir die Hand auf die Lippen.</p>
-
-<p>Du vergrubst den Kopf an meiner Brust.</p>
-
-<p>So demütig sind nur die Freien!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer.
-Aber nicht: »Ich opfere mich«, sondern: »Ich opfere.«
-Ich trage einen Kelch, einen geweihten Kelch: opfernd
-trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine
-frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen
-Handlung &ndash; eine frohe, heidnische Melodie: Evoë!</p>
-
-<p>Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll
-sei dir dieser Trunk &ndash; wie jener andere Trunk, der
-auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen wurde.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Evoë!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In der die Blume deiner Liebe blüht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von dieser irdisch heiligen Ekstase.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde!</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den, der ihn <em class="ge">wissend</em> tat, entwunden aller Not,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So dir der Trunk von diesem Kelche werde!</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht
-gesehen. Unsere Pflichten da draußen, abseits von
-der »Insel«, trennen uns oft für Tage. Ach, und auch
-das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in
-solchen drei Tagen!</p>
-
-<p>Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich.</p>
-
-<p>Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für
-den Geliebten! Selbst wenn es so wenig schön ist,
-wie ich. Wie wellte es sich mir unter der Hand, dieses
-weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken
-kann in nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus
-jeder Pore meines Leibes, da ich ihn mit Wohlgerüchen
-wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm
-auf, alle Fenster der Seele erhellend, &ndash; eine einzige,
-aufflammende Illumination.</p>
-
-<p>Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen
-Schränken. Welch grelle, bunte Lappen hatte ich da
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend
-ernstes, weißes Kleid!</p>
-
-<p>Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter.</p>
-
-<p>Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und
-du sahest, wie ich ging. Du sahest, daß ich etwas dir
-zutrug, &ndash; opfernd, &ndash; diesen Kelch, von dem du
-trinken solltest.</p>
-
-<p>Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche,
-brennende Blüten.</p>
-
-<p>Brennende Blüten fielen in meinen Schoß.</p>
-
-<p>Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die
-Gestirne leben!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon
-hinaus und blickte dir nach. Sternfunkelnd war die
-Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, &ndash; wie ein
-Weib, von dem eben der Geliebte gegangen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in
-alle Winde? In dieses Offene, Grenzenlose, wo es
-weiter und weitergetragen wird? Daß meine <em class="ge">Stimme</em>
-nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten
-Melodie?</p>
-
-<p><em class="ge">Ward</em> sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich
-sie sänge? Nicht vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«?</p>
-
-<p>Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über
-mich kam, aus der die großen, die bekennenden Gesänge
-quellen, die Psalmen, die Hohenlieder.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug,
-hineinhauchte mit dem Schöpferhauch seiner
-eigenen <em class="ge">Stimme</em> in diese meine Menschenkehle, solch
-ein Lied unterschlagen?!</p>
-
-<p>Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein
-Wiederklang davon bleibe, wenn ich selbst nicht mehr
-bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für weiteres, &ndash;
-Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! &ndash; als
-ein rettender Rhythmus vielleicht, eine führende
-Melodie für jene, die auf <em class="ge">die Stimme</em> warten,
-die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie, unbestätigten
-Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos
-geworden, umherfahren auf hoher See.</p>
-
-<p>Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde
-dich tragen mögen! Und wenn ich, dich aushauchend,
-mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich dich
-sang, dich singen durfte, singen mußte!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden
-Welt zu singen, dazu, so will es mir scheinen, mußte
-ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie trank:
-nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren!
-In meinem mir nun einmal »eingeborenen« überheblichen
-Frevelwahn schien es mir immer, als ob
-er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als
-ob uns Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild
-dessen &ndash; gedacht sind, der über allen Sonnen &ndash; denkt,
-als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne,
-die Ekstase! Gebühre &ndash; jawohl, gebühre! Ich hörte
-immer, »es müsse nun einmal so sein«, um uns und
-in uns, wie es meistens eben ist: so staubig, so dämmrig,
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-so melodielos, und schlimmer. <em class="ge">So</em> sollte sein
-<em class="ge">müssen</em>, dachte ich immer hinter dieser meiner
-»Empörerstirn«. So sollte es gedacht sein, als Gesetz,
-von dem, der über allen Sonnen &ndash; denkt, so gedacht
-für uns, die nach ihm &ndash; Gedachten? Dies der <em class="ge">Gedanke</em>,
-im Stoff und in der Melodie, von der er ja
-nur wiederklingt, der Stoff?</p>
-
-<p>Dies die &ndash; Stimme?</p>
-
-<p>Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht
-zufrieden geben.</p>
-
-<p>Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief
-mir auch die Stirn in den Staub gedrückt wurde.
-Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es mußte
-erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen,
-und fromm.</p>
-
-<p>In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand,
-wie du sie nennst, mußte ich »richtig« &ndash; die Sonne
-selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen
-Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten«
-vertragen.</p>
-
-<p>Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen,
-lodernden Trunke. Und ich fing an zu beten. Zu ihr:
-zur Sonne!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und
-glaubet nicht, daß sie euch nicht erhöre! Der Kult
-wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen
-zärtlich vom Staube heben, in die sie, &ndash; die Gottähnlichen!
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-&ndash; gedrückt wurden, wer besser aufrichten
-das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich
-zur Sonne wenden, wer besser könnte es, wer einzig
-dürfte es, als wer selbst im Staube verwühlt und
-tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann
-die <em class="ge">Macht</em> trat, das Haupt ihm hebend und es zart
-und zärtlich ihm zur Sonne wendend?</p>
-
-<p>Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden,
-gedemütigten Welt zu singen, ward mir &ndash; aufgetragen.
-Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit
-dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife,
-die nach dem, der über allen Sonnen denkt, gedacht
-sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen
-und glauben lernen an die Gnade der Liebe, die
-sie einstmals erreichen muß, wenn sie selbst liebten!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig,
-da mir hohe Freude ward, da mir Rhythmus, Melodie
-und <em class="ge">Stimme</em> ward, &ndash; während Millionen in
-tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen.</p>
-
-<p>Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden,
-demütig-frommen Lied, das mir aufgetragen wurde,
-damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend,
-mein Geschick erfüllen.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a></h3>
-
-<p class="in0">»<b>S</b>onderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn
-du mir plaudernd und lachend zuhörst, &ndash;
-was bist du da doch, du weißt, das vergötterte
-Baby&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich weiß: &ndash; mit dem edlen Papa!«</p>
-
-<p>»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem
-Gespräch, da empfinde ich dich, nun, als was
-ich bisher eine Frau noch nie empfand.«</p>
-
-<p>»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner
-Gegenwart zu unterdrücken.«</p>
-
-<p>»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes
-Jünglingsgesicht aus dem Uffizien, das des Philosophenschülers
-&ndash; du weißt!«</p>
-
-<p>»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst
-noch? Habe ich denn noch mehr Verwandte, Ahnen,
-Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen Inkarnation?«</p>
-
-<p>»Wenn deine Lider so schwer werden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dann?«</p>
-
-<p>»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern,
-&ndash; es ist dann etwas &ndash; etwas wie Urmüttertum
-darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus &ndash;
-du weißt?«</p>
-
-<p>»Diana &ndash; eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß
-ich von solcher Diana.«</p>
-
-<p>»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie
-wurde verehrt als eine Fruchtbare. Mit vielen Brüsten
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-ist sie gebildet, so wie du mit vielen &ndash; Gesichtern.
-Diana von Ephesus &ndash; eine andere Ceres. Ceres &ndash;
-das ist die naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen,
-was bleibt oder nicht bleibt, erhalten wird oder ausgerottet.
-Diana von Ephesus ist eine andere Fruchtbare.
-Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine
-Opfernde!</p>
-
-<p>Und sie müßte dein Antlitz haben, das &ndash; mit den
-schweren Lidern.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Welch ein Glück, daß ich dich <em class="ge">sehe</em>, du mir immer
-Vertraute!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie
-davor. »Thumpe«, wenn auch nicht »Klare«, »Vale«,
-wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber nur
-dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer
-vom Staub in den Geist Entrückbaren und Entrückenden,
-nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk vom Weibe
-das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem,
-»der ihn <em class="ge">wissend</em> tat«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende,
-in mich eindringende Lächeln, wenn du mit mir bist.
-Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen waren,
-dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln
-dagewesen wäre in deinem Blick, um deine frohen
-Lippen, auf deiner lichten, freudigen Stirn.</p>
-
-<p>Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt
-es sich in mir in freudige, feurige Säfte, in Kräfte,
-die die Seele mächtig werden lassen, &ndash; lebensmächtig
-und sangesmächtig.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht
-mich sehr, dir &ndash; für ein weniges nur, ich verspreche
-es, ein ganz klein weniges nur, &ndash; die Tarnkappe
-vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen!
-Einen einzigen, kurzen, blitzgeschwinden Augenblick.</p>
-
-<p>Ja? Ja?</p>
-
-<p>Daß du mir sichtbar wirst, &ndash; einen einzigen
-kleinen Augenblick. Das geschah ja auch andern,
-vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen (vielleicht
-stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke),
-&ndash; die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach
-sahen erstaunt eine Erscheinung, die gleich wieder
-verschwand, versteht sich, da sie ja die heruntergeglittene
-Tarnkappe schnell erwischte.</p>
-
-<p>Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo
-Rhodope plötzlich den Gyges sah: einen kurzen
-Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich
-verschob.</p>
-
-<p>Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen
-<i>Laterna magica</i> zu. Plötzlich sieht man auf einer
-weißen Fläche &ndash; ein Bild. Ein farbiges, bewegliches
-Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die
-irgendwo versteckt ist im Hintergrund. Und die Person
-an der Laterne kann das Glas, das den Zauber wirkt,
-beliebig einschieben und wieder herausziehen.</p>
-
-<p>Also &ndash; schieben wir's hinein.</p>
-
-<p>Jetzt schnell, ein Bild.</p>
-
-<p>Ihr schaut &ndash; eine Küstenlandschaft.</p>
-
-<p>Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf
-der magisch beleuchteten Fläche &ndash; dieser Blätter.</p>
-
-<p>Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt
-die Sonne. In diesem Sturm und Sonnengefunkel
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-zugleich (es ist das alles herstellbar bei der modernen
-Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste.</p>
-
-<p>Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den
-Segeln braust's! Und jetzt &ndash; jetzt seht ihr &ndash; jetzt
-könnt ihr ihn erkennen: ihn, &ndash; den Steuermann. Er
-versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich
-merken, wenn er an die Küste herankommt. Denn es
-ist gefährlich und schwer anzulegen an dieser Küste.
-Aber &ndash; Wikinger waren ja seine Leute! Und die
-verstanden das doch. Jetzt &ndash; jetzt seht ihr ihn in voller
-Figur. Und zwei Köpfe zumindest überragt er, was
-ihr drinnen im Binnenland an Leuten zu sehen gewohnt
-seid. Denn die von &ndash; oben &ndash; es ist eben ein
-anderer Menschenschlag da.</p>
-
-<p>Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, &ndash; die
-Augen beleuchten dazu den Weg. Denn ein ordentliches
-Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne
-Sache.</p>
-
-<p>Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die
-Augen und verfurchen die Stirn, wenn hinter ihr
-(angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken
-verlieren sie gleich ihr Gesicht.</p>
-
-<p>Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das
-Leuchten!</p>
-
-<p>Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund!</p>
-
-<p>Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das
-Unbeirrbare. Wie liegt sie am Steuer, greift und
-lenkt.</p>
-
-<p>Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar.</p>
-
-<p>Seht ihr's, &ndash; seht ihr's deutlich?</p>
-
-<p>Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die
-Küste heran.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Aber &ndash; das Glas heraus, aus der Laterna Magica.</p>
-
-<p>Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In
-dem, was du bautest, in dir erst bautest, bis es klingend
-ward, &ndash; Musik. Und dann aus dir herausbauen
-konntest, was also geworden war. Werk deiner
-<em class="ge">Stimme</em>, es wird leben &ndash; <em class="ge">deine</em> Tat.</p>
-
-<p>Aber &ndash; die Gestalt!</p>
-
-<p>Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese
-Blätter tragen, sie hier hereinretten durfte, &ndash; es
-macht mir die Blätter teuer.</p>
-
-<p>Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter
-eingezeichnet zu haben &ndash; trotz der Tarnkappe! &ndash;
-meine Tat!</p>
-
-<p>Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe
-steckt, &ndash; er wirft doch einen Schatten, wie? Die
-Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten unsichtbar,
-wie? Und wenn nun die <em class="ge">Sonne</em> recht voll
-auf ihn fällt, (auf den in der Tarnkappe), dann wird
-sein Schatten, in der Sonne, recht deutlich. Fast so
-deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn
-wirft.</p>
-
-<p>Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen!
-Einzeichnen in diese darum so teueren Blätter.</p>
-
-<p>Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen
-darf, das &ndash; Wunderbare &ndash; unabhängig
-davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's, geborgen,
-hier, hier in den Blättern.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>W</b>as ich in diesen Blättern den Göttern entzünden
-will, wie ich es nannte, es verläßt mich keinen
-Augenblick. Ich muß es <em class="ge">tragen</em>, wo immer ich gehe
-und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines
-Werkes bis ins kleinste, darauf kommt es, nach Goethe,
-einzig an. Ausgetragen muß sein, was geboren werden
-soll.</p>
-
-<p>Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art
-kann ich sagen und schreiben, was ich hier schreibe, &ndash;
-auf zehnerlei Arten könnte ich es und tue ich es oft.
-Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst
-kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung
-der <em class="ge">Gestalt</em>, &ndash; morphologische Strebung des Stoffes,
-möchte ich es nennen, (sein Wille zur <em class="ge">Form</em>, der ihm
-innewohnt!) &ndash; daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne
-es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder
-schreibe, bis ich mir unter zehn Blättern eines erkiese,
-welches ich da niederlege?!</p>
-
-<p>Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa,
-oder Briefe) in der einen armselig herausgedrückten
-Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte, blieb
-es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden,
-wie etwa ein wackliges Häuschen angeblasen werden
-darf.</p>
-
-<p>Jetzt, &ndash; ich bücke mich und die Wellen meiner
-Quelle bleiben mir als schimmernde feste Kugeln in
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges
-erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in
-die Luft und spiele mit ihnen und werfe sie wieder
-hinein in die Quelle und fange sie wieder und forme
-sie wieder, wieder, wieder.</p>
-
-<p>Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff,
-das Element, aus dem ich diese Wellen greife, von
-so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in sich.
-Der Stoff.</p>
-
-<p>Oder &ndash; sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber
-meine Hand berührt?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist
-eine von den Narreteien, die jetzt gerade im Kurs
-sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert
-werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt«
-verfertigten Machwerk an, daß es eine fingierte Gestalt
-des Lebens ist, gleich jener Olympia in »Hoffmanns
-Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat,
-und sei es selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine.</p>
-
-<p>Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere,
-ist ganz »Herz«. Alles muß ihn »angehen«. Er lebt
-hunderttausendfach. Wie der Bäcker für andere backt,
-der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der
-Maler sieht, der Musiker hört, so &ndash; <em class="ge">lebt</em> der Dichter
-für alle andern. Er lebt ihnen etwas vor, erlebt es
-bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt
-so die andern das Leben durch und durch leben, wie
-sie es allein nie könnten.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe.
-Das will sagen, in besonderer <em class="ge">Form</em>. Nicht nur ein
-Gedanke »fällt« mir ein, der sich dann eine Gestalt
-<em class="ge">sucht</em>, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich
-daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den
-Gott in sich tragend. Sie fällt mir in den Schoß, wie
-vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich fiel in der
-Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn
-der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen.
-Und die Gestalt, in der er erscheint, ist sehr wesentlich.
-Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt es dann
-einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt.
-Denn wäre der Goldregen nicht gerade in der Danaë
-brünstigen Schoß gefallen, die kostbare Begierde des
-Zeus wäre verloren gewesen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen.
-Oder meinetwegen Esperanto. Irgendeiner allgemeinen
-Verständigungssprache mich bedient, bedienen
-müssen. Aber <em class="ge">meine</em> Sprache, die dieser
-Blätter, hatte ich sie jemals früher gefunden? Wer hat
-sie je von mir gehört, diese meine Sprache? Ähnlich
-klang's, Esperanto ähnelt ja allem.</p>
-
-<p>Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch
-reden. An dir nur es finden.</p>
-
-<p>Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht
-erscheinen, was ich zu sagen habe und wie ich
-es sage. Dir, dir ist's &ndash; was mir <em class="ge">dein</em> Wort ist:
-heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie
-missen, diese meine Heimat. Und verlöre ich Dich,
-so würde mein Herz doch immer die Heimat begehren
-&ndash; im Herzen eines Menschen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Mir ist, als hätte ich sie &ndash; dich &ndash; nur wiedergefunden.</p>
-
-<p>Vorher &ndash; wo war es doch?</p>
-
-<p>War es zu Eleusis &ndash; Priester? Oder zu Padua &ndash;
-Meister? Oder zu Ephesus &ndash; Opfernder?</p>
-
-<p>Träumereien wagen sich zu dir.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Oft scheint es mir auch, als wären wir &ndash; einst,
-einst &ndash; zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du,
-mein lieber Herr, und hätten uns damals schon, »am
-stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk kredenzen
-lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk
-ist, &ndash; mein Landsmann Vogelweid, Freund
-Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein teurer Hausgast,
-ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit«
-war uns Haus und Hof. Und wir saßen
-alle drei auf der Bank um den Ofen herum und brieten
-da Äpfel.</p>
-
-<p>»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund
-Walther.</p>
-
-<p>Und wir beide, du und ich, sahen uns an und
-schwiegen und lösten dann die Blicke voneinander und
-lächelten ihm zu, dem lieben Dritten.</p>
-
-<p>»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari
-fragt uns um Minne.«</p>
-
-<p>»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich.</p>
-
-<p>»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?«
-fragte er und horchte gespannt.</p>
-
-<p>»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich.</p>
-
-<p>»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«,
-sprachst du, mein lieber Herr, &ndash; »ich weiß nicht, wie
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-man sie dann nennen soll.« Und zogest dabei, umsichtig
-und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist,
-die Äpfel aus der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet
-hatten.</p>
-
-<p>»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den
-Freund. »Sprecht ja! Minn' ist zweier Herzen Freude!
-Sprechet ja!«</p>
-
-<p>»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach
-mein lieber Herr und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich
-geschält hatte, auf den blitzenden zinnernen
-Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in
-die Nase stieg.</p>
-
-<p>»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«,
-meinte nachdenklich Freund Walther.</p>
-
-<p>»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach
-mein Herr und blickte mich an.</p>
-
-<p>»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr
-recht, vieledle Frouve«, sagte Walther.</p>
-
-<p>Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr
-sie dann?«</p>
-
-<p>»Die könnt' <em class="ge">Unminne</em> heißen ehr«, sagte mein
-Herr.</p>
-
-<p>»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's
-treuherzig, kreuzte Bein auf Bein und biß herzhaft
-in seinen leckern Bratapfel.</p>
-
-<p>»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«,
-meinte er, da wir alle drei speisten.</p>
-
-<p>»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein
-Herr.</p>
-
-<p>»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht!
-Nicht kann gefallen mir, zu meiner Freude <em class="ge">Tod</em>,
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-<em class="ge">daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen
-macht</em>!«</p>
-
-<p>»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr.</p>
-
-<p>Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied!
-Wolltet Ihr Eure Laute holen? Wir sängen dann alle,
-zum süßen Spiel.«</p>
-
-<p>Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute
-zu holen, die fremdartig, seltsam an der Wand hing.
-Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?«</p>
-
-<p>»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was
-klingt sie mir deutsch!«</p>
-
-<p>»Die Laute?«</p>
-
-<p>»Die Frouve, die traute!«</p>
-
-<p>Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen
-Herd, ein Lied von der heiligen Minne!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm
-sangen und rieten, am selbigen Abend noch nieder,
-mit gar zierlichen Zeichen.</p>
-
-<p>Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein
-Roß gesattelt stand und ihn uns entführte, ein Röllchen.
-»Nehmet ein armes Gastgeschenk, vieltraute
-Frouve!«</p>
-
-<p>Und ich entrollte es, und da stand:</p>
-
-<p>»<em class="ge">Minn' ist zweier Herzen Freude.</em>«</p>
-
-<p>Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee
-und winkte uns, die wir unter dem Tore standen,
-grüßend mit dem Hute zurück.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Pietà war meine Liebe zu <em class="ge">ihm</em>.</p>
-
-<p>Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In
-jede hohe Freude mischt sich ein Gefühl der Dankbarkeit«,
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-schrieb Wagner an Mathilde. Und jede solche
-demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen,
-religiös. Fromm macht diese Freudigkeit.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen,
-die küßten mich um ihretwillen. Du aber küssest mich
-um meinetwillen. So deutlich, so sichtbarlich, so unverkennbar
-ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene,
-rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine
-Küsse, so werden sie über mich gestreut, wie Blüten,
-die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und
-niederfallen und immer wieder neu sprießen und
-fallen, fallen auf das, dem der Segen bestimmt ist,
-und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu
-Lippen und Augen und Haaren.</p>
-
-<p>Und um meinetwillen!</p>
-
-<p>Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig,
-nicht von mir fort entführt zu jenen Mächten, die
-den Mann erschüttern, wie das Rollen der Lava den
-Krater.</p>
-
-<p>Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie
-lenken mir ihn keinen Augenblick fort aus seinem Bette,
-meinen goldenen Strom, der aus der Quelle deiner
-Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges
-Bett.</p>
-
-<p>Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen
-regnet es Blüten, rote, samtene Blüten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht,
-&ndash; Süchten, mehr ein Süchtiger, denn ein
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen
-liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom
-Morgen Umwobene, zum Tage Ahnende &ndash; die
-Schwebende, Lockende, &ndash; die die Seele in den Garten
-der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht.
-Er, der doch ein Dichter war, hatte keinen
-Träumerblick. Und den des Wissenden, den hatte er
-noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand
-ich seinen Blick, silbern, rollend, wohin? woher?
-Rollend, ohne Möglichkeit, innezuhalten.</p>
-
-<p>Seine Sehnsucht <em class="ge">hatte</em> ihn, wie eine wilde
-Reiterin ihr Roß. Sie saß auf ihm &ndash; und peitschte
-und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten
-Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es
-dahin, unter den Hieben und Sporen der Furchtbaren,
-die seine Meisterin ist, das Roß, &ndash; das edle.</p>
-
-<p>Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die
-Sporen ins Fleisch. Wohin <em class="ge">sie</em> will, muß der Weg
-führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst will. Ein
-Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine
-Sehnsucht, peitscht ihn &ndash; mit Begierde, spornt ihn,
-mit schneidenden Eisen der Not, die tief in sein
-Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die
-beiden, diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da
-lassen sie hinter sich &ndash; Zerstampfung, Zerstörung,
-Schrecken.</p>
-
-<p>Und doch, und doch &ndash; ein <em class="ge">edles</em> Roß, das also
-gejagte, ein unfreies, gehetztes, geknechtetes, und
-doch ein edles!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere.
-Eine mütterliche, im Schoße tragende, wohnt sie
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse erstickter,
-verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und
-betender Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt,
-löst, <em class="ge">ordnet</em> nach geheimem Gesetz. Nach den
-geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die
-Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, &ndash; daß
-etwas werde! Ordnung werde! So trägt sie &ndash; die
-Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit.</p>
-
-<p>Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend,
-ahnend, ihnen entgegenlauschend, gehst du, suchst du,
-sammelst du: Töne, &ndash; Töne zur Ordnung! Und
-mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein
-Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher
-Melodie geführt, dorthin, wo es klingt, wo <em class="ge">sie</em> wohnt
-&ndash; Sehnsucht.</p>
-
-<p>Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der
-Sehnsucht Geführte &ndash; es ist zweierlei.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe,
-&ndash; »bezähmt, bewacht«.</p>
-
-<p>Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst.
-Dieses die Ruhe, die die Darbenden speiset und die
-Gehetzten erquickt, wie der Schatten des festwurzelnden,
-blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe,
-die die Griechen &ndash; träumten, in Marmor, durch
-dessen Geäder man die Leidenschaften fließen sah,
-ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten!</p>
-
-<p>Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust.</p>
-
-<p>Wie klingt es doch im Hohenlied:</p>
-
-<p>»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und
-lehnet sich an ihren Freund?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Fürwahr &ndash; aus einer Wüste fuhr ich herauf.
-Nichts war da, woran ich mich hätte lehnen können,
-mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen Wüstenfahrt.
-Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren
-bin. An meinen Freund mich lehnen.</p>
-
-<p>»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen,
-so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter
-dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht ist
-meiner Kehle süße.«</p>
-
-<p>»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, &ndash;
-und wehe durch meinen Garten, daß seine Würze
-triefen!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht:
-das Weib möge sich an ihn lehnen. Und ich wollte
-es so gern und tat es auch, und siehe &ndash; es bog ihn,
-verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger
-Busch war er, mit seltsamen, üppigen Blüten
-und Beeren an seinen Zweigen, seinen tausendfältigen
-Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch,
-dessen Gezweig sich schier undurchdringlich
-ineinander schlingt. Und lehnte man sich da hinein,
-so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine
-Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen.
-Kleine Vögelchen auch auf diesen Zweigen sich wiegen
-und Schatten da suchen und finden. Und gar wohl
-wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben,
-nach Art der starken, festverwurzelten, hoch in den
-Stamm geschossenen, dichtbelaubten und befruchteten
-Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte
-kein Vögelchen naschen, es stürbe daran.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da
-nicht eine Menschenseele in ihm, die von Sehnsucht
-gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt ist
-und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war.
-Eine Seele, deren eigene Ideale sie verwirren und
-verraten. Die heute vermeint, ein paar Vögelchen,
-hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude
-brächte. Und die morgen das gefiederte Getier am
-liebsten hinauswürfe und von einer Herrin träumet
-&ndash; die sich neiget &ndash; und seine Blüten bricht, &ndash; daß
-die verwundeten Zweige &ndash; bluten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Alles <em class="ge">sah</em> er am Anfang, was er, balde, ach balde,
-nicht mehr sah.</p>
-
-<p>»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich <em class="ge">vor</em>setzen.</p>
-
-<p>»Wie sie sich lehnt!« &ndash; »Lehn' dich, bitte, lehn'
-dich da an die Portiere!«</p>
-
-<p>Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt
-und schaute.</p>
-
-<p>Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch,
-der in der Zimmerecke stand. An der anderen Wand,
-gegen die ich den Rücken kehrte, stand die Ottomane.
-Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er
-hatte es gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich
-schrieb gern für ihn, ich, die ich meine eigenen »Skripten«,
-&ndash; wenn ich eine Schriftstellerin wäre, &ndash; niemals
-selbst abschreiben könnte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb.</p>
-
-<p>»Du &ndash; bitte!«</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so,
-nein, nicht an die Wange, mehr in den Nacken die
-Hand, so, ans Haar!«</p>
-
-<p>»Warum denn?«</p>
-
-<p>»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen
-kann.«</p>
-
-<p>Oder er trat an den Schreibtisch, während ich
-schrieb, und legte seine Hand, leicht, ganz leicht, auf
-meine schreibende Hand.</p>
-
-<p>Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen
-lassen: wenn nicht jeder von ihnen ununterbrochen
-die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es«
-nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare«
-verlassen &ndash; die Liebe.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot
-und vergraben waren sie, längst. Wie kamen sie
-herauf?</p>
-
-<p>In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch
-die große Sonnenflut, die hineinbrach. So lebendig,
-daß selbst &ndash; Gräber darin zu blühen beginnen.</p>
-
-<p>Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige,
-üppiger denn alle anderen Blumen, die auf gemeinem
-Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus
-Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris
-Art in der Liebe.</p>
-
-<p>Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung
-an sich selbst, »zu Liebe« dem andern.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-Und was anders ist, denn das »Wunderbare«,
-verdient nicht den Namen Liebe.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie umklammert halten wir uns, immer.</p>
-
-<p>Stunden vergehen, &ndash; wir lösen uns nicht. Das
-Abendbrot steht bereit, vor uns auf dem Tisch. Du
-füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst die
-Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist,
-als wären wir versunken in einander.</p>
-
-<p>»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden
-mir in den Mund hineingedrängt. Ich kann schwer
-essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann ich nur
-schwer essen.</p>
-
-<p>»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du.</p>
-
-<p>Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine
-Hand frei, habe beide Hände um deinen Hals, und
-da gehen sie nicht fort.</p>
-
-<p>Und du nimmst die Tasse in die eine und den
-Löffel in die andere Hand, und Löffel für Löffel wird
-mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer ist.</p>
-
-<p>Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein
-absonderliches erschiene.</p>
-
-<p>Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist,
-was weniger ist, verdient nicht den Namen des &ndash;
-Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Sommer ist es geworden über alledem.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>L</b>ieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen
-machen. Es ganz und gar <em class="ge">begreifen</em>, das, was
-man also begriffen hat, begreifen <em class="ge">wollen</em> und sich freudig
-erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder
-gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun
-herrscht aber diese Gefühlsimpotenz unter den Heutigen.
-Diese »Schwäche«. Diese Bröckligkeit der Gefühle.
-Wie kann man da »begreifen«? Begreifen
-heißt ja eingreifen in ein anderes und es dann halten,
-umfassen. Um einzugreifen, muß aber erst eingedrungen
-worden sein in das, was begriffen werden
-soll. Eindringen aber kann nicht der &ndash; seelisch Geschwächte.
-Ganz und gar eindringen. Gibt es Halbjungfrauen,
-so gibt es auch <em class="ge">Halbentjungferer</em>. Die letzten
-Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum
-Fallen. Nicht vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe
-fertig. Nicht gänzlich vermögen sie, sich des
-Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird
-nicht komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der
-Liebe und die ersten Präludien bewältigen sie, aber
-was <em class="ge">dann</em> kommt, der schönste, aber auch der schwerste
-Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.</p>
-
-<p>Physiologisch &ndash; <em class="ge">da</em> reicht es bis zur Orgie. Nicht
-solche Schwäche ist natürlich hier gemeint. Nein, nein,
-diese viel ärgere, diese Gefühlsimpotenz, die den
-Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe den an ihr
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen
-sind fähig, Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf
-emporwachsen zu lassen, »aus der Tiefe zur Höhe«,
-sie durchzuhalten, sie zu behaupten.</p>
-
-<p>Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer
-wieder, fangen am liebsten immer wieder neu an.
-Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So sehr
-man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint
-er banal, dieser Liebhaber in die flache Breite. In
-die Tiefe lieben, das ist die Frage, die Kraftfrage.</p>
-
-<p><em class="ge">Wissend</em> trinken, das ist die Liebe. Synthese!
-Schwächlinge sind aber nicht synthetisch. Entweder
-sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«.
-Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn
-und kommen vor lauter Gegrübel nicht zum Trunk.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«,
-und »fesseln« liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest,
-wie manchem Mann »erobern«. Nicht dieses aufs
-immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht »Behandeln«
-ist meine Sache. Nur <em class="ge">sein</em> kann ich.</p>
-
-<p>Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört,
-daß du mich lieb hast, weil ich <em class="ge">bin</em>. Nie habe
-ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter.
-Das sind die Menschen der starken Lebensgefühle.
-Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es
-auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die
-Gefühlskraft gehört der Antike an. Anarchronistisch,
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein Mensch solcher
-Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.</p>
-
-<p>Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike
-an. Solche, die verbunden waren durch überpersönliche
-Gefühle, &ndash; Gefühle, die der Idee »Mensch«
-gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie
-die Renaissance ausgrub und unter deren Studium
-sie Humanismus wurde.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Brüderlichkeit &ndash; diesen Gedanken habe ich tief
-im Herzen! Liebe war meine Lebensquelle immer.
-Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so
-wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und
-ich glaubte so gern an Geneigtheit, Freundlichkeit,
-an die Idee der Vertraulichkeit, des Wohlwollens
-von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit.</p>
-
-<p>O meine Brüder und Schwestern, &ndash; möchte doch
-dieser Glaube über euch alle kommen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand
-sprach zu mir, wenn ich litt: »Sei geduldig! Sei friedlich!
-Sie wird dir wiederkommen, deine Seele. Denn
-du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit
-da, so eine Seele. Sie verläßt einen &ndash; scheinbar
-&ndash; manchesmal. Aber sie wird dir wiederkommen.
-Und dann mußt du sie in beide Hände fassen
-und sie tief und fest verankern. Und zu ihr sprechen:
-Bleibe da, sei ruhig!«</p>
-
-<p>Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war:
-»Menschenskind! deine hellen Augen freuen mich!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Und doch und doch, &ndash; mein Glaube blieb leben
-und sprach zu mir, da ich tief daniedergedrückt war:
-»Einer wird kommen einmal, der deine Blicke trinkt.
-Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen,
-imstande sein, dich zu nehmen, so wie du bist.
-Der Freund wird es sein, <em class="ge">der</em> Freund! Und <em class="ge">lehnen</em>
-wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren
-bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an
-niemanden ungestraft lehnen durftest, auf dieser
-deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich lehnen.
-Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt
-seine Gestalt, wie Zedern auf Libanon«.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenn ich sie auch an dir erlebte diese &ndash; Gefühlsverbröckelung?
-Was dann? Würde das <em class="ge">Herz</em> es
-ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz?</p>
-
-<p>Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch
-noch lieb, Frowelin?« Und ich erwidere Dir:
-»Freund! Wenn Du mich auch verlässest &ndash; so bleibt
-mir &ndash; Gott!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was
-ist sie zweifelsüchtig! Die süße, die närrische, die
-furchtbare!</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Wie willst du denn die Macht in deine Hand bekommen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist sie so schwach?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Besinne dich, wie oft das Schicksal dir in tausend Trümmer</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In dieser Hand zerbrach.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es sollte wohl so sein.<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es mußte ihr entgleiten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was nicht geschaffen war, dich führend zu geleiten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In dieser deiner Hand dir magisch aufzublinken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zur Heimat leuchtend, die du sahst von Ferne winken.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch siehe zu, daß dir die rechte Kraft in deine Hand nun kommt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie taste nimmermehr, &ndash; sie wisse, was ihr frommt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und jene Sehnsucht, die dir grausam überstrahlte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was du umklammert hieltst zu unrecht in der Hand,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Sehnsucht, die jedwedem Irrtum unbeugsam</td></tr>
- <tr><td class="tdl">schmerzlich dich entwand,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie leuchte heller dir und wandle sich in Macht:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß du beharren darfst, wenn dir die Heimat lacht!</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>O</b>b ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du
-mich enttäuschtest, Johannes? Mich aus allen
-Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes Wunder,
-unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest?</p>
-
-<p>Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas
-begeht, was man ihm durchaus und niemals zugemutet
-hätte. Enttäuschen heißt vernichten.</p>
-
-<p>Wenn du nun begingest, was ich dir niemals
-zumute, ja mit aller Phantasie mir nicht vorstellen
-kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn
-du die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen
-Liebe?</p>
-
-<p>Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser
-Liebe wurden, unvernichtet?</p>
-
-<p>Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es,
-als zwänge mich eine Stimme, mich zu entscheiden.
-Als lebte ich in beständiger Einsturzgefahr, bevor
-ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser
-unwahrscheinlichen Frage.</p>
-
-<p>Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon
-öfter mir aus dunkler Bewußtlosigkeit hell heraustönte:
-»Was immer geschehen mag mit dir, &ndash;
-rette mich, deine Stimme!«</p>
-
-<p>Und die Stimme, die Stimme &ndash; sie ist in den
-Blättern!</p>
-
-<p>Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag
-mit &ndash; mir.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches,
-ein Seiendes, wie ich dachte und wähnte, so
-wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die Idee
-davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen
-die das »Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird,
-gegen die es erbleicht, wie ein fahles Abbild des einzigen
-wahrhaft Seienden.</p>
-
-<p>Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um
-jener »Idee« willen, die vernehmbar und sichtbar
-ward durch <em class="ge">mich</em>, &ndash; rettete ich die Blätter, was immer
-geschehen möge mit mir.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb &ndash;
-ich weiß es nicht. Aber geschehen könnte es, sicherlich.
-Es könnte geschehen, daß ich an Johannes erlebte,
-was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo,
-sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und
-tausendmal schlimmer, sicherlich. Denn dort war ein
-Wildes und Banges, was zusammen erlebt wurde,
-von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an
-dem meine Seele klingend wurde. Es könnte dennoch
-geschehen.</p>
-
-<p>Und daß ich mich hingab an das, was ich mit
-Johannes erlebte, nicht nur mit meiner weiblichen
-Person (das wäre keine so große Sache, das), aber
-mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben
-des Stroms an seine Mündung, daß ich das ganze
-wunderholde Erleben für gültig nahm, über den Augenblick
-hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle
-Zweifelei so gern und so willig verscheuchen ließ, es
-wäre &ndash; eine maßlose Überhebung von mir gewesen.
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-Überhebung eben das, was das ganze Glück war!
-Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern
-und von ihnen mit Vernichtung bestraft.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Das Wunderbare, das Wunderbare &ndash; es wäre
-aber doch. Hier in den Blättern. Würden sie mich
-denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz begraben,
-gerade diese Blätter?</p>
-
-<p>Das Wunderbare &ndash; das war ja diese Hybris!
-Das war ja der bestätigte Glaube, der holde Glaube.
-Und <em class="ge">seine</em> Gestalt, des Freundes Gestalt, war es,
-die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt,
-mit diesem Glauben, mit diesem Wunderbaren?</p>
-
-<p>Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben
-zu lassen?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt,
-die ich liebte, &ndash; er, er löste sich dann von der
-Gestalt. Und <em class="ge">mein</em> Johannes, der, den ich in diese
-Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee,
-ihr, die uns wachsen macht über uns selbst hinaus,
-näher ihr wäre er dann, denn ihm, dem &ndash; andern.</p>
-
-<p>Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was
-sie in eins verschmolz war dies Herz, dies Herz. Menschenherz,
-das denkende, &ndash; dessen pochen kein Sphärengedonner
-übertönt. Mein Menschenherz, das bei
-jenem Auseinanderriß der beiden, die eins waren,
-wohl zerrissen würde, mitten durch.</p>
-
-<p>Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre
-dann für &ndash; Spätere. Um Spätere, Bessere, Stärkere,
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen, zur Idee
-&ndash; dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden
-wähnte.</p>
-
-<p>Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich
-mich tiefatmend lehnte, da ich heraufgefahren kam
-aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten
-in mein Lied? Wirst du wohl über den von dir fort
-und der »Idee« dafür näher rückenden, über den also
-»idealisierten« Johannes dein Lachen finden, &ndash;
-dein gutes, gutes Lachen?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein Glaube, dem ich einen &ndash; Opferstoß entzündete.</p>
-
-<p>Und dem ich einen Tempel baute.</p>
-
-<p>Wenn sie mich trotzdem erreichte, die &ndash; Verödung?
-Und da ich in diesem Erleben gewesen, wär's
-eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der
-Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt
-es Maeterlinck.</p>
-
-<p>Sie wäre es, die mich erwartete.</p>
-
-<p>Den Gott verjagen und den Tempel &ndash; lassen?</p>
-
-<p>Und &ndash; aus ihm heraustreten &ndash; und meine Straße
-gehen &ndash; und führte sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine
-Welle nicht genug an den großen Ozean denke, dem
-sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der kleinen
-Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt
-so eine Welle ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar
-tut sie das. Solange sie Welle ist, solange
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an eine
-andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst
-wurde, in einer größeren Einheit, muß sie, gerade
-gemäß ihrer Rolle im großen Ozean, die Rolle ihrer
-winzigen Einheit mit großem Eifer und großer
-Wichtigkeit durchführen. Würden nicht Milliarden
-Wellen mit hunderten weißer Füßchen ihr kleines Ich
-eifrig dahin tragen, wohin es <em class="ge">will</em> (oder muß?),
-keinen Ozean gäbe es dann.</p>
-
-<p>Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint?</p>
-
-<p>Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die
-Welle, ihre Kraft. Ihre Kraft &ndash; zu fließen. Sich
-aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll. Ihres
-Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es!
-Tief unter ihrer Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel,
-das ihr Fuß wird und sie zu ihrer Küste
-trägt, weiß sie sich ihres Elementes.</p>
-
-<p>Du verstehst, Johannes?</p>
-
-<p>Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem
-Buch, das seine Briefe an Sophie sammelt?</p>
-
-<p>Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn
-nicht mehr liebte. Und er suchte und antwortete:</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»O still &ndash; ich könnte sonst erschrecken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Könnt' ich den Winkel nicht entdecken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der unzerstört für Gott verbliebe,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Beim Tode deiner Liebe.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Unter der Brandung &ndash; weiß sich die Welle ihres
-Elementes.</p>
-
-<p>O still &ndash; ich könnte sonst erschrecken&nbsp;...</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-In einer Ode von Walt Whitman heißt es:
-»Kommt dir, Träumer, denn kein Gedanke, daß dies
-alles nur <em class="ge">Maja</em> sein könnte und Täuschung?« Maja&nbsp;...
-Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter
-erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner
-Täuschung dessen, &ndash; der ihrem Herzen Treue hält!
-Und bist nicht <em class="ge">Du</em> es, so ist es der Geliebte ihrer
-Sehnsucht und sie gehört <em class="ge">ihm</em> &ndash; für <em class="ge">Zeit und
-Ewigkeit</em>.</p>
-
-<p>Warum, warum sind diese Gefühle über mich
-gekommen? Woher? Was fiel mir da ins Herz und
-wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen,
-düsteren Tönen?</p>
-
-<p>Wie ein Saitenspiel ist dieses mein <em class="ge">Herz</em>. Und
-mit lebenbebenden Händen greife ich selbst hinein,
-mitten hinein. Und was mir da unter diesen bebenden
-Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr
-kommen vom Instrument, geheimnisvoll gezwungen
-zum Spiel, erbraust, &ndash; o großer Gott, es ist ein volles
-Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser
-meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust.</p>
-
-<p>Warum geschah es mir, &ndash; daß dieses Dunkle
-mir hineinklingen mußte in mein Lied? War es
-vielleicht, damit das Lied &ndash; ein echtes Menschenlied?
-Ward es deswegen über mich verhängt?</p>
-
-<p>Sym &ndash; phonie! Phoné &ndash; die Stimme, der Ruf.
-Stimmenzusammenklang!</p>
-
-<p>War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die
-dem Leben gehört?</p>
-
-<p>Und in die jubelnden Passagen der Violinen und
-in das Geschmetter der Hörner mußte es hineintönen
-&ndash; wie die Stimme der Dunkelheit:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-»So klopft das Schicksal an die Tür.«</p>
-
-<p>Und ich greife und greife die Saiten. Und sie
-zucken und schwingen und <em class="ge">tönen</em>.</p>
-
-<p>Und das Blut rieselt unter meinen spielenden
-Händen und strömt dahin, mir zu Füßen.</p>
-
-<p>Fließe, fließe über die Erde, die braune, die
-geliebte, laß dich trinken von ihr und wachse auf aus
-ihr in glühender Glorie. Verströme mein Blut, und
-verströmte mein Leben darob.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war
-sie. Verstrich und verblich so schnell. Wir merkten
-es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in sie,
-in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete
-ihn, den Tag, bevor er sich selbst noch deutlich
-war, wie mit Flötenton, kündete es ihn, &ndash; horch!</p>
-
-<p><em class="ge">Heller</em> als er selbst noch war, der Tag, drang es
-in ihn: tirillili.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Die Nacht verstrich. Es drang in sie</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So flötenfroh, es kam vom Hag:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tirillili &ndash; tirillili.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein Vogel rang um Melodie.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Auf grauen Wellen trug der Tag</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zum Bett, wo ich im Arm dir lag,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den Amselschlag</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sie,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die heller war, die Melodie:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tirillili &ndash; tirillili.</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Nacht verblich. Es drang in sie,<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">So wachensfroh, ein Flüsterwort:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">»Ich seh' das Licht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das stärker denn der bleiche Tag</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und heller denn der Amselschlag</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dir aus den Augen bricht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und eindringt in den bleichen Tag,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie sie,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die heller war, die Melodie:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tirillili &ndash; tirillili.«</td></tr>
- <tr><td class="fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Nacht entwich. Der in sie drang,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So flötenfroh, der Amselschlag,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Verklang im Hag.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Bette stand im Morgenlicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und dein Gesicht und mein Gesicht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blickt in den Tag,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den jüngsten, den die Welt gebar,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und trug in ihn, die heller war,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die <em class="ge">unser</em> war, die Melodie:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tirillili &ndash; tirillili.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Da liegt es vor mir, &ndash; ein Lied. Ich finde es
-hier und mich dabei, eine Feder liegt daneben und
-die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so
-sein, daß ich es <em class="ge">schrieb</em>. Aber wie, wie geschah es?</p>
-
-<p><em class="ge">Wie</em> drang in das, was dämmerhaft, &ndash; »die
-heller war, die Melodie?«</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende,
-das Stärkere. Der Tag, das männliche
-Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker und
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels
-Stimme, da nach Melodie sie ringt, entquillt. Sie,
-die Melodie, überklingt den Tag.</p>
-
-<p>Aber heller noch als diese Melodie, um die der
-Vogel rang, ist jene andere: die aus den Augen bricht
-als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste Melodie
-der Menschenstimme, &ndash; <i>anima</i>.</p>
-
-<p><em class="ge">Sie</em> überdringt, überklingt, überwältigt alles,
-alles, was dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend.</p>
-
-<p>Und siehe, &ndash; ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar:
-Ursymbol des Gesanges von der Begattung
-des Dämmernden durch das Lichtere.</p>
-
-<p>Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der
-Mann. Näher dem Kreißenden, aus dem &ndash; Welt
-ward, da die <em class="ge">Stimme</em> hineindrang, die das Licht befahl.</p>
-
-<p>Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte,
-&ndash; die heller war: die Melodie, &ndash; der Logos. Da
-ward sie Form und &ndash; Welt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das
-Licht, das zeugende?</p>
-
-<p>Woher?</p>
-
-<p>Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang
-es in mich, so licht, so zeugend?</p>
-
-<p>Mich schaudert.</p>
-
-<p>Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die
-sich schlingende, in sich selbst eindringende, niederschrieb,
-nicht wußt' ich da, Johannes, &ndash; ihren Sinn.</p>
-
-<p>Verstehe, verstehe, &ndash; Geheimnisvolles, Unsagbares:
-ich <em class="ge">wußt'</em> ihn nicht, den Sinn, der aus mir
-brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied!</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Es drang in sie,<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">die heller war, &ndash; die Melodie.«</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es drang, woher?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und wer ist &ndash; er?</td></tr>
-</table>
-
-<p>Und sonnenklar darniederliegt &ndash; ein Sinn: Urgeheimnisse
-nahe. Und sonnenklar, schuf er, der Sinn,
-sich selbst die Form. Die Form, die wieder durch sich
-selbst schon &ndash; deutet, auf ihn, der sich sie schuf.</p>
-
-<hr />
-
-<p>O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied
-nicht einmal, ich schrieb es mehrere Male. Und
-immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff,
-der Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt.
-Ich hatte es hingeschrieben und dachte damit fertig
-zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter.
-Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe
-Lied, in anderer Tonart, und ich mußte ihnen nach,
-diesen Tönen.</p>
-
-<p>O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet
-flügge, ihr Füße, werdet erbeutend ihr Hände, ihnen
-nach, meinen Liedern, ihnen nach!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe
-doch! singe!« Und ich würgte und preßte an meiner
-Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es sei
-denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte
-Dimitri. So war es. Unminne zerfraß meine Kraft!</p>
-
-<p>Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll
-klingt mein Lied. Und das Lied, das Lied, das ist ja
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-gerade &ndash; <em class="ge">das Lied von dem Gesange</em>! Was
-ich an ihr, der Stimme, erlebte, künde ich <em class="ge">mit</em> ihr!
-Und die vielen Lieder, die mir aufspringen, &ndash; ein
-einziger Gesang sind sie nur, tief in sich verbunden:
-der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben,
-bis zum heutigen Tag.</p>
-
-<p>Ich &ndash; bezahle. Für mich bezahle ich und alle
-die, die jemals sangen, denen Verkündigung ward,
-gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben,
-bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner
-Stimme!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf
-mich, eine schwere Hand. Ein eisiger Hauch kann
-mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem Geheimnis.
-Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus
-einem Auge, das mir unsichtbar.</p>
-
-<p>Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt,
-versinkt mir, mit einem Schlag.</p>
-
-<p>Es <em class="ge">kann</em> geschehen.</p>
-
-<p>Aber ich will geopfert haben. Will entzündet
-haben den Stoß, für die hohe Zeit, da mir die Stimme,
-die eigene, einzige, mir selbst gehörende Stimme, &ndash;
-klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in
-den Schlaf der Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg!
-Da ich außer mir war, außer dem Staube, ekstatisch,
-tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott
-überlassen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch
-nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand
-etwas.« Goethe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden?
-Dieses »Wie«?</p>
-
-<p>Doch vielleicht einem Dichter gelänge?</p>
-
-<p>»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«.
-Geschehen muß es, mit ihm geschehen.</p>
-
-<p>Und wenn es mit einer &ndash; Frau geschähe?</p>
-
-<p>Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend &ndash;
-das Schaffen. Aus dem Gesange selbst &ndash; die Stimme!</p>
-
-<p>Wenn es &ndash; geschähe?</p>
-
-<p>Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf?</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Wenn ihr klänge Amselflöte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hell ins Dämmergrau,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ihr sprühte Morgenröte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Flammend aus dem Tau,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn sie, opfernd, im Gebete</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein Gesicht erschau',</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eine Antwort dann für Goethe</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fände eine &ndash; Frau?</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>E</b>ine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach
-zu ihm: »Mach und treibe Musik!«</p>
-
-<p>Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie
-die vortrefflichste Musik sei.</p>
-
-<p>Viel &ndash; Musik kommt mir von dir, du Musiker!</p>
-
-<p>Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff
-ist's, über Menschenmaß. Diese Erde &ndash; eine Winzigkeit,
-gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos erscheint.</p>
-
-<p>Und ich, und ich?</p>
-
-<p>Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären,
-Sonnensysteme mit ihren Trabanten, unendlich, unermeßlich,
-unvergänglich.</p>
-
-<p>Und ich, und ich?</p>
-
-<p>Ich &ndash; denke sie. Ich bin das denkende Prinzip.
-Und nicht nur dies: Ich bin die Wärme. Die einzige
-Wärme im All &ndash; ist mein Menschenherz.</p>
-
-<p>Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende
-Sonne. Allein das Menschenherz hat Wärme.</p>
-
-<p>Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist
-Helle. Und Helle ist der Gedanke. Und der Gedanke
-ist die <em class="ge">Stimme</em>, die rufende!</p>
-
-<p>Und die Stimme ist Gott.</p>
-
-<p>Das Herz ist Gott!</p>
-
-<p>Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen
-an der Unendlichkeit, ein Stecknadelknopf ein
-Kosmos ist, &ndash; ich trage es in mir, das Wärmende,
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht
-werden und die Milchstraßen &ndash; und der Amselschlag,
-am jüngsten Morgen.</p>
-
-<p>Hörtest du das Tirillili?</p>
-
-<p>Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte
-es, wie es die Sphären denkt. Kein Gott nimmt uns
-das Tirillili. Kein Sphärengedonner übertönt's.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein
-&ndash; Herz. Es preßt und zieht sich oft so sonderbar zusammen
-&ndash; Johannes?</p>
-
-<p>Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir
-reisen. Das Herz&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter
-denke? Wenn wir reisen, ende ich die Blätter. Dann
-&ndash; singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme.</p>
-
-<p>Zwei? Eine?</p>
-
-<p>Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht
-durch sie, <i>anima mea</i>.</p>
-
-<p>Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte
-meine Stimme, bis zur Brünhildhöhe. Und
-sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen
-fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang.
-»Und das wird alles noch wachsen«, sagtest du, im Spiel.</p>
-
-<p>Ich aber &ndash; sang:</p>
-
-<table summary="" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Geh hin zu der Götter</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Heiligem Rat!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von meinem Ringe</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Raun' ihnen zu:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Liebe ließe ich nie,<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mir nehmen nie sie, die Liebe!«</td></tr>
-</table>
-
-<hr />
-
-<p>Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns
-gnädig vor Dämonen behüten mögen. Denn mir
-war immer bange vor Dämonen.</p>
-
-<p>Und da entzündete ich diesen &ndash; Stoß.</p>
-
-<p>Die Asche dir!</p>
-
-<p>Hier stehe ich, &ndash; eine heidnische Priesterin. Eine
-»Stimme« habe ich gehört, die mir zu opfern befahl.
-Mit eigener Hand zu verbrennen, mein Eigenstes.</p>
-
-<p>Und ich tue, wie mir geboten wurde.</p>
-
-<p>Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß
-war ich, in dem der Gott wohnte.</p>
-
-<p>Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll,
-den kostbaren Stoff: diese verrauschten Liebesjahre.</p>
-
-<p>Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine
-Leichen.</p>
-
-<p>Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand.</p>
-
-<p>Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines
-Amtes ist!</p>
-
-<p>Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel,
-mitten hinein, mit eigener Hand.</p>
-
-<p>Wild und prasselnd schlägt es auf. Und <em class="ge">Stimmen</em>
-höre ich aus dem Brande:</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Priesterin, &ndash; nahe, nahe bist du den
-Flammen! Siehe zu, daß sie nicht dein Gewand ergreifen!«</p>
-
-<p>Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein
-Priestergewand, ein geheimnisvoll geweihtes, gefeites,
-wenn sie es verzehren könnten, diese Flammen?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den
-Becher, voll bis zum Rande, den vollen, wahrlich
-übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus,
-auf Opfer und Altar.</p>
-
-<p>Und hier &ndash; die Lust, die ich genossen habe, ich
-streue sie hinein in die Flammen, wie reifes Getreide.</p>
-
-<p>Seid ihr's zufrieden, Götter?</p>
-
-<p>Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein
-wildes und doch heiliges Lied: ein christliches Lied,
-aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches Büßerlied,
-wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den
-irdisch Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte
-mir entgegen aus dem wilden Geprassel: »Rette,
-rette deine Seele!«</p>
-
-<p>Und bange starrte ich in das Flammenmeer.</p>
-
-<p>Und da &ndash; siehe, &ndash; da, was ist dies? Was flog
-da auf aus der Glut? Flammengerettet, schmetternd,
-alle Stimmen überschmetternd, übertönend, <em class="ge">die</em>
-Stimme, <i>anima</i>, mein Phönix, mein unverbrennbarer!</p>
-
-<p>Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß
-das Opfer den Göttern gefällig sei. Wie es zischend
-hineinfällt und sie sprühen macht. Und wie mir alles,
-alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt
-mir im Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen
-auf aus der Lohe, Dämpfe, die in den Lüften immer
-reiner, immer klarer und klarer werden.</p>
-
-<p><em class="ge">In die Höhen entführt, was ich irdisch
-verbrannte!</em></p>
-
-<p>Wohl mir: die Götter sind gnädig.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb">&nbsp;<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a></h3>
-
-<p class="in0"><b>I</b>ch habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe
-getan, was meines Amtes war, was mir geboten
-wurde.</p>
-
-<p>Und nun, nun?</p>
-
-<p>Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet.</p>
-
-<p>Und nun, nun?!</p>
-
-<p>Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die
-frohen Noten, die da noch die Köpfchen heben und
-herausspringen möchten aus dem Lied, &ndash; ich glaube,
-&ndash; Scherze, Scherze.</p>
-
-<p>Was wird kommen? Das Singen, das große
-Singen, Johannes, und das frohe, verfolgende Jagen
-und das Tragen dabei, und in alledem, &ndash; dazwischen,
-darüber, darunter, &ndash; das Strömen der gewaltigen
-Welle! Blutrot war, ist sie gefärbt, diese Lebenswelle.</p>
-
-<p>Denn von meinem Herzen nährte sie sich.</p>
-
-<p>Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen,
-mein Lieben, mein Sein.</p>
-
-<p>Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt,
-das Herz, &ndash; es zieht, es preßt sich mir oft so sonderbar
-zusammen, es wird nicht mehr wollen, Johannes,
-nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was
-ich noch schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe
-aus mir, &ndash; was ich noch schuldig bin.</p>
-
-<p>Es wird dann nicht mehr können, das Herz, &ndash;
-Johannes!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-Und die Stimme, die Stimme, auch sie &ndash; was
-soll nun noch kommen mit ihr, von ihr?</p>
-
-<p>Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu
-kommen. Nicht nur über Schwäne, auch über die
-farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die Richard
-Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte.
-Ein großer Gesang kommt über sie und bricht heraus,
-strömt, strömt.</p>
-
-<p>Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn
-davon nährte sich das Lied, und nahm es mit, da es
-verklang.</p>
-
-<p>Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht
-jetzt nicht in Blüte, &ndash; es kommt ja jetzt der Herbst.
-Und wir wollen nach Italien, zur Sonne, wallfahren,
-opfern.</p>
-
-<p>Wenn es, wenn ich &ndash; wenn es geschehen sollte,
-&ndash; nicht trauern, niemals trauern! Es bleibt ja von
-mir &ndash; all mein Gesang und all meine <em class="ge">Seele</em>&nbsp;...</p>
-
-<p>Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch.</p>
-
-<p>Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde,
-in alle Weiten, denn Majas <em class="ge">Stimme</em> ist darin, die
-du so sehr liebtest und die du gehört haben wolltest,
-über alle Weiten!</p>
-
-<p>Und dann, dann?</p>
-
-<p>Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht
-trauern.</p>
-
-<p>»Daß er treu das Geliehene hüte!«</p>
-
-<p>Das Geliehene &ndash; es bleibt ja.</p>
-
-<p>Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht
-die wahrhaft Geretteten?</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-Werde ich <em class="ge">doch</em> leben?</p>
-
-<p>Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen,
-pflegenden Händen, allem, was mich bedroht,
-allen Dämonen entrissen werden, von deinen starken,
-liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil
-gepflegt von dir?</p>
-
-<p>Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle?
-Vergehen, bevor sie ein einziges Mal noch ebbte, &ndash;
-es wäre ein seliges Sterben.</p>
-
-<p>Muß ich vergehen &ndash; weil das Lied so stark war?</p>
-
-<p>Die Melodie, die Melodie, &ndash; wer <em class="ge">lieh</em> sie mir
-doch? Wer war denn da in mir? Wer lieh, &ndash; wer
-war &ndash; wie kam &ndash; wie war das doch, Johannes,
-das mit der &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Stimme?</p>
-
-<p>Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte&nbsp;....</p>
-
-<p>Wie &ndash; war das doch &ndash; Johannes?</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_237"> </a>
-<b>Urteile der Presse</b><br />
-<span class="fss ge">über die Werke von <b>Grete Meisel-Heß</b>:</span></h2>
-
-
-<p>Über »<b>Die sexuelle Krise</b>« schreibt <em class="ge">Karl Jentsch</em> in
-der »Zeit« in Wien: »Schon dieser erste Teil ist ein großartiges
-Werk. Großartig durch die erschöpfende Darstellung
-aller erdenkbaren und wirklich vorkommenden Seelenzustände,
-die das Geschlechtsleben verursacht. (Die Verfasserin kennt
-auch die Psyche des Mannes auf das genaueste und wird
-ihr gerecht, was sie mehrfach in Gegensatz zu bekannten
-Forderungen der Frauenrechtlerinnen bringt.) Großartig
-auch durch die naive Kühnheit oder kühne Naivität, mit
-der sie das Intimste ausspricht, die aber, eben als Naivität
-einer edlen und reinen Seele, nichts Anstößiges hat
-und jeden Versuch einer Verdächtigung entwaffnen muß.«</p>
-
-
-<p class="mt1">Über »<b>Das Wesen der Geschlechtlichkeit</b>« urteilt u.&nbsp;a.
-<em class="ge">Professor Gramzow</em>: »Schon der Titel deutet die gewaltige,
-umfassende Aufgabe an, die hier in Angriff genommen
-ist. Aber nicht nur <em class="ge">riesenhaftes Wissen</em> liegt ihrem
-Buch zugrunde, sondern auch eindringende Denkkraft&nbsp;....
-Man möchte vermuten, daß sich <em class="ge">bodenlose Tiefen des
-Erlebens</em> hinter dem Buche auftun. Kein Teilproblem
-der sexuellen Frage bleibt unerörtert. Nicht nur der Zusammenhang
-der Formen und Forderungen des sexuellen
-Lebens mit allen Angelegenheiten der Gesellschaft, sondern
-auch die Verschärfung der sexuellen Krise durch den Weltkrieg
-erfährt eingehende Behandlung&nbsp;.... Mit größtem
-Wahrheitsmut wird überall <em class="ge">das letzte Wort der erreichten
-Erkenntnis</em> ausgesprochen. Mir scheint es Bewunderung
-und Dank zu verdienen.«</p>
-
-<p class="fss si mt0">(»Zeitgeist« des Berliner Tageblatts.)</p>
-
-
-<p class="mt1"><b>Franz Graetzer</b>: »Daß das Werk ein <em class="ge">monumentales
-Kunstwerk</em> geworden ist, daß es auf keiner Seite das
-<em class="ge">Dichtertum</em> seiner gedankenreichen Verfasserin verleugnet,
-ist dem Kritiker, der die Gesamterscheinung der &ndash; vielseitig
-bedeutenden &ndash; Frau im Auge behält, wesentlich. Wer in
-wesentlichen sachlichen Voraussetzungen anderer Meinung
-ist, wer so manchen Teil der großen Sexualsoziologie, die
-sie gibt, nicht restlos anzuerkennen vermag: <em class="ge">der</em> gerade legt
-<a class="pagenum" id="page_238"> </a>
-Wert darauf, vor alle Einschränkungen und Einwände den
-Ausdruck seiner unbedingtesten Bewunderung und Verehrung
-gegenüber der hier vollbrachten Leistung und der genialen
-Persönlichkeit, die sie schuf, gesetzt zu wissen&nbsp;....
-Das Werk weitesten Kreisen und <em class="ge">allen Schichten</em> unserer
-Zeitgenossen zugänglich und vertraut zu machen, sollten alle
-einflußreichen Deutschen, <em class="ge">Parlamentarier, Ärzte, Erzieher,
-Kirchenfürsten und Künstler</em> sich zur Pflicht
-machen! Die unmittelbarsten positiven Werte des Buches
-empfehlen sich allen Einsichtigen von <em class="ge">selbst</em>.«</p>
-
-<p class="fss si mt0">(<i>Exzerpta medica.</i>)</p>
-
-
-<p class="mt1"><b>Danziger Zeitung</b>: »Das Buch ragt <em class="ge">leuchtturmartig</em>
-aus der Masse der Sexualliteratur hervor&nbsp;....«</p>
-
-<p class="fss si mt0">(Professor <i>Dr.</i>&nbsp;Kafemann.)</p>
-
-
-<p class="mt1"><b>Der März</b>: »Ihre Darlegungen lesen sich, wie sie geschrieben
-sind, »in einem Zuge«; sie ermüden trotz strenger
-Wissenschaftlichkeit nirgends&nbsp;....«</p>
-
-<p class="fss si mt0">(Otto Corbach.)</p>
-
-
-<p class="mt1">Über »<b>Die Bedeutung der Monogamie</b>« schreibt Professor
-<i>Dr.</i>&nbsp;<em class="ge">Silbermann</em> in der »Volkskraft«: »Alle Vorzüge
-der Einehe und all die Nachteile der Polygamie hat
-mit beredter Zunge unter Verwendung reichen und interessanten
-Materials <em class="ge">Grete Meisel-Heß</em> hierin geboten.
-Die Verfasserin hat in ergreifender Weise das dämonische
-Unheil ausgemalt, mit dem die Untreue Ehe und Familie
-schlägt. Ein »Hohes Lied« der Einehe wird angestimmt.
-Akkorde erhebenden Glücks paaren sich mit den finsteren
-Melodien unheilvoller Weissagungen. Die Art der Darstellung
-erinnert an Schopenhauer. Gleich ihm entwickelt
-die Verfasserin in ihrer ausführlichen Schrift nur einen
-einzigen Gedanken, den sie aber nach allen Seiten hin wendet,
-aus allen Ecken und Winkeln beleuchtet, bis nichts
-mehr an ihm dunkel und unklar bleibt. Aus Kunst, Wissenschaft,
-Literatur schafft sie reiches Material für und gegen
-ihre These herbei. Keinen Einwand läßt sie unerwidert,
-keine Behauptung ohne logischen oder materiellen Beweis.«</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce fsl">Alle drei Werke sind zu beziehen<br />
-durch jede Buchhandlung oder den Verlag<br />
-<b>Eugen Diederichs, Jena</b>.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_239"> </a>
-<span class="ge">Neuerscheinungen 1919</span></h2>
-
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Die Türme des Schweigens</span><br />
-Phantastischer Roman aus Indien von<br />
-<span class="fsl">Maxim. Maulbecker</span></p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Das Heiratsgesuch</span><br />
-Heiterer Roman von<br />
-<span class="fsxl">Marianne Westerlind</span></p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Seegespenster</span><br />
-Ein Nordseeroman von<br />
-<span class="fsxl">Anny Wothe</span></p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Was ist Liebe?</span><br />
-Erotisch-sozialer Roman von<br />
-<span class="fsxl">Arthur Zapp</span></p>
-
-<table summary="" class="bo" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdc ge">Preis jedes Romans</td></tr>
- <tr><td class="tdc">&emsp;In Geschenbd. 6,50&nbsp;Mk., broschiert 5,&ndash;&nbsp;Mk.&emsp;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Die Lore auf dem Dach</span><br />
-Heiterer Roman von<br />
-<span class="fsxl">Fritz Skowronnek</span><br />
-In imit. Lederband 4,50&nbsp;Mk.</p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Wie sie lieben</span><br />
-Zwölf Geschichten aus dem Leben von<br />
-<span class="fsxl">Fr. W. v. Oestéren</span><br />
-Mit mehrfarb. Umschlag von Lutz Ehrenberger<br />
-Kartoniert 2,80&nbsp;Mk.</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce ge">Durch alle Buchhandlungen zu beziehen</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_240"> </a>
-<span class="ge">Sehr geeignet zu Geschenkzwecken!</span></h2>
-
-
-<p class="ce lh1"><span class="fsxl ge">Sterngucker</span><br />
-Roman von<br />
-<span class="fsl ge">Max Geißler</span><br />
-Mit künstlerischer, mehrfarbiger Titelzeichnung<br />
-10.&nbsp;Tausend. Broschiert M.&nbsp;5,&ndash;; gebunden M.&nbsp;6,50</p>
-
-
-<p class="mt1 ce lh1"><span class="fsl ge">Roda Roda:</span><br />
-<span class="fsxl ge">Das Rosenland</span><br />
-Bulgarische Gestalter und Gestalten</p>
-
-<div class="mw24">
-<p class="in0">Das umfangreiche Buch bringt neben einer kurzweilig geschriebenen
-Geschichte des Bulgarenvolkes meisterhaft gelungene
-Übersetzungen seiner hauptsächlichsten Literatur.
-Der Leser ist erstaunt über die Schönheit und dichterische
-Fülle, die sich ihm dabei offenbart. Wir lernen durch das
-Werk die ganze Wesensart des bulgarischen
-Volkes kennen.</p>
-
-<p class="ce">In farbenprächtigem Originaleinband M.&nbsp;8,80</p>
-</div>
-
-<p class="mt1 ce lh1"><span class="fsxl ge">Die Nebenehe</span><br />
-Eine unmögliche Geschichte von <em class="ge">Hedda Vernon</em><br />
-Mit Einleitung von<br />
-<span class="fsl ge">Artur Landsberger</span><br />
-Reich illustriert, mit farbigem Titelbild, kartoniert M.&nbsp;4,&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce"><span class="fsl"><b>Gebrüder Enoch</b></span>, Verlagsbuchhdlg., <span class="fsl"><b>Hamburg&nbsp;I</b></span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<div class="mw36">
-<p class="ci">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p>
-
-<p class="ci">Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils zu
-Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription
-verzichtet wurde.</p>
-
-<p class="ci">Die Überschrift "Erster Teil." ist im Originalbuch nicht enthalten und wurde in dieser
-Transkription eingefügt.</p>
-
-<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_016">16</a>:<br />
-im Original "aufgelöst haben in sich zu, lauter Stimme"<br />
-geändert in "aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_028">28</a>:<br />
-im Original "der vollzogenen Tatsche unserer Vermählung"<br />
-geändert in "der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_047">47</a>:<br />
-im Original "Die Fremdenwaren meist Russen"<br />
-geändert in "Die Fremden waren meist Russen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_051">51</a>:<br />
-im Original "<i>Le regard, Le sourire? La voix?</i>"<br />
-geändert in "<i>Le regard? Le sourire? La voix?</i>"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_055">55</a>:<br />
-im Original "<i>L'ombro di Carmen</i>"<br />
-geändert in "<i>L'ombra di Carmen</i>"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_081">81</a>:<br />
-im Original "Die sehr hellen Hare fielen"<br />
-geändert in "Die sehr hellen Haare fielen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_093">93</a>:<br />
-im Original "In alles hineinblicken"<br />
-geändert in "»In alles hineinblicken"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br />
-im Original "welch' eine Fülle war in in dieser Zuversicht"<br />
-geändert in "welch' eine Fülle war in dieser Zuversicht"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_132">132</a>:<br />
-im Original "Man wußte sich hineinsetzen"<br />
-geändert in "Man mußte sich hineinsetzen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_143">143</a>:<br />
-im Original "wenn ich die Augen ausfchlage"<br />
-geändert in "wenn ich die Augen aufschlage"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_145">145</a>:<br />
-im Original "sich bei Licht, als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"<br />
-geändert in "sich bei Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_151">151</a>:<br />
-im Original "Holla! Hussa! hussa!"<br />
-geändert in "Holla! Hussa! Hussa!"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_154">154</a>:<br />
-im Original "Geheimnisvollerers"<br />
-geändert in "Geheimnisvolleres"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_158">158</a>:<br />
-im Original "wie ich es gefürchtet hatte"<br />
-geändert in "wie ich es gefürchtet hatte."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_162">162</a>:<br />
-im Original "Feilich. Darum müssen sie einander"<br />
-geändert in "Freilich. Darum müssen sie einander"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_165">165</a>:<br />
-im Original "sich gelasseu darein ergeben"<br />
-geändert in "sich gelassen darein ergeben"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_196">196</a>:<br />
-im Original "Eine Erdgeheimnisse &ndash; Wissende ist sie."<br />
-geändert in "Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie."</p>
-</div>
-
-<hr />
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STIMME ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
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-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
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-1.F.
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-</div>
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
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-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
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