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-The Project Gutenberg eBook of 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin, by Minna
-Wettstein-Adelt
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin
-
-Author: Minna Wettstein-Adelt
-
-Release Date: October 19, 2021 [eBook #66573]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file was produced from images
- generously made available by The Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***
-
-
-
-
- 3½
- Monate
- Fabrik-Arbeiterin.
-
- Von
-
- Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.
-
- [Illustration]
-
- Berlin 1893.
- Verlag von J. Leiser
- =N.O.= Barnimstraße 20.
-
-
-
- Meinem geliebten Mann, Herrn =Dr. jur.= _Oscar Wettstein_, gewidmet in
- herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem
- Unternehmen.
-
- Die Verfasserin.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Vorwort 1
-
- Einleitung 5
-
- 1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8
-
- 2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin 13
-
- 3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18
-
- 4. " Sittliche Zustände 24
-
- 5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35
-
- 6. " Die Ehe 42
-
- 7. " Die Stellung des Mädchens 48
-
- 8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52
-
- 9. " Wohnungen und Schlafstellen 56
-
- 10. " Religion 68
-
- 11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71
-
- 12. " Vergnügungen 80
-
- 13. " Die Hausindustrie 88
-
- 14. " Stellenlos 91
-
- 15. " Verschiedenes 102
-
- Betrachtungen 106
-
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn
-man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein,
-sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern.
-
-Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit
-gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen,
-auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie
-berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die
-Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen,
-um die Frauen dort kennen zu lernen. _Auch ich will Gleichberechtigung
-mit dem Mann_; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend,
-Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden,
-ehe man die _verhältnißmäßig_ noch gut dastehenden Oberen unterstützt.
-
-In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als
-Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter
-und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm
-verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift
-war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich
-mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich -- in Berlin -- Spandau
-die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der
-fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der
-Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein
-Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen
-Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann
-ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der
-Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht
-denken.
-
-Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner
-Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir
-war es um eine _typische_ Arbeiterbevölkerung zu thun.
-
-Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines
-großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich
-als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an,
-weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken
-in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen
-vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen
-hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in
-die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen
-brauchte.
-
-Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener
-Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die
-Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen.
-
-Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur
-Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um
-möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit
-meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle
-Vergnügungs- und Tanzlokale besucht.
-
-Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein _apodiktisches_
-Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets
-objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es _vielfach, nicht nur
-hie und da_, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier _nur_ von der
-sächsischen Arbeiterin spreche.
-
-Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird,
-die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in
-das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich
-habe jene _schweren_ Monate _nur zum Wohle meiner leidenden
-Geschlechtsgenossinnen_ durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was
-ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen,
-gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen
-nachzugehen.
-
-Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor
-übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren
-körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.
-
-Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer
-stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch,
-sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es,
-daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte.
-
-Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich
-nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine
-Mühe nicht umsonst gewesen sei.
-
-An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende
-Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, _wo_ Hilfe am dringendsten Not
-thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel
-des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im
-Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die
-Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines
-Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal _wirklich_ Gutes,
-das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte!
-Denn:
-
- »Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,
- Der täglich sie erobern muß!«
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer
-Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des
-Betriebes wußten, wer ich war.
-
-An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als
-Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat
-ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr
-frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der
-alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude
-in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen
-beschäftigt sind.
-
-Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen
-Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen
-und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen
-übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah,
-daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich
-ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich
-mich zu benehmen hatte.
-
-Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen -- übrigens die Hübscheste
-aus der ganzen Fabrik -- aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck.
-Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich
-heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich
-hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich
-sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an
-mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte.
-Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich
-manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre
-Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen
-konnte.
-
-Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre
-Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der
-Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft
-wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier
-kommen ließ.
-
-Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen
-durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher,
-ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen
-anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs
-der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten _besser_
-und _höflicher_, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen,
-Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.
-
-Glücklicher Weise erging es mir in der _ersten_ Fabrik so gut, denn
-wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und
-Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht
-doch noch ins Korn geworfen hätte.
-
-Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß,
-_je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren_.
-Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken
-arbeitete, _waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung
-gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten_.
-
-Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den
-Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort
-erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.
-
-Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen
-ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen
-arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher
-kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den
-schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen
-waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies
-mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren
-Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen,
-die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von
-Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt
-verheiratete Frauen sind.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die materielle Lage der Arbeiterinnen.
-
-
-Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in
-_einer_ Fabrik und noch weniger in _einem_ Saal gearbeitet habe; so oft
-ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen
-nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich
-alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in
-3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre
-erfahren würden.
-
-Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch
-wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich _nicht eine_,
-die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte
-ich in meinem Vorwort, daß ich _nur von der sächsischen Arbeiterin_
-spreche.
-
-Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als
-Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen,
-Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.
-
-Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man
-überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B.
-wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare
-(Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer
-Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark.
-Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten
-aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten
-eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem
-Zustande.
-
-In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark
-pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige;
-wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die
-meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab
-es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen,
-das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige
-Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein
-Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren
-halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß
-und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend
-ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.
-
-An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte
-uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur
-Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten
-hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4
-bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war
-äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und
-schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht
-führte, und nun fehlte ihr selbst dies.
-
-Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich
-gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage
-erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der
-Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die
-schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als
-ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir
-bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch
-in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld
-ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal
-Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann
-ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was
-dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir -- einen
-Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück,
-das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. --
-
-Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die
-mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate
-hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden
-Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich -- glücklicherweise --
-abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur
-Aushülfe angenommen wurde.
-
-Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die
-übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im
-Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur
-beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten
-anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort
-arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf
-Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen
-murrend in den Kauf nahmen.
-
-Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den
-Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen
-verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel
-hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten
-Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.
-
-In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte
-erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen
-lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr
-verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und
-frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren
-Handarbeiterinnen.
-
-Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die
-vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine
-Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen
-Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten.
-Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann
-gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete,
-zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen.
-Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur
-Arbeit zurück -- und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie
-gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war
-nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten
-nicht den Mut, offen vorzugehen.
-
-_Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands
-zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie
-wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände
-auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark._
-
-In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark
-pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich
-geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie
-webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und
-davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war
-aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder
-arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die
-andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein
-und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser
-Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer
-und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg
-und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.
-
-Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6-
-bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die
-schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine
-Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen
-unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter,
-wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.
-
-
-Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen,
-im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und
-Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor
-ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein
-riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau
-den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten
-bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen,
-wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und
-weniger erholt als _vor_ der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.
-
-Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so
-wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden
-Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den
-ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht,
-nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und
-Geschrei.
-
-Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu
-erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit
-in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder
-Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.
-
-Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder
-Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; _Fleisch habe ich
-in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen_. Diejenigen, die
-den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen
-Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete
-ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten
-unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich
-so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat
-gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und
-Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein
-gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen
-_vor der Löhnung_ wurde zur Mittagsnahrung _vielfach_ nur solcher Kaffee
-mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz
-streuten.
-
-Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen,
-ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner
-Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen
-können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker
-bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es
-nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der
-Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.
-
-Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die
-gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch
-hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder
-vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.
-
-In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich _niemals_ eine Arbeiterin, nur
-arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.
-
-Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr
-wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen
-und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl,
-das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten
-männlichen Arbeiter gern verkehren.
-
-Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen,
-ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef
-dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind
-außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich
-schnell verschlungen.
-
-_Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern
-Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten._
-
-Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur
-Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten
-gleich, so würden sie nicht _beständig_ so hungrig sein, immer bereit,
-neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.
-
-Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause
-kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch-
-und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich
-gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich
-inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit
-hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen
-können und die ganze Familie beisammen ist.
-
-Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser
-essen _könnten_, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden,
-aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen
-modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am
-Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!
-
-Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse,
-Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den
-Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau
-tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar
-nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden,
-wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.
-
-Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber
-um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte,
-aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus
-Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen
-weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre
-Dummheit entgegentreten; _hier ist allein thatkräftige Aufklärung am
-Platze_.
-
-In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in
-derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien
-jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen
-vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt,
-um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder
-Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich _nur_ im
-»Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der
-größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre
-eigene Kleidung Witze machend.
-
-Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede
-einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben
-alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken
-es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in
-der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor
-hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der
-Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell
-an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine
-Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.
-
-Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber
-schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich
-das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach
-unentbehrlich. --
-
-Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die
-Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch
-und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit
-jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen
-Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen
-Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants,
-Kämme und Spangen, ja, _viele tragen zur Taille passende Schleifen im
-Haar_.
-
-Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der
-Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar
-Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und
-frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich
-konnte ich nicht finden.
-
-Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von
-pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der
-Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich
-durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Arbeit, Beruf, Vergangenheit.
-
-
-Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder
-vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen,
-ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere
-Vergangenheit hatten die wenigsten.
-
-Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen
-Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit
-gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben
-gestaltete; _sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen_.
-Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien
-stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere
-machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich
-als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen
-sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und
-hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit«
-erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden
-Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere
-Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die
-sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die
-»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles
-besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es
-öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.
-
-Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die
-Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen
-und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden
-verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige
-Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden,
-sie würden sie nicht annehmen.
-
-Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei
-weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß
-sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn
-eine andere Arbeit annehmen.
-
-In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen
-und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war
-leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns,
-die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz
-anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden
-täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen
-Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von
-der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare,
-fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt
-werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster
-nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende
-Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht
-hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit
-seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg
-schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still
-wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig
-zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das
-bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.
-
-Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend
-und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu
-singen, und zwar _innige Volkslieder_.
-
-Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der
-Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und
-legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so
-lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht
-vorgekommen sein.
-
-Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die
-kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang
-des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie
-man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die
-Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den
-sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.
-
-Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie
-sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor
-Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten
-leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte,
-erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen
-»Wohnung« nicht verdienen -- und trotz allem bleiben die Mädchen
-fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!
-
-Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; _ich_ hätte das nicht auf die
-Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu
-mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins
-Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand
-das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr
-ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche
-schlechte Essen -- und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit
-auf die Zukunft!
-
-Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die
-Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde
-Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr
-empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.
-
-_Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner,
-die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und
-würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden
-ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur
-für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden
-kann?_ --
-
-Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen,
-_sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft_. Bei den
-komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo
-die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, _sie muß denken und
-kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren.
-Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein,
-denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der
-besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden
-Ritters._ --
-
-In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr
-ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten
-Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten.
-Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis
-6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen;
-am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die
-Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.
-
-Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, _Unfälle
-bei der Arbeit_ dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin,
-daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses
-im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum
-Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte
-sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie _drei volle_ Tage
-in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war
-eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren,
-sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal
-zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe
-des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn
-bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen
-manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender
-Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen
-lassen.
-
-Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die
-Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang
-sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und
-Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen
-Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen
-Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer
-Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene
-Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung
-zurückwiesen, _weil er zu viel Tricotstoff enthielt_. Eine einzige dortige
-Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die,
-wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe
-Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele
-der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das
-Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern
-mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich
-anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit
-Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen
-Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern,
-wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man
-einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!
-
-Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und
-Artikeln betonte: _wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und
-mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden,
-die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin
-anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder
-Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen
-geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche
-Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß
-Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen -- und unterdrücken._ Das
-ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann
-und Frau vergessen: _daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden
-kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet,
-befehligt und »beaufsichtigt« wird_! --
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Sittliche Zustände.
-
-
-Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das
-Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine
-Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber
-der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das
-eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.
-
-Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird,
-so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast
-überall -- und ich habe _genaue_ Informationen angestellt -- bleiben sich
-Mann und Frau _beide_ in der Ehe treu oder _ein jedes_ geht seiner Wege.
-Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber
-diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.
-
-Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch
-zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die
-Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein
-Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu,
-es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar
-nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber _lediglich deswegen,
-weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster,
-weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren
-Leben zeigen_. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und
-dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter
-nach.
-
-Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die
-eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr
-mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner
-in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.
-
-Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie
-_tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht_,
-und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren«
-vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, _bezahlen
-aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken
-bleiben_.
-
-Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen _freien_
-Verkehr _aus Liebe_ nicht für unsittlich, sondern für _natürlich_
-halten, für _Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb
-herabsinken darf_.
-
-Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen
-nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie
-war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß
-besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es
-ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit
-sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß
-alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus
-dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem
-gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin
-nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie
-geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit
-Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«
-
-_Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz
-speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants_; was dazwischen liegt,
-wird weniger scheel angesehen, _weil die Möglichkeit vorliegt, von einem
-Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden_.
-
-Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie
-_Schreiber_ und _in Bureaux arbeitende Kaufleute_ nennen.
-
-Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige
-Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß:
-»Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich
-schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker
-ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht,
-Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den
-Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern
-die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich
-sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch
-einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«
-
-Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht
-wohl begreifen, ja, _so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und
-ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils
-Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn
-die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue,
-heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und
-Chikanen_ #der Sozialdemokratie in die Arme treiben#, _umsomehr, als das
-gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser,
-höflicher und menschenwürdiger behandelt_, als es die anderen thun.
-
-Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam
-es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren
-der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des
-Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er
-war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem
-Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem
-Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten
-mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise;
-er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts
-weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf
-nehmen.
-
-Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände
-in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie
-mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um
-und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche
-nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den
-Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und
-ging.
-
-Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit
-der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über
-den Buchhalter.
-
-»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen,
-der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine
-Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine
-Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und
-daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in
-die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die
-nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«
-
-Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich
-ihm alles sagen würde.
-
-»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie
-nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab'
-ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem
-Direktor hat er doch nichts gesagt!«
-
-»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig
-geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir
-auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«
-
-Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war
-mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte
-mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß
-ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.
-
-Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem
-Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie
-'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte
-herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten;
-ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie
-können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S--straße,
-besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können
-doch Nachts von Hause wegbleiben?«
-
-Ich bejahte.
-
-»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch
-an, wenn möglich eine etwas _dekolletierte Taille_. Wo wohnen Sie denn?«
-
-Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben,
-irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.
-
-»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich,
-»da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie
-jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, _die sind neidisch_.«
-
-Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus;
-draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor
-Scham und Zorn.
-
-Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er _frug_ nicht
-einmal, ob ich sein Schatz werden _wolle_, er beorderte mich einfach zu
-sich, wie eine Sklavin.
-
-Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich,
-gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich
-auf einen Schutthaufen. Wenn _er_ da drinnen geahnt hätte, wie ich hier
-mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend,
-_wie_ ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich
-ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was
-er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!
-
-Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich
-mit lautem Hurra empfangen.
-
-»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben
-wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«
-
-Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.
-
-»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken
-und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater
-bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die
-Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner
-Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«
-
-Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in
-unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun
-ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen
-Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm _nicht_, so kann sie sicher sein, in
-wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen _muß_, wird
-sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische
-Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? _Wer
-unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind?_ Der Staat
-sicherlich nicht!
-
-Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die
-Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei.
-O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer
-schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und
-vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene
-heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen
-Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es
-aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und _reich_ ist, mit einem
-Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute«
-Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren
-Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht _hier reformierend_
-eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die
-Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« --
-
-Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich
-arbeitete; dort war ein junger Prokurist, _der wußte, wer ich war_ und
-infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am
-dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon
-Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja
-so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten
-Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark
-nicht an.«
-
-Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß
-ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; _und das waren Arbeiterinnen auf
-dem Lande_. --
-
-Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon
-mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar
-häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das
-ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der
-Unmöglichkeit.
-
-_Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff_; ist der Schatz
-beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen
-anderen.
-
-Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den
-Beschützer und vor allem -- denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und
-andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.
-
-An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft
-vorkommt.
-
-So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine
-Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei
-in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. --
-
-Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht;
-es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.
-
-In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen,
-wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem
-ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.
-
-Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht
-wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war,
-_das waren die verheirateten Frauen_. Neben mir saß eine etwa 30jährige,
-kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr
-etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke
-emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz
-unglaubliche Redensarten führte.
-
-Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier
-eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die
-meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.
-
-Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange
-aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere
-Arbeit.
-
-Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem
-Vorkommnis machen.
-
-Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die
-Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der
-Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie
-S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben
-wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende
-Tag war ein Sonntag gewesen.)
-
-Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren
-habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so
-vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich
-hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht
-entblödete, _als Mädchen_, vor allen umstehenden Arbeitern, _so etwas_ zu
-sagen.
-
-Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als
-ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu
-haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!
-
-Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs
-roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die
-Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen
-jedoch immer sanfter, _äußerlich_ wenigstens gesitteter bleiben. --
-
-Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben,
-ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen
-benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken
-bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach
-an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie
-sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als
-Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie
-geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!«
-Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. -- Schon der
-Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine
-zweifelhafte Moral.
-
-Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz
-besitze.
-
-»Ich hatte einen,« erklärte ich.
-
-»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.
-
-»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines =Doctor juris= wenigstens in der
-»Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«
-
-Aber da kam ich gut an.
-
-»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na,
-da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie
-sich hier keinen neuen Schatz suchen?«
-
-Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das
-aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in
-ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos«
-war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde,
-der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten
-Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß
-ich ihnen bald so »nahe« treten würde.
-
-Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre
-sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft
-bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor
-und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie
-könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie
-sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau
-anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem
-Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit
-zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.
-
-Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein
-gleich elendes Dasein, wie das Deine! --
-
-Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es
-immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der
-Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich
-angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber;
-eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es
-auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde,
-wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. --
-
-An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als
-nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre
-Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht
-beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend
-einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die
-Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten
-Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten,
-die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein
-schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies.
-Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als
-könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie
-deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen
-zu erregen.
-
-Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur
-auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn
-nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie
-möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter
-haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«,
-aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. --
-
-Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die
-Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, _je
-nach ihrem Beruf_, trennen. _Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur
-entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei
-dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu
-bewunderungswürdig anständig zu nennen ist._
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Sparsamkeit und Ehrlichkeit.
-
-
-»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir
-dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in
-ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff
-Sparsamkeit überhaupt nicht.
-
-Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die
-ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu
-kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags
-Bier zu trinken.
-
-Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle
-einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch
-nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein,
-unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so
-geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.
-
-Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang
-ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich
-einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß
-sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter,
-ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.
-
-»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor
-_einem_ Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken,
-man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne
-einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann
-man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«
-
-Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem
-engen, übelriechenden, feuchten Hof um.
-
-Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als
-nur spazieren zu gehen.
-
-Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe
-treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit
-ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für
-andere mitsorgen sollen!
-
-_Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung_, die
-Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter
-Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit
-anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen
-gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten
-unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung
-ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so
-sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur
-einmal, _wie_ die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die
-völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer
-gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den
-der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.
-
-Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus
-Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist
-zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in
-Anspruch nimmt.
-
-Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich
-zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In
-diesen Kreisen ist _das Rauchen_ ein _sozialer Schaden_; es hemmt zuweilen
-den Aufschwung einer ganzen Familie.
-
-So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein
-kleines Beispiel beweisen.
-
-In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die
-beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise
-(Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten
-nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3
-beanspruchte. _Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er
-wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte._
-
-»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie
-rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut
-jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier
-trinken!«
-
-Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte
-er doch nicht lassen -- und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf
-bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, _das die Krankheit
-erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte_.
-Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt
-hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun
-unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf
-machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat
-sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist,
-raucht er nicht mehr. --
-
-Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von
-Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder
-Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater.
-Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro
-Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.
-
-Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin
-kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes
-Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer
-Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich
-wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine
-der bestangestellten Frauen.
-
-Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann:
-»Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist
-Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«
-
-Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich
-(es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach
-Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.
-
-Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in
-seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das
-erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so
-Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte
-dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige,
-geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«
-
-Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig
-verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, _da
-mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden_. Die Leute
-reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«
-
-Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und
-Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der
-gleichen Quantität Kleider _meines_ Töchterchens nicht aufwarten
-können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch
-vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste
-Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß
-Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn
-auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts
-zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich
-mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war
-ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. _Es
-fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist_,
-während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause
-und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach
-einem Teller Suppe lechzten. _Und diese Zustände habe ich nicht einmal,
-sondern oft getroffen._
-
-Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den
-Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar
-direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit
-ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun -- so kommt es,
-daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen =en vogue= ist,
-und ganz speziell _bei den verheirateten Frauen_.
-
-Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt
-offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht
-die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen
-Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei
-Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den
-Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon,
-die sie in ihre Sonntagskleider heften.
-
-In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe
-entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder
-Tricothandschuhe, vor allem aber _Militärhandschuhe_; man glaube aber
-nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute
-kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen
-Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher
-Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber
-fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in
-Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin
-ein Paar dedizieren; sie verkauft sie _weit_ unter dem Ladenpreis,
-macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser
-»guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen,
-Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen
-Handschuhe in die Hände bekommen.
-
-Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren
-ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der
-Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten
-Dinge meist _auf der Retirade_.
-
-Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich
-weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags
-erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf
-Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte;
-am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht
-zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen
-hatte. _Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!!_ Die Diebin wurde
-indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den
-leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte.
-Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde
-von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese
-Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können.
-Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an
-einem anderen Ort Arbeit gesucht.
-
-Diese Art der _moralischen Lynchjustiz_ wurde fast durchwegs ausgeführt;
-mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie
-erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist
-unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche
-herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben
-müssen. Ich glaube, _daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu
-bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen_.
-
-Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin
-gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte
-Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.
-
-Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage
-ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden,
-die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht
-Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten.
-_Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos
-verloren._
-
-Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem
-Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis
-zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind,
-diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.
-
-Man ersieht daraus, _daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen
-Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr
-wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum
-edle Früchte tragen?_
-
-Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die
-Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn
-ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche
-trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht
-dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, _wer nicht
-ganz ordinär sein will_, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben
-müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich
-sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine.
-Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern
-konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Die Ehe.
-
-
-Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß
-man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.
-
-Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel;
-entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus
-dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze;
-entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als
-Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher
-Genüsse angesehen.
-
-In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen
-gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, _eheliche Einigkeit_.
-_Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not,
-Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger._
-
-Man kann dreist behaupten, _daß mehr als drei Kinder in einer Familie,
-Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer
-wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte,
-beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer
-sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die
-Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von
-Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher
-Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und
-Krüppel._
-
-Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer
-Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit;
-eine normal gesunde Frau setzt hier täglich -- in Anbetracht der elenden
-Nahrung -- einen Teil ihrer Lebenskraft zu; _wo soll da eine Frau Kraft und
-Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder
-achte der Reihenfolge ist?_
-
-Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von
-3-4 Jahren dazwischen liegt, _pflegen_ sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie
-besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein
-kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust
-reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich _Mutter_ sein.
-Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise
-in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die
-Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu
-erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß,
-je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken,
-sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der
-Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde,
-während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße
-ihre »Erziehung« finden. _Zwei auch drei Kinder können jene unteren
-Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus
-meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe._
-
-Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der
-vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. _Oder
-halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes
-die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch
-erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt,
-als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden
-begrüßt und gut gezogen werden?_
-
-Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da
-behaupten, _die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins
-Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum
-sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre
-»natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und
-in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere
-Maschinenarbeit zu verrichten?_
-
-Oder haben die Frauen nur dann _natürliche Pflichten als Gattin und
-Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen_?
-
-Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten
-zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen,
-menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?
-
-Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung
-für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, _warum
-hilft dieser Staat_ der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen«
-Pflichten?
-
-Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau
-unterjochen, passen dürfte: »=Ne vous inquiétez en rien des murmures de
-la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage
-et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.=«
-
-Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt:
-»Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die
-Frau daselbst einnimmt.« _Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand
-sein?_ --
-
-Ich habe übrigens bei _vielen_ Mädchen in der Fabrik den Ausspruch
-gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu
-bekommen.
-
-_Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die
-vernünftigere Kinderproduktion kennen_; in deren Haushaltungen herrscht
-auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem
-innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern
-vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere
-Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach
-die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind
-die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter.
-In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein
-unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel
-nehmen.
-
-Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch
-liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat
-und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und
-Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter
-nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer
-Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend
-schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen
-Arbeitern.
-
-Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung
-wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau
-gewählt.
-
-Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die
-»körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen
-_das_ aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.
-
-Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche
-und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis
-zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden
-ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter
-entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird,
-vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich
-heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte
-Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die
-Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten
-als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe
-größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem
-Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden
-arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt
-eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.
-
-Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel
-unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das
-Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein _Heiratsgesuch_
-in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind _die Witwen für das
-»Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen_.
-
-Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener
-Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und
-Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner
-geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.
-
-Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo
-eheliche Kinder vorhanden. --
-
-Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für
-sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau
-Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß,
-_weiter aber auch nichts_. --
-
-Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie
-meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne
-weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen
-Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie
-überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: =Vae victis!=
-
-Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr
-als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte
-hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise
-durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre
-Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den
-Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, _die ganze Frauenfrage
-sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann
-schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden_. _Er
-hat Recht_; würden die Frauen im _allgemeinen_ so viel Kinder zur Welt
-bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären
-könnten, so würden sie schneller sterben. -- _Gott sei Dank, daß es
-aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen,
-sondern Herrinnen ihres Körpers sind!_
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Die Stellung des Mädchens.
-
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-Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit
-den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines
-Gutes, das jene nicht besitzt: _der Freiheit_.
-
-Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind
-wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld,
-das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im
-übrigen unbekümmert um diese.
-
-Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche,
-beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen
-oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.
-
-Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit
-Schaden an Körper und Seele genommen hätten, _wenigstens nicht mehr, als
-es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre_. Ich fand, daß dadurch
-die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich
-selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig
-und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren«
-Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.
-
-Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer
-von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben,
-deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von
-dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er
-ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage
-auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu
-erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen
-die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit
-auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere,
-deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige
-Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu
-jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit
-kommt man früh genug.«
-
-Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen
-vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf
-aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.
-
-»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so
-wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«
-
-Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf
-ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele
-unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre
-denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.
-
-Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die
-Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen,
-auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden,
-immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich
-vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde,
-um zum Arzt zu gehen.
-
-Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank;
-dafür altern sie aber -- wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit
--- sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff
-und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf-
-und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.
-
-Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung
-der Mädchen aus; _sie haben davon meist keinen Begriff_. Wenn die Mädchen
-heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne
-die geringsten Vorkenntnisse _der gerade in diesen Kreisen so notwendigen
-hauswirtschaftlichen Kenntnisse_; in allen andern Schichten der
-Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen,
-oder sie braucht nicht _derart_ mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher
-einmal etwas verderben. _In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen
-Familie von der Frau ab_, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit
-»..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich,
-Geht die Wirtschaft hinter sich.«
-
-_Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende
-und rettende Wohlthätigkeit_: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe
-nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es
-erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, _es ist eine Arbeit,
-die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation_.
-
-_Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie
-betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang._ Wenn wir
-dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die
-moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied
-der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer
-schlechten Frau werden könnte.
-
-Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen,
-von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese
-Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte,
-erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen
-zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht
-segensreich wirken; _wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen
-einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie
-selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch
-hauswirtschaftliche Kenntnisse_.
-
-Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen
-für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die
-Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.
-
-Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es
-würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich
-dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle
-edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab,
-bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die
-Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist,
-dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen
-zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!
-
-Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der
-Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen
-von jenen Kreisen _versündigt_. _Die überhand nehmende Prostitution ist
-der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an
-dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes
-strandet!_
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Seßhaftigkeit und Versicherung.
-
-
-Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich;
-trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton«
-herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.
-
-Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach
-Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.
-
-Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine
-Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen
-Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die
-Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr
-gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und -- schnell fertig war
-die Jugend mit dem Wort!
-
-Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe,
-was man treibe, _was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen_.
-Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone
-absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser
-König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles
-sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. --
-
-Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im
-Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie
-aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen
-ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen
-waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden
-und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen,
-die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden
-ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde.
-Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur _ein_ Ziel vor Augen:
-möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen
-Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage
-schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h.
-mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles
-bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen
-schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand,
-daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen
-bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die
-Fabrik gehen.
-
-Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger
-Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen
-Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen
-im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern
-ganz andere Dinge nach Berlin lockten.
-
-Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene
-Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes,
-sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen
-engagieren würde und _für andere Stellen taugen sie absolut nichts_.
-Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle
-als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in
-Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner
-Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach
-wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als
-Prostituierte durch Berlins Straßen.
-
-Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die
-in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten
-ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, _man philosophiert, aber man
-handelt nicht_.
-
-Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in
-Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der
-Prostitution in die Arme getrieben werden _müssen_. Man sehe einmal die
-Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen
-Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen
-besteht.
-
-Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«,
-irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht,
-sie frei hält -- und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das
-durch das Fabrikleben wohl _an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit_ gewöhnt
-ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes;
-zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels,
-den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der
-Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, _so geblendet_,
-daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das
-Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit
-ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich
-ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr
-suchen läßt, _sie sucht_.
-
-_Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes,
-den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen
-wollen._ --
-
-Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren
-ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber
-sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das
-Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und
-Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der
-Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre
-Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an,
-meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh.
-Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen
-Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.
-
-Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie
-sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. _Begeisterung aber fand ich
-bei keiner einzigen_; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr
-für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu
-denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein
-herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem
-Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten
-alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier
-blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.
-
-Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern
-Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten
-wir's nur auch so!«
-
-Dieser Fabrikherr _borgte_ seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur
-Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben,
-sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel.
-Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die
-Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art
-_moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der
-Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter
-nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten_.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Wohnungen und Schlafstellen.
-
-
-»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer
-versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden
-würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.
-
-Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer
-Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen
-bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen
-aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um
-eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der
-Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf
-Vergrößerung der Wohnung sehen.
-
-Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von
-Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen«
-nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der
-Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben
-freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.
-
-Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in
-Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume
-meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im
-Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen
-noch viel schrecklicher sein muß.
-
-Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute
-Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer
-schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu
-verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des
-Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die
-Kinder in diesen Räumen verkommen _müssen_, daß die Erwachsenen keinen
-erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen,
-denn sie sich Abends niedergelegt haben.
-
-Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort,
-ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei
-unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und
-Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich;
-abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen
-widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige
-Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und
-Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem
-Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben
-Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. _Ich habe bei
-keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht
-in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist_, sonst in
-der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.
-
-Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei
-Töchtern _in einem Bett_, oder Vater und Mutter mit einem Kinde
-und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die
-Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen
-mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern -- aber
-natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles
-»Familie«.
-
-Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des
-Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo
-Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose
-sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die
-Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies
-Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist,
-so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.
-
-Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz
-hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und
-Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie
-noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit
-Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. _Hier schliefen die drei
-Personen_, die Mutter in einem ordentlichen Bett, _das eine der Kinder in
-einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett_.
-Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem
-Photographenatelier, _der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg,
-um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen
-konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um
-eine gute Stube zu haben._
-
-Ähnliches habe ich _oft_ gesehen; das tollste jedoch an
-»Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer
-Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin
-des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die
-womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene,
-schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die
-Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem
-ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin
-und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren
-mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem
-Sopha ein Bruder der Tante und in einer #Hängematte# (!!!), die vom
-Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte
-wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit
-Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark,
-jedoch _ohne Koffer_; ich habe mir nie erklären können, _wo_ diese Leute
-ihre Sachen lassen.
-
-Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube
-und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der
-Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner
-und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht
-vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um
-½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß
-die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben
-so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag
-vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich
-3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann
-Tantièmen.
-
-Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz
-hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem
-Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen
-Kammer.
-
-_Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen,
-im Benehmen, wie in der Kleidung._ Die Schlafgängerinnen und jene, die in
-erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos
-und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die
-bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind
-gesitteter, manierlicher, reinlicher.
-
-Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen
-Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als
-Trägerin des Schönen, des Guten, der _Ideale_!« Es ist ein sonderbares
-Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück,
-wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie
-einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem
-unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann
-durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu
-widerlegen; ich sage einfach: _je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr
-sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom
-Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie
-ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie_.
-
-Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter,
-denn unsere Gegner; _wir_ legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu
-wirken; _wir_ gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime
-für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten
-Mitteln.
-
-Warum thun unsere Gegner nichts für _ihre_ Bestrebungen, _warum bauen sie
-jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral_, warum
-bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit«
-nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen
-Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte«
-bleiben?
-
-_Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That?
-Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und
-Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?_
-
-Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen
-ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen _sie_ nicht die Wohnungen der
-Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster
-tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie
-hochschätzenden Gatten? _Wir_ unweiblichen Geschöpfe können das doch
-nicht!
-
-Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die
-»sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene,
-Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen
-jener Unwissenden?
-
-Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der
-Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?
-
-Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! --
-
-Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf
-Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von
-Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.
-
-Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit
-Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«,
-raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß
-sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren
-aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.
-
-Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in
-meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende
-erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen
-berücksichtigen.
-
-Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat
-erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine
-Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf
-einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17
-Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und
-die will ich hier wortgetreu wiedergeben:
-
- 1.
-
- Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten
- stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine
- schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn,
- das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche
- können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung
- allens für uns allein. Es grüßt sie
-
- Frau .......
-
- 2.
-
- Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem
- hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich
- mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie
- können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist
- nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.
-
- Alexander ........
-
- Maschinist.
-
-Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich
-gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich
-im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls
-bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen
-Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig
-guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte
-mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des
-Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau
-und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der
-Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der
-schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die
-fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen
-guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus,
-daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So
-mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben
-mich aber nie wiedergesehen.
-
-Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu
-der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen
-Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte,
-ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen.
-Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem
-Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus.
-Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben
-zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte
-an _die_ Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei
-tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im
-Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat
-ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden
-standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf
-Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel
-löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder,
-Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das
-andere.
-
-_Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu
-schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes
-alt sein konnte_; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine
-mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.
-
-Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die
-Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich
-zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden
-Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein
-zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine
-recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der
-Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten
-Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten
-Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne
-anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich
-glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.
-
-Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils
-in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von
-4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die
-Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der
-Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee.
-Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl,
-in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber
-reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße
-Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas
-anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich;
-meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es
-vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute
-und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren
-Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.
-
-Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist
-und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung,
-Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen
-vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.
-
-Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.
-
-In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von
-wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu
-vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.
-
-Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen
-Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen
-an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume
-stand.
-
-»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.
-
-»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend
-ausgezogen bis in den Korridor hinein!«
-
-Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank,
-die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich,
-ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.
-
-Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn
-auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte
-man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.
-
-Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen
-Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen,
-daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren
-Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer
-Schlafstelle suchen!« --
-
-Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen
-wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen,
-sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das
-Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der
-Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute
-schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur
-Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.
-
-Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht
-mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.
-
-Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und
-Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir
-richtiger scheint, _sie wollen glauben_, daß dann jedes Schamgefühl im
-Mädchen ersterbe, _ersterben müsse_, trotz der hohen Bildung, die es
-erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich
-möchte sagen: _Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!_
-
-Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und
-Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der
-Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen?
-Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, _weil
-sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts
-zusammenführt, denn Sinnlichkeit_!
-
-Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit
-keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die
-_akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen
-Mutter_ die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die
-»edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung
-geschlechtlicher Ausschweifungen?
-
-Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte
-bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an
-oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern
-vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger
-verdammenswert!
-
-Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters
-Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.
-
-Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die
-sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit
-und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den
-»hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu
-entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung
-tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen
-zu ertränken.
-
-Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des
-Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit
-aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen
-Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten =vulgo= Spielereien hat, das von
-Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken
-im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie -- natürlicher und
-deswegen moralischer -- dem Schatz gegenüber empfindet.
-
-Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene
-ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum
-Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke
-fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering.
-
-Die Fabrikmädchen _lassen sich_ verführen ohne geschminkte Heuchelei, die
-feinen Dämchen aber _verführen selber_, d. h. sie reizen den Mann durch
-Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen,
-daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und
-spielen das »keusche Gretchen«.
-
-Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht
-hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche
-Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus
-des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons«
-beliebte Ware sind.
-
-»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib
-die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.«
-
-»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die
-Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen
-dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu
-erzielen.«
-
-»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis
-ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«
-
-»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten
-Fällen.«
-
-»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie
-ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«
-
-»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal
-aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm
-den höchsten Zauber verleiht.«
-
-»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und
-eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« --
-
-Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch
-jedenfalls aus den _feinen Kreisen_ genommen. Wie müßten jene Frauen, die
-bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie
-uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage
-der Fabrikmädchen kämen? --
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Religion.
-
-
-Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße.
-Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, _wer viel
-betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben_. Es ist
-auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang
-bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig,
-fromm sein. _Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel.
-Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott,
-aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind._ Bis
-zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden
-sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles
-wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde:
-»Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast
-uns nichts mehr zu sagen!«
-
-_Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an
-diesen Zuständen._ Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und
-nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie
-besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und
-»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen
-Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen,
-ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So
-hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen
-durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein
-Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken
-im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger,
-wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze
-rein hieltest!«
-
-Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche
-und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm
-Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.«
-
-Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:
-
-»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran,
-daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und
-erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?«
-
-Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht
-man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?«
-
-Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat,
-den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn
-Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen.
-
-Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst
-befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so
-schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.
-
-Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die
-Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für
-den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu
-gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von
-Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu
-meiner Äußerung verhielten.
-
-Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des
-Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer
-Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne
-kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na,
-dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden
-Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil,
-_sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_.
-
-Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung
-vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer,
-schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem
-gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die
-einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.
-
-Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in
-der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur
-Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind
-sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein
-neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz
-am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten,
-_um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller
-Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause
-thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um
-die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.
-
-_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis,
-daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß
-die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine
-Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige
-ist._
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Sozialdemokratie und Frauenfrage.
-
-
-Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen!
-
- »..... ich finde nicht die Spur
- Von einem Geist, und alles ist Dressur!«
-
-Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war,
-»Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so
-waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten
-sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_.
-Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie
-besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den
-Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt
-selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische
-Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_
-oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_.
-
-Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der
-Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten
-kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung
-des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und
-den sozialdemokratischen Führern._
-
-Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf
-Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle
-Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den
-Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie
-sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid
-sprechen.
-
-»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils
-nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich
-nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.«
-
-Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für
-jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet
-worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings
-Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag.
-
-Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und
-öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte
-über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer
-Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor,
-die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als
-einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war
-das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge.
-
-Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln
-die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß
-mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder
-Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ
-gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte.
-
-_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur
-Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin
-gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die
-in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen
-nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie,
-wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier
-artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus.
-
-Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den
-deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die
-Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem
-Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen«
-könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne
-Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen,
-_wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die
-Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes.
-
-Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich
-hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen
-allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares,
-aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich
-nie_.
-
-Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung
-zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge
-aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können.
-
-Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt,
-daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner
-dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche
-Gestalt sei.
-
-Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath
-zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der
-ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen
-auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind
-durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der
-sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.
-
-Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der
-Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder
-diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine
-Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte
-beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu
-wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.«
-
-Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz
-Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht
-herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren,
-wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer
-Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei
-politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis
-dafür.
-
-Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst
-die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich
-muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig
-Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein
-Interesse dafür zeigen_. --
-
-Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur
-will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der
-Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht
-kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben
-und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus
-diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen
-Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen
-Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure
-ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist;
-ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer
-die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens
-Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu
-ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.
-
-Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend
-und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer
-Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir
-in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den
-uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß
-die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon
-spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So
-lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise
-ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so
-lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den
-schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament
-zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm
-zusammen.
-
-Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten,
-als für die Töchter des Mittelstandes.
-
-Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie
-auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution
-ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der
-Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange
-wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig
-wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die
-Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in
-erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener
-Jammergeschöpfe liefern.
-
-Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und
-barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen
-erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei
-solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und
-Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen
-System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das
-Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das
-Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil
-der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir
-erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend
-jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts,
-worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«
-
-Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen
-Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht
-nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten
-Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit;
-aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre
-wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen,
-um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden
-Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft
-bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft
-besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte
-ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst
-des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine
-Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so
-hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer
-sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene
-sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne
-der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die
-Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren
-Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?«
-
-Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der
-Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden,
-es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=!
-
-Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution
-in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen
-Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und
-merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine
-Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier
-nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur
-das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_.
-
-Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«,
-sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch
-in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen?
-
-Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen,
-litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages
-zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der
-Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte
-an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich
-nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich
-sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und
-da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie
-nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?«
-
-»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert.
-
-»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist
-schon gut!«
-
-Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ
-er sie.
-
-Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes«
-einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit«
-sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem
-vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und
-bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht
-geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf
-sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!
-
-Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit
-außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen
-Städten Medizinerinnen auftreten.
-
-_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_
-
-»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl
-sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da
-brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!«
-
-_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung
-keine Ahnung haben._
-
-Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu
-entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden
-und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht
-vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel,
-durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist
-zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben.
-Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese
-»Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.
-
-Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß
-Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche
-sittlich-notwendige Institution_.
-
-Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle
-ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor
-allem, nicht Geschriebenes lesen.
-
-Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12
-Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick
-auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen
-Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen.
-
-Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit
-allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen;
-ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor
-der Thür gestanden wäre. --
-
-Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht
-zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen
-und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr
-natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als
-man meinen sollte.
-
-Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber,
-dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen,
-die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt!
-Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und
-Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über
-_jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit
-guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg
-wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was
-einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! --
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Vergnügungen.
-
-
-Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein,
-ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde:
-Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen,
-die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und
-Menschenehre wirken!
-
-Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen
-Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen
-kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches
-Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der
-Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.
-
-Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene
-Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele
-gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen
-wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre
-Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem
-nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher
-nicht getanzt hatten.
-
-Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung
-gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.
-
-Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem
-Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel
-zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle
-besseren Mädchen.
-
-Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für
-Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der
-Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse
-finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden,
-Tingeltangel und Messeresser.
-
-Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war
-ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle,
-und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung
-des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen
-anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die
-Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene
-Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil,
-=Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das
-Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren;
-die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen
-»Beruf.«
-
-Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«,
-ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal
-befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden
-Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht
-ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden
-Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die
-Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen;
-die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei
-Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden
-halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen«
-heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein
-Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut
-wie verloren.
-
-Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone«
-sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs
-mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen
-anständige Mädels nicht hin«.
-
-Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines
-als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka
-40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der
-Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche
-Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die
-wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der
-Dirnen zu sein.
-
-Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder
-Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster
-verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch,
-mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren
-muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie
-die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor
-aller Augen die unsittlichsten Dinge.
-
-Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des
-grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur
-Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt
-keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen
-Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten,
-den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle
-zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange
-bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.
-
-Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie
-derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig
-zusehen.
-
-Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu
-führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem
-erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der
-Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin«
-angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend,
-Gift und Pestilenz holen darf?
-
-Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein
-Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den
-Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche
-herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme
-Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene
-giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in
-ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.
-
-Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt
-nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich
-nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht
-nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten
-Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige
-Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten
-abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._
-
-Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der
-selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er
-menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering
-sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das
-notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts
-hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die
-Frau!_«
-
-Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist
-und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet
-hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine
-Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht
-genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge
-gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen
-verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne
-einen Beruf ergreifen zu müssen.«
-
-Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube,
-die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!
-
-Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und
-die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! --
-
-Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement
-anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und
-Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.
-
-Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und
-unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier
-unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die
-Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien,
-wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand
-hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar
-Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das
-Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.
-
-An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes
-Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein
-schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien
-noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein
-»Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den
-Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur
-noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher
-antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.
-
-Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes
-Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon
-viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine
-Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar,
-das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen
-Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu
-kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren,
-ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.
-
-Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später
-das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen
-am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil,
-da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das
-Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war
-»klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine
-»dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. --
-
-Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das
-»Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und
-schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren
-Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch
-hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem
-Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte;
-ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort,
-»ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene
-Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen
-goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht
-einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer
-Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise,
-glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.
-
-Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen
-keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte
-daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf
-die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck
-gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den
-Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und
-sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik,
-bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal;
-gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt,
-eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.
-
-Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer
-Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen
-ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für
-eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende
-Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.
-
-Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in
-vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und
-erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.
-
-Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den
-Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand
-zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in
-der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn
-doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen
-Gegenstand gegeben hätten.
-
-Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch
-nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für
-sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder
-wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde
-zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der
-Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie
-spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den
-großen Gewinn doch nicht fahren ließen.
-
-Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in
-Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen:
-_daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so
-entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen
-der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der
-häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Die Hausindustrie.
-
-
-»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
-der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand.
-Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und
-Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter
-die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des
-_Gemütslebens_.«
-
-Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage
-in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
-der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die
-Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der
-Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und
-die Kinder ständig zu bewachen.
-
-Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu
-finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.
-
-In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h.
-immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im
-großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer
-Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder
-andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und
-der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die
-Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein
-gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe
-behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen
-Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein
-Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem
-festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden
-hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.
-
-Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen
-und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der
-Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich
-hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie
-im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den
-kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die
-Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren
-Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter
-wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien
-zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend
-und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit
-den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie
-werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit
-starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch
-genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen
-Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart
-wird.
-
-Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das
-Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl
-fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen,
-neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um
-am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich
-nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und
-gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die
-Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches
-Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken
-kann.
-
-Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in
-den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der
-Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll,
-sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein
-geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit
-ist.
-
-Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die
-Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber
-zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes
-fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.
-
-Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie
-unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu
-bearbeitenden Boden verbietet.
-
-Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und
-Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der
-Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief
-zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren
-Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im
-eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den
-Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Stellenlos.
-
-
-Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet,
-das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und
-Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen,
-Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach
-erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen
-in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und
-heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch
-nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin
-entgegensieht.
-
-Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner
-Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt
-sich mit dem, was mir die andern erzählten_.
-
-Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel
-Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder
-jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu
-suchen«.
-
-Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort
-waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich
-von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum
-Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis
-ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer
-Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres«
-erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas
-verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal
-glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden
-Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und
-beladen seid, ich will euch erquicken.«
-
-»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«
-
-»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir
-gethan.«
-
-Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die
-Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich
-als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.
-
-Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in
-dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten
-Bibeln Gebrauch zu machen.
-
-Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in
-absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin
-gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich
-sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.
-
-»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.
-
-»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.
-
-»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete
-sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner«
-werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen,
-wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte.
-Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte
-ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich
-mich allenfalls melden könnte.
-
-»Nu nee,« schnurrte sie.
-
-»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich
-schüchtern zu bemerken.
-
-»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen!
-Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die
-bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«
-
-Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse
-Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und
-Stellenlose,« oder so ähnlich.
-
-»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht
-Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«
-
-»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.
-
-Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier
-Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.
-
-Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen
-erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für
-»Arme« zu sprechen sei.
-
-Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er
-blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten
-Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So,
-so« bereit.
-
-Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere
-Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können
-es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir
-nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige
-Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie
-beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie
-ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie
-wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir,
-ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«
-
-Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen
-_nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und
-_unterstützt_ der größere Pharisäer? --
-
-Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende
-Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem
-einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von
-Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum
-durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend
-aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe
-aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise
-zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie
-ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich
-meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen
-Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie
-sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir
-wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«
-
-»Hefterin«, war meine Antwort.
-
-Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich
-leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten,
-gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren
-seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit
-mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.
-
-Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen
-ich noch nicht gearbeitet hatte.
-
-In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht
-angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter;
-wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf
-uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts
-nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner
-livreeartigen Kleidung.
-
-»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner
-Begleiterinnen.
-
-»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner,
-wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr
-fortkommt!«
-
-Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um
-eine Erfahrung reicher.
-
-In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine
-Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte.
-Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher
-Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.
-
-Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie
-sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer
-Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung
-ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um
-Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an.
-Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in
-Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer
-geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine
-mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter
-der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.
-
-Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem
-Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe.
-Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte
-wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen
-Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das
-die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin
--- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form
-gewählt.
-
-Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde
-hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips.
-Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende
-Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer,
-gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in
-der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.
-
-Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann
-ein Spiel Karten vor.
-
-»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich
-wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang
-merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es
-Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach
-und meinte dann:
-
-»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«
-
-Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die
-»Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich!
-Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte
-schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie
-holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten
-Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und
-übergab ihn mir geheimnisvoll.
-
-»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik;
-geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf,
-daß es keiner merkt.«
-
-Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt
-aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief
-überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich
-dann von Kopf zu Füßen.
-
-»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die
-Stelle sei lila!«
-
-Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog,
-allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner
-»Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer
-Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich
-tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. _Ich sollte ihr, wenn ich
-die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und
-dem Aufseher den der zweiten Woche._ Ich ging darauf ein und bezahlte
-ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark
-berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles
-in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit.
-Darnach sollte _ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich
-wöchentlich 2 Mark erhalten sollte_. Man denke sich in die Lage eines
-armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür
-sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle
-Unterstützung findet, _wo_ muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden,
-wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die
-Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf
-anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, _es
-muß sich prostituieren_. --
-
-An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die
-»Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das
-arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich
-das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen
-und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem,
-hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien
-ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion
-elenden, übelriechenden Käse.
-
-Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung,
-saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches
-Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung
-und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen
-Schluck aus seinem Schnapsglas.
-
-Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes,
-beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls
-obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem
-Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das
-dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch
-alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee
-und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt
-blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich
-auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an
-die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«
-
-»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.
-
-»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch
-siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde.
-»Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts
-nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«
-
-»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.
-
-»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch
-nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht
-zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen,
-wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!«
-
-»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?«
-
-»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden
-entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach
-Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch
-nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte
-eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere,
-hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit
-zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede
-Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht
-wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!«
-
-Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie
-noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser
-wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die
-Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch
-nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden,
-wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich
-thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's
-schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich
-durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen
-Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so
-leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie
-mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen.
-Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und
-spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. --
-
-Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das
-»segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose,
-die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu
-erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller
-Suppe zu reichen!
-
-Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen
-Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an _Eure_ Wände
-schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände:
-»Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld
-einbringen.«
-
-Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes
-der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der
-scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar
-oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere
-Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem«
-Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich
-Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die
-Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten
-brave Menschen sein.
-
-Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen
-zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren
-Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine«
-thun _zu wenig_, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen,
-_zu viel_, um die Mädchen heranzuziehen.
-
-Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder
-Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung
-in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht
-bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so
-kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu
-bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will -- sie kann
-es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt
-worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert
-und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können -- sehe sie nun, wie
-sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt,
-sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das
-arbeitslose, aber _anständige_ Mädchen, so gern übersah.
-
-Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der
-Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und
-um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art
-der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es
-findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die
-alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen:
-_moralischer Tod_ oder _leiblicher Tod_!
-
-Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen
-unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht
-und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen
-nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen
-Schutz findet -- so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und
-Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur
-energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen _aller_ Frauen gegen die Gesetze,
-die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und
-zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt
-zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen
-in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende
-Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der
-Prostitution in die Arme läuft!
-
-An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel
-denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter
-geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit
-leben können! Vor allem aber _an alle die tausend und tausend Frauen,
-die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen,
-Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen
-»Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes_, an sie
-wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein,
-reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der
-ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab
-in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort
-steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige
-Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und
-daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten
-im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß
-das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr
-zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt
-sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr
-hinauf-, sondern herabsehen kann! --
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-Verschiedenes.
-
-
-Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die
-ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen
-als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend
-beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu.
-
-Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall
-zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der
-Arbeit betrachte, ist die enorm _häufig auftretende Kurzsichtigkeit der
-Mädchen_. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine
-große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt
-habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in
-den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung
-die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig
-blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden.
-
-Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden
-vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen
-Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem
-angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten
-Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht
-beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle
-die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug,
-bestätigten mir meine Vermutungen.
-
-Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen
-trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen
-arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe
-über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft
-stemmen muß. _Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende
-Fehlgeburten._ Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß
-sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit
-acceptieren, »um alles los zu werden«.
-
-Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen
-hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird
-zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich
-befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste
-so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf
-diese Weise noch verschlimmern. --
-
-_Leider_ sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage
-»leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben
-würde, das _des Essens von Kaffeebohnen_.
-
-Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die
-den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und
-tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und
-elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen
-verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils
-einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine
-meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter
-Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach
-»neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn
-sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer
-zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. --
-
-Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie
-gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen
-ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille
-an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte
-glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit
-zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht
-von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den
-heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus
-zu sein, ja, _sogar eine Dummheit_! So sagte mir einmal die eine: »Ich
-bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!«
-
-Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen.
-Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre
-des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen
-Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch
-Unreinlichkeit!
-
-In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein,
-die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade
-schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald
-aber mit Freuden thun würden. --
-
-Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes
-Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter
-ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine
-»Freundlichkeit« reichlich vergolten.
-
-Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen,
-mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als
-ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der
-Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm
-meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte,
-wurde blutrot und bald bleich -- und verschwand plötzlich, ohne nochmals
-zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie
-wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen
-Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner
-Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der
-Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte
-Kinder scheuen das Feuer!«
-
-
-
-
-Schlußbetrachtungen.
-
-
-Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man -- wenn man irgend einen
-Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt -- ersehen, daß die
-Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur
-mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und
-Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille
-Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen
-geweinter Thränen herbeigeführt!
-
-Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem
-Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten!
-_Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der
-Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen_; das weibliche Geschlecht muß
-einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend
-und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen
-nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen!
-
-Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in
-Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren
-Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun
-im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl _der_ Frauen, die dahin vegetieren,
-murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um
-sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!
-
-Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein
-anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? _An
-den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen_, an denjenigen, die der
-Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an
-ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!
-
-Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die
-Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt
-gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit
-zeitigt die krassesten Auswüchse -- der Tag der Frauenrebellion wird
-kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als
-Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er
-dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann
-werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die
-französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben,
-sondern korrumpiert werden! --
-
-Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die
-Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit
-vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht
-scheuen!
-
-Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu
-tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um
-Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für
-Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder
-Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es
-guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit!
-
-Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da
-wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der
-Mode gekleidet zu gehen!
-
-Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all
-Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt,
-sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet,
-wenn sie Unglücklichen helfen kann!
-
-Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die
-vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam
-aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus
-dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches
-Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde
-gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung
-fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg
-uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll!
-
-
-Druck von _H. Ginzel_, _Berlin_ =W.=, Yorkstraße 43.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" -- "Mietzins,
-"Roheit" -- "Rohheit", "Überzeugung" -- "Ueberzeugung", jedoch mit
-folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 13:
- im Original "was uns gerade erreichbar war"
- geändert in "was uns gerade erreichbar war."
-
- Seite 13:
- im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"
- geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"
-
- Seite 44:
- im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"
- geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"
-
- Seite 50:
- im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"
- geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"
-
- Seite 66:
- im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"
- geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"
-
- Seite 68:
- im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"
- geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"
-
- Seite 97:
- im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"
- geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer" ]
-
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-3½ Monate Fabrik-Arbeiterin
-by
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin, by Minna Wettstein-Adelt</div>
-
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-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
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-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Minna Wettstein-Adelt</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 19, 2021 [eBook #66573]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
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-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***</div>
-
-
-<h1 class="pb"><span class="mlneg"><b>3½</b></span><br />
-Monate<br />
-Fabrik-Arbeiterin.</h1>
-
-<p class="ce lh2">Von<br />
-<span class="fsl">Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.</span></p>
-
-<p class="ce mt4"><img src="images/deco.png" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mt4"><b>Berlin 1893.</b><br />
-<span class="ge">Verlag von J. Leiser</span><br />
-<span class="fsxs"><i>N.O.</i> Barnimstraße 20.</span></p>
-
-
-
-
-<div class="mw36 pb">
-<p class="ci mt6">Meinem geliebten Mann, Herrn <i>Dr.&nbsp;jur.</i> <em class="ge">Oscar Wettstein</em>,
-gewidmet in herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung
-in meinem Unternehmen.</p>
-
-<p class="si">Die Verfasserin.</p>
-</div>
-
-
-
-
-<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td>&nbsp;</td>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdr1 fss">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3">Vorwort</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3">Einleitung</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_005">5</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">1.</td>
- <td class="tdc">&ensp;Kapitel.&ensp;</td>
- <td class="tdl">Die materielle Lage der Arbeiterinnen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_008">8</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">2.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Nahrung und Kleidung der Arbeiterin&emsp;</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_013">13</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">3.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Arbeit, Beruf, Vergangenheit</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_018">18</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">4.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Sittliche Zustände</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_024">24</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">5.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Sparsamkeit und Ehrlichkeit</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_035">35</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">6.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Die Ehe</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_042">42</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">7.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Die Stellung des Mädchens</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_048">48</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">8.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Seßhaftigkeit und Versicherung</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_052">52</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">9.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Wohnungen und Schlafstellen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_056">56</a></td>
- </tr>
- <tr>
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- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Religion</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_068">68</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">11.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Sozialdemokratie und Frauenfrage</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_071">71</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">12.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Vergnügungen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_080">80</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">13.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Die Hausindustrie</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_088">88</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">14.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Stellenlos</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_091">91</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">15.</td>
- <td class="tdc">"</td>
- <td class="tdl">Verschiedenes</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_102">102</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3">Betrachtungen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_106">106</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Vorwort.</h2>
-
-
-<p>Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv
-entsprungen, denn man annehmen wird; sie sollen lediglich ein
-Beitrag zur Frauenfrage sein, sie sollen die Bewegung auch in
-den unteren Schichten fördern.</p>
-
-<p>Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach
-Gelegenheit gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen
-unter den Kämpferinnen, auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm
-anfangen zu bauen, d.&nbsp;h., sie berücksichtigen bei ihrem Streben
-immer nur das Frauenstudium und die Gleichberechtigung mit
-dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, um die
-Frauen dort kennen zu lernen. <em class="ge">Auch ich will Gleichberechtigung
-mit dem Mann</em>; aber so lange Tausend und
-aber Tausend von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung
-schmachten, muß erst diesen geholfen werden, ehe man die <em class="ge">verhältnißmäßig</em>
-noch gut dastehenden Oberen unterstützt.</p>
-
-<p>In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch
-als Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3&nbsp;Monate
-Fabrikarbeiter und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow,
-Leipzig, den Weg gewiesen; ihm verdanke ich die Idee, er war
-mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift war, gleich
-Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich
-mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich &ndash; in Berlin &ndash;
-Spandau die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die
-Direktion der fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine
-Pulverfabrik, mit der Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-mein Verlangen, ebenso ein Gesuch an den Herrn Kriegsminister,
-blieb unberücksichtigt. Aus welchen Gründen mir der Eintritt
-in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann ich nicht begreifen;
-daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der Behandlung ihrer
-Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht denken.</p>
-
-<p>Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer
-Berliner Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte
-Material finden, mir war es um eine <em class="ge">typische</em> Arbeiterbevölkerung
-zu thun.</p>
-
-<p>Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem
-Besitzer eines großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der
-Königstraße, den ich als seine Kundin kennen und schätzen gelernt
-hatte, vertraute ich mich an, weil ich wußte, daß dieser Herr mit
-den größten Chemnitzer Fabriken in Geschäftsverbindung steht,
-und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen vermitteln würde.
-Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen hatte
-ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in
-die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu
-wählen brauchte.</p>
-
-<p>Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken
-verschiedener Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem
-Lande, um die Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie
-kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute
-des Tages zur Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig
-koncentrierte, um möglichst viel zu erfahren. Ich bin
-Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit meinen Arbeits-Genossinnen
-zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle Vergnügungs-
-und Tanzlokale besucht.</p>
-
-<p>Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein
-<em class="ge">apodiktisches</em> Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde
-versuchen, stets objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es
-<em class="ge">vielfach, nicht nur hie und da</em>, gefunden habe, und bemerke
-noch, daß ich hier <em class="ge">nur</em> von der sächsischen Arbeiterin spreche.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei
-denen hervorrufen wird, die seinerzeit Göhres Werk angriffen als
-»ein feiges Sicheinschleichen in das Vertrauen des harmlosen
-Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich habe jene <em class="ge">schweren</em>
-Monate <em class="ge">nur zum Wohle meiner leidenden Geschlechtsgenossinnen</em>
-durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was
-ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd
-gewesen, gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen
-Vergnügungen nachzugehen.</p>
-
-<p>Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung,
-vor übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der
-schweren körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.</p>
-
-<p>Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir
-als Beschützer stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein
-aufmunternder Zuspruch, sein Anspornen, schützten mich oft vor der
-Rückkehr; ihm verdanke ich es, daß ich das Unternehmen bis ans
-Ende ausführte.</p>
-
-<p>Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt,
-erfüllt mich nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte
-Wunsch, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen sei.</p>
-
-<p>An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die
-dringende Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, <em class="ge">wo</em> Hilfe
-am dringendsten Not thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser
-sein, um vorzudringen im Dunkel des Elendes, der teilweisen
-Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im Luxus und im
-Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die
-Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen,
-das eines Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut
-einmal <em class="ge">wirklich</em> Gutes, das mehr Segen bringen wird, denn
-Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! Denn:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der täglich sie erobern muß!«</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Einleitung.</h2>
-
-
-<p>Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten
-Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer
-und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.</p>
-
-<p>An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum
-ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik.
-Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen
-Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend,
-ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald
-hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude
-in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo
-die Hefterinnen beschäftigt sind.</p>
-
-<p>Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch
-ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa
-fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben
-wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin
-war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte,
-kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach
-an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu
-benehmen hatte.</p>
-
-<p>Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen &ndash; übrigens
-die Hübscheste aus der ganzen Fabrik &ndash; aber mit unsagbar
-frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an
-mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich
-wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen
-schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich,
-eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte.
-Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft,
-da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen
-ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste
-Häuslichkeit gewinnen konnte.</p>
-
-<p>Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede
-an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über
-ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits
-einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer,
-als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.</p>
-
-<p>Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme,
-die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton
-ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen
-Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte.
-Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander
-und mit den Vorgesetzten <em class="ge">besser</em> und <em class="ge">höflicher</em>,
-denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen
-und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.</p>
-
-<p>Glücklicher Weise erging es mir in der <em class="ge">ersten</em> Fabrik so gut,
-denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken
-an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß,
-ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.</p>
-
-<p>Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen,
-gefunden, daß, <em class="ge">je gröber und schwerer die Arbeit, je
-roher auch die Menschen waren</em>. Alle die Mädchen, mit
-denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, <em class="ge">waren
-grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung
-gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten</em>.</p>
-
-<p>Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand
-ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche
-Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt
-nicht für möglich gehalten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei,
-wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen,
-schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden
-Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche
-typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man
-ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder
-grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies
-mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und
-dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin.
-Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind
-wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als
-es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Erstes Kapitel.</span><br />
-
-Die materielle Lage der Arbeiterinnen.</h2>
-
-
-<p>Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre,
-nicht in <em class="ge">einer</em> Fabrik und noch weniger in <em class="ge">einem</em> Saal gearbeitet
-habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung
-gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war,
-verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen
-Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½&nbsp;Monaten
-mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre
-erfahren würden.</p>
-
-<p>Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz
-gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen
-Zeit fand ich <em class="ge">nicht eine</em>, die aus einer andern Provinz Deutschlands
-stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort,
-daß ich <em class="ge">nur von der sächsischen Arbeiterin</em> spreche.</p>
-
-<p>Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater
-als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter,
-Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.</p>
-
-<p>Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik
-gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten
-die Hefterinnen z.&nbsp;B. wöchentlich 5-6&nbsp;Mark im Durchschnitt,
-und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet,
-nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt
-wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3&nbsp;Mark. Natürlicher
-Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine
-Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem
-Zustande.</p>
-
-<p>In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen
-bis zu 9&nbsp;Mark pro Woche verdienen. Für 10&nbsp;Dutzend Strümpfe
-erhielten wir 19&nbsp;Pfennige; wer am frechsten war und den aus
-der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm,
-hatte immer Arbeit. An meinem Tische z.&nbsp;B. gab es ein bleiches,
-mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen
-seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige
-Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht
-ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte
-diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die
-unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte,
-trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie
-glaubte, ich sei in großer Not.</p>
-
-<p>An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern
-Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese
-Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher
-Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60&nbsp;Pfennige bis
-zu 1,20&nbsp;Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld
-wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich;
-sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und
-schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit
-Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.</p>
-
-<p>Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte;
-und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken,
-die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern
-Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und
-standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten
-schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich
-an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein
-mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl
-jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun
-finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber
-nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht
-giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie
-in ihre Kleidertasche und reichte mir &ndash; einen Nickel! Ich war
-sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das
-ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin
-zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und
-uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu
-gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt
-ich &ndash; glücklicherweise &ndash; abschlägigen Bescheid, während meine
-Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.</p>
-
-<p>Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen;
-die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten
-im Durchschnitt 8&nbsp;Mark in der Woche, die Mädchen, die
-in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10&nbsp;Mark; das war
-aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen
-in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen
-Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was
-die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den
-Kauf nahmen.</p>
-
-<p>Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei
-unter den Mädchen; mehr als 15&nbsp;Pfennige aber verborgte keine.
-In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot,
-d.&nbsp;h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder
-Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige
-entrichtete.</p>
-
-<p>In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte,
-herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es
-schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen
-dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise
-waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend
-fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber
-nur für die vollendete Arbeit, d.&nbsp;h. für den Ballen gewebten
-Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat.
-Fehlte auch nur ¼&nbsp;Meter am fertigen Ballen, so mußte die
-Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte
-Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die
-Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum
-Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen.
-Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen
-murrend zur Arbeit zurück &ndash; und alles blieb beim alten! An einen
-Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu
-streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie
-knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen
-vorzugehen.</p>
-
-<p><em class="ge">Und das eben mache ich den arbeitenden und
-erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf,
-daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl
-einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare
-Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit
-stark.</em></p>
-
-<p>In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich
-10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine,
-die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente
-bis zu 18&nbsp;Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von
-1&nbsp;Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4
-bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war
-aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die
-wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran,
-denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark
-pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2&nbsp;Mark Kostgeld.
-Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes
-Häuschen, aus 2&nbsp;Stuben, 1&nbsp;Kammer und 1&nbsp;Küche bestehend; so
-fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert
-wesentlich das Budget des Haushaltes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen,
-die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist
-sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet
-haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben
-wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt
-oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die
-Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Zweites Kapitel.</span><br />
-
-Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.</h2>
-
-
-<p>Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal,
-einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum
-mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der
-primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im
-Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf
-dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen
-das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben
-über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen,
-wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1&nbsp;Uhr
-abgehetzt und weniger erholt als <em class="ge">vor</em> der Mittagspause an die
-Arbeit zu gehen.</p>
-
-<p>Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf
-Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit
-einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die
-Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich
-jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem
-sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.</p>
-
-<p>Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen
-Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir
-uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine
-Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was
-uns gerade erreichbar war.</p>
-
-<p>Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf
-Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-oder Erbsen; <em class="ge">Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht
-bei einer einzigen gesehen</em>. Diejenigen, die den größten
-Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen
-Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes
-Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke;
-die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes
-und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper
-langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren
-Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk
-figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender
-grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen <em class="ge">vor der
-Löhnung</em> wurde zur Mittagsnahrung <em class="ge">vielfach</em> nur solcher Kaffee
-mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten
-Salz streuten.</p>
-
-<p>Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber
-trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den
-besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur
-Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon
-erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise
-und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern,
-daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die
-gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.</p>
-
-<p>Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise
-war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich
-wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen,
-je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.</p>
-
-<p>In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich <em class="ge">niemals</em> eine
-Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.</p>
-
-<p>Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging,
-waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen,
-Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter
-den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus
-zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern
-verkehren.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Man erhält daselbst für 10&nbsp;Pfennige eine Schüssel Graupen
-oder Erbsen, ungefähr 1&nbsp;Liter im Inhalt, für 15&nbsp;Pfennige ein
-Stück Corned beef dazu, für 20&nbsp;Pfennige außerdem einen Teller
-Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen,
-werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.</p>
-
-<p><em class="ge">Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus,
-sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel
-dazu hätten.</em></p>
-
-<p>Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die
-Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen,
-derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht <em class="ge">beständig</em>
-so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln
-zu verzehren.</p>
-
-<p>Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit
-nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle,
-meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln
-und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt
-zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die
-Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat
-insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen
-speisen können und die ganze Familie beisammen ist.</p>
-
-<p>Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen
-bedeutend besser essen <em class="ge">könnten</em>, wenn sie nicht alles an ihre
-Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede
-menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein
-hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am
-Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!</p>
-
-<p>Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock
-und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in
-nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes
-Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen
-auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche.
-Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine
-immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck
-geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so
-manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch
-nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu
-können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit
-Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre
-Dummheit entgegentreten; <em class="ge">hier ist allein thatkräftige Aufklärung
-am Platze</em>.</p>
-
-<p>In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen
-die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit
-tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren,
-ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen
-und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein
-Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen
-ist, daß die Arbeiterinnen sich <em class="ge">nur</em> im »Garderobenzimmer«
-anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten
-Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene
-Kleidung Witze machend.</p>
-
-<p>Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an,
-Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und
-eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur,
-vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel
-sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand,
-des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor
-hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt
-zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume,
-so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen;
-dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.</p>
-
-<p>Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht
-zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße,
-dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an;
-Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem
-Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen
-nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten.
-Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den
-gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben
-die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und
-Spangen, ja, <em class="ge">viele tragen zur Taille passende Schleifen
-im Haar</em>.</p>
-
-<p>Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der
-Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck,
-als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen,
-die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht
-roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich
-nicht finden.</p>
-
-<p>Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine
-Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in
-den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern
-der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des
-Zweideutigen bewegten.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Drittes Kapitel.</span><br />
-
-Arbeit, Beruf, Vergangenheit.</h2>
-
-
-<p>Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war,
-hatten entweder vom 14.&nbsp;Jahre an in der Fabrik gearbeitet,
-das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren
-entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die
-wenigsten.</p>
-
-<p>Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch
-unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften
-zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein
-elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; <em class="ge">sie lieferten
-das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen</em>. Diejenigen,
-die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien
-stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere
-machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten
-schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120
-Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren
-Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts
-an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im
-allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft;
-die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen
-größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich
-erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die
-»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche
-sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.</p>
-
-<p>Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung
-auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen
-mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen.
-Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin,
-die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn
-sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.</p>
-
-<p>Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen
-bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen
-haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und
-lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.</p>
-
-<p>In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in
-schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und
-ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend.
-Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell
-und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders
-aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf
-Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten
-Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh
-verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle
-füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in
-Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2&nbsp;Stunden abgekehrt
-werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet,
-da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der
-fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen,
-daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht
-in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin
-verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg
-schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale
-alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie
-sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck
-hervorruft, als stritten sie miteinander.</p>
-
-<p>Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen
-noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben,
-während der Arbeit laut zu singen, und zwar <em class="ge">innige Volkslieder</em>.</p>
-
-<p>Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins
-Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende
-Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein;
-Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen
-auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.</p>
-
-<p>Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders
-solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge
-weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen
-können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund
-liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren
-bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie
-während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze
-bekommen haben.</p>
-
-<p>Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte
-mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit
-zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang
-an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub
-gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung,
-die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung«
-nicht verdienen &ndash; und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich,
-gesund, munter, lebenslustig!</p>
-
-<p>Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; <em class="ge">ich</em> hätte
-das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils
-von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee;
-erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit
-Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand
-das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr
-aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Lohn, das gleiche schlechte Essen &ndash; und doch die zähe Zuversicht
-zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!</p>
-
-<p>Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder
-Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht
-eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die
-Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn
-gefallen lassen.</p>
-
-<p><em class="ge">Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle
-Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die
-»schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden
-niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen!
-Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu
-Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die
-Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich
-werden kann?</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen,
-<em class="ge">sie ist nichts weniger, denn eintönig und
-schablonenhaft</em>. Bei den komplizierten türkischen Mustern
-muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen
-Farben gewechselt werden, <em class="ge">sie muß denken und
-kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre
-Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit
-mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die
-Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von
-Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen
-in Erwartung des erlösenden Ritters.</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7&nbsp;Uhr an,
-von 8-8½&nbsp;Uhr ist Frühstücks-, von 12-1&nbsp;Uhr Mittagspause;
-um 4&nbsp;Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um
-dann bis zum Feierabend um 7&nbsp;Uhr zu arbeiten. Sonnabends
-½6&nbsp;Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis
-6&nbsp;Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu
-ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl
-weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit,
-<em class="ge">Unfälle bei der Arbeit</em> dagegen sehr häufig. So
-passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen
-Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe
-heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich,
-zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d.&nbsp;h. sie mußte
-sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie <em class="ge">drei
-volle</em> Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt.
-Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen,
-die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen
-der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine
-die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers
-aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn
-bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen
-müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten
-vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten
-Ware verbergen lassen.</p>
-
-<p>Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich;
-die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen;
-sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat,
-werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder
-Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die
-Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes,
-der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer
-Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene
-Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt
-als Dung zurückwiesen, <em class="ge">weil er zu viel Tricotstoff enthielt</em>.
-Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein
-für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig
-verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen.
-Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer
-schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren,
-und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren
-Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit
-Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der
-jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir
-oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden
-mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein
-Unterkleid hätte anfertigen können!</p>
-
-<p>Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen
-und Artikeln betonte: <em class="ge">wenn Mädchen mit guter Bildung,
-aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn
-eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt,
-die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin
-anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge
-stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder
-Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern
-die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche
-Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand
-aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen,
-leiten, auszahlen &ndash; und unterdrücken.</em> Das ist es eben,
-was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von
-Mann und Frau vergessen: <em class="ge">daß die Frau der oberen Stände
-nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren
-Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt«
-wird</em>!&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Viertes Kapitel.</span><br />
-
-Sittliche Zustände.</h2>
-
-
-<p>Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten
-gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich
-halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der
-Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig.
-Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert,
-weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.</p>
-
-<p>Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer
-gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete
-Contingent gemeint; fast überall &ndash; und ich habe <em class="ge">genaue</em> Informationen
-angestellt &ndash; bleiben sich Mann und Frau <em class="ge">beide</em> in
-der Ehe treu oder <em class="ge">ein jedes</em> geht seiner Wege. Daß es natürlich
-auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind
-thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.</p>
-
-<p>Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die
-Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen,
-den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz
-harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat
-oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner
-ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht
-mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber <em class="ge">lediglich deswegen,
-weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien
-sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und
-putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben
-zeigen</em>. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür
-aus die Mutter nach.</p>
-
-<p>Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit
-Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem
-Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau
-und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz
-vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.</p>
-
-<p>Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe
-sind, zeigen sie <em class="ge">tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig
-betriebene Unzucht</em>, und ganz speziell für solche Mädchen,
-die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen
-Garderobe, Schmuck, Wäsche, <em class="ge">bezahlen aber lassen sie sich
-ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken
-bleiben</em>.</p>
-
-<p>Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen
-<em class="ge">freien</em> Verkehr <em class="ge">aus Liebe</em> nicht für unsittlich, sondern für
-<em class="ge">natürlich</em> halten, für <em class="ge">Befriedigung eines Naturtriebes,
-der nie zum Erwerb herabsinken darf</em>.</p>
-
-<p>Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient
-hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen
-worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne
-Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit
-angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage
-zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir
-gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder
-grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen
-Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem
-gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine
-Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,«
-meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht
-mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«</p>
-
-<p><em class="ge">Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung
-gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten
-und Lieutenants</em>; was dazwischen liegt, wird weniger
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-scheel angesehen, <em class="ge">weil die Möglichkeit vorliegt, von einem
-Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden</em>.</p>
-
-<p>Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«,
-wie sie <em class="ge">Schreiber</em> und <em class="ge">in Bureaux arbeitende Kaufleute</em>
-nennen.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa
-30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den
-Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel
-weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch
-verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr,
-wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten,
-damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran
-bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die
-Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie
-doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter,
-als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«</p>
-
-<p>Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen
-Kaufleute recht wohl begreifen, ja, <em class="ge">so lange ich Arbeiterin
-war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen
-Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils
-Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen
-sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht
-zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische
-Verleumdung beim Direktor, boshafte
-Unterdrückung und Chikanen</em> <b>der Sozialdemokratie in die
-Arme treiben</b>, <em class="ge">umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische
-männliche Fabrikpersonal die Mädchen
-besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt</em>,
-als es die anderen thun.</p>
-
-<p>Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der
-Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit
-im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald
-erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren
-Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer,
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem
-Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit
-goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen
-Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen
-auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu
-meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte
-Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.</p>
-
-<p>Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen,
-stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das
-eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg,
-ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone
-zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem
-Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch
-dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.</p>
-
-<p>Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und
-Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in
-lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.</p>
-
-<p>»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie
-geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will.
-Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine
-ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so
-einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem
-Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die
-Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher
-kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«</p>
-
-<p>Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen,
-was ich ihm alles sagen würde.</p>
-
-<p>»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch
-dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht!
-Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich
-dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch
-nichts gesagt!«</p>
-
-<p>»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er
-fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme
-langt!«</p>
-
-<p>Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm
-zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen
-mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen
-gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich
-nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde
-saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte:
-»Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich
-leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl
-noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit
-Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können
-mich Sonntag Nachmittag um 2&nbsp;Uhr in meiner Wohnung,
-S&ndash;straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der
-Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«</p>
-
-<p>Ich bejahte.</p>
-
-<p>»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie
-sich hübsch an, wenn möglich eine etwas <em class="ge">dekolletierte Taille</em>.
-Wo wohnen Sie denn?«</p>
-
-<p>Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen
-zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.</p>
-
-<p>»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er
-ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür
-sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts
-davon, <em class="ge">die sind neidisch</em>.«</p>
-
-<p>Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon
-zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen
-traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.</p>
-
-<p>Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er <em class="ge">frug</em>
-nicht einmal, ob ich sein Schatz werden <em class="ge">wolle</em>, er beorderte mich
-einfach zu sich, wie eine Sklavin.</p>
-
-<p>Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war
-mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn <em class="ge">er</em> da
-drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in
-ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, <em class="ge">wie</em> ich mich rächen
-könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte
-damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen,
-was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!</p>
-
-<p>Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal
-betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.</p>
-
-<p>»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben,
-Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«</p>
-
-<p>Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.</p>
-
-<p>»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es
-an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,«
-rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede
-thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz
-giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er
-wohl auch!«</p>
-
-<p>Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute
-los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung.
-Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen,
-das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie
-ihm <em class="ge">nicht</em>, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch
-Intriguen so zu leiden, daß sie gehen <em class="ge">muß</em>, wird sie nicht gleich
-entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen,
-um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen?
-<em class="ge">Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos
-geworden sind?</em> Der Staat sicherlich nicht!</p>
-
-<p>Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung,
-daß die Frau von der Natur aus schon unter den Schutz
-des Mannes gestellt sei. O, über dies heuchlerische Glaubensdogma
-des männlichen Schutzes! Wer schützt die armen Fabrikmädchen
-vor Ausbeutung, Überanstrengung und vor der Willkür ihrer
-Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene heldenhaften
-Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen,
-die es aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und
-<em class="ge">reich</em> ist, mit einem Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit
-bietet, eine »gute« Partie zu machen! Merkwürdig, daß
-die Herren Theologen, die ihren Nächsten lieben wollen wie
-sich selbst, nicht <em class="ge">hier reformierend</em> eingreifen, statt für die
-Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die Ferne schweifen,
-sieh', das »Schlechte« ist so nah!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in
-der ich arbeitete; dort war ein junger Prokurist, <em class="ge">der wußte,
-wer ich war</em> und infolge dessen freundlicher mit mir war,
-als mit den anderen Mädchen. Am dritten Tage frugen mich
-ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon Kost und Logis?«
-Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja so
-freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem
-möblierten Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem
-kommts auf ein paar Mark nicht an.«</p>
-
-<p>Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz
-traurig, daß ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; <em class="ge">und das
-waren Arbeiterinnen auf dem Lande</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat
-einen Schatz, schon mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen
-Schatz hat, muß ganz unsagbar häßlich sein oder irgend ein
-körperliches Gebrechen aufweisen, das ihm dies verbietet; sonst
-sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der Unmöglichkeit.</p>
-
-<p><em class="ge">Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter
-Begriff</em>; ist der Schatz beim Militär, verreist oder längere
-Zeit krank, so nehmen sie flugs einen anderen.</p>
-
-<p>Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen,
-zum Tanz, den Beschützer und vor allem &ndash; denjenigen,
-der ihnen Schmuck, Bänder und andere Dinge schenkt
-und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.</p>
-
-<p>An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht,
-trotzdem dies oft vorkommt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der
-Inspektoren eine Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater
-werden sollte; man sah dabei in ihm weniger den Ehrenmann,
-als den Gutmütigen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d.&nbsp;h. gemeine
-Witze gemacht; es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art
-angebracht wurden.</p>
-
-<p>In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen
-in schamlosen, wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen,
-wie ich zuvor in meinem ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.</p>
-
-<p>Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht
-wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten
-war, <em class="ge">das waren die verheirateten Frauen</em>. Neben mir
-saß eine etwa 30jährige, kinderlose Frau, die so unglaublich
-verkommen war, daß sie, sobald ihr etwas von Seiten ihrer
-Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke emporschlug und einen
-gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz unglaubliche
-Redensarten führte.</p>
-
-<p>Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten!
-Ich fand hier eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht
-zu beschreiben ist, die meisten dieser Mädchen schienen jedes
-Schamgefühles bar.</p>
-
-<p>Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier
-nicht lange aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie
-suchen andere Arbeit.</p>
-
-<p>Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen
-aus folgendem Vorkommnis machen.</p>
-
-<p>Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte
-ich mehrere Male die Retirade auf. Als ich zum dritten
-Mal eintreten will, stürmt eine der Directricen auf mich zu,
-reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie S.....
-Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun,
-Sie haben wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!«
-(Der vorhergehende Tag war ein Sonntag gewesen.)</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart
-verloren habe, so war es da; ich starrte die Person
-entsetzt an und war so vollständig verblüfft, daß ich mich nicht
-vom Fleck rühren konnte. Ich hatte nur ein Gefühl unsäglichen
-Ekels vor der Directrice, die sich nicht entblödete, <em class="ge">als
-Mädchen</em>, vor allen umstehenden Arbeitern, <em class="ge">so etwas</em> zu sagen.</p>
-
-<p>Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit,
-gerade da, als ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und
-Verkommenheit giebt, erlebt zu haben. Ich danke dem Himmel,
-daß es nicht am ersten Tage war!</p>
-
-<p>Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher
-und keineswegs roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit
-meiner Behauptung, daß die Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend
-wirkt, die Handarbeiterinnen jedoch immer sanfter,
-<em class="ge">äußerlich</em> wenigstens gesitteter bleiben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der
-Mädchen zu erwerben, ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung
-eingeladen. Die Mädchen benahmen sich nett, unauffällig
-und ruhig, waren in Essen und Trinken bescheiden und
-dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach an mich,
-um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie sich
-geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name
-als Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants
-haben oder sie geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir
-nicht mehr mit ihr!« Auch nur annähernd die Wahrheit aber
-ahnte keine einzige. &ndash; Schon der Umstand, daß ich eine Uhr
-besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine zweifelhafte Moral.</p>
-
-<p>Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich
-einen Schatz besitze.</p>
-
-<p>»Ich hatte einen,« erklärte ich.</p>
-
-<p>»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.</p>
-
-<p>»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines <i>Doctor juris</i>
-wenigstens in der »Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«</p>
-
-<p>Aber da kam ich gut an.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter
-Laffe! Na, da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die
-Feine spielen! Wollen Sie sich hier keinen neuen Schatz suchen?«</p>
-
-<p>Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und
-wie sie das aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen;
-eine jede hatte in ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder
-Schwager, der »schatzlos« war, der zu mir »prächtig« paßte, mit
-dem ich schon auskommen würde, der nicht knauserte u.&nbsp;s.&nbsp;w.,
-und den sie mir nun in der verlockendsten Weise beschrieben, mir
-seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß ich ihnen bald so
-»nahe« treten würde.</p>
-
-<p>Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang
-meiner Broschüre sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber
-war, und den ich schon oft bei ihr gesehen und gesprochen hatte.
-Den schlug sie mir nun auch vor und fügte hinzu: »Gleich, wie
-er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie könnten sein Schatz
-werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie sitzen läßt,
-er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau anfangen,
-heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von
-seinem Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon
-die Gewißheit zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.</p>
-
-<p>Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird,
-erwartet wohl ein gleich elendes Dasein, wie das Deine!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich
-hatte es immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten
-Fabrik, wo ich der Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen
-Töchterchen berichtete. Als ich angab, daß es in Kost sei, waren
-die meisten sehr ungehalten darüber; eine gute Mutter, sagten sie,
-behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es auch nur am Abend
-zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, wo der
-Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die
-Kaserne als nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft
-immer bereit, uns ihre Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-meine Genossinnen sie gar nicht beachteten; gewöhnlich fiel unsere
-Frühstückspause mit irgend einer Pause in der Kaserne zusammen.
-Die Soldaten, und noch mehr die Unteroffiziere, standen dann
-am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten Nelken oder anderen
-Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, die ihnen am
-besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein schwarzlockiger
-Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies.
-Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben
-zu erwecken, als könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen
-erfahren; ich wies sie deswegen ab, so oft es von vornherein
-anging, ohne den Argwohn der Mädchen zu erregen.</p>
-
-<p>Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen
-aus der Appretur auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier
-abzutreten, falls ich ihn nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei
-jetzt in Dresden Soldat und sie möchte doch gern bis zum
-nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter haben. Ich habe sie
-auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, aber seit der
-Zeit ließ er sich nicht mehr blicken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man
-muß die Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man
-muß sie streng, <em class="ge">je nach ihrem Beruf</em>, trennen. <em class="ge">Hier giebt
-es keine goldene Mittelstraße, nur entweder grenzenlose
-sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei dem
-Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen
-geradezu bewunderungswürdig anständig zu nennen ist.</em></p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Fünftes Kapitel.</span><br />
-
-Sparsamkeit und Ehrlichkeit.</h2>
-
-
-<p>»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort;
-wenn wir dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten,
-so müßten diese in ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen;
-denn sie kennen den Begriff Sparsamkeit überhaupt nicht.</p>
-
-<p>Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie
-sparen sich die ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um
-sich ein hübsches Kleid zu kaufen, sie essen lieber die ganze Woche
-trocknes Brot, um des Sonntags Bier zu trinken.</p>
-
-<p>Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen,
-sie wollen alle einmal damit anfangen, aber keine einzige führt
-es aus. Sie haben auch nicht den geringsten häuslichen Sinn,
-sie leben in den Tag hinein, unbekümmert um das, was die
-Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so geben sie aus,
-haben sie keins, so hungern sie.</p>
-
-<p>Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit
-einem Spaziergang ins Feld hinaus würden sie sich in keinem
-Fall begnügen. So kam ich einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie,
-von der ich genau wußte, daß sie seit Wochen kein Fleisch
-gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, ich frug den Mann
-erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.</p>
-
-<p>»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau
-und Kindern vor <em class="ge">einem</em> Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause.
-Die Kinder wollen trinken, man kriegt Durst vom Weg, am
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne einen Nickel
-hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann
-man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«</p>
-
-<p>Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah
-er sich in dem engen, übelriechenden, feuchten Hof um.</p>
-
-<p>Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause
-bleiben, als nur spazieren zu gehen.</p>
-
-<p>Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie
-in die Ehe treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich
-als Mädchen mit ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel
-weniger erst, wenn sie für andere mitsorgen sollen!</p>
-
-<p><em class="ge">Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in
-der Frauenbewegung</em>, die Mädchen jener Kreise, die am
-schnellsten, häufigsten und in größter Armut heiraten, zur Sparsamkeit,
-zur Ordnung und zur Häuslichkeit anzuhalten; hier müßten
-überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen gegründet werden, in
-denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterrichtet
-werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung ordentlich
-kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so sehr
-vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man
-bedenke nur einmal, <em class="ge">wie</em> die verheirateten Arbeiter oft essen,
-lediglich durch die völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem
-Manne, der elf Stunden schwer gearbeitet hat, einen halbgaren
-Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den der wohlgenährte
-Hofhund der Fabrik verschmähen würde.</p>
-
-<p>Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus
-Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren,
-meist zu 3&nbsp;Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse
-stark in Anspruch nimmt.</p>
-
-<p>Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3&nbsp;Mark vom
-Wochenlohn für sich zurück, d.&nbsp;h. er deckt damit seine Bedürfnisse
-an Bier und Cigarren. In diesen Kreisen ist <em class="ge">das Rauchen</em>
-ein <em class="ge">sozialer Schaden</em>; es hemmt zuweilen den Aufschwung
-einer ganzen Familie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier
-doch durch ein kleines Beispiel beweisen.</p>
-
-<p>In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war,
-sollte für die beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft
-werden zum Preise (Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk.&nbsp;12.
-Allein die Mittel langten nicht, trotzdem der Händler wöchentliche
-Abzahlung von nur Mk.&nbsp;3 beanspruchte. <em class="ge">Der Mann aber
-rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er wöchentlich
-Mk.&nbsp;2&nbsp;(!!) brauchte.</em></p>
-
-<p>»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von
-dem, was Sie rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne.
-»Dann könnten Sie ganz gut jede Woche 2&nbsp;Mark abzahlen,
-wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier trinken!«</p>
-
-<p>Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter,
-aber das Rauchen konnte er doch nicht lassen &ndash; und das Bett
-wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf bekam das älteste Kind
-Diphteritis, dann das jüngste, <em class="ge">das die Krankheit erhalten
-hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen
-liegen mußte</em>. Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte
-erhalten bleiben; jetzt hat es sein eigenes Bettchen, das die
-Geschwister ihm eingeräumt, die nun unter der Erde schlafen. Der
-Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf machte, daß
-die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat sich
-aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät
-ist, raucht er nicht mehr.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim
-Einkauf von Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre
-drei Kinder Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer
-um den Vater. Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle
-Kleider zu 6&nbsp;Mark pro Stück für die beiden größeren, zu 5&nbsp;Mark
-für das kleinere Kind.</p>
-
-<p>Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere
-Arbeiterin kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein
-hübsches schwarzes Kleid, Handschuhe und einen recht netten
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Strohhut mit schwarzer Perlengarnitur; selbstverständlich war das
-ihre Sonntagstoilette. Ich wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete,
-aber ich hielt sie für eine der bestangestellten Frauen.</p>
-
-<p>Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und
-sagte dann: »Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich,
-am nächsten Sonntag ist Pfingsten, da will ich doch die Trauer
-ablegen!«</p>
-
-<p>Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur
-Garnitur; sie bat mich (es war überall herumgekommen, daß ich
-Putzmacherin sei), mit ihr nach Hause zu kommen und ihr den
-Hut gleich zu garnieren.</p>
-
-<p>Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste
-Kind heulend in seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich
-am Fußboden herum. Das erste Begrüßungswort der Kinder
-war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so Hunger!« Die Frau
-verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte dann in
-ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige,
-geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«</p>
-
-<p>Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze
-Woche wenig verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte
-mir zwanzig Mark, <em class="ge">da mußte ich doch erst die Kinder und
-mich ordentlich kleiden</em>. Die Leute reden gleich, lieber hungere
-ich und kleide mich und die Kinder gut.«</p>
-
-<p>Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche
-Tricot- und Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel.
-Ich hätte ihr mit der gleichen Quantität Kleider <em class="ge">meines</em>
-Töchterchens nicht aufwarten können; die ältesten, sechsjährigen
-Zwillingsmädchen hatten fünf noch vollkommen intakte Stoffkleider
-und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste Kind war
-schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß
-Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder
-hatten mehr denn auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen
-neue, und sie hatten nichts zu essen! Und was sah ich noch alles!
-Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich mußte erst Zwirn holen,
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war ungefüllt,
-Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. <em class="ge">Es fehlte
-an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig
-ist</em>, während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe
-Frau saß zu Hause und häkelte kleine Kragen für die Kinder,
-während diese hungernd nach einem Teller Suppe lechzten. <em class="ge">Und
-diese Zustände habe ich nicht einmal, sondern oft
-getroffen.</em></p>
-
-<p>Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches
-trauriges in den Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die
-Unehrlichkeit, wenn nicht gar direkten Diebstahl. Wo nichts ist,
-soll etwas hinkommen, die Gelegenheit ist vielleicht günstig, warum
-lassen, was auch andere thun &ndash; so kommt es, daß das Stehlen
-in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen <i>en vogue</i> ist, und
-ganz speziell <em class="ge">bei den verheirateten Frauen</em>.</p>
-
-<p>Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als
-Schande, man stiehlt offen vor den anderen Mädchen, denn sie
-klatschen nicht und spielen nicht die Verräterin. Es wurde massenhaft
-Garn gestohlen, immer in kleinen Docken; die Frauen verstricken
-es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei Farben tragen.
-Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den Hefterinnen
-zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, die
-sie in ihre Sonntagskleider heften.</p>
-
-<p>In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr
-oft Handschuhe entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe,
-schwarze oder Tricothandschuhe, vor allem aber <em class="ge">Militärhandschuhe</em>;
-man glaube aber nicht, daß diese Handschuhe dem
-jeweiligen Schatze der Diebin zu gute kommen. Im Dorfe wohnt
-eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen Handschuhe, gleichviel
-welcher Farbe, welcher Qualität und welcher Größe, zum »Honorar«
-von 20&nbsp;Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber fährt alle Monate
-einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in Soldatenkneipen
-losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin ein Paar
-dedizieren; sie verkauft sie <em class="ge">weit</em> unter dem Ladenpreis, macht
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser »guten
-Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, Sortiererinnen
-und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen
-Handschuhe in die Hände bekommen.</p>
-
-<p>Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen
-von Eßwaren ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren
-die Suppentöpfe der Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und
-sie verzehren diese gemausten Dinge meist <em class="ge">auf der Retirade</em>.</p>
-
-<p>Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den
-Saal, daß ich weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde;
-im Laufe des Vormittags erfuhr ich denn, daß man der einen
-mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf Kartoffeln gestohlen hatte,
-den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; am empörtesten
-war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht zurückgebracht,
-sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen
-hatte. <em class="ge">Der Verdacht hatte sich auf mich
-gelenkt!!!</em> Die Diebin wurde indes noch am selben Tage entdeckt,
-als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den leeren und sorgfältig
-gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. Die Bestohlene
-machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde von den
-500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese
-Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen
-können. Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der
-Fabrik, sie hatte an einem anderen Ort Arbeit gesucht.</p>
-
-<p>Diese Art der <em class="ge">moralischen Lynchjustiz</em> wurde fast durchwegs
-ausgeführt; mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen,
-denn Knutenhiebe; sie erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern
-auf Wochen hinaus. Es ist unglaublich, wo diese ungebildeten
-Mädchen diese Art feinen Nadelstiche herhaben, diese moralischen
-Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben müssen. Ich
-glaube, <em class="ge">daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung
-zu bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von
-ihnen besitzen</em>.</p>
-
-<p>Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-die Diebin gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch
-größte Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.</p>
-
-<p>Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils
-am Lohntage ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe
-nur sehr wenige gefunden, die in längerem Rückstand mit der
-Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht Unglücksfälle in der
-Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. <em class="ge">Wer aber in
-diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos
-verloren.</em></p>
-
-<p>Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu
-vor dem Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte,
-im Betrage bis zu 15&nbsp;Pfennigen, weil sie hier allein wissen,
-daß sie in der Lage sind, diese Summe am Zahltag mühelos
-zurückzuerstatten.</p>
-
-<p>Man ersieht daraus, <em class="ge">daß die Mädchen, wenn sie durch
-praktischen Anschauungsunterricht von dem Muß des
-Sparens überzeugt würden, sehr wohl sparsame Frauen
-werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum
-edle Früchte tragen?</em></p>
-
-<p>Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung
-bemerkt: die Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle
-Spirituosen; wenn ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber
-während der ganzen Woche trockenes Brot essen, um am Sonntage
-Bier trinken zu können, so geschieht dies keineswegs aus
-Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, <em class="ge">wer nicht ganz
-ordinär sein will</em>, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen
-haben müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war,
-und so sehr ich sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein
-Glas Lagerbier trank keine. Schnapstrinkerinnen waren überhaupt,
-so lange die Anwesenden sich erinnern konnten, in der
-Fabrik nicht beschäftigt.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Sechstes Kapitel.</span><br />
-
-Die Ehe.</h2>
-
-
-<p>Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel
-betrachtet, so muß man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung
-ein Hazardspiel nennen.</p>
-
-<p>Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten,
-wagen viel; entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie
-kommen ins Elend, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die
-Ehen sind größtenteils Gegensätze; entweder wird die Frau geachtet
-und gut behandelt, oder sie wird als Lasttier, als Arbeitssklavin,
-als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher Genüsse
-angesehen.</p>
-
-<p>In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten
-Ehen, herrschen gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse,
-<em class="ge">eheliche Einigkeit</em>. <em class="ge">Wo viel Kinder sind, herrscht
-meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, Untreue
-von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger.</em></p>
-
-<p>Man kann dreist behaupten, <em class="ge">daß mehr als drei Kinder
-in einer Familie, Schuld zum Ruin derselben sind.
-Leider aber, und ich werde es immer wieder tief beklagen,
-herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte,
-beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein
-unberechenbarer sein, wenn man die Leute darauf hinführen
-könnte, daß nicht die Quantität, sondern die
-Qualität der Nachkommen für die Menschheit von
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger
-und körperlicher Beziehung gesund, mehr Wert haben,
-denn zehn elende Geschöpfe und Krüppel.</em></p>
-
-<p>Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten
-Tage vor ihrer Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft
-und bei schwerer Arbeit; eine normal gesunde Frau setzt hier
-täglich &ndash; in Anbetracht der elenden Nahrung &ndash; einen Teil
-ihrer Lebenskraft zu; <em class="ge">wo soll da eine Frau Kraft und
-Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das
-womöglich das sechste oder achte der Reihenfolge ist?</em></p>
-
-<p>Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige
-Zeit von 3-4&nbsp;Jahren dazwischen liegt, <em class="ge">pflegen</em> sich
-die Arbeiterfrauen, d.&nbsp;h. sie besuchen nicht die Fabrik, gehen an
-die Luft und bringen infolge dessen ein kräftigeres und intelligenteres
-Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust reichen, sie
-können es pflegen und hüten und ihm wirklich <em class="ge">Mutter</em> sein.
-Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die
-Not leise in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht
-mehr alle, die Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein
-weiteres Menschenkind zu erwarten ist. Die allgemeine Nahrung
-wird, je reichlicher sie sein muß, je schlechter, an Säugen des
-Weltbürgers kann die Frau nicht denken, sie muß, kaum genesen,
-von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der Säugling
-liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im
-Munde, während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder
-auf der Straße ihre »Erziehung« finden. <em class="ge">Zwei auch drei
-Kinder können jene unteren Klassen pflegen und erziehen,
-was darüber ist, liefert in den weitaus meisten
-Fällen Proletariat und Dummköpfe.</em></p>
-
-<p>Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind,
-die der vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege
-stehen. <em class="ge">Oder halten sie es vielleicht für sittlicher, bei
-Geburt eines Kindes die Hoffnung auszusprechen, daß
-es nicht lange lebe, daß es durch erbärmliche Pflege
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, als
-daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die
-mit Freuden begrüßt und gut gezogen werden?</em></p>
-
-<p>Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen,
-die da behaupten, <em class="ge">die Frau sei zur Gattin und
-Mutter bestimmt und gehöre ins Haus, sie könne nur
-so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum sorgen
-diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen
-ihre »natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen
-können und in ihren vier Wänden bleiben, statt
-die unnatürliche, schwere Maschinenarbeit zu verrichten?</em></p>
-
-<p>Oder haben die Frauen nur dann <em class="ge">natürliche Pflichten
-als Gattin und Mutter, wenn sie befähigt sind, den
-Männern Konkurrenz zu machen</em>?</p>
-
-<p>Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen«
-Pflichten zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz
-jener weisen, menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?</p>
-
-<p>Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und
-Unterdrückung für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat
-macht, <em class="ge">warum hilft dieser Staat</em> der Frau nicht bei
-Ausübung ihrer »natürlichen« Pflichten?</p>
-
-<p>Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den
-Gesetzen, die die Frau unterjochen, passen dürfte: »<i>Ne vous
-inquiétez en rien des murmures de la femme, de ses cris,
-de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage et
-pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de
-l'homme.</i>«</p>
-
-<p>Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme,
-wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die
-Stellung, welche die Frau daselbst einnimmt.« <em class="ge">Wie muß aber
-dann der deutsche Kulturzustand sein?</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich habe übrigens bei <em class="ge">vielen</em> Mädchen in der Fabrik den
-Ausspruch gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel
-Kinder zu bekommen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-<em class="ge">Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen
-die Einzigen, die vernünftigere Kinderproduktion
-kennen</em>; in deren Haushaltungen herrscht auch durchwegs
-bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem
-innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen
-mit den Männern vor den Hausthüren und unterhalten sich über
-politische und andere Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen
-Männer vielfach die Kneipen aufsuchen und die
-Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind die Kinder der
-Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. In
-diesen Schichten, d.&nbsp;h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue
-ein unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein
-Beispiel nehmen.</p>
-
-<p>Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die
-Mutter; jene sind auch liebevoller mit ihnen als die Mutter, die
-sie den ganzen Tag um sich hat und oft die Geduld verliert.
-Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und Kinder; das Wirtshauslaufen
-des Bürgerstandes z.&nbsp;B. wird vom Arbeiter nicht
-stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer
-Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen
-am Abend schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren
-oder ledigen Arbeitern.</p>
-
-<p>Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik;
-die Wohnung wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des
-Mannes, nicht der Frau gewählt.</p>
-
-<p>Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis
-für die »körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das
-in Strapazen <em class="ge">das</em> aushalten kann, was, wie es scheint, für den
-Mann zu viel wäre.</p>
-
-<p>Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie
-kaufen Wäsche und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder
-ein oder nur ein bis zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie
-zahlen die Schulden ab, fangen dann mit dem Sparen an und
-können einem gesicherten Alter entgegensehen. Wo natürlich jedes
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, vergrößern sich die
-Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich heimlich
-verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte
-Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten.
-Die Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen
-aufs Heiraten als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß
-es ihnen in der Ehe größtenteils schlechter, selten aber besser geht.
-Sie sind mit ihrem Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als
-sie als Frau werden arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame,
-geduldige Schatz in Gestalt eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.</p>
-
-<p>Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein
-Mittel unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die
-sich das Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein
-<em class="ge">Heiratsgesuch</em> in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind
-<em class="ge">die Witwen für das »Heiraten durch die Presse« sehr
-eingenommen</em>.</p>
-
-<p>Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche
-Kinder verschiedener Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb
-sie kinderlos. Mann und Frau pflegten die absonderlichen
-»Geschwister« rührend, es hätte keiner geahnt, daß der Mann
-von keinem der Vater war.</p>
-
-<p>Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich
-da, wo eheliche Kinder vorhanden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen
-Kreisen für sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise,
-wo die Frau Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines
-Stammhalters sein muß, <em class="ge">weiter aber auch nichts</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt,
-so kann sie meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und
-walten. Sie ist vom Manne weniger unterjocht, als die Frau
-des Kleinbürgers, die sich oft keinen Weg erlaubt, ohne den Mann
-um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie überall in
-Europa den Frauen gegenüber, das Motto: <i>Vae victis!</i></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten
-Familien, wo mehr als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu
-finden ist; man könnte hier beinahe die These aufstellen, daß die
-Frauen dieser Kreise durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt
-bringen können, ehe ihre Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen
-sind, ein Triumph für den Philosophen Eduard von Hartmann,
-der da behauptet, <em class="ge">die ganze Frauenfrage sei gelöst,
-wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil
-sie dann schneller sterben, und einer andern zur Ehe
-Platz machen würden</em>. <em class="ge">Er hat Recht</em>; würden die Frauen
-im <em class="ge">allgemeinen</em> so viel Kinder zur Welt bringen, als sie,
-unbekümmert um die Qualität derselben, gebären könnten, so
-würden sie schneller sterben. &ndash; <em class="ge">Gott sei Dank, daß es aber
-noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht
-Sklavinnen, sondern Herrinnen ihres Körpers sind!</em></p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Siebentes Kapitel.</span><br />
-
-Die Stellung des Mädchens.</h2>
-
-
-<p>Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung,
-verglichen mit den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn
-es erfreut sich eines Gutes, das jene nicht besitzt: <em class="ge">der Freiheit</em>.</p>
-
-<p>Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14.&nbsp;Jahre selbst
-verdienen, sind wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr
-regelmäßiges Kostgeld, das für die Eltern meist mit kleinem
-Gewinn verbunden ist, und leben im übrigen unbekümmert um diese.</p>
-
-<p>Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen
-der Wäsche, beim Reinigen der Zimmer u.&nbsp;s.&nbsp;w.; allein das sind
-die ganz gutmütigen oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen
-leben.</p>
-
-<p>Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese
-Selbständigkeit Schaden an Körper und Seele genommen hätten,
-<em class="ge">wenigstens nicht mehr, als es auch unter Egide der
-Eltern geschehen wäre</em>. Ich fand, daß dadurch die Energie
-und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich
-selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig
-und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter
-sitzenden »besseren« Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet
-wird.</p>
-
-<p>Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht
-auch noch ein Heer von Dornröschen findet, die von Rosenduft und
-Morgentau zu leben glauben, deren einzige Arbeit spinnwebenartige
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Stickereien sind, und die da von dem Bedauernswerten, der sie
-in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er ihren Fuß auf
-Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage auf
-seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu
-erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil,
-sie fassen die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit
-ihrer Mädchenzeit auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor
-Augen. Ich kannte mehrere, deren Schätze sie jederzeit geheiratet
-hätten, gutgestellte, fleißige Mädchen mit 12&nbsp;Mark Wochenlohn.
-»Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu jung zum Heiraten, wir
-warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit kommt
-man früh genug.«</p>
-
-<p>Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches
-Mädchen vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber
-machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese
-Weise untreu würde.</p>
-
-<p>»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann
-wäre er so wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon
-wieder einen anderen.«</p>
-
-<p>Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame«
-wirklich auf ihr Mädchen warten und 8-10&nbsp;Jahre lang »verlobt«
-bleiben; sehr viele unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon
-seit ihrem 16.&nbsp;Jahre denselben Schatz, heiraten aber wollten sie
-immer noch nicht.</p>
-
-<p>Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend;
-die Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren
-fast durchwegs am Magen, auf fünf kommen immer vier, die am
-chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, immerwährende Verstopfung
-und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich vor, daß
-die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde,
-um zum Arzt zu gehen.</p>
-
-<p>Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und
-magenkrank; dafür altern sie aber &ndash; wahrscheinlich durch die
-angestrengte Thätigkeit &ndash; sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-schmutzig grau, ihr Gang schlaff und müde, fast durchweg sind
-sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- und Handschuharbeiterinnen
-wahre Monstra an Beleibtheit fand.</p>
-
-<p>Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen
-Ausbildung der Mädchen aus; <em class="ge">sie haben davon meist
-keinen Begriff</em>. Wenn die Mädchen heiraten, so treten sie
-in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne die geringsten Vorkenntnisse
-<em class="ge">der gerade in diesen Kreisen so notwendigen
-hauswirtschaftlichen Kenntnisse</em>; in allen andern
-Schichten der Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd
-ihre Unkenntnis ersetzen, oder sie braucht nicht <em class="ge">derart</em> mit dem
-Pfennige zu rechnen und kann eher einmal etwas verderben.
-<em class="ge">In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen
-Familie von der Frau ab</em>, denn da wird der Vers zur
-vollsten Wahrheit ».....&nbsp;Ist der Mann auch noch so fleißig
-Und die Frau ist liederlich, Geht die Wirtschaft hinter sich.«</p>
-
-<p><em class="ge">Die praktische und sittliche Forderung aber
-richtet sich an die vorbauende und rettende Wohlthätigkeit</em>:
-Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe nimmer
-fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde,
-es erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, <em class="ge">es ist
-eine Arbeit, die dem Staat zu gute kommt, es ist
-ein Wirken für die Nation</em>.</p>
-
-<p><em class="ge">Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je
-nach der Art, wie sie betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen
-oder Untergang.</em> Wenn wir dem Arbeiterstande
-tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die moralische
-Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres
-Glied der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der
-Seite einer schlechten Frau werden könnte.</p>
-
-<p>Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen,
-von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen;
-aber alle diese Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch
-nicht das Gewünschte, erfüllen noch nicht voll und ganz ihren
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Zweck. So lange die Mädchen zum Besuch einer solchen Anstalt
-gezwungen werden, können wir nicht segensreich wirken; <em class="ge">wir
-müssen vorerst moralisch auf die Mädchen einwirken,
-wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie
-selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung
-schaffen durch hauswirtschaftliche Kenntnisse</em>.</p>
-
-<p>Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen,
-die Kämpferinnen für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür
-eintreten, sie sind die Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.</p>
-
-<p>Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend
-hervorheben, es würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher
-gehören. Aber ehe ich dies Kapitel schließe, möchte ich noch
-einmal die dringende Bitte an alle edlen Menschen richten: Helft
-diese Zustände bessern, wartet nicht ab, bis die Sozialdemokratie
-euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die Ausbildung
-der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist,
-dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste
-Grundbahnen zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes
-zu sichern!</p>
-
-<p>Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die
-Mädchen der Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch
-strenges Abschließen von jenen Kreisen <em class="ge">versündigt</em>. <em class="ge">Die überhand
-nehmende Prostitution ist der Ruin des Familienlebens,
-der Ruin der Generationen, der Felsen, an dem
-jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des
-ganzen Geschlechtes strandet!</em></p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Achtes Kapitel.</span><br />
-
-Seßhaftigkeit und Versicherung.</h2>
-
-
-<p>Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als
-möglich; trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner
-»Ton« herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.</p>
-
-<p>Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von
-Berlin nach Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt
-ihres Interesses.</p>
-
-<p>Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche,
-und dennoch eine Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie
-glauben, man würde am hellen Tage auf offener Straße ermordet,
-ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die Mädchen hatten mit
-großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr gerade in
-Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und &ndash; schnell fertig war
-die Jugend mit dem Wort!</p>
-
-<p>Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es
-in Berlin aussehe, was man treibe, <em class="ge">was der Kaiser mache
-und ob ich ihn schon gesehen</em>. Dabei sprechen sie ausnahmslos
-mit nicht näher zu beschreibendem Tone absichtlich stets vom
-»deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser König« von
-Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles sagen,
-aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz:
-Bleibe im Land und nähre dich redlich. Unter dem »im
-Land bleiben« verstehen sie aber immer Sachsen, meist sogar nur
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Chemnitz. Der größte Teil von ihnen ist nie über Chemnitz
-hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen waren, erzählten
-mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden
-und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen,
-die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich
-Dinge aufbinden ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht
-glauben würde. Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten
-nur <em class="ge">ein</em> Ziel vor Augen: möglichst bald in Berlin eine Stellung
-zu erhalten. Ich mußte ihnen Berliner Stellenvermittlerinnen
-nennen, an die sie noch am selben Tage schrieben. In Chemnitz
-erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d.&nbsp;h. mit Berliner
-Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles bekommen
-7-8&nbsp;Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige
-Mädchen schon 15&nbsp;Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe
-Lohn und der Umstand, daß die Mädchen häufig in den Familien
-wenig und schlecht zu essen bekommen, ist mit ein wesentliches
-Motiv, warum die Mädchen alle in die Fabrik gehen.</p>
-
-<p>Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt,
-ob es weniger Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die
-Chancen, recht bald einen Schatz zu bekommen, gut seien. Ich
-habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen im Verdacht, daß sie
-nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern ganz andere
-Dinge nach Berlin lockten.</p>
-
-<p>Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden
-Kapitel. Jene Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit
-fremd, sie sprechen ein schlechtes, sächsisches Deutsch, so daß keine
-Berliner Familie sie als Kindermädchen engagieren würde und
-<em class="ge">für andere Stellen taugen sie absolut nichts</em>. Ihre
-hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle
-als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos
-in Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende
-Berliner Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell
-gemacht und nach wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser
-Mädchen als Prostituierte durch Berlins Straßen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher
-Dirnen, die in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl
-von 40.000 überschritten ist, aber man forscht nicht nach den
-Ursachen, <em class="ge">man philosophiert, aber man handelt nicht</em>.</p>
-
-<p>Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen,
-die in Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen
-Kenntnissen der Prostitution in die Arme getrieben
-werden <em class="ge">müssen</em>. Man sehe einmal die Statistik an, die uns
-zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen Mädchen aus bisherigen
-Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen besteht.</p>
-
-<p>Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin
-einen »Schatz«, irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar,
-der mit ihnen zu Kroll geht, sie frei hält &ndash; und verführt. Das
-Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das durch das Fabrikleben wohl
-<em class="ge">an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit</em> gewöhnt ist, empört
-sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes;
-zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines
-Tingeltangels, den es gesehen, und das der schlaue Verführer je
-nach dem Grad der Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert
-wählt, <em class="ge">so geblendet</em>, daß ihm ein Leben, das täglich solche
-Freuden gewährt, als das Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz«
-geht ein-, zwei-, auch dreimal mit ihr aus; sie findet einen andern,
-ihm folgt der dritte, und schließlich ist sie so abgestumpft gegen
-jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr suchen läßt, <em class="ge">sie sucht</em>.</p>
-
-<p><em class="ge">Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes
-des männlichen Schutzes, den sie einem anständig
-bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen wollen.</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie
-gewähren ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder
-Kräftigung, aber sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser
-originelle Geiz für das Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit
-äußert sich auch der Alters- und Invaliditätsversicherung gegenüber.
-Sie sind so naiv, zu glauben, der Fabrikbesitzer sei verpflichtet,
-für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre Gesundheit
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an,
-meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche
-sehr weh. Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an
-irgend einem dummen Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen
-Vergnügen abzusparen.</p>
-
-<p>Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung
-einverstanden, sie sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft.
-<em class="ge">Begeisterung aber fand ich bei keiner einzigen</em>; diese
-Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr für den Augenblick,
-daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu denken. In einer
-der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein herzensguter,
-menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem Ergehen
-der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten
-alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn
-lieber hier blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.</p>
-
-<p>Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den
-andern Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem
-Stoßseufzer: »Hätten wir's nur auch so!«</p>
-
-<p>Dieser Fabrikherr <em class="ge">borgte</em> seinen Arbeiterinnen öfters das
-Geld zur Versicherung, d.&nbsp;h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen
-oder vorausgeben, sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige
-den Mädchen weniger schwer fiel. Leider aber sind die Arbeiterinnen
-sich nicht bewußt, wie segensreich die Einrichtung dieser
-Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art <em class="ge">moderner
-staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben,
-der Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß
-die Mädchen das Alter nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt
-bekommen sollten</em>.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Neuntes Kapitel.</span><br />
-
-Wohnungen und Schlafstellen.</h2>
-
-
-<p>»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!«
-bin ich immer versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf
-die Arbeiterinnen anwenden würde, so dürften sie größtenteils
-nicht mehr Menschen genannt werden.</p>
-
-<p>Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze
-Familie in einer Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in
-zwei Stuben. Die Leute ziehen bei ihrer Verheiratung in solch
-kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen aber die Kinder,
-so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um eine größere
-Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der Mehrausgaben
-für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt
-auf Vergrößerung der Wohnung sehen.</p>
-
-<p>Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein
-Heer von Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum
-mehr »Wohnungen« nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien
-in solch einem Hause der Vorstadt. Die Arbeiterinnen,
-die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben freundliche, bessere
-Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.</p>
-
-<p>Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten
-in Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die
-Wohnräume meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah;
-ich glaube, daß es im Winter bei ungenügender Ventilation und
-Dunst der Kohlen in diesen Räumen noch viel schrecklicher sein muß.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien
-auf eine »gute Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen
-in einer Kammer schlafen, um die geräumige und luftige
-Stube nicht mit Betten zu verunstalten. So kommt es, daß das
-Mißverhältnis zwischen der Enge des Raumes und der Anzahl
-seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die Kinder in
-diesen Räumen verkommen <em class="ge">müssen</em>, daß die Erwachsenen keinen
-erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter
-aufstehen, denn sie sich Abends niedergelegt haben.</p>
-
-<p>Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen
-Komfort, ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit
-Konsole und allerlei unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen,
-Gipsfiguren, Stehrahmen und Truhen. Die Schlafkammer dagegen
-sah meist einer Trödelkammer ähnlich; abgesehen von den
-elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen widerwärtigen
-Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige Wäsche der
-ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und
-Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf
-einem Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und
-Brot, daneben Kämme und Seife und allerlei Denkbares und
-Undenkbares. <em class="ge">Ich habe bei keiner der gewöhnlichen
-Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht in der
-Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu
-eng ist</em>, sonst in der Stube; aber hierzu entschließen sich die
-wenigsten gern.</p>
-
-<p>Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter
-mit zwei Töchtern <em class="ge">in einem Bett</em>, oder Vater und Mutter mit
-einem Kinde und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett;
-auf die Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen.
-Jungen schlafen mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen
-Brüdern &ndash; aber natürlich, die Polizei kann nichts drein reden,
-denn es ist eben alles »Familie«.</p>
-
-<p>Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste
-Seite des Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-schlafen; erst da, wo Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten
-werden, fängt die grenzenlose sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse
-an. Wohl hat die Polizei das Halten von Schlafleuten
-beider Geschlechter verboten; aber dies Verbot ist dehnbar,
-und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, so kann
-man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.</p>
-
-<p>Eine Witwe mit zwei Kindern z.&nbsp;B. bewohnte eine einzige
-große und ganz hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern;
-Sopha, Konsolspiegel und Wanduhr fehlten nicht. Oben im
-vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie noch Zutritt in eine
-Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit Balken und einem
-einzigen winzigen Fensterchen. <em class="ge">Hier schliefen die drei Personen</em>,
-die Mutter in einem ordentlichen Bett, <em class="ge">das eine der
-Kinder in einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden
-zwischen Kiste und Bett</em>. Die Luft war hier entsetzlich,
-die Hitze unerträglich, wie in einem Photographenatelier, <em class="ge">der
-Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, um die
-Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die
-Thür schließen konnte. Währenddem stand das geräumige
-Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um eine gute Stube
-zu haben.</em></p>
-
-<p>Ähnliches habe ich <em class="ge">oft</em> gesehen; das tollste jedoch an »Familienwohnungen«,
-was ich sah, war die Behausung einer Webereiarbeiterin;
-das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin
-des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer,
-die womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher
-beschriebene, schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem
-Strohsack. Die Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer
-auf einem Feldbett, in einem ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen,
-eine 60jährige Sortiererin und eine 15jährige Wäscherin.
-In dem Vorderzimmer, das man passieren mußte, um in die
-Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem Sopha
-ein Bruder der Tante und in einer <b>Hängematte</b>&nbsp;(!!!), die vom
-Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-zahlte wöchentlich 2&nbsp;Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung,
-seinen Koffer mit Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer
-zahlte 2,80&nbsp;Mark, jedoch <em class="ge">ohne Koffer</em>; ich habe mir
-nie erklären können, <em class="ge">wo</em> diese Leute ihre Sachen lassen.</p>
-
-<p>Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine
-Wohnung von Stube und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel
-war, schlief sie, in der Stube lagen nächtlich vier Personen
-auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner und zwei Fabriklehrlinge.
-Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht vor ½9&nbsp;Uhr abends
-einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um ½6&nbsp;Uhr morgens
-verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß die
-Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie
-dieselben so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den
-Sonntag Vormittag vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin,
-die dafür monatlich 3&nbsp;Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr
-für Kundschaft und bekommt dann Tantièmen.</p>
-
-<p>Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande
-wohnten ganz hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem
-jüngsten Kinde in einem Zimmer, die übrigen Töchter in einer
-und die Söhne in der anderen Kammer.</p>
-
-<p><em class="ge">Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in
-ihrem ganzen Wesen, im Benehmen, wie in der Kleidung.</em>
-Die Schlafgängerinnen und jene, die in erbärmlichen Klausen mit
-anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos und körperlich
-schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die bei den
-Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen,
-sind gesitteter, manierlicher, reinlicher.</p>
-
-<p>Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen
-»edlen Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre
-und Sitte, als Trägerin des Schönen, des Guten, der <em class="ge">Ideale</em>!«
-Es ist ein sonderbares Ding um die Logik unserer männlichen
-Gegner! Sie weisen die Frau zurück, wenn sie ins öffentliche
-Leben treten will, sie sagen ihr, um sie einzulullen gar süße Worte
-von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem unvergleichlichen,
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann durch Verehrung
-und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu
-widerlegen; ich sage einfach: <em class="ge">je mehr die Frau im Hause
-arbeitet, je mehr sie Kinder gebiert und wäscht und
-kocht, je mehr isoliert sie sich vom Mann, je mehr sucht
-er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie
-ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet
-er sie</em>.</p>
-
-<p>Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm
-Vorgehen konsequenter, denn unsere Gegner; <em class="ge">wir</em> legen uns
-Opfer auf, um für unsere Ideeen zu wirken; <em class="ge">wir</em> gründen
-Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime für alleinstehende
-Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten
-Mitteln.</p>
-
-<p>Warum thun unsere Gegner nichts für <em class="ge">ihre</em> Bestrebungen,
-<em class="ge">warum bauen sie jenen Arbeiterinnen, die da verkommen
-in Unweiblichkeit und Unmoral</em>, warum bauen sie ihnen
-nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« nicht
-gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen Arbeiten«
-beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« bleiben?</p>
-
-<p><em class="ge">Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem
-Munde, nicht mit der That? Warum sind wir unweibliche
-Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und
-Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den
-Armen verschaffen?</em></p>
-
-<p>Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes
-Vergnügen ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen <em class="ge">sie</em> nicht die
-Wohnungen der Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen
-vorzuleuchten als Muster tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte
-und geliebte Gattin« eines sie hochschätzenden Gatten? <em class="ge">Wir</em>
-unweiblichen Geschöpfe können das doch nicht!</p>
-
-<p>Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«,
-die »sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«,
-warum tragen sie nicht Hygiene, Lehren zur Erziehung der
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen jener Unwissenden?</p>
-
-<p>Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie
-Sache der Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?</p>
-
-<p>Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich
-während fünf Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf,
-Trepp ab, in allen Teilen von Chemnitz, auf Wohnungs- resp.
-Schlafstellensuche gewesen.</p>
-
-<p>Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die
-sich »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus
-dem Volke abwenden«, raten, doch auch einmal solch eine Wanderung
-anzutreten; vielleicht daß sie ihr parfümiertes Taschentuch
-dann öfters gebrauchen werden, um ihren aristokratisch-weiblichen
-»Ekel« zu verbergen.</p>
-
-<p>Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da
-gesehen, in meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von
-Anfang bis zu Ende erzählen, dabei aber nur die besten und die
-schlechtesten Schlafstellen berücksichtigen.</p>
-
-<p>Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein
-Inserat erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde
-Arbeiterin eine Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich
-erhielt, trugen auf einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße
-und Hausnummer; von den 17 Antworten, die auf mein Gesuch
-einliefen, waren nur zwei ausführlich, und die will ich hier wortgetreu
-wiedergeben:</p>
-
-<div class="ci">
-<p class="ce nopb">1.</p>
-
-<p>Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im
-driten stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben
-und eine schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um
-sie anzusehn, das der preis ist 2&nbsp;Mark für die Woche mit dem
-kafee und wäsche können sie hir waschen. Mannsleute haben wier
-nich in der wohnung allens für uns allein. Es grüßt sie</p>
-
-<p class="si">Frau .......</p>
-</div>
-
-<div class="ci">
-<p class="ce nopb"><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-2.</p>
-
-<p>Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist
-mit einem hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich
-nicht leide, weil ich mit meine Frau und Kindern drin schlafe.
-Ich hab ihr gekündigt Sie können kommen, es kostet 1,50 für
-7&nbsp;Tage und eine kaffeschänke ist nebenan, ein früstük kostet
-10&nbsp;fennige.</p>
-
-<p class="si">Alexander ........<br />
-&emsp;&emsp;Maschinist.</p>
-</div>
-
-<p>Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war
-wirklich gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle
-befand sich im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen
-Hütte, die jedenfalls bald abgerissen werden mußte; der kellerartige
-Raum hatte steinernen Fußboden und ungetünchte Wände.
-Unmittelbar über dem verhältnismäßig guten Bett hing ein
-Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte mich feindselig
-an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des Raumes
-streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der
-Frau und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die
-vier Jungen und der Vater des Mannes schliefen im Vorraum.
-Das Ganze war noch nicht eins der schlimmsten Logis, denn die
-Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die fünf Kinder sahen nett
-und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen guten, wenn
-auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, daß
-ihnen 2&nbsp;Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden.
-So mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte;
-sie haben mich aber nie wiedergesehen.</p>
-
-<p>Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück
-zu der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen
-Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich
-passieren mußte, ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von
-gellenden Weiberstimmen. Windeln und elende Frauenunterkleider
-hingen zum Trocknen vor jedem Fenster, ein entsetzlicher
-Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. Es war gerade
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben zurück,
-einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte
-an <em class="ge">die</em> Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei
-tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür
-auf, im Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was
-ich wollte, ich trat ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein,
-viereckig, an den Wänden standen drei Betten, in der Mitte des
-Zimmers ein Tisch, an dem fünf Männer saßen, die aus einer
-gemeinsamen großen Blechschüssel löffelten. Wohin ich blickte,
-lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, Kinder in allen Größen,
-Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das andere.</p>
-
-<p><em class="ge">Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann,
-Frau und zehn Kindern zu schlafen, von denen das
-älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes alt sein
-konnte</em>; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine
-mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.</p>
-
-<p>Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich
-schon als die Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten
-suchten sie mich zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger
-war, bot einen ekelerregenden Anblick, wie sie mit kurzem Rock,
-Nachtjacke und bloßen Füßen ein zustimmendes, freches Gejohle
-ausstieß, so oft einer der Männer eine recht gemeine Zote ausließ.
-Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der Schlafstelle
-einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten Moment,
-um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum
-ersten Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten
-bei meinem Manne anlangte, der mich überall hin in angemessener
-Entfernung begleitete; ich glaubte unter jenem Gesindel beinahe
-einer Hülfe zu bedürfen.</p>
-
-<p>Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl
-Schlafstellen, teils in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen
-oder in Zimmern, bevölkert von 4-10&nbsp;Personen, die mehr oder
-minder vertiert waren, und wo speziell die Frauen Unglaubliches
-an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der Schlafstellen
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-variierten zwischen 1-3&nbsp;Mark wöchentlich, inklusive Kaffee.
-Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett
-und Stuhl, in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und
-wenden konnte, die aber reinlich und nett aussahen; blühende
-Blumen vor dem Fenster, weiße Vorhänge, kleine Bildchen und
-Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas anmutendes. Solch
-ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8&nbsp;Mark monatlich; meist
-wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die
-es vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer,
-Schutzleute und Aufseher; man sah dem ganzen Heim
-das Walten des früheren Dienstmädchens aus feinen Häusern an,
-das gewohnt war, Ordnung zu halten.</p>
-
-<p>Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen
-gewesen ist und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit,
-Ordnung, Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher
-Kreise; Schlafstellen vergaben diese Familien in den
-seltensten Fällen.</p>
-
-<p>Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.</p>
-
-<p>In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße,
-von wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir
-eine Frau die zu vermietende Schlafstelle, die 1&nbsp;Mark pro Woche
-kosten sollte.</p>
-
-<p>Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in
-den dunklen Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein;
-sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah
-ich, daß eine Kommode in dem Raume stand.</p>
-
-<p>»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.</p>
-
-<p>»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die
-wird am Abend ausgezogen bis in den Korridor hinein!«</p>
-
-<p>Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im
-dunklen Wandschrank, die übrigen Körperteile schliefen im Korridor.
-Es war zu naiv köstlich, ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.</p>
-
-<p>Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer;
-und wenn auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Gang hatten, so konnte man immerhin nicht wissen, wer da alles
-aus- und einging.</p>
-
-<p>Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen
-solch einen Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals
-im Glauben gelassen, daß ich mieten wolle), sagte sie wütend
-spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren Schatz im Hotel empfangen
-wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer Schlafstelle
-suchen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein
-Wunder zu nennen wäre, wenn die Mädchen, die in solchen
-Räumen wohnen und schlafen, sittlich und moralisch wären. Vom
-frühesten Kindesalter an wird das Schamgefühl in der jungen
-Seele systematisch zu grunde gerichtet, der Geschlechtsunterschied
-nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute schlafen mit
-Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder
-zur Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.</p>
-
-<p>Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind,
-Scenen, die nicht mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.</p>
-
-<p>Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn
-Männer und Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie
-glauben, oder, was mir richtiger scheint, <em class="ge">sie wollen glauben</em>,
-daß dann jedes Schamgefühl im Mädchen ersterbe, <em class="ge">ersterben
-müsse</em>, trotz der hohen Bildung, die es erhalten, und die immer
-ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich möchte sagen:
-<em class="ge">Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!</em></p>
-
-<p>Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige
-Zusammensein und Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung
-ein unbekannter Begriff und der Mensch eher zum Laster geneigt
-ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? Hier wird das Zusammensein
-der beiden Geschlechter verhängnisvoll, <em class="ge">weil sie hier keine
-gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier
-nichts zusammenführt, denn Sinnlichkeit</em>!</p>
-
-<p>Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß
-sie mit keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-kann, schützt die <em class="ge">akademische Bildung, die Erziehung unter
-Ägide einer echt weiblichen Mutter</em> die jungen Männer so
-wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die »edle Weiblichkeit«
-erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung geschlechtlicher
-Ausschweifungen?</p>
-
-<p>Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die
-in Zucht und Sitte bis zum 20.&nbsp;Jahre zu Hause aufgewachsen
-sind, mit den vom 14.&nbsp;Jahre an oft elternlosen, immer aber ihr
-Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern vergleicht, so sind diese
-tausendmal moralischer und tausendmal weniger verdammenswert!</p>
-
-<p>Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie
-von Mutters Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.</p>
-
-<p>Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren,
-die sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts
-denn Rohheit und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen,
-denen niemand von den »hohen Zielen« der Frau »als Hüterin
-der Ideale« spricht, sind zu entschuldigen, wenn sie nichts Höheres
-kennen, als die Befriedigung tierischer Triebe, die Sucht, ihr
-elendes Dasein in traurigen Vergnügungen zu ertränken.</p>
-
-<p>Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe,
-des Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in
-Wirklichkeit aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt
-bekommt, das die kleinen Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten
-<i>vulgo</i> Spielereien hat, das von Vergnügen zu Vergnügen jagt,
-genau mit denselben unsittlichen Gedanken im »jungfräulichen«
-Herzen, wie die Arbeiterin sie &ndash; natürlicher und deswegen
-moralischer &ndash; dem Schatz gegenüber empfindet.</p>
-
-<p>Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer,
-jene ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und
-Schultern zum Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will
-den Mann auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied
-ist gering.</p>
-
-<p>Die Fabrikmädchen <em class="ge">lassen sich</em> verführen ohne geschminkte
-Heuchelei, die feinen Dämchen aber <em class="ge">verführen selber</em>, d.&nbsp;h. sie
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-reizen den Mann durch Ball- und Toilettenkünste bis zu einem
-gewissen Grad; wenn sie wissen, daß er ins Netz rennt, ziehen
-sie sich ins Schneckenhaus zurück und spielen das »keusche Gretchen«.</p>
-
-<p>Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner«
-nicht hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige
-deutsche Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle
-hier einige Aperçus des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich
-in den »Salons« beliebte Ware sind.</p>
-
-<p>»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein
-schönes Weib die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne
-Fesseln verwandeln.«</p>
-
-<p>»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch
-ihren Gesang, die Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die
-modernen Sirenen vermögen dies durch ein beredtes Schweigen,
-einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu erzielen.«</p>
-
-<p>»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen,
-ihre Krisis ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«</p>
-
-<p>»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den
-meisten Fällen.«</p>
-
-<p>»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch
-oft opfern sie ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«</p>
-
-<p>»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt
-es so manchmal aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete
-Berechnung ist's, die ihm den höchsten Zauber verleiht.«</p>
-
-<p>»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu
-durchschauen und eine geschickte Hand, sie einzufädeln.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle
-dazu doch jedenfalls aus den <em class="ge">feinen Kreisen</em> genommen. Wie
-müßten jene Frauen, die bei gutem Familienleben so verkommen
-können, wie die modernen Dichter sie uns schildern, erst werden,
-wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage der Fabrikmädchen
-kämen?&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Zehntes Kapitel.</span><br />
-
-Religion.</h2>
-
-
-<p>Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem
-Fuße. Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel,
-sie meinen, <em class="ge">wer viel betet und in die Kirche läuft, muß
-ein schlechtes Gewissen haben</em>. Es ist auch seltsam, daß sie
-den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang bringen
-und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer
-geizig, fromm sein. <em class="ge">Sie glauben wohl an Gott, aber als
-an ein notwendiges Uebel. Es ist dasselbe Verhältnis,
-wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, aber sie
-glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert
-sind.</em> Bis zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich
-glaube, sie würden sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der
-Konfirmation aber ist alles wie weggeweht, sie fluchen und lästern
-Gott und kichern im Hintergrunde: »Ha, Du wütender Gott,
-was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast uns nichts
-mehr zu sagen!«</p>
-
-<p><em class="ge">Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber
-größtenteils Schuld an diesen Zuständen.</em> Ich habe in
-Familien verkehrt, wo konfirmierte und nichtkonfirmierte Töchter
-vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie besuchte, was
-allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und
-»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den
-großen Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren,
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-alles an ihnen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja,
-selbst ihr Gesicht. So hörte ich ihn einmal in einer Familie,
-wo die 16jährige Tochter einen durchaus tadellosen Lebenswandel
-führte, zu derselben sagen: »Ja, mein Kind, Du bist hübsch und
-blühend nach außen, aber häßlich und trocken im Innern. Der
-Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, wenn
-Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze
-rein hieltest!«</p>
-
-<p>Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer
-und die Kirche und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur
-den Splitter in unserm Auge, nicht aber den Balken im Auge
-seiner Tochter.«</p>
-
-<p>Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:</p>
-
-<p>»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er
-dann Freude daran, daß Tausende armer Bettler leiden, daß im
-Winter so viele verhungern und erfrieren, daß es so viel grausig
-verkrüppelte Menschen giebt?«</p>
-
-<p>Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria
-war, warum schmäht man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne
-verheiratet zu sein?«</p>
-
-<p>Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr
-lieb hat, den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt
-werden, denn Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe
-annehmen.</p>
-
-<p>Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde
-dann eifrigst befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die
-wären doch so schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.</p>
-
-<p>Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum
-besten, wonach die Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso
-viel rührend schönen, als für den Menschenverstand schädlichen
-Stellen. Dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn während der
-Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von Mädchen vorüber,
-die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu
-meiner Äußerung verhielten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom
-Wort des Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie
-von einer Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie
-halten eine Ehe ohne kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim;
-einige meinten naiv: »Na, dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet,
-dann können sie ja jeden Tag auseinander.« Hier spricht
-aber nicht Religiosität aus dem Urteil, <em class="ge">sondern das Festhalten
-an althergebrachten Sitten</em>.</p>
-
-<p>Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine
-große Hochachtung vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit
-höher, denn den Pfarrer, schelten jene niemals Heuchlerinnen und
-Scheinheilige, wie sie es diesem gegenüber thun. Ich glaube nach
-allem, daß die religiösen Schwestern die einzigen sind, die unbegrenzte
-Macht über jene Mädchen erlangen könnten.</p>
-
-<p>Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil
-bemerkt in der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den
-Geistlichen. Wo jene zur Krankenpflege oder aus anderen Motiven
-in Arbeiterfamilien verkehren, sind sie freundlich, gütig, geduldig;
-ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein neues Kleid oder einen
-etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz am Pfarrhause
-vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, <em class="ge">um
-den Pfarrer zu ärgern</em>. Von <em class="ge">den selben</em> weiß ich mit voller
-Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem
-Hause thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck
-wegließen, um die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.</p>
-
-<p><em class="ge">Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein
-glücklicher Beweis, daß Frauen auf Frauen einwirken
-können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß die Ansicht
-so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern
-Frau keine Achtung habe, sondern sich nur der physischen
-Gewalt beuge, eine irrige ist.</em></p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-Elftes Kapitel.</span><br />
-
-Sozialdemokratie und Frauenfrage.</h2>
-
-
-<p>Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der
-Arbeiterinnen!</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»..... ich finde nicht die Spur</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von einem Geist, und alles ist Dressur!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen
-war, »Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den
-Grund ging, so waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder
-oder Schätze Sozialdemokraten sind, <em class="ge">in ganz verschwindend
-seltenen Fällen aus Überzeugung</em>. Diejenigen, die wirklich
-Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie besaßen, sind die
-verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den Strudel der
-Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt selber
-mitwirken. Sie sind, je nachdem <em class="ge">wie</em> sie die sozialdemokratische
-Richtung auffassen, entweder <em class="ge">umsichtig</em> und <em class="ge">verhältnismäßig
-gebildet</em> oder <em class="ge">roh und verkommen, aller menschlichen
-Gesetze spottend</em>.</p>
-
-<p>Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die
-Frau und der Sozialismus«, <em class="ge">allein die wenigsten unter
-ihnen kannten es, sie hatten kaum eine Ahnung von
-dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung
-des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen,
-von Liebknecht und den sozialdemokratischen
-Führern.</em></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das
-Recht auf Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und
-neidisch auf alle Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte«
-umfaßt aber nur den Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute,
-seltener Beamten; sie sympathisieren mit Offiziersfrauen,
-von denen sie mit freundlichem Mitleid sprechen.</p>
-
-<p>»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben
-größtenteils nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu
-nichts, sie können sich nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften
-geben müssen.«</p>
-
-<p>Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige
-Teilnahme für jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch
-Dienstmädchen verbreitet worden ist, die in armen Offiziersfamilien
-gedient hatten, wo allerdings Schmalhans recht oft Küchenmeister
-sein mag.</p>
-
-<p>Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für
-Tagesinteressen und öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen,
-aber nur die Lokalberichte über Mordthaten; hatte die eine einen
-recht grausigen Mordfall in einer Zeitung entdeckt, so brachte sie
-das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, die gräßlichsten
-Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als einmal
-eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »<em class="ge">Aber
-war das ein schöner Mord!</em>« Dabei standen ihr selber die
-Haare zu Berge.</p>
-
-<p>Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten;
-sie behandeln die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich.
-Jedoch bemerkte ich, daß mancher dieser Männer <em class="ge">die</em> Mädchen
-bevorzugte, deren Väter oder Brüder Gesinnungsgenossen von ihm
-waren, während er Töchter konservativ gesinnter Väter oftmals
-ungerecht behandelte.</p>
-
-<p><em class="ge">Durch die bestehenden Verhältnisse werden
-die Mädchen zur Sozialdemokratie getrieben; der Tag
-wird kommen, wo eine Arbeiterin gleichbedeutend sein
-wird mit einer Sozialdemokratin.</em> Manche Mutter, die
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische
-Ideen nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe
-in rot, oder ließ sie, wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur
-und rote Schleifen tragen; hier artete die Liebe zur Sozialdemokratie
-in Fanatismus aus.</p>
-
-<p>Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die
-ich über den deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen,
-weil die Mädchen in der Auffassung leben, daß in
-Berlin ein jeder von jedem Schritt des Kaisers unterrichtet sei
-und ich doch »viel erzählen« könne. Selbstverständlich handelt es
-sich dabei nur um interne Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens;
-sie wollten wissen, <em class="ge">wie</em> das Kaiserliche Paar zusammen
-lebt, wie viele Kleider und Hüte die Kaiserin hat, ob die Prinzen
-gut erzogen seien und anderes.</p>
-
-<p>Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten,
-leider kann ich hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen.
-In den Wohnungen hingen allenthalben fürchterliche
-Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, aber nur höchst
-selten das Bild des Kaisers, <em class="ge">das der Kaiserin sah ich nie</em>.</p>
-
-<p>Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von
-Majestätsbeleidigung zu haben; ich erschrak oft, mit welcher
-Kühnheit sie allerlei Dinge aussagten, die ihnen die Freiheit auf
-lange hätten rauben können.</p>
-
-<p>Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres
-Ansicht, welcher sagt, daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen
-hüten, weil keiner dem andern traue, daß der
-Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche Gestalt sei.</p>
-
-<p>Ich fand immer, <em class="ge">daß sie den deutschen Kaiser nicht
-als zu ihrer Heimath zugehörig anerkennen</em>, daß er für sie
-ein fremder Herrscher ist, der ihren König unterdrücken will, daß
-sie den Haß gegen die Preußen auch auf den Kaiser übertragen.
-&ndash; Die Landarbeiterinnen sind durchwegs Sozialdemokratinnen
-mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der sozialdemokratischen
-Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische
-Wahl der Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler
-Kinder diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen.
-Ich kannte eine Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81&nbsp;Pfund Brot
-verzehrte; die Frau hetzte beständig ihren Mann, »ja am nächsten
-Wahltage einen »besseren« zu wählen, dann würde das Brot
-doch gewiß billiger.«</p>
-
-<p>Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die,
-trotz Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis
-des Brotes nicht herabsetzten. Bei Familien, die 81&nbsp;Pfund Brot
-wöchentlich verzehren, wäre eine Herabsetzung der Brotpreise
-natürlicher Weise von großer Bedeutung für das Haushaltungsbudget.
-Sonst aber fand ich keinerlei politische Ansicht bei den
-Frauen, weder Interessen, noch Verständnis dafür.</p>
-
-<p>Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen,
-selbst die verheirateten Frauen sind dort nicht oft
-gesehene Gäste. Ich muß leider eingestehen, <em class="ge">daß die Arbeiterinnen
-überhaupt sehr wenig Kenntnisse der öffentlichen
-Vorgänge besitzen, und auch gar kein Interesse dafür
-zeigen</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die
-Frauenfrage. Nur will ich hier gleich betonen, <em class="ge">daß sie keine
-Ahnung von der Agitation der Kämpferinnen für
-Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht
-kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien
-einen Begriff haben und auch nicht erwarten,
-daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus
-diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie
-unter den weiblichen Arbeitern nicht tiefer eingedrungen
-ist, sie allein würde den Mädchen Interesse an Bildung
-und Menschenrechten geben.</em> Ebenso lebhaft bedaure ich,
-daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt
-ist; ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen
-nicht immer die meinen sind; sie geben aber den unwissenden
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Arbeiterinnen wenigstens Aufklärung über die Stellung der Frau
-im Leben und regen sie an zu ernsterem Denken. Das wäre
-eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.</p>
-
-<p>Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören,
-daß es tausend und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung
-von dem Wirken von unserer Seite haben; wir agitieren durch
-Wandervorträge und Zweigvereine, die wir in allen Städten zu
-gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den uns diese
-Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß die
-meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man
-davon spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage
-zu halten. So lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen,
-auf gebildete Kreise ausstreckt, auf Frauen, die der »guten
-Gesellschaft« angehören, <em class="ge">so lange ist alles Wirken Spielerei</em>.
-Jedweder Baumeister baut lieber den schlanken Turm der Kirche,
-denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament zu legen;
-aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm
-zusammen.</p>
-
-<p>Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger
-Berufsarten, als für die Töchter des Mittelstandes.</p>
-
-<p>Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit,
-und wollen sie auch dieses nicht, dann harrt ihrer &ndash; <em class="ge">die
-Prostitution</em>! Die Prostitution ist der Ruin des Frauengeschlechtes,
-die Prostitution ist einer der Hauptfaktoren, durch
-den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange wir das
-immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig
-wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und
-um die Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken,
-müssen wir in erster Linie <em class="ge">die</em> Mädchen haben und besser stellen,
-die das Heer jener Jammergeschöpfe liefern.</p>
-
-<p>Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer
-und barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne
-mehrere Frauen erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende
-Ware betrachten; denn bei solchen Völkern werden die Frauen
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und Kleidung versorgt, sie
-werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen System liegt
-Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das
-Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie
-für das Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei
-und den schlimmsten Teil der Civilisation und verarbeiten beide
-zu einem heterogenen Ganzen. Wir erziehen unsere Frauen zur
-Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend jemand, von dem
-sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, worauf
-sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«</p>
-
-<p>Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne
-der weiblichen Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse
-nicht ausreichen, herrscht nur eine Stimme. Eine große Zahl
-von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten Morgen bis in die späte
-Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; aber sie sind
-dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre
-wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese
-beginnen, um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre
-Existenz bedrohenden Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen?&nbsp;...
-Wollten diese Armen tugendhaft bleiben, so müßten sie einen so
-hohen Grad von moralischer Kraft besitzen, der es ermöglichte,
-der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte ganz apathisch
-zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst des
-Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als
-seine Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch
-diese so hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige
-Preisgebung einer sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was
-ist mehr zu beklagen, jene sozialen Einrichtungen, durch die es so
-weit gekommen, daß die Löhne der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse
-nicht mehr decken, oder die Charakterschwäche der Mädchen,
-die es nicht zuläßt, in ihren Marterkammern langsam dahinzusiechen,
-um als Tugendheldinnen zu sterben?«</p>
-
-<p>Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der
-Männer, der Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-verkörpert finden, es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer
-des <i>vae victis</i>!</p>
-
-<p>Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen
-Prostitution in der Schweiz z.&nbsp;B. keine Rede sein kann, daß
-Heere von öffentlichen Frauen, die die Straßen bevölkern, dort
-ein unbekanntes Ding sind. Und merkwürdig, so hoch und so
-selbständig, wie die Schweizerin, steht keine Frau Europas da;
-denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier nicht
-reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, <em class="ge">sie
-sehen nur das, was ihnen beliebt, das ist ihre
-Konsequenz</em>.</p>
-
-<p>Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«,
-sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise
-behandeln, und doch in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden
-Ärztinnen entgegensehen?</p>
-
-<p>Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges
-Mädchen, litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie
-war eines Tages zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete.
-Ich wartete vor der Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte
-sie bitterlich, sie zitterte an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte:
-»Der Lump, zu dem gehe ich nicht mehr!« Ich frug sie, was
-denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich sagte ihm, ich hätte öfters
-Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und da sagte er nur:
-»Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie nur
-wieder. Haben Sie <em class="ge">einen oder mehrere Schätze</em>?«</p>
-
-<p>»Ich habe <em class="ge">keinen</em>,« hatte sie erwidert.</p>
-
-<p>»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie
-doch, 's ist schon gut!«</p>
-
-<p>Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen,
-entließ er sie.</p>
-
-<p>Und <em class="ge">das</em> darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer
-des Weibes« einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin
-der Sittlichkeit« sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt
-diese Beleidigung? Dem vornehmen Fräulein, das in gleicher
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-Lage zum gleichen Arzte käme und bei dem diese Vermutung
-vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht geboten; da würden
-freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf sie herabregnen.
-Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!</p>
-
-<p>Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen
-mit außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß
-überall in den großen Städten Medizinerinnen auftreten.</p>
-
-<p><em class="ge">Von dieser Thatsache waren alle entzückt!</em></p>
-
-<p>»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir
-nicht wohl sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur
-Doktorin gehen, da brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten
-sagen lassen!«</p>
-
-<p><em class="ge">Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium
-und von der Frauenbewegung keine Ahnung haben.</em></p>
-
-<p>Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem
-peinlichen Fall zu entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei
-kleine Beschwerden und Übelstände holen sie den Rat der »weisen
-Frau« ein; diese macht vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken
-durch kleine Volksmittel, durch Massage und Wasser, und hat
-auf diese Weise immer zu thun, meist zwar für Krankheiten, die
-mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. Natürlicher
-Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese »Behandlungsweise«,
-die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.</p>
-
-<p>Auch hierin liegt wieder eine <em class="ge">tiefgehende Bestätigung,
-daß Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind,
-eine natürliche sittlich-notwendige Institution</em>.</p>
-
-<p>Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie
-lesen alle ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr
-schreiben, und vor allem, nicht Geschriebenes lesen.</p>
-
-<p>Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen,
-nachdem er in 10-12 Händen war und keine ihn entziffern
-konnte. Ich warf nur einen Blick auf das Papier, auf dem in
-deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen Magenbeschwerden
-auf zwei Tage zu entlassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Von <em class="ge">der</em> Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit,
-ich wurde mit allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben
-und Briefe vorlesen; ich hätte es vielleicht noch weit gebracht,
-wenn nicht der Abschied vor der Thür gestanden wäre.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen
-Mädchen ein leicht zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von
-Vorliebe für Besprecherinnen und Blutstillerinnen habe ich nichts
-gefunden; es steckt mehr natürlich-philosophische Anschauung in
-den Köpfen der Arbeiterinnen, als man meinen sollte.</p>
-
-<p>Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am
-Veilchen vorüber, dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet,
-um einer Rose nachzujagen, die sich, in der Nähe betrachtet,
-vielleicht als Heckenrose erzeigt! Baut keine leichte Brücke über
-den tiefen Abgrund der Unwissenheit und Immoralität, um hinüber
-zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über <em class="ge">jene</em> Brücke
-immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit guter,
-fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg
-wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr
-dran denkend, was einst hier für Grauen die Nacht bedeckte!&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Zwölftes Kapitel.</span><br />
-
-Vergnügungen.</h2>
-
-
-<p>Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu
-nennen? Nein, ich finde, daß es passender und zutreffender wäre,
-wenn ich sagen würde: Betäubungen, um das elende Leben der
-Woche zu vergessen, Betäubungen, die stark narkotisch auf Sittlichkeit
-und Tugend, auf Menschenwürde und Menschenehre wirken!</p>
-
-<p>Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale,
-in denen Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen
-Arbeiter-Lokalen kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches
-und weibliches Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem
-Tanzboden, sie gehen unter in der Menge der Besucher, sie sind
-an nichts kenntlich.</p>
-
-<p>Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem
-nicht jene Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes;
-es gab sehr viele gerade unter den Maschinenarbeiterinnen,
-die vom Tanz nicht viel wissen wollten, die da sagen,
-daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre Kräfte raube,
-ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem nicht
-die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags
-vorher nicht getanzt hatten.</p>
-
-<p>Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise
-Abneigung gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.</p>
-
-<p>Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht,
-meinem Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Fabrikarbeiterinnen viel zugänglicher den Lehren gegen das
-Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle besseren Mädchen.</p>
-
-<p>Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große
-Vorliebe für Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort
-ist der Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl
-der verschiedensten Genüsse finden, Carussel, Affentheater, Würfel-,
-Schlangen- und Zaubererbuden, Tingeltangel und Messeresser.</p>
-
-<p>Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in
-Kappel; es war ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher
-Militärkapelle, und am Nachmittag nur von ganz gutem
-Publikum besucht. Nach Beendigung des Konzerts war Ball,
-bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen anfing.
-Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern,
-die die Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt,
-allein gekommene Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«,
-Lieutenants in Civil, <i>Commis-voyageur</i>, aber auch Dirnen in
-feinen Balltoiletten; ich halte das Lokal überhaupt für kein
-solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; die Mädchen, die
-dort <em class="ge">allein</em> verkehren, treiben einen ganz anderen »Beruf.«</p>
-
-<p>Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die
-»Kaiserkrone«, ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel
-verkehrt. Der Tanzsaal befindet sich im ersten Stockwerk eines
-düstern Gebäudes; in dem elenden Stück Hof, den man zu passieren
-hat, um zur Treppe zu gelangen, steht ein altes verschnapstes
-Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden Kinderwagen,
-der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die
-Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen
-Stufen; die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein.
-Es ist kein Wunder, daß bei Keilereien, die hier des öfteren vorkommen,
-stets einige der Streitenden halb todt geschlagen werden,
-daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« heimkehrt. Auf der
-engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein Flüchten
-unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut
-wie verloren.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die
-»Kaiserkrone« sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten
-sich durchwegs mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten
-erklärten, »da gehen anständige Mädels nicht hin«.</p>
-
-<p>Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft
-meines als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich
-dort cirka 40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste
-Auswurf der Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil
-Soldatendirnen. Das männliche Element bestand durchwegs aus
-Soldaten eines Infanterie-Regiments, die wenigen Civilisten, die
-anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der Dirnen zu sein.</p>
-
-<p>Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen,
-gemeinen, jeder Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier,
-Gesichter, die das Laster verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer,
-deren oft elende Kleidung roch, mit ungekämmtem Haar und
-einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren muß. In
-der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie die
-Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie
-vor aller Augen die unsittlichsten Dinge.</p>
-
-<p>Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes,
-des grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen
-zur Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren,
-sind überhaupt keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen
-des öffentlichen Lebens. Ich sah so manchen blühenden
-und hübschen jungen Soldaten, den die schmutzigsten und teilweise
-verlumptesten Frauenzimmer, die alle zwischen 30-40 Jahre
-sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange bearbeiteten,
-bis er mit ihnen verschwand.</p>
-
-<p>Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden,
-daß sie derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen
-Morde Hunderter ruhig zusehen.</p>
-
-<p>Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando
-in die Kirche zu führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um
-sie am Nachmittage dem erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen?
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Was nützt es, daß der Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung
-mit militärischer »Disciplin« angehalten wird, wenn er am Nachmittage
-ungewarnt und unbehindert Elend, Gift und Pestilenz
-holen darf?</p>
-
-<p>Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb
-verhungert ein Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo
-das Volk sich den Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen«
-Deutschlands die Seuche herholen, die sich weiter und weiter ins
-Volk frißt? Man fängt die arme Streichholzverkäuferin auf der
-Straße gar bald ab, aber man läßt jene giftigen Spinnen der
-menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in ihrem Netz,
-trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.</p>
-
-<p>Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber
-man handelt nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz:
-»Was mich nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht
-den Ursachen nicht nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den
-niedrigsten Geschöpfen gemacht haben! <em class="ge">Die Prostitution ist ja
-immer noch das einzige Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot
-und dem Mangel an weiblichen Berufsarten abzuhelfen
-und einzulenken in andere Wege.</em></p>
-
-<p>Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen <em class="ge">konservativen</em>
-Herrn, der selber Vater von zwei Töchtern ist. »<em class="ge">Das thut ja
-nichts</em>,« meinte er menschenfreundlich, »<em class="ge">daß die Löhne für
-weibliche Arbeiter so gering sind; die Frau findet
-immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das
-notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie
-einen wählt, der nichts hat! Der Mann aber kann das
-nicht, darum muß er mehr verdienen als die Frau!</em>«</p>
-
-<p>Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei
-Millionär ist und seine 6 älteren Töchter mit 18&nbsp;Jahren durchschnittlich
-verheiratet hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen,
-warum man eine Frauenfrage für nötig hält und behauptet,
-den Frauen stünden nicht genug Berufe offen. Ich habe sieben
-Töchter und habe mir nie Sorge gemacht, um für sie Berufsarten
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-herauszufinden; ich habe sechs Mädchen verheiratet und hoffe, daß
-auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne einen Beruf ergreifen
-zu müssen.«</p>
-
-<p>Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein,
-ich glaube, die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!</p>
-
-<p>Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter
-Köpfe und die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt
-immer wieder Neues!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement
-anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich
-Fabrikmädchen und Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe
-Kaufleute.</p>
-
-<p>Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den
-Tischen und unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend,
-wozu sie ihr Kavalier unter einer Verbeugung abholte und ebenso
-höflich zurückführte. Die Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös,
-es kam nie zu wilden Hopsereien, wie es in Bauernschenken vorkommt;
-es wurde sehr wenig getrunken, ich fand hier, wie auch
-im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar Kaffee als
-Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das
-Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.</p>
-
-<p>An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben
-mir sitzendes Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen
-war und fremd zu sein schien. Sie sah furchtbar dumm aus,
-wagte kaum, um sich zu sehen und schien noch keinen Schatz besessen
-zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein »Herr«
-sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den
-Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen
-und hatte nur noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon
-viel freundlicher antwortete und auf dem besten Wege war, mit
-ihm »gut Freund« zu sein.</p>
-
-<p>Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf
-dort jenes Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute
-blickte sie schon viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-ansah; sie trug eine Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust
-und im heute gelockten Haar, das vor 8&nbsp;Tagen einfach gescheitelt
-war. Sie hatte jedenfalls an dem einen Nachmittage viel »gelernt«,
-sie war auf dem besten Wege, abwärts zu kommen. An
-jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren,
-ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.</p>
-
-<p>Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich
-3&nbsp;Wochen später das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten
-Erstaunen jenes Mädchen am Arme eines Herrn (zweifellos ein
-Referendar oder Lieutenant in Civil, da er Schmisse hatte) sah, fein
-gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das Haar kurz geschnitten,
-das Gesicht bemalt. <i>Sapienti sat!</i> Sie war »klug« gewesen
-und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine »dümmere«
-wäre nicht so schnell »gestiegen«.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen
-Schatz besaß, das »Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal,
-in welchem man leicht und schnell Bekanntschaften machen könne.
-So biß ich denn in diesen sauren Apfel und begab mich ins
-»Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch hinter einem
-Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem
-Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen
-Schatz warte; ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen
-bleiben,« fuhr er fort, »ich habe Geld, ich kann was draufgehen
-lassen.« Er hatte eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette,
-feingepflegte weiße Hände und trug einen goldenen Zwicker. Ich
-hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht einen Assessor,
-trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer Fabrik.
-Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise,
-glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn
-erkannte.</p>
-
-<p>Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten,
-schienen keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte
-»feine« Leute. Ich merkte daher bald, daß die »leicht zu machenden
-Bekanntschaften« sich nicht auf die Arbeiterkreise bezogen, sondern
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-von anderer Seite zu ganz anderem Zweck gesucht wurden. &ndash;
-Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den Arbeitern
-bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten
-und sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in
-der Fabrik, bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen
-in einem Lokal; gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten
-mit Kavalieren versorgt, eine weniger gesuchte Art der
-Bekanntschaft.</p>
-
-<p>Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit
-meines Chemnitzer Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen
-aller Fabriken, in denen ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein
-besonderes Interesse für eine Tingeltangelbude, in welcher vier
-gemein und verkommen aussehende Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern
-die abscheulichsten Zoten sangen.</p>
-
-<p>Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen
-sie in vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen
-und erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu
-wollen.</p>
-
-<p>Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht
-ihnen wie den Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von
-10&nbsp;Pfennig einen Gegenstand zu 50&nbsp;Pfennig gewonnen haben,
-so würfeln sie fiebernd weiter, immer in der Hoffnung, noch
-weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn doppelt
-so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen
-Gegenstand gegeben hätten.</p>
-
-<p>Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn
-der Einsatz auch nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder
-3 Mark allmonatlich für sie doch kein geringer Schaden. Sie
-hoffen alle auf das große Los oder wenigstens auf einen Gewinn,
-der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde zu leben. Ich kannte
-alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der Fabrikräume,
-frühere Arbeiterinnen, die seit 30&nbsp;Jahren in der Lotterie spielten,
-die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den
-großen Gewinn doch nicht fahren ließen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste
-resumiere und in Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen
-Woche, so muß ich betonen: <em class="ge">daß die Vergnügungssucht der
-Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so entwickelt,
-blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen
-der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht
-»mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen
-aus dem Volk« abzuwenden brauchen</em>.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Dreizehntes Kapitel.</span><br />
-
-Die Hausindustrie.</h2>
-
-
-<p>»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die
-sittlichen Aufgaben der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders
-für den Arbeiterstand. Während in den höheren Ständen
-noch andere veredelnde Einflüsse und Motive sich geltend machen
-können und müssen, so ist bei dem Arbeiter die Frau fast ausschließlich
-die Hüterin der <em class="ge">Sittlichkeit</em> und des <em class="ge">Gemütslebens</em>.«</p>
-
-<p>Dies ungefähr waren die Worte, die <i>Dr.</i> Brinkmann in
-seinem Vortrage in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die
-sittlichen Aufgaben der Familie« aussprach. Ich führe diese
-Worte hier an, weil ich die Hausindustrie mit ganz anderen
-Augen betrachte, als die Arbeit in der Fabrik, weil sie den Frauen
-die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und die Kinder ständig
-zu bewachen.</p>
-
-<p>Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs
-auf dem Lande zu finden, und, wie ich schon erwähnte, unter
-den verheirateten Frauen.</p>
-
-<p>In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit,
-d.&nbsp;h. immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter
-gesprochen. Im großen Wohnraum dieser kleinen Häuser
-arbeiten die Frauen an ihrer Nähmaschine, die eine den ganzen
-Tag, andere nur am Nachmittag, wieder andere bloß in den
-Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und der
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die Näherinnen,
-die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein
-gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe
-behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer
-schmutzigen Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu
-steppen, ist deswegen ein Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich
-richten sich die Frauen nach einem festen Tagesprogramm, wonach
-sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden hindurch an der
-Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.</p>
-
-<p>Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der
-Hausarbeiterinnen und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und
-dieser Unterschied in der Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl,
-mehr oder minder deutlich hervor. Die Frauen haben es hier
-auch leichter, Ordnung zu halten, da sie im Platz bei weitem
-nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den kleinen
-Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die
-Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die
-größeren Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied
-der Geschlechter wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo
-die teuren Wohnungspreise Familien zum Halten von Schlafburschen
-treiben. Die Kinder sind durchweg blühend und dick,
-sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit
-den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum.
-Sie werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen
-Städten mit starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum
-immer in Anspruch genommen, das Wäschewaschen wird zum
-Ereignis, das in regelmäßigen Pausen wiederkehren muß, und
-wo infolge dessen mit der Wäsche gespart wird.</p>
-
-<p>Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf
-das Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen
-das einfache Mahl fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein
-halbes Stündchen legen, neu gestärkt und in guter Stimmung
-geht er wieder zur Fabrik zurück, um am Abend Erholung im
-reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich nicht
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und
-gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der
-Kinder, die Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, &ndash;
-ein friedliches Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar
-kaum denken kann.</p>
-
-<p>Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens,
-er sieht in den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die
-Ehe entstanden, in der Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen
-und für das er arbeiten soll, sondern er fühlt, daß er
-nach allen Schicksalsstürmen hier allein geborgen ist, und daß
-die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit ist.</p>
-
-<p>Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf
-die Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die
-Frauen selber zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und
-Dienstmägde des Mannes fühlen, sondern als Mitarbeiterin in
-der Familie.</p>
-
-<p>Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß
-die Hausindustrie unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns
-einen leichter zu bearbeitenden Boden verbietet.</p>
-
-<p>Die Frauen tragen dergestalt <em class="ge">viel</em> dazu bei, daß Sittlichkeit
-und Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den
-ganzen Tag in der Fabrik arbeitenden Manne <em class="ge">das Gemüt erhalten</em>.
-Und wenn es auch tief zu beklagen ist, daß sich diese
-armen Frauen nicht voll und ganz ihren Pflichten als Gattin und
-Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im eignen Hause
-arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den Kindern
-zu weilen, doch ein unberechenbarer.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Vierzehntes Kapitel.</span><br />
-
-Stellenlos.</h2>
-
-
-<p>Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler
-kennzeichnet, das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not,
-Verzweiflung und Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom
-Elend stellenloser Lehrerinnen, Gouvernanten und ähnlichen
-»besseren Dienstboten« gehört, vielfach erfahren, daß stellenlose
-Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen in die Arme
-des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und
-heimatloser Dienstmädchen gehört &ndash; aber sie alle repräsentieren
-noch nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose
-Fabrikarbeiterin entgegensieht.</p>
-
-<p>Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder
-aus dem Munde meiner Genossinnen erhalten; was ich mitteile,
-<em class="ge">habe ich selber erlebt, es deckt sich mit dem, was mir
-die andern erzählten</em>.</p>
-
-<p>Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt
-und mir so viel Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell
-als Arbeiterin dieser oder jener Branche auszugeben, machte ich
-mich auf den Weg »um Stellung zu suchen«.</p>
-
-<p>Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung,
-der dort waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei
-Hefterin. Sie behandelte mich von oben herab, nichts weniger,
-denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum Antwort und frug
-mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis ich
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr
-einer Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich
-»Näheres« erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür
-hinaus. Etwas verblüfft setzte ich mich unten an einen der
-Tische; das große Lokal glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen
-davon, daß an den Wänden Sprüche standen, als da sind:
-»Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will
-euch erquicken.«</p>
-
-<p>»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit
-erlangen.«</p>
-
-<p>»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das
-habt ihr mir gethan.«</p>
-
-<p>Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die
-Hoffnung, daß die Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen
-Sprüchen handeln und mich als der »Geringsten einer« mit Rat
-und Hülfe unterstützen würden.</p>
-
-<p>Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden
-Kühle, die in dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch
-ostentativ hingelegten Bibeln Gebrauch zu machen.</p>
-
-<p>Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit
-in absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer
-Pfarrköchin gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener
-und frug mich sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.</p>
-
-<p>»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da
-kommen sollte.</p>
-
-<p>»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.</p>
-
-<p>»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu
-nehmen,« entgegnete sie, vollständig aus der frommen Tonart
-fallend und ganz »Dragoner« werdend. Sie hätte mich
-jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, wenn ich nicht
-endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte.
-Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte,
-wagte ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse,
-für die ich mich allenfalls melden könnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-»Nu nee,« schnurrte sie.</p>
-
-<p>»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,«
-wagte ich schüchtern zu bemerken.</p>
-
-<p>»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein
-wollen Sie sagen! Aber jetzt haben wir nur Stellungen für
-Dienstmädchen, und auch die bekommen erst die Mädchen, die
-hier in Logis sind.«</p>
-
-<p>Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine
-religiöse Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für
-Obdach- und Stellenlose,« oder so ähnlich.</p>
-
-<p>»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können
-wir nicht Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen
-empfehlen.«</p>
-
-<p>»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.</p>
-
-<p>Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse
-zweier Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.</p>
-
-<p>Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische
-Mädchen erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr
-Pfarrer für »Arme« zu sprechen sei.</p>
-
-<p>Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu
-empfangen; er blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen,
-rieb sich die fetten Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen
-nur ein salbungsvolles »So, so« bereit.</p>
-
-<p>Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es
-ist eine schwere Zeit für <em class="ge">uns Fromme</em> gekommen, wir sollen
-Stellungen besorgen und können es doch nicht mit unserem Gewissen
-vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir nicht kennen.
-Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige
-Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr
-Sie beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird
-auch Sie ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine
-Tochter, und sollten Sie wieder eines guten Rates bedürftig
-sein, dann kommen Sie getrost zu mir, ich schicke keinen Hülfesuchenden
-von meiner Schwelle.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der
-die Armen <em class="ge">nicht</em> empfangen will, oder derjenige, der sie <em class="ge">so</em>
-empfängt und <em class="ge">unterstützt</em> der größere Pharisäer?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen
-aussehende Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle
-Raum, in welchem einige schmutzige Tische und ein paar
-wacklige Stühle standen, war von Tabaksqualm erfüllt, daß man
-mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum durchdringen konnte.
-Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend aussehenden
-Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe aß.
-Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise
-zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30&nbsp;Jahre zählen.
-Als sie ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um
-fortzugehen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die
-eine am Ärmel und frug: »Wissen Sie nicht, wo man Arbeit
-bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie sich wieder hin,
-und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir wollen eben
-zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«</p>
-
-<p>»Hefterin«, war meine Antwort.</p>
-
-<p>Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren;
-nun hatte ich leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte
-ihnen dann das Anerbieten, gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen,
-worin sie einwilligten. Beide waren seit cirka 14&nbsp;Tagen stellenlos,
-die eine, weil die Fabrik keine Arbeit mehr hatte, die andere,
-weil sie krank gewesen war.</p>
-
-<p>Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur
-solche, in denen ich noch nicht gearbeitet hatte.</p>
-
-<p>In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues
-Personal nicht angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement
-ging es uns schlechter; wir hatten das Thor der Fabrik
-kaum passiert, als ein dicker Portier auf uns zuschoß und uns
-anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts nicht, raus, raus!«
-Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner livreeartigen
-Kleidung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine
-meiner Begleiterinnen.</p>
-
-<p>»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch
-schöner, wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde.
-Macht, daß Ihr fortkommt!«</p>
-
-<p>Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und
-hoffnungslos, ich um eine Erfahrung reicher.</p>
-
-<p>In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt,
-daß wir keine Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns
-jedoch grob behandelt hätte. Aber wo wir auch hinkamen, hörten
-wir die gleiche Klage, es wurden eher Arbeiterinnen entlassen, denn
-angenommen.</p>
-
-<p>Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder,
-für die sie sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die
-sie schon seit einer Woche schuldig geblieben war, und wo man
-ihr bereits mit Zurückhaltung ihrer Effekten gedroht hatte. Ich
-machte beiden den Vorschlag, uns um Stellungen als Dienstmädchen
-zu bewerben; aber da kam ich schön an. Lieber wollten
-beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in Tyrannei
-begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in
-einer geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und
-suchte eine mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese
-Frau sollte unter der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.</p>
-
-<p>Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen
-Mietskaserne; auf einem Papierstreifen, der an der Zimmerthür
-klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. Ich klopfte an; nach
-einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte wurde
-ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem
-wollen Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später
-erfahren, daß das die Antwort war, die man geben mußte, um
-Eintritt zu der Wahrsagerin &ndash; das war sie nämlich &ndash; zu erhalten;
-durch Zufall hatte ich die Form gewählt.</p>
-
-<p>Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert,
-Heiligengebilde hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-ein Christuskopf aus Gips. Weiße Vorhänge, mit zierlichen
-roten Schleifen zusammengerafft, blühende Blumen vor den
-Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, gaben
-dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur
-in der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.</p>
-
-<p>Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die
-Thür und holte dann ein Spiel Karten vor.</p>
-
-<p>»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten
-deutend, »ich wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.«
-Ihr »Ach so« klang merkwürdig verändert, daß ich mir nicht
-klar werden konnte, ob es Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken
-sollte. Sie sann eine Weile nach und meinte dann:</p>
-
-<p>»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld«
-zahlen?«</p>
-
-<p>Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf
-den Tisch. Die »Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst
-die zwei Mark zu sich! Nach einer Weile sagte sie freundlichst:
-»Ja, mein gutes Kind, ich wüßte schon Arbeit für Sie, aber da
-muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie holte Papier heraus
-und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten Hieroglyphen
-darauf; dann couvertierte und <em class="ge">versiegelte</em> sie den Brief
-und übergab ihn mir geheimnisvoll.</p>
-
-<p>»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in
-der S.'schen Fabrik; geben Sie ihm den Brief ab und warten
-Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, daß es keiner merkt.«</p>
-
-<p>Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen
-und verschmitzt aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht,
-und ihm den Brief überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn
-nochmals und bemusterte mich dann von Kopf zu Füßen.</p>
-
-<p>»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der
-Frau M., die Stelle sei lila!«</p>
-
-<p>Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine
-Gaunerei bezog, allein ich spielte die freudig Hoffende und ging
-nochmals zu meiner »Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin,
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-bewirtete sie mich mit einer Tasse Kaffee und einer »Butterbemme«
-und rückte dann, während ich tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten
-heraus. <em class="ge">Ich sollte ihr, wenn ich die Stellung erhielt,
-den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben
-und dem Aufseher den der zweiten Woche.</em> Ich ging
-darauf ein und bezahlte ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten
-Wochenlohnes, den sie mit 3&nbsp;Mark berechnete. Als ich dann
-zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles in Ordnung
-sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit.
-Darnach sollte <em class="ge">ich täglich den großen Fabrikhof kehren,
-wofür ich wöchentlich 2&nbsp;Mark erhalten sollte</em>. Man
-denke sich in die Lage eines armen, alleinstehenden und im Orte
-vollkommen fremden Mädchens (wofür sie mich hielten), wenn
-es in den christlichen Hospizen solche liebevolle Unterstützung
-findet, <em class="ge">wo</em> muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden,
-wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich
-so tief in die Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst
-einsieht, daß es auf anständige Art und durch anständigen Erwerb
-nicht los kommen kann, <em class="ge">es muß sich prostituieren</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den
-Arbeiterinnen die »Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte
-sich gewöhnlich das arbeitscheue Gesindel und die
-stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich das Lokal besuchte,
-fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen und
-zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in
-hübschem, hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen,
-schien ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit
-Heißhunger eine Portion elenden, übelriechenden Käse.</p>
-
-<p>Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener
-Banditen-Erscheinung, saß vor einem Glase Schnaps und las
-ein sozialdemokratisches Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er
-wilde Flüche gegen die Regierung und gegen die Gesetze aus,
-stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen Schluck aus seinem
-Schnapsglas.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten
-Ecke des Raumes, beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend.
-Sie waren jedenfalls obdachlos und hatten vor dem strömenden
-Regen Schutz gesucht in jenem Lokal. Man sah ihnen den
-Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das dreißigste Jahr
-schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch alte verblühte
-Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee
-und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt
-blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen
-hervor, die ich vor mich auf den Tisch legte und sorgenvoll
-zählte. »Na«, wandte ich mich dann an die eine, »wissen Sie
-vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«</p>
-
-<p>»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.</p>
-
-<p>»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch
-siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem
-Gelde. »Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel
-hätten! Uns langts nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«</p>
-
-<p>»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.</p>
-
-<p>»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle
-habe ich auch nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn
-ich mußte jede Nacht zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen;
-und man muß doch auch etwas essen, wenns auch nur trockenes
-Brot ist, das Geld geht doch fort!«</p>
-
-<p>»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie
-keine Arbeit?«</p>
-
-<p>»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir
-wurden entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den
-ganzen Tag nach Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben,
-Arbeit finden wir doch nicht und vom Herumlaufen bekommt
-man nur größeren Hunger. Ich hatte eine Aufwartestelle auf
-acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, hübschere, da
-hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit zu
-finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn
-man jede Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-kann die Wäsche nicht wechseln und sich kaum waschen, da will
-einen schließlich keiner!«</p>
-
-<p>Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen,
-nur daß sie noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage,
-wenn's dann nicht besser wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern,
-die nehmen einen mit in die Schlafstelle und geben einem noch
-zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch nicht den Mut dazu, denn
-'s ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, wenn man sich
-immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich thut
-man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden,
-dann geht's schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand
-und schien sich durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen
-zu ihrem schrecklichen Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des
-elenden Käses kommen, so leid es mir that, ihnen nichts besseres
-geben zu können. Wären sie mißtrauisch geworden, so hätte
-die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. Heute vielleicht treiben
-sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und spielen die
-frechsten, weil sie die hungrigsten sind.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise
-für das »segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für
-Obdachlose, die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in
-schwarzer Seidenrobe zu erhalten, aber nicht genug, um armen,
-verkommenen Stellenlosen einen Teller Suppe zu reichen!</p>
-
-<p>Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen
-ideal schönen Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr
-sie an <em class="ge">Eure</em> Wände schreibt?! Werft das Maskengewand von
-Euch und malt an Eure Wände: »Hier werden Frömmler und
-Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld einbringen.«</p>
-
-<p>Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des
-Liedes der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte
-Antlitz der scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische
-Frömmigkeit ist gar oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So
-kannte ich in Berlin mehrere Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie
-stellenlos waren, mit »heiligem« Eifer die Versammlungen der
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Methodisten besuchten, weil die wirklich Frommen sie unterstützten
-und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die Mädchen Verdienst gefunden
-hatten, ließen sie die braven Methodisten brave Menschen sein.</p>
-
-<p>Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer
-Arbeiterinnen zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und
-schnell unter deren Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene
-»christlichen Vereine« thun <em class="ge">zu wenig</em>, um sich dem offen gegen sie
-arbeitenden Haß auszusetzen, <em class="ge">zu viel</em>, um die Mädchen heranzuziehen.</p>
-
-<p>Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als
-Kinder- oder Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen,
-ehe sie der Verzweiflung in die Arme fällt. Die stellenlose
-Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht bald wieder Beschäftigung,
-rettungslos verloren, mag es so oder so kommen. Ihr ist die
-Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu bekleiden,
-selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will &ndash; sie kann es
-nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt
-worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere
-Arbeiten nicht bekümmert und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern
-können &ndash; sehe sie nun, wie sie durchkommt. Ob sie
-sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, sie fällt der Polizei eines
-Tages doch in die Hände, die sie, das arbeitslose, aber <em class="ge">anständige</em>
-Mädchen, so gern übersah.</p>
-
-<p>Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art
-der Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu
-Fabrik zu gehen und um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das
-im Elternhause lebt, kann diese Art der unfreiwilligen Spaziergänge
-schon eine Zeitlang aushalten, es findet immer wieder
-Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die alleinstehenden
-Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen:
-<em class="ge">moralischer Tod</em> oder <em class="ge">leiblicher Tod</em>!</p>
-
-<p>Und es wird so bald nicht anders werden! So lange
-die Männer die Frauen unterdrücken, so lange männliches
-Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht und das Recht hat, die
-Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen nicht passen,
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen Schutz
-findet &ndash; so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe
-und Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen,
-hier gilt nur energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen <em class="ge">aller</em>
-Frauen gegen die Gesetze, die das Weib in seiner geistigen und
-moralischen Freiheit unterdrücken und zu einem hülflosen und
-haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt zu gewähren.
-Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen in
-Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende
-Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend
-der Prostitution in die Arme läuft!</p>
-
-<p>An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders,
-an alle edel denkenden und edel handelnden Frauen, an alle
-Mütter und Töchter geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in
-Sitte und Wohlhabenheit leben können! Vor allem aber <em class="ge">an alle
-die tausend und tausend Frauen, die ihr Leben auf der
-Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, Gesellschaften,
-Bällen und Konzerten verbringen, an
-jene weiblichen »Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen
-unseres Geschlechtes</em>, an sie wende ich mich mit
-dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, reißt
-Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus
-der ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt,
-steigt hinab in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht
-Euch um, wie es dort steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch
-noch erkennen, daß Euere jetzige Existenz schmachvoll ist, daß Ihr
-nicht über den Haremsfrauen steht und daß die Gesetze Eueres
-Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten im geistigen Elend
-und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß das Ehrgefühl, daß
-der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr zusammentretet,
-um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt
-sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen
-nicht mehr hinauf-, sondern herabsehen kann!&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Fünfzehntes Kapitel.</span><br />
-
-Verschiedenes.</h2>
-
-
-<p>Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen,
-die ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese
-Betrachtungen als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand
-die nachfolgend beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie
-aber nur dem Zufall zu.</p>
-
-<p>Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich
-nicht dem Zufall zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung
-in der Arbeit betrachte, ist die enorm <em class="ge">häufig
-auftretende Kurzsichtigkeit der Mädchen</em>. Speziell unter
-den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine große Zahl
-der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt habe,
-sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem
-Übel in den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender
-Beleuchtung die feinen Nadeln einzufädeln haben und
-wo die Augen, durch die unruhig blendende Farbe der Strümpfe,
-fortwährend zu Thränen gereizt werden.</p>
-
-<p>Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen
-und Hinkenden vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies
-auf; so manche der hübschen Mädchen haben eine gebrochene
-Hüfte, die wenigsten tragen an einem angeborenen Leiden. Ich
-führe dies darauf zurück, daß die meisten Mütter jener Mädchen
-arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht beaufsichtigen
-konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle die
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, bestätigten
-mir meine Vermutungen.</p>
-
-<p>Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen
-und Verletzungen trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen,
-die an den Formen arbeiten. Wie ich in einem Kapitel
-schon erwähnte, werden die Strümpfe über Holzformen gezogen,
-gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft stemmen muß. <em class="ge">Die
-Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende Fehlgeburten.</em>
-Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit,
-daß sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe
-jene Arbeit acceptieren, »um alles los zu werden«.</p>
-
-<p>Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten
-Mädchen hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen
-normal aussieht, wird zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß
-das Hülfe schaffen wird. Ich befürchte eher, daß viele der
-Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste so lange als möglich
-zu verbergen trachten werden und das Unglück auf diese Weise
-noch verschlimmern.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="ge">Leider</em> sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich
-sage »leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster
-vertreiben würde, das <em class="ge">des Essens von Kaffeebohnen</em>.</p>
-
-<p>Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man
-erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit
-weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde
-Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen
-willen. Solche Koffeïnsüchtigen verbrauchen ihren halben
-Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten
-Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner
-Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter
-Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte
-sich nach »neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen
-retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und
-Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren
-Sachen, sie gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher.
-So manche hatte einen ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei
-Stoff ausgebesserte Taille an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen
-zur Fabrik zu kommen. Man sollte glauben, daß diese Liebe
-zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit zeitigt; allein damit
-ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht von weit her. Sie
-kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den heißen
-Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des
-Luxus zu sein, ja, <em class="ge">sogar eine Dummheit</em>! So sagte mir
-einmal die eine: »Ich bade vom September bis zum nächsten
-Juni nicht mehr!«</p>
-
-<p>Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal
-arbeitenden Menschen. Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen,
-die in einer Atmosphäre des Staubes und Schmutzes
-leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen Kammern schlafen!
-So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch Unreinlichkeit!</p>
-
-<p>In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am
-Platze sein, die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal
-wöchentlich zum Bade schicken, was die Mädchen vielleicht im
-Anfang mit Widerstreben, sehr bald aber mit Freuden thun
-würden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden
-Kapitel gegebenes Versprechen erfüllen, und jenem
-»liebenswürdigen« Buchhalter ein Gedenkblatt sichern. Wie
-ich schon mitteilte, habe ich ihm seine »Freundlichkeit« reichlich
-vergolten.</p>
-
-<p>Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik
-verlassen, mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst
-gearbeitet hätte. Als ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte,
-empfing mich jener Buchhalter, der Prokura für die Firma
-besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm meine
-Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-wurde blutrot und bald bleich &ndash; und verschwand plötzlich, ohne
-nochmals zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe
-getroffen, wie er sie wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß
-diese eine Lehre meinen Nachfolgerinnen, d.&nbsp;h. den »echten«
-Arbeiterinnen, die er mit seiner Huld wird beglücken wollen, zum
-Segen gereichen wird, denn ich bin der Überzeugung, daß er
-auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte Kinder
-scheuen das Feuer!«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Schlußbetrachtungen.</h2>
-
-
-<p>Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man &ndash;
-wenn man irgend einen Funken göttlicher Nächstenliebe in der
-Brust trägt &ndash; ersehen, daß die Zustände unter der weiblichen
-Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur mit derjenigen Sachsens
-dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und Abhülfe dringend
-Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille Seufzer,
-durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen
-geweinter Thränen herbeigeführt!</p>
-
-<p>Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile
-in erbittertem Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte
-alle europäischen Staaten! <em class="ge">Soll Befreiung weißer weiblicher
-Sklaven möglich sein, so muß der Kampf die
-Frauen aller Weltteile erfassen</em>; das weibliche Geschlecht
-muß einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit
-kämpfend und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend.
-Die Frauen sollen nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen
-fordern, kämpfen!</p>
-
-<p>Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender
-Frauen, die in Wort und That eintreten für ihre unglücklichen
-Mitschwestern, die deren Erniedrigung und deren Elend zu lindern
-suchen! Aber was könnten jene thun im Gegensatz zu der ungeheuren
-Zahl <em class="ge">der</em> Frauen, die dahin vegetieren, murrend und
-knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um
-sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend
-eintritt für ein anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein
-schmachvolles Los trägt? <em class="ge">An den Frauen ist es, die Initiative
-zu ergreifen</em>, an denjenigen, die der Sonnenschein
-des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an
-ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!</p>
-
-<p>Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht
-und die Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung
-auf den Höhepunkt gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt
-es, die Unzufriedenheit zeitigt die krassesten Auswüchse &ndash; der
-Tag der Frauenrebellion wird kommen! Er wird kommen und
-er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als Ausgeburt überreizter
-Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er dem
-Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen!
-Dann werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten,
-wie sie uns die französische Revolution brachte! Dann wird
-unser Geschlecht nicht gehoben, sondern korrumpiert werden!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit
-allen Mitteln, die Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung
-unseres Geschlechtes mit vollen Kräften, denn wollt Ihr den
-Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht scheuen!</p>
-
-<p>Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise
-zu tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse,
-um Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran,
-als Strümpfe für Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden
-Körper kann ein gesunder Geist, kann Arbeitslust und Energie
-wohnen, und zur Gesundheit bedarf es guter Nahrung, vernünftiger
-Lebensweise und der Reinlichkeit!</p>
-
-<p>Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten,
-die da wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld
-genug erübrigen, um nach der Mode gekleidet zu gehen!</p>
-
-<p>Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und
-vergesset bei all Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-und Launen reformieren sollt, sondern aus selbstloser Nächstenliebe,
-die nicht ruht und nicht rastet, wenn sie Unglücklichen helfen kann!</p>
-
-<p>Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten
-Frauen, die vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und
-Weibeswürde, folgt langsam aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger.
-Wer einmal erwacht ist aus dem Winterschlafe der
-Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches Wohlergehen
-Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde
-gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die
-Ueberzeugung fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können,
-und daß der Sieg uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht
-Segen bringen soll!</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss">Druck von <em class="ge">H. Ginzel</em>, <em class="ge">Berlin</em> <i>W.</i>, Yorkstraße 43.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<div class="mw36">
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" &ndash; "Mietzins,
-"Roheit" &ndash; "Rohheit", "Überzeugung" &ndash; "Ueberzeugung",
-jedoch mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_013">13</a>:<br />
-im Original "was uns gerade erreichbar war"<br />
-geändert in "was uns gerade erreichbar war."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_013">13</a>:<br />
-im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"<br />
-geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_044">44</a>:<br />
-im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"<br />
-geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_050">50</a>:<br />
-im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"<br />
-geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_066">66</a>:<br />
-im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"<br />
-geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_068">68</a>:<br />
-im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"<br />
-geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_097">97</a>:<br />
-im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"<br />
-geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer"</p>
-</div>
-
-<hr />
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
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-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
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-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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-</div>
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