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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin - -Author: Minna Wettstein-Adelt - -Release Date: October 19, 2021 [eBook #66573] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This file was produced from images - generously made available by The Internet Archive) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN *** - - - - - 3½ - Monate - Fabrik-Arbeiterin. - - Von - - Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt. - - [Illustration] - - Berlin 1893. - Verlag von J. Leiser - =N.O.= Barnimstraße 20. - - - - Meinem geliebten Mann, Herrn =Dr. jur.= _Oscar Wettstein_, gewidmet in - herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem - Unternehmen. - - Die Verfasserin. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Vorwort 1 - - Einleitung 5 - - 1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8 - - 2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin 13 - - 3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18 - - 4. " Sittliche Zustände 24 - - 5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35 - - 6. " Die Ehe 42 - - 7. " Die Stellung des Mädchens 48 - - 8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52 - - 9. " Wohnungen und Schlafstellen 56 - - 10. " Religion 68 - - 11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71 - - 12. " Vergnügungen 80 - - 13. " Die Hausindustrie 88 - - 14. " Stellenlos 91 - - 15. " Verschiedenes 102 - - Betrachtungen 106 - - - - - -Vorwort. - - -Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn -man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein, -sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern. - -Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit -gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen, -auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie -berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die -Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, -um die Frauen dort kennen zu lernen. _Auch ich will Gleichberechtigung -mit dem Mann_; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend, -Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden, -ehe man die _verhältnißmäßig_ noch gut dastehenden Oberen unterstützt. - -In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als -Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter -und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm -verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift -war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich -mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich -- in Berlin -- Spandau -die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der -fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der -Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein -Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen -Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann -ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der -Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht -denken. - -Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner -Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir -war es um eine _typische_ Arbeiterbevölkerung zu thun. - -Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines -großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich -als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an, -weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken -in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen -vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen -hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in -die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen -brauchte. - -Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener -Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die -Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen. - -Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur -Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um -möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit -meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle -Vergnügungs- und Tanzlokale besucht. - -Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein _apodiktisches_ -Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets -objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es _vielfach, nicht nur -hie und da_, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier _nur_ von der -sächsischen Arbeiterin spreche. - -Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird, -die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in -das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich -habe jene _schweren_ Monate _nur zum Wohle meiner leidenden -Geschlechtsgenossinnen_ durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was -ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen, -gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen -nachzugehen. - -Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor -übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren -körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen. - -Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer -stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch, -sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es, -daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte. - -Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich -nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine -Mühe nicht umsonst gewesen sei. - -An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende -Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, _wo_ Hilfe am dringendsten Not -thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel -des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im -Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die -Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines -Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal _wirklich_ Gutes, -das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! -Denn: - - »Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben, - Der täglich sie erobern muß!« - - - - -Einleitung. - - -Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer -Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des -Betriebes wußten, wer ich war. - -An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als -Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat -ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr -frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der -alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude -in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen -beschäftigt sind. - -Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen -Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen -und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen -übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, -daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich -ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich -mich zu benehmen hatte. - -Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen -- übrigens die Hübscheste -aus der ganzen Fabrik -- aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. -Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich -heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich -hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich -sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an -mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. -Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich -manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre -Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen -konnte. - -Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre -Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der -Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft -wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier -kommen ließ. - -Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen -durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, -ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen -anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs -der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten _besser_ -und _höflicher_, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, -Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist. - -Glücklicher Weise erging es mir in der _ersten_ Fabrik so gut, denn -wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und -Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht -doch noch ins Korn geworfen hätte. - -Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, -_je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren_. -Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken -arbeitete, _waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung -gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten_. - -Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den -Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort -erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten. - -Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen -ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen -arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher -kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den -schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen -waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies -mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren -Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, -die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von -Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt -verheiratete Frauen sind. - - - - -Erstes Kapitel. - -Die materielle Lage der Arbeiterinnen. - - -Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in -_einer_ Fabrik und noch weniger in _einem_ Saal gearbeitet habe; so oft -ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen -nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich -alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in -3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre -erfahren würden. - -Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch -wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich _nicht eine_, -die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte -ich in meinem Vorwort, daß ich _nur von der sächsischen Arbeiterin_ -spreche. - -Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als -Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, -Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter. - -Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man -überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. -wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare -(Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer -Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. -Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten -aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten -eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem -Zustande. - -In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark -pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; -wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die -meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab -es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, -das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige -Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein -Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren -halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß -und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend -ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not. - -An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte -uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur -Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten -hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 -bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war -äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und -schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht -führte, und nun fehlte ihr selbst dies. - -Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich -gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage -erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der -Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die -schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als -ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir -bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch -in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld -ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal -Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann -ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was -dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir -- einen -Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, -das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. -- - -Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die -mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate -hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden -Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich -- glücklicherweise -- -abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur -Aushülfe angenommen wurde. - -Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die -übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im -Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur -beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten -anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort -arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf -Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen -murrend in den Kauf nahmen. - -Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den -Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen -verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel -hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten -Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete. - -In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte -erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen -lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr -verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und -frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren -Handarbeiterinnen. - -Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die -vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine -Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen -Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. -Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann -gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, -zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. -Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur -Arbeit zurück -- und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie -gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war -nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten -nicht den Mut, offen vorzugehen. - -_Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands -zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie -wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände -auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark._ - -In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark -pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich -geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie -webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und -davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war -aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder -arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die -andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein -und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser -Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer -und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg -und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes. - -Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- -bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die -schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine -Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen -unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, -wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein. - - - - -Zweites Kapitel. - -Nahrung und Kleidung der Arbeiterin. - - -Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, -im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und -Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor -ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein -riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau -den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten -bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, -wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und -weniger erholt als _vor_ der Mittagspause an die Arbeit zu gehen. - -Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so -wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden -Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den -ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, -nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und -Geschrei. - -Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu -erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit -in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder -Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war. - -Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder -Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; _Fleisch habe ich -in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen_. Diejenigen, die -den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen -Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete -ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten -unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich -so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat -gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und -Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein -gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen -_vor der Löhnung_ wurde zur Mittagsnahrung _vielfach_ nur solcher Kaffee -mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz -streuten. - -Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, -ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner -Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen -können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker -bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es -nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der -Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags. - -Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die -gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch -hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder -vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten. - -In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich _niemals_ eine Arbeiterin, nur -arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel. - -Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr -wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen -und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, -das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten -männlichen Arbeiter gern verkehren. - -Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, -ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef -dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind -außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich -schnell verschlungen. - -_Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern -Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten._ - -Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur -Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten -gleich, so würden sie nicht _beständig_ so hungrig sein, immer bereit, -neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren. - -Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause -kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- -und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich -gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich -inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit -hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen -können und die ganze Familie beisammen ist. - -Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser -essen _könnten_, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, -aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen -modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am -Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe! - -Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, -Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den -Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau -tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar -nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, -wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen. - -Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber -um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, -aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus -Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen -weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre -Dummheit entgegentreten; _hier ist allein thatkräftige Aufklärung am -Platze_. - -In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in -derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien -jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen -vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, -um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder -Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich _nur_ im -»Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der -größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre -eigene Kleidung Witze machend. - -Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede -einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben -alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken -es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in -der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor -hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der -Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell -an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine -Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab. - -Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber -schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich -das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach -unentbehrlich. -- - -Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die -Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch -und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit -jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen -Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen -Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, -Kämme und Spangen, ja, _viele tragen zur Taille passende Schleifen im -Haar_. - -Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der -Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar -Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und -frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich -konnte ich nicht finden. - -Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von -pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der -Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich -durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten. - - - - -Drittes Kapitel. - -Arbeit, Beruf, Vergangenheit. - - -Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder -vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, -ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere -Vergangenheit hatten die wenigsten. - -Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen -Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit -gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben -gestaltete; _sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen_. -Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien -stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere -machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich -als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen -sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und -hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« -erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden -Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere -Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die -sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die -»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles -besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es -öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten. - -Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die -Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen -und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden -verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige -Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, -sie würden sie nicht annehmen. - -Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei -weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß -sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn -eine andere Arbeit annehmen. - -In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen -und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war -leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, -die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz -anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden -täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen -Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von -der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, -fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt -werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster -nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende -Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht -hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit -seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg -schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still -wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig -zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das -bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander. - -Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend -und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu -singen, und zwar _innige Volkslieder_. - -Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der -Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und -legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so -lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht -vorgekommen sein. - -Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die -kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang -des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie -man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die -Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den -sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben. - -Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie -sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor -Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten -leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, -erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen -»Wohnung« nicht verdienen -- und trotz allem bleiben die Mädchen -fröhlich, gesund, munter, lebenslustig! - -Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; _ich_ hätte das nicht auf die -Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu -mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins -Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand -das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr -ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche -schlechte Essen -- und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit -auf die Zukunft! - -Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die -Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde -Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr -empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen. - -_Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, -die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und -würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden -ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur -für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden -kann?_ -- - -Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, -_sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft_. Bei den -komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo -die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, _sie muß denken und -kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. -Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, -denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der -besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden -Ritters._ -- - -In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr -ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten -Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. -Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis -6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; -am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die -Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben. - -Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, _Unfälle -bei der Arbeit_ dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, -daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses -im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum -Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte -sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie _drei volle_ Tage -in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war -eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, -sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal -zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe -des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn -bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen -manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender -Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen -lassen. - -Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die -Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang -sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und -Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen -Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen -Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer -Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene -Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung -zurückwiesen, _weil er zu viel Tricotstoff enthielt_. Eine einzige dortige -Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, -wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe -Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele -der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das -Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern -mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich -anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit -Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen -Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, -wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man -einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können! - -Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und -Artikeln betonte: _wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und -mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, -die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin -anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder -Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen -geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche -Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß -Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen -- und unterdrücken._ Das -ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann -und Frau vergessen: _daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden -kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, -befehligt und »beaufsichtigt« wird_! -- - - - - -Viertes Kapitel. - -Sittliche Zustände. - - -Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das -Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine -Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber -der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das -eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen. - -Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, -so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast -überall -- und ich habe _genaue_ Informationen angestellt -- bleiben sich -Mann und Frau _beide_ in der Ehe treu oder _ein jedes_ geht seiner Wege. -Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber -diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen. - -Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch -zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die -Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein -Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, -es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar -nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber _lediglich deswegen, -weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, -weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren -Leben zeigen_. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und -dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter -nach. - -Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die -eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr -mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner -in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden. - -Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie -_tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht_, -und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« -vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, _bezahlen -aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken -bleiben_. - -Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen _freien_ -Verkehr _aus Liebe_ nicht für unsittlich, sondern für _natürlich_ -halten, für _Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb -herabsinken darf_. - -Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen -nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie -war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß -besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es -ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit -sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß -alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus -dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem -gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin -nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie -geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit -Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!« - -_Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz -speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants_; was dazwischen liegt, -wird weniger scheel angesehen, _weil die Möglichkeit vorliegt, von einem -Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden_. - -Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie -_Schreiber_ und _in Bureaux arbeitende Kaufleute_ nennen. - -Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige -Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: -»Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich -schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker -ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, -Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den -Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern -die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich -sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch -einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!« - -Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht -wohl begreifen, ja, _so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und -ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils -Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn -die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, -heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und -Chikanen_ #der Sozialdemokratie in die Arme treiben#, _umsomehr, als das -gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, -höflicher und menschenwürdiger behandelt_, als es die anderen thun. - -Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam -es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren -der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des -Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er -war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem -Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem -Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten -mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; -er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts -weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf -nehmen. - -Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände -in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie -mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um -und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche -nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den -Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und -ging. - -Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit -der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über -den Buchhalter. - -»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, -der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine -Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine -Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und -daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in -die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die -nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!« - -Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich -ihm alles sagen würde. - -»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie -nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' -ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem -Direktor hat er doch nichts gesagt!« - -»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig -geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir -auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!« - -Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war -mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte -mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß -ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde. - -Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem -Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie -'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte -herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; -ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie -können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S--straße, -besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können -doch Nachts von Hause wegbleiben?« - -Ich bejahte. - -»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch -an, wenn möglich eine etwas _dekolletierte Taille_. Wo wohnen Sie denn?« - -Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, -irgend einen Straßennamen, der mir einfiel. - -»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, -»da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie -jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, _die sind neidisch_.« - -Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; -draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor -Scham und Zorn. - -Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er _frug_ nicht -einmal, ob ich sein Schatz werden _wolle_, er beorderte mich einfach zu -sich, wie eine Sklavin. - -Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, -gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich -auf einen Schutthaufen. Wenn _er_ da drinnen geahnt hätte, wie ich hier -mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, -_wie_ ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich -ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was -er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung! - -Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich -mit lautem Hurra empfangen. - -»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben -wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!« - -Ich erzählte ihnen den Sachverhalt. - -»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken -und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater -bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die -Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner -Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!« - -Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in -unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun -ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen -Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm _nicht_, so kann sie sicher sein, in -wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen _muß_, wird -sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische -Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? _Wer -unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind?_ Der Staat -sicherlich nicht! - -Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die -Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei. -O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer -schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und -vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene -heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen -Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es -aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und _reich_ ist, mit einem -Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute« -Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren -Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht _hier reformierend_ -eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die -Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« -- - -Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich -arbeitete; dort war ein junger Prokurist, _der wußte, wer ich war_ und -infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am -dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon -Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja -so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten -Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark -nicht an.« - -Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß -ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; _und das waren Arbeiterinnen auf -dem Lande_. -- - -Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon -mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar -häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das -ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der -Unmöglichkeit. - -_Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff_; ist der Schatz -beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen -anderen. - -Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den -Beschützer und vor allem -- denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und -andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß. - -An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft -vorkommt. - -So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine -Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei -in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. -- - -Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht; -es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden. - -In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen, -wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem -ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte. - -Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht -wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war, -_das waren die verheirateten Frauen_. Neben mir saß eine etwa 30jährige, -kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr -etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke -emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz -unglaubliche Redensarten führte. - -Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier -eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die -meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar. - -Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange -aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere -Arbeit. - -Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem -Vorkommnis machen. - -Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die -Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der -Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie -S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben -wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende -Tag war ein Sonntag gewesen.) - -Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren -habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so -vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich -hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht -entblödete, _als Mädchen_, vor allen umstehenden Arbeitern, _so etwas_ zu -sagen. - -Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als -ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu -haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war! - -Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs -roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die -Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen -jedoch immer sanfter, _äußerlich_ wenigstens gesitteter bleiben. -- - -Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben, -ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen -benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken -bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach -an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie -sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als -Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie -geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!« -Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. -- Schon der -Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine -zweifelhafte Moral. - -Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz -besitze. - -»Ich hatte einen,« erklärte ich. - -»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige. - -»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines =Doctor juris= wenigstens in der -»Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.« - -Aber da kam ich gut an. - -»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na, -da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie -sich hier keinen neuen Schatz suchen?« - -Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das -aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in -ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos« -war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde, -der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten -Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß -ich ihnen bald so »nahe« treten würde. - -Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre -sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft -bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor -und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie -könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie -sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau -anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem -Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit -zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde. - -Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein -gleich elendes Dasein, wie das Deine! -- - -Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es -immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der -Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich -angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber; -eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es -auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, -wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. -- - -An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als -nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre -Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht -beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend -einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die -Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten -Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, -die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein -schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. -Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als -könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie -deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen -zu erregen. - -Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur -auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn -nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie -möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter -haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, -aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. -- - -Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die -Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, _je -nach ihrem Beruf_, trennen. _Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur -entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei -dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu -bewunderungswürdig anständig zu nennen ist._ - - - - -Fünftes Kapitel. - -Sparsamkeit und Ehrlichkeit. - - -»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir -dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in -ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff -Sparsamkeit überhaupt nicht. - -Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die -ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu -kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags -Bier zu trinken. - -Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle -einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch -nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein, -unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so -geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie. - -Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang -ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich -einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß -sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, -ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen. - -»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor -_einem_ Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken, -man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne -einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann -man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!« - -Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem -engen, übelriechenden, feuchten Hof um. - -Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als -nur spazieren zu gehen. - -Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe -treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit -ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für -andere mitsorgen sollen! - -_Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung_, die -Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter -Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit -anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen -gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten -unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung -ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so -sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur -einmal, _wie_ die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die -völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer -gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den -der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde. - -Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus -Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist -zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in -Anspruch nimmt. - -Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich -zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In -diesen Kreisen ist _das Rauchen_ ein _sozialer Schaden_; es hemmt zuweilen -den Aufschwung einer ganzen Familie. - -So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein -kleines Beispiel beweisen. - -In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die -beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise -(Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten -nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3 -beanspruchte. _Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er -wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte._ - -»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie -rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut -jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier -trinken!« - -Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte -er doch nicht lassen -- und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf -bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, _das die Krankheit -erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte_. -Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt -hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun -unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf -machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat -sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist, -raucht er nicht mehr. -- - -Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von -Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder -Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater. -Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro -Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind. - -Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin -kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes -Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer -Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich -wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine -der bestangestellten Frauen. - -Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann: -»Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist -Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!« - -Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich -(es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach -Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren. - -Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in -seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das -erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so -Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte -dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, -geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.« - -Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig -verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, _da -mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden_. Die Leute -reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.« - -Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und -Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der -gleichen Quantität Kleider _meines_ Töchterchens nicht aufwarten -können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch -vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste -Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß -Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn -auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts -zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich -mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war -ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. _Es -fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist_, -während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause -und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach -einem Teller Suppe lechzten. _Und diese Zustände habe ich nicht einmal, -sondern oft getroffen._ - -Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den -Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar -direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit -ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun -- so kommt es, -daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen =en vogue= ist, -und ganz speziell _bei den verheirateten Frauen_. - -Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt -offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht -die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen -Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei -Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den -Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, -die sie in ihre Sonntagskleider heften. - -In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe -entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder -Tricothandschuhe, vor allem aber _Militärhandschuhe_; man glaube aber -nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute -kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen -Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher -Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber -fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in -Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin -ein Paar dedizieren; sie verkauft sie _weit_ unter dem Ladenpreis, -macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser -»guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, -Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen -Handschuhe in die Hände bekommen. - -Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren -ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der -Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten -Dinge meist _auf der Retirade_. - -Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich -weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags -erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf -Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; -am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht -zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen -hatte. _Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!!_ Die Diebin wurde -indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den -leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. -Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde -von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese -Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können. -Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an -einem anderen Ort Arbeit gesucht. - -Diese Art der _moralischen Lynchjustiz_ wurde fast durchwegs ausgeführt; -mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie -erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist -unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche -herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben -müssen. Ich glaube, _daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu -bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen_. - -Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin -gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte -Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen. - -Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage -ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden, -die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht -Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. -_Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos -verloren._ - -Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem -Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis -zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind, -diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten. - -Man ersieht daraus, _daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen -Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr -wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum -edle Früchte tragen?_ - -Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die -Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn -ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche -trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht -dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, _wer nicht -ganz ordinär sein will_, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben -müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich -sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine. -Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern -konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Die Ehe. - - -Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß -man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen. - -Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel; -entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus -dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze; -entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als -Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher -Genüsse angesehen. - -In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen -gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, _eheliche Einigkeit_. -_Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, -Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger._ - -Man kann dreist behaupten, _daß mehr als drei Kinder in einer Familie, -Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer -wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, -beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer -sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die -Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von -Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher -Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und -Krüppel._ - -Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer -Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit; -eine normal gesunde Frau setzt hier täglich -- in Anbetracht der elenden -Nahrung -- einen Teil ihrer Lebenskraft zu; _wo soll da eine Frau Kraft und -Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder -achte der Reihenfolge ist?_ - -Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von -3-4 Jahren dazwischen liegt, _pflegen_ sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie -besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein -kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust -reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich _Mutter_ sein. -Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise -in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die -Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu -erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß, -je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken, -sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der -Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde, -während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße -ihre »Erziehung« finden. _Zwei auch drei Kinder können jene unteren -Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus -meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe._ - -Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der -vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. _Oder -halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes -die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch -erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, -als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden -begrüßt und gut gezogen werden?_ - -Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da -behaupten, _die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins -Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum -sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre -»natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und -in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere -Maschinenarbeit zu verrichten?_ - -Oder haben die Frauen nur dann _natürliche Pflichten als Gattin und -Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen_? - -Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten -zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen, -menschenfreundlichen Gegner nicht dazu? - -Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung -für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, _warum -hilft dieser Staat_ der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen« -Pflichten? - -Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau -unterjochen, passen dürfte: »=Ne vous inquiétez en rien des murmures de -la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage -et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.=« - -Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt: -»Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die -Frau daselbst einnimmt.« _Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand -sein?_ -- - -Ich habe übrigens bei _vielen_ Mädchen in der Fabrik den Ausspruch -gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu -bekommen. - -_Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die -vernünftigere Kinderproduktion kennen_; in deren Haushaltungen herrscht -auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem -innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern -vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere -Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach -die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind -die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. -In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein -unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel -nehmen. - -Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch -liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat -und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und -Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter -nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer -Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend -schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen -Arbeitern. - -Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung -wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau -gewählt. - -Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die -»körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen -_das_ aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre. - -Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche -und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis -zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden -ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter -entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, -vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich -heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte -Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die -Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten -als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe -größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem -Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden -arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt -eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt. - -Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel -unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das -Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein _Heiratsgesuch_ -in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind _die Witwen für das -»Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen_. - -Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener -Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und -Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner -geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war. - -Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo -eheliche Kinder vorhanden. -- - -Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für -sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau -Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß, -_weiter aber auch nichts_. -- - -Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie -meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne -weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen -Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie -überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: =Vae victis!= - -Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr -als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte -hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise -durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre -Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den -Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, _die ganze Frauenfrage -sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann -schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden_. _Er -hat Recht_; würden die Frauen im _allgemeinen_ so viel Kinder zur Welt -bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären -könnten, so würden sie schneller sterben. -- _Gott sei Dank, daß es -aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen, -sondern Herrinnen ihres Körpers sind!_ - - - - -Siebentes Kapitel. - -Die Stellung des Mädchens. - - -Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit -den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines -Gutes, das jene nicht besitzt: _der Freiheit_. - -Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind -wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld, -das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im -übrigen unbekümmert um diese. - -Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche, -beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen -oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben. - -Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit -Schaden an Körper und Seele genommen hätten, _wenigstens nicht mehr, als -es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre_. Ich fand, daß dadurch -die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich -selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig -und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren« -Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird. - -Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer -von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben, -deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von -dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er -ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage -auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu -erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen -die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit -auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere, -deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige -Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu -jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit -kommt man früh genug.« - -Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen -vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf -aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde. - -»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so -wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.« - -Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf -ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele -unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre -denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht. - -Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die -Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen, -auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, -immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich -vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, -um zum Arzt zu gehen. - -Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank; -dafür altern sie aber -- wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit --- sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff -und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- -und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand. - -Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung -der Mädchen aus; _sie haben davon meist keinen Begriff_. Wenn die Mädchen -heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne -die geringsten Vorkenntnisse _der gerade in diesen Kreisen so notwendigen -hauswirtschaftlichen Kenntnisse_; in allen andern Schichten der -Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen, -oder sie braucht nicht _derart_ mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher -einmal etwas verderben. _In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen -Familie von der Frau ab_, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit -»..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich, -Geht die Wirtschaft hinter sich.« - -_Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende -und rettende Wohlthätigkeit_: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe -nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es -erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, _es ist eine Arbeit, -die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation_. - -_Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie -betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang._ Wenn wir -dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die -moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied -der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer -schlechten Frau werden könnte. - -Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, -von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese -Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte, -erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen -zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht -segensreich wirken; _wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen -einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie -selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch -hauswirtschaftliche Kenntnisse_. - -Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen -für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die -Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise. - -Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es -würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich -dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle -edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab, -bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die -Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, -dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen -zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern! - -Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der -Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen -von jenen Kreisen _versündigt_. _Die überhand nehmende Prostitution ist -der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an -dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes -strandet!_ - - - - -Achtes Kapitel. - -Seßhaftigkeit und Versicherung. - - -Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich; -trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton« -herausgehört, den ich mir angewöhnt habe. - -Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach -Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses. - -Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine -Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen -Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die -Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr -gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und -- schnell fertig war -die Jugend mit dem Wort! - -Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe, -was man treibe, _was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen_. -Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone -absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser -König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles -sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. -- - -Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im -Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie -aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen -ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen -waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden -und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, -die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden -ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde. -Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur _ein_ Ziel vor Augen: -möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen -Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage -schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. -mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles -bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen -schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand, -daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen -bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die -Fabrik gehen. - -Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger -Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen -Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen -im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern -ganz andere Dinge nach Berlin lockten. - -Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene -Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes, -sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen -engagieren würde und _für andere Stellen taugen sie absolut nichts_. -Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle -als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in -Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner -Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach -wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als -Prostituierte durch Berlins Straßen. - -Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die -in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten -ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, _man philosophiert, aber man -handelt nicht_. - -Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in -Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der -Prostitution in die Arme getrieben werden _müssen_. Man sehe einmal die -Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen -Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen -besteht. - -Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«, -irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht, -sie frei hält -- und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das -durch das Fabrikleben wohl _an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit_ gewöhnt -ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; -zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels, -den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der -Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, _so geblendet_, -daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das -Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit -ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich -ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr -suchen läßt, _sie sucht_. - -_Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes, -den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen -wollen._ -- - -Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren -ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber -sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das -Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und -Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der -Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre -Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, -meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh. -Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen -Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen. - -Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie -sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. _Begeisterung aber fand ich -bei keiner einzigen_; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr -für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu -denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein -herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem -Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten -alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier -blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten. - -Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern -Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten -wir's nur auch so!« - -Dieser Fabrikherr _borgte_ seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur -Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben, -sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel. -Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die -Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art -_moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der -Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter -nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten_. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Wohnungen und Schlafstellen. - - -»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer -versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden -würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden. - -Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer -Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen -bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen -aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um -eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der -Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf -Vergrößerung der Wohnung sehen. - -Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von -Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen« -nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der -Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben -freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen. - -Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in -Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume -meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im -Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen -noch viel schrecklicher sein muß. - -Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute -Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer -schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu -verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des -Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die -Kinder in diesen Räumen verkommen _müssen_, daß die Erwachsenen keinen -erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen, -denn sie sich Abends niedergelegt haben. - -Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort, -ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei -unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und -Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich; -abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen -widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige -Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und -Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem -Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben -Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. _Ich habe bei -keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht -in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist_, sonst in -der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern. - -Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei -Töchtern _in einem Bett_, oder Vater und Mutter mit einem Kinde -und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die -Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen -mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern -- aber -natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles -»Familie«. - -Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des -Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo -Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose -sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die -Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies -Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, -so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen. - -Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz -hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und -Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie -noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit -Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. _Hier schliefen die drei -Personen_, die Mutter in einem ordentlichen Bett, _das eine der Kinder in -einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett_. -Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem -Photographenatelier, _der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, -um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen -konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um -eine gute Stube zu haben._ - -Ähnliches habe ich _oft_ gesehen; das tollste jedoch an -»Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer -Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin -des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die -womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene, -schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die -Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem -ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin -und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren -mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem -Sopha ein Bruder der Tante und in einer #Hängematte# (!!!), die vom -Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte -wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit -Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark, -jedoch _ohne Koffer_; ich habe mir nie erklären können, _wo_ diese Leute -ihre Sachen lassen. - -Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube -und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der -Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner -und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht -vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um -½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß -die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben -so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag -vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich -3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann -Tantièmen. - -Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz -hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem -Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen -Kammer. - -_Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen, -im Benehmen, wie in der Kleidung._ Die Schlafgängerinnen und jene, die in -erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos -und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die -bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind -gesitteter, manierlicher, reinlicher. - -Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen -Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als -Trägerin des Schönen, des Guten, der _Ideale_!« Es ist ein sonderbares -Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück, -wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie -einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem -unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann -durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu -widerlegen; ich sage einfach: _je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr -sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom -Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie -ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie_. - -Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter, -denn unsere Gegner; _wir_ legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu -wirken; _wir_ gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime -für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten -Mitteln. - -Warum thun unsere Gegner nichts für _ihre_ Bestrebungen, _warum bauen sie -jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral_, warum -bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« -nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen -Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« -bleiben? - -_Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That? -Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und -Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?_ - -Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen -ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen _sie_ nicht die Wohnungen der -Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster -tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie -hochschätzenden Gatten? _Wir_ unweiblichen Geschöpfe können das doch -nicht! - -Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die -»sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene, -Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen -jener Unwissenden? - -Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der -Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht? - -Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! -- - -Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf -Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von -Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen. - -Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit -Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«, -raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß -sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren -aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen. - -Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in -meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende -erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen -berücksichtigen. - -Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat -erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine -Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf -einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17 -Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und -die will ich hier wortgetreu wiedergeben: - - 1. - - Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten - stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine - schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn, - das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche - können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung - allens für uns allein. Es grüßt sie - - Frau ....... - - 2. - - Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem - hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich - mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie - können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist - nebenan, ein früstük kostet 10 fennige. - - Alexander ........ - - Maschinist. - -Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich -gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich -im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls -bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen -Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig -guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte -mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des -Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau -und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der -Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der -schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die -fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen -guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, -daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So -mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben -mich aber nie wiedergesehen. - -Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu -der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen -Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte, -ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen. -Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem -Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. -Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben -zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte -an _die_ Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei -tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im -Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat -ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden -standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf -Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel -löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, -Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das -andere. - -_Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu -schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes -alt sein konnte_; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine -mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen. - -Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die -Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich -zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden -Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein -zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine -recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der -Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten -Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten -Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne -anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich -glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen. - -Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils -in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von -4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die -Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der -Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. -Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl, -in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber -reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße -Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas -anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; -meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es -vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute -und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren -Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten. - -Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist -und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung, -Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen -vergaben diese Familien in den seltensten Fällen. - -Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten. - -In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von -wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu -vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte. - -Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen -Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen -an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume -stand. - -»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen. - -»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend -ausgezogen bis in den Korridor hinein!« - -Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank, -die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich, -ich konnte mich des Lachens kaum erwehren. - -Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn -auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte -man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging. - -Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen -Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen, -daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren -Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer -Schlafstelle suchen!« -- - -Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen -wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen, -sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das -Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der -Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute -schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur -Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen. - -Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht -mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind. - -Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und -Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir -richtiger scheint, _sie wollen glauben_, daß dann jedes Schamgefühl im -Mädchen ersterbe, _ersterben müsse_, trotz der hohen Bildung, die es -erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich -möchte sagen: _Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!_ - -Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und -Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der -Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? -Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, _weil -sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts -zusammenführt, denn Sinnlichkeit_! - -Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit -keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die -_akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen -Mutter_ die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die -»edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung -geschlechtlicher Ausschweifungen? - -Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte -bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an -oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern -vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger -verdammenswert! - -Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters -Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer. - -Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die -sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit -und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den -»hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu -entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung -tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen -zu ertränken. - -Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des -Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit -aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen -Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten =vulgo= Spielereien hat, das von -Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken -im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie -- natürlicher und -deswegen moralischer -- dem Schatz gegenüber empfindet. - -Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene -ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum -Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke -fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering. - -Die Fabrikmädchen _lassen sich_ verführen ohne geschminkte Heuchelei, die -feinen Dämchen aber _verführen selber_, d. h. sie reizen den Mann durch -Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen, -daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und -spielen das »keusche Gretchen«. - -Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht -hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche -Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus -des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons« -beliebte Ware sind. - -»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib -die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.« - -»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die -Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen -dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu -erzielen.« - -»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis -ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.« - -»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten -Fällen.« - -»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie -ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.« - -»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal -aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm -den höchsten Zauber verleiht.« - -»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und -eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« -- - -Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch -jedenfalls aus den _feinen Kreisen_ genommen. Wie müßten jene Frauen, die -bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie -uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage -der Fabrikmädchen kämen? -- - - - - -Zehntes Kapitel. - -Religion. - - -Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße. -Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, _wer viel -betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben_. Es ist -auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang -bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig, -fromm sein. _Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel. -Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, -aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind._ Bis -zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden -sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles -wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde: -»Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast -uns nichts mehr zu sagen!« - -_Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an -diesen Zuständen._ Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und -nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie -besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und -»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen -Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen, -ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So -hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen -durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein -Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken -im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, -wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze -rein hieltest!« - -Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche -und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm -Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.« - -Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie: - -»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran, -daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und -erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?« - -Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht -man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?« - -Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat, -den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn -Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen. - -Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst -befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so -schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei. - -Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die -Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für -den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu -gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von -Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu -meiner Äußerung verhielten. - -Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des -Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer -Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne -kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na, -dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden -Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil, -_sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_. - -Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung -vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer, -schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem -gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die -einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten. - -Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in -der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur -Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind -sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein -neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz -am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, -_um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller -Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause -thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um -die Achtung der Schwester nicht einzubüßen. - -_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis, -daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß -die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine -Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige -ist._ - - - - -Elftes Kapitel. - -Sozialdemokratie und Frauenfrage. - - -Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen! - - »..... ich finde nicht die Spur - Von einem Geist, und alles ist Dressur!« - -Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war, -»Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so -waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten -sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_. -Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie -besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den -Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt -selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische -Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_ -oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_. - -Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der -Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten -kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung -des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und -den sozialdemokratischen Führern._ - -Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf -Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle -Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den -Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie -sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid -sprechen. - -»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils -nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich -nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.« - -Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für -jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet -worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings -Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag. - -Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und -öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte -über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer -Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, -die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als -einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war -das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge. - -Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln -die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß -mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder -Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ -gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte. - -_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur -Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin -gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die -in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen -nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie, -wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier -artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus. - -Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den -deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die -Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem -Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen« -könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne -Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen, -_wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die -Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes. - -Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich -hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen -allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, -aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich -nie_. - -Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung -zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge -aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können. - -Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt, -daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner -dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche -Gestalt sei. - -Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath -zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der -ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen -auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind -durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der -sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand. - -Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der -Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder -diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine -Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte -beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu -wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.« - -Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz -Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht -herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren, -wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer -Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei -politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis -dafür. - -Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst -die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich -muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig -Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein -Interesse dafür zeigen_. -- - -Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur -will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der -Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht -kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben -und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus -diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen -Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen -Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure -ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist; -ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer -die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens -Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu -ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen. - -Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend -und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer -Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir -in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den -uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß -die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon -spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So -lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise -ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so -lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den -schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament -zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm -zusammen. - -Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten, -als für die Töchter des Mittelstandes. - -Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie -auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution -ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der -Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange -wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig -wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die -Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in -erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener -Jammergeschöpfe liefern. - -Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und -barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen -erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei -solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und -Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen -System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das -Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das -Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil -der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir -erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend -jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, -worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.« - -Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen -Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht -nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten -Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; -aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre -wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen, -um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden -Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft -bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft -besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte -ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst -des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine -Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so -hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer -sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene -sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne -der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die -Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren -Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?« - -Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der -Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden, -es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=! - -Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution -in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen -Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und -merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine -Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier -nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur -das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_. - -Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«, -sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch -in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen? - -Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen, -litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages -zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der -Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte -an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich -nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich -sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und -da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie -nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?« - -»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert. - -»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist -schon gut!« - -Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ -er sie. - -Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes« -einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit« -sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem -vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und -bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht -geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf -sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld! - -Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit -außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen -Städten Medizinerinnen auftreten. - -_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_ - -»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl -sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da -brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!« - -_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung -keine Ahnung haben._ - -Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu -entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden -und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht -vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel, -durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist -zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. -Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese -»Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat. - -Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß -Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche -sittlich-notwendige Institution_. - -Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle -ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor -allem, nicht Geschriebenes lesen. - -Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12 -Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick -auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen -Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen. - -Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit -allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen; -ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor -der Thür gestanden wäre. -- - -Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht -zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen -und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr -natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als -man meinen sollte. - -Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber, -dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen, -die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt! -Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und -Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über -_jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit -guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg -wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was -einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! -- - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Vergnügungen. - - -Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein, -ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde: -Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen, -die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und -Menschenehre wirken! - -Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen -Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen -kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches -Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der -Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich. - -Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene -Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele -gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen -wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre -Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem -nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher -nicht getanzt hatten. - -Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung -gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren. - -Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem -Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel -zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle -besseren Mädchen. - -Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für -Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der -Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse -finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden, -Tingeltangel und Messeresser. - -Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war -ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle, -und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung -des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen -anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die -Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene -Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil, -=Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das -Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; -die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen -»Beruf.« - -Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«, -ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal -befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden -Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht -ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden -Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die -Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen; -die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei -Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden -halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« -heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein -Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut -wie verloren. - -Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone« -sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs -mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen -anständige Mädels nicht hin«. - -Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines -als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka -40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der -Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche -Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die -wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der -Dirnen zu sein. - -Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder -Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster -verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch, -mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren -muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie -die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor -aller Augen die unsittlichsten Dinge. - -Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des -grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur -Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt -keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen -Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten, -den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle -zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange -bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand. - -Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie -derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig -zusehen. - -Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu -führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem -erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der -Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin« -angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend, -Gift und Pestilenz holen darf? - -Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein -Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den -Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche -herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme -Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene -giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in -ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt. - -Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt -nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich -nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht -nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten -Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige -Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten -abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._ - -Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der -selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er -menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering -sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das -notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts -hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die -Frau!_« - -Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist -und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet -hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine -Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht -genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge -gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen -verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne -einen Beruf ergreifen zu müssen.« - -Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube, -die Millionen haben den Mann so dumm gemacht! - -Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und -die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! -- - -Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement -anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und -Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute. - -Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und -unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier -unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die -Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien, -wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand -hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar -Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das -Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen. - -An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes -Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein -schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien -noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein -»Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den -Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur -noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher -antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein. - -Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes -Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon -viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine -Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar, -das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen -Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu -kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, -ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen. - -Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später -das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen -am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil, -da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das -Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war -»klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine -»dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. -- - -Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das -»Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und -schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren -Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch -hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem -Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte; -ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort, -»ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene -Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen -goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht -einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer -Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, -glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte. - -Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen -keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte -daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf -die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck -gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den -Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und -sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik, -bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal; -gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt, -eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft. - -Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer -Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen -ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für -eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende -Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen. - -Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in -vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und -erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen. - -Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den -Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand -zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in -der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn -doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen -Gegenstand gegeben hätten. - -Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch -nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für -sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder -wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde -zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der -Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie -spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den -großen Gewinn doch nicht fahren ließen. - -Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in -Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen: -_daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so -entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen -der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der -häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Die Hausindustrie. - - -»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben -der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand. -Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und -Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter -die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des -_Gemütslebens_.« - -Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage -in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben -der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die -Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der -Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und -die Kinder ständig zu bewachen. - -Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu -finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen. - -In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h. -immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im -großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer -Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder -andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und -der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die -Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein -gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe -behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen -Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein -Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem -festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden -hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten. - -Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen -und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der -Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich -hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie -im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den -kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die -Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren -Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter -wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien -zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend -und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit -den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie -werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit -starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch -genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen -Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart -wird. - -Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das -Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl -fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen, -neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um -am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich -nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und -gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die -Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches -Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken -kann. - -Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in -den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der -Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll, -sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein -geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit -ist. - -Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die -Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber -zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes -fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie. - -Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie -unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu -bearbeitenden Boden verbietet. - -Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und -Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der -Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief -zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren -Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im -eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den -Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Stellenlos. - - -Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet, -das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und -Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen, -Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach -erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen -in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und -heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch -nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin -entgegensieht. - -Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner -Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt -sich mit dem, was mir die andern erzählten_. - -Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel -Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder -jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu -suchen«. - -Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort -waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich -von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum -Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis -ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer -Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres« -erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas -verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal -glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden -Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und -beladen seid, ich will euch erquicken.« - -»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« - -»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir -gethan.« - -Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die -Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich -als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden. - -Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in -dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten -Bibeln Gebrauch zu machen. - -Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in -absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin -gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich -sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle. - -»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte. - -»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte. - -»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete -sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner« -werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, -wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. -Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte -ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich -mich allenfalls melden könnte. - -»Nu nee,« schnurrte sie. - -»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich -schüchtern zu bemerken. - -»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen! -Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die -bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.« - -Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse -Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und -Stellenlose,« oder so ähnlich. - -»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht -Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.« - -»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig. - -Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier -Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte. - -Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen -erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für -»Arme« zu sprechen sei. - -Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er -blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten -Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So, -so« bereit. - -Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere -Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können -es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir -nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige -Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie -beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie -ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie -wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir, -ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.« - -Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen -_nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und -_unterstützt_ der größere Pharisäer? -- - -Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende -Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem -einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von -Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum -durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend -aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe -aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise -zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie -ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich -meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen -Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie -sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir -wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?« - -»Hefterin«, war meine Antwort. - -Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich -leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten, -gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren -seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit -mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war. - -Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen -ich noch nicht gearbeitet hatte. - -In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht -angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter; -wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf -uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts -nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner -livreeartigen Kleidung. - -»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner -Begleiterinnen. - -»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner, -wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr -fortkommt!« - -Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um -eine Erfahrung reicher. - -In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine -Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte. -Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher -Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen. - -Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie -sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer -Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung -ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um -Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an. -Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in -Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer -geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine -mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter -der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln. - -Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem -Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. -Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte -wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen -Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das -die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin --- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form -gewählt. - -Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde -hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips. -Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende -Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, -gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in -der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand. - -Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann -ein Spiel Karten vor. - -»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich -wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang -merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es -Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach -und meinte dann: - -»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?« - -Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die -»Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich! -Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte -schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie -holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten -Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und -übergab ihn mir geheimnisvoll. - -»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik; -geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, -daß es keiner merkt.« - -Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt -aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief -überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich -dann von Kopf zu Füßen. - -»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die -Stelle sei lila!« - -Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog, -allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner -»Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer -Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich -tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. _Ich sollte ihr, wenn ich -die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und -dem Aufseher den der zweiten Woche._ Ich ging darauf ein und bezahlte -ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark -berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles -in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit. -Darnach sollte _ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich -wöchentlich 2 Mark erhalten sollte_. Man denke sich in die Lage eines -armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür -sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle -Unterstützung findet, _wo_ muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden, -wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die -Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf -anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, _es -muß sich prostituieren_. -- - -An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die -»Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das -arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich -das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen -und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem, -hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien -ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion -elenden, übelriechenden Käse. - -Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung, -saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches -Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung -und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen -Schluck aus seinem Schnapsglas. - -Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes, -beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls -obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem -Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das -dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch -alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee -und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt -blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich -auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an -die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?« - -»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos. - -»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch -siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde. -»Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts -nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!« - -»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich. - -»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch -nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht -zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen, -wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!« - -»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?« - -»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden -entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach -Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch -nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte -eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, -hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit -zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede -Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht -wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!« - -Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie -noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser -wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die -Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch -nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, -wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich -thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's -schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich -durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen -Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so -leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie -mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. -Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und -spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. -- - -Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das -»segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose, -die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu -erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller -Suppe zu reichen! - -Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen -Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an _Eure_ Wände -schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände: -»Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld -einbringen.« - -Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes -der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der -scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar -oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere -Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem« -Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich -Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die -Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten -brave Menschen sein. - -Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen -zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren -Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine« -thun _zu wenig_, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen, -_zu viel_, um die Mädchen heranzuziehen. - -Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder -Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung -in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht -bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so -kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu -bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will -- sie kann -es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt -worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert -und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können -- sehe sie nun, wie -sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, -sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das -arbeitslose, aber _anständige_ Mädchen, so gern übersah. - -Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der -Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und -um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art -der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es -findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die -alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen: -_moralischer Tod_ oder _leiblicher Tod_! - -Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen -unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht -und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen -nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen -Schutz findet -- so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und -Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur -energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen _aller_ Frauen gegen die Gesetze, -die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und -zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt -zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen -in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende -Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der -Prostitution in die Arme läuft! - -An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel -denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter -geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit -leben können! Vor allem aber _an alle die tausend und tausend Frauen, -die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, -Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen -»Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes_, an sie -wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, -reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der -ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab -in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort -steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige -Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und -daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten -im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß -das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr -zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt -sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr -hinauf-, sondern herabsehen kann! -- - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Verschiedenes. - - -Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die -ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen -als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend -beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu. - -Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall -zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der -Arbeit betrachte, ist die enorm _häufig auftretende Kurzsichtigkeit der -Mädchen_. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine -große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt -habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in -den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung -die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig -blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden. - -Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden -vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen -Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem -angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten -Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht -beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle -die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, -bestätigten mir meine Vermutungen. - -Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen -trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen -arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe -über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft -stemmen muß. _Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende -Fehlgeburten._ Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß -sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit -acceptieren, »um alles los zu werden«. - -Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen -hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird -zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich -befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste -so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf -diese Weise noch verschlimmern. -- - -_Leider_ sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage -»leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben -würde, das _des Essens von Kaffeebohnen_. - -Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die -den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und -tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und -elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen -verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils -einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine -meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter -Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach -»neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn -sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer -zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. -- - -Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie -gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen -ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille -an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte -glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit -zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht -von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den -heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus -zu sein, ja, _sogar eine Dummheit_! So sagte mir einmal die eine: »Ich -bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!« - -Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen. -Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre -des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen -Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch -Unreinlichkeit! - -In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein, -die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade -schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald -aber mit Freuden thun würden. -- - -Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes -Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter -ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine -»Freundlichkeit« reichlich vergolten. - -Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen, -mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als -ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der -Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm -meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte, -wurde blutrot und bald bleich -- und verschwand plötzlich, ohne nochmals -zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie -wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen -Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner -Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der -Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte -Kinder scheuen das Feuer!« - - - - -Schlußbetrachtungen. - - -Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man -- wenn man irgend einen -Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt -- ersehen, daß die -Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur -mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und -Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille -Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen -geweinter Thränen herbeigeführt! - -Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem -Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten! -_Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der -Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen_; das weibliche Geschlecht muß -einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend -und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen -nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen! - -Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in -Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren -Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun -im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl _der_ Frauen, die dahin vegetieren, -murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um -sich die Hände wund zu reißen an den Ketten! - -Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein -anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? _An -den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen_, an denjenigen, die der -Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an -ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit! - -Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die -Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt -gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit -zeitigt die krassesten Auswüchse -- der Tag der Frauenrebellion wird -kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als -Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er -dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann -werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die -französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben, -sondern korrumpiert werden! -- - -Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die -Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit -vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht -scheuen! - -Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu -tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um -Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für -Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder -Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es -guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit! - -Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da -wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der -Mode gekleidet zu gehen! - -Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all -Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt, -sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet, -wenn sie Unglücklichen helfen kann! - -Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die -vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam -aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus -dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches -Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde -gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung -fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg -uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll! - - -Druck von _H. Ginzel_, _Berlin_ =W.=, Yorkstraße 43. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" -- "Mietzins, -"Roheit" -- "Rohheit", "Überzeugung" -- "Ueberzeugung", jedoch mit -folgenden Ausnahmen, - - Seite 13: - im Original "was uns gerade erreichbar war" - geändert in "was uns gerade erreichbar war." - - Seite 13: - im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter" - geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter" - - Seite 44: - im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur" - geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur" - - Seite 50: - im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe" - geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe" - - Seite 66: - im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit" - geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit" - - Seite 68: - im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen" - geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen" - - Seite 97: - im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner" - geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Leiser</span><br /> -<span class="fsxs"><i>N.O.</i> Barnimstraße 20.</span></p> - - - - -<div class="mw36 pb"> -<p class="ci mt6">Meinem geliebten Mann, Herrn <i>Dr. jur.</i> <em class="ge">Oscar Wettstein</em>, -gewidmet in herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung -in meinem Unternehmen.</p> - -<p class="si">Die Verfasserin.</p> -</div> - - - - -<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr> - <td> </td> - <td> </td> - <td> </td> - <td class="tdr1 fss">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3">Vorwort</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3">Einleitung</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_005">5</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">1.</td> - <td class="tdc"> Kapitel. </td> - <td class="tdl">Die materielle Lage der Arbeiterinnen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_008">8</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">2.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Nahrung und Kleidung der Arbeiterin </td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_013">13</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">3.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Arbeit, Beruf, Vergangenheit</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_018">18</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">4.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Sittliche Zustände</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_024">24</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">5.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Sparsamkeit und Ehrlichkeit</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_035">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">6.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Die Ehe</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_042">42</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">7.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Die Stellung des Mädchens</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_048">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">8.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Seßhaftigkeit und Versicherung</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_052">52</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">9.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Wohnungen und Schlafstellen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_056">56</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">10.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Religion</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_068">68</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">11.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Sozialdemokratie und Frauenfrage</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_071">71</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">12.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Vergnügungen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_080">80</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">13.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Die Hausindustrie</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_088">88</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">14.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Stellenlos</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_091">91</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">15.</td> - <td class="tdc">"</td> - <td class="tdl">Verschiedenes</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_102">102</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3">Betrachtungen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_106">106</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Vorwort.</h2> - - -<p>Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv -entsprungen, denn man annehmen wird; sie sollen lediglich ein -Beitrag zur Frauenfrage sein, sie sollen die Bewegung auch in -den unteren Schichten fördern.</p> - -<p>Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach -Gelegenheit gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen -unter den Kämpferinnen, auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm -anfangen zu bauen, d. h., sie berücksichtigen bei ihrem Streben -immer nur das Frauenstudium und die Gleichberechtigung mit -dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, um die -Frauen dort kennen zu lernen. <em class="ge">Auch ich will Gleichberechtigung -mit dem Mann</em>; aber so lange Tausend und -aber Tausend von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung -schmachten, muß erst diesen geholfen werden, ehe man die <em class="ge">verhältnißmäßig</em> -noch gut dastehenden Oberen unterstützt.</p> - -<p>In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch -als Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate -Fabrikarbeiter und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, -Leipzig, den Weg gewiesen; ihm verdanke ich die Idee, er war -mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift war, gleich -Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich -mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich – in Berlin – -Spandau die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die -Direktion der fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine -Pulverfabrik, mit der Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -mein Verlangen, ebenso ein Gesuch an den Herrn Kriegsminister, -blieb unberücksichtigt. Aus welchen Gründen mir der Eintritt -in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann ich nicht begreifen; -daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der Behandlung ihrer -Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht denken.</p> - -<p>Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer -Berliner Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte -Material finden, mir war es um eine <em class="ge">typische</em> Arbeiterbevölkerung -zu thun.</p> - -<p>Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem -Besitzer eines großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der -Königstraße, den ich als seine Kundin kennen und schätzen gelernt -hatte, vertraute ich mich an, weil ich wußte, daß dieser Herr mit -den größten Chemnitzer Fabriken in Geschäftsverbindung steht, -und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen vermitteln würde. -Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen hatte -ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in -die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu -wählen brauchte.</p> - -<p>Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken -verschiedener Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem -Lande, um die Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie -kennen zu lernen.</p> - -<p>Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute -des Tages zur Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig -koncentrierte, um möglichst viel zu erfahren. Ich bin -Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit meinen Arbeits-Genossinnen -zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle Vergnügungs- -und Tanzlokale besucht.</p> - -<p>Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein -<em class="ge">apodiktisches</em> Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde -versuchen, stets objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es -<em class="ge">vielfach, nicht nur hie und da</em>, gefunden habe, und bemerke -noch, daß ich hier <em class="ge">nur</em> von der sächsischen Arbeiterin spreche.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei -denen hervorrufen wird, die seinerzeit Göhres Werk angriffen als -»ein feiges Sicheinschleichen in das Vertrauen des harmlosen -Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich habe jene <em class="ge">schweren</em> -Monate <em class="ge">nur zum Wohle meiner leidenden Geschlechtsgenossinnen</em> -durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was -ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd -gewesen, gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen -Vergnügungen nachzugehen.</p> - -<p>Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, -vor übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der -schweren körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.</p> - -<p>Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir -als Beschützer stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein -aufmunternder Zuspruch, sein Anspornen, schützten mich oft vor der -Rückkehr; ihm verdanke ich es, daß ich das Unternehmen bis ans -Ende ausführte.</p> - -<p>Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, -erfüllt mich nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte -Wunsch, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen sei.</p> - -<p>An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die -dringende Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, <em class="ge">wo</em> Hilfe -am dringendsten Not thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser -sein, um vorzudringen im Dunkel des Elendes, der teilweisen -Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im Luxus und im -Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die -Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, -das eines Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut -einmal <em class="ge">wirklich</em> Gutes, das mehr Segen bringen wird, denn -Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! Denn:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der täglich sie erobern muß!«</td></tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Einleitung.</h2> - - -<p>Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten -Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer -und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.</p> - -<p>An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum -ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. -Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen -Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend, -ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald -hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude -in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo -die Hefterinnen beschäftigt sind.</p> - -<p>Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch -ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa -fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben -wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin -war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte, -kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach -an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu -benehmen hatte.</p> - -<p>Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen – übrigens -die Hübscheste aus der ganzen Fabrik – aber mit unsagbar -frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an -mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich -wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen -schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich, -eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. -Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, -da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen -ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste -Häuslichkeit gewinnen konnte.</p> - -<p>Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede -an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über -ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits -einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer, -als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.</p> - -<p>Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, -die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton -ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen -Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte. -Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander -und mit den Vorgesetzten <em class="ge">besser</em> und <em class="ge">höflicher</em>, -denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen -und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.</p> - -<p>Glücklicher Weise erging es mir in der <em class="ge">ersten</em> Fabrik so gut, -denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken -an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, -ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.</p> - -<p>Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, -gefunden, daß, <em class="ge">je gröber und schwerer die Arbeit, je -roher auch die Menschen waren</em>. Alle die Mädchen, mit -denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, <em class="ge">waren -grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung -gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten</em>.</p> - -<p>Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand -ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche -Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt -nicht für möglich gehalten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, -wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, -schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden -Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche -typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man -ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder -grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies -mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und -dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. -Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind -wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als -es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Erstes Kapitel.</span><br /> - -Die materielle Lage der Arbeiterinnen.</h2> - - -<p>Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, -nicht in <em class="ge">einer</em> Fabrik und noch weniger in <em class="ge">einem</em> Saal gearbeitet -habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung -gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war, -verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen -Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½ Monaten -mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre -erfahren würden.</p> - -<p>Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz -gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen -Zeit fand ich <em class="ge">nicht eine</em>, die aus einer andern Provinz Deutschlands -stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort, -daß ich <em class="ge">nur von der sächsischen Arbeiterin</em> spreche.</p> - -<p>Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater -als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, -Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.</p> - -<p>Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik -gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten -die Hefterinnen z. B. wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, -und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet, -nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt -wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. Natürlicher -Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine -Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem -Zustande.</p> - -<p>In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen -bis zu 9 Mark pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe -erhielten wir 19 Pfennige; wer am frechsten war und den aus -der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm, -hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab es ein bleiches, -mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen -seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige -Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht -ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte -diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die -unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, -trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie -glaubte, ich sei in großer Not.</p> - -<p>An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern -Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese -Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher -Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60 Pfennige bis -zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld -wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich; -sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und -schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit -Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.</p> - -<p>Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; -und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, -die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern -Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und -standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten -schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich -an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein -mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl -jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun -finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber -nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht -giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie -in ihre Kleidertasche und reichte mir – einen Nickel! Ich war -sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das -ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. –</p> - -<p>Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin -zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und -uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu -gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt -ich – glücklicherweise – abschlägigen Bescheid, während meine -Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.</p> - -<p>Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; -die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten -im Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die -in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war -aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen -in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen -Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was -die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den -Kauf nahmen.</p> - -<p>Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei -unter den Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. -In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, -d. h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder -Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige -entrichtete.</p> - -<p>In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, -herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es -schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen -dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise -waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend -fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber -nur für die vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten -Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. -Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen Ballen, so mußte die -Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte -Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die -Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum -Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. -Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen -murrend zur Arbeit zurück – und alles blieb beim alten! An einen -Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu -streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie -knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen -vorzugehen.</p> - -<p><em class="ge">Und das eben mache ich den arbeitenden und -erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf, -daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl -einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare -Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit -stark.</em></p> - -<p>In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich -10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, -die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente -bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von -1 Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4 -bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war -aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die -wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, -denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark -pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. -Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes -Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche bestehend; so -fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert -wesentlich das Budget des Haushaltes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, -die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist -sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet -haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben -wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt -oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die -Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Zweites Kapitel.</span><br /> - -Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.</h2> - - -<p>Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, -einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum -mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der -primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im -Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf -dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen -das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben -über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, -wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr -abgehetzt und weniger erholt als <em class="ge">vor</em> der Mittagspause an die -Arbeit zu gehen.</p> - -<p>Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf -Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit -einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die -Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich -jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem -sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.</p> - -<p>Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen -Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir -uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine -Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was -uns gerade erreichbar war.</p> - -<p>Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf -Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -oder Erbsen; <em class="ge">Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht -bei einer einzigen gesehen</em>. Diejenigen, die den größten -Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen -Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes -Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; -die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes -und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper -langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren -Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk -figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender -grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen <em class="ge">vor der -Löhnung</em> wurde zur Mittagsnahrung <em class="ge">vielfach</em> nur solcher Kaffee -mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten -Salz streuten.</p> - -<p>Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber -trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den -besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur -Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon -erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise -und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern, -daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die -gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.</p> - -<p>Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise -war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich -wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, -je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.</p> - -<p>In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich <em class="ge">niemals</em> eine -Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.</p> - -<p>Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, -waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, -Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter -den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus -zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern -verkehren.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen -oder Erbsen, ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein -Stück Corned beef dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller -Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen, -werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.</p> - -<p><em class="ge">Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, -sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel -dazu hätten.</em></p> - -<p>Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die -Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, -derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht <em class="ge">beständig</em> -so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln -zu verzehren.</p> - -<p>Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit -nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, -meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln -und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt -zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die -Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat -insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen -speisen können und die ganze Familie beisammen ist.</p> - -<p>Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen -bedeutend besser essen <em class="ge">könnten</em>, wenn sie nicht alles an ihre -Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede -menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein -hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am -Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!</p> - -<p>Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock -und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in -nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes -Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen -auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche. -Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine -immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck -geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so -manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch -nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu -können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit -Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre -Dummheit entgegentreten; <em class="ge">hier ist allein thatkräftige Aufklärung -am Platze</em>.</p> - -<p>In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen -die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit -tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, -ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen -und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein -Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen -ist, daß die Arbeiterinnen sich <em class="ge">nur</em> im »Garderobenzimmer« -anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten -Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene -Kleidung Witze machend.</p> - -<p>Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, -Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und -eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur, -vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel -sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand, -des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor -hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt -zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, -so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; -dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.</p> - -<p>Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht -zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, -dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an; -Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich. –</p> - -<p>Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem -Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen -nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten. -Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den -gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben -die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und -Spangen, ja, <em class="ge">viele tragen zur Taille passende Schleifen -im Haar</em>.</p> - -<p>Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der -Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, -als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen, -die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht -roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich -nicht finden.</p> - -<p>Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine -Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in -den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern -der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des -Zweideutigen bewegten.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Drittes Kapitel.</span><br /> - -Arbeit, Beruf, Vergangenheit.</h2> - - -<p>Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, -hatten entweder vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, -das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren -entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die -wenigsten.</p> - -<p>Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch -unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften -zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein -elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; <em class="ge">sie lieferten -das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen</em>. Diejenigen, -die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien -stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere -machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten -schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 -Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren -Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts -an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im -allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft; -die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen -größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich -erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die -»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche -sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.</p> - -<p>Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung -auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen -mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. -Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin, -die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn -sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.</p> - -<p>Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen -bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen -haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und -lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.</p> - -<p>In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in -schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und -ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend. -Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell -und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders -aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf -Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten -Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh -verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle -füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in -Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt -werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, -da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der -fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen, -daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht -in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin -verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg -schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale -alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie -sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck -hervorruft, als stritten sie miteinander.</p> - -<p>Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen -noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, -während der Arbeit laut zu singen, und zwar <em class="ge">innige Volkslieder</em>.</p> - -<p>Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins -Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende -Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; -Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen -auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.</p> - -<p>Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders -solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge -weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen -können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund -liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren -bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie -während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze -bekommen haben.</p> - -<p>Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte -mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit -zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang -an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub -gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung, -die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung« -nicht verdienen – und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich, -gesund, munter, lebenslustig!</p> - -<p>Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; <em class="ge">ich</em> hätte -das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils -von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee; -erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit -Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand -das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr -aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Lohn, das gleiche schlechte Essen – und doch die zähe Zuversicht -zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!</p> - -<p>Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder -Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht -eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die -Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn -gefallen lassen.</p> - -<p><em class="ge">Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle -Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die -»schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden -niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! -Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu -Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die -Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich -werden kann?</em> –</p> - -<p>Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, -<em class="ge">sie ist nichts weniger, denn eintönig und -schablonenhaft</em>. Bei den komplizierten türkischen Mustern -muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen -Farben gewechselt werden, <em class="ge">sie muß denken und -kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre -Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit -mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die -Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von -Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen -in Erwartung des erlösenden Ritters.</em> –</p> - -<p>In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, -von 8-8½ Uhr ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; -um 4 Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um -dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. Sonnabends -½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis -6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu -ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl -weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, -<em class="ge">Unfälle bei der Arbeit</em> dagegen sehr häufig. So -passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen -Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe -heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich, -zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte -sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie <em class="ge">drei -volle</em> Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. -Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen, -die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen -der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine -die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers -aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn -bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen -müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten -vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten -Ware verbergen lassen.</p> - -<p>Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; -die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; -sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat, -werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder -Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die -Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes, -der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer -Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene -Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt -als Dung zurückwiesen, <em class="ge">weil er zu viel Tricotstoff enthielt</em>. -Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein -für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig -verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen. -Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer -schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren, -und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren -Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit -Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der -jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir -oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden -mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein -Unterkleid hätte anfertigen können!</p> - -<p>Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen -und Artikeln betonte: <em class="ge">wenn Mädchen mit guter Bildung, -aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn -eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt, -die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin -anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge -stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder -Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern -die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche -Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand -aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen, -leiten, auszahlen – und unterdrücken.</em> Das ist es eben, -was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von -Mann und Frau vergessen: <em class="ge">daß die Frau der oberen Stände -nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren -Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt« -wird</em>! –</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Viertes Kapitel.</span><br /> - -Sittliche Zustände.</h2> - - -<p>Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten -gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich -halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der -Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig. -Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert, -weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.</p> - -<p>Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer -gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete -Contingent gemeint; fast überall – und ich habe <em class="ge">genaue</em> Informationen -angestellt – bleiben sich Mann und Frau <em class="ge">beide</em> in -der Ehe treu oder <em class="ge">ein jedes</em> geht seiner Wege. Daß es natürlich -auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind -thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.</p> - -<p>Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die -Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, -den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz -harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat -oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner -ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht -mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber <em class="ge">lediglich deswegen, -weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien -sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und -putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben -zeigen</em>. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür -aus die Mutter nach.</p> - -<p>Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit -Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem -Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau -und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz -vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.</p> - -<p>Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe -sind, zeigen sie <em class="ge">tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig -betriebene Unzucht</em>, und ganz speziell für solche Mädchen, -die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen -Garderobe, Schmuck, Wäsche, <em class="ge">bezahlen aber lassen sie sich -ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken -bleiben</em>.</p> - -<p>Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen -<em class="ge">freien</em> Verkehr <em class="ge">aus Liebe</em> nicht für unsittlich, sondern für -<em class="ge">natürlich</em> halten, für <em class="ge">Befriedigung eines Naturtriebes, -der nie zum Erwerb herabsinken darf</em>.</p> - -<p>Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient -hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen -worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne -Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit -angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage -zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir -gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder -grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen -Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem -gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine -Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« -meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht -mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«</p> - -<p><em class="ge">Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung -gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten -und Lieutenants</em>; was dazwischen liegt, wird weniger -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -scheel angesehen, <em class="ge">weil die Möglichkeit vorliegt, von einem -Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden</em>.</p> - -<p>Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, -wie sie <em class="ge">Schreiber</em> und <em class="ge">in Bureaux arbeitende Kaufleute</em> -nennen.</p> - -<p>Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa -30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den -Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel -weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch -verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, -wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, -damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran -bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die -Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie -doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, -als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«</p> - -<p>Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen -Kaufleute recht wohl begreifen, ja, <em class="ge">so lange ich Arbeiterin -war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen -Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils -Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen -sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht -zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische -Verleumdung beim Direktor, boshafte -Unterdrückung und Chikanen</em> <b>der Sozialdemokratie in die -Arme treiben</b>, <em class="ge">umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische -männliche Fabrikpersonal die Mädchen -besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt</em>, -als es die anderen thun.</p> - -<p>Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der -Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit -im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald -erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren -Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer, -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem -Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit -goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen -Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen -auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu -meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte -Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.</p> - -<p>Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, -stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das -eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, -ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone -zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem -Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch -dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.</p> - -<p>Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und -Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in -lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.</p> - -<p>»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie -geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. -Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine -ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so -einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem -Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die -Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher -kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«</p> - -<p>Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, -was ich ihm alles sagen würde.</p> - -<p>»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch -dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! -Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich -dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch -nichts gesagt!«</p> - -<p>»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er -fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme -langt!«</p> - -<p>Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm -zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen -mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen -gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich -nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde -saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: -»Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich -leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl -noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit -Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können -mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, -S–straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der -Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«</p> - -<p>Ich bejahte.</p> - -<p>»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie -sich hübsch an, wenn möglich eine etwas <em class="ge">dekolletierte Taille</em>. -Wo wohnen Sie denn?«</p> - -<p>Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen -zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.</p> - -<p>»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er -ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür -sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts -davon, <em class="ge">die sind neidisch</em>.«</p> - -<p>Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon -zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen -traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.</p> - -<p>Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er <em class="ge">frug</em> -nicht einmal, ob ich sein Schatz werden <em class="ge">wolle</em>, er beorderte mich -einfach zu sich, wie eine Sklavin.</p> - -<p>Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war -mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn <em class="ge">er</em> da -drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in -ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, <em class="ge">wie</em> ich mich rächen -könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte -damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, -was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!</p> - -<p>Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal -betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.</p> - -<p>»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, -Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«</p> - -<p>Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.</p> - -<p>»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es -an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« -rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede -thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz -giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er -wohl auch!«</p> - -<p>Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute -los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. -Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, -das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie -ihm <em class="ge">nicht</em>, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch -Intriguen so zu leiden, daß sie gehen <em class="ge">muß</em>, wird sie nicht gleich -entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen, -um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? -<em class="ge">Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos -geworden sind?</em> Der Staat sicherlich nicht!</p> - -<p>Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, -daß die Frau von der Natur aus schon unter den Schutz -des Mannes gestellt sei. O, über dies heuchlerische Glaubensdogma -des männlichen Schutzes! Wer schützt die armen Fabrikmädchen -vor Ausbeutung, Überanstrengung und vor der Willkür ihrer -Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene heldenhaften -Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, -die es aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und -<em class="ge">reich</em> ist, mit einem Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit -bietet, eine »gute« Partie zu machen! Merkwürdig, daß -die Herren Theologen, die ihren Nächsten lieben wollen wie -sich selbst, nicht <em class="ge">hier reformierend</em> eingreifen, statt für die -Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die Ferne schweifen, -sieh', das »Schlechte« ist so nah!« –</p> - -<p>Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in -der ich arbeitete; dort war ein junger Prokurist, <em class="ge">der wußte, -wer ich war</em> und infolge dessen freundlicher mit mir war, -als mit den anderen Mädchen. Am dritten Tage frugen mich -ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon Kost und Logis?« -Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja so -freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem -möblierten Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem -kommts auf ein paar Mark nicht an.«</p> - -<p>Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz -traurig, daß ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; <em class="ge">und das -waren Arbeiterinnen auf dem Lande</em>. –</p> - -<p>Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat -einen Schatz, schon mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen -Schatz hat, muß ganz unsagbar häßlich sein oder irgend ein -körperliches Gebrechen aufweisen, das ihm dies verbietet; sonst -sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der Unmöglichkeit.</p> - -<p><em class="ge">Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter -Begriff</em>; ist der Schatz beim Militär, verreist oder längere -Zeit krank, so nehmen sie flugs einen anderen.</p> - -<p>Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, -zum Tanz, den Beschützer und vor allem – denjenigen, -der ihnen Schmuck, Bänder und andere Dinge schenkt -und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.</p> - -<p>An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, -trotzdem dies oft vorkommt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der -Inspektoren eine Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater -werden sollte; man sah dabei in ihm weniger den Ehrenmann, -als den Gutmütigen. –</p> - -<p>Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine -Witze gemacht; es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art -angebracht wurden.</p> - -<p>In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen -in schamlosen, wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, -wie ich zuvor in meinem ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.</p> - -<p>Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht -wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten -war, <em class="ge">das waren die verheirateten Frauen</em>. Neben mir -saß eine etwa 30jährige, kinderlose Frau, die so unglaublich -verkommen war, daß sie, sobald ihr etwas von Seiten ihrer -Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke emporschlug und einen -gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz unglaubliche -Redensarten führte.</p> - -<p>Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! -Ich fand hier eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht -zu beschreiben ist, die meisten dieser Mädchen schienen jedes -Schamgefühles bar.</p> - -<p>Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier -nicht lange aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie -suchen andere Arbeit.</p> - -<p>Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen -aus folgendem Vorkommnis machen.</p> - -<p>Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte -ich mehrere Male die Retirade auf. Als ich zum dritten -Mal eintreten will, stürmt eine der Directricen auf mich zu, -reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie S..... -Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, -Sie haben wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« -(Der vorhergehende Tag war ein Sonntag gewesen.)</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart -verloren habe, so war es da; ich starrte die Person -entsetzt an und war so vollständig verblüfft, daß ich mich nicht -vom Fleck rühren konnte. Ich hatte nur ein Gefühl unsäglichen -Ekels vor der Directrice, die sich nicht entblödete, <em class="ge">als -Mädchen</em>, vor allen umstehenden Arbeitern, <em class="ge">so etwas</em> zu sagen.</p> - -<p>Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, -gerade da, als ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und -Verkommenheit giebt, erlebt zu haben. Ich danke dem Himmel, -daß es nicht am ersten Tage war!</p> - -<p>Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher -und keineswegs roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit -meiner Behauptung, daß die Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend -wirkt, die Handarbeiterinnen jedoch immer sanfter, -<em class="ge">äußerlich</em> wenigstens gesitteter bleiben. –</p> - -<p>Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der -Mädchen zu erwerben, ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung -eingeladen. Die Mädchen benahmen sich nett, unauffällig -und ruhig, waren in Essen und Trinken bescheiden und -dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach an mich, -um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie sich -geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name -als Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants -haben oder sie geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir -nicht mehr mit ihr!« Auch nur annähernd die Wahrheit aber -ahnte keine einzige. – Schon der Umstand, daß ich eine Uhr -besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine zweifelhafte Moral.</p> - -<p>Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich -einen Schatz besitze.</p> - -<p>»Ich hatte einen,« erklärte ich.</p> - -<p>»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.</p> - -<p>»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines <i>Doctor juris</i> -wenigstens in der »Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«</p> - -<p>Aber da kam ich gut an.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter -Laffe! Na, da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die -Feine spielen! Wollen Sie sich hier keinen neuen Schatz suchen?«</p> - -<p>Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und -wie sie das aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; -eine jede hatte in ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder -Schwager, der »schatzlos« war, der zu mir »prächtig« paßte, mit -dem ich schon auskommen würde, der nicht knauserte u. s. w., -und den sie mir nun in der verlockendsten Weise beschrieben, mir -seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß ich ihnen bald so -»nahe« treten würde.</p> - -<p>Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang -meiner Broschüre sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber -war, und den ich schon oft bei ihr gesehen und gesprochen hatte. -Den schlug sie mir nun auch vor und fügte hinzu: »Gleich, wie -er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie könnten sein Schatz -werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie sitzen läßt, -er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau anfangen, -heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von -seinem Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon -die Gewißheit zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.</p> - -<p>Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, -erwartet wohl ein gleich elendes Dasein, wie das Deine! –</p> - -<p>Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich -hatte es immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten -Fabrik, wo ich der Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen -Töchterchen berichtete. Als ich angab, daß es in Kost sei, waren -die meisten sehr ungehalten darüber; eine gute Mutter, sagten sie, -behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es auch nur am Abend -zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, wo der -Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. –</p> - -<p>An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die -Kaserne als nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft -immer bereit, uns ihre Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -meine Genossinnen sie gar nicht beachteten; gewöhnlich fiel unsere -Frühstückspause mit irgend einer Pause in der Kaserne zusammen. -Die Soldaten, und noch mehr die Unteroffiziere, standen dann -am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten Nelken oder anderen -Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, die ihnen am -besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein schwarzlockiger -Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. -Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben -zu erwecken, als könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen -erfahren; ich wies sie deswegen ab, so oft es von vornherein -anging, ohne den Argwohn der Mädchen zu erregen.</p> - -<p>Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen -aus der Appretur auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier -abzutreten, falls ich ihn nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei -jetzt in Dresden Soldat und sie möchte doch gern bis zum -nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter haben. Ich habe sie -auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, aber seit der -Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. –</p> - -<p>Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man -muß die Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man -muß sie streng, <em class="ge">je nach ihrem Beruf</em>, trennen. <em class="ge">Hier giebt -es keine goldene Mittelstraße, nur entweder grenzenlose -sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei dem -Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen -geradezu bewunderungswürdig anständig zu nennen ist.</em></p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Fünftes Kapitel.</span><br /> - -Sparsamkeit und Ehrlichkeit.</h2> - - -<p>»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; -wenn wir dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, -so müßten diese in ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; -denn sie kennen den Begriff Sparsamkeit überhaupt nicht.</p> - -<p>Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie -sparen sich die ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um -sich ein hübsches Kleid zu kaufen, sie essen lieber die ganze Woche -trocknes Brot, um des Sonntags Bier zu trinken.</p> - -<p>Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, -sie wollen alle einmal damit anfangen, aber keine einzige führt -es aus. Sie haben auch nicht den geringsten häuslichen Sinn, -sie leben in den Tag hinein, unbekümmert um das, was die -Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so geben sie aus, -haben sie keins, so hungern sie.</p> - -<p>Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit -einem Spaziergang ins Feld hinaus würden sie sich in keinem -Fall begnügen. So kam ich einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, -von der ich genau wußte, daß sie seit Wochen kein Fleisch -gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, ich frug den Mann -erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.</p> - -<p>»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau -und Kindern vor <em class="ge">einem</em> Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. -Die Kinder wollen trinken, man kriegt Durst vom Weg, am -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne einen Nickel -hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann -man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«</p> - -<p>Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah -er sich in dem engen, übelriechenden, feuchten Hof um.</p> - -<p>Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause -bleiben, als nur spazieren zu gehen.</p> - -<p>Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie -in die Ehe treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich -als Mädchen mit ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel -weniger erst, wenn sie für andere mitsorgen sollen!</p> - -<p><em class="ge">Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in -der Frauenbewegung</em>, die Mädchen jener Kreise, die am -schnellsten, häufigsten und in größter Armut heiraten, zur Sparsamkeit, -zur Ordnung und zur Häuslichkeit anzuhalten; hier müßten -überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen gegründet werden, in -denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterrichtet -werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung ordentlich -kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so sehr -vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man -bedenke nur einmal, <em class="ge">wie</em> die verheirateten Arbeiter oft essen, -lediglich durch die völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem -Manne, der elf Stunden schwer gearbeitet hat, einen halbgaren -Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den der wohlgenährte -Hofhund der Fabrik verschmähen würde.</p> - -<p>Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus -Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, -meist zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse -stark in Anspruch nimmt.</p> - -<p>Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom -Wochenlohn für sich zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse -an Bier und Cigarren. In diesen Kreisen ist <em class="ge">das Rauchen</em> -ein <em class="ge">sozialer Schaden</em>; es hemmt zuweilen den Aufschwung -einer ganzen Familie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier -doch durch ein kleines Beispiel beweisen.</p> - -<p>In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, -sollte für die beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft -werden zum Preise (Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. -Allein die Mittel langten nicht, trotzdem der Händler wöchentliche -Abzahlung von nur Mk. 3 beanspruchte. <em class="ge">Der Mann aber -rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er wöchentlich -Mk. 2 (!!) brauchte.</em></p> - -<p>»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von -dem, was Sie rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. -»Dann könnten Sie ganz gut jede Woche 2 Mark abzahlen, -wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier trinken!«</p> - -<p>Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, -aber das Rauchen konnte er doch nicht lassen – und das Bett -wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf bekam das älteste Kind -Diphteritis, dann das jüngste, <em class="ge">das die Krankheit erhalten -hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen -liegen mußte</em>. Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte -erhalten bleiben; jetzt hat es sein eigenes Bettchen, das die -Geschwister ihm eingeräumt, die nun unter der Erde schlafen. Der -Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf machte, daß -die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat sich -aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät -ist, raucht er nicht mehr. –</p> - -<p>Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim -Einkauf von Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre -drei Kinder Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer -um den Vater. Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle -Kleider zu 6 Mark pro Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark -für das kleinere Kind.</p> - -<p>Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere -Arbeiterin kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein -hübsches schwarzes Kleid, Handschuhe und einen recht netten -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Strohhut mit schwarzer Perlengarnitur; selbstverständlich war das -ihre Sonntagstoilette. Ich wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, -aber ich hielt sie für eine der bestangestellten Frauen.</p> - -<p>Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und -sagte dann: »Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, -am nächsten Sonntag ist Pfingsten, da will ich doch die Trauer -ablegen!«</p> - -<p>Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur -Garnitur; sie bat mich (es war überall herumgekommen, daß ich -Putzmacherin sei), mit ihr nach Hause zu kommen und ihr den -Hut gleich zu garnieren.</p> - -<p>Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste -Kind heulend in seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich -am Fußboden herum. Das erste Begrüßungswort der Kinder -war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so Hunger!« Die Frau -verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte dann in -ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, -geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«</p> - -<p>Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze -Woche wenig verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte -mir zwanzig Mark, <em class="ge">da mußte ich doch erst die Kinder und -mich ordentlich kleiden</em>. Die Leute reden gleich, lieber hungere -ich und kleide mich und die Kinder gut.«</p> - -<p>Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche -Tricot- und Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. -Ich hätte ihr mit der gleichen Quantität Kleider <em class="ge">meines</em> -Töchterchens nicht aufwarten können; die ältesten, sechsjährigen -Zwillingsmädchen hatten fünf noch vollkommen intakte Stoffkleider -und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste Kind war -schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß -Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder -hatten mehr denn auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen -neue, und sie hatten nichts zu essen! Und was sah ich noch alles! -Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich mußte erst Zwirn holen, -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war ungefüllt, -Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. <em class="ge">Es fehlte -an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig -ist</em>, während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe -Frau saß zu Hause und häkelte kleine Kragen für die Kinder, -während diese hungernd nach einem Teller Suppe lechzten. <em class="ge">Und -diese Zustände habe ich nicht einmal, sondern oft -getroffen.</em></p> - -<p>Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches -trauriges in den Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die -Unehrlichkeit, wenn nicht gar direkten Diebstahl. Wo nichts ist, -soll etwas hinkommen, die Gelegenheit ist vielleicht günstig, warum -lassen, was auch andere thun – so kommt es, daß das Stehlen -in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen <i>en vogue</i> ist, und -ganz speziell <em class="ge">bei den verheirateten Frauen</em>.</p> - -<p>Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als -Schande, man stiehlt offen vor den anderen Mädchen, denn sie -klatschen nicht und spielen nicht die Verräterin. Es wurde massenhaft -Garn gestohlen, immer in kleinen Docken; die Frauen verstricken -es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei Farben tragen. -Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den Hefterinnen -zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, die -sie in ihre Sonntagskleider heften.</p> - -<p>In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr -oft Handschuhe entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, -schwarze oder Tricothandschuhe, vor allem aber <em class="ge">Militärhandschuhe</em>; -man glaube aber nicht, daß diese Handschuhe dem -jeweiligen Schatze der Diebin zu gute kommen. Im Dorfe wohnt -eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen Handschuhe, gleichviel -welcher Farbe, welcher Qualität und welcher Größe, zum »Honorar« -von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber fährt alle Monate -einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in Soldatenkneipen -losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin ein Paar -dedizieren; sie verkauft sie <em class="ge">weit</em> unter dem Ladenpreis, macht -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser »guten -Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, Sortiererinnen -und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen -Handschuhe in die Hände bekommen.</p> - -<p>Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen -von Eßwaren ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren -die Suppentöpfe der Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und -sie verzehren diese gemausten Dinge meist <em class="ge">auf der Retirade</em>.</p> - -<p>Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den -Saal, daß ich weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; -im Laufe des Vormittags erfuhr ich denn, daß man der einen -mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf Kartoffeln gestohlen hatte, -den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; am empörtesten -war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht zurückgebracht, -sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen -hatte. <em class="ge">Der Verdacht hatte sich auf mich -gelenkt!!!</em> Die Diebin wurde indes noch am selben Tage entdeckt, -als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den leeren und sorgfältig -gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. Die Bestohlene -machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde von den -500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese -Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen -können. Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der -Fabrik, sie hatte an einem anderen Ort Arbeit gesucht.</p> - -<p>Diese Art der <em class="ge">moralischen Lynchjustiz</em> wurde fast durchwegs -ausgeführt; mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, -denn Knutenhiebe; sie erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern -auf Wochen hinaus. Es ist unglaublich, wo diese ungebildeten -Mädchen diese Art feinen Nadelstiche herhaben, diese moralischen -Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben müssen. Ich -glaube, <em class="ge">daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung -zu bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von -ihnen besitzen</em>.</p> - -<p>Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -die Diebin gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch -größte Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.</p> - -<p>Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils -am Lohntage ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe -nur sehr wenige gefunden, die in längerem Rückstand mit der -Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht Unglücksfälle in der -Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. <em class="ge">Wer aber in -diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos -verloren.</em></p> - -<p>Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu -vor dem Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, -im Betrage bis zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, -daß sie in der Lage sind, diese Summe am Zahltag mühelos -zurückzuerstatten.</p> - -<p>Man ersieht daraus, <em class="ge">daß die Mädchen, wenn sie durch -praktischen Anschauungsunterricht von dem Muß des -Sparens überzeugt würden, sehr wohl sparsame Frauen -werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum -edle Früchte tragen?</em></p> - -<p>Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung -bemerkt: die Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle -Spirituosen; wenn ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber -während der ganzen Woche trockenes Brot essen, um am Sonntage -Bier trinken zu können, so geschieht dies keineswegs aus -Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, <em class="ge">wer nicht ganz -ordinär sein will</em>, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen -haben müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, -und so sehr ich sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein -Glas Lagerbier trank keine. Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, -so lange die Anwesenden sich erinnern konnten, in der -Fabrik nicht beschäftigt.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Sechstes Kapitel.</span><br /> - -Die Ehe.</h2> - - -<p>Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel -betrachtet, so muß man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung -ein Hazardspiel nennen.</p> - -<p>Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, -wagen viel; entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie -kommen ins Elend, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die -Ehen sind größtenteils Gegensätze; entweder wird die Frau geachtet -und gut behandelt, oder sie wird als Lasttier, als Arbeitssklavin, -als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher Genüsse -angesehen.</p> - -<p>In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten -Ehen, herrschen gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, -<em class="ge">eheliche Einigkeit</em>. <em class="ge">Wo viel Kinder sind, herrscht -meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, Untreue -von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger.</em></p> - -<p>Man kann dreist behaupten, <em class="ge">daß mehr als drei Kinder -in einer Familie, Schuld zum Ruin derselben sind. -Leider aber, und ich werde es immer wieder tief beklagen, -herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, -beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein -unberechenbarer sein, wenn man die Leute darauf hinführen -könnte, daß nicht die Quantität, sondern die -Qualität der Nachkommen für die Menschheit von -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger -und körperlicher Beziehung gesund, mehr Wert haben, -denn zehn elende Geschöpfe und Krüppel.</em></p> - -<p>Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten -Tage vor ihrer Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft -und bei schwerer Arbeit; eine normal gesunde Frau setzt hier -täglich – in Anbetracht der elenden Nahrung – einen Teil -ihrer Lebenskraft zu; <em class="ge">wo soll da eine Frau Kraft und -Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das -womöglich das sechste oder achte der Reihenfolge ist?</em></p> - -<p>Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige -Zeit von 3-4 Jahren dazwischen liegt, <em class="ge">pflegen</em> sich -die Arbeiterfrauen, d. h. sie besuchen nicht die Fabrik, gehen an -die Luft und bringen infolge dessen ein kräftigeres und intelligenteres -Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust reichen, sie -können es pflegen und hüten und ihm wirklich <em class="ge">Mutter</em> sein. -Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die -Not leise in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht -mehr alle, die Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein -weiteres Menschenkind zu erwarten ist. Die allgemeine Nahrung -wird, je reichlicher sie sein muß, je schlechter, an Säugen des -Weltbürgers kann die Frau nicht denken, sie muß, kaum genesen, -von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der Säugling -liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im -Munde, während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder -auf der Straße ihre »Erziehung« finden. <em class="ge">Zwei auch drei -Kinder können jene unteren Klassen pflegen und erziehen, -was darüber ist, liefert in den weitaus meisten -Fällen Proletariat und Dummköpfe.</em></p> - -<p>Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, -die der vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege -stehen. <em class="ge">Oder halten sie es vielleicht für sittlicher, bei -Geburt eines Kindes die Hoffnung auszusprechen, daß -es nicht lange lebe, daß es durch erbärmliche Pflege -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, als -daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die -mit Freuden begrüßt und gut gezogen werden?</em></p> - -<p>Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, -die da behaupten, <em class="ge">die Frau sei zur Gattin und -Mutter bestimmt und gehöre ins Haus, sie könne nur -so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum sorgen -diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen -ihre »natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen -können und in ihren vier Wänden bleiben, statt -die unnatürliche, schwere Maschinenarbeit zu verrichten?</em></p> - -<p>Oder haben die Frauen nur dann <em class="ge">natürliche Pflichten -als Gattin und Mutter, wenn sie befähigt sind, den -Männern Konkurrenz zu machen</em>?</p> - -<p>Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« -Pflichten zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz -jener weisen, menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?</p> - -<p>Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und -Unterdrückung für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat -macht, <em class="ge">warum hilft dieser Staat</em> der Frau nicht bei -Ausübung ihrer »natürlichen« Pflichten?</p> - -<p>Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den -Gesetzen, die die Frau unterjochen, passen dürfte: »<i>Ne vous -inquiétez en rien des murmures de la femme, de ses cris, -de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage et -pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de -l'homme.</i>«</p> - -<p>Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, -wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die -Stellung, welche die Frau daselbst einnimmt.« <em class="ge">Wie muß aber -dann der deutsche Kulturzustand sein?</em> –</p> - -<p>Ich habe übrigens bei <em class="ge">vielen</em> Mädchen in der Fabrik den -Ausspruch gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel -Kinder zu bekommen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -<em class="ge">Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen -die Einzigen, die vernünftigere Kinderproduktion -kennen</em>; in deren Haushaltungen herrscht auch durchwegs -bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem -innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen -mit den Männern vor den Hausthüren und unterhalten sich über -politische und andere Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen -Männer vielfach die Kneipen aufsuchen und die -Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind die Kinder der -Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. In -diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue -ein unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein -Beispiel nehmen.</p> - -<p>Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die -Mutter; jene sind auch liebevoller mit ihnen als die Mutter, die -sie den ganzen Tag um sich hat und oft die Geduld verliert. -Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und Kinder; das Wirtshauslaufen -des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter nicht -stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer -Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen -am Abend schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren -oder ledigen Arbeitern.</p> - -<p>Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; -die Wohnung wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des -Mannes, nicht der Frau gewählt.</p> - -<p>Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis -für die »körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das -in Strapazen <em class="ge">das</em> aushalten kann, was, wie es scheint, für den -Mann zu viel wäre.</p> - -<p>Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie -kaufen Wäsche und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder -ein oder nur ein bis zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie -zahlen die Schulden ab, fangen dann mit dem Sparen an und -können einem gesicherten Alter entgegensehen. Wo natürlich jedes -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, vergrößern sich die -Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich heimlich -verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte -Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. -Die Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen -aufs Heiraten als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß -es ihnen in der Ehe größtenteils schlechter, selten aber besser geht. -Sie sind mit ihrem Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als -sie als Frau werden arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, -geduldige Schatz in Gestalt eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.</p> - -<p>Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein -Mittel unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die -sich das Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein -<em class="ge">Heiratsgesuch</em> in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind -<em class="ge">die Witwen für das »Heiraten durch die Presse« sehr -eingenommen</em>.</p> - -<p>Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche -Kinder verschiedener Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb -sie kinderlos. Mann und Frau pflegten die absonderlichen -»Geschwister« rührend, es hätte keiner geahnt, daß der Mann -von keinem der Vater war.</p> - -<p>Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich -da, wo eheliche Kinder vorhanden. –</p> - -<p>Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen -Kreisen für sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, -wo die Frau Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines -Stammhalters sein muß, <em class="ge">weiter aber auch nichts</em>. –</p> - -<p>Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, -so kann sie meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und -walten. Sie ist vom Manne weniger unterjocht, als die Frau -des Kleinbürgers, die sich oft keinen Weg erlaubt, ohne den Mann -um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie überall in -Europa den Frauen gegenüber, das Motto: <i>Vae victis!</i></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten -Familien, wo mehr als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu -finden ist; man könnte hier beinahe die These aufstellen, daß die -Frauen dieser Kreise durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt -bringen können, ehe ihre Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen -sind, ein Triumph für den Philosophen Eduard von Hartmann, -der da behauptet, <em class="ge">die ganze Frauenfrage sei gelöst, -wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil -sie dann schneller sterben, und einer andern zur Ehe -Platz machen würden</em>. <em class="ge">Er hat Recht</em>; würden die Frauen -im <em class="ge">allgemeinen</em> so viel Kinder zur Welt bringen, als sie, -unbekümmert um die Qualität derselben, gebären könnten, so -würden sie schneller sterben. – <em class="ge">Gott sei Dank, daß es aber -noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht -Sklavinnen, sondern Herrinnen ihres Körpers sind!</em></p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Siebentes Kapitel.</span><br /> - -Die Stellung des Mädchens.</h2> - - -<p>Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, -verglichen mit den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn -es erfreut sich eines Gutes, das jene nicht besitzt: <em class="ge">der Freiheit</em>.</p> - -<p>Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst -verdienen, sind wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr -regelmäßiges Kostgeld, das für die Eltern meist mit kleinem -Gewinn verbunden ist, und leben im übrigen unbekümmert um diese.</p> - -<p>Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen -der Wäsche, beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind -die ganz gutmütigen oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen -leben.</p> - -<p>Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese -Selbständigkeit Schaden an Körper und Seele genommen hätten, -<em class="ge">wenigstens nicht mehr, als es auch unter Egide der -Eltern geschehen wäre</em>. Ich fand, daß dadurch die Energie -und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich -selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig -und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter -sitzenden »besseren« Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet -wird.</p> - -<p>Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht -auch noch ein Heer von Dornröschen findet, die von Rosenduft und -Morgentau zu leben glauben, deren einzige Arbeit spinnwebenartige -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Stickereien sind, und die da von dem Bedauernswerten, der sie -in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er ihren Fuß auf -Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage auf -seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu -erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, -sie fassen die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit -ihrer Mädchenzeit auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor -Augen. Ich kannte mehrere, deren Schätze sie jederzeit geheiratet -hätten, gutgestellte, fleißige Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. -»Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu jung zum Heiraten, wir -warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit kommt -man früh genug.«</p> - -<p>Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches -Mädchen vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber -machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese -Weise untreu würde.</p> - -<p>»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann -wäre er so wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon -wieder einen anderen.«</p> - -<p>Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« -wirklich auf ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« -bleiben; sehr viele unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon -seit ihrem 16. Jahre denselben Schatz, heiraten aber wollten sie -immer noch nicht.</p> - -<p>Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; -die Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren -fast durchwegs am Magen, auf fünf kommen immer vier, die am -chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, immerwährende Verstopfung -und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich vor, daß -die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, -um zum Arzt zu gehen.</p> - -<p>Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und -magenkrank; dafür altern sie aber – wahrscheinlich durch die -angestrengte Thätigkeit – sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -schmutzig grau, ihr Gang schlaff und müde, fast durchweg sind -sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- und Handschuharbeiterinnen -wahre Monstra an Beleibtheit fand.</p> - -<p>Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen -Ausbildung der Mädchen aus; <em class="ge">sie haben davon meist -keinen Begriff</em>. Wenn die Mädchen heiraten, so treten sie -in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne die geringsten Vorkenntnisse -<em class="ge">der gerade in diesen Kreisen so notwendigen -hauswirtschaftlichen Kenntnisse</em>; in allen andern -Schichten der Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd -ihre Unkenntnis ersetzen, oder sie braucht nicht <em class="ge">derart</em> mit dem -Pfennige zu rechnen und kann eher einmal etwas verderben. -<em class="ge">In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen -Familie von der Frau ab</em>, denn da wird der Vers zur -vollsten Wahrheit »..... Ist der Mann auch noch so fleißig -Und die Frau ist liederlich, Geht die Wirtschaft hinter sich.«</p> - -<p><em class="ge">Die praktische und sittliche Forderung aber -richtet sich an die vorbauende und rettende Wohlthätigkeit</em>: -Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe nimmer -fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, -es erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, <em class="ge">es ist -eine Arbeit, die dem Staat zu gute kommt, es ist -ein Wirken für die Nation</em>.</p> - -<p><em class="ge">Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je -nach der Art, wie sie betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen -oder Untergang.</em> Wenn wir dem Arbeiterstande -tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die moralische -Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres -Glied der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der -Seite einer schlechten Frau werden könnte.</p> - -<p>Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, -von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; -aber alle diese Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch -nicht das Gewünschte, erfüllen noch nicht voll und ganz ihren -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Zweck. So lange die Mädchen zum Besuch einer solchen Anstalt -gezwungen werden, können wir nicht segensreich wirken; <em class="ge">wir -müssen vorerst moralisch auf die Mädchen einwirken, -wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie -selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung -schaffen durch hauswirtschaftliche Kenntnisse</em>.</p> - -<p>Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, -die Kämpferinnen für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür -eintreten, sie sind die Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.</p> - -<p>Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend -hervorheben, es würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher -gehören. Aber ehe ich dies Kapitel schließe, möchte ich noch -einmal die dringende Bitte an alle edlen Menschen richten: Helft -diese Zustände bessern, wartet nicht ab, bis die Sozialdemokratie -euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die Ausbildung -der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, -dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste -Grundbahnen zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes -zu sichern!</p> - -<p>Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die -Mädchen der Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch -strenges Abschließen von jenen Kreisen <em class="ge">versündigt</em>. <em class="ge">Die überhand -nehmende Prostitution ist der Ruin des Familienlebens, -der Ruin der Generationen, der Felsen, an dem -jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des -ganzen Geschlechtes strandet!</em></p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Achtes Kapitel.</span><br /> - -Seßhaftigkeit und Versicherung.</h2> - - -<p>Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als -möglich; trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner -»Ton« herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.</p> - -<p>Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von -Berlin nach Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt -ihres Interesses.</p> - -<p>Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, -und dennoch eine Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie -glauben, man würde am hellen Tage auf offener Straße ermordet, -ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die Mädchen hatten mit -großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr gerade in -Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und – schnell fertig war -die Jugend mit dem Wort!</p> - -<p>Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es -in Berlin aussehe, was man treibe, <em class="ge">was der Kaiser mache -und ob ich ihn schon gesehen</em>. Dabei sprechen sie ausnahmslos -mit nicht näher zu beschreibendem Tone absichtlich stets vom -»deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser König« von -Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles sagen, -aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. –</p> - -<p>Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: -Bleibe im Land und nähre dich redlich. Unter dem »im -Land bleiben« verstehen sie aber immer Sachsen, meist sogar nur -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Chemnitz. Der größte Teil von ihnen ist nie über Chemnitz -hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen waren, erzählten -mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden -und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, -die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich -Dinge aufbinden ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht -glauben würde. Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten -nur <em class="ge">ein</em> Ziel vor Augen: möglichst bald in Berlin eine Stellung -zu erhalten. Ich mußte ihnen Berliner Stellenvermittlerinnen -nennen, an die sie noch am selben Tage schrieben. In Chemnitz -erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. mit Berliner -Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles bekommen -7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige -Mädchen schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe -Lohn und der Umstand, daß die Mädchen häufig in den Familien -wenig und schlecht zu essen bekommen, ist mit ein wesentliches -Motiv, warum die Mädchen alle in die Fabrik gehen.</p> - -<p>Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, -ob es weniger Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die -Chancen, recht bald einen Schatz zu bekommen, gut seien. Ich -habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen im Verdacht, daß sie -nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern ganz andere -Dinge nach Berlin lockten.</p> - -<p>Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden -Kapitel. Jene Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit -fremd, sie sprechen ein schlechtes, sächsisches Deutsch, so daß keine -Berliner Familie sie als Kindermädchen engagieren würde und -<em class="ge">für andere Stellen taugen sie absolut nichts</em>. Ihre -hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle -als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos -in Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende -Berliner Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell -gemacht und nach wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser -Mädchen als Prostituierte durch Berlins Straßen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher -Dirnen, die in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl -von 40.000 überschritten ist, aber man forscht nicht nach den -Ursachen, <em class="ge">man philosophiert, aber man handelt nicht</em>.</p> - -<p>Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, -die in Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen -Kenntnissen der Prostitution in die Arme getrieben -werden <em class="ge">müssen</em>. Man sehe einmal die Statistik an, die uns -zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen Mädchen aus bisherigen -Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen besteht.</p> - -<p>Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin -einen »Schatz«, irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, -der mit ihnen zu Kroll geht, sie frei hält – und verführt. Das -Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das durch das Fabrikleben wohl -<em class="ge">an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit</em> gewöhnt ist, empört -sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; -zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines -Tingeltangels, den es gesehen, und das der schlaue Verführer je -nach dem Grad der Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert -wählt, <em class="ge">so geblendet</em>, daß ihm ein Leben, das täglich solche -Freuden gewährt, als das Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« -geht ein-, zwei-, auch dreimal mit ihr aus; sie findet einen andern, -ihm folgt der dritte, und schließlich ist sie so abgestumpft gegen -jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr suchen läßt, <em class="ge">sie sucht</em>.</p> - -<p><em class="ge">Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes -des männlichen Schutzes, den sie einem anständig -bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen wollen.</em> –</p> - -<p>Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie -gewähren ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder -Kräftigung, aber sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser -originelle Geiz für das Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit -äußert sich auch der Alters- und Invaliditätsversicherung gegenüber. -Sie sind so naiv, zu glauben, der Fabrikbesitzer sei verpflichtet, -für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre Gesundheit -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, -meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche -sehr weh. Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an -irgend einem dummen Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen -Vergnügen abzusparen.</p> - -<p>Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung -einverstanden, sie sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. -<em class="ge">Begeisterung aber fand ich bei keiner einzigen</em>; diese -Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr für den Augenblick, -daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu denken. In einer -der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein herzensguter, -menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem Ergehen -der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten -alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn -lieber hier blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.</p> - -<p>Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den -andern Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem -Stoßseufzer: »Hätten wir's nur auch so!«</p> - -<p>Dieser Fabrikherr <em class="ge">borgte</em> seinen Arbeiterinnen öfters das -Geld zur Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen -oder vorausgeben, sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige -den Mädchen weniger schwer fiel. Leider aber sind die Arbeiterinnen -sich nicht bewußt, wie segensreich die Einrichtung dieser -Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art <em class="ge">moderner -staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, -der Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß -die Mädchen das Alter nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt -bekommen sollten</em>.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Neuntes Kapitel.</span><br /> - -Wohnungen und Schlafstellen.</h2> - - -<p>»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« -bin ich immer versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf -die Arbeiterinnen anwenden würde, so dürften sie größtenteils -nicht mehr Menschen genannt werden.</p> - -<p>Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze -Familie in einer Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in -zwei Stuben. Die Leute ziehen bei ihrer Verheiratung in solch -kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen aber die Kinder, -so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um eine größere -Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der Mehrausgaben -für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt -auf Vergrößerung der Wohnung sehen.</p> - -<p>Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein -Heer von Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum -mehr »Wohnungen« nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien -in solch einem Hause der Vorstadt. Die Arbeiterinnen, -die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben freundliche, bessere -Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.</p> - -<p>Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten -in Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die -Wohnräume meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; -ich glaube, daß es im Winter bei ungenügender Ventilation und -Dunst der Kohlen in diesen Räumen noch viel schrecklicher sein muß.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien -auf eine »gute Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen -in einer Kammer schlafen, um die geräumige und luftige -Stube nicht mit Betten zu verunstalten. So kommt es, daß das -Mißverhältnis zwischen der Enge des Raumes und der Anzahl -seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die Kinder in -diesen Räumen verkommen <em class="ge">müssen</em>, daß die Erwachsenen keinen -erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter -aufstehen, denn sie sich Abends niedergelegt haben.</p> - -<p>Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen -Komfort, ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit -Konsole und allerlei unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, -Gipsfiguren, Stehrahmen und Truhen. Die Schlafkammer dagegen -sah meist einer Trödelkammer ähnlich; abgesehen von den -elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen widerwärtigen -Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige Wäsche der -ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und -Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf -einem Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und -Brot, daneben Kämme und Seife und allerlei Denkbares und -Undenkbares. <em class="ge">Ich habe bei keiner der gewöhnlichen -Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht in der -Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu -eng ist</em>, sonst in der Stube; aber hierzu entschließen sich die -wenigsten gern.</p> - -<p>Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter -mit zwei Töchtern <em class="ge">in einem Bett</em>, oder Vater und Mutter mit -einem Kinde und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; -auf die Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. -Jungen schlafen mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen -Brüdern – aber natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, -denn es ist eben alles »Familie«.</p> - -<p>Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste -Seite des Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -schlafen; erst da, wo Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten -werden, fängt die grenzenlose sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse -an. Wohl hat die Polizei das Halten von Schlafleuten -beider Geschlechter verboten; aber dies Verbot ist dehnbar, -und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, so kann -man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.</p> - -<p>Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige -große und ganz hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; -Sopha, Konsolspiegel und Wanduhr fehlten nicht. Oben im -vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie noch Zutritt in eine -Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit Balken und einem -einzigen winzigen Fensterchen. <em class="ge">Hier schliefen die drei Personen</em>, -die Mutter in einem ordentlichen Bett, <em class="ge">das eine der -Kinder in einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden -zwischen Kiste und Bett</em>. Die Luft war hier entsetzlich, -die Hitze unerträglich, wie in einem Photographenatelier, <em class="ge">der -Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, um die -Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die -Thür schließen konnte. Währenddem stand das geräumige -Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um eine gute Stube -zu haben.</em></p> - -<p>Ähnliches habe ich <em class="ge">oft</em> gesehen; das tollste jedoch an »Familienwohnungen«, -was ich sah, war die Behausung einer Webereiarbeiterin; -das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin -des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, -die womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher -beschriebene, schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem -Strohsack. Die Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer -auf einem Feldbett, in einem ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, -eine 60jährige Sortiererin und eine 15jährige Wäscherin. -In dem Vorderzimmer, das man passieren mußte, um in die -Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem Sopha -ein Bruder der Tante und in einer <b>Hängematte</b> (!!!), die vom -Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -zahlte wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, -seinen Koffer mit Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer -zahlte 2,80 Mark, jedoch <em class="ge">ohne Koffer</em>; ich habe mir -nie erklären können, <em class="ge">wo</em> diese Leute ihre Sachen lassen.</p> - -<p>Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine -Wohnung von Stube und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel -war, schlief sie, in der Stube lagen nächtlich vier Personen -auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner und zwei Fabriklehrlinge. -Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht vor ½9 Uhr abends -einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um ½6 Uhr morgens -verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß die -Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie -dieselben so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den -Sonntag Vormittag vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, -die dafür monatlich 3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr -für Kundschaft und bekommt dann Tantièmen.</p> - -<p>Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande -wohnten ganz hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem -jüngsten Kinde in einem Zimmer, die übrigen Töchter in einer -und die Söhne in der anderen Kammer.</p> - -<p><em class="ge">Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in -ihrem ganzen Wesen, im Benehmen, wie in der Kleidung.</em> -Die Schlafgängerinnen und jene, die in erbärmlichen Klausen mit -anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos und körperlich -schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die bei den -Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, -sind gesitteter, manierlicher, reinlicher.</p> - -<p>Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen -»edlen Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre -und Sitte, als Trägerin des Schönen, des Guten, der <em class="ge">Ideale</em>!« -Es ist ein sonderbares Ding um die Logik unserer männlichen -Gegner! Sie weisen die Frau zurück, wenn sie ins öffentliche -Leben treten will, sie sagen ihr, um sie einzulullen gar süße Worte -von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem unvergleichlichen, -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann durch Verehrung -und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu -widerlegen; ich sage einfach: <em class="ge">je mehr die Frau im Hause -arbeitet, je mehr sie Kinder gebiert und wäscht und -kocht, je mehr isoliert sie sich vom Mann, je mehr sucht -er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie -ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet -er sie</em>.</p> - -<p>Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm -Vorgehen konsequenter, denn unsere Gegner; <em class="ge">wir</em> legen uns -Opfer auf, um für unsere Ideeen zu wirken; <em class="ge">wir</em> gründen -Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime für alleinstehende -Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten -Mitteln.</p> - -<p>Warum thun unsere Gegner nichts für <em class="ge">ihre</em> Bestrebungen, -<em class="ge">warum bauen sie jenen Arbeiterinnen, die da verkommen -in Unweiblichkeit und Unmoral</em>, warum bauen sie ihnen -nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« nicht -gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen Arbeiten« -beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« bleiben?</p> - -<p><em class="ge">Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem -Munde, nicht mit der That? Warum sind wir unweibliche -Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und -Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den -Armen verschaffen?</em></p> - -<p>Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes -Vergnügen ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen <em class="ge">sie</em> nicht die -Wohnungen der Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen -vorzuleuchten als Muster tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte -und geliebte Gattin« eines sie hochschätzenden Gatten? <em class="ge">Wir</em> -unweiblichen Geschöpfe können das doch nicht!</p> - -<p>Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, -die »sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, -warum tragen sie nicht Hygiene, Lehren zur Erziehung der -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen jener Unwissenden?</p> - -<p>Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie -Sache der Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?</p> - -<p>Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! –</p> - -<p>Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich -während fünf Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, -Trepp ab, in allen Teilen von Chemnitz, auf Wohnungs- resp. -Schlafstellensuche gewesen.</p> - -<p>Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die -sich »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus -dem Volke abwenden«, raten, doch auch einmal solch eine Wanderung -anzutreten; vielleicht daß sie ihr parfümiertes Taschentuch -dann öfters gebrauchen werden, um ihren aristokratisch-weiblichen -»Ekel« zu verbergen.</p> - -<p>Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da -gesehen, in meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von -Anfang bis zu Ende erzählen, dabei aber nur die besten und die -schlechtesten Schlafstellen berücksichtigen.</p> - -<p>Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein -Inserat erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde -Arbeiterin eine Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich -erhielt, trugen auf einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße -und Hausnummer; von den 17 Antworten, die auf mein Gesuch -einliefen, waren nur zwei ausführlich, und die will ich hier wortgetreu -wiedergeben:</p> - -<div class="ci"> -<p class="ce nopb">1.</p> - -<p>Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im -driten stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben -und eine schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um -sie anzusehn, das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem -kafee und wäsche können sie hir waschen. Mannsleute haben wier -nich in der wohnung allens für uns allein. Es grüßt sie</p> - -<p class="si">Frau .......</p> -</div> - -<div class="ci"> -<p class="ce nopb"><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -2.</p> - -<p>Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist -mit einem hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich -nicht leide, weil ich mit meine Frau und Kindern drin schlafe. -Ich hab ihr gekündigt Sie können kommen, es kostet 1,50 für -7 Tage und eine kaffeschänke ist nebenan, ein früstük kostet -10 fennige.</p> - -<p class="si">Alexander ........<br /> -  Maschinist.</p> -</div> - -<p>Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war -wirklich gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle -befand sich im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen -Hütte, die jedenfalls bald abgerissen werden mußte; der kellerartige -Raum hatte steinernen Fußboden und ungetünchte Wände. -Unmittelbar über dem verhältnismäßig guten Bett hing ein -Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte mich feindselig -an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des Raumes -streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der -Frau und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die -vier Jungen und der Vater des Mannes schliefen im Vorraum. -Das Ganze war noch nicht eins der schlimmsten Logis, denn die -Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die fünf Kinder sahen nett -und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen guten, wenn -auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, daß -ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. -So mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; -sie haben mich aber nie wiedergesehen.</p> - -<p>Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück -zu der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen -Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich -passieren mußte, ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von -gellenden Weiberstimmen. Windeln und elende Frauenunterkleider -hingen zum Trocknen vor jedem Fenster, ein entsetzlicher -Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. Es war gerade -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben zurück, -einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte -an <em class="ge">die</em> Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei -tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür -auf, im Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was -ich wollte, ich trat ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, -viereckig, an den Wänden standen drei Betten, in der Mitte des -Zimmers ein Tisch, an dem fünf Männer saßen, die aus einer -gemeinsamen großen Blechschüssel löffelten. Wohin ich blickte, -lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, Kinder in allen Größen, -Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das andere.</p> - -<p><em class="ge">Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, -Frau und zehn Kindern zu schlafen, von denen das -älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes alt sein -konnte</em>; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine -mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.</p> - -<p>Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich -schon als die Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten -suchten sie mich zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger -war, bot einen ekelerregenden Anblick, wie sie mit kurzem Rock, -Nachtjacke und bloßen Füßen ein zustimmendes, freches Gejohle -ausstieß, so oft einer der Männer eine recht gemeine Zote ausließ. -Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der Schlafstelle -einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten Moment, -um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum -ersten Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten -bei meinem Manne anlangte, der mich überall hin in angemessener -Entfernung begleitete; ich glaubte unter jenem Gesindel beinahe -einer Hülfe zu bedürfen.</p> - -<p>Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl -Schlafstellen, teils in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen -oder in Zimmern, bevölkert von 4-10 Personen, die mehr oder -minder vertiert waren, und wo speziell die Frauen Unglaubliches -an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der Schlafstellen -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. -Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett -und Stuhl, in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und -wenden konnte, die aber reinlich und nett aussahen; blühende -Blumen vor dem Fenster, weiße Vorhänge, kleine Bildchen und -Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas anmutendes. Solch -ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; meist -wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die -es vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, -Schutzleute und Aufseher; man sah dem ganzen Heim -das Walten des früheren Dienstmädchens aus feinen Häusern an, -das gewohnt war, Ordnung zu halten.</p> - -<p>Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen -gewesen ist und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, -Ordnung, Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher -Kreise; Schlafstellen vergaben diese Familien in den -seltensten Fällen.</p> - -<p>Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.</p> - -<p>In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, -von wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir -eine Frau die zu vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche -kosten sollte.</p> - -<p>Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in -den dunklen Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; -sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah -ich, daß eine Kommode in dem Raume stand.</p> - -<p>»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.</p> - -<p>»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die -wird am Abend ausgezogen bis in den Korridor hinein!«</p> - -<p>Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im -dunklen Wandschrank, die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. -Es war zu naiv köstlich, ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.</p> - -<p>Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; -und wenn auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Gang hatten, so konnte man immerhin nicht wissen, wer da alles -aus- und einging.</p> - -<p>Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen -solch einen Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals -im Glauben gelassen, daß ich mieten wolle), sagte sie wütend -spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren Schatz im Hotel empfangen -wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer Schlafstelle -suchen!« –</p> - -<p>Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein -Wunder zu nennen wäre, wenn die Mädchen, die in solchen -Räumen wohnen und schlafen, sittlich und moralisch wären. Vom -frühesten Kindesalter an wird das Schamgefühl in der jungen -Seele systematisch zu grunde gerichtet, der Geschlechtsunterschied -nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute schlafen mit -Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder -zur Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.</p> - -<p>Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, -Scenen, die nicht mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.</p> - -<p>Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn -Männer und Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie -glauben, oder, was mir richtiger scheint, <em class="ge">sie wollen glauben</em>, -daß dann jedes Schamgefühl im Mädchen ersterbe, <em class="ge">ersterben -müsse</em>, trotz der hohen Bildung, die es erhalten, und die immer -ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich möchte sagen: -<em class="ge">Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!</em></p> - -<p>Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige -Zusammensein und Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung -ein unbekannter Begriff und der Mensch eher zum Laster geneigt -ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? Hier wird das Zusammensein -der beiden Geschlechter verhängnisvoll, <em class="ge">weil sie hier keine -gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier -nichts zusammenführt, denn Sinnlichkeit</em>!</p> - -<p>Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß -sie mit keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -kann, schützt die <em class="ge">akademische Bildung, die Erziehung unter -Ägide einer echt weiblichen Mutter</em> die jungen Männer so -wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die »edle Weiblichkeit« -erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung geschlechtlicher -Ausschweifungen?</p> - -<p>Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die -in Zucht und Sitte bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen -sind, mit den vom 14. Jahre an oft elternlosen, immer aber ihr -Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern vergleicht, so sind diese -tausendmal moralischer und tausendmal weniger verdammenswert!</p> - -<p>Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie -von Mutters Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.</p> - -<p>Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, -die sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts -denn Rohheit und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, -denen niemand von den »hohen Zielen« der Frau »als Hüterin -der Ideale« spricht, sind zu entschuldigen, wenn sie nichts Höheres -kennen, als die Befriedigung tierischer Triebe, die Sucht, ihr -elendes Dasein in traurigen Vergnügungen zu ertränken.</p> - -<p>Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, -des Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in -Wirklichkeit aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt -bekommt, das die kleinen Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten -<i>vulgo</i> Spielereien hat, das von Vergnügen zu Vergnügen jagt, -genau mit denselben unsittlichen Gedanken im »jungfräulichen« -Herzen, wie die Arbeiterin sie – natürlicher und deswegen -moralischer – dem Schatz gegenüber empfindet.</p> - -<p>Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, -jene ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und -Schultern zum Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will -den Mann auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied -ist gering.</p> - -<p>Die Fabrikmädchen <em class="ge">lassen sich</em> verführen ohne geschminkte -Heuchelei, die feinen Dämchen aber <em class="ge">verführen selber</em>, d. h. sie -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -reizen den Mann durch Ball- und Toilettenkünste bis zu einem -gewissen Grad; wenn sie wissen, daß er ins Netz rennt, ziehen -sie sich ins Schneckenhaus zurück und spielen das »keusche Gretchen«.</p> - -<p>Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« -nicht hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige -deutsche Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle -hier einige Aperçus des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich -in den »Salons« beliebte Ware sind.</p> - -<p>»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein -schönes Weib die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne -Fesseln verwandeln.«</p> - -<p>»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch -ihren Gesang, die Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die -modernen Sirenen vermögen dies durch ein beredtes Schweigen, -einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu erzielen.«</p> - -<p>»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, -ihre Krisis ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«</p> - -<p>»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den -meisten Fällen.«</p> - -<p>»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch -oft opfern sie ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«</p> - -<p>»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt -es so manchmal aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete -Berechnung ist's, die ihm den höchsten Zauber verleiht.«</p> - -<p>»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu -durchschauen und eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« –</p> - -<p>Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle -dazu doch jedenfalls aus den <em class="ge">feinen Kreisen</em> genommen. Wie -müßten jene Frauen, die bei gutem Familienleben so verkommen -können, wie die modernen Dichter sie uns schildern, erst werden, -wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage der Fabrikmädchen -kämen? –</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Zehntes Kapitel.</span><br /> - -Religion.</h2> - - -<p>Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem -Fuße. Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, -sie meinen, <em class="ge">wer viel betet und in die Kirche läuft, muß -ein schlechtes Gewissen haben</em>. Es ist auch seltsam, daß sie -den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang bringen -und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer -geizig, fromm sein. <em class="ge">Sie glauben wohl an Gott, aber als -an ein notwendiges Uebel. Es ist dasselbe Verhältnis, -wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, aber sie -glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert -sind.</em> Bis zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich -glaube, sie würden sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der -Konfirmation aber ist alles wie weggeweht, sie fluchen und lästern -Gott und kichern im Hintergrunde: »Ha, Du wütender Gott, -was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast uns nichts -mehr zu sagen!«</p> - -<p><em class="ge">Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber -größtenteils Schuld an diesen Zuständen.</em> Ich habe in -Familien verkehrt, wo konfirmierte und nichtkonfirmierte Töchter -vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie besuchte, was -allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und -»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den -großen Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -alles an ihnen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, -selbst ihr Gesicht. So hörte ich ihn einmal in einer Familie, -wo die 16jährige Tochter einen durchaus tadellosen Lebenswandel -führte, zu derselben sagen: »Ja, mein Kind, Du bist hübsch und -blühend nach außen, aber häßlich und trocken im Innern. Der -Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, wenn -Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze -rein hieltest!«</p> - -<p>Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer -und die Kirche und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur -den Splitter in unserm Auge, nicht aber den Balken im Auge -seiner Tochter.«</p> - -<p>Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:</p> - -<p>»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er -dann Freude daran, daß Tausende armer Bettler leiden, daß im -Winter so viele verhungern und erfrieren, daß es so viel grausig -verkrüppelte Menschen giebt?«</p> - -<p>Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria -war, warum schmäht man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne -verheiratet zu sein?«</p> - -<p>Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr -lieb hat, den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt -werden, denn Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe -annehmen.</p> - -<p>Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde -dann eifrigst befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die -wären doch so schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.</p> - -<p>Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum -besten, wonach die Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso -viel rührend schönen, als für den Menschenverstand schädlichen -Stellen. Dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn während der -Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von Mädchen vorüber, -die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu -meiner Äußerung verhielten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom -Wort des Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie -von einer Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie -halten eine Ehe ohne kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; -einige meinten naiv: »Na, dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, -dann können sie ja jeden Tag auseinander.« Hier spricht -aber nicht Religiosität aus dem Urteil, <em class="ge">sondern das Festhalten -an althergebrachten Sitten</em>.</p> - -<p>Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine -große Hochachtung vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit -höher, denn den Pfarrer, schelten jene niemals Heuchlerinnen und -Scheinheilige, wie sie es diesem gegenüber thun. Ich glaube nach -allem, daß die religiösen Schwestern die einzigen sind, die unbegrenzte -Macht über jene Mädchen erlangen könnten.</p> - -<p>Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil -bemerkt in der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den -Geistlichen. Wo jene zur Krankenpflege oder aus anderen Motiven -in Arbeiterfamilien verkehren, sind sie freundlich, gütig, geduldig; -ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein neues Kleid oder einen -etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz am Pfarrhause -vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, <em class="ge">um -den Pfarrer zu ärgern</em>. Von <em class="ge">den selben</em> weiß ich mit voller -Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem -Hause thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck -wegließen, um die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.</p> - -<p><em class="ge">Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein -glücklicher Beweis, daß Frauen auf Frauen einwirken -können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß die Ansicht -so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern -Frau keine Achtung habe, sondern sich nur der physischen -Gewalt beuge, eine irrige ist.</em></p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -Elftes Kapitel.</span><br /> - -Sozialdemokratie und Frauenfrage.</h2> - - -<p>Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der -Arbeiterinnen!</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»..... ich finde nicht die Spur</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von einem Geist, und alles ist Dressur!«</td></tr> -</table> - -<p>Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen -war, »Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den -Grund ging, so waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder -oder Schätze Sozialdemokraten sind, <em class="ge">in ganz verschwindend -seltenen Fällen aus Überzeugung</em>. Diejenigen, die wirklich -Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie besaßen, sind die -verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den Strudel der -Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt selber -mitwirken. Sie sind, je nachdem <em class="ge">wie</em> sie die sozialdemokratische -Richtung auffassen, entweder <em class="ge">umsichtig</em> und <em class="ge">verhältnismäßig -gebildet</em> oder <em class="ge">roh und verkommen, aller menschlichen -Gesetze spottend</em>.</p> - -<p>Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die -Frau und der Sozialismus«, <em class="ge">allein die wenigsten unter -ihnen kannten es, sie hatten kaum eine Ahnung von -dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung -des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, -von Liebknecht und den sozialdemokratischen -Führern.</em></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das -Recht auf Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und -neidisch auf alle Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« -umfaßt aber nur den Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, -seltener Beamten; sie sympathisieren mit Offiziersfrauen, -von denen sie mit freundlichem Mitleid sprechen.</p> - -<p>»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben -größtenteils nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu -nichts, sie können sich nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften -geben müssen.«</p> - -<p>Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige -Teilnahme für jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch -Dienstmädchen verbreitet worden ist, die in armen Offiziersfamilien -gedient hatten, wo allerdings Schmalhans recht oft Küchenmeister -sein mag.</p> - -<p>Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für -Tagesinteressen und öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, -aber nur die Lokalberichte über Mordthaten; hatte die eine einen -recht grausigen Mordfall in einer Zeitung entdeckt, so brachte sie -das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, die gräßlichsten -Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als einmal -eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »<em class="ge">Aber -war das ein schöner Mord!</em>« Dabei standen ihr selber die -Haare zu Berge.</p> - -<p>Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; -sie behandeln die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. -Jedoch bemerkte ich, daß mancher dieser Männer <em class="ge">die</em> Mädchen -bevorzugte, deren Väter oder Brüder Gesinnungsgenossen von ihm -waren, während er Töchter konservativ gesinnter Väter oftmals -ungerecht behandelte.</p> - -<p><em class="ge">Durch die bestehenden Verhältnisse werden -die Mädchen zur Sozialdemokratie getrieben; der Tag -wird kommen, wo eine Arbeiterin gleichbedeutend sein -wird mit einer Sozialdemokratin.</em> Manche Mutter, die -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische -Ideen nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe -in rot, oder ließ sie, wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur -und rote Schleifen tragen; hier artete die Liebe zur Sozialdemokratie -in Fanatismus aus.</p> - -<p>Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die -ich über den deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, -weil die Mädchen in der Auffassung leben, daß in -Berlin ein jeder von jedem Schritt des Kaisers unterrichtet sei -und ich doch »viel erzählen« könne. Selbstverständlich handelt es -sich dabei nur um interne Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; -sie wollten wissen, <em class="ge">wie</em> das Kaiserliche Paar zusammen -lebt, wie viele Kleider und Hüte die Kaiserin hat, ob die Prinzen -gut erzogen seien und anderes.</p> - -<p>Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, -leider kann ich hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. -In den Wohnungen hingen allenthalben fürchterliche -Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, aber nur höchst -selten das Bild des Kaisers, <em class="ge">das der Kaiserin sah ich nie</em>.</p> - -<p>Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von -Majestätsbeleidigung zu haben; ich erschrak oft, mit welcher -Kühnheit sie allerlei Dinge aussagten, die ihnen die Freiheit auf -lange hätten rauben können.</p> - -<p>Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres -Ansicht, welcher sagt, daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen -hüten, weil keiner dem andern traue, daß der -Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche Gestalt sei.</p> - -<p>Ich fand immer, <em class="ge">daß sie den deutschen Kaiser nicht -als zu ihrer Heimath zugehörig anerkennen</em>, daß er für sie -ein fremder Herrscher ist, der ihren König unterdrücken will, daß -sie den Haß gegen die Preußen auch auf den Kaiser übertragen. -– Die Landarbeiterinnen sind durchwegs Sozialdemokratinnen -mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der sozialdemokratischen -Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische -Wahl der Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler -Kinder diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. -Ich kannte eine Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot -verzehrte; die Frau hetzte beständig ihren Mann, »ja am nächsten -Wahltage einen »besseren« zu wählen, dann würde das Brot -doch gewiß billiger.«</p> - -<p>Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, -trotz Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis -des Brotes nicht herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot -wöchentlich verzehren, wäre eine Herabsetzung der Brotpreise -natürlicher Weise von großer Bedeutung für das Haushaltungsbudget. -Sonst aber fand ich keinerlei politische Ansicht bei den -Frauen, weder Interessen, noch Verständnis dafür.</p> - -<p>Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, -selbst die verheirateten Frauen sind dort nicht oft -gesehene Gäste. Ich muß leider eingestehen, <em class="ge">daß die Arbeiterinnen -überhaupt sehr wenig Kenntnisse der öffentlichen -Vorgänge besitzen, und auch gar kein Interesse dafür -zeigen</em>. –</p> - -<p>Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die -Frauenfrage. Nur will ich hier gleich betonen, <em class="ge">daß sie keine -Ahnung von der Agitation der Kämpferinnen für -Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht -kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien -einen Begriff haben und auch nicht erwarten, -daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus -diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie -unter den weiblichen Arbeitern nicht tiefer eingedrungen -ist, sie allein würde den Mädchen Interesse an Bildung -und Menschenrechten geben.</em> Ebenso lebhaft bedaure ich, -daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt -ist; ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen -nicht immer die meinen sind; sie geben aber den unwissenden -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Arbeiterinnen wenigstens Aufklärung über die Stellung der Frau -im Leben und regen sie an zu ernsterem Denken. Das wäre -eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.</p> - -<p>Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, -daß es tausend und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung -von dem Wirken von unserer Seite haben; wir agitieren durch -Wandervorträge und Zweigvereine, die wir in allen Städten zu -gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den uns diese -Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß die -meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man -davon spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage -zu halten. So lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, -auf gebildete Kreise ausstreckt, auf Frauen, die der »guten -Gesellschaft« angehören, <em class="ge">so lange ist alles Wirken Spielerei</em>. -Jedweder Baumeister baut lieber den schlanken Turm der Kirche, -denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament zu legen; -aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm -zusammen.</p> - -<p>Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger -Berufsarten, als für die Töchter des Mittelstandes.</p> - -<p>Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, -und wollen sie auch dieses nicht, dann harrt ihrer – <em class="ge">die -Prostitution</em>! Die Prostitution ist der Ruin des Frauengeschlechtes, -die Prostitution ist einer der Hauptfaktoren, durch -den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange wir das -immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig -wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und -um die Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, -müssen wir in erster Linie <em class="ge">die</em> Mädchen haben und besser stellen, -die das Heer jener Jammergeschöpfe liefern.</p> - -<p>Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer -und barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne -mehrere Frauen erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende -Ware betrachten; denn bei solchen Völkern werden die Frauen -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und Kleidung versorgt, sie -werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen System liegt -Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das -Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie -für das Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei -und den schlimmsten Teil der Civilisation und verarbeiten beide -zu einem heterogenen Ganzen. Wir erziehen unsere Frauen zur -Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend jemand, von dem -sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, worauf -sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«</p> - -<p>Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne -der weiblichen Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse -nicht ausreichen, herrscht nur eine Stimme. Eine große Zahl -von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten Morgen bis in die späte -Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; aber sie sind -dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre -wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese -beginnen, um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre -Existenz bedrohenden Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... -Wollten diese Armen tugendhaft bleiben, so müßten sie einen so -hohen Grad von moralischer Kraft besitzen, der es ermöglichte, -der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte ganz apathisch -zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst des -Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als -seine Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch -diese so hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige -Preisgebung einer sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was -ist mehr zu beklagen, jene sozialen Einrichtungen, durch die es so -weit gekommen, daß die Löhne der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse -nicht mehr decken, oder die Charakterschwäche der Mädchen, -die es nicht zuläßt, in ihren Marterkammern langsam dahinzusiechen, -um als Tugendheldinnen zu sterben?«</p> - -<p>Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der -Männer, der Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -verkörpert finden, es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer -des <i>vae victis</i>!</p> - -<p>Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen -Prostitution in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß -Heere von öffentlichen Frauen, die die Straßen bevölkern, dort -ein unbekanntes Ding sind. Und merkwürdig, so hoch und so -selbständig, wie die Schweizerin, steht keine Frau Europas da; -denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier nicht -reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, <em class="ge">sie -sehen nur das, was ihnen beliebt, das ist ihre -Konsequenz</em>.</p> - -<p>Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«, -sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise -behandeln, und doch in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden -Ärztinnen entgegensehen?</p> - -<p>Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges -Mädchen, litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie -war eines Tages zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. -Ich wartete vor der Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte -sie bitterlich, sie zitterte an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: -»Der Lump, zu dem gehe ich nicht mehr!« Ich frug sie, was -denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich sagte ihm, ich hätte öfters -Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und da sagte er nur: -»Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie nur -wieder. Haben Sie <em class="ge">einen oder mehrere Schätze</em>?«</p> - -<p>»Ich habe <em class="ge">keinen</em>,« hatte sie erwidert.</p> - -<p>»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie -doch, 's ist schon gut!«</p> - -<p>Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, -entließ er sie.</p> - -<p>Und <em class="ge">das</em> darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer -des Weibes« einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin -der Sittlichkeit« sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt -diese Beleidigung? Dem vornehmen Fräulein, das in gleicher -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -Lage zum gleichen Arzte käme und bei dem diese Vermutung -vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht geboten; da würden -freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf sie herabregnen. -Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!</p> - -<p>Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen -mit außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß -überall in den großen Städten Medizinerinnen auftreten.</p> - -<p><em class="ge">Von dieser Thatsache waren alle entzückt!</em></p> - -<p>»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir -nicht wohl sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur -Doktorin gehen, da brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten -sagen lassen!«</p> - -<p><em class="ge">Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium -und von der Frauenbewegung keine Ahnung haben.</em></p> - -<p>Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem -peinlichen Fall zu entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei -kleine Beschwerden und Übelstände holen sie den Rat der »weisen -Frau« ein; diese macht vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken -durch kleine Volksmittel, durch Massage und Wasser, und hat -auf diese Weise immer zu thun, meist zwar für Krankheiten, die -mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. Natürlicher -Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese »Behandlungsweise«, -die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.</p> - -<p>Auch hierin liegt wieder eine <em class="ge">tiefgehende Bestätigung, -daß Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, -eine natürliche sittlich-notwendige Institution</em>.</p> - -<p>Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie -lesen alle ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr -schreiben, und vor allem, nicht Geschriebenes lesen.</p> - -<p>Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, -nachdem er in 10-12 Händen war und keine ihn entziffern -konnte. Ich warf nur einen Blick auf das Papier, auf dem in -deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen Magenbeschwerden -auf zwei Tage zu entlassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Von <em class="ge">der</em> Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, -ich wurde mit allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben -und Briefe vorlesen; ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, -wenn nicht der Abschied vor der Thür gestanden wäre. –</p> - -<p>Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen -Mädchen ein leicht zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von -Vorliebe für Besprecherinnen und Blutstillerinnen habe ich nichts -gefunden; es steckt mehr natürlich-philosophische Anschauung in -den Köpfen der Arbeiterinnen, als man meinen sollte.</p> - -<p>Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am -Veilchen vorüber, dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, -um einer Rose nachzujagen, die sich, in der Nähe betrachtet, -vielleicht als Heckenrose erzeigt! Baut keine leichte Brücke über -den tiefen Abgrund der Unwissenheit und Immoralität, um hinüber -zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über <em class="ge">jene</em> Brücke -immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit guter, -fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg -wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr -dran denkend, was einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! –</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Zwölftes Kapitel.</span><br /> - -Vergnügungen.</h2> - - -<p>Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu -nennen? Nein, ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, -wenn ich sagen würde: Betäubungen, um das elende Leben der -Woche zu vergessen, Betäubungen, die stark narkotisch auf Sittlichkeit -und Tugend, auf Menschenwürde und Menschenehre wirken!</p> - -<p>Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, -in denen Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen -Arbeiter-Lokalen kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches -und weibliches Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem -Tanzboden, sie gehen unter in der Menge der Besucher, sie sind -an nichts kenntlich.</p> - -<p>Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem -nicht jene Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; -es gab sehr viele gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, -die vom Tanz nicht viel wissen wollten, die da sagen, -daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre Kräfte raube, -ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem nicht -die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags -vorher nicht getanzt hatten.</p> - -<p>Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise -Abneigung gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.</p> - -<p>Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, -meinem Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Fabrikarbeiterinnen viel zugänglicher den Lehren gegen das -Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle besseren Mädchen.</p> - -<p>Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große -Vorliebe für Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort -ist der Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl -der verschiedensten Genüsse finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, -Schlangen- und Zaubererbuden, Tingeltangel und Messeresser.</p> - -<p>Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in -Kappel; es war ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher -Militärkapelle, und am Nachmittag nur von ganz gutem -Publikum besucht. Nach Beendigung des Konzerts war Ball, -bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen anfing. -Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, -die die Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, -allein gekommene Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, -Lieutenants in Civil, <i>Commis-voyageur</i>, aber auch Dirnen in -feinen Balltoiletten; ich halte das Lokal überhaupt für kein -solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; die Mädchen, die -dort <em class="ge">allein</em> verkehren, treiben einen ganz anderen »Beruf.«</p> - -<p>Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die -»Kaiserkrone«, ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel -verkehrt. Der Tanzsaal befindet sich im ersten Stockwerk eines -düstern Gebäudes; in dem elenden Stück Hof, den man zu passieren -hat, um zur Treppe zu gelangen, steht ein altes verschnapstes -Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden Kinderwagen, -der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die -Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen -Stufen; die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. -Es ist kein Wunder, daß bei Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, -stets einige der Streitenden halb todt geschlagen werden, -daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« heimkehrt. Auf der -engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein Flüchten -unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut -wie verloren.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die -»Kaiserkrone« sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten -sich durchwegs mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten -erklärten, »da gehen anständige Mädels nicht hin«.</p> - -<p>Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft -meines als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich -dort cirka 40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste -Auswurf der Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil -Soldatendirnen. Das männliche Element bestand durchwegs aus -Soldaten eines Infanterie-Regiments, die wenigen Civilisten, die -anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der Dirnen zu sein.</p> - -<p>Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, -gemeinen, jeder Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, -Gesichter, die das Laster verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, -deren oft elende Kleidung roch, mit ungekämmtem Haar und -einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren muß. In -der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie die -Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie -vor aller Augen die unsittlichsten Dinge.</p> - -<p>Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, -des grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen -zur Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, -sind überhaupt keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen -des öffentlichen Lebens. Ich sah so manchen blühenden -und hübschen jungen Soldaten, den die schmutzigsten und teilweise -verlumptesten Frauenzimmer, die alle zwischen 30-40 Jahre -sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange bearbeiteten, -bis er mit ihnen verschwand.</p> - -<p>Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, -daß sie derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen -Morde Hunderter ruhig zusehen.</p> - -<p>Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando -in die Kirche zu führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um -sie am Nachmittage dem erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Was nützt es, daß der Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung -mit militärischer »Disciplin« angehalten wird, wenn er am Nachmittage -ungewarnt und unbehindert Elend, Gift und Pestilenz -holen darf?</p> - -<p>Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb -verhungert ein Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo -das Volk sich den Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« -Deutschlands die Seuche herholen, die sich weiter und weiter ins -Volk frißt? Man fängt die arme Streichholzverkäuferin auf der -Straße gar bald ab, aber man läßt jene giftigen Spinnen der -menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in ihrem Netz, -trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.</p> - -<p>Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber -man handelt nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: -»Was mich nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht -den Ursachen nicht nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den -niedrigsten Geschöpfen gemacht haben! <em class="ge">Die Prostitution ist ja -immer noch das einzige Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot -und dem Mangel an weiblichen Berufsarten abzuhelfen -und einzulenken in andere Wege.</em></p> - -<p>Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen <em class="ge">konservativen</em> -Herrn, der selber Vater von zwei Töchtern ist. »<em class="ge">Das thut ja -nichts</em>,« meinte er menschenfreundlich, »<em class="ge">daß die Löhne für -weibliche Arbeiter so gering sind; die Frau findet -immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das -notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie -einen wählt, der nichts hat! Der Mann aber kann das -nicht, darum muß er mehr verdienen als die Frau!</em>«</p> - -<p>Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei -Millionär ist und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich -verheiratet hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, -warum man eine Frauenfrage für nötig hält und behauptet, -den Frauen stünden nicht genug Berufe offen. Ich habe sieben -Töchter und habe mir nie Sorge gemacht, um für sie Berufsarten -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -herauszufinden; ich habe sechs Mädchen verheiratet und hoffe, daß -auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne einen Beruf ergreifen -zu müssen.«</p> - -<p>Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, -ich glaube, die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!</p> - -<p>Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter -Köpfe und die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt -immer wieder Neues! –</p> - -<p>Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement -anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich -Fabrikmädchen und Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe -Kaufleute.</p> - -<p>Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den -Tischen und unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, -wozu sie ihr Kavalier unter einer Verbeugung abholte und ebenso -höflich zurückführte. Die Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, -es kam nie zu wilden Hopsereien, wie es in Bauernschenken vorkommt; -es wurde sehr wenig getrunken, ich fand hier, wie auch -im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar Kaffee als -Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das -Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.</p> - -<p>An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben -mir sitzendes Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen -war und fremd zu sein schien. Sie sah furchtbar dumm aus, -wagte kaum, um sich zu sehen und schien noch keinen Schatz besessen -zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein »Herr« -sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den -Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen -und hatte nur noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon -viel freundlicher antwortete und auf dem besten Wege war, mit -ihm »gut Freund« zu sein.</p> - -<p>Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf -dort jenes Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute -blickte sie schon viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -ansah; sie trug eine Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust -und im heute gelockten Haar, das vor 8 Tagen einfach gescheitelt -war. Sie hatte jedenfalls an dem einen Nachmittage viel »gelernt«, -sie war auf dem besten Wege, abwärts zu kommen. An -jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, -ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.</p> - -<p>Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich -3 Wochen später das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten -Erstaunen jenes Mädchen am Arme eines Herrn (zweifellos ein -Referendar oder Lieutenant in Civil, da er Schmisse hatte) sah, fein -gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das Haar kurz geschnitten, -das Gesicht bemalt. <i>Sapienti sat!</i> Sie war »klug« gewesen -und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine »dümmere« -wäre nicht so schnell »gestiegen«. –</p> - -<p>Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen -Schatz besaß, das »Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, -in welchem man leicht und schnell Bekanntschaften machen könne. -So biß ich denn in diesen sauren Apfel und begab mich ins -»Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch hinter einem -Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem -Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen -Schatz warte; ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen -bleiben,« fuhr er fort, »ich habe Geld, ich kann was draufgehen -lassen.« Er hatte eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, -feingepflegte weiße Hände und trug einen goldenen Zwicker. Ich -hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht einen Assessor, -trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer Fabrik. -Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, -glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn -erkannte.</p> - -<p>Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, -schienen keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte -»feine« Leute. Ich merkte daher bald, daß die »leicht zu machenden -Bekanntschaften« sich nicht auf die Arbeiterkreise bezogen, sondern -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -von anderer Seite zu ganz anderem Zweck gesucht wurden. – -Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den Arbeitern -bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten -und sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in -der Fabrik, bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen -in einem Lokal; gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten -mit Kavalieren versorgt, eine weniger gesuchte Art der -Bekanntschaft.</p> - -<p>Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit -meines Chemnitzer Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen -aller Fabriken, in denen ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein -besonderes Interesse für eine Tingeltangelbude, in welcher vier -gemein und verkommen aussehende Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern -die abscheulichsten Zoten sangen.</p> - -<p>Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen -sie in vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen -und erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu -wollen.</p> - -<p>Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht -ihnen wie den Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von -10 Pfennig einen Gegenstand zu 50 Pfennig gewonnen haben, -so würfeln sie fiebernd weiter, immer in der Hoffnung, noch -weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn doppelt -so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen -Gegenstand gegeben hätten.</p> - -<p>Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn -der Einsatz auch nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder -3 Mark allmonatlich für sie doch kein geringer Schaden. Sie -hoffen alle auf das große Los oder wenigstens auf einen Gewinn, -der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde zu leben. Ich kannte -alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der Fabrikräume, -frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie spielten, -die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den -großen Gewinn doch nicht fahren ließen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste -resumiere und in Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen -Woche, so muß ich betonen: <em class="ge">daß die Vergnügungssucht der -Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so entwickelt, -blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen -der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht -»mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen -aus dem Volk« abzuwenden brauchen</em>.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Dreizehntes Kapitel.</span><br /> - -Die Hausindustrie.</h2> - - -<p>»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die -sittlichen Aufgaben der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders -für den Arbeiterstand. Während in den höheren Ständen -noch andere veredelnde Einflüsse und Motive sich geltend machen -können und müssen, so ist bei dem Arbeiter die Frau fast ausschließlich -die Hüterin der <em class="ge">Sittlichkeit</em> und des <em class="ge">Gemütslebens</em>.«</p> - -<p>Dies ungefähr waren die Worte, die <i>Dr.</i> Brinkmann in -seinem Vortrage in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die -sittlichen Aufgaben der Familie« aussprach. Ich führe diese -Worte hier an, weil ich die Hausindustrie mit ganz anderen -Augen betrachte, als die Arbeit in der Fabrik, weil sie den Frauen -die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und die Kinder ständig -zu bewachen.</p> - -<p>Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs -auf dem Lande zu finden, und, wie ich schon erwähnte, unter -den verheirateten Frauen.</p> - -<p>In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, -d. h. immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter -gesprochen. Im großen Wohnraum dieser kleinen Häuser -arbeiten die Frauen an ihrer Nähmaschine, die eine den ganzen -Tag, andere nur am Nachmittag, wieder andere bloß in den -Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und der -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die Näherinnen, -die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein -gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe -behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer -schmutzigen Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu -steppen, ist deswegen ein Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich -richten sich die Frauen nach einem festen Tagesprogramm, wonach -sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden hindurch an der -Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.</p> - -<p>Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der -Hausarbeiterinnen und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und -dieser Unterschied in der Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, -mehr oder minder deutlich hervor. Die Frauen haben es hier -auch leichter, Ordnung zu halten, da sie im Platz bei weitem -nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den kleinen -Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die -Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die -größeren Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied -der Geschlechter wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo -die teuren Wohnungspreise Familien zum Halten von Schlafburschen -treiben. Die Kinder sind durchweg blühend und dick, -sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit -den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. -Sie werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen -Städten mit starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum -immer in Anspruch genommen, das Wäschewaschen wird zum -Ereignis, das in regelmäßigen Pausen wiederkehren muß, und -wo infolge dessen mit der Wäsche gespart wird.</p> - -<p>Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf -das Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen -das einfache Mahl fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein -halbes Stündchen legen, neu gestärkt und in guter Stimmung -geht er wieder zur Fabrik zurück, um am Abend Erholung im -reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich nicht -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und -gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der -Kinder, die Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, – -ein friedliches Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar -kaum denken kann.</p> - -<p>Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, -er sieht in den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die -Ehe entstanden, in der Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen -und für das er arbeiten soll, sondern er fühlt, daß er -nach allen Schicksalsstürmen hier allein geborgen ist, und daß -die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit ist.</p> - -<p>Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf -die Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die -Frauen selber zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und -Dienstmägde des Mannes fühlen, sondern als Mitarbeiterin in -der Familie.</p> - -<p>Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß -die Hausindustrie unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns -einen leichter zu bearbeitenden Boden verbietet.</p> - -<p>Die Frauen tragen dergestalt <em class="ge">viel</em> dazu bei, daß Sittlichkeit -und Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den -ganzen Tag in der Fabrik arbeitenden Manne <em class="ge">das Gemüt erhalten</em>. -Und wenn es auch tief zu beklagen ist, daß sich diese -armen Frauen nicht voll und ganz ihren Pflichten als Gattin und -Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im eignen Hause -arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den Kindern -zu weilen, doch ein unberechenbarer.</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Vierzehntes Kapitel.</span><br /> - -Stellenlos.</h2> - - -<p>Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler -kennzeichnet, das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, -Verzweiflung und Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom -Elend stellenloser Lehrerinnen, Gouvernanten und ähnlichen -»besseren Dienstboten« gehört, vielfach erfahren, daß stellenlose -Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen in die Arme -des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und -heimatloser Dienstmädchen gehört – aber sie alle repräsentieren -noch nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose -Fabrikarbeiterin entgegensieht.</p> - -<p>Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder -aus dem Munde meiner Genossinnen erhalten; was ich mitteile, -<em class="ge">habe ich selber erlebt, es deckt sich mit dem, was mir -die andern erzählten</em>.</p> - -<p>Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt -und mir so viel Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell -als Arbeiterin dieser oder jener Branche auszugeben, machte ich -mich auf den Weg »um Stellung zu suchen«.</p> - -<p>Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, -der dort waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei -Hefterin. Sie behandelte mich von oben herab, nichts weniger, -denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum Antwort und frug -mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis ich -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr -einer Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich -»Näheres« erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür -hinaus. Etwas verblüfft setzte ich mich unten an einen der -Tische; das große Lokal glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen -davon, daß an den Wänden Sprüche standen, als da sind: -»Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will -euch erquicken.«</p> - -<p>»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit -erlangen.«</p> - -<p>»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das -habt ihr mir gethan.«</p> - -<p>Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die -Hoffnung, daß die Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen -Sprüchen handeln und mich als der »Geringsten einer« mit Rat -und Hülfe unterstützen würden.</p> - -<p>Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden -Kühle, die in dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch -ostentativ hingelegten Bibeln Gebrauch zu machen.</p> - -<p>Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit -in absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer -Pfarrköchin gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener -und frug mich sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.</p> - -<p>»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da -kommen sollte.</p> - -<p>»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.</p> - -<p>»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu -nehmen,« entgegnete sie, vollständig aus der frommen Tonart -fallend und ganz »Dragoner« werdend. Sie hätte mich -jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, wenn ich nicht -endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. -Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, -wagte ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, -für die ich mich allenfalls melden könnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -»Nu nee,« schnurrte sie.</p> - -<p>»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« -wagte ich schüchtern zu bemerken.</p> - -<p>»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein -wollen Sie sagen! Aber jetzt haben wir nur Stellungen für -Dienstmädchen, und auch die bekommen erst die Mädchen, die -hier in Logis sind.«</p> - -<p>Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine -religiöse Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für -Obdach- und Stellenlose,« oder so ähnlich.</p> - -<p>»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können -wir nicht Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen -empfehlen.«</p> - -<p>»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.</p> - -<p>Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse -zweier Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.</p> - -<p>Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische -Mädchen erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr -Pfarrer für »Arme« zu sprechen sei.</p> - -<p>Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu -empfangen; er blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, -rieb sich die fetten Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen -nur ein salbungsvolles »So, so« bereit.</p> - -<p>Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es -ist eine schwere Zeit für <em class="ge">uns Fromme</em> gekommen, wir sollen -Stellungen besorgen und können es doch nicht mit unserem Gewissen -vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir nicht kennen. -Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige -Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr -Sie beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird -auch Sie ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine -Tochter, und sollten Sie wieder eines guten Rates bedürftig -sein, dann kommen Sie getrost zu mir, ich schicke keinen Hülfesuchenden -von meiner Schwelle.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der -die Armen <em class="ge">nicht</em> empfangen will, oder derjenige, der sie <em class="ge">so</em> -empfängt und <em class="ge">unterstützt</em> der größere Pharisäer? –</p> - -<p>Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen -aussehende Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle -Raum, in welchem einige schmutzige Tische und ein paar -wacklige Stühle standen, war von Tabaksqualm erfüllt, daß man -mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum durchdringen konnte. -Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend aussehenden -Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe aß. -Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise -zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. -Als sie ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um -fortzugehen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die -eine am Ärmel und frug: »Wissen Sie nicht, wo man Arbeit -bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie sich wieder hin, -und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir wollen eben -zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«</p> - -<p>»Hefterin«, war meine Antwort.</p> - -<p>Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; -nun hatte ich leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte -ihnen dann das Anerbieten, gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, -worin sie einwilligten. Beide waren seit cirka 14 Tagen stellenlos, -die eine, weil die Fabrik keine Arbeit mehr hatte, die andere, -weil sie krank gewesen war.</p> - -<p>Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur -solche, in denen ich noch nicht gearbeitet hatte.</p> - -<p>In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues -Personal nicht angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement -ging es uns schlechter; wir hatten das Thor der Fabrik -kaum passiert, als ein dicker Portier auf uns zuschoß und uns -anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts nicht, raus, raus!« -Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner livreeartigen -Kleidung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine -meiner Begleiterinnen.</p> - -<p>»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch -schöner, wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. -Macht, daß Ihr fortkommt!«</p> - -<p>Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und -hoffnungslos, ich um eine Erfahrung reicher.</p> - -<p>In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, -daß wir keine Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns -jedoch grob behandelt hätte. Aber wo wir auch hinkamen, hörten -wir die gleiche Klage, es wurden eher Arbeiterinnen entlassen, denn -angenommen.</p> - -<p>Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, -für die sie sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die -sie schon seit einer Woche schuldig geblieben war, und wo man -ihr bereits mit Zurückhaltung ihrer Effekten gedroht hatte. Ich -machte beiden den Vorschlag, uns um Stellungen als Dienstmädchen -zu bewerben; aber da kam ich schön an. Lieber wollten -beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in Tyrannei -begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in -einer geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und -suchte eine mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese -Frau sollte unter der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.</p> - -<p>Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen -Mietskaserne; auf einem Papierstreifen, der an der Zimmerthür -klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. Ich klopfte an; nach -einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte wurde -ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem -wollen Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später -erfahren, daß das die Antwort war, die man geben mußte, um -Eintritt zu der Wahrsagerin – das war sie nämlich – zu erhalten; -durch Zufall hatte ich die Form gewählt.</p> - -<p>Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, -Heiligengebilde hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -ein Christuskopf aus Gips. Weiße Vorhänge, mit zierlichen -roten Schleifen zusammengerafft, blühende Blumen vor den -Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, gaben -dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur -in der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.</p> - -<p>Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die -Thür und holte dann ein Spiel Karten vor.</p> - -<p>»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten -deutend, »ich wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« -Ihr »Ach so« klang merkwürdig verändert, daß ich mir nicht -klar werden konnte, ob es Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken -sollte. Sie sann eine Weile nach und meinte dann:</p> - -<p>»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« -zahlen?«</p> - -<p>Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf -den Tisch. Die »Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst -die zwei Mark zu sich! Nach einer Weile sagte sie freundlichst: -»Ja, mein gutes Kind, ich wüßte schon Arbeit für Sie, aber da -muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie holte Papier heraus -und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten Hieroglyphen -darauf; dann couvertierte und <em class="ge">versiegelte</em> sie den Brief -und übergab ihn mir geheimnisvoll.</p> - -<p>»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in -der S.'schen Fabrik; geben Sie ihm den Brief ab und warten -Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, daß es keiner merkt.«</p> - -<p>Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen -und verschmitzt aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, -und ihm den Brief überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn -nochmals und bemusterte mich dann von Kopf zu Füßen.</p> - -<p>»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der -Frau M., die Stelle sei lila!«</p> - -<p>Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine -Gaunerei bezog, allein ich spielte die freudig Hoffende und ging -nochmals zu meiner »Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -bewirtete sie mich mit einer Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« -und rückte dann, während ich tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten -heraus. <em class="ge">Ich sollte ihr, wenn ich die Stellung erhielt, -den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben -und dem Aufseher den der zweiten Woche.</em> Ich ging -darauf ein und bezahlte ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten -Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark berechnete. Als ich dann -zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles in Ordnung -sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit. -Darnach sollte <em class="ge">ich täglich den großen Fabrikhof kehren, -wofür ich wöchentlich 2 Mark erhalten sollte</em>. Man -denke sich in die Lage eines armen, alleinstehenden und im Orte -vollkommen fremden Mädchens (wofür sie mich hielten), wenn -es in den christlichen Hospizen solche liebevolle Unterstützung -findet, <em class="ge">wo</em> muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden, -wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich -so tief in die Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst -einsieht, daß es auf anständige Art und durch anständigen Erwerb -nicht los kommen kann, <em class="ge">es muß sich prostituieren</em>. –</p> - -<p>An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den -Arbeiterinnen die »Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte -sich gewöhnlich das arbeitscheue Gesindel und die -stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich das Lokal besuchte, -fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen und -zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in -hübschem, hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, -schien ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit -Heißhunger eine Portion elenden, übelriechenden Käse.</p> - -<p>Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener -Banditen-Erscheinung, saß vor einem Glase Schnaps und las -ein sozialdemokratisches Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er -wilde Flüche gegen die Regierung und gegen die Gesetze aus, -stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen Schluck aus seinem -Schnapsglas.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten -Ecke des Raumes, beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. -Sie waren jedenfalls obdachlos und hatten vor dem strömenden -Regen Schutz gesucht in jenem Lokal. Man sah ihnen den -Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das dreißigste Jahr -schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch alte verblühte -Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee -und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt -blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen -hervor, die ich vor mich auf den Tisch legte und sorgenvoll -zählte. »Na«, wandte ich mich dann an die eine, »wissen Sie -vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«</p> - -<p>»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.</p> - -<p>»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch -siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem -Gelde. »Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel -hätten! Uns langts nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«</p> - -<p>»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.</p> - -<p>»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle -habe ich auch nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn -ich mußte jede Nacht zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; -und man muß doch auch etwas essen, wenns auch nur trockenes -Brot ist, das Geld geht doch fort!«</p> - -<p>»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie -keine Arbeit?«</p> - -<p>»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir -wurden entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den -ganzen Tag nach Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, -Arbeit finden wir doch nicht und vom Herumlaufen bekommt -man nur größeren Hunger. Ich hatte eine Aufwartestelle auf -acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, hübschere, da -hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit zu -finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn -man jede Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -kann die Wäsche nicht wechseln und sich kaum waschen, da will -einen schließlich keiner!«</p> - -<p>Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, -nur daß sie noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, -wenn's dann nicht besser wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, -die nehmen einen mit in die Schlafstelle und geben einem noch -zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch nicht den Mut dazu, denn -'s ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, wenn man sich -immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich thut -man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, -dann geht's schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand -und schien sich durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen -zu ihrem schrecklichen Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des -elenden Käses kommen, so leid es mir that, ihnen nichts besseres -geben zu können. Wären sie mißtrauisch geworden, so hätte -die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. Heute vielleicht treiben -sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und spielen die -frechsten, weil sie die hungrigsten sind. –</p> - -<p>Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise -für das »segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für -Obdachlose, die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in -schwarzer Seidenrobe zu erhalten, aber nicht genug, um armen, -verkommenen Stellenlosen einen Teller Suppe zu reichen!</p> - -<p>Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen -ideal schönen Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr -sie an <em class="ge">Eure</em> Wände schreibt?! Werft das Maskengewand von -Euch und malt an Eure Wände: »Hier werden Frömmler und -Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld einbringen.«</p> - -<p>Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des -Liedes der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte -Antlitz der scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische -Frömmigkeit ist gar oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So -kannte ich in Berlin mehrere Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie -stellenlos waren, mit »heiligem« Eifer die Versammlungen der -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Methodisten besuchten, weil die wirklich Frommen sie unterstützten -und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die Mädchen Verdienst gefunden -hatten, ließen sie die braven Methodisten brave Menschen sein.</p> - -<p>Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer -Arbeiterinnen zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und -schnell unter deren Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene -»christlichen Vereine« thun <em class="ge">zu wenig</em>, um sich dem offen gegen sie -arbeitenden Haß auszusetzen, <em class="ge">zu viel</em>, um die Mädchen heranzuziehen.</p> - -<p>Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als -Kinder- oder Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, -ehe sie der Verzweiflung in die Arme fällt. Die stellenlose -Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht bald wieder Beschäftigung, -rettungslos verloren, mag es so oder so kommen. Ihr ist die -Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu bekleiden, -selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will – sie kann es -nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt -worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere -Arbeiten nicht bekümmert und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern -können – sehe sie nun, wie sie durchkommt. Ob sie -sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, sie fällt der Polizei eines -Tages doch in die Hände, die sie, das arbeitslose, aber <em class="ge">anständige</em> -Mädchen, so gern übersah.</p> - -<p>Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art -der Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu -Fabrik zu gehen und um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das -im Elternhause lebt, kann diese Art der unfreiwilligen Spaziergänge -schon eine Zeitlang aushalten, es findet immer wieder -Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die alleinstehenden -Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen: -<em class="ge">moralischer Tod</em> oder <em class="ge">leiblicher Tod</em>!</p> - -<p>Und es wird so bald nicht anders werden! So lange -die Männer die Frauen unterdrücken, so lange männliches -Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht und das Recht hat, die -Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen nicht passen, -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen Schutz -findet – so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe -und Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, -hier gilt nur energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen <em class="ge">aller</em> -Frauen gegen die Gesetze, die das Weib in seiner geistigen und -moralischen Freiheit unterdrücken und zu einem hülflosen und -haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt zu gewähren. -Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen in -Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende -Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend -der Prostitution in die Arme läuft!</p> - -<p>An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, -an alle edel denkenden und edel handelnden Frauen, an alle -Mütter und Töchter geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in -Sitte und Wohlhabenheit leben können! Vor allem aber <em class="ge">an alle -die tausend und tausend Frauen, die ihr Leben auf der -Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, Gesellschaften, -Bällen und Konzerten verbringen, an -jene weiblichen »Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen -unseres Geschlechtes</em>, an sie wende ich mich mit -dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, reißt -Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus -der ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, -steigt hinab in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht -Euch um, wie es dort steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch -noch erkennen, daß Euere jetzige Existenz schmachvoll ist, daß Ihr -nicht über den Haremsfrauen steht und daß die Gesetze Eueres -Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten im geistigen Elend -und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß das Ehrgefühl, daß -der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr zusammentretet, -um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt -sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen -nicht mehr hinauf-, sondern herabsehen kann! –</p> - - - - -<h2><span class="fssub"><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Fünfzehntes Kapitel.</span><br /> - -Verschiedenes.</h2> - - -<p>Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, -die ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese -Betrachtungen als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand -die nachfolgend beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie -aber nur dem Zufall zu.</p> - -<p>Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich -nicht dem Zufall zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung -in der Arbeit betrachte, ist die enorm <em class="ge">häufig -auftretende Kurzsichtigkeit der Mädchen</em>. Speziell unter -den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine große Zahl -der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt habe, -sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem -Übel in den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender -Beleuchtung die feinen Nadeln einzufädeln haben und -wo die Augen, durch die unruhig blendende Farbe der Strümpfe, -fortwährend zu Thränen gereizt werden.</p> - -<p>Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen -und Hinkenden vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies -auf; so manche der hübschen Mädchen haben eine gebrochene -Hüfte, die wenigsten tragen an einem angeborenen Leiden. Ich -führe dies darauf zurück, daß die meisten Mütter jener Mädchen -arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht beaufsichtigen -konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle die -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, bestätigten -mir meine Vermutungen.</p> - -<p>Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen -und Verletzungen trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, -die an den Formen arbeiten. Wie ich in einem Kapitel -schon erwähnte, werden die Strümpfe über Holzformen gezogen, -gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft stemmen muß. <em class="ge">Die -Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende Fehlgeburten.</em> -Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, -daß sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe -jene Arbeit acceptieren, »um alles los zu werden«.</p> - -<p>Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten -Mädchen hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen -normal aussieht, wird zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß -das Hülfe schaffen wird. Ich befürchte eher, daß viele der -Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste so lange als möglich -zu verbergen trachten werden und das Unglück auf diese Weise -noch verschlimmern. –</p> - -<p><em class="ge">Leider</em> sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich -sage »leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster -vertreiben würde, das <em class="ge">des Essens von Kaffeebohnen</em>.</p> - -<p>Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man -erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit -weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde -Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen -willen. Solche Koffeïnsüchtigen verbrauchen ihren halben -Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten -Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner -Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter -Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte -sich nach »neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen -retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und -Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren -Sachen, sie gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. -So manche hatte einen ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei -Stoff ausgebesserte Taille an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen -zur Fabrik zu kommen. Man sollte glauben, daß diese Liebe -zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit zeitigt; allein damit -ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht von weit her. Sie -kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den heißen -Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des -Luxus zu sein, ja, <em class="ge">sogar eine Dummheit</em>! So sagte mir -einmal die eine: »Ich bade vom September bis zum nächsten -Juni nicht mehr!«</p> - -<p>Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal -arbeitenden Menschen. Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, -die in einer Atmosphäre des Staubes und Schmutzes -leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen Kammern schlafen! -So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch Unreinlichkeit!</p> - -<p>In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am -Platze sein, die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal -wöchentlich zum Bade schicken, was die Mädchen vielleicht im -Anfang mit Widerstreben, sehr bald aber mit Freuden thun -würden. –</p> - -<p>Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden -Kapitel gegebenes Versprechen erfüllen, und jenem -»liebenswürdigen« Buchhalter ein Gedenkblatt sichern. Wie -ich schon mitteilte, habe ich ihm seine »Freundlichkeit« reichlich -vergolten.</p> - -<p>Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik -verlassen, mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst -gearbeitet hätte. Als ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, -empfing mich jener Buchhalter, der Prokura für die Firma -besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm meine -Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -wurde blutrot und bald bleich – und verschwand plötzlich, ohne -nochmals zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe -getroffen, wie er sie wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß -diese eine Lehre meinen Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« -Arbeiterinnen, die er mit seiner Huld wird beglücken wollen, zum -Segen gereichen wird, denn ich bin der Überzeugung, daß er -auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte Kinder -scheuen das Feuer!«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Schlußbetrachtungen.</h2> - - -<p>Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man – -wenn man irgend einen Funken göttlicher Nächstenliebe in der -Brust trägt – ersehen, daß die Zustände unter der weiblichen -Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur mit derjenigen Sachsens -dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und Abhülfe dringend -Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille Seufzer, -durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen -geweinter Thränen herbeigeführt!</p> - -<p>Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile -in erbittertem Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte -alle europäischen Staaten! <em class="ge">Soll Befreiung weißer weiblicher -Sklaven möglich sein, so muß der Kampf die -Frauen aller Weltteile erfassen</em>; das weibliche Geschlecht -muß einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit -kämpfend und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. -Die Frauen sollen nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen -fordern, kämpfen!</p> - -<p>Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender -Frauen, die in Wort und That eintreten für ihre unglücklichen -Mitschwestern, die deren Erniedrigung und deren Elend zu lindern -suchen! Aber was könnten jene thun im Gegensatz zu der ungeheuren -Zahl <em class="ge">der</em> Frauen, die dahin vegetieren, murrend und -knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um -sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend -eintritt für ein anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein -schmachvolles Los trägt? <em class="ge">An den Frauen ist es, die Initiative -zu ergreifen</em>, an denjenigen, die der Sonnenschein -des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an -ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!</p> - -<p>Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht -und die Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung -auf den Höhepunkt gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt -es, die Unzufriedenheit zeitigt die krassesten Auswüchse – der -Tag der Frauenrebellion wird kommen! Er wird kommen und -er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als Ausgeburt überreizter -Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er dem -Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! -Dann werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, -wie sie uns die französische Revolution brachte! Dann wird -unser Geschlecht nicht gehoben, sondern korrumpiert werden! –</p> - -<p>Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit -allen Mitteln, die Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung -unseres Geschlechtes mit vollen Kräften, denn wollt Ihr den -Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht scheuen!</p> - -<p>Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise -zu tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, -um Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, -als Strümpfe für Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden -Körper kann ein gesunder Geist, kann Arbeitslust und Energie -wohnen, und zur Gesundheit bedarf es guter Nahrung, vernünftiger -Lebensweise und der Reinlichkeit!</p> - -<p>Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, -die da wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld -genug erübrigen, um nach der Mode gekleidet zu gehen!</p> - -<p>Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und -vergesset bei all Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -und Launen reformieren sollt, sondern aus selbstloser Nächstenliebe, -die nicht ruht und nicht rastet, wenn sie Unglücklichen helfen kann!</p> - -<p>Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten -Frauen, die vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und -Weibeswürde, folgt langsam aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. -Wer einmal erwacht ist aus dem Winterschlafe der -Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches Wohlergehen -Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde -gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die -Ueberzeugung fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, -und daß der Sieg uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht -Segen bringen soll!</p> - - -<p class="ce mt2 fss">Druck von <em class="ge">H. Ginzel</em>, <em class="ge">Berlin</em> <i>W.</i>, Yorkstraße 43.</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<div class="mw36"> -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" – "Mietzins, -"Roheit" – "Rohheit", "Überzeugung" – "Ueberzeugung", -jedoch mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_013">13</a>:<br /> -im Original "was uns gerade erreichbar war"<br /> -geändert in "was uns gerade erreichbar war."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_013">13</a>:<br /> -im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"<br /> -geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_044">44</a>:<br /> -im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"<br /> -geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_050">50</a>:<br /> -im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"<br /> -geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_066">66</a>:<br /> -im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"<br /> -geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_068">68</a>:<br /> -im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"<br /> -geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_097">97</a>:<br /> -im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"<br /> -geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer"</p> -</div> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. 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Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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